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Drei Erzählungen für junge Mädchen

Verwaist. (continued 2)

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Fast zwei volle Jahre waren jetzt seit Agathes Abreise von Leipzig verstrichen, da erhielt sie eines Tages einen Brief von ihrer Freundin Fanny, welcher die frohe Kunde brachte von deren Verlobung mit einem jungen Gutsbesitzer. Mit dieser freudigen Botschaft aber verband sich noch eine zweite, welche Agathen betraf.

»Jetzt zu Dir, meine beste Agathe!« lautete Fanny's fröhlicher Brief. »Mein Bräutigam ist der älteste Sohn einer zahlreichen Familie, und seine beiden jüngsten Schwestern, Mädchen von 10 und 12 Jahren, können meiner Ansicht nach nicht länger ohne specielle Aufsicht bleiben. Auch ihr Schulunterricht scheint mir mehr als mangelhaft, was auf dem Lande freilich kein Wunder ist. Meine gute Schwiegermutter hat durchaus nichts dagegen einzuwenden, die jungen Springinsfelde unter die Zucht einer Erzieherin zu stellen, falls ich ihr eine verschaffen könnte, die, wie sie sagte, nicht gar zu störend in das Familienleben eingriffe. Sie hat etwas sonderbare Vorstellungen von allem, was Erzieherin heißt, und da ich sie von ihrem Vorurtheil gern kuriren möchte, so würde dies allein schon mich bestimmen, Dich, meine gute Agathe, dringend aufzufordern, diese Stelle bei meinen kleinen Schwägerinnen zu übernehmen. Tausend andere Gründe aber drängen sich außerdem noch herbei, um Dich mit Bitten zu bestürmen, vor allem meine grenzenlose Sehnsucht nach meiner liebsten Freundin. Komm, komm, so bald als möglich, meine Agathe; Du wirst von all' meinen Lieben mit offenen Armen erwartet und wirst Dich glücklich unter uns fühlen, dafür bürgt dir deine treuste Fanny.«

Ein Postscriptum fehlte dem Briefe nach junger Mädchen Art natürlich auch nicht; es lautete: »Uebrigens wirst Du Dich freuen, ein liebes, bekanntes Gesicht hier in unserer Nähe zu finden. Wem das aber zugehört, sage ich nicht; Du magst selbst kommen, es dir anzusehen.«

Das war denn allerdings eine so wundervolle Kunde, daß Agathe mit glühenden Wangen zu Madame Reutin eilte, ihr alles mitzutheilen und sie um Erlaubniß zur Heimkehr zu bitten.

Freudig willigte die gute Dame sogleich in Agathes Wünsche, und so ungern sie das brave Mädchen von sich ließ, so sehr freute sie sich doch andrerseits über die gute Wendung, welche deren Schicksal abermals genommen. Nicht ohne die tiefste Bewegung schied Agathe kurze Zeit darauf aus der Anstalt, wo ihr so viel Gutes zu Theil geworden, sowie aus dem herrlichen Lande, in dem sie eine reiche, glückliche Zeit verlebt hatte.

Achtes Kapitel. Die Heimath.

In dem Herrenhause des Dorfes Schönfelde waren die jüngern Glieder der Familie seit dem frühen Morgen in großer Bewegung. Geschäftig liefen sie die breiten Treppen auf und nieder und hielten wichtige Zwiegespräche mit Gärtner und Stubenmädchen, die Kränze und Guirlanden aus den wenigen Blumen des Gartens zusammenwanden, welche die Herbstkälte noch übrig gelassen hatte. Bald thronte über der Hausthür ein mächtiger Kranz, in dessen Mitte das Wort »Willkommen« prangte, und frische Guirlanden umzogen die Thür des Wohnzimmers, in dem einige Kinder in großer Aufregung um ein blühendes, junges Mädchen versammelt waren, das sie mit Fragen bestürmten.

»Nicht wahr, Fanny, sie trägt keine Brille, wie die alte Fräulein Danton, Lucie Bülow's Erzieherin?« rief Marie, ein zwölfjähriges Mädchen.

»Und auch keine Schnupftabaksdose, nicht wahr?« setzte Hannchen hinzu, die jüngere Schwester. »Die Mama behauptet es.«

»Ob sie wohl Pferd mit mir spielen wird, Fanny? Ich will sie auch nicht so derb mit meiner Peitsche schlagen, als gestern den Anton; aber dann muß sie auch nicht heulen, wie der immer gleich thut!« rief der kleine Max und fuhr knallend mit der Peitsche durch die Luft.

