Geschichte von England (continued 2)
Wilhelm Beseler translation
In Bridport aber sammelte sich eine Streitmacht, um den Insurgenten Widerstand zu leisten. Am 13. Juni rückte das rothe Regiment der Miliz von Dorsetshire in jene Stadt ein, und das Regiment von Somersetshire oder das gelbe Regiment, dessen Oberst, Sir Wilhelm Portman, ein angesehener Tory war, wurde am folgenden Tage erwartet47. Der Herzog beschloß, sofort loszuschlagen. Schon rüstete sich eine Abtheilung seiner Truppen zum Aufbruch nach Bridport, da brachte ein unglücklicher Vorfall das ganze Lager in Verwirrung.
Fletcher von Saltoun war zum Befehlshaber der Reiterei unter Grey ernannt worden. Er war schlecht beritten, wie sich überhaupt wenige Pferde im Lager befanden, die nicht vom Pfluge genommen waren. Als er nach Bridport commandirt wurde, glaubte er, daß der Drang der Umstände ihn berechtige, ein Dare gehörendes schönes Pferd zu leihen, ohne erst deshalb um Erlaubniß zu fragen. Dare war entrüstet über diese Eigenmächtigkeit und überhäufte Fletcher mit groben Beleidigungen. Fletcher blieb ruhiger als Jeder, der ihn kannte, es erwartet hätte. Endlich aber wagte es Dare, auf die Geduld, mit der seine Unziemlichkeiten hingenommen wurden, pochend, gegen den hochadeligen und stolzen Schotten die Reitgerte zu erheben. Dies brachte Fletcher’s Blut zum Sieden. Er zog ein Pistol hervor und schoß Dare nieder. Eine so summarische und gewaltthätige Rache würde in Schottland nicht aufgefallen sein, wo das Gesetz von jeher schwach gewesen war, wo Derjenige, der sich nicht mit eigner Faust Recht verschaffte, wenig Aussicht hatte, überhaupt Recht zu bekommen, und wo daher ein Menschenleben fast eben so wohlfeil war, als in den am schlechtesten regierten Provinzen Italiens. Im südlichen Theile der Insel aber war das Volk noch nicht gewohnt, um eines harten Wortes oder einer heftigen Geberde willen tödtliche Waffen gebrauchen und Blut vergießen zu sehen, außer im Zweikampf unter Gentlemen mit gleichen Waffen. So erhob sich denn ein allgemeines Geschrei nach Rache gegen den Fremden, der einen Engländer ermordet habe, Monmouth konnte sich dem Verlangen nicht widersetzen und Fletcher, der, nachdem der erste Ausbruch seines Zornes sich gelegt hatte, von Reue und Angst ergriffen wurde, flüchtete sich auf den „Helderenbergh“, entkam glücklich auf das Festland und begab sich nach Ungarn, wo er tapfer gegen den gemeinsamen Feind der Christenheit focht48.
Zusammenstoß der Rebellen mit der Miliz in Bridport. Bei der Lage der Insurgenten war der Verlust eines Mannes von Talent und Energie nicht leicht zu ersetzen. Am frühen Morgen des folgenden Tages, dem 14. Juni, brach Grey in Begleitung Wade’s mit fünfhundert Mann auf, um Bridport anzugreifen. Es fand ein verworrenes und unentschieden bleibendes Gefecht statt, wie es zwischen zwei Haufen von Bauern, die von Landedelleuten und Advokaten befehligt wurden, nicht anders zu erwarten war. Eine Zeit lang drängten Monmouth’s Leute die Miliz zurück; dann aber hielt diese wieder Stand und erstere ergriffen in ziemlicher Verwirrung die Flucht. Grey und seine Reiter hielten nicht eher an, als bis sie in Lyme wieder in Sicherheit waren; Wade dagegen sammelte das Fußvolk und führte es in guter Ordnung zurück49.
Alles murrte laut gegen Grey, und einige von den Abenteurern drangen in Monmouth, ein strenges Exempel zu statuiren. Monmouth aber wollte davon nichts hören. Einige Schriftsteller haben diese Nachsicht seiner Gutmüthigkeit zugeschrieben, die allerdings oft an Schwäche grenzte; andere vermuthen, daß er nicht hart gegen den einzigen Peer verfahren wollte, der in seiner Armee diente. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der Herzog, der zwar kein ausgezeichneter General war, aber doch jedenfalls vom Kriege viel mehr verstand als die Priester und Advokaten, die ihm ihren Rath aufdringen wollten, Rücksichten nahm, an welche Leute, die in militairischen Angelegenheiten durchaus unerfahren sind, allerdings nie gedacht hätten. Um einem Manne, der wenig Vertheidiger gehabt hat, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß bemerkt werden, daß die Lord Grey während des ganzen Feldzugs zugetheilte Aufgabe von der Art war, daß er sie, selbst wenn er der kühnste und geschickteste Soldat gewesen wäre, kaum in einer Weise hätte lösen können, die ihm zum Ruhme gereichte. Er stand an der Spitze der Reiterei; es ist aber eine allbekannte Sache, daß ein Kavalerist viel längerer Übung bedarf als ein Fußsoldat, und daß ein Kavaleriepferd eine noch viel längere Schule braucht als sein Reiter. Mit einer ungeübten Infanterie, wenn sie von Begeisterung und physischem Muthe beseelt ist, kann allenfalls etwas ausgerichtet werden; aber es kann nichts Unbeholfeneres geben als eine aus Landwirthen und Handelsleuten auf Karrengäulen und Postpferden bestehende ungeübte Reiterei; und von solcher Art war die, welche Grey befehligte. Nicht darüber muß man sich wundern, daß diese Leute im Feuer nicht entschlossen Stand hielten und daß sie nicht tüchtig von ihren Waffen Gebrauch machten, sondern darüber, daß sie sich überhaupt nur im Sattel zu erhalten vermochten.
Noch immer langten Rekruten zu Hunderten an, den ganzen Tag wurde bewaffnet und einexercirt. Inzwischen hatte sich die Nachricht von dem Aufstande rasch und weit verbreitet. Noch denselben Abend, an welchem der Herzog gelandet war, schickte der Mayor von Lyme, Gregor Alford, ein eifriger Tory und ungemein heftiger Verfolger der Nonconformisten, seine Diener aus, um die Gentry von Somersetshire und Dorsetshire zu alarmiren, während er selbst zu Pferde nach dem Westen eilte. Spät in der Nacht hielt er in Honiton an und schickte von dort einige flüchtig hingeworfene Zeilen mit der schlimmen Botschaft nach London50. Dann eilte er weiter nach Exeter, wo er Christoph Monk, Herzog von Albemarle fand. Dieser Edelmann, der Sohn und Erbe Georg Monk’s, des Wiederherstellers der Stuarts, war Lordlieutenant von Devonshire und hielt damals gerade Musterung über die Miliz. Er hatte zur Zeit viertausend Mann zu seiner Verfügung, und mit dieser Streitmacht glaubte er den Aufstand mit einem Schlage unterdrücken zu können. Er marschirte deshalb nach Lyme.
Gefecht zwischen den Rebellen und der Miliz bei Axminster. Als er aber am Montag Nachmittag den 15. Juni Axminster erreichte, fand er die Insurgenten schlagfertig aufgestellt, um ihn zu empfangen. Sie zeigten ihm eine sehr achtunggebietende Fronte; vier Feldstücke waren gegen die königlichen Truppen gerichtet und die dichten Hecken, welche zu beiden Seiten die enge Straße beschatteten, waren mit Musketieren besetzt. Die Vorkehrungen des Feindes beunruhigten jedoch Albemarle weniger als der Geist, der sich in seinen eigenen Reihen zu äußern begann. Monmouth war bei dem gemeinen Volke von Devonshire so beliebt, daß die ganze Miliz wahrscheinlich in Masse zu ihm überging, sobald sie Monmouth’s wohlbekanntes Gesicht und seine Gestalt erblickte.
Albemarle hielt es daher trotz seiner großen Übermacht an Streitkräften für rathsam, sich zurückzuziehen. Der Rückzug verwandelte sich bald in wilde Flucht. Die ganze Gegend war mit den Waffen und Uniformstücken besäet, welche die Fliehenden weggeworfen hatten, und hätte Monmouth die Verfolgung mit Nachdruck betrieben, so würde er Exeter wahrscheinlich ohne Schwertstreich genommen haben. Aber er war mit dem errungenen Vorteile zufrieden und hielt es für wünschenswerth, seine Rekruten erst besser einzuüben, bevor er sie zu gewagten Unternehmungen verwendete. Er marschirte daher nach Taunton, wo er am 18. Juni, gerade eine Woche nach seiner Landung eintraf51.
Die Nachricht von dem Aufstande kommt nach London. Der Hof und das Parlament waren über die Nachrichten aus dem Westen nicht wenig erschrocken. Am Sonnabend den 13. Juni um fünf Uhr Morgens hatte der König den Brief erhalten, den der Mayor von Lyme von Honiton an ihn abgesandt. Der Geheime Rath wurde augenblicklich zusammenberufen; es wurden Befehle gegeben, daß die Infanterieregimenter und die Reiterschwadronen verstärkt werden sollten, und Commissionen zur Aushebung neuer Mannschaften ernannt.
Loyalität des Parlaments. Alford’s Bericht ward den Lords vorgelegt und der wesentliche Inhalt desselben den Gemeinen mitgetheilt. Diese untersuchten die aus dem Westen angelangten Nachrichten und brachten sogleich eine Bill ein, weiche Monmouth wegen Hochverraths verurtheilte. Adressen wurden votirt, die den König versicherten, daß seine Peers sowohl wie auch sein Volk entschlossen seien, ihm mit Gut und Blut gegen seine Feinde beizustehen. In ihrer nächsten Sitzung verfügten die beiden Häuser, daß die Erklärung der Rebellen durch den Henker verbrannt werden solle, und ließen die Verurtheilungsbill in allen Stadien durchgehen. Die Bill erhielt noch denselben Tag die königliche Genehmigung und auf Monmouth’s Ergreifung wurde eine Belohnung von fünftausend Pfund gesetzt52.
Die Thatsache, daß Monmouth gegen die Regierung unter Waffen stand, war so unbestreitbar, daß die Verurtheilungsbill gegen den schwachen Widerstand von nur einigen wenigen Peers zum Gesetz erhoben ward und selbst von whiggistischen Geschichtschreibern nur selten streng getadelt worden ist. Wenn wir indessen erwägen, wie wichtig es ist, daß gesetzgeberische und richterliche Functionen getrennt bleiben, wie wichtig es ferner ist, daß ein bloßes Gerücht, so stark und allgemein es auch sein mag, nicht als gesetzlicher Schuldbeweis angenommen werde, wie wichtig es endlich ist, die Regel festzuhalten, daß Niemand zum Tode verurtheilt werden darf, ohne ihm Gelegenheit zu seiner Vertheidigung gegeben zu haben, und wie leicht und schnell einmal begangene Verletzungen großer Grundsätze weiter ausgedehnt werden, so dürften wir wohl zu der Ansicht geneigt sein, daß sich gegen das vom Parlament beobachtete Verfahren einige Einwendungen machen ließen. Keinem der beiden Häuser lag das Mindeste vor, was selbst ein so gewissenloser Richter wie Jeffreys einer Jury als Beweis für Monmouth’s Schuld hätte darstellen können. Die von den Gemeinen verhörten Boten waren nicht vereidigt und ihre Mittheilungen konnten daher rein aus der Luft gegriffen sein, ohne daß sie deshalb wegen Meineids hätten bestraft werden können. Die Lords, welche, als Gerichtshof, einen Eid hätten abnehmen können, examinirten keinen Zeugen und hatten keinen andren Beweis vor sich, als den Brief des Mayors von Lyme, der in den Augen des Gesetzes gar kein Beweis war. Die äußerste Gefahr rechtfertigt allerdings zuweilen äußerste Mittel, aber die Verurtheilungsacte war ein Mittel, das erst in Wirksamkeit gesetzt werden konnte, wenn jede Gefahr vorüber war, und das daher von dem Augenblicke an, wo es aufhörte, wirkungslos zu sein, ganz überflüssig wurde. So lange Monmouth unter Waffen stand, war es unmöglich, ihn hinzurichten, und wurde er besiegt und gefangen genommen, so hatte es weder Gefahr noch Schwierigkeit, ihn vor Gericht zu stellen. Später hat man es als einen merkwürdigen Umstand hervorgehoben, daß sich unter den eifrigen Tories, welche die Bill aus dem Hause der Gemeinen vor die Schranken der Lords brachten, Sir Johann Fenwick, Abgeordneter für Northumberland, befand53. Dieser Herr hatte einige Jahre nachher Gelegenheit, über die Sache nachzudenken, und er kam zu dem Schlusse, daß Verurtheilungsbills durchaus nicht zu rechtfertigen seien.
Das Parlament gab in dieser Stunde der Gefahr noch andere Beweise von Loyalität. Die Gemeinen ermächtigten den König, zur Bestreitung augenblicklicher Bedürfnisse eine außerordentliche Summe von vierhunderttausend Pfund zu erheben, und damit er das Geld ohne Schwierigkeit bekomme, sannen sie auf neue Steuern. Der Plan, die in der Hauptstadt unlängst neuerbauten Häuser zu besteuern, wurde wieder aufgenommen und von den Landgentlemen eifrig unterstützt. Es wurde nicht allein beschlossen, daß diese Häuser besteuert werden sollten, sondern auch, daß eine Bill eingebracht werden sollte, die jede neue Grundsteinlegung innerhalb des Stadtgebiets von London verbot. Der Beschluß kam jedoch nicht zur Ausführung. Einflußreiche Männer, welche in den Vorstädten Grund und Boden besaßen und hofften, daß sich auf ihren Gütern neue Straßen und Plätze erheben würden, boten Alles auf, um diesen Plan zu vereiteln. Man sah ein, daß es viel Zeit erfordern würde, um die Einzelnheiten eines solchen Gesetzes zu reguliren, und die Bedürfnisse des Königs waren so dringend, daß man es für nöthig erachtete, die Verhandlungen des Hauses durch eine höfliche Ermahnung zur Eil zu beschleunigen. Die Idee der Häuserbesteuerung wurde daher aufgegeben und dagegen für die nächsten fünf Jahre neue Zölle auf ausländische Seidenstoffe, Leinenwaaren und geistige Getränke gelegt54.
