Geschichte von England (continued 6)
Wilhelm Beseler translation
Feindseligkeit der Stämme. Es könnte demnach scheinen, daß sich der irische Katholik in einer Lage befunden hätte, um die ihn seine englischen und schottischen Brüder wohl beneiden durften. In der Wirklichkeit aber war seine Lage trauriger und erbitternder als die ihrige, denn wurde er auch nicht als Katholik verfolgt, so wurde er doch als Irländer bedrückt. In seinem Vaterlande trennte dieselbe Scheidelinie, welche die Confessionen trennte, auch die Stämme, und er gehörte dem überwundenen, unterjochten und mit Füßen getretenen Stamme an. Auf dem nämlichen Boden wohnten zwei Bevölkerungen, örtlich mit einander vermischt, aber moralisch und politisch gesondert. Der Glaubensunterschied war keineswegs der einzige und vielleicht nicht einmal der Hauptunterschied, der zwischen ihnen stattfand. Sie waren verschiedenen Stämmen entsprossen, sie sprachen verschiedene Sprachen, sie hatten verschiedene Nationalcharactere, die einander so ganz entgegengesetzt waren, als nur irgend zwei Nationalcharactere in Europa, und endlich standen sie auch auf weit verschiedenen Stufen der Bildung. Zwischen zwei solchen Bevölkerungen konnte unmöglich eine große Sympathie herrschen, und Jahrhunderte von Drangsal und Unbill hatten sogar eine starke Antipathie erzeugt. Das Verhältniß der Minderheit zu der Mehrheit glich dem, in welchem das Heer Wilhelm’s des Eroberers zu den sächsischen Bauern, oder die Mannschaft des Cortez zu den Indianern von Mexiko stand.
Der Name Iren wurde damals ausschließlich den Celten und denjenigen Familien gegeben, welche, obgleich nicht celtischen Ursprungs, doch im Laufe der Zeiten celtische Sitten und Gebräuche angenommen hatten. Diese Leute, an Zahl wahrscheinlich etwas unter eine Million Seelen stark, waren mit wenigen Ausnahmen Anhänger der römischen Kirche. Unter ihnen wohnten etwa zweihunderttausend Ansiedler, die auf ihr sächsisches Blut und auf ihren protestantischen Glauben stolz waren.151
Das eingeborne Landvolk. Das große numerische Übergewicht wurde auf der andren Seite durch eine große Überlegenheit an Intelligenz, Thatkraft und Organisation mehr als aufgewogen. Die englischen Ansiedler scheinen in Kenntnissen, Energie und Ausdauer eher über als unter dem Durchschnittsmaße der Bevölkerung des Mutterlandes gestanden zu haben. Das eingeborne Landvolk dagegen befand sich fast in einem Zustande von Wildheit. Sie arbeiteten nicht eher, als bis sie den Stachel des Hungers fühlten, und waren mit geringeren Bequemlichkeiten zufrieden, als man sie in glücklicheren Ländern den Hausthieren gewährt. Schon war die Kartoffel, ein Knollengewächs, das fast ohne Kunst, Betriebsamkeit und Kapital erbaut werden kann, die Hauptnahrung des gemeinen Volks geworden.152 Von einem so genährten Volke waren Fleiß und Sorge für die Zukunft nicht zu erwarten. Schon wenige Meilen von Dublin sah der Reisende auf dem fruchtbarsten und üppigsten Boden der Welt mit wahrhaftem Ekel die erbärmlichen Höhlen, aus denen ihm schmutzige und halbnackte Barbaren wild anstarrten.153
Der eingeborne Adel. Der eingeborne Adel besaß noch in nicht gewöhnlichem Maße seinen Geburtsstolz, hatte aber den Einfluß verloren, den Reichthum und Macht verleihen. Seine Ländereien hatte Cromwell unter seine Anhänger vertheilt. Es war zwar ein Theil des von ihm in Beschlag genommenen großen Gebiets nach der Wiedereinsetzung des Hauses Stuart den früheren Eigenthümern zurückgegeben worden, aber den bei weitem größten Theil hatten noch immer englische Emigranten unter Garantie einer Parlamentsacte im Besitz. Diese Acte war ein Vierteljahrhundert in Kraft gewesen und während dieser Zeit hatten unzählige Verpfändungen, Verträge, Verkäufe und Verpachtungen stattgefunden. Die alte irische Gentry war über die ganze Welt zerstreut. An allen Höfen und in allen Armeen des Continents wimmelte es von Abkömmlingen milesischer Häuptlinge. Die beraubten Eigenthümer, welche in der Heimath zurückgeblieben waren, brüteten finster über ihren Verlust, sehnten sich nach dem ihnen entrissenen Reichthum und Ansehen und nährten wilde Hoffnungen auf eine neue Umwälzung. Eine dieser Klasse angehörende Person wurde von ihren Landsleuten als ein Gentleman geschildert, der reich sein würde, wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, der ein schönes Gut hätte, wenn er es nur bekommen könnte.154 Er ergriff selten einen friedlichen Beruf, denn er betrachtete den Handel als eine entehrendere Erwerbsquelle als den Raub. Zuweilen wurde er ein Freibeuter; zuweilen fristete er auch sein Leben dem Gesetze zum Trotz durch das, was man coshering nannte, das heißt, indem er sich von den ehemaligen Pächtern seiner Familie füttern ließ, welche bei allem Elend ihrer eigenen Lage doch dem Manne, den sie noch immer als ihren rechtmäßigen Grundherrn betrachteten, einen Theil ihres kümmerlichen Erwerbs nicht abschlagen konnten.155 Der eingeborne Gentleman, der so glücklich gewesen war, etwas von seinem Grundbesitze zu behalten oder zurückzubekommen, lebte nur zu oft wie der Häuptling eines Indianerstammes und entschädigte sich für die Demüthigungen, die er von dem herrschenden Stamme ertragen mußte, dadurch, daß er seine Vasallen despotisch behandelte, sich einen rohen Harem hielt und sich täglich durch geistige Getränke um Verstand und Vernunft brachte.156 Eine politische Bedeutung hatte er nicht. Zwar war er durch kein Gesetz vom Hause der Gemeinen ausgeschlossen, aber er hatte fast eben so wenig Aussicht, einen Sitz in demselben zu erhalten, als ein Farbiger, in den Senat der Vereinigten Staaten gewählt zu werden. Es war in der That seit der Restauration nur ein einziger Papist in das irische Parlament gewählt worden. Die ganze gesetzgebende und ausübende Gewalt war in den Händen der Ansiedler, und das Übergewicht des herrschenden Stammes wurde durch ein stehendes Heer von siebentausend Mann aufrecht erhalten, auf dessen Eifer für das sogenannte Interesse Englands man zuversichtlich rechnen konnte.157
Eine genaue Untersuchung würde ergeben haben, daß weder das Irenthum, noch das Engländerthum einen völlig homogenen Körper bildete. Der Unterschied zwischen den Iren celtischen Geblüts und den von den Begleitern Strongbow’s und De Burgh’s abstammenden war noch nicht ganz verwischt; die Fitz erlaubten sich zuweilen mit Geringschätzung von den O und Mac zu sprechen, und die O und Mac vergalten diese Geringschätzung zuweilen mit Haß. Unter der vorhergehenden Generation weigerte sich einer der mächtigsten der O’Neill, einem römisch-katholischen Gentleman alt-normännischer Abkunft ein Zeichen von Achtung zu geben. „Sie sagen, die Familie sei schon seit vierhundert Jahren hier. Das bleibt sich gleich, ich hasse den Bauerklotz, als ob er erst gestern hierhergekommen wäre.“158 Es scheint jedoch, daß solche Gesinnungen selten waren und daß die Fehde, welche lange zwischen den eingeborenen Celten und den entarteten Engländern gewüthet hatte, von der heftigeren Fehde, welche beide Racen von den neuen protestantischen Ansiedlern trennte, in den Hintergrund gedrängt worden war.
