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Drei Erzählungen für junge Mädchen

Verwaist.

Reading edition

Erstes Kapitel. Der Abschied.

»Dacht' ich's doch! Da sitzt sie wieder bei ihren Büchern und lernt, als sollte sie morgen gleich noch ein Examen bestehen! O du Nimmersatt, hast du denn immer noch nicht genug Weisheit?« so rief Fanny, ein junges Mädchen von 16 Jahren, indem sie in ein großes Zimmer trat, dessen ganze Einrichtung den Charakter einer Schulstube trug. Mitten an einem der kahlen Arbeitstische, die mit Büchern und Schreibmaterialien bedeckt waren, neigte sich ein anderes junges Mädchen über ihre Bücher und ließ sich durch den Eintritt Fanny's in ihrer Arbeit wenig stören. Diese aber trat hinter den Stuhl der Freundin, schlug ihr neckend das Buch zu, und indem sie die Arme um den Hals derselben schlang, fuhr sie scheltend fort: »Nein, Agathe, ich lasse dir keine Ruhe, bis du mit mir hinaus in den Garten kommst, wo wir Alle beisammen sind. Hier in der abscheulichen Schulstube ist es so dumpf und enge, und du bist wieder so bleich, daß ich es nicht länger leide, dich hier sitzen zu sehen. Du liebe Gelehrsamkeit, ich dächte, heute könntest du dir wahrlich Ruhe gönnen! Du hast uns ja beim Examen Alle durch deine Antworten überflügelt, und es ist nur eine Stimme darüber, daß du die beste Schülerin der Anstalt bist.«

Die Angeredete blickte still vor sich hin und schüttelte den Kopf.

»Du glaubst es nicht, Agathe?« rief Fanny lebhaft. »So geh' und frage alle Lehrer, besonders Herrn Lobner; da wirst du erfahren, ob ich Recht habe! Aber statt daß du dich darüber freuen solltest, machst du so große, traurige Augen, daß mir wahrhaftig selbst ganz bange dabei wird. Du bist doch gar zu ernst für deine 16 Jahre, Mädchen!«

Agathe seufzte, und Thränen traten ihr in das Auge. »Kann ich dafür, wenn ich ernster bin, als all' ihr andern?« sagte sie sanft. »Ist nicht auch meine Zukunft ernst und trübe, und muß ich da nicht doppelt eifrig sein, mir so viel Kenntnisse, als möglich, zu erwerben? Was soll denn aus mir werden, wenn ich mir nicht selbst in der Welt forthelfen kann? Ich habe ja keinen Vater, ach und jetzt auch keine Mutter mehr, die für mich sorgt, wie du, beste Fanny! Ach daß sie noch lebte!«

Heiße Thränen stürzten bei diesen Worten aus Agathes Augen, und Fanny zog die schluchzende Freundin liebevoll an ihr Herz und strich ihr sanft über das dunkle Haar. »Du sollst ja in dem Hause deines Onkels eine zweite Heimath finden, liebe Agathe!« sprach sie tröstend. »Sei doch guten Muthes; deine Zukunft wird sich gewiß besser gestalten, als du jetzt fürchtest!«

»O, bei meinem Onkel, Fanny,« schluchzte Agathe; »das ist es ja eben, wovor ich mich fürchte! Ich kenne weder ihn, noch die Tante, und obwohl meine Mutter immer sehr gut von ihrem Bruder sprach, so ist er mir doch ein Fremder, und das Herz schlägt mir so unaussprechlich bange bei der Aussicht, in jenem Hause zu leben! Gott mag es mir verzeihen; denn gewiß sind solche Gedanken eine große Sünde, und ich sollte lieber dankbar dafür sein, daß sie die arme Waise bei sich aufnehmen.«

»Du bist noch zu unglücklich über den Tod deiner guten Mutter und siehst alle Dinge deshalb so trübe und schwer an, liebes Herz,« tröstete Fanny; Agathe aber schüttelte wehmüthig den Kopf und weinte still noch eine Weile am Herzen der Freundin. Endlich aber richtete sie sich auf, und getrost die Blicke zum Himmel aufschlagend, sprach sie ruhig: »Wie der liebe Gott es will, so mag es geschehen! Diese Thränen haben mein Herz erleichtert; nun ist mir wohl. Habe Dank, meine liebe Fanny, du treue Seele, daß ich mich gegen dich aussprechen durfte. Aber auch von dir soll ich ja scheiden, o von allem, was mir lieb und theuer ist!«

»Wir wollen uns recht oft schreiben, Agathe, das wird ein neuer Genuß sein, den uns die Freundschaft giebt,« rief Fanny heiter. »Aber nun komm' in den Garten; die Luft wird dir gut thun. Von dem vielen Lernen wirst du nur noch schwermüthiger.«

»Dürfte ich nur noch hier in der Pension bleiben, bis ich so weit ausgebildet wäre, um als Erzieherin mich nützlich zu machen!« seufzte Agathe, der Freundin folgend. »Mein größter Kummer wäre es, könnte ich beim Onkel meine Studien nicht fortsetzen, was ich fast fürchte.«

»Warte es doch nur erst ruhig ab, du kleinmüthiges Kind! Warum machst du dir nur im Voraus solche Skrupel?« scherzte Fanny und nach und nach gelang es ihr wirklich, die traurige Freundin zu erheitern und ihr die Zukunft in weniger düstern Farben erscheinen zu lassen. Traulich plaudernd gingen die beiden jungen Mädchen in dem Garten auf und nieder, bis die Hausglocke sie zum Abendbrod rief, und sie im Verein mit den übrigen Schülerinnen der Anstalt dem Hause zueilten.

»Kommst du mit mir, Agathe, Herrn Lobner Lebewohl zu sagen?« fragte am andern Morgen Fanny, indem sie schnell bei ihrer Freundin eintrat. »Sieh, diesen schönen Blumenstrauß und die reizende Tasse hat mir Mama für ihn geschickt; ich hoffe, er wird sich freuen. Hast du auch etwas für ihn, Agathe?«

»Ich? Nein, Fanny. Was könnte ich armes Mädchen bringen; ich habe ja nichts!« sagte Agathe traurig.

»O dann gieb du ihm die Blumen, bestes Herz!« drängte Fanny, Agathen den Strauß in die Hand drückend; diese aber gab ihn der Freundin sanft zurück und sagte leise: »Nein, Fanny, ich danke dir für deine Liebe. Aber ich denke, daß unser liebster Lehrer mir auch ohne dies sein freundliches Andenken bewahren wird, wenn ich ihm lieb geworden bin, und wäre dies nicht der Fall, so wird ihm mein Geschenk auch keine Freude machen.«

»So schenke ich ihm auch nichts!« rief Fanny ärgerlich.

»Das wäre sehr unrecht, da deine Mutter ihm dies Geschenk bestimmt,« sagte Agathe. »Komm, komm, es wird ihm gewiß Freude machen.«

Bald traten die beiden jungen Mädchen in das Zimmer des ersten Lehrers der Anstalt, Herrn Lobner, einem zwar noch jungen Manne, der sich aber durch seinen vortrefflichen Unterricht, wie durch die milde und doch ernste Weise, in welcher er den Schülerinnen gegenüber trat, die Liebe und Verehrung aller dieser jungen Herzen erworben hatte.

Mit Freude und Rührung empfing er den Dank der beiden jungen Mädchen, welche ihm jetzt schon Lebewohl sagten, obwohl sie noch einige Tage in der Pension blieben; aber seinen Unterricht sollten sie jetzt nicht mehr genießen. Der Tag ihrer Einsegnung lag vor ihnen und mit diesem die Trennung von dem Hause, das besonders Agathen unbeschreiblich lieb geworden war.

Milde ermahnende Worte gab Herr Lobner den jungen Mädchen mit auf den Weg: die lebhafte, etwas leichtsinnige Fanny ermahnte er zu Ernst und größerer Besonnenheit; der stillen Agathe sprach er Muth und heitere Zuversicht in die Seele. Mit unbeschreiblicher Wehmuth ruhte sein Auge auf der einsamen Waise, und wie segnend legte er seine Hand auf das Haupt des armen Kindes. Fanny's Geschenk nahm er freundlich dankend an, dann ergriff er Agathes Hand, und sein kleines Heft von dem Tische nehmend, sagte er bewegt: »Willst du mir wohl diese Arbeit als Andenken zurücklassen, Agathe? Es ist dein letzter Aufsatz; ich möchte mir ihn zur Erinnerung an meine fleißigste Schülerin aufbewahren.«

Agathe erröthete tief und vermochte nicht zu antworten; aber mit beiden Händen des theuren Lehrers Hand ergreifend, drückte sie dieselben inbrünstig an ihre Brust; dann eilte sie schnell zum Zimmer hinaus, denn Freude und Wehmuth bestürmten ihr Herz so mächtig, daß sie ihre Thränen nicht länger zurück halten konnte.

Palmsonntag war gekommen, und feierlich zitterten die Glockentöne durch die sonnige Frühlingsluft. Drinnen im Gotteshause stand andächtig eine Schaar junger Mädchen und Knaben an den Stufen des festlich geschmückten Altares und empfing die Weihe als Christen. Mit ihren eigenen Lippen sprachen sie jetzt das Gelübde aus, das sie in den Bund der Gemeinde Christi einführte, und tief bewegt erklang der Segen des Geistlichen am Schluß der Feier.

Auch Agathe war unter der Zahl jener festlich gekleideten Mädchen, welche jetzt vom Altar hinweg gingen, und die Augen mit dem Tuche verhüllend, sah sie nicht, wie sie einsam auf ihrem Stuhle zurück blieb, als Freunde und Verwandte herbei kamen, die Confirmanden aus der Kirche zu führen. — »Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf!« das waren die Worte, die der Geistliche ihr als Zuspruch mit in die Welt gegeben, und tief erschüttert fühlte sie die ganze Gewalt derselben. Sie hatte niemanden, als Gott im Himmel, den Vater der Waisen, an dem sie halten konnte; aber war Er nicht der festeste Stab, der treuste Helfer in Noth und in Kummer?

Still und getrost wollte das einsame Kind eben die Kirche verlassen, den Gefährtinnen folgend, da fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter, und eine sanfte Stimme sprach: »Gott segne dich, mein theures Kind!« Agathe wandte sich überrascht um und blickte in das treue Auge ihres Lehrers, welcher ihr innig die Hand drückte und dann tief bewegt an ihrer Seite blieb. Erst am Ausgange der Kirche trennte er sich von dem jungen Mädchen; denn hier wartete dieser ein zweites Herz, das treu und liebevoll für sie schlug. Es war die alte Anne Sommer, die Dienerin ihrer Mutter, welche Agathe seit ihrer frühesten Jugend gekannt, und dem einzigen Kinde ihrer theuren Herrin stets die wärmste Liebe bewahrt hatte. Frau Sommer war die Wittwe eines Corporals und eine gar wunderliche Alte; groß und kräftig von Gestalt, und doch so grau und runzlich wie ein alter verwitterter Ulmenbaum. Aber ihre Gutmüthigkeit und ihre frische Laune machten sie zum Liebling aller ihrer Bekannten, und trotz ihrer etwas auffallenden Manieren konnte niemand der alten Soldatenfrau böse sein. Agathe hing mit unendlicher Zärtlichkeit an dieser treuen Seele und ließ sich willig von ihr auf offner Straße herzen und küssen.

»Mein Herzchen, mein Vögelchen, meine arme, kleine Blume!« rief die Alte ganz hingerissen von Zärtlichkeit und streichelte Agathes bleiche Wangen mit ihren großen, rauhen Händen; dann schlang sie wieder ihre Arme um des Mädchens feine Gestalt, so daß diese ganz in den Kleidern der lebhaften Alten verschwand.

»Ach Anne, könntest du wenigstens mit mir ziehen, wenn ich hier fort gehe, dann fürchtete ich mich nicht so sehr,« seufzte Agathe. »Aber so allein in die fremde Stadt, zu diesen fremden Verwandten; ach Anne, es drückt mir fast das Herz ab!«

»Nur Courage, mein Goldkäferchen, nur immer stramm dem Feinde in's Auge gesehen, und Carée formirt, daß er dir nichts anhaben kann!« sagte die Alte fest und machte eine Bewegung, als schultre sie das Gewehr. »Wir Soldatenkinder fürchten uns vor keinem Popanz, und käme er selbst in Gestalt deiner Frau Tante! »Nur nicht ängstlich!« das war meines guten Corporals Sprüchwort, und das hat ihm zuletzt denn auch den Soldatentod gebracht, der alten braven Seele, Gott segne ihn!« »Wer weiß, wer weiß, mein Vögelchen, wie die Sachen kommen!« fuhr sie dann nach einer Pause geheimnißvoll fort, und in ihrem Kopfe zog Plan auf Plan vorüber, wie sie es wohl bewerkstelligen könnte, ihrem lieben Kinde nach Leipzig zu folgen, wohin dieses in wenig Tagen abreiste.

Noch einmal betete Agathe an den Gräbern ihrer theuren Eltern, von denen sie mit traurigem Herzen Abschied nahm; noch einmal umarmte sie ihre Schulfreundinnen, und vor allem die treue Fanny, und noch einmal blickte sie in die treuen Augen ihres geliebten Lehrers, — dann führte der fortrollende Wagen die junge Waise hinaus aus den lieben, bekannten Umgebungen, hinaus in die weite, fremde Welt. — Agathe hatte sich weinend in die Ecke des Wagens gedrückt, um sich den Blicken der Mitreisenden zu entziehen; da hörte sie ängstlich ihren Namen rufen und erkannte in der Morgendämmerung die große Gestalt ihrer treuen Anne, welche mit mächtigen Schritten neben dem Wagen herlief, der gemächlich über das Steinpflaster polterte.

»Hier, hier, mein Liebling, mein Goldkind!« rief Frau Sommer athemlos und warf Agathen ein Päckchen in den Wagen. »Hier nimm das hinein in dein Nestchen, mein armer, kleiner Vogel; es sind Pfefferkuchen, die du so gern knupperst; die alte Anne hat sie dir gebacken, daß du eine kleine Gesellschaft unterwegs hast. Der liebe Gott gehe mit dir, mein Herzblatt, mein süßes, armes Kindchen! Sei nicht gar zu traurig, sollst sehen, ich bin bald wieder bei dir. Adieu, adieu, mein Herzchen; behüt dich Gott, behüt dich Gott!«

Die letzten Sätze rief die treue Seele unter heftigen Schluchzen in den Wagen hinein, an dessen Fenster sie sich fest angeklammert hatte, und trotz des schnelleren Fahrens trabte sie athemlos noch eine Weile nebenher, bis endlich der Kutscher über das alte Weibergewinsel schimpfte und die Pferde zu schnellem Trabe anfeuerte. Da nickte die Alte ihrem Lieblinge noch einmal zu; die Finger lösten sich vom Kutschenschlage, und mit gefalteten Händen blickte Anne Sommer dem Wagen nach, ein Gebet für das Wohl der armen Waise auf den Lippen.

