Die Medizin bei den Arabern.
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Motto: Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident! Nord- und südliches Gelände Ruht im Frieden seiner Hände. Westöstl. Diwan.
Das Erlöschen eines jeden Wettstreits und der Mangel an frischen Triebkräften hatte die Medizin in Byzanz zur Erstarrung gebracht; seit dem 8. Jahrhundert führte sie dort trotz zeitweiligen Aufflackerns nur mehr ein Scheinleben. Glücklicherweise war das Schicksal der Heilkunde im Mittelalter nicht an Byzanz allein gebunden! Wie ein spezieller Fall des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft nimmt es sich aus, daß mit dem Sinken der geistigen Energie im Heimatlande eine zwar an Verirrungen reiche, aber doch lebendige Entwicklung der griechischen Heilkunst in der Fremde parallel läuft, daß die Medizin in der inzwischen entstandenen Welt des Islam eine Stufe erreichte, welche jedenfalls im Mittelalter unüberschritten blieb.
Der Aufschwung der Heilkunde in arabischen Landen knüpfte sich an die Machtstellung, an die erstaunlich rasch aufschießende, üppig blühende Kultur des Kalifenreiches, er beruhte auf der Neubelebung des griechischen Bildungsmaterials durch den fermentartig wirkenden Geist orientalischer Völker, die unter der siegesfrohen Fahne des Propheten zu einem Dasein voll Regsamkeit erwacht waren. Umgeackert durch die Pflugschar arabischer Tatkraft, ließ der alte Kulturboden Syriens, Mesopotamiens und Persiens, Aegyptens und Indiens aus seinen frisch gezogenen Furchen wieder eine reiche Saat emporkeimen, die wohl zumeist dem, in verschwenderischer Fülle verstreuten, Samen griechischer Gedanken entstammte, aber auch durch manche beigemischte Eigenart das spezifische Erdreich nicht verleugnete.
Es entstand ein neues, griechische mit orientalischen Elementen verschmelzendes Gebilde — die arabische Medizin, deren rasches Aufblühen nur durch die lange vorher in den alten Kulturländern Aegypten, Syrien, Mesopotamien und Persien geleistete Vorarbeit erklärlich wird. Aber nicht bloß die Grundlegung, sondern auch der Aufbau war nicht ausschließlich, ja nicht einmal überwiegend das Werk der Nationalaraber. Zwar stellt die reiche und vielseitige medizinische Literatur sprachlich und auch der Geistesrichtung nach, ein einheitliches Ganzes dar, aber an ihrer Schöpfung beteiligten sich außer den Arabern Angehörige der verschiedenen Nationen des islamischen Weltreiches, das sich in seiner Blüteepoche vom Himalaja bis zu den Pyrenäen, vom Schwarzen Meere bis zum Golf von Aden erstreckte.
Arabien selbst, das einer durch die gemeinsame Arbeit der Semiten, Arier und Hamiten geschaffenen Kultur den Namen gab, blieb für die wissenschaftliche Heilkunde ohne Einfluß; die Zentren der „arabischen” Medizin befanden sich in den Ländern mit reicher Mischbevölkerung.
Immerhin bedeutete die Kulturmedizin den arabischen Eroberern keineswegs etwas vollkommen Neues, denn sie hatten die Superiorität derselben bereits früher im Heimatlande, schon in der vorislamischen Zeit durch jüdische und christliche Aerzte kennen gelernt, welche unter ihnen lebten und neben den eingeborenen Volksärzten, den Vertretern einheimischer abergläubisch-empirischer Traditionen, tätig waren. Manche Spuren weisen darauf hin, daß schon in alter Zeit hie und da Verbindungen mit der syrischen, persischen oder indischen Medizin angeknüpft worden sind.
Der in der Epoche Muhammeds sehr angesehene (christliche) Arzt el Harits ben Kalada, aus el Taïf bei Mekka, studierte an der Hochschule von Dschondisabur und bereiste Indien, um seine Kenntnisse zu erweitern. Bemerkenswert ist es, daß er den Propheten in seinen hygienisch-medizinischen Anschauungen beeinflußte, wozu er umsomehr berufen schien, da er selbst auf Mäßigkeit und Reinlichkeit abzielende Gesundheitsregeln verfaßte, die der arabischen Lebensweise angepaßt waren.
Wie in den älteren Religionsurkunden, so spielen auch in den muhammedanischen hygienisch-medizinische Dinge eine wichtige Rolle. Der Koran besitzt einen, im Vergleich zum Alten Testament weit geringeren, doch immer noch ansehnlichen hygienischen Inhalt[1] — Vorschriften über Reinlichkeit (Waschungen), Nahrungsweise (Verbot des Schweinefleisches, des Weingenusses), Geschlechtsleben u. s. w. —, hingegen enthält er nur wenig, was zur Beurteilung der medizinischen Anschauungen[2] des Zeitalters benützt werden könnte. In dieser Hinsicht bilden die dem Propheten durch die Tradition zugeschriebenen Aussprüche, welche als Medizin des Propheten in später Redaktion vorliegen (vgl. Perron, Médecine du prophète, Alger et Paris 1860), eine interessante Ergänzung; neben der einheimischen volkstümlichen Tradition tritt darin bereits der fremdländische Einfluß zu Tage, welcher durch jüdische und christliche Aerzte vermittelt worden war. Der Prophet, welcher sich selbst in leichteren Fällen mit der Behandlung Kranker abgab, legte den Gläubigen die Pflege der Gesundheit sehr ans Herz, empfahl ihnen bei gewissen Krankheiten Arzneien oder rationelle Heilverfahren (z. B. gegen anhaltenden Kopfschmerz und Fieber kalte Uebergießungen und Skarifikationen[3]), ließ unter Umständen auch abergläubische Gebräuche zu, wenn sie dem Monotheismus nicht allzusehr widersprachen, und gewährte in dringenden Fällen die Erlaubnis, bei Kranken von den rituellen Gesetzen abzuweichen[4]. Das Glüheisen dient als ultimum refugium in Krankheiten und als Blutstillungsmittel, die Behandlung der Knochenbrüche durch Reposition und Verband ist kurz erwähnt, gegen Biß der Schlangen oder des tollen Hundes wird Einschneiden der Wunde, Aussaugen, Schröpfen (mit dem Horn eines Tieres) empfohlen. Männern und Frauen ist es ausdrücklich gestattet, auch Kranke des anderen Geschlechts zu pflegen, selbst wenn es sich um die Genitalien handelt. Bei Ausbruch ansteckender Krankheiten wird Vorsicht empfohlen, doch verboten, das Land zu verlassen.
Als die tapfern und begabten, aber noch urwüchsigen Araber, entflammt durch religiöse Begeisterung, im Sturmeslaufe von den reichsten Kulturländern Besitz ergriffen, lag ihnen das Interesse für Bildung noch gänzlich fern; in ihrem barbarischen Stolze achteten sie die Gelehrsamkeit, das künstlerische Schaffen, den Gewerbfleiß der Unterworfenen höchstens in dem Sinne von Dienstleistungen, die dem waffenführenden Herrenvolke nützlich werden können. Ihr geistiges Streben wandte sich, abgesehen von der glutvollen und empfindungsreichen, nationalen Dichtkunst, ausschließlich dem religiösen Schrifttum zu, woran dann allmählich das Studium der arabischen Grammatik angeschlossen wurde, zwecks genauer Feststellung des heiligen Textes und mit Rücksicht auf die Neubekehrten, welchen der Koran nur im Original, nicht aber übersetzt, übermittelt werden durfte — ein Umstand, welcher die Erhebung des Arabischen zur Literatursprache bewirkte.
Genährt durch den Gegensatz der Sprache und der Religion, herrschte die Indolenz der Araber gegenüber der fremden Kultur während des 1. Jahrhunderts der Hidschra und noch darüber hinaus, umsomehr als ohnedies die besten Kräfte teils durch die Feldzüge, teils durch innere Wirren in Anspruch genommen waren. Wenn auch die Kalifen aus dem Hause der Omajjaden (661-750) ihre Residenz nach Damaskus, dem Hochsitze gräko-syrischer Bildung verlegten, die frühere Einfachheit der Sitten mit verfeinerten Lebensformen nach dem Muster der byzantinischen vertauschten, fremde Künstler, Gelehrte, Aerzte[5] beriefen und ihnen Einfluß gewährten — einer wirklich intensiven Förderung der nichtmuhammedanischen Wissenschaft stand der religiös inspirierte Nationalismus noch allzusehr entgegen. Zum größten Teile blieb die Pflege der Kunst und Wissenschaft den Ungläubigen überlassen. Nur wo praktische Interessen in Frage kamen oder der Mystizismus anlockte — auf dem Gebiete der Alchemie und Medizin — machen sich schon in dieser Epoche Spuren der Wißbegierde oder selbst ernsterer Aneignungsversuche bemerkbar, wobei vorerst die alexandrinische Gelehrsamkeit als Hauptquell diente. Namentlich als Förderer der Alchemie wird der omajjadische Prinz Khaled ben Jezid genannt; um die Verbreitung griechischer Heilkunst sollen sich Theodokos und Abd el Malik ben Abhar Alkinâni Verdienste erworben haben. Ein jüdischer Arzt, Masardjaweih (um 683) aus Basra, übertrug die schon in syrischer Sprache vorliegenden Pandekten des Presbyters Ahron (vgl. S. 128) ins Arabische. Schon im Jahre 707 stiftete der kunst- und wissensfreundliche Kalif el Welid das erste Krankenhaus und stellte Aerzte an demselben an.
Der Muawide Khaled ben Jezid († 704) beschäftigte sich unter Anleitung des Mönches Marianos mit Alchemie, Medizin u. a. angeblich, um in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit Trost für die Nichtwahl zum Kalifen zu finden; er galt als Autor mehrerer einschlägiger Abhandlungen.
Theodokos († 708) soll treffliche Schüler, darunter den jüdischen Arzt Forat ben Schânâsa, herangebildet haben und verfaßte ein noch lange angesehenes, häufig zitiertes Werk, das besonders von den Heilmitteln und ihrer Zubereitung handelte, Kannasch (Pandekten), wahrscheinlich das älteste medizinische Buch der arabischen Literatur. Abdalmalik ben Abhar Alkinani (ein zum Islam übergetretener Christ arabischer Abstammung) bemühte sich um die Verpflanzung der alexandrinischen Medizin nach Syrien und Mesopotamien. Masardjaweih (Masardjoje, Masardjis) schrieb auch selbständige Abhandlungen über die Kräfte der Medizinalpflanzen und Nahrungsmittel.
Zwar entwickelten sich schon im Zeitalter der Omajjaden Basra und Kufa, wo Muslimen, Christen und Juden zusammenströmten, zu Pflegestätten wissenschaftlichen Lebens, der eigentliche Aufschwung der arabischen Kultur erfolgte aber erst von der Zeit an, da die Abbassiden zur Herrschaft gelangten (750), und die ebenso so rasch ansteigende wie vielseitige Entwicklung, welche ihr unter den Kalifen aus diesem Hause beschieden war, hängt wenigstens im Beginne damit zusammen, daß das Nationalarabertum seinen Vorrang im Staate zu Gunsten der allmählich entstandenen Mischrasse verloren hatte, und namentlich die Perser, bezw. deren arabisierten Abkömmlinge, eine einflußreiche Stellung gewannen. Der Uebergang zu großzügigen, kosmopolitischen Tendenzen, mit dem Gefolge von höheren Formen des wirtschaftlichen und geistigen Lebens fand seinen Ausdruck alsbald in der Verlegung der Residenz nach Bagdad, welches, auf dem Boden des Zweistromlandes erbaut, die Traditionen altorientalischer Weltreiche verkörperte und als Knotenpunkt aller großen Handelsstraßen Vorderasiens zum Tummelplatz des Völkerverkehres wie geschaffen war. Von höfischem Prunk umstrahlt, byzantinischem Kunstsinn nacheifernd und persischen Luxus überbietend, magnetisch die Volksmassen und die Schätze aus zwei Weltteilen an sich ziehend, wuchs Bagdad zur größten und prächtigsten unter allen Städten empor[6]. Hier entsprangen jene mächtigen Impulse, welche zur Gewinnung und Verwertung der Naturschätze lockten, dem Gewerbfleiß stets neue Aufgaben stellten, den Umsatz der Produkte durch Ausbahnung und Vermehrung der Verkehrswege beschleunigten. Aber der Sitz einer weltgebietenden Macht, der Brennpunkt der Industrie und des Handels, die Stätte des maßlosen Luxus und des wahnsinnigen Genußlebens wurde auch eine Hochschule der Gelehrsamkeit[7], und nicht minder, wie für die materielle Kultur, war auch auf dem Felde des Geistes der Wille und Ehrgeiz der Kalifen anfangs die einzige, die stärkste Triebfeder für die erstaunlich fruchtbare Arbeit, mittels der man sich das kulturelle Fremdgut anzueignen wußte.
Am Ausgang des 8. und im Beginne des 9. Jahrhunderts, zu einer Zeit, da das Kalifat die höchste Macht besaß und die Wohlfahrt des muslimischen Reiches durch blühende Landwirtschaft, durch rege gewerbliche Betriebsamkeit und weit ausgedehnten Handel gesichert war, entstand jene bewundernswerte, welthistorisch bedeutungsvolle geistige Bewegung, welche dem Arabertum in kurzer Frist eine erstaunliche Fülle von abend- wie morgenländischer Bildung zutrug. Was in Syrien und Mesopotamien durch die Verpflanzung hellenischen Wissens begonnen, was in Persien unter den Sassaniden vorbereitet worden war, kam bei den Muslimen zu ungeahnter Vollendung, indem sie von einem unvergleichlich größeren Import des fremden Kulturgutes zu wirklicher Assimilation und auf manchen Gebieten auch zu originalen Leistungen fortschritten.
Im Anschlusse an die früheren Vermittlungsversuche der Syrer und Perser, bildete eine überaus reichhaltige Uebersetzungsliteratur die Basis der arabischen Wissenschaft.
Mögen auch schon vorher einzelne Schriften in die Sprache des Koran übertragen worden sein — eine systematische, allmählich alle Wissenszweige umfassende, Uebersetzertätigkeit großen Stiles entfaltete sich erst, als kulturfreundliche Abbassiden, hauptsächlich von ihren Leibärzten inspiriert, das Unternehmen mit reichen Mitteln förderten, für die kostspielige oder nur auf diplomatischem Wege mögliche Erwerbung der Originalhandschriften Sorge trugen und zur Ausführung eigene Gelehrtenkommissionen bestellten; begreiflicherweise erweckte das, von den Fürsten gegebene, Beispiel sehr bald unter den Großen des Reiches ein den gleichen Zwecken dienendes Mäcenatentum. Dauernd bewahrt die Geschichte in diesem Sinne die Erinnerung an die Abbassiden al-Mansur (754-775) und Harun ar-Raschid (786-809), an die hochgestellte Familie der Barmekiden; das herrlichste Denkmal setzte sich aber als Gönner der Wissenschaft der Kalif al-Mamun (813-833), welcher die größte Menge von Schriften zusammenbringen ließ und ein förmliches, unter Leitung der angesehensten Gelehrten stehendes Uebersetzungsinstitut errichtete, dessen imponierende Leistungen einen gewaltigen Wissensstoff weithin verbreiteten. Auch von den Nachfolgern dieses Fürsten — besonders den Kalifen al-Mutassim, al-Mutawakkil und al-Mutadhid — begünstigt, zog sich die Uebersetzertätigkeit fort, um vom Beginne des 10. Jahrhunderts an der Kommentierung und freieren Bearbeitung des zugänglich gewordenen Bildungsmaterials Platz zu machen.
Neben griechischen Schriften, welche die Hauptmasse ausmachten und in der ersten Zeit auf dem Umweg über das Syrische, später direkt aus dem Original übertragen wurden[8], fand auch die persische und indische Literatur Berücksichtigung; was den Inhalt betrifft, so kamen — entsprechend den praktischen Zwecken — anfangs namentlich medizinische, mathematische, astronomische und geographische Werke in Betracht, im weiteren Verlaufe aber auch philosophische und naturwissenschaftliche[9].
Aus der langen Reihe der Uebersetzer — arabische Quellen zählen etwa hundert auf — ragen in Bezug auf das medizinisch-naturwissenschaftliche Schrifttum Jahja ben Māsawaih („Mesue”), Hunain ben Ischak („Johannitius”), dessen Neffe Hubaisch ben el Hasan, der Sabier Thâbit ben Kurra aus Harran und Kosta ben Luka besonders hervor.