Zustand der englischen Kolonie. Auch die Kolonie hatte ihre inneren, theils nationalen, theils religiösen Zwistigkeiten. Die Mehrzahl waren Engländer, aber eine starke Minorität war aus dem Süden Schottlands. Die eine Hälfte der Ansiedler gehörte der Staatskirche an, die andre Hälfte waren Dissenters. In Irland aber waren Schotte und Southron (Südländer) durch ihren gemeinsamen sächsischen Ursprung, und Anglikaner und Presbyterianer durch ihren gemeinsamen Protestantismus eng mit einander verbunden. Alle Kolonisten hatten eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames pekuniäres Interesse. Sie waren umgeben von gemeinsamen Feinden und konnten sich nur durch gemeinsame Vorkehrungen und Anstrengungen gegen die Angriffe derselben sichern. Daher waren denn auch die wenigen in Irland gegen protestantische Nonconformisten erlassenen Strafgesetze ein todter Buchstabe.159 Die Bigotterie des starrsten Anglikaners widerstand dem Einflusse der Versetzung über den Georgskanal nicht. Sobald der Kavalier in Irland ankam und sich überzeugte, daß er ohne den herzlichen und muthigen Beistand seiner puritanischen Nachbarn mit seiner ganzen Familie der Gefahr ausgesetzt war, von papistischen Räubern ermordet zu werben, so schwand sein Haß gegen den Puritanismus unwillkürlich mehr und mehr und erlosch endlich ganz. Ausgezeichnete Männer beider Parteien machten die Bemerkung, daß ein Protestant, der in Irland ein Hochtory genannt wurde, in England als ein gemäßigter Whig betrachtet worden wäre.160
Die protestantischen Nonconformisten ihrerseits ertrugen mit mehr Geduld, als man hätte erwarten sollen, den Anblick der absurdesten kirchlichen Verfassung, welche die Welt je gesehen. Vier Erzbischöfe und achtzehn Bischöfe führten die Aufsicht über eine Anzahl von Anglikanern, welche ungefähr den fünften Theil der Gemeindemitglieder des Londoner Kirchspiels betrug. Ein großer Theil der Pfarrgeistlichen waren Pluralisten161 und wohnten entfernt von ihren Gemeinden. Einige von ihnen bezogen von ihren Pfründen ein Einkommen von nahe an tausend Pfund jährlich, ohne daß sie jemals eine geistliche Function verrichteten. Dennoch war diese verkehrte Institution den in Irland angesiedelten Puritanern bei weitem nicht so verhaßt, als den englischen Sectirern die englische Landeskirche. Denn in Irland waren die religiösen Spaltungen den nationalen untergeordnet, und obgleich der Presbyterianer als Theolog die Hierarchie der Staatskirche verwerfen mußte, so sah er doch wieder mit einer Art von Wohlgefallen auf diese Hierarchie, wenn er sie als eine glänzende und prunkende Trophäe des Sieges betrachtete, den der große Stamm, dem er entsprossen war, errungen hatte.162
So hatten die Leiden des irischen Katholiken mit denen des englischen Katholiken kaum etwas gemein. Der Katholik von Lancashire oder von Staffordshire brauchte nur Protestant zu werden, um sogleich seinen Nachbarn in jeder Beziehung gleich zu stehen; wenn aber die Katholiken von Munster oder Connaught auch Protestanten geworden wären, so würden sie deshalb doch ein unterworfenes Volk geblieben sein. Alle Übel, welche der römische Katholik in England zu ertragen hatte, entsprangen aus harten Gesetzen und hätten durch eine liberalere Gesetzgebung beseitigt werden können; die Ungleichheit zwischen den beiden Bevölkerungen Irlands aber war weder durch eine Gesetzgebung entstanden, noch konnte sie durch eine solche gehoben werden. Die Herrschaft, welche eine dieser beiden Bevölkerungen über die andre ausübte, war die Herrschaft des Wohlstandes über die Armuth, der Bildung über die Unwissenheit, des civilisirten über den nicht civilisirten Menschen.
Verfahren, welches Jakob hätte beobachten sollen. Jakob selbst schien beim Beginn seiner Regierung diese Wahrheiten vollkommen erkannt zu haben. Die Verwirrungen in Irland, sagte er, entspringen nicht aus der Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten, sondern aus der Spaltung zwischen Irländern und Engländern.163 Die Folgerungen, die er aus diesem ganz richtigen Vordersatze hätte ziehen können, lagen nahe genug; zum Unglück für ihn und für Irland entgingen sie ihm.
Wenn nur der nationale Haß hätte gemildert werden können, so unterliegt es kaum einem Zweifel, daß auch die religiöse Erbitterung, welche nicht wie in England durch harte Strafgesetze und durch strenge Testacte wach erhalten wurde, von selbst erloschen sein würde. Die Dämpfung eines nationalen Hasses wie der, welcher die beiden Irland bewohnenden Volksstämme gegen einander beseelte, konnte allerdings nicht das Werk einiger Jahre sein. Indessen war es ein Werk, zu dem ein weiser und guter Fürst viel hätte beitragen können, und Jakob würde es mit Vortheilen unternommen haben, wie sie keinem seiner Vorgänger oder seiner Nachfolger zur Seite standen. Als Engländer und zugleich Katholik gehörte er halb der herrschenden, halb der unterworfenen Kaste an und war daher ganz besonders zu einem Vermittler zwischen beiden geeignet. Es ist auch nicht schwer, den Weg zu bezeichnen, den er hätte einschlagen sollen. Er hätte die Unverletzbarkeit der bestehenden Vertheilung des Grundbesitzes beschließen und diesen Beschluß in einer Weise ankündigen sollen, welche die Besorgnisse der neuen Eigenthümer beruhigte und die etwaigen kühnen Hoffnungen der alten Eigenthümer niederschlug. Ob bei dem großen Besitzwechsel Ungerechtigkeiten vorgekommen wären oder nicht, war unwesentlich; dieser Besitzwechsel, mochte er nun gerecht oder ungerecht gewesen sein, hatte vor so langer Zeit stattgefunden, daß ein Umstoß desselben die Grundlagen der Gesellschaft erschüttert haben würde. Es muß für alle Rechte eine Verjährungsfrist geben. Nach fünfunddreißig Jahren factischen Besitzes, nach fünfundzwanzig Jahren eines durch das Gesetz feierlich verbürgten Besitzes, nach zahllosen Verpachtungen und Pachtveränderungen, Verpfändungen und Vermächtnissen war es zu spät, nach Mängeln in den Rechtstiteln zu suchen. Es hätte deshalb immer etwas geschehen können, um die verwundeten Gefühle der irischen Gentry zu heilen und ihrem gesunkenen Wohlstande wieder aufzuhelfen. Die Ansiedler lebten in sehr guten Verhältnissen. Sie hatten ihre Besitzungen durch Bauten, Anpflanzungen und Einzäunungen bedeutend verbessert; die Grundrente hatte sich im Laufe weniger Jahre verdoppelt, der Handel blühte und die Staatseinkünfte, die sich jährlich auf ungefähr dreihunderttausend Pfund beliefen, deckten nicht nur reichlich alle Verwaltungskosten, sondern ergaben auch noch einen Überschuß, der nach England geschickt wurde. Es unterlag keinem Zweifel, daß das nächste in Dublin zusammenkommende Parlament, obgleich es fast ausschließlich das englische Interesse vertrat, in Anerkennung des königlichen Versprechens, dieses Interesse in allen seinen gesetzlichen Rechten zu wahren, bereit sein würde, dem Könige eine sehr bedeutende Summe zu bewilligen, um damit solche eingeborene Familien, welche rechtswidrig beraubt worden waren, wenigstens theilweis zu entschädigen. Auf diese Weise schlichtete in unsrer Zeit die französische Regierung die Streitigkeiten, welche durch die ausgedehnteste Güterconfiscation, die jemals in Europa stattgefunden, hervorgerufen worden waren. So würde auch Jakob, wenn er sich durch seine loyalsten protestantischen Rathgeber hätte leiten lassen, eines der Hauptübel, welche auf Irland lasteten, wenigstens bedeutend gemildert haben.164
Nachdem er dies gethan, hätte er darauf hinarbeiten müssen, die feindlichen Stämme durch unparteiische Beschützung ihrer Rechte und durch Zügelung der Übergriffe Beider mit einander auszusöhnen. Er hätte den Eingebornen, der sich dem zügellosen Übermuthe der Barbarei hingab, mit gleicher Strenge bestrafen sollen, wie den Ansiedler, der das Übergewicht der Civilisation mißbrauchte. So weit die rechtmäßige Autorität der Krone reichte — und sie reichte in Irland weit — hätte Niemand, den seine Rechtschaffenheit und Geschicklichkeit für ein Amt befähigten, wegen seiner Herkunft oder seines Glaubens für irgend eine öffentliche Anstellung untauglich gehalten werden sollen. Ein römisch-katholischer König mit einem zu seiner freien Verfügung stehenden reichen Staatseinkommen, hatte sich wahrscheinlich ohne große Schwierigkeit der Mitwirkung der katholischen Prälaten und Priester bei dem großen Versöhnungswerke versichert halten können. Vieles hätte allerdings noch immer dem heilenden Einflusse der Zeit überlassen bleiben müssen. Die Eingebornen hatten immer noch von den Ansiedlern Betriebsamkeit, Sorge für die Zukunft, die Künste des Lebens und die englische Sprache zu lernen gehabt. Es konnte keine Gleichheit stattfinden zwischen Menschen, die in Häusern, und Menschen, die in Ställen wohnten, zwischen Menschen, die sich von Brod, und Menschen, die sich von Kartoffeln nährten, zwischen Menschen, welche die edle Sprache großer Philosophen und Dichter sprachen, und Menschen, die sich in verkehrtem Stolze rühmten, daß sie ihren Mund nicht zu einem Kauderwelsch verzerren könnten, in welchem die „Fortschritte der Wissenschaft“ und das „Verlorne Paradies“ geschrieben waren.165 Man kann indessen mit gutem Grunde annehmen, daß, wenn die eben geschilderte versöhnende Politik von der Regierung beharrlich verfolgt worden wäre, alle Schranken nach und nach gefallen und daß von der Feindseligkeit, welche der Fluch Irlands gewesen ist, nicht mehr Spuren zurückgeblieben sein würden, als von der gleich erbitterten Feindschaft, welche einst in England zwischen den Sachsen und den Normannen wüthete.