Die im Unterhause sitzenden Tories schritten nun zur Einbringung einer sogenannten Bill zur Sicherung der Person und der Regierung des Königs. Sie schlugen vor, es solle für Hochverrath erklärt werden, wenn Jemand sagte, Monmouth sei legitim, oder Worte äußerte, welche darauf abzielten, die Person oder die Regierung des Souverains verhaßt oder verächtlich zu machen, oder wenn Jemand im Parlament einen Antrag auf Abänderung der Thronfolgeordnung stellte. Einige von diesen Bestimmungen erregte allgemeinen Unwillen und Abscheu. Die Whigs versuchten es trotz ihrer geringen Zahl und ihrer Schwäche, sich zu verbinden, und sie wurden durch eine bedeutende Anzahl gemäßigter und einsichtsvoller Kavaliere verstärkt. Worte, sagte man, könnten leicht von rechtschaffenen Männern mißverstanden, von Schurken aber falsch ausgelegt werden; bildliche Ausdrücke könnten wörtlich genommen und scherzhafte Äußerungen als ernstlich gemeint dargestellt werden. Eine Partikel, ein Tempus, ein Modus, die Betonung könne den ganzen Unterschied zwischen Schuld und Unschuld begründen. Sei ja der Erlöser selbst, in dessen reinem Lebenswandel die Böswilligkeit keinen Anhalt zu irgend einer Beschuldigung finden konnte, wegen gesprochener Worte in Untersuchung gezogen worden. Falsche Zeugen hätten eine Sylbe weggelassen, durch welche klar bewiesen worden wäre, daß jene Worte bildlich gemeint waren, und hätten so dem Sanhedrin einen Vorwand geliefert, unter welchem der schändlichste aller Justizmorde verübt worden sei. Wer könne, mit einem solchen Beispiele vor Augen, behaupten, daß wenn bloße Reden schon eine Anklage auf Hochverrath begründeten, der loyalste Unterthan sicher sei? Diese Argumente machten einen so großen Eindruck, daß im Ausschusse Verbesserungsanträge gestellt wurden, welche die Härte der Bill bedeutend milderten; die Klausel aber, welche es für Hochverrath erklärte, wenn ein Mitglied des Parlaments die Ausschließung eines Prinzen von Geblüt vom Throne beantragte, scheint keine Debatte hervorgerufen zu haben und wurde angenommen. Sie hatte jedoch nur insofern eine Bedeutung, als sie ein Beweis für die Unwissenheit und Unerfahrenheit der heißblütigen Royalisten war, welche das Unterhaus füllten. Hätten sie nur die ersten Anfangsgründe der Gesetzgebung gekannt, so würden sie eingesehen haben, daß die Bestimmung, auf die sie so großes Gewicht legten, überflüssig sein mußte, so lange das Parlament geneigt war, die Thronfolgeordnung aufrechtzuerhalten, und daß sie widerrufen werden würde, sobald ein Parlament die Absicht hatte, dieselbe abzuändern55.
Die Bill ging in ihrer verbesserten Fassung durch und wurde den Lords überreicht, aber nicht zum Gesetz erhoben. Der König hatte vom Parlament eine Geldunterstützung erlangt, wie er sie nur erwarten konnte, und er sah ein, daß, so lange der Aufstand wüthete, die loyalen Mitglieder des Adels und der Gentry in ihren Grafschaften mehr nützen könnten, als in Westminster. Er drängte daher ihre Verhandlungen zu einem baldigen Schlusse und entließ sie am 3. Juli. An dem nämlichen Tage erhielt ein Gesetz, welches die mit dem Jahre 1679 erloschene Censur wieder einführte, die königliche Genehmigung. Dieser Gegenstand wurde mit wenigen Worten am Ende eines gemischten Gesetzes abgethan, welches verschiedene erlöschende Gesetze verlängerte. Die Anhänger des Hofes dachten nicht daran, daß sie einen Sieg errungen hätten und die Whigs äußerten durchaus keine Unzufriedenheit. Weder bei den Lords noch bei den Gemeinen kam es zu einer Abstimmung, ja, soweit man es jetzt noch ersehen kann, nicht einmal zu einer Debatte über eine Frage, welche in unsrer Zeit das ganze Gebäude der Gesellschaft erschüttern würde. Die Veränderung war auch in der That unbedeutend und kaum bemerkbar, denn seit der Entdeckung des Ryehousecomplots hatte die Freiheit, ohne Censur drucken zu dürfen, nur dem Namen nach bestanden. Seit vielen Monaten war kaum eine gegen den Hof gerichtete Flugschrift anders als heimlich gedruckt worden, und heimlich konnten solche Flugschriften nach wie vor herausgegeben werden56.
Die Häuser schlossen nun ihre Sitzungen; sie wurden nicht prorogirt, sondern nur vertagt, damit sie bei ihrem nächsten Zusammentritt die Geschäfte genau in dem Stande wieder aufnehmen könnten, wie sie dieselben verlassen hatten57.
Monmouth’s Empfang in Taunton. Während das Parlament auf strenge Gesetze gegen Monmouth und seine Anhänger sann, fand er in Taunton eine Aufnahme, die ihn wohl zu der Hoffnung berechtigen konnten, daß sein Unternehmen gelingen werde. Taunton war wie viele andere Städte im südlichen England damals viel bedeutender als gegenwärtig. Diese Städte sind zwar nicht kleiner und ärmer geworden, im Gegentheil, sie sind mit wenigen Ausnahmen jetzt größer und reicher, besser gebaut und besser bevölkert als im siebzehnten Jahrhundert. Aber trotz dieser positiven Fortschritte haben sie doch relativ an Bedeutung verloren. Sie sind von den Fabrik- und Handelsstädten im Norden, welche zu den Zeiten der Stuarts kaum erst anfingen, als Sitze des Gewerbfleißes bekannt zu werden, in Reichthum und Volkszahl weit überflügelt worden. Als Monmouth in Taunton einzog, war diese Stadt ein ungemein blühender Ort; seine Märkte waren mit Allem reichlich versorgt und seine Wollenmanufactur weit und breit berühmt. Die Bevölkerung rühmte sich, in einem Lande zu leben, wo Milch und Honig flössen, und diese Sprache führten nicht nur die parteiischen Eingebornen, sondern auch jeder Fremde, der den schönen Thurm von St. Maria Magdalena bestieg, gestand es zu, daß er zu seinen Füßen das fruchtbarste Thal Englands erblicke. Die Umgegend war reich an Obstgärten und grünen Wiesen, zwischen denen in lieblicher Fülle und Abwechselung Edelhöfe, Hütten und Dorfkirchen zerstreut lagen. Die Einwohner der Stadt waren schon seit langer Zeit für die presbyterianische Gottesverehrung und die Whigpolitik eingenommen; in dem großen Bürgerkriege hatte Taunton durch alle Wechselfälle fest zum Parlament gehalten, war zweimal von Goring hart belagert und zweimal durch Robert Blake, den nachmaligen berühmten Admiral der Republik, mit heldenmüthiger Tapferkeit vertheidigt worden. Ganze Straßen wurden durch die Bomben und Granaten der Kavaliere in Brand geschossen; der Mangel an Lebensmitteln wurde so groß, daß der entschlossene Commandant schon die Absicht angekündigt hatte, die Besatzung auf Pferdefleischrationen zu setzen; aber weder Feuer noch Hunger hatten den Muth der Stadt brechen können58.
Die Restauration hatte in den Gesinnungen der Bewohner von Taunton nichts geändert. Sie hatten nach wie vor das Jahresfest des glücklichen Tages gefeiert, an welchem die königlichen Truppen ihre Belagerung aufgehoben, und ihre starre Anhänglichkeit an die alte Sache hatte in Whitehall so große Besorgniß und so heftigen Groll erregt, daß auf königlichen Befehl ihr Wallgraben ausgefüllt und die Wälle bis auf den Grund zerstört worden waren59. Der puritanische Geist war bei ihnen durch die Lehre und das Beispiel eines der berühmtesten Dissentergeistlichen, Joseph Alleine’s, in seiner ungeschwächten Kraft erhalten worden. Alleine war der Verfasser eines Tractats, betitelt: An Alarm to the Unconverted, das noch jetzt in England wie in Amerika populär ist. Aus dem Kerker, in den er von den siegreichen Kavalieren geworfen wurde, schrieb er an seine lieben Freunde in Taunton viele Briefe, welche den Geist einer wahrhaft heldenmüthigen Frömmigkeit athmeten. Sein Leib welkte unter dem Einflusse der Studien, Anstrengungen und Verfolgungen bald dahin; sein Andenken aber ward von Denen, die er ermahnt und unterrichtet hatte, noch lange mit außerordentlicher Liebe und Verehrung bewahrt60.
Die Kinder der Männer, welche vierzig Jahre früher auf den Wällen von Taunton gegen die Royalisten gekämpft hatten, bewillkommneten jetzt Monmouth mit lauten Ausbrüchen der Freude und Zuneigung. Jede Thür und jedes Fenster war mit Girlanden bekränzt. Niemand zeigte sich auf den Straßen, ohne einen grünen Zweig, als Zeichen der Volkssache, am Hute. Die Töchter der angesehensten Familien verfertigten Fahnen für die Insurgenten. Von diesen Fahnen war besonders eine mit den Zeichen der königlichen Würde prächtig gestickt und wurde Monmouth durch einen Zug junger Mädchen überreicht. Er nahm das Geschenk mit der ihm eigenen liebenswürdigen Artigkeit an. Die Dame, welche den Zug anführte, beschenkte ihn außerdem noch mit einer kostbaren kleinen Bibel, die er mit einem Zeichen von Ehrfurcht in Empfang nahm. „Ich komme,“ sagte er, „um die in diesem Buche enthaltenen Wahrheiten zu vertheidigen und sie, wenn es sein muß, mit meinem Blute zu besiegeln61.“
Aber während Monmouth sich des Beifalls der Menge erfreute, mußte er mit Schmerz und Besorgniß bemerken, daß die höheren Klassen fast ohne Ausnahme seiner Unternehmung feindlich gesinnt waren und daß nur in den Grafschaften, wo er sich persönlich gezeigt hatte, ein Aufstand erfolgt war. Es war ihm von Agenten, welche ihre Angaben von Wildman erhalten zu haben behaupteten, versichert worden, daß der ganze whiggistische Adel von Kampflust erfüllt sei. Gleichwohl waren bereits über acht Tage verstrichen, seitdem die blaue Fahne in Lyme aufgepflanzt worden war. Tagelöhner, kleine Landwirthe, Krämer, Lehrlinge und Dissenterprediger waren dem Lager der Rebellen zugeströmt, aber nicht ein einziger Peer, Baronet oder Ritter, nicht ein einziges Mitglied des Unterhauses, und kaum hin und wieder ein Squire, der sich eines hinreichenden Ansehens erfreute, um einmal Friedensrichter gewesen zu sein. Ferguson, der seit dem Tode Karl’s von jeher Monmouth’s böser Geist gewesen war, hatte eine Erklärung dieses Umstandes bereit: der Herzog hatte sich durch Ablehnung des Königstitels in eine falsche Stellung versetzt. Hätte er sich selbst zum König von England erklärt, so würde seine Sache einen Anschein von Gesetzlichkeit gehabt haben. Jetzt aber sei es unmöglich, sein Manifest mit den Grundsätzen der Verfassung in Einklang zu bringen. Es sei klar, daß entweder Monmouth oder sein Oheim der rechtmäßige König war. Monmouth wagte es nicht, als rechtmäßiger König aufzutreten, und doch leugnete er, daß sein Oheim es sei. Diejenigen, welche für Jakob kämpften, kämpften für die einzige Person, die es wagte, den Thron für sich in Anspruch zu nehmen, und thaten daher, den Gesetzen des Reiches gemäß, offenbar ihre Pflicht; Diejenigen aber, welche für Monmouth kämpften, kämpften für eine unbekannte Verfassung, welche durch eine noch nicht vorhandene Convention erst entworfen werden sollte. Es sei also kein Wunder, daß Männer von hohem Range und großem Vermögen sich von einem Unternehmen fern hielten, welches dem ganzen System, an dessen Fortbestehen sie das größte Interesse hatten, den Untergang drohte. Beriefe sich der Herzog auf seine Legitimität und nähme er die Krone an, so würde er diesen Einwurf mit einem Male entkräften; die Frage würde dann aufhören, eine Frage zwischen der alten und einer neuen Verfassung zu sein, sie würde nur eine Erbrechtsfrage zwischen zwei Prinzen werden.
Monmouth nimmt den Königstitel an. Mit solchen Gründen war Ferguson fast unmittelbar nach der Landung ernstlich in den Herzog gedrungen, sich zum Könige zu proklamiren, und Grey war derselben Meinung. Monmouth war auch sehr geneigt, diesen Rath zu befolgen; aber Wade und andere Republikaner hatten sich widersetzt und ihr Oberhaupt hatte mit gewohnter Fügsamkeit ihren Gründen nachgegeben. In Taunton kam die Sache auf’s Neue in Anregung; Monmouth sprach privatim mit den Andersdenkenden, versicherte sie, daß er keinen andren Weg sehe, um die Unterstützung eines Theils der Aristokratie zu gewinnen, und es gelang ihm, ihre mit Widerstreben ertheilte Zustimmung zu erpressen. So wurde er denn am Morgen des 20. Juni auf dem Marktplatze von Taunton zum König ausgerufen, und seine Anhänger wiederholten seinen neuen Titel mit theilnehmender Freude. Da indessen leicht eine Verwirrung hätte entstehen können, wenn er König Jakob II. genannt worden wäre, so bedienten sie sich gewöhnlich der sonderbaren Bezeichnung „König Monmouth“, und so wurde ihr unglücklicher Liebling in den westlichen Grafschaften oft noch zu einer Zeit genannt, deren sich jetzt lebende Personen noch erinnern können62.
In den nächsten vierundzwanzig Stunden nach erfolgter Annahme des Königstitels erließ er mehrere Proklamationen, die seinen eigenhändigen Namenszug an der Spitze trugen. In einer derselben setzte er einen Preis auf den Kopf seines Nebenbuhlers. In einer andren erklärte er das zur Zeit in Westminster tagende Parlament für eine ungesetzliche Versammlung und befahl den Mitgliedern, auseinanderzugehen. Eine dritte verbot dem Volke, dem Thronräuber Abgaben zu bezahlen. Eine vierte erklärte Albemarle für einen Verräther63.
