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Drei Erzählungen für junge Mädchen

Esther Wieburg. (continued 3)

Reading edition

»Lieber Hubert!

Soeben macht mir meine kleine Susanne das Geständniß, daß sie trotz aller Liebe und Bewunderung, die sie für Dich hege, doch nicht deine Frau werden wolle und mich bitte, Dir das mitzutheilen. Sie behauptet, Ihr Beiden paßtet nicht für einander, und da ich mein einzig Kind nicht zu einem Bunde zwingen will, dem ihr Herz widerspricht, so bitte ich Dich, sie frei zu geben. Ein inniger Wunsch meines Herzens geht freilich damit zu Grabe; denn ich hätte Dich so gern meinen Sohn genannt! Aber, lieber Bertel, wenn auch meine wunderliche kleine Tochter anderen Sinnes geworden ist, mir wirst Du immer so lieb sein und bleiben, als wärest Du mein Sohn. Sieh' auch ferner noch mein Haus als das Deine an, und wie sich auch Deine Zukunft gestalten möge, Du wirst jederzeit einen treuen, väterlichen Freund besitzen in

Deinem Adolph von Sassen.«

Diesen Brief in der Hand stürzte Hubert in das Zimmer seiner alten Freundin, Frau Booland.

»Das ist dein Werk, Du Zauberin, sieh' hier!« rief er und warf das Blatt Papier der Alten in den Schooß; dann umschlang er sie mit beiden Armen und erdrückte sie fast vor ungestümer Freude.

»Ich bin ja frei, Tante, frei wie der Vogel in der Luft. O Dank, Dank! Nicht wahr, du bist es, die mich gerettet hat?«

Die Alte schob den Ungestümen sanft von sich, um den Brief zu lesen, der so verhängnißvolle Worte enthielt. Dann nickte sie mit dem Kopfe und sagte bewegt: »Braves, liebes Kind! Sie hätte es sicher auch gethan, selbst wenn sie dich lieb gehabt hätte! O Bertel, dies liebe Herz ist besser als du denkst! In diesem leichtherzigen, sorglosen Kinde ruht ein tief gefühlvolles, edles Gemüth. Du hast sie nicht geliebt, sonst hättest du den Schatz wohl erkannt, und sie hätte sich an deiner Seite herrlich entwickelt; Gott gebe ihr ein anderes Herz, das es versteht, sie glücklich zu machen; denn wahrlich sie verdient es!«

Nun hatten die Beiden noch eine lange Unterredung, und die Folge derselben war ein äußerst geschäftiges Kramen und Gehen und Bedenken von Seiten unserer guten alten Dame Booland, die einen riesenhaften Entschluß gefaßt hatte. Am andern Morgen wanderte sie schon in früher Stunde eilig durch das Dorf, dem Pfarrhause zu, um ihrer lieben Pastorin das volle Herz auszuschütten, während Hubert indessen eine wichtige Zwischensprache mit seiner Mutter hielt. Frau von Ihlefelds Herz hatten in der ganzen letztvergangenen Zeit tausend widerstreitende Gefühle und Gedanken bestürmt; denn wenn bisher einerseits ihr sehnlichstes Wünschen und Hoffen dahin gerichtet war, ihrem Sohne durch die Verbindung mit der Familie von Sassen den Weg zu Reichthum und Wohlbehagen zu bahnen, so fühlte sie andererseits doch gar wohl, welches Unrecht sie dadurch an der großherzigen Esther beging, und mit welchem Undank sie die Opfer dieses edlen Mädchens lohnte, deren Liebe zu Bertel ihrem scharfsichtigen Frauenauge nicht entgangen war. Aber Hubert schien Esther nicht zu lieben, sonst hätte er sich schwerlich den Bitten seiner Mutter gefügt. Das war für Frau von Ihlefeld eine große Beruhigung; jetzt mußte man suchen, sich Esther auf irgend eine Weise dankbar zu erzeigen für alles, was sie gethan hatte. Die Mittel dazu mußten sich finden, es konnte nicht allzu schwer sein; denn Esther war ja ein einfaches, anspruchsloses Mädchen. Aber als jetzt nach Ankunft von Esthers letztem Briefe ihr Sohn so aufgeregt davon stürmte, da schlug auch Frau von Ihlefelds Herz unruhiger. Was hatte Bertels Gemüth so heftig bewegt, als er diesen Brief las? Ahnte er Esthers Liebe zu ihm, die ja nicht mehr zu verkennen war? Jetzt aber war ja die Brücke abgebrochen, an Esther durfte er nicht mehr denken! Wie gut, daß dieser Brief erst jetzt kam, nachdem alles fertig und Bertels Zukunft gesichert war; wäre er früher gekommen, Hubert wäre schwerlich auf ihre Pläne eingegangen! Während Frau von Ihlefeld noch ihren Gedanken nachhing, trat ihr Sohn mit dem Briefe Herrn von Sassens zu ihr, freilich ohne zu gestehen, wer diese Wandlung in Susannes Seele hervorgerufen. Da aber erwachte der ganze Stolz in dem Herzen der noch immer vornehmen Frau; zornig fuhr sie auf und rief heftig: »Wie? Das bietet man uns? O wahrlich, in früheren Tagen hätte man das nicht gewagt! Erst weiß man nicht Wege genug, dich heran zu ziehen, und jetzt wirft man dich wieder fort, wie ein Spielzeug, das der albernen kleinen Prinzessin nicht mehr gefällt! Und der schwache Vater leidet solche Thorheit? O sie ist deiner gar nicht werth, das leichtsinnige Ding! Dich so zu behandeln, es ist ja empörend. Gut denn, laß sie laufen, sie verdient es nicht besser! Gott sei Dank, wir haben jetzt nicht mehr nöthig, durch andere unsre Lage zu verbessern. Wenn es auch kein großes Vermögen ist, das wir erhalten, so genügt es doch, bis du einmal eine Anstellung bekommst. Und weißt du, was du jetzt thun solltest, Bertel, gerade um der hochmüthigen Susanne zu zeigen, daß du dir aus ihrem Korbe nichts machst? Verlobe dich mit unserer Esther! Sie liebt dich, dessen bin ich sicher, und wenn ich es recht bedenke, kannst du eigentlich nie ein Mädchen finden, das besser zu dir paßt. Freilich, sie ist nur ein Bürgerkind, und unser alter Adel wird arg dadurch geschädigt; — aber lieber Gott, wir sind dem guten Mädchen doch sehr viel Dank schuldig, und sie wird dich und mich sicher stets mehr in Ehren halten, als es jene leichtfertige Susanne gethan hätte.«