Seine Fehlgriffe. Leider wurde Jakob nicht ein Vermittler, sondern im Gegentheil der heftigste und rücksichtsloseste Parteigänger. Anstatt den gegenseitigen Haß der beiden Bevölkerungen zu besänftigen, entflammte er ihn zu einer bisher nie gekannten Gluth. Er beschloß, ihre Stellung zu einander umzukehren und die protestantischen Ansiedler unter die Füße der papistischen Celten zu werfen. Ein Mitglied der Staatskirche sein und englisches Blut in den Adern haben, machte in seinen Augen unfähig zur Bekleidung bürgerlicher wie militairischer Ämter. Er sann auf den Plan, die Hälfte des ganzen Grund und Bodens der Insel wieder zu confisciren und neu zu vertheilen, und diese Idee gab er so deutlich zu verstehen, daß die eine Partei bald von einer Angst ergriffen wurde, die er nachher umsonst zu beschwichtigen, die andre von Hoffnungen erfüllt wurde, die er nachher vergebens niederzuschlagen sich bemühte. Dies war aber erst der kleinste Theil seiner Schuld und seiner Verkehrtheit. Er faßte den wohlüberlegten Entschluß, nicht allein die Ureinwohner Irlands in den ungetheilten Besitz ihres Landes zu setzen, sondern sich ihrer auch als Werkzeuge zur Aufrichtung einer Willkürherrschaft in England zu bedienen. Der Erfolg war so, wie er ihn hätte voraussehen können. Die Kolonisten widersetzten sich mit der hartnäckigen Kühnheit ihres Stammes, und das Mutterland betrachtete ihre Sache mit Recht als ihre eigene. Es erfolgte nun ein verzweifelter Kampf um einen furchtbaren Einsatz. Alles was einer Nation theuer ist, stand auf beiden Seiten auf dem Spiele, und wir können weder die Irländer noch die Engländer tadeln, daß sie in dieser äußersten Gefahr dem Gesetze der Selbsterhaltung folgten. Der Kampf war fürchterlich, aber kurz; der schwächere Theil unterlag. Sein Schicksal war hart; indessen war die Grausamkeit, mit der er behandelt wurde, wenn auch nicht zu rechtfertigen, doch zu entschuldigen, denn es traf ihn zwar Alles, was die Tyrannei ihm nur zufügen konnte, aber nicht mehr, als er selbst dem Gegner zugefügt haben würde, wenn er ihn überwunden hätte. Die Folge des unsinnigen Versuchs, England mit Hülfe von Irland zu unterjochen, war die, daß die Irländer die Holzhauer und Wasserträger der Engländer wurden. Die alten Grundeigenthümer verloren bei dem Versuche, das Verlorene wieder zu erobern, auch noch den größten Theil dessen, was ihnen geblieben war. Das vorübergehende Übergewicht des Papismus rief eine solche Reihe von barbarischen Gesetzen gegen den Papismus hervor, daß dadurch das irische Gesetzbuch in der ganzen Christenheit sprichwörtlich verrufen wurde. Dies waren die herben Früchte von Jakob’s Politik.
Wir haben bereits gesehen, daß einer seiner ersten Schritte, nachdem er König geworden, die Zurückberufung Ormond’s aus Irland war. Ormond war das Oberhaupt des englischen Interesses in diesem Lande, er war ein eifriger Anhänger des protestantischen Glaubens und seine Macht überstieg bei weitem die eines gewöhnlichen Lordlieutenants, erstens deshalb, weil er der vornehmste und reichste Ansiedler, und zweitens weil er nicht nur das Haupt der Civilverwaltung, sondern auch der Befehlshaber der Truppen war. Der König war damals nicht geneigt, die Regierung ausschließlich irischen Händen zu überlassen; man hatte ihn in der That äußern hören, ein eingeborner Vicekönig würde bald ein unabhängiger Herrscher werden.166 Für den Augenblick beschloß er daher, die Macht, welche Ormond besessen hatte, zu theilen, die Civilverwaltung einem englischen und protestantischen Lordlieutenant und das Commando der Armee einem irischen und römisch-katholischen General zu übertragen. Der Lordlieutenant war Clarendon, der General war Tyrconnel.
Tyrconnel stammte, wie wir schon gesagt haben, aus einer der entarteten Familien der alten Colonie, welche gewöhnlich mit der ursprünglichen Bevölkerung Irlands zusammengeworfen wurde. Zuweilen sprach er zwar in einem Anfalle von Prahlsucht mit normännischem Übermuthe von den celtischen Barbaren; in Wirklichkeit aber hatten die Eingebornen alle seine Sympathieen.167 Die protestantischen Ansiedler haßte er, und sie erwiederten seinen Haß. Clarendon’s Neigungen waren ganz andrer Art, aber er war nach Character, aus Interesse und aus Prinzip ein willfähriger Höfling. Sein Muth war gering, seine Vermögensumstände nicht glänzend, und die politischen Lehren, welche die anglikanische Kirche damals nur zu eifrig gepredigt, hatten sich seinem Geiste tief eingeprägt. Seine Fähigkeiten waren jedoch nicht zu verachten und unter einem guten Könige würde er wahrscheinlich ein vortrefflicher Vicekönig gewesen sein.
Clarendon’s Ankunft in Irland als Lordlieutenant. Es vergingen etwa drei Vierteljahre zwischen der Zurückberufung Ormond’s und der Ankunft Clarendon’s in Dublin. In der Zwischenzeit wurde der König durch ein Collegium von Lordrichtern repräsentirt; die militairische Verwaltung aber war in Tyrconnel’s Händen. Die Absichten des Hofes begannen sich allmälig schon zu enthüllen. Es kam von Whitehall ein königlicher Befehl zur Entwaffnung des Volks. Diesen Befehl vollzog Tyrconnel, soweit er die Engländer betraf, mit aller Strenge. Obgleich das Land durch Räuberbanden unsicher gemacht wurde, bekam ein protestantischer Gentleman kaum die Erlaubniß, ein Paar Pistolen behalten zu dürfen. Dem eingebornen Landvolke dagegen wurden die Waffen gelassen.168 Die Freude der Colonisten war daher groß, als endlich im December 1685 Tyrconnel nach London berufen und Clarendon noch Dublin abgesandt wurde. Doch es zeigte sich bald, daß der wahre Sitz der Regierung nicht Dublin, sondern London war. Jede Post, die über den St. Georgskanal kam, brachte Nachrichten von dem unbegrenzten Einflusse, den Tyrconnel auf die irischen Angelegenheiten ausübte. Es hieß, er solle Marquis, ja sogar Herzog werden, er solle den Oberbefehl über die Truppen erhalten und beauftragt werden, die Armee und die Gerichtshöfe neu zu organisiren.169
Seine Kränkungen. Clarendon fühlte sich tief gekränkt, als er sah, daß er nur ein untergeordnetes Mitglied der Verwaltung war, deren Oberhaupt zu sein er erwartet hatte. Er beschwerte sich darüber, daß Alles was er thue von seinen Verleumdern entstellt und daß die wichtigsten Beschlüsse in Bezug auf das von ihm verwaltete Land Wochen lang bevor man dem Lordstatthalter nur eine Andeutung davon gegeben habe, in Westminster gefaßt, öffentlich bekannt gemacht, in den Kaffeehäusern besprochen und in hunderten von Privatbriefen mitgetheilt würden. Sein persönliches Ansehen, sagte er, komme dabei wenig in Betracht, aber es sei keine Kleinigkeit, wenn der Vertreter der Majestät des Thrones zum Gegenstande der Verachtung des Volks gemacht werde.170
Schrecken unter den Colonisten. Ein panischer Schrecken verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den englischen Ansiedlern, als sie sahen, daß der Vicekönig, ihr Landsmann und protestantischer Glaubensbruder, nicht im Stande war, ihnen den Schutz zu gewähren, den sie von ihm erwartet hatten. Sie lernten durch eigene bittere Erfahrung, was es heißt, eine unterjochte Kaste zu sein. Die Eingebornen überhäuften sie mit Anklagen auf Hochverrath und Aufruhr. Der eine Protestant hatte mit Monmouth correspondirt, der andre hatte vor vier oder fünf Jahren einmal, als die Ausschließungsbill berathen wurde, sich unehrerbietig über den König geäußert, und das Zeugniß ehrloser Menschen war zur Erhärtung jeder derartigen Beschuldigung stets bei der Hand. Der Lordlieutenant sprach die Befürchtung aus, daß, wenn dieses Treiben nicht aufhöre, in Dublin bald eine ganz ähnliche Schreckensherrschaft bestehen werde, wie er sie in London erlebt habe, als Jedermanns Kopf und Ehre in der Gewalt eines Oates und Bedloe waren.171
Bald darauf wurde Clarendon durch eine kurze und bündige Depesche von Sunderland in Kenntniß gesetzt, daß eine unverzüglich vorzunehmende vollständige Umänderung in der Civil- und Militairverwaltung Irlands beschlossen worden sei und daß eine große Anzahl römischer Katholiken sofort im Staatsdienste angestellt werden sollten. Seine Majestät, wurde höchst ungnädig hinzugesetzt, habe sich in dieser Angelegenheit mit Männern besprochen, welche competentere Rathgeber seien, als sein unerfahrener Lordlieutenant es füglich sein könne.172
Schon bevor dieses Schreiben dem Vicekönig zukam, war die darin enthaltene Nachricht auf verschiedenen Wegen nach Irland gelangt. Der Schrecken der Ansiedler war unbeschreiblich. In Folge der bedeutenden Übermacht der eingebornen Bevölkerung mußte ihre Lage in der That sehr traurig werden, wenn jene mit der ganzen Staatsgewalt gegen sie bewaffnet wurde, und nichts Geringeres drohte ihnen. Die englischen Bewohner Dublins gingen mit niedergeschlagenem Blicke auf den Straßen aneinander vorüber; die Börsengeschäfte geriethen ins Stocken, die Grundeigenthümer beeilten sich, ihre Besitzungen um jeden Preis zu verkaufen und den Erlös nach England zu schicken; die Kaufleute begannen ihre Außenstände einzuziehen und Anstalten zur Liquidation ihrer Geschäfte zu treffen. Der Schrecken äußerte bald seine Wirkung auf die Staatseinkünfte.173 Clarendon bemühte sich, den geängstigten Ansiedlern ein Vertrauen einzuflößen, von dem er selbst weit entfernt war. Er versicherte sie, daß ihr Eigenthum nicht angetastet werden solle, und daß er bestimmt wisse, der König sei fest entschlossen, die Ansiedelungsacte, welche ihre Rechte auf den Grund und Boden gewährleistete, aufrecht zu erhalten, seine Briefe nach England aber lauteten ganz anders. Er wagte es sogar, mit dem Könige zu rechten, und ohne die Absicht Seiner Majestät, Katholiken anzustellen, geradezu zu tadeln, sprach er doch die entschiedene Ansicht aus, daß die anzustellenden Katholiken wenigstens Engländer sein müßten.174