Von medizinischen Autoren wurden alle bedeutenderen ins Arabische übertragen, namentlich aber Hippokrates, Dioskurides, Archigenes, Rhuphos, Galenos, Oreibasios, Philagrios, Alexandros von Tralleis, Paulos von Aigina. Die arabischen Uebersetzungen sind noch gegenwärtig von großer Bedeutung, teils aus textkritischen Gründen, teils deshalb, weil sie manche der großen Lücken in der antiken Literatur ausfüllen. [10]
Die ersten Abbassiden — namentlich al-Mamun[11] — erwarben eine Menge von Handschriften wissenschaftlicher Werke durch Ankauf oder erbaten sich wertvolle Manuskripte vom byzantinischen Kaiserhofe; von Harun ar-Raschid wird erzählt, daß er eine Anzahl in griechischen Städten erbeutete, von al-Mamun, daß er die Auslieferung solcher literarischer Schätze zur Friedensbedingung machte. Am frühesten (unter al-Mansur und Harun ar-Raschid) wurden die Elemente des Euklid, der „Almagest” des Ptolemaios, die Physik des Aristoteles und medizinische Schriften übersetzt, bei welch letzteren die syrische Vorarbeit (Nestorianer) gute Dienste leistete. Außer griechischen Werken übertrug man auch persische und indische Schriften ins Arabische; von den indischen[12] waren (abgesehen von der Sammlung indischer Tierfabeln) die mathematisch-astronomischen und medizinischen (Charaka, Susruta) am wichtigsten; manche der angeblich aus dem Indischen oder Chaldäischen übersetzten Werke, z. B. die Schrift Schanaks über die Gifte und die beiden von Ibn Waschija veröffentlichten chaldäischen Schriften über (die nabatäische) Landwirtschaft resp. über Gifte, scheinen nach neueren Forschungen zusammengestoppelte Falsifikate zu sein, denen freilich zum Teil alte indische resp. babylonische Quellen zu Grunde lagen.
Außer den Kalifen förderten auch die Wesire und hochstehende, reichbegüterte Männer durch Geldmittel die Uebersetzertätigkeit, so z. B. einzelne der Barmekiden, der Bachtischua, die drei Söhne des Musa ben Schakir, Muhammed, Ahmed und el-Hasan u. a.
Als Uebersetzer fungierten zumeist Syrer (darunter besonders Nestorianer und Sabier), Perser, Griechen, Juden, die meisten derselben übten den ärztlichen Beruf nebenbei oder ausschließlich aus. Nicht zum mindesten war es gerade die Heilkunde, wegen welcher die Kalifen der Sache so lebhaftes Interesse zuwandten.
Eine Hauptanregung für die Uebertragung medizinischer Texte ins Arabische ging zuerst von dem Nestorianer Dschordschis (Georg) ben Dschabril (Gabriel) ben Bachtischua aus, welcher dem Kalifen al-Mansur als Arzt diente und selbst einige Schriften übersetzt haben soll; als Förderer von Uebersetzungen machte sich auch sein Enkel Dschabril ben Bachtischua, Leibarzt des Harun ar-Raschid, verdient. In der Epoche von Harun bis al-Mutawakkil war der berühmte „Mesuë” ═ Jahjah ben Māsawaih mit der Sammlung und Uebersetzung griechischer Werke beauftragt. Die großartigste und vielseitigste Tätigkeit als Uebersetzer entfaltete Hunain ben Ischak, der Leibarzt des Kalifen al-Mutawakkil. Ueber gründlichste Kenntnis des Syrischen, Arabischen und Griechischen verfügend, lieferte Hunain einerseits selbst eine erstaunliche Zahl korrekter Uebersetzungen (hippokratischer, galenischer Schriften, Anatomie der Eingeweide aus Oreibasios, 7 Bücher des Paulos), anderseits revidierte und verbesserte er die von anderen gemachten Uebersetzungen (z. B. Uebertragung galenischer Schriften des Isa ben Jahja, die Dioskuridesübersetzung des Stephanos, Sohn des Basilios). Er ermunterte auch jüngere Leute, besonders seine Söhne und seinen Neffen Hubaisch ben al-Hasan zu gleicher nützlicher Arbeit. Der letztgenannte wirkte neben ihm als Hauptübersetzer galenischer Schriften. Die Zahl der medizinischen Uebersetzer, welche außer diesen wichtigsten erwähnt werden, ist sehr beträchtlich.
Hunain und sein Sohn Ischak widmeten sich auch der Uebersetzung philosophischer und mathematischer, astronomischer, physikalischer etc. Werke; auf diesem Gebiete zeichneten sich ganz besonders aus: al-Hadschadsch ben Jusuf ben Matar, Jahja ibn el Batrik, der Sabier Thabit ben Kurra (Arzt und Astronom des Kalifen el-Mutadhid), Kosta ben Luka (Arzt aus Baalbek) u. a.
Daß die Araber bei ihrem Uebersetzungseifer die dichterischen und historischen Werke der Antike außer acht ließen, erklärt sich einfach daraus, daß Poesie und Geschichtschreibung bei ihnen zur selbständigen Entwicklung gekommen waren und daher keine Sehnsucht nach fremden Quellen erwachen ließen. Religion einerseits, starkes Nationalgefühl anderseits beraubte sie der Empfänglichkeit für die erhabensten Emanationen des antiken Geistes, machte sie verständnislos für die griechische Kunst und die griechische Dichtung. Wer in diesen Elementen die unersetzliche Grundlage wahrer Kultur erblickt, mag dies beklagen, aber daraus, wie es von manchen Autoren geschieht, einen gehässigen Vorwurf der Minderwertigkeit zu schmieden, sollte einer objektiven Geschichtsauffassung ferne liegen.
Durch die mit beispielloser Hingebung geförderte, zielbewußt und systematisch durchgeführte Uebersetzertätigkeit wurde den Arabern schon im Laufe des 9. Jahrhunderts eine erstaunlich große, in der Folgezeit stetig wachsende Summe von Wissen zugeführt, und während sonst überall die Studien noch schlummerten oder gänzlich verkümmerten, erlebte die antike Bildung im Irak eine glänzende Wiedergeburt. Mit jugendfrischer Wißbegierde las man in Bagdad aristotelische und platonische Schriften, gestützt auf Euklid und Ptolemaios trieb man dort Mathematik und Astronomie, mit Hippokrates und Galen als Führern trat man ans Krankenbett!
Doch verfehlt wäre die Annahme, daß sich diese Frühepoche arabischer Kultur lediglich mit sklavischen Uebertragungen begnügt hätte und ohne freiere Gestaltungen ganz in blinder Gefolgschaft, in widerspruchsloser Verehrung der fremden Meister aufgegangen wäre. Wohl verbreitete die gleichsam neu entdeckte Geisteswelt ihren blendenden Glanz, dem sich keiner zu entziehen vermochte, doch gerade der Kontakt mit dem überlegenen griechischen Denken entzündete die eigene Intelligenz, und die außerordentliche Mannigfaltigkeit der aus West und Ost zuströmenden, oft gegensätzlichen Bildungselemente schärfte die Kritik. Bald richtete der eroberungslustige, hochgemutete, zur Assimilation eminent befähigte Volkscharakter sein Streben dahin, das von außen Empfangene durch Verarbeitung und zweckentsprechende innere Weiterbildung in nationalen Eigenbesitz zu verwandeln. Freilich konnten sich selbständige Leistungen anfangs nur sehr vereinzelt und bloß auf wenigen Gebieten hervorwagen, doch schon im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra fehlte es der islamischen Welt nicht gänzlich an Männern, welche durch ihr reges Schaffen die frohe Botschaft verkündeten, daß Bagdad die Rolle Alexandrias nicht ohne berechtigte Hoffnung übernommen hatte.
Der Uebergang vom bloßen Uebersetzen zur paraphrastischen popularisierenden Darstellung vollzog sich rasch, und schon das Kommentieren der Texte erweckte eine mehr selbständige, den Zeitverhältnissen und dem Volksgeist Rechnung tragende Gedankenarbeit. Nicht nur eine, mit wahrem Bildungsfanatismus aus den Quellen schöpfende, Polyhistorie[13] kennzeichnet die Glanzepoche der Abbassiden, sondern selbst humanistisch gefärbte Strömungen machten sich geltend, und bei den Versuchen zur Versöhnung von Wissenschaft und Glauben durfte die philosophische Spekulation wenigstens vorübergehend einen Aufflug nehmen, der sogar vor sehr kühnen Folgerungen nicht zurückzubeben brauchte[14] — freilich die nach al-Mamuns Tode leise beginnende, am Ausgang des 9. Jahrhunderts bereits mächtig erstarkte und vom Kalifenhofe fortan begünstigte, orthodoxe Reaktion wußte der Gedankenfreiheit nur allzu bald wieder Zügel anzulegen. Von größter Tragweite aber wurde es, daß in den gelehrten Kreisen Bagdads neben den theologisch-philosophischen, neben den philologisch-literarisch-historischen Studien, die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer eine sehr intensive und dauernde Pflege fanden, und daß man gerade auf diesen Gebieten, trotz steter Anlehnung an die Errungenschaften der Alten, daran ging, das Ueberkommene durch neue Ideen, Beobachtungen und Erfahrungen weiterzuführen. Freilich hatte bereits im 8. Jahrhundert der große Geber[15] den Weg gewiesen, auf dem der arabische Genius seine größten Triumphe feiern sollte — aber erst in Bagdad, wo sich hervorragende Meister zu gemeinsamer Arbeit verbanden, wo die Mittel zu wissenschaftlichen Untersuchungen[16] freigebig flossen (z. B. Gründung von Sternwarten), konnte der nüchternen, mit Zahl, Maß und Gewicht hantierenden, auf Beobachtung gestützten, vom Bekannten stufenweise zum Unbekannten aufsteigenden Forschung eine genügende Menge von Jüngern gewonnen werden.
Für die Verbreitung der Bildung sorgten Schulen und reichhaltige öffentliche Bibliotheken[17]. Den Austausch der Ideen vermittelten gelehrte Vereinigungen. Der äußerst rege Verkehr[18], welcher zahlreiche Lernbegierige nach der Metropole führte, erleichterte das rasche Bekanntwerden neuer Schriften und geistiger Errungenschaften.
Bagdad bewahrte jahrhundertelang seinen Ruhm als Brennpunkt des geistigen Lebens, aber wie ein breiter Strom, in viele Arme geteilt, ergoß sich die Bildung von dort allmählich auch in die Provinzen bis in den äußersten Osten (Samarkand); selbst in Gegenden, wo heute wieder tiefste Unkultur herrscht, entstanden vorübergehend Pflegestätten der Wissenschaft — als Abglanz der Kalifenstadt.
Ursprünglich aus dem Mäcenatentum der Abbassiden hervorgegangen, war doch glücklicherweise der Fortbestand und die Weiterentwicklung der arabischen Kultur nicht ausschließlich von der Machtstellung der in Bagdad thronenden Kalifen abhängig. Während diese durch den Abfall ehrgeiziger Statthalter auf einen immer enger begrenzten Besitz beschränkt wurden und, die faktische Herrschergewalt an Söldnerführer (Bujiden, Seldschuken) verlierend, schließlich zu Schattenfürsten mit geistlichem Nimbus herabsanken, erhielt sich das Geistesleben noch jahrhundertelang in voller Frische, ja gerade die Zersplitterung des Reiches in zahlreiche selbständige Sonderherrschaften wirkte fördernd, indem manche der neuen Dynastien, mit den Abbassiden und untereinander wetteifernd, allerdings in sehr verschiedenem Ausmaße, künstlerische und wissenschaftliche Bestrebungen unterstützten, Gelehrte heranzogen[19], Unterrichtsanstalten und Bibliotheken gründeten, so die Samaniden in Bochara, die Ghasnawiden in Ghasna, die Bujiden in Persien, die Hamadaniden in Aleppo und Mosul, die Aglabiden in Kairowan, die Idrisiden in Maghrib u. a.
Mit der in Bagdad erklommenen Höhe kann sich aber nur jene messen, welche in Andalus in dem völkerdurchmischten Spanien erreicht wurde, wo die Araber seit 711 festen Fuß gefaßt hatten; ein Jahrhundert später als im Oriente aufstrebend, lief die Entwicklung der arabischen Kultur an den Ufern des Guadalquivir parallel mit der am Euphrat und Tigris, um schließlich sogar die Errungenschaften des Mutterlandes in mancher Hinsicht zu überbieten.
Den Keim zu einer solchen Entfaltung legte der Zeitgenosse al-Mansurs, der Omajjade Abdarrahman, welcher allein dem von den Abbassiden angerichteten Blutbade entronnen war und in Cordoba das Banner der Unabhängigkeit aufgepflanzt hatte; Weisheit und Milde mit siegesstolzer Tapferkeit vereinend, schmückte dieser Fürst die Residenz mit herrlichen Bauwerken und suchte den Glanz abbassidischer Kultur über seinem Reiche zu verbreiten[20]. Dem vom Ahnherrn gegebenen Beispiele folgend, förderten die tatkräftigen Herrscher aus dem Hause der spanischen Omajjaden (755-1031) mit höchst anerkennenswertem Eifer und lang nachwirkendem Erfolge sowohl die materielle Wohlfahrt des Landes, als auch die geistigen Bestrebungen und künstlerischen Leistungen; namentlich unter Abdarrahman III. (912-961) und Hakam II. (961-976) brach ein wahrhaft goldenes Zeitalter an, wurde die Kalifenstadt Cordoba das Bagdad des Westens, der Sitz höchster Bildung und erlesenster Kunstpflege, eine Sammelstätte reicher Bücherschätze, ein Mittelpunkt wissenschaftlichen Strebens, eine Hochschule für Tausende von Lerneifrigen. Auch in anderen großen Städten entwickelte sich, seit dem 10. Jahrhundert, getragen von Arabern, Berbern, Juden und Mozarabern, ein blühendes Kulturleben, welches fortan dank seiner inneren Kraft die Zerrüttung, die Machteinbuße, ja sogar die Zertrümmerung des Reiches überdauerte und bis ins 13. Jahrhundert immer wieder aufs neue fürstliche Förderung empfing.
Die arabische Kultur Spaniens wird auch als maurische bezeichnet, weil die überwiegende Masse ihrer Träger aus Berbern zusammengesetzt war. Indessen ist daran festzuhalten, daß das Arabertum geistig den größten Anteil daran hatte. Cordoba blieb mit Bagdad durch ein geistiges Band verknüpft, wenn die Kultur in Andalus auch infolge der Einflüsse der Landesverhältnisse oder der Rasse, namentlich aber infolge der Beziehungen zu den christlichen Spaniern einen mehr abendländischen Charakter erhielt.
Unter dem Zepter der fast ausnahmslos trefflichen Herrscher aus dem Hause der Omajjaden erlebte Spanien eine noch nicht wieder erreichte Blüte durch die Hebung der Landwirtschaft (Einführung von Nutz- und Zierpflanzen aus Asien und Afrika), der Viehzucht, des Bergbaues, der Gartenkunst, der Bewässerung u. s. w., durch die Förderung des Handels (Anlage von Landstraßen) und der Industrie (Weberei, Stickerei, Färberei, Glasarbeit, Töpferei, weltberühmte Lederindustrie, Schmiedekunst u. a.). In regster wirtschaftlicher und geistiger Verbindung mit der hochentwickelten Kultur des Ostens (über das Maghrib und Aegypten) genoß das maurische Spanien alle Vorzüge, ohne dabei unter dem despotischen Druck des Orients leiden zu müssen — eine günstige Lage, die mit derjenigen Griechenlands in der alten Welt einige Analogien besitzt; die Nähe stets kampfbereiter Feinde stählte die Tatkraft, die größere Milde des Klimas ließ neben kaltem orientalischen Ernst auch heitere Anmut aufkommen — Geisteseigenschaften, die in der spanisch-arabischen Kultur nicht ohne Ausdruck blieben. Der wirtschaftliche Aufschwung begünstigte Kunst und Wissenschaft. Noch heute bezeugt die von späten Epigonen errichtete Alhambra die einstige Pracht der Baukunst, die Reste der feinsinnigen Poesie erregen das Entzücken der Kenner. Die Wissenschaft stand wohl an Frühreife der morgenländischen nach, übertraf sie aber durch Stetigkeit. Schon die ersten der spanischen Omajjaden wirkten als Gönner der Kunst und Wissenschaft. Spanien war übrigens im 8. und 9. Jahrhundert noch gänzlich auf den Zuzug orientalischer Gelehrter, auf die Vermittlung der Errungenschaften aus dem östlichen Kalifat angewiesen und brachte es erst im 10. Jahrhundert zu selbständigen Leistungen einheimischer Forscher.