Zweites Kapitel. Die neue Heimath.

Es war schon völlig dunkel geworden, als Agathe in Leipzig ankam, dem Orte ihrer Bestimmung, und die Fahrt während des ganzen Tages in dem engen Wagen war ihr zuletzt so lästig geworden, daß sie sich freute, endlich am Ziele zu sein, so bange ihr auch das Herz vor Erwartung klopfte. — Vor einem alten düstern Eckhause in der Hainstraße hielt der Wagen, und schläfrig kam der Hausknecht mit der Laterne herbei, dem Kutscher zu leuchten, der hier einige Passagiere seines Lohnfuhrwerkes abzusetzen hatte. Die engen, finstern Straßen mit den hohen Häusern, deren Giebel und Erker weit vorsprangen und dem Himmel noch weniger Einblick gewährten, bedrückten Agathes Herz unbeschreiblich. Sie schaute in der völlig fremden Umgebung ängstlich um sich; da hörte sie plötzlich, wie eine grobe Stimme fragte: »Is Freiln Wiggers mit gekommen?«

»Ja ja, hier ist sie!« rief Agathe schnell und hätte den schmutzigen Lastträger vor Entzücken um den Hals fallen mögen, daß er unter all' den fremden Menschen sich ihrer annehmen wollte. Schnell sprang sie aus dem Wagen, und der Kutscher reichte den kleinen Koffer des jungen Mädchens herab, welchen der große Packträger wie einen leichten Ball auffing.

»Is das alles?« fragte er dabei verwundert, als Agathe sich zum Fortgehen anschickte. Auf deren bejahende Antwort blickte der Mann ordentlich mitleidig auf den kleinen Koffer, und gab einem Rollwagen, der neben ihm stand, einen Tritt, daß er zur Seite fuhr. »Na, der war von Ueberfluß!« murmelte er dabei lachend und rief einen Knecht herbei, der den Karren bis zu seiner Rückkehr in Verwahrung nahm. Dann schwang er den Koffer auf die Schulter, und schritt schnell vor Agathen her, Straße auf, Straße ab, bis sie vor einem Hause des Thomaskirchhofes Halt machten.

»Gehen Sie nur da 'nauf, liebes Mamsellchen,« sagte er auf die erleuchtete Treppe deutend. »Se kennen nich fehlen, die erste Thür rechts is es! Ich muß mit dem Kofferchen die Hintertreppe rauf, sonst giebts e Donnerwetter da oben!«

Er schob grüßend die Mütze zur Seite und verschwand im dunkeln Hofraum; Agathe aber stand bald vor der bezeichneten Thür, an welcher der Name Niedrer in goldner Schrift zu lesen war. Ach diese Thür allein trennte sie ja jetzt von der neuen Heimath! Was mochte alles hinter derselben auf sie warten; wie mochten diejenigen ihr entgegen treten, die ihr nun Vater und Mutter ersetzen sollten! Noch einmal wandte sie ihr Auge zu dem empor, der ihr Muth und Hoffnung gegeben, wenn sie verzagen wollte, und getrost streckte sie ihre Hand nach dem verhängnißvollen Klingelzuge aus.

Eine nette, freundliche Dienerin öffnete die Thür, und Agathe trat in den Vorflur. Auf ihre Frage nach Onkel und Tante sagte das Mädchen verlegen, der Herr sei verreist, und Madame eben im Begriff, in Gesellschaft zu gehen; sie wolle das Fräulein aber anmelden. Agathe ging es wie ein Frost durch die Glieder; das war ein sonderbarer Empfang. Sie hatte sich so unsäglich danach gesehnt, diesen Verwandten an das Herz zu sinken, diesen guten Menschen, die sich der armen Waise erbarmten; aber konnte sie das nun? Mit klopfendem Herzen folgte sie endlich der zurückkehrenden Dienerin, welche sie in ein elegantes Zimmer führte, mit der Weisung, sich etwas zu gedulden, Madame werde gleich kommen.

Agathe harrte bangen Herzens; die Erwartung wollte ihr den Athem fast rauben. Endlich ging die Thür auf, und eine große, stattliche Dame in eleganter Toilette trat rauschend in das Zimmer. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann streckte sie dem jungen Mädchen ihre mit vielen Ringen bedeckte Hand hin und sagte mit etwas schleppendem, affectirten Tone: »So, bist du da? Guten Tag, liebe.... Wie heißt du doch?«

»Agathe, liebe Tante!« flüsterte diese ängstlich und kam zaghaft herbei, der Dame die dargebotene Hand zu küssen. Doch noch hatte sie sich der Tante nicht ganz genähert, als sich plötzlich ein wüthendes Hundegebell erhob, und ein kleiner Bologneserhund zähnefletschend auf Agathe losfuhr. Erschrocken sprang diese einige Schritte zurück; die Tante aber lachte laut auf und hob den kleinen Hund auf den Arm, indem sie ihn herzte und küßte.

»Du spaßhafter, kleiner Bursche, willst wohl nicht leiden, daß man deiner Herrin die Hand küßt?« rief sie, den Hund von Neuem liebkosend. »Denkst, du hast allein das Recht dazu, mein kleiner Liebling? Soll dich wohl wieder gut machen für den Kummer, den ich dir verursacht, nicht wahr, kleines Bellochen? Nun so komm, weißt ja, wo's was Gutes für dich giebt, du Schelm!«

Dabei ging sie nach einem Glasschranke, und holte eine Hand voll des schönsten Confectes heraus, das sie dem Hunde darbot. Dieser beschnupperte es, wählte sich einige Stücke davon aus, und ließ sich dann beruhigt nach einem zierlichen Korbe tragen, in welchem von rothseidenen Betten sein Lager bereitet war, über das sich ein ebensolcher Baldachin wölbte.

Agathe hatte all' dem staunend und mit weit geöffneten Augen zugeschaut; sie glaubte zu träumen. Die Tante jedoch unterbrach ihre Reflexionen, indem sie sich jetzt wieder zu ihr wandte und sagte: »Du siehst, ich habe den kleinen Kerl etwas verwöhnt; aber er ist mir so lieb, daß ich ihm nichts verweigern kann. Ich hoffe, ihr werdet auch gute Freunde werden; denn ich will ja meinen kleinen Liebling deiner speciellen Sorge anvertrauen. Meine alte Cousine, die ihn bis jetzt versorgte, versteht ihn nicht richtig zu behandeln; deshalb ist es mir ganz lieb, daß du zu uns kommst! Aber jetzt muß ich fort, liebes Kind,« schloß die Dame, einen prachtvoll türkischen Shawl um die Schultern schlingend; »laß dir in der Leutestube etwas zu essen geben, wenn du Hunger hast!«

Dabei ging sie mit affectirt vornehmer und majestätischer Haltung an Agathen vorüber, und nickte ihr einen leichten Gruß zu; dann war sie fort. Agathe stand lange wie gelähmt noch immer an derselben Stelle und blickte der Tante mit starren, verwunderten Augen nach. Sie also war es, die ihr die Mutter ersetzen sollte! Wieder lief es dem jungen Mädchen wie Eis durch die Adern, und voll Schrecken überdachte sie die Worte, welche sie gehört hatte. Unfreundlich war die Tante nicht gewesen, das mußte sich Agathe gestehen; aber doch hatte sie ihr nicht ein Wort gesagt, das sie freundlich im Hause willkommen geheißen, nicht eines, das ihr warm zum Herzen gesprochen hätte. »Ich will meinen kleinen Liebling deiner Sorge anvertrauen; deshalb ist es mir ganz lieb, daß du zu uns kommst!« Das war eigentlich der Inhalt der Rede, die sie begrüßt hatte. »Also Hundewärterin!« sprach Agathe leise vor sich hin und blickte nach der Wiege des Schooshundes. »Deshalb bin ich hier willkommen, nur deshalb!« — »Aber nein, ich thue der Tante gewiß Unrecht,« dachte sie dann wieder; »ich bin so reizbar, so empfindlich, hatte einen so anderen Empfang erwartet! Es wird gewiß anders, wenn ich erst hier bekannt bin. Die Tante ist gewiß gut, sonst wäre sie zu dem Hunde auch nicht freundlich.« Lange stand das junge Mädchen und überdachte in dieser Weise alles, was sie gehört und gesehen; da endlich öffnete sich die Thür, und ein altes, gutes Gesicht blickte herein.

»Willst du nicht etwas Warmes genießen, liebes Kind?« sprach eine sanfte Stimme, und Agathe sah nun eine kleine, verwachsene Frauengestalt neben sich, deren unregelmäßiges, altes Gesicht mit gewinnender Freundlichkeit zu dem jungen Mädchen aufblickte.

»Ich bin die Cousine, liebes Kind!« sprach sie zutraulich, Agathes fragende Blicke verstehend. »Ich besorge das Hauswesen und habe dir etwas Warmbier zurecht gemacht. Ich denke, es soll dir gut thun. Willst du mit mir kommen?«

Agathe folgte ihrer gutherzigen Führerin nach einem kleinen Zimmer, das neben der Küche lag, und das ganz hübsch und behaglich aussah, so einfach auch die Einrichtung desselben war. Ein kleiner, gedeckter Tisch stand am Fenster, und bald füllte der Duft des würzigen Warmbiers die Stube und erregte in Agathen lebhafte Eßlust, denn sie hatte den Tag über wenig genossen. Die Cousine leistete ihr Gesellschaft, und gemüthlich saßen sie in traulichem Geplauder beisammen. Agathe war glücklich, ein Wesen hier zu finden, das ihr Theilnahme bewies, und gegen das sie sich aussprechen konnte.

»Ja, es ist ein wunderliches Haus, in das du hier eintrittst, liebes Kind!« sagte die Cousine seufzend, nachdem Agathe ihre Verwunderung über den sonderbaren Empfang ausgesprochen hatte; »du wirst dich noch über vieles verwundern.«

»Aber der Onkel, liebe Cousine, wie ist denn der?« sprach das junge Mädchen gespannt.

»Mein Vetter! Hm, der möchte freilich wohl manches anders haben!« erwiederte die Kleine; »aber was kann das helfen! Er ist ein guter, lieber Mann; aber seine Schwäche erlaubt ihm nicht, der Frau zu wehren, wenn sie launisch und böse ist, und so bleibt es beim Alten. Sie regiert, er gehorcht, das ist das Ende von allen Dingen.«

»Wo ist er denn? Ich hatte gehofft, ihn sogleich kennen zu lernen!« seufzte Agathe.

»Mein Vetter freute sich auch darauf; aber die Cousine brauchte allerlei für das Geschäft; da mußte er fort, er mochte wollen oder nicht!« sagte Jene. »Aber morgen früh kommt er zurück.«

»Für das Geschäft? Was denn für ein Geschäft?« entgegnete Agathe. »Ich glaubte, der Onkel sei Buchhalter des Hauses F. und habe selbst kein Geschäft?«

»Er nicht, aber sie!« sagte die Cousine. »Es ist ein Putzgeschäft, das Madame als Mädchen schon gehabt hat, und da es ihr selbst keine Mühe macht, aber Geld einbringt, so setzt sie es fort: denn Geld braucht sie zu ihrem Staate mehr, als er ihr geben kann. Unter den Nätherinnen wirst du nun wohl auch dein Plätzchen bekommen, liebe Agathe; Madame hat schon davon gesprochen.« »Ich soll Putzmacherin werden?« rief Agathe auffahrend, und helle Gluth bedeckte ihr bleiches Gesicht. »Wenigstens weiß ich es nicht anders!« entgegnete die Cousine achselzuckend.

Agathen entsank der Bissen Brod, den sie zum Munde führte, und Thränen stürzten aus ihren Augen. »O meine schönen Träume!« rief sie traurig und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Die gute Alte blickte mitleidig auf das junge Mädchen und seufzte leise, dann aber suchte sie ihr Muth und Trost zuzusprechen. Sie irre sich vielleicht; die Tante habe es vielleicht ganz anders im Sinne, als sie sich denke, und am Ende könne es einem jungen Mädchen ja nicht schaden, wenn sie etwas Putzmachen lerne; es sei eine gar gute und nützliche Zugabe für's Leben. Agathe war gern bereit, Trostgründen Gehör zu leihen, auch konnte sie den vernünftigen Worten ihrer Gefährtin nicht so ganz Unrecht geben. Sie sprachen noch eine lange Zeit mit einander; endlich aber fielen Agathen die Augen vor Müdigkeit zu, und die Cousine führte sie in ein Nebenzimmerchen, in welchem außer wenigen Meubel zwei Betten standen.

»Wir schlafen hier zusammen, liebes Kind,« sagte die gute Alte freundlich; dann half sie dem jungen Mädchen beim Auskleiden, und trotz der vielen Gedanken, welche auf Agathe einstürmten, schloß der Schlaf dennoch bald ihr müdes Auge, und führte sie zurück in den lieben, schönen Kreis, den sie verlassen. —

Drittes Kapitel. Erster Morgen.

Als Agathe am folgenden Morgen erwachte, konnte sie sich lange Zeit gar nicht besinnen, wo sie denn sei und was mit ihr vorgegangen. Das freundliche Gesicht der alten Cousine, das zur Thür herein schaute, rief ihr jedoch sogleich alles Erlebte zurück, und schnell erhob sie sich, um sich anzukleiden.

»Der Onkel ist soeben zurück gekommen,« sagte die Cousine. »Er erwartet dich vorn im Zimmer; eile dich, liebes Kind!«

Agathe kleidete sich so schnell als möglich an, und bald hatte sie ihre Toilette beendet. Sie trug noch Trauerkleider; denn ihre Mutter war erst kürzlich gestorben.

In dem kleinen Zimmer nebenan, dessen Thür Agathe zögernd öffnete, kam ihr der Onkel, ein kleiner, starker Mann, mit ausgebreiteten Armen entgegen.

»Sei mir willkommen, mein liebes Kind!« sagte er sanft und zog das junge Mädchen in seine Arme. Agathe schmiegte sich bewegt und glücklich an die Brust des lieben Mannes, den sie zwar noch nie gesehen, aber der sie so herzlich begrüßte, als sie nur hoffen und wünschen konnte. Nun stellte dieser das junge Mädchen vor sich hin und betrachtete sie prüfend von oben bis unten.

