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Drei Erzählungen für junge Mädchen

Neue Wege. (continued 2)

Reading edition

So lebte Frida behaglich, fleißig und glücklich von Tag zu Tage und von Woche zu Woche, und je länger sie hier im Hause verweilte, desto lieber war sie dort. Die große Welt, in die sie wieder eintreten sollte, kehrte sie nach Hause zurück, und von der sie mit so schwerem Seufzer geschieden, sie hatte kaum halb noch den Reiz, den sie früher auf das Gemüth Frida's ausgeübt, und wirkliche Sehnsucht fühlte sie nur oft nach ihrem Vater und den Geschwistern, ja, sie gestand es sich kaum selbst, auch nach Gertrud. Nach ihr freilich mit dem immer lebhafteren Wunsche, wieder gut zu machen, was sie einst Thörichtes gethan, und zu zeigen, daß sie auch brav und gut sein könne und nicht nur das eitle, hochfahrende Mädchen von ehemals.

Im Laufe der Zeit hatte Frida auch die andern Familien kennen gelernt, welche den Umgang der Familie Bremer bildeten, und wir kehren noch einmal zu den ersten Tagen zurück, welche Frida im Hause des Onkels verlebte und treten mit ihr in diesen Freundeskreis ein. Eines Morgens erschien in dem Wohnzimmer eine große, mächtige Männergestalt, deren frisches Gesicht von dichtem, weißen Haar umgeben war, und den man als den Herrn Pastor äußerst freudig begrüßte. Die kleinen Kinder hingen sich an seine langen Rockschöße, Hannchen schob ihm gleich Vaters großen Lehnstuhl herbei, und Onkel Bremer schüttelte ihm so gewaltig die große, breite Hand, daß sie ordentlich in ihren Gelenken krachte. Pastor Werder hatte ein breites, offnes Gesicht mit freundlichen, grauen Augen, und seine Art und Weise war so fröhlich, und mit jedem hatte er so viel Scherz und Neckereien, daß Frida ganz verwundert drein schaute; einen Landprediger hatte sie sich so ganz anders vorgestellt. Auch mit ihr fing er gleich ein heitres Gespräch an, und war so zutraulich und herzlich, als kenne er das junge Mädchen schon seit Jahren.

»Nun, Kinderchen,« sagte er dann zu Hannchen und Charlotte, »Sonntag Nachmittag kommt mein Justus, da bitte ich mir aus, daß ihr euch hübsch macht und die Pfarre von oben bis unten umkehrt. Mein Lenchen hat schon alle Blumen im Garten zu riesigen Sträußen und Kränzen gebunden, und die Mutter eine Unmasse Kuchen gebacken, alle Tische liegen voll davon. Meine morgende Predigt rettete ich gerade vom Untergange, als sie eben zu Butterpapier benutzt und unter einen prächtigen Zuckerkuchen gebreitet werden sollte. Ich glaube, der Just bringt seine beiden Zöglinge und einen Freund mit, da soll's um so vergnügter werden. Ich denke ja, die Hermsbacher werden auch alle kommen und wohl noch der oder jener aus der Nachbarschaft. Da sieht unser schönes, kleines Mamsellchen hier doch auch einmal, daß man auf dem Dorfe vergnügt sein kann; denn Kinder, das bitte ich mir aus, bringt euch alle Taschen voll Fröhlichkeit mit zur Pfarre.«

Diese Nachricht erregte große Freude. Justus war ebensosehr der Liebling aller, wie es sein Vater war, und ein Nachmittag im Pastorhause schien für jedermann ein Fest zu sein. Ein Sonntag auf dem Dorfe hat etwas gar Feierliches und Stilles, und als Frida am Vormittage ihre Cousinen und Onkel und Tante in die Kirche begleitete, stimmte die ganze Umgebung sie so festlich, wie es ihr an den Sonntagen im Vaterhause nie geschehen. Sie war ganz erstaunt, von dem alten, fröhlichen Geistlichen nun eine so gehaltvolle, schöne Predigt zu hören, welche tief zum Herzen sprach. Auch bemerkte sie, mit welch großer Andacht und Innigkeit die bäuerliche Gemeinde zu ihrem weißhaarigen Prediger emporblickte, und wie er von Jung und Alt geliebt und geehrt wurde. In der Stadt war Frida keine sehr eifrige Kirchgängerin gewesen; nur die Zeit ihrer Einsegnung machte eine Ausnahme. Aber auch von dieser schönen Zeit ward ein großer Theil durch Eitelkeiten und Thorheiten ausgefüllt, wie sie nur in so jungen Mädchenköpfen hausen können, denen keine ernste, liebevolle Mutter oder Freundin zur Seite steht, welche die Schlacken von dem edlen Metall sondert, das gerade in diesen ernsten Zeiten in die empfänglichen jungen Gemüther gelegt wird. Frida hatte eben niemand zur Seite, und so dachte sie bei den Vorbereitungen zu ihrer Confirmation eben so viel an den modernen Schnitt ihres neuen Kleides, an den schönen Schmuck und den Sammetpaletot, den Papa ihr geschenkt, und der die ihrer Freundinnen an Eleganz noch übertraf, als an die ernste, schöne Feier selbst. Diese bewegte dann ihr empfängliches Gemüth nichts desto weniger tief und innig und rief eine Fülle edler und guter Gedanken und Vorsätze in ihrer Seele wach. Kaum aber war diese ernste Zeit vorüber, so schlugen die Wellen des täglichen Lebens über ihrem Kopfe wieder zusammen; Rührung und gute Vorsätze klangen nur noch in leisen Accorden zu ihr herüber, und ohne gerade tadelnswerther zu sein, als hundert Andere ihres Alters, konnte man Frida doch durchaus kein musterhaftes junges Mädchen nennen. Aber als sie jetzt hier in der stillen Dorfkirche den Worten des alten Geistlichen lauschte, da zogen diese ernsten Gedanken auf's Neue durch ihre Seele. Eine Ahnung von dem, was ihr bisher gefehlt, schlich sich leise und unmerkbar in ihre Brust, und als sie die frommen, seelenvollen Blicke sah, mit denen ihre Cousinen an dem Antlitz ihres Seelsorgers hingen, da wußte sie, daß in diesen Gemüthern anderer Ernst und andere Frömmigkeit lebte, als jemals in ihrem eigenen. Aber noch lagen Herz und Sinn zu sehr in den Banden ihres bisherigen Lebens gefangen; noch mancher Tag gehörte dazu, ehe diese Einsicht ganz und voll in ihr wurde und noch manche Stunde stiller Andacht zu den Füßen des würdigen Geistlichen. Aber sie kam doch, und mit ihr eine Demuth und Bescheidenheit, wie man sie früher nie an dem jungen Mädchen gekannt hatte.

»O Tante,« sagte sie eines Tages leise, als sie neben dieser das Gotteshaus verließ, »o warum bin ich nicht früher zu euch gekommen, ich wäre ein besseres Mädchen geworden!«

Tante Marie drückte Frida's Hand voll Innigkeit und erwiederte sanft: »Zum Gutsein ist es keinen Tag zu spät, mein liebes Kind; wolle es nur ernstlich, dann kannst du's auch, dazu ist man nie zu alt.«

»Ja Tante, wenn du mir hilfst und ihr Alle!« sagte Frida bewegt. Die Tante aber nickte ihr ernst lächelnd zu, und von dem Tage an war ohne weitere Worte ein Bund zwischen Frida und der Tante geschlossen, dessen Segen dem jungen Mädchen immer fühlbarer wurde, je länger sie in diesem Hause lebte.

Aber kehren wir zu dem Feste zurück, zu dem Pastor Werder das ganze Bremer'sche Haus eingeladen hatte. Charlotte, Hannchen und Martha hatten sich »hübsch« gemacht, wie der Gastgeber es sich ausgebeten, das heißt, sie hatten saubere, helle Battistkleider angelegt, jedoch keinen anderen Schmuck, als den ihrer frischen, rothen Wangen und ihres sorglich gescheitelten Haares. Frida blickte betroffen auf diese so unendlich einfachen Toiletten. Sie selbst hatte einen ihrer elegantesten Anzüge gewählt, wie sie es bei festlichen Gelegenheiten zu thun pflegte. Nun aber kam sie sich höchst unpassend gekleidet vor, und sie wollte das kostbare Gewand wieder in den Kasten werfen. Die Cousinen jedoch litten das nicht, fanden sie allerliebst und behaupteten, Onkel Pastor sehe elegante Damen sehr gern. Da suchte Frida denn rasch aus der Ueberfülle von Bändern, Spitzen und Schleifen einige prächtige, farbige Schärpen aus, welche sie Hannchen und Lottchen um die Taille schlang; Martha steckte sie eine schöne Schleife vor die Brust, und die Cousinen mochten wollen oder nicht, sie mußten sich so schmücken lassen. Frida jubelte über ihren Einfall, und fröhlich zog die ganze Gesellschaft endlich dem Pfarrhause zu.

Dies war ein großes, altes Gebäude mit weiten, etwas dunklen Räumen, durch dicht herumstehende Bäume noch düstrer gemacht. Aber Thüren und Fenster waren mit Blumen geschmückt, und auf der steinernen Außentreppe stand Pastor Werder mit den Seinen zum Empfang der Gäste. Die Pastorin, eine rasche, rüstige Frau mit lebhaften, dunklen Augen, lief den Ankommenden, ihre kleine Tochter Gretchen an der Hand, ungeduldig ein Stück entgegen, und ihr folgte die zierliche Gestalt ihrer älteren Tochter Helene, ein auffallend zartes, liebliches Mädchen mit vollem, dunklen Haar und schwärmerischen, braunen Augen. An der Seite des Pastors aber stand sein einziger Sohn, groß und schön und stattlich wie er selbst, nur daß die lang herabfallenden Locken des jungen Mannes von schöner hellbrauner Färbung und die Züge des Gesichtes frisch und jugendlich waren. Zwei Knaben von 13 und 14 Jahren, die Zöglinge Justus Werder's, und sein Freund, ein junger Arzt, begrüßten mit ihnen die Ankommenden als liebe, alte Freunde. Kaum aber hatte man sich die Hände geschüttelt und das Haus betreten, da rollte ein Wagen vor.

»Das sind die Hermsbacher!« tönte es fröhlich, und abermals öffnete sich die gastliche Pforte. Herr und Frau von Helldorf, ein freundliches, behagliches Ehepaar, wurde im Triumph hereingeführt, und mit ihnen kam Sophie, des Gutsherrn Nichte, ein großes, blondes, aber sehr unscheinbares Mädchen. Ihnen folgten zwei junge Männer, sehr verschieden in ihrer Erscheinung. Walter, der Sohn des Gutsherrn, war stämmig und kräftig gebaut, und sein Gesicht trug den Stempel großer Güte und Milde; aber etwas Schüchternes, ja Linkisches that seiner sonst angenehmen Erscheinung einigen Abbruch. Sein Begleiter jedoch, der sich seit Kurzem als Volontair auf dem Gute aufhielt, besaß alle die Eigenschaften, welche einen jungen Mann zu einer hervortretend gewinnenden Erscheinung machen. Elegant in Manieren und Kleidung, schön an Gesicht und Gestalt, und angenehm in der Art und Weise zu sprechen und sich zu bewegen, machte er auf Jedermann einen äußerst günstigen Eindruck.