Jakob’s Antwort war in einem trocknen und kalten Tone gehalten. Er erklärte, daß es nicht seine Absicht sei, die englischen Ansiedler ihres Grundeigenthums zu berauben, daß er aber einen großen Theil derselben als seine Feinde betrachte und daß, wenn er so bedeutenden Grundbesitz in den Händen seiner Freunde lasse, es um so nöthiger sei, die Civil- und Militairverwaltung in die Hände von Freunden zu legen.175
Demgemäß wurden mehrere römische Katholiken als Mitglieder des Geheimen Raths vereidigt und den Corporationen Befehl gegeben, die Katholiken zu städtischen Ämtern zuzulassen.176 Viele Offiziere von der Armee wurden willkürlich ihrer Posten und dadurch ihres Brodes beraubt. Umsonst verwendete sich der Lordlieutenant für einige von ihnen, die er als gute Soldaten und loyale Unterthanen kannte. Es befanden sich alte Kavaliere darunter, welche tapfer für die Monarchie gefochten und noch die Narben ehrenvoller Wunden an sich trugen. Ihre Stellen wurden mit Männern besetzt, die keine andre Empfehlung hatten, als ihre Religion. Man sagte, daß einige von den neuen Hauptleuten und Lieutenants Kuhhirten, andere Bedienten, noch andere berüchtigte Räuber gewesen seien. Mehrere waren so sehr an die Holzschuhe gewöhnt, daß sie in ihren militairischen Reiterstiefeln gar possierlich einherstolperten und watschelten. Nicht wenige von den verabschiedeten Offizieren traten in holländische Dienste und hatten vier Jahre später das Vergnügen, ihre Nachfolger in schimpflicher Flucht vor sich her durch die Fluthen des Boyne zu treiben.177
Clarendon’s Verlegenheit und Angst wurde noch vermehrt durch Nachrichten, die er auf Privatwegen erhielt. Ohne seine Zustimmung und ohne sein Vorwissen wurde Anstalt getroffen, die ganze celtische Bevölkerung des Landes, dessen Statthalter er dem Namen nach war, zu bewaffnen und einzuüben. Tyrconnel leitete von London aus die Operation und die Prälaten seiner Kirche waren seine Agenten. Jeder Priester war angewiesen, ein genaues Verzeichniß aller seiner waffenfähigen männlichen Pfarrkinder anzufertigen und seinem Bischofe zu übersenden.178
Schon hatte sich das Gerücht verbreitet, Tyrconnel werde bald mit außerordentlichen und selbstständigen Vollmachten ausgerüstet nach Dublin zurückkehren, und dieses Gerücht gewann täglich an Bestand. Der Lordlieutenant, den keine Demüthigung dazu bewegen konnte, den Pomp und die Einkünfte seiner Stelle aufzugeben, erklärte, daß er sich freudig dem königlichen Willen fügen und sich in allen Dingen als ein treuer und gehorsamer Unterthan erweisen werde. Er sagte, er habe nie in seinem Leben mit Tyrconnel Streit gehabt und er hoffe zuversichtlich, daß er sich auch in Zukunft nicht mit ihm veruneinigen werde.179 Clarendon schien ganz vergessen zu haben, daß einmal ein Complot gegen den Ruf seiner unschuldigen Schwester im Gange gewesen war und daß Tyrconnel an diesem Complot sehr starken Antheil gehabt hatte. Eine solche Beleidigung gehört gewiß nicht zu denen, welche Männer von Ehrgefühl am leichtesten verzeihen. Aber an dem verderbten Hofe, an welchem die Hyde so lange ihr Glück gemacht hatten, wurden derartige Beleidigungen gern vergeben und vergessen, nicht aus Großmuth oder Nächstenliebe, sondern aus reiner Characterlosigkeit und Mangel an Sittlichkeitsgefühl.
Tyrconnel’s Ankunft in Dublin als General. Im Juni 1686 kam Tyrconnel an. Seine Vollmacht autorisirte ihn nur zur Übernahme des militairischen Kommandos, aber er brachte königliche Instructionen mit, welche alle Zweige der Verwaltung berührten, und er nahm ohne Weiteres die wirkliche Regierung der Insel in seine Hand. Am Tage nach seiner Ankunft erklärte er gerade zu, daß eine große Anzahl Katholiken als Offiziere angestellt und daß ihnen durch Entlassung von mehr Protestanten Platz gemacht werden müsse. Er betrieb die Reorganisation der Armee mit rastlosem Eifer. Dies war auch in der That die einzige Oberbefehlshaberfunction, der er gewachsen war, denn er besaß wohl Muth in Händeln und Zweikämpfen, aber vom eigentlichen Militairdienste verstand er nichts. Sogleich bei der ersten Musterung, die er hielt, sahen Alle, die sich in seiner Nähe befanden, deutlich, daß er nicht wußte, wie man ein Regiment aufmarschiren ließ.180
Seine Parteilichkeit und Willkür. Engländer auszumerzen und Irländer an deren Stelle zu setzen, dies war nach seiner Ansicht der Anfang und das Ende aller Militairverwaltung. Er hatte die Frechheit, sogar den Hauptmann der Leibgarde des Lordlieutenants zu verabschieden, was Clarendon erst erfuhr, als er einen ihm völlig unbekannten Katholiken neben seinem Staatswagen reiten sah.181 Die Veränderung beschränkte sich nicht allein auf die Offiziere, auch die Reihen der Soldaten wurden völlig aufgelöst und neu zusammengesetzt. Aus einem einzigen Regimente wurden vier- bis fünfhundert Soldaten hauptsächlich aus dem Grunde verabschiedet, weil sie das erforderliche Maß nicht hatten. Aber das ungeübteste Auge sah auf den ersten Blick, daß die Leute größer und besser gebaut waren, als ihre Nachfolger, deren wildes und unsauberes Aussehen den Beschauer anekelte.182 Die neuen Offiziere erhielten Befehl, keinen Mann protestantischen Glaubens in die Armee aufzunehmen; anstatt daß die Werbecommandos nach altem Brauche auf die Messen und Märkte zogen, um Freiwillige herbeizutrommeln, suchten sie jetzt die Orte auf, wohin die römischen Katholiken zu Andachtszwecken wallfahrteten. Binnen wenigen Wochen hatte der General mehr als zweitausend Eingeborene in die Reihen des Heeres aufgenommen, und seine Umgebungen versicherten mit Bestimmtheit, daß zu Weihnachten nicht ein einziger Mann englischer Abkunft mehr in der ganzen Armee zu finden sein werde.183
Bei allen Fragen, welche im Geheimen Rathe zur Verhandlung kamen, zeigte Tyrconnel die nämliche Willkür und Parteilichkeit. Johann Keating, Oberrichter der Common Pleas, ein Mann, der sich durch Tüchtigkeit, Rechtschaffenheit und Loyalität auszeichnete, stellte mit großer Milde vor, daß der General billigerweise für seine Kirche nicht mehr verlangen könne, als vollkommene Gleichstellung. Es sei gewiß nur des Königs Wille, sagte er, daß kein des öffentlichen Vertrauens würdiger Mann deshalb ausgeschlossen werden solle, weil er ein römischer Katholik sei, und daß kein des Vertrauens Unwürdiger deshalb angestellt werden solle, weil er ein Protestant sei. Tyrconnel begann alsbald zu fluchen und zu schwören. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“, rief er aus; „ich möchte alle Katholiken herein haben.“184 Die verständigeren Irländer seines eigenen Glaubens waren entrüstet über seine rücksichtslose Heftigkeit und wagten es, ihm Vorstellungen zu machen; aber er gebot ihnen mit Verwünschungen Schweigen.185 Seine Brutalität war so groß, daß Viele ihn für wahnsinnig hielten. Sie war indessen noch nicht so auffallend, als die schamlose Zungenfertigkeit, mit der er Lügen aussprach. Schon lange zuvor hatte er sich den Spottnamen des „Lügners Dick Talbot“ zugezogen und selbst in Whitehall wurde jede abgeschmackte Lüge eine von Dick Talbot’s Wahrheiten genannt. Jetzt bewies er täglich, daß er diesen nicht beneidenswerthen Ruf wohl verdiente. Das Lügen war bei ihm in der That fast eine Krankheit. Nachdem er den Befehl zur Entlassung englischer Offiziere gegeben, war er im Stande, sie in sein Kabinet zu rufen, sie seines Vertrauens und seiner Freundschaft zu versichern und den Himmel anzurufen, daß er ihn vernichten und zerschmettern möge, wenn er nicht aufs Beste für ihr Wohl sorgen sollte. Oft erfuhren Diejenigen, denen er auf solche Weise seine Gunst zugeschworen hatte, noch vor dem Abende, daß sie entlassen waren.186
Er sucht die Ansiedlungsacte aufzuheben. Bei seiner Ankunft versicherte er, obgleich er auf die Ansiedlungsacte entsetzlich fluchte und das englische Interesse ein abscheuliches, ein schuftiges, ein verfluchtes Ding nannte, dennoch überzeugt zu sein, daß die Vertheilung des Grundeigenthums nach so langen Jahren nicht mehr abgeändert werden könne.187 Als er jedoch einige Wochen in Dublin war, zog er andere Saiten auf. Er begann am Rathstische heftige Reden zu halten über die Nothwendigkeit, das Land den früheren Eigenthümern zurückzugeben. Bis jetzt hatte er jedoch noch nicht die Zustimmung seines Gebieters zu diesem unheilvollen Plane erlangt. Das Nationalgefühl hatte in Jakob’s Gemüth noch einen schwachen Kampf gegen den Aberglauben zu bestehen. Er war ein Engländer und ein englischer König und er konnte nicht ohne einige schlimme Ahnungen in die Zerstörung der größten Colonie willigen, die England jemals angelegt hatte. Die englischen Katholiken, die er zu Rathe zu ziehen pflegte, waren fast einhellig für die Aufrechthaltung der Ansiedlungsacte. Nicht nur der rechtschaffene und gemäßigte Powis, sondern selbst der ausschweifende und starrsinnige Dover gaben verständigen und patriotischen Rath.