Albemarle sandte diese Proklamationen blos als Beweise von Thorheit und Frechheit nach London. Sie machten keinen andren Eindruck als den des Erstaunens und der Verachtung; auch hatte Monmouth keine Ursache zu glauben, daß die Annahme der Königswürde seine Stellung verbessert habe. Erst eine Woche war verflossen, seitdem er sich feierlich verpflichtet, die Krone nicht eher anzunehmen, als bis ein freies Parlament seine Rechte anerkannt habe; durch Verletzung dieses Versprechens hatte er sich den Vorwurf des Leichtsinns, wenn nicht der Treulosigkeit zugezogen. Die Klasse, die er zu gewinnen hoffte, hielt sich noch immer fern von ihm. Die Gründe, welche die großen whiggistischen Lords und Gentlemen abhielten, ihn als ihren König anzuerkennen, waren mindestens eben so triftig als diejenigen, die sie verhindert hatten, sich um ihn als Oberbefehlshaber zu schaaren. Zwar haßten sie die Person, die Religion und die Politik Jakob’s; aber er war nicht mehr jung und seine älteste Tochter mit Recht populär. Sie war dem reformirten Glauben zugethan und mit einem Prinzen vermählt, der das erbliche Oberhaupt der Protestanten des Continents, der in einer Republik aufgewachsen war und dem man solche Gesinnungen zutraute, wie sie sich für einen constitutionellen König ziemten. War es also weise, sich den Schrecken eines Bürgerkrieges auszusetzen, nur um vielleicht das sogleich zu bewirken, was die Natur ohne Blutvergießen, ohne eine Rechtsverletzung aller Wahrscheinlichkeit nach binnen wenigen Jahren herbeiführen würde? Es waren vielleicht Gründe vorhanden, um Jakob vom Throne zu stürzen; aber welche Gründe konnte man für Monmouth’s Erhebung auf denselben anführen? Einen Fürsten wegen Unfähigkeit vom Throne auszuschließen, entsprach ganz den whiggistischen Grundsätzen; aber nach keinem Grundsatze konnte es gerechtfertigt erscheinen, legitime Erben auszuschließen, denen man nicht nur nichts vorzuwerfen hatte, sondern die man sogar für ausgezeichnet befähigt zu den höchsten Staatsämtern hielt. Daß Monmouth legitim sei, ja daß er sich selbst nur dafür hielt, konnten einsichtsvolle Männer nicht glauben; er war also nicht nur ein Usurpator, sondern ein Usurpator von der schlimmsten Sorte, ein Betrüger. Er konnte seiner Sache nur durch Fälschung und Meineid einen Schein von Recht geben. Alle rechtschaffenen und verständigen Leute sträubten sich dagegen, daß ein Betrug, der, wenn er um der Erlangung eines bürgerlichen Besitzthums verübt worden wäre, Peitsche und Pranger als Strafe nach sich gezogen hätte, mit der englischen Krone belohnt werde. Der alte Adel des Reichs konnte den Gedanken nicht ertragen, daß der Bastard der Lucie Walters hoch über die rechtmäßigen Nachkommen der Fitzalan und De Vere erhoben werden sollte. Wer nur ein wenig politischen Scharfblick hatte, mußte einsehen, daß wenn es Monmouth gelang, die bestehende Regierung zu stürzen, immer noch ein Krieg zwischen ihm und dem Hause Oranien übrig blieb, ein Krieg, der länger dauern und mehr Unheil herbeiführen könnte, als der Krieg der Rosen, ein Krieg, der voraussichtlich die Protestanten Europa’s in feindliche Parteien spaltete, England und Holland gegen einander bewaffnen und beide Länder zu einer leichten Beute für Frankreich machen konnte. Fast alle Whighäupter scheinen daher der Ansicht gewesen zu sein, daß Monmouth’s Unternehmen in jedem Falle der Nation zum Unheil gereichen mußte, daß aber, Alles erwogen, seine Niederlage ein kleineres Unglück sein werde als sein Sieg.
Die Theilnahmlosigkeit des whiggistischen Adels war es nicht allein, was die eingefallenen Verbannten enttäuschte. Der Reichthum und Einfluß Londons hatten in der vorhergehenden Generation hingereicht und konnten auch diesmal wieder hinreichen, um in einem Bürgerkriege den Ausschlag zu geben. Die Londoner hatten früher viele Beweise von ihrem Hasse gegen das Papstthum und von ihrer Zuneigung zu dem protestantischen Herzoge gegeben, und er hatte daher zu bereitwillig geglaubt, daß sofort nach seiner Landung ein Aufstand in der Hauptstadt ausbrechen werde. Aber obgleich ihm gemeldet worden, daß Tausende von Bürgern sich als Freiwillige hätten einzeichnen lassen, so geschah doch nichts. Die Sache war einfach die, daß den Wühlern, die ihn zu einem Einfalt in England gedrängt, die ihm versprochen, sich auf den ersten Wink zu erheben, und die vielleicht auch, so lange die Gefahr noch fern war, geglaubt hatten, daß sie den Muth haben würden, ihr Versprechen zu halten, der Muth sank, als die entscheidende Stunde heranrückte. Wildman’s Angst war so groß, daß er den Verstand verloren zu haben schien. Der feige Danvers entschuldigte seine Unthätigkeit zuerst, indem er sagte, er werde nicht eher zu den Waffen greifen, als bis Monmouth zum König ausgerufen sei, und als dies geschehen war, lenkte er um und erklärte, daß gute Republikaner jeder Verpflichtung gegen einen Führer entbunden seien, der so schamlos sein Wort gebrochen habe. Die gemeinsten Exemplare der menschlichen Natur findet man zu allen Zeiten unter den Demagogen64.
Den Tag darauf, als Monmouth den Königstitel angenommen hatte, marschirte er von Taunton nach Bridgewater. Er selbst befand sich, wie man bemerkte, nicht in der heitersten Stimmung; die jauchzenden Zurufe der ihm ergebenen Tausende, die sich allenthalben wohin er kam um ihn drängten, vermochten nicht die düstern Wolken zu verscheuchen, die sich auf seine Stirn gelagert hatten. Wer ihn vor fünf Jahren auf seinem Triumphzuge durch Somersetshire gesehen, bemerkte nicht ohne Mitleid die Spuren von Angst und Besorgniß in den sanften und freundlichen Zügen, die ihm so viele Herzen gewonnen hatten65.
In ganz andrer Stimmung, war Ferguson. Dieser Mann verband mit seiner Verworfenheit merkwürdigerweise eine maßlose Eitelkeit, die fast an Narrheit grenzte. Der Gedanke, daß er einen Aufstand herbeigeführt und eine Krone verliehen, hatte ihm den Kopf verrückt. Er stolzirte, das entblößte Schwert über dem Kopfe schwingend, umher, und rief den Zuschauern, die sich versammelt hatten, um die Armee von Taunton abmarschiren zu sehen, in prahlerischem Tone zu: „Seht mich an! Ihr habt von mir gehört. Ich bin Ferguson, der berühmte Ferguson, der nämliche Ferguson, für dessen Kopf so viele Hundert Pfund geboten worden sind.“ Und dieser zugleich characterlose und halb verrückte Mensch beherrschte den Verstand und die Überzeugung des unglücklichen Monmouth66.
Sein Empfang in Bridgewater. Bridgewater war eine von den wenigen Städten, welche noch einige whiggistische Beamten hatten. Der Mayor und die Aldermen kamen in ihrer Amtstracht, um den Herzog zu begrüßen, gingen in Prozession vor ihm her bis zum Hohen Kreuze und proklamirten ihn hier zum König. Seine Truppen fanden vortreffliche Quartiere und erhielten von den Bewohnern der Stadt und Umgegend Alles, was sie brauchten, für wenig oder gar kein Geld. Er selbst nahm seine Residenz im Schlosse, welches vormals oft mit königlichen Besuchen beehrt worden war; auf der umliegenden Ebene schlug die Armee ein Lager auf. Sie bestand jetzt aus ungefähr sechstausend Mann und hätte leicht auf die doppelte Anzahl gebracht werden können, wenn es nicht an Waffen gefehlt hätte. Der Herzog hatte vom Festlande nur einen geringen Vorrath von Piken und Musketen mitgebracht; daher hatten viele von seinen Leuten keine anderen Waffen, als solche, die sie sich aus den von ihnen beim Acker- und Bergbau gebrauchten Werkzeugen verfertigen konnten. Die furchtbarste von diesen rohen Kriegswaffen bestand aus einer Sensenklinge, welche am Ende einer starken Stange der Länge nach befestigt war67. Die Unterconstabler der Umgegend von Taunton und Bridgewater erhielten Befehl, überall nach Sensen zu suchen und was sie davon auftreiben konnten, ins Lager zu bringen; aber selbst durch diese Maßregel war es nicht möglich, dem Bedarf zu genügen, und eine Menge Leute, die sich einreihen lasen wollten, mußten zurückgewiesen werden68.
Das Fußvolk wurde in sechs Regimenter eingetheilt. Eine große Anzahl der Freiwilligen hatten in der Miliz gedient und trugen noch ihre rothen oder gelben Uniformen. Die Reiterei war etwa tausend Mann stark, aber die meisten von ihnen hatten nur rohe junge Pferde, wie sie damals in großen Heerden in den Marschen von Somersetshire gezogen wurden, um die Hauptstadt mit Kutschpferden und Karrengäulen zu versehen. Diese Thiere waren so untauglich für den Militairdienst, daß sie noch nicht einmal dem Zaume gehorchten und sobald sie einen Schuß oder Trommelwirbel hörten, nicht mehr zu regieren waren. Monmouth selbst hatte eine kleine Leibgarde von vierzig wohlbewaffneten und gutberittenen jungen Männern, die sich auf ihre eigenen Kosten ausgerüstet hatten. Die Bewohner von Bridgewater, welche durch einen blühenden Küstenhandel wohlhabend geworden waren, unterstützten ihn mit einer kleinen Summe Geldes69.
Vorkehrungen der Regierung zum Widerstande. Während dieser Zeit wurden die Streitkräfte der Regierung eiligst zusammengezogen. Westlich von dem Rebellenheere stand Albemarle noch immer mit einer starken Abtheilung der Miliz von Devonshire. Im Osten hatte sich die Miliz von Wiltshire unter den Befehlen von Thomas Herbert, Earl von Pembroke, gesammelt. Im Nordosten stand Heinrich Somerset, Herzog von Beaufort, unter den Waffen. Beaufort’s Macht hatte einige Ähnlichkeit mit der der großen Barone des fünfzehnten Jahrhunderts. Er war Präsident von Wales und Lordstatthalter von vier englischen Grafschaften. Seine amtlichen Rundreisen durch das weite Gebiet, in welchem er die Majestät des Thrones repräsentirte, standen an Gepränge kaum den Reisen des Königs nach; sein Hausstand in Badminton war nach der Sitte eines früheren Zeitalters eingerichtet. Das Land in großer Ausdehnung um seinen Wohnsitz bewirthschaftete er selbst, und die Arbeiter, welche es bestellten, bildeten einen Theil seiner Familie. Neun Tafeln waren täglich in seinem Hause für zweihundert Personen gedeckt. Eine Menge Gentlemen und Pagen standen unter den Befehlen seines Haushofmeisters, ein ganzer Trupp Reiterei gehorchte dem Stallmeister. Die Küche, der Keller, die Hunde und die Pferde des Herzogs waren in ganz England berühmt; die Gentry viele Meilen im Umkreise war stolz auf den Glanz ihres mächtigen Nachbarn und zugleich bezaubert von seiner Leutseligkeit und Gutherzigkeit. Er war ein eifriger Kavalier aus der alten Schule; daher bot er in der damaligen Krisis seinen ganzen Einfluß und sein ganzes Ansehen zur Unterstützung der Krone auf und besetzte Bristol mit den Milizen von Gloucestershire, welche besser disciplinirt zu sein schienen, als die meisten anderen derartigen Truppen70.
Auch in den von Somersetshire weiter entfernten Grafschaften waren die Anhänger des Thrones in voller Thätigkeit. Die Miliz von Sussex begann unter dem Commando Lord Richard Lumley’s, der zwar erst kürzlich dem katholischen Glauben entsagt hatte, aber seinem katholischen Könige noch immer treu ergeben war, nach Westen zu marschiren. Jakob Bertin, Earl von Abingdon, rief die Mannschaften von Oxfordshire zu den Waffen. Johann Fell, Bischof von Oxford und gleichzeitig auch Dechant des Christchurch-Collegiums, forderte die Nichtgraduirten seiner Universität auf, für die Krone die Waffen zu ergreifen. Die Studenten ließen sich in Massen einreihen, das Christchurch-Collegium allein stellte nahe an hundert Pikenmänner und Musketiere. Junge Edelleute und studirende Gentlemen bekleideten die Offiziersposten und der älteste Sohn des Lordstatthalters wurde zum Obersten ernannt71.
Hauptsächlich aber verließ sich der König auf seine regulären Truppen. Churchill war mit den Blauen in den Westen gesandt worden und Feversham folgte mit allen Streitkräften, welche in der Umgegend von London entbehrt werden konnten. Nach Holland war ein Courier mit einem Briefe an Skelton abgegangen, worin dieser beauftragt wurde, die sofortige Absendung der in holländischem Dienste stehenden drei Regimenter nach der Themse zu verlangen. Als diese Aufforderung erfolgte, versuchte es die dem Hause Oranien feindlich gesinnte Partei, mit den Deputirten von Amsterdam an der Spitze, abermals eine Verzögerung herbeizuführen. Aber Wilhelm’s Energie, der fast eben so viel zu verlieren hatte, als Jakob, und der Monmouth’s Fortschritte mit ernster Besorgniß betrachtete, unterdrückte die Opposition und in einigen Tagen segelten die Truppen ab72. Die drei schottischen Regimenter waren schon in England; sie waren in vortrefflichem Zustande in Gravesend angelangt, und Jakob hatte sie bei Blackheath gemustert. Er erklärte dem holländischen Gesandten wiederholt, daß er nie in seinem Leben schönere und besser disciplinirte Soldaten gesehen habe und daß er dem Prinzen von Oranien, sowie den Generalstaaten für diese werthvolle und rechtzeitige Verstärkung seinen wärmsten Dank ausspreche. Diese Freude war jedoch nicht ganz ungetrübt. So trefflich die Leute auch bei der Musterung bestanden, so waren sie doch nicht ganz frei von dem Einflusse der holländischen Politik und der holländischen Gottesverehrung geblieben. Einer von ihnen ward erschossen und ein Andrer ausgepeitscht, weil er auf die Gesundheit des Herzogs von Monmouth getrunken hatte. Man hielt es daher nicht für rathsam, sie auf den gefährlichsten Posten zu stellen und behielt sie bis zur Beendigung des Feldzugs in der Umgegend von London; aber ihre Ankunft setzte den König in den Stand, einige Infanterie, die er sonst in der Hauptstadt gebraucht haben würde, nach dem Westen zu schicken73.
Während die Regierung sich so zum Kampfe mit den Rebellen im offnen Felde rüstete, wurden auch Vorsichtsmaßregeln andrer Art nicht verabsäumt. In London allein wurden zweihundert Personen, von denen man befürchtete, daß sie sich an die Spitze einer whiggistischen Bewegung stellen könnten, verhaftet. Unter ihnen befanden sich einige sehr angesehene Kaufleute. Jedermann, der dem Hof mißliebig war, schwebte in beständiger Angst. Eine drückende Gewitterluft lagerte über der Hauptstadt. Die Börsengeschäfte stockten und die Theater waren so wenig besucht, daß eine neue Oper von Dryden, welche mit noch nie dagewesener Pracht in Scene gesetzt worden war, wieder zurückgezogen wurde, weil die Einnahme die Kosten der Aufführung nicht gedeckt haben würde74. Die Behörden und die Geistlichkeit waren allenthalben thätig, die Dissenters wurden überall scharf beobachtet. In Cheshire und Shropshire wüthete eine heftige Verfolgung, in Northamptonshire wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen und das Oxforder Gefängniß war mit Gefangenen überfüllt. Kein puritanischer Geistlicher, wie gemäßigt seine Meinung und wie vorsichtig sein Verhalten auch sein mochte, war sicher, daß er nicht seiner Familie entrissen und, in den Kerker geworfen wurde75.