Abdarrahman III., welcher den spanischen Kalifat auf den Gipfel der Macht erhob (glückliche Kriege, Gesandtschaften des byzantinischen Kaisers Romanos, Mitregenten des Konstantinos Porphyrogennetos[21] und des deutschen Kaisers Otto I.), förderte während seiner langen Regierung den Wohlstand des Reiches außerordentlich, zog noch weit mehr als seine Vorgänger Gelehrte, Aerzte, Dichter und Künstler an sein glänzendes Hoflager; schon zu seiner Zeit hielten Gelehrte, nach Fachwissenschaften gesondert, Versammlungen ab. Hakam II., durch eigenst zu diesem Zwecke aus Bagdad berufene Gelehrte erzogen, suchte seinen Ruhm hauptsächlich in der Förderung von künstlerisch-wissenschaftlichen Bestrebungen und widmete sich selbst mit seltenem Eifer den Studien. Er zog Gelehrte aus dem Orient durch große Belohnungen heran, nahm persönlichen Anteil an wissenschaftlichen Streitfragen, versah die zahlreichen Schriften, die er las, mit gelehrten Anmerkungen, ließ für riesige Summen überall Bücher ankaufen, bereicherte die Bibliothek in Cordoba angeblich auf mehrere Hunderttausende von Büchern und soll eine Art von Akademie (deren Mitglieder mit Spezialforschungen über Geschichte, Literaturgeschichte und Naturwissenschaft beauftragt wurden), sowie eine Menge von Volksschulen (in der Hauptstadt allein 27) errichtet haben. Nie wurde die Wissenschaft höher geschätzt!
Auch nach dem Untergang der Omajjaden, in der kalifenlosen Zeit, blühte die Kultur und fand an den Höfen der Teilfürsten reiche Pflege, lähmend wirkte nur die fanatische Orthodoxie der Almoraviden und Almohaden. Im 12. Jahrhundert soll das maurische Spanien 70 öffentliche Bibliotheken und 17 höhere Lehranstalten besessen haben, und nicht nur aus Cordoba, sondern auch aus Almeira, Murcia, Malaga, Granada, Valencia gingen viele Schriftsteller hervor.
Eine sehr wichtige Rolle im Geistesleben der damaligen Zeit spielten — analog den Syrern und Persern im Orient — die spanischen Juden, welche bis zur maurischen Eroberung unter dem Drucke der Westgoten geschmachtet hatten und sich später durch Einwanderung sehr vermehrten. Unter der arabischen Herrschaft genossen sie wahre Toleranz und durften ihre Fähigkeiten frei entfalten; manche von ihnen gelangten sogar zu hohen Staatsämtern (Veziere, Gesandte). Vermöge ihrer linguistischen Kenntnisse eigneten sie sich vorzüglich zu Vermittlungsdiensten in der Wissenschaft (Uebersetzern)[22] und dank ihrer ererbten alten Kultur zeichneten sie sich in hervorragendster Weise als Forscher auf verschiedenen Wissensgebieten, als Aerzte, Philosophen und Dichter (Ibn Gabirol, Jehuda Ha-Levi, Maimonides) aus. — In schroffem Gegensatz zu den bedeutenden Einflüssen, welche im Orient von den Nestorianern und Syrern ausgingen, erlangten die spanischen Christen nur geringe Bedeutung für die arabische Wissenschaft, weil der Klerus geistig tiefer als im Osten stand.
Geringere Pflege fand die Wissenschaft in Aegypten, dem jüngsten Kalifate. Immerhin ist es bemerkenswert, daß der Fatimide Hakim Biamrillah im Jahre 1005 zu Kairo das sogen. „Haus der Weisheit” errichtete, d. h. eine Art von Akademie und Hochschule, die mit einer 18 Säle füllenden Bibliothek verbunden war. Hier hielten reich besoldete Gelehrte (Theologen, Rechtskundige, Philosophen, Philologen, Mathematiker, Astronomen[23], Aerzte) für Studienbeflissene aller Bekenntnisse Vorträge ab.
Das „Haus der Weisheit” zu Kairo scheint nur etwa ein halbes Jahrhundert bestanden zu haben.
Was die Unterrichtsverhältnisse anlangt, so übertraf die islamische Epoche gerade darin alle vorhergegangenen. Ganz besondere Aufmerksamkeit wurde schon früh dem Volksunterrichte gewidmet — durch Errichtung von zahlreichen Elementarschulen im ganzen Reiche. Der Besuch begann mit dem 6. Lebensjahre (für unbemittelte Kinder unentgeltlich); die Kenntnis des Lesens und Schreibens — im Anschluß an den Koran gelehrt — war allgemein verbreitet. So wie die Volksschulen gewöhnlich mit den Moscheen in Verbindung standen, so wurde ursprünglich auch in den Nischen, Gängen oder in eigenen Sälen derselben der höhere Unterricht erteilt, indem Gelehrte vor einem Kreise von Wißbegierigen der verschiedensten Altersklassen freie Vorträge oder Vorlesungen aus Heften über die verschiedensten Wissensgebiete hielten; die Lehrer lebten gewöhnlich von einem Nebenberuf (als Koranleser, Prediger, Richter, Aerzte, Kaufleute, Handwerker u. s. w.). Erst zur Zeit des beginnenden Verfalls der arabischen Kultur wurden durch Stiftungen oder Vermächtnisse eigene, dem höheren Unterrichte (vornehmlich der Theologie, Rechtspflege, Philosophie, Grammatik) dienende Anstalten, die „Medresen” (zumeist an den Moscheen), errichtet, welche große Bibliotheken, Lesesäle und Wohnräume für die Lehrer sowie einen Teil der Schüler besaßen; sehr berühmte Schulen dieser Art befanden sich in Bagdad, Damaskus, Nisabur, Basra, Bochara, Samarkand, Kairo, Fez und in Spanien (in der Blütezeit gab es dort 17). Belebt wurde der Unterricht dadurch, daß es den Zuhörern gestattet war, Fragen an den Lehrer zu richten resp. durch Disputatorien, welche sich dem Vortrag anschlossen; doch scheinen gerade die Medresen, im Geiste des wissenschaftlichen Dogmatismus und der religiösen Orthodoxie, vieles zur Stagnation des geistigen Lebens beigetragen zu haben — was die Gelehrten Transoxaniens voraussahen, denn bei Errichtung der ersten dieser Anstalten (in Bagdad) veranstalteten sie zu Ehren der Wissenschaft eine Trauerfeier. Die Studierenden ließen sich oft von ihren Lehrern Zeugnisse über den Besuch ihrer Vorlesungen ausstellen und schriftlich Lizenzen für eigene Lehrtätigkeit erteilen. Neben dem öffentlichen Unterricht verlor die private Unterweisung nie an Bedeutung, ja gerade letztere führte gewöhnlich zur höchsten Stufe des Wissens und der praktischen Beherrschung derselben.
Die Blüte der arabischen Kultur, welche an Lebhaftigkeit und Vielseitigkeit diejenige des kaiserlichen Rom (im 2. Jahrhundert), an Umfang alle früheren übertraf, erhielt sich bis ins 11. Jahrhundert. Späterhin wirkten die desolaten politischen Verhältnisse und der wirtschaftliche Niedergang zersetzend[24]. Nicht wenig trugen dazu auch die religiösen Parteiungen bei und namentlich die schließlich triumphierende Orthodoxie[25]. Das 13. Jahrhundert entschied den Verfall: im Westen besiegelte der Fall Cordobas (1236) das weitere Schicksal, im Osten setzte der Mongolensturm der Abbassidenherrschaft in Bagdad ein Ende (1258) und brachte die Kultur zu einer Versandung, aus der es kein Auferstehen gab. Doch noch jahrhundertelang nach der Blütezeit[26] wurde Bedeutendes namentlich im maurischen Spanien, Manches auch in Aegypten, wohin die Mongolen nicht vorgedrungen waren, geleistet, ja selbst unter dem Zepter der Seldschuken und Mameluken erlosch das geistige Streben nicht gänzlich[27], und unverweht haben sich bis heute die zahlreichen Spuren erhalten, welche die arabische Epoche dem Werdegang der Menschheit aufdrückte[28].
Die Arbeitssumme der arabischen Epoche ist eine enorme. Kein Hauptgebiet der Kultur ging dabei leer aus. Nach einem überraschend kurzen Vorstadium, in welchem alles verwertet und assimiliert wurde, was Natur und Geisteswelt entgegenbrachten, gelangten Künste[29] und Wissenschaften, Technik und Gewerbe zu einer herrlichen Entwicklung, von deren Intensität und Ausdehnung wir uns ohne Zuhilfenahme der Phantasie kaum ein volles Bild machen können. Es gab nach langer Unterbrechung wieder ein Fortschreiten nach verschiedenen Richtungen, ein äußerst reges wirtschaftliches, künstlerisches, wissenschaftliches Leben, und trotz aller Anknüpfung an die Vorbilder der großen fremden Vergangenheit machte sich in den Schöpfungen der Pulsschlag der Zeit, die Eigenart der Oertlichkeit, das Denken und Empfinden der Volksseele geltend.
Die Erhaltung der alten und die Anlage vieler neuer Städte gab den geeigneten Boden für die Pflege der Künste des Friedens, der bewundernswerte Aufschwung der Kultur war in hohem Maße durch das Verschwinden der aristokratischen Kriegerkaste begünstigt; das Fehlen eines eigentlichen Klerus bewahrte die Bildung davor, das Vorrecht eines Standes zu werden, und im befruchtenden Wechselverkehr der Völker, im Wettstreit der zahlreichen Kulturzentren konnte der Konventionalismus niemals so sehr erstarken, um jegliche Individualität zu ertöten. Eine reiche Literatur[30], welche sich vielverzweigt auf jedes Fach erstreckte, ein verhältnismäßig hochentwickeltes Unterrichtswesen sicherte die Kontinuität der Forschung, die Verbreitung des Wissens; das Zusammentreffen fördernder äußerer Umstände begünstigte den wissenschaftlichen Betrieb, ermöglichte die Ausführung kühngefaßter Projekte, die Verbesserung der Methodik.
Unter den Wissenschaften blühten — abgesehen von Theologie, Jurisprudenz, Philologie und Geschichte[31] — namentlich die mathematischen und empirischen Zweige, vornehmlich auf sie richtete sich schon die Tätigkeit der Uebersetzer und nachher der Fleiß der selbständigen Forscher. Es war nicht bloß der reine Erkenntnistrieb, sondern auch das Utilitätsprinzip, das den Ausschlag gab, ähnlich wie sich in der Geistesart der Wüstensöhne mit dem Eroberungsdrang kluger kaufmännischer Sinn mischte.
Namentlich in der Mathematik, Astronomie und Geographie, in der Mechanik und Optik, in der Chemie, Botanik und Mineralogie haben die Araber Bedeutendes geleistet und die Vorgänger durch neue wertvolle Forschungsergebnisse überholt. Hier folgten sie den Spuren der Alexandriner, nicht sklavisch, sondern selbständig. Reichliche Beobachtungen und Experimente führten zu einer überraschend großen Bereicherung des überkommenen Wissensmaterials, scharfsinnige Analyse und Klassifikation sicherten die Herrschaft über die Fülle der mit erstaunlichem Sammeleifer aufgestapelten Tatsachen. Und wie sehr man für die Praxis aus der Theorie Nutzen zu ziehen verstand, davon zeugt besonders die hochentwickelte Technik.
Was die Mathematik anlangt, so wäre hervorzuheben, daß die Araber das indische Ziffernsystem einführten, die arithmetischen Grundoperationen verbesserten, die Algebra und die Trigonometrie erweiterten (Auflösung von Gleichungen höheren Grades mit Hilfe der Kegelschnitteigenschaften; Sinusrechnung, Tangente, Sekante). Allgemein bekannt sind die großen Verdienste um die Astronomie, die wissenschaftliche Terminologie erinnert noch heute daran. Die Araber vervollkommneten die Beobachtungsinstrumente (Astrolabien), berechneten genauer die Bahn der Sonne, des Mondes, der Planeten, die Schiefe der Ekliptik, die Jahreslänge etc., verfertigten musterhafte astronomische Tafeln, Himmelsgloben u. a. Die arabischen Geographen (Forschungsreisen) erweiterten in sehr bedeutendem Maße die Länderkenntnis (Innerasien, Afrika) und gaben ihrem Wissenszweige durch die Verbindung mit Mathematik und Astronomie größere Exaktheit[32]. Die Mechanik der festen und flüssigen Körper (Lehre vom Schwerpunkt, vom Schwimmen u. s. w.) wurde sehr sorgfältig bearbeitet; die arabischen Naturforscher verwendeten äußerst empfindliche Wagen, bedienten sich des Pendels zur Zeitmessung, ersannen neue Methoden zur Bestimmung des spezifischen Gewichts (Pyknometer)[33]. Man verfertigte Bewegungsmaschinen, automatische Apparate, Wasseruhren, Wasserräder, Springbrunnen etc. Auf mathematischen, respektive physikalischen Kenntnissen beruhend, erreichte die Baukunst, Feldmessung, Zimmermannskunst, der Schiffbau, die Pneumatik, die Geschützkunst[34] eine hohe Stufe. Was die Optik anlangt, so führten die Araber (durch Verwertung geometrischer Prinzipien und auf dem Wege des Experiments) die Lehre von der Reflexion (an sphärischen, zylindrischen, konischen Konkav- und Konvexspiegeln) und von der Brechung der Lichtstrahlen bedeutend weiter und benutzten die gefundenen Gesetze auch zur Beantwortung astronomischer Fragen (Dämmerung, Höhe der Atmosphäre u. a.)[35]. Ganz besonders glänzend war der Aufschwung, welchen die Chemie — freilich unter alchemistischen Gesichtspunkten — nahm, teils durch die Verbesserung und Bereicherung der Methoden, teils durch die Darstellung neuer Stoffe[36]. Die Botanik erfuhr in ihrem speziellen Teile einen enormen Zuwachs (Ibn Beitar), nebstdem wurde aber auch die Physiologie der Pflanzen (z. B. geschlechtliche Verschiedenheit, Saftbewegung), sowie die Geographie derselben zu bearbeiten begonnen. Durch Heranziehung der Methoden zur Bestimmung des spezifischen Gewichts gewann die Mineralogie (namentlich Kenntnis der Edelsteine) an Exaktheit (al-Biruni). Die Zoologie (Damiri) schritt über den Standpunkt des Aristoteles kaum hinaus.
Durch neuere Forschungen ist es sicher gestellt, daß die Araber aus dem Osten (von den Chinesen) den Kompaß und die Papierbereitung entlehnten, wahrscheinlich verwendeten sie auch schießpulverähnliche Mischungen.
Verschiedener Ansicht kann man darüber sein, welche Bahnen eine solche Kultur wohl schließlich eingeschlagen hätte, wenn ihrer Fortentwicklung durch den politischen Verfall und die Orthodoxie[37] kein vorzeitiges Ende gesetzt worden wäre. Das tatsächlich Erreichte läßt aber, trotzdem so viele Leistungen ihren mittelalterlichen Ursprung fast vergessen machen, doch nur den Gesamteindruck aufkommen, daß der immensen Arbeit zwar eine sehr beträchtliche Mehrung des Erfahrungsmaterials, aber keine neue grundlegende allgemeine Erkenntnis als Ertrag entsprach, daß die Araber im Banne der späthellenischen Forschungsmethodik verharrten und niemals die Denkstufe ihrer Vorgänger wesentlich überschritten. Es handelte sich nicht um eine Wiedererweckung des echten, freien Griechengeistes, sondern bloß um eine kongeniale Fortführung des, durch den Neuplatonismus angekränkelten, Alexandrinertums.
Mit der alexandrinischen teilt die islamische Blüteepoche Vorzüge und Mängel, letztere noch verstärkt durch die Einflüsse des Epigonentums und der orientalischen Geistesanlage. Daher einerseits der erstaunliche Sammeleifer und die erfolgreiche Bearbeitung der Philologie, der Mathematik und einzelner Zweige der exakten oder beschreibenden Naturwissenschaft, anderseits der Hang zur enzyklopädischen Vielschreiberei, die Befangenheit in aprioristischen und superstitiösen Vorurteilen und jener verhängnisvolle Begriffsfetischismus, welcher mit einem durch das Sprachstudium gezüchteten Pedantismus sehr oft die bloß logischen an Stelle der realen Zusammenhänge rückte, überhaupt in der Dressur des formalen Denkens das Wichtigste sah.
Gleich dem Koran galt die griechische Wissenschaft als etwas Feststehendes von zeitlosem Wert, das wohl der Erläuterung, der Erweiterung, keineswegs aber der grundsätzlichen kritischen Ueberprüfung bedürfe, und so fiel denn der Forschung hauptsächlich die Aufgabe zu, das ererbte und neu erworbene Erfahrungsmaterial in ein abgeleitetes Wissen umzuwandeln, die überkommenen Denkgewohnheiten als Denknotwendigkeiten zu formulieren, die überlieferten Systeme durch lückenlose Beweisführung zu stützen. Unbeschadet, daß einzelne sich ihre Selbständigkeit wahrten, daß auch innerhalb der enggezogenen Schranken sehr Bedeutendes geleistet wurde, ging doch eine gewaltige Geistesenergie im Dienste der Syllogismentechnik verloren, und mancher hoffnungsvolle Ansatz zu einer Neubegründung der Naturanschauung blieb ungenützt, weil scharfsinnige Scheinbeweise, verwegene Hilfsannahmen den Gegensatz zwischen den wissenschaftlichen Traditionen und den unbefangenen neuen Beobachtungen immer wieder verwischten[38].
