Esther Wieburg. (continued 2)
Reading edition
Aber Frau Booland nahm die Nachricht freudiger auf, als Esther gefürchtet hatte. Muthig bekämpfte das brave Weib allen Jammer ihres Herzens, den eine lange Trennung ihr verursachen mußte, nur um Esther den Abschied leicht zu machen. Die Pastorin Krause hatte schon seit einiger Zeit geheime Besprechungen mit Frau Booland gehabt und ihr alle diese Pläne mitgetheilt, welche ihr Gatte Esther darlegte. So überraschten sie Esthers Mittheilungen denn nicht mehr, sondern fanden schon ein vielfach bearbeitetes Terrain vor sich.
»Ich bin froh, daß du einmal ein Stückchen von Gottes schöner Welt sehen sollst, meine kleine Esther,« sagte Frau Booland heiter. »Hier in unserem Dorfe versauerst du ja ganz und gar, und Arbeit hast du hier wie anderswo. Die Schwester unserer lieben Pastorin freut sich schon auf dich, da wirst du eine schöne, vergnügte Zeit verleben, und was die Sache mit England betrifft, nun, gute Menschen sollen es ja auch sein, zu denen du kommst, sagt der Herr Pastor. Du lernst dort ein Bischen von der großen Welt kennen, das ist auch gut, und für alles andere lassen wir den lieben Gott sorgen. Deine alte Tante Booland wird dir dein Häuschen indessen gut versorgen, daß du jeden Augenblick wieder in dein warmes Nest zurückkommen kannst. Mit bösen Gedanken über die Trennung wollen wir uns das Herz nicht unnütz schwer machen, mein Goldkind; denn wir haben ja alle Beide starke Herzen und sind nicht aus Wachs oder aus Marzipan gemacht.«
Aber Esther hatte noch eine andere Trennung zu überwinden, mit welcher ihr junges Herz noch viel schwerer kämpfte. Ihren Bertel sollte sie verlassen! Und doch war er es ja gerade, der sie hinaustrieb in die Welt; denn für wen sonst hätte sie diese Opfer gebracht, für wen sonst das friedliche Stillleben ihrer Heimath aufgeben mögen? Nur damit ihr junger Freund sorglos und unbekümmert seinen Studien obliegen, noch Jahr für Jahr ungetheilt der Wissenschaft leben konnte, ohne für sein tägliches Brod sorgen zu müssen, unterwarf sie sich all' diesen Dingen freudig und unverdrossen. Deshalb, wie sehr ihr auch das Herz blutete, schrieb sie dennoch einen jubelnden Brief an Bertel, der ihm alle diese Pläne mittheilte. Er durfte ja nicht ahnen, wie schwer ihr das Opfer wurde. Ein letzter Besuch Bertels vor Esthers Abreise war das Einzige, was sie sich von ihm erbat, und in vollen Zügen genossen Beide noch einmal das Glück ihres Beisammenseins.
So sagte denn Esther eines Morgens der lieben, traulichen Heimath Lebewohl, von ihren Freunden im kleinen Waldhause wie von Pastor Krauses bis zur nächsten Stadt begleitet, von wo die Eisenbahn sie gen Süden weiter führte. Sie war einer befreundeten Dame anvertraut worden, die nach der Schweiz reiste, und bald vertrieben die stets neuen Eindrücke, welche Esther auf dieser ersten Reise fast überstürzten, die Schmerzen des Abschiedes.
Die großen Städte, in denen sie übernachteten, erregten ihr Staunen und ihre Neugierde; als sich aber endlich die hohe Kette der Alpen vor ihren Blicken ausbreitete mit ihren majestätischen Häuptern, auf denen Eis und Schnee lagerte, während saftig grüne Matten und Wälder die Vorberge deckten, und unzählige Ortschaften wie Spielzeug auf der Ebene verstreut lagen, da jubelte Esther auf vor Wonne und Entzücken, und ihr junges Herz gab sich rückhaltlos den Eindrücken hin, die sie bestürmten. Und nun gar der herrliche Genfersee, der schimmernd blau zu ihren Füßen ruhte, rings umkränzt von köstlichen Bergen, grünen Fluren und lachenden Dörfern, hoch oben alles überragend, aber die Jungfrau mit ihren ewigen Eisfeldern und der leichten Wolke, welche fast immer ihren höchsten Gipfel krönt. Es war so namenlos herrlich, daß Esther fromm ihre Hände in einander legte und thränenden Auges Gott dankte, der sie in diese Wunderwelt geleitet. Denn hier am Fuße dieser herrlichen Jungfrau, am Rande dieses köstlichen Sees sollte sie ja leben und Tag für Tag diese Wunder vor Augen haben! Welch eine Aussicht war dies, und wie schlug ihr das Herz bei diesem Gedanken voll Freude und Wonne.
Genf selbst freilich, die alte Stadt mit ihren vielen engen Straßen gefiel Esther weniger; aber das Haus Madame Gautier's lag vor dem Thore mitten in einem hübschen Garten, da hatte man die schönste Aussicht gleich vom Fenster aus vor sich. Man empfing Esther mit großer Freundlichkeit, und besonders Madame Gautier war so herzlich und gut, als sei die neue Hausgenossin die Tochter ihrer Schwester. Eine Menge fröhlicher junger Mädchen umgab sie früh und spät, und diese schienen sich förmlich den Rang streitig zu machen, ihr Angenehmes zu erzeigen.
So fühlte sich Esther denn wie in eine neue herrliche Welt versetzt und ihre Briefe, die sie nach Hause schickte, athmeten nichts als Glück und Behagen.
Esther war bereits einige Monate im Hause Madame Gautier's und ihr eifriges Bestreben war, die französische Sprache möglichst schnell und gründlich zu erlernen. Sie machte auch bald die besten Fortschritte, hatte ja doch Frau von Ihlefeld schon vortrefflich vorgearbeitet, als sie Esther Unterricht ertheilte, dem das junge Mädchen freilich wegen ihrer anderweitigen Beschäftigungen wenig Zeit hatte widmen können. Frau von Ihlefeld hatte Esther einige französische Bücher zur Lectüre mitgegeben, welche sie aus ihrem einstigen Besitzthum mit sich genommen, und Esther war erfreut, so gute Fortschritte zu machen, daß sie diese Bücher bald selbständig lesen konnte. Eines Tages wagte sie sich sogar an Gedichte und griff nach einem Buche, das längst schon ihr lebhaftes Interesse erweckt hatte. Es war sehr elegant eingebunden und von ziemlich großem Format, auf dem inneren Deckel aber standen die Worte: »A son cousin Oscar de Ihlefeld Etienne de Villemaud. Auteur.«
Esther kam beim Anblick dieses Namens das Gespräch wieder in den Sinn, das sie mit Frau von Ihlefeld gehabt hatte, und die Erinnerung an jenen unglücklichen verschwundenen Schuldschein. Jener Etienne war also Dichter und hatte dies sein Werk dem Vetter als Geschenk hinterlassen. Zerstreut ließ Esther die Blätter des Buches durch ihre Finger gleiten und überblickte die Ueberschriften der Gedichte. Dabei schob sich ein zusammengefaltetes Papier aus dem Buche, und Esther schlug es gleichgültig auseinander, irgend ein abgeschriebenes Gedicht vermuthend. Aber wer beschreibt ihre Ueberraschung — das zusammengefaltete Papier war der verloren geglaubte Schuldschein!
Esther zitterten die Kniee von dem freudigen Schreck, und lange wollte sie ihren Augen nicht trauen. Aber da stand ja alles, wie Frau von Ihlefeld es ihr mitgetheilt: Oscar von Ihlefeld, Besitzer vom Rittergut Rahmstedt, hatte am 6. Mai 18.... an Etienne de Villemaud eine Summe von fünfzehntausend Thalern übergeben; die Zinsen sollten zum Kapital geschlagen werden. Unterzeichnet war der Schein von den beiden Vettern und alles in voller Ordnung und Richtigkeit.
Wahrscheinlich lag das Buch als Geschenk Etienne's auf dem Tische, und Herr von Ihlefeld hatte in Gedanken den Schein da hinein gelegt, als er ihn in sein Zimmer trug; denn Frau von Ihlefeld sagte ja, die Sache sei in ihrer Gegenwart und ihrem Zimmer verhandelt worden.
O welch ein Fund war das! Und wie gut, daß der Schuldschein bis jetzt verborgen gewesen, sonst wäre das Geld sicher auch noch verloren gegangen wie alles andere. Nun hatte ja alle Noth und Sorge ein Ende! Nun konnte Bertel studiren und reisen nach Herzenslust, wie er so sehnlich wünschte, und die arme Frau von Ihlefeld sah nun wieder bessere Tage. Esther schwindelte der Kopf von der Fülle der Gedanken, und lange saß sie sinnend und Pläne schmiedend an ihrem Fenster. Zum erstenmale schaute ihr Auge theilnahmlos auf die wunderschöne Welt, die sich vor ihr ausbreitete, und ihr Herz jubelte nicht auf über die Pracht und Herrlichkeit, in welcher die Abendsonne das stolze Haupt der Jungfrau umkleidete, deren Gipfel in Gluth getaucht in den glänzenden Abendhimmel hinein ragte, während der See zu Füßen des Berges wie ein rosiger Spiegel blitzte und schimmerte.
»Und du, was willst du denn nun noch länger im fremden Lande, fern von deinen Lieben?« dachte Esther mit leuchtenden Blicken. »Nun ist es ja nicht mehr nöthig, Geld zu verdienen; denn nun hat Bertel ja mehr, als du in deinem ganzen Leben für ihn zusammenscharren könntest. Ade Freunde, ade Schweiz und England, nun geht's wieder heim in mein kleines Waldhaus, dem schönsten Orte der Welt trotz Alpen und Gletscher und Seen.«
Eben wollte sich Esther an den Schreibtisch setzen, um einen jubelnden Brief nach Hause zu senden mit der herrlichen Botschaft, da trat Frau von Gautier in ihr Zimmer.
»Meine liebe Esther,« sagte sie dann freundlich, »obwohl Sie mir ein gar lieber Gast sind, und ich Sie ungern wieder fort lassen möchte, so gebietet mir doch die Rücksicht auf Ihre Verhältnisse, von denen meine Schwester mir einiges mitgetheilt hat, Ihnen ein Anerbieten zu machen, welches soeben an mich gerichtet ist. Die Vorsteherin eines Pensionates in Süd-Frankreich, in le Vigan bei Nîmes, wünscht eine junge Dame für ihr Institut zu engagiren und bietet ihr sehr annehmbare Bedingungen. Wollen Sie diese Stelle annehmen, so erreichen Sie Ihren Zweck, französisch zu lernen, dort ebensogut, verdienen in dieser Zeit noch nebenbei etwas und lernen ein neues Land und andere Verhältnisse kennen, was immer ein Vortheil ist für jedermann. Aber besinnen freilich dürfen Sie sich nicht lange; denn schon übermorgen will Mademoiselle Bertin wieder abreisen und Sie dann natürlich gleich mitnehmen, denn für ein junges Mädchen ist eine so weite Reise allein nicht sehr rathsam.«
Esther hatte bei den ersten Worten Madame Gautier's gleich sagen wollen, daß es mit ihren Plänen jetzt überhaupt ein Ende habe und sie so bald als möglich wieder nach Hause reisen werde. Aber als sie hörte, wohin sie mit jener Dame gehen sollte, da schwieg sie plötzlich betroffen. Das war ja wie eine Sendung vom Himmel gerade im entscheidenden Momente! Süd-Frankreich, Nîmes, dahin sollte sie? Und war es nicht gerade dort, wo jener Herr Richard wohnte, der Erbe jenes Etienne und jener Schuld? Wie, wenn sie diesem Winke folgte und in dem Orte selbst diesen Mann aufsuchte? Eine Reihe von Jahren war seit jener Zeit verstrichen, wenn nun der Mann nicht mehr dort lebte? Eine schriftliche Erfahrung konnte große Schwierigkeiten bereiten, während man an Ort und Stelle sicher leicht zum Ziele gelangte. Und wie, wenn auch dieser Mann vielleicht todt war und man wieder neue Personen vor sich hatte? Wie viel Zeit und Mühe war vielleicht nöthig, um an's Ziel zu kommen, wo persönliches Eingreifen rasch alles in Ordnung bringen konnte! Und besser, sie sagte erst gar nichts von der Auffindung des Scheines, sondern trat ihren Freunden gleich mit dem glücklichen Resultate entgegen. Warum ihnen erst vorher so unruhige Stunden bereiten, ehe sie ihr Ziel erreichen konnte? Nein, rasch ohne Besinnen und Zögern wollte sie mit dieser Französin reisen, rasch dort in Frankreich diesen Herrn Richard oder seine Erben aufsuchen und erst dann mit der vollen, glücklichen Lösung hervortreten. Zeit zum Fragen, ob sie reisen sollte, hatte sie ja auch gar nicht, d'rum lieber ganz schweigen, bis alles glücklich erreicht war. Dann war die Freude voll und ungetheilt, und wie im Triumphe wollte sie dann wieder nach der Heimath ziehen, beladen mit Schätzen für ihren geliebten Bertel.
Ein so unerfahrenes junges Mädchen, als Esther war, konnte wohl solchen Plan schmieden und auf dessen glückliche Ausführung rechnen. Welches nun aber die Erfolge ihrer Bemühungen waren, das wollen wir weiter sehen.