»Ganz wie meine liebe, gute Schwester, als sie so jung war!« rief er dann bewegt und streichelte Agathes Wange. Ganz ihre lieben, blauen Augen und das weiche, braune Haar! »Sei nur auch so fromm und brav, als sie es war, mein Kind, so wird es dir gut gehen.« Das junge Mädchen küßte die Hand das Onkels, dieser aber sagte etwas hastig: »Jetzt komm aber zu meiner Frau, sie erwartet dich, und — und wenn sie vielleicht manchmal etwas streng gegen dich ist, so denke immer, sie meint es gut mit dir, und verliere den Muth nicht; es wird alles schon ganz gut werden.« Agathe folgte dem Onkel und fand in dem Zimmer, in welchem die Tante sie gestern empfangen, einen reich besetzten Frühstückstisch, an dem Madame in Gesellschaft ihres Hundes das Frühstück einnahm.

Agathes freundlichen Morgengruß erwiederte sie mit leichtem Kopfnicken; dann aber wandte sie sich zu ihrem Gatten und sagte verdrießlich: »Du läßt mich lange warten, Albert! Ich dächte, Agathe konnte zu dir kommen, statt daß du sie aufsuchtest!«

»Nein, liebe Marie, ich hatte sie gestern bei ihrer Ankunft nicht begrüßen können, darum ging ich gleich jetzt zu ihr,« sagte Herr Niedrer sanft. »Uebrigens brauchtest du ja nicht mit dem Frühstück auf uns zu warten.«

»Das habe ich auch nicht! Aber du weißt, daß ich Bellochen die Milch nicht gern selbst gebe, das ist deine Sache!« sagte Madame ärgerlich. »Das arme, kleine Thier stirbt fast vor Hunger.«

Der gehorsame Gatte ergriff schnell die zierliche Schale mit Milch, blies, daß sie sich abkühlte, und neigte sich dann zu dem Hunde herab, der knurrend den Morgentrunk zu sich nahm. Den Kuchen, aus welchem ferner das Frühstück des Kleinen bestand, reichte ihm die Hand seiner Herrin. Bellochen beliebte es jedoch, von demselben nur die oberste Zuckerdecke abzulecken; den darunter liegenden Kuchenteig stieß er knurrend mit der Schnauze von sich, und Madame griff schnell nach einem andern Stück Kuchen, das der liebe Hund dann abermals in gleicher Weise beknabberte. Darauf streckte sich das Thier gähnend und mit der Zunge die Schnauze beleckend und legte sich endlich mit geschlossenen Augen auf dem Sopha zurecht, an der Seite Madames.

Agathe hatte belustigt zusehen; aber sie wußte nicht, ob sie es wagen durfte, sich an den Tisch zu setzen, da die Tante gar keine Notiz von ihr nahm. Sie zupfte ängstlich an ihrem Taschentuche, strich sich den kleinen Kragen glatt und trat verlegen von einem Fuße auf den andern.

»Aber so komm doch näher, du schüchternes Kind, und frühstücke mit uns!« rief jetzt der Onkel, der ihre Verlegenheit bemerkte, und schob einen Stuhl herbei, auf dessen äußerster Ecke Agathe schüchtern Platz nahm.

»Ich dächte, sie könnte sich den Stuhl wohl selbst holen; junge Mädchen müssen sich nicht bedienen lassen!« sagte Madame scharf. Ein peinliches Schweigen entstand, das nur durch das Geklapper von Tassen und Löffeln unterbrochen wurde, und Agathen stand der Angstschweiß auf der Stirn. Sie dachte mit Sehnsucht an die frohe Frühstücksstunde in der Pension, wo sie zwar nur Milch und trocknes Weißbrod erhielten; aber wie viel tausend Mal besser hatte ihr dies geschmeckt, als hier in diesem eleganten Zimmer der süße Kaffee und das leckere Gebäck, welches der Onkel ihr reichlich zuertheilte. Die Tante kümmerte sich um nichts, als um ihren Hund, der etwas verstimmt schien, denn er fing an zu knurren und sich unruhig hin und her zu werfen. Wahrscheinlich litt er an Verdauungsbeschwerden.

»Wie sehr Agathe meiner Schwester gleicht, Marie!« sagte der Onkel endlich, die Stille unterbrechend. — »Ich glaubte, deine Schwester sei schön gewesen,« erwiederte Frau Marie gleichgültig.

»Ja, das war sie auch, und Agathe hat ganz diese hellblauen Augen. Sie wird ihr gewiß noch viel ähnlicher werden, wenn sie älter ist,« sagte der Onkel.

»So? Nun meinetwegen; aber so lange sie dieses blasse Gesicht hat, ist von Schönheit keine Rede,« entgegnete die Tante und streckte sich auf dem Sopha. »Aber laß mich jetzt in Ruhe; ich bin wieder so furchtbar angegriffen.«

»Ach leiden Sie auch an den Nerven, wie meine Mama?« wagte jetzt Agathe zu sagen. »Sie sehen so wohl aus; ich hätte es nicht gedacht!«

Das war ein schlimmes Wort, das schlimmste fast, was sie hätte sagen können! Es berührte den unangenehmsten Punkt in den Empfindungen Madames; denn niemand durfte daran zweifeln, daß sie schwach und leidend sei, obwohl sie nur aus Bequemlichkeit und Ziererei die Kranke spielte.

Unwillig blickte sie deshalb Agathe bei diesen Worten an, und das helle, blaue Auge erhielt etwas so Stechendes, daß Agathes Herz erzitterte.

»Denkst du etwa, ich verstelle mich?« rief sie, dunkelroth vor Aerger. »Das sind oft gerade die schlimmsten Uebel, bei denen man wohl und blühend aussieht!« — »Aber,« fuhr sie dann streng fort, »jetzt mein Kind, steh' auf, und mache dich nützlich! Hier, übernimm gleich zuerst dein tägliches Geschäft, meinen kleinen Bello zu waschen und ihm dann die Locken zu kämmen. Aber daß du ihm ja nicht weh thust, wie die Cousine, die immer so furchtbar unzart mit dem armen Thierchen umgeht!«

Agathe war sehr erschrocken über den Verweis, den sie erhalten, und verschluckte nur mit Mühe die Thränen. Schnell stand sie vom Stuhle auf und näherte sich dem Hunde, um ihn auf den Arm zu nehmen. Aber knurrend fletschte ihr dieser die Zähne entgegen und drohte zu beißen. Das brachte der Tante ihre gute Laune zurück; lachend gab sie Agathen ein Stück Zucker und sagte: »Du mußt dir erst seine Gunst erwerben. Da, gieb ihm das, dann wird er nicht beißen.«

Agathe that, wie ihr geboten, und wirklich ließ sich der verzogene, kleine Hund jetzt ruhig auf den Arm nehmen.

»Geh' nur zur Cousine, die wird dir zeigen, was du zu thun hast; aber eile dich, es wartet noch andere Arbeit!« rief die Tante, und Agathe war froh, auf diese Weise wenigstens wieder zum Zimmer hinaus zu kommen; ihr Schutzgeist, der Onkel, war schon vor ihr fortgegangen, seinen Geschäften nach, die ihn bis Mittag vom Hause fern hielten.

Aber welch' böse Arbeit war diese Hundetoilette! Mit warmem Wasser und feiner Seife wurden die langen Haare des Thieres erst wieder und wieder gebadet, dann säuberlich abgerieben und endlich mit Kamm und Bürste gekämmt und geglättet, als wären es die Locken eines kleinen Kindes. Aber Bello betrug sich bei seiner Toilette viel schlimmer, als das unartigste Kind; denn er zappelte und bellte und biß um sich, da ihm Agathe eine fremde Wärterin war, so daß diese ohne die Hülfe der Cousine nimmermehr damit zu Stande gekommen wäre. In Schweiß gebadet, mit verschobenen Kleidern und zerkratzten Händen trug sie das kleine Ungethüm endlich zu seiner Herrin zurück, welche noch immer behaglich auf dem Sopha ruhte, und in die Lectüre eines Romanes vertieft war.

»Hier, gieb dem Thierchen sein zweites Frühstück!« rief nun Madame, Agathen Semmel, Butter und feine Wurst hinschiebend. Das junge Mädchen schnitt ein zierliches Brödchen ab, bestrich es mit Butter und legte eine Wurstscheibe darauf.

»Mein Gott, schmiere doch nicht so mager!« rief Madame entrüstet, »und ich glaube gar, du verlangst, daß Bellochen die Schale mitessen soll!« — Still lächend verbesserte Agathe die Fehler und hielt dem Hunde das Frühstück hin. Das Thier knurrte verdrießlich, fraß erst die Wurstscheibe vom Brode, dann leckte er die Butter ab; mehr aber mochte er nicht, er war entschieden nicht bei Laune. »Das arme, kleine Thier!« rief Madame ängstlich; »wenn er nur nicht krank wird! Lege ihm sein Bettchen glatt, er wird schlafen wollen.«

Als Agathe den Hund auf sein Lager möglichst sanft gebettet hatte, sagte die Tante, sich vom Sopha erhebend: »Nun komm mit mir; ich will dir zeigen, was du weiter thun sollst, denn ein junges Mädchen muß immer fleißig sein, und wer essen will, muß auch arbeiten.«

Sie ging schnell voraus, durchschritt ein Nebenzimmer und öffnete endlich die Thür eines großen Gemaches, in dem eine Anzahl junger Mädchen eifrig bei der Arbeit saßen. Vor ihnen auf großen Tischen lag eine Menge Draht, Stroh, Seidenzeug, Band und Blumen, sowie angefangene Hüte und Hauben, und lustig flogen die Finger mit der Nadel durch die Arbeit. Als Madame Niedrer eintrat, erhoben sich die jungen Mädchen grüßend und setzten um so eifriger ihre Näherei fort.

»Hier bringe ich Ihnen eine neue Schülerin, Fräulein Schneider,« sagte Madame und wandte sich zu einer etwas ältlichen Dame, welche den jungen Mädchen zur Seite auf einem erhöhten Stuhle saß.

»Meine Nichte Agathe wird jetzt hier mit arbeiten; haben Sie die Güte, sie anzuleiten. Komm Agathe,« sprach sie dann zu dem zaghaft um sich blickenden Mädchen, »hier ist Fräulein Schneider, die Directrice des Geschäfts. Sie wird dir zeigen, was du zu thun hast; gieb dir ja rechte Mühe, etwas zu lernen.«

Nach diesen Worten wandte sie sich zu den jungen Näherinnen und betrachtete deren Arbeit. Mit einigen war sie zufrieden, an vielen aber hatte sie etwas zu tadeln, und besonders lange sprach sie mit Fräulein Schneider über die Garnirung der Hüte, welche sie anders wünschte. Agathe bewunderte im Stillen, wie gut die Tante mit all' diesen Sachen Bescheid wußte, und besonders, wie schön und geschmackvoll die Anordnungen waren, welche sie für die Zusammenstellungen der einzelnen Theile gab. Aber der Ton, in welchen sie mit den Damen redete, war nicht angenehm. Kurz und bestimmt gab sie ihre Befehle, zwar nicht unfreundlich, aber kalt und scharf, wie Nordwind. Alles athmete auf, als sie sich endlich wieder entfernte. Die jungen Mädchen blickten sich bedeutungsvoll an und zischelten lachend unter einander, und auch Fräulein Schneider schaute froher d'rein, als vorher. Sie bat Agathe, neben ihr Platz zu nehmen und gab ihr eine leichte Arbeit in die Hand.

»Haben Sie schon etwas Putzmachen gelernt, Fräulein?« sagte sie dabei freundlich.

»Nein, niemals,« entgegnete Agathe. »Ich komme eben aus der Pension und da hatten wir zu Handarbeiten wenig Zeit.«

»Ist es Ihr Wunsch, das Putzmachen zu lernen?« fragte die gute Dame theilnehmend weiter.

»Ach nein, mein Wunsch ist es bis jetzt nie gewesen,« sagte Agathe unbefangen. »Ich wollte ja so gern Erzieherin werden.«

»Erzieherin?« rief Fräulein Schneider verwundert. »Welche sonderbare Idee! Da muß man ja so viel lernen! Nein, liebes Kind, werden Sie lieber Putzmacherin; das ist eine leichte, angenehme Beschäftigung, so recht etwas für uns Damen, und wer sein Fach gut versteht, der findet immer sein Brod dabei. Das sehen Sie am Besten an Madame Niedrer, unserer Frau Principalin. Sie hat sich als Mädchen schon damit ihren guten Unterhalt verdient, und jetzt ist es ihr immer noch eine schöne Erwerbsquelle, denn sie hat gar vornehme Kundschaft. Aber freilich, einen bessern Geschmack, als Madame, hat auch niemand unter den Modisten in ganz Leipzig; das muß man sagen! Obwohl sie jetzt nicht mehr selbst arbeitet, so versteht sie die Sachen doch besser, als wir Alle, und ehe sie nicht gesehen hat, wie ein Hut oder eine Haube garnirt ist, schicke ich nichts nach dem Verkaufszimmer. — Da sehen Sie z. B. diese Capotte!« fuhr die gesprächige Dame lebhaft fort und hob einen violetten Sammthut empor. »Ich wollte sie mit grünen Blättern und weißen Knospen garniren; es sah recht hübsch aus. Aber Madame warf nur einen Blick darauf, und da sah ich wohl, wie wenig ihr mein Arrangement gefiel. Und ich muß ihr Recht geben; denn kann man wohl etwas Geschmackvolleres finden, als diese dunklen Stiefmütterchen mit dem feinen goldnen Rande, welche sie statt der Blätter und Knospen wählte? Der Hut ist dadurch so fein, so vornehm geworden, daß ihn eine Prinzessin aufsetzen könnte, ohne sich der Arbeit zu schämen. Nun wer weiß, was kommt. Es wäre nicht das erste Mal, daß der Hof uns mit seinen Aufträgen beehrte; denn in Dresden hat man gar keinen Geschmack. Leipzig ist klein Paris, und Madame Niedrer's Geschäft kann es mit jedem Pariser Modistenladen aufnehmen; das weiß ich so sicher, als ich schon seit 10 Jahren hier auf diesem Stuhle sitze!« Sie sprach dies alles mit einem unaussprechlichem Stolze und Selbstbewußtsein, und ihre kleine Gestalt wuchs ordentlich auf dem hohen Stuhle. Agathe aber blickte mit stillem Entsetzen zu der gesprächigen Dame auf, denn der Gedanke, zehn Jahre hindurch hier zu sitzen, Tag für Tag, Sommer und Winter, von Morgens früh bis Abends spät, erregte ihr förmlich ein Grauen.

