Geschichte von England (continued 3)
Wilhelm Beseler translation
Es dürfte keine minder auffallende Thatsache sein, daß bis auf den heutigen Tag die Bewohner einiger westlichen Provinzen Englands, sobald irgend eine ihre Interessen berührende Bill im Hause der Lords zur Verlesung kommt, sich für berechtigt hielten, auf die Unterstützung des Herzogs von Buccleuch, eines Nachkommen des unglücklichen Oberhauptes, für den ihre Vorfahren bluteten, Anspruch zu machen.
Die Geschichte Monmouth’s würde allein genügen, um den Vorwurf der Unbeständigkeit zu widerlegen, der dem gemeinen Volke so oft gemacht wird. Allerdings ist das niedere Volk zuweilen unbeständig, weil es eben Menschen sind; daß es aber unbeständig sei im Vergleich zu den höheren Klassen, zu dem Adel und zu den Fürsten, muß entschieden geleugnet werden. Man könnte leicht Demagogen namhaft machen, deren Popularität sich nicht vermindert hat, während Souveraine und Parlamente einer langen Reihe von Staatsmännern ihr Vertrauen entzogen haben. Als Swift’s Geisteskräfte sich schon viele Jahre überlebt hatten, fuhr das irische Volk noch immer fort, an seinem Geburtstage Freudenfeuer anzuzünden, zur Erinnerung an die Dienste, die er, wie sie glaubten, dem Vaterlande zu der Zeit geleistet hatte, da sein Geist noch in voller Kraft war. Während sieben Ministerien zur Macht erhoben und in Folge von Hofintriguen oder Gesinnungsveränderungen der höheren Klassen der Gesellschaft wieder vertrieben wurden, behauptete der verworfene Wilkie seine Herrschaft über einen Pöbel, den er brandschatzte und verhöhnte. Politiker, welche 1807 sich bei Georg III. in Gunst zu setzen suchten, indem sie Karolinen von Braunschweig vertheidigten, schämten sich nicht, dreizehn Jahre später die nämliche Fürstin zu verfolgen, um sich bei Georg IV. einzuschmeicheln. Die ganze Masse der arbeitenden Klassen aber war im Jahre 1820 noch eben so für sie begeistert wie 1807. So war es auch mit Monmouth. Im Jahre 1680 war er in gleichem Maße von der Gentry wie von dem Landvolke des Westens verehrt worden, und als er im Jahre 1685 wieder erschien, war er für die Gentry ein Gegenstand der Abneigung geworden, während das Landvolk ihm noch immer mit einer den Tod nicht scheuenden Liebe zugethan war, mit einer Liebe, die weder Mißgeschick und Fehler, noch die Flucht von Sedgemoor, noch der Brief von Ringwood, noch die Thränen und schmachvollen Bitten in Whitehall zu ersticken vermochten. Nicht Unbeständigkeit ist es, was man dem niederen Volke zum Vorwurf machen kann, sondern nur, daß es in der Wahl seiner Lieblinge fast stets so unglücklich ist, daß seine Beständigkeit ein Fehler und keine Tugend wird.
Grausamkeiten der Soldaten im Westen. Während Monmouth’s Hinrichtung die Gemüther der Londoner beschäftigte, mußten die Grafschaften, die sich gegen die Regierung erhoben hatten, alle Unbilden ertragen, die eine zügellose Soldateska nur ersinnen kann. Feversham war an den Hof eingeladen worden, wo ihn Ehren und Gunstbezeigungen erwarteten, die er wenig verdiente. Er wurde zum Ritter des Hosenbandordens ernannt und erhielt den Befehlshaberposten über die erste und am besten besoldete Abtheilung der Leibgarde; aber Hof und Stadt lachte über seine militairischen Heldenthaten und Buckingham’s Witz sprühte seine letzten schwachen Funken gegen den General aus, der im Bett eine Schlacht gewonnen hatte.118
Kirke. Feversham übertrug das Commando in Bridgewater dem Obersten Percy Kirke, einem Abenteurer, dessen Laster in der schlechtesten aller militairischen Schulen, in Tanger, entwickelt worden waren. Kirke hatte einige Jahre hindurch die Besatzung dieser Stadt commandirt und war beständig in Feindseligkeiten mit fremden Barbarenstämmen verwickelt gewesen, welche die Regeln und Gesetze der Kriegführung gebildeter und christlicher Nationen nicht kannten. Innerhalb der Mauern seiner Festung war er ein despotischer Fürst und seine Tyrannei wurde nur durch die Furcht, von der entfernten und sorglosen Regierung zur Verantwortung gezogen zu werden, einigermaßen in Schranken gehalten. Er konnte sich daher ohne Gefahr die frechsten Ausschweifungen der Raubgier, der Sittenlosigkeit und der Grausamkeit erlauben. Er lebte in zügelloser Üppigkeit und Verschwendung und verschaffte sich durch Erpressungen die Mittel, um seinen Lüsten zu fröhnen. Keine Waaren konnten verkauft werden, ohne daß Kirke das Vorkaufsrecht geltend machte, keine Rechtsfrage konnte entschieden werden, bevor Kirke bestochen war. Einst ließ er aus bloßer übermüthiger Laune im Keller eines Weinhändlers alten Fässern den Boden einschlagen; ein andermal vertrieb er alle Juden aus Tanger und überlieferte zwei von ihnen der spanischen Inquisition, die sie ohne weiteres verbrannte. Und unter dieser eisernen Herrschaft ward kaum eine Klage laut, da der Haß durch die Furcht wirksam niedergehalten wurde. Zwei Personen, die sich widersetzlich gezeigt hatten, wurden ermordet gefunden, und man war allgemein der Überzeugung, daß sie auf Kirke’s Befehl umgebracht worden waren. Wenn er mit seinen Soldaten nicht zufrieden war, peitschte er sie mit schonungsloser Strenge, entschädigte sie aber wieder dafür, indem er ihnen erlaubte, auf der Wache zu schlafen, betrunken durch die Straßen zu taumeln und Kaufleute und Handwerker auszuplündern, zu prügeln und auf jede Weise zu quälen.
Als Tanger aufgegeben wurde, kehrte Kirke nach England zurück. Er behielt das Commando über seine bisherigen Soldaten, welche zuweilen als das erste Regiment von Tanger, zuweilen auch als das Regiment der Königin Katharine bezeichnet wurden. Da diese Mannschaft zu dem Zwecke ausgehoben war, um gegen eine ungläubige Nation Krieg zu führen, so hatte sie ein christliches Emblem, das Osterlamm, auf ihrer Fahne. In Anspielung auf dieses Zeichen und in einem bitter ironischen Sinne wurden diese Leute, die rohesten und wildesten Soldaten der englischen Armee, Kirke’s Lämmer genannt. Das gegenwärtige zweite Linienregiment führt noch heute dieses alte Fahnenzeichen, das aber durch ehrenvolle, in Ägypten, Spanien und Asien verdiente Dekorationen in den Schatten gestellt worden ist.119
Ein solcher Befehlshaber und solche Soldaten waren jetzt gegen die Bevölkerung von Somersetshire losgelassen. Von Bridgewater marschirte Kirke nach Taunton. Zwei Karren mit verwundeten Rebellen, deren Wunden nicht verbunden waren, und ein langer Zug von Gefangenen, welche paarweis zusammengefesselt zu Fuß gingen, begleiteten ihn. Sogleich nach seiner Ankunft in Taunton ließ er mehrere von diesen ohne jede gerichtliche Formalität hängen; sie durften nicht einmal von ihren nächsten Verwandten Abschied nehmen. Der Pfahl, an welchem das Schild des Gasthofes „zum weißen Hirsche“ hing, diente als Galgen. Die schauerliche Execution soll unter den Fenstern des Zimmers stattgefunden haben, in welchem die Offiziere des Tanger’schen Regiments zechten, und bei jedem Toaste soll ein Unglücklicher aufgeknüpft worden sein. Während die Beine des Verscheidenden im letzten Todeskampfe zuckten, ließ der Oberst die Trommeln rühren; er sagte, er wolle den Rebellen zu ihrem Tanze Musik machen. Die Sage erzählt, daß einem der Gefangenen nicht einmal die Vergünstigung eines schnellen Todes zu Theil wurde; zweimal wurde er emporgezogen und zweimal wieder abgeschnitten; zweimal ward er gefragt, ob er seinen Verrath bereue, und zweimal antwortete er, wenn es noch einmal losginge, werde er das Nämliche thun. Dann wurde er endlich zum letzten Male aufgeknüpft. Es wurden so viele Leichname geviertheilt, daß der Henker bis an die Knöchel im Blute stand. Zur Beihülfe hatte er einen armen Mann, dessen Loyalität verdächtig war und der sein Leben dadurch loskaufen mußte, daß er die Überreste seiner Freunde in Pech sott. Dieser Mann, der sich zu einer so grauenvollen Arbeit hergegeben hatte, kehrte nachher zu seinem Pfluge zurück. Aber er behielt für seine Lebenszeit ein Kainszeichen, indem er von Stund an im ganzen Dorfe Tom Boilman (Siedemann) genannt wurde. Die Landleute der dortigen Gegend erzählten sich noch lange nachher, daß er sich durch seine sündliche und schändliche That zwar vor der Rache der „Lämmer“ schützte, aber der Rache einer höheren Gewalt nicht entging. Bei einem starken Gewitter trat er unter eine Eiche und wurde vom Blitze erschlagen.120
Die Anzahl der Menschen, welche auf solche Art hingeschlachtet wurden, läßt sich jetzt nicht mehr ermitteln; neun wurden in die Kirchenregister von Taunton eingetragen, aber diese Register enthalten nur die Namen Derer, welche ein christliches Begräbniß erhielten. Die Zahl Derjenigen, die in Ketten gehängt oder deren Köpfe und Glieder in die umliegenden Dörfer geschickt wurden, muß viel bedeutender gewesen sein. In London glaubte man damals, daß Kirke in der Woche nach der Schlacht hundert Gefangene hinrichten ließ.121
Die Grausamkeit war indessen nicht die einzige Leidenschaft dieses Mannes; er liebte das Geld und war kein Neuling in Erpressungskünsten. Ein sicheres Geleit mußte man ihm mit dreißig bis vierzig Pfund Sterling bezahlen, und wenn ein solcher Geleitsbrief auch keine gesetzliche Gültigkeit hatte, so setzte er den Inhaber wenigstens in den Stand, die Posten der „Lämmer“ ungehindert zu passiren und einen Seehafen zu erreichen, um ins Ausland entfliehen zu können. Die nach Neuengland bestimmten Schiffe waren zu jener Zeit so mit Flüchtlingen von Sedgemoor angefüllt, daß sie Gefahr liefen, mit ihren Wasser- und Lebensmittelvorräthen nicht auszureichen.122
Außerdem war Kirke auch in der ihm eigenen rohen und wilden Art ein Freund der sinnlichen Genüsse, und es ist sehr wahrscheinlich, daß er seine Macht zur Befriedigung seiner zügellosen Begierden anwendete. Man erzählte sich, daß er die Tugend eines schönen Mädchens durch das Versprechen besiegte, das Leben eines Mannes schonen zu wollen, an dem sie mit zärtlicher Liebe hing, daß er aber, nachdem sie sich ihm hingegeben, ihr die leblose Hülle Dessen, dem sie ihre Ehre geopfert hatte, am Galgen hängend zeigte. Diese Erzählung kann ein unparteiischer Richter nicht glauben, und sie wird auch durch keine Beweise unterstützt. Die früheste Autorität dafür ist ein Gedicht von Pomfret. Die glaubwürdigen Geschichtschreiber jener Zeit erwähnen bei der Schilderung der Greuelthaten Kirke’s dieses scheußliche Verbrechen entweder gar nicht, oder doch nur als unverbürgtes Gerücht, und Diejenigen, welche die Geschichte ausführlich erzählen, erzählen sie so verschiedenartig, daß sie dadurch allen Anspruch auf Glaubwürdigkeit verliert. Nach Einigen soll sie in Taunton, nach Anderen in Exeter geschehen sein; nach Einigen war die Heldin der Geschichte ein junges Mädchen, nach Anderen eine verheirathete Frau, und der Verwandte, dem sie das entehrende Opfer brachte, wird von Einigen als ihr Vater, von Anderen als ihr Bruder, von noch Anderen als ihr Gatte bezeichnet. Endlich ist die Anekdote schon ehe Kirke geboren war, vielen anderen Unterdrückern zugeschrieben und ein Lieblingsthema für Romanschreiber und Schauspieldichter geworden. Zwei Staatsmänner des fünfzehnten Jahrhunderts, Rhynsault, der Günstling Karl’s des Kühnen von Burgund, und Olivier le Dain, der Günstling Ludwig’s XI. von Frankreich, werden des nämlichen Verbrechens beschuldigt. Cintio hat einen Roman daraus gemacht, Whetstone hat Cintio’s Roman als Stoff für das rohe Schauspiel „Promos und Cassandra“ benutzt, und Shakespeare hat die Intrigue der herrlichen Tragikomödie „Maß für Maß“ von Whetstone entlehnt. Wie Kirke nicht der Erste war, so war er auch nicht der Letzte, dem das Volk diese haarsträubende Schändlichkeit zur Last legt. Während der Reaction, welche auf die Schreckensherrschaft der Jakobiner in Frankreich folgte, wurde eine ganz ähnliche Beschuldigung gegen Joseph Lebon, eines der abscheulichsten Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, erhoben; nach erfolgter Untersuchung aber gestanden selbst seine Ankläger zu, daß sie ungegründet sei.123
Die Regierung war mit Kirke unzufrieden, nicht wegen seiner barbarischen Behandlung unbemittelter Gefangenen, sondern wegen der uneigennützigen Milde, die er gegen reiche Delinquenten übte.124 Er wurde daher bald aus dem Westen zurückberufen und eine regelmäßigere und zugleich grausamere Metzelei veranstaltet. Die Rache ward um einige Wochen aufgeschoben, denn man hielt es für wünschenswerth, die Assisen im Westen nicht eher beginnen zu lassen, bis die anderen beendigt waren. Mittlerweile füllten sich die Gefängnisse von Somersetshire und Dorsetshire mit Tausenden von Gefangenen. Der hauptsächlichste Freund und Beschützer dieser Unglücklichen in ihrer Bedrängniß war ein Mann, der ihre religiösen und politischen Ansichten verabscheute, dessen Stand sie haßten und dem sie ohne Veranlassung von seiner Seite Böses zugefügt hatten, der Bischof Ken. Dieser menschenfreundliche Prälat bot seinen ganzen Einfluß auf, um die Kerkermeister zur Milde zu stimmen und beschränkte seinen bischöflichen Aufwand, damit er im Stande war, die schlechte und dürftige Kost der Unglücklichen, die seine geliebte Kathedrale entweiht hatten, einigermaßen zu verbessern. Sein Benehmen bei dieser Gelegenheit entsprach seinem ganzen Lebenswandel. Allerdings war sein Verstand durch manchen Aberglauben und manche Vorurtheile verdunkelt, sein sittlicher Character aber hält bei unparteiischer Betrachtung einen Vergleich mit jeder Persönlichkeit der Kirchengeschichte aus und kommt der idealen Vollkommenheit der christlichen Tugend so nahe, als menschliche Schwäche es immer gestattet.125