Ueber den Quai de Bergue eilten in Genf zwei Tage darauf eine ältliche und eine junge Dame der Messagerie zu, von wo aus die Posten nach Frankreich abfahren. Es war Mademoiselle Bertin und unsere Esther. Schon von Weitem sahen sie das hochgebaute und hochbepackte gelbe Gebäude, Postwagen genannt, das sie über die Grenze führen sollte. Die Französin traf bei der Post einen alten Herrn, Monsieur Martin, welcher mit ihnen reiste. Eben wollte dieser im Innern des Wagens Platz nehmen, als Mademoiselle plötzlich mit Schrecken bemerkte, daß ihre Postbillets aus Versehen Plätze auf der »Banquette« bezeichneten. Mit aller Lebendigkeit einer Südländerin fuhr sie auf den sie begleitenden Diener los, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, dieser sagte aber ganz phlegmatisch: »Mademoiselle wollte doch absolument heute reisen, andere Plätze aber gab's nicht mehr.« La banquette war allerdings für eine ältliche Dame ein etwas bedenklicher Sitz, denn er befand sich in höchster Höhe der ohnehin schon himmelhohen Kutsche. Ihrer Verzweiflung machte jedoch ihr alter Freund bald ein Ende; denn sehr froh, seinen heißen Innenplatz mit dem luftigen auf der Banquette zu vertauschen, kroch er vergnügt wieder aus dem Wagen heraus und überließ der Dame sein Billet. Nun brachte der Knecht eine hohe Leiter herbei, und leicht wie ein Eichkätzchen kletterte Esther die Sprossen empor, ihrer ehemaligen Turnkünste sich erinnernd. Langsamer folgte ihr alter Nachbar, und während Esther auf der schmalen Banquette sich's möglichst behaglich zu machen suchte, bestieg der alte Herr einen bequemeren Sitz zur Seite, eine Art Lehnstuhl. Vergnügt hüllte er sich in einen weichen Schafpelz, der auf dem Sitze lag, und der ihm bei der rauhen Herbstluft sehr willkommen war; er freute sich seines köstlichen Platzes. Eben wollten die sechs starkknochigen Pferde ihr beschwerliches Tagewerk beginnen, da klimmte noch ein Passagier zur Banquette empor. »Oh, à la bonheur,« rief er, sich zu dem alten Herrn wendend, »Monsieur wollen den Hemmschuh führen?« »Was Hemmschuh?« rief dieser verwundert. »Nun ja, das ist der Platz für denjenigen, der dies Geschäft übernimmt,« sagte der Conducteur lachend und zeigte auf die Schraube, welche der Alte ganz gemüthlich als Stütze für seine Arme benutzt hatte. Mit sehr saurer Miene wickelte sich dieser nun aus seinem warmen Schafpelze heraus und kletterte auf die Banquette zu Esther, die ihm herzlich lachend neben sich Platz machte. Dies kleine Ereigniß hatte die ganze Gesellschaft der Außenkutsche einander näher gebracht; denn auch der Postillion auf seinem Sitz zu Füßen Esthers nahm an der allgemeinen Heiterkeit Theil, und unter Lachen und Scherzen fuhr man über Genf's holpriges Straßenpflaster und überschritt endlich die französische Grenze. Esther war kindlich vergnügt, von ihrem hohen Sitz aus die herrliche Gegend gemächlich überschauen zu können, und ihr alter Nachbar stimmte herzlich in diese Freude mit ein, denn auch er war ein großer Naturfreund. Bald erzählte er Esther, er sei eigentlich ein geborener Deutscher, lebe aber nun schon seit vielen Jahren in Nîmes.
»In Nîmes?« rief Esther hoch erfreut aus. »O kennen Sie da vielleicht einen Herrn Richard?«
»Richard?« sagte Herr Martin nachdenklich. »Welchen Richard, mein Fräulein? Es giebt deren eine ganze Menge in Nîmes.«
»Ich meine den Neffen eines Herrn Etienne de Villemaud, der vor einigen Jahren gestorben ist,« entgegnete Esther.
»Hm, da kann ich wirklich nicht dienen,« sagte der Alte kopfschüttelnd. »Haben Sie eine Empfehlung an ihn, so bin ich gern bereit, Ihnen behülflich zu sein, den richtigen Richard aufsuchen zu helfen.«
»O Sie sind sehr gütig,« rief Esther erfreut, »das wäre mir in der That sehr lieb, denn ich habe allerdings ein Anliegen an ihn.«
»Ich werde Ihnen die nähere Adresse des Herrn schreiben, mein Fräulein, wenn Sie es mir erlauben,« sagte Herr Martin verbindlich. Esther sprach nochmals ihre Dankbarkeit aus und fühlte ihr Herz sehr erleichtert, daß sie gleich im ersten Augenblick eine Hand gefunden hatte, die ihr den Weg zu bahnen versprach. Voll froher Hoffnungen schaute sie dem Gelingen ihres Unternehmens entgegen und genoß nun mit doppeltem Vergnügen die so mannigfachen Freuden, welche diese interessante Reise ihr darbot.
Ueberall, wo während der Postfahrt der Wagen hielt, umdrängte eine Schaar bettelnder elender Kinder die Reisenden, ihre zerfetzten Hüte hinhaltend mit dem Rufe: »Charité, s'il vous plaît, charité!« Esther mußte bei diesem Elend immer an die sauberen Schweizer Dörfer zurückdenken, die sie jetzt gesehen, und an ihr eignes freundliches Dorf Rahmstedt, in dem solche Armuth etwas Unbekanntes war.
Der schwerfällige Postwagen brachte seine Passagiere bis zu der Eisenbahnstation Seyßel, und von da aus flog Esther auf Dampfesflügeln ihrem Ziele zu, zur Rechten die Berge des Jura, links Savoyen mit seinen wilden, romantischen Landschaften und verfallenen Dörfern.
Die Gegend bis Lyon war unendlich schön. Das reizende Thal der Rhone nahm die Reisenden auf, und zu beiden Seiten erhoben sich anmuthige Berge. Schäumend und rauschend schoß das Wasser der Rhone neben der Eisenbahn hin, ihre blauen Wellen wie schwere Atlasfalten auf- und abrollend. Leichte Kettenbrücken schwebten hoch oben darüber, und auf felsigem Ufer, zackige Bergspitzen im Hintergrunde, erhoben sich terrassenförmig unzählige kleine Ortschaften. Es war äußerst malerisch. Lyon, das sie Abends erreichten, interessirte Esther lebhaft, und muthig durcheilte sie am Morgen vor der Weiterreise allein einige Straßen. Prachtvolle Läden fesselten ihr Auge, und schöne Quais, aber auch viel Verfallenheit; doch jedes, auch das verfallenste Häuschen, hatte seinen Balcon und seine Blumen. Von Lyon ab wurde die Landschaft lieblicher: Maulbeerbäume mit ihrem frischen, saftigen Grün deckten die Felder, echte Kastanien standen dazwischen, Weinstöcke rankten ihre Reben am Boden hin, wie es dort Sitte, und dunkle Cypressen erhoben ihre düsteren schlanken Zweige gen Himmel. Große Heerden grauer und schwarzer Schafe weideten zu vielen Tausenden in der Ebene, unzählige Maulesel hoben dazwischen ihre großen Köpfe empor, und abenteuerlich aussehende Hirten mit zottigen Fellen um die Schulter bewachten die Heerden. In der Gegend von Avignon erinnerten zahlreiche Ruinen an die ehemalige Herrlichkeit dieser Gegenden. Esther hätte wohl gewünscht, hier weitere Ausflüge in die Umgegend machen und sich dies interessante Stück Land näher ansehen zu können; aber ihre Begleiterin drängte zur Weiterreise. Sie fuhren den ganzen Tag immer weiter in das Land hinein, bis endlich am Abend Nîmes erreicht war. Wie gern wäre Esther mit dem freundlichen Herrn Martin gegangen, der sich hier von ihnen trennte; ihr Herz klopfte freudig bei dem Gedanken, dem Manne vielleicht ganz nahe zu sein, den sie suchte, und wegen dessen sie eigentlich die ganze Reise unternommen. Aber sie hatte sich Mademoiselle Bertin verpflichtet, und so mußte sie mit ihr weiter. Im Vorbeigehen sah sie die mächtigen Trümmer einer alten römischen Arena in die Luft hinein ragen; die Säulen des berühmten Maisen carée warfen im Mondschein breite Schatten hernieder, und wundervolle Baumgänge umsäumten einen freien Platz, in dessen Mitte hohe Fontainen ihre Wasser im Mondlicht funkeln ließen.
Esther eilte mit ihrer Gefährtin an all' diesem Zauber vorüber, denn ihr Ziel lag noch vor ihnen. Eine lange Postfahrt die Nacht hindurch brachte sie nach dem kleinen Städtchen le Vigan, das sie am Morgen erreichten. Obwohl es schon spät im November war, zeigte doch die warme Nacht, daß man sich im Süden befand, und Esther athmete mit Behagen die angenehme Nachtluft. Mit neugierigen Blicken schaute sie sich dann in dem Orte um, der sie aufnehmen sollte; aber der Anblick dieses Städtchens war äußerst wenig erfreulich. Die Lage des Ortes zwar war höchst romantisch zwischen Felsen und Bergen; aber die Stadt selbst hatte graue, düstere, steinerne Häuser, viele davon elend und verfallen. Schweine und anderes Vieh trieb sich in den Straßen umher, und der Haupteindruck des Ganzen war überall Armuth, Koth und Verfallenheit. Es war Sonntag und die Straßen wenig lebhaft; aber als die Postkutsche hielt, sah Esther, daß eine ganze Schaar junger Mädchen und Kinder den Wagen umringten.
Kaum hatte Madame Bertin den Fuß an die Erde gesetzt, so wurde sie mit lautem Jubel von dieser Schaar begrüßt, und es war gar kein Ende zu finden mit Küssen und Umarmungen. Esther stand still zur Seite und betrachtete sich voll Staunen diese Welt, in die sie eintreten sollte; denn es waren in der That die Pensionairinnen Madame Bertin's, die sie hier vor sich sah. Aber welch ein Anblick! Welch ein Schmutz und welch ein Gelumpe unter diesen jungen Mädchen, und das sogar am Sonntage! Ueber großen Reifröcken elende, schmutzige Kleider, zerrissene Schuhe an den Füßen, die im Straßenkothe umherhüpften, daß das Wasser hoch aufspritzte, und auf dem schwarzen, wirren Haar wunderliche Mützchen von unaussprechlicher Unsauberkeit. Dabei aber die niedlichsten Gesichterchen mit feurigen schwarzen Augen, lachenden Mäulerchen und blendend weißen Zähnen, und alle graziös und zierlich, vergnügt und glückselig, als feierten sie das herrlichste aller Feste.
Esther wurde nun vorgestellt und gleich mitten im Straßenkoth von all' den schmutzigen jungen Wesen so herzlich umarmt und geküßt, als wäre sie eine liebe, alte Bekannte. Es kostete Esther eine wahrhafte Ueberwindung, die Arme dieser kleinen, unsauberen Mädchen und diese schmutzigen Hände mit den schwarzen Nägeln nicht von sich zu stoßen, und lächelnd mußte sie ihrer guten Tante Booland gedenken, welcher ein einziger Riß oder Schmutzfleck in Esthers Kleidern schon so großes Entsetzen erregt hatte. Was würde sie wohl zu dieser jungen Schaar sagen! Aber trotz alledem mußte man diesen lustigen, gutherzigen Kindern gut sein, und getrosten Muthes folgte ihnen Esther nach der Wohnung Madame Bertin's.
Aber auch hier war der Eindruck: Schmutz und Verfall wohin man blickte. Hinter einer zerbröckelten Mauer versteckte sich ein altes steinernes Gebäude, in dessen unteren Räumen die Pensionsanstalt sich befand. Steinerne von Schmutz bedeckte Fußböden in allen Zimmern, finstere verwahrloste Kamine, Spinneweben an den lichtlosen Fenstern, und unbehaglich düstere Möbel überall — das war der Anblick, der sich Esther beim Eintritt in das Haus darbot. Nur der sogenannte Salon war mit rothseidenen Sophas und Fauteuils ausstaffirt, welche aber auch von Staub überzogen waren und sich überhaupt wohl wundern mochten, wie sie in diese Räume gerathen konnten. Esthers eigenes kleines Zimmer bestand in einem Raum, der einen Durchgang bildete für die ganze Pensionsgesellschaft, und außerdem vollgepfropft war von allem möglichen Hausgeräth, so daß es einen unsäglich unbehaglichen Aufenthalt bildete. Das waren denn nun freilich keine schönen Aussichten für Esther, die an ein behagliches Leben gewöhnt war, und das Herz schlug dem armen Kinde etwas bange in dieser Umgebung. Aber war es nicht ihr Bertel, für den sie alles zu ertragen hatte? Wie leicht wurde bei diesem Gedanken jede Last! Ihr frischer Jugendmuth erhielt bald wieder die Oberhand, und ihr Humor regte sich und half ihr über die tausend Unannehmlichkeiten fort, die sich ihr sonst noch entgegenstellten.
Höchst fremdartig und unangenehm war ihr vor allem auch die südfranzösische Kost. Gleich am ersten Morgen sah Esther mit Staunen, daß das Frühstück der jungen Mädchen aus nichts bestand, als aus einer Scheibe harten grauen Brodes, das Einige sich am Heerdfeuer rösteten, und einigen Zwiebeln, Salatblättern oder Kohlrabistücken. Für Esther hatte man rücksichtsvoll ein unaussprechliches Gebräu aus einer Art Kaffee bereitet, und seufzend weichte sie ihre Scheibe gerösteten Brodes darin auf, zufrieden, daß sie wenigstens mit dem Genuß jener Zwiebeln und Kohlrabi verschont blieb. Aber beim Mittagsessen konnte sie sich auch diesen Freuden nicht entziehen. Einer steifen Suppe von Brod und Kohlrabi folgte eine Art Salat von dicken Zwiebelstücken, und Hammelfleisch, das außen verkohlt, innen aber ganz roh war, und mit dem Esther sich durchaus nicht befreunden konnte trotz ihres jugendlichen Appetits. Ein Beigeschmack von Knoblauch und ranzigem Oel umschwebte alle Gerichte; denn bekanntlich wird im Süden das Oel statt der Butter zur Bereitung der Speisen benutzt, und so wohlschmeckend solches Oel in frischem Zustande ist, so widerlich wird es in etwas verdorbenem, wie man es hier benutzte. In einer Pension nimmt man nicht immer das Beste und darf eben nicht sehr wählerisch sein.