Frida hatte mit stiller Verwunderung ihre Blicke in dem Kreise umhergeschickt, in dem sie sich hier befand; denn diese biedre, ja derbe Art und Weise, mit welcher die Freunde hier mit einander verkehrten, war für die feine, junge Dame etwas völlig Neues. Sie verglich soeben im Stillen diese derbe Redeweise, welche häufig mit plattdeutschen Worten vermischt war, und dies Händeschütteln und laute, ungenirte Wesen der Gäste mit den graziösen, feinen Formen der eleganten Welt, in der sie sich bis jetzt bewegt hatte. Da trat sie aus dem Nebenzimmer, in das sie für einige Augenblicke gegangen, wieder zu der Gesellschaft, und ihre Blicke fielen jetzt auf den jungen Volontair, welcher von den breiten, mecklenburger Schultern der andern Herren für sie bisher verdeckt worden war.

Ein leiser Ausruf der Verwunderung entschlüpfte bei diesem Anblick ihren Lippen; tiefe Röthe überzog ihr Gesicht, und unwillkürlich trat sie einige Schritte vor. Herr von Gablenz, wie dieser junge Mann genannt wurde, war in seiner leichten, gewandten Manier von Einem zum Andern geschritten, indem er jeder der älteren Damen etwas Verbindliches sagte und sich soeben in sehr sichrer, anmuthiger Haltung dem Kreise der jungen Mädchen näherte, sein krauses, dunkles Bärtchen mit leisem Lächeln über den Finger drehend. Da erblickte er Frida. Höchstes Erstaunen in den Zügen hemmte er plötzlich den leichten Schritt, und etwas wie Schrecken oder Verdruß beschattete für einen Augenblick seine Züge. Aber auch nur für einen Augenblick. Im nächsten schon blitzte sein dunkles Auge hell auf, und das beglückteste Lächeln auf der Lippe trat er mit freudigem Gruß auf das junge Mädchen zu, das ihm zum Willkommen die Hand entgegenstreckte.

»Mein gnädiges Fräulein, welche freudige Ueberraschung, Sie hier zu sehen!« sagte er halblaut und küßte Frida's bebende Hand, die er einen Augenblick in der seinen hielt und wie zum stillen Einverständniß leise drückte. Frida konnte ihrer freudigen Bewegung nur mit Mühe Herr werden; aber sie fühlte, wie nöthig es sei, daß sie ruhig blieb, und so sagte sie möglichst unbefangen, denn Hannchen trat eben zu ihnen: »Herr von Gablenz, ich freue mich sehr, Sie hier zu begrüßen. Sie haben ihre Freunde in B. so schnell verlassen, daß wir Alle nicht wußten, wohin Sie abgereist waren. Liebes Hannchen,« wandte sie sich dann unbefangen zu ihrer Cousine, »Herr von Gablenz ist ein Freund unsres Kreises in B., es ist eine große Ueberraschung für mich, ihn hier wieder zu sehen.«

»Ein Glück, das ich mir nicht träumen ließ, mein gnädigstes Fräulein!« fuhr Herr von Gablenz fort und fügte ein so bedeutsames Lächeln hinzu, daß Frida sich schnell abwandte und Hannchens Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken suchte. Diese war aber weit davon entfernt, den wahren Sachverhalt zu ahnen, sondern drückte nur in ihrer sanften Weise ihre herzliche Befriedigung aus, daß Frida die Freude habe, einen Bekannten aus ihrer lieben Heimath wiederzusehen. Bald aber ließ sie die Beiden allein, die sich nun schnell in ein lebhaftes Gespräch vertieften. Als man hörte, daß Frida und Herr von Gablenz gute Bekannte seien, verwunderte sich auch niemand, daß sie den Tag über viel mit einander sprachen und verkehrten; was aber Frida fühlte und dachte, das mögen uns wieder einige Zeilen sagen, welche sie ihrer Freundin am Morgen nach diesem für sie so ereignißreichen Tage sandte.

»Liebste, theuerste Franziska!

Was habe ich Dir heute mitzutheilen! O Fränzchen, wie glücklich, wie selig bin ich, denke nur, ich habe ihn gesehen! Ja, staune immerhin, ich habe auch gestaunt, und im ersten Augenblicke meinte ich zu träumen, als seine schöne, edle Gestalt vor mir stand, und sein herrliches, dunkles Auge mich anschaute, mit dem bekannten, ach nur mir bekannten, strahlenden Blicke! O was so ein Blick alles sagen kann und so ein Lächeln, wie es bei meinem Anblick um seinen Mund schwebte! Ich hätte jubeln, aufjauchzen mögen vor Wonne, und doch durfte ich es nicht, mußte stumm und still mein Glück im Herzen verschließen, damit niemand es ahnte; ja ich durfte selbst den süßen Händedruck nicht erwiedern, mit dem er mich begrüßte, denn meiner Cousine Augen ruhten verwundert auf uns. Aber wenn wir auch den ganzen Tag nur gleichgültige Dinge mit einander gesprochen haben, was schadet es, wir sind uns doch wieder nah', ich kann doch wieder ab und zu dieselbe Luft mit ihm einathmen; denn ich werde ihn wiedersehen, hoffentlich oft und lange. Er ist als Volontair für einige Zeit hier in der Nähe auf einem der Güter, und er sagte mir zur Entschuldigung für seine schnelle Abreise, die Sache habe sich so rasch gemacht, und sein Aufenthalt auf Hermsbach sei keineswegs eine so fest abgeschlossene Sache, daß er davon gegen uns im Voraus hätte sprechen mögen. Ach für mich bedurfte es ja dieser Entschuldigungen nicht, mir genügte damals das Schreckliche: er war fort; aber die Wonne, ihn nun hier wieder gefunden zu haben, wiegt alles auf. Nun will ich gern in meines Onkels Hause bleiben, so lange sie mich behalten mögen, nun sehe ich ihn doch zuweilen, das läßt alle Entbehrungen und alles Unbehagen vergessen, das ich dort zu ertragen habe. O wie er dasteht unter diesen derben, massigen, mecklenburger Gestalten! Wie ein Prinz im Märchen! Ich würde mich nicht wundern, wenn eine goldene Krone in seinen glänzenden, schwarzen Locken blitzte; denn wie ein Fürst schreitet er unter diesen derben, simplen Leuten hier einher, und in der That scheint auch alles ihm zu huldigen und das Uebergewicht seiner geistigen wie körperlichen Gaben anzuerkennen. Die alten Damen werden ordentlich wieder jung, wenn er ihnen in seiner anmuthigen Weise den Hof macht, was ihnen von den hiesigen hölzernen, jungen Herren nicht geboten wird. Und nun gar die jungen! Sie hängen alle mit wahrhaft schwärmerischen Blicken an ihm, wie an einem Zauberer, und selbst meine beiden schlichten, blöden Cousinen können ihre Kornblumenaugen nicht von ihm abwenden, wenn er in ihre Nähe kommt. Die kleine, reizende Pastorentochter ist ganz bestimmt schrecklich in ihn verliebt, oder ich müßte mich wenig auf dergleichen Dinge verstehen. Das Spashafteste aber ist die Schwärmerei eines großen, blassen Mädchens, die über die erste Blüthe hinaus ist, wenn sie überhaupt je eine hatte. Es ist die Nichte des Herrn von Helldorf, in dessen Hause Gablenz sich aufhält, und die, wie ich höre, sehr reich sein soll. Das stete Beisammensein mit dem jungen Volontair scheint das arme Wesen ganz bezaubert und verwirrt zu haben. Es ist wahrhaft jämmerlich, wie sie die blassen Augen verdreht und die Lippen zum süßesten Lächeln spitzt, wenn er sie einiger Worte würdigt, und dann sitzt sie wie verzückt da und schaut ihm nach, wenn er ihr den Rücken gewandt. Und nun zu wissen, dieser herrliche Mann, den alle lieben, alle verehren, alle besitzen möchten, er gehört mir, mir allein; keine von allen, denen er in seiner gewandten Weise oft angenehme Dinge sagt, besitzt seine Liebe, sondern nur allein ich, ich, die Glückliche, Beneidenswerthe; — o Franziska, das ist ein Gefühl, ein Gedanke, überwältigend schön und beglückend. Wenn ich nicht wüßte, wie theuer ich ihm bin, so könnte ich hier unter den vielen jungen Mädchen ganz eifersüchtig werden, da sie ihn alle so verehren und lieben. Den ungeleckten, jungen Bären der hiesigen Gesellschaft gegenüber wirkt sein einnehmendes Wesen mit doppeltem Zauber auf die schlichten Landmädchen, und der lose Gablenz scheint sich ein wahres Vergnügen daraus zu machen, diesen Zauber möglichst auszubeuten. Einige Worte, die er mir lachend zuflüsterte, als er mit der schönen, schwärmerischen Pfarrerstochter zwei schmelzende Duette gesungen und der blassen Frl. von Helldorf eine zarte Rose mit einigen schelmischen Worten überreicht hatte, bestätigten meine Vermuthung. Mich liebt er; aber den andern jungen Damen macht er ebensosehr den Hof, als mir selbst, und das ist mir ganz recht, so merkt eben niemand, wie die Sachen eigentlich stehen. O wenn Papa erführe, daß er hier ist! Ich glaube wirklich, er holte mich gleich zurück. Aber er weiß ja glücklicherweise nicht, daß Gablenz überhaupt B. verlassen hat, und nun gar, daß er sich hier in dieser Gegend aufhält.

Doch nun genug, mein Fränzchen. Du kannst jetzt wieder ruhig und froh an mich denken; denn jetzt ist alles gut. Uebrigens muß ich meinen Verwandten zum Lobe nachsagen, sie sind von einer außerordentlichen Liebe und Güte gegen mich, und das Landleben ist überhaupt nicht so schlimm, als ich erst dachte. An dem gestrigen Tage haben wir auf dem kleinen See bei Pastors herrliche Stunden verlebt unter Gesang und tausend Scherzen, und dann auf der Wiese prächtig gespielt. Aber sind die Mädchen hier plump und blöde, es ist zum Todtlachen. Sie wissen alle nicht um die Ecke, wie Graf Salm immer sagt. Gablenz war immer der Mittelpunkt, um den sich alles schaarte; er leitete und ordnete alles, und Du kannst denken, daß ich ihm treulich zur Seite stand. O es war himmlisch! In Liebe und Glück

Deine Frida.«

Aber auch Herr von Gablenz schrieb an dem Morgen, der dem Zusammentreffen Frida's mit ihm folgte und das schwärmerische junge Mädchen so unendlich beglückt hatte, einen Brief, der uns einen Blick geben mag, wie es eigentlich mit diesem Herrn bestellt war, dem Frida in ihrer Unerfahrenheit und Schwärmerei bereits nur allzuviel Raum in ihrem Herzen eingeräumt hatte.