Hubert hatte seine Mutter ruhig ausreden lassen; denn das Herz war ihm so übervoll, daß er jeden Augenblick in Gefahr war, sein Geheimniß zu verrathen. Seine Mutter aber durfte nicht ahnen, daß er selbst die Hand zu dem Bruche mit Susanne geboten, sie hätte ihm das nie vergeben. Rastlos schritt er während ihrer Rede in dem kleinen Zimmer auf und nieder. Als aber Frau von Ihlefeld von dem neuen Verlobungsplane sprach, da trat er rasch an das Fenster, seine Bewegung zu verbergen. So freudig überrascht er auch war, von seiner Mutter selbst eine Aufforderung zu erhalten, von der er sich gefürchtet hatte, ihr zu sprechen, so verletzte es ihn doch, daß sie glauben konnte, sein Herz sei so rascher Wandelung fähig. Wie, wenn er nun Susanne wirklich geliebt hätte, wie sie geglaubt? Konnte er dann augenblicklich eine Andere an ihre Stelle setzen? Und seine Mutter gestand jetzt, sie habe gewußt, daß Esther ihn liebte; trotz alledem überredete sie ihn zu der Verbindung mit Susanne! In Huberts Seele stritten tausend Gedanken mit einander, und er fühlte, daß sein Herz mehr und mehr von bittren Gefühlen gegen seine Mutter erfüllt wurde, in deren Händen er wie Wachs bald so bald so geformt werden sollte, gerade wie es ihren Zwecken entsprach. Aber endlich verwandelte sich diese Bitterkeit in Zorn gegen sein eigenes, schwaches Gemüth, das diesen Anmuthungen so wenig eigene Willenskraft entgegengesetzt hatte. Seine Mutter, so wenig er auch deren Handlungsweise billigen konnte, war doch nur durch die Liebe zu ihrem Sohne dazu getrieben worden; ihr durfte er nicht zürnen. So gab er denn keinem jener bittern Gedanken Worte, sondern sich zu seiner Mutter wendend, sagte er weich: »Liebe Mutter, es ist mir lieb, daß Susanne mir ihr Wort zurückgegeben. Ich hätte sie nie glücklich machen können; denn seit der Ankunft von Esthers Brief weiß ich erst, wie sehr ich Esther liebe und immer geliebt habe. Ich danke Gott für diese Lösung, und ich bin glücklich, daß dein Wunsch mit dem meinen zusammentrifft. Eine bessere Tochter, als Esther könnte ich dir nie zuführen.« Dann küßte Hubert mit Innigkeit seiner Mutter, die ihn betroffen anblickte, die Hand; aber Beide schwiegen, denn sie fühlten wohl, daß es besser sei, alles Weitere unerörtert zu lassen.

Frau von Ihlefeld wandte das Gespräch auf den Brief, den sie soeben im Begriff war, sowohl an Esther, als auch an Herrn Richard zu schreiben, um Esther aus der peinlichen Situation zu erlösen, in welcher das brave Kind sich befand.

»Nur an Herrn Richard schreibe sogleich, liebe Mutter; alles andere übernehme ich selbst,« sagte Hubert freudig erröthend. »Morgen früh reise ich selbst zu Esther.«

Frau von Ihlefeld blickte erstaunt auf ihren Sohn, dessen rasches entschlossenes Wesen ihr etwas ganz Neues war. Sein Gesicht war plötzlich so strahlend schön geworden, von Wonne und Glückseligkeit, daß sie ihr Auge fast erschrocken auf ihm ruhen ließ; denn jetzt erst erkannte sie, was in ihrem Sohne vorging. »Bertel, mein liebes, theures Kind!« rief sie unwillkürlich und streckte ihm die Arme entgegen, und mit dem jubelnden Ruf: »O meine Mutter!« hielt der Sohn seine Mutter umschlungen.