»Zehn Jahre? Das ist ja schrecklich! Ist Ihnen das Putzmachen denn da nicht unerträglich geworden?« rief sie unwillkürlich und seufzte tief auf.

Die jungen Mädchen stießen sich mit dem Ellbogen gegenseitig an und lachten heimlich; Fräulein Schneider aber sah mit strengen Blicken von ihrem Throne herab und rief: »Lassen Sie das alberne Lachen, meine jungen Damen. Fräulein Agathe wird bald selbst finden, wie angenehm unsere Arbeit ist, sobald sie sich näher damit befreundet.«

Agathe dachte im Herzen, zu dieser Ueberzeugung werde sie wohl nie kommen; denn wenn weibliche Arbeiten ihr auch nie unangenehm gewesen waren, so sah sie es doch als ein großes Mißgeschick an, sich nur mit der Nadel, nie aber mit Lesen, Schreiben und Zeichnen beschäftigen zu können. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und arbeitete ruhig weiter.

Die jungen Mädchen durften nicht viel sprechen, weil sie dies von ihrer Arbeit abzog, und da jetzt auch Fräulein Schneider schwieg, hörte man nichts, als das Rascheln des Seidenzeuges und das Pfeifen der vielen Fäden, welche mit der Nadel durch die Arbeit fuhren. So verging Stunde um Stunde. Nur einmal, als die Glocke elf schlug, entsank die Nadel den Händen. Jedes der jungen Mädchen zog eine trockene Semmel aus der Tasche, und ein allgemeines frugales Frühstück, bei dem ein Glas Wasser das Getränk abgab, unterbrach den rastlosen Eifer. In dieser Arbeitspause durften sich auch die Zungen rühren, und nun schwatzte und lachte und zischelte es durcheinander, daß es eine Lust war. Agathe arbeitete still weiter, denn sie hatte kein Frühstück, und sie war während ihrer stillen Arbeit, bei der sie ungestört denken konnte, so traurig geworden, daß sie auch gar keine Lust zum Essen hatte.

Aber da öffnete sich die Thür, und die alte Cousine kam freundlich grüßend herein.

»Ich bringe dir das Frühstück, liebe Agathe,« sagte sie, dem jungen Mädchen eine Semmel reichend. »Verzeih', daß ich sie dir trocken gebe; aber fette Speisen dürfen nicht hier in das Arbeitszimmer kommen; es würde gar zu leicht etwas dadurch verdorben.«

»O, ich kenne es nicht anders; in der Pension gab es auch keine Butter,« entgegnete Agathe und griff dankend nach dem Weißbrod. Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken hin nach der lieben Pension, in der jetzt auch gerade Freistunde war und Semmeln verzehrt wurden. O, könnte sie dort sein, nur eine Viertelstunde, dort unter den lieben, fröhlichen Freundinnen; könnte sie, wie sonst, von ihren Stunden, ihren Arbeiten, ihren Lehrern mit ihnen plaudern, ein paar Mal durch den Garten laufen, um frische Luft zu schöpfen; es war so eng, so schwül, so drückend hier in dem Arbeitszimmer! Aber was half das alles; sie saß hier, und mußte hier bleiben. Die Frühstückszeit war jetzt vorüber, und eifrig ging es nun wieder an die Arbeit. Bald fuhren wieder die Nadeln wie Blitze durch die Luft, und Schweigen breitete sich wie vorher über die fleißigen Arbeiterinnen. Zwei Stunden vergingen noch so; aber als es ein Uhr schlug, erhob sich Fräulein Schneider, legte die Arbeit fort, verneigte sich und verschwand. Dies war das Lösungszeichen für die junge Schaar. Die Arbeit flog zur Seite, und nicht fünf Minuten vergingen, so war das Zimmer leer, und Agathe blieb allein zurück. Aber auch sie warf jetzt schnell die Arbeit aus der Hand und seufzte tief auf; denn noch nie in ihrem Leben hatte sie so viele Stunden hinter einander genäht. Der Kopf war ihr ganz dumm davon geworden; er hatte so gar keinen Theil an der Arbeit der Hände nehmen können. Die Finger thaten ihr weh, der Rücken schmerzte, und sie war so müde, als hätte sie drei Tage hinter einander genäht. »Lieber zwölf Stunden schreiben und lesen, als zwei hinter einander nähen!« seufzte sie und blickte zum Fenster hinaus, wo sie einige der jungen Mädchen eilig die Straße hinauf trippeln sah.

»O, die sind doch frei und können fort aus diesem Hause!« dachte Agathe sehnsüchtig. »Aber ich, ich bin hier fest gebannt, kann nicht fort, muß Hunde warten, Hüte nähen und mich schelten lassen; — o mein Gott, mein Gott, ich bin doch zu unglücklich!«

Sie drückte das Gesicht in beide Hände und weinte bitterlich. Die Thränen erleichterten ihr Herz, und bald kamen ruhigere Gedanken. »Könnte es nicht noch viel schlimmer sein, du thörichtes Kind?« tönte es in ihrer Brust. »Was bist du denn, daß du so große Ansprüche machen kannst? Die Tante ist nicht zärtlich, aber doch auch nicht gerade unfreundlich gegen dich. Du hast ihren Hund zu besorgen; das ist nicht sehr angenehm, aber doch auch kein großer Kummer, und daß du wie diese anderen jungen Mädchen viele Stunden bei der Näharbeit sitzen mußt, geschieht ja, damit du etwas lernst. Das ist doch eigentlich sehr vernünftig von der Tante gehandelt; denn sie will dir die Mittel geben, dir später selbst fortzuhelfen. Du wünschtest dies freilich in einer andern Weise zu thun, aber das kostet wieder Geld; denn zum Lernen braucht man Unterricht, und wer soll den bezahlen?«

Solche Gedanken kamen der guten Agathe noch gar viele; aber so sehr sie sich auch bestrebte, ihr Geschick ruhig hinzunehmen, es wollte und wollte nicht gehen! »O wenn ich nur lernen dürfte, um Erzieherin werden zu können, dann wollte ich alles, alles ertragen!« das war immer wieder der Schluß aller ihrer Gedanken und Betrachtungen.

Endlich wurde sie von der Cousine zum Mittagessen gerufen, und ihr trauriges Gesichtchen in ein möglichst heiteres verwandelnd, verließ sie mit der guten Führerin das Arbeitszimmer.

Viertes Kapitel. Schooßhund und Zughüte.

Die Tante hatte bestimmt, daß Agathe mit der Cousine zusammen das Mittagbrod einnahm; sie selbst aß später, denn Herr Niedrer kam erst um drei Uhr aus dem Comptoir nach Haus. Um diese Zeit aber sollte Agathe schon wieder mit den Arbeiterinnen fleißig sein, deren Arbeitsstunden von Morgens neun bis Mittag ein Uhr währten, dann Nachmittag von zwei bis sieben Uhr. Agathe freute sich, daß sie mit der guten Cousine so traulich allein an dem kleinen Eßtisch im Fenster, wo sie gleich am ersten Abend mit ihr gesessen, ihr Mittagbrod verzehren konnte; leider aber war die freie Stunde bald vorüber, und Schlag zwei Uhr mußte sie wieder in das Arbeitszimmer. Da fing der Fleiß wie des Morgens von Neuem an und dauerte ohne bedeutende Unterbrechung bis sieben Uhr. Fröhlich packte die junge Gesellschaft dann alles zusammen; lachend und scherzend ging es zum Hause hinaus, und Agathe war wieder allein, beneidete wieder die forteilenden Mädchen, welche doch jetzt am Abend wenigstens frei waren und ihrem Familienkreise zueilen konnten. Sie hatte ja keine Eltern, keine Geschwister, die sie freudig erwarteten; ungeliebt und unbeachtet stand sie allein in der Welt; niemand sehnte sich nach ihr, niemand bedurfte ihrer, niemand fragte nach ihrem Wohl und nach ihrem Weh! O es war zu traurig, zu niederdrückend. Die trüben Gedanken kamen wieder über sie, stärker und banger als je; denn die langanhaltende, ungewohnte Arbeit war ihr unerträglich und hatte ihr allen Muth und alle Hoffnung genommen. Mit Grauen dachte sie daran, daß es so einen Tag wie den andern fortgehen sollte. Sie blickte in ihre Zukunft wie in einen dunklen, erschreckenden Nebel, der sie einhüllen und alle Hoffnungen ersticken würde.

»Aber meine freie Zeit soll wenigstens meinen armen lieben Büchern gehören!« rief sie endlich froh auffahrend und eilte nach ihrer Kammer. Die gute Cousine hatte ihre wenigen Sachen nett und sauber in Schrank und Komode geordnet, und mit wahrem Jubel griff Agathe nach einem Werke Schillers, ihres Lieblingsdichters, dessen Schriften sie noch von ihrer Mutter zum letzten Geburtstage erhalten hatte. Sie verlor sich schon nach kurzer Zeit so sehr in die wundervolle Sprache des Trauerspiels: »Die Jungfrau von Orleans,« in welches sie sich vertiefte, daß sie den Eintritt der Tante gar nicht bemerkte, welche plötzlich neben ihr stand. Agathe fuhr empor, als hätte sie ein Unrecht begangen und legte das Buch schnell zur Seite. »Befehlen Sie etwas, liebe Tante?« fragte sie hastig.

»Ich wollte wissen, was du treibst,« sagte diese kalt. »Du hast den ganzen Tag gesessen; es ist nöthig, daß du dir jetzt einige Bewegung machst, du wirst sonst noch bleicher. Geh' aus, und sieh dir die Stadt an, und nimm Bello mit dir; er ist heute auch noch nicht an die Luft gekommen.«

»Ja wohl, liebe Tante!« entgegnete Agathe, blickte aber ängstlich zum Fenster hin, denn es war schon fast ganz dunkel, und sie völlig fremd in der Stadt.

»Die Cousine kann dich heute ein Stück begleiten, damit du dich nicht verläufst,« sagte Madame Niedrer, indem sie sich wieder entfernte.

»Die Tante ist doch sehr gut, daß sie so für meine Gesundheit sorgt,« dachte Agathe und kleidete sich schnell an, so ungern sie ihrem Buche Lebewohl sagte. Dann lockte sie den Hund mit einem Stück Kuchen an sich, nahm ihn auf den Arm und eilte, von der Cousine begleitet, in's Freie. Sie ergötzte sich an dem bunten Treiben, das die Straßen dieser Handelsstadt belebte; aber das Gewirr in denselben, die hohen, überhängenden Häuser, die dunkeln Höfe und Gäßchen, durch welche sie gingen, und die in der Dämmerung noch unheimlicher aussahen, bedrückten das Herz des jungen Mädchens mehr und mehr. Dazu kam, daß Bello unruhig wurde und weder auf Agathes Arm, noch auf dem der Cousine bleiben wollte, und doch wagte Agathe nicht, ihn auf den Boden zu setzen; denn in dem Gewühl und der Dunkelheit hätte sie ihn sicher verloren.

»Warte, wir wollen ihn anbinden!« sagte die Cousine und zog eine Schnur durch das Halsband des Hundes. Aber damit war nichts gebessert; denn nun wollte das Thier nicht vom Fleck, bellte und stemmte sich, Agathe mochte ziehen, so viel sie wollte. Die Vorübergehenden lachten und neckten die junge Hundewärterin, so daß diese dem Weinen nahe war. Aber die Cousine tröstete und half treulich, indem sie den Widerspenstigen von hinten mit dem Fuße vorwärts stieß, und so, ziehend und stoßend gingen sie ein Stück Weges weiter. Aber endlich trat ein muthwilliger Bursche dem Hunde auf eine Pfote, und nun war nichts mehr mit dem Thiere anzufangen. Winselnd warf es sich zu Boden, und als ihn Agathe wieder auf den Arm nahm, war er so bissig und bösartig, daß der Spaziergang möglichst schnell beendigt werden mußte.

Die Tante war sehr ärgerlich, sowohl über den Unfall, der ihrem Lieblinge widerfahren war, als über die schnelle Rückkehr Agathes. »Mein armes Hundchen bedurfte der frischen Luft so sehr,« sagte sie, »du hättest ihn wohl noch eine Weile führen können.«

»Aber liebe Tante, es war ja nicht möglich; laufen wollte er nicht, und auf dem Arme blieb er auch nicht!« entschuldigte sich Agathe.

»Ach du verstehst das liebe Thier nur nicht zu behandeln!« rief die Tante heftig und streichelte die verletzte Pfote ihres Lieblings. »So unaufmerksam, ihn treten zu lassen!«

Das junge Mädchen wollte sich schüchtern zurückziehen, da sagte die Tante: »Bleib nur hier, Agathe; du sollst mit mir Karte spielen. Ich bleibe heute Abend zu Hause, denn ich bin so sehr angegriffen.«

»Karte, liebe Tante? Das kann ich nicht; ich habe nie Karte gespielt,« erwiederte Agathe erstaunt.

»So? Nun so geh' zur Cousine, sie soll es dir beibringen, damit du morgen mit mir spielen kannst,« sagte die Tante. »Die alte Person mag ich nicht mehr um mich haben, sie spielt auch gar zu schlecht! Gieb dir rechte Mühe, daß du es morgen schon kannst; ich langweile mich sonst zu schrecklich.«

»Ich will Ihnen vorlesen, liebe Tante, das ist doch hübscher als Kartenspiel,« wagte Agathe zu sagen, aber Madame entgegnete verdrießlich: »Nein, laß mich damit in Ruhe, das greift meine Nerven an und ist zum Einschlafen langweilig. Geh' nur, und lerne Kartenspiel.«

So blieb denn Agathen nichts anderes übrig, als den Befehlen der Tante zu gehorchen, und die alte Cousine um Unterricht in dieser völlig unbekannten Kunst zu bitten.

Es wurde ihr sehr schwer, alles das zu merken, was nöthig war, und der ganze schöne Abend verging, ehe sie Boston, das Lieblingsspiel der Tante, begriffen hatte, der schöne Abend, an dem sie sich so unsäglich gern mit ihren Büchern beschäftigt, ihren früheren wissenschaftlichen Arbeiten einige Zeit gewidmet hätte!

Den Onkel sah sie beim Abendbrod erst wieder. Er war freundlich wie am Morgen, aber um die Beschäftigungen Agathes bekümmerte er sich nicht; das war die Sache seiner Frau, dahinein durfte er sich nicht mischen.