Jeffreys reist zu den westlichen Assisen ab. Sein Liebeswerk war jedoch nicht von langer Dauer; eine schnelle und wirksame Entleerung der Gefängnisse stand nahe bevor. Anfangs September trat Jeffreys in Begleitung von vier anderen Richtern die Assisen-Rundreise an, deren Andenken so lange unter uns fortleben wird, als unsre Nation und unsre Sprache existiren. Die commandirenden Offiziere in den Bezirken, durch die sein Weg ihn führte, waren angewiesen, ihm jeden militairischen Beistand zu leisten, den er verlangte. Obgleich sein hämischer Character keines Spornes bedurfte, so wurde doch ein solcher angewendet. Die Gesundheit und die Geisteskräfte des Lordsiegelbewahrers waren geschwächt. Die Kälte des Königs und der Übermuth des Lordoberrichters hatten ihn tief gekränkt, und der Rückblick auf seine Vergangenheit, die zwar mit keinem abscheulichen Verbrechen geschändet, aber doch durch Feigheit, Selbstsucht und Servilität befleckt war, konnte ihm nur geringen Trost gewähren. Der unglückliche Mann fühlte sich so tief gedemüthigt, daß er bei seinem letzten Erscheinen in Westminsterhall einen Blumenstrauß mitgebracht hatte, um sein Gesicht dahinter zu verbergen, weil er, wie er später gestand, die Blicke der Richter und der Zuhörer nicht ertragen konnte. Die Aussicht auf sein nahes Ende scheint ihn mit ungewöhnlichem Muthe erfüllt zu haben. Er beschloß, sein Herz zu erleichtern, bat den König um eine Audienz, sprach in ernstem Tone von den von heftigen und unwillkürlichen Rathschlüssen unzertrennlichen Gefahren, und tadelte auf das Entschiedenste die gesetzwidrigen Grausamkeiten, welche die Soldaten in Somersetshire verübt hatten. Bald darauf verließ er London und starb. Er verschied wenige Tage nach der Abreise der Richter nach dem Westen. Sofort wurde Jeffreys gemeldet, daß er als Lohn für treue und energische Dienste das große Siegel erwarten dürfe.126
Prozeß der Alice Lisle. In Winchester öffnete der Oberrichter zum ersten Male seine richterlichen Vollmachten. Hampshire war zwar nicht der Kriegsschauplatz gewesen, aber viele von den besiegten Rebellen hatten sich, wie ihr Oberhaupt, dahin geflüchtet. Zwei von ihnen, Johann Hickes, ein nonconformistischer Geistlicher, und Richard Nelthorpe, ein wegen seiner Betheiligung an dem Ryehousecomplot geächteter Advokat, hatten in dem Hause einer gewissen Alice Lisle, der Wittwe Johann Lisle’s, eine Zufluchtsstätte gefunden. Johann Lisle war Mitglied des Langen Parlaments und des Hohen Gerichtshofes, in den Tagen der Republik Commissar für das Große Siegel gewesen und war von Cromwell zum Lord erhoben worden. Die von dem Protector verliehenen Titel waren von keiner seit dem Sturze seines Hauses ans Ruder gekommenen Regierung anerkannt worden, wenn sie auch, selbst von Roylisten, im gewöhnlichen Gespräch angewendet wurden. Die Wittwe Johann Lisle’s wurde daher fast allgemein Lady Alice genannt. Sie war mit mehreren angesehenen und sogar mit einigen adeligen Familien verwandt und genoß einer allgemeinen Achtung, selbst bei den toryistischen Gentlemen ihrer Grafschaft, denn es war ihnen wohlbekannt, daß sie manche Gewaltthätigkeiten, an denen ihr Gatte Theil genommen, schmerzlich bedauerte, daß sie um Karl I. bittere Thränen vergossen und viele Kavaliere in ihrer Noth unterstützt und getröstet hatte. Die nämliche weibliche Herzensgüte, die sie früher bewogen hatte, sich bedrängter Royalisten anzunehmen, gestattete ihr nicht, auch den Unglücklichen, die sie jetzt um Schutz baten, ein Mahl und eine Freistätte zu verweigern. Sie nahm sie in ihr Haus auf, reichte ihnen Speise und Trank und gewährte ihnen ein Nachtlager. Am nächsten Morgen war ihre Wohnung von Soldaten umstellt, es wurde strenge Haussuchung vorgenommen und Hickes im Malzhause, Nelthorpe im Kamin versteckt gefunden. Wenn Lady Alice wußte, daß ihre Gäste an dem Aufstande Theil genommen hatten, so war sie allerdings im strengen Sinne eines Kapitalverbrechens schuldig, denn das Gesetz über die Hauptschuld und Mitschuld beim Hochverrath war damals und ist heute noch in einem der englischen Jurisprudenz nicht zur Ehre gereichendem Zustande. In Fällen der Felonie wird nach vollbrachter That ein auf Recht und Vernunft begründeter Unterschied zwischen dem Hauptverbrecher und dem Mitschuldigen gemacht. Wer Jemanden, den er als Mörder kennt, vor der Justiz verbirgt, ist zwar straffällig, hat aber nicht die auf einen Mord gesetzte Strafe verwirkt; Derjenige aber, der Jemanden bei sich aufnimmt, den er als Hochverräther kennt, ist nach allen unseren Juristen des Hochverraths schuldig. Es ist überflüssig, die Ungereimtheit und Grausamkeit eines Gesetzes nachzuweisen, welches Vergehen, die an den entgegengesetzten Endpunkten der Stufenleiter der Strafbarkeit liegen, unter der nämlichen Definition begreift und mit der nämlichen Strafe belegt. Das Gefühl, welches auch den loyalsten Unterthan es nicht über sich gewinnen läßt, den besiegten und halb todt gehetzten Rebellen, der ihn um ein Stück Brod und um einen Trunk Wasser bittet, einem schimpflichen Tode preiszugeben, mag eine Schwäche sein, aber gewiß ist es eine Schwäche, die mit der Tugend sehr nahe verwandt ist, eine Schwäche, die wir Menschen, wie wir nun einmal beschaffen sind, schwerlich aus dem Herzen reißen können, ohne zu gleicher Zeit viele andere edle und humane Gefühle zu ersticken. Ein weiser und guter Regent mag es nicht für recht halten, diese Schwäche zu sanctioniren; aber er wird sie in der Regel hingehen lassen, oder sie doch nur sehr mild bestrafen. In keinem Falle aber wird er sie als ein Verbrechen der schwärzesten Art betrachten. Ob Flora Macdonald recht daran that, daß sie den geächteten Erben der Stuart verbarg; ob ein wackerer Soldat unsrer Zeit recht daran that, daß er Lavalette bei seiner Flucht behülflich war, dies sind Fragen, über welche die Casuisten verschiedener Meinung sein können; solche Handlungen aber in eine Kategorie mit den Verbrechen eines Guy Faux oder Fieschi zu werfen, ist ein Frevel an der Humanität und an dem gesunden Menschenverstande. Gleichwohl sind sie in unsrem Gesetz so klassificirt. Es ist klar, daß ein solches Gesetz nur durch milde Ausführung desselben erträglich werden kann, und um gerecht zu sein, muß man sagen, daß seit vielen Menschenaltern keine englische Regierung, eine einzige ausgenommen, gegen Personen, die sich der bloßen Aufnahme geschlagener und flüchtiger Insurgenten schuldig gemacht, mit Strenge verfahren ist. Besonders den Frauen ist durch eine Art von stillschweigender Bewilligung das Recht zugestanden, inmitten der Zerstörung und Rache das Mitleid zu üben, welches die schönste Zierde ihres Characters ist. Seit dem Beginn des großen Bürgerkrieges sind eine Menge Rebellen, die zum Theil viel bedeutender waren als Hickes und Nelthorpe, durch weibliche Klugheit und Hochherzigkeit vor der Strenge siegreicher Regierungen geschützt worden. Aber kein auf diese Weise hintergangener englischer Regent, mit alleiniger Ausnahme des gefühllosen und unerbittlichen Jakob, ist so barbarisch gewesen, nur daran zu denken, eine Dame wegen eines so verzeihlichen und liebenswürdigen Vergehens einem schmerzvollen und schimpflichen Tode zu überantworten.
So gehässig das Gesetz an sich schon war, es wurde auf die Spitze getrieben, um Alice Lisle zu verderben. Sie konnte nach dem von der höchsten Autorität festgestellten Grundsatze erst nach erfolgter Überführung der Rebellen, die sie beherbergt hatte, überwiesen werden.127 Dennoch wurde sie vor Gericht gestellt, ehe weder Hickes noch Nelthorpe nur verhört waren. Es war kein leichtes Ding, in einem solchen Falle ein Verdict im Sinne der Krone zu erlangen. Die Zeugen machten Ausflüchte und die Jury, welche aus den vornehmsten Gentlemen von Hampshire bestand, bebten zurück vor dem Gedanken, einen Nebenmenschen einer Handlung, die ihrer Ansicht nach eher Lob als Tadel verdiente, auf das Schaffot zu senden. Jeffreys war wüthend. Es war der erste Fall von Hochverrath auf seiner Rundreise und es hatte ganz den Anschein, als ob seine Beute ihm entschlüpfen würde. Er raste und fluchte und schwur in einer Sprache, der sich ein gebildeter Mann nicht bei einem Wettrennen oder bei einem Hahnenkampfe bedient haben würde. Ein Zeuge Namens Dunne verlor theils aus Mitleid mit Lady Alice, theils aus Angst vor den Drohungen und Verwünschungen des Oberrichters völlig den Kopf und antwortete gar nicht mehr. „Wie schwer es doch hält,“ sagte Jeffreys, „aus einem solchen lügenhaften presbyterianischen Schurken die Wahrheit heraus zu bekommen!“ Nach einer Pause stammelte der Zeuge einige unzusammenhängende Worte hervor. „Hat die Erde jemals einen solchen Buben getragen?“ rief der Oberrichter mit einem Fluche. „Glaubst Du, daß es einen Gott giebt? glaubst Du an das Feuer der Hölle? Noch nie in meinem Leben ist mir ein solcher Zeuge vorgekommen wie Du!“ Der arme Mann war ganz verdutzt und schwieg noch immer. „Ich hoffe, meine Herren Geschwornen,“ donnerte Jeffreys weiter, „daß Sie sich das verruchte Benehmen dieses Burschen merken werden. Ist es wohl anders möglich, als daß man diese Menschen und ihre Religion verabscheuen muß? Ein Türke ist ein Heiliger gegen einen solchen Buben, ein Heide würde sich solcher Schurkerei schämen. Altmächtiger Jesus, unter was für einem Otterngezücht leben wir doch!“ — „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Mylord,“ stammelte Dunne. Der Richter brach aufs neue in einen Strom von Flüchen und Verwünschungen aus. „Kann es wohl je einen frecheren Hallunken gegeben haben?“ brüllte er wieder. „Haltet ihm ein Licht vor, damit wir sein schamloses Gesicht sehen! Meine Herren Kronanwälte, Sie werden dafür sorgen, daß eine Anklage auf Meineid gegen diesen Schurken erhoben wird.“ Nach einer solchen Zeugenvernehmung wurde Lady Alice aufgefordert, sich zu vertheidigen. Sie begann mit der Versicherung, die auch wahr sein konnte, sie habe zwar gewußt, daß Hickes verfolgt werde, als sie ihn bei sich aufgenommen, aber weder gewußt noch geahnet, daß er bei dem Aufstande betheiligt gewesen sei. Er sei ein Geistlicher, ein Mann des Friedens, es sei ihr daher nicht entfernt in den Sinn gekommen, daß er gegen die Regierung die Waffen getragen haben könnte, und sie habe geglaubt, er wolle sich deshalb verbergen, weil wegen Feldpredigens Verhaftbefehle gegen ihn erlassen worden seien. Der Oberrichter begann aufs neue zu donnern: „Ich will’s Euch besser sagen. Es ist nicht einer unter diesen lügnerischen, näselnden, scheinheiligen Presbyterianern, der nicht auf eine oder die andre Art bei der Rebellion die Hand im Spiele gehabt hätte. Der Presbyterianismus vereinigt alle Schurkereien in sich, nur der Presbyterianismus hat Dunne zu einem solchen Schufte machen können. Ein Presbyterianer sein heißt soviel als ein lügenhafter Bube sein.“ In dem nämlichen Style faßte er das Resumé der Anklage zusammen, tobte noch eine Stunde lang gegen Whigs und Dissenters und gab der Jury zu bedenken, daß der Gatte der Gefangenen Antheil an der Ermordung Karl’s I. genommen habe, eine Beschuldigung, welche durch nichts bewiesen war und die, selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, mit der vorliegenden Sache gar nichts zu thun hatte. Die Geschwornen zogen sich zurück und blieben lange in Berathung. Der Richter wurde ungeduldig. Er könne nicht begreifen, sagte er, wie sie in einem so klaren Falle nur den Gerichtssaal hätten verlassen können. Er schickte ihnen einen Boten und ließ ihnen sagen, daß, wenn sie nicht augenblicklich zurückkämen, er die Sitzung aufheben und sie die ganze Nacht einschließen werde. So gedrängt, kamen sie zurück, aber nur um zu sagen, daß sie zweifelten, ob die Anklage begründet sei. Jeffreys machte ihnen die heftigsten Vorwürfe und nach einer nochmaligen kurzen Berathung sprachen sie mit Widerstreben das Schuldig aus.
Am folgenden Morgen wurde das Urtheil gefällt. Jeffreys sprach sich dahin aus, daß Alice Lisle noch denselben Nachmittag lebendig verbrannt werden sollte. Dieses Übermaß von Barbarei erregte das Mitleid und den Unwillen selbst derjenigen Klasse, die der Krone am ergebensten war. Die Geistlichen der Kathedrale von Winchester machten dem Oberrichter Vorstellungen und er wagte es bei all’ seiner Brutalität nicht, sich über einen solchen Gegenstand in einen Streit mit einer Körperschaft einzulassen, die bei der Torypartei in so hohem Ansehen stand. Er willigte ein, daß die Hinrichtung fünf Tage verschoben wurde. Während dieser Zeit boten die Freunde der Gefangenen Alles auf, um von Jakob ihre Begnadigung zu erwirken; sehr vornehme Damen verwendeten sich für sie, und auch Feversham, dessen letzter Sieg seinen Einfluß bei Hofe vergrößert hatte und der, wie man sagte, sich zum Mitleid hatte bestechen lassen, sprach zu ihren Gunsten. Sogar Clarendon, der Schwager des Königs, nahm sich ihrer Sache an. Aber es war Alles vergebens. Das Höchste, was man erlangen konnte, war die Umwandlung des Feuertodes in Enthauptung. Auf einem auf dem Marktplatze zu Winchester errichteten Schaffot wurde sie hingerichtet, und sie ertrug ihr Schicksal mit heiterem Muthe.128
Die blutigen Assisen. In Hampshire war Alice Lisle das einzige Opfer; aber den Tag nach ihrer Hinrichtung begab sich Jeffreys nach Dorchester, der Hauptstadt der Grafschaft, in welcher Monmouth gelandet war, und hier begann das richterliche Gemetzel.
Der Gerichtssaal war auf Befehl des Oberrichters mit rothem Tuche ausgeschlagen, und die Menge erblickte in dieser Neuerung ein Anzeichen von blutigen Absichten. Auch erzählte man sich, Jeffreys’ blutdürstiger Mund habe sich zu einem unheilverkündenden Grinsen verzogen, als der Geistliche, der die Assisenpredigt hielt, den Richtern die Pflicht der Milde ans Herz legte. Alle diese Umstände erweckten schlimme Ahnungen hinsichtlich dessen, was folgen sollte.129
Es waren mehr als dreihundert Gefangene abzuurteilen. Dies schien ein schweres Stück Arbeit, aber Jeffreys wußte es sich leicht zu machen. Er gab zu verstehen, daß die Angeklagten nur dann Aussicht hatten, Begnadigung oder Strafaufschub zu erlangen, wenn sie ihre Schuld eingestanden. Neunundzwanzig Personen, die sich für nicht schuldig erklärten, aber schuldig befunden wurden, ließ Jeffreys sofort aufknüpfen. Die übrigen Gefangenen bekannten, sich nun massenweise für schuldig. Zweihundertzweiundneunzig wurden zum Tode verurtheilt. Die Anzahl Derer, welche in Dorsetshire gehängt wurden, belief sich im Ganzen auf vierundsiebzig.