Er kehrt nach England zurück. Tyrconnel durfte kaum hoffen, von ferne den Eindruck zu neutralisiren, den solche Rathschläge nothwendig auf den König machen mußten. Er beschloß daher, die Sache seiner Kaste persönlich zu verfechten, und kehrte deshalb Ende August nach England zurück.
Der Lordlieutenant fürchtete seine Abwesenheit eben so sehr als seine Anwesenheit. Es war allerdings peinlich, Tag für Tag die gerunzelte Stirn eines Feindes vor Augen zu haben; nicht minder quälend aber war das Bewußtsein, daß ein Feind täglich dem Könige Verleumdungen und bösen Rath zuflüsterte. Clarendon ward durch mannichfache Kränkungen zu Boden gedrückt. Er machte eine Rundreise durch das Land und mußte sehen, daß die irische Bevölkerung ihn allenthalben mit Verachtung behandelte. Die katholischen Priester ermahnten ihre Gemeinden, ihm keine Ehrenbezeigungen zu erweisen; die eingeborne Gentry blieb zu Hause, anstatt ihm entgegenzukommen und ihre Achtung zu bezeigen, und das eingeborne Landvolk sang überall ersische Lieder zum Lobe Tyrconnels, der, wie sie nicht zweifelten, bald wieder erscheinen werde, um die Demüthigung ihrer Unterdrücker zu vervollständigen.188
Der König ist unzufrieden mit Clarendon. Der Vicekönig war von seiner unerfreulichen Reise kaum wieder in Dublin angekommen, so erhielt er Briefe, die ihm ankündigten, daß er sich das ernste Mißfallen des Königs zugezogen habe. Seine Majestät, hieß es in den Briefen, erwarte von seinen Dienern, daß sie seinen Befehlen nicht blos nachkämen, sondern daß sie denselben aus voller Seele und mit heiterer Miene gehorchten. Der Lordlieutenant habe sich zwar nicht geweigert, bei der Reform des Heeres und der Civilverwaltung mitzuwirken, aber seine Mitwirkung sei gezwungen und lässig gewesen, seine Blicke hätten seine Gedanken verrathen und Jedermann habe gesehen, daß er die Politik mißbillige, zu deren Ausführung er verwendet werde.189 In großer Angst schrieb er einen Brief, um sich zu vertheidigen; allein es wurde ihm kalt darauf erwiedert, daß seine Vertheidigung ungenügend sei. Er erklärte nun in den demüthigsten Ausdrücken, daß er es nicht versuchen wolle, sich zu rechtfertigen, daß er mit jedem Urtheile des Königs, wie es auch ausfallen möge, zufrieden sein werde, daß er sich in den Staub werfe und um Verzeihung bitte, daß er der aufrichtigste aller reuigen Sünder sei, daß er es als seinen höchsten Ruhm betrachte, für seinen Herrn und König zu sterben, daß es ihm aber unmöglich sei, unter der Ungnade seines Fürsten zu leben. Dies war auch keineswegs bloße eigennützige Heuchelei, sondern, wenigstens zum Theil, unverstellter Sklavensinn und feige Angst, denn in vertraulichen Briefen, welche nicht für das Auge des Königs bestimmt waren, jammerte er gegen seine Familie ganz in dem nämlichen Tone. Er sei unglücklich, er sei wie vernichtet, der Zorn des Königs sei ihm unerträglich, und wenn dieser Zorn sich nicht beschwichtigen lasse, habe das Leben keinen Werth mehr für ihn.190 Die Angst des armen Mannes nahm noch zu, als er erfuhr, daß man in Whitehall beschlossen habe, ihn zurückzurufen und seinen Nebenbuhler und Verleumder Tyrconnel zu seinem Nachfolger zu ernennen.191 Dann schien sich der Horizont wieder auf einen Augenblick aufzuhellen, der König war in besserer Laune und Clarendon schmeichelte sich einige Tage mit der Hoffnung, daß die Fürsprache seines Bruders den erwünschten Erfolg gehabt habe, und daß die Krisis vorüber sei.192
Angriff der jesuitischen Cabale gegen Rochester. In Wirklichkeit aber hatte die Krisis erst begonnen. Während Clarendon sich an Rochester zu lehnen versuchte, war dieser selbst schon nicht mehr im Stande, sich noch länger zu halten. Wie in Irland der ältere Bruder, obgleich er seine Ehrengarde, seinen Staatsdegen und den Titel Excellenz behielt, thatsächlich durch den Befehlshaber der Armee verdrängt war, so sank in England der jüngere Bruder, obgleich er seinen weißen Stab behielt und kraft seines hohen Amtes den Vorrang vor dem höchsten Erbadel hatte, rasch zu einem bloßen Finanzsekretär herab. Das Parlament wurde abermals im Widerspruch mit den wohlbekannten Wünschen des Schatzmeisters auf einen entfernten Termin prorogirt. Man benachrichtigte ihn nicht einmal davon, daß eine neue Prorogation stattfinden solle, sondern überließ es ihm, die Neuigkeit aus der Gazette zu erfahren. Die wirkliche Leitung der Regierungsangelegenheiten war in die Hände der Cabale übergegangen, welche Freitags bei Sunderland speiste. Das Kabinet versammelte sich nur, um die von auswärtigen Höfen eingegangenen Depeschen vorlesen zu hören, und diese Depeschen enthielten nichts, was man nicht schon an der Börse gewußt hätte, denn alle englischen Gesandten hatten Befehl erhalten, in ihre officiellen Schreiben nur das gewöhnliche Vorzimmergeklatsch aufzunehmen, wichtige Geheimnisse aber für Privatmittheilungen aufzusparen, welche an Jakob selbst, oder an Sunderland oder an Petre gerichtet werden mußten.193 Die siegende Partei war indessen noch immer nicht zufrieden. Diejenigen, denen der König das meiste Vertrauen schenkte, versicherten ihn, daß die Hartnäckigkeit, mit der die Nation sich seinen Plänen widersetze, lediglich Rochester zur Last falle. Wie könne das Volk glauben, daß sein Fürst unerschütterlich fest entschlossen sei, auf dem eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, wenn es zu seiner Rechten einen Mann erblicke, der anscheinend in Macht und Vertrauen der Erste unter seinen Räthen sei und doch anerkanntermaßen diesen Weg entschieden mißbillige? Jedem Schritte, der zu dem Zwecke gethan worden sei, die anglikanische Kirche herabzusetzen und die römische Kirche zu erheben, habe sich der Schatzmeister widersetzt. Allerdings habe er, wenn er die Nutzlosigkeit seines Widerstandes eingesehen, sich mit Unmuth gefügt und zuweilen sogar bei der Ausführung der Pläne, gegen die er am eifrigsten gekämpft, hülfreiche Hand geleistet; allerdings habe er sich, obgleich ihm die kirchliche Commission zuwider gewesen sei, dazu verstanden, eine Stelle in derselben anzunehmen; allerdings habe er, nachdem er erklärt, daß er in dem Benehmen des Bischofs von London nichts Tadelnswerthes finden könne, mit Verdruß und Widerstreben für seine Absetzung gestimmt. Aber dies sei nicht genug. Ein Fürst, der ein so wichtiges und schwieriges Unternehmen durchzuführen habe, wie das von Jakob begonnene sei, habe das Recht, von seinem ersten Minister nicht blos eine unwillige und mürrische Zustimmung, sondern eine eifrige und kräftige Mitwirkung zu erwarten. Während dem König täglich solcher Rath von Denen ertheilt wurde, in die er das meiste Vertrauen setzte, erhielt er zu gleicher Zeit durch die Pennypost eine Menge anonyme Briefe, welche von Verleumdungen gegen den Lordschatzmeister strotzten. — Dieses Angriffssystem war von Tyrconnel erfunden und stand in vollkommenem Einklange mit jedem Theile seines ehrlosen Wandels.194
Der König war unschlüssig. Er scheint wirklich zu seinem Schwager eine aufrichtige persönliche Zuneigung, die Folge naher Verwandtschaft, langjährigen vertraulichen Umgangs und vieler gegenseitiger Gefälligkeiten, gehegt zu haben, und es ließ sich daher mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß Rochester, so lange er sich, wenn auch zögernd und murrend, dem königlichen Willen fügte, dem Namen nach Premierminister bleiben werde. Sunderland gab daher mit raffinirter Schlauheit seinem Gebieter zu verstehen, daß es zweckmäßig sein dürfte, von Rochester den einzigen Beweis von Gehorsam zu verlangen, den er — dies war so gut als gewiß — niemals geben würde. Gegenwärtig — so lautete die Sprache des listigen Staatssekretärs — sei es unmöglich, mit dem ersten Diener des Königs über den Gegenstand zu sprechen, der Seiner Majestät am meisten am Herzen liege. Es sei traurig, sich sagen zu müssen, daß in einer so wichtigen Krisis religiöse Vorurtheile die Regierung einer so werthvollen Stütze beraubten. Vielleicht würden sich diese Vorurtheile nicht als unüberwindlich erweisen. Dann deutete der Verführer an, daß seines Wissens Rochester unlängst einige Bedenken über die zwischen den Protestanten und Katholiken obschwebenden Streitpunkte geäußert habe.195
