Esther Wieburg.
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»Wie gesagt, Herr Pastor, darin kann ich Ihnen nicht Recht geben, das ist keine Erziehung für ein Mädchen! Einen Jungen mögen Sie alle diese Dinge lernen lassen, meinetwegen; aber ein Mädchen kann in ihrem ganzen Leben nichts damit anfangen. Das ist meine Meinung, und dabei bleibe ich, sowahr ich Friederike Booland heiße!«
Frau Friederike Booland, die Sprecherin dieser energischen Worte, bekräftigte den Schluß ihrer Rede damit, daß sie ihre große, knochige Hand laut schallend auf den Schreibtisch niederfallen ließ, neben welchem sie stand. An diesem Schreibtische aber saß derjenige, dem ihre Rede galt, Pastor Wieburg, der Geistliche im Dorfe Rahmstedt. Seit Jahren schon lebte Frau Booland hier im Hause, nachdem ihr eigener Gatte, der Schulmeister des Dorfes, gestorben, und von jenem Tage an führte sie die Zügel des Haushaltes mit ebensoviel Energie als Gewissenhaftigkeit. Pastor Wieburg hätte keine bessere Haushälterin finden können und so überließ er ihr getrost alle Regierungssorgen. Nur ein Departement hatte er sich vorbehalten, und das war die Erziehung seines einzigen Kindes, eines kleinen, dunkeläugigen Mädchens. So großen Respect Frau Booland nun auch vor allen Meinungen und Ansichten ihres Brodherrn hatte, in diesem Punkte war sie seine stete Gegnerin, und sie scheute sich nicht, dies immer wieder gegen ihn auszusprechen, so wenig Erfolg ihre Worte auch haben mochten. Pastor Wieburg hörte ihre Reden geduldig an, ohne den Fluß derselben durch Widerspruch zu hemmen, so lange seine Pfeife brannte. War diese jedoch zu Ende, so stand er ruhig von seinem Stuhle auf, ging nach dem Ofen, die Asche aus der Pfeife zu klopfen, und dann sagte er gleichmüthig: »Schon recht, Frau Booland; aber jetzt möchte ich Ruhe haben, meine Predigt fertig zu arbeiten. Sie sind wohl so gut, und kommen ein andermal wieder.«
Frau Booland blieb alsdann freilich nichts übrig, als sich mit einem Knix zu empfehlen. Aber ihr sonst gutmüthiges Gesicht war dann durchaus nicht sonnenhell, und leise vor sich hin brummend ging sie die Treppe hinunter, um sie nach einiger Zeit von Neuem zu ersteigen und abermals ihre Vorwürfe anzubringen.
»Er ist und bleibt unverbesserlich!« rief sie auch heute voll Aerger, als sie die Thür der Studirstube etwas kräftiger als gewöhnlich geschlossen hatte und zu ihrem Haushalte zurückkehrte. »Es ist, als ob ich zur Wand redete, so wenig Eindruck machen meine Worte auf ihn! Wenn er nur wenigstens mit mir stritte oder mir seine Meinung sagte. Aber nein, steif und ruhig sitzt er in seinem Stuhle und läßt mich reden und reden, und am Ende muß ich wieder abziehen und alles bleibt beim Alten. O diese Männer!«
Als Frau Booland in ihrem gerechten Grimme das Wohnzimmer im Untergeschoß des Pfarrhauses betrat, flogen ihre Blicke nach einer Ecke in der Nähe des Fensters, wo ein niedriger Arbeitstisch stand, an dem ein kleines Mädchen schrieb. Es war Esther, ihre junge Pflegebefohlene, für deren Wohl und Wehe die brave Frau soeben vergeblich gekämpft hatte.
»Schreiben und schreiben, und nichts als lesen und schreiben den ganzen Tag!« rief Frau Booland verdrießlich. »Bist du denn noch nicht bald fertig für heute, Estherchen? Du sollst noch ein Bischen in die Luft, Kind, ich denke, du hast genug gelernt. Hast den ganzen Nachmittag schon studirt, der Kopf muß dir ja brummen von all' der grausamen Gelehrsamkeit, du armer kleiner Fisch.«
»Ich bin bald fertig, Tante, nur noch dies eine Verbum muß ich zu Ende schreiben,« entgegnete das kleine Mädchen aufsehend. »Vater schilt sonst, denn er sagt ohnehin immer