»Ihr werdet's ja sehen, Kinder, macht mich doch nur nicht todt mit euren Fragen,« lachte das junge Mädchen. »Aber jetzt adieu; Friedrich fährt eben vor, und ihr wißt, die Pferde stehen nicht ruhig. Seid hübsch artig, daß meine liebe Agathe nicht gleich eine gar zu schlechte Meinung von euch bekommt. Adieu, adieu, ihr lustiges Corps!«

Fort flog der Wagen, in dessen Mitte das junge Mädchen fröhlich lachend thronte, noch lange gefolgt von dem gellenden Hurrah der kleinen Gesellschaft. Einige Stunden vergingen, und sie kehrte zurück, Freude und Glück in den lieblichen Zügen, denn an ihrer Seite saß die Freundin ihrer Jugend, unsere Agathe.

Was Fanny verheißen, das fand die Ankommende bestätigt. Offene Arme empfingen die neue Hausgenossin, gute treffliche Menschen hießen sie freudig in ihrer Mitte willkommen. Man kam ihr als der liebsten Freundin der Schwiegertochter mit Vertrauen und Herzlichkeit entgegen und dankte es ihr aufrichtig, daß sie die Erziehung der jüngsten Kinder zu übernehmen versprochen hatte, und so begrüßte man in ihr nicht die gefürchtete Erzieherin, sondern ein liebes, neues Glied der Familie. Agathe war unsäglich glücklich über solche Aufnahme; denn oft hatte ihr Herz gezittert, ob wohl die Erzieherin in dem vornehmen Hause auch gern gesehen und nicht vielleicht als fremder Eindringling behandelt oder gar als eine Art Dienstbote kalt und vornehm aufgenommen sein würde. Aber schon das Willkommen, das ihr von fern so freundlich entgegen leuchtete, sagte ihr, daß sie nichts zu fürchten habe, und all die guten, frohen Gesichter, welche sie umdrängten, sprachen gar wohlthuend zu ihrem zagenden Herzen. Frau von Wedell, die Herrin des Hauses, umarmte sie gleich beim Eintritt, und bald erschien auch der Gutsherr selbst, Agathen in einfach herzlicher Weise willkommen zu heißen.

Bald war die junge Erzieherin in dem Familienkreise heimisch, und nun begann ein Leben voll Lust und freudiger Arbeit. Mit regem Eifer machte sich Agathe an die Aufgabe, die ihr gestellt war, die Erziehung der beiden Mädchen Marie und Hannchen. Aber auch der wilde Max wurde von ihr mit Beschlag belegt, und den Fleiß ihrer Schüler belohnte die fröhliche junge Lehrerin gern damit, daß sie sich an den Spielen betheiligte, welche sowohl Max als die kleinen Mädchen in den Freistunden vornahmen. Ueberhaupt war Agathe jetzt so heiter und frisch, daß man das einst so traurige, blasse Mädchen gar nicht wieder erkannte. Frau von Wedell gestand lachend, daß sie freilich eine ganz andere Vorstellung von einer Erzieherin gehabt habe, da sie sich dieselbe nie anders als keifend und verbissen, und mit den wunderlichen Attributen einer alter Jungfer versehen, habe denken können.

Agathe hatte in der ersten Zeit die Freude, ihre liebe Fanny, die für einige Wochen zum Besuch ihrer Schwiegereltern gekommen war, im Hause zu sehen. Der Bräutigam war ein frischer, liebenswürdiger junger Mann, der im kommenden Jahre ein zweites Gut des Vaters bewirthschaften sollte, und mit Ungeduld dieser Zeit entgegen sah, da er alsdann seine Fanny als junge Frau daselbst einführen wollte.

»Aber das liebe, bekannte Gesicht, von dem du mir geschrieben, Fanny, wo ist das?« sagte Agathe bald nach ihrer Ankunft und spähte suchend überall umher. — »Du hast doch nicht etwa meine alte Anne hierher entführt, da du weißt, sie schwärmt für Entführungen?« fuhr sie scherzend fort, denn im Stillen hatte sie jetzt keinen größeren Wunsch, als dies treue Wesen wiederzusehen.

»Nein, Agathe, die alte Soldatenfrau holen wir nächstens einmal auf ein paar Wochen zu uns; Leipzig ist ja nur drei Stunden von Schönfelde entfernt,« sagte Fanny, welche sich diese Erlaubniß schon von ihrer Schwiegermutter erbeten hatte, da sie wußte, welche Freude sie dadurch Agathen bereitete.