»Bester Eduard!« schrieb er mit fliegender Feder. »Vor Kurzem theilte ich Dir mit, wie weise ich Deine Rathschläge mir zu Herzen genommen, und wie gut sich alles zu gestalten scheint. Dank Deiner Fürsorge habe ich zur rechten Zeit noch in B. den Staub von meinen Füßen schütteln und der Stätte Lebewohl sagen können, wo mir das Pflaster zu heiß unter den Füßen wurde, und meine Gläubiger anfingen, gar zu scharf die Zähne zu zeigen. Wie ein Meteor kam ich und verschwand ich in jenen angenehmen Kreisen, um hier von Neuem aufzutauchen und mir jene Erbin zu sichern, von der Deine Freundschaft für mich Errettung hofft aus dem Drangsale, das mein edles Haupt umgarnt. O Himmel ja, meine Schulden fressen an mir wie hungrige Ungethüme, und nur eine Erbschaft oder eine reiche Heirath kann mich retten. Da mir für Erstere aber nirgends ein Stern dämmern will, denn das Geschlecht der Goldonkel hat mir Aermsten nie geblüht, so bleibt nur das Zweite noch übrig. In B. gab es hübsche Mädchen genug; aber alle mit würdigen Vätern und Müttern versehen und von zahllosen Geschwistern umringt, also für meine Zwecke nicht geschaffen. Ich muß disponibles Vermögen vor mir sehen, um meiner Schwachheit hülfreich beistehen zu können; ferne Aussichten, oder Abhängigkeit von der Güte barmherziger Schwiegerväter kann mich nicht retten, und wenn die Töchter Engel an Schönheit wären. Solch ein blondes Engelchen hätte mich edlen Ritter sonst sicher nicht verschmäht; ich las es in ihren veilchenblauen Aeuglein und ahnte wohl, daß mein Verschwinden ihr Herzchen bitter kränken würde, da sie gewaltig Feuer gefangen. Aber lieber Himmel, wer kann an so etwas denken, wenn das Feuer auf den Nägeln brennt! Ich war ihr entschlüpft zur rechten Stunde, und alles schien im besten Gange. Ich wurde als Volontair in Hermsbach angenommen, die Erbin ist blaß und häßlich und gründlich langweilig; — aber was hilft das alles, ihr Geld muß die Schäden zudecken. Sie ist bereits zum Sterben in mich Ausbund von Liebenswürdigkeit und Anmuth verliebt; denn das bei dieser simplen Landpommeranze zu erreichen, war für mich keine Herkulesarbeit. Leider haben Onkel und Tante aber ein Wort mitzusprechen, und die mir günstig zu stimmen, bedarf noch einiger Geschicklichkeit. Uebrigens scheint dies Mecklenburg eine wahre Fundgrube von hübschen Mädchen zu sein; (leider macht nur meine Erbin eine traurige Ausnahme!) denn wie die Amoretten in Thorwaldsens Neste voll Liebesgötter sitzen sie hier dicht bei einander, so daß man sich die Zeit gut vertreiben kann. Besonders eine kleine, schwarzäugige Pfarrerstochter könnte mich alle hübschen Blondinen zeitlebens vergessen machen. Höchst unbequemer Weise aber, und während ich im besten Zuge bin, den Liebenswürdigen bei all den hübschen Mädels zu spielen, taucht plötzlich meine holde Blondine aus B. vor mir auf, aus deren Banden ich glücklich entflohen war, als Deine Weisung kam, mir den hiesigen Goldfisch zu fangen. Sie war strahlend vor Entzücken, mich Ausreißer hier zu finden, und ich? Nun ich müßte nicht Alfred von Gablenz sein, hätte ich nicht augenblicklich ebenso strahlend in ihr holdes Augenpaar geblickt und das Lied fortgesungen, das ich in B. begonnen. Ach Lied! Das war ein unglückliches Bild; denn ein Lied ist's, was allein mich bei der Geschichte etwas beunruhigt. Jetzt ist's nun eine köstliche Komödie, die ich zu spielen habe; denn die kleine, schwarzlockige Pfarrerstochter, deren schöne Augen mich für die blassen meines Goldfischchens etwas entschädigen müssen, glaubt mich ebenfalls zu ihren Füßen, und es gehört die ganze Gewandtheit Deines Freundes dazu, mein Schifflein hier geschickt so zu steuern, daß Jede die Beglückte zu sein scheint, bis ich meines Zieles ganz sicher bin. Aber das gerade ist mein Element, drum Glückauf und ein fröhlich Gelingen Deiner Pläne, Du kluger Pfadfinder.

Dein getreuer

Alfred von Gablenz.«

Woche um Woche verging; Frida aber hatte keine Ahnung von der Treulosigkeit und dem doppelten Spiele des leichtsinnigen Mannes, dem sie mit der ganzen schwärmerischen Liebe eines jungen Herzens anhing. Obwohl er sich hütete, mit Frida in bestimmteren Worten von seiner Liebe zu sprechen, so behielt er doch gegen sie den Ton der Hingebung und Verehrung bei, den er bisher schon angeschlagen, und nährte dadurch Frida's stilles Träumen und Hoffen. Wohl sah und hörte sie, daß er auch gegen Helene eine wärmere Sprache führte, und daß er Sophie von Helldorf oft in auffallender Weise auszeichnete; aber ihr Herz ward nie ernstlich hiervon beunruhigt. Glaubte sie doch immer, es geschehe nur, um die Aufmerksamkeiten gegen sie selbst dadurch zu verdecken, und kein Schatten eines Mißtrauens zog in ihr junges, unerfahrenes Gemüth.

Das Glück und die Freude machten Frida noch lieblicher, als sie ohnehin schon war, und ihre Anmuth gewann ihr schnell die Herzen all dieser braven, einfachen Menschen, mit denen sie hier verkehrte. Ihr launisches und trotziges Wesen, wie sie es zu Hause so oft gegen die Ihren zeigte, schien ganz verschwunden; denn das Beispiel ihrer bescheidenen Cousinen, denen derartige Unarten etwas völlig Fremdes waren, wirkte unendlich vortheilhaft auf das weiche, leichtempfängliche Gemüth Frida's. Immer mehr und mehr wurde sie der Liebling von Jung und Alt; denn sie gehörte zu jenen glücklichen Naturen, welche von jedermann verzogen und gehätschelt werden. Die jungen Mädchen wagten sich in ihrer blöden, zaghaften Weise zwar Anfangs nicht recht an die so elegante, junge Dame heran, die mit so viel Gewandtheit und Sicherheit unter sie trat; Frida aber zeigte ihnen ein so herzliches und unbefangenes Entgegenkommen, daß alle Scheu entschwand, und sie mit allen bald gute Freundschaft schloß. Die jungen Herren hingegen hatte Frida's Anmuth gleich von Anfang an gewonnen. Durch ihr leichtes, gewandtes Benehmen, verbunden mit Witz und Heiterkeit, zeichnete sie sich so vortheilhaft aus vor den schwerfälligen, schüchternen und zaghaften jungen Mädchen, unter welchen sie auftrat, daß jeder sich am liebsten mit ihr unterhielt. Sie verstand es vortrefflich, den Ton zu treffen, der für jeden Einzelnen paßte, und selbst der scheue und steife Walter Helldorf überwand mit der Zeit seine ängstliche Blödigkeit, wenn die muntere Frida mit ihm scherzte. Justus Werder aber und sein Freund, der lustige, junge Arzt, und mit ihnen noch einige andere junge Leute der Nachbarschaft, schwärmten bald sämmtlich für die bezaubernde junge Dame und brachten ihr jeder in seiner Weise die wärmsten Huldigungen dar. Zur großen Verwunderung ihrer Cousinen nahm Frida diese allgemeine Verehrung äußerst ruhig und sorglos hin; sie hatte es ja auch zu Haus nicht anders gekannt, und ihr Herz wurde in keiner Weise dadurch beunruhigt. Sie scherzte und lachte mit allen um so sorgloser, da sie eigentlich dabei nur immer an den dachte, der ihr die ganze Seele erfüllte. Er war ja fast immer unter den jungen Leuten, mit denen sie verkehrte, und das belebte ihr ganzes Wesen. Ihm allein galten ja eigentlich ihre Worte und ihre witzigen, munteren Reden, und ein rascher Blick seines Auges, eine flüchtige Anspielung, nur für sie verständlich, waren völlig hinreichend, Frida für viele Tage froh und glücklich zu machen.

Wenn Frida jetzt nach Hause schrieb, daß sie sich wohl und zufrieden bei Onkel und Tante fühle, so hatte natürlich die Anwesenheit dessen, den sie im Herz und Sinn trug, einen großen Antheil hieran. Aber der alleinige Grund ihres Wohlseins war es dennoch nicht; Frida lebte sich in der That von Tage zu Tage mehr ein in dem Kreise, der sie aufgenommen. Jugend ist so empfänglich für alles Neue, und hier waren es zu Frida's Glück nur edle und gute Elemente, welche auf sie einwirkten. Die Freundschaft, die sie bald mit Hannchen und Charlotte verknüpfte, war viel tieferer und besserer Art, als alle ihre bisherigen Freundschaften, und Frida war selbst oft verwundert, daß junge Mädchen so wenig von Putz und Aeußerlichkeiten mit einander sprachen, als sie und ihre Cousinen, und sich dennoch ganz vortrefflich dabei unterhielten. Auch mit Helene Werder, der braunäugigen Pfarrerstochter, war Frida bald herzlich befreundet, und selbst Sophie Helldorf zeigte für die bedeutend jüngere Frida eine warme Zuneigung wenn auch ihre Blicke oft mit ängstlicher Spannung die Huldigungen verfolgten, welche der schöne Volontair dem reizenden Mädchen darbrachte.

So war eine geraume Zeit vergangen, da bemerkte Frida zuweilen, daß ihr liebes Hannchen mit roth geweinten Augen umherging, und auch Charlotte oft niedergeschlagen und trübäugig dreinschaute. Auf ihre Fragen erhielt Frida ausweichende Antworten, sie machte sich deshalb keine weiteren Sorgen darüber.

Eines Tages aber, als man wieder im Hause Pastor Werders fröhlich zusammen gewesen, nahm Charlotte Frida unter den Arm und ging mit ihr in eine der verstecktesten Lauben des Gartens.

»Ich möchte dich gern einmal etwas fragen, liebe Frida; aber sei mir drum nicht böse,« sagte Lottchen dort schüchtern und malte mit einem Stöckchen, das im Wege lag, verlegen Figuren in den Sand.

»Warum sollte ich böse sein, Lottchen? Was hast du?« entgegnete Frida verwundert.

»Es ist nur,« fuhr Charlotte zögernd fort, »ich wollte dich nur fragen, liebst du das Leben auf dem Lande jetzt sehr?«

»Ei gewiß liebe ich es, mehr als ich je dachte!« rief Frida lebhaft.

»So möchtest du wohl ganz gern dort leben, vielleicht einmal als Pastorenfrau?« stotterte Lottchen jetzt tief erröthend und wühlte mit dem Stöckchen aufgeregt im Fußboden umher.

»Als Pastorenfrau?« sagte Frida staunend. »Wie kommst du denn darauf, Lottchen? Das ist ja eine merkwürdige Idee. Findest du denn, daß ich dazu passe?«

»Nein, ehrlich gestanden finde ich eben, daß du gar nicht dazu paßt, Frida; aber nimm es mir nur nicht übel,« entgegnete Lottchen immer befangener werdend.

»Nun warum in aller Welt frägst du mich denn da so sonderbar?« lachte Frida.

»Weil — nun weil ich dachte, du möchtest den Justus heirathen,« rief Lottchen nun fassungslos und warf das Stöckchen weit von sich.

»Den Justus Werder? Ich den Justus Werder heirathen? Lottchen, ich glaube du träumst!« sagte Frida, die Augen weit öffnend. »Wie kommst du denn darauf? Das würde mir ja nun und nimmer in die Gedanken gekommen sein! Der Justus und ich, welch eine unglückliche Zusammenstellung!«

Charlotte war von ihrem Sitze aufgesprungen und hatte Frida's beide Hände ergriffen.

»Du denkst nicht daran und hast den Justus nicht lieb, Frida?« rief sie mit strahlenden Blicken.