Von Dorchester zog Jeffreys weiter nach Exeter. Der Bürgerkrieg hatte kaum die Grenzen von Dorsetshire berührt und es wurden deshalb hier verhältnißmäßig nur wenige Personen mit dem Tode bestraft. Somersetshire, der Hauptsitz des Aufstandes, war für die letzte und furchtbarste Rache aufgespart. In dieser Grafschaft wurden binnen wenigen Tagen zweihundertdreiunddreißig Gefangene gehängt, geschleift und geviertheilt. An jeder Stelle, wo zwei Straßen sich kreuzten, auf jedem Marktplatze, und auf der Gemeindewiese jedes großen Dorfes, das Monmouth Soldaten geliefert hatte, verpesteten gefesselte Leichname, die sich klirrend im Winde schaukelten, oder auf Pfähle gespießte Köpfe und Glieder die Luft und erfüllten den Reisenden mit Grauen und Entsetzen. In manchen Dörfern konnten die Leute sich nicht im Gotteshause versammeln, ohne über dem Portale das gespensterhafte Antlitz eines Nachbarn grinsen zu sehen. Der Oberrichter war in seinem Element. Je weiter das Mordwerk gedieh, um so heiterer und lebhafter wurde er. Er lachte, jubelte, scherzte und schwur in solchem Maße, daß viele Leute ihn vom Morgen bis zum Abend für betrunken hielten. Aber bei ihm war es nicht leicht, den durch wilde Leidenschaften erregten Wahnsinn von dem durch den Branntwein hervorgerufenen zu unterscheiden. Ein Gefangener behauptete, die gegen ihn aufgetretenen Zeugen verdienten keinen Glauben, indem einer von ihnen Papist, der andre prostituirt sei. „Wie, frecher Rebell?“ rief der Oberrichter, „Du wagst es, des Königs Zeugen zu verwerfen? Ich sehe Dich schon mit dem Stricke um den Hals, Schurke!“ Ein Andrer bewies durch Zeugnisse, daß er ein guter Protestant sei. „Protestant?“ rief Jeffreys, „Presbyterianer wollt Ihr sagen! Ich biete Euch eine Wette darauf an, daß ich einen Presbyterianer vierzig Meilen weit wittere.“ Ein Unglücklicher erweckte selbst das Mitleid erbitterter Tories. „Mylord,“ sagten sie, „dieser arme Mann wird auf Gemeindekosten unterhalten.“ „Seid unbesorgt,“ entgegnete der Oberrichter, „ich will die Gemeinde von der Last befreien.“ Seine Wuth richtete sich nicht gegen die Gefangenen allein. Gentlemen und Adelige von hohem Ansehen und fleckenloser Loyalität, die es wagten, ihn auf einen mildernden Umstand aufmerksam zu machen, konnten fast mit Gewißheit darauf rechnen, daß sie eine Antwort von ihm erhielten, die er in der gemeinen Sprache, welche er sich in den Bierhäusern von Whitechapel angeeignet hatte, einen Schlag mit der rauhen Seite seiner Zunge nannte. Lord Stawell, ein toryistischer Peer, der seinen Abscheu vor der Gewissenlosigkeit, mit der seine unglücklichen Nachbarn hingeschlachtet wurden, nicht verhehlen konnte, wurde dadurch bestraft, daß man über seinem Parkthore einen Leichnam in Ketten aufhängte.130 Aus derartigen Schauspielen entsprangen manche schauerliche Geschichten, die sich die Landleute von Somersetshire noch lange nachher am Weihnachtsfeuer beim Äpfelwein erzählten. Noch in den letzten vierzig Jahren kannten in einigen Districten Manche die verwünschten Stellen genau und gingen des Abends nur mit Widerstreben an denselben vorüber.131
Jeffreys rühmte sich mehr Verräther gehängt zu haben, als alle seine Vorgänger seit der Eroberung. Es ist gewiß, daß die Anzahl der Personen, die er in einem Monate und in einer Grafschaft hinrichten ließ, bei weitem die Zahl aller politischen Verbrecher übersteigt, welche seit der Revolution auf unsrer Insel hingerichtet worden sind. Die Aufstände von 1715 und 1745 waren von längerer Dauer, von größerer Ausdehnung und viel drohenderem Aussehen als der, welcher bei Sedgemoor niedergeworfen wurde, und man war nicht allgemein der Ansicht, daß das Haus Hannover sowohl nach der Rebellion von 1715 als auch nach der von 1745 in der Milde zu weit gegangen sei. Gleichwohl muß die Anzahl der Hinrichtungen von 1715 und 1745 zusammengenommen, im Vergleich mit denen, welche die blutigen Assisen geschändet haben, gering erscheinen. Die Gesammtzahl der Rebellen, welche Jeffreys auf dieser Rundreise hängen ließ, belief sich auf dreihundertzwanzig.132
Ein solches Gemetzel hätte selbst dann Abscheu erregen müssen, wenn die Verurtheilten im Allgemeinen hassenswerth gewesen wären. Aber sie waren zum größten Theil Leute von tadellosem Wandel und wahrer Religiosität. Sie betrachteten sich selbst und wurden auch von einem großen Theile ihrer Nachbarn nicht als Missethäter, sondern als Märtyrer betrachtet, welche die Wahrheit des protestantischen Glaubens mit ihrem Blute besiegelten. Nur sehr wenige von den Verurtheilten legten Reue über das, was sie gethan, an den Tag. Viele, die von dem alten puritanischen Geiste beseelt waren, gingen dem Tode nicht nur standhaft, sondern sogar freudig entgegen. Vergebens hielten ihnen die Diener der Staatskirche Sermone über die Sündhaftigkeit des Aufruhrs und über die Wichtigkeit der priesterlichen Absolution. Der Anspruch des Königs auf unbeschränkte Autorität in weltlichen Dingen, und der Anspruch des Klerus auf die geistliche Gewalt, zu verbinden und aufzulösen, erregten den bitteren Spott der unerschrockenen Sectirer. Einige von ihnen componirten im Gefängnisse Hymnen, die sie dann auf der verhängnißvollen Schleife sangen. Christus, riefen sie aus, während sie sich zu dem Gemetzel entkleideten, werde bald kommen, um Zion zu erlösen und Babylon zu bekriegen; er werde sein Banner aufpflanzen, in seine Trompete stoßen und seinen Feinden zehnfältig all’ das Böse vergelten, das sie seinen Dienern zugefügt. Die letzten Worte dieser Leute wurden aufgezeichnet, ihre Abschiedsbriefe wie kostbare Schätze aufbewahrt, und so entstand mit Hülfe einiger Erdichtung und Übertreibung ein umfänglicher Nachtrag zur Marianischen Martyrologie.133
Abraham Holmes. Einige Fälle verdienen noch besondere Erwähnung. Abraham Holmes, ein verabschiedeter Offizier von der Parlamentsarmee und einer von den Zeloten, welche keinen andren König als den König Jesus anerkannten, wurde bei Sedgemoor gefangen genommen. Sein Arm war in der Schlacht furchtbar verstümmelt und zerschmettert worden, und da kein Wundarzt zur Hand war, schnitt der muthige alte Soldat ihn sich selbst ab. Er wurde nach London abgeführt und vom Könige selbst im Rathe verhört, wollte sich aber zu keiner Demüthigung erniedrigen. „Ich bin ein alter Mann“ sagte er, „und die kurze Spanne Zeit, die ich noch zu leben habe, ist keiner Lüge oder Erniedrigung mehr werth. Ich war stets ein Republikaner und bin es noch.“ Er wurde nach dem Westen zurückgesandt und gehängt. Das Volk bemerkte mit ängstlicher Scheu und Verwunderung, daß die Thiere, die ihn zum Galgen schleppen sollten, störrig wurden und umkehren wollten. Holmes selbst zweifelte nicht daran, daß der Engel des Herrn, wie vor alter Zeit, mit dem Schwert in der Hand im Wege stehe, dem menschlichen Auge unsichtbar, aber dem niederen Thiere sichtbar. „Halt, Ihr Herren!“ rief er aus, „laßt mich zu Fuß gehen. Die Sache hat mehr zu bedeuten als Ihr glaubt. Erinnert Euch, daß der Esel Den sah, den der Prophet nicht sehen konnte.“ Mit festem Schritte ging er zum Galgen, hielt lächelnd eine Ansprache an das Volk, betete inbrünstig, Gott möge die Vernichtung des Antichrist und die Befreiung Englands beschleunigen, und stieg die Leiter hinauf mit der Entschuldigung, daß er es so ungeschickt mache. „Ihr seht“ sagte er, „daß ich nur einen Arm habe.“134
Christoph Battiscombe. Nicht weniger muthig starb Christoph Battiscombe, ein junger Templer von guter Familie und Vermögen, der in Dorchester, einer freundlichen Provinzialstadt, die auf ihren guten Geschmack und auf ihre Bildung stolz war, allgemein für das Muster eines feinen Gentleman galt. Es wurde Alles aufgeboten, um ihn zu retten. Man glaubte im Westen Englands, er sei mit einer jungen Dame von edlem Geblüt, der Schwester des Sheriffs, verlobt, diese habe sich Jeffreys zu Füßen geworfen und ihn um Gnade gebeten, Jeffreys aber habe sie mit einem abscheulichen Witze von sich gestoßen, den zu wiederholen eine Verletzung des Anstandes und der Menschlichkeit sein würde. Ihr Geliebter erlitt in Lyme gläubig und standhaft den Tod.135
Die Gebrüder Hewling. Noch größere Theilnahme erweckte das Schicksal zweier tapferen Brüder, Wilhelm und Benjamin Hewling. Sie waren beide jung, hübsch, gebildet und aus anständiger Familie. Ihr Großvater von mütterlicher Seite hieß Kiffin, war einer der ersten Kaufleute in London und wurde allgemein als das Oberhaupt der Baptisten betrachtet. Der Oberrichter benahm sich beim Verhör gegen Wilhelm Hewling mit der ihm eigenen Rücksichtslosigkeit. „Ihr habt einen Großvater,“ sagte er zu ihm, „der es eben so reichlich verdiente, gehängt zu werden wie Ihr.“ Der arme junge Mann, der erst neunzehn Jahr alt war, ertrug den Tod mit solcher Ergebung und Standhaftigkeit, daß ein bei der Hinrichtung anwesender Offizier von der Armee, der sich durch Rohheit und Härte ausgezeichnet hatte, tief ergriffen wurde und äußerte: „Ich glaube nicht, daß der Lordoberrichter selbst dabei ungerührt bleiben würde,“ Man hatte gehofft, Benjamin’s Begnadigung zu erlangen. Ein so jugendliches Opfer war sicherlich genug für eine Familie. Jeffreys selbst war zur Milde geneigt oder stellte sich wenigstens so. Der Grund davon war der, weil einer seiner Verwandten, von dem er viel zu erwarten hatte und den er daher nicht so behandeln konnte, wie er derartige Bittsteller gewöhnlich behandelte, sich für die schwergeprüfte Familie angelegentlich verwendete. Es wurde ein Aufschub bewilligt, um in London anzufragen; und die Schwester des Gefangenen begab sich selbst mit einer Bittschrift nach Whitehall. Viele Hofleute wünschten ihr glücklichen Erfolg, und Churchill, zu dessen zahlreichen Fehlern wenigstens die Grausamkeit nicht gehörte, verschaffte ihr eine Audienz. „Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen den besten Erfolg,“ sagte er, während sie sich zusammen im Vorzimmer befanden, „aber schmeicheln Sie sich nicht mit Hoffnungen. Dieser Marmor, setzte er hinzu, indem er die Hand auf den Kaminsims legte, ist nicht härter als der König.“ Seine Vermuthung bestätigte sich, Jakob war unerbittlich. Benjamin Hewling starb mit unerschrockenem Muthe unter lautem Wehklagen, in welches die um den Galgen Wache haltenden Soldaten unwillkürlich einstimmten.136
Die zum Tode verurtheilten Rebellen waren indessen weniger zu beklagen als manche von den Überlebenden. Verschiedene Gefangene, welche Jeffreys des Hochverraths nicht überführen konnte, wurden geringerer Vergehen schuldig befunden und zu nicht minder furchtbarer Auspeitschung verurtheilt, als sie früher dem Oates zuerkannt worden war. Eine Frau ward einiger geringfügiger Worte halber, wie sie in den Bezirken, wo der Krieg gewüthet hatte, von der Hälfte der Frauen geäußert wurden, dazu verurtheilt, durch alle Marktorte der Grafschaft Dorset gepeitscht zu werden. Sie erlitt einen Theil ihrer Strafe noch vor Jeffreys’ Rückkehr nach London; als er aber den Westen verlassen hatte, nahmen die Kerkerknechte unter stillschweigender Einwilligung der Behörden es auf sich, sie mit weiteren Qualen zu verschonen.