Esther aß stets mit heftigem Widerwillen, und in ihrem ersten Briefe an Frau Booland ergötzte sie sich damit, dieser einen südfranzösischen Speisezettel mit einigen für eine Deutsche grauenvollen Gerichten zur Disposition zu stellen. — »Zuerst also, liebe Tante,« schrieb sie, »erscheint eine dicke Suppe von Weinbergschnecken mit einem Zusatz von Knoblauch, Oel und Brod. Dann als entre-met, den Appetit zu reizen, giebt es rohe Zwiebeln, als Fleischspeise ein Ragout von Kaninchen mit Cichoriensalat, und zum Dessert rohe Saubohnen und ein Dutzend großer, lebender Schnecken. Was meinst du zu diesen Delikatessen, mein Tantelchen? Wie sehne ich mich unter diesen Knoblauch- und Oelgerichten nach meiner lieben deutschen Kost, zu welcher ihrerseits aber die jungen Französinnen die Köpfe schütteln, erzähle ich ihnen davon. Ueberhaupt komme ich mir hier, liebe Tante Booland, vor, wie verbannt, und oft ist mir, als ob ich in Afrika unter den Wilden wäre, denn ich lerne die wunderbarsten Zustände hier kennen. Die kleine Schaar hier ist so unreinlich, so ungebildet, so wild und fremdartig, wie ich mir nie junge Mädchen gedacht hätte. Freilich sind hier in dieser Pension keine Kinder aus feinen Häusern; in vornehmeren Erziehungsanstalten mag es ganz anders sein, und ich bedauere, daß ich so schlimm ankommen mußte. Bei uns hier sind meist Töchter von Bürgern, Handwerkern und Weinbauern, die alle keine Ansprüche an eine Erziehung machen, wie wir sie gewöhnt sind, denn wie viel wohlerzogener und gebildeter sind Mädchen solchen Standes bei uns in Deutschland. Ich weiß oft nicht, über was ich mehr staunen soll: ob über diese verwahrlosten Kinder oder über diejenigen, die sie erziehen und belehren; denn deren Bildung und Lebensweise läßt eben auch gar viel zu wünschen übrig. Die ganze Mädchenschaar von einigen 30 solcher lebendigen, plappernden, schwarzbraunen und unsauberen Geschöpfchen sehr verschiedenen Alters, hat meist in einer einzigen Klasse Unterricht, jedoch in zwei Abtheilungen, und da kannst Du Dir nun eine Vorstellung von diesem Unterricht machen! Auf einer Seite des Saales spreche ich auf die kleinen, unruhigen Geister ein, auf der andern ein Lehrer; aber wie wenig da wirklich verstanden und gelernt wird, ist begreiflich. Es kommt aber hierauf auch herzlich wenig an, wie mir scheint; über Elementarkenntnisse kommen diese Kinder sicher nie weit heraus, man verlangt das aber auch gar nicht. Sobald sie die Pension verlassen und nach Hause zurückkehren, arrangirt man eine Heirath für sie, und wozu nützen dann noch die Kenntnisse? Das Wissen scheint einer solchen kleinen Französin erstaunlich unnützer Ballast für das Leben. Wenn sie nur recht munter zu plaudern und zu lachen versteht und sich recht graziös und zierlich bewegt, mehr verlangt niemand von ihr. Aber freilich, von dieser Anmuth und Grazie der Bewegungen, dieser steten verbindlichen Freundlichkeit, dieser ewigen und unverwüstlichen Heiterkeit haben wir steifen, groben, ernsthaften Norddeutschen keinen Begriff, und so sehr mein Herz sich oft empört über diese unbeschreiblichen Zustände, immer wieder versöhnt mich die hinreißende Liebenswürdigkeit dieser Kinder des südlichen Frankreichs. Du solltest nur einmal sehen, liebste Tante, mit welcher unnachahmlichen Grazie unsere doch schon ältliche Mademoiselle Bertin bei dem Dîner an der Spitze der Tafel präsidirt. Für Jeden hat sie ein Lächeln, ein verbindliches Wort, eine gefällige Handreichung. Anmuthig erfaßt sie mit ihren höchst unsaubern Fingern ihr Glas, noch anmuthiger führt sie es an den ewig lächelnden, ewig freundlich plaudernden Mund, und mit reizender Grazie reicht sie hier einem Kinde süß lächelnd ein Stück des schauerlich harten Brodes, dort einem andern einen winzigen Bissen verkohlten Cotteletts, als seien es seltene Kostbarkeiten. Am Ende des wundervollen Mittagmahles säubert sie voll lächelnder Anmuth mit ihren Lippen Gabel, Messer und Löffel, die sie alsdann in ihre Serviette einwickelt; die ganze Tischgesellschaft thut das Gleiche, und bei der nächsten Mahlzeit benutzt man diese also gereinigten Geräthschaften von Neuem, ohne jemals eine andere Säuberung für nothwendig zu halten! — Und wie spaßhaft sehen alle diese jungen Mädchen aus mit ihren großen weißen oder schwarzen Mützen auf dem Kopfe! Sie sind nämlich viel zu träge, sich täglich ihr Haar zu kämmen und zu flechten, das geschieht höchstens ein Mal in der Woche; die übrigen Tage steckt man die wirren schwarzen Flechten und Locken unter eine solche Mütze, die deckt alles. Aber wie sieht die aus! Würdig des ganzen Anzuges! Als ich mir am ersten Morgen Gesicht und Nacken in frischem Wasser badete, sah meine junge Stubengenossin mich ganz erstaunt an und sagte: »Waschen Sie sich immer so, Mademoiselle?« »Natürlich, Louison,« erwiederte ich, »thun Sie es denn nicht auch?« »O mon dieu non!« rief sie ganz entsetzt aus, »ich würde sicher den Tod davon haben!« Und wirklich sah ich nun, daß sie nur eben die Zipfel eines Tuches in's Wasser tauchte und sich die Augen damit anfeuchtete, das war die ganze Wäsche. Daß man sich auch Mund und Zähne reinigt, daß Nagel- und Kleiderbürsten existiren und benutzt werden, daß Seife schmutzigen Händen ein Bedürfniß ist, alles das sind Dinge, welche nicht zur Kenntniß dieser jungen Mädchen gehören. Und doch wäre in diesem Lande, wo der Sommer so heiß und lang ist, Reinlichkeit ein doppeltes Bedürfniß. Ich sehne mich ordentlich danach, einmal einen Blick in andere Pensionen und andere Häuser zu thun; denn unmöglich kann doch solche Unsauberkeit allgemein verbreitet sein. Was ich jedoch hier in dem kleinen Orte sehe, gleicht freilich alles mehr oder weniger unserer theuren Pensionsanstalt! Aber wenn ich nun an den Menschen und deren Sitten auch vieles anders wünsche, wie köstlich ist dafür die Natur, die mich umgiebt! Ein so entzückend schönes Thal, wie das ist, in dem unser altes kleines Städtchen liegt, kann man so bald nicht wieder finden. Von den Bergen rauschen frische Quellen hernieder und bilden tausend kleine Cascaden; das üppigste Grün, durchzogen von blühenden Büschen und Bäumen, deckt trotz der Nähe des Winters noch überall Höhen und Tiefen, und von einzelnen nackten Felsspitzen schauen prächtig zerfallene Ruinen herab in das Thal, von ehemaliger Größe und Herrlichkeit erzählend. Pflanzen, von denen wir kleine Zweige zu Hause als kostbare Schätze im Fenster stehen haben, blühen und wuchern hier als riesige Büsche und Sträucher, und was üppiger Pflanzenwuchs ist, davon habe ich jetzt erst einen Begriff bekommen. Wie würdest Du, beste Tante, die Du die Blumen so liebst, Dein Herz erfreuen an all' den köstlichen Gewächsen, welche mich hier umgeben und welche die Verfallenheit und Unsauberkeit so reizend verhüllen, daß man beinahe mit derselben ausgesöhnt wird.« —
So verstand es Esther, die Augen für das Schöne zu öffnen, das sie umgab, und für die unerquickliche Existenz, in welche das Schicksal sie geführt, sich möglichst reiche Entschädigung zu suchen. Ihr heiterer Sinn erfreute sich mehr und mehr an der Liebenswürdigkeit ihrer Umgebung, und die lustige junge Schaar hing bald mit feuriger Verehrung an der neuen Lehrerin.
Mit sehnsüchtiger Erwartung hoffte Esther von Tag zu Tag auf eine Nachricht von Herrn Martin aus Nîmes; aber Woche auf Woche verging und noch immer kam kein Brief. Esther glaubte, der alte Herr werde sein Versprechen wohl vergessen haben, und es werde ihr nichts übrig bleiben, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dazu aber mußte sie das Weihnachtsfest abwarten, wo einige Tage Ferien den täglichen Unterricht unterbrachen und ihr eine Reise nach Nîmes ermöglichten. Da aber brachte der Briefträger ihr eines Morgens doch noch den sehnlich erwarteten Brief, und erwartungsvoll öffnete Esther denselben. Ihr alter Freund schrieb ihr sehr verbindlich und freundlich und bat um Verzeihung, daß er sie so lange auf Nachricht habe warten lassen; aber er sei durch Krankheit verhindert worden, sein Versprechen zu erfüllen. Nun freue er sich, ihr über den betreffenden Herrn Richard Bescheid sagen zu können. Derselbe sei Kaufmann und habe vor Jahr und Tag eine überseeische Reise angetreten. Wann er von derselben zurückkommen werde, sei ungewiß, wahrscheinlich im kommenden Frühjahr. Da der Herr unverheirathet sei und auch keine sonstigen Anverwandten in Nîmes habe, bedauere Herr Martin, nichts Genaueres weiter über ihn erfahren zu können.
Diese Nachricht war für Esther sehr betrübend. Alle ihre schönen Pläne, Hoffnungen und Wünsche schienen für jetzt scheitern zu sollen; denn wenn derjenige, von dem Esther die Schuld einfordern wollte, fern war, und niemand weder seinen Aufenthalt noch die Zeit seiner Rückkehr angeben konnte, so war ja alles vergebens. Selbst wenn sie Frau von Ihlefeld von der Auffindung des Scheines sagen wollte, erreichte sie damit weiter nichts, als diese unnöthig aufzuregen, denn in der Ferne hätte dieselbe ja noch weniger wirken können. Esthers hatte doch wenigstens noch immer die Hoffnung, daß Herr Richard während ihres Aufenthaltes in Frankreich zurückkommen würde. Sie prüfte lange, was das Beste sein möchte, und sehnlichst wünschte sie, sich mit jemand berathen zu können. Nach reiflicher Ueberlegung war sie entschlossen, ruhig in ihrer jetzigen Stellung zu bleiben und ihr Geheimniß wie bisher für sich zu behalten, bis sie dennoch vielleicht bald mit dem glücklichen Resultat vor ihre Lieben hintreten konnte. Das Opfer, welches sie brachte, war groß; denn die Existenz, in der sie auszuharren beschloß, wurde mit dem herankommenden Winter immer unerfreulicher. Frühe Kälte und sogar Schnee kamen Mitte December über die Berge gezogen und machten sich in dem kleinen hochgelegenen Städtchen, das im Sommer seiner kühlern Temperatur wegen als angenehmer Aufenthalt besucht wurde, ziemlich unangenehm fühlbar. Und man litt in diesen Gegenden vielmehr durch die Kälte, als im Norden, wo man sich dagegen zu schützen versteht. Aber hier besonders, in dieser wüsten Pensionsanstalt, wurde der Aufenthalt durch Kälte und Schnee fast unerträglich. Die steinernen Fußböden, durch keinen Teppich geschützt, waren ohnehin schon kalt wie Eis; aber mit ihren dicken Holzschuhen, Sabots genannt und wie kleine Kähne gestaltet, trugen die unruhigen Füße der quecksilberigen jungen Schaar unablässig alle Nässe und allen Schnee von Hof und Straße mit herein, so daß der Fußboden sich binnen Kurzem in einen wahren Sumpf verwandelte. Keine Thüre schloß und kein Fenster hielt Wind und Kälte ab, und wenn es dem schwarzen Kamin auch wirklich endlich gelungen war, nach unsäglichem Rauchen und Qualmen etwas Wärme um sich her zu verbreiten, der erste Windstoß warf diese oder jene Thür wieder auf, und aus dem offenen Hausflur strömte dann die ganze Winterkälte wie im Triumphe herein, denn niemand beeilte sich, ihr den Eingang wieder abzuschneiden. Besonders wenn der Mistrâl wehte, ein Wind, der dort heimisch und von markdurchdringender Schärfe und Intensität ist, wußte man sich mitten im Zimmer und selbst im Bett kaum zu retten vor Zugluft und Unbehagen. Dieser Wind dauert stets mehrere Tage, der Himmel ist dabei tiefblau und die Sonne blitzend, aber die Luft von einer Schärfe, daß nichts vor ihrem Eindringen schützt, und Thüren und Fensterrahmen Spalten bekommen, so trocknet der Wind sie aus.
Aber so sehr Esther durch diese Zustände litt, die muntern Französinnen ließen sich dadurch wenig aus ihrer guten Laune bringen, und wenn der Wind recht eisig durch Thür und Fenster pfiff, dann trappelten sie desto lustiger mit ihren hölzernen Sabots auf dem steinernen Fußboden umher, daß man meinen konnte, eine Schwadron Cürassire komme über das Steinpflaster geritten. Es war ein unaussprechlicher Spectakel; aber den lebendigen Kindern machte das gerade Vergnügen. Gut, daß Esthers Nerven von solider Stärke waren, sonst hätte sie diesen Lärm und dieses Treiben nicht lange ertragen. — So kam das Weihnachtsfest heran, und Esther's Herz übermannte jetzt eine so unsägliche Sehnsucht, daß sie all' ihrer tapfern Entschlossenheit bedurfte, um nicht die Flinte in das Korn zu werfen und auf und davon zu gehen, der lieben Heimath wieder zu, mit den Ihren das schönste aller Feste zu feiern. Hier in Frankreich hatte man keine Idee von der Feier des Weihnachtsfestes, wie Esther es kannte; Geschenke gab man sich am Neujahrstage, aber ohne besondere Festlichkeit.
Der Arzt der Pension, dessen Frau eine Deutsche war, hatte sich sehr freundlich gegen Esther bewiesen und das junge Mädchen durfte diese Familie zuweilen besuchen. O wie athmete sie hier auf in dieser sauberen, geordneten Häuslichkeit, und hier fühlte sie erst, wie leicht man bei verständiger Vorsorge den dortigen Winter ertragen konnte, der trotz Mistrâl doch unendlich viel milder war als ein deutscher. Von dieser Familie wurde Esther eingeladen, das Weihnachtsfest mit ihnen zu feiern, und freudig folgte das junge Mädchen dieser Aufforderung. Am Nachmittage schon machte sie sich auf den Weg, und bei köstlich warmem Sonnenschein, wie er in der Heimath etwa im Mai die Erde wärmt, durcheilte sie die Straßen. Ihr Weg führte sie durch einen großen öffentlichen Garten, auf dessen Terrassen eine Menge Frauen bei ihrer Spindel saßen, gerade wie im Sommer, die Kinder zu ihren Füßen spielend.