Für Esther war indessen die Zeit mit bleiernem Flügelschlage dahingeflogen. Ein unsägliches Weh erfüllte ihre Brust; sie hätte sich am liebsten nieder gelegt, um nie wieder aufzustehen; denn was sollte sie noch hier auf Erden, wo Glück und Freude für sie verschwunden waren. Müde und gleichgültig saß sie eines Abends am Fenster ihres Zimmerchens und schaute in die fast unheimliche Gluth, welche die sinkende Sonne über Himmel und Meer verbreitete, als solle die ganze Erde von dem glühenden Feuer verzehrt werden. Endlich verblichen die brennenden Tinten; kalte Abendschatten legten sich über Land und Meer, und der Zauber von Licht und Glanz, der soeben noch die Welt in wonniger Pracht erstrahlen ließ, er war geschwunden; graue Nebel stiegen empor, und erloschen war aller Reiz und alle Schönheit.

»Wie mein Leben!« seufzte Esther, die trüben Blicke über das Meer hinübersendend. »Seine Liebe war die Sonne, in deren goldnem Scheine mein armes Leben in wunderbarer Herrlichkeit lachte — nun ist meine Sonne erloschen, mein Leben todt und reizlos und von grauen Nebeln umhüllt!«

Sie legte ihren Kopf gegen die kalten Scheiben des Fensters, denn ihre Stirn brannte und suchte Kühlung. Da wurde an die Thür geklopft. »Ein Brief, mein Fräulein!« Hastig griff Esther nach demselben. Er war auf der Heimath, aber die Schrift kannte sie nicht. Mit fliegender Hand riß sie ihn auf; es war Susannes Brief.

Als Esther das Schreiben gelesen, strich sie langsam über ihre Stirn. War es denn Wirklichkeit, was sie soeben durchlebte, oder trieben muthwillige Träume ihr Spiel mit ihr? Sie trat näher an das Fenster, den Brief noch einmal zu lesen; aber ihr armer Kopf, der in den letzten Tagen so Furchtbares durchdacht und durchkämpft, schwindelte heftig, und die Buchstaben schwammen durch einander. Esther zündete Licht an, ging einige Male im Zimmer auf und nieder, um sich zu sammeln, und dann setzte sie sich still in den Lehnstuhl, den Brief noch einmal ruhig zu lesen. Während ihre Augen diese Zeilen jetzt von Neuem durcheilten, flog mehrere Male ein Lächeln über ihre Züge, und endlich schüttelte sie wehmüthig den Kopf. »Liebes, herziges Kind,« seufzte sie leise, »du ahnst nicht, was deine Worte mir für Schmerzen bereiten! Gott, mein Gott, was heißt das alles nur? Sie weiß von meiner Liebe zu Bertel, die mir bis vor Kurzem selbst noch ein Geheimniß war? Sollte Tante Booland mit ihr davon gesprochen haben? aber ich selbst habe ja nie etwas gesagt, das sie dazu berechtigte, und diese treue Seele würde mein heiligstes Geheimniß doch nicht preisgeben. Und wem preisgeben! Der Braut dessen, den ich liebe. O nein, nein, das ist unmöglich. Aber woher sonst sollte Susanne es wissen? Und Bertel? O wenn er dieses holde, kleine Geschöpf wirklich liebt, wie trostlos muß er sein, daß sie ihm sein Wort zurückgiebt und den Bund wieder löst, der ihn so zu beglücken schien. In welches Wirrsal stürzt mich dieser kindische Brief! Und dabei keine Nachricht von den Meinen! Jetzt könnte doch nun Antwort hier sein; warum schreibt nur niemand?

Es war für Esther eine traurige Nacht, welche der Ankunft dieses Briefes folgte. Schlaflos wälzte sie sich auf ihrem Lager umher, und tausend Gedanken durchkreuzten ihren heißen, schmerzenden Kopf. Hoffnung, Liebe und Zuversicht kämpften mit Schmerz und Zweifeln, und erst der heraufdämmernde Morgen brachte ihr Schlaf und Ruhe. Sie schlief schwer und tief viele Stunden lang; es war als ob ihr erschöpfter Körper Kräfte sammeln wollte für die bevorstehenden Wonnetage, welche leise und sonnig, aber ungeahnt fern am Horizonte heraufzogen.

Die Sonne stand schon hoch im Mittag, als Esther erwachte. Ueberrascht fuhr sie empor und rieb sich die Augen; ihr war, als hätte sich etwas Besonderes zugetragen, aber lange konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Ein Klopfen an der Thür schreckte sie auf. Hastig sprang sie empor und öffnete. Es war die Hauswirthin, welche ihr mittheilte, ein Herr habe vor einiger Zeit nach ihr gefragt, da Mademoiselle aber auf öfteres Klopfen nicht geantwortet, so sei der Herr wieder fortgegangen mit dem Versprechen, in einigen Stunden wieder vorzufragen.

Esther forschte nach dem Aeußeren des Fremden, und aus der Beschreibung schien ihr hervorzugehen, daß Herr Richard sie besucht habe. Ihr Herz schlug stürmisch. Schnell kleidete sie sich an, und kaum war sie fertig, da sah sie wirklich Herrn Richard auf das Haus zuschreiten und gleich darauf bei ihr eintreten.