Aber doch übertrug er ihr auch ein Geschäft, das Agathen mit der Zeit sehr angenehm wurde; es war das Vorlesen der Zeitung nach dem Abendbrode. Bald bestand in dieser Lectüre Agathes einzige geistige Beschäftigung; denn so wie dieser erste Tag, vergingen alle übrigen, nur mit dem Unterschiede, daß Agathe den Hund am Tage spazieren führen mußte, statt Abends, und zwar in der einzig freien Zeit von eins bis zwei Uhr, sobald sie ihr Mittagbrod verzehrt hatte. Doch war die Tante so gütig, ihr noch eine halbe Stunde länger zu bewilligen, ob zum Vortheil Agathes oder Bello's blieb freilich unentschieden. Bald hieß das junge Mädchen bei der fröhlichen Straßenjugend, welche sich um die Mittagszeit zum Spielen in der Nähe einfand, nur noch das »Hundefreiln.« Aber statt sie, wie im Anfange, zu necken, half ihr bald dieser, bald jener gutherzige Junge, den Hund zu beruhigen, wenn derselbe seine bösen Mucken bekam, und oft genug wurde er von solch' kecker Hand tapfer durchgeprügelt für seine Unarten, was Agathe durchaus nicht verwehrte; denn Bellochen lernte jetzt ordentlich, was es heißt, ein artiger Hund zu sein.

So vergingen Agathen die Tage in ihrer neuen Heimath. Am Morgen begann sie ihr Tagewerk mit der Toilette des Hundes, dann nähte sie bis ein Uhr, aß geschwind, und führte alsdann ihren Schutzbefohlenen an die Luft, was ihr freilich selbst sehr zuträglich war. Dann wurde wieder genäht bis sieben Uhr, und regelmäßiges Kartenspiel mit Onkel und Tante sowie schließlich die Zeitungslectüre beschloß den Tag und raubte ihr jegliche freie Minute. Wohl versuchte sie bis in die Nacht hinein zu lesen und zu studiren; aber dies duldete die alte Cousine mit Recht niemals; denn Agathes zarter Körper bedurfte nach der Arbeit des Tages unbedingt der Ruhe. Die einzige freie Zeit hatte Agathe nur, wenn die Tante Abends ausgegangen war; aber sie ging dann auch immer so spät, daß nur noch wenige Stunden bis zum Schlafengehen übrig blieben. Aber doch waren diese Stunden die Freude und Wonne des eifrigen Kindes, und an ihnen richtete sich ihr Herz auf, wenn sie oft unter der Last ihrer geisttödtenden Arbeiten zu erliegen meinte.

Auch an den Sonntagen gehörten einige Stunden ihr selbst, und nie waren ihr diese Feiertage so lieb und werthvoll gewesen, als jetzt. Regelmäßig besuchte sie dann des Morgens die Kirche, und hier fand sie Trost für alles, was ihr Herz bedrückte, und frischen Muth, der Zukunft hoffend entgegen zu sehen. Auch am Nachmittage blieb sie sich einige Stunden selbst überlassen, ehe der Abend mit dem Kartenspiel heran kam, und daß sie diese schöne Freiheit benutzte, um zu ihren Büchern zu flüchten und Briefe an ihre lieben Freundinnen zu schreiben, versteht sich von selbst. — Aber wäre dem schönen Sonntage nur nicht das Erwachen am Montag früh gefolgt, das war gar zu traurig! Wie eine lange Kette von sechs schweren, drückenden Bleigewichten lagen diese kommenden Wochentage vor ihr, und nie begann sie ihr Tagewerk ohne Seufzer, sie mochte sich selbst noch so sehr deshalb schelten. Leider zeigte sie zu den feinen Arbeiten, die sie jetzt erlernte, sehr wenig Geschick. Es gehörten gewandte, flinke Finger dazu, und große Leichtigkeit der Hand, um all' die Tausend Fältchen und Kniffchen und niedlichen Zierlichkeiten hervorzubringen, wodurch aus Nichts etwas Hübsches entsteht, und dazu war Agathe ganz und gar nicht gemacht. Sie hatte eine schwerfällige Hand, arbeitete langsam und gewissenhaft, und machte so kleine zierliche Stiche, als nähte sie feine Wäsche. Schon bei dem ABC der Putzmacherkunst war sie in Verzweiflung, und Fräulein Schneider mit ihr; was sollte erst werden, wenn die schweren Aufgaben daran kamen. Das ABC, das jede Schülerin erst lernen mußte, um dann zu den höheren Graden zu gelangen, war nämlich das Nähen von Millionen dicht an einander stoßenden, kleinen Säumen, in welche Fischbeine geschoben wurden, um dann die sogenannten Zughüte zu geben, in denen Madame Niedrers Geschäft eine besondere Berühmtheit erlangt hatte, weshalb denn diese massenhaften Säume auch nimmermehr ein Ende nahmen. Staunend hatte Agathe gleich am ersten Morgen gesehen, mit welcher Blitzesschnelle die Nadeln der jungen Mädchen bei dieser Arbeit durch das Seidenzeug fuhren. Nun sollte sie es ebenso machen; aber damit kam sie nun und nimmer zu Stande. Vorsichtig nähte sie Stich um Stich, und solch Zughütchen, von ihrer Hand gefertigt, würde vielleicht am jüngsten Tage einmal fertig geworden sein. Und wie mit dieser Arbeit, so ging es ihr mit allen andern. Einst die beste Schülerin der ganzen Pension, war und blieb sie die schlechteste hier in der Arbeitsstube. Fräulein Schneider war zum Glück eine sehr gutherzige Dame und sah wohl, wie viel Mühe sich die arme Agathe gab. Sie verschwieg ihrer Principalin die Ungeschicklichkeit des jungen Mädchens; aber freilich änderte sie dadurch in der Sache nichts, und Agathe fühlte sich von Tage zu Tage muthloser. Dazu kam, daß Bello krank wurde und sie diesem unleidlichen Gesellen jetzt jede ihrer freien Stunden opfern mußte. Das Thier litt zuweilen an Krämpfen, und wenn diese sich einstellten, dann gerieth das ganze Haus in Aufregung. Madame Niedrer lag schluchzend im Sopha, unfähig ihren Schmerz zu überwinden, oder sie kniete neben dem Lager des Hundes, Agathen zusehend, wie sie nach Angabe des Thierarztes den Kranken mit aller Anstrengung frottirte, daß ihr der Schweiß von der Stirn rann, oder das Thier in warme Decken einhüllte, die immer neu erwärmt werden mußten. Bei solchen Krankheitszufällen hatte Agathe auch in der Nacht keine Ruhe; denn alsdann stand das Bett des Hundes neben dem ihren, und sie mußte viele Male in der Nacht aufstehen, dem Thiere auf der Spirituslampe süße Milch zu erwärmen und ihm dieselbe dann einzuflößen. Die Cousine half dabei natürlich gern und nahm Agathen die Hälfte der Arbeit ab; aber Agathe war doch immer in Angst und Sorge; denn ihr war der Hund anvertraut, und passirte ihm etwas, so bekam sie die Vorwürfe. Bello war gewöhnt, stets bei der Nachtlampe zu schlafen, und so brannte dieselbe natürlich auch jetzt neben Agathes Bett. In einer Nacht aber war das Licht ausgegangen, und Bello bekam in Folge davon wieder seine Krämpfe; denn das zarte Geschöpf hatte sich über die ungewohnte Finsterniß alterirt, die es umgab. Kein Mittel wollte helfen, und am nächsten Tage war Bello so krank, daß Madame Niedrer fassungslos umherirrte.

»Fahre mit ihm nach der Klinik, Agathe,« rief sie weinend, »ich kann es nicht, ich bin zu trostlos!«

So holte sich denn Agathe einen Wagen, nahm Bello auf den Schoos und fuhr nach der Thierarzneischule. Es war eine entsetzliche Fahrt, denn jeden Augenblick dachte sie, das Thier würde sterben. In der Klinik wurde sie von einer Menge junger Aerzte umringt, welche sich des Hundes anzunehmen schienen, hierbei aber Agathen mehr ansahen, als den armen Bello. Das junge Mädchen wurde von Minute zu Minute unruhiger; tödtliche Verlegenheit und Angst färbte ihre zarten Wangen immer tiefer; aber gerade dies erhöhte ihre Schönheit, und beifälliges Flüstern erhob sich rings um sie her. Sie fühlte, wie unpassend es war, daß sie allein hier unter den jungen Aerzten stand; aber was sollte sie thun? Den Hund konnte und durfte sie nicht verlassen, und ein älterer Mann, der sich mit ihm beschäftigte, fand gar kein Ende in seinen Untersuchungen. »Lassen Sie den Hund hier, und holen Sie ihn morgen wieder ab, meine Dame, falls er da noch lebt!« sagte endlich der alte Herr, und froh aufathmend eilte Agathe davon, umringt von den jungen Aerzten, die ihr die Thür öffnen, ihr einen Wagen herbeirufen, sie begleiten, kurz ihr alle möglichen Dienste erzeigen wollten. Schluchzend kam Agathe zu Hause an; denn das schüchterne Kind war außer sich über das, was sie hatte ertragen müssen, und ihre Aufregung war so groß, daß Madame Niedrer's Vorwürfe darüber, daß sie den Hund in der Klinik gelassen, gar keinen Eindruck auf sie machten. Als aber Madame am andern Tage verlangte, sie solle wieder hingehen und Bello abholen, da erklärte sie mit einer für die Tante völlig neuen Entschiedenheit, das thue sie nicht, die Cousine möge hingehen. Trotz Madames Zorn ob solcher Opposition ließ sich Agathe nicht bestimmen, und so wurde wirklich die Cousine an ihrer Stelle abgeschickt. Zum Glück war Bello wieder gesund; Agathe aber haßte ihn jetzt nur doppelt, denn die Angst und Sorge um ihren Liebling ließ Frau Niedrer gar nicht mehr zu Ruhe kommen, und Agathe hatte schlimmere Tage als je. Heulte und wimmerte das Thier, so sollte sie dafür einstehen; denn die Tante behauptete, sie besorge ihn schlecht. Lief er in plötzlicher Laune zur Thür hinaus, so mußte sie von der Arbeit fort hinter ihm d'rein springen, um ihn zurück zu holen, damit er sich nicht wieder erkälte, und kam sie dann athemlos zurück, so zitterten ihr die Hände von dem Kampfe mit dem widerspenstigen Thiere, und die Arbeit wollte noch weniger gehen, als bisher schon. So verging Woche um Woche; ihre Lage wurde nur schlimmer statt besser. Zum Lesen und Lernen kam sie jetzt gar nicht mehr, und ein schwerer, stiller Trübsinn lagerte sich auf ihr Herz. Es war ihr alles gleichgültig; am liebsten wäre sie im Grabe bei ihrer lieben, theuren Mutter gewesen, denn das Leben hatte trotz ihrer Jugend gar keinen Reiz mehr für sie.

Fünftes Kapitel. Wiedersehn.

Still und in sich gekehrt ging Agathe eines Tages vor einem der Thore Leipzigs spazieren. Der Sommer war in voller Pracht in das Land gezogen; in den Gärten standen Rosen und Lilien in voller Pracht, und die blühenden Lindenbäume neigten ihre duftenden Zweige zu dem jungen Mädchen herab, als wollten sie ihr Liebes und Freundliches erzeigen. In dem frischgrünen Laube der schattigen Baumgänge, unter denen Agathe dahin schritt, sangen die Vögel fröhliche Lieder, und die Sonne blickte mild und warm vom blauen Himmel hernieder. Aber Agathe hatte heute für gar nichts Sinn. Allerlei Verdruß und Aerger bedrückte ihr Herz mehr als gewöhnlich, und sie fühlte sich so einsam, so allein in der Welt, daß sie sich wie verstoßen vorkam. Thräne auf Thräne rollte über ihre Wange, und müde setzte sie sich endlich auf eine der Bänke, welche unter den Bäumen standen. Bello war ungewöhnlich artig und legte sich ruhig zu ihren Füßen nieder, und so wurde sie durch nichts von ihren Gedanken abgezogen.

Aber plötzlich fuhr sie zusammen; der Ton einer Stimme schlug an ihr Ohr, und wie träumend starrte sie in ein liebes, treues, nur gar zu wohl bekanntes Gesicht.

»Mein Goldkind, bist du es denn wirklich? Muß ich dich gleich hier finden, mein armes kleines Vögelchen?« so rief schon von Weitem die bekannte Stimme der alten Soltatenfrau, und in ihrer ganzen gewichtigen Höhe und Breite stürmte sie mit großen Schritten auf Agathe los.

»Anne, meine Anne!« jubelte das junge Mädchen und flog mit offenen Armen an die Brust der alten, treuen Seele, und laut schluchzend umschlang diese ihren Liebling.

»Ach Anne, dich schickt mir der liebe Gott!« sagte endlich Agathe. »Gerade heute wollte ich ganz verzagen, und aller Muth war mir entschwunden. Aber nun ist alles gut, nun bist du hier, nun habe ich jemanden, der mich lieb hat. Nicht wahr, du bleibst hier, Anne? Du ziehst hierher und läßt dein armes Kind nicht mehr allein? Ach Anne, wenn du wüßtest, wie traurig ich bin, du verließest mich nicht wieder!«

»Nun will ich denn das, mein Herzkäferchen? Will ich denn wieder fort? Habe ich nicht meine ganze Bagage im Train, damit ich hier Quartier nehme?« rief die Alte fröhlich und lachte mit ihrer lauten, rauhen Stimme, daß die Vorübergehenden verwundert auf das sonderbare Pärchen blickten. Die alte Soltatenfrau war eine geborne Schlesierin und hatte heute den großen Staat ihrer Heimath angelegt, welche Tracht sich allerdings unter den glatten, weißen Mützchen und den modischen Kleidern der Leipziger Stubenmädchen gar wunderlich ausnahm. Sie trug einen feuerrothen Rock mit weiter Schürze und Mieder, darüber den rothen schlesischen Frießmantel, welcher, wie der blaue Regenschirm, Sommer und Winter den Schlesier begleitet, und den Kopf deckte eine Mütze mit langen Bändern, von einem großen, schwarzseidenem Tuche umschlungen, dessen Schleifen wie ein Paar mächtige Fächer über der Stirn schwebten.

Agathe war so glücklich über das Wiedersehen ihrer treuen Anne, daß ihr alle Traurigkeit entschwunden war. Froh, der braven Freundin ihr Herz öffnen zu können, erzählte sie alles, was ihr begegnet, und alles Leid, das sie zu tragen hatte. Anne begleitete die Erzählung mit den theilnehmendsten Zeichen und Ausrufungen, indem sie wie ein Telegraph mit ihren langen Armen in der Luft umher focht; glückselig aber war sie, daß sie Agathe wenigstens den Trost geben konnte, sie werde sich ihrer nun aus allen Kräften annehmen, da sie ihr so nahe sei.