Tutchin’s Strafe. Eine noch fürchterlichere Strafe wurde über einen jungen Menschen, Namens Tutchin, verhängt, der ebenfalls wegen aufrührerischer Reden zur Untersuchung gezogen war. Er wurde, wie gewöhnlich, in seiner Verteidigung durch gemeine und rohe Scherze vom Richterstuhle herab unterbrochen. „Ihr seid ein Rebell und Eure ganze Familie hat seit Adam’s Zeiten aus Rebellen bestanden. Wie ich höre, seid Ihr ein Dichter; ich will um die Wette Verse mit Euch machen.“ Das Urtel gegen den jungen Menschen lautete auf sieben Jahr Gefängniß, während welcher Zeit er jedes Jahr durch alle Marktorte der Grafschaft gepeitscht werden sollte. Die Frauen auf den Galerien brachen in Thränen aus; der Gerichtsschreiber erhob sich in großer Aufregung und sagte: „Mylord, der Gefangene ist noch sehr jung und es giebt viele Marktorte in unsrer Grafschaft. Nach diesem Urtel wird er sieben Jahre lang alle vierzehn Tage ausgepeitscht werden.“ „Ein junger Mensch mag er sein,“ erwiederte Jeffreys, „aber nichts desto weniger ist er ein alter Schurke. Meine Damen, Sie kennen den Buben nicht so wie ich. Die Strafe ist eigentlich noch lange nicht hart genug für ihn; keine Macht Englands soll sie abändern.“ Tutchin bat in seiner Verzweiflung, und wahrscheinlich im vollen Ernst, um die Gunst gehängt zu werden. Zu seinem Glück erkrankte er an den Pocken und wurde von den Ärzten aufgegeben. Da es sehr zweifelhaft war, ob das Urtel würde vollzogen werden können, so ließ sich der Oberrichter durch eine Bestechungssumme, die dem Gefangenen zum armen Manne machte, zur Zurücknahme desselben bewegen. Der von Haus aus nicht sehr sanfte Character Tutchin’s wurde durch dieses Erlebniß bis zur Überspanntheit verbittert und er machte sich späterhin als einer der heftigsten und unversöhnlichsten Feinde des Hauses Stuart und der Torypartei bemerkbar.137
Deportation von Rebellen. Die Anzahl der Gefangenen, welche Jeffreys zur Deportation verurtheilte, belief sich auf achthunderteinundvierzig. Diese Leute, die noch viel unglücklicher waren als ihre dem Tode überantworteten Leidensgefährten, wurden in Trupps abgetheilt und Personen verliehen, welche bei Hofe in Gunst standen. Die Bedingungen der Verleihung waren, daß die Verurtheilten als Sklaven über’s Meer transportirt würden, daß sie vor Ablauf von zehn Jahren nicht freigelassen werden dürften, und daß der Ort der Verbannung irgend eine westindische Insel sein müßte. Dieser letzte Punkt war mit raffinirter Bosheit hinzugefügt worden, um das Elend der Gefangenen zu vermehren. In Neuengland oder Neujersey würden sie eine ihnen freundlich gesinnte Bevölkerung und ein der Gesundheit nicht nachtheiliges Klima gefunden haben. Daher beschloß man, sie nach solchen Kolonien zu senden, wo ein Puritaner keine besondere Theilnahme erwarten durfte und ein in der gemäßigten Zone geborner Arbeiter für seine Gesundheit nicht viel Gutes zu hoffen hatte. Der Stand des Sklavenmarktes war aber von der Art, daß diese Unglücklichen trotz der langen Seereise und obgleich sie voraussichtlich bald krank wurden, immer noch einen bedeutenden Werth hatten. Nach Jeffreys’ Schätzung war jeder von ihnen, nach Abzug aller Unkosten, im Durchschnitt zehn bis fünfzehn Pfund Sterling werth. Es fanden sich daher viele Bewerber für die Verleihung dieser Sklaven. Einige Tories im Westen waren der Meinung, daß sie sich durch ihre Leiden und Drangsale während der Insurrection gegründete Ansprüche auf einen Antheil an dem Nutzen, der ihnen von den Schmarotzern zu Whitehall gierig weggefischt worden sei, erworben hätten. Die Höflinge aber trugen den Sieg davon.138
Das Elend der Verbannten kam dem der Negersklaven, welche jetzt von Congo nach Brasilien verschifft werden, vollkommen gleich. Aus den besten jetzt noch zugänglichen Quellen geht hervor, daß mehr als ein Fünftel von den Deportirten vor Beendigung ihrer Reise den Haifischen vorgeworfen wurden. Die Menschenladungen waren in den Kielräumen kleiner Schiffe dicht zusammengedrängt, und die Unglücklichen, von denen viele noch an ungeheilten Wunden litten, hatten so wenig Spielraum, daß sie sich nicht alle zu gleicher Zeit niederlegen konnten, ohne auf einander zu liegen. Auf das Verdeck durften sie niemals kommen; die Luken waren beständig von Schildwachen besetzt, die mit Seitengewehr und Muskete bewaffnet waren. Unten im Kerker herrschte Finsterniß, pestilentialischer Geruch, Jammer, Krankheit und Tod. Von neunundneunzig Verurtheilten, die auf einem Schiffe transportirt wurden, starben zweiundzwanzig vor der Ankunft in Jamaika, obgleich die Reise ungewöhnlich rasch von Statten ging, und als die Überlebenden den Ort ihrer Bestimmung erreichten, waren sie nur noch Skelette. Mehrere Wochen lang hatten sie so kärgliche Rationen von grobem Schiffszwieback und fauligem Wasser bekommen, daß Einer mit leichter Mühe fünfmal so viel hätte zu sich nehmen können. Sie kamen daher in einem solchen Zustande an, daß der Kaufmann, an den sie consignirt waren, es für nöthig hielt, sie erst zu mästen, bevor er sie verkaufte.139
Confiscationen und Erpressungen. Unterdessen wurde das Eigenthum sowohl der hingerichteten Rebellen, als auch der noch unglücklicheren, die unter der tropischen Sonne dahinwelkten, von einer Menge gieriger Kläger in Beschlag genommen und zerstückelt. Nach dem Gesetz ist ein wegen Hochverraths verurtheilter Unterthan seines ganzen Vermögens verlustig, und dieses Gesetz wurde nach Beendigung der blutigen Assisen mit einer eben so grausamen als lächerlichen Strenge durchgeführt. Die gebeugten Wittwen und die verlassenen Waisen der Arbeiter, deren Leichname noch an den Kreuzwegen am Galgen hingen, wurden von den Agenten des Schatzamtes aufgefordert, Rechenschaft darüber abzulegen, wohin ein Korb, eine Gans, eine Speckseite, ein Fäßchen Äpfelwein, ein Sack Bohnen oder ein Bündel Heu gekommen sei.140 Während die niederen Beamten der Regierung die Familien der hingeschlachteten Landleute ausplünderten, sammelte der Oberrichter durch Ausplündrung einer höheren Klasse von Whigs bedeutende Schätze. Er trieb einen ausgedehnten Handel mit Begnadigungen. Das einträglichste Geschäft dieser Art machte er mit einem Gentleman, Namens Edmund Prideaux. Es steht fest, daß Prideaux nicht gegen die Regierung gekämpft hatte, und sein einziges Verbrechen bestand wahrscheinlich in der Ererbung eines großen Vermögens, das ihm sein Vater, ein ausgezeichneter Jurist, der unter dem Protector ein hohes Amt bekleidet, hinterlassen hatte. Der Unglückliche schmachtete lange im Kerker und verstand sich endlich aus Furcht vor dem Galgen dazu, für seine Freilassung fünfzehntausend Pfund Sterling zu bezahlen. Diese bedeutende Summe eignete sich Jeffreys zu. Er kaufte sich dafür ein Landgut, welches das Volk nach jenem verfluchten Acker, der um den Preis unschuldigen Blute’s erkauft ward, Hakeldama nannte.141
In diesem Erpressungsgeschäft wurde er von dem Schmarotzerschwarm, der mit ihm zu schwelgen und zu jubeln pflegte, wacker unterstützt. Das Amt dieser Menschen bestand darin, daß sie den Verurtheilten, die von der Angst vor dem Tode gequält wurden, und den Ältern, welche für das Leben ihrer Kinder zitterten, als Unterhändler ansehnliche Geldversprechungen zu erpressen suchten. Einen Theil der Beute überließ Jeffreys seinen Agenten. Einem seiner Zechgenossen soll er, wie man sagt, die Begnadigung eines reichen Hochverräthers bei einem Gelage über den Tisch zugeworfen haben. Es war nicht rathsam, sich einer andren Fürsprache als der seiner Creaturen zu bedienen, denn er war sehr eifersüchtig auf die Erhaltung seines einträglichen Begnadigungsmonopols. Man vermuthete sogar, daß er einige Personen lediglich deshalb an den Galgen schickte, weil sie sich auf von ihm unabhängigen Wegen an die königliche Gnade gewendet hatten.142
Habgier der Königin und ihrer Hofdamen. Einige Höflinge fanden dessenungeachtet Mittel und Wege, um einen kleinen Gewinnantheil von dem Handel zu ziehen, und ganz besonders zeichneten sich die Hofdamen der Königin durch ihre Geldgier und Hartherzigkeit aus. Die Schuld an dieser Schmach fällt zum Theil auf ihre Gebieterin, denn sie wurden lediglich durch ihre Stellung an deren Hofe in den Stand gesetzt, sich durch einen so abscheulichen Handel zu bereichern, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Königin demselben durch ein Wort oder einen Wink hätte Einhalt thun können. Allein sie bestärkte sie vielmehr darin durch ihr eignes Beispiel, wenn nicht durch ausdrückliche Ermächtigung. Sie scheint der zahlreichen Klasse von Menschen angehört zu haben, die im Unglück besser sind als im Glück. So lange ihr Gemahl ein Unterthan und ein Verbannter war, von jedem Staatsamte ausgeschlossen und in dringender Gefahr, seines Geburtsrechts beraubt zu werden, gewannen ihr die Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit ihres Auftretens selbst die Herzen Derer, die ihren Glauben am meisten verabscheuten. Als aber ihr Glücksstern aufging, verschwand ihre Gutherzigkeit. Die sanfte und leutselige Herzogin wurde eine lieblose und hochmüthige Königin.143 Das Mißgeschick, das in der Folge über sie kam, hat zwar einige Teilnahme für sie erweckt; aber diese Theilnahme würde viel größer sein, wenn es sich nachweisen ließe, daß sie in den Tagen ihrer Größe nur ein einziges Opfer von der schrecklichsten Proscription, die England je gesehen hat, rettete, oder nur zu retten versuchte. Leider aber that sie, so viel bekannt ist, für die Rebellen nichts weiter, als daß sie darum anhielt, daß ihr von den zur Deportation Verurtheilten Hundert geschenkt werden möchten.144 Der Gewinn, den ihr diese Menschenladung abwarf, kann nach reichlichem Abzug für Diejenigen, welche auf der Überfahrt vor Hunger und an Krankheiten starben, auf mindestens tausend Guineen angeschlagen werden. Wir dürfen uns demnach nicht wundern, daß ihre Hofdamen das Beispiel ihrer unfürstlichen Habgier und ihrer unweiblichen Grausamkeit nachahmten. So erpreßten sie tausend Pfund von einem Kaufmanne in Bridgewater, Namens Roger Hoare, der einen Beitrag zur Kriegskasse der Rebellenarmee gegeben hatte. Die Beute aber, nach der sie sich am gierigsten zeigten, war eine, von der man hätte denken sollen, daß auch der unedelste Character sie verschonen würde. Von den Mädchen, welche Monmouth in Taunton eine Fahne überreichten, hatten schon einige ihr Vergehen schwer büßen müssen. Eine von ihnen war in ein Gefängnis geworfen worden, in welchem eine ansteckende Krankheit wüthete. Sie ward von derselben ergriffen und starb. Eine Andre kam in den Gerichtssaal, um Jeffreys um Gnade zu bitten. „Fort mit ihr, Kerkermeister!“ brüllte der Richter mit seiner finstren Miene, die schon stärkere Gemüther als das ihrige mit Schrecken erfüllt hatte. Sie brach in Thränen aus, zog ihre Haube über das Gesicht, verließ mit dem Kerkermeister den Gerichtssaal, wurde krank von dem Schrecken und war in wenigen Stunden eine Leiche. Die meisten der jungen Mädchen, die an dem Zuge Theil genommen hatten, waren jedoch noch am Leben. Einige davon waren unter zehn Jahr alt; alle hatten auf Befehl ihrer Lehrerinnen gehandelt, ohne zu wissen, daß sie etwas Unrechtes thaten. Die Ehrendamen der Königin baten ihre Gebieterin um die Erlaubniß, den Eltern der armen Kinder Geld erpressen zu dürfen, und sie wurde ihnen bewilligt. Es wurde der Befehl nach Taunton geschickt, alle diese jungen Mädchen zu verhaften und ins Gefängniß zu werfen. Sir Franz Warre von Hestercombe, der toryistische Abgeordnete für Bridgewater, wurde mit der Eintreibung der Lösegelder beauftragt. Er sollte mit Entschiedenheit erklären, daß die Ehrenfräulein keinen Aufschub gestatten könnten, sondern entschlossen seien, die Sache bis zur Ächtung zu treiben, wenn nicht eine angemessne Summe erlegt werde, und daß unter dieser angemessnen Summe siebentausend Pfund zu verstehen seien. Warre lehnte jedoch jede Theilnahme an einer so schmachvollen Unterhandlung ab. Die Ehrendamen wendeten sich nun an Wilhelm Penn, und dieser übernahm den Auftrag. Ein wenig von der starrsinnigen Scrupulosität, die er oft in Betreff des Hutabnehmens gezeigt hatte, würde bei dieser Gelegenheit nicht am unrechten Orte gewesen sein. Wahrscheinlich beschwichtigte er die Mahnungen seines Gewissens dadurch, daß er sich einredete, es werde von dem zu erpressenden Gelde nichts in seine eigne Tasche fließen, daß die Damen leicht einen weniger humanen Diener finden würden, wenn er sich weigerte, ihren Auftrag zu übernehmen, und daß er endlich durch Willfährigkeit einen größren Einfluß bei Hofe erlangen werde, welcher Einfluß ihn schon in den Stand gesetzt hatte und auch fernerhin in den Stand setzen konnte, seinen unterdrückten Brüdern viel zu nützen. Die Ehrendamen mußten sich übrigens schließlich mit weniger als einem Drittel der verlangten Summe begnügen.145
Kein andrer englischer Souverain hat so starke Beweise von einer grausamen Natur gegeben, als Jakob II. Seine Grausamkeit war jedoch nicht gehässiger als seine Gnade, oder vielleicht richtiger gesagt, seine Gnade und seine Grausamkeit waren von der Art, daß sie einander gegenseitig schändeten. Unser Entsetzen über das Schicksal der einfachen Bauern, der jungen Burschen und zarten Frauen, gegen die er mit unerbittlicher Strenge verfuhr, steigert sich noch, wenn wir sehen, wem und aus welchen Rücksichten er Verzeihung gewährte.
Das Verfahren, welches ein Fürst nach Unterdrückung eines Aufstandes bei der Auswahl der zu bestrafenden Rebellen beobachten muß, ist vollkommen klar. Die Rädelsführer, die Männer von Ansehen, Vermögen und Bildung, welche durch ihre Macht und ihre Kunstgriffe die Menge verführten, sind Diejenigen, über welche strenges Gericht zu halten ist. Das getäuschte Volk kann, nachdem das Blutbad auf dem Schlachtfelde vorüber ist, kaum zu mild behandelt werden. Diese Regel aber, welche doch augenfällig der Gerechtigkeit und Menschlichkeit entspricht, wurde nicht allein nicht befolgt, sondern sogar umgekehrt. Während Die, welche hätten verschont werden sollen, zu Hunderten hingeschlachtet wurden, verschonte man die Wenigen, die man gerade der äußersten Strenge des Gesetzes hätte überlassen sollen. Diese verkehrte Milde hat manche Schriftsteller in Verwunderung gesetzt, andere zu lächerlichen Lobhudeleien verleitet. Sie war weder unerklärlich, noch lobenswerth; sie konnte in jedem einzelnen Falle ganz leicht auf einen schmutzigen oder einen boshaften Beweggrund, entweder auf Geldgier oder auf Blutdurst zurückgeführt werden.