»Mein Fräulein,« sagte der Kaufmann, indem er zögernd an der Thür stehen blieb, »darf ich es wagen, Sie aufzusuchen, nachdem Sie neulich so tief beleidigt von mir schieden? Ich komme, Sie um Verzeihung zu bitten, daß ich Sie so bitter kränkte. Aber die Umstände, unter denen ich Sie kennen lernte, müssen mein Betragen gegen Sie entschuldigen; ich kann jetzt eben nichts weiter thun, als die Bitte an Sie richten: Verzeihen Sie mir, denn ich kannte Sie nicht.«

»Warum sind Sie jetzt andrer Meinung geworden, mein Herr?« fragte Esther mit leise zitternder Stimme, ohne jedoch ihrem Gaste einen Schritt entgegen zu treten.

»Hier diese Zeilen sagen mir, welches edle Herz ich beleidigt und gekränkt habe!« rief Herr Richard und hielt dem jungen Mädchen einen Brief hin. Esther trat jetzt schnell näher und erkannte Frau von Ihlefelds Handschrift.

»Frau von Ihlefeld hat Ihnen geschrieben, mein Herr?« sagte sie hoch erröthend. »Sind Sie angewiesen, mir das Geld zu übergeben?«

»Wenn ich recht verstehe, so wird Herr von Ihlefeld in diesen Tagen selbst kommen, die Schuld einzufordern,« entgegnete Herr Richard sorglos, erschrak aber über die Wirkung, welche diese Worte hervorbrachten.

»Selbst? Er will selbst kommen?« stammelte Esther erbleichend, und plötzlich vergingen ihr die Sinne. Mit einem leisen Stöhnen sank sie zusammen, und fiel dem rasch zuspringenden Herrn Richard bewußtlos in die Arme.

Als sie sich endlich erholte, blickte sie scheu und erschrocken um sich; bald aber war sie wieder das starke Mädchen, und hörte jetzt ruhig an, was Herr Richard ihr mitzutheilen hatte. Dieser erzählte nun, daß Frau von Ihlefeld ihm geschrieben, Esther Wieburg sei der gute Engel ihres Hauses; was sie für ihren Sohn und sie selbst gethan, könne nur Gott dem edlen Kinde vergelten, und wer ihr wehe thue, kränke ein Herz, das immer nur für das Glück Anderer geschlagen.

»Und ich habe dies Herz so tief gekränkt!« schloß Herr Richard, der erglühenden Esther herabhängende Hand an seine Lippen führend. »Sagen Sie mir, Fräulein Esther, wollen Sie mir verzeihen?«

Das junge Mädchen blickte ernst vor sich hin. »Sie kannten mich ja nicht, Herr Richard,« sagte sie sanft, »und ich glaube, es war sehr thöricht von mir, jene Forderung ohne Beweisgründe an Sie zu stellen. Es mag in der Welt wohl so viel schlechte Menschen geben, daß man sich vorsehen muß. Lassen wir das jetzt. Mein Zürnen war vielleicht ganz ungerecht; Sie konnten wohl kaum anders handeln, als Sie gethan, das sehe ich mehr und mehr ein, da ich ruhiger darüber nachgedacht habe. Aber nun lesen Sie mir die Worte vor, die Sie zu der Vermuthung veranlassen, Hubert werde selbst kommen.«

Herr Richard faltete den Brief und überlas ihn schnell. »Hier ist's,« sagte er dann und las: »Was nun die Geldsumme betrifft, von welcher der Schuldschein meines Vetters spricht, so soll diese Sache der braven Esther keine Mühe mehr verursachen. Mein Sohn wird selbst....« In diesem Augenblicke aber hörte man eine Stimme in dem Hausflur. Esther stieß einen lauten Schrei aus und sprang empor; aber ihre Füße zitterten so heftig, daß sie kraftlos auf ihren Sitz zurückfiel. Da hörte man rasche Schritte; die Thür flog auf, und Bertel stand in dem Zimmer. »Esther!« rief er jubelnd und in demselben Augenblicke lag das geliebte Mädchen an seiner Brust.

Lange fanden die beiden glücklichen Menschen kein Wort für das Entzücken ihres Herzens. Esther war so erschüttert von diesem plötzlichem Wiedersehen, daß sie kraftlos und weinend in ihres Freundes Armen lag, der ihren lieben Kopf zärtlich küßte und immer von Neuem an seine Brust drückte. Die süßesten Schmeichelnamen, wie sie nie über seine Lippen gekommen, flüsterte er dem vor Freude erbebenden Mädchen in das Ohr, und endlich erhob diese unter Thränen lächelnd ihr Gesicht. Nie hatte Bertel bis jetzt so zu ihr gesprochen, nie hatte sie noch an seiner Brust gelegen wie jetzt, und noch nie war sie ihm gegenüber so schwach und weichmüthig gewesen.

»Verzeih' mir, Bertel; die Freude, Dich wiederzusehen, macht mich ganz hinfällig!« sagte sie, die Thränen aus den Augen trocknend. Dann schrak sie plötzlich etwas zusammen, machte sich aus Huberts Armen los und flüsterte, sich verlegen umschauend: »Aber wir sind ja nicht allein, erlaube daß ich dir Herrn Richard....«

Doch kein Herr Richard war mehr in dem Zimmer; an seiner Stelle aber stand eine andere Person, welche still, die hellen Thränen auf dem guten, alten Gesicht, auf die beiden Kinder ihres Herzens schaute. Es war Frau Booland.

»Tante, liebe, gute Tante!« jubelte Esther und flog zu der Alten, die ihre großen Arme weit nach ihr ausbreitete und sie dann so energisch über ihrem Herzblättchen schloß, als sollten sie sich nie wieder öffnen.