»Nein doch, nein, ich bin so weit davon entfernt, als man es nur sein kann!« entgegnete Frida von Herzen lachend. »Ich gäbe eine schöne Predigerfrau ab! Du komisches Mädchen, wenn du dir darum Gedanken gemacht hast, dann beruhige dich. Ich nehme dir Justus Werder nicht weg, und er will mich auch gar nicht.«

»Ach ich ließe ihn dir gern, Frida,« sagte Lottchen leise. »Wenn ich ihn liebte, hätte ich diese Fragen nicht an dich richten können. Aber siehst du, ich kann es nicht mit ansehen, daß Hannchen sich so abhärmt, um ihretwillen ist's.«

»Hannchen liebt den Justus?« rief Frida voller Entzücken. »O das ist ja köstlich, das muß ein Paar werden! Hannchen mit ihrem frommen, blonden Gesichtchen giebt eine wundervolle Pastorsfrau ab. Hat Justus denn eine Ahnung davon, und glaubst du, daß er sie auch liebt?«

»Das ist's ja eben, was mich quält!« sagte Charlotte niedergeschlagen »Früher, ehe — nun daß ich es dir ehrlich sage, Cousinchen, ehe du kamst, zeichnete Justus unser Hannchen ganz entschieden aus. Das sahen auch seine Eltern, die es sehr wünschen; denn Hannchen ist ihr Liebling. Aber jetzt ist er so anders geworden. Jetzt gilt seine ganze Aufmerksamkeit dir, und das ist ja so natürlich, Hannchen verschwindet ja neben dir vollständig, wie wir alle. Da du nun so sehr freundlich gegen Justus bist und ihn so sehr auszeichnest, so — — —«

»Ja ja, so dachtet ihr, ich wollte ihn deshalb gleich heirathen!« rief Frida lachend. »O ihr guten, lieben Kinder! Wenn ich alle die heirathen wollte, die mir den Hof machen, dann hätte ich eine schöne Auswahl. Courmachen und Heirathen sind zwei himmelweit verschiedene Dinge, Liebchen!«

Charlotte war sehr ernst geworden. »Frida,« sagte sie, »weißt du, es ist vielleicht sehr altmodisch und ländlich von mir; aber mir scheint, man müßte nur demjenigen so freundlich entgegen kommen, als du es mit Justus gethan, den man wirklich lieb hat, sonst thut man ein Unrecht. Wenn Justus nun deine Liebenswürdigkeit anders auslegt und sich einbildet, du magst ihn leiden? Er würde dir dann vielleicht einen argen Vorwurf daraus machen, sobald er erführe, er habe sich geirrt.«

»Aber Lottchen, bin ich denn gegen Justus wirklich freundlicher, als gegen alle andern jungen Leute?« sagte Frida kopfschüttelnd.

»Ich weiß es nicht, Cousinchen,« entgegnete Charlotte plötzlich sehr roth werdend. »Aber es muß wohl so sein, sonst könnte Hannchen sich nicht so sehr grämen. Aber freilich, du bist so ganz anders erzogen, als wir. Bei dir ist alles Grazie und Anmuth; wir sind wahre Perückenstöcke neben dir, da mag solche Liebenswürdigkeit wohl anders beurtheilt werden. Niemand von uns hätte den Muth und die Gewandtheit, so unbefangen über alles zu scherzen, als du es thust, und so ungerührt sich die süßesten Schmeicheleien sagen zu lassen.«

Frida erröthete. »Gestehe es nur, Lottchen,« sagte sie schelmisch, »eigentlich findet ihr alle zusammen, daß ich eine ausgemachte, eitle Coquette bin, nicht wahr?«

»O nein, nein, Frida, um alles in der Welt, denke das nicht!« rief Lottchen eifrig.

»Nun, wenn auch nicht ganz so schlimm, so doch ein Bischen, nicht wahr, Schatz?« sagte Frida, Charlotten umschlingend und ihr herzlich in die Augen schauend.

»Nun ein Wenig zurückhaltender könntest du allerdings wohl sein, Frida, das ist richtig,« entgegnete Charlotte ehrlich. »Aber sei nicht böse drum. Ich las kürzlich ein Verschen in den Gedichten von Friedrich Rückert, die du mir geborgt hast; das fällt mir jetzt manchmal ein, wenn ich dich so sicher und selbstbewußt unter den jungen Leuten sehe.«

»Und wie ist dieser Vers, meine kleine Lotte?« fragte ihre Cousine lächelnd.

»Er heißt, aber sei nicht böse:

Schön bist du, Das weißt du Nur leider zu sehr; O wüßtest du's minder, So wär'st du es mehr.«

»Du ganz abscheuliches Mädchen!« lachte Frida tief erröthend, »du sagst mir da bittere Süßigkeiten. Aber ich danke dir dafür, ich werde daran denken. Bis jetzt hat mir kein Mensch gesagt, daß ich anders sein sollte; es ist aber möglich, du hast nicht unrecht.«

»Und du bist mir wirklich nicht böse, Frida?« sagte Charlotte flehend, ihre Cousine schüttelte aber halb lächelnd, halb ernsthaft den Kopf und küßte die hübsche Tadlerin herzlich. Dann versprach sie ihr, besonders gegen Justus zurückhaltender zu sein, damit er sähe, sie denke nicht daran, ihn für sich zu gewinnen.

Charlotte schien zwar noch etwas sagen zu wollen, schloß aber die schon geöffneten Lippen wieder mit einem kleinen Seufzer und folgte Frida, welche sie fröhlich plaudernd den Baumgang hinabführte.

Aber kaum waren die beiden Cousinen wieder in das Haus zurückgekehrt, so merkte Frida, daß Hannchen auch gern etwas mit ihr sprechen wollte, die Gelegenheit dazu sich aber immer nicht fand.

»Hannchen,« sagte Frida endlich unbefangen, »du hast gewiß wieder einmal deine bösen Kopfweh; komm ein Bischen mit mir in den Garten, mir ist heut auch gar nicht recht wohl.«

Hannchen war schnell bereit dazu, und bald umschattete jene ferne Laube, welche kurz zuvor Lottchens Geständnisse aufgenommen hatte, nun auch Hannchens Wangen, welche sich plötzlich sehr dunkel färbten.

»Weißt du, liebe Frida,« sagte sie plötzlich mit ihrer weichen, lieblichen Stimme und preßte die Hände fest in einander. »Es ist mir so lieb, daß ich einmal allein mit dir sprechen kann.«

Frida konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; denn sie ahnte, von wem ihr sanftes Hannchen mit ihr sprechen wollte. Sie versuchte ihrer Cousine auf halbem Wege entgegen zu kommen und sagte vertraulich:

»Du hast etwas auf deinem Herzen, Hannchen, ich habe es wohl gemerkt, was ist's? Welcher Bösewicht hat es gewagt, den Frieden deines sanften Gemüthes zu stören, mein schüchterner, kleiner Vogel?«

»Nicht doch, Frida, sag' doch so etwas nicht,« entgegnete Hannchen und schlug bang die Augen nieder, damit ihr Blick nicht die Worte strafen möchte. »Ich wollte dich gern etwas fragen, einen unsrer Nachbarn betreffend.«

»Sagt' ich's nicht?« rief Frida schelmisch, »ein Nachbar macht deinem sanften Herzchen zu schaffen! Heißt er mit dem ersten Anfangsbuchstaben etwa Justus Werder?«

Hannchen schrak leicht zusammen und blickte Frida scheu an.

»Wie kommst du darauf, von ihm so zu sprechen?« sagte sie herber, als sonst ihre Art war. Dann aber strich sie leicht mit der Hand über ihre Augen, und als bereue sie ihre Unfreundlichkeit fuhr sie in sanftem Tone fort: »Nicht von mir ist die Rede, liebe Cousine, sondern von jemand ganz andrem. Sage mir, Frida, meinst du nicht auch, daß jemand dich sehr, sehr gern zu haben scheint?«

»Mich? Von mir sprichst du, Hannchen?« rief Frida lachend. »Nun ich hoffe, ihr alle habt mich sehr, sehr gern.«

»Ach so meine ich es ja nicht, das versteht sich ja von selbst,« sagte Hannchen ausweichend. »Wie soll ich mich nur deutlich machen, ich bin so ungeschickt! Ich meine, hast du nicht gemerkt, daß jemand in Hermsbach dich sehr, sehr gern hat?«

Jetzt war es an Frida, zusammenzuschrecken und erröthend die Augen niederzuschlagen. Rasch aber faßte sie sich und sagte: »Ach die Galanterien der jungen Leute sind nicht so ernsthaft zu nehmen, liebes Hannchen. Herr von Gablenz hat ja für uns alle stets etwas Angenehmes auf den Lippen; mich zeichnet er wirklich nicht mehr aus, als jede von euch.«

»Ich meine auch gar nicht den Herrn von Gablenz,« fuhr Hannchen zögernd fort, »ich meine einen Anderen, der dich so auszeichnet, wie sonst niemanden. Erräthst du ihn nicht?«

Frida athmete froh auf und rief lachend: »Ich glaube gar, du sprichst von Walter Helldorf! Hab' ich's errathen, Cousinchen?«

Hannchen nickte ernst und sah vor sich nieder.

»Nun? Und warum beunruhigt es dich, daß ich den armen, blöden Jungen ein Bischen munter gemacht und ihm die Zunge gelöst habe? Ich denke, für deine Augen giebt es doch einen anderen Magnet, als Walters ehrliches Gesicht, oder ich müßte auf ganz falschem Wege sein.«

»Ach bitte, laß mich doch nur aus dem Spiele,« sagte jetzt Hannchen fast weinend. »Ich hätte dies Gespräch ja gar nicht begonnen, wenn nicht..... Ach siehst du, Frida, sage doch ehrlich, liebst du Walter Helldorf?«

Frida lachte hell auf. »Ihr seid ein paar wundervolle Kinder, du und Lottchen um die Wette. Die Eine denkt, ich..... Doch halt, das wollte ich nicht sagen. Nun Hannchen, und wenn ich ihn nun gern hätte, den guten, ehrlichen Jungen, was dann? Dir käme ich ja doch nicht in's Gehege damit, Kleine?«

Hannchen brach plötzlich in Thränen aus. »O Frida, ist es wahr, liebst du ihn wirklich?« rief sie angstvoll. »O bitte, bitte, sage die Wahrheit!«

Frida wurde jetzt ganz ernst und sagte weich: »Nein, nein, Hannchen, beunruhige dich nicht; Walter paßte so wenig zu mir, als etwa Justus Werder. Die brauchen alle Beide ganz andere Frauen, als ich eine abgäbe. Aber nun sage mir auch, was deine Frage zu bedeuten hat; denn ehrlich gestanden, ich werde nicht klug aus dir. Ist dir wirklich so viel an Walter gelegen, daß dich der Gedanke so unruhig macht, ich könnte ihn gern haben?«

»O nein, nicht meinetwegen ist's, Frida!« rief Hannchen jetzt durch ihre Thränen lächelnd. »Wäre dies der Fall, dann hätte ich nie den Muth gehabt, dich danach zu fragen. Nein, es ist wegen Lottchen. Ich weiß, sie hängt mit inniger Liebe an Walter, und ich glaube, er hatte sie wohl auch recht gern, ehe....«

»Aha, ich merke schon,« rief Frida rasch, »ehe die abscheuliche Frida zu euch kam, und mit ihrer unerträglichen Coquetterie sein armes, braves Herz umgarnte, ist's nicht so, Cousinchen? O gestehe es nur, so ist's! Seine blauen, ehrlichen Augen sind seitdem etwas aus ihrem Cours gewichen und meiner Spur gefolgt, statt daß sie den beiden Kornblumenäuglein nachschauen, die bis dahin ihr Ziel bildeten. Nicht wahr, mein armes Hannchen, das war's, was dich gekränkt hat?«

Hannchen blickte mit sanftem Flehen auf und wußte nichts zu erwiedern, Frida aber fuhr mit ironischem Lachen fort: »Jetzt fehlt nur noch, daß Helene und Sophie kommen und mich anklagen, ich bestricke den jungen Doktor und Herrn von Gablenz, die sie für sich bestimmt haben. O!« rief sie heftig und sprang vom Sitze auf, »warum jagt ihr die abscheuliche Coquette denn nicht zum Hause hinaus? Besseres verdient sie ja nicht für ihr schamloses Betragen.«

Hannchen umschlang das leidenschaftliche Mädchen weinend mit ihren Armen, denn sie verstand nicht recht, was Frida so heftig erregt hatte.