Den Widerstreit zwischen Theorie und Wirklichkeit einzugestehen, dazu gebrach es an Mut, und der platte Rationalismus fand einen umso größeren Spielraum, weil jene produktive Phantasie fehlte, welche, hinwegsetzend über das Herkömmliche, auch in der Naturforschung zu dem wahrhaft Großen hinleitet. Wie die arabische Poesie kein Drama hervorbrachte, wie die arabische Kunst am Dekorativen haften blieb, so schwang sich auch die arabische Wissenschaft, trotz aller vorbereitenden Kleinarbeit, zu neuen umwälzenden Erkenntnissen nicht auf, sie stellt einen geistigen Verdauungsprozeß dar — keinen Zeugungsprozeß.
Den besten Beweis dafür, daß der Autoritätsglaube die freie Gestaltung fesselte und daß zwischen dem Scharfsinn und dem Tiefsinn zu Ungunsten des letzteren ein Mißverhältnis bestand, bietet die arabische Philosophie, welche zwar Jahrhunderte zuvor dieselben Probleme behandelte, die später das Abendland beschäftigten[39], aber niemals zur Selbständigkeit heranreifte. Auch die Größten im Reiche des abstrakten Denkens — im Osten Avicenna, im Westen Averroës — durchwanderten nur ein Land, das andere vor ihnen entdeckt hatten.
Die arabische Philosophie geht von den aristotelisch-neuplatonischen Vorstellungen der späteren Alexandriner aus und nähert sich zusehends einer mehr nüchternen Spekulation im Sinne der Peripatetik. Im Osten wird dieser Weg durch die Systeme des al-Kindi, al-Farabi und des Avicenna bezeichnet; nach diesem verflüchtigt sich die Philosophie in Mystik — Ghazzali — oder verdorrt in formaler Logik. Die Philosophie des Westens zeigt schon im Beginn ein rationalistisches Gepräge — Avempace, ibn Tofaïl (Abubacer)[40] — um im Intellektualismus des Averroës[41] zu enden. Sehr bedeutenden, ja weit tieferen Einfluß als auf die muhammedanische Welt übten diese philosophischen Strömungen zunächst auf das Judentum (ibn Gabirol, Maimonides u. a.), wo geradezu eine Verquickung der Religionslehre mit aristotelischen Philosophemen stattfand.
Mehr als die großen Aristoteliker wirkte auf die breite Masse die Popularphilosophie der „lauteren Brüder” (eines im 10. Jahrhundert in Basra entstandenen Geheimbundes), welche im Widerstreit der Orthodoxen, der Rationalisten (Mutaziliten) und Mystiker (Sufis) eine Versöhnung von Glauben und Wissenschaft herbeizuführen trachteten, wobei sie von allegorischen Erklärungen reichlichst Gebrauch machten. Die Philosophie der lauteren Brüder ist in einer, alle Wissenszweige umfassenden, nach Stoffen geordneten Enzyklopädie niedergelegt, die (in vier Hauptteilen) aus 51 Abhandlungen besteht. Aristoteles bildet die Grundlage in formaler Hinsicht, während zur eigentlichen Lösung der spekulativen Fragen der Neupythagoräismus (Zahlenlehre) und Neuplatonismus (Weltseele) dienten[42].
In der Gesamtentwicklung der Wissenschaft bildete es anscheinend die Hauptaufgabe der Araber, die antiken Lehrsysteme durch konsequente logische Durchführung, durch Heranziehung eines reichen, angeblich beweiskräftigen, Erfahrungsmaterials bis in alle Feinheiten fortzubilden, ihre heuristische Leistungsfähigkeit bis zur Neige zu erschöpfen.
Die Unzulänglichkeit der Grundlagen, der Widerspruch zwischen Theorie und Wirklichkeit mußte sich gerade bei diesem Verfahren allmählich ergeben — für eine wahrhaft unbefangene, von Autoritätsglauben freie Betrachtungsweise. Zu einer solchen vermochte sich aber das muslimische Zeitalter nicht aufzuschwingen, es verbrauchte allzuviel von seiner Kraft für rettende Hilfsannahmen, advokatorische Scheinbeweise, versöhnende Kompromißversuche. Erst weit späteren Epochen, denen die arabische durch ihre lehrreichen Irrtümer, durch ihren empirischen Wissensinhalt als Vorstufe diente, fiel die Sprengung der erstarrten Begriffshülle, die Begründung einer neuen Naturanschauung zu.
Ein Paradigma von konsequenter, streng einheitlicher theoretisch-praktischer Durchführung eines antiken Lehrsystems, nämlich des Galenismus, bietet die Medizin der Araber.
Dieser Eindruck dürfte sich wohl auch dann kaum abschwächen, wenn einmal genügende Grundlagen für eine wirkliche Geschichte der arabischen Medizin herbeigeschafft sein werden; eine solche zu geben, ist heute noch unmöglich, da bisher das literarische Material nur zum geringsten Teile verarbeitet worden ist.
Eine ungeheure Menge von medizinischen Handschriften (vgl. die Spezialwerke von Wüstenfeld und Leclerc) ruht noch unverwertet in den Bibliotheken; arabisch gedruckt liegen bloß 18 medizinische Werke vor; in neuere Sprachen ist noch sehr Weniges — hauptsächlich anatomische, pharmakologische, augenärztliche Schriften — übersetzt worden. Ueber die mittelalterlichen lateinischen Uebertragungen der Hauptautoren herrscht einhellig ein sehr ungünstiges Urteil, aus ihnen allein läßt sich gewiß kein zutreffendes Bild von der arabischen Medizin gewinnen, doch möge anderseits nicht vergessen werden, daß die arabische Heilkunde gerade durch diese „Perversiones” (wie man sie verächtlich bezeichnet) auf die abendländische eingewirkt hat!
Die Heilkunde spielte bei den Arabern eine eminent wichtige Rolle, und demgemäß zeigt ihr geschichtlicher Verlauf eine scharf ausgeprägte Abhängigkeit von all jenen Momenten, welche den Gang der arabischen Kultur im allgemeinen bestimmten. Sie hat eine außergewöhnlich reiche und vielseitige Literatur hinterlassen, deren beste Leistungen in der Zeit vom 10. bis zum 13. Jahrhundert zu stande gekommen sind.
Die hohe Wertschätzung, welche die Heilkunde bei den Arabern genoß, drückt sich in der Literatur unter anderem auch darin aus, daß medizinische Fragen nicht nur in ärztlichen, sondern auch in Schriften anderer Wissenszweige (z. B. in philosophischen, naturwissenschaftlichen und namentlich in Reisewerken) hie und da Erörterung finden[43].
Abgesehen von den weit zurückreichenden syrisch-alexandrinischen Einflüssen, welche vorbereitend wirkten (vgl. S. 145), ist die Nestorianerschule von Dschondisabur (vgl. S. 140) als eigentliche Wiege der arabischen Medizin anzusehen; denn von dort kamen jene Aerzte, welche ihrer Kunst am Abbassidenhofe das größte Ansehen erwarben, die so fruchtbare Uebersetzertätigkeit anregten (vgl. S. 147 ff.), und am meisten zur Verpflanzung der wissenschaftlichen Forschungs- und Lehrweise, des Medizinalwesens nach Bagdad beitrugen. Mit diesem Ursprung steht, wie gleich vorweg bemerkt sein möge, auch die Tatsache in einigem Zusammenhang, daß die Persoaraber dauernd eine dominierende Stellung in der arabischen Medizin eingenommen haben.
Die große Bedeutung der Schule von Dschondisabur, welche während der ersten Jahrhunderte des Islam dem ganzen Osten voranleuchtete, liegt nicht nur darin, daß sie den Kreuzungspunkt der gräko-syrischen und indischen Heilkunst und die Zentralstätte einer syro-persischen Uebersetzungsliteratur darstellte, sondern auch in dem Umstande, daß sie für eine praktische Ausbildung der Studierenden sorgte — in einem Krankenhaus, das auch mit einer gut eingerichteten Apotheke versehen war.
Der Ahnherr der berühmten Nestorianerfamilie Bachtischua, welche drei Jahrhunderte lang (von der Mitte des 8. bis zur Mitte des 11.) in der Geschichte der arabischen Aerzte glänzt, Dschordschis ben Dschabril ben Bachtischua (vgl. S. 148, 149), war, als er 765 an den Hof al-Mansurs berufen wurde, Direktor des Hospitals von Dschondisabur. Der Vater des Jahjah ben Masawaih (Mesuë) war Apothekergehilfe in Dschondisabur und studierte dabei Medizin, die er später mit Erfolg in Bagdad ausübte. Im Jahre 864 starb Sabur ben Sahl, Vorstand des Krankenhauses in Dschondisabur, der Verfasser eines Dispensatoriums (Grabaddin), das lange Zeit allgemein maßgebend blieb.
Dank der Anregung nestorianischer Leibärzte (der Bachtischua, des Mesuë) und namentlich infolge der bewunderungswürdigen Tatkraft des unermüdlichen Hunain (vgl. S. 149), um den sich eine erstaunlich große Zahl von eifrigen Uebersetzern scharte, wurden die Araber noch vor Ablauf des 9. Jahrhunderts mit der griechischen (und einigermaßen auch mit der indischen) Medizin vertraut gemacht, und zwar in einem Grade, daß der Uebergang zu einer paraphrastischen und immer mehr selbständiger werdenden Bearbeitungsweise des gegebenen Stoffes ungewöhnlich früh erfolgen konnte. Freilich darf hierbei nicht außer acht gelassen werden, daß diese Erstlingsfrüchte der arabischen Literatur zumeist von den christlichen Uebersetzern und am wenigsten von den Nationalarabern selbst herrührten.
Von der ziemlich ansehnlichen Literatur dieser Frühepoche haben sich einige Schriften in mittelalterlichen lateinischen Uebersetzungen erhalten, ein Beweis für die langanhaltende Nachwirkung. Es sind dies die Aphorismen des Mesuë[44] (d. Aelteren), ein einleitender Kommentar des Hunain, Johannitius, zu Galens ars parva — Isagoge[45] die Abhandlung des al-Kindi, Alkindus, de medicinarum compositarum gradibus und ein aus dem Syrischen übertragenes Sammelwerk über die spezielle Pathologie und Therapie, der Aggregator des (älteren) Serapion.
So spärlich das Material ist, im Verein mit Zitaten späterer Autoren, gewährt es doch genügenden Einblick in das Wesen, in die Bestrebungen und Leistungen der erwachenden arabischen Medizin. Syro-Perser und Araber, die einen als Erben alter Traditionen und Forschungsmethoden, die anderen als gelehrige Schüler, betrachteten die ärztlichen Meisterwerke der Griechen, insbesondere aber Galen[46], als untrügliches Orakel und richteten ihr eifriges Bemühen nur darauf, das in den Grundlagen und im Aufbau scheinbar vollkommene Lehrgebäude einerseits durch neue praktische (namentlich therapeutische) Erfahrungen auszuschmücken, anderseits durch logische Methoden und mathematisch-naturwissenschaftliche Entlehnungen zu stützen.
In der philosophischen Atmosphäre des Abbassidenhofes galt es als ein dringendes Erfordernis, alle Wissenszweige und daher auch die Medizin rationalistisch zu begründen, vom Standpunkte der aristotelischen Logik zu bearbeiten. Wie über die Grundlagen der Glaubens- und Pflichtenlehre, so wurde auch, anknüpfend an Galen, in gelehrten Sitzungen darüber disputiert, ob die Medizin auf Ueberlieferung, Erfahrung oder Vernunfterkenntnis beruhe, ob sie aus mathematisch-naturwissenschaftlichen Prinzipien logisch deduziert werden könne. Der Arzt sollte die „Naturen” der Nahrungs-, Genuß- und Heilmittel, die Mischungen des Körpers, die Einwirkungen der Gestirne kennen, er sollte beim Alchemisten in die Schule gehen, nach logisch-mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundsätzen seine Kunst ausüben.
Neben tatsächlichen empirischen Fortschritten — auf dem Gebiete der Arzneimittellehre und Diätetik — macht sich daher schon von Anbeginn eine äußerst spitzfindige dialektische Bearbeitungsweise des gegebenen Stoffes in aristotelischer Manier, eine Sucht nach Distinktionen und Klassifikationen, aber auch eine Art von exaktem Streben bemerkbar, welches sich freilich nur in Subtilitäten der Puls- und Harndiagnostik, in präzisen Aderlaßvorschriften[47], in Zahlenspielereien und astrologischen Deuteleien äußern konnte.
Die Isagoge des Hunain (Johannitius), welche während des ganzen Mittelalters als einführendes medizinisches Lehrbuch diente, gewährt eine knappe, mit logischer Konsequenz aufgebaute Uebersicht des galenischen Systems, ausgehend von den sieben res naturales [Elemente, Temperamente (Krasen, Komplexionen), Säfte, Glieder, Kräfte, Funktionen, Pneuma], den sechs res nonnaturales [Atmosphäre, Bewegung und Ruhe, Speise und Trank, Schlafen und Wachen, Verdauungsverhältnisse (Excreta et retenta), Affekte] und den drei res praeternaturales [Krankheit, Gelegenheitsursachen, Symptome]. Die Schrift bildet in gewisser Hinsicht ein Analogon zur Isagoge des Porphyrios, dessen fünf logischen Fundamentalbestimmungen (vgl. S. 161) für die medizinische Logik maßgebend wurden.
Eine Frucht der Distinktionssucht war die überaus komplizierte Lehre von den organischen Kräften (vgl. S. 162), welche sich schon in der Isagoge des Johannitius ausgebildet vorfindet. Diese Lehre beruhte übrigens auf der scharfsinnigen Analyse der physiologischen Funktionen und fand auch auf die Pathologie Anwendung, so wurden z. B. Atrophie oder Hypertrophie, gewisse Hautaffektionen auf Störungen in der Funktion der ernährenden Kraft u. s. w. zurückgeführt.
Ein klassisches Beispiel für die voreilige Anwendung der Mathematik auf die medizinische Theorie bietet die Abhandlung des „arabischen Philosophen” al-Kindi, welcher die galenische Lehre von den Qualitäten und Graden auch auf die zusammengesetzten Arzneimittel übertrug und mittels des Gesetzes der geometrischen Progression eine exakte Rezeptverschreibung begründet zu haben glaubte. Grad ist eine Steigerung der ersten Qualität über das Gleichgewicht (die gleiche Mischung, temperamentum) hinaus um eine volle Distanz. Es können auch Bruchteile von Graden angenommen werden. Im temperierten Medikament haben wir 1 Teil Wärme und 1 Teil Kälte; im 1. Grade 2 Teile der überwiegenden und 1 Teil der gebundenen Qualität; im 2. Grade 4 Teile, im 3. Grade 8 Teile, im 4. Grade 16 Teile der überwiegenden Qualität. Die Grade der Arzneimittel bewegen sich also in geometrischer Progression. Das Maß des ersten Grades ist das Doppelte, das Maß des zweiten Grades das Vierfache der gleichmäßigen Mischung, das Maß des dritten Grades ist das Achtfache und das Maß des vierten Grades das Sechzehnfache der gleichmäßigen Mischung oder das Achtfache des ersten Grades u. s. w. Dasselbe gilt auch von den zusammengesetzten Mitteln. Macht die Quantität der kalten Mittel die Hälfte der warmen aus, so muß das daraus zusammengesetzte Mittel warm im 1. Grade sein; macht die Quantität der kalten Mittel den vierten Teil der warmen aus, so ist die zusammengesetzte Arznei im 2. Grade warm; beträgt die Quantität der kalten Mittel nur den achten Teil der warmen, so ist die Zusammensetzung im 3. Grade warm. Folgendes Beispiel stellt eine Mischung dar, welche im 1. Grade trocken (die Summe der trockenen Teile ist doppelt so groß wie die der feuchten), hingegen in Rücksicht auf Kälte und Wärme völlig gleichmäßig ist.
Arznei Gewicht Warm Kalt Feucht Trocken
Cardamom ʒj 1° ½° ½° 1°
Zucker ʒij 2° 1° 1° 2°
Indigo ʒj ½° 1° ½° 1°
Emblica ʒij 1° 2° 1° 2°
ʒvj 4½° 4½° 3° 6°
al-Kindi ahnte bei dieser mathematischen Spielerei die Proportionalität der Sinnesempfindung voraus und erregte durch dieselbe nicht nur die Bewunderung der Zeitgenossen, sondern beeinflußte auch die meisten späteren Autoren bis in die Renaissancezeit. — Es sei hier bemerkt, daß al-Kindi, der die Mathematik (worunter besonders neupythagoräische Zahlenspielereien zu verstehen sind) als Grundlage der Philosophie bezeichnete, selbstverständlich ein Vorkämpfer der Astrologie war, hingegen erklärte er die Alchemie für Schwindel, weil es dem Menschen unmöglich sei, dasjenige hervorzubringen, was nur die Natur allein vermöge.