Verfahren gegen Grey, Cochrane, Storey, Wade, Goodenough und Ferguson. Bei Grey war kein mildernder Umstand vorhanden. Seine Talente und Kenntnisse, der erbliche Rang, den er im Staate einnahm, und der hohe Befehlshaberposten, den er in der Rebellenarmee bekleidet hatte, würden ihn einer gerechten Regierung als viel straffälliger bezeichnet haben als Alice Lisle, Wilhelm Hewling oder irgend einen von den Hunderten unwissender Landleute, deren Köpfe und Glieder in Somersetshire ausgestellt wurden. Aber Grey’s Besitzungen waren groß und unveräußerliches, erbliches Eigenthum seiner Familie. Er bezog nur den Nießbrauch seiner Güter auf Lebenszeit und mehr als diese Rente konnte er nicht verwirken. Starb er, so fiel Alles seinem nächsten Erben zu. Wenn er begnadigt wurde, konnte er ein bedeutendes Lösegeld bezahlen, und man gestattete ihm daher, sich dadurch loszukaufen, daß er dem Lordschatzmeister eine Verschreibung auf vierzigtausend Pfund und anderen Höflingen kleinere Summen einhändigte.146
Sir Johann Cochrane hatte unter den schottischen Rebellen die nämliche Stellung eingenommen, wie Grey im Westen Englands. Es schien unglaublich, daß Cochrane von einem so beispiellos rachsüchtigen Fürsten Verzeihung erhalten würde. Aber er war der jüngere Sohn einer reichen Familie, und man konnte daher nur wenn man ihn verschonte, Geld für ihn erlangen. Sein Vater, Lord Dundonald, bot den Priestern des königlichen Hauses ein Geschenk von fünftausend Pfund an und die Begnadigung wurde ihm dafür bewilligt.147
Samuel Storey, ein bekannter Aufwiegler, welcher Kriegscommissar bei der Rebellenarmee gewesen war und das unwissende Volk von Somersetshire durch heftige Reden aufgestachelt hatte, in denen Jakob als Brandstifter und Giftmischer dargestellt war, wurde ebenfalls begnadigt, denn Storey konnte Jeffreys bei der Erpressung der fünfzehntausend Pfund von Prideaux wichtige Dienste leisten.148
Von allen Verräthern waren Wade, Goodenough und Ferguson am wenigsten berechtigt, Gnade zu erwarten. Diese drei Häupter des Aufstandes waren zusammen vom Schlachtfelde von Sedgemoor geflohen und hatten glücklich die Küste erreicht. Aber in der Nähe des Ortes, wo sie sich einzuschiffen gedachten, hatten sie eine kreuzende Fregatte gefunden. Sie hatten sich hierauf getrennt und Wade und Goodenough waren bald entdeckt und nach London gebracht worden. Obgleich sie aber tief in das Ryehousecomplot verwickelt und unter den Häuptern des Aufstandes im Westen eine hervorragende Stellung eingenommen hatten, wurde ihnen dennoch das Leben geschenkt, weil sie Aufschlüsse geben konnten, welche den König in den Stand setzten, einige Personen, die er haßte, die er aber noch nie eines Verbrechens hatte bezichtigen können, zum Tode zu verurtheilen und auszuplündern.149
Auf welche Weise Ferguson davon kam, war und ist noch jetzt ein Geheimniß. Er war von allen Feinden der Regierung ohne allen Zweifel der strafbarste. Er war der erste Anstifter des Planes zur Ermordung der königlichen Brüder; er hatte ferner die Erklärung verfaßt, die an Frechheit, Gehässigkeit und Lügenhaftigkeit selbst unter den Schmähschriften jener stürmischen Zeit ihres Gleichen nicht hatte, und endlich war er Derjenige, der den Herzog von Monmouth erst zu dem Einfalle in England und dann zu der Usurpation der Krone aufreizte. Es ließ sich wohl erwarten, daß man auf den Erzverräther, wie er oft genannt wurde, mit ganz besondrem Eifer fahnden werde, und einer sorgfältigen Nachforschung konnte ein Mann von so auffallendem Äußeren und Sprachdialecte schwerlich entgehen. In den Kaffeehäusern von London erzählte man als ganz gewiß, daß Ferguson festgenommen sei, und diese Nachricht fand bei Männern Glauben, welche die beste Gelegenheit hatten, die Wahrheit zu erfahren. Das Nächste was man von ihm hörte, war, daß er unangefochten auf dem Continent lebe. Man hatte ihn stark in dem Verdachte, daß er eine regelmäßige Verbindung mit der Regierung unterhalten, gegen die er gleichwohl beständig complotirte, daß er von den Unternehmungen seiner Genossen, die er fortwährend zu den übereiltesten Schritten drängte, gerade so viel nach Whitehall berichtete, damit sein Hals nicht in Gefahr kam, und daß daher Befehl gegeben wurde, ihn entschlüpfen zu lassen.150
Jetzt hatte Jeffrey’s sein Werk beendigt und er kehrte zurück, um seinen Lohn zu verlangen. Er kam wieder in Windsor an, nachdem er im ganzen Westen Haufen von Leichen, und Trauer und Schrecken zurückgelassen hatte. Der Haß, den die Bevölkerung von Somersetshire gegen ihn hegte, hat in unsrer Geschichte nicht seines Gleichen. Weder die Zeit, noch politische Veränderungen vermochten denselben zu ersticken, er pflanzte sich fort von Geschlecht zu Geschlecht und wüthete noch heftig gegen seine unschuldigen Nachkommen. Viele Jahre nach seinem Tode, als sein Name und Titel längst erloschen waren, wurde seine Enkelin, die Gräfin von Pomfret, auf einer Reise im Westen vom Pöbel insultirt und sah, daß sie sich nicht mit Sicherheit unter die Nachkommen Derer wagen konnte, welche die blutigen Assisen erlebt hatten.151
Am Hofe aber fand Jeffreys die herzlichste Aufnahme. Es war ein Richter ganz nach dem Sinne seines Gebieters. Jakob hatte seine Rundreise mit Interesse und mit großem Vergnügen verfolgt; in seinem Empfangzimmer und an seiner Tafel hatte er oft von dem Gemetzel, das gegenwärtig unter seinen mißvergnügten Unterthanen angerichtet wurde, mit einer Schadenfreude gesprochen, über welche die fremden Gesandten erstaunten. Er hatte mit eigner Hand Berichte über seines Lordoberrichters Feldzug im Westen, wie er es scherzend nannte, aufgezeichnet. Einige hundert Rebellen, schrieb Se. Majestät in den Haag, seien verurtheilt werden; einige davon seien bereits gehängt, eine größere Anzahl sollte dies noch werden, und der Rest solle nach den Kolonien geschickt werden. Umsonst wendete sich Ken schriftlich an ihn, um Gnade für das irregeleitete Volk zu erflehen, und schilderte mit ergreifender Beredtsamkeit die entsetzliche Lage seines Sprengels. Er sagte, man könne auf keiner Heerstraße gehen, ohne ein schreckliches Schauspiel zu erblicken, und die Luft von Somersetshire sei mit Todesdünsten geschwängert. Der König las das Schreiben, blieb aber so hart, wie der marmorne Kaminsims in Whitehall, wie Churchill gesagt hatte.
Jeffreys zum Lordkanzler ernannt. In Windsor wurde das große Siegel den Händen Jeffreys’ übergeben, und in der nächsten Nummer der London Gazette feierlich verkündet, daß diese Ehre eine Belohnung für die vielen ausgezeichneten und treuen Dienste sei, die er der Krone geleistet.152
Später, als die Leute aller Parteien mit Schaudern von den blutigen Assisen sprachen, versuchten der schändliche Richter und der gottlose König sich dadurch zu rechtfertigen, daß Jeder die Schuld auf den Andren schob. Jeffreys versicherte im Tower, daß er selbst bei dem grausamsten Verfahren nie die ausdrücklichen Befehle seines Gebieters überschritten habe, ja sogar noch hinter denselben zurückgeblieben sei. Ebenso hätte Jakob in St. Germain gern glauben gemacht, daß er selbst zur Milde geneigt gewesen sei und daß die Gewaltthätigkeiten seines Dieners ihm unverdienten Tadel zugezogen hätten. Doch keiner der beiden hartherzigen Männer kann auf Kosten des Andren freigesprochen werden. Die Vertheidigung Jakob’s kann durch Dokumente von seiner eignen Hand als thatsächlich falsch nachgewiesen werden, und Jeffreys’ Vertheidigung ist, selbst wenn sie sich auf wahre Thatsachen gründete, völlig werthlos.
Cornish’s Prozeß und Hinrichtung. Das Gemetzel im Westen war vorüber; nun sollte es in London beginnen. Es war der Regierung namentlich darum zu thun unter den großen whiggistischen Kaufleuten der City Schlachtopfer zu finden. Diese hatten unter der letzten Regierung einen sehr gefürchteten Theil der Opposition gebildet. Sie waren reich, und ihr Reichthum war nicht, wie der vieler Edelleute und Landgentlemen, durch Fideicommisse gegen Confiscation gesichert. Bei Grey und anderen Männern von ähnlicher Stellung war es unmöglich, den Blutdurst und die Habgier zugleich zu befriedigen; ein reicher Kaufmann konnte gehängt und auch ausgeplündert werden. Obgleich aber die Handelsfürsten im Allgemeinen dem Papismus und der Willkürherrschaft feind waren, so waren sie doch zu gewissenhaft oder zu ängstlich gewesen, als daß sie sich hätten des Hochverraths schuldig machen sollen. Einer der angesehensten unter ihnen war Heinrich Cornish. Er war unter der früheren Verfassung der City Alderman gewesen und hatte zu der Zeit, als die Angelegenheit der Ausschließungsbill die öffentliche Meinung beschäftigte, das Amt eines Sheriffs bekleidet. Seiner politischen Ansicht nach war er ein Whig und in seinen religiösen Ansichten neigte er sich zum Presbyterianismus hin; aber er war äußerst besonnen und gemäßigt. Es ist kein irgend glaubwürdiger Beweis dafür vorhanden, daß er je auch nur die Grenze des Hochverraths berührte. In der That hatte er als Sheriff sich nur sehr ungern dazu verstanden, einen so heftigen und characterlosen Menschen wie Goodenough als Bevollmächtigten zu gebrauchen. Nach der Entdeckung des Ryehousecomplots hegte man in Whitehall große Hoffnung, daß sich Cornish’s Theilnahme an demselben herausstellen werde; aber diese Hoffnung ging nicht in Erfüllung. Einer der Mitverschworenen, Johann Rumsey, war zwar bereit Alles zu beschwören; aber ein Zeuge genügte nicht, und ein zweiter war nicht aufzutreiben. Seitdem waren über zwei Jahre vergangen. Cornish glaubte sich vollkommen sicher; aber der Tyrann hatte ein scharfes Auge auf ihn. Goodenough, den die nahe Aussicht auf den Tod schreckte und der noch einen Groll gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten hegte, weil er bei diesem nie in besondrer Gunst gestanden hatte, erklärte sich bereit, das noch fehlende Zeugniß zu ergänzen. Cornish wurde auf der Börse, während er Geschäfte abschloß, verhaftet, ins Gefängniß geworfen, daselbst einige Tage in Einzelhaft gehalten und dann völlig unvorbereitet vor die Schranken der Old Bailey geführt. Die Anklage gegen ihn stützte sich lediglich auf die Aussagen Rumsey’s und Goodenough’s. Beide waren eingestandenermaßen in das Complot verwickelt, als dessen Theilnehmer sie den Gefangenen beschuldigten. Beide wurden durch die stärksten Motive der Hoffnung und Angst angetrieben, ihn als schuldig darzustellen, und außerdem lagen Beweise dafür vor, daß Goodenough auch unter dem Einflusse persönlicher Feindschaft stand. Endlich widersprach Rumsey’s Angabe der Geschichte, die er erzählt hatte, als er gegen Lord Russell zeugte. Aber alle diese Umstände wurden vergebens geltend gemacht. Auf der Richterbank saßen drei Richter, welche mit Jeffreys im Westen gewesen waren, und Leute, die ihr Verhalten beobachteten, hatten bemerkt, daß sie von dem Gemetzel in Taunton in einer übermüthigen und gereizten Stimmung zurückgekehrt waren. Es ist in der That nur zu wahr, daß die Neigung zum Blutvergießen eine Neigung ist, die selbst solche Menschen, welche von Natur durchaus nicht blutdürstig sind, durch die Gewohnheit sehr schnell annehmen können. Anwälte und Richter vereinigten sich in dem Bemühen, den unglücklichen Whig niederzuschmettern, die von einem höfischen Sheriff ernannte Jury gab bereitwilligst ein „Schuldig“ ab und trotz des unwilligen Murrens von Seiten des Publikums erlitt Cornish am zehnten Tage nach seiner Verhaftung den Tod. Damit kein entehrender Umstand fehlte, wurde der Galgen an der Stelle errichtet, wo Kingstreet in Cheapside einmündet, dem Hause gegenüber, in welchem Cornish lange in allgemeiner Achtung gelebt hatte, angesichts der Börse, an der er stets in hohem Ansehen gestanden, und Guildhall’s, wo er sich als ein Führer des Volks ausgezeichnet hatte. Er starb muthig und mit vielen Äußerungen von Frömmigkeit, legte aber in Blicken und Geberden eine so heftige Entrüstung über die barbarische Ungerechtigkeit, mit der man gegen ihn verfahren war, an den Tag, daß seine Feinde ein verleumderisches Gerücht über ihn aussprengten. Sie sagten, er sei betrunken, oder nicht bei Sinnen gewesen, als er aufgeknüpft wurde. Wilhelm Penn aber, der nahe bei dem Galgen gestanden und der entschieden für die Regierung eingenommen war, versicherte nachher, er habe in Cornish’s Benehmen nichts weiter als den natürlichen Unwillen eines schuldlosen Mannes, der unter der Form des Gesetzes ermordet wird, finden können. Der Kopf des gemordeten Magistratsbeamten wurde über Guildhall aufgepflanzt.153
Prozeß und Hinrichtung Fernley’s und der Elisabeth Gaunt. So schwarz dieser Fall auch war, es war noch nicht der schwärzeste, der die damalige Herbstsession der Old Bailey schändete. Unter den bei dem Ryehousecomplot Betheiligten war auch ein gewisser Jakob Burton. Er war nach seinem eignen Geständniß dabei zugegen gewesen, als der Mordplan von seinen Mitverschwornen berathen wurde. Nach Entdeckung des Complots wurde auf seine Festnehmung eine Belohnung gesetzt. Eine alte Matrone, baptistischen Glaubens, Namens Elisabeth Gaunt, rettete ihn vom Tode. Diese Frau verband mit den eigenthümlichen Manieren und Redensarten, durch welche sich damals ihre Secte auszeichnete, eine barmherzige Menschenliebe. Der Zweck ihres ganzen Lebens war die Unterstützung der Unglücklichen jedes Glaubensbekenntnisses, und sie war als eine regelmäßige Besucherin der Gefängnisse allgemein bekannt. Ihre politische und religiöse Meinung sowohl als ihr mitleidiges Herz trieben sie an, Alles, was in ihren Kräften stand, für Burton zu thun. Sie verschaffte ihm ein Boot, das ihn nach Gravesend mitnahm, wo er an Bord eines nach Amsterdam bestimmten Schiffes ging. Im Augenblicke der Abreise gab sie ihm noch eine für ihre Verhältnisse sehr bedeutende Summe Geldes. Nachdem Burton einige Zeit in der Verbannung gelebt hatte, kehrte er mit Monmouth nach England zurück, focht bei Sedgemoor und flüchtete sich dann nach London in das Haus eines Barbiers in Whitechapel, Namens Johann Fernley. Fernley war sehr arm, wurde von Gläubigern gedrängt und wußte, daß auf Burton’s Einlieferung von der Regierung hundert Pfund Sterling ausgesetzt waren. Aber der wackere Mann war nicht im Stande, einen Menschen zu verrathen, der in der äußersten Gefahr unter sein schützendes Dach gekommen war. Unglücklicherweise wurde es bald ruchbar, daß Jakob’s Zorn weit heftiger gegen Diejenigen entbrannt war, welche Rebellen beherbergten, als gegen die Rebellen selbst. Er hatte öffentlich erklärt, daß das Verbergen von Verräthern vor seiner Rache die unverzeihlichste Form des Hochverraths sei. Burton wußte dies. Er stellte sich daher freiwillig der Regierung und denuncirte Fernley und Elisabeth Gaunt. Sie wurden verhaftet, die Untersuchung gegen sie eingeleitet, und der Schurke, dem sie das Leben gerettet, hatte den Muth und die Frechheit, als Hauptzeuge gegen sie aufzutreten. Sie wurden für schuldig befunden und Fernley zum Galgen, Elisabeth Gaunt aber zum Scheiterhaufen verurtheilt. Selbst nach all’ den Gräuelscenen jenes Schreckensjahres hielten Viele es für unmöglich, daß diese Urtheile vollzogen werden könnten. Aber der König kannte kein Erbarmen. Fernley wurde gehängt und Elisabeth Gaunt an dem nämlichen Tage, an welchem Cornish in Cheapside den Tod erlitt, in Tyburn lebendig verbrannt. Sie hinterließ einige Aufzeichnungen, die zwar nicht in einem eleganten Style, aber doch so geschrieben waren, daß viele Tausende sie mit tiefer Rührung und zugleich mit Entsetzen lasen. „Mein Vergehen“, sagte sie, „war eines, das ein Fürst wohl hätte verzeihen können. Ich half nur einer unglücklichen Familie, und dafür muß ich nun sterben!“ Sie beklagte sich über die Rücksichtslosigkeit der Richter, über die Härte des Kerkermeisters und über die Tyrannei des Größten von Allen, der sie und so viele Andere dem Tode überliefert. Insofern diese Menschen nur ihr persönlich Unrecht gethan hätten, vergäbe sie ihnen, als unversöhnliche Feinde der guten Sache aber, die schon wieder aufleben und gedeihen werde, überlasse sie sie dem Richterspruche des Königs der Könige. Sie bewahrte bis zum letzten Augenblicke eine ruhige Fassung, welche die Zuschauer an die heldenmüthigsten Beispiele von Todesverachtung erinnerte, die sie in Fox gelesen hatten. Wilhelm Penn, für den Schauspiele, welche zartfühlende Menschen in der Regel meiden, einen ganz besondren Reiz gehabt zu haben scheinen, eilte von Cheapside, wo er Cornish hatte hängen sehen, nach Tyburn, um Elisabeth Gaunt verbrennen zu sehen. Er erzählte nachher, daß alle Umstehenden in Thränen ausgebrochen seien, als sie ruhig das Stroh um sich herum so ordnete, daß ihre Leiden möglichst abgekürzt werden möchten. Es wurde viel davon gesprochen, daß, während der abscheulichste Justizmord verübt ward, der jene Schreckenszeit schändete, ein Sturm losbrach, wie man ihn seit dem großen Orkane, der um das Todesbett Oliver Cromwell’s wüthete, nicht wieder erlebt hatte. Die bedrückten Puritaner zählten nicht ohne finstre Genugthuung die umgeworfenen Häuser und verschlagenen Schiffe zusammen und fanden einigen Trost in dem Gedanken, daß der Himmel seinen Zorn über die Ungerechtigkeiten, unter denen die Erde seufzte, so sprechend äußere. Seit jenem fürchterlichen Tage hat in England kein Weib wieder eines politischen Verbrechens wegen den Tod erlitten.154