»Nein, mein Schätzchen, du mußt besser rathen!« fuhr sie neckend fort. »Giebt es denn gar kein liebes Gesicht mehr unter der Sonne, als das alte, verwitterte Antlitz deiner Frau Corporalin? Besinne dich doch!«

Aber Agathe besann sich nicht; sie wußte ja gar nicht, wohin sie ihre Gedanken wenden sollte. Sinnend blickte sie zum Fenster hinaus, das von schönen alten Linden beschattet wurde. Da schrak sie plötzlich zusammen, und ein Ausruf freudiger Ueberraschung kam über ihre Lippen.

»Fanny, ist das nicht unser Lehrer, Herr Lobner?« rief sie, auf einen Herren deutend, der eben in einiger Entfernung an dem Hause vorüber ging.

»Nun ja, erkennst du ihn wirklich?« lachte Fanny fröhlich. »Ich dachte schon, du hättest deine besten Freunde vergessen, du leichtsinniges Kind!«

»Aber wie kommt der hierher, liebste Fanny?« rief Agathe, freudig erglühend.

»Um deinetwillen nicht, mein Töchterchen, denn er hat von deinem Hiersein keine Ahnung,« neckte Fanny. »Er ist wohlbestallter Prediger im Pfarrdorf Schönfelde, und wird die Ehre haben, Seelsorger seiner einstigen, liebsten Schülerin von nun an zu werden. Wie gefällt dir das, Schätzchen?«

»Fanny, ist das wahr? Ist unser lieber, lieber Herr Lobner wirklich hier Prediger?« rief Agathe jetzt strahlend vor Freude und ergriff Fanny's Hand.

»Meinst du, er tauge nicht dazu? Nun dann geh morgen in die Kirche, und überzeuge dich selbst. Es ist Sonntag; um 9 Uhr hält er die Predigt,« sagte Fanny.

»Aber das ist ja herrlich!« jubelte Agathe, Fanny umarmend. »Wie ist das denn nur gekommen? Wer hat ihn denn hierher gezogen?«

»Nun Papa Wedell, dem er so gefiel, als er sich um die Stelle bewarb, daß er ihn auch ohne meine Fürsprache in die leerstehende Pfarre eingesetzt hätte,« rief Fanny. »Aber wie gesagt, daß er hier seine kleine, blasse Freundin aus der Pension ebenfalls in Amt und Würden finden sollte, davon hat er bis jetzt keine Ahnung. Der Anblick dieser Ueberraschung soll mein Lohn für all die Mühe sein, die ich mir um euch alle Beide gemacht habe.«

Wessen Freude über das Wiedersehen größer war, ob die Agathes oder die ihres einstigen Lehrers, wäre freilich schwer zu entscheiden gewesen. Die schelmische Fanny, der Herr Lobner seine Stelle verdankte, hatte demselben wirklich Agathes Ankunft verheimlicht, und kaum traute dieser seinen Augen, als ihm das junge Mädchen an der Seite ihrer Freundin entgegen kam.

Es war ein frohes Wiedersehen, und doch voll tief innerlicher Bewegung; denn an Agathe's Seele zog all das vorüber, was sie in der Zeit erlebt, welche zwischen jenem Abschiede in dem Zimmer des theuren Lehrers und dem jetzigen Augenblicke lag.

»Gott hat seine Hand wunderbar über Ihnen gehalten, liebe Agathe!« sagte der junge Geistliche freundlich, als das junge Mädchen ihm ihre Schicksale mitgetheilt hatte. »Ich hätte nicht geglaubt, daß mir so bald die Freude werden würde, Sie wieder zu sehen, und nun gar unter so erfreulichen Verhältnissen. Irre ich nicht, so haben Sie wie ich, Ihren jetzigen Wirkungskreis Ihrer gütigen Freundin zu danken, durch deren Fürsprache auch ich meine Stelle erhalten.«

Fanny wies allen Dank von sich und behauptete, sie habe nur aus purem Eigennutz sich für ihre alten Freunde verwendet; denn da sie selbst nun bald in der Nähe residiren werde, so wollte sie doch im Voraus schon für freundliche Nachbarschaft sorgen.