Die theoretisierende Richtung mit ihren vorgefaßten Anschauungen ließ nur schwer eine wahrhaft unbefangene, nüchterne Beobachtungsweise aufkommen. Durch die emsigen Uebersetzer war zwar das Wissen und die Lehrmeinung der griechischen Aerzte sehr rasch in das arabische Gewand gekleidet worden, aber der Geist, welcher das Größte in der antiken Medizin geschaffen hatte, blieb zumeist unerschlossen; in der Schule alexandrinisch-syrischer Interpretationskunst gedieh wohl Gelehrsamkeit, kaum aber das Verständnis für den unschätzbaren Wert selbständiger sinnlicher Erfahrung, und den freien Ausblick auf die echt hellenische Heilkunst in ihrer edelsten Form, den Hippokratismus, hemmte der, neben Aristoteles vergötterte Galen. Nur ganz Wenige wußten durch das Gestrüpp der Kommentare den Weg zum Meister von Kos zu finden, keiner aber in dem Maße, wie jener Arzt, mit dem die Epoche der mündig gewordenen arabischen Medizin überhaupt anhebt — Rhazes.
Rhazes wurde um 850 in Raj (einer Stadt in Chorasan, daher der Beiname ar-Razi) geboren, betrieb daselbst philologische, mathematische, philosophische Studien und widmete sich zunächst mit großem Erfolge der Musik (Gesang und Zitherspiel). Erst im 30. Jahre erwachte in ihm die Begeisterung für das Studium der Heilkunde. Er begab sich nach Bagdad, wo er namentlich unter der Leitung des Ali ben Sahl ibn Zein at-Tabari[48] eine ausgezeichnete medizinische Ausbildung erwarb. In der Folgezeit war er zuerst in Raj, sodann in Bagdad als Direktor des Krankenhauses, als Leibarzt und berühmter Lehrer tätig, machte weite Reisen zu Studienzwecken, stand mit den hervorragendsten Forschern in Verbindung und verfaßte mehr als 200 Schriften, welche sich nicht allein auf die Medizin, sondern auch auf Philosophie[49], Mathematik, Astronomie, Physik und namentlich Chemie bezogen. Wegen seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit, Erfahrung, diagnostischer Geschicklichkeit und therapeutischer Sicherheit, stand er bei den Fürsten und beim Volke, das den humanen Arzt liebte, in sehr hohem Ansehen. Dem Glanz der Mannesjahre folgte aber ein verdüstertes und verbittertes Greisenalter. Rhazes starb erblindet[50] und (infolge allzugroßer Freigebigkeit) verarmt 923 oder 932.
Rhazes war ein Mann von seltenen Kenntnissen, der das Wissen seines Zeitalters mit den Errungenschaften der Vergangenheit verknüpfte, ein rastloser Schriftsteller von ungeheurer Produktivität und Vielseitigkeit, ein gefeierter Lehrer — aber er besaß noch ein köstlicheres Gut als Gelehrsamkeit, die Fähigkeit, im Buche der Natur selbst lesen zu können, er verfügte über den klinischen Blick, der am Krankenbett immer noch Neues erspäht, der den Einzelfall nach seiner Individualität zu erfassen und zu behandeln ermöglicht. Und hierdurch — nicht wegen seiner Bücherweisheit, worin ihn manche Nachfahren erreichten oder übertrafen — als Kliniker, erhebt er sich über die übrigen arabischen, vielleicht sogar über alle mittelalterlichen Aerzte, freilich ohne, daß es ihm gelingt, den galenischen Dunstkreis jemals ganz zu verlassen.
In der Krankheitstheorie war Rhazes Galenist[51], in der Praxis ließ er sich aber mehr von den Grundsätzen des Hippokratismus leiten, indem er eine, auf die Beobachtung des Krankheitsverlaufs gestützte individualisierende Behandlung anstrebte und auf hygienisch-diätetische Maßnahmen neben einfachen Arzneien besonderes Gewicht legte. „Im Anfang der Krankheit,” sagte er, „wähle Mittel, durch welche die Kräfte nicht vermindert werden.” „Wo du durch Nahrungsmittel heilen kannst, da verordne keine Arzneien, und wo einfache Mittel hinreichen, da nimm keine zusammengesetzten.”
Er berücksichtigte den Einfluß des Klimas, der Jahreszeit, der Witterung, achtete darauf, daß in den Krankenzimmern gesunde Luft und angemessene Temperatur herrsche und erkannte den Wert rationeller Gesundheitspflege in vollstem Maße (zweckmäßige Anlage und Einrichtung der Wohnhäuser, Beseitigung schlechter Gerüche durch Räucherungen, Sorge für gutes Trinkwasser, Waschungen, Bäder, Diät).
Charakteristisch für Rhazes ist es auch, daß er die Krankheitsbeschreibung höher bewertete als die theoretische Spekulation; in seinen Werken finden sich darum zahlreiche Krankengeschichten, welche seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe bezeugen[52].
Große Sorgfalt verwendete er auf die Diagnostik und Prognostik, ohne dabei aber, wie die meisten seiner Zeitgenossen, die Harnschau zu überschätzen, insbesondere bekämpfte er energisch die scharlatanmäßige Ausartung derselben[53].
Den Weg selbständiger Erfahrung betrat Rhazes nicht nur auf dem Gebiete der Krankheitsbeschreibung, sondern auch in der Therapie, indem er Versuche mit chemischen Präparaten[54] anstellte.
Das medizinische Schrifttum des Rhazes besteht aus größeren Werken, kurzen Abhandlungen, Monographien etc. in sehr verschiedener Ausführung. Leider ist seine Autobiographie verloren gegangen.
In die Werkstätte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gewährt insbesondere das wahrhaft gigantische Hauptwerk al-Hawi ═ Continens (Behältnis der Medizin) Einblick, welches die Frucht eines langen, von unermüdlicher Arbeit erfüllten Lebens darstellt. Er enthält eine überraschende Fülle von (meist wörtlichen) Auszügen aus der griechisch-arabischen (von Hippokrates bis Hunain) und indischen Literatur sowie eine Menge von Aufzeichnungen aus der eigenen Praxis, welche das Gesamtgebiet der Medizin betreffen. Leider hat der Verfasser die letzte Hand an das Werk nicht gelegt, es wurde erst nach seinem Tode veröffentlicht, und die mangelhafte Anordnung des Stoffes, die ungleichmäßige Ausarbeitung der einzelnen Kapitel spricht dafür, daß es sich um eine riesige Sammlung von Exzerpten und eigenen Notizen handelt, die möglicherweise einmal einer planmäßig ausgeführten medizinischen Enzyklopädie zur Grundlage hätten dienen sollen.
Die erwähnten äußeren Mängel, insbesondere aber der kolossale Umfang des Hawi, der abschreckend auf den Leser wirken mußte, bewirkten es, daß ein zweites Werk des Rhazes, der Kitab al tib Almansuri ═ Liber medicinalis ad Almansorem, eine (dem Statthalter von Chorasan al-Mansur ibn Ischak gewidmete) kompendiöse Gesamtdarstellung der Medizin, in der Folgezeit mehr praktische Bedeutung gewann. Diese Schrift zeichnet sich durch Uebersichtlichkeit, gute Schreibart und reichen (allerdings vorwiegend kompilatorischen) Inhalt aus.
Der aus 10 Büchern bestehende Liber medicinalis ad Almansorem stützt sich hauptsächlich auf Hippokrates, Galen, Oreibasios, Aëtios und Paulos. Außerdem verfaßte Rhazes noch zwei andere Kompendien, den liber divisionum und den liber pretiosus (Fakhir).
Dauernden Nachruhm verdankt Rhazes aber namentlich seiner Schrift über die Blattern und Masern ═ de variolis et morbillis (früher de pestilentia genannt), welche allgemein und mit Recht als eine Zierde der medizinischen Literatur der Araber betrachtet wird; sie ist äußerst wertvoll in historisch-epidemiologischer Beziehung als älteste Monographie über Variola — und zeigt uns Rhazes so ganz als gewissenhaften, von dogmatischen Vorurteilen fast freien Praktiker, im Sinne des Hippokratismus.
Die ältesten arabischen und abendländischen Nachrichten vom Vorkommen der Blattern beziehen sich auf das 6. Jahrhundert[55]. Die früheste ärztliche Erwähnung findet sich in den Bruchstücken, welche von den Pandekten des Ahron (vgl. S. 128) bei Rhazes erhalten sind. Ahron beschrieb die Blattern als eine Weltseuche, die infolge miasmatischer Einflüsse entstehe und besonders jene Leute befalle, welche die Venäsektion lange verabsäumt haben.
Rhazes zitiert in seiner Monographie einige arabische Vorgänger und meint, daß die Krankheit dem Galen bereits bekannt gewesen sei. Von den Pocken (Dschedrij) trennt er die Masern (Hasbah) nicht scharf, sondern beschreibt sie nur als eine, klinisch aber nicht nosologisch getrennte, Unterart derselben[56]. Die Krankheitstheorie ist humoralpathologisch und gipfelt in der Annahme, daß die Krankheit einen (der Gärung des Weins vergleichbaren) notwendigen Reinigungsvorgang des Blutes darstelle, welches im Fötalleben durch das (während der Schwangerschaft nicht ausgeschiedene) mütterliche Menstrualblut verunreinigt worden sei.
Sorgfältig schildert Rhazes die Initialsymptome und den klinischen Verlauf der Blattern (bezw. der Masern) — seit langem wieder einmal in der Literatur eine frische, wahrhaft naturgetreue Krankheitsbeschreibung —, und die therapeutischen Maßnahmen sind durchwegs aus der Krankheitsbeobachtung abgeleitet. Hierbei werden, je nach dem Falle und dem Krankheitsstadium, zwei verschiedene Wege eingeschlagen: der eine besteht in der beabsichtigten Kupierung und Entgiftung durch Refrigerantia und Exstinguentia (Genuß kalten Wassers, verschiedene Acetosa, kampferhaltige Mischungen, kalte Abwaschungen, Begießungen, Bäder, Aderlaß, Abführmittel), der andere in der Beförderung des Exanthemausbruches (Anwendung äußerer Wärme, namentlich warmer Wasserdämpfe, Vermeidung der Exstinguentia und jeder anderen Arznei). Die Indikation für das eine oder andere Verfahren gibt die Höhe des Fiebers, die Beschaffenheit des Exanthems, das Verhalten des Pulses, der Atmung, der Entleerungen u. s. w. Um den Komplikationen und Folgezuständen in Betreff des Auges, Ohres, der Nase, des Schlundes entgegenzuwirken, um Verschwärungen und tiefere Narbenbildungen zu verhindern, werden ausführliche Vorschriften gegeben (Adstringentia, Eröffnung großer Blattern, fettmachende Mittel, Bäder etc.). Sehr genau ist auch die Prognose angegeben; als besonders ungünstig gelten fettfarbige, konfluierende, grüne und violette, harte, warzenähnliche Blattern.
Rhazes bildet eine herrliche Einleitung zur arabischen Medizin, er hat viele Schüler herangezogen, denen er bezeichnenderweise als ein zweiter Galen erschien, seine Werke blieben dauernd eine reiche und vielbenützte Quelle für die ärztliche Forschung, aber er fand nur wenige wahre Jünger und Nachfolger, soweit dasjenige in Betracht kommt, was seine Größe eigentlich ausmacht, — die nüchterne klinische Richtung.
Zu diesen wahren Nachfolgern gehört wohl der, in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts lebende Abul Hasan Ahmed ben Muhammed at-Tabari, dessen handschriftlich erhaltenes „Buch der hippokratischen Beobachtungen” Zeugnis von seiner klinischen Meisterschaft gibt.
Rhazes, der wirklich durch innere Vokation Arzt geworden war, die vorausgegangene griechische und arabische Literatur, wie selten jemand, beherrschte und unermüdlich seine Kenntnisse am Krankenbette, durch Lektüre und Studienreisen, im Verkehr mit den Gelehrten und dem Volke bereicherte, hatte eine sehr hohe Auffassung vom ärztlichen Berufe und erkannte mit offenem Blick die Grenzen und zeitlichen Mängel der Kunst. Dies beweisen, abgesehen vom sachlichen Inhalt seiner Werke, manche seiner Aussprüche, die noch heute, richtig verstanden, beherzigenswert sind, z. B.: „Die Wahrheit in der Medizin ist ein Ziel, das nicht erreicht wird, und die Heilart, wie sie in den Büchern beschrieben wird, steht weit unter der praktischen Erfahrung eines geschickten denkenden Arztes.” — „Die Medizin ist eine zu erlernende Kunst, deren Ziel die Niedrigen im Volk erreichen; wie schwierig ist sie aber dem guten Arzte.” Die Anforderungen, die er an die ärztliche Ausbildung stellt, sind sehr bedeutende. Insbesondere verlangt er gründlichste Kenntnis dessen, was die Vorgänger geleistet haben, da der Umfang der Wissenschaft die Kräfte eines Einzelnen weitaus übersteigt. Fieri enim nequit (heißt es in der lat. Uebersetzung des Liber medicinalis ad Almansorem IV, 32), ut vir unus, quantamcunque is aetatem attigerit, rem ita diffusam atque amplam animo comprehendat, nisi antiquorum vestigiis institerit, cum scientiae hujus ambitus longe extra angustos humanae vitae limites excurrat, quod utique non in hac solum sed in aliis plerisque artibus verum est. Haud pauci sunt ii auctores, quorum laboribus increvit medicina; atque horum monumenta intra paucorum annorum breve curriculum frustra percipere speres. Est ut per mille annos mille scriptores professionem hanc auxerint. Is autem qui in eorum libris intelligendis diligenter operam posuerit, intra exiguos vitae terminos aeque animum suum cognitione rerum instruet ac si millenos ipse annos medicinae studio impendisset. Die literarische Kenntnis bildet aber im Sinne des Rhazes nur die Voraussetzung, und erst die eigene Erfahrung, welche den bloßen Folgerungen der „Logiker” vorzuziehen sei, macht den wahren Arzt aus.
Rhazes soll eine Reihe von kleinen Schriften verfaßt haben, welche die Apologetik der wahren Heilkunst und des ehrlichen Arztes zum Gegenstand hatten (z. B. „Warum einige leichte Krankheiten schwerer zu erkennen und zu heilen sind als schwerere”; „Ueber die Ursachen, weshalb der große Haufe den gescheiten Arzt tadelt”. „Ueber zweifelhafte Krankheiten und Verteidigung des Arztes”, „Daß auch der gescheite Arzt nicht alle Krankheiten heilen könne, daß jedoch dem Arzte Dank und Lob gebühre, wenn er dies auch nicht vermöge”, „Daß der Mangel an Erkenntnis in dem Wesen der Künste überhaupt liege, nicht gerade in der Medizin” und „Ueber die Ursache, weshalb unwissenden Aerzten und gemeinen Weibern die Heilung einiger Krankheiten öfter gelingt als den Gelehrten” u. s. w.). Möglicherweise handelt es sich hierbei nur um verschiedene Titel derselben Abhandlung. Die Charlatanerie des Zeitalters schildert Rhazes mit großer Anschaulichkeit (im 27. Kap. des VII. B. ad Almansorem), in einigen Schriften hält er auch mit Vorwürfen gegen manche Standesauswüchse nicht zurück, überall echter Humanität das Wort führend[57].
Ein grelles Streiflicht auf die ärztlichen Standesverhältnisse und auf die stets gleichbleibende Psychologie des Publikums wirft die Abhandlung „Ueber die Umstände, welche die Herzen der meisten Menschen von den achtbaren Aerzten abwenden”. Wir entnehmen daraus folgendes.