»O verzeih mir, Cousinchen, verzeih mir,« bat sie schluchzend, »es war unrecht von mir, dich durch meine Fragen so zu kränken, ich sehe es jetzt erst ein. Nur meine Sorge und Liebe für Lottchen ließen mich alle Rücksicht vergessen, sonst hätte ich nie den Muth gehabt, so etwas zu sagen. O nun bist du mir so böse, und wahrlich, ich habe es nicht anders verdient!«

Und bitterlich weinend sank sie wieder auf die Bank, das Gesicht mit den Händen bedeckend.

Frida, deren Heftigkeit so plötzlich hervorgebrochen war, nachdem sie eben noch über Hannchens Idee gescherzt, schämte sich ihrer Leidenschaft und setzte sich still neben Hannchen, ihr die Hände streichelnd und bemüht, sie zu beruhigen. Als ihr dies endlich gelungen, sagte sie, mit Gewalt ihre Aufregung bei der Frage niederkämpfend: »Nun sollst du mir zur Sühne aber noch etwas gestehen, liebes Hannchen. Was ich vorhin mit bitterem Hohn sagte, will ich jetzt noch einmal ruhig und gleichmüthig fragen, damit ich weiß, daß ich weiter niemanden unter euch mit meinem Betragen kränke. Glaubst du, daß auch Helene oder Sophie oder sonst jemand der Freunde Grund hat, mein Benehmen in ähnlicher Weise zu tadeln? Bitte, sage es mir ehrlich; ich will nicht wieder heftig werden, ich verspreche es dir!«

»Nein, das glaube ich kaum,« entgegnete Hannchen nachdenkend. »Helene und Sophie sind sich gegenseitig wohl mehr im Wege, als du es ihnen bist, das fürchte ich seit einiger Zeit.«

»Sich gegenseitig?« fragte Frida aufhorchend. »Wobei denn?«

»O sie sind Beide thöricht!« rief Hannchen ungewöhnlich streng, »mir scheint — aber nein, ich will lieber nicht davon sprechen. Sie werden selbst bald genug sehen, daß nicht alles Gold ist, was glänzt, und daß so ein glatter Herr nicht gemacht ist für uns simple Dorfmädchen.«

»Sprichst du von Herr von Gablenz, Hannchen?« stammelte Frida leise.

»Freilich spreche ich von ihm,« sagte Hannchen achselzuckend. »Es verdrießt mich, daß ihr alle den eitlen Mann so vergöttert und ihn dadurch nur noch mehr verderbt, als er so schon ist.«

»Verdorben nennst du ihn?« rief Frida empört. »Was berechtigt dich sanftes Wesen denn zu einem so ungerechten und harten Urtheil über diesen so ungewöhnlich liebenswürdigen, jungen Mann?«

»Eben seine ungewöhnliche Liebenswürdigkeit,« entgegnete Hannchen ernst. »Ich bin einmal ein sehr ruhiges und nüchternes Mädchen und in einfachen Verhältnissen aufgewachsen; mir gefällt Herr von Gablenz ganz und gar nicht, und wenn ich es ehrlich sagen soll, ich traue ihm nicht.«

»Aber warum denn in aller Welt, Hannchen? Was giebt dir denn nur Grund zu solcher Härte und solchem Mißtrauen?« rief Frida bebend; denn sie konnte ihren Zorn und ihre Aufregung kaum verbergen, den Mann von Hannchen schmähen zu hören, den sie so verehrte und liebte.

»Er ist glatt wie ein Aal,« sagte diese achselzuckend. »Er entschlüpft jedem ernsteren Gespräch, wie ich von den Herren gehört habe, und da er allen jungen Mädchen so übertrieben den Hof macht, meint er es mit keiner ernst. So etwas mag für die große Welt passen, für unser stilles Dorf paßt es nicht. Es geht das Gerücht, er werde Sophie Helldorf heirathen. Ich glaube es nicht. Aber wenn er es thun will, so kann er es nur wegen ihres Reichthums wünschen; denn ein so eleganter Herr wird sich nicht gerade die Unscheinbarste aussuchen; ihren hohen, innern Werth kennt er schwerlich. Sophie wäre eine große Thörin, wenn sie seine Werbung annähme. Gott mag wissen, wie es möglich ist, aber er hat es ihr mit seinem glatten Wesen angethan, wie auch der schwärmerischen Helene, ich habe es wohl gemerkt. Dich freilich ficht ein derartiges einschmeichelndes Wesen nicht an, Frida, du bist von zu Haus daran gewöhnt und weißt, daß nicht viel auf dergleichen zu geben ist. Bei uns schlichten Dorfkindern aber ist das anders. Helene und Sophie nehmen alle die schönen Reden als baare Münze und lassen sich den Kopf damit verdrehen. Warnen oder Schelten hilft nichts, sie sind wie bezaubert.«

Frida hatte stumm zugehört, denn jede Aeußerung würde sie verrathen haben. Aber ihr Herz klopfte so ungestüm, daß sie kaum athmen konnte. Jetzt stand sie rasch auf und sagte: »Du bist härter, als ich dich noch je gesehen habe, Hannchen. Aber ich will mich darüber nicht mit dir streiten. Ich glaube, wir müssen jetzt zum Abendbrod, es ist spät geworden. Was unser voriges Gespräch betrifft, Lottchen und Walter angehend, so verspreche ich dir, du sollst mit mir zufrieden sein, ich werde an deine Mahnung denken.«

Dann gingen die beiden jungen Mädchen schnell dem Hause zu. Aber ein unruhiges, gespanntes Wesen war seit diesem Gespräche über Frida gekommen. Hannchens klares, nüchternes Urtheil hatte sie aufmerksamer auf das Benehmen ihres Verehrers gemacht, und sie konnte ihrer Cousine in einigen Punkten nicht Unrecht geben. Vor allem aber beunruhigte sie das Gerücht, Gablenz werde Sophie von Helldorf heirathen und zwar um ihres Reichthums willen. Sie warf den Gedanken als abscheulich und unwürdig weit von sich; aber doch kam er immer von Neuem wieder in ihren Sinn und quälte sie unaussprechlich. Sie mußte wissen, ob auch nur der Schatten von Wahrheit an dem Gerücht war, und nur von Sophie allein konnte sie etwas darüber erfahren. Sie überwand deshalb ihre innere Abneigung und Eifersucht und suchte häufiger mit dem jungen Mädchen zusammenzutreffen.

Sophie von Helldorf war erst seit einiger Zeit im Hause ihres Onkels, der dem verwaisten Mädchen eine neue Heimath in seiner Familie gegeben, und ihre Unbekanntschaft mit den Freunden ihrer Verwandten sowohl, als auch etwas Scheues und Steifes in ihrem Benehmen, hatten sie bisher den andern jungen Mädchen etwas fern gehalten. Obwohl sie in ihrer äußeren Erscheinung unbehülflich und ungraziös erschien, so war der Kern ihres Wesens doch durchaus trefflich und edel, und bei einer äußerst abgeschlossenen Erziehung hatte sie eine sorgfältige innere Ausbildung erhalten. Obwohl sonst schüchtern und ängstlich, zeigte sie bei Gelegenheit ein entschlossenes, festes Wesen, das gar wohl seinen eigenen Weg zu finden wußte.

Bisher hatte sie ein ganz zurückgezogenes Leben geführt, durch die Krankheit ihres Vaters bedingt. Nach dessen Tode trat sie als Erbin eines großen Vermögens in des Onkels Haus und fing erst hier an, ihrer Jugend froh zu werden. Die Huldigungen, welche der einnehmende Herr von Gablenz ihr widmete, umstrickten ihr unerfahrnes Herz mächtig, waren es doch die ersten, welche ihr überhaupt je im Leben dargebracht wurden. Der Wunsch, die Seine zu werden, befestigte sich mehr und mehr in ihr trotz des Widerstrebens ihrer Angehörigen, welche dem gewandten, jungen Weltmanne nicht sehr günstig waren und gar wohl ahnten, was denselben so schnell und mächtig an das unscheinbare Mädchen fesselte.

Frida hatte es bald verstanden, sich das Vertrauen Sophie's zu erwerben, und allerlei gemeinsame Interessen verknüpften sie mehr und mehr. Lange Zeit aber, so oft auch Frida das Gespräch auf Herrn von Gablenz brachte, wurde Sophie ernst und einsilbig; denn eine stille Eifersucht, welche immer wieder lebendig wurde, sobald Sophie Herrn von Gablenz in Frida's Gesellschaft sah, schloß dieser gerade Frida gegenüber die Lippen doppelt fest.

Der Sommer war mit seinen warmen Tagen in das Land gezogen und hatte die Früchte der Felder in so reicher Fülle gereift, daß man einer gesegneten Ernte entgegenging. Diese für den Landmann so wichtige und bewegte Zeit brachte denn unendlich viel neues und reges Leben mit sich, und Frida griff wacker mit in das Räderwerk ein, das jetzt doppelte Geschäftigkeit und Arbeit für alle Hausbewohner brachte. Dies rege Treiben und diese Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend ward gerade jetzt zum unendlichen Segen für Frida. Es war unmöglich, den Tag über den eignen Gedanken nachzuhängen, oder über Dinge still zu grübeln, welche das Herz bewegten; denn unter doppelter Fröhlichkeit schaffte und wirkte jedermann von früh bis spät zum Wohle des Ganzen, und Abends war Frida so müde und erschöpft von der ungewohnten Thätigkeit, daß sie sogleich von den Armen des Schlafes umschlungen und in dessen stilles Reich getragen wurde, sobald sie nur die Augen geschlossen hatte.

Der Ernte folgte alsdann in den verschiedenen Dorfschaften die fröhliche Kirchweih, und es war eine alte Sitte, daß die Nachbarschaft zur Feier dieser Feste einander besuchte. Da gab es denn ein munteres Treiben bald in Dahme, bald in Hermsbach oder einigen anderen befreundeten Nachbardörfern, und die jungen Mädchen hatten nicht mit Unrecht Frida gleich am ersten Abend von dieser fröhlichen Zeit, als der schönsten des ganzen Jahres, erzählt. Tanz und Jubel und fröhliche Spiele vereinigten Jung und Alt unter den weiten Lauben, die überall zu diesem größten Feste der Dorfbewohner errichtet wurden. Herrschaft und Gesinde verkehrte in gemüthlicher, ungebundener Weise mit einander, und wenn sich die anmuthige Frida jetzt lustig im Arme des stattlichen Großknechtes im Rundtanz drehte, so dachte sie nicht im Entferntesten mehr daran, daß sie einst solche Zumuthung als eine Beleidigung stolz von sich gewiesen hatte.