Prozeß und Hinrichtung Bateman’s. Man war der Meinung, daß Goodenough’s Begnadigung noch nicht hinreichend gesühnt sei. Die Regierung wollte noch ein Opfer niederen Standes vernichten, einen Wundarzt, Namens Bateman. Er war Arzt bei Shaftesbury und ein eifriger Exclusionist gewesen; es ist möglich, daß er in das Whigcomplot eingeweiht war, so viel aber steht fest, daß er nicht zu den leitenden Häuptern der Verschwörung gehörte, denn in der großen Menge von Aussagen, welche die Regierung veröffentlichte, war sein Name nur einmal genannt, und zwar nicht in Verbindung mit irgend einem an Hochverrath grenzenden Verbrechen. Aus seiner Anklageacte und den auf uns gekommenen spärlichen Angaben über seinen Prozeß scheint klar hervorzugehen, daß er der Betheiligung an dem Plane, die königlichen Brüder zu ermorden, nicht einmal beschuldigt wurde. Die Gehässigkeit, mit der ein so unbedeutender und eines so geringfügigen Vergehens schuldiger Mann dem Tode überliefert wurde, während viel straffälligere und wichtigere Hochverräther sich dadurch loskauften, daß sie als Zeugen gegen ihn auftraten, schien einer Erklärung zu bedürfen, und man fand auch eine solche, die aber schmachvoll genug war. Als Oates nach seiner Auspeitschung besinnungslos und Aller Meinung nach schon halb todt nach Newgate gebracht worden war, hatte Bateman ihn zur Ader gelassen und ihn verbunden. Das war ein unverzeihliches Verbrechen. Bateman wurde verhaftet und in Anklagestand versetzt. Die gegen ihn auftretenden Zeugen waren ehrlose Menschen, die jeden möglichen Eid ablegten, wenn sie dadurch ihr Leben retten konnten. Keiner von ihnen war schon begnadigt, und das Volk pflegte zu sagen, daß sie wie abgerichtete Seeraben mit dem Stricke um den Hals nach Beute fischten. Der durch Krankheit geistig und körperlich angegriffene Gefangne war nicht im Stande, vernehmlich zu sprechen, noch zu verstehen, was um ihn her vorging. Sein Sohn und seine Tochter standen vor Gericht an seiner Seite; sie lasen so gut sie konnten einige Angaben vor, die er niedergeschrieben hatte, und befragten die Entlastungszeugen. Doch es half ihnen nichts, ihr Vater wurde verurtheilt, gehängt und geviertheilt.155
Grausame Verfolgung der protestantischen Dissenters. Noch nie, selbst nicht unter Laud’s tyrannischer Herrschaft, war die Lage der Puritaner so traurig gewesen, als zu jener Zeit. Nie war so eifrig spionirt worden, um religiöse Versammlungen zu entdecken, nie hatten Behörden, Mitglieder der großen Jury, Pfarrer und Kirchenälteste eine solche Wachsamkeit entwickelt. Viele Dissenters wurden vor die geistlichen Gerichtshöfe geladen; Andere hielten es für nöthig, die Nachsicht der Regierungsagenten durch Geschenke zu erkaufen, welche zum Beispiel in Fässern Wein und in mit Guineen gefüllten Handschuhen bestanden. Die Separatisten konnten nicht gemeinschaftlich beten, ohne Vorsichtsmaßregeln zu beobachten, wie sie von Falschmünzern und Diebshehlern angewendet werden. Die Versammlungsorte wurden häufig gewechselt; der Gottesdienst wurde zuweilen kurz vor Tagesanbruch, zuweilen mitten in der Nacht gehalten; um das Gebäude, in welchem die kleine Heerde versammelt war, wurden Wachen ausgestellt, um sogleich Lärm zu machen, wenn ein Unbekannter sich näherte. Der Geistliche wurde verkleidet durch den Garten und durch eine Hinterthür eingeführt; in einigen Häusern waren Fallthüren, durch die er bei vorkommender Gefahr verschwinden konnte. Wo Nonconformisten nebeneinander wohnten, waren oft die Wände durchbrochen und verborgene Communicationsthüren angebracht. Kein Psalm wurde gesungen und allerhand künstliche Mittel angewendet, um zu verhindern, daß die Stimme des Predigers in Momenten feuriger Inbrunst außerhalb der Mauern gehört werden konnte. Doch bei aller dieser Vorsicht war es oft unmöglich, die Wachsamkeit der Späher zu täuschen. Besonders in den Vorstädten Londons wurde das Gesetz mit der äußersten Strenge durchgeführt. Mehrere reiche Leute wurden angeklagt, daß sie Conventikel hielten, ihre Häuser streng durchsucht und sie mit Geldstrafen bis zu mehreren tausend Pfund belegt. Die leidenschaftlicheren und furchtloseren Sectirer, welche so aus ihrem schützenden Obdache vertrieben wurden, versammelten sich dann unter freiem Himmel, und beschlossen, Gewalt mit Gewalt zu erwiedern. Ein Richter von Middlesex, der erfahren hatte, daß in einer Sandgrube, ungefähr zwei Meilen von London, eine nächtliche Betversammlung stattfinden sollte, drang mit einer starken Abtheilung Constabler in die Versammlung ein und verhaftete den Prediger. Aber die aus zweihundert Köpfen bestehende Gemeinde befreite ihren Geistlichen wieder und schlug den Beamten mit seinen Schergen in die Flucht.156 Dies war jedoch ein ungewöhnlicher Fall, denn im Allgemeinen schien der puritanische Geist damals viel wirksamer eingeschüchtert, als zu irgend einer früheren oder späteren Zeit. Die toryistischen Tagesschriftsteller rühmten sich, daß nicht ein Fanatiker zur Vertheidigung seiner religiösen Ansichten die Zunge oder die Feder zu rühren wage. Dissenterprediger vom tadellosesten Lebenswandel und von ausgezeichneter Bildung und Gelehrsamkeit durften es nicht wagen, auf die Straße zu gehen, wenn sie sich nicht Beleidigungen und Mißhandlungen aussetzen wollten, welche von Denen, deren Pflicht es war, Ruhe und Frieden aufrecht zu erhalten, nicht nur nicht verhindert, sondern sogar begünstigt wurden. Einige berühmte Theologen saßen im Gefängniß, unter ihnen Richard Baxter; Andere, die ein Vierteljahrhundert lang die Unterdrückung ertragen hatten, verloren endlich den Muth und verließen das Land. Unter diesen befand sich Johann Howe. Eine Menge Leute, welche früher Conventikel zu besuchen pflegten, gingen in die Pfarrkirchen. Man machte die Bemerkung, daß die Schismatiker, welche durch die Angst angetrieben worden waren, sich scheinbar der Staatskirche anzubequemen, leicht an der Schwierigkeit, mit der sie die Collecte fanden, und an der linkischen Art zu erkennen waren, mit der sie sich bei dem Namen Jesu verneigten.157
Noch viele Jahre lang erinnerten sich die Nonconformisten des Herbstes 1685 als einer Zeit der Noth und des Schreckens. Dennoch waren in jenem Herbste schon die ersten schwachen Anzeichen eines Schicksalswechsels zu bemerken, und noch vor Ablauf von achtzehn Monaten bewarben sich der unduldsame König und die unduldsame Kirche eifrigst um die Unterstützung der Partei, welche beide so tief gekränkt hatten.
Sechstes Kapitel.
Jakob II.
Inhalt.
Seite
[5. Kapitel]
Jakob’s Macht auf dem höchsten Gipfel 5
Seine auswärtige Politik 6
Seine Pläne in Betreff der inneren Verwaltung 6
Die Habeas-Corpus-Acte 6
Das stehende Heer 6
Pläne zu Gunsten der römisch-katholischen Religion 8
Verletzung der Testacte. — Halifax fallt in Ungnade 11
Allgemeine Unzufriedenheit 12
Verfolgung der französischen Hugenotten 13
Eindruck dieser Verfolgung in England 15
Zusammentritt des Parlaments, Rede des Königs 15
Es bildet sich eine Opposition im Hause der Gemeinen 16
Ansichten auswärtiger Regierungen 17
Comité der Gemeinen wegen der Thronrede 18
Niederlage der Regierung 21
Zweite Niederlage der Regierung 22
Der König giebt den Gemeinen einen Verweis 22
Coke wird wegen Verletzung der dem Könige schuldigen Achtung von den Gemeinen mit Gefängnißstrafe belegt 23
Opposition gegen die Regierung im Hause der Lords. Der Earl von Devonshire 24
Der Bischof von London 25
Viscount Mordaunt 25
Prorogation des Parlaments 27
Prozeß Lord Gerard’s und Hampden’s 27
Delamere’s Prozeß 28
Eindruck seiner Freisprechung 30
Parteien am Hofe 31
Stimmung der protestantischen Tories 31
Veröffentlichung hinterlassener Papiere Karl’s II. 32
Stimmung der achtungswerthen Katholiken 33
Cabale heftiger Katholiken 34
Castelmaine 34
Jermyne. — White. — Tyrconnel 35
Gesinnung der fremden Gesandten 37
Spaltung zwischen dem Papste und der Gesellschaft Jesu 38
Der Jesuitenorden 39
Pater Petre 43
Stimmung und Ansichten des Königs 43
Sunderland bestärkt den König in seinen Irrthümern 45
Treulosigkeit Jeffreys’. — Godolphin und die Königin 47
Liebeshändel des Königs 48
Katharine Sedley 48
Intriguen Rochester’s zu Gunsten der Katharine Sedley 49
Sinken von Rochester’s Einfluß 52
Castelmaine wird nach Rom gesandt 53
Die Hugenotten werden von Jakob übel behandelt 53
Das Dispensationsrecht. — Absetzung widerspenstiger Richter 56
Prozeß Sir Eduard Hales’ 58
Römische Katholiken werden zum Besitz geistlicher Pfründen ermächtigt 59
Die Dechanei von Christchurch wird einem Katholiken verliehen 60
Besetzung von Bisthümern 60
Entschluß Jakob’s, sein kirchl. Supremat geg. die Kirche zu gebrauchen 61
Die ihm entgegenstehenden Schwierigkeiten 51
Er errichtet einen neuen Gerichtshof der Hohen Commission 63
Verfahren gegen den Bischof von London 66
Die öffentliche Schaustellung römisch-katholischer Gebräuche und Trachten erregt Unzufriedenheit 67
Tumulte 68
Es wird bei Hounslow ein Lager gebildet 69
Samuel Johnson 70
Hugo Speke 71
Prozeß gegen Johnson 72
Eifer der anglikanischen Geistlichkeit gegen den Papismus 73
Streitschriften 73
Die römisch-katholischen Theologen besiegt 74
Zustand Schottlands. — Queensberry 76
Abfall Perth’s und Melfort’s 77
Begünstigung der katholischen Religion in Schottland 78
Aufstände in Edinburg 78
Zorn des Königs 79
Seine Pläne in Betreff Schottlands 79
Eine Deputation schottischer Geheimräthe begiebt sich nach London 80
Ihre Unterhandlungen mit dem Könige 81
Zusammentritt der schottischen Stände 81
Sie zeigen sich widerspenstig 81
Sie werden vertagt. — Willkürherrschaft in Schottland 84
Irland. — Zustand des irischen Rechts in Glaubenssachen 86
Feindseligkeit der Stämme 86
Das eingeborne Landvolk. — Der eingeborne Adel 87
Zustand der englischen Colonie 89
Verfahren, welches Jakob hätte beobachten sollen 90
Seine Fehlgriffe 92
Clarendon’s Ankunft in Irland als Lordlieutenant 93
Seine Kränkungen. — Schrecken unter den Colonisten 94
Tyrconnel’s Ankunft in Dublin als General 96
Seine Parteilichkeit und Willkür 97
Er sucht die Ansiedlungsacte aufzuheben 98
Er kehrt nach England zurück 98
Der König ist unzufrieden mit Clarendon 98
Angriff der jesuitischen Cabale gegen Rochester 99
Jakob’s Versuche, Rochester zu bekehren 101
Rochester’s Entlassung 104
Entlassung Clarendon’s 105
Tyrconnel Lordstellvertreter 105
Besorgnisse der englischen Ansiedler in Irland 107
Eindruck des Sturzes der Hyde 107
Jakob’s Macht auf dem höchsten Gipfel. Jakob stand jetzt — 1685 — auf dem Gipfel der Macht und des Glücks. Er hatte seine Feinde in England und in Schottland besiegt und sie mit einer Strenge bestraft, die sie zwar zum bittersten Haß gereizt, aber doch zu gleicher Zeit ihren Muth wirksam gebrochen hatte. Die Whigpartei schien erloschen zu sein und die Bezeichnung „Whig“ wurde nur noch in tadelndem Sinne gebraucht. Das Parlament war dem Könige ergeben und es stand in seiner Macht, dieses Parlament bis ans Ende seiner Regierung beizubehalten. Die Kirche versicherte ihn lauter als je ihrer Anhänglichkeit und hatte während des letzten Aufstandes diesen Versicherungen entsprechend gehandelt. Die Richter waren seine Werkzeuge, und wollten sie es nicht mehr sein, so konnte er sie nach Belieben absetzen. Alle Staatskörperschaften waren mit seinen Kreaturen angefüllt, seine Einkünfte überstiegen bei weitem die seiner Vorgänger. Sein Stolz hob sich gewaltig. Er war nicht mehr der nämliche Mann, der wenige Monate zuvor aus Besorgniß, daß sein Thron in einer Stunde umgestürzt werden könnte, mit unköniglichem Flehen auswärtige Hülfe erbeten und mit Thränen des Dankes angenommen hatte. Visionen von Herrschaft und Ruhm zogen an seiner Seele vorüber, er sah sich schon im Geiste als den Schiedsrichter Europa’s, als Beschützer vieler durch eine allzumächtige Monarchie unterdrückter Staaten. Schon im Monat Juni hatte er die Vereinigten Provinzen versichert, daß, sobald die Angelegenheiten Englands geordnet seien, er der Welt zeigen werde, wie wenig er Frankreich fürchte. In Übereinstimmung mit diesen Versicherungen schloß er kaum einen Monat nach der Schlacht von Sedgemoor mit den Generalstaaten einen Defensivvertrag, der ganz im Geiste der Tripelallianz gefaßt war. Es wurde im Haag sowohl wie in Versailles als ein bedeutungsvoller Umstand betrachtet, daß Halifax, der stete Todfeind des französischen Übergewichts, der seit dem Beginn der gegenwärtigen Regierung nicht ein einziges Mal in einer wichtigen Angelegenheit zu Rathe gezogen worden war, bei dieser Gelegenheit die Hauptrolle spielte und das Organ des Königs zu sein schien. Nicht minder bedeutsam war der Umstand, daß Barillon nicht vorher benachrichtigt worden war, so daß sowohl diesen als seinen Gebieter die Mittheilung nicht wenig überraschte. Ludwig war sehr betroffen und äußerte große und wohlbegründete Besorgnisse wegen der ferneren Pläne eines Fürsten, der noch vor Kurzem sein Söldling und Vasall gewesen war. Es ging stark die Rede, daß Wilhelm von Oranien damit beschäftigt sei, ein großes Bündniß zu Stande zu bringen, welches beide Linien des Hauses Österreich, die Vereinigten Provinzen, das Königreich Schweden und das Kurfürstenthum Brandenburg umfassen sollte. Jetzt schien es, als würde der König und das Parlament von England an der Spitze dieses Bündnisses stehen1.