„Zu den Dingen, welche das Volk den verständigen Aerzten abwendig machen und den Betrügern in der medizinischen Praxis Vertrauen erwerben, gehört der Wahn, daß der Arzt alles wissen müsse, nichts zu fragen brauche. Wenn er den Urin ansieht oder den Puls befühlt, so soll er auch wissen, was der Kranke gegessen und sonst getan hat. Das ist Lug und Trug und wird nur durch Kunstgriffe, durch allerlei künstliche Reden und Fragen bewirkt, durch welche man den Sinn des Volkes betört. Mancher mietet Männer und Frauen, daß sie ihm alle Verhältnisse des Kranken mitteilen, alles, was dessen Diener, Freunde, Nachbarn betrifft, erzählen. Die Gemieteten, namentlich Frauen, begeben sich an das Tor des Arztes unter dem Vorwande, daß ihnen, ihrem Manne oder Bruder, etwas fehle; dort fragen sie die Wartenden aus und lassen den Arzt durch seinen Diener alles, mit den Wahrzeichen, wissen. Oder sie begeben sich zugleich mit dem Ausgefragten vor den Arzt und bedeuten ihm das Nötige durch Zeichen, Bewegungen der Glieder oder Worte, die sie in ihrer eigenen Angelegenheit vorbringen. Solche feine Kunstgriffe herauszufinden, ist oft den Kundigen schwer, geschweige den anderen. ... Es darf daher die Seele der Verständigen sich nicht dahin neigen, den Betrügern Glauben zu schenken, wenn er auch ihre Sachen nicht versteht und nicht dahinter kommt. ... Ich selbst, als ich die Heilkunst auszuüben begann, hatte mir vorgenommen, nichts zu fragen, nachdem man mir den Urin gegeben, und ich war sehr geehrt. Später, als man sah, daß ich umständlich nachfrug, sank mein Ansehen merklich, und man gab mir dies unumwunden zu erkennen: ‚Wir glaubten, wenn du den Urin siehst, werdest du alles verkündigen, was uns treffen wird, wir bemerkten aber das Gegenteilʻ. Umsonst bedeutete ich ihnen, daß dies außerhalb des Bereiches der Arzneikunst sei, indem sie bereits von dem Geschwätz der Charlatane eingenommenen waren. Wenn auch der Arzt aus den Symptomen vieles erkennen kann, was ihm der Kranke nicht mitteilt, so wird er doch niemals es so weit treiben, wie jene, welche z. B. sagen: ‚Wer diesen Urin gelassen, schlief gestern bei einer alten Frau oder hat auf der rechten Seite gelegen und zwar so viele Stunden der Nachtʻ u. dergl. Blödsinn. ... Ein anderer Grund zur Geringschätzung des Arztes, auch des scharfsinnigsten und erfahrensten, ist der Umstand, daß viele Krankheiten zu wenig von der Grenze der Gesundheit sich entfernen, also schwer zu erkennen und zu heilen sind; andere, an sich böse, erscheinen äußerlich unbedeutend. Wenn der Laie nun bemerkt, daß der Arzt an ihrer Heilung zweifelt, so zieht er eine sichere Folgerung, daß der Arzt noch weniger von den schweren umfangreichen Krankheiten verstehen und heilen werde. Dieser, auf Analogie gegründete Schluß ist aber falsch. Die Symptome solcher Krankheiten liegen weniger offen, weil diese sich weniger vom Normalzustande der Gesundheit entfernen, und ihre Heilung ist schwieriger, weil man keine drastischen Mittel anwenden darf, sondern nur solche, deren Wirkung erst allmählich sichtbar ist, wie Diät u. dergl. ... Einer der Angestellten des Krankenhauses klagte einst über Beschwerden bei der Bewegung einiger Fingergelenke wegen eines geringen, aber sehr harten Geschwüres am Mittelfinger, welches den an ihm versuchten Mitteln eine Zeitlang widerstand. Er fluchte und beschimpfte die Aerzte öffentlich, indem er rief: ‚Wenn sich ihre Praxis an einem kleinen Fingergeschwür als unzulänglich herausstellt, wie erst bei zerbrochenen Rippen und Armen?ʻ Er suchte also Heilung bei Frauen und beim Pöbel. Dies ist also wieder eine Ursache, warum die Menge sich von den ehrbaren Aerzten abkehrt und die gemeinen vorzieht. Aber auch der kundige Arzt gerät oft in Zweifel und braucht längere Zeit, um das rechte Mittel zu finden. So erging es selbst Galen. ... Sollte jemand einwenden: Wem so etwas zukommen kann, ist weder ein Weiser noch ein Scharfsinniger, so erwidern wir: Diese Bezeichnungen sind nicht absolute, sondern relative, sie beziehen sich auf den Vorzug des Individuums vor seinen Zeitgenossen. Wenn uns ferner entgegnet wird, man solle aber eine Sache nicht demjenigen anvertrauen, von dem man nicht annehmen kann, daß er nicht in Irrtum verfalle, so erwidern wir: Man muß die Dinge demjenigen anvertrauen, der am weitesten vom Irrtum entfernt ist, am seltensten irrt ... wer also den Arzt nicht zuziehen wollte, gliche demjenigen, der nicht auf Pferden reiten oder auf bedeckten Betten schlafen wollte, weil die Pferde straucheln, die Decken einstürzen könnten, was ja zu den sehr seltenen Dingen gehört. ... Mitunter setzt man den Arzt herab, der sich um eine unheilbare Krankheit abmüht; man bedenke aber die Unvollkommenheit der Kunst, die in dieser Beziehung entgegengesetzt ist anderen Künsten, von denen die Menschen mehr wissen, als nötig ist ... während in der Heilkunst die Menschen noch nicht das Notwendigste erreicht, nicht für alle Uebel ein Mittel haben. Es liegt also an der Kunst und nicht am Arzte. ... Das Publikum verlangt, daß der Arzt im Augenblick, wie ein Zauberer, heile oder daß er wenigstens angenehme Mittel anwende u. dergl., was nicht zu allen Zeiten und bei jedem Kranken möglich; den Arzt für die Natur büßen zu lassen, ist ein großes Unrecht. Darum aber machen die Besprecher etc. ihr Glück, wenn sie auch schändlich handeln, und ihr niedriges Handwerk genügt für ihr Auskommen, während der Arzt bei großer Anstrengung kaum das Notwendigste erzielen kann. Manche halten einen geschickten Arzt für minder fähig, wenn es vorkommt, daß er den Kranken nur ein- oder zweimal besucht hat, während die Krankheit fortgesetzter Behandlung bedarf, damit er sich eine richtige Anschauung bilde aus dem regimen oder aus hinzutretenden Zufällen oder weil der Kranke sich ungenügend ausgesprochen hat. Der Kranke glaubt dann, daß der Arzt nichts mehr wisse, als was er zu Anfang vorgebracht oder daß er aus Unkenntnis in der betreffenden Krankheit nichts verordnet, während es doch oft am Kranken selbst liegt. ... Manche Krankheiten vermag der Kranke selbst nicht recht zu schildern, so daß der Arzt der Ausdauer bedarf. ... Es kommt aber auch bei den achtbarsten und hervorragendsten Aerzten vor, daß man ihnen die Heilung einer Krankheit nicht anvertraut, so lange dieselbe noch möglich ist, sondern erst, wenn dieselbe unheilbar geworden. Dann dringt man in den Arzt, bis er sich nicht entziehen kann; er soll aber den Kranken nur einmal ansehen und dann die Kur vollziehen, und wenn sie nicht gelingt, so heißt es: Er versteht nichts, während die Schuld ihre ist, nicht seine. ... Ferner wird das Herz der Menschen von den geschickten Aerzten ab- und den Toren zugewendet dadurch, daß es Unwissenden und Weibern manchmal gelingt, Krankheiten zu heilen, wo es die berühmtesten Aerzte nicht vermögen. Die Ursachen sind mannigfache: Glück, Opportunität u. s. w. Manchmal bewirkt der geschickte Arzt eine Besserung, die aber noch nicht sichtbar ist, der Kranke wird einem anderen Arzt übergeben, der nach kurzer Zeit die Heilung vollbringt, und sie wird diesem zugeschrieben. Manchmal wird der zweite Arzt gerade zur Zeit der Krisis gerufen, wo die Zufälle hervortreten, er gibt ein Mittel, und es tritt bald darauf Erbrechen, Abführen, Schweiß, Nasenbluten ein; die Krankheit endet, und der Unkundige schreibt die Heilung dem zweiten Arzt zu. In dieser Weise sind mir oft wunderliche Dinge zugekommen. ... Wenn man ohne Kenntnis starke Mittel anwendet, und sie helfen, so tritt die Wirkung deutlich hervor und wird als Geschicklichkeit angesehen. Wenn sie aber zufällig nicht zutreffen, so töten sie plötzlich oder führen den Kranken dem Tode zu. Die Menschen aber rühmen die plötzliche und sichtbare Wirkung und vernachlässigen diejenigen, welche diesen Weg nicht einschlagen. Sie machen viel Redens von den wunderbaren Kuren und vergessen oder verheimlichen das Gegenteil. Mancher Pfuscher ist sehr erfahren in der Behandlung einer Krankheit oder zweier oder mehrerer, je nach seiner Praxis oder weil er einen scharfsinnigen Arzt dieselben behandeln sah u. dergl. Der Unkundige glaubt aber, daß jener in allen Krankheiten eine gleiche Stufe einnehme, und vertraut sich ihm an. Es ist jedoch ein großer Irrtum zu glauben, daß wer ein wirksames Mittel gegen eine Krankheit hat, auch solche gegen alle habe. Ich selbst habe Heilmittel von Frauen und Kräutersammlern etc. gelernt, welche nichts von der Heilkunst verstanden. ... Es vermindert auch den Nutzen der Medizin die Furcht selbst erfahrener Aerzte vor drastischen Mitteln, so daß sie das gewöhnliche Heilverfahren verlassen, und zwar wenn der Heilende ein König oder ein angesehener, bekannter Mann ist, der an einer schweren oder verborgenen, zweifelhaften Krankheit leidet, worüber die Ansichten der Aerzte differieren; dann wendet sich der Arzt von starken Heilmitteln und überhaupt Medizinen ab und gebraucht Nahrungsmittel oder was ihnen ähnlich ist, um dem Zorn des Königs und dem Haß der Menschen zu entgehen. Am meisten geschieht dies dann, wenn der Arzt Feinde und Gegner unter seinen Kunstgenossen hat; dann wird jeder Nutzen von seiner Seite schwinden. ... Dieser Umstand verursacht den Königen und Fürsten großen Schaden, indem sie von der Kenntnis des erfahrenen Arztes nicht den nötigen Gebrauch machen können, weniger als der große Haufe und die geringsten Menschen. Es trägt auch hierzu bei, wenn der zu behandelnde Fürst voreilig, zornig, in der Kunst vollständig unwissend ist und, was am schlimmsten ist, keine Raison annimmt. ... Ich bemerke daher, daß es für einen verständigen Fürsten sehr nützlich ist, seinen Arzt nicht zu beunruhigen, ihn zu erfreuen, mit ihm viel zu verkehren, auch auszudrücken, daß er für die Heilung unheilbarer Krankheiten nicht verantwortlich sei, für Irrtum und Mißgriff nicht in die Klemme kommen solle.”
Das 10. Jahrhundert, in welchem die bereits zur Blüte gebrachte arabische Kultur über die weite muslimische Welt vordrang, ein Zeitalter, dem ein Philosoph, wie al-Farabi, zahlreiche Mathematiker, Astronomen, Naturforscher und Geographen von glänzendem Namen angehörten, konnte auch für die Medizin nicht bedeutungslos sein, umsomehr als viele Gelehrte sich neben ihrem eigentlichen Fache auch der Heilkunde widmeten und im Umkreis der fürstlichen Gunst, abgesehen von den Bibliotheken, neue wissenschaftliche Pflegestätten in Form von Spitälern entstanden waren. In den volkreichen Städten entfaltete sich ein reiches ärztliches Leben, mächtig schwoll die medizinische Literatur an, längst von Uebersetzungen und Kommentaren zu selbständiger Bearbeitung (sogar einzelner Zweige)[58] übergehend, es fehlte auch nicht an neuen Errungenschaften in der speziellen Krankheitslehre, in der Diätetik und namentlich in der Arzneimittellehre, aber im ganzen überwog zu sehr die Tradition gegenüber der unbefangenen Beobachtung, die aus den Alten schöpfende Gelehrsamkeit gegenüber der nach neuer Erkenntnis verlangenden Wissenschaft, und nicht selten ertötete das, in Doktrinen schwelgende, Lehrertum den fragelustigen — Forscher!
In der medizinischen Literatur sind jetzt nicht mehr bloß Irak und Persien, sondern auch Aegypten, Maghrib und Spanien vertreten.
Weitaus die größte Bedeutung für das Gesamtgebiet der Heilkunde erlangte das umfassende Lehrbuch, welches der Perser Ali Abbas, der Leibarzt des Bujiden-Emirs Adhad ad-Daula schrieb und diesem Fürsten unter dem Titel al-Maliki (das königliche Buch) widmete. Wie der Verfasser selbst bemerkt, sollte das Werk die Mitte halten zwischen dem zu umfangreichen Continens und dem zu knappen Mansurischen Buche des Rhazes. Es zeichnet sich durch klare, übersichtliche, systematische Darstellung aus und repräsentiert das zeitgenössische Wissen in vollendeter Weise. Ali Abbas räumt zwar den Theoremen einen viel größeren Spielraum ein[59] als Rhazes, doch deuten nicht wenige Stellen seines Handbuchs darauf hin, daß er sich nicht nur auf die Literatur, sondern auch auf eigene Erfahrungen am Krankenbette stützte und im Rahmen des Herkömmlichen hier und da zu selbständigen Urteilen den Mut besaß; den jungen Aerzten riet er ausdrücklich, sich in den Spitälern Belehrung zu holen. Das Beste leistete er in der Diätetik und in der Arzneimittellehre.
Entsprechend der, in Persien erwachten nationalen Bewegung, welche in Firdusis Schâhnâmeh ihren herrlichsten Ausdruck fand, entwickelte sich auch eine medizinische Literatur in neupersischer Sprache, natürlich im engen Anschlusse an die arabische. Das älteste Denkmal derselben ist die Arzneimittellehre des Abu Mansur Muwaffak (in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts verfaßt), welche durch die Verbindung gräko-arabischer mit indischer Wissenschaft höchst bemerkenswert ist.
Um die Verpflanzung der wissenschaftlichen Heilkunde nach Nordafrika erwarb sich insbesondere Ischak ben Amran Verdienste. Der anfangs in Aegypten, später in Kairowan tätige jüdische Arzt, Isaac Judaeus, hinterließ unter anderem Schriften über Diät, über Fieber, über den Harn, welche sehr hoch bewertet wurden und später auf die Gestaltung der mittelalterlichen Medizin des Abendlandes nicht geringen Einfluß ausübten. Sein Schüler Ibn al-Dschezzar ist der Verfasser eines oft erwähnten „Reisehandbuchs für Arme” (vgl. S. 138).
Dem Isaac Judaeus wird eine deontologische Abhandlung „Führung der Aerzte” zugeschrieben, welche manch interessantes Streiflicht auf die ärztlichen Verhältnisse wirft und noch heute beherzigenswerte Ansichten vertritt. Es heißt darin: „Wer sich mit dem Durchbohren von Perlen beschäftigt, muß bedächtig dabei verfahren, um nicht durch seine Eile die Schönheit dieser Arbeit zu schädigen. Ebenso ziemt es demjenigen, der mit der Heilung menschlicher Leiber, welche die edelste aller Schöpfungen der irdischen Welt ausmachen, sich befaßt, daß er die ihm vorkommenden Krankheiten genau bedenke und seine Anordnungen nach reiflicher Ueberlegung achtsam treffe, damit er keinen unverbesserlichen Fehler begehe. Daher sagt der Weise: So du einen Arzt über jede Krankheit, über die du ihn befragst, sofort Auskunft erteilen und seiner Heilmethode sich noch rühmen siehst, so halte ihn für einen Toren. Ebensowenig wie der Arzt in seinem Vorgehen sich übereilen soll, darf er lässig und saumselig sein, da die meisten Krankheiten ihm dazu keine Zeit lassen. — Die wichtigste Aufgabe des Arztes ist, Krankheiten zu verhüten. — Die meisten Kranken genesen durch die Hilfe der Natur. — Hast du die Wahl, durch Nahrungsmittel oder Arzneien zu heilen, so wähle stets die ersteren. — Gebrauche stets nur eine einzige Arznei auf einmal. — Achte wohl auf einfache, bis dahin dir nicht bekannte Heilmittel. — Ebenso wie das Studium aller, über praktische Medizin verfaßten, Werke ist auch die Kenntnis des Einschlägigen aus den Prinzipien der Naturwissenschaft notwendig, von der die Medizin nur ein Zweig ist. Auch gilt es in den Methoden der Logik bewandert zu sein, um die als Aerzte geltenden Ignoranten zu widerlegen. — Es gehört zum Charakter des Arztes, daß er in seiner Lebensweise mit einem beschränkten Maße gut bereiteter Speisen sich begnüge und kein Schlemmer und Prasser werde. Auch ist es beschämend für ihn, an einer langwierigen Krankheit zu laborieren, da sonst der Pöbel sagt: Wer sich selbst nicht heilt, wie wollte der andere heilen? — Prophezeiungen und apodiktischen Aussprüchen verschließe deinen Mund; was du sprichst, soll meist hypothetisch gefaßt sein. — Gib deinen Mund nicht dazu her, zu verdammen, wenn etwas einem Arzte zugestoßen, denn über jeden kommt seine Stunde. Dich sollen deine Taten preisen, nicht sollst du in anderer Schande deine Ehre finden. — Laß dir den Besuch und die Heilung armer und dürftiger Kranker besonders angelegen sein, da du ein verdienstvolleres Werk nicht stiften kannst. — Den Kranken sollst du beruhigen, wenn du auch selbst nicht davon überzeugt bist, da du damit die Natur unterstützest. — Wenn der Kranke deinen Weisungen nicht Folge leistet oder seine Diener und Hausleute nicht rasch deinen Anordnungen nachkommen oder dir nicht gebührende Ehre erweisen, so gib die Behandlung auf. — Dein Honorar von dem Kranken bestimme, wenn seine Krankheit im Zunehmen begriffen und am heftigsten ist; denn sobald er geheilt ist, vergißt er, was du an ihm geleistet hast. — Je mehr du für deine Behandlung fordern, je teurer du deine Kuren ansetzen wirst, desto höher werden sie in den Augen der Leute steigen. Gering wird deine Kunst nur solchen erscheinen, mit denen du dich umsonst abgibst. — Besuche den Kranken nicht zu oft und verweile bei ihm nicht zu lange, wenn nicht etwa die Behandlung es erfordert, denn immer nur der neue Anblick erfreut. — Allzugroße Beschäftigung und Anstrengung schwächt die Kraft des Arztes und beeinträchtigt seinen Geist, da er stets für jeden Kranken nachdenklich und besorgt ist, seine Genesung erhofft und für ihn betet, wie wenn er sein Blutsverwandter wäre!”