Seit Frida's geheimen Gesprächen mit ihren beiden Cousinen in jener fernen Laube des Gartens achtete das junge Mädchen fast mit Aengstlichkeit darauf, ihr Benehmen zu ändern und besonders gegen die jungen Herren vorsichtiger und zurückhaltender zu sein, als sie es bisher gewesen. Einestheils wurde sie hierzu durch den Wunsch bestimmt, sowohl Justus als Walter ihren Cousinen weniger zu entziehen; anderentheils aber war es Charlottens leise Mißbilligung ihres zu freien Benehmens, was sie beeinflußte; denn bei ihrer wachsenden Liebe und Achtung für ihre Cousinen hatte auch deren Urtheil einen größeren Einfluß auf Frida, als ehemals aller Tadel und alle Vorstellungen von Seiten ihres Vaters oder ihrer Stiefmutter. In dem stillen Wunsche, Hannchens und Lottchens Glück ihrerseits möglichst zu fördern, gelang es ihr zwar häufig, Walter und Justus an die Seite ihrer Cousinen zu führen; aber ihrer Ungeduld gingen die Sachen viel zu langsam. Freilich waren Hannchen und Charlotte auch von einer peinlichen Zurückhaltung, und um keinen Preis hätten sie ahnen lassen, was ihr Herz bewegte. Aber eben so wenig verstanden es auch ihre gar steifen, schwerfälligen Verehrer, die Gelegenheit beim Schopf zu erfassen, um den Sternen näher zu kommen, die augenscheinlich das Ziel ihrer Wünsche bildeten.

Dies Interesse für ihre Cousinen zog Frida jetzt häufig von den Beobachtungen ab, welche ihre eigne Herzensneigung betrafen. Herr von Gablenz war in unveränderter Weise ihr ergeben; aber in ebenso unveränderter Weise umschwärmte er auch die andern jungen Mädchen, deren durch diese ländlichen Feste eine noch größere Anzahl zugegen waren. Den Schluß der Vergnügungen sollte die Feier des Geburtstages des alten Herrn von Helldorf bilden, und die ganze Umgegend war eingeladen, derselben beizuwohnen.

»Helfen Sie mir, Fräulein Frida, etwas Abwechslung in die Freuden dieses Tages zu bringen,« sagte Herr von Gablenz halblaut. »Wenn wir Beide die Sache nicht in die Hand nehmen, wird sie langweilig wie die ganze liebe Gesellschaft hier zu Lande.«

Frida erröthete froh, denn der Vorzug, den Gablenz ihr vor all den Andern einräumte, machte für sie ja wieder alle Gerüchte und alle Befürchtungen zu Schanden.

»Von Herzen gern,« entgegnete sie hellen Blickes. »Aber wie fangen wir es an?«

»Was meinen Sie zu einem improvisirten Valentinstage,« sagte Gablenz leise. »Mir scheint, das würde unserm Verkehr einen pikanteren Beigeschmack geben. Ein tête à tête mit meiner holden Valentine, nach dem mich seit langen schon so unaussprechlich verlangt, wäre das Ziel meiner Wünsche.«

Frida schlug erglühend das Auge nieder vor dem kecken Blick des jungen Mannes, dessen Sprache sie nicht mißdeuten konnte. Während sie nach Fassung rang, fuhr Gablenz vertraulich fort: »Blumen sind, wie die schöne Frida von früher weiß, die besten Dolmetscher unsrer Gefühle. Wie wäre es, wenn wir sie auch hier sprechen ließen?«

Frida preßte mit klopfendem Herzen ihr Tuch an die Lippen; dann sagte sie, den Kopf leicht abwendend: »Gewiß, das wäre ein hübscher Gedanke. Bringen Sie die Sache in Vorschlag und hören wir, ob unsere zaghaften Damen sich den kleinen Freiheiten auszusetzen wagen, welche das Verhältniß zu ihrem Valentin mit sich bringt.«

Anfangs schien es allerdings, als ob der Vorschlag Bedenken erregte; die jungen Männer aber waren Feuer und Flamme für diesen Plan, und so wurde er schließlich angenommen. Für den Abend bereitete Herr von Gablenz ein brillantes Feuerwerk vor, vorher aber sollte Tanz im Freien, sowie allerlei Spiel und Scherz die Gäste unterhalten.

Am Morgen dieses Festtages fand Justus Werder, welcher, wie gar oft, zum Besuch in das Vaterhaus gekommen war, eine frische blaue Kornblume auf seiner Tasse, als Helene sie ihm beim Kaffee überreichte. Verwundert schaute er auf, sah aber, daß seine hübsche Schwester rasch den Finger auf die Lippen legte. Justus nahm die Blume schweigend an sich; da fiel ein Streifchen Papier herab, das am Stiel derselben gehangen. Unbemerkt öffnete es der junge Mann und las folgende Worte:

»Kornblume und blau Aeugelein »Sie harren heut im Stillen dein.«

Ein glückliches Lächeln flog über Justus frisches Gesicht, und Blume und Zettelchen zu sich steckend nickte er seiner Schwester dankend zu; denn was die Botschaft heißen sollte, ahnte er recht wohl.

Eine ähnliche hatte auch Walter Helldorf an diesem Morgen erhalten, er wußte nur nicht von wem; sein Zeichen aber war ein rothes Tausendschön, das ihm die Worte zuflüsterte:

»Von tausend Schönen gieb den Preis »Ihr, die dein Herz zu finden weiß.«

Während Walter die Deutung dieser Blumensprache noch überlegte und unschwer zu entziffern wußte, ging in den entferntesten Wegen des Hermsbacher Parkes ein schlankes Mädchen langsam und gedankenvoll an der Seite eines jungen Mannes, der eifrig auf sie einsprach. Er hatte eine rothe Nelke in der Hand, und indem er dieselbe in dem Knopfloch seines Rockes befestigte, sagte er halblaut: »Wenn ich Ihre Zustimmung habe, theure Sophie, so kann Ihr Onkel sie mir nicht entziehen. Sie sind seit Kurzem mündig, wie Sie sagen, also wer kann Ihnen verwehren, selbst Ihre Angelegenheiten zu ordnen?«

»Die Rücksicht auf meine gütigen Verwandten, sonst allerdings nichts,« entgegnete Sophie leise. »Aber ich hoffe ihr Widerstreben zu überwinden, da ich keinen Grund ihrer Abneigung weiß, und im schlimmsten Falle....«

»Im schlimmsten Falle läßt du die Liebe den Sieg davon tragen, nicht wahr, geliebtes, himmlisches Mädchen?« rief Herr von Gablenz, denn er war der junge Mann, mit stürmischer Zärtlichkeit, indem er den Arm um Sophie von Helldorf schlang und die nur leise Widerstrebende an seine Brust drückte.

»Aber heut schweigen Sie noch, ich bitte dringend darum,« sagte Sophie, sich ängstlich aus des jungen Mannes Armen losmachend. »Heut kann ich dem Onkel unmöglich sein Fest mit dieser Nachricht trüben; denn trüben würde ich es dadurch, ich kann mir kein Hehl daraus machen.«

»Heut und so lange du willst, Geliebte!« rief Gablenz, Sophie's Hand küssend. »Diese Hand ist mein, und niemand soll sie mir streitig machen, das gelobe ich. Aber theure Sophie, wenn ich meine Rechte noch nicht in Anspruch nehmen darf, so ist es auch besser, ich bin heut nicht dein Valentin, meine Leidenschaft würde mich verrathen. Nimm deshalb die Nelke zurück, ich werde sie nicht wählen. Aber welches der anderen jungen Mädchen auch meine Valentine sein wird, glaube mir, Geliebte, die Huldigungen alle, die ich derselben spende, sie gelten eigentlich allein dir, der Königin meines Herzens, der Valentine meines ganzen künftigen Lebens.«

Sophie's bleiches Gesicht war von Purpurgluth bedeckt, und das Glück strahlte aus ihren Augen. Aengstlich aber wandte sie jetzt ihre Blicke dem fernen Wohnhause zu und sagte: »Länger darf ich nicht hier bleiben, die Tante wird mich ohnehin schon vermissen. Folgen Sie mir nicht gleich, ich bitte Sie, Alfred.«

»Noch eins, geliebte Sophie,« sagte Gablenz rasch. »Ist es dir recht, wenn ich die kleine Helene zur Valentine wähle? Welche Blume trägt sie heute Nachmittag?«

Sophie erröthete wieder und sagte lebhaft: »Wählen Sie die rothe Rose, es ist Helene's Blume.« Dann eilte sie schnell davon, sehr zufrieden, daß ihr Geliebter nicht Frida zur Valentine wünschte, wie sie geglaubt hatte. Sie wußte nicht warum, aber ihr Herz war voll banger Eifersucht, wenn sie an die schöne Frida dachte. Helene war wohl auch schön; mit ihrem schüchternen, zurückhaltenden Wesen erschien sie ihr jedoch nicht halb so gefährlich, als die weltgewandte, bewunderte Frida.

So kam der Nachmittag heran und mit ihm die Gäste in Menge. Wie verabredet führte Sophie die jungen Mädchen nach einer Weile in ein besonderes Zimmer, und Walter die jungen Männer. Dann öffneten sich die Thüren; aus der einen traten die mit Blumenkränzen geschmückten Jungfrauen, aus der andern die Herren, jeder eine Blume in der Hand, die ihm seine Valentine zuführen sollte. Ein Kichern und Drängen entstand jetzt unter der Mädchenwelt, denn jede scheute sich, von ihrem Valentin begrüßt zu werden. Aber sicher schritt Herr von Gablenz, eine rothe Rose in der Hand, auf den Kreis zu und zwar Frida entgegen. Erst als er dicht vor ihr stand schrak er zusammen und flüsterte hastig: »O Gott, welch ein Irrthum Sie haben nicht die rothe Rose, die Blume seliger Stunden?«

Frida war schon beim Eintritt der Herren blaß geworden; denn sie hatte augenblicklich gesehen, daß Gablenz nicht ihre Blume, die weiße Rose, erwählt hatte. Ein freudiger Schreck durchzuckte sie aber, als er nichts desto weniger doch auf sie zuschritt; also hatte er sie doch zur Valentine wählen wollen. Jetzt war sie nur froh, daß auch Sophie es nicht wurde; denn neue Gerüchte hatten ihr Ohr in den letzten Tagen erreicht und sie auf's Neue bang und mißtrauisch gemacht.

Unter allgemeiner Heiterkeit begrüßten nun die jungen Herren mit einem Handkuß ihre Valentinen, in ihr Recht eintretend, welches sie als getreue Ritter für den ganzen Tag an der Seite ihrer Erwählten festhielt. Jeder Dienst lag ihnen ob, und für alles, was ihre Valentine bedurfte, hatten sie zu sorgen, beim Tanz aber konnte ohne ihre Einwilligung kein Anderer ihre Stelle ausfüllen. Nur der Geburtstäger machte hiervon eine Ausnahme, und der fröhliche, alte Herr von Helldorf benutzte dieselbe mit Freuden und schwenkte sich in seiner steifen, altmodischen Weise mit so vielen der hübschen Valentinen unter den Linden am Hause, als zähle er nur die Hälfte der Jahre, die sein kahler Schädel schon gesehen hatte.

Auch der gemüthliche, alte Pastor Werner mischte sich häufig unter die muntere Jugend und brachte mit seinen harmlosen Neckereien manches Lächeln und manches tiefere Roth auf die frischen Mädchengesichter. Jetzt kam er auf seinen Liebling, das blonde Hannchen zu, welche mit ihrem blauen Kornblumenkranze ganz allerliebst aussah.