»Ach gute Anne, du kannst mir ja doch nicht helfen!« seufzte Agathe. Aber im Herzen hoffte sie doch wieder von Neuem, seit sie diese treue Seele neben sich wußte.

»Wer weiß, ob ich dir nicht einmal beistehen kann, wo du es am wenigsten denkst,« sagte die Alte, und schritt gedankenvoll neben Agathe her, die sich bei diesem Wiedersehen schon sehr verspätet hatte und nun eilte, nach Hause zu kommen.

»Besuche mich morgen ganz früh, Anne, den Tag über habe ich keine Zeit,« rief Agathe noch beim Abschied; dann winkte sie der Alten noch einmal zu und flog die Treppe hinauf.

»Du armes, armes Vögelchen! Das ist kein Ort für dich!« sprach Anne leise, indem sie ihr nachblickte und dann still ihres Weges ging.

»Wie sie bleich aussieht und mager. Diese Tante muß gar kein Herz im Leibe haben, sonst könnte sie solche kleine, blasse Blume nicht von früh bis Abend an die Näherei schmieden, wie einen Galeerensträfling!«

Das Wiedersehen ihrer alten treuen Freundin hatte Agathen so fröhlich gestimmt, daß die Cousine ganz verwundert drein schaute, sich aber herzlich mit dem jungen Mädchen freute, als sie den Grund zu deren Frohsinn erfuhr.

»Gegen die Tante sprich aber lieber nicht davon; sie liebt solche Besuche nicht,« sagte die Cousine, und da Agathe überhaupt in Gegenwart der Tante sehr wenig sprach, so wurde es ihr nicht schwer, gegen dieselbe zu schweigen. Dem Onkel aber theilte sie die Anwesenheit der Alten mit, sobald sie einmal mit ihm allein war, und in seiner milden Weise nahm auch er herzlichen Antheil an der Freude des guten Kindes.

Anne kam am folgenden Morgen, wie sie versprochen, ihren Liebling zu besuchen, und aus den weiten Taschen ihres rothen Frießrockes holte sie eine Menge Briefe und kleine Geschenke heraus, welche die Freundinnen der Pension an Agathe schickten. O, was für eine Freude war das, welch ein herrlicher, glücklicher Tag! Das junge Mädchen lachte und weinte vor Entzücken, und fiel ihrer Anne immer wieder dankend um den Hals. Die ganze unaussprechliche Sehnsucht ihres Herzens nach den vergangenen Zeiten war durch diese Boten aus der Heimath ihrer Kinderjahre über sie gekommen.

Anne versprach, Agathen recht oft zu besuchen, und sie hielt Wort; öfter aber noch traf sie mit ihrem Lieblinge auf deren täglichen Spaziergängen zusammen, wodurch dieselben nicht wenig an Reiz gewannen.

Wieder verging Woche um Woche; der Herbst vertrieb den Sommer, und die fallenden Blätter deckten die Laubgänge vor der Stadt, in denen Agathe so gern auf und nieder wandelte. Aber wenn auch die Natur um sie her ein anderes Ansehen gewann, die Lage Agathes blieb dieselbe. Kein freundlicher Hoffnungsstern wollte an ihrem Himmel aufgehen, wie sehr sie ihn auch ersehnte und Plan auf Plan schmiedete und selbst an den Eisenstäben zu rütteln versuchte, die sie umschlossen.

Eines Tages jedoch schritt ihr die alte Soldatenfrau in großer Aufregung entgegen, und kaum erreichte ihre rauhe Stimme Agathen, als sie fröhlich ausrief: »Hurrah, mein Goldkind, ich sehe Licht! Helles Licht, sage ich dir!« Dabei focht sie mit ihren großen Händen gewaltig in der Luft umher, als risse sie dunkle Schleier herab, die besagtes Licht verhüllten. »Die Bresche ist geschossen, nun muß auch die Festung bald fallen; denn die Bresche ist die Hauptsache, sagte mein Corporal, wenn er sich vor einer Attaque den Schnurrbart strich,« schloß sie dann und fuhr sich über die Lippen, um zu zeigen, wo der Schnurrbart gesessen, der so regen Antheil an den Berathungen ihres Corporals hatte.

»Aber was giebt's denn nur, Anne, was hast du nur?« rief Agathe neugierig und zog die Alte auf eine Bank.

»Was es giebt? Eine Stelle giebt es für dich, mein Vögelchen!« jubelte die Alte. »Aber wie gesagt, Sturm müssen wir laufen, sonst kommt uns ein Anderer zuvor, oder deine Frau Tante bekommt gar Wind und verrennt uns den Weg.«

»Eine Stelle? Du träumst wohl, Anne; für mich eine Stelle?« rief Agathe ungläubig. »Was soll ich armes Ding denn für eine Stelle ausfüllen! Ich kann ja nichts als Hunde warten und Karte spielen! Nicht einmal Putzmachen begreife ich; ich bin ja zu gar nichts zu gebrauchen!«

»Das wird sich finden!« sagte die Alte stolz und schüttelte den grauen Kopf, daß die Fächer ihrer Mütze hin und her schwankten. »Jeder soll thun, was für ihn paßt! Putzmachen ist eine gute, ehrenwerthe Beschäftigung, das versteht sich; aber wer kein Geschick dazu hat, sondern Kopf zu was anderm, der soll sich damit nicht abquälen, sondern lieber das thun, was ihm leichter wird! Ich kenne dich besser und weiß, wer in der Pension stets die beste Schülerin gewesen ist! Es ist mir ganz egal, was du seitdem gethan hast; in dir steckt mehr, das muß ich wissen. Ich kenne mein liebes Kind vom ersten Tage an, als es auf die Welt kam, damit Basta!«

»Aber so sag' doch, was hast du denn für eine Stelle?« lachte Agathe und ergriff zärtlich die schwielige Hand der braven Freundin.

»Nun du weißt doch, daß ich die Aufwartung bei Madame Groß übernommen habe,« hub die Alte geheimnißvoll an. »Diese hat jetzt Besuch von ihrem Bruder, der mit seiner kranken Frau nach Frankreich oder Italien, oder wo es ist, gehen will. Da kam mir denn ein Gedanke: »Wenn sie für die arme, kranke Dame nur eine weibliche Begleitung hätten, liebe Madame Groß,« sagte ich gestern Abend zu meiner Herrin, und hatte so meine Absichten. »Eine Kranke bedarf so manches, was der Mann nicht versteht, und die liebe, kranke Dame wird das gewiß später empfinden. Sehen Sie, Madame,« sagte ich weiter, »mein Corporal war der beste Mann in der ganzen Welt; aber wenn ich krank im Bett lag, da war er wie ein kleines Kind; es fehlte an allen Ecken; denn er verstand gar nichts, was nicht zum Dienste gehörte.« Was meinst du nun, mein Goldkind, was ich bei den Worten im Sinne hatte? Nichts anderes, als daß du die Leute als Gesellschafterin begleiten solltest!« schloß die Alte mit glänzenden Augen, »und ich glaube, es wird was draus, denn Madame Groß fand meine Gedanken vortrefflich.«

»Ich, Anne, Gesellschafterin? Ach, mein Gott, wo denkst du hin!« rief Agathe ganz erschrocken.

»Aber warum denn nicht?« sagte die Alte eifrig. »Ist es nicht besser, du pflegst eine gute, kranke Dame (denn sehr gut ist sie, das habe ich gemerkt), als daß du Hunde wartest und dich zu Tode stichelst? Denke doch, sie gehen vielleicht nach Frankreich; da kannst du ja noch was lernen und siehst dich in der Welt um! Hier bei deiner elenden Putzmacherei verkümmerst du ganz; ich kann das nicht länger mit ansehen. Gelt, Schäfchen, du gehst darauf ein?«

Agathe begriff nur zu wohl, wie Recht die treue Seele hatte, und die Aussicht, in fremde Länder zu gehen, und dort noch vieles zu sehen und zu lernen, was für ihre Ausbildung nützlich sein mußte, tauchte wie ein Strahl freudiger Hoffnung vor ihren Blicken empor.

»Aber sie werden mich nicht nehmen, Anne,« seufzte sie traurig.

»Dafür laß mich sorgen, das wird sich finden,« sagte die Alte. »Meine Bresche ist gut angelegt, ich werde schon siegen, da ist mir nicht bange. Aber deine Tante, das ist die Hauptsache, die wird nicht wollen. Sie hat von dir wenig Kosten; du lieber Gott, was braucht denn so ein armes, kleines Vögelchen; aber Hülfe hat sie von dir in Menge, und gewiß denkt sie, du sollst einmal Directrice in ihrem Geschäft werden, damit sie die jetzige nicht mehr zu bezahlen braucht. Die alte Cousine hat neulich so was gesagt, und die Sache wäre freilich für sie bequem.«

»Ach, mein Gott, das wäre ja schrecklich!« rief Agathe, und dachte mit Entsetzen an die zehn Jahre, in welchen Fräulein Schneider bereits jenen hohen Directricensitz einnahm, und der ihrer wartete, um sie ihr ganzes Lebenlang dort fest zu halten.

»Aber wie soll ich es der Tante sagen? ich werde dazu nie den Muth haben!« fuhr Agathe ängstlich fort.

»Nun laß mich nur machen; es soll schon alles gut gehen!« tröstete Anne. »Morgen gehst du mit mir zu Madame Groß, ihr lernt euch gegenseitig kennen, und das andere findet sich dann.«

Am andern Tage trat denn die gute Anne Sommer getrost mit ihrem Liebling in das Zimmer ihrer Herrin, und mit einem fröhlichen: »Na, da ist das Goldkind, Madame!« schob sie militärisch grüßend, zwei Finger an die Fächer ihrer Haube gelegt, die schüchterne Agathe vor Madame Groß hin.

»So jung noch, und so zart?« konnte sich die Dame nicht enthalten, auszurufen, als sie Agathen betrachtete. »Sie wird sich für diese Stelle nicht eignen, liebe Sommer.«

»Soll sie denn die kranke Madame heben und tragen?« sagte die Soldatenfrau barsch.

»Nein, das soll sie nicht!« entgegnete Madame Groß. »Aber sie würde doch zuweilen des Nachts aufstehen müssen, oder dergleichen Dinge thun, und wenn sie schwach und kränklich ist, so hält sie das nicht aus; denn das Leben bei einer Kranken ist angreifend.«

»Aber ich bin nicht schwach, wenn ich auch bleich aussehe,« sagte Agathe jetzt angstvoll, denn sie fürchtete so sehr, abgewiesen zu werden.

»Kommen Sie mit zu meiner Schwägerin, liebes Kind; sie mag selbst entscheiden,« sagte endlich Madame Groß nach einigem Zögern, und bald stand Agathe vor der Kranken, einer sanften, jungen Frau, deren durchsichtige Farbe die böse Krankheit verkündete, welche ihren zarten Körper zerstörte. Sie blickte Agathen mit sanftem, seelenvollem Blicke an, und dieser traten Thränen in das Auge; denn unwillkürlich dachte sie an ihre geliebte Mutter, die ja auch so zart und leidend ausgesehen hatte, ehe sie von der Erde schied. Frau von Menzel, so hieß die Kranke, bat Agathen, sich neben sie zu setzen und erkundigte sich nach ihren Verhältnissen. Agathe erzählte anfangs zaghaft und schüchtern; aber die rege Theilnahme der Kranken flößte ihr bald großes Vertrauen ein, und offen legte sie derselben nun ihre ganze Lage dar und verhehlte nicht, wie innig sie wünschte, bei ihr bleiben und mit ihr gehen zu können. — Frau von Menzel reichte dem jungen Mädchen endlich die Hand und sagte freundlich, sie gefalle ihr sehr wohl, und herzlich wünsche sie ihre Begleitung. Deshalb, wenn sie mit ihnen gehen wollte, so möge sie nur mit ihren Verwandten darüber Rücksprache nehmen. Aber freilich sei nicht viel Zeit zu verlieren, denn schon in drei Wochen wollten sie abreisen.

Agathe küßte voll des innigsten Dankes die Hand der gütigen Dame. Ihr Herz fühlte sich unbeschreiblich zu ihr hingezogen, und mit aufrichtiger Freude versprach sie, alles zu thun, um die Zufriedenheit derselben zu verdienen. Mit frohem Herzen kehrte sie dann zu ihrer Anne zurück, und diese war so glücklich über das Gelingen ihres Planes, daß sie wie ein Kind sprang und tanzte.

»Aber nun die Tante; ach, wäre das erst überstanden!« jammerte Agathe. »Wenn ich es nur dem Onkel sagen könnte; aber ich sehe ihn ja nie allein. Und was hilft das auch; er schickt mich doch zu der Tante, denn er fürchtet sich, ihr etwas Unangenehmes zu sagen.«

»So nimm das Herz in die Hand, und geh' gleich zu ihr,« sagte Anne. »Ich warte in der Küche draußen auf die Antwort; zu Hause läßt es mir doch keine Ruhe.«

Agathe that, wie Anne ihr gerathen, und nun stand sie vor der Thür, die zu dem Zimmer der Tante führte. Sie hörte ihr Herz ordentlich klopfen und kämpfte nach Athem; endlich aber drückte sie muthig auf die Thürklinke, und nun war sie im Zimmer.

»Liebe Tante, wenn ich Sie nicht störe, möchte ich Ihnen etwas sagen,« begann sie ziemlich kühn.

»Was willst du? Warum bist du nicht bei der Arbeit?« sagte die Tante streng und blickte nach der Uhr, welche Arbeitszeit verkündete.

»Ich.. ich werde das Putzmachen doch nie lernen, verzeihen Sie, liebe Tante!« stotterte Agathe, ihre muthige Haltung schon etwas verlierend.