Jakob’s Versuche, Rochester zu bekehren. Dies war genug. Der König griff den Wink begierig auf und begann sich mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß er vielleicht nicht nur der unangenehmen Nothwendigkeit überhoben werden würde, einen Freund von sich zu entfernen, sondern sich sogar einen geschickten Gehilfen zur Ausführung des unternommenen großen Werkes sichern könnte. Nebenbei erhob ihn auch der Gedanke an das Verdienst und den Ruhm, einen Mitmenschen vom Verderben zu retten. Er scheint in der That um diese Zeit einen ganz besonders heftigen Anfall von religiösem Eifer gehabt zu haben, und dies ist um so auffallender, da er eben erst nach einer kurzen Pause der Selbstbeherrschung in Ausschweifungen zurückverfallen war, welche alle christlichen Theologen als sündhaft verwerfen und die bei einem schon bejahrten Manne, der eine liebenswürdige junge Gattin hat, selbst von weltlich gesinnten Menschen unschicklich genannt werden. Lady Dorchester war von Dublin zurückgekommen und war wieder die Maitresse des Königs. Eine politische Bedeutung hatte ihre Rückkehr nicht. Die Erfahrung hatte sie von der Nutzlosigkeit des Versuchs überzeugt, ihren Geliebten von dem Verderben zu retten, in das er sich kopfüber stürzte. Sie überließ daher seine politische Leitung den Jesuiten und diese gestatteten ihr dagegen, daß sie dem Könige Geld ablockte. Übrigens war sie nur eine von mehreren leichtfertigen Frauen, welche damals mit seiner geliebten Kirche die Herrschaft über ihn theilten.196 Er schien beschlossen zu haben, die Vernachlässigung seines eignen Seelenheils durch Sorge für die Seelen Anderer einigermaßen wieder gut zu machen. Daher ging er mit wirklichem guten Willen, aber mit dem guten Willen eines harten, strengen und gebieterischen Characters an das Werk seinen Schwager zu bekehren. Jede dem Schatzmeister gewährte Audienz wurde mit Abhandlungen über die Autorität der Kirche und über den Bilderdienst ausgefüllt. Rochester hatte sich vorgenommen, seinem Glauben nicht untreu zu werden; aber er trug kein Bedenken, sich zu seiner Selbstvertheidigung eben so schimpflicher Kunstgriffe zu bedienen, als sie gegen ihn angewendet wurden. Er bemühte sich wie ein Mann zu sprechen, der noch nicht mit sich im Klaren ist, sagte daß er nichts mehr wünsche, als eines Besseren belehrt zu werden, wenn er sich irren sollte, las papistische Bücher und hörte papistische Theologen bereitwillig an. Er hatte verschiedene Unterredungen mit Leyburn, dem apostolischen Vikar, mit Godden, dem Kaplan und Almosenier der Königin Wittwe und mit Bonaventura Giffard, einem in den Schulen von Douay für die Polemik gebildeten Theologen. Es wurde verabredet, daß eine förmliche Disputation zwischen diesen Gelehrten und einigen protestantischen Geistlichen stattfinden solle. Der König forderte Rochester auf, beliebige Theologen der Staatskirche zu wählen, nur mit zwei Ausnahmen: Diese waren Tillotson und Stillingfleet. Tillotson, der populärste Prediger der damaligen Zeit und von Character der harmloseste Mensch, hatte mit einigen Whigführern in vertrautem Umgange gestanden, und Stillingfleet, der als ein vollendeter Meister in allen Waffen der Polemik bekannt war, hatte sich durch Herausgabe einer Entgegnung auf die in der Cassette Karl’s II. gefundenen Papiere noch mißliebiger gemacht. Rochester wählte die beiden königlichen Kaplane, welche gerade den Dienst hatten. Der eine von ihnen war Simon Patrick, dessen Bibelerklärungen noch jetzt in keiner theologischen Bibliothek fehlen dürfen; der andre war Jane, ein heftiger Tory, einer von den Verfassern des Beschlusses, durch welchen die Universität Oxford die schlimmsten Thorheiten Filmer’s feierlich in sich aufgenommen hatte. Die Disputation fand am dreizehnten November in Whitehall statt. Rochester, der es nicht bekannt werden lassen wollte, daß er eingewilligt habe, die Argumente der papistischen Priester auch nur anzuhören, bedang sich Geheimhaltung aus. Es sollte kein Zuhörer weiter anwesend sein als der König. Der Gegenstand der Disputation war die wirkliche Anwesenheit Christi beim Abendmahle. Die römisch-katholischen Theologen übernahmen die Last der Beweisführung. Patrick und Jane sprachen wenig; auch hatten sie gar nicht nöthig viel zu sagen, denn der Earl unternahm es selbst die Lehre seiner Kirche zu vertheidigen und er wurde seiner Gewohnheit nach bald warm, verlor seine Ruhe und fragte mit großer Heftigkeit, ob man etwa hoffe, daß er auf so unhaltbare Gründe hin, seinen Glauben wechseln werde. Dann fiel ihm aber ein, was er riskirte; er fing wieder an sich zu verstellen, jagte den Disputanten Schmeicheleien über ihre Gewandtheit und Gelehrsamkeit und verlangte Zeit, um das Gesagte zu überlegen.197
So beschränkt Jakob auch war, mußte er doch merken, daß dies eine bloße Komödie war. Er sagte Barillon, Rochester’s Sprache sei nicht die eines Mannes, der den aufrichtigen Willen habe, zur Wahrheit zu gelangen. Indessen konnte sich der König doch noch nicht entschließen, seinem Schwager die einfache Alternative zu stellen: Übertritt oder Entlassung; drei Tage nach der Conferenz aber machte Barillon dem Schatzmeister einen Besuch und rückte nach vielen Umschweifen und wiederholten Versicherungen der freundschaftlichsten Theilnahme mit der unangenehmen Wahrheit heraus. „Meinen Sie damit“, sagte Rochester, den die unklaren und umständlichen Phrasen, in denen das Ansinnen an ihn gestellt wurde, irre machten, „daß ich meine Stelle verliere, wenn ich nicht Katholik werde?“ — „Davon spreche ich nicht“, erwiederte der vorsichtige Diplomat; „ich komme nur als Freund zu Ihnen, um die Hoffnung auszusprechen, daß Sie darauf bedacht sein werden, Ihre Stelle zu behalten.“ — „Aber jedenfalls“, sagte Rochester, „ist der einfache und klare Sinn von dem Allen, daß ich entweder Katholik werden oder abtreten muß.“ Er richtete noch mehrere Fragen an Barillon, um dahinter zu kommen, ob die Eröffnung ihm auf höheren Befehl gemacht worden war, konnte aber nur unbestimmte und geheimnißvolle Antworten erlangen. Endlich erklärte er Barillon mit einer affectirten Zuversicht, die er weit entfernt war zu fühlen, er müsse sich durch leeres oder böswilliges Gerede haben täuschen lassen. „Ich sage Ihnen“, setzte er hinzu, „daß der König mich nicht entlassen und daß ich eben so wenig freiwillig abtreten werde. Ich kenne ihn und er kennt mich; ich fürchte Niemanden.“ Der Franzos antwortete hierauf, er sei außerordentlich erfreut, dies zu hören, und der einzige Beweggrund seiner Einmischung in die Sache sei die aufrichtige Besorgniß um das Wohl und das Ansehen seines vortrefflichen Freundes des Schatzmeisters. So trennten sich die beiden Staatsmänner, und jeder schmeichelte sich, den andren dupirt zu haben.198