Seine auswärtige Politik. Es wurden auch in der That Unterhandlungen eröffnet, die auf ein solches Resultat hinzielten. Spanien schlug ein enges Bündniß mit Jakob vor, und er lieh diesem Vorschlage ein geneigtes Ohr, obwohl es auf der Hand lag, daß ein solches Bündniß gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung gegen Frankreich gewesen wäre. Er verschob jedoch seine definitive Entscheidung bis nach der Wiedereinberufung des Parlaments. Das Schicksal der ganzen Christenheit hing von der Stimmung ab, in der er das Haus der Gemeinen finden würde. Waren sie geneigt auf seine Ideen bezüglich der inneren Verwaltung einzugehen, so hinderte ihn nichts, sich mit Energie und Nachdruck in den großen Streit zu mischen, der auf dem Continent bald zur Entscheidung kommen mußte; zeigten sie sich dagegen widerspenstig, so mußte er jeden Gedanken daran, als Schiedsrichter zwischen streitende Nationen zu treten, aufgeben, mußte aufs neue den Beistand Frankreichs erbitten und sich dessen Vorschriften unterwerfen, mußte zu einem Potentaten dritten oder vierten Ranges herabsinken und sich für die Verachtung, mit der das Ausland auf ihn niederblickte, durch Triumphe über das Gesetz und die öffentliche Meinung im eigenen Lande entschädigen.
Seine Pläne in Betreff der inneren Verwaltung. Es hatte in der That den Anschein, als ob es nicht leicht sein würde, mehr zu verlangen, als die Gemeinen zu bewilligen geneigt waren. Sie hatten schon genugsam bewiesen, daß sie seine Prärogative ungeschmälert aufrecht zu erhalten wünschten und daß sie es mit seinen Eingriffen in die Rechte des Volks nicht so genau nehmen würden. Elf Zwölftel der Mitglieder waren entweder vom Hofe abhängig oder eifrige Kavaliere vom Lande. Es gab nur Weniges, was eine solche Versammlung dem Souverain beharrlich verweigern konnte, und zum Glück für die Nation war dieses Wenige gerade das, auf was Jakob sich capricirte.
Die Habeas-Corpus-Acte. Einer seiner Hauptzwecke war die Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte, die er haßte, wie ein Tyrann naturgemäß den stärksten Zügel hassen mußte, den je eine Gesetzgebung der Tyrannei anlegte. Dieser Gedanke beschäftigte seinen Geist bis zum letzten Augenblicke und ist auch in den Instructionen ausgesprochen, die er in der Verbannung für seinen Sohn niederschrieb2. Aber obgleich die Habeas-Corpus-Acte während der Herrschaft der Whigs erlassen war, so war sie doch den Tories nicht weniger theuer als jenen. Es ist auch in der That nicht zu verwundern, daß dieses große englische Gesetz von allen Engländern ohne Unterschied der Partei hoch geschätzt wird, denn es ist ein Gesetz, das nicht auf Umwegen, sondern unmittelbar die Sicherheit und das Glück jedes Bewohners des Königreichs erhöht3.
Das stehende Heer. Jakob hatte noch einen andren Plan, welcher der Partei, die ihn auf den Thron erhoben und auf demselben erhalten hatte, verhaßt war: die Bildung eines großen stehenden Heeres. Er hatte den letzten Aufstand benutzt, um die ihm von seinem Bruder hinterlassene Streitmacht bedeutend zu verstärken. Die Truppentheile, welche jetzt als die sechs ersten Regimenter Gardedragoner bezeichnet werden, so wie das dritte und vierte Dragonerregiment und die neun Linieninfanterieregimenter, vom siebenten bis fünfzehnten einschließlich, waren eben erst errichtet worden4. Durch diese Vermehrungen, verbunden mit der Zurückberufung der Garnison von Tanger, war die Stärke der regulären Truppen Englands binnen wenigen Monaten von sechstausend auf nahe an zwanzigtausend Mann gestiegen. Noch kein englischer König hatte in Friedenszeiten über eine solche Heeresmacht zu verfügen gehabt, dennoch aber war Jakob noch nicht damit zufrieden. Er äußerte sehr oft, daß man sich auf die Treue der Milizen nicht verlassen könne, daß sie mit allen Leidenschaften des Standes, dem sie angehörten, sympathisirten, daß bei Sedgemoor in dem Rebellenheere sich mehr Miliz als im königlichen Lager befunden hätte und daß, wenn der Thron nur durch das Aufgebot der Grafschaften vertheidigt worden wäre, Monmouth im Triumph von Lyme nach London marschirt sein würde.
So groß auch die Einkünfte im Vergleich mit denen früherer Könige waren, so reichten sie doch kaum hin, um diesen neuen Mehraufwand zu bestreiten. Ein großer Theil des Ertrags der neuen Abgaben wurde durch den Bedarf der Flotte absorbirt. Am Ende der vorigen Regierung hatte der Gesammtaufwand für die Armee, mit Einschluß der in Tanger stehenden Regimenter, nicht ganz dreihunderttausend Pfund betragen; jetzt wollten dazu sechshunderttausend noch nicht ausreichen5. Sollte eine weitere Vermehrung erfolgen, so mußte man einen neuen Credit vom Parlament verlangen, und es war nicht wahrscheinlich, daß dieses sich dazu geneigt zeigte. Schon der Ausdruck „stehendes Heer“ war der ganzen Nation verhaßt, und Niemandem mehr als den Kavalieren, welche das Unterhaus füllten. Nach ihren Begriffen war das stehende Heer gleichbedeutend mit Rumpfparlament, mit Protector, mit Beraubung der Kirche, Säuberung der Universitäten, Abschaffung der Pairie und der Ermordung des Königs, mit dem unheimlichen Regimente der Heiligen, mit Frömmelei und Ascetik, mit Geldstrafen und Sequestrationen, mit den Insulten, die sich Generalmajore, welche aus der Hefe des Volks hervorgegangen waren, gegen die ältesten und vornehmsten Familien des Reichs erlaubt hatten. Überdies gab es kaum einen Baronet oder Squire im Parlamente, der nicht einen Theil des Ansehens, das er in seiner Grafschaft genoß, seiner Stellung in der Miliz verdankt hätte. Wenn diese Nationalstreitmacht beseitigt wurde, so mußte die englische Gentry nothwendig viel von ihrem Ansehen und ihrem Einflusse verlieren. Es war daher wahrscheinlich, daß es dem Könige schwerer werden würde, die Mittel zum Unterhalt seiner Armee, als die Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte zu erlangen.
Pläne zu Gunsten der römisch-katholischen Religion. Die beiden erwähnten Pläne waren jedoch einem andren untergeordnet, an dem der König mit ganzer Seele hing, der aber sowohl den Torygentlemen, welche bereit waren, für seine Rechte mit ihrem Blute einzustehen, als auch der Kirche, welche seit drei unter bürgerlichen Unruhen verflossenen Menschenaltern in der treuen Anhänglichkeit an sein Haus nie gewankt hatte, und selbst der Armee verhaßt war, auf die er im äußersten Nothfalle rechnen mußte.
Seine Religion war noch immer geächtet, manch’ strenges Gesetz gegen die römischen Katholiken stand im Gesetzbuche und war vor nicht gar langer Zeit mit rücksichtsloser Härte angewendet worden. Die Testacte schloß alle der anglikanischen Kirche nicht Angehörenden von jedem bürgerlichen und militairischen Amte aus, und eine spätere Verordnung, welche erlassen worden war, als die Erdichtungen des Oates die Nation wüthend gemacht hatten, bestimmte, daß in keinem der beiden Parlamentshäuser Jemand sitzen dürfe, der nicht die Lehre von der Transsubstantiation feierlich abgeschworen hatte. Es war natürlich und recht, daß der König für die Kirche, der er angehörte, vollständige Duldung wünschte, und man hat keinen Grund daran zu zweifeln, daß er mit ein wenig Geduld, Klugheit und Billigkeit diese Duldung auch erlangt haben würde.
Der heftige Widerwille und die Furcht, womit das englische Volk den Glauben des Königs betrachtete, durfte nicht ausschließlich und nicht hauptsächlich theologischer Erbitterung zugeschrieben werden. Daß man auch in der römischen Kirche selig werden könne, ja daß einzelne Mitglieder dieser Kirche zu den ausgezeichnetsten Vorbildern christlicher Tugend gehörten, wurde von allen Theologen der anglikanischen Kirche wie von den angesehensten Nonconformisten zugegeben. Dagegen ist es notorisch, daß die Strafgesetze gegen den Papismus von Vielen, welche Arianismus, Quäkerthum und Judenthum vom geistlichen Gesichtspunkte betrachtet für gefährlicher hielten als den Papismus, deshalb aber doch nicht geneigt waren, ähnliche Gesetze gegen Arianismus, Quäkerthum und Judenthum zu erlassen, energisch vertheidigt wurden.
Es läßt sich leicht erklären, warum der römische Katholik mit weniger Nachsicht behandelt wurde als Leute, die von der Lehre der nicäischen Väter nichts wissen wollten, ja selbst als solche Leute, welche nicht einmal durch die Taufe in den christlichen Bund aufgenommen waren. Es herrschte unter den Engländern die feste Überzeugung, daß der römische Katholik, sobald die Interessen seiner Religion im Spiele waren, sich aller gewöhnlichen Regeln der Moral entbunden glaube, ja daß er es sogar für verdienstlich halte, diese Regeln zu verletzen, wenn er dadurch eine Benachtheiligung oder eine Schmach von der Kirche, deren Mitglied er war, abwenden könnte. Diese Ansicht hatte auch wirklich einen Schein von Begründung. Man konnte es unmöglich leugnen, daß ausgezeichnete römisch-katholische Casuisten zur Verteidigung der Doppelsinnigkeit, des stillschweigenden Vorbehalts, des Meineides und selbst des Mordes geschrieben hatten. Auch waren, wie man sagte, die Theorien dieser abscheulichen Sophistenschule nicht ohne praktische Resultate geblieben. Das Blutbad der Bartholomäusnacht, die Ermordung des ersten Wilhelm von Oranien, die Ermordung Heinrich’s III. von Frankreich, die zahlreichen Verschwörungen gegen das Leben der Königin Elisabeth und ganz besonders die Pulververschwörung wurden beständig als Beweise für die enge Beziehung zwischen verderblicher Theorie und verderblicher Praxis angeführt. Man behauptete, daß jedes dieser Verbrechen von römisch-katholischen Priestern angestiftet oder doch gebilligt worden sei. Die Briefe, welche Eberhard Digby im Tower mit Citronensaft an seine Gattin geschrieben, waren unlängst veröffentlicht worden und wurden häufig angeführt. Er war ein Gelehrter und ein Gentleman, im gewöhnlichen Leben durchaus rechtschaffen und von dem Gefühle der Pflichten gegen Gott durchdrungen. Dennoch, war er tief in den Anschlag verwickelt, den König, die Lords und die Gemeinen in die Luft zu sprengen, und hatte am Rande der Ewigkeit erklärt, daß es ihm unbegreiflich sei, wie ein römischer Katholik einen solchen Plan für sündhaft halten könne. Aus allen diesen Dingen zog das Volk den Schluß, daß der allgemeine Character eines Papisten noch so tadellos sein könne, er doch jeder Arglist und Grausamkeit fähig sei, wenn das Wohl und die Ehre seiner Kirche in’s Spiel komme.
Der außerordentliche Erfolg der Fabeln des Oates ist namentlich dem Vorherrschen dieser Ansicht zuzuschreiben. Umsonst berief sich der angeklagte römische Katholik auf die Rechtschaffenheit, Menschenfreundlichkeit und Loyalität, die er während seines ganzen Lebens bewiesen habe; umsonst berief er sich auf zahlreiche achtbare Zeugen seines Glaubens, um die abenteuerlichen Romane zu widerlegen, welche der ehrloseste aller Menschen erdichtet; umsonst rief er noch mit dem Stricke um den Hals die ganze Rache des Gottes, vor dem er in wenigen Augenblicken erscheinen sollte, auf sich herab, wenn er irgend etwas Böses gegen seinen Fürsten oder seine protestantischen Landsleute beabsichtigt hätte. Die Zeugen, die er zu seiner Entlastung aufrief, bewiesen nur, wie wenig ein Papisteneid werth war; gerade seine Tugenden erweckten den Verdacht seiner Schuld, und der Umstand, daß er den Tod und das jüngste Gericht vor Augen sah, machte es nur um so wahrscheinlicher, daß er leugnen werde, was er nicht gestehen konnte, ohne der heiligsten Sache zu schaden. Unter den Unglücklichen, die wegen der Ermordung Godfrey’s verurtheilt wurden, befand sich auch ein Protestant von nicht sehr achtungswerthem Character, Namens Heinrich Berry. Es ist ein bedeutungsvoller und authentisch erwiesener Umstand, daß Berry’s letzte Worte mehr dazu beitrugen, den Glauben an das Complot zu erschüttern, als die Erklärungen, welche die frommen und ehrenwerthen römischen Katholiken, die das nämliche Loos traf, in der Todesstunde abgaben6.
Und nicht allein von dem unwissenden Pöbel, nicht allein von den Eiferern, in denen der Fanatismus alle Vernunft und Menschenliebe erstickt hatte, wurde der Katholik als ein Mensch betrachtet, den gerade die Zartheit seines Gewissens zum falschen Zeugen, zum Brandstifter und zum Mörder machen konnte, als ein Mensch, der vor keiner Schandthat zurückbebte und sich durch keinen Eid gebunden glaubte, sobald seine Kirche im Spiele war. Wenn es damals zwei Männer gab, die ihr Verstand wie ihr Gemüth zur Duldsamkeit geneigt machte, so waren es gewiß Tillotson und Locke. Dennoch sagte Tillotson, den seine Nachsicht gegen verschiedene Klassen von Schismatikern und Ketzern den Vorwurf der Heterodoxie zugezogen hatte, dem Hause der Gemeinen auf der Kanzel, daß es ihre Pflicht sei, wirksame Maßregeln gegen die Verbreitung einer Religion zu treffen, welche verderblicher sei als völlige Irreligiosität, einer Religion, die von ihren Bekennern Dienste fordere, welche den ersten Grundsätzen der Moral zuwiderliefen, sein Herz, versicherte er aus aufrichtiger Überzeugung, sei zur Milde geneigt, aber seine Pflicht gegen die Gesammtheit zwinge ihn, in diesem einen Punkte streng zu sein. Er erklärte, daß seiner Ansicht nach Heiden, welche den Namen Christi nie gehört hätten und nur durch das Licht der Natur geleitet würden, vertrauenswürdigere Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft seien, als Menschen, die in der Schule der papistischen Casuisten gebildet wären7. Locke behauptete in der berühmten Schrift, durch die er zu beweisen versuchte, daß selbst die rohesten Formen des Götzendienstes nicht durch Strafbestimmungen verboten werden dürften, daß eine Kirche, welche die Menschen lehre, Ketzern gegenüber ihr Wort nicht zu halten, keinen Anspruch auf Duldung habe8.