Im Verhältnis zur Kulturhöhe, welche das maurische Spanien im 10. Jahrhundert erreichte (vgl. S. 153) ist die Zahl seiner wirklich bedeutenden medizinischen Autoren in dieser Zeitperiode noch gering. Auffallend — und vielleicht nicht ohne Zusammenhang mit der nüchternen philosophischen Richtung — ist es, daß man in einem gewissen Gegensatz zum Orient die ins Große und Ganze abschweifende medizinische Spekulation weniger pflegte, hingegen manche Spezialgebiete fleißig bearbeitete, so z. B. die medizinische Botanik und Arzneimittellehre, welche in dem Dioskurideserklärer Ibn Dscholdschol einen glänzenden Vertreter besaß[60]. Aus Spanien ging auch der größte chirurgische Schriftsteller der Araber hervor — Abulkasim.
Ueber die äußeren Lebensumstände dieses Autors sind wir nur sehr dürftig unterrichtet. Er stammte aus Zahra (einer Sommerresidenz der Kalifen) bei Cordoba und soll Leibarzt des Hakam II. (vgl. S. 154) gewesen sein. Die Richtigkeit dieser Angabe vorausgesetzt, lebte er in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Als Todesjahr wird 1013 angegeben. Nach anderen wäre er aber ins 11. Jahrhundert zu verweisen.
Die Chirurgie des Abulkasim bildet nur einen Teil seines großen allgemein ärztlichen Werkes al-Tasrif[61] und lehnt sich stark an die Alten, namentlich Paulos an; eine Menge von eigenen Beobachtungen und kritischen Exkursen läßt aber erkennen, daß der Verfasser mitten in der chirurgischen Praxis stand und sichtlich bemüht war, die sehr tief gesunkene Wundarzneikunst wieder zu heben, die fast verschollenen Errungenschaften der griechischen Meister in Erinnerung zu bringen und fruchtbar zu machen. Dem didaktischen Zwecke sollten die, dem Werke beigegebenen, Abbildungen von chirurgischen Instrumenten dienen. Abulkasim hatte bei seinen Stammesgenossen nicht den erwarteten Erfolg, ihren geringen Bedürfnissen genügten die vorhandenen Handbücher der Medizin, wiewohl dieselben die Chirurgie in unvergleichlich geringerem Maße berücksichtigten — die verdiente, verständnisvolle Würdigung fand sein Streben erst später im christlichen Abendlande, das den Ruhm des Cordobaners durch die Jahrhunderte trug und ihn dem Celsus und Paulos an die Seite stellte. Das Werk des Abulkasim wurde frühzeitig ins Lateinische[62] übersetzt und erweckte durch seine Ordnung und Klarheit ein günstiges Vorurteil für die arabische Literatur überhaupt. Es bildet die Hauptquelle für unsere Kenntnisse über die arabische Chirurgie und mancher ihrer Nebenzweige.
Der Siegeskranz war einem anderen beschieden, der mehr als alle übrigen in seinem Schaffen den Wesenszug der arabischen Medizin — die Assimilation des Fremdgutes und die Systematisierung des Erfahrungsmaterials — zum höchsten Ausdruck zu bringen verstand — Avicenna. Seine Monumentalgestalt erhebt sich am Ausgang des 10. Jahrhunderts ziel- und richtunggebend nicht nur für die anbrechende Epoche und den arabischen Kulturkreis, sondern für die Heilkunde überhaupt, alle Vorgänger (selbst Galen) verdunkelnd — ein halbes Jahrtausend hindurch.
Avicenna wurde im August des Jahres 980 zu Afschena (einem Flecken in Chorasan) geboren, kam aber noch in zarter Kindheit nach Bochara, wo sein Vater ein hohes Staatsamt bekleidete. Dort, am Hochsitze der persoarabischen Kultur empfing er eine sehr sorgfältige Erziehung. Seine enorme Begabung verriet Avicenna schon sehr früh. Bereits im 10. Jahre wußte er den Koran auswendig, und die verschiedenen Lehrer, welche ihn in die Grammatik, Dialektik, Rechtswissenschaft, Mathematik, Physik und Philosophie einführten, vermochten kaum den Ansprüchen seines nach Wissen dürstenden Geistes zu entsprechen. Mehr als unter fremder Leitung suchte er selbständig durch unermüdliche Lektüre mit durchdringendem Scharfblick in die Tiefen der Wissenschaft einzudringen, wobei er seltene Fähigkeiten und erstaunlichen Eifer entwickelte; er gönnte sich nur wenig Schlaf, bekämpfte die Müdigkeit durch Waschen und geistige Getränke, und selbst in den Träumen beschäftigte sich das rege Gehirn mit schwierigen Problemen, deren Lösung suchend. In die Medizin, welche ihm verhältnismäßig leicht vorkam, wurde er besonders durch Abu Sahl el Messihi eingeführt, auch erwarb er sich auf diesem Gebiete einige Erfahrung durch Krankenbeobachtung. Als siebzehnjähriger Jüngling wurde er — ein Beweis für den großen Ruf, den er sich früh erwarb — bei einer Krankheit des Emirs Nuch ben Mansur zu einer Konsultation herangezogen, und der glückliche Erfolg der angeratenen Kur verhalf ihm zur unbeschränkten Benutzung der fürstlichen Bibliothek, was den weiteren intensiven Studien sehr zugute kam. Schon damals veröffentlichte er eine Reihe nichtmedizinischer Schriften[63]. Nach dem Tode seines Vaters, der ihm ein bedeutendes Vermögen hinterließ, begann für Avicenna ein sehr unstetes Wanderleben, indem er viele Jahre an den Höfen verschiedener persischer Dynasten zubrachte, als Staatsmann, als Arzt, Astronom, Lehrer und Schriftsteller, bis er endlich in Hamadan von Schems ed-Daula, dessen Gunst er durch eine erfolgreiche Behandlung gewann, zum Vezier ernannt wurde. Trotz der Staatsgeschäfte wußte er hier stets auch die Zeit für seine äußerst rege wissenschaftliche Tätigkeit zu finden, doch wurde er in politische Intrigen verwickelt, die ihn vorübergehend um seine Stellung und in Lebensgefahr brachten. Nach dem Tode des Schems ed-Daula geriet er nicht mit Unrecht in den Verdacht des Hochverrats und mußte mehrere Monate in Haft, auf einer Festung zubringen. Es gelang ihm jedoch in Verkleidung nach Ispahan zu entfliehen, wo er ehrenvolle Aufnahme am Hofe des (Ala ad-Daula) Ibn Kakujahs fand. Dort war es ihm gegönnt, sich vierzehn Jahre hindurch seiner Forscher- und Schriftstellertätigkeit, namentlich aber der Fertigstellung seiner medizinischen und philosophischen Hauptwerke (des Kanon und der philosophischen Enzyklopädie) widmen zu dürfen.
Uebermäßige geistige Anstrengung und Ausschweifungen in Baccho et Venere untergruben ein Leben, das voll von Arbeit und Genuß, reich an Exzentrizität in beiden, war. Den Entnervten raffte im 58. Jahre vorschnell eine Kolik hinweg (Juni 1037), als er seinen Fürsten auf einem Feldzuge nach Hamadan begleitete[64]. Daselbst ist noch heute Avicennas Grab zu sehen.
Avicenna soll 105 Schriften verschiedensten Inhalts, in arabischer und persischer Sprache, in Prosa und metrischer Gebundenheit, verfaßt haben, von den juristischen, mathematischen und astronomischen sind nur die Titel bekannt, von den philosophischen hat sich nur wenig, aber sehr Bedeutungsvolles in lateinischen Uebersetzungen erhalten, von den medizinischen ist leider seine Sammlung von eigenen Beobachtungen, welche als Anhang zu den theoretischen Werken bestimmt war, noch vor der Veröffentlichung verloren gegangen. Sein reiches Schaffen erfolgte nicht in stiller Einsamkeit, sondern mitten im Lärm eines bewegten Lebens, von dem jeder Augenblick, der nicht dem Genuß diente, ausgenützt wurde. Am Tage besorgte Avicenna die Staatsgeschäfte oder übte seine Lehrtätigkeit aus, der Abend war den geselligen Genüssen der Freundschaft und der Liebe geweiht, und manche Nacht fand den Unermüdlichen schriftstellerisch tätig, das Schreibrohr zur Hand, den Becher zur Seite. Auf Reisen verfaßte er Auszüge und kleinere Schriften, auf der Festung schrieb er Gedichte und mystische Betrachtungen; hatte er die nötige Muße, so arbeitete er am Kanon der Medizin oder an der philosophischen Enzyklopädie. Avicennas Philosophie ist vorwiegend aristotelisch und beabsichtigt auf dem Wege des Rationalismus eine Versöhnung von Wissen und Glauben herbeizuführen. Charakteristisch für sie ist der Verzicht auf die Emanationslehre und die Herleitung der sinnlichen Welt aus der Gestaltung des ursprünglichen Stoffes. Dem Orient galt und gilt Avicenna noch heute als der Fürst der Philosophie, obwohl sich anfangs gegen seinen Rationalismus von theologischer und mystisch-philosophischer Seite (Ghazzali) eine starke Reaktion geltend machte. Im Gedächtnis der Menschheit lebt er fort als Hauptrepräsentant der arabischen Medizin (neben Rhazes).
Der ungewöhnlich hohe, ja übermäßige Ruhm, welcher dem Avicenna von seinen Zeitgenossen und Nachfahren gespendet wurde[65], beruht weder auf bahnbrechenden neuen Erkenntnissen, noch auf praktischen Errungenschaften von besonderer Tragweite, sondern darauf, daß er mit kongenialem Assimilationsvermögen, mit bewundernswertem Organisationstalent die Quintessenz der gräko-arabischen Heilkunde in einem weitumfassenden, abgerundeten System zur Darstellung brachte, und hierdurch dem ärztlichen Denken und Handeln eine scheinbar für immer unverrückbare Grundlage gab.
Dieses System, welches im engeren Anschluß an aristotelische Prinzipien und mittels kluger Benützung des, inzwischen bedeutend angewachsenen, Erfahrungsstoffes der Hauptsache nach den Galenismus allseitig bis in die geringsten Einzelheiten mit größter Klarheit durchführt, füllt das medizinische Hauptwerk Avicennas, den aus fünf Teilen bestehenden Kanûn (Kanon), dessen stolze Bestimmung — das Gesetzbuch der Heilkunde zu werden — schon im Titel ausgesprochen ist.
Der ungeheure Erfolg und die nachhaltige Wirkung des Kanon, welcher den Hawi des Rhazes, das königliche Buch des Ali Abbas, ja beinahe die galenischen Schriften fortan in den Schatten stellte, gründete sich vorzugsweise auf formale Momente, die glänzende, lichtvolle Schreibart, die musterhafte, weit- und tiefgreifende, doch immer leicht überblickbare Anordnung, die logische Konsequenz. Was bei Rhazes bloß als ein enormes, doch ungesichtetes Inventar vorliegt, bei Ali Abbas zwar nicht der Reichhaltigkeit und systematischen Ordnung, aber noch der vollkommenen theoretischen Ausgestaltung entbehrt, ist bei Avicenna zu einem großen einheitlichen, wie aus einem Guß entstandenen Ganzen geworden, das dem Leser in einem einzigen Werke entgegentritt, nicht wie bei Galen erst aus zahlreichen weitschweifigen Schriften mühsam zusammengelesen werden muß. Der Kanon bedeutet den Abschluß der gesamten vorausgegangenen Entwicklung, die endgültige Kodifizierung der gräko-arabischen Medizin. Es ist eine Hierarchie von Gesetzen, die durch Fakten reich illustriert werden, die so sinnreich einander über- und untergeordnet sind, einander stützen und tragen, daß man den Scharfsinn des großen Systematikers bewundern muß, der mit einem unerreichten Gruppierungsvermögen aus dem, von allen Seiten herbeigeschafften, Baumaterial ein imponierendes Truggebäude errichtete. In der Beleuchtung, die ihr Avicenna zu Teil werden läßt, gewinnt die medizinische Wissenschaft seiner Zeit den Anschein fast mathematischer Exaktheit, wird die Therapie, wiewohl auch die Empirie noch einigermaßen Würdigung findet, geradezu als logische Konsequenz aus theoretischen (galenisch-aristotelischen) Vordersätzen abgeleitet — kann es da überraschen, daß die Mehrzahl der Forscher und Praktiker alsbald dem Zauber des vollendeten Formalismus anheimfiel und den Kanon wie ein untrügliches Orakel betrachtete, umsomehr als der logische Aufbau einwandsfrei war und die Prämissen im Rahmen der damaligen Naturanschauung als unwiderlegliche Axiome galten. Das Wunderwerk medizinischer Syllogistik, der Kanon, welcher in einer Zeit regeren Schaffens wenig beachtet worden wäre, wurde ein Markstein in der Geschichte der Heilkunde.
Avicenna verfügt meisterhaft über die Geste jener Pseudowissenschaftlichkeit, die sich über die schlichte Beschreibung des klinischen Tatsachenbefundes erhaben dünkt. Abgesehen von dem 1. Buche des Kanon, welches die allgemeinen Grundanschauungen enthält (wobei die galenischen Elementarqualitäten, Säfte, Komplexionen etc. und die aristotelischen Entelechieen, Zweckursachen etc. die Hauptrolle spielen), wird jedes einzelne Kapitel der speziellen Pathologie und Therapie anatomisch-physiologisch eingeleitet. Die Anatomie ist aus Aristoteles und Galen geschöpft, in der Physiologie dominieren die Teleologie und die bis zur äußersten Subtilität ausgesponnene Kräftelehre[66], doch geht Avicenna insofern über seine Vorgänger hinaus, als er häufig physiologische Vorgänge durch physikalische zu erklären sucht, die Pathologie wird von der Elementarqualitätentheorie und Pneumalehre beherrscht, die Diagnostik (Pulslehre, Uroskopie) ist nach gleichen Grundsätzen sehr spitzfindig dargestellt, die umfangreiche Arzneimittellehre beruht auf der Anwendung der Elementarqualitätenlehre und verrät keine besonderen naturgeschichtlichen Kenntnisse, die Chirurgie ist verhältnismäßig dürftig. Eine kurze, sehr übersichtliche Darstellung der Hauptlehren des Avicenna enthält seine Schrift „Canticum”.
Um sich dem Banne, der von Avicenna ausging, entziehen zu können, dazu hätte die unbefangene klinische Beobachtung, wie sie durch Rhazes in so großzügiger Weise inauguriert worden war, einen Ausweg bieten können, aber das Gift, das benebelnd vom Kanon ausströmte, erweckte eine heute kaum mehr begreifliche Zuversicht zum Falschen und gewöhnte die überwiegende Mehrzahl der Aerzte, die Erscheinungen am Krankenbette nur durch die Brille vorgefaßter Theorien zu betrachten, nicht die Natur zu befragen, sondern Willkürkonstruktionen in sie hineinzutragen.
Voreilig aber wäre es, Avicenna kurzwegs mit seinen Nachbetern zusammenzuwerfen, denn der Kanon ergibt, auf seinen tatsächlichen Inhalt geprüft, manche Beweise von guter Beobachtung, er enthält treffliche Krankheitsbeschreibungen (namentlich der Haut-, Nerven-, Geistes- und Geschlechtsleiden), ausgezeichnete diätetische und bei allem Uebermaß sorgsam abwägende therapeutische Maßnahmen. Rühmenswert ist auch die Abneigung gegen die Astrologie. Und wenn auch dies alles kaum an die Leistungen des Ali Abbas, geschweige an die klinische Meisterschaft des Rhazes hinanreicht, so dürfen wir doch nicht außer acht lassen, daß diejenige Schrift, welche den wahren Maßstab für Avicenna als Praktiker geben würde, nicht auf die Nachwelt gekommen ist — seine als Anhang zum System bestimmten eigenen Beobachtungen.
Der gewaltige Einfluß, den Avicenna auf die Weiterentwicklung der Medizin ausgeübt hat, bestand aber unleugbar darin, daß fortan in den arabischen Schulen, wenigstens des Ostens, jene Richtung triumphierte, welche dem Einzelgeschehen nur so weit Interesse zuwandte, insofern es aus den herkömmlichen allgemeinen Prinzipien ableitbar erschien, hingegen die Beobachtung der konkreten Erscheinungen an sich, vernachlässigte.
Ganz dasselbe macht sich in der arabischen Philosophie des Ostens nach Farabi und Avicenna bemerkbar; die in Rhazes und den „lauteren Brüdern” gipfelnde Naturphilosophie mußte allmählich der streng logischen Richtung weichen, welche in abstrakten Distinktionen und Wortspielereien das Um und Auf erblickte. Nach Avicenna wagte niemand mehr mit selbständigen philosophischen Anschauungen hervorzutreten, es kam die Zeit der Kommentare und Kompendien, der Glossen und Superglossen.
Aber noch mehr, der Kanon zog nicht nur von der unbefangenen klinischen Beobachtung und eigenen Untersuchung ab, sondern auch vom Studium der antiken Literatur, schien er doch, als höchste wissenschaftliche Konzentration, dasselbe nunmehr völlig überflüssig gemacht zu haben. Und so wurde es denn für die Besten in der Folgezeit zur Losung, Avicenna zu kommentieren, zu kompilieren, ihn, der selbst im Grunde seines Wesens, trotz allen täuschenden Schimmers, nichts anderes gewesen, als ein geistvoller Kommentator, ein vielgewandter Kompilator!
Im Orient kam es über Avicenna hinaus zu keinem Fortschritt im großen, wohl aber traten noch im 11. Jahrhundert und später manche treffliche Bearbeiter einzelner Spezialgebiete auf.
Diese Erscheinung entspricht in gewisser Hinsicht der glänzenden Vertretung, welche gerade um diese Zeit die mathematisch-physikalischen Spezialzweige (Ibn al-Haitam, vgl. S. 158) und die beschreibende Naturwissenschaft (al-Biruni, jüngerer Zeitgenosse Avicennas, vgl. S. 159) fanden[67].
Von größerer Bedeutung wurden namentlich die augenärztlichen Schriften des Ali ben Isa (Jesu Haly) und 'Ammar ben Ali al-Mausili, die synoptischen Tabellenwerke des Ibn Botlan (über Diätetik) und des Ibn Dschezla (über Nosologie und Therapie), der Kommentar des Ali ben Ridhwan (Ali Rodoam) zu Galens ars parva, die Arzneimittellehre (Liber de medicamentis simplicibus) des Serapion (d. Jüngern). Zweifelhaft ist es, ob die pharmakologisch-pharmazeutischen Werke des „Mesue” (d. Jüngeren) der arabischen Literatur zugerechnet werden dürfen; sie sind bloß lateinisch erhalten, und man vermutet, daß sich unter dem Namen „Mesue” ein lateinisch schreibender Autor des 11. oder 12. Jahrhunderts verbirgt, welcher seinen Schriften leichter Eingang verschaffen wollte. Immerhin tragen sie das Gepräge der arabischen Epoche und vermittelten — insbesondere das Antidotarium s. Grabadin — arabische Arzneimittelkenntnis und Apothekerkunst dem Abendlande.
Den Ausgaben der Opera Mesuës ist gewöhnlich als Anhang (in lat. Uebersetzung) ein Abschnitt aus dem Werke des Ibn Wafid (Abenguefit) über die einfachen Arzneimittel beigefügt; dieser hervorragende Toledaner Arzt repräsentiert die mehr dem Tatsächlichen zustrebende medizinische Richtung des islamischen Westens in mustergültiger Weise.
Im 12. Jahrhundert — im Zeitalter der Kreuzzüge und der Seldschukenherrschaft — beginnt die arabische Medizin im Osten von ihrer Höhe herabzusinken, wenn auch die literarische Produktion fortdauernd eine reiche und vielseitige bleibt. Zwar bestanden die alten Zentren (Bagdad, Damaskus, Kairo, Bochara, Samarkand u. a.) noch fort, zwar wurden der ärztlichen Wissenschaft noch immer durch Gründung von Spitälern, Bibliotheken und Schulen kräftige Impulse gegeben, aber abgesehen von manchen gut gepflegten Spezialzweigen, war tote Gelehrsamkeit an die Stelle ursprünglicher Schaffenskraft, Routine an die Stelle klinischer Erfahrung getreten. Bemerkenswert ist es, daß unter dem Einfluß fürstlicher Gunst (des Nureddin und des Saladin) die medizinischen Schulen von Damaskus und Kairo immer mehr den Vorrang gewannen, ferner, daß so wie in der Frühepoche der arabischen Kultur, auch jetzt wieder vorwiegend Christen und Juden den Ruf hervorragender ärztlicher Schriftsteller und Praktiker erlangten.
Weit regsamer und mit einer unverkennbar, vom Orient abstechenden, Eigenart entfaltete sich während des 12. Jahrhunderts die arabische Heilkunde im maurischen Spanien, wo trotz der Ungunst politischer Verhältnisse (Almorawiden- und Almohadenherrschaft) viele Keime, welche die Vergangenheit ausgestreut hatte, zur Entwicklung kamen. Wie die Meditationen der muslimischen Philosophen des Westens bereits das erste Wehen jenes freien Geistes ankündigen, der späterhin auf Sturmesfittichen das Abendland durchbrausen sollte[68], so verrät auch die spanisch-arabische Medizin, wenigstens wie sie sich unter den Händen ihrer besten Vertreter gestaltete, eine gewisse Annäherung an die naturwissenschaftliche Forschung, eine merkwürdige Hinneigung zur nüchternen Beobachtung am Krankenbette, mit gleichzeitig skeptischer Ablehnung unbewiesener Traditionen.
Den Spuren Dscholdschols und Ibn Wafids folgte in diesem Zeitraum mit besonderem Erfolge al-Gafiki, welcher die Heilmittellehre durch vorzügliche, über die Kenntnisse der Alten hinausgehende, botanische Beschreibungen wesentlich förderte, die klinische Meisterschaft verkörperte sich in der Familie Ibn Zohr, welche vom 11. bis zum 13. Jahrhundert bedeutende Aerzte hervorbrachte, unter ihnen den glänzendsten Vertreter spanisch-arabischer Heilkunst, Abu Merwan Ibn Zohr (Avenzoar).
Avenzoar wurde in der Nähe von Sevilla geboren und stammte aus einer sehr angesehenen, im Beginn des 10. Jahrhunderts nach Spanien eingewanderten Familie, welche Staatsmänner, Juristen und Mediziner zu ihren Mitgliedern zählte. Bedeutenden Ruf als Aerzte erlangten schon Avenzoars Großvater und Vater; von letzterem wird unter anderem berichtet, daß er Avicennas Kanon mißachtete und von seinem Exemplar dieses Werkes den unbeschriebenen Rand zum Rezeptschreiben benützte. Ausgezeichnet veranlagt und sorgfältig herangebildet, entwickelte sich Avenzoar bald zu einem vortrefflichen Praktiker und kam zu großem Ansehen. Er stand in fürstlichen Diensten[69] und wurde mit Ehren (Vezierat) und Geschenken überhäuft. Avenzoar starb hochbetagt im Jahre 1162 und wurde vor dem Siegestor von Sevilla begraben. Ein Umstand nimmt schon von vornherein günstig für Avenzoar ein. Er, der unter dem Einflusse alter Familientraditionen mit medizinischem Geiste durchsättigt und erst nach vieljähriger gründlichster Ausbildung die Praxis aufnahm, widmete alle seine reichen Fähigkeiten ausschließlich der Heilkunde, wollte mit Verzichtleistung auf enzyklopädische Vielwisserei und Vielschreiberei einzig allein — Arzt sein, indem er dabei die höchsten Anforderungen an sich stellte.
Avenzoar, der mit den drei großen Persoarabern in einem Atemzuge genannt wird, steht dem Bedeutendsten unter ihnen, dem Kliniker Rhazes, am nächsten. Wie dieser erblickt er nicht in der dialektischen Bearbeitungsweise und in Theoremen, sondern in der sorgfältigen Krankheitsbeobachtung die Quelle des Fortschritts ärztlicher Wissenschaft, ja er bildet unter den medizinischen Autoren der arabischen Epoche geradezu eine Ausnahmserscheinung durch die überraschende Freimütigkeit und Entschiedenheit, mit welcher er sich gegen die ärztliche Sophistik, den Doktrinarismus und Autoritätsglauben wendet. Aus seinen Schriften, namentlich dem an interessanten Krankheitsgeschichten so reichen Hauptwerke, al-Teïsir (Erleichterung betreffs der Heilmittel), tritt der Arzt κατ' ἐξοχὴν hervor, der, erfüllt von gesundem Realismus, die gleißenden Flitter der Philosophasterei verschmähend[70], in der rationellen Praxis Genügen findet, der trotz aller Verehrung für die Vorgänger keinen höheren Meister anerkennt als die eigene Beobachtung und das aus selbständiger Erfahrung geschöpfte Urteil. Der Inhalt des Teïsir bedeutet eine ganz erhebliche Vermehrung der nosologischen Kenntnisse (z. B. über Mediastinitis, Perikarditis, Pharynxlähmung, intestinale Phthisis, Krätze u. a.), wobei die nüchterne Schilderung des tatsächlichen Befundes, die getreue Beschreibung der Symptomenkomplexe, die Vermeidung jedweden Schematismus sympathisch berührt; aus manchen Angaben Avenzoars leuchtet sogar anatomisches Denken hervor, welches freilich hinsichtlich interner Affektionen vorwiegend auf hypothetischer Konstruktion, hingegen in der chirurgischen Kasuistik auf Anschauung (Studien an Knochenpräparaten[71] etc.) beruhte. Bemerkenswerterweise spricht er über die Indikationsstellung und Technik mancher chirurgischer Eingriffe mit einer Gründlichkeit und Sicherheit, welche nur durch praktische Erfahrung erworben werden kann, ebenso lassen seine therapeutischen Vorschriften auf gute Kenntnisse in der Arzneibereitung schließen[72]. Aus den Zeitumständen erklärlich ist es, daß Avenzoar im ganzen Galen anhing — aber nicht ohne gelegentlichen Widerspruch in praktischen und selbst theoretischen Dingen[73] — ebenso, daß er nicht selten trotz aller Bevorzugung rationeller Behandlungsmethoden in das Fahrwasser roher Empirie[74] geriet. Der Astrologie war er abhold. Alles in allem hinterläßt er das leuchtende Bild eines wahrhaft großen Praktikers, dessen Stimme zwar bei den Zeitgenossen und Nachfahren verhallte, dessen Wirken aber eine neue, vom Observantismus freie, Aera der Medizin ankündigte.
Weniger Günstiges läßt sich vom medizinischen Standpunkte über den großen Zeitgenossen, Anhänger und Freund des Avenzoar sagen, über den für die geistige Entwicklung des Abendlandes so bedeutungsvollen Philosophen Averroës[75], dessen medizinisches Hauptwerk (Kitab al-kullidschat ═ Buch der allgemeinen Prinzipien der Medizin) Colliget im Mittelalter fast die Autorität des Kanon besaß[76].
Averroës (Ibn Roschd) wurde 1126 zu Cordoba geboren, wo sein Vater und Großvater als Oberrichter wirkten. Gemäß den Traditionen seiner Familie widmete er sich zunächst der Rechtswissenschaft, trieb aber außerdem auch mathematische, philosophische und medizinische Studien. Er wurde zuerst in Sevilla, später in seiner Vaterstadt Kadi und erlangte außerordentliche Berühmtheit. Der Beherrscher von Marokko und Andalus al-Mansur Jakub schätzte ihn wegen seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und damit vereinten seltenen Charakterfestigkeit so sehr, daß er ihn 1196 sogar zum Statthalter von Andalus ernannte. Diese Würde bekleidete er aber nicht lange, denn seine Feinde verdächtigten ihn beim Fürsten der Ketzerei und wußten seine Verurteilung, Ausstoßung aus der Gemeinschaft der Rechtgläubigen, Verbannung (nach an-Nisaba, einem nur von Juden bewohnten Orte bei Cordoba) durchzusetzen. Im Jahre 1198 wurde Averroës auf Verwendung angesehener Männer, welche die Haltlosigkeit der Anklagen nachwiesen, freigelassen und vom Nachfolger des al-Mansur nach Marokko berufen, wo er bald darauf starb. Das ganze Leben dieses außerordentlichen Mannes war von regster Tätigkeit erfüllt — nur zwei Nächte verbrachte er, ohne zu arbeiten, nämlich diejenige, welche seiner Hochzeit und diejenige, welche dem Todestage seines Vaters folgte. Seine zahlreichen hochbedeutenden Schriften bezogen sich auf Philosophie, Philologie, Jurisprudenz, Astronomie und Medizin. Auf seine Stammesgenossen hat der Philosoph weit weniger eingewirkt als auf das Abendland, und zwar hauptsächlich durch seine berühmten Kommentare zu dem von ihm grenzenlos bewunderten und als einzige Wahrheitsquelle betrachteten Aristoteles (vgl. S. 161). Diese Kommentare, welche dem Averroës im Mittelalter den Ehrennamen „der Kommentator” eintrugen, bezweckten die Wiederherstellung des reinen ursprünglichen Sinnes der aristotelischen Schriften, erreichten das Ziel aber nicht vollkommen, und aus der Mischung von peripatetischen, neuplatonischen und orientalischen Vorstellungen entstand diejenige Schattierung des Pantheismus, welche man noch jetzt als Averroismus bezeichnet.
Der außerordentlich umfangreiche, aus sieben Hauptabschnitten bestehende[77] Colliget enthält ein mit eiserner Konsequenz aufgebautes, vollkommen geschlossenes System der Heilkunde, er zeugt von enormer Belesenheit, scharfsinniger Kombinationsgabe und dialektischer Meisterschaft, aber er ist weit weniger das Werk eines Arztes als die virtuose Kunstleistung eines Philosophen, der es sich zum Ziele setzte, die Medizin gänzlich in die Fesseln der Peripatetik zu schlagen. Diese Absicht ist schon im Titel und in den ersten Sätzen des Colliget ausgesprochen; ja Averroës beansprucht, wie er selbst sagt, nur Leser, welche in die Geheimnisse der Dialektik und Naturphilosophie eingeweiht sind, für andere sei das Werk überhaupt unverständlich. Avicenna noch überbietend[78], den Rationalismus auf die Spitze treibend, erscheint in seiner Darstellung die Medizin als mechanische Anwendung feststehender allgemeiner Prinzipien, und wenn auch notgedrungen in der therapeutischen Beeinflussung des einzelnen Falles in letzter Linie doch noch an die Erfahrung appelliert werden muß — die fremden und gelegentlich angeführten eigenen Beobachtungen dienen hauptsächlich als Mittel, um dem Gespinst abstrakter Ideen Halt und Farbe zu geben.
Neue Tatsachen bietet der Colliget kaum[79]; der praktische Inhalt stellt die üppige Lesefrucht des Verfassers dar, dessen Lebensstellung schon an und für sich zur Erwerbung eigener ärztlicher Erfahrung wenig geeignet war. Bei seiner fanatischen Hinneigung zum Aristotelismus unterlaufen ihm übrigens sogar in der Beurteilung von Fakten resp. angeblichen Tatsachen hie und da lächerliche Ungereimtheiten. In der Theorie stellt Averroës durch noch konsequentere Anwendung der aristotelischen Prinzipien (Eutelechien etc.) sogar Avicenna in den Schatten.
Averroës hat nur verrostete Theorien gestützt und die praktische Heilkunde gewiß nicht weiter gebracht, aber abgesehen von dem aufklärenden Einfluß seiner Philosophie, in seinem medizinischen System lag etwas unscheinbar verborgen, was einstens zu einem für die Umgestaltung der Medizin höchst bedeutungsvollen Faktor werden sollte. Als Aristoteliker nämlich, der den Lehren seines vergötterten Meisters auf allen Gebieten ausschließliche Geltung zu verschaffen suchte, trat er dort, wo zwischen dem Stagiriten und dem Pergamener keine Uebereinstimmung herrschte, stets zu Gunsten des ersteren ein und hierdurch rüttelte er zuweilen nicht unerheblich an den Grundfesten des galenischen Lehrgebäudes[80]. Daran anknüpfend oder dem gegebenen Beispiele folgend, haben Spätere einen fruchtbaren Weg beschritten, den Weg, der scheinbar zurück zu Aristoteles und tatsächlich vorwärts zur Natur lief!