Inzwischen hatte sich trotz der dringend anempfohlenen Geheimhaltung dennoch in ganz London die Nachricht verbreitet, der Lordschatzmeister habe eingewilligt, sich in den papistischen Glaubenslehren unterrichten zu lassen. Man hatte Patrick und Jane durch die verborgene Thür, welche in Chiffinch’s Gemächer führte, in den Palast gehen sehen und einige römisch-katholische Höflinge hatten aus Indiscretion oder mit Absicht Alles was sie wußten und noch mehr als das erzählt. Die anglikanischen Tories sahen mit ängstlicher Spannung ausführlicheren Nachrichten entgegen. Schon der Gedanke war ihnen schmerzlich, daß ihr Oberhaupt sich nur gestellt haben könnte, als sei er in seiner Überzeugung schwankend geworden; daß er sich aber bis zum Renegaten erniedrigen werde, konnten sie nicht glauben. Gepeinigt von seinen heftigen Leidenschaften und seinen niedrigen Begierden, geängstigt durch den Tadel des Publikums und durch Barillon’s Andeutungen, voll Furcht sein Ansehen und seinen Posten zu verlieren, eilte der unglückliche Minister wieder in das königliche Kabinet. Er war entschlossen, seine Stelle durch jede Schlechtigkeit zu behaupten, eine einzige ausgenommen. Er wollte vorgeben, er sei in seiner religiösen Überzeugung wankend geworden und sei ein halber Konvertit, er wollte seine kräftige Unterstützung der Politik, der er bisher opponirt hatte, versprechen; würde er aber aufs Äußerste getrieben, so wollte er sich weigern, seinen Glauben zu wechseln. Er sagte daher zuerst dem Könige, daß die Angelegenheit, für welche Seine Majestät sich so lebhaft interessire, keineswegs ruhe, daß Jane und Giffard eben damit beschäftigt seien, über die zwischen den beiden Kirchen streitigen Punkte Bücher zu Rathe zu ziehen, und daß nach Beendigung dieser Nachforschung eine zweite Conferenz wünschenswerth sein werde. Dann beklagte er sich bitter darüber, daß die ganze Stadt bereits wisse, was doch sorgfältig hätte verschwiegen werden sollen, und daß einige Personen, die in Folge ihrer Stellung gut unterrichtet sein könnten, sonderbare Dinge in Bezug auf die Absichten des Königs erzählten. „Man flüstert einander zu,“ sagte er, „daß, wenn ich nicht thäte, was Eure Majestät von mir verlangt, ich nicht länger in meiner gegenwärtigen Stellung bleiben dürfte.“ Der König erwiederte mit einigen freundschaftlichen Gemeinplätzen, daß man den Leuten nicht wehren könne zu reden, daß man aber solch’ leeres Geschwätz nicht beachten dürfe. Diese hohlen Phrasen waren nicht geeignet, das ängstliche Gemüth des Ministers zu beruhigen. Er gerieth in eine heftige Aufregung und begann seine Stelle zu vertheidigen, als ob sein Leben davon abgehangen hätte. „Eure Majestät sieht, daß ich Alles, was in meiner Macht steht, thue, Ihnen zu gehorchen. Ich will in der That Alles thun, was ich kann, um Ihnen in Allem gehorsam zu sein, ich will Ihnen dienen, ganz nach Ihrem Sinne. Ja,“ rief er in einem verzweifelten Ausbruche von niedriger Feigheit, „ich will mich sogar bemühen, zu glauben, was Sie wünschen. Aber nur das sagen Sie mir nicht, daß ich Alles verlieren muß, wenn ich mich bei dem Versuche, meine Ansicht zu ändern, überzeuge, daß mir dies unmöglich ist. Denn ich muß Eurer Majestät offen sagen, daß hierbei noch andere Rücksichten obwalten.“ — „So, so. Sie müssen also?“ versetzte der König mit einem Fluche, denn ein einziges freimüthiges und männliches Wort, das inmitten dieser kriechenden Demuthversicherungen entschlüpft war, reichte hin, um seinen Zorn zu reizen. „Ich hoffe, Sire,“ entgegnete der arme Rochester, „daß ich Sie nicht beleidigt habe. Eure Majestät würde sicherlich keine gute Meinung von mir haben, wenn ich nicht so gesprochen hätte.“ Der König beherrschte sich, versicherte daß er sich nicht beleidigt fühle und rieth dem Schatzmeister, unbekümmert um müßiges Gerede wieder mit Jane und Giffard zu conferiren.199
Rochester’s Entlassung. Von dieser Unterredung an verstrichen noch vierzehn Tage, ehe der entscheidende Schlag fiel. Diese vierzehn Tage brachte Rochester mit Intriguiren und Flehen hin. Er bemühte sich, die Katholiken, welche bei Hofe den meisten Einfluß hatten, zu seinen Gunsten zu stimmen. Seinem Glauben, sagte er, könne er nicht untreu werden; sonst aber wolle er Alles thun, was sie nur verlangen könnten. Wenn er nur seine Stelle behielte, würden sie bald sehen, daß er ihnen als Protestant mehr nützen könne, denn als Mitglied ihrer Kirche.200 Seine Gemahlin, welche damals krank darniederlag, hatte angeblich bereits die tief gekränkte Königin um die Ehre eines Besuchs bitten lassen und das Mitleid Ihrer Majestät zu erwecken versucht.201 Aber die Hyde erniedrigten sich umsonst. Dem Petre waren sie ganz besonders ein Dorn im Auge und er arbeitete daraufhin, sie zu stürzen.202 Am Abend des 17. December wurde der Earl in das königliche Kabinet beschieden. Jakob war ungewöhnlich ergriffen und weinte sogar. Diese Scene mußte allerdings Erinnerungen in ihm wecken, die wohl im Stande sind, auch das härteste Gemüth zu erweichen. Er sprach sein Bedauern aus, daß seine Regentenpflichten ihm nicht gestatteten, seinen persönlichen Neigungen zu folgen; es sei durchaus nöthig, daß die Männer, denen die Oberleitung seiner Angelegenheiten übertragen sei, seine Ansichten und Gesinnungen theilten. Er räumte ein, daß er große persönliche Verpflichtungen gegen Rochester habe und daß die Art und Weise, wie die Finanzen in neuerer Zeit verwaltet worden seien, ganz seinen Beifall gehabt habe; das Amt eines Lordschatzmeisters aber sei von so hoher Wichtigkeit, daß es überhaupt nicht einem Einzelnen übertragen werden sollte und von einem katholischen Könige nicht mit Sicherheit einem eifrigen Anhänger der anglikanischen Kirche anvertraut werden könne. „Denken Sie noch besser darüber nach, Mylord,“ fuhr er fort; „lesen Sie wiederholt die Papiere aus meines Bruders Cassette; ich will Ihnen etwas mehr Zeit zur Überlegung gönnen, wenn Sie es wünschen.“ Rochester sah, daß Alles vorbei war und daß er nichts Besseres thun konnte, als aus seinem Schiffbruche soviel Geld und soviel Ansehen als möglich zu retten. Beides gelang ihm. Er erhielt aus dem Ertrage des Postamts einen Jahrgehalt von viertausend Pfund auf doppelte Lebenszeit. Aus den Besitzungen von Hochverräthern hatte er sich große Summen zu erwerben gewußt und insbesondere Grey’s Verschreibung auf vierzigtausend Pfund eingesteckt, sowie auch den ganzen Antheil der Krone an Grey’s ausgedehnten Gütern erhalten.203 Noch nie war ein Minister unter so günstigen Bedingungen aus dem Amte geschieden. Auf den Beifall der wahren Freunde der Staatskirche hatte er allerdings sehr geringen Anspruch. Um seine Stelle zu retten, hatte er in dem Tribunale gesessen, das zu dem Zwecke, sie zu verfolgen, gesetzwidrig errichtet worden war; um seine Stelle zu retten, hatte er ehrloserweise für die Absetzung eines ihrer ausgezeichnetsten Diener gestimmt, hatte sich gestellt, als zweifle er an ihrer Rechtgläubigkeit, hatte mit anscheinendem Interesse Lehrer angehört, die sie schismatisch und ketzerisch nannten, und hatte sich erboten, ihren Todfeinden bei deren Plänen gegen dieselbe kräftigen Beistand zu leisten. Der höchste Ruhm, auf den er Anspruch machen konnte, war der, daß er vor dem Übermaß von Gewissenlosigkeit und Gemeinheit zurückgeschreckt war, um schnöden Gewinns willen öffentlich den Glauben abzuschwören, in welchem er erzogen war, den er für den wahren hielt und dessen er sich so lange gerühmt hatte. Dennoch wurde er von der großen Masse der Anglikaner gepriesen, als ob er der muthigste und makelloseste aller Märtyrer gewesen wäre. Das Alte und das Neue Testament, die Martyrologien von Eusebius und von Fox wurden durchstöbert, um Parallelen für seine heldenmüthige Frömmigkeit zu finden. Er war ein Daniel in der Löwengrube, ein Sadrach im feurigen Ofen, ein Petrus im Kerker des Herodes, ein Paulus vor den Schranken Nero’s, ein Ignatius im Amphitheater, ein Latimer auf dem Scheiterhaufen. Unter den vielen Thatsachen, welche beweisen, daß der Maßstab der Ehre und Tugend unter den Staatsmännern jener Zeit ein sehr niedriger war, ist die durch Rochester’s Standhaftigkeit erregte Bewunderung vielleicht die entscheidendste.
Entlassung Clarendon’s. In seinem Sturze riß er auch Clarendon mit zu Boden. Am 7. Januar 1687 verkündete die Gazette der Bevölkerung von London, daß das Schatzamt einer Commission zur Verwaltung übertragen sei.