»Das nenn' ich aber einen Treffer, mein Söhnchen!« sagte er schelmisch zu Justus, der an Hannchens Seite saß. »So eine Valentine hätte ich mir auch wählen mögen, du Glückspilz. Nutz die Stunden eh' sie fliehn, morgen ist nicht heut! So gut wird dir's vielleicht so bald nicht wieder.«

Und Hannchen mit einem frohen Lächeln die frischen Backen streichelnd ging er im Kreise weiter. Als er zu Lottchen kam, mit der Walter Helldorf soeben ein merkwürdig lebhaftes Gespräch führte, sagte er schmunzelnd: »Sieh da, hm, hm, wie der Zufall spielt! 's ist doch ein hübsches Ding um so einen Valentin. Das löst die Zunge und macht Courage, nicht wahr, Lottchen? Nun nun, ich will nicht stören, Glück zu, ihr Leutchen!« Dann aber kam er an seinem schönen Töchterchen vorüber, welches soeben mit ihrem Valentin getanzt hatte und nun mit glühenden Wangen an dessen Arme hing, in Folge des Tanzes oder der leisen Worte, die Gablenz ihr soeben gesagt hatte, rascher athmend und aufgeregt ihrem Sitze zuschreitend.

»Lenchen, tanz nicht so viel und so rasch!« sagte der Vater mit einem unwilligen Seitenblicke auf ihren Tänzer; dann strich er seinem Kinde ernst über das schöne, dunkle Haar und schien noch etwas sagen zu wollen, schwieg aber doch und ging weiter, seine Heiterkeit jedoch war für eine Weile verschwunden. »Sieh, daß du den frechen Patron, den Junker Gablenz bald wieder los wirst, Helldorf,« sagte er verdrießlich zu dem Geburtstäger. »Der Mensch gehört nicht unter uns schlichte Leute, und den Mädels verdreht er mit seinen glatten Reden die Köpfe.«

»Hast recht, Bruder, 's ist mir lang schon nicht lieb, daß er da ist,« entgegnete Herr von Helldorf beistimmend, »aber ihn hinausjagen ohne Grund, das kann ich doch nicht, obwohl der windige Monsieur in der Wirthschaft gar nicht zu brauchen ist; Walter muß immer hinter ihm drein sein. Bei mir säet er ganz sicher Drachenzähne, ich möchte darauf wetten.«

In derselben Zeit gingen Frida und Sophie eine Weile Arm in Arm durch die Gänge des Gartens.

»Das ist mir prächtig geglückt!« rief Frida lachend, »und ich danke dir und Helene für euren treuen Beistand. Wie erstaunt Hannchen und Charlotte aus ihren guten, blauen Augen blickten, als sie ihre Blumen in der Hand ihrer still Geliebten sahen, es war köstlich!«

»Aber ahnen dürfen sie nicht, daß wir Justus und Walter verrathen haben, welche Blume sie trügen; das würden sie uns nicht verzeihen,« entgegnete Sophie.

»O wir thaten es ja gar nicht, die Blumen sprachen ja selbst!« lachte Frida.

»Du bist eine kleine Sophistin,« sagte Sophie. Dann seufzte sie leise und pflückte im Vorbeigehen eine rothe Rose vom Strauch.

»Was hast du, Sophie?« fragte Frida.

»O nichts weiter, es fiel mir nur eben ein, daß die Blumen gar oft als Dolmetscher dienen,« entgegnete Sophie.

Frida dachte an ihr Gedicht von der Rose und sagte lächelnd: »Besonders die Rosen. Ich glaube, so lange es Rosen gegeben, so lange haben sie auch der Liebe als Dolmetscher gedient und Stoff zu Liebesliedern gegeben. Keine Blume ist wohl je so viel besungen worden, als die Rose.«

Sophie wurde dunkelroth und vergrub ihr Gesicht in der Blume, die sie in der Hand trug. »Ich kenne ein Gedicht an eine Rose,« sagte sie zögernd, »das gehört zu den schönsten, die ich je gelesen. Freilich kommt wohl auch dazu, daß der Dichter mir bekannt und lieb ist.«

»Und wie lautet es?« entgegnete Frida ziemlich gleichgültig; denn ihre Gedanken waren weit fort von hier. Da aber schlugen Worte an ihr Ohr, welche das Blut zu ihrem Herzen trieben.

Sophie sagte mit etwas bebender Stimme:

»In einem stillen Thale »Blüht eine Rose hold, »Die Blätter glühn und glänzen »Wie süßer Minne Sold.«

»Um Gottes Willen, Sophie, woher kennst du diese Verse?« rief jetzt Frida und legte zitternd die Hand auf der Freundin Arm.

»Woher?« sagte Sophie sich abwendend und zögerte mit der Antwort. »Nun, daß ich es dir nur gestehe,« fuhr sie dann verlegen lächelnd fort, »Herr von Gablenz hat sie gedichtet und mir gegeben.«

»Er hat sie dir gegeben, Sophie?« rief Frida heftig und blickte verstört in Sophies Gesicht. »Dir? Und wann?«

»O schon bald nach seiner Herkunft,« sagte diese lächelnd. »Aber warum bist du denn so bleich und sonderbar, Frida? Mein Gott, was fehlt dir? Bist du unwohl?«

»Nein, nein,« stotterte Frida. »Ich.... ich. O Sophie, sage mir, ich flehe dich an, sollten diese Verse mehr für dich sein, als eben nur ein schönes Gedicht?«

Sophie erschrak über den Ausdruck von Angst und Spannung, den Frida's Züge trugen. »Wenn es nun so wäre, und die Verschen mir mehr aussprechen sollten, warum frägst du mich danach, Frida?« sagte sie beklommen.

»O weil er kurz zuvor mit demselben Gedicht mir seine Liebe gestanden hat!« rief Frida fassungslos und barg das Gesicht in beiden Händen.

»Dir, Frida? Gott im Himmel, so sind wir Beide betrogen!« sagte Sophie tonlos. »Gestern hat er sich mit mir verlobt.«

Mit einem Aufschrei sank Frida auf eine Bank nieder, und lange saßen die beiden unglücklichen, jungen Mädchen still und sprachlos neben einander. Jede rang nach Fassung. Frida weinte krampfhaft in ihr Tuch, das in ihrer Hand zitterte; denn ihr armes, junges Herz war wie vernichtet von dem Schlage, der sie getroffen. Eine ganze Welt von Glück und Hoffnungen war für sie in einem einzigen Augenblicke zusammengestürzt, und das Bitterste, was ein Herz erfahren kann, war über sie gekommen: getäuschtes Vertrauen, verrathene Liebe. — Sophie war viel ruhiger und gefaßter, als ihre viel jüngere und viel leidenschaftlichere Freundin. Bleich und wie gelähmt saß sie da und blickte düster zu Boden.

»Hat dich Gablenz noch während dieser letzten Zeit in dem Glauben erhalten, daß er dich liebe?« sagte sie endlich matt.

»O heut noch, heut noch!« schluchzte Frida. »Er schien außer sich zu sein, als ich nicht seine Valentine wurde. Er hatte eine rothe Rose in der Hand und erschrak, als er meine weiße sah.«

»O dieser Komödiant!« rief Sophie emporspringend. »Ich selbst habe ihm gesagt, rothe Rosen trage Helene, die er zur Valentine wählen wollte. So hat er dreifaches Spiel getrieben und umstrickt auch die arme Helene. O mein Gott, mein Gott, und ich habe der Stimme meiner Vernunft nicht hören wollen, die mich immer wieder vor ihm warnte, habe mir wirklich eingebildet, er könne mich häßliches, unscheinbares Mädchen lieben! Wie bitter bin ich für meine Eitelkeit und Thorheit bestraft worden. O Frida, wie entsetzlich ist's doch, ein reiches Mädchen zu sein!«

»Du meinst wirklich, daß er dich deshalb heirathen wollte, weil du reich bist?« rief Frida empört.

»Nur deshalb, ich sehe es nur zu deutlich!« entgegnete Sophie spöttisch lachend. »O daß ich dem Onkel nicht glaubte! Aber ihm will ich die Sache jetzt anvertrauen; er soll uns von dieser Natter befreien, die sich bei uns eingeschlichen, ich mag ihn nicht wiedersehen.«

»O um alles in der Welt, auch ich nicht!« schluchzte Frida in neue Thränen ausbrechend. Dann warf sie ein Blättchen Papier, das sie wie ein Heiligthum still in einem goldenen Medaillon am Herzen getragen, voll Ingrimm zu Boden, und mit dem Fuße darauf tretend sagte sie heftig: »Fort mit dir, du Zeuge meiner Thorheit und Leichtgläubigkeit. O könnte ich mich selbst zur Strafe auch so mit Füßen treten!«

Sophie aber bückte sich und nahm das Papier auf; es war Gablenz Rosengedicht. »Laß es mir, Frida,« sagte sie bitter, »es soll uns rächen.«

Jetzt hörte man Stimmen in der Nähe; es waren die der jungen Männer, welche kamen, ihre Valentinen zu suchen.

»Ich kann nicht, ich bin krank!« rief Frida zitternd und klammerte sich an Sophie fest.

»Sei ruhig und laß mich nur machen,« entgegnete Sophie, welche seit der traurigen Entdeckung etwas so Energisches, Entschlossenes in ihrem Wesen hatte, daß die arme; schwache Frida, die wie zerschmettert war von Jammer und Weh, sich unwillkürlich von ihr leiten ließ.

»Verzeihen Sie, meine Herren,« sagte Sophie, den jungen Leuten entgegengehend, »Fräulein Frida war so unwohl, daß wir die Stille aufsuchten, und jetzt sogar auf mein Zimmer gehen müssen; Sie entschuldigen uns wohl freundlichst noch für eine Stunde.«

Mit lebhaftem Bedauern zogen sich die Herren zurück, die jungen Mädchen aber eilten durch eine Seitenthür in das Haus auf Sophie's Zimmer; denn Frida bedurfte in der That der Ruhe und Einsamkeit. Sophie selbst hatte noch keine Thräne vergossen; Scham und Empörung waren so heftig in ihr, daß sie den Schmerz übertäubten, und in dieser Stimmung eilte sie zu ihrem Onkel.

»Hm, hm, das ist ja eine saubere Geschichte!« sagte der alte Herr nachdenklich, als Sophie ihre Mittheilung beendet hatte. »Laß mich nur machen, mein Kindchen! Hat er Komödie gespielt, laß sehn, ob wir es nicht noch besser können.«

»Was willst du thun, lieber Onkel?« rief Sophie ängstlich.

»Nichts weiter, als dir ganz die Augen öffnen. Sorge dich nur nicht und laß mich machen!« entgegnete der Alte, sich vergnügt die Hände reibend. »Den Junker wollen wir heut los werden; eine bessere Geburtstagsbescheerung konntest du mir nicht machen, mein Töchterchen. Da, stell dich dort in das tiefe Fenster, da hörst du die ganze Geschichte mit an, ohne gesehen zu werden.«

Kaum hatte Sophie sich zurückgezogen, als Herr von Gablenz in seiner sorglosen, eleganten Manier in das Zimmer trat.

»Sie wünschen mich zu sprechen, Herr von Helldorf?« sagte er, sich leicht verbeugend.

»Allerdings, mein lieber Herr,« entgegnete dieser leutselig. »Meine Nichte sagte mir soeben, daß sie sich mit Ihnen verlobt habe, und da wollte ich doch der Erste sein, der Ihnen Glück dazu wünscht.«

Gablenz war sehr roth geworden und verbeugte sich tief, um seine Ueberraschung zu verbergen. Aber ehe er noch ein Wort des Dankes hervorbringen konnte, fuhr der alte Herr freundlich fort: »Es freut mich das für Sophie um so mehr, als ich dadurch über ihre unsichre Zukunft beruhigt bin; denn bei so wenig Vermögen ist die Lage einer Waise oft trübe genug.«

Gablenz fuhr bei diesen Worten leicht auf und umfaßte krampfhaft die Lehne des Stuhles, an dem er stand.