Jetzt begann eine so reiche, wundervolle Zeit für Agathe, daß diese Gott nicht genug dafür danken konnte, der sie in dies Haus geführt hatte. Ihr Wirkungskreis befriedigte sie täglich mehr und mehr; die etwas verwilderten Zöglinge gewannen unter Agathes milder und kluger Leitung sichtlich an gutem Betragen wie an Kenntnissen, und alle Bewohner des Hauses betrachteten die junge Erzieherin als liebes Familienglied. Mehrere Abende der Woche verbrachte Herr Lobner in der Familie des Gutsherrn, und diese Stunden waren für Agathe unschätzbar. Ihr einstiger Lehrer war ihr jetzt ein treuer Freund geworden, der ihr als kluger und besonnener Rathgeber in allen den schwierigen Fragen zur Seite stand, über welche ein so junges, unerfahrenes Mädchen bei der Erziehung verschiedenartiger Kinder zweifelhaft sein mußte.

Bald kam denn nun auch die alte, treue Anne Sommer in das Herrenhaus, und das war ein Fest nicht nur für Agathe, sondern auch für die ganze übrige Familie; denn jeder gewann die brave, wunderliche Alte lieb, und ergötzte sich an der Soldatensprache, wie an den handfesten Manieren derselben. Die Kinder besonders hingen wie die Kletten an ihrem rothen Frießrock und konnten nie müde werden, die prächtigen Geschichten anzuhören, die sie ihnen erzählte, und die stets von Krieg und Soldatenwesen handelten.

An ihrem Goldkinde Agathe hing die Alte, wenn es möglich war, noch viel zärtlicher, als früher, und die Freude über deren blühendes Aussehen, wie über das Glück, das aus ihren schönen Zügen sprach, machte sie ordentlich wieder jung. »Hätte das nur ihre arme Mutter noch erlebt,« sagte sie oft leise vor sich hin, »dann wäre sie ruhiger zum großen Appell gegangen, zu dem sie der große Kriegsherr im Himmel so zeitig abgerufen, die liebe Seele! Aber ihr Segen ruht auf dem Kinde, das ist sicher!«

Die Alte kehrte nach einigen Wochen wieder nach Leipzig zurück, doch blieb sie ein häufig wiederkehrender und immer gern gesehener Gast in Schönfelde. Die Nachrichten, die sie Agathen aus dem Hause des Onkels brachte, zeigten, daß dort noch alles seinen ehemaligen, stillen Fortgang hatte, bis auf eine große, erschütternde Begebenheit — Bello war gestorben! — Auf seinen rothseidnen Kissen lag er eines Morgens kalt und todt, und keine heiße Thräne seiner trostlosen Herrin konnte den geliebten Freund wieder ins Leben zurück rufen. Ein kleines Grab, von Blumen überdeckt, bezeichnete im Garten einer Freundin die Stelle, an welcher die geliebte Hülle ruhte. Noch vermochte kein Nachfolger seine Stelle zu ersetzen, und Agathe dachte mit Freuden daran, daß die alte, gute Cousine dadurch für einige Zeit eine lästige Arbeit weniger hatte.

In angenehmer Weise vergingen Agathen die langen Wintertage, und wieder schaute endlich der fröhliche Lenz zum Fenster herein und verkündigte seine Ankunft durch weiche Luft und duftende Blumenglocken, welche unter dem schmelzenden Schnee zum Vorschein kamen.

Aber mit der überall erwachenden Fröhlichkeit zog abermals eine Fülle neuer Freuden in das Herz unserer Agathe. Werfen wir einen Blick zum Fenster hinaus, und sehen wir die lange Kastanienallee hinab, in welcher die Baumzweige schon große, braune Knospen tragen, so zeigen sich uns zwei Personen, die still und schweigend neben einander gehen. Ihr Mund ist jetzt stumm, aber was er soeben gesprochen, das leuchtet noch wunderbar in den Augen der Beiden, welche mit unaussprechlicher Liebe auf einander blicken. Agathe ist soeben die Braut ihres Freundes und Lehrers, des braven Pfarrers Lobner geworden. Was damals schon die Seelen Beider verband, als Lobner von Agathe Abschied nahm und als einziges Andenken das kleine Schreibebuch von der Schülerin erbat, das war fort und fort lebendig in ihnen geblieben, und hatte nun, da sie sich auf ihrem Lebenswege so bald wieder begegneten, feste, dauernde Gestalt erhalten. Längst schon ahnten Beide, daß sie einander theuer waren; jetzt wußten sie es, jetzt gehörten sie einander für das Leben.