»Aber liebe, einzige Tante Booland, solche Reise hast du zu unternehmen gewagt!« rief Esther endlich, als sie wieder auf eigenen Füßen stand; denn die große, starke Frau hatte das schlanke Mädchen wie ein kleines Kind zu sich empor gehoben, als könne sie nur so ihrer stürmischen Zärtlichkeit Genüge leisten. »Du mußt ja Tag und Nacht gefahren sein, um schon heute hier anzukommen.«

Die Alte schob die zerknickte Haube zurecht, die im Sturme des Entzückens auf und davon zu fliegen drohte, und dann mit ihren großen Händen Bertel drohend, der lachend und von Glück strahlend neben Esther stand, rief sie ärgerlich: »Hat der Bengel da mir armen, alten Frau denn Ruhe gegönnt unterwegs? Durfte ich meine alten Knochen denn auf der ganzen heillosen Hetzparthie nur ein einzig Mal ordentlich in ein Bett legen? War's nicht immer, als stände einer mit der Hetzpeitsche hinter uns und triebe uns vorwärts? Weiß Gott, wie's der Bursche fertig gebracht hat, mich ganzbeinig bis hierher zu schleifen, nun aber bringen mich keine zehn Pferde von hier wieder fort, ehe ich nicht ordentlich einmal wieder ausgeschlafen habe!«

»Aber Tante Booland, die Betten hier zu Lande, bedenke doch! Du hast dich ja verschworen, dich in keins wieder zu legen, so lange du in diesem heillosen Franzosenlande bist,« rief Bertel lachend.

»Herr du mein Gott, ja da hast du Recht, Kind!« rief Frau Booland entrüstet. »Hat man je so etwas von einem Nachtlager erlebt, wie da in dem Neste,.... na wie hieß es denn gleich?« »Avignon,« ergänzte Hubert.

»Ja, diesem Avignon! Und das haben sie noch die Frechheit, Betten zu nennen! Nicht eine einzige Feder ist ja in so einem harten, entsetzlichen Dinge von einem Bette! Mein armer Kopf rollte zum Verzweifeln immer von einer Seite zur andern auf diesen harten Rollkissen, gerade als wälzte ich mich im Fieber. Na und überhaupt, ist das ein Land! Solch ein Schmutz, solches Ungeziefer, solche Hitze und solcher Staub, und dann.... puh, so entsetzliches Essen! Du armer Wurm, wie hast du es denn nur drei Tage hier aushalten können! Ich wäre schon am ersten Morgen wieder auf und davon gelaufen. Und dann diese Eisenbahnen! O mein Gott, dieser Lärm, dies Getreibe, diese Wirthschaft! Wäre es nicht mein Herzblättchen gewesen, das ich mir hier aus dem Heidenlande wieder holen wollte, schon in der ersten Stunde wäre ich umgekehrt nach meinem lieben, stillen Waldhause! Und solches Reisen, solch' Umhertreiben auf Eisenbahnen und Landstraßen, solch' Umherwälzen in fremden, himmelschreienden Betten, solch' gräßliches Essen und Trinken, Schmachten und sich todt müde und elend machen nennen die Leute nun Vergnügen! Na, wenn ich erst wieder glücklich in meinem Waldhause auf unserem lieben Dorfe bin, da soll mich Gott bewahren, wieder solche Thorheiten zu begehen und mich einem verrückten Liebhaber als Reisebegleiter anzubieten!«

Während Frau Booland ihren Gefühlen in dieser Weise Luft machte, hatte Bertel Esther neben sich auf das Sopha gezogen, und während er beide Hände des jungen Mädchens ergriffen, ruhte sein Auge forschend auf ihren Zügen.

»Warst du krank, Esther?« fragte er jetzt angstvoll, und erschrocken wandte nun auch Frau Booland ihre Blicke auf ihres Lieblings Gesicht, das allerdings von der Anstrengung und dem unbehaglichen Leben der vergangenen Monate, und nun gar von den durchkämpften, schweren Tagen der letzten Woche schmal und bleich geworden war, wie nie zuvor. Esther beruhigte die beiden geliebten Menschen, saß aber unbeschreiblich ängstlich und unbehaglich an Bertels Seite, immerfort bestrebt, ihm ihre Hände zu entziehen, die er jedoch nicht frei gab. Da erhob sich Frau Booland rasch von ihrem Stuhle, auf den sie sich erschöpft niedergelassen hatte und sagte, sich die Stirn mit dem Tuche abwischend und dann den Staub von ihrem Kleide schüttelnd: »Aber mein Gott, wie sieht man nach so einer Reise aus! Es ist ja ganz grauenvoll, solchen Schmutz mit sich herum zu tragen. Estherchen, da nebenan ist wohl dein Schlafstübchen? Ich will mich dort nur ein Bischen zurecht machen; laßt euch die Zeit indessen nicht lang werden, ihr Kinderchen!«

Und eilig huschte sie in das anstoßende, kleine Zimmer, dessen Thür nur halb geschlossen war, ihren beiden Lieblingen im Hinausgehen noch schelmisch zulächend. Sie klinkte das Thürschloß fest hinter sich zu, und Esther war allein mit ihrem Freunde.

»Esther, nicht wahr, du hast einen Brief von Susanne erhalten?« fragte Bertel, sobald Frau Booland das Zimmer verlassen.