Inzwischen zog Monmouth von Bridgewater weiter, auf dem ganzen Marsche von Churchill beunruhigt, der Alles that, was ein tapferer und geschickter Offizier mit einer Handvoll Leute nur irgend auszurichten vermag. Das vom Feinde sowohl als von heftigem Regen arg belästigte Rebellenheer machte am Abend des 22. Juni in Glastonbury Halt. Die Häuser des Städtchens waren zur Aufnahme einer so bedeutenden Streitmacht nicht ausreichend; daher mußte ein Theil der Truppen in den Kirchen untergebracht werden und die übrigen zündeten zwischen den Ruinen der ehrwürdigen Abtei, einst dem reichsten Kloster unsrer Insel, ihre Wachtfeuer an. Von Glastonbury marschirte der Herzog nach Wells, und von Wells nach Shepton Mallet.76
Sein Plan auf Bristol. Bis hierher scheint er zu keinem andren Zwecke von Ort zu Ort gezogen zu sein, als um Truppen zu sammeln; jetzt aber wurde es nöthig, daß er einen Plan für seine militairischen Operationen entwarf. Seine erste Idee war, sich Bristols zu bemächtigen, denn viele von den angesehensten Bewohnern dieser bedeutenden Stadt waren Whigs. Eine der Verzweigungen des Whigcomplots hatte sich bis dahin erstreckt, und die Besatzung bestand nur aus Milizen von Gloucestershire. Wenn Beaufort mit seiner bäuerlichen Mannschaft überwältigt werden konnte, ehe die regulären Truppen ankamen, so befanden sich die Rebellen mit einem Male im Besitz reicher Geldmittel; dadurch mußte das Vertrauen zu Monmouth’s Waffen gehoben und seine Freunde im ganzen Lande ermuthigt werden, sich für ihn zu erklären. Bristol hatte Befestigungen, die allerdings auf der Nordseite des Avon gegen Gloucestershire hin schwach, im Süden gegen Somersetshire aber weit stärker waren. Es wurde daher beschlossen, den Angriff auf der Nordseite zu unternehmen. Zu dem Ende aber mußte man einen Umweg machen und bei Keynsham über den Avon gehen. Die Brücke bei Keynsham war jedoch von der Miliz theilweis zerstört worden und im Augenblicke ungangbar. In Folge dessen wurde eine Abtheilung vorausgeschickt, um die nöthigen Reparaturen vorzunehmen. Die anderen Truppen folgten langsamer und machten am Abend des 24. Juni in Pensford Halt, um auszuruhen. Hier waren sie nur noch fünf Meilen von der Südseite von Bristol entfernt; bis zur Nordseite aber, zu der man nur auf dem Umwege über Keynsham gelangen konnte, war noch ein starker Tagemarsch.77
Diese Nacht befand sich Bristol in geräuschvoller Aufregung und gespannter Erwartung. Die Anhänger Monmouth’s wußten, daß er fast unter den Mauern der Stadt war, und glaubten, daß er noch vor Tagesanbruch bei ihnen sein werde. Etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang brach auf einem am Kai vor Anker liegenden Kauffahrteischiffe Feuer aus. Ein solcher Vorfall mußte in einem mit Schiffen angefüllten Hafen nothwendig große Bestürzung hervorrufen. Der ganze Strom war in Bewegung, das Volk wogte durch die Straßen und es ließen sich in der Dunkelheit und Verwirrung aufrührerische Rufe vernehmen. Whigs und Tories behaupteten nachher, das Feuer sei von Monmouth’s Freunden in der Hoffnung angelegt worden, daß, während die Milizen damit beschäftigt waren, das Umsichgreifen des Brandes zu verhindern, das Rebellenheer einen kühnen Handstreich wagen und von der Südseite her in die Stadt eindringen könnten. Wenn dies wirklich der Plan der Brandstifter war, so hatten sie sich stark verrechnet, denn Beaufort ließ seine Truppen die ganze Nacht um die schöne Kirche St. Mary Redcliff, auf der Südseite des Avon, unter den Waffen stehen, anstatt sie an den Kai zu senden. Er sagte, er wolle eher ganz Bristol niederbrennen sehen, ja es selbst niederbrennen, als daß er es von Landesverräthern nehmen ließ. Mit Hülfe einer regulären Reiterei, welche vor wenigen Stunden von Chippenham aus zu ihm gestoßen war, konnte er einen Aufstand verhindern; wahrscheinlich aber würde es seine Kräfte überstiegen haben, zu gleicher Zeit die Mißvergnügten in der Stadt im Schach zu halten und einen Angriff von Außen abzuwehren. Doch es erfolgte kein solcher Angriff. Das Feuer, welches in Bristol so große Aufregung hervorgerufen, wurde in Pensford deutlich gesehen. Monmouth hielt es jedoch nicht für rathsam, seinen Plan zu ändern; er blieb bis Sonnenaufgang ganz ruhig und marschirte dann nach Keynsham, wo er die Brücke bereits reparirt fand. Er beschloß, seiner Armee den Nachmittag Ruhe zu gönnen und mit Einbruch der Dunkelheit nach Bristol weiter vorzurücken.78
Er giebt den Plan auf Bristol auf. Aber es war zu spät. Die königlichen Truppen waren ganz in der Nähe. Der Oberst Oglethorpe stürmte an der Spitze von ungefähr hundert Mann Leibgarden nach Keynsham, zerstreute zwei Reitertrupps der Rebellen, die sich ihm entgegenwarfen, und zog sich wieder zurück, nachdem er ihnen großen Schaden zugefügt, selbst aber nur unbedeutenden Verlust erlitten hatte. Unter diesen Umständen wurde es für nöthig erachtet, den Angriffsplan auf Bristol aufzugeben.79
Aber was war nun zu thun? Verschiedene Pläne wurden vorgeschlagen und berathen. Es wurde beantragt, Monmouth solle nach Gloucester eilen, dort über den Severn gehen, die Brücke hinter sich abbrechen und so, auf der rechten Flanke vom Flusse geschützt, durch Worcestershire nach Shropshire und Cheshire marschiren. Er war früher einmal durch diese Grafschaften gereist und daselbst mit der nämlichen Begeisterung aufgenommen worden, wie in Somersetshire und Devonshire. Sein Erscheinen regte den Eifer seiner alten Freunde ohne Zweifel von neuem an und seine Armee konnte binnen wenigen Tagen auf das Doppelte ihrer gegenwärtigen Stärke anwachsen.
Bei genauerer Überlegung zeigte es sich jedoch, daß dieser Plan, so vortrefflich er zu sein schien, unausführbar war. Die Rebellen waren für solche Märsche, wie die eben ausgeführten, zu schlecht mit Fußbekleidung versorgt, und das tägliche Waten durch tiefen Schmutz unter heftigen Regengüssen hatte sie erschöpft. Da sie ohne Zweifel bei jedem Haltorte durch die feindliche Reiterei beunruhigt und aufgehalten werden würden, durften sie nicht hoffen, Gloucester zu erreichen, ohne von dem Hauptcorps der königlichen Truppen eingeholt und unter den ungünstigsten Umständen zu einer Hauptschlacht gezwungen zu werden.
Hierauf wurde vorgeschlagen, in Wiltshire einzurücken. Personen, welche diese Grafschaft zu kennen behaupteten, versicherten den Herzog, es würden dort so ansehnliche Verstärkungen zu ihm stoßen, daß er unbedenklich eine Schlacht annehmen könnte.80
Er befolgte diesen Rath und wendete sich nach Wiltshire. Die erste Stadt, die er aufrief, war Bath. Aber Bath hatte eine starke königliche Besatzung und Feversham rückte in Eilmärschen heran. Die Rebellen machten daher keinen Angriffsversuch auf die Wälle, sondern eilten weiter nach Philip’s Norton, wo sie am Abend des 26. Juni Halt machten.
Feversham verfolgte sie dahin, und am frühen Morgen des 27. Juni wurden sie durch die Nachricht erschreckt, daß er ihnen auf den Fersen sei. Sie ordneten sich nun und besetzten die nach der Stadt führenden Hecken.
Bald darauf erschien die Vorhut der königlichen Armee, bestehend aus etwa fünfhundert Mann unter dem Commando des Herzogs von Grafton, eines jungen Mannes von großer Kühnheit aber rauhen Manieren, der wahrscheinlich gern zeigen wollte, daß er an den unloyalen Plänen seines Halbbruders keinen Theil habe. Grafton befand sich bald in einer tiefliegenden Gasse, mit Zäunen zu beiden Seiten, von denen aus ein höchst unangenehmes Musketenfeuer unterhalten wurde.
Gefecht bei Philip’s Norton. Er rückte indessen muthig vor bis ans Thor von Philip’s Norton. Hier fand er den Weg durch eine Barrikade versperrt, von welcher er mit einem dritten Feuer in die volle Fronte empfangen wurde. Setzt verloren seine Leute den Muth und ergriffen eiligst die Flucht. Ehe sie aus dem Hohlwege herauskamen, waren mehr als hundert von ihnen getödtet oder verwundet. Dem Herzoge von Grafton war von einer feindlichen Reiterabtheilung der Rückzug abgeschnitten; aber er schlug sich tapfer durch und kam glücklich davon.81
Die so zurückgeworfene Vorhut zog sich auf das Hauptcorps der königlichen Truppen zurück. Die beiden feindlichen Heere standen einander ganz nahe gegenüber und es wurden einige Schüsse gewechselt, die wenig oder gar keine Wirkung hatten. Auf keiner Seite war man zu einer ordentlichen Schlacht geneigt. Feversham wollte erst die Ankunft seiner Artillerie abwarten und zog sich deshalb nach Bradford zurück; Monmouth verließ mit Einbruch der Dunkelheit seine Stellung, marschirte südwärts und erreichte bei Tagesanbruch Frome, wo er Verstärkung zu finden hoffte.
Frome war seiner Sache zwar eben so eifrig zugethan als Taunton und Bridgewater, konnte aber nichts zu seiner Unterstützung thun. Die Bevölkerung hatte sich einige Tage zuvor erhoben und Monmouth’s Erklärung war auf dem Marktplatze angeschlagen worden; aber die Nachricht von diesem Aufstande war dem Earl von Pembroke zugekommen, der in geringer Entfernung mit der Miliz von Wiltshire stand; er war augenblicklich nach Frome marschirt, hatte einen Haufen Landleute, die sich mit Sensen und Heugabeln ihm widersetzen wollten, in die Flucht geschlagen, war in die Stadt eingerückt und hatte die Bewohner entwaffnet. Es gab daher dort keine Waffen mehr und Monmouth war nicht im Stande, solche zu liefern.82
Monmouth’s Verzagtheit. Das Rebellenheer befand sich in einer schlimmen Lage. Der Marsch in der vergangenen Nacht war höchst beschwerlich gewesen; es hatte in Strömen geregnet und die Wege waren dadurch zu wahren Morästen geworden. Von der aus Wiltshire versprochenen Verstärkung hörte man nichts mehr; ein Bote brachte die Nachricht, daß Argyle’s Armee in Schottland zerstreut worden sei, ein andrer berichtete, daß Feversham, nachdem er seine Artillerie an sich gezogen, wieder anrücke. Monmouth verstand den Krieg zu gut, als daß er nicht hatte wissen sollen, daß seine Leute bei all’ ihrem Muth und all’ ihrem Eifer doch regulären Truppen nicht gewachsen waren. Er hatte sich bis jetzt noch immer mit der Hoffnung geschmeichelt, daß einige von den Regimentern, die er früher befehligt, zu ihm übergehen würden, aber diese Hoffnung mußte er jetzt aufgeben. Da verließ ihn der Muth; er hatte kaum noch Kraft genug, um Befehle zu geben. In seiner Noth beklagte er sich bitter über die bösen Rathgeber, die ihn verleitet hatten, sein glückliches Asyl in Brabant zu verlassen, und besonders gegen Wildman brach er in heftige Verwünschungen aus.83 Jetzt stieg in seiner schwachen und geängstigten Seele ein schimpflicher Gedanke auf. Er wollte die Tausende, die auf seinen Ruf und für seine Sache ihre friedlichen Häuser und Felder verlassen hatten, den Händen der Regierung preisgeben. Er wollte sich mit seinen vornehmsten Offizieren heimlich entfernen, wollte einen Seehafen zu erreichen suchen, bevor man seine Flucht ahnete, wollte auf das Festland entfliehen und in den Armen der Lady Wentworth seinen Ehrgeiz und seine Schande vergessen. Diesen Plan besprach er ganz ernstlich mit seinen hauptsächlichsten Rathgebern. Einige von ihnen, denen um ihr Leben bange war, zollten demselben Beifall; Grey aber, dem selbst seine Verleumder es zugestehen, daß er überall unerschrocken war, wo nicht Schwertergeklirr und Kanonendonner ihn umgaben, widersetzte sich mit großer Entschiedenheit dem feigen Vorschlage und beschwor den Herzog, lieber jeder Gefahr Trotz zu bieten, als die aufopfernde Anhänglichkeit des westlichen Landvolks mit Undank und Verrath zu belohnen.84
Der Fluchtplan wurde aufgegeben, aber es war jetzt nicht leicht, irgend einen Operationsplan zu entwerfen. Nach London zu marschiren, wäre Wahnsinn gewesen, denn der Weg ging über die Ebene von Salisbury, auf welcher großen Fläche reguläre Truppen, besonders Kavallerie, gegen undisciplinirte Haufen zu sehr im Vortheil gewesen sein würden. In dieser kritischen Lage traf plötzlich die Nachricht ein, daß die Landbewohner der Marschen in der Umgegend von Axbridge zur Verteidigung des protestantischen Glaubens aufgestanden seien, daß sie sich mit Dreschflegeln, Knütteln und Heugabeln bewaffnet hätten und sich zu Tausenden bei Bridgewater sammelten. Monmouth beschloß, dahin zurückzukehren und sein Heer mit diesen neuen Verbündeten zu verstärken.85
Die Rebellen marschirten demgemäß nach Wells, wo sie in nicht sehr heitrer Stimmung ankamen. Sie waren, mit wenigen Ausnahmen, erbitterte Feinde des Prälatenthums und äußerten ihren Haß in einer Weise, die ihnen wenig Ehre machte. Sie rissen nicht nur das Bleidach von der prächtigen Kathedrale, um Kugeln daraus zu gießen, eine Handlung, die sie allenfalls mit den Bedürfnissen des Kriegs entschuldigen konnten, sondern zerstörten auch muthwilligerweise die Verzierungen des Gebäudes. Grey schützte nur mit Mühe den Altar vor den Schändungen einiger Buben, die an demselben zechen wollten, indem er sich mit gezognem Schwerte davor stellte.86
Seine Rückkehr nach Bridgewater. Am Donnerstag den 2. Juli zog Monmouth wieder in Bridgewater ein, aber unter viel weniger erfreulichen Umständen, als er es vor zehn Tagen verlassen hatte. Die Verstärkung, die er daselbst fand, war unbedeutend, und die königliche Armee saß ihm dicht auf den Fersen. Einen Augenblick hatte er die Idee, die Stadt zu befestigen, und Hunderte von Arbeitern wurden aufgeboten, um Gräben zu ziehen und Schanzen aufzuwerfen, dann kehrte er wieder zu dem Plane zurück, nach Cheshire zu marschiren, ein Plan, den er in Keynsham als unausführbar verworfen und der jetzt, in Bridgewater, sich gewiß nicht günstiger gestaltet hatte.87
Die königliche Armee schlägt bei Sedgemoor ein Lager auf. Während er so zwischen gleich hoffnungslosen Projecten schwankte, kamen ihm die Streitkräfte des Königs zu Gesicht. Sie bestanden aus ungefähr zweitausendfünfhundert Mann regulärer Truppen und etwa fünfzehnhundert Mann Miliz von Wiltshire. Sonntag, den 5. Juli, am frühen Morgen, verließen sie Somerton und schlugen noch denselben Tag ungefähr drei Meilen von Bridgewater auf der Ebene von Sedgemoor ihre Zelte auf.