»Also das wäre mir geglückt!« rief Fanny, voll Freude in die Hände schlagend, als sie die Verlobung ihrer beiden Freunde erfuhr. »Ich bitte mir die Ehre der Anerkennung aus; mir kommt das Verdienst zu, euch Beide zusammen gebracht zu haben. Denn, meine liebe Agathe, nimm mir's nicht übel, allen Respect vor deinen Talenten in der Erziehungskunst, aber wahrlich, es war mir viel mehr darum zu thun, dich wieder in die Nähe unseres lieben Freundes Lobner zu bringen, als meinen kleinen Rangen von Schwägerinnen eine Erzieherin zu verschaffen. Deshalb hätte ich dich nicht so knall und fall aus der Schweiz hercitirt. Aber Gelegenheit macht Diebe. Mit meiner Pfarrerwahl war mir's so trefflich gelungen, nun fehlte nur noch eine nette, kleine Pfarrfrau dazu. Und wen hätte ich meinen neuen Herrn Pastor, sowie mir selbst besser dazu wählen können, als die Verfasserin jenes kleinen, ominösen Schreibebuchs, das in der Bibel unseres sehr ehrenwerthen Herrn Pastor Lobner seinen Platz erhielt, als das Heiligste, was besagter Herr im Besitz hat?«

Der glückliche Pfarrer zog seine erglühende Braut an das Herz; der schelmischen Fanny aber drohte er mit dem Finger und sagte lachend: »Warten Sie nur, Sie Schelm; das ist gewiß die Rache dafür, daß die schöne Tasse nicht mehr lebt, die eine leichtsinnige Schülerin mir einst als Andenken schenkte. Aber nur Geduld, jetzt werde ich die Scherben all' wieder zusammen suchen, und als ewige Erinnerung sollen diese Reste unter dem Bilde der Freundin aufgestellt werden, welches einst über dem Nähtischchen der jungen Frau Pastorin Lobner hängen wird«.

Wieder blühten die Rosen und Lilien in den Gärten, und die Linden neigten ihre vollen Blüthenbüschel zur Erde herab, gerade wie an jenem Tage, an dem einst Agathe verlassen und einsam in den Baumgängen Leipzigs dahinschritt, bis sie von den Armen ihrer treuen Anne umfangen wurde, und neue Freude und Hoffnung in ihr Herz einzog. Auch heute schaute das alte Gesicht der Soldatenfrau in die glänzenden Augen ihres Lieblings, und ihre rauhe Hand strich schmeichelnd über die zarte Wange des Mädchens. Aber Muth und Trost brauchte die alte, treue Seele ihrem Goldkinde heute nicht zuzusprechen, denn das reinste Glück spiegelte sich auf dem holden Gesicht derselben. Die blühende Myrthe schmückte Agathes dunkle Locken, und Brautkleid und Schleier verkündeten, daß der schönste Tag ihres Lebens gekommen war.

Man feierte in Schönfelde heut eine Doppelhochzeit; Fanny sowohl als Agathe sollten als junge Frauen in die neue Heimath einziehen, welche die Liebe ihnen bereitete. Es war ein schönes Fest, das die Familie feierte; denn trat Fanny jetzt als wirkliche Tochter in das Haus ihrer neuen Eltern, so zählte man auch Agathe durch die innigsten Herzensbande zu den Kindern des Hauses und freute sich, sie als die Frau des braven Predigers im Orte zu behalten.

Fanny hatte die Freude, von ihrer Mutter, welche ihre Tage in der Nähe der einzigen Tochter zu beschließen gedachte, an den Traualtar begleitet zu werden; aber auch Agathe stand nicht einsam. Der Onkel Niedrer war der Einladung Agathes gefolgt und führte die geliebte Nichte ihrem Gatten zu, und zu Agathes unaussprechlicher Freude gehörte auch Herr von Menzel zu den Hochzeitgästen, die Schönfelde beherbergte. Die Tante Niedrer freilich konnte es nicht über sich gewinnen, ihren Gatten zu begleiten; aber einige schöne Geschenke, welche sie Agathen schickte, zeigten doch, daß sie ihr vergeben hatte.