»Ja Bertel, gestern,« erwiederte Esther und tiefe Gluth flog über ihr blasses, bräunliches Gesicht.

»So weißt du, daß wir nicht mehr verlobt sind?«

Esther schüttelte den Kopf und sagte scheu: »Ich kann nicht glauben, daß es Susanne Ernst mit diesem kindlichen Briefe gewesen ist. Wenn du sie liebst, wird sie sich bald anders besinnen.«

»Aber ich liebe sie ja nicht, Esther!« rief Bertel, das junge Mädchen wieder bei beiden Händen ergreifend. »Ich liebe ja niemanden, als dich, Esther, du mein Glück, mein Stolz, der gute Engel meines ganzen, ganzen Lebens! O, jetzt erst weiß ich es ja, daß ich dich geliebt habe, seit wir als kleine Kinder zusammen in Wald und Wiese spielten, und ich danke Gott auf meinen Knieen dafür, daß es endlich klar in mir geworden ist!« Und nun erzählte Bertel alles, was er seit der Ankunft von Esthers letztem Briefe durchlebt und durchkämpft hatte, und wie er jetzt nur noch einen Wunsch auf der Welt habe, — Esthers Liebe.

»Darf ich Undankbarer, Verblendeter denn noch hoffen, daß du mich lieben kannst, Esther?« fragte er endlich weich, und seine Stimme zitterte. Esther aber schlang ihre Arme um seinen Hals, und das Gesicht an seine Wange schmiegend, schluchzte sie: »Mein Bertel, mein lieber, ewig geliebter Bertel!«

Im Zimmer war es sehr still geworden, und man hörte nichts, als ein merkwürdig lebhaftes Rumoren und Umhergehen in der anstoßenden Kammer. Frau Booland mußte eine äußerst umfangreiche Toilette machen, denn es dauerte erstaunlich lange, ehe sie damit zu Ende war und wieder in dem Zimmer bei Esther und Hubert erschien. Diesen aber war die Zeit indessen so wenig lang geworden, daß sie die alte, treue Freundin völlig vergessen hatten. Als Frau Booland endlich zu ihnen hereintrat, führte Bertel seine Esther zu ihr und sagte: »Hier unserer treuen Tante Booland danken wir die glückliche Lösung. Ohne sie wäre ich nicht hier und wir Beiden nicht das glücklichste Brautpaar unter Gottes Sonne.«

»Na, Gott sei Dank, daß wir endlich am Ziele sind!« jubelte die Alte, ihre beiden Kinder an die breite Brust ziehend, wo sie alle Beide reichlich Platz hatten. »Nun aber macht, daß wir von hier fort kommen; der Boden brennt mir unter den Füßen.«

Ehe man jedoch an die Abreise denken konnte, mußte die Geldangelegenheit mit Herrn Richard in Ordnung gebracht werden. Hubert übernahm jetzt diese Sache und war erfreut, in dem neuen Vetter einen unendlich liebenswürdigen Mann zu finden. Die Geldsumme, welche sein Onkel von Huberts Vater geliehen, hatte gute Zinsen getragen; denn jenes Unternehmen, wozu es gegeben worden, glückte über Erwarten. Aus den 15 Tausend Thalern waren im Laufe der Jahre zwanzig geworden, und Herr Richard, welcher ein ungewöhnlich großes Vermögen erworben hatte, war hoch erfreut, durch Rückerstattung jenes Kapitals zum Glücke so lieber Anverwandter beitragen zu können. Das fröhliche Lächeln, mit dem Esther jetzt den Vetter ihres geliebten Bertel empfing, als dieser kam, sie als die Braut seines Anverwandten zu begrüßen, sagte demselben besser, als Worte es thun konnten, daß Esther die peinliche Scene, welche zwischen ihnen vorgefallen, vergessen habe. »Aber zu unserer Hochzeit müssen Sie kommen, lieber Vetter!« rief Bertel in fröhlichem Uebermuthe beim Abschiede, »nur dann verzeiht Ihnen Esther ganz.«

Mit wie frohem Herzen sagte jetzt Esther dem Lande Lebewohl, in dem sie so viel schwere Stunden durchlebt hatte! In Nîmes sprach sie noch bei dem braven, alten Ehepaar Martin vor, um ihnen alles Erlebte mitzutheilen und sie mit Hubert und Tante Booland bekannt zu machen. Nach le Vigan jedoch führte sie ihre Lieben nicht, so sehr sie auch gewünscht hätte, den guten Doktorsleutchen mündlich von ihrem Glücke zu erzählen. Aber Tante Booland hätte nie wieder Ruhe im Herzen gefunden, hätten ihre eigenen Augen jene Zustände in der Pension gesehen, in denen ihr Herzblättchen so lange Zeit leben mußte. Aber alle jene herrlichen Gegenden, jene schönen Städte mit all' den Sehenswürdigkeiten, woran das Land so reich war, sah und genoß Esther jetzt, wie sie es auf der Herreise so sehnlich gewünscht hatte; denn langsam und in kleinen Stationen traten sie die Rückkehr in die Heimath an, um die alte Frau Booland nicht zu ermüden. Die Behaglichkeit dieser Art zu reisen, sowie das Glück ihrer Kinder, das sie umgab, versöhnte Frau Booland jetzt auch mit allem, was Reisen hieß, und vergnügt ließ sie sich überall herumführen und alles Sehenswerthe zeigen, so daß sie nun eine etwas bessere Meinung von dem Lande erhielt, in dem Esther so lange gelebt hatte.