Doctor Peter Mew, Bischof von Winchester, begleitete sie. Dieser Prälat hatte in seiner Jugend im Dienste Karl’s I. gegen das Parlament die Waffen getragen. Weder seine Jahre, noch sein Beruf hatten seinen kriegerischen Eifer völlig gedämpft, und er dachte wahrscheinlich, daß die Anwesenheit eines Vaters der protestantischen Kirche im königlichen Lager einige rechtschaffene Männer, welche zwischen dem Abscheu vor dem Papstthum und dem Abscheu vor der Rebellion schwankten, in ihrer Loyalität befestigen könnte.
Auf dem Thurme der Pfarrkirche zu Bridgewater, welcher der höchste in ganz Somersetshire sein soll, hat man eine weite Aussicht über die Umgegend. Monmouth bestieg in Begleitung einiger Offiziere die Gallerie des viereckigen Thurmes, von wo aus die Spitze desselben sich erhebt, und beobachtete durch ein Fernrohr die Stellung des Feindes. Unter ihm lag eine flache Ebene, welche jetzt mit Kornfeldern und Obstpflanzungen bedeckt ist, damals aber, wie schon ihr Name andeutet,88 ein trauriger Morast war. Wenn es stark geregnet hatte und der Parret mit seinen Nebenflüssen austrat, so wurde diese Ebene häufig überschwemmt. Sie bildete in der That schon in früheren Zeiten einen Theil des großen Sumpfes, von dem in unseren ältesten Chroniken gesagt wird, daß er die Fortschritte zweier aufeinanderfolgenden fremden Erobererstämme aufgehalten habe. Dieser Sumpf hatte lange die Celten gegen die Angriffe der Könige von Wessex geschützt und hatte Alfred eine Zuflucht vor den Verfolgungen der Dänen gewährt. In jenen fernen Zeiten konnte diese Gegend nur in Böten passirt werden; sie war ein großer See, in welchem eine Menge kleiner Inseln von veränderlicher und trügerischer Bodenbeschaffenheit zerstreut umherlagen, die mit üppigem Schilfe bewachsen waren und auf denen es von Rothwild und wilden Schweinen wimmelte. Noch zu den Zeiten der Tudors mußte der Reisende, den sein Weg von Ilchester nach Bridgewater führte, des Wassers halber einen Umweg von mehreren Meilen machen. Als Monmouth auf Sedgemoor niederblickte, war es durch die Kunst zum Theil entwässert und von zahlreichen tiefen Gräben durchschnitten, welche dort „Rhines“ genannt werden. Inmitten des Moors erhoben sich in der nächsten Umgebung die Kirchthürme einige Dörfer, deren Namen andeuten, daß sie einstmals von den Fluthen bespült wurden. In einem dieser Dörfer, Weston Zoyland genannt, lag die königliche Reiterei und Feversham hatte daselbst sein Hauptquartier aufgeschlagen. Viele noch lebende Personen haben die Tochter der Magd gekannt, die ihn an jenem Tage bei Tische bediente, und eine große Schüssel von persischem Porzellan, welche ihm vorgesetzt wurde, wird noch immer in der Nachbarschaft sorgfältig aufbewahrt. Es muß bemerkt werden, daß die Bevölkerung von Somersetshire nicht, wie die der Fabrikdistrikte, aus Einwanderern aus entfernten Orten besteht. Man findet dort häufig Landwirthe, die noch den nämlichen Boden bebauen, den ihre Vorfahren bebauten, als die Plantagenets in England herrschten. Die Traditionen von Somersetshire sind daher für den Geschichtsforscher von nicht geringem Werthe.89
In größerer Entfernung von Bridgewater liegt das Dorf Middlezoy. In diesem Dorfe und seiner Umgebung war die Miliz von Wiltshire unter Pembroke’s Befehlen einquartirt.
Auf offnem Moore, unweit Chozoy, lagerten mehrere Bataillone regulären Fußvolks. Wehmüthig blickte Monmouth auf sie herab, denn er erinnerte sich unwillkürlich daran, daß er vor wenigen Jahren an der Spitze einer aus den nämlichen Leuten bestehenden Colonne die wilden Enthusiasten, welche die Bothwelbrücke vertheidigten, in völliger Verwirrung vor sich her getrieben hatte. Er konnte in den feindlichen Reihen die tapfere Schaar unterscheiden, welche damals nach dem Namen ihres Obersten Dumbarton’s Regiment hieß, schon längst aber als das erste Linienregiment bekannt war und in allen vier Welttheilen seinen alten Ruhm stets bewährt hat. „Ich kenne diese Leute“, sagte Monmouth, „die werden tüchtig kämpfen. Hätte ich nur sie, so würde Alles gut gehen!“90
Der Anblick des Feindes war indessen nicht ganz entmuthigend. Die drei Divisionen der königlichen Armee lagen weit von einander entfernt, ihre Bewegungen hatten einen Anschein von sorgloser und lauer Disciplin und es wurde berichtet, daß sie sich fortwährend in Zoylandcyder betränken. Die Unfähigkeit Feversham’s, der das Obercommando führte, war allbekannt, und selbst in diesem kritischen Augenblicke dachte er nur an Essen und Schlafen. Churchill dagegen war zwar ein Anführer, der weit schwierigeren Aufgaben als der Zerstreuung eines Haufens schlecht bewaffneter und ungeübter Bauern gewachsen war; aber das Genie, das später sechs Marschälle Frankreichs demüthigte, war damals noch nicht an seinem rechten Platze. Feversham sprach wenig mit Churchill und ermuthigte ihn nicht, Vorschläge zu machen. Aber obgleich der Unterbefehlshaber sich seiner Überlegenheit an Fähigkeiten und Kenntnissen bewußt war, obgleich er sich nur mit Unmuth den Befehlen eines Vorgesetzten unterwarf, den er verachtete, und obgleich er für die Armee das Schlimmste befürchtete, so bewahrte er dennoch die ihn auszeichnende Selbstbeherrschung und verbarg seine Gefühle so gut, daß Feversham seine folgsame Thätigkeit lobte und sich vornahm, dem Könige davon zu berichten91.
Nachdem Monmouth die Stellung der königlichen Truppen beobachtet hatte und von ihrem Zustande benachrichtigt worden war, glaubte er, daß ein nächtlicher Angriff mit Erfolg gekrönt werden könnte. Er beschloß, sein Glück zu versuchen und traf sofort die nöthigen Anstalten.
Es war Sonntag und seine Leute, welche zum größten Theile puritanisch erzogen waten, brachten daher einen großen Theil des Tages in Andachtsübungen zu. Das Schloßgebiet, auf dem die Armee lagerte, bot ein Schauspiel dar, wie es England seit der Auflösung von Cromwell’s Heer nicht wieder gesehen hatte. Die Dissenterprediger, welche gegen den Papismus zu den Waffen gegriffen hatten, und von denen einige vielleicht schon im großen Bürgerkriege gekämpft hatten, beteten und predigten in rothen Röcken und hohen Reitstiefeln, mit langen Schwertern an der Seite. Auch Ferguson gehörte zu Denen, welche Reden hielten. Er wählte zum Texte die furchtbare Verwünschung, durch welche die jenseits des Jordan wohnenden Israeliten sich von der Beschuldigung reinigten, die ihre Brüder am andren Ufer des Flusses aus Unwissenheit gegen sie erhoben: „Der starke Gott, der Herr, der starke Gott, der Herr weiß, so weiß Israel auch. Ist es Aufruhr oder ein Vergehen gegen den Herrn, so helfe er uns heute nicht92.“
Daß unter dem Schutze der Nacht ein Angriff versucht werden sollte, war in Bridgewater kein Geheimniß. Die Stadt war von Frauen angefüllt, die aus der Umgegend herbeigekommen waren, um ihre Gatten, Söhne, Geliebten und Brüder noch einmal zu sehen. Es gab an diesem Tage manche schmerzliche Abschiedsscene und Viele trennten sich, um einander nicht wiederzusehen. Das Gerücht von dem beabsichtigten Angriff kam auch einem jungen Mädchen zu Ohren, die eine eifrige Anhängerin des Königs war. Trotz ihres schüchternen Wesens faßte sie den muthigen Entschluß, Feversham selbst die Nachricht zu überbringen. Sie stahl sich heimlich aus Bridgewater fort und begab sich in das königliche Lager. Dieses Lager aber war nicht der Ort, wo die weibliche Unschuld sicher war. Selbst die Offiziere, welche die irreguläre Streitmacht, der sie gegenüberstanden, und den nachlässigen General, unter dessen Befehlen sie kämpfen sollten, in gleichem Grade verachteten, waren des süßen Weines voll und daher zu jedem Exceß der Sinnlichkeit und Grausamkeit geneigt. Einer von ihnen ergriff das junge Mädchen, weigerte sich, auf ihre Botschaft zu hören und that ihr auf die roheste Weise Gewalt an. Vor Scham und Wuth der Verzweiflung nahe, entfloh sie wieder und überließ das gottlose Heer seinem Schicksale93.
Die Zeit zum Beginn des großen Wagstücks rückte jetzt heran. Die Nacht war nicht ungünstig für ein solches Unternehmen. Es war zwar Vollmond und ein glänzendes Nordlicht erschien am Horizont; aber der Sumpfnebel lag so dicht über Sedgemoor, daß man auf funfzig Schritt die Gegenstände nicht unterscheiden konnte94.
Schlacht von Sedgemoor. Es schlug elf Uhr, als der Herzog mit seiner Leibgarde aus dem Schlosse abritt. Er befand sich durchaus nicht in der Gemüthsstimmung, wie sie einem Manne ziemt, der im Begriffe ist, einen entscheidenden Schlag zu führen. Selbst die Kinder, die sich herbeidrängten, um ihn vorüberreiten zu sehen, bemerkten, daß sein Aussehen traurig und voll düsterer Ahnungen war, und erinnerten sich dessen noch lange nachher. Seine Armee marschirte auf einem fast sechs Meilen langen Umwege gegen das königliche Lager von Sedgemoor. Ein Theil dieses Weges wird noch heute die Kriegsstraße genannt. Das Fußvolk führte Monmouth persönlich an, und die Reiterei war trotz der Gegenvorstellungen Derer, die sich des Unfalls bei Bridport erinnerten, Lord Grey anvertraut worden. Es war Befehl gegeben, das strengste Stillschweigen zu beobachten, keine Trommel zu rühren und keinen Schuß abzufeuern. Das Losungswort, an dem die Insurgenten einander im Dunkeln erkennen sollten, war Soho. Wahrscheinlich war dieses Wort in Anspielung auf Soho-Fields in London gewählt, wo der Palast des Anführers stand95.
Montag den 6. Juli gegen ein Uhr in der Nacht kamen die Rebellen auf dem offnen Moore an. Aber zwischen ihnen und dem Feinde befanden sich drei mit Wasser und dünnem Schlamm gefüllte Gräben, und Monmouth wußte, daß er zwei davon, den sogenannten „schwarzen Graben“ und den „Langmoor-Rhine“ passiren mußte. Sonderbarerweise aber hatte ihm keiner seiner Kundschafter etwas von der Existenz des dritten Grabens gesagt, welcher „Bussex-Rhine“ hieß und das königliche Lager unmittelbar deckte.
Die Munitionswagen blieben am Rande des Moors zurück. Die Reiterei und das Fußvolk gingen auf einem Damme in einer langen und schmalen Colonne über den schwarzen Graben. Ein ähnlicher Damm war auch durch den Langmoor-Rhine geworfen, aber der Führer verirrte sich im Nebel. Es entstand einiger Aufenthalt und Tumult, ehe man den rechten Weg wieder fand; endlich wurde der Übergang noch glücklich bewerkstelligt, aber in der Verwirrung ging ein Pistol los. Einige Wache haltende Gardereiter hörten den Knall und bemerkten eine große Truppenmasse, die sich im Nebel vorwärts bewegte. Sie feuerten ihre Karabiner ab und sprengten in verschiedenen Richtungen davon, um Lärm zu machen. Einige eilten nach Weston Zoyland, wo die Kavallerie lag. Ein andrer Reiter galoppirte in das Lager der Infanterie und rief aus voller Kehle, daß der Feind in der Nähe sei. Die Trommeln des Regiments Dumbarton schlugen Generalmarsch und die Mannschaft trat sogleich unter’s Gewehr. Es war die höchste Zeit, denn Monmouth stellte seine Armee schon in Schlachtordnung auf. Er befahl Grey, mit der Reiterei vorzugehen, und folgte selbst an der Spitze des Fußvolks. Grey stürmte vorwärts, bis er plötzlich ganz unvermuthet durch den Bussex-Rhine aufgehalten wurde. Jenseit des Grabens stellte sich die königliche Infanterie eiligst in Schlachtordnung auf.
„Für wen seid Ihr?“ rief ein Offizier von der Fußgarde. „Für den König“, antwortete eine Stimme in den Reihen der Rebellen-Kavallerie. „Für welchen König?“ wurde hierauf gefragt. Die Antwort war das Jubelgeschrei: „Für König Monmouth!“ vermischt mit dem Feldgeschrei, das vierzig Jahre früher auf den Fahnen der Parlamentsregimenter stand: „Gott mit uns!“ Die königlichen Truppen gaben nun augenblicklich eine so kräftige Musketensalve, daß die ganze Reiterei der Aufständischen alsbald nach allen Richtungen auseinanderstob. Die Welt schrieb diese schmachvolle Flucht allgemein der Feigherzigkeit Grey’s zu. Aber es ist keineswegs erwiesen, ob Churchill an der Spitze von Leuten, welche noch nie im Sattel gekämpft hatten, und deren Pferde weder ans Feuer, noch überhaupt an den Zügel gewohnt waren, besseren Erfolg gehabt haben würde.
Wenige Minuten nachdem die Reiterei des Herzogs sich über den ganzen Moor zerstreut hatte, kam seine Infanterie, der die brennenden Lunten des Regiments Dumbarton als Wegweiser in der Dunkelheit dienten, im Sturmschritt heran.
Monmouth erschrak nicht wenig, als er sah, daß ein breiter und tiefer Graben ihn von dem Lager trennte, das er zu überrumpeln gehofft hatte. Die Insurgenten machten am Rande des Grabens Halt und feuerten; ein Theil der königlichen Infanterie am anderen Ufer erwiederte das Feuer. Dreiviertel Stunde lang knatterte das Kleingewehrfeuer ununterbrochen. Die Landleute von Somersetshire benahmen sich wie alte gediente Soldaten, nur daß sie zu hoch hielten.
Jetzt aber hatten sich auch die anderen Abtheilungen der königlichen Armee in Bewegung gesetzt. Die Leibgarben und die Blauen kamen von Weston Zoyland herangesprengt und zerstreuten in einem Nu die wenigen Reiter Grey’s, die sich wieder zu sammeln versucht hatten. Die Fliehenden verbreiteten einen panischen Schrecken unter ihren Kameraden in der Nachhut, welche die Munition zu decken hatten. Die Wagen fuhren in hastiger Eile davon und hielten nicht eher an, als bis sie mehrere Meilen vom Schlachtfelde entfernt waren. Bis jetzt hatte Monmouth sich als tapfrer und befähigter Krieger gezeigt; man hatte ihn zu Fuß gesehen, wie er, mit einer Lanze in der Hand, seine Infanterie durch Wort und Beispiel anfeuerte. Aber er war zu erfahren in militärischen Angelegenheiten, als daß er nicht hätte wissen sollen, daß Alles vorbei war. Seine Leute hatten den Vortheil, den ihnen die Überrumpelung und die Dunkelheit gegeben, verloren; sie waren von der Reiterei und den Munitionswagen im Stiche gelassen, und die königlichen Truppen waren jetzt in bester Ordnung beisammen. Feversham war durch das Feuer geweckt worden, war aus dem Bett gesprungen, hatte seine Halsbinde umgelegt, sich gebührend im Spiegel gemustert, und war endlich herbeigekommen, um zu sehen, was seine Leute thaten. Inzwischen hatte Churchill, was von weit größrer Wichtigkeit war, eiligst eine ganz neue Aufstellung der königlichen Infanterie vorgenommen. Der Morgen brach an; der Ausgang eines Kampfes im offnen Felde und bei hellem Tageslichte konnte nicht zweifelhaft sein. Aber Monmouth hätte fühlen sollen, daß er nicht fliehen durfte, während Tausende, die ihre Zuneigung zu ihm ins Verderben gestürzt, noch immer mannhaft für seine Sache kämpften. Aber eitle Hoffnungen und die unüberwindliche Liebe zum Leben behielten bei ihm die Oberhand. Er sah, daß, wenn er zögerte, die königliche Reiterei ihm den Rückzug abschneiden würde; er stieg daher zu Pferde und ritt vom Schlachtfelde.
Doch sein Fußvolk, obgleich von seinem Führer verlassen, hielt noch tapfer Stand. Die Leibgarden griffen es von der rechten, die Blauen von der linken Seite an; aber die Bauern von Somersetshire kämpften mit ihren Sensen und ihren Gewehrkolben wie alte Soldaten gegen die königlichen Reiter. Oglethorpe machte einen ungestümen Versuch, ihre Reihen zu durchbrechen, und wurde tapfer zurückgeschlagen. Sarsfield, ein wackrer irländischer Offizier, dessen Name später eine traurige Berühmtheit erlangte, griff auf der andren Flanke an. Seine Leute wurden ebenfalls zurückgeworfen. Er selbst wurde zu Boden geschlagen und blieb eine Zeit lang für todt liegen. Der Widerstand der tapfren Landleute konnte jedoch nicht mehr von langer Dauer sein, denn Pulver und Blei waren völlig ausgegangen. Man hörte den Ruf: „Munition! um Gottes Willen Munition!“ Aber es war keine mehr zur Hand. Jetzt rückte überdies auch die königliche Artillerie heran, die eine halbe Meile davon auf der Straße von Weston Zoyland nach Bridgewater gestanden hatte. Die Ausrüstung des englischen Heeres war damals noch so mangelhaft, daß es ungeheure Mühe gekostet haben würde, die schweren Geschütze auf den Platz zu schleppen, wo der Kampf wüthete, hätte nicht der Bischof von Winchester seine Wagenpferde und seine Geschirre zu diesem Zwecke hergegeben. Diese Einmischung eines christlichen Prälaten in eine blutige Angelegenheit ist mit sonderbarer Inconsequenz von einigen whiggistischen Schriftstellern verdammt worden, während sie nichts Verbrecherisches in dem Benehmen der zahlreichen puritanischen Geistlichen finden, welche damals gegen die Regierung unter Waffen standen. Und als die Kanonen endlich angekommen waren, fehlte es so sehr an Kanonieren, daß ein Sergeant vom Regimente Dumbarton die Bedienung mehrerer Geschütze übernehmen mußte96. So schlecht indessen die Geschütze auch bedient wurden, so brachten sie doch das Gefecht rasch zu Ende. Die Lanzen der aufständischen Bataillone begannen sich zu senken, die Reihen wurden durchbrochen; die königliche Reiterei machte einen nochmaligen Angriff und warf Alles vor sich nieder, während zu gleicher Zeit auch die Infanterie in großen Massen über den Graben kam. Selbst in dieser höchsten Bedrängniß hielten die Bergleute von Menrix noch tapfer Stand und verkauften ihr Leben theuer. Aber in wenigen Minuten war die Niederlage vollständig. Dreihundert königliche Soldaten waren getödtet oder verwundet, und von den Rebellen lagen mehr als tausend todt auf dem Moor97.
So endete der letzte, den Namen einer Schlacht verdienende Kampf, der auf englischem Boden stattgefunden hat. Der Eindruck, den derselbe bei den einfachen Bewohnern der Umgegend zurückließ, war tief und nachhaltig. Allerdings ist dieser Eindruck auch häufig wieder aufgefrischt worden, denn selbst noch in unseren Tagen haben Pflug und Spaten nicht selten schauerliche Erinnerungszeichen von dem Gemetzel, wie Schädel, Gebeine und seltsame Waffen, aus Ackergeräthen verfertigt, zu Tage gefördert. Alte Landleute erzählten noch vor Kurzem, daß sie in ihrer Kindheit oft auf dem Moore das Gefecht zwischen König Jakob’s und König Monmouth’s Soldaten gespielt und daß die letzteren stets „Soho“ gerufen hätten98.
Was bei der Schlacht von Sedgemoor am meisten auffällt, ist der Umstand, daß der Ausgang nur einen Augenblick zweifelhaft sein konnte und daß die Rebellen so lange Widerstand leisteten. Gegenwärtig würde es als ein Wunder betrachtet werden, wenn fünf- oder sechstausend Kohlengräber und Bauern nur einer halb so großen Anzahl von regulärer Kavallerie und Infanterie eine halbe Stunde lang Stand hielte. Unser Erstaunen wird sich jedoch vielleicht vermindern, wenn wir berücksichtigen, daß zu den Zeiten Jakob’s II. die Disciplin der regulären Armee außerordentlich lax, und daß auf der andren Seite das Landvolk daran gewöhnt war, in der Miliz zu dienen. Der Unterschied zwischen einem Regiment Fußgarden und einem Regiment eben angeworbener Bauern war daher, obwohl schon sehr bedeutend, doch keineswegs so groß, als er jetzt ist. Monmouth führte nicht bloße Pöbelhaufen zum Angriff gegen geübte Soldaten; seine Leute waren nicht ganz ohne allen militärischen Anstrich, während Feversham’s Truppen im Vergleich zu den englischen Truppen der Jetztzeit fast ein Pöbelhaufe genannt werden könnten.
Es war vier Uhr, die Sonne ging auf und das geschlagene Heer ergoß sich massenhaft in die Straßen von Bridgewater. Das Getümmel, das Blut, die Wunden, die geisterhaften Gestalten, welche zu Boden sanken, um nicht wieder aufzustehen, verbreiteten Entsetzen und Bestürzung in der Stadt. Dazu kam noch, daß die Verfolger ihnen auf den Fersen waren. Die Einwohner, welche den Aufstand begünstigt hatten, erwarteten ausgeplündert und niedergemetzelt zu werden, und flehten ihre Nachbarn, die sich zum römisch-katholischen Glauben bekannten oder sich durch toryistische Gesinnung auszeichneten, um Schutz an. Auch, die heftigsten whiggistischen Geschichtsschreiber erkennen es an, daß dieser Schutz freundlich und hochherzig gewährt wurde99.
Verfolgung der Rebellen. Die Sieger verfolgten die Fliehenden den ganzen Tag. Die Bewohner der umliegenden Dörfer erinnerten sich noch lange des Getöses und der Verwünschungen, womit die Reiterei vorüberstürmte. Noch vor dem Abend waren fünfhundert Gefangene in der Pfarrkirche zu Weston Zoyland eingesperrt. Achtzig von ihnen waren verwundet und fünf starben innerhalb der heiligen Mauern. Eine große Menge Landleute wurde herbeigetrieben, um die Gefallenen zu begraben, und einige, deren Parteilichkeit für die Sache der Besiegten bekannt war, wurden für das grauenvolle Geschäft bestimmt, die Gefangen zu viertheilen. Die Unterconstabler der benachbarten Kirchspiele mußten Galgen aufrichten und Ketten herbeischaffen. Währenddem läuteten fröhlich die Glocken von Weston Zoyland und Chedzoy und die Soldaten sangen und zechten auf dem Moore mitten unter den Leichen, denn die Landwirthe der Umgegend hatten, sobald der Ausgang des Gefechts bekannt war, sich beeilt, den Siegern ganze Fässer ihres besten Obstweines als Friedensopfer darzubringen.100
Militärische Hinrichtungen. Feversham galt für einen gutherzigen Mann, aber er war ein Ausländer, der die Gesetze der Engländer nicht kannte und sich um ihre Gefühle nicht kümmerte. Er war an den kriegerischen Übermuth Frankreichs gewohnt und hatte von seinem hohen Verwandten, dem Eroberer der Pfalz, nicht erobern, sondern nur verwüsten und zerstören gelernt. Eine beträchtliche Anzahl Gefangener wurde sofort zur Hinrichtung ausgewählt. Unter diesen befand sich ein junger Mann, der wegen seiner Schnelligkeit im Laufen berühmt war. Man machte ihm Hoffnung, daß er mit dem Leben davon kommen könne, wenn er aus einem Wettlaufe mit einem Fohlen der Marschen siegreich hervorginge. Der Raum, den dieser Mann in gleichem Schritt mit dem Pferde durchlief, ist noch jetzt durch wohlbekannte Markzeichen auf dem Moore angegeben und war ungefähr dreiviertel Meile lang. Feversham schämte sich nicht, den unglücklichen Schnellläufer nach vollbrachter Leistung dennoch an den Galgen zu schicken. Am nächsten Morgen sah man eine lange Reihe von Galgen auf der Straße von Bridgewater nach Weston Zoyland, und an jedem derselben hing ein Gefangner. Vier von den Duldern ließ man in ihren Ketten verfaulen.101
Monmouth’s Flucht. Unterdessen entfloh Monmouth, begleitet von Grey, Buyse und einigen andren Freunden, vom Schlachtfelde. In Chedzoy machte er einen Augenblick Halt, um ein frisches Pferd zu besteigen und sein blaues Knieband und seinen St. Georg102 zu verbergen. Dann eilte er weiter nach Bristol Channel. Auf den Anhöhen im Norden des Schlachtfeldes sah er noch den Blitz und den Rauch der letzten Salve, die seine verlassenen Getreuen abfeuerten. Vor sechs Uhr war er schon zwanzig Meilen von Sedgemoor entfernt. Einige von seinen Begleitern riethen ihm, über den Kanal zu setzen und in Wales eine Zufluchtsstätte zu suchen, was unzweifelhaft das Klügste gewesen wäre. Er hätte längst in Wales sein können, ehe die Nachricht von seiner Niederlage dahin gelangte, und würde in einer so unwirthbaren, vom Sitze der Regierung weit entfernten Gegend lange unentdeckt geblieben sein. Aber er beschloß, nach Hampshire zu eilen, in der Hoffnung, sich in den Hütten der Wilddiebe unter den Eichen des Neuen Waldes so lange verbergen zu können, bis sich eine günstige Gelegenheit zum Entkommen auf das Festland darbot. Daher wendete er sich mit Grey und Buyse südöstlich. Aber der Weg war voll von Gefahren, denn die Flüchtlinge reisten durch eine Gegend, wo Jedermann den Ausgang der Schlacht schon kannte und kein Reisender von verdächtigem Aussehen sich einer genauen Untersuchung entziehen konnte. Sie ritten den ganzen Tag, indem sie Städte und Dörfer sorgfältig vermieden. Das war auch nicht so schwierig, als es jetzt scheinen mag, denn damals lebende Leute konnten sich noch sehr gut der Zeit erinnern, wo sich das Rothwild in einer Reihenfolge von Wäldern von den Ufern des Avon in Wiltshire bis zur südlichen Küste von Hampshire in ungestörter Freiheit tummelte.103 Auf Cranbourne Chase konnten endlich die Pferde vor Erschöpfung nicht weiter. Man nahm ihnen daher Sattel und Zaum ab, welche sorgfältig versteckt wurden, und ließ sie laufen. Monmouth und seine Freunde verschafften sich nun Bauernanzüge, und so verkleidet wanderten sie zu Fuß durch den Neuen Wald. Sie brachten die Nacht unter freiem Himmel zu, aber noch vor dem Morgen waren sie auf allen Seiten umzingelt. Lord Lumley, der mit einer starken Abtheilung der Miliz von Sussex in Ringwood stand, hatte nach allen Richtungen hin Detaschements ausgesandt und Sir Wilhelm Portman mit der Miliz von Somerset vom Meeresufer bis ans nördliche Ende von Dorset eine Postenkette aufgestellt. Am siebenten um fünf Uhr Morgens wurde Grey, der sich von seinen Freunden entfernt hatte, von zwei Sussexer Spionen ergriffen. Er ergab sich in sein Schicksal mit der Ruhe eines Mannes, dem die Ungewißheit unerträglicher war als die sichere Aussicht auf seinen Untergang. „Seit unsrer Landung“, sagte er, „habe ich weder eine einzige ordentliche Mahlzeit, noch eine ruhige Nacht gehabt.“ Man konnte kaum daran zweifeln, daß der Hauptrebell nicht weit entfernt war, und die Verfolger verdoppelten daher ihre Wachsamkeit und Thätigkeit. Lumley ließ alle auf dem Haidelande an den Grenzen von Dorsetshire und Hampshire zerstreut liegenden Hütten genau durchsuchen, und der Landmann, mit welchem Monmouth die Kleider gewechselt hatte, wurde entdeckt. Portman kam mit einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk, um Lumley bei seinen Nachforschungen zu unterstützen. Bald wurde ihre Aufmerksamkeit auf eine Stelle gelenkt, die sich zum Versteck für Flüchtlinge vortrefflich eignete. Es war ein bedeutender Landstrich, welcher durch ein Gehege von dem offnen Lande getrennt und durch zahlreiche Hecken in kleine Feldparcellen abgetheilt war. Auf einigen dieser Felder waren der Roggen, die Erbsen und der Hafer hoch genug, um einen Menschen zu verbergen; andere waren mit Farrnkraut und Brombeersträuchern bedeckt. Eine arme Frau berichtete, daß sie in dem Gehege zwei Fremde gesehen habe, die sich zu verbergen schienen. Die nahe Aussicht auf eine Belohnung erhöhte den Eifer der Truppen. Es wurde verabredet, daß jeder Mann, der bei der Durchsuchung seine Pflicht thue, einen Antheil von den versprochenen fünftausend Pfund bekommen sollte. Die äußere Umzäunung wurde mit Wachen besetzt und der innre Raum mit unermüdlicher Sorgfalt durchforscht; mehrere gute Spürhunde durchsuchten das Gebüsch. Der Abend brach herein, ehe das Geschäft beendigt war, aber die ganze Nacht hindurch wurde sorgfältig Wache gehalten. Wohl dreißigmal wagten es die Flüchtlinge, durch die äußere Umzäunung zu blicken, aber überall fanden sie eine aufmerksam umherspähende Schildwache. Einmal wurden sie gesehen und auf sie geschossen; dann trennten sie sich und verbargen sich in verschiedenen Schlupfwinkeln.
Seine Gefangennehmung. Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch begann das Suchen von neuem und Buyse wurde gefunden. Er gestand, daß er sich erst vor wenigen Stunden von dem Herzoge getrennt habe. Das Getreide und das Gesträuch wurde nun mit noch größerer Sorgfalt untersucht. Endlich wurde eine abgezehrte Gestalt in einem Graben gefunden. Die Verfolger stürzten sich auf ihre Beute und einige von ihnen wollten feuern, aber Portman verbot jede Gewaltthätigkeit. Der Gefangne trug die Kleidung, eines Hirten, sein frühzeitig ergrauter Bart war seit mehreren Tagen nicht rasirt. Er zitterte heftig und konnte nicht sprechen. Selbst Diejenigen, die ihn oft gesehen hatten, zweifelten anfangs, ob dies wirklich der glänzende und liebenswürdige Monmouth sei. Portman untersuchte seine Taschen und fand darin unter grünen Erbsen, die er in seinem quälenden Hunger abgepflückt hatte, eine Uhr, eine mit Gold gefüllte Börse, ein kleines Werk über die Befestigungskunst, ein Album mit Gedichten, Recepten, Gebeten und Zaubersprüchen, und den St. Georg, mit dem König Karl II. vor vielen Jahren seinen Lieblingssohn geschmückt hatte. Es wurden nun sogleich Boten mit der erfreulichen Nachricht nach Whitehall abgesandt und der Gefangene unter starker Bedeckung nach Ringwood gebracht.104
So war denn Alles verloren und es blieb ihm nichts mehr übrig, als daß er sich vorbereitete, dem Tode so entgegenzugehen, wie es einem Manne ziemte, der sich nicht für unwürdig gehalten, die Kronen Wilhelm’s des Eroberers und Richard’s Löwenherz, des Helden von Cressy und des Helden von Agincourt zu tragen. Der Gefangne hätte sich leicht noch anderer Beispiele aus seiner Familie erinnern können, welche auf seine gegenwärtige Lage besser paßten. In einem Zeitraume von hundert Jahren waren zwei Souveraine, deren Blut in seinen Adern floß, darunter ein zartes Weib, in der nämlichen Lage gewesen, in der er sich jetzt befand. Sie hatten im Gefängniß und auf dem Schaffot einen Heldenmuth gezeigt, dessen sie in den Tagen des Glücks nicht fähig gewesen waren, und hatten ihre großen Fehler und Verbrechen zum Theil gesühnt, indem sie Alles, was ihre siegreichen Feinde ihnen zufügen konnten, mit christlicher Ergebung und majestätischer Würde ertrugen. Der Feigheit war Monmouth nie beschuldigt worden, und hätte es ihm auch an natürlichem Muthe gefehlt, so ließ sich erwarten, daß dieser Mangel durch den Stolz und die Verzweiflung ersetzt werden würde. Die Augen der ganzen Welt waren auf ihn gerichtet; die spätesten Geschlechter sollten es erfahren, wie er sich in dieser kritischen Lage gezeigt hatte. Er war es den wackeren Landleuten im Westen schuldig, ihnen zu beweisen, daß sie ihr Blut nicht für einen ihrer Aufopferung unwürdigen Führer vergossen hatten, und dem Weibe, die ihm Alles geopfert, war er es schuldig, sich so zu benehmen, daß sie wohl um ihn weinen durfte, sich seiner aber nicht zu schämen brauchte. Ihm stand es nicht an, zu jammern und um Gnade zu flehen; auch mußte ihm schon sein Verstand sagen, daß er durch Klagen und Bitten nichts erreichen würde. Er hatte etwas gethan, was nie vergeben werden konnte, und er war in der Gewalt eines Mannes, der nie vergab.
Aber Monmouth’s Muth war nicht jener erhabne Muth, der das Resultat der Überlegung und der Selbstachtung ist; die Natur hatte ihm keines jener starken Herzen verliehen, denen weder Mißgeschick noch Gefahren ein Zeichen von Schwäche entreißen können. Sein Muth wuchs und sank nach Maßgabe der auf ihn einwirkenden äußeren Eindrücke. Auf dem Schlachtfelde wurde er durch die Aufregung des Kampfes, durch die Hoffnung auf den Sieg und durch den mächtigen Einfluß der Sympathie aufrecht erhalten. Alle diese Stützpunkte waren ihm jetzt entzogen. Das verwöhnte Schooßkind des Hofes und des Volks, daran gewöhnt, überall wo er sich zeigte, geliebt und vergöttert zu werden, war jetzt von finsteren Kerkermeistern umgeben, in deren Blicken er sein Schicksal las. Noch einige Stunden düstrer Abgeschiedenheit, und er mußte eines gewaltsamen und schimpflichen Todes sterben. Sein Muth war völlig gebrochen. Das Leben schien ihm werth, durch jede Erniedrigung erkauft zu werden, und sein stets schwacher, jetzt aber noch durch die Angst verwirrter Verstand sah nicht ein, daß Demüthigungen ihn herabwürdigen mußten, aber nicht retten konnten.
Sein Brief an den König. Sogleich nach seiner Ankunft in Ringwood schrieb er an den König. Aus seinem Briefe sprach feige Angst, die kein Ehrgefühl mehr kennt. Er versicherte in Ausdrücken der heftigsten Verzweiflung, daß er seinen Verrath bereue und daß es zu der Zeit, als er seinen Verwandten versprach, keine Unruhen in England hervorzurufen, sein fester Vorsatz gewesen sei, sein Wort zu halten. Leider hätten nachher einige abscheuliche Menschen ihn seiner Unterthanentreue entfremdet, indem sie sein Blut durch Verleumdungen erhitzten und seinen Verstand durch Sophismen irreleiteten; jetzt aber verabscheue er sie sowohl als sich selbst. In kläglichen Ausdrücken flehte er um die Gunst einer Unterredung mit dem Könige. Es handle sich um ein Geheimniß, das er dem Papiere nicht anvertrauen könne, um ein Geheimniß, das in einem einzigen Worte enthalten sei und das, wenn er es ihm mittheile, den Thron gegen jede Gefahr sicherstellen werde. Am folgenden Tage schrieb er auch noch an die Königin Wittwe und an den Lordschatzmeister, die er beide dringend bat, sich für ihn zu verwenden.105
Das Erstaunen war groß, als es in London bekannt wurde, wie tief er sich erniedrigt hatte, und Niemand wunderte sich mehr darüber, als Barillon, der zwei blutige Proscriptionen in England erlebt und zahlreiche Opfer, sowohl von der Opposition als vom Hofe, gesehen hatte, die sich ohne weibisches Flehen und Jammern in ihr Schicksal ergaben.106
Er wird nach London abgeführt. Monmouth und Grey blieben zwei Tage in Ringwood und wurden dann unter Bedeckung eines starken Detaschements regulärer Truppen und Milizen nach London abgeführt. Im Wagen des Herzogs saß ein Offizier, welcher Befehl hatte, den Gefangnen sofort niederzustoßen=, wenn er einen Fluchtversuch machen sollte. Auf dem ganzen Wege war in jeder Stadt die Miliz der Umgegend unter dem Commando der vornehmsten Gentry versammelt. Die Reise dauerte drei Tage und endete zu Vauxhall, wo ein von Georg Legge, Lord Dartmouth, befehligtes Regiment die Gefangenen in Empfang nahm. Sie wurden hierauf zu Wasser in einer Staatsbarke nach Whitehall gebracht. Lumley und Portman hatten abwechselnd Tag und Nacht den Herzog bewacht, bis sie ihn wohlbehalten in den Mauern des Palastes ablieferten.107
Sowohl Monmouth’s als auch Grey’s Benehmen während der Reise erfüllte jeden Beobachter mit Erstaunen; Monmouth war gänzlich zu Boden geschmettert; Grey dagegen war nicht nur gefaßt, sondern sogar heiter, sprach ganz vergnügt von Pferden und Hunden, von Jagd und Wettrennen, und machte selbst scherzhafte Anspielungen auf die gefährliche Lage, in der er sich befand.
Man kann den König wegen seines Entschlusses, daß Monmouth den Tod erleiden sollte, nicht tadeln. Wer sich an die Spitze eines Aufstandes gegen die bestehende Regierung stellt, setzt sein Leben aufs Spiel, und Auflehnung gegen die königliche Gewalt war nur der geringste Theil von Monmouth’s Verbrechen. Er hatte seinem Oheim einen Krieg ohne Pardon erklärt. In dem zu Lyme erlassenen Manifeste war Jakob als Brandstifter, als Meuchelmörder, der einen Unschuldigen erdrosselt und einem Andren die Kehle abgeschnitten, und schließlich als Vergifter seines eignen Bruders der öffentlichen Verwünschung preisgegeben worden. Einen Freund zu schonen, der sich kein Gewissen daraus gemacht, zu so schändlichen Mitteln zu greifen, würde ein Act seltner, vielleicht tadelnswerther Großmuth gewesen sein; ihn aber zu empfangen und dann nicht zu schonen, dies war ein Frevel an der Humanität und der Schicklichkeit.108 Der König beging diesen Frevel. Dem Gefangnen wurden vermittelst einer seidnen Schnur die Hände auf den Rücken gebunden, und nachdem man ihn auf diese Weise unschädlich gemacht, wurde er bei dem unversöhnlichen Verwandten, den er so schwer beleidigt hatte, eingeführt.
Seine Unterredung mit dem Könige. Monmouth warf sich nieder und kroch bis zu den Füßen des Königs. Er weinte und versuchte mit seinen gefesselten Armen die Knie seines Oheims zu umfassen; er flehte um sein Leben, nur um sein Leben, um sein Leben um jeden Preis. Er gestand, daß er sich eines großen Verbrechens schuldig gemacht habe, versuchte es aber, die Schuld auf Andere zu wälzen, namentlich auf Argyle, der eher seine Füße in die spanischen Stiefeln gesteckt, als sein Leben durch eine solche Gemeinheit gerettet haben würde. Bei den Banden der Verwandtschaft, bei dem Gedächtniß des verstorbnen Königs, des besten und aufrichtigsten Bruders, beschwor der Unglückliche den König, einige Gnade walten zu lassen. Jakob erwiederte in ernstem Tone, diese Reue komme zu spät, er bedaure das Unglück, das der Gefangne selbst über sich gebracht habe, aber der Fall sei nicht geeignet, zur Milde zu stimmen. Der Herzog habe eine mit den abscheulichsten Verleumdungen angefüllte Erklärung erlassen und sich den Königstitel angemaßt; für einen unter so erschwerenden Umständen verübten Verrath könne es diesseit des Grabes keine Verzeihung geben. Der unglückliche Herzog betheuerte, daß er nie nach dem Besitz der Krone getrachtet habe, sondern daß er nur durch Andere zu dem unheilvollen Beginnen verleitet worden sei. Die Erklärung habe er nicht geschrieben, ja nicht einmal gelesen, er habe sie unterzeichnet, ohne sie nur anzusehen, sie sei lediglich das Werk Ferguson’s, des blutdürstigen Schurken Ferguson. „Ihr werdet mich doch nicht glauben machen wollen“, sagte Jakob mit nur zu wohl verdienter Verachtung, „daß Ihr Euren Namen unter ein Dokument von solcher Bedeutung setztet, ohne den Inhalt desselben zu kennen?“ Jetzt blieb nur noch eine Stufe der Infamie übrig, und selbst zu dieser stieg der Gefangne herab. Er war vorzugsweise als Vertheidiger der protestantischen Religion aufgetreten. Das Interesse dieses Glaubens war der Vorwand gewesen, unter dem er sich gegen die Regierung seines Vaters verschwor und die Drangsale eines Bürgerkrieges über sein Vaterland brachte; dennoch schämte er sich nicht, anzudeuten, daß er geneigt sei, sich mit der römischen Kirche wieder auszusöhnen. Der König bot ihm bereitwilligst geistlichen Beistand an, sagte aber kein Wort von Begnadigung oder Aufschub. „Ich habe also keine Hoffnung?“ fragte Monmouth. Jakob wendete sich schweigend von ihm ab. Der Herzog raffte nun seinen ganzen Muth zusammen, erhob sich und verließ mit einer Festigkeit, die er seit seinem Sturze noch nicht gezeigt hatte, das Gemach.109
Nach ihm wurde Grey eingeführt. Er benahm sich mit so edlem Anstande und solcher Fassung, daß selbst der finstre und rachsüchtige König davon ergriffen wurde, gestand seine Schuld offen ein, versuchte es nicht, sich zu entschuldigen, und ließ sich nicht ein einziges Mal herab, um sein Leben zu bitten. Beide Gefangene wurden zu Wasser in den Tower geschickt. Es gab keinen Tumult, aber viele Tausende suchten mit ängstlicher und betrübter Miene einen Blick auf die Gefangenen zu werfen. Den Herzog verließ seine Festigkeit wieder, sobald er dem Könige aus dem Gesicht war. Auf dem Wege in sein Gefängniß bejammerte er laut sein Geschick, klagte seine Anhänger an und bat in erniedrigender Weise Dartmouth um seine Verwendung. „Ich weiß, Mylord,“ sagte er zu ihm, „daß Sie meinen Vater liebten. Um seinetwillen und um Gotteswillen versuchen Sie es, Gnade für mich zu erwirken!“ Dartmouth antwortete ihm, der König habe die Wahrheit gesagt: ein Unterthan, der sich den Königstitel angemaßt, habe sich selbst jeder Hoffnung auf Gnade begeben.110
Bald nach seiner Ankunft im Tower wurde Monmouth gemeldet, daß seine Gemahlin auf königlichen Befehl zu ihm gesandt sei, um ihn zu besuchen. Sie war begleitet vom Geheimsiegelbewahrer, Earl von Clarendon. Ihr Gemahl empfing sie sehr kalt und sprach fast nur mit Clarendon, den er dringend um seine Fürsprache bat. Der Earl machte ihm keine Hoffnung, und noch den nämlichen Abend kamen zwei Prälaten, Turner, Bischof von Ely, und Ken, Bischof von Bath und Wells, mit einer feierlichen Botschaft vom Könige in den Tower. Es war Montag Nacht. Am Mittwoch Morgen sollte Monmouth sterben.
Er war heftig erschüttert, alles Blut trat aus seinen Wangen, und es dauerte eine Weile, ehe er sprechen konnte. Den größten Theil der kurzen Zeit, die ihm noch vergönnt war, verschwendete er in nutzlosen Versuchen, wenn nicht Begnadigung, doch einen Aufschub zu erlangen. Er schrieb klägliche Briefe an den König und an mehrere Höflinge, aber vergebens. Von Seiten des Hofes wurden einige katholische Geistliche zu ihm gesandt, sie überzeugten sich jedoch bald, daß er zwar gern durch Abschwörung des Glaubens, als dessen Vertheidiger er sich ganz speciell erklärt hatte, sein Leben erkaufen würde, daß er aber, wenn er einmal sterben müßte, eben so gern ohne ihre Absolution als mit derselben sterben würde.111
Ken und Turner waren mit seiner Gemüthsverfassung nicht viel zufriedener. Die Lehre von der Verwerflichkeit des Widerstandes war nach ihrer eigenen wie nach der Ansicht ihrer Berufsgenossen das unterscheidende Merkmal der anglikanischen Kirche. Die beiden Bischöfe drangen in Monmouth, er solle zugestehen, daß er durch seine bewaffnete Auflehnung gegen die Regierung eine große Sünde begangen habe; aber sie fanden ihn in diesem Punkte entschieden heterodox. Und dies war nicht seine einzige Ketzerei. Er behauptete, sein Verhältniß mit Lady Wentworth sei in den Augen Gottes tadellos. Er sei schon als Knabe vermählt worden und habe sich nie um die Herzogin gekümmert; er habe daher das Glück, das er in seiner Häuslichkeit nicht gefunden, in einer Reihenfolge lockerer Liebschaften gesucht, welche die Religion und die Moral verdammten. Henriette habe ihn seinem lasterhaften Lebenswandel entrissen, ihr sei er beständig treu geblieben. In gemeinschaftlichem Gebet hätten sie den Himmel um seine göttliche Leitung angefleht und nach solchem Gebet hätten sie ihre gegenseitige Zuneigung jedesmal stärker gefunden, so daß sie nicht länger hätten zweifeln können, daß ihre Verbindung in den Augen Gottes so gut wie eine gesetzliche Ehe sei. Die beiden Bischöfe waren so entrüstet über diese Auffassung des ehelichen Verhältnisses, daß sie sich weigerten, dem Gefangenen das Abendmahl zu reichen. Alles, was sie von ihm erlangen konnten, war das Versprechen, daß er in der letzten Nacht, die er noch zu leben hatte, den Himmel um Erleuchtung bitten wolle, wenn er im Irrthum sei.
Am Mittwoch Morgen kam auf sein besonderes Ansuchen Dr. Thomas Tenison, welcher damals Vikar zu St. Martin war und sich in diesem wichtigen Amte die hohe Achtung des Publikums erworben hatte, in den Tower. Der Herzog erwartete von Tenison, dessen gemäßigte Ansichten bekannt waren, mehr Nachsicht als Ken und Turner gegen ihn zu üben geneigt waren. Welcher Ansicht aber Tenison auch in Betreff des Nichtwiderstandes sein mochte, den letztem Aufstand hielt er für übereilt und strafbar, und Monmouth’s Begriff von der Ehe betrachtete er als einen höchst gefährlichen Irrwahn. Monmouth blieb jedoch hartnäckig bei seiner Meinung. Er habe Gott gebeten, daß er ihn erleuchten möge, sagte er; aber seine Ansichten seien unverändert geblieben, und er könne daher nicht zweifeln, daß es die richtigen seien. Tenison’s Ermahnungen waren indessen in einem milderen Tone gehalten als die der Bischöfe. Aber auch er war, gleich ihnen, der Meinung, daß er es nicht verantworten könne, wenn er einem Manne, dessen Bußfertigkeit so unbefriedigend sei, das Abendmahl reichte.112
Die Stunde rückte immer näher heran, jede Hoffnung war geschwunden, und Monmouth’s kleinmüthige Angst hatte sich in gefühllose Verzweiflung verwandelt. Seine Kinder wurden in Begleitung ihrer Mutter bei ihm eingeführt, damit er Abschied von ihnen nehme. Er sprach freundlich, aber ohne Rührung mit seiner Gemahlin. Obgleich sie eine Frau von großer Seelenstärke war und wenig Ursache hatte, ihn zu lieben, so war ihr Schmerz doch so heftig, daß keiner der Umstehenden sich der Thränen enthalten konnte. Er allein blieb ungerührt.113
Seine Hinrichtung. Es war zehn Uhr. Der Wagen des Gouverneurs vom Tower stand bereit. Monmouth bat seine geistlichen Beistände, daß sie ihn auf den Richtplatz begleiten möchten; sie willigten ein, sagten ihm aber, daß er, ihrer Überzeugung nach, dem Tode in einem gefährlichen Seelenzustande entgegengehe und daß es ihre Pflicht sei, bis zum letzten Augenblicke Ermahnungen an ihn zu richten. Als er durch die Reihen der Garden fuhr, begrüßte er sie mit einem Lächeln und bestieg mit festem Schritte das Schaffot. Tower Hill war bis zu den Spitzen der Schornsteine mit einer unzähligen Zuschauermenge bedeckt die in ehrerbietiger, nur durch Weinen und Schluchzen unterbrochener Stille den letzten Worten des Lieblings des Volkes lauschten. „Ich werde wenig sagen,“ hob er an. „Ich komme hierher, nicht um zu sprechen, sondern um zu sterben. Ich sterbe als Protestant der englischen Kirche.“ Die Bischöfe unterbrachen ihn, indem sie sagten, daß er kein Mitglied ihrer Kirche sei, wenn er nicht den Widerstand als sündhaft anerkenne. Er sprach nun von seiner Henriette. Sie sei eine tugendhafte und ehrenwerthe junge Dame, sagte er; er liebe sie bis zum letzten Augenblicke und könne nicht sterben, ohne seine Gefühle zu äußern. Die Bischöfe unterbrachen ihn abermals und baten ihn, keine solche Sprache zu führen. Es entspann sich ein kurzer Wortwechsel. Man hat den Geistlichen zu große Härte gegen den Sterbenden vorgeworfen; aber sie entledigten sich nur einer ihrer Überzeugung nach heiligen Pflicht. Monmouth kannte ihre Grundsätze, und wenn er ihre lästige Zusprache nicht wünschte, so hätte er ihre Begleitung ablehnen sollen. Ihre gewöhnlichen Argumente für die Verwerflichkeit des Widerstandes äußerten keine Wirkung auf ihn. Als sie ihn aber an das Unglück erinnerten, das er über seine wackeren und ihn liebenden Anhänger gebracht, an das vergossene Blut und an die vielen Seelen, welche unvorbereitet vor den höchsten Richterstuhl gesandt worden, da ward er tief ergriffen und sagte mit sanfter Stimme: „Ja, ich gestehe es, es thut mir leid, daß es geschehen ist.“ Sie beteten hierauf lange und inbrünstig mit ihm, und er stimmte in ihre Gebete ein, bis sie für den König des Himmels Segen erflehten. Hier schwieg er. „Betet Ihr nicht mit uns für den König, Sir?“ fragte einer der Umstehenden. Monmouth schwieg noch eine Weile und nach einem heftigen inneren Kampfe sagte er: „Amen“. Vergebens aber forderten die Prälaten ihn auf, an die Soldaten und das versammelte Volk einige Worte über die Pflicht des Gehorsams gegen die Regierung zu richten. „Ich will keine Rede halten,“ rief er aus; „nur zehn Worte, Mylord.“ Er wendete sich um, rief seinen Diener und händigte ihm eine Zahnstocherbüchse ein, das letzte Unterpfand einer unglücklichen Liebe. „Dies gieb jener Person,“ sagte er zu ihm. Hierauf wendete er sich zu Johann Ketch, dem Scharfrichter, einem Elenden, der schon manch muthiges und edles Opfer hingeschlachtet und dessen Namen das Volk noch ein und ein halbes Jahrhundert lang Allen, die ihm in seinem widerlichen Amte folgten, beilegte114. „Hier,“ sagte der Herzog, „sind sechs Guineen für Euch. Aber hackt mich nicht, wie Ihr es bei Lord Russel gethan habt. Ich habe gehört, daß Ihr drei- oder viermal nach ihm schluget. Mein Diener soll Euch noch etwas Geld geben, wenn Ihr Eure Sache gut macht.“ Er entkleidete sich sodann, untersuchte die Schneide des Beils, äußerte die Besorgniß, daß es wohl nicht scharf genug sei, und legte endlich das Haupt auf den Block. Währenddem riefen die Geistlichen beständig mit großem Eifer aus: „Gott nehme Eure Reue an! Gott nehme Eure unvollkommene Reue an!“
Der Henker schickte sich an, sein Geschäft zu verrichten; aber die Worte des Herzogs hatten ihn aus der Fassung gebracht. Der erste Hieb brachte ihm nur eine leichte Wunde bei. Der Herzog erhob sich schwankend von dem Blocke und sah den Scharfrichter vorwurfsvoll an. Dann ließ er das Haupt wieder auf den Block sinken. Der Scharfrichter schlug noch einmal und noch einmal; aber noch war der Kopf nicht vom Rumpfe getrennt, der sich aufs neue bewegte. Ein Geschrei des Entsetzens und des Unwillens erhob sich unter der Menge. Mit einem Fluche warf Ketch das Beil zu Boden. „Ich kann es nicht thun“, sagte er, „das Herz bricht mir!“ — „Hebe das Beil auf, Mensch!“ rief der Sheriff. „Werft ihn über das Geländer!“ brüllte der Pöbel. Endlich wurde das Beil wieder aufgehoben und zwei neue Schläge verlöschten den letzten Lebensfunken; aber der Kopf mußte noch mit einem Messer vollends von den Schultern getrennt werden. Das Volk war so außer sich vor Wuth, daß der Scharfrichter in Gefahr war, in Stücke zerrissen zu werden und daß er unter starker Bedeckung abgeführt werden mußte115.
Inzwischen wurden viele Tücher in das Blut des Herzogs getaucht, denn ein großer Theil der Menge betrachtete ihn als einen Märtyrer, der für den protestantischen Glauben gestorben war. Kopf und Rumpf wurden in einen mit schwarzen Sammet bedeckten Sarg gelegt und in aller Stille unter dem Abendmahlstische der St. Peterskapelle im Tower beigesetzt. Vier Jahre später wurden die Steinplatten des Altarplatzes wieder aufgehoben und dicht neben Monmouth’s Hülle die Überreste Jeffreys’ gelegt. Es giebt in Wahrheit keine traurigere Grabstätte in der Welt als dieser kleine Platz. Die dort liegenden Todten erinnern nicht, wie in der Westminsterabtei und in der Paulskirche, an Genie und Tugend, nicht, wie in unseren bescheidensten Kirchen und Gottesäckern, an Alles, was der gesellschaftlichen und häuslichen Liebe am theuersten ist, sondern an die dunkelsten Seiten des menschlichen Characters und Schicksals, an den wilden Triumph unerbittlicher Feinde, an die Unbeständigkeit, Undankbarkeit und Feigheit treuloser Freunde, an all’ das Elend gefallener Größe und verblichenen Glanzes. Dorthin wurden Jahrhunderte hindurch auf den Schultern rauher Kerkerknechte, ohne Trauergeleite, die blutenden Überreste von Männern getragen, welche Befehlshaber von Armeen, Führer von Parteien, Orakel von Senaten und Zierden souverainer Höfe gewesen waren. Dorthin wurde, unter dem Fenster vorüber, an welchem Johanna Grey betete, der zerrissene Leichnam Guildford Dudley’s getragen. Dort ruht Eduard Seymour, Herzog von Somerset und Protector des Reiches, an der Seite des Bruders, den er ermordet. Dort modert der kopflose Rumpf Johann Fisher’s, Bischofs von Rochester und Cardinals von St. Vitalis, eines Mannes; der zu einer besseren Zeit zu leben und für eine bessere Sache zu sterben verdient hätte. Dort liegen Johann Dudley, Herzog von Northumberland und Lordgroßadmiral, und Thomas Cromwell, Earl von Essex und Lordoberschatzmeister. Dort liegt auch noch ein andrer Essex, an den die Natur und das Glück ihre herrlichsten Gaben umsonst verschwendet hatten, den Tapferkeit, Anmuth, Genie, königliche Gunst und Beifall des Volks zu einem frühzeitigen und schmachvollen Untergange führten. Nicht weit davon ruhen zwei Oberhäupter des großen Hauses Howard, Thomas, vierter Herzog von Norfolk, und Philipp, elfter Earl von Arundel. Zwischen den zahlreichen Gräbern unruhiger und ehrgeiziger Staatsmänner zerstreut schlummern daselbst auch zartere Dulder: Margarethe von Salisbury, die letzte des stolzen Namens Plantagenet, und die beiden schönen Königinnen, welche Heinrich’s eifersüchtiger Wuth zum Opfer fielen. Mit solchem Staub ward Monmouth’s Staub vermischt.116
Noch wenige Monate, und das friedliche Dorf Toddington in Bedfordshire sah ein noch erschütternderes Leichenbegängniß. Unweit dieses Dorfes stand ein altes, stattliches Schloß, der Stammsitz der Wentworth. Das Querschiff der Pfarrkirche war seit langer Zeit ihr Begräbnißplatz. In dieser Grabstätte ward im ersten Frühling nach Monmouth’s Tode der Sarg der jungen Baronesse Wentworth von Nettlestede getragen. Ihre Familie ließ ihr ein prächtiges Mausoleum errichten; aber ein viel einfacheres Erinnerungszeichen an sie wurde lange mit weit größerer Theilnahme betrachtet. Ihr Name, von der Hand des Mannes eingeschnitten, den sie nur zu sehr liebte, war noch mehrere Jahre nachher an einem Baume des anstoßenden Parkes zu erkennen.
Wie das niedere Volk sein Andenken ehrte. Lady Wentworth war nicht die Einzige, die das Andenken des Herzogs mit abgöttischer Liebe ehrte. Er lebte fort in den Herzen des Volks, bis das Geschlecht, das ihn gesehen hatte, verschwunden war. Bänder, Schnallen und andere geringfügige Kleinigkeiten, die er an sich getragen, wurden von Denen, welche bei Sedgemoor unter ihm gefochten hatten, wie kostbare Reliquien aufbewahrt. Alte Leute, die ihn lange überlebten, sprachen in ihrer Sterbestunde den Wunsch aus, daß man ihnen diese Kleinigkeiten mit in’s Grab geben möchte. Ein Knopf von Goldlahn, der mit Mühe diesem Schicksale entging, ist noch in einem Hause zu sehen, von welchem aus man das Schlachtfeld überblickt. Das Volk hing mit einer solchen Zärtlichkeit an seinem unglücklichen Lieblinge, daß trotz der augenfälligsten Beweise, die seinen Tod betätigten, Viele noch immer die Hoffnung hegten, daß er lebe und bald wieder bewaffnet erscheinen werde. Es hieß, ein Mann, der dem Herzoge auffallend ähnlich sähe, habe sich selbst aufgeopfert, um den Helden des Protestantismus zu retten. Bei jeder politischen Krisis von einiger Wichtigkeit flüsterte das gemeine Volk sich zu, die Zeit sei nahe und König Monmouth werde sich bald zeigen. Im Jahre 1686 wurde ein Betrüger, der sich für den Herzog ausgegeben und in verschiedenen Dörfern von Wiltshire Gelder eingesammelt hatte, eingefangen und von Newgate nach Tyburn gepeitscht. Im Jahre 1698, nachdem England schon lange unter einem neuen Herrscherstamme constitutionelle Freiheit genoß, gab sich der Sohn eines Gastwirths bei den Freisassen von Sussex für ihren geliebten Monmouth aus und täuschte Viele, die keineswegs der untersten Klasse angehörten. Es wurden fünfhundert Pfund Sterling für ihn gesammelt, die Pächter schenkten ihm ein Pferd, ihre Frauen schickten ihm ganze Körbe voll Hühner und Enten und man sagte sogar, daß sie auch zärtlichere Gunstbezeigungen an ihn verschwendeten, denn im Punkte der Galanterie wenigstens war der Doppelgänger ein nicht unwürdiger Repräsentant des Originals. Als dieser Mensch wegen seines Betrugs in’s Gefängniß geworfen wurde, verschafften ihm seine Anhänger dort alle möglichen Genüsse. Viele erschienen bei den Sitzungen der Assisen von Horsham, um ihn durch ihre Anwesenheit zu ermuthigen. Die Täuschung währte noch immer fort als Georg III. bereits drei Jahre auf dem Throne saß, bis Voltaire es endlich für nöthig hielt, allen Ernstes die Muthmaßung zu entkräften, daß der Mann mit der eisernen Maske der Herzog von Monmouth sei.117