Unter solchen Umständen konnte ein englischer Katholik seinen Glaubensgenossen gewiß keinen größeren Dienst erzeigen, als wenn er das Publikum überzeugte, daß seine Kirche, was auch einige heftige Männer in Zeiten stürmischer Aufregung geschrieben oder gethan haben mochten, keineswegs der Ansicht huldige, daß irgend ein Zweck mit der Sittlichkeit unvereinbare Mittel heiligen könne. Und es stand in Jakob’s Macht, diesen großen Dienst zu leisten. Er war König und mächtiger als irgend ein englischer König, dessen sich die ältesten Leute erinnern konnten, gewesen war. Von ihm hing es ab, ob der Vorwurf, der auf seiner Religion haftete, beseitigt oder verewigt werden sollte.
Hätte er sich den Gesetzen gefügt, hätte er seine Versprechungen erfüllt, hätte er sich der Anwendung jedes unrechtmäßigen Mittels zur Verbreitung seiner eigenen religiösen Glaubenssätze enthalten, hätte er die Wirkung der Strafbestimmungen durch einen ausgedehnten Gebrauch seines unbestreitbaren Begnadigungsrechtes aufgehoben, zu gleicher Zeit aber sich sorgfältig vor jeder Verletzung der bürgerlichen oder kirchlichen Verfassung des Reiches gehütet, so würde in den Gesinnungen seines Volkes bald ein Umschwung eingetreten sein. Ein so sprechender Beweis gewissenhafter Redlichkeit von Seiten papistischer Fürsten, gegenüber einer protestantischen Nation, würde die allgemeinen Befürchtungen bald beschwichtigt haben. Wenn das Volk gesehen hätte, daß man einem Katholiken ohne alle Gefahr die Leitung der ganzen ausübenden Verwaltung, den Oberbefehl über Armee und Flotte, die Einberufung und Auflösung der gesetzgebenden Versammlung, die Ernennung der Bischöfe und Dechanten der englischen Kirche anheim geben konnte, so würde es bald von der Befürchtung zurückgekommen sein, daß Unheil daraus entstehen könne, wenn ein Katholik als Hauptmann einer Compagnie oder als Alderman eines Stadtbezirks fungirte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß binnen wenigen Jahren die von der Nation so lange verabscheute Secte mit allgemeinem Beifall zu Staatsämtern wie in’s Parlament zugelassen worden wäre.
Versuchte es dagegen Jakob, das Interesse seiner Kirche durch Verletzung der Grundgesetze seines Reiches und der feierlichen Versprechungen, die er wiederholt im Angesicht der ganzen Welt gegeben, zu fördern, so stand kaum zu bezweifeln, daß die Beschuldigungen, welche gegen die römisch-katholische Religion an der Tagesordnung waren, von allen Protestanten für vollkommen begründet gehalten werden würden. Denn wenn je ein römischer Katholik Ursache hatte, Ketzern sein Wort zu halten, so hatte Jakob Ursache, der anglikanischen Geistlichkeit sein Wort zu halten. Ihr verdankte er seine Krone, ohne ihre beharrliche Opposition gegen die Ausschließungsbill würde er ein Verbannter gewesen sein. Er hatte wiederholt und feierlich seine Verpflichtungen gegen sie anerkannt und gelobt, daß er sie in allen ihren gesetzlichen Rechten schützen werde. Wenn er sich durch solche Verpflichtungen nicht gebunden erachtete, so war es klar, daß keine Pflicht der Dankbarkeit oder der Ehre ihn binden konnte, wenn sein Aberglaube in’s Spiel kam. Es war dann unmöglich, daß sein Volk ihm traute, und wenn es ihm nicht trauen konnte, welchem Mitgliede seiner Kirche sollte es dann trauen? Man hielt ihn nicht für heimtückisch von Natur oder aus Gewohnheit. Seinem gedankenlosen Wesen und seiner Rücksichtslosigkeit gegen die Gefühle Anderer verdankte er einen viel höheren Ruf von Aufrichtigkeit, als er ihn irgendwie verdiente. Seine Lobhudler pflegten ihn gern Jakob den Gerechten zu nennen. Wenn es sich nun aber zeigte, daß er, indem er Katholik wurde, zu gleicher Zeit auch ein Heuchler und Wortbrüchiger geworden war, welche Folgerungen mußte dann wohl aus dem Allen eine Nation ziehen, die ohnehin schon zu dem Glauben geneigt war, daß der Papismus einen verderblichen Einfluß auf den sittlichen Character ausübe?
Verletzung der Testacte. Aus diesen Gründen waren viele der vornehmsten Katholiken jener Zeit, unter ihnen der Papst selbst, der Meinung, daß das Interesse ihrer Kirche auf unsrer Insel durch eine gemäßigte und der Verfassung entsprechende Politik am wirksamsten gefördert werden würde. Aber solche Argumente machten keinen Eindruck auf den beschränkten Verstand und den herrschsüchtigen Character des Königs. In seinem Eifer, die gesetzlichen Ausschließungen aufzuheben, unter denen die Bekenner seiner Religion litten, schlug er ein Verfahren ein, welches die aufgeklärtesten und tolerantesten Protestanten seiner Zeit überzeugte, daß solche Ausschließungen für das Wohl des Staates nothwendig waren. Die englischen Katholiken verdankten seiner Politik drei Jahre eines rechtswidrigen und übermütigen Triumphes, und hundertvierzig Jahre der Unterjochung und Erniedrigung.
Viele Mitglieder seiner Kirche bekleideten Offiziersstellen in den neu errichteten Regimentern. Diese Verletzung des Gesetzes ließ man eine Zeit lang ungerügt hingehen, weil man nicht Lust hatte, jede Regelwidrigkeit von Seiten eines Königs zu moniren, der sich plötzlich genöthigt sah, seine Krone und sein Leben gegen Rebellen zu vertheidigen. Jetzt aber war die Gefahr vorüber, die Aufrührer waren besiegt und bestraft, ihr mißlungener Versuch hatte die Regierung, die sie zu stürzen hofften, nur noch mehr gekräftigt. Dennoch vergab Jakob noch immer Stellen an unbefähigte Personen, und bald ging die Rede, daß er beschlossen habe, sich nicht mehr an die Testacte zu binden, daß er hoffe, das Parlament zur Aufhebung dieses Gesetzes zu bewegen, daß er aber, wenn das Parlament sich widerspenstig zeigen sollte, dennoch seinen Willen durchsetzen werde.
Halifax fällt in Ungnade. Sobald dies bekannt wurde, mahnte ihn ein dumpfes Murren, der Vorläufer eines Gewittersturmes, daß der Geist, dem sein Großvater, sein Vater und sein Bruder hatten weichen müssen, nur schlummere, aber noch nicht erloschen sei. Der Widerstand zeigte sich zuerst im Kabinet. Halifax versuchte es gar nicht, seinen Unmuth und seine Besorgniß zu verhehlen; im geheimen Rathe sprach er furchtlos die Gefühle aus, von denen, wie es sich sehr bald zeigte, die ganze Nation durchdrungen war. Da keiner seiner Collegen ihn unterstützte, ließ man den Gegenstand fallen. Nach der Sitzung aber wurde er in’s königliche Kabinet berufen und er hatte zwei lange Conferenzen mit seinem Gebieter. Jakob versuchte die Wirkung von Schmeicheleien und Complimenten, aber vergebens, Halifax weigerte sich auf das Bestimmteste zu versprechen, daß er im Hause der Lords für die Abschaffung der Testacte oder der Habeas-Corpus-Acte stimmen werde.
Einige Männer aus der Umgebung des Königs riethen ihm, am Vorabende der Einberufung des Parlaments nicht den beredtesten und vollendetsten Staatsmann des Jahrhunderts in das Lager der Opposition zu treiben. Sie stellten ihm vor, daß Halifax die Ehre und das Einkommen seines Amtes liebe, daß, so lange er Lordpräsident sei, er schwerlich mit seiner ganzen Kraft gegen die Regierung auftreten werde, daß aber die Entlassung von seinem hohen Posten so viel heiße, als ihn aller Rücksichten entbinden. Der König aber beharrte auf seinem Vorsatze, Halifax wurde benachrichtigt, daß man seiner Dienste nicht mehr bedürfe, und sein Name in dem Geheimrathsbuche gestrichen9.
Allgemeine Unzufriedenheit. Seine Entlassung machte nicht allein im England, sondern in Paris, in Wien und im Haag großes Aufsehen, denn es war wohl bekannt, daß er stets darauf hingearbeitet hatte, den Einfluß des Hofes von Versailles auf die Angelegenheiten Englands zu neutralisiren. Ludwig freute sich über die Nachricht; die Gesandten der Vereinigten Provinzen und des Hauses Österreich dagegen priesen die Weisheit und die Tugenden des entlassenen Staatsmannes in einer Weise, welche in Whitehall großes Ärgerniß erregte. Ganz besonders aufgebracht war Jakob gegen den Sekretär der kaiserlichen Gesandtschaft, der sich nicht scheute zu sagen, daß die wichtigen Dienste, welche Halifax in der Debatte über die Ausschließungsbill geleistet habe, mit grobem Undanke vergolten würden10.
Es zeigte sich bald, daß Halifax viele Nachfolger haben werde. Ein Theil der Tories, mit ihrem alten Führer Danby an der Spitze, begann eine whiggistische Sprache zu führen; selbst die Prälaten gaben nicht undeutlich zu verstehen, daß es einen Punkt gebe, wo die dem Fürsten schuldige Loyalität höheren Rücksichten weichen müsse. Die Unzufriedenheit der Generäle war noch größer und besorgnißerregender. Schon zeigten sich die ersten Symptome jener Stimmung, welche drei Jahre später so viele hohe Offiziere antrieb, die königliche Fahne zu verlassen. Männer, welche sich sonst aus nichts ein Gewissen machten, wurden jetzt mit einem Male auffallend bedenklich. Churchill äußerte schüchtern, daß der König doch etwas zu weit gehe. Kirke, der eben von seiner Schlächterei im Westen zurückgekehrt war, schwur, daß er am protestantischen Glauben festhalten werde, und selbst wenn er den Glauben, in welchem er erzogen worden, abschwören sollte, so werde er doch nie ein Papist werden. Er habe sich bereits vergeben; wenn er überhaupt seinem Glauben je entsage, so sei er durch ein dem Kaiser von Marokko gegebenes feierliches Versprechen verbunden, Muselmann zu werden11.
Verfolgung der französischen Hugenotten. Während die schon in mannichfacher Beziehung aufgeregte Nation mit ängstlicher Spannung dem Wiederzusammentritt der Parlamentshäuser entgegensah, kamen Nachrichten aus Frankreich, welche die Aufregung noch vermehrten.
Der lange und heldenmüthige Kampf, den die Hugenotten gegen die französische Regierung bestanden hatten, war durch Richelieu’s Geschicklichkeit und Energie zu einem endlichen Schlusse gebracht worden. Dieser große Staatsmann besiegte sie, sicherte ihnen aber die ihnen durch das Edict von Nantes verliehene Gewissensfreiheit zu. Es wurde ihnen unter einigen leichten Beschränkungen gestattet, Gott nach ihrem Ritual zu verehren und zur Vertheidigung ihrer Lehre zu schreiben. Alle Civil- und Militairämter standen ihnen offen und geraume Zeit hindurch war ihre Ketzerei kein praktisches Hinderniß für sie, um sich in der Welt emporzuschwingen. Einige von ihnen befehligten Armeecorps, Andere standen an der Spitze wichtiger Zweige der Civilverwaltung. Endlich aber trat eine Veränderung ein. Ludwig XIV. hegte schon seit langer Zeit eine politische und religiöse Abneigung gegen die Calvinisten. Als eifriger Katholik verabscheute er ihre theologischen Dogmen, und als Fürst, der die Willkürherrschaft liebte, verabscheute er die republikanischen Theorien, welche in die Genfer Theologie verwoben waren. Er verkürzte nach und nach alle Rechte, welche die Schismatiker genossen. Er mischte sich in die Erziehung der protestantischen Kinder, confiscirte Besitzungen, welche protestantischen Consistorien durch Erbschaft zugefallen waren, und schloß unter nichtigen Vorwänden protestantische Kirchen. Die protestantischen Geistlichen wurden von den Steuereinnehmern gequält, den protestantischen Magistratspersonen die Adelstitel entzogen, und den protestantischen Hofbeamten angekündigt, daß Seine Majestät ihrer Dienste nicht mehr bedürfe. Es wurde Befehl gegeben, daß kein Protestant mehr im Justizfache angestellt werden solle. Die unterdrückte Secte ließ einige schwache Anzeichen von dem Geiste blicken, der im vorhergehenden Jahrhundert der ganzen Macht des Hauses Valois Trotz geboten hatte. Es erfolgten Metzeleien und Hinrichtungen. In die Städte, wo sich viele Ketzer befanden und auf die Güter des ketzerischen Adels wurden Dragoner gelegt, und die Grausamkeit und Zügellosigkeit dieser rohen Missionare wurde von der Regierung gutgeheißen oder doch nur sehr mild getadelt. Indessen war das Edict von Nantes, obgleich es in seinen wesentlichsten Punkten factisch verletzt wurde, nicht förmlich aufgehoben, und der König erklärte wiederholt in feierlichen öffentlichen Erlassen, daß er entschlossen sei, es aufrecht zu erhalten. Aber die Fanatiker und Schmeichler, denen er ein geneigtes Ohr lieh, gaben ihm Rathschläge, die er zu befolgen nur zu bereit war. Sie stellten ihm vor, daß seine strenge Politik außerordentlich erfolgreich gewesen sei, daß sein Wille wenig oder gar keinen Widerstand gefunden habe, daß schon Tausende von Hugenotten bekehrt worden seien, und wenn er noch den letzten entscheidenden Schritt thue, so würden sich die bis jetzt noch hartnäckig Widerstrebenden bald fügen, Frankreich von dem Flecken der Ketzerei vollkommen gereinigt sein und sein Beherrscher sich eine himmlische Krone verdienen, nicht minder ruhmvoll als die des heiligen Ludwig. Diese Gründe schlugen durch. Der letzte Streich wurde geführt, das Edict von Nantes wurde widerrufen und eine Menge Verordnungen gegen die Sectirer erschienen in rascher Aufeinanderfolge. Knaben und Mädchen wurden ihren Eltern entrissen und in Klöster geschickt, um dort erzogen zu werden. Alle calvinistischen Geistlichen wurden aufgefordert, entweder ihren Glauben abzuschwören, oder binnen vierzehn Tagen das Land zu verlassen. Den anderen Bekennern, des reformirten Glaubens wurde verboten, das Königreich zu verlassen, und um ihre Flucht zu verhindern, wurden die Häfen und Grenzen streng bewacht. Man glaubte, daß die auf solche Art von ihren gefährlichen Hirten getrennten Heerden bald in ihre wahre Hürde zurückkehren würden. Aber trotz aller Wachsamkeit der militairischen Polizei fand eine bedeutende Auswanderung statt; es wurde berechnet, daß binnen wenigen Monaten funfzigtausend Familien Frankreich für immer verließen. Auch waren diese Flüchtlinge keineswegs Leute, die ein Land leicht entbehren kann, denn die Mehrzahl von ihnen waren Personen von aufgeklärter Bildung, von großer Betriebsamkeit und von strengen Sitten. Es befinden sich Namen darunter, die in Krieg, Wissenschaft, Literatur und Kunst eine hervorragende Stellung einnahmen. Einige von den Verbannten boten Wilhelm von Oranien ihre Schwerter an und zeichneten sich durch die Erbitterung aus, mit der sie nachher gegen ihren Unterdrücker kämpften. Andere rächten sich durch noch furchtbarere Waffen und reizten durch die holländische, englische und deutsche Presse dreißig Jahre lang die öffentliche Meinung Europa’s gegen die französische Regierung auf. Ein friedlicher gesinnter Theil errichtete in der östlichen Vorstadt Londons Seidenmanufacturen; ein andrer Theil unterrichtete die Sachsen in der Verfertigung von Stoffen und Hüten, für welche Frankreich bis dahin das Monopol gehabt hatte. Noch Andere pflanzten die ersten Weinstöcke in der Nähe des Caps der guten Hoffnung12.