Ein Lied gegen den Tod
Reading edition
Wenn dir der hinterlistige Tod an weißen Tagen mitten auf der Gasse im eigenen Schatten begegnet und droht, lauf unter die Sonne und lasse ihn totschlagen!
Blinkt aber des Nachts aus dem schalen Wein sein bleiches Gebein, ist’s wohl am besten, man läuft ans Faß und schüttet alles hinein, daß der Tod ersäuft.
Zuweilen kommt es auch vor, daß er gleich tausend Nächte lang mit geilen Brüsten und Schenkeln als falsche Venus erscheint und nicht ruht, bis du seine Begierden stillst. Grabe deiner blinden Glut zeitig einen Löschgraben vor, wenn du nicht als Götzenopfer verbrennen willst!
Wenn er dir aber einmal in einer müden Stunde heimtückisch die Wunde des Sterbens beibringt, dann zeige auf deine Kinder, auf die sprossenden Zweige der Bäume oder auf den roten samenreichen Mohn im Feld, nimm nochmal deine ganze Stimme hervor und schrei es dem armseligen Scheusal höhnisch ins Ohr: Du bist umsonst auf der lebendigen Welt, es gibt keine Toten!