Eine unaussprechlich tiefe, stille Glückseligkeit ruhte auf Esthers Antlitz, als sie in ihr liebes Dorf einfuhr, und Hand in Hand saßen die beiden glücklichen Jugendgespielen nebeneinander, ohne ein Wort zu sprechen.

Aber als sie jetzt in die Nähe der Kirche und der ehemaligen Wohnung Esthers kamen, da ertönte plötzlich Glockenschall und froher Gesang. Blumenkränze in den Händen und bunte Fahnen in der Luft schwingend, eilten die Kinder des Dorfes dem Brautpaare entgegen, und jubelnder Zuruf begrüßte die Ankommenden, welche unter einem festlich prangenden Triumphbogen umringt und angehalten wurden. Pfarrer Krause schritt mit seiner Familie an der Spitze des Zuges, und als derselbe den Wagen erreichte, hielt der Geistliche im Namen seiner Gemeinde eine kurze, freudige Ansprache an Hubert und Esther, in welcher er die Glückwünsche aller derer darbrachte, in deren Mitte die Beiden aufgewachsen waren und welche bisher alles Leid und alle Freude mit ihnen getheilt hatten. Ein lautes Hurrah folgte dieser Ansprache; die Glocken tönten, die Fahnen flatterten, und bedeckt von Blumen und Kränzen fuhr das junge Paar durch das Dorf, von dessen Einwohnern bis zu dem Waldhause geleitet. Auch dies Häuschen war festlich geschmückt; als aber jetzt Esther und Bertel an die Brust der Mutter sanken, welche sie in der Thür empfing, da blieb kein Auge trocken, und in stiller Rührung umstanden die Dorfbewohner das Häuschen.

In ihr Wohnzimmer eingetreten, erblickte Esther eine Menge Blumen und Geschenke, welche ihr hier von den Freunden zur Begrüßung dargebracht wurden. Zwischen diesen Geschenken stand eine große, geschlossene Kiste, welche Tags zuvor erst angekommen war. Sie kam aus Frankreich und war an Esther adressirt. Verwundert öffnete das junge Mädchen dieselbe und fand eine Fülle der schönsten Stoffe darinnen in Seide, Leinen und Battist, wie sie eine junge Hausfrau nur je zur Ausstattung ihrer neuen Haushaltung wünschen konnte. Ein kleines Kästchen lag obenauf, mit der Inschrift »Esther,« und in demselben ruhte ein kostbarer Schmuck nebst einem kleinen Briefe von der Hand des Herrn Richard. In den verbindlichsten Worten bat er seine neue Cousine, diese Sendung von ihm anzunehmen, als einen Beweis seiner unbegrenzten Verehrung für das edelste, tapferste, weibliche Herz, das ihm je begegnet sei.

Während Esther mit diesem Briefchen noch ganz bestürzt vor der prachtvollen Gabe stand, und Frau Booland in hellem Entzücken bald die Steine des Schmuckes im Lichte funkeln ließ, bald wieder die köstlichen Stoffe aus einander faltete, wurde auch Bertel ein Briefchen übergeben. Es kam von Herrn von Sassen und lautete folgendermaaßen:

»Mein lieber Hubert!

Wo alles Dich und Deine liebe Braut mit Jubel empfängt, da will auch ich nicht zurückbleiben. Bald hoffe ich Euch persönlich begrüßen zu können; für's Erste nur die Nachricht, daß unser verehrter Kronprinz soeben die Anfrage an Dich ergehen läßt, ob Du für seine Reise nach Italien, Griechenland und dem Orient, welche er in einigen Monaten antreten wird, sein Begleiter sein willst. Die Anerbietungen, welche außerdem hinzugefügt sind, versprechen so viel Genuß und Vortheile, daß ich gewiß bin, Dein Herz jubelt ihnen zu, wenn Dir auch eine neue Trennung von Deiner Braut für's Erste wenig lockend sein mag. Eine Professur für Archäologie soll im Laufe der nächsten Zeit an der Universität B. besetzt werden, und ich müßte mich sehr irren, wenn unser gnädiger Kronprinz nicht im Sinne hätte, seinen Reisebegleiter für diese Stelle vorzuschlagen, wenn er diesen als einen tüchtigen Gelehrten erkannt hat. Daß dem so sein wird, dafür ist mir nicht bange, falls Du dieser Reisegefährte bist. Ich freue mich sehr, daß meine Dienste, welche ich in früheren Jahren dem Hofe geleistet habe, jetzt noch so gute Früchte tragen. Deiner verehrten Braut meinen besten Gruß und die Bitte, mir nicht zu zürnen, daß ich ihr den Geliebten wieder entführen will, nachdem sie kaum die Schwelle ihres Hauses betreten. Meine kleine Susanne sendet Esther aus der Ferne ihre Grüße und freut sich, bei ihrer Heimkehr aus B., wohin sie für einige Monate durch meinen Bruder entführt worden, eine liebe Freundin in ihr begrüßen zu dürfen. Bald umarmt Dich in väterlicher Liebe

Dein Adolph von Sassen.«

Das waren denn wundervolle Neuigkeiten! Der höchste Wunsch Bertels, eine Reise nach jenen Ländern unternehmen zu können, auf deren klassischen Boden so reiche Schätze für seine Wissenschaft ruhten, sollten sich ihm erfüllen, und unter welch' verlockenden Bedingungen! Esther war es zuerst, welche aufjubelte und keinem Zögern Raum gab, obwohl sie sich von Neuem von dem Geliebten trennen sollte. »Gehören wir uns denn jetzt nicht für ewig, mein lieber Bertel?« rief sie freudestrahlend, als Hubert sie etwas trübselig anschaute in dem Gedanken abermaliger Trennung.

»Reise in Gottes Namen, mein Geliebter, und wenn du dann heimkehrst, laß dir zum Schluß die schöne Professur von deinem Kronprinzen schenken; dann wissen wir gleich, wo wir eines Tages, so Gott will, unsere Hütte bauen werden.«

Und so geschah es denn auch. Hubert erwarb vor allem den Titel eines Doktors der Philosophie, und als solcher begleitete er dann mit noch einigen andern strebsamen, jungen Gelehrten den Kronprinzen nach jenen schönen Ländern, reiche Schätze sammelnd an Kenntnissen und Erfahrungen. Ein ganzes Jahr verging, ehe die kleine Expedition heimkehrte, und diese Zeit verlebte Esther in ihrem Waldhause in stillem, glücklichen Seelenfrieden. Tante Booland war unermüdlich, an der Ausstattung des jungen, künftigen Haushaltes zu arbeiten; Frau von Ihlefeld aber fühlte täglich von Neuem, welchen Schatz sie an Esther gewonnen. Keine andere Tochter hätte ihr je mit größerer Liebe und Verehrung anhängen, keine ihr je die Tage mehr verschönern können, als dieses Mädchen, das so brav und klug, so selbstvergessend und treu stets für die Ihren lebte und dachte.

Als dann endlich das Trennungsjahr vorüber und Bertel heimgekehrt war von seiner Reise, da schaute die Morgensonne eines Tages mit ganz besonderem Glanze in die freundliche, reich geschmückte Dorfkirche von Rahmstedt. Hier stand Pastor Krause am Altare, und seine tief bewegten Worte erklangen feierlich in dem kleinen Gotteshause, das die Menge der Andächtigen kaum fassen konnte. Zu den Füßen des Geistlichen aber kniete ein junges Paar, deren Ehebund seine Hand einsegnete; es war Hubert und Esther. An dem Schicksale dieser braven Kinder des Dorfes Rahmstedt nahm Alt und Jung den innigsten Antheil, und es war ein langer, fröhlicher Zug, welcher das junge Paar nach dem reich bekränzten Waldhause geleitete, in dem Tante Booland ein festliches Hochzeitmahl hergerichtet hatte. Am selben Tage führte Bertel dann seine Esther als stattliche Frau Professorin nach B., der neuen Heimath des glücklichen Paares, denn hier hatte der talentvolle, junge Mann in der That jene Stelle an der Universität erhalten, von der Herr von Sassen gesprochen.

Wenige Monate später begrüßte ein anderes junges Ehepaar auf der Durchreise unsere Freunde in B. Die blonde Susanne lag bald lachend, bald weinend an Esthers Halse, ihr hübscher junger Gatte aber, jener schwarzbärtige Graf Redern, dem das junge Mädchen bald nach Esthers damaliger Rückkehr Herz und Hand geschenkt hatte, stand ungeduldig daneben, um auch seinerseits die hübsche Frau Professorin zu begrüßen, an der seine kleine Frau mit so schwärmerischer Liebe hing. Bald darauf flog das schöne, junge Paar dem herrlichen Italien zu, lustig und fröhlich wie ein paar glückliche Kinder, welche für einander geschaffen schienen zu heiterer Lebenslust. Auch Frau von Ihlefeld folgte ihren Kindern bald nach, und an dem häuslichen Heerde derselben, an dem nur Friede und Freude waltete, erblühten der schwer geprüften Frau noch einmal frohe, glückliche Tage. In diesem Hafen konnte sie ausruhen von allen Stürmen, die über sie dahin gezogen, und einen frohen Lebensabend genießen, den die Liebe ihrer Kinder verschönte. Tante Booland aber hütete stillen und fröhlichen Sinnes das kleine Waldhaus in Rahmstedt, in dem Esther in jedem Sommer einige Wochen oder Monate verlebte, dankbaren Herzens ihrer Kindheit gedenkend und all' der wechselvollen Schicksale, welche ihr jetziges Glück an der Seite ihres Bertel begründete. Die wissenschaftliche Ausbildung, welche sie einst gemeinsam mit ihrem Spielkameraden erhalten, befähigte sie jetzt, den Arbeiten Bertels mit Interesse und Verständniß zu folgen, und was sie einst so sehnlich gewünscht: ein Knabe zu sein, um Antheil nehmen zu können an ihres Gespielen ehrenvoller Laufbahn, das wurde ihr nun in der Weise zu Theil, wie es eben für ein weibliches Wesen am besten und wünschenswerthesten ist. Wie früher das Kind Esther, so kannte auch jetzt Bertels Gattin kein schöneres Ziel und keine bessere Aufgabe, als Huberts Lebensglück und keinen höheren Stolz, als den Ruhm ihres Gatten.

Illustration from Drei Erzählungen für junge Mädchen
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