Tyrconnel Lordstellvertreter. Am 8. Januar kam in Dublin eine Depesche an, welche formell anzeigte, daß Tyrconnel in einem Monate die Regierung von Irland übernehmen werde. Nicht ohne große Schwierigkeiten hatte dieser Mann die zahlreichen Hindernisse bewältigen können, die seinem Ehrgeize im Wege standen. Es war wohl bekannt, daß die Vernichtung der englischen Colonie in England das Ziel war, nach dem sein Sinn strebte. Er hatte deshalb einige Bedenken des Königs zu zerstreuen und den Widerstand nicht nur aller protestantischen Mitglieder der Regierung sowie der gemäßigten und achtbaren Häupter des Katholicismus, sondern selbst mehrerer Mitglieder der jesuitischen Cabale zu besiegen.204 Sunderland erschrak vor dem Gedanken an eine religiöse, politische und sociale Revolution in Irland. Der Königin war Tyrconnel persönlich zuwider. Powis wurde daher als der für das Vicekönigthum am besten geeignete Mann betrachtet. Er war von erlauchter Abkunft und ein aufrichtiger Katholik, galt aber bei alledem auch in den Augen der aufrichtigsten Protestanten allgemein für einen braven Mann und einen guten Engländer. Doch aller Widerstand zerschellte an Tyrconnel’s Energie und List. Er schmeichelte, tobte und bestach unermüdlich. Petre’s Beistand gewann er durch Schmeichelei; Sunderland wurde durch Versprechungen und zugleich durch Drohungen mürbe gemacht. Für seine Unterstützung wurde ein hoher Preis geboten, bestehend in einer Leibrente von fünftausend Pfund auf die Staatseinkünfte Irlands, ablösbar durch einmalige Bezahlung einer Summe von fünfzigtausend Pfund. Würde dieses Anerbieten zurückgewiesen, so drohte Tyrconnel, es dem Könige zu verrathen, daß der Lordpräsident einmal beim Freitagsdiner Seine Majestät als einen Schwachkopf geschildert habe, der entweder durch ein Weib oder durch einen Priester geleitet werden müsse. Sunderland erklärte sich in Todesangst bereit, Tyrconnel das militairische Obercommando, einen kolossalen Gehalt, kurz alles Mögliche zu verschaffen, nur nicht das Vicekönigthum; aber jeder Vergleich wurde verworfen, und er mußte nachgeben. Maria von Modena selbst blieb nicht frei von dem Verdachte, daß sie sich habe bestechen lassen. Es existirte in London eine berühmte Perlenschnur, die auf zehntausend Pfund geschätzt wurde. Sie hatte dem Prinzen Ruprecht gehört, und dieser hatte sie der Margarethe Hughes hinterlassen, einer Courtisane, die in den letzten Jahren seines Lebens eine unbegrenzte Herrschaft über ihn ausgeübt. Tyrconnel rühmte sich laut, daß er mit dieser Perlenschnur die Unterstützung der Königin erkauft habe. Manche betrachteten jedoch diese Geschichte als eine von Dick Talbot’s Wahrheiten und hielten sie für eben so unbegründet wie die Verleumdungen, welche er sechsundzwanzig Jahre früher erfunden hatte, um den guten Ruf der Anna Hyde zu untergraben. Den römisch-katholischen Höflingen gegenüber pflegte er von der Unsicherheit ihrer Ämter, Titel und Einkünfte zu sprechen. Der König könne morgen sterben und sie seien dann einer feindlichen Regierung und einem feindlichen Pöbel preisgegeben; könnte man aber in Irland den alten Glauben zur Herrschaft bringen und in jenem Lande das protestantische Interesse vernichten, so hätten sie doch im schlimmsten Falle ein Asyl, wohin sie sich zurückziehen und von wo aus sie mit Vortheil entweder unterhandeln oder sich vertheidigen könnten. Ein papistischer Priester wurde durch das Versprechen der Mitra von Waterford gewonnen, um in St. James gegen die Ansiedelungsacte zu predigen, und seine Predigt war nicht ohne Wirkung, wenn sie auch von dem englischen Theile der Zuhörer mit Unwillen angehört würde. Der Kampf, den in Jakob’s Brust der Patriotismus eine Weile gegen die Bigotterie zu bestehen gehabt hatte, war vorüber. „In Irland ist ein Werk zu verrichten,“ sagte er, „dem kein Engländer gewachsen ist.“205
Alle Hindernisse waren endlich beseitigt und im Februar 1687 begann Tyrconnel mit der Macht und den Einkünften eines Lordlieutenants, aber mit dem bescheideneren Titel eines Lordstellvertreters sein Geburtsland zu regieren.
Besorgnisse der englischen Ansiedler in Irland. Seine Ankunft verbreitete Schrecken unter der ganzen englischen Bevölkerung. Ein großer Theil der angesehensten Bewohner von Dublin, Gentlemen, Kaufleute und Gewerbtreibende, begleiteten Clarendon über den St. Georgskanal oder folgten ihm sehr bald nach. Es sollen binnen wenigen Tagen fünfzehnhundert Familien ausgewandert sein. Der Schrecken war auch nicht unbegründet. Das Werk, die Colonisten unter die Füße der Eingebornen zu werfen, wurde eifrig betrieben. In kurzer Zeit war fast jeder Geheimrath, Richter, Sheriff, Mayor, Alderman und Friedensrichter ein Celte und Katholik. Bald schien Alles zu einer allgemeinen Wahl und zur Zusammensetzung eines Unterhauses reif zu sein, das zur Aufhebung der Ansiedlungsacte geneigt war.206 Die, welche kurz zuvor die Herren der Insel gewesen waren, klagten jetzt laut in ihrer Herzensangst, daß sie zur Beute und zum Gespött ihrer Leibeigenen und ihres Gesindes geworden wären, daß ungestraft Häuser angezündet und Vieh gestohlen würde, daß die neuen Soldaten plündernd, schimpfend, schändend und verstümmelnd im Lande umherstreiften und die Protestanten mit Betttüchern prellten oder bei den Haaren aufknüpften und durchpeitschten, daß man sich vergebens auf das Gesetz berufe, daß irische Richter, Sheriffs, Geschworne und Zeugen sich alle verbunden hätten, um die irischen Verbrecher zu schützen und daß selbst ohne eine Parlamentsacte der gesammte Grund und Boden bald in andere Hände übergehen werde, indem bei jeder unter Tyrconnel’s Verwaltung erhobenen Ausweisungsklage für die Eingebornen und gegen den Engländer entschieden worden sei.207
Während Clarendon’s Aufenthalt in Dublin war das Geheimsiegel in den Händen einer Commission gewesen. Seine Freunde hofften, daß er es bei seiner Zurückkunft nach London wieder erhalten werde. Aber der König und die jesuitische Cabale hatten sich vorgenommen, daß die Ungnade der Hyde vollständig sein sollte. Lord Arundell von Wardour, ein Katholik, erhielt das Geheimsiegel, Bellasyse, auch ein Katholik, wurde erster Lord des Schatzes, und Dover, gleichfalls Katholik, erhielt einen Sitz im Schatzamt. Die Ernennung eines zu Grunde gerichteten Spielers zu einem solchen Posten würde allein schon hingereicht haben, um das Publikum aufzubringen. Der ausschweifende Etherege, welcher damals als englischer Gesandter in Regensburg lebte, konnte sich nicht enthalten, mit einem höhnischen Lächeln die Hoffnung auszusprechen, daß sein alter Zechbruder Dover das Geld des Königs fester halten werde als sein eignes. Damit die Finanzen durch unfähige und unerfahrene Papisten nicht zerrüttet werden möchten, wurde der dienstwillige, umsichtige und verschwiegene Godolphin zum Schatzcommissar ernannt, blieb aber nach wie vor Kammerherr der Königin.208
Eindruck des Sturzes der Hyde. Die Entlassung der beiden Brüder bildet eine wichtige Epoche in Jakob’s Regierung. Von diesem Augenblicke an war es klar, daß er in Wirklichkeit nicht Gewissensfreiheit für seine eigenen Glaubensgenossen, sondern die Freiheit zur Verfolgung Andersgläubiger wollte. Während er vorgab, die Religionseide zu verabscheuen, hatte er selbst einen eingeführt. Er hatte gesagt, es sei hart, es sei abscheulich, fähige und loyale Männer blos deshalb, weil sie Katholiken seien, vom Staatsdienste auszuschließen, und jetzt verabschiedete er selbst einen Schatzmeister, dessen Befähigung und Loyalität er anerkannte, lediglich deshalb, weil er Protestant war. Man sprach laut davon, daß eine allgemeine Proscription bevorstehe, und daß jeder Staatsdiener sich werde darauf gefaßt machen müssen, entweder sein Seelenheil zu verwirken, oder seine Stelle zu verlieren.209 Wer konnte in der That hoffen, da stehen zu bleiben, wo die Hyde gefallen waten? Sie waren die Schwäger des Königs, die Oheime und natürlichen Vormunde seiner Kinder, von früher Jugend auf seine Freunde, seine treuen Anhänger in Unglück und Gefahr und seine gehorsamen Diener, seit er auf dem Throne saß. Ihr einziges Verbrechen war ihre Religion und wegen dieses Verbrechens waren sie entlassen worden. Man sah sich in großer Angst nach Hülfe um und bald richteten sich Aller Blicke auf einen Mann, den eine seltene Vereinigung von persönlichen Eigenschaften und zufälligen Umständen zum Befreier bezeichnete.