»Du wirst es nie lernen? Was soll das heißen? Du willst nicht, bist faul, ich weiß es lange!« fuhr die Tante auf. »Aber es hilft dir alles nichts, du sollst dein Brod hier nicht umsonst essen, sondern es dir verdienen; verstehst du mich? Jetzt geh' und bessere dich, und laß mich solche Reden nicht wieder hören! Du bist ein armes Mädchen; du mußt daran denken, dir dein Brod später selbst zu verdienen.«

»Ja wohl, liebe Tante, das will ich auch,« stammelte Agathe. »Wenn Sie es mir erlauben, so möchte ich eine Stelle annehmen.«

»Eine Stelle?« rief die Tante staunend. »Ich glaube, du weißt nicht, was du sprichst! Was willst du ungeschicktes Mädchen denn für eine Stelle annehmen?«

»Ich soll eine kranke Dame nach Italien begleiten,« sagte Agathe wieder muthiger. »Sie will mich mitnehmen, wenn Sie es mir erlauben.«

»Will dich mitnehmen? Also alles schon fix und fertig verabredet?« rief die Tante jetzt, und ihr Zorn loderte empor. »Also hinter meinem Rücken schmiedest du solche Ränke, du falsches Mädchen? Ohne mir vorher ein Wort zu sagen, läßt du dich von andern Leuten engagiren! Aber, mein liebes Kind, daraus kann ein für alle Mal nichts werden! Du wirst hier bleiben und nach wie vor dich beschäftigen, wie bisher; denn ich sehe wohl, es ist Faulheit, was dich forttreibt! Du denkst, als Gesellschafterin wirst du ein bequemes Leben führen und in der Welt umher reisen. Laß es dir lieb sein, daß ich dich davon zurück halte, denn du würdest gar bald sehen, wie sehr du dich geirrt hast.«

»Aber liebe Tante, ich würde französisch lernen und vielleicht dann Erzieherin werden können, wenn ich die Dame begleite. O bitte, bitte, erlauben Sie es mir doch?« flehte Agathe weinend und mit dem Muthe der Verzweiflung.

»Nein, sage ich dir! Meine Erlaubniß bekommst du nicht!« fuhr die Tante heftig auf. »Erzieherin! Glaubst du, die wird man so mir nichts, dir nichts durch ein Bischen französisch schwatzen? Dummes Zeug! Schweig jetzt, und geh an die Arbeit! Das ist mein letztes Wort über die Sache!«

Weinend eilte Agathe zu ihrer alten Anne, die ihrer in der Küche harrte. Aber kaum hatte sie der treuen Seele ihr Leid geklagt, als sie die Stimme der Tante hörte. Geschwind schob sie die alte Soldatenfrau die Hintertreppe hinab und flog in das Arbeitszimmer, um neuer Schelte zu entgehen. Aber wie viel stille Thränen, wie viel Seufzer und wie viel Gedanken begleiteten nun jeden Stich, den ihre Nadel langsamer und schwerfälliger als je zu Stande brachte.

Sechstes Kapitel. Treue Hülfe.

Frau Anne Sommer war zwar die Hintertreppe hinab gegangen, da Agathe es so gewollt; aber gedankenvoll und leise vor sich hin brummend, trabte sie die Treppe im Vorderhause wieder herauf, klingelte, und ließ sich bei Madame Niedrer anmelden.

»Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe!« sagte die Alte mit ihrer rauhen Stimme und schritt auf Madame Niedrer zu, welche mit höchster Verwunderung diesen sonderbaren Besuch eintreten sah.

»Ich bin Fräulein Agathes frühere Dienerin, Madame!« fuhr die Alte weiter fort, »und habe eine große Bitte an Sie.«

»Mein Gott, nicht einmal in seinem Zimmer ist man vor Betteleien sicher!« rief die Angeredete unwillig und ergriff den Klingelzug.

»O bitte, ich bettle nicht!« sagte die Alte stolz und richtete sich in ihrer ganzen Länge auf. »Ich komme nur, um für Fräulein Agathe etwas zu bitten.«

»Was will Sie? Ich habe keine Zeit; rede Sie schnell!« rief Madame Niedrer heftig.

»Madame, Ihre Nichte wünscht eine Stelle anzunehmen; ich bitte Sie flehentlich, erlauben Sie ihr das!« sprach die Alte nun laut und dringend, aber immer noch bescheiden, wie bisher.

»Was geht das Sie an; damit hat Sie gar nichts zu schaffen!« rief Madame zornig. »Sie ist es gewiß, die ihr die Stelle suchte und das undankbare Mädchen gegen ihre eigenen Verwandten aufhetzte. Auf der Stelle gehe Sie, oder ich klingle, daß man Sie hinaus bringt!«

»Hoho, Madame, sprechen Sie so, so brauche ich auch nicht hinter dem Berge zu halten!« brach nun Anne Sommer los und athmete schwer und tief. »Ja, ich bin es, da haben Sie recht; aber ich bin es auch, der das arme Kind lieber ist, als irgend jemanden in der ganzen Welt. Und darum will ich, daß sie glücklich wird. Hier aber geht sie ganz und gar zu Grunde, und d'rum soll sie fort. Sind Sie denn von Stein, Madame, daß Sie es mit ansehen können, wie das arme, zarte Kind leidet an Körper und auch an ihrem Geiste? Denn sie arbeitet sich elend und grämt sich zu Tode, daß sie nicht noch etwas lernen und sich weiter ausbilden kann. Darum, Madame, entweder Sie erlauben ihr, daß sie lernt statt zu nähen, oder Sie lassen sie fort.«

Die Alte hatte in ihrem Eifer die Hand empor gehoben; ihre Augen blitzten, und drohend stand sie vor der Frau des Hauses. Diese war zuerst etwas überrascht; bald aber faßte sie sich und sagte, die Klingel ziehend: »Augenblicklich verläßt Sie mein Haus, Sie unverschämte Person! Meine Nichte bleibt hier und wird Putzmacherin, damit Punktum; Sie aber läßt sich nie wieder blicken!«

Dabei gebot sie der eintretenden Dienerin, das Weib fortzubringen; sie selbst aber verließ stolz und heftig das Zimmer.

»So also geht's nicht!« brummte Anne vor sich hin, als sie wieder auf der Straße war. »Du hast dem armen Kinde mehr geschadet, als genützt; das war dumm von dir, Anne. Jetzt strenge deinen alten Kopf an; denn fort muß sie, nun erst recht. Jetzt hat sie's nun gewiß doppelt schlimm, die arme, kleine Maus.«

Das war allerdings der Fall. Die Tante war so unfreundlich und streng gegen Agathe und gönnte ihr so wenig freie Zeit, daß das arme Mädchen es kaum geduldig ertragen konnte. Und was sollte aus ihrer Stelle werden! Die Tante gab nie ihre Einwilligung, das wußte sie jetzt nur zu gut, und ohne dieselbe konnte sie natürlich nicht fort. Den Onkel um Hülfe zu bitten, war auch nutzlos; denn wo die Tante so entschieden gesprochen, verhallte sein Wort und Wille wie ein Ton im Winde. Und doch verging die Zeit, und konnte sie diese Stelle nicht annehmen, wer weiß, wann sich wieder etwas so Passendes finden würde.

Agathe fand Tag und Nacht keine Ruhe, und die gute Cousine, der sie ihr Herz ausschüttete, wußte auch weder Rath noch Hülfe. Auch Anne Sommer war Anfangs sehr aufgeregt und sorgenvoll gewesen, seit einiger Zeit jedoch schwieg sie, schien aber so sicher und guten Muthes zu sein, daß Agathe sie nicht begriff; denn ihr war jede Hoffnung entschwunden. »Sage nur der guten Frau von Menzel, wie sehr ich ihr danke und wie ich bedaure, sie nicht begleiten zu können, Anne,« sagte Agathe weinend, und Anne nickte still mit dem Kopfe, sah aber ganz heiter dabei aus, als lache sie in sich hinein.

So waren zwei Wochen von der Zeit verstrichen, welche bis zur Abreise Frau von Menzel's noch vergehen sollten. Agathe gab sich Mühe, gar nicht mehr an ihre schönen Hoffnungen zu denken; aber natürlich wollte ihr das nicht gelingen, sie wurde nur immer trauriger.

In ihre Gedanken verloren, schritt sie eines Tages wieder unter den Linden auf und nieder, und unwillkürlich verglich sie das gelbe, trockene Laub am Boden, das unter ihrem Fuße rauschte, mit den gestorbenen Hoffnungen ihrer Jugend. Da sah sie Anne Sommer in ungewöhnlicher Hast auf sich zukommen; sie hatte einen Zettel in der Hand und sagte freudig: »Nun ist's gut; jetzt hab' ich alles, was ich brauche. Nun kommt es nur auf dich an, ob du willst oder nicht, mein Herzkind!«

»Was soll ich denn wieder, Anne; was hast du denn wieder im Sinn?« sagte Agathe niedergeschlagen.

»Ob du mit Frau von Menzel reisen willst!« rief Anne lebhaft.

»Ach laß doch nur dies unglückliche Thema!« sagte Agathe sich abwendend, denn die Thränen brachen ihr wieder hervor. »Du weißt ja, ich darf nicht.«

»Ja du darfst! Hier steht es schwarz auf weiß!« jubelte Anne und hielt ihren Zettel triumphirend empor. »Madame freilich erlaubt es nicht, das steht fest; aber was thut uns das? Dein Vormund ist der Onkel, und der hat es mir hier drauf geschrieben, daß er nichts dagegen hat. Na, Mühe freilich hat's gekostet, ehe er sich dazu entschloß; denn seine böse Frau durfte nichts davon wissen. Aber ich habe ihm keine Ruhe gelassen, habe ihm das Herz so weich gemacht, daß er dir doch endlich seine Erlaubniß gab. Denn gut ist er und helfen möchte er dir, das muß ich sagen; aber die Furcht vor der Frau läßt ja alles das nicht aufkommen!«

»Wie? Du hast die Erlaubniß des Onkels?« rief Agathe in in höchster Verwunderung »Wo hast du ihn denn gesprochen?«

»In seinem Comptoir, mein Schäfchen! Drei Mal bin ich bei ihm gewesen und habe ihn bestürmt, bis ich den Zettel hatte!« rief die Alte und rieb sich vergnügt die harten Hände, daß es raschelte. »Aber Abschied zu Hause darfst du freilich nicht nehmen, dann wäre alles umsonst. Madame sperrte dich sicher ein; darum entschließe dich nur und komm gleich mit mir, das ist das Allerbeste; es ist alles schon vorbereitet.«

»Wie? Ich soll gleich mit dir kommen?« rief Agathe, die Augen weit öffnend. »So ohne Abschied, ohne alles, ohne....«

»Ja den Abschied von deiner zärtlichen Tante, den mußt du freilich dran geben,« lachte die Alte; »alles andere aber ist besorgt, da sei ruhig. Die alte Cousine packt eben deine Sachen zusammen, die ich in der Dämmerung abhole; sie weiß um alles, ist aber verschwiegen und freut sich, daß du fort kommst. In meiner Wohnung bleibst du bis zur Abreise von Menzels. Auch sie wissen um unsern Plan und reisen deshalb einige Tage früher; die guten Menschen, sie haben dich so lieb gewonnen.«

»Aber das ist ja eine wahre Entführung! Ich laufe ja davon, als wäre ich ein Verbrecher rief Agathe ganz außer sich vor Bestürzung.

»Nun ja, was bleibt denn anders übrig, wenn dein Onkel seine Frau nicht zwingen kann und will?« lachte die Alte. »Er hat ja eine Furcht vor ihr, als wäre sie Napoleon seine größte Kanone!«

»Aber dem Onkel muß ich Lebewohl sagen; von ihm kann ich nicht so fortlaufen, es wäre zu abscheulich!« sagte Agathe.

»Nun dann komm schnell, und besuche ihn in seinem Comptoir,« drängte die Alte. »Bis zwei Uhr ist er dort allein; das trifft sich gut.«

Eilig gingen die beiden Freundinnen nach dem Arbeitszimmer des Onkels, der in großer Unruhe in demselben auf und nieder ging.

»Agathe!« rief er freudig, als das junge Mädchen schnell bei ihm eintrat, und zog dasselbe an die Brust.

»O mein lieber, lieber Onkel!« schluchzte Agathe, »verzeihe mir!«

»Ich habe dir nichts zu verzeihen, Kind!« sagte Herr Niedrer sanft. »Ich sehe ein, daß es besser für dich ist, du verläßt unser Haus und nimmst die Stelle bei jenen braven Leuten an. Deshalb habe ich auch meine Einwilligung dazu gegeben. Gehe mit Gott, mein gutes Kind, und bleibe gut und brav. Alles andere laß dich nicht kümmern; ich weiß, was ich thue. Du kannst ruhig sein, sowohl was dich selbst, als auch was mich betrifft. Bist du in Noth, so wende dich getrost an mich; mein Herz wird dir immer offen sein, wenn es auch mein Haus in Zukunft nicht mehr sein kann.«

Agathe konnte sich schwer von dem Onkel trennen; aber Fremde kamen, und nach einer letzten innigen Umarmung eilte sie fort. Die treue Anne hatte in ihrem Stübchen alles zum Empfange des lieben Gastes bereitet, und bald schloß sie die Thür hinter der Entführten.

»Hier bist du sicher, mein Vögelchen!« rief sie fröhlich. »Hier finden dich selbst die scharfen Augen deiner Frau Tante nicht.«

Agathe saß stumm und traurig da, und alle Fröhlichkeit der guten Soldatenfrau war nicht im Stande, sie zu erheitern. Ihre Gedanken flogen nach dem Hause, das sie verlassen; sie kam sich wie eine Verbrecherin vor. Im Geiste sah sie den furchtbaren Zorn der Tante, die jetzt schon ihr Ausbleiben bemerken mußte. Dann kam die Stunde, in welcher der Onkel heimkehrte, und in Todesangst dachte sie daran, daß er vielleicht eben jetzt der Tante ihre Flucht mittheilte; denn er hatte versprochen, sich ihrer treu anzunehmen, und sie zu vertheidigen und zu schützen.

»Unsinn! Er ist der Generalfeldmarschall seiner Truppen; was er will, muß in seinem Hause geschehen, so gehört sich's!« sagte Anne Sommer mit grimmigem Ernst, als Agathe ihre Sorge aussprach, der Onkel werde um ihretwillen gewiß viel Aerger und Verdruß zu leiden haben. »Hätte er es dir nicht erlaubt, würdest du natürlich nicht desertirt sein. Aber jetzt beruhige dich, und sei kein Närrchen. Heute Abend werde ich ja erfahren, wie es dort steht.«

In der Dämmerstunde holte Anne Agathes Koffer ab, den die alte Cousine heimlich gepackt hatte, und durch sie erfuhr denn die Alte, daß es freilich einen sehr heftigen Auftritt zwischen Herrn und Madame Niedrer gegeben habe. Der Herr sei aber so fest und bestimmt bei seinem Willen geblieben, daß Madame sich schließlich beruhigt und sich vor den Leuten das Ansehen gegeben habe, als sei Agathes Entfernung mit ihrer Zustimmung erfolgt.