»Ich glaubte,« sagte er halblaut, »die Verhältnisse Ihrer Fräulein Nichte seien bessere.«

»Ja, so denken die Leute,« entgegnete der alte Herr, eine Prise nehmend. »Aber das ist ein Irrthum. Wer meine Nichte heirathet, muß sich schon mit ihren andern guten Eigenschaften begnügen. Aber ich denke ja, das versteht sich von selbst bei einer rechten Neigung. Also, mein lieber Herr, Sophie hat Ihnen gestern schon das Jawort gegeben, wenn ich nicht irre, nicht wahr?«

»O so bestimmt doch noch nicht, mein verehrter Herr von Helldorf,« sagte Gablenz, der jetzt wieder seine sichre Haltung gewonnen hatte. »Sie wissen ja, wie das bei jungen Leuten so geht! Man läßt sich im Augenblick oft wohl hinreißen und ein Wort entschlüpfen, das der Moment geboren; aber zu einer ernsteren oder gar bindenden Entscheidung ist es bis jetzt noch nicht gekommen. Auch würde ich einen solchen Schritt jetzt kaum wagen dürfen, so sehr mich Ihr Vertrauen ehrt, theurer Herr von Helldorf. Meine Lage ist durchaus im Augenblick derart, daß ich an keine ernstere Verbindung denken kann. Auch fürchte ich sehr, Fräulein Sophie nicht länger meine Verehrung darbringen zu können, da ich leider genöthigt bin, morgen schon Ihr werthes Haus zu verlassen, wie ein Brief mir heut die Nachricht bringt. Ich bin....«

»Halt, ich kann das nicht länger ertragen!« rief jetzt Sophie rasch, welche bleich und bebend aus der Fensternische hervortrat. »Wozu die Komödie, Onkel? Es ist unwürdig und ganz überflüssig. Herr von Gablenz,« wandte sie sich stolz an den jungen Mann, der wie vom Blitz getroffen vor ihr stand, »nicht Sie, sondern ich löse hiermit ein Verhältniß auf, das Sie die Dreistigkeit haben, als nicht bestehend anzusehen. Mein Vermögen habe ich nicht verloren, wie mein Onkel sagte, indessen....«

»Aber theure Sophie, höre mich doch erst!« rief Gablenz schnell, der wieder Leben erhielt, sowie Sophie die letzten Worte ausgesprochen hatte. »Ich meinte ja nur....«

»Was Sie meinen und denken, habe ich leider schon zu lange mit angehört!« rief Sophie sich hochaufrichtend. »Sie würden vielleicht besser thun, heut schon Hermsbach zu verlassen, es möchten sonst noch mehr peinliche Augenblicke für Sie eintreten.«

»Und bitte, nehmen Sie doch gefälligst diese Verschen auch wieder mit, die sich im Duplikat vorgefunden haben!« sagte Herr von Helldorf schmunzelnd, indem er Gablenz die beiden verhängnißvollen Gedichte überreichte. »Ich würde Ihnen rathen,« fügte er, abermals eine Prise nehmend, hinzu, »das Dingelchen gleich lithographiren zu lassen, da vertheilt es sich noch schneller an leichtgläubige Schönen. Und damit guten Tag, mein lieber Herr! Ihre plötzliche Abreise wird Sie wohl verhindern, sich bei der Gesellschaft zu verabschieden, ich übernehme das von Herzen gern. Empfehl' mich, empfehl' mich, glückliche Reise!«

Mit diesen Worten schloß er die Thür hinter dem bestürzten jungen Mann, dessen Dreistigkeit und Sicherheit während der letzten Augenblicke in der That völlig Schiffbruch gelitten hatten, und der nichts Eiligeres zu thun wußte, als sich schnell aus dem Staube zu machen. Bald hörte man einen Wagen zum Hofthore hinausfahren, der den lockern Patron davonführte. Sophie aber war jetzt von Schmerz und Aufregung überwältigt und lag weinend im Arme ihres braven Onkels, der ihr bald lachend, bald tröstend die Backen streichelte.

»Wein' doch nicht, mein herziges Kindchen!« sagte er schmeichelnd, »der schuftige Patron ist ja gar nicht werth, daß so liebe Guckaugen darum roth werden. Danke Gott, daß wir ihn los sind, ehe er noch mehr Unheil stiftete.«

Und dasselbe sagte Sophie, welche endlich wieder ihre Fassung erlangte, zu der trostlosen Frida, die ganz außer sich gerieth, als sie das weitere Benehmen dessen erfuhr, der ihr so unsäglich theuer gewesen war. Sie konnte sich nicht entschließen, wieder in der Gesellschaft zu erscheinen, und so dauerte es nicht lange, da kam Hannchen zu ihr, welche von ihrem Unwohlsein gehört hatte.

Frida sank ihr schluchzend in die Arme. »O Hannchen, Hannchen!« rief sie trostlos, »warum habe ich deine Warnungen verachtet und die meines Vaters; nun bin ich grausam dafür bestraft worden!« —

Wir verlassen jetzt unsere Frida für eine Weile und übergeben sie noch für einige Wochen der treuen Liebe und Sorge ihrer Cousinen und Tante, welche in ihrer liebevollen und zartfühlenden Weise es vortrefflich verstanden, das tief gekränkte junge Herz wieder mit Welt und Menschen zu versöhnen. Dann aber folgen wir ihr wieder nach dem Vaterhause, in welches sie nach langer Abwesenheit endlich zurückkehrte. Wir finden sie an der Seite Gertruds, mit der sie soeben ein langes, ernstes Gespräch gehabt hat, das sich noch immer auf Frida's lieblichem Gesicht wiederspiegelt. Das junge Mädchen blickt unendlich viel ernster und sinniger aus ihren schönen Augen, seit wir sie an jenem verhängnißvollen Tage in Hermsbach verließen, und ein ruhigeres, gehaltneres Wesen spricht aus ihrer ganzen Haltung. Das eitle, thörichte Kind, das der Vater einst seiner Schwägerin vertrauensvoll übergab, es ist seitdem zur verständigen Jungfrau herangereift, und auch ihr Aeußeres trägt den Stempel dieser Sinnesänderung.

Statt in der so äußerst eleganten Kleidung und übertriebenen Haartracht, in der wir sie zuerst kennen lernten, finden wir sie jetzt zwar zierlich und gut, aber doch höchst einfach gekleidet, und ihr reiches, blondes Haar in der Art um ihren Kopf geschlungen, wie Hannchen es an jenem ersten Morgen in Dahme geordnet hatte. Jetzt blickte sie auf, und plötzlich Gertruds Hand an ihre Lippen ziehend, sagte sie leise: »O Mama, nun aber ist alles, alles gut, und ich will ein neues Leben beginnen. Es war eine harte Schule, durch welche Gott mich zur Einsicht geführt; aber ich danke ihm jetzt dafür. Diese entsetzliche Täuschung hat mich viel älter und ernster, aber auch viel besser gemacht. Ich wollte meine eignen Wege gehen in diesen wie in allen andren Dingen, und widerstrebte sowohl meines Vaters Wünschen, als auch deiner liebevollen Führung, und daraus konnte nichts Gutes für mich erwachsen. Verzeih mir und habe Geduld, jetzt soll alles anders werden.«

Gertrud zog ihre Tochter liebevoll an sich und sprach gute Worte zu ihr voll Sanftmuth und Anerkennung. Da trat der Diener in das Zimmer mit einem Briefchen an Frida. Das junge Mädchen öffnete es, und ein Zug des Mißvergnügens flog über ihr Gesicht.

»Es ist eine Einladung von Franziska,« sagte sie mit einem leisen Seufzer.

»Willst du nicht zusagen, liebe Frida?« fragte Gertrud.

»Nein, Mama, ich möchte es nicht,« entgegnete Frida ernst.

»Es ist aber schon das zweite Mal, daß du es ihr abschlägst,« sagte Gertrud. »Sie wird es dir gewiß übel nehmen.«

»Mag sie doch, ich werde ihr einige Zeilen schreiben,« rief Frida rasch entschlossen und stand vom Stuhle auf. »Warum soll ich ein Verhältniß aufrecht erhalten, das mir in so hohem Grade unerträglich wird. Franziska hat es fast als eine Beleidigung ihrer Familie angesehen, daß Gablenz in dieser Weise aus Hermsbach entlassen wurde, da er selbst es ihnen als seinen freien Entschluß darzustellen wußte. Sie hat in dieser unglücklichen Geschichte, welche hauptsächlich durch ihr Zuthun so weit gedeihen konnte, jetzt nur spitze Reden für mich, die ich nicht länger ertragen will, und seit ich nicht mehr so viel Sinn wie einst für ihre Eitelkeiten und Thorheiten zeige, muß ich nichts als Spöttereien mit anhören über ländliche Einfalt und Tugend. Das kann und mag ich nicht länger, Mama, darum will ich ihr lieber klar und ehrlich gestehen, daß unsre Wege verschieden sind. Ueber lang oder kurz käme es doch zu einem Bruche, und ich begreife jetzt blos nicht, wie es zwischen uns überhaupt jemals zu solcher Freundschaft kommen konnte.«

Während Frida dies Briefchen schrieb, trat ihr Vater in's Zimmer.

»Hier, mein Töchterchen,« sagte er heiter, Frida ein Blatt Papier reichend, »da kommt Tante Marie's vorläufige Einladung zur Hochzeit. Hannchen schreibt dir wohl selbst das Nähere, sieh einmal nach.«

Mit leuchtenden Augen öffnete Frida das Briefchen.

»O es soll ja eine Doppelhochzeit sein, Papa,« rief sie jubelnd. »Justus und Hannchen hatten erst noch warten sollen, bis die neue Pfarre in Hermsbach fertig würde, die Papa Helldorf seinem neuen Pastor bauen läßt. Walter und Lottchen wollen aber absolut nicht allein heirathen. Auf dem Vorwerk, das Walter übernimmt, sei so schrecklich viel Platz, daß da zwei junge Ehepaare bequem hausen können, behaupten sie, und so soll ich mich eilen, meinen Hochzeitsstaat fertig zu machen, denn lange wollen sie nun nicht mehr warten. Sophie und Helene, Martha und ich sind die Brautjungfern. O wie köstlich, Papa, und wir sind alle, alle eingeladen, du und Mama und die Kinder, alle, alle. Aber da liegt ja noch ein Zettelchen im Briefe, was ist denn das?«

Neugierig entfaltete Frida einen schmalen Streifen Papier und las die Worte:

»Was du gewünscht, es ist geschehn, Und Ernst entsproß den Scherzen; Kornblümchen blau und Tausendschön Blühn jetzt an treuen Herzen. Nun schlinge selbst die Myrthe ein, Die Valentinen harren dein!«

Frida lachte herzlich, als sie das Verschen gelesen hatte. »Das ist sicher ohne Hannchens Vorwissen zu mir gewandert,« sagte sie dann nachdenkend. »Aber es bestätigt mir endlich, was ich lange schon gedacht habe: Jener unselige Valentinstag hat zur Verlobung der beiden lieben Paare geführt, wie ich im Stillen so innig wünschte. Sie haben es nur nicht eingestehen wollen, da dieser Tag für andre so unheilvoll wurde. Aber wie Herr von Helldorf zu Pastor Werder beim Abschied leise sagte, so können wir schließlich alle sprechen: »Gott sei Dank, das war ein gesegneter Tag für mich!« —

Und rasch eine Thräne zerdrückend, welche gegen ihren Willen noch einmal ihr helles Auge trübte, reichte Frida ihren Eltern beide Hände. »Auch ihr sollt so sagen können, das verspreche ich euch! Eure Frida ist an jenem Tage und in jener Zeit von mehr als dieser einen Thorheit geheilt worden.«

Illustration from Drei Erzählungen für junge Mädchen

Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

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