Das freundliche Pfarrhaus, in das wir unsere Agathe nun zum Schluß noch begleiten, war durch die Güte aller ihrer Freunde höchst behaglich und nett eingerichtet worden. Denn sowohl der Onkel Niedrer, als auch Herr von Menzel und die Gutsherrschaft waren bemüht gewesen, alle Schränke und Kasten der jungen Hausfrau zu füllen und ihr ein wohlausgestattetes Häuschen zu übergeben. Aber neben dem blühenden Gesichtchen der jungen Frau Pastorin zog noch ein altes, verwittertes mit in das Haus, dem mit Agathen zugleich eine schöne, stille Heimath geworden war. Wer es ist, brauche ich nicht erst zu sagen. Der neue, rothe Frießrock glänzt nicht herrlicher, als das glückliche Gesicht der Alten, die ihn trägt, und obwohl das neue schwarze Kopftuch von untadelhaft starkem Seidenzeug ist, so können die mächtigen Schleifen doch kaum ihre steife Würde bewahren, denn der Kopf, den sie zieren, schwankt und zittert heut in nie erlebter Aufregung.

»Dir danke ich ja alles, meine Anne, mein Glück und meine Heimath, und nie mehr lasse ich dich von mir!« sagte die junge Frau mit Thränen im Auge, als sie gemeinsam mit ihrem Gatten die alte Anne Sommer in das trauliche Hinterstübchen einführte, das sie ihr behaglich eingerichtet hatten. »Wärst du nicht gekommen, mir die Wege zu bahnen, wer weiß, wie es jetzt mit mir stände!«

»Du säßest als Directrice auf dem hohen Stuhle und nähetest Zughüte, daß sich die Königin selbst nicht zu schämen brauchte, sie aufzusetzen,« neckte der Pfarrer fröhlich. »Und in den Freistunden exercirtest du junge Bello's als Rekruten ein!« lachte die Alte, daß es dröhnte.

»Ach um alles, schweigt mir nur davon!« seufzte Agathe in komischer Angst. »Zwei Dinge in der Welt sind es, die nie in unser Haus kommen sollen, das sind Schooßhunde und Zughüte.«

»Halt, dergleichen Bedingungen darf man nie im Leben stellen, wie es im Sprüchlein heißt:

»Du sollst dich nie mit Schwur vermessen, Von dieser Speise will ich nicht essen!«

rief der Geistliche schelmisch. »Wer weiß denn, was in dem Kasten steckt, den ich soeben für dich aus Leipzig erhalten habe!« Dabei holte er eine kleine Kiste herbei, deren schon losen Deckel er schnell öffnete und sie dann Agathen überreichte.

Die junge Frau blickte verwundert hinein und zog ein Tuch fort, das den Inhalt noch verhüllte. Und was lag nun vor ihr? Ein wunderniedliches, weißseidenes Zughütchen, in dessen Höhlung sich ein zierlicher Schooßhund verkroch, zwar nur aus Wachs, und in verkleinertem Maaßstabe, aber dem theuren Bello so ähnlich, wie das Kind der Mutter. Ein Brief begleitete die Sendung; er war von der guten, alten Cousine und enthielt nebst tausend herzlichen Glückwünschen von ihr und allen Bewohnern der Arbeitsstube die Bitte, beifolgenden Scherz freundlich aufzunehmen. Das Hundchen war ein Abbild dessen, den sich Madame Niedrer zu Erinnerung an ihren theuren Bello verfertigen ließ, und dessen Doppelgänger sich die Cousine für Agathen verschafft hatte. An dem Hute aber hatten alle Mitglieder der Arbeitsstube einige jener furchtbaren, kleinen Säume genäht, welche einst den Schrecken und die Verzweiflung Agathes ausmachten. Fräulein Schneider garnirte das Kunstwerk schließlich mit zierlichen Maiblumen, und dieses Hütchen war in der ganzen langjährigen Praxis der würdigen Directrice das Erste und Einzige gewesen, das ohne vorherige Prüfung ihrer Principalin in die Welt hinaus wanderte.

»Also nun birgt unsere Pfarre dennoch gerade jene beiden verpönten Gegenstände, Schooßhund und Zughut! O du arme Agathe!« rief der Pfarrer lustig und hielt die beiden Geschenke hoch empor. Agathe aber hatte Thränen im Auge, während ihr Mund lächelte, und innig bewegt sagte sie: »Ja, es ist recht so! Gerade diese beiden Dinge sollen mir immer vor Augen stehen; denn sie werden mir eine stete Mahnung daran sein, wie gütig Gott die arme Waise aus Trübsal zu Glück und Frieden führte.«

Illustration from Drei Erzählungen für junge Mädchen
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