Unter den jungen Arbeiterinnen des Putzgeschäfts hatte Agathes Flucht große Heiterkeit hervor gerufen; denn alle hatten das innigste Mitleid mit ihr gehabt. Selbst Fräulein Schneider lächelte, als sie den ersten Schreck überwunden und gestand seufzend, sie habe jetzt eine Sorge weniger; denn zu einer Putzmacherin hätte sie Fräulein Agathen doch nimmermehr heran bilden können.

Siebentes Kapitel. Im fremden Lande.

Es war an einem schönen, sonnigen Herbsttage, als eine blasse Frau, auf den Arm ihres Mannes gestützt, eines der Eisenbahncoupé's bestieg und sich freundlich nach einem jungen Mädchen umschaute, das an dem Halse einer großen Frau hing, deren bunte Bauerntracht wunderlich gegen die dunkle Reisekleidung des Mädchens abstach.

»O Anne, behalte mich lieb, und habe ewig Dank für alles!« schluchzte Agathe, denn sie war es. Die alte Soldatenfrau fand keine Worte und streichelte nur immer wieder die Wangen des jungen Mädchens, indem ihr einzelne, dicke Thränen über das gute Gesicht liefen.

»Ich muß fort, lebe wohl, meine Anne; vergiß deine Agathe nicht!« rief diese endlich, rasch davon stürzend, und eilte, ohne zurück zu blicken, nach dem Wagen. Aber hier erwartete sie noch ein anderer Abschied. Der Onkel war es, welcher ihr noch Lebewohl sagen und ihr mittheilen wollte, daß zu Hause alles gut stehe, die Tante ihr sogar einen Gruß schicke. Das erleichterte Agathes Herz unbeschreiblich; denn sie machte sich wegen ihrer Flucht doch unsägliche Vorwürfe. Nun konnte sie ruhig abreisen, und trotz der Thränen, die ihr Auge trübten, als sie dem guten Onkel zum letzten Male die Hand reichte, schlug ihr Herz doch froh und hoffend der Zukunft entgegen.

Die Reise war schön und genußreich, und da man wegen der Kranken nur kleine Tagestouren machen konnte, auch durchaus für Agathe nicht anstrengend. Die Geschäfte, welche sie zu besorgen hatte, wurden ihr sehr leicht, und die große Milde und Freundlichkeit der Kranken berührten Agathen um so angenehmer, als sie von der Tante nur strenge, kalte Behandlung erfahren hatte. Herr von Menzel, ein reicher Gutsbesitzer, war ein heiterer, freundlicher Mann, der die junge Gesellschafterin wie eine Tochter behandelte, und bald fühlte sich Agathe so glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Die Aerzte hatten es für gerathen gehalten, die Kranke nach Nizza zu schicken, dessen warme, geschützte Lage ihrer kranken Brust vielleicht noch Heilung bringen konnte. Die weiche Seeluft des Mittelmeeres, an dessen Ufern sich diese schöne Stadt hinzieht, umwehte die Kranke mit ihrem schmeichelnden Hauche und that ihr bald so wohl, daß sie in Agathes Begleitung täglich einen kleinen Spaziergang machen konnte. Die eifrige, kleine Gesellschafterin suchte der sanften Kranken alle Wünsche vom Auge zu lesen, und diese wieder dachte immer daran, das gute, junge Mädchen möglichst zu schonen und ihr Gelegenheit zu geistigen Beschäftigungen zu verschaffen, wonach sich, wie sie wußte, Agathes Herz so innig sehnte. Sie selbst war eine fein gebildete Frau und ließ sich von Agathe oft durch Vorlesen guter Bücher unterhalten; bessere Fortbildung aber fand sich für das junge Mädchen bald noch durch den Verkehr mit einem würdigen Geistlichen aus der französischen Schweiz, welcher dasselbe Haus mit ihnen bewohnte. Er hatte Agathes eifrige Lernbegierde bemerkt, und freundlich bot er ihr an, sie sowohl in der französischen Sprache als auch in einigen Wissenschaften zu unterrichten, da er, wie er sagte, seine Musestunden nicht besser ausfüllen könne. Gern gab die Kranke ihre Einwilligung, und mit innigem Entzücken widmete sich nun Agathe all den Dingen, nach denen sie im Hause des Onkels so vergebens verlangt hatte.

Diese innere Freudigkeit, verbunden mit der herrlich reinen Luft der Berge und der üppigen, kräftigen Kost, welche ihr jetzt geboten wurde, ließen auf Agathes Wangen bald frische Rosen erblühen. Das zarte, blasse Kind wuchs zur schönen, frischen Jungfrau heran, und voll wahrhaft mütterlicher Liebe verfolgte Frau von Menzel die körperliche wie geistige Entwickelung des jungen Mädchens. Schön und genußreich schwanden die Tage wie Stunden dahin, und die Liebe der Menschen, mit denen sie lebte, erwärmten Agathes Herz eben so sehr, als die herrliche Natur, welche sie umgab.

Der Herbst verging, und der Winter mit seinen rauhen Tagen zog in das Land. Aber die Lage Nizza's, welches im Norden und Osten geschützt und von milder Seeluft umgeben ist, verhindert die scharfen Winde, diesen Zufluchtsort der Kranken zu erreichen, an welchem sich die kleine Familie glücklich und wohl fühlte. Herr von Menzel hatte für einige Zeit nach der Heimath zurückkehren müssen, und da er die Kranke in Agathes treuen Händen wußte, verließ er sie mit ruhigem Herzen. Agathe schloß sich in dieser Zeit um so enger an die sanfte Frau an, die ihr immer mehr Freundin wurde und sie nie wieder von sich lassen wollte. Aber wenn die Kranke auch an keine Trennung dachte, so mußte es Agathe im Stillen nur zu häufig thun, denn sie bemerkte nur zu gut, wie die Krankheit der theuren Frau immer größere Fortschritte machte. Das milde Klima konnte das Leiden nur hinziehen, nicht heben, und mit tiefem, geheimen Kummer, aber heiterem Auge hörte sie, wie die Kranke Pläne auf Pläne entwarf, welch schönes Leben sie ferner mit einander führen wollten. Agathe küßte dann in dankbarer Liebe die schmale, abgezehrte Hand ihrer gütigen Freundin; aber in ihrem Herzen konnte sie solchen schönen Träumen keinen Glauben schenken. Der Winter war vorüber und für den nahenden Frühling und Sommer wählte die Familie einen anderen, den heißen Sonnenstrahlen weniger ausgesetzten Aufenthalt in den Schweizer Alpen. Agathe hatte die Freude, daß auch ihr Freund, der Geistliche, für einige Zeit mit ihnen zog; denn er hatte die Familie so lieb gewonnen, daß er sich nicht so schnell von ihnen trennen mochte. — Aber war es nun der Wechsel des Ortes, oder war es die, allen Brustkranken gefährliche Frühlingsluft, Frau von Menzel wurde bald so leidend, daß ihr Ende schneller herannahte, als selbst Agathe in den bangsten Stunden gefürchtet hatte. Mit stiller Ergebung trug der unglückliche Gatte die herannahende Trübsal, und Agathe wurde ihm sowohl durch ihre treue Pflege, als durch den tiefen Ernst ihres Gemüthes unendlich lieb und trostbringend. Die Kranke selbst ahnte ihren Zustand nicht. Sie wurde schwächer und schwächer; aber indem ihr blaues Auge wunderbar glänzte, sprach sie lächelnd von der schönen Zeit, in welcher sie wieder gekräftigt sein und sich der herrlichen Natur werde erfreuen können.

»Wie sehne ich mich, wieder in die warme Sonne zu kommen und den weiten, blauen Himmel sehen zu können!« sprach sie eines Tages freudig und wendete ihr Auge nach dem Fenster. »Tragt mich in's Freie, ich möchte der schönen Gotteswelt näher sein,« bat sie dann sanft, und langsam rollte ihr Gatte und Agathe das Ruhebett der Kranken an die offene Thür der Veranda.

»O wie wird mir so wohl, mir ist, als öffne sich mir der Himmel!« sagte sie begeistert und breitete die Arme aus; dann schloß sie die Augen und sank leise zurück. Eine selige Verklärung ruhte auf ihrem Antlitz; der Himmel hatte sich ihr wirklich geöffnet, sie schwebte empor zu der ewigen himmlischen Herrlichkeit.

Der Kummer des einsamen Gatten war so unsäglich tief und ergreifend, daß Agathe den eigenen Schmerz zu bekämpfen suchte, um den unglücklichen Mann trostreich zur Seite stehen zu können. Aber war sie allein, so stürzte Leid und Jammer um so mächtiger über ihr zusammen, und schluchzend kniete sie an der Hülle der lieben Verklärten, die ihr Freundin und Mutter geworden war. »O Gott, mein Gott!« betete sie inbrünstig, »was soll nun aus mir werden! Verlaß Du mich nicht; nimm mich in Deinen treuen Schutz, und führe mich gnädig weiter an Deiner Vaterhand. Allein bin ich nun wieder, allein und obdachlos; o nimm Du dich ferner der armen Waise liebend an!«

Und sie hoffte nicht vergebens. Wohl war jetzt ihres Bleibens nicht mehr in den bisherigen Verhältnissen; denn Herr von Menzel kehrte so schnell als möglich wieder nach der Heimath zurück, um die theure Hülle seiner Gattin in dem dortigen Erbbegräbniß der Familie beisetzen zu lassen. Aber ehe der Sarg der Verklärten geschlossen wurde, ergriff der Trauernde Agathes Hand und sprach mit tiefer Bewegung: »Meine liebe Agathe, Sie sind meiner Gattin theurer gewesen, als Sie glauben können. In Ihnen hat sie bis zu ihrem letzten Augenblicke eine treue Freundin und Tochter besessen. Welchen Trost auch mir Ihre Gegenwart gewährt hat, davon lassen Sie mich schweigen; aber es ist mir ein inniges Herzensbedürfniß, Ihnen zu zeigen, wie dankbar ich Ihnen bin und mein ganzes Leben hindurch sein werde. Ich glaube Ihnen davon einen, wenn auch nur geringen Beweis geben zu können, indem ich Sie bitte, mir die Sorge für Ihre weitere geistige Ausbildung zu überlassen. Sie wünschen sehr, Erzieherin werden zu können, das weiß ich, und Ihre schönen Anlagen befähigen Sie auch völlig dazu. Wollen Sie nun für ein Jahr als Zögling in das treffliche Erziehungsinstitut in Neufchâtel eintreten, um daselbst noch die letzte Ausbildung zu erhalten, so wird es mich freuen, einen Ihrer Wünsche erfüllt zu sehen. Alle Vorbereitungen zu Ihrer Aufnahme sind getroffen, und der Geistliche, Ihr würdiger Freund und Lehrer, wird Sie gern dahin begleiten, sobald Sie es wünschen.«

Agathe war wie in einem Taumel von Glück und Wonne. In demselben Momente, wo wieder alle schönen Hoffnungen entschwanden, und sie abermals angstvoll einer unsichern Zukunft entgegen blickte, stand sie am Ziele ihrer sehnlichsten Wünsche. Sie fand keine Worte, ihren Dank und ihre Freude auszudrücken; aber aus ihrem Auge leuchtete eine bessere Antwort, als der Mund zu geben vermochte. Ueber dem verklärten Antlitz der Entseelten reichte sie ihrem Freunde und Beschützer die Hand, und im stummen Danke zitterten ihre Lippen.

Herr von Menzel war abgereist, und traurig kehrte Agathe an der Seite des Geistlichen von dem Bahnhofe zurück, wo sie dem theuren Manne und seiner stillen, verklärten Begleiterin das letzte Lebewohl gesagt hatte. Der Geistliche hatte ihr gleich nach dem Tode der Kranken in freundlichster Weise angeboten, sein Haus in Genf und seine Familie für's Erste ganz als die ihrige zu betrachten, und Agathe hatte diese Zufluchtsstätte dankbar angenommen, bis sich eine andere Stelle für sie finden würde. Jetzt aber wünschte sie natürlich, sobald als möglich in jenes Pensionat einzutreten, und der Geistliche versprach schon andern Tages mit ihr nach Neufchâtel abzureisen.

Madame Reutin, die Vorsteherin der Anstalt, war von Agathe's Ankunft bereits unterrichtet und empfing das junge Mädchen mit großer Herzlichkeit. Agathe war eine der ältesten Pensionairinnen, und da Madame Reutin an den Schicksalen ihres neuen Zöglings großen Antheil nahm, und bald bemerkte, welchen Eifer dieselbe besaß, um sich möglichst viel Kenntnisse zu erwerben, so widmete sie ihr ganz besondere Aufmerksamkeit. Sie suchte das stille, sinnige Mädchen viel in ihrer Umgebung zu beschäftigen und zeigte ihr so viel Liebe, daß Agathe bald ihre Schüchternheit verlor und sich in den fremden Verhältnissen ungemein wohl fühlte. Der Unterricht war vortrefflich, und so reifte die begabte Agathe schnell zu einem geistig fein gebildeten Mädchen heran, welches nach Verlauf eines Jahres gar wohl befähigt war, die Stelle einer Erzieherin auszufüllen.

Herr von Menzel, mit dem Agathe in stetem brieflichen Verkehr war, bot ihr an, noch länger in der Anstalt zu bleiben, und Madame Reutin schlug ihr vor, die Stelle einer Hülfslehrerin zu übernehmen, da sie das sanfte Mädchen ungern von sich ließ. So entschloß sich denn Agathe, noch einige Zeit im fremden Lande zu bleiben, obwohl ihr Herz unbeschreiblich nach ihrer treuen Anne verlangte, welche ihr rührend zärtliche Briefe schrieb, zwar auf merkwürdig dickem Papier, und mit heftiger Verschwendung von Dinte, da die Buchstaben groß und gewaltig auftraten, und schwer zu entziffernde Hieroglyphen bildeten, aber nichts desto weniger die innigste Liebe und Anhänglichkeit aussprachen. Auch der Onkel und ihre Freundinnen aus der Pension schrieben Agathen fleißig, und jeder Brief erregte ihr so tiefes, gewaltiges Heimweh, daß nur der Wunsch nach fernerer Ausbildung sie noch von der Rückkehr in die Heimath abhielt. Ja Heimath, hatte sie denn überhaupt eine? Sie wußte ja gar nicht, wohin sie gehen sollte, verließ sie ihren jetzigen Aufenthalt. Dieser Gedanke hing sich immer wie ein Bleigewicht an ihren Wunsch, nach Deutschland zurück zu kehren, und sie hatte deshalb an Anne Sommer wie an ihre Freunde geschrieben, sich nach einer Stelle für sie umzusehen.

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