Aber wie köstlich war auch noch alles grün trotz Winter und Schnee! Ueppiges Moos deckte überall die ruinenhaften Mauern, saftig grüne Wiesen zogen sich weithin, Cypressen und Lorbeer und immergrüne Eichen standen mit vollem Laube in dichten Gruppen, Oliven mit ihrem matten Grün breiteten sich dazwischen aus. Eine Menge wundervoller fremdartiger Bäume wölbten ihr Laubdach über Esther, von denen besonders einer mit brennend rothen Früchten ihr Auge entzückte, man nannte ihn Arbousier. Dichte Hecken von hohem Oleander und in weißen Dolden blühenden Gewächsen zogen sich ringsum, üppige Schlingpflanzen rankten sich hernieder, und überall blühte die Monatsrose in Fülle, von Veilchen, Narcissen, Tazetten und tausend anderen Blumen umringt. Es war eine Pracht und ein Reichthum in der Natur, daß Esthers Herz laut jubelte und sie sich nicht satt sehen konnte an all' dem Schönen. Wie herrlich mußte diese Natur erst im Frühjahr sein, wenn am Weihnachtsabend, mitten im Winter, schon alles in dieser Weise blühte und duftete!
Die Doktorin empfing Esther mit großer Herzlichkeit, und das junge Mädchen verlebte den Abend so angenehm, daß ihr Heimweh fast gänzlich Abschied nahm. Mit Jubel begrüßte sie eine schöne grüne Tanne, den lieben nordischen Weihnachtsbaum, der in vollem Lichterglanze ihr entgegenlachte, als wäre sie zu Hause in ihrem trauten Waldhause. Man hatte den Baum in eine riesige Vase gepflanzt, und statt der Aepfel lachten goldene Apfelsinen aus dem grünen Laube. Eine dicke Guirlande von frischen rothen Rosen, die man am Morgen im Weinberge gepflückt, zog sich um den Rand der Vase; hohe silberne Candelaber waren mit Gewinden von Lorbeer und Oleander umschlungen und durch Rosenketten verbunden, und an diesen Guirlanden wie an dem Tannenbaum hing eine Menge buntes Zuckerwerk und silberne und goldene Kugeln. Es war ein reizender Anblick. Für Esther lagen einige hübsche Geschenke unter dem Baume, und als beste Gabe ein dicker Brief aus der Heimath, den der Doktor heimlich dem Briefträger abgenommen hatte. Esthers Dank und Freude war namenlos, einen so herrlichen Weihnachtsabend hätte sie nimmer in der Fremde erwartet, und diese Freude stärkte sie wieder für all' die vielen unangenehmen Tage, welche noch vor ihr lagen.
Unter wenig erfreulichen Verhältnissen, in welche Esther ihr Geschick geführt, verging der Winter, und ein Frühjahr kam herbei, so warm und wonnig und so reich an Blüthen und Düften ringsum, daß Esther alles Ungemach vergaß und mit vollem Herzen diese Zauberwelt genoß. Sie schrieb glückselige Briefe an ihre Lieben in der Heimath, bei denen der Winter noch mit all' seinen rauhen Lüften und mit Kälte und Schnee regierte, während es rings um Esther schon blühte und duftete.
Als dann aber auch in Deutschland das Frühjahr gekommen war, da brannte die Sonne schon so heiß und sengend auf die Fluren hernieder, in denen Esther umherwanderte, daß sich diese gar oft ihren nordischen Himmel herbei wünschte.
Mit dem Frühjahr sollte sich ja vielleicht Esthers Hoffen und Harren belohnen, so glaubte sie sicher, und ihr alter Freund hatte ihr versprochen, sobald er Kunde über die Rückkehr Herrn Richard's erhalten könne, wolle er sie sogleich benachrichtigen. Aber Woche um Woche verging abermals, und kein Brief kam. Die warmen Frühlingstage verwandelten sich in heißen Sommer, unter dessen sengender Sonnengluth alles verdorrte und verbrannte, so daß statt der saftigen Fluren eine gelbbraune Decke sich überall ausbreitete, und Menschen und Thiere nach Kühlung schmachteten.
Jetzt bot das eisig kalte Steinhaus, in dem Esther wohnte, allerdings angenehmen Schutz vor der Sonnengluth; aber doch freute sich das junge Mädchen, daß einige Wochen Ferien die Stunden unterbrechen sollten, denn sie fühlte sich oft unendlich müde und angegriffen. Das stete vergebliche Hoffen machte sie nervös und niedergeschlagen, sie sah ja, daß ihr Opfer vergebens sein und sie ohne das Geld nach Hause zurückkehren mußte. Sie hatte gehofft, die Erlangung dieses Schatzes werde ihr die Stellung in England ersparen, und sie könne wieder zurück in ihr Waldhaus. Nun schwand auch diese Freude; denn wenn sie nichts verdiente, litt Bertel Mangel und konnte nicht weiter studiren. So mußte sie also jene Stelle binnen Kurzem antreten; man wollte dort nicht länger warten, wie Pastor Krause ihr schrieb. Schon beabsichtigte Esther, gleich beim Beginn der Ferien nach Hause zurück zu kehren, da schrieb ihr Herr Martin, seine Frau wollte für einige Wochen in das Seebad nach Cette gehen und würde sich freuen, wenn Esther sie begleiten wolle. Er bitte sie, vorher für einige Tage in Nîmes ihr Gast sein zu wollen. Esther zögerte anfangs, dies Anerbieten anzunehmen, ihre angegriffene Gesundheit aber bedurfte allerdings der Stärkung durch Seebäder; denn neue Pflichten erwarteten sie ja, für welche sie eines kräftigen Körpers bedurfte. So nahm sie denn Abschied von ihren liebenswürdigen Pensionsgefährtinnen, die ihr trotz aller Mängel und Fehler herzlich lieb geworden waren, und eilte unter das gastliche Dach ihres guten alten Freundes in Nîmes.
Hier wurde sie mit großer Herzlichkeit aufgenommen und fand eine angenehmere Häuslichkeit, wenn auch ein deutsches Hauswesen diese südlichen Zustände bedeutend an Behagen übertraf. Frau Martin war eine lebendige, liebenswürdige, alte Dame, und die beiden guten Alten machten es sich zur Aufgabe, Esther alle Sehenswürdigkeiten von Stadt und Umgegend zu zeigen.
Es traf sich gerade, daß man einen Geburtstag in der kaiserlichen Familie feierte, wozu die ganze Stadt sich mit Fahnen, Guirlanden und Teppichen geschmückt hatte, was den Straßen einen äußerst freundlichen Anblick verlieh. Große Processionen durchzogen die Stadt, Abends war brillantes Feuerwerk und Illumination, das Schönste aber war am andern Tage ein Volksfest in den alten Mauern der Arena, wozu jedermann freien Zutritt hatte. Unser altes Pärchen führte natürlich seinen Gast auch dahin, und mit Staunen und Entzücken sah Esther dieses prächtige Schauspiel mit an. Die vortrefflich erhaltenen Ruinen der einst durch die Römer erbauten Arena waren jetzt von oben bis unten überdeckt von vielen Tausend Menschen, und jedes Plätzchen, so klein oder gefährlich es auch sein mochte, war besetzt. Alle diese Terrassen, Bogen, Arkaden, ja selbst der oberste Rand der Umfassungsmauer, alles stand gedrängt voll Menschen, und da war kein Stein, kein Pfeiler, der nicht seine interessante Gruppe aufwies. Auf einzelnen losgebrochenen Mauerresten standen und hingen kühne Burschen, und während ihre braunen Gesichter vor Vergnügen leuchteten, baumelten sie lustig mit den nackten Beinen über dem Abgrunde und lachten der ängstlichen Rufe und Blicke um sie her. Männer und Weiber, Kinder und Greise, zerrissene Bettler und elegante Damen, alles drängte sich dicht an einander, sitzend, stehend, hängend, kauernd oder liegend, wie es eben ging; aber alles jubelnd, schreiend, lachend und hoch oben darüber der tiefblaue Himmel, wie ihn eben nur der Süden aufzuweisen hat. Während unten in der Arena Seiltänzer und Jongleure ihre Künste zeigten, ein Luftballon emporgelassen wurde und bei laut kreischender Musik allerlei Tänze und Scherze aufgeführt wurden, wanderten auf der untersten Terrasse eine Menge Verkäufer umher, die Zuschauer mit Früchten und Gebäck zu versorgen. Mit wahrhafter Virtuosität schleuderten diese Händler ihre Waaren bis hoch zu den obersten Sitzen hinauf, und gelbe Citronen, goldene Apfelsinen, lange Weißbrode, Feigen, Pfirsiche, Stücke Melonen, alles flog und schwirrte durch die Luft und wurde ebenso geschickt aufgefangen als geschleudert. Verfehlte aber ein unglückliches Gebäck oder eine leckere Frucht einmal ihr Ziel und rollte in ein Gebüsch oder in das lose Steingeröll, dann zitterte die Luft von endlosem Jubel, und tausend Hände und Füße waren in Bewegung, den Schatz zu erobern. Esther war ganz hingerissen von dem Zauber dieses echt südlichen Festes, und feurig und lebendig wie auch ihr Temperament war, jubelte sie mit ihren französischen Nachbarn um die Wette und vergaß es vollständig, daß von allen Seiten der verhaßte Knoblauchgeruch sie einhüllte, und eine Menge höchst uncivilisirter Beine über ihrem Kopfe baumelten.
Nach einigen in Nîmes froh verlebten Tagen reiste Esther in Gesellschaft der alten Frau Martin nach Cette ab, das prächtig am Gestade des Mittelmeeres sich hinzog. Von dort gedachte sie einige Wochen später in die Heimath zurückzukehren, und Frau von Ihlefeld dann selbst die Erlangung jenes Kapitals zu überlassen, da ihr diese Freude nicht vergönnt ward. Der Anblick des Meeres war ein neuer Genuß für Esther, und mit Entzücken badete sie ihre Glieder in dieser herrlichen Fluth. Sie fühlte sich durch die Bäder bald wunderbar gestärkt und belebt, und da auch das Zusammensein mit Frau Martin durchaus angenehm war, so freute sich Esther aus voller Seele dieser schönen Tage. Leider aber war Frau Martin schon nach Kurzem genöthigt, wieder nach Hause zurückzukehren, da ihr Mann heftig erkrankte; da sie aber hoffte, bald wieder nach Cette kommen zu können, blieb Esther zurück, durch die alte Dame den braven Hauswirthen warm empfohlen.
In dieser Zeit war es, wo eine junge Dame Esthers Bekanntschaft erneuerte, welche schon in Nîmes in der Arena neben ihr gesessen und sie mehrfach angesprochen hatte. Esther freute sich, Gesellschaft zu haben, und obwohl sie eigentlich keinen großen Gefallen an der Dame fand, kam sie doch täglich mit derselben zusammen. Sie nannte sich Mademoiselle Lasson, war sehr heiter und gesprächig, und Esther vergaß in ihrer Gesellschaft alle trüben Sehnsuchtsgedanken. Dies veranlaßte sie, häufiger mit Mademoiselle Lasson zusammen zu sein, als sie sonst wohl gethan hätte.
An einem herrlichen Sommerabend ging Esther auch wieder mit ihrer neuen Freundin am Meeresstrande spazieren, und mit ihnen noch viele andere Badegäste. Man hatte in der Ferne das Herankommen eines Schiffes gesehen, und das Einlaufen eines solchen in den Hafen war stets ein Vergnügen für die Fremden. Auch Esther freute sich des Anblicks, wie das schöne, stolze Schiff auf den Wellen daher segelte, und als dann die Ankommenden ausstiegen, betrachtete sie dieselben voll natürlicher Neugierde. Da ging einer der angekommenen Herren an ihr vorüber. Mademoiselle Lasson begrüßte denselben und zwar mit so lauten Worten und fröhlichem Lachen, daß Esther etwas scheu zurücktrat. Der Herr blickte auf und schien über die Begrüßung durchaus nicht erfreut; denn mit einem kurzen Seitenblick auf Esther ging er leicht grüßend davon.
»Wer war der Herr, Mademoiselle?« fragte Esther rasch.
»O, ein alter Bekannter von mir, Monsieur Richard; er schien mich nicht recht zu erkennen,« sagte die Dame achselzuckend.
»Herr Richard?« rief Esther freudestrahlend. »Herr Richard aus Nîmes? Der Neffe des Herrn Etienne de Villemaud?«
»Wie seine Verwandten alle heißen, weiß ich wahrlich nicht,« lachte Jene, »ich glaube aber, den Namen gehört zu haben. Er that diesem Herrn hier den Gefallen, zu sterben und ihm sein schönes Geld zu hinterlassen, wenn ich nicht irre. Was wissen Sie denn von diesem Kauz, liebe Kleine?«
Esther war so aufgeregt vor Freude, Glück und Wonne, daß sie zitterte und ihrer Begleiterin in kurzen Worten sagte, daß es für sie von unendlicher Wichtigkeit sei, diesen Herrn zu treffen. »O bitte, wir wollen ihm schnell nacheilen, daß er nicht abreist, ehe ich ihn gesprochen habe!« rief sie glühend und zog Mademoiselle Lasson mit sich fort.
»Halt, liebe Kleine, nicht so hitzig!« lachte diese und machte ein so sonderbares Gesicht, daß Esther verlegen stehen blieb.
»Sie sind ja sehr eilig hinter dem Herrn her, der wenig von uns wissen zu wollen schien. Ich weiß, er kehrt hier bei einem Bekannten ein, da werden Sie ihn zeitig genug treffen auch ohne so große Eile. Aber hingehen wollen wir, da Ihnen so viel daran zu liegen scheint. Ich darf doch mit Ihnen gehen?«
Esther dankte ihrer Begleiterin herzlich, daß sie ihr zur Seite bleiben und sie zu der Wohnung Herrn Richard's führen wollte. Zuerst aber eilte sie nach Hause, das wichtige Papier zu holen, das ihr bisher so viel Angst und Sorge, Hoffnung und Enttäuschung gebracht hatte. Ihre Begleiterin führte sie bis zu dem betreffenden Hause, dann aber verabschiedete sie sich, was Esther im Grunde nicht unlieb war, sollte doch niemand weiter von ihrem Geheimniß erfahren.
Als sie Herrn Richard gegenüber stand, schlug ihr doch das Herz gewaltig vor banger Erwartung, besonders da jener Herr ihr sehr kalt und erstaunt entgegentrat und sie mit wenig freundlichen Blicken anschaute und nach ihrem Begehr fragte. Esther nannte ihren Namen und versicherte sich zuerst, daß sie auch die gesuchte Persönlichkeit vor sich habe; dann aber nahm sie mit zitternder Hand den Schuldschein aus ihrer Brieftasche und sagte: »Mein Herr, wissen Sie von dieser Schuld?«
Herr Richard blickte das Blatt voll Staunen an und sagte: »Der Empfang der Summe ist in den Büchern meines Vetters notirt, aber kein Name. Ich habe bisher umsonst gewartet, daß der Gläubiger sich melden solle. Aber mein Fräulein, wie kommen Sie zu dem Schuldscheine?« Und wieder blickte er Esther prüfend in das glühende Gesicht.
»Der Schein war seit Jahren verloren, durch einen Zufall kam er in meine Hände,« sagte Esther ruhig, aber unwillkürlich noch tiefer erröthend.
»So, durch einen Zufall? Und Sie wünschen, ich soll das Geld an Sie auszahlen?« entgegnete der Kaufmann scharf.
»Ja, natürlich wünsche ich das,« sagte Esther unbefangen.
»So besitzen Sie eine Vollmacht, welche Sie berechtigt, die Summe von mir zu fordern im Namen des Gläubigers?« entgegnete Herr Richard.
»Eine Vollmacht?« sagte Esther betroffen. »Nein, wozu bedürfte es einer solchen? Herr von Ihlefeld ist todt, seiner Familie aber stehe ich so nahe, daß Sie mir das Geld getrost ohne solche Vollmacht einhändigen können. Ich bin mit dem Sohne des Hauses erzogen und besitze das volle Vertrauen der Mutter, welcher ich mit der Ueberbringung des Geldes eine unerwartete Freude machen will, da sie in sehr dürftigen Umständen lebt. Ich habe ihr die Auffindung des Schuldscheines, den ich in einem Buche fand, welches sie mir geliehen, nicht mitgetheilt, um ihr unnöthige Unruhe zu ersparen. Mein Weg führte mich nach Frankreich, und so nahm ich Gelegenheit, den Erben jenes Herrn Etienne von Villemaud aufzusuchen, um Frau von Ihlefeld bei meiner Heimkehr das Geld statt des Scheines zu überreichen. Schon glaubte ich meine Hoffnungen betrogen, da Sie für unbestimmte Zeit von der Heimath abwesend waren; da führte ein günstiger Zufall mich heute in Ihre Nähe, und so ist der Zweck meines Aufenthaltes in Frankreich doch nicht vergebens.«
Herr Richard hatte Esther's Erzählung mit einiger Ungeduld angehört; jetzt sagte er kalt: »Darf ich um Ihre Legitimation bitten, mein Fräulein?«
»Mein Paß liegt in Nîmes bei Herrn Martin,« sagte Esther unbefangen, »ich glaubte ihn hier nicht zu brauchen.«
»So?« entgegnete der Kaufmann ironisch. »Ich weiß nicht, mein Fräulein, über was ich mich mehr wundern soll: über Ihre Dreistigkeit, ohne jegliche Vollmacht und Legitimation eine solche Forderung zu stellen, oder über die Naivität, mir jenes Märchen zu erzählen, den Schein betreffend. Haben Sie in der That geglaubt, irgend jemand würde Ihnen ohne Sicherheit und ohne Vollmacht jene Summe auszahlen? Wer bürgt denn dafür, daß Sie das Geld auch den Erben bringen, da diese gar nichts davon wissen, daß der Schein gefunden ist?«
»Mein Herr!« fuhr Esther empört auf, »wie können Sie mich so beleidigen? Ich bin die Tochter eines Predigers und keine Diebin.«
»Wenigstens wären Sie eine sehr ungewitzigte Diebin, mein Fräulein,« sagte Jener trocken. »Denn ohne Vollmacht würde Ihnen schwerlich jemand das Geld geben, ich wenigstens bin kein solcher Thor. Aber da Sie glaubten, das Geld werde Ihnen ausgezahlt werden ohne Vorzeigung des Scheines, so entstand diese Hoffnung vielleicht schon bei Erlangung desselben. Gerade daß Sie der Familie so nahe standen, ermöglichte ja die Erwerbung jenes Papieres. Jene Dame, in deren Gesellschaft ich Sie soeben am Strande sah, ist eine sehr schlechte Empfehlung für Ihre Solidität und Ehrlichkeit, mein Fräulein. Sie selbst habe ich nicht die Ehre zu kennen, ich gestehe Ihnen aber ehrlich, daß ich Ihnen gleich mit Mißtrauen entgegen kam, denn Sie werden das Sprichwort kennen: »Dis-moi que tu hantes, et je te dirai que tu es.«
Esther war außer sich. »Mein Herr!« rief sie, in Thränen ausbrechend, »Sie beschimpfen ein ehrliches, schutzloses Mädchen! Meine Unerfahrenheit hat mich in eine böse Situation gebracht; aber gerade diese sollte Ihnen dafür bürgen, daß ich unschuldig bin. Jene Dame kenne ich kaum und habe keine Ahnung davon, daß sie für ein ehrliches Mädchen keine passende Gesellschaft ist. Uebrigens verlange ich jetzt, daß Sie augenblicklich an Frau von Ihlefeld schreiben und sich nach Esther Wieburgs Ruf erkundigen; ich selbst werde ein Gleiches thun und die Auffindung des Scheines und alles andere berichten. Sie haben die unbescholtene Tochter eines Predigers tödtlich beleidigt; Gott verzeihe es ihnen.« Dann schrieb sie rasch Frau von Ihlefelds Adresse auf einen Zettel und wandte sich stolz nach der Thür; mit einem kalten Gruß ging sie hinaus. Zu Hause angekommen sank sie weinend auf ihre Knie. Lange schluchzte sie krampfhaft und leidenschaftlich; denn der Gedanke, hier als eine Diebin, als eine schamlose Betrügerin behandelt worden zu sein, war ihr entsetzlich. Wenn auch nach kurzer Zeit der Verdacht von ihr genommen wurde, der Schatten hatte doch auf ihr geruht und ihr war, als sei sie nun für ewig gebrandmarkt. »O Bertel, Bertel, deinetwegen habe ich alles das zu ertragen!« rief sie, das Gesicht in den Händen verbergend.
Aber endlich ermannte sie sich und eilte nach ihrem Schreibtische. Sie mußte Herrn Martin brieflich bitten, ihren Paß ihr zu übersenden, den sie bei ihm deponirt hatte, damit sie sich durch diesen legitimiren konnte. Dann aber schrieb sie an Frau von Ihlefeld, dieser ihr ganzes Wünschen und Hoffen darlegend, und wie sie vergebens durch die Auffindung jenes Schuldscheines und die Erwartung, gleich selbst die Geldsumme erheben zu können, zu der Reise nach Frankreich bestimmt worden sei. Dann erzählte sie ihr die Behandlung, welche sie durch Herrn Richard erlitten und bat dringend um jene wichtige Vollmacht, damit sie das Geld erheben könne, und ihre Ehre wieder hergestellt werde. Als sie das Schreiben fortgetragen, fand sie bei ihrer Rückkehr einen Brief in ihrem Zimmer. Er war aus der Heimath. Welch ein herrlicher Trost in aller Trübsal und Kränkung. Voll Freude öffnete sie das Schreiben, es war ein Brief von Bertel und ein kurzer von Frau Booland. Esther las den kurzen Brief zuerst, er lautete:
»Mein liebes theures Kind!
Heute schreibe ich Dir nicht viel, obwohl mir das Herz zum Zerspringen voll ist. Bertels Brief enthält das Weitere. Ich habe es immer gedacht, so werde es einmal kommen; denn Adel bleibt Adel, und Geld hat einen schönen Klang. Bertel ist ein guter Sohn, er will seine Mutter nicht betrüben, indem er ihrem Willen entgegen ist, er ist ja so leicht zu etwas zu bestimmen. Ob er dadurch freilich den Dolch in das Herz stößt, das ihm anhängt mit unerschütterlicher Treue, und dessen dieser Undankbare nie und nimmer würdig war, das kommt nicht in seinen Sinn. Aber genug, mein Herzblatt, ich will meine bittern Thränen still für mich weinen und Dir dein armes Herzchen nicht noch schwerer machen. Nun gehst Du nicht nach England, sondern bleibst bei mir, Deiner ewig und unwandelbar getreusten
Friederike Booland.«
Mit zitternder Hand faltete nun Esther Bertels Brief von einander. Was konnte er enthalten, daß Tante Booland so gegen ihn erzürnte? Die Buchstaben schwammen vor ihren Augen, lange Zeit konnte sie die geliebten Schriftzüge nicht festhalten. Endlich aber las sie, was Bertel schrieb. Nach einigen unwichtigeren Notizen erzählte er ihr, daß er seit einiger Zeit ein häufiger Gast in seinem einstigen Vaterhause in Rahmstedt sei, das jetzt in den Besitz eines entfernten Anverwandten, eines Herrn von Sassen, übergegangen sei. Die Frau sei todt, eine ältliche Cousine vertrete ihre Stelle im Hause. Er sei hier mit großer Freundlichkeit aufgenommen worden, und auch seine Mutter sei, nachdem sie den ersten Schmerz überwunden, in das Haus wieder eingetreten, wo sie so Schreckliches erlebt. Nun verkehrten sie Beide häufig mit diesen Verwandten, welche früher im Auslande lebten, und es habe sich ein sehr inniges Verhältniß zwischen beiden Familien gebildet. Die höchst anmuthige junge Tochter Susanne, das einzige Kind des Onkels, sei ihm wie eine Schwester entgegengekommen, und er sei dem hübschen Kinde herzlich zugethan. Mit Esther freilich dürfe er sie nicht vergleichen, aber wer käme dieser überhaupt gleich? — Seine Mutter habe ihm nun vor einigen Stunden gesagt, daß der Onkel eine Verbindung ihrer beiden Familien sehr wünsche, und Bertel ihm trotz seiner Armuth einst ein willkommner Gatte für sein Kind sein werde. Frau von Ihlefeld habe keinen höhern Wunsch, als daß ihr Sohn zu diesem Plane die Hand reiche, und auch Susanne werde sich sicher damit einverstanden erklären, das dürfe er erwarten; denn sie sei ein gutes, fügsames Kind, das dem Willen des Vaters schwerlich entgegen sein würde. »Der Reichthum des Onkels,« schrieb Bertel weiter, »sichert meiner Mutter eine sorgenfreie Zukunft, und für mich selbst erschließt sich eine neue Welt. Mein einstiges Vaterhaus nimmt mich wieder auf als Sohn und Erben, und der Besitz dieses lieben Mädchens giebt mir zugleich die Mittel in die Hand, die Träume meiner Jugend zu verwirklichen und im Dienste meiner Wissenschaft Reisen zu machen. Ein Archäolog, zu dem ich mich bilden will, ist nichts ohne Reisen, und so verschafft dieser Bund allen Theilen Glück und Vortheil. Aber so sehr ich entschlossen bin, einen so wichtigen Schritt zu thun,« schrieb Hubert weiter, »so muß ich doch wissen, wie Du darüber denkst, meine gute Esther. Schreibe es mir ganz ehrlich; denn einen bessern Freund als Dich habe ich ja nie besessen, und nie im Leben habe ich etwas Wichtiges ohne Deinen Rath und Deine Billigung unternommen. Wohl weiß ich es, meine liebe theure Schwester, mein Glück ist auch immer das Deine gewesen, das hast Du mir bewiesen, seit wir als kleine Kinder schon alles Leid und alle Freuden mit einander getheilt haben. Doch ich möchte ein Wort von Deiner lieben Hand sehen, möchte von Dir selbst hören, daß Du mein Vorhaben billigst, sonst kann ich meines Glückes nicht froh werden. Lange war ich unschlüssig, ob ich mich in dieser Weise binden sollte; aber meine Mutter drängt, und ich sehe ja selbst ein, daß diese Verbindung große Vortheile für uns hat. Aber dennoch — ach Esther, mein lieber, getreuer Kamerad, sage auch Du, daß ich recht thue, daß Du es vernünftig und gut findest, und daß Du auch ferner meine liebe, treue Schwester bleiben willst. Dann erst bin ich ruhig darüber, daß ich dem Drängen meiner Mutter nachgegeben und will das innere Unbehagen überwinden, das mich peinigt, ich weiß selbst nicht, weshalb. Ohne Dich bin ich ja immer nur ein halber Mensch, immer stützest und ergänzest Du mich, Du mein besseres Ich, der Schutzengel meines Lebens!«
Esther saß nach Beendigung dieses Briefes bleich und still auf ihrem Sessel. Die Hände waren in ihren Schoos gesunken und hielten den Brief noch fest, ihre Augen waren geschlossen und die Lippen zitterten leise. Endlich entrang sich ein Ton ihrer Brust, die angstvoll athmete. Es war wie der Schrei eines Versinkenden. Heftig warf sie plötzlich beide Arme empor und sprang vom Sitze auf. Eine furchtbare Angst trieb sie umher, und wie verzweifelt durcheilte sie fort und fort ihr Zimmer, die Hände fest in einander gekrampft und leise stöhnend. Aber keine Thräne kam in die heißen Augen und erleichterte ihrer gepreßten Brust den entsetzlichen Kampf, den sie zu bestehen hatte.
O was ging in diesem jungen Herzen vor, während ihr Fuß angstvoll im Zimmer auf und nieder eilte! Ihr war, als hätte eine grausame Hand mit einem Wurfe plötzlich alles in Trümmer geschlagen, was das Wesen ihres ganzen Lebens ausgemacht hatte; als hätte sie bis jetzt in süßen Träumen gelegen, und nun sei sie mit einemmale geweckt worden zu einem Dasein, so furchtbar, so grauenvoll, daß das Herz ihr davor erbebte. Was war es nur, das man ihr zertrümmert? Was war es, das man ihr so plötzlich entrissen? War es das Herz in ihrer Brust oder ihr Fühlen, ihr Denken? Ein Schmerz durchdrang sie so entsetzlich, wie sie ihn noch nie im Leben empfunden, und doch wußte sie nicht, war es der Körper oder der Geist, der so grausam litt. »O Bertel, Bertel!« rief sie endlich verzweifelt und schlug die Hände vor das Gesicht, und jetzt brach ein Strom Thränen hervor, so leidenschaftlich und überwältigend, als wollte sich ihr ganzer Körper in Thränen auflösen.
Schwach und gebrochen ruhte Esther endlich im Lehnstuhle, und ihre Augen blickten hinauf zum Himmel, von woher Hülfe und Trost allein noch kommen konnte. Ihre Gedanken waren klarer geworden, und jetzt erst wußte sie, was ihr zertrümmert worden. Es war der Traum ihrer Zukunft. Ohne daß sie sich je davon Rechenschaft gegeben, hatte sie ihr Leben mit all' seinem Hoffen und Wünschen, Denken und Fühlen so völlig mit dem ihres geliebten Bertel zusammengeschmolzen, daß es für sie eben eine Unmöglichkeit war, sich ihre Existenz von der ihres Spielgefährten getrennt zu denken. Vom ersten Tage ihres Zusammenseins an hatte sie nur an ihn gedacht und für ihn gelebt und gesorgt, und so war es geblieben bis zu dieser Stunde. Was fragte sie je nach ihrem eigenen Wohlbehagen, ihren eigenen Bedürfnissen, wenn nur Bertel zufrieden war! Wie sie als kleines Mädchen nur um seinetwillen gelernt, nur an den Spielen Freude hatte, die ihm lieb waren, und für alles gesorgt hatte, was er bedurfte, so war es bis heute noch geblieben. Für wen mühte sie sich Tag für Tag mit den Schülern bei Pastor Krause? Für wen hatte sie sich die Schmerzen der Trennung auferlegt und wollte in England Erzieherin werden, und für wen war sie endlich hier nach Frankreich gegangen, hatte alles Ungemach in jener Pension und heute selbst Schmähungen und Verdächtigungen ertragen? Ach für ihn, für ihn allein, der ihr Gedanke war früh und spät, und dem sie den Weg bahnen wollte zu Glück und Ehre und Ruhm. O und welcher Jubel hatte ihr Herz erfüllt beim Auffinden des Scheines! Nun ward er ja wohlhabend und die Sorgen hatten ein Ende, und sie, sie hatte es ihm verschafft! Aber nun war alles aus! Nun bedurfte er ihrer nicht mehr und ihrer Arbeit und Mühe; nun gaben ihm Andere mit vollen Händen, was er brauchte und mehr als er brauchte. Aber nun gehörte er auch diesen Anderen, und sie hatte keine Rechte mehr an ihn. Sie war allein, allein mit ihrem Herzen, das er verschmäht hatte, eine Andere trat nun an diese Stelle!
Weiter konnte Esther mit ihren Gedanken nicht kommen, es kam wieder wie ein Krampf über sie, und leise wimmernd sank sie zusammen. Hätte sie nur wenigstens jemand gehabt, der mit ihr sprechen konnte; aber diese trostlose Einsamkeit, es war zu schrecklich!
Endlich jedoch trat ein Friedensengel zu dem armen, einsamen Kinde. »Und Du wirst ihm doch noch immer lieb und theuer sein, trotz aller neuen Bande! Er wird Deiner bedürfen nach wie vor trotz alles Reichthums und alles Wohlbehagens!« so tönte es in ihrer Brust. »Ich will ihm bleiben, was ich ihm bis jetzt gewesen, seine treue, helfende Freundin, das kann ihm weder Geld noch Gut noch sonst etwas auf der Welt ersetzen. O möchte er nur glücklich werden, möchte diese Susanne ihn lieben! Doch wie sollte sie nicht, wie sollte man Bertel nicht lieben, den schönen, herrlichen Bertel! Aber warum er nur nicht glücklicher schreibt? Ein Unbehagen peinigt ihn und läßt ihn nicht froh werden. Liebt er denn Susanne nicht? Ist es nur der Wunsch seiner Mutter, der ihn bestimmte und die Aussicht auf Reichthum und Wohlbehagen? O, das wäre schrecklich! Daß seine Mutter ihn drängt, ist doch sehr unrecht; aber sie meint freilich, Bertels Glück dadurch zu sichern.
Aber das Geld allein ist's wohl nicht, was Tante Ihlefeld zu dem Wunsche treibt, Bertel soll diese Cousine heirathen! Wie schreibt Tante Booland? Adel bleibt Adel! Tante Ihlefeld hat mich ja immer fühlen lassen, daß ich nicht ihresgleichen bin, ich weiß es recht wohl, wenn ich auch nie darüber sprach. Wußte ich ja doch, daß Bertel nicht so stolz war und seine kleine Esther wirklich wie eine Schwester liebte. Und die will ich ihm bleiben! Ach jetzt erst weiß ich ja, daß ich noch andere Wünsche im Herzen für uns Beide hatte; aber er hat wohl an mich nie anders gedacht, als an eine treue Schwester.
»O mein Gott, mein Gott,« rief Esther flehend und hob die Hände zum Himmel empor, »o gieb mir die Kraft und die Selbstüberwindung, ihm auch ferner diese treue Schwester zu bleiben! Ich muß es — und ich will es!«
Dann setzte sie sich nieder, Bertel einige Zeilen auf seinen Brief zu antworten, wie er gebeten. Es war ein schweres Werk; aber Esther vollendete es mit ihrem starkem Herzen und starken Willen. Sie schrieb Bertel, daß er sie richtig beurtheilt, sein Glück sei auch das Ihre, und Gott möge den Schritt segnen, den er thun wolle, oder nun wohl bereits gethan habe. Sie aber verspreche, ihm und seiner Frau ihr ganzes Lebenlang eine treue Schwester und Freundin zu bleiben.
Weiter schrieb sie nichts, sie konnte es nicht. Und nun war ihr, als habe sie ihr Lebensglück in das Grab gelegt, nun war alles, alles vorüber. Eine Müdigkeit und Gleichgültigkeit kam über sie, wie sie nie im Leben noch erfahren. Was kümmerte sie es jetzt, was aus ihr wurde, wohin sie ging, was die nächste Zeit nun bringen würde? Es war ihr alles gleich. Sollte sie hier bleiben oder nach England gehen oder wo sonst hin. Nur jetzt nicht nach Hause, nur nicht sehen, daß Bertel durch den Besitz dieser Susanne glücklich war und andern angehörte, als ihr. Nach Hause in das stille Waldhäuschen, ohne Arbeit und Zerstreuung, in steter Nähe jener grausamen Frau, die ihr Bertel entrissen, durch deren Willen er zu diesem Schritte gedrängt worden — nein, das war unmöglich! Tante Booland mußte dies einsehen trotz aller ihrer sehnsüchtigen Liebe. Nein, lieber fort unter fremde Menschen, wo sie arbeiten und ihre Gedanken ableiten konnte! — Hier wollte sie nur noch so lange bleiben, bis die Vollmacht ankam. Dann wollte sie Herrn Richard bitten, das Geld an Frau von Ihlefeld zu senden, sie selbst aber wollte sich direct nach England in die Familie begeben, welche sie mit Ungeduld erwartete.
Es waren traurige Tage für die arme Esther, die bis zur Ankunft dieses Briefes vergehen mußten. Sie blieb fast immer zu Hause; denn am Strande fürchtete sie entweder Herrn Richard zu begegnen, oder jener Dame, welche ihr so unsäglich geschadet hatte. Esther begriff nun wohl, hätte Herr Richard sie nicht mit dieser Begleiterin gesehen, so wäre er ihr nicht gleich so mißtrauisch entgegen getreten, sondern würde sie höchstens für ein sehr unerfahrenes Mädchen gehalten haben, aber nicht für eine mögliche Diebin und Betrügerin.
Während für Esther die Tage trübe und langsam dahin schlichen, verlassen wir sie für einige Zeit und kehren zurück nach dem kleinen Waldhause zu Rahmstedt.
Kurze Zeit nach Absendung jenes Briefes von Esther war Bertel der Verlobte von Susanne von Sassen. Die Verlobung sollte jetzt noch ein Geheimniß bleiben, bis Bertel promovirt hatte. Susanne war fast noch ein Kind und auch Bertel noch zu jung für eine Heirath; so traf alles passend zusammen. Bertel ward aber auch jetzt schon als Sohn des Hauses aufgenommen, und das jugendliche Brautpaar lernte sich jetzt im täglichen Beisammensein erst näher kennen. Susanne war eine bildhübsche, kleine Blondine, gut und weichherzig und von fröhlichem Gemüth; aber weder besonders klug noch auch sehr gebildet. Ein hübsches Kleid war ihr tausendmal lieber als ein gutes Buch, und Vergnügen und Tanz ging ihr über alles. Sie hatte ihre sechzehn Lebensjahre in süßem Nichtsthun und steter Fröhlichkeit vertändelt, unter Spielen und Tanzen, Lachen und Schwatzen. Verwöhnt als einziges Kind reicher Eltern kannte sie keinen andern Willen, als den ihren, und kein Wunsch blieb ihr versagt. Daß man auch für Andere leben, sich auch nützlich machen konnte in der Welt, das war ihr ebenso fremd, wie alles, was Ernst oder Arbeit hieß. Aber bei alledem war sie ein gutes, fügsames Kind, und als der Vater ihr sagte, er wünsche, daß sie den hübschen, liebenswürdigen Hubert von Ihlefeld heirathen solle, da war sie nicht unzufrieden damit, obwohl sie eigentlich vor dem klugen, gelehrten jungen Vetter, von dem alle Welt mit so großer Bewunderung sprach, etwas Furcht hatte. Er war oft gar so ernsthaft, und an Tanzen und hübschen Kleidern fand er gar kein Vergnügen. Er sah es gar nicht einmal, wenn sie ein schönes neues Kleid ihm zu Ehren angezogen hatte und unterhielt sich eigentlich immer viel mehr mit ihrem Vater über so schrecklich ernsthafte Sachen, statt daß er mit ihr schwatzte und lachte. Aber er war so ein bildhübscher Junge, und es war eine so große Ehre, mit einem so gelehrten Manne verlobt zu sein; vielleicht lernte er bei ihr noch Lachen und Tanzen und Freude an all' dem, was sie liebte. Nun war sie eine Braut, das klang doch zu hübsch! Wenn sie es nur erst öffentlich wäre! Wie würden ihre Freundinnen sie beneiden! —
Und so tanzte und lachte und spielte sie um Bertel her, wenn dieser bei ihr war und trieb tausend Tollheiten, sobald er versuchte, ein ernstes Wort mit ihr zu sprechen.
Bis dahin hatte Bertel nur das reizende Kind in ihr gesehen, jetzt erst bemerkte er, wie oberflächlich und unbedeutend sie war. Das Bild Esthers trat unwillkürlich daneben, und Bertel, der wenig Mädchen kennen gelernt, hatte geglaubt, alle müßten so viel wissen und so klug und strebsam sein, als sie. Ein Unbehagen, wie er es neben Esther nie empfunden, kam über ihn, wenn er längere Zeit mit Susanne verkehrte, und obwohl er alles auf die große Jugend seiner Braut schob und von der Zukunft erwartete, daß sie ernster und gediegener werden möchte, so konnte er doch nicht recht froh neben ihr werden. Oft schon hatte er ihr von Esther erzählt, und jetzt that er es noch häufiger in der Hoffnung, Susanne solle fühlen, wie sehr er wünsche, sie möge Esther ähnlich werden. Aber der lustigen Susanne lag nichts ferner, als solcher Wunsch. Sie staunte Esthers Vortrefflichkeiten und Wissen an wie etwas höchst Sonderbares und Merkwürdiges, der Wunsch aber, selbst so zu sein, kam ihr nie, im Gegentheil, ihr graute bei dem Gedanken, so viel lernen und arbeiten zu müssen und so ernsthaft und fleißig zu sein.
Hätte Bertel sich aus Liebe mit ihr verlobt, so würde er Susanne's Fehler kaum bemerkt haben; denn Liebe umgiebt alles mit einem sonnigen Glanze, und selbst kleine Fehler erscheinen an einem geliebten Wesen als etwas Anziehendes. Jetzt aber, ohne eine so innige Neigung traten ihm Susannes Mängel mit jedem Tage unangenehmer entgegen; die Folge davon aber war, daß auch er seiner leichtherzigen jungen Braut weniger gefiel, die immer daran gewöhnt war, daß alles ihr huldigte und schmeichelte. Daß aber ihr Bräutigam dies nicht nur unterließ, sondern sie sogar zuweilen tadelte, das war dem verwöhnten Kinde höchst empfindlich. Schon in den ersten Tagen ihres Brautstandes schmollte ihr hübscher kleiner Mund mehrfach, und warf sie das blonde Köpfchen ärgerlich in den Nacken. Ein solch' kindisches Benehmen war Bertel aber etwas ganz Fremdes und mißfiel ihm in hohem Grade; Esther war ja nie launisch gewesen.
So waren die ersten Tage von Bertels Brautstand vergangen. Seine Mutter überhäufte ihn mit Liebkosungen und Zärtlichkeit, denn sie war ihm innig dankbar, daß er sich ihrem Willen so bald gefügt trotz seines ersten Widerstrebens. Aber Frau Booland, die alte treue Freundin aus Bertels Kinderjahren, sie hatte jetzt kein gutes Wort und keinen freundlichen Blick mehr für ihren einstigen Liebling. Finster schaute sie drein, wenn Bertel bei ihr eintrat, wie er gewöhnt war, und bei all' seinen Schmeichelworten und Erzählungen blieb ihr sonst so gesprächiger Mund fest verschlossen.
»Tante Booland, du bist mir sehr böse, sage es nur,« rief Bertel endlich, nachdem er mehrmals vergebens versucht, ihr einen freundlichen Blick abzuschmeicheln. »Gönnst du deinem armen Bertel wirklich gar kein Wort mehr?«
»Wer mir keins gönnt verdient es nicht besser!« entgegnete Frau Booland kurz. »Die Zeiten sind vorbei, wo man Tante Booland noch um Rath fragte. Jetzt ist sie für gewisse Leute gar nicht mehr in der Welt. O Undank, Undank!« Dann aber seufzte sie tief auf und schwieg beharrlich, und Bertel versuchte umsonst, seine alte Freundin milder zu stimmen, es ging nicht. Aber ihre rothgeweinten Augen gaben ihm viel zu denken und vermehrten das Unbehagen, das auf seinem Gemüthe lastete.
Da kam Esthers Brief an mit der Erzählung dessen, was sie nach Frankreich getrieben und was sie um dieses Schuldscheines willen hatte ertragen müssen. Auch Herrn Richards Brief mit der Anfrage, welche Bewandniß es mit Esthers Erzählung habe, folgte gleich darauf. Welch' eine Nachricht war das!
Frau von Ihlefeld überreichte Bertel Esthers Brief mit zitternder Hand, als dieser in das Zimmer trat. Die Thränen perlten über ihr bleiches Gesicht, und mit leiser Stimme sagte sie nichts als: »Lies, Bertel!« Dieser blickte seine Mutter überrascht an und durchflog Esthers Zeilen. Dann sank er auf einen Stuhl und bedeckte schweigend sein Gesicht mit den Händen. Auch Frau von Ihlefeld schwieg, aber sie weinte leise in ihr Tuch. Endlich stand sie auf, trat zu ihrem Sohne heran und legte ihre Arme um seinen Hals.
»Mein lieber, lieber Sohn!« sagte sie weich und küßte seine Stirn, auf der dicke Schweistropfen standen. Bertel aber erwiederte ihre Zärtlichkeit nicht, sondern ließ die Hände schlaff herabsinken und schaute düster vor sich nieder. »Rede doch, Bertel, sprich mit mir!« flehte die Mutter, aber Bertel hörte sie kaum. Es arbeitete furchtbar in seiner Brust; endlich stand er rasch auf und eilte zur Thüre. »Wo willst du hin, Bertel?« rief Frau von Ihlefeld angstvoll.
»Laß mich, Mutter, ich muß allein sein!« stöhnte er leise und schob die Mutter zur Seite. Dann stürzte er zum Zimmer hinaus.
Frau von Ihlefeld blickte ihm bestürzt nach, wie er schnellen Schrittes in den Wald hinein eilte. Dann aber nahm sie Esthers Brief und den des Herrn Richard und ging zu Frau Booland hinab. Diese staunte nicht wenig über den seltenen Besuch; denn seitdem Bertel mit Susanne verlobt war, hatte sich Frau von Ihlefeld mehr von ihr zurückgezogen und wieder ihren ehemaligen hochmüthigen Ton gegen sie angeschlagen. Und nun kam sie sogar zu ihr herab und hatte Thränen im Auge. Als dann aber Frau Booland Esthers Brief gelesen, da brachen die Wellen der Erregung über der alten treuen Pflegerin zusammen, und sie zitterte und flog wie ein Blatt im Winde, während sie weinend und schluchzend in ihren Stuhl zurücksank.
»O das Kind, das Kind!« stöhnte sie immerfort schluchzend, weiter aber konnte sie nichts hervor bringen. Frau von Ihlefeld versuchte, mit der erschütterten alten Frau zu reden; denn ihr Herz war ihr zum Zerspringen voll. Aber Frau Booland schwieg bei allen ihren Reden und schien sie kaum zu hören, und so verließ Jene nach einiger Zeit das Zimmer, müde der vergeblichen Versuche. »Sie wird wahrlich stumpf und alt,« murmelte Frau von Ihlefeld verdrießlich, »zu reden ist gar nicht mehr mit der armen Person.«
Frau Booland saß noch eine lange Weile still und in sich versunken am Fenster und schaute in das flammende Abendroth, das den Himmel in seltener Pracht überzog. Ihr Zimmerchen lag nach dem Walde hinaus, und die verschwindende Sonnengluth tauchte die Wipfel der Bäume in wundervolle Farbentöne. Die Abendluft zog weich und würzig zum Fenster herein und spielte um die faltige Stirn der Matrone, welche das weiße Haar mild und freundlich umrahmte. Ihr Auge schweifte wehmüthig in die Ferne, als wollte es den Raum durchdringen, der sie von ihrem lieben Kinde trennte. Banger und banger legte die Sehnsucht sich um ihr altes Herz, und endlich konnte sie es im Zimmer nicht länger aushalten. Dort drüben im Walde stand eine kleine Bank, da hatte sie so oft mit ihrer Esther gesessen, da zog es sie hin, als könnte sie ihren Liebling dort wieder finden, wie früher.
Als Frau Booland langsamen Schrittes in die Nähe dieser Lieblingsbank kam, sah sie, daß schon jemand dort saß. Ihre alten Augen konnten aus der Ferne nicht erkennen, wer es war, und so trat sie unbemerkt näher heran. Es war Bertel. Er hatte den Kopf in beide Hände gestützt und das Gesicht verhüllt und schien so in sich versunken, daß er die Herantretende nicht bemerkte, selbst als sie dicht vor ihm stand.
»Bertel, du bist's?« rief Frau Booland verwundert, und erschrocken fuhr der junge Mann bei dieser Anrede empor. Nun sah die alte Frau, daß Bertels Gesicht ganz verstört war und von Thränen überfluthet. Kaum erkannte er die vor ihm Stehende, als er laut weinend an ihre Brust sank.
»O Tante Booland, was hab' ich gethan!« rief er ganz außer sich und schluchzte wie ein Kind. Die große, stattliche Alte schlang ihre Arme fest und zärtlich um die schlanke Gestalt, als sei es wieder der kleine Bertel, den sie in früheren Jahren so oft beruhigt und getröstet, wenn ein kindliches Leid ihn zu ihr geführt. Liebevoll strich sie wie ehemals über sein weiches, blondes Haar und gab ihm sanfte Schmeichelworte, um ihn zu beruhigen. Bertel ließ sich alles gefallen; es war ihm ein Trost, sich an dieser treuen Brust ausweinen zu können. Frau Booland setzte sich endlich auf die Bank, und Bertel ließ sich neben ihr nieder, den Kopf immer noch an ihre breite Schulter lehnend, denn ihm war so wohl im Schutze dieser alten treuen Freundin. Die Alte sah bewegt in ihres Lieblings schönes Gesicht, und indem sie ihm die prachtvollen Haarlocken von der Stirn strich, die in wilder Unordnung darüber gefallen waren, sagte sie mild: »Nun, mein armer Junge, was quält dich denn so? Sprich dich doch aus, du weißt, ich meinte es immer gut mit dir.«
»Ja, ich weiß es!« rief Bertel und küßte die breite, derbe Hand, die so zärtlich um ihn bemüht war. »O Tante Booland, aber auch du kannst mir nicht mehr helfen, es ist ja zu spät. O mein Gott, mein Gott, welch' ein Thor bin ich gewesen, welch' ein verblendeter Narr!« Und in wildem Grimm ballte er die Hände und schlug sich damit vor die Stirn. Frau Booland schüttelte den Kopf, und die Hände ihm vom Gesicht herab ziehend sagte sie ernst: »Mit Klagen und Jammern hat noch nie jemand einen Grashalm bewegt, laß das jetzt, Bertel. Was bereust du denn und was erkennst du jetzt erst?«
»Was ich erkenne?« rief Bertel heftig, »daß ich nicht werth bin, Esther die Füße zu küssen! O was hat sie gethan, was ertragen für mich und um meinetwillen! O Tante Booland, sage mir nur das Eine, nicht wahr, Esther liebt mich?«
»Esther hat dich geliebt, seit ihr zusammen als kleine Kinder gespielt habt,« entgegnete Frau Booland und eine Thräne rollte über ihre gefurchte Wange.
»O das meine ich nicht, Tante,« rief Bertel, »nicht wie eine Schwester und nicht als mein lieber bester Kamerad, wie ich sie immer nannte. Ich meine, glaubst du, daß sie mich noch lieber hat, — o so lieb, wie ich sie habe? So unsäglich, so unaussprechlich lieb, daß ich für sie sterben könnte, wenn ich wüßte, sie würde glücklich dadurch!«
»Wie Bertel? Du liebst Esther, und doch willst du eine Andere heirathen?« sagte Frau Booland tief verletzt und blickte voll Erstaunen in Bertels erregtes Gesicht.
»O das ist ja eben das Entsetzliche!« rief Bertel in Verzweiflung und verhüllte wieder sein Gesicht. »Kannst du es denn glauben, daß mir soeben erst die Binde von den Augen gefallen ist? Daß es soeben erst, als ich Esthers Brief an meine Mutter gelesen, wie ein Blitz durch meine Seele ging und mir die Tiefen meines eigenen Herzens enthüllte? O niemand, niemand wohnt ja in diesem Herzen, als meine Esther, dies theure, geliebte Mädchen, die all' ihr Glück und all' ihre Ruhe hingegeben seit ich denken kann, nur damit ich glücklich sein konnte. O das muß ja Liebe sein, ja sie muß mich lieben! Und ich Thor habe diese Liebe hingenommen wie etwas, das sich von selbst versteht, o und jetzt, jetzt — habe ich ihre Liebe verrathen!«
Frau Booland saß schweigend neben dem unglücklichen Jüngling; denn auch sie wußte ja nicht zu rathen und zu helfen!
»Meine Mutter hat die Schuld!« sprach Bertel weiter. »Sie hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich auf ihren Plan einging, und jetzt weiß ich erst, was es war, das mich zurückhielt und mir immer zurief: »Thu' es nicht, thu' es nicht!« Aber wenn eine Mutter bittet und fleht, dann giebt der Sohn doch endlich nach, ich wenigstens konnte nicht anders! Und ich deckte ja mir den Abgrund selbst zu mit so herrlichen Blumen, sagte mir immer wieder, welche Vortheile aus dieser Heirath entstehen würden, so daß ich wirklich zuletzt selbst daran glaubte. Aber jetzt ist mir die Binde von den Augen gerissen, und ich sehe erst ganz, was ich gethan! Mich selbst habe ich unglücklich gemacht, o und was noch viel tausend Mal schlimmer ist, auch Esther! Das ist der Dank für alle ihre Liebe, alle ihre jahrelangen Opfer! Und für wen opferte ich dieses herrliche Mädchen? Für eine leichtfertige, eitle Puppe, die mich ewig unglücklich machen wird und ich sie; denn wir werden nie zu einander passen, o nie, nie!«
»Aber mein Gott, Bertel, so sprichst du von deiner schönen Braut!« rief Frau Booland in höchstem Erstaunen.
»Ja, es ist nicht anders, ich sehe es mit jeder Stunde deutlicher, es war ein entsetzlicher Irrthum, mich mit ihr zu verloben!« sagte Bertel vor sich hin brütend. »Aber es ist einmal geschehen; meine Ehre verlangt, daß ich das Wort einlöse, das ich gegeben, denn ich gab es freiwillig. O es ist entsetzlich!«
Wieder brach Bertel unter der Last seines Jammers zusammen, und Frau Booland stützte sinnend den Kopf auf ihre Hand; ihre Lippen schlossen sich immer fester und energischer auf einander, und ihre Augen wurden immer lebendiger. »Bertel,« sagte sie endlich und legte ihre Hand auf des jungen Mannes Schulter, »höre mich einmal an. Ich bin eine alte Frau und habe auf der ganzen Welt kein anderes Glück, als das meiner Esther und auch deines, mein lieber Sohn. Was es mir für ein Kummer gewesen ist, als ich sah, wie man dich zu diesem Bunde zu bestimmen suchte, das hat der liebe Gott allein erfahren. Wußte ich ja doch, daß meiner Esther Glück und Leben damit zu Grunde ging. Denn Bertel, das sage ich dir jetzt: du magst Esther sehr lieb haben; aber was Esther für dich fühlt, davon hast du doch keine Idee. Die Liebe zu dir ist der Lebensodem des Kindes; nimm ihr diese, und du nimmst ihr auch das Leben, oder wenigstens das beste Theil davon; denn der schale Rest, der dann noch übrig bleibt, ist meine herrliche Esther nicht mehr. Aber auch dein Unglück geht mir nahe, mein armer Junge. Freilich hast du dein Wort gegeben, das ist richtig, und ehrenvoll wäre es nicht, nun zurückzutreten, gerade jetzt, wo du selbst Geld hast und das Ihre nicht mehr brauchst. Aber daß darum drei junge Herzen unglücklich werden sollen, — denn die arme kleine Susanne thut mir auch leid, sie ist ein gutes kleines Herze, für dich aber scheint sie freilich keine Frau zu sein, — ja, warum ihr alle zusammen unglücklich werden sollt, das sehe ich denn doch auch nicht ein. »Bist du es zufrieden, Bertel, wenn ich für dich eintrete, und die Sache in die Hand nehme? Ein leichtes Werk wird es wohl nicht sein, das sage ich mir; aber was wäre mir für meine Esther zu schwer? Und im schlimmsten Falle, wenn meine Versuche mißglücken, kräht kein Hahn darum, daß die alte Frau sich blamirt hat mit ihren Vorschlägen. Nun also, Bertel, sage, ist dir's recht, soll ich mein Heil versuchen?«
»Was willst du denn thun, Tante Booland?« sagte Bertel zerstreut und theilnahmlos.
»Das laß mein Geheimniß sein!« entgegnete die Alte aufstehend. »Wenn mein Plan gelingt, wirst du schon zufrieden sein, gelingt er nicht — nun dann ist's überhaupt einerlei. Aber deine Zustimmung muß ich haben, sonst kann ich nicht handeln. Willst du sie mir geben?«
»Meinetwegen alles, was du willst, Tante,« sagte der junge Mann trübe, »Hoffnung habe ich für mich keine mehr auf der Welt. Ich habe mein Glück mit eigenen Füßen zertreten, nun muß ich die Folgen tragen. O wenn nur sie nicht auch dadurch leiden müßte; das ist der Fluch, der mich zu Boden drückt!«
»Nur Muth und Gottvertrauen, mein Junge! Es wird vielleicht noch alles gut,« tröstete Frau Booland, noch einmal liebevoll über Bertels Backen streichend. Dann ging sie nach dem Hause zurück, setzte sich ihre Sonntagshaube auf und nahm ihr bestes Umschlagetuch um die Schultern. Mit ihren großen, festen Schritten durcheilte die rüstige Alte alsdann die Dorfstraße, und nach einiger Zeit betrat sie den Gutshof.
Die Sonne war bereits untergegangen, und matte Dämmerung lag auf Haus und Garten, als Frau Booland die breite Terrasse überschritt und den herbeieilenden Diener fragte, ob sie das gnädige Fräulein sprechen könne. Fräulein Susanne war im Garten, die übrige Herrschaft jedoch ausgefahren. Frau Booland sagte, sie wolle das Fräulein selbst aufsuchen, und so durchwanderte sie den schon leise dunkelnden Park, bis sie endlich Susannes helles Kleid erblickte, das rasch hier und dort zwischen dem Gebüsch auftauchte. Fröhliches Gelächter und Gekreisch drang bis zu Frau Booland, welche lauschend näher trat.
Nun sah sie, wie sich die leichte Gestalt Susannes soeben auf einem niedern Baumstamme schaukelte, während über ihr auf einem Zweige ein bunter Papagei saß und heftig kreischend mit den Flügeln schlug. Mit dem Schnabel hackte er wüthend in die Schnur, die um seinen Fuß geschlungen war und welche Susanne in ihrer Hand hielt. Das Geschrei und der Aerger des Vogels schienen des jungen Mädchens Heiterkeit immer mehr zu erregen, und sie rief lustig, indem sie die Schnur bald fester, bald loser hielt: »Peterchen, Papchen, kleiner Trotzkopf, ärgere dich doch nicht so, los lasse ich dich doch nicht. Mußt auch fühlen, wie's thut, einen Faden um's Bein zu haben, an dem immerfort gezogen und gezerrt wird; 's ist abscheulich, nicht wahr, Papchen? O ganz abscheulich!« Und wieder zerrte sie und lachte und schwang sich auf dem Aste hin und her, während der Papagei aus Leibeskräften schrie und flatterte.
Frau Booland sah dem kindischen Treiben still eine Weile zu und hatte dabei ihre Gedanken. »So, die Schnur drückt dich also ganz abscheulich, mein Püppchen?« sagte sie leise und runzelte die Stirn. »Denkst wohl, ich weiß nicht, welche Fessel du meinst? Und das ist ein Gegenstand zu Possen und Vergnügen? Armer Bertel, gut, daß du es nicht siehst! Nein, nein, das ist nichts für meinen ernsten, lieben Jungen; dies Kind paßt für ihn sicherlich nicht, das glaube ich gern.«
Dann aber schlug sie das Gebüsch zurück und trat auf Susanne zu. »Guten Abend, Fräulein Susanne!« sagte sie mit einem höflichen Knix und ging noch näher auf das junge Mädchen zu. Diese sprang rasch von ihrem schwankenden Sitze herab und riß dabei auch den Papagei von seinem Zweige nieder, der nun kreischend auf ihre Schulter flog und sich dort lebhaft hin und her schaukelte. Susanne lachte laut auf, und indem sie Frau Booland die Hand zum Gruß reichte, rief sie fröhlich: »Gut, daß jemand kommt, mich besser zu unterhalten, als mein dummer Peter. Er will absolut nicht sprechen lernen, ich mag mich noch so viel mit ihm quälen. Er ist gerade so dumm als ich, ich spiele auch lieber, als daß ich lerne.«
»Fräulein Susanne,« sagte Frau Booland jetzt höflich, »hätten Sie wohl ein halbes Stündchen Zeit für mich übrig? Ich möchte gern etwas mit Ihnen sprechen.«
»Ach mein Gott, doch nichts Ernsthaftes?« rief Susanne in komischem Schrecken. »Sie machen ein so feierliches Gesicht, liebe gute Tante Booland, Bertel schickt Sie doch nicht etwa, um mich auszuschelten? Ach lieber Gott, ich bin den ganzen Tag in Angst, daß ich wieder etwas Dummes oder Kindisches gemacht habe. Bertel ist so furchtbar streng, gerade wie unser alter Schulmeister drüben in der Dorfschule, vor dem die Kinder auch solche Furcht haben. Liebe, einzige Tante Booland, sagen Sie doch nur, wollen Sie mich wirklich schelten?«
»Nein, nein, Fräulein Susanne,« lächelte die Alte, »das fällt mir nicht ein. Setzen Sie Ihren Papagei dort auf den Baum, daß er uns nicht mit seinem Geschrei stört, und dann kommen Sie ein Bischen drüben in die Laube; ich habe eine Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, das freut Sie ja immer so, nicht wahr, Kindchen?«
»Ach ja, ja, das ist reizend von Ihnen, Tante Booland!« rief das junge Mädchen und hob den Papagei auf den nächsten Baum, wo sie ihn mit der Schnur festband, indem sie noch mehrmals kosend mit der Hand über seinen Kopf und Rücken fuhr. »So Papchen, nun langweile dich nicht zu sehr,« sagte sie dann fortgehend und nickte dem Vogel noch einmal freundlich zu, dann hing sie sich an Frau Boolands Arm und folgte dieser in die nahestehende Laube. Hier war es schon ziemlich dunkel; aber da plaudert es sich am Besten, sagte Susanne und rückte dicht an die Alte heran, für welche sie eine ganz besondere Zuneigung gefaßt hatte. Frau Booland war jederzeit freundlich, gefällig und nachsichtig gegen das harmlose Kind gewesen und wußte ihr immer allerlei Neues oder auch Altes zu erzählen, was der heiteren Susanne Spaß machte. Heut nun war es freilich keine fröhliche Erzählung, welche die Alte für Susanne bereit hielt. Aber doch hörte diese still zu, ganz gegen ihre Gewohnheit, obwohl Frau Booland lange und ernst sprach, und endlich klang es sogar, wie leises Weinen aus dem Innern der Laube. Aber die Dunkelheit verhinderte zu erkennen, aus wessen Augen die Thränen flossen. Nach langer Zeit traten die beiden Gestalten in den dunkeln Laubgang heraus, die Hände fest in einander geschlungen. Die Alte küßte dann rasch die schöne weiße Stirn des jungen Mädchens und eilte davon, Susanne aber ging zu ihrem Vogel und nahm ohne ihr gewöhnliches Scherzen und Lachen den schreienden Papagei auf die Hand. »Wir wollen die Fessel lösen, nicht wahr, mein Papchen?« sagte sie unterwegs zu dem Vogel, indem sie die Schnur von seinem Fuße knüpfte und ihn streichelte. Still kehrte sie dann in das Haus zurück. Hier setzte sie sich sogleich an ihren Schreibtisch, ergriff Feder und Papier und schrieb folgenden Brief:
»Liebe Esther!
Sie müssen mir schon erlauben, daß ich Sie so nenne, wie wir Alle es hier thun, obwohl Sie uns nicht kennen. Wir aber kennen Sie sehr gut, und besonders ich habe mir so viel von Ihnen erzählen lassen, daß mir ist, als sähe ich Sie vor mir. Daß ich jedoch einen Brief an Sie schreibe, liebe Esther, hat heute einen ganz besonderen Grund; eigentlich bin ich ein sehr faules Mädchen, dem Briefeschreiben eine große Last ist. Ich habe nämlich eine sehr, sehr große Bitte an Sie. Liebe, gute Esther, aber Sie müssen mir nicht böse sein — bitte, bitte, heirathen Sie doch Bertel an meiner Stelle! — Wissen Sie, liebe Esther, ich bin ein gar zu dummes, kindisches, kleines Mädchen, über das sich der kluge Bertel seit den wenigen Tagen unserer geheimen Verlobung schon so sehr viel geärgert hat, und ich kann doch wirklich nichts dafür. Wir hätten uns lieber gar nicht mit einander verloben sollen; denn wenn ich Ihnen ganz heimlich etwas sagen darf, (aber verrathen Sie es nicht!) ich fürchte mich vor dem gelehrten, ernsthaften Bertel! Und das ist doch gar nicht hübsch; denn ich traue mich gar nicht mehr zu lachen und vergnügt zu sein, weil Bertel dann immer schilt. Er ist der einzige Mensch, dem ich nicht gefalle, und das ist doch zu ärgerlich für mich! Ich weiß gar nicht, warum Papa es so gern wollte, daß ich Bertels Braut werden sollte, für einen gelehrten Mann passe ich doch gar nicht. Mir gefällt ein hübscher Officier viel tausendmal besser, und der junge Graf Redern, der immer so liebenswürdig zu mir ist und so fröhlich mit mir lacht, sieht viel prächtiger aus in seiner glänzenden Uniform und dem schwarzen Schnurrbart, als Bertel in seinem dunklen Röckchen, obwohl Bertel zehn Mal schöner ist als er. Sehen Sie, liebe, gute Esther, Sie sind so furchtbar klug und gelehrt, Sie gefallen Bertel hundert tausend Mal besser, als ich kleines Gänschen, und Sie haben ihn ja auch so sehr lieb, sonst hätten Sie gewiß nicht alles das für ihn gethan und ertragen, was Tante Booland mir erzählt hat. Ich weiß, Bertel möchte mich jetzt so gern wieder los sein, und mir wäre es auch viel lieber, er heirathete eine Andere, als mich. Ich werde ihm das sagen, sobald er zu mir kommt, und dann müßt Ihr Beide ein Paar werden. O wie ich mich darauf freue! Und nicht wahr, liebe Esther, wir werden dann recht gute Freunde? Denn wenn ich Sie nicht jetzt schon so lieb hätte, gönnte ich Ihnen meinen lieben, schönen, klugen Bertel doch nicht! Kommen Sie recht recht bald zu uns Allen, es erwartet Sie mit offenen Armen
Ihre Susanne.
P. S. Ich habe gehört, daß Sie tief brünett sind, das paßt herrlich zu dem blonden Bertel! Ich meine, ein blonder Mann muß immer eine brünette Frau haben und umgekehrt. Ich bin ein Blondkopf, also? — —«
Nun siegelte das junge Mädchen den Brief rasch, schrieb die Adresse darauf und steckte ihn in die Postmappe, welche jeden Abend nach der nächsten Poststation getragen wurde. Als sie dies Geschäft beendet, seufzte sie tief auf, strich sich die blonden Löckchen aus der Stirn, die bei der ungewohnten Anstrengung herabgefallen waren, und sah in den Mond, der eben über den Bäumen des Parkes heraufstieg. Aber ihre Gedanken wurden schnell durch das Rollen eines Wagens abgezogen. Herr von Sassen und seine Cousine kehrten zurück. Susanne lauschte, bis ihr Vater in seinem Zimmer war, dann trippelte sie eilig zu ihm. Als sie bei ihm eintrat, nahm sie eine sehr ernsthafte Miene an, und indem sie ihre zierliche kleine Figur so hoch aufrichtete, als ihr überhaupt möglich war, stellte sie sich vor ihren Vater.
»Papa, ich habe etwas sehr Ernsthaftes mit dir zu sprechen!« sagte sie feierlich und zog das weiche Kindergesichtchen in ernste Falten.
»Wie? Etwas Ernsthaftes, meine lustige, kleine Lachtaube?« sagte Herr von Sassen fröhlich. »Da bin ich aber wirklich neugierig zu hören, was das sein mag.« Dabei nahm er den Lockenkopf seines hübschen Töchterchens zwischen beide Hände und sah ihr lustig in die braunen Rehaugen. Susanne entzog sich aber den Liebkosungen des Vaters und sagte schmollend: »Papa, du denkst immer, ich kann niemals ernsthaft sein. Aber ich bin wirklich kein kleines Kind mehr, und damit du siehst, ich kann auch einmal etwas ganz Ernsthaftes denken, so will ich dir nur sagen, daß ich mir überlegt habe, ich will Bertel lieber nicht heirathen.«
Herr von Sassen fuhr überrascht auf. »Und das nennst du ernsthaft sprechen, kleine Suse?« lachte er, blickte dabei aber sein Töchterchen doch etwas schärfer an; denn sie sah allerdings nicht aus, als scherze sie. Sie stand mit gesenkten Augen vor ihm, und als sie dieselben aufschlug, waren sie voll Thränen.
»Suschen, mein Herzenskind, was ist denn vorgefallen?« rief Herr von Sassen erschrocken; denn Thränen in des fröhlichen Kindes Augen, das war etwas ganz Unerhörtes. Susanne fiel dem Vater plötzlich um den Hals, und ihr blondes Köpfchen in den dunklen Vollbart desselben schmiegend schluchzte sie bitterlich.
»O Papa, Papa!« rief sie endlich flehend, »erlaube doch nur, daß ich Bertel nicht heirathe! Wir Beiden passen wirklich nicht zusammen. Wenn du deine kleine Susanne lieb hast, Papa, zwinge mich nicht, und sei mein guter, lieber kleiner Papa, der du immer gewesen bist!«
Und nun schlang sie ihre vollen weichen Arme von Neuem zärtlich um seinen Hals und küßte seinen Mund und seine Augen so stürmisch, daß er gar nicht im Stande war, sogleich zu antworten. Endlich aber machte er sich frei und blickte sein Kind kopfschüttelnd an.
»Ich begreife dich nicht, Susanne,« sagte er ernst. »Den braven, schönen Bertel, auf den jedes Mädchen stolz sein würde, willst du nicht haben? Ich denke, du bist die glücklichste Braut unter der Sonne? Aus euch Mädchen werde ein Anderer klug! Und das jetzt so wie aus der Pistole geschossen? Weiß denn Bertel, daß du andern Sinnes geworden bist? Wie kränkend ist das für ihn. Und ich freute mich so, einen so ausgezeichneten Schwiegersohn zu bekommen. Ich begreife dich wirklich nicht, Susanne.«
Das junge Mädchen zog den Vater zum Sopha, und sich dicht an ihn schmiegend sagte sie leise: »Papa, komm, ich will dir alles erzählen!« Und dann legte sie ihren Kopf an seine Schulter, nahm seine große Hand zärtlich zwischen ihre kleinen, feinen Fingerchen und erzählte ihm die Geschichte, die sie soeben in der dunklen Laube im Garten gehört hatte.
Als sie zu Ende war, saß Herr von Sassen noch eine lange Weile schweigend neben seiner Tochter. Endlich küßte er ihre Stirn und sagte sanft: »Und du, kleine Susanne, an dich selbst denkst du gar nicht dabei?«
»O Papa,« rief das junge Mädchen lebhaft, »an mich denke ich wohl. Soll ich es dir gestehen? Mir ist zu Muthe, wie meinem Papagei vorhin. Nachdem ich die Schnur abgelöst, die ich um sein Bein gebunden, um ihn fest zu halten, schlug er fröhlich mit den Flügeln und war so vergnügt, wieder frei zu sein. Mich hat meine Fessel schon in den paar Tagen so gedrückt, daß ich gar nicht mehr recht lustig sein konnte. Bertel ist so schön und gut, das ist wahr; aber er ist dabei so furchtbar klug und gelehrt — und das Papa, das paßt nicht für mich, und ich passe nicht für ihn. Es ist mir ein wahrer Trost, daß ich es jetzt weiß, er wird froh sein, wenn ich ihm sein Wort zurückgebe. Nun kann ich doch auch wieder lachen und jubeln wie früher, ich glaube, bei Bertel hätte ich das ganz und gar verlernt.«
»Wenn es so steht, mein Kind, und nicht der Edelmuth allein dich bestimmt, so ist es freilich besser, wir lösen das Band,« sagte Herr von Sassen ernst, Susanne aber blickte ihn lachend an und rief: »Nein Papa, zu einer Tugendheldin ist deine kleine Suse verdorben. Hätte ich Bertel wirklich lieb, so wie ich denke, daß man seinen Bräutigam lieb haben muß, dann hätten tausend Esthers kommen können, ich wäre nicht zurückgetreten.«
»Ich will gleich einige Worte an Bertel schreiben, das sind wir ihm schuldig,« sagte Herr von Sassen aufstehend.
»Ja, ja, thue das, Papa,« rief Susanne und küßte den Vater noch einmal herzlich, dann hüpfte sie fröhlich trällernd zur Thür hinaus. Herr von Sassen blickte ihr sinnend nach, dann stützte er den Kopf in die Hand und seufzte. »Sie mag recht haben, dies Kind ist nicht für Hubert geschaffen,« sagte er traurig. »Mir geht es an das Herz, diesen lieben Jungen nicht Sohn nennen zu können, sie jubelt und singt, daß sie ihn los ist. O ihr Mädchen, was seid ihr für ein wunderlich Volk!« Dann griff er zur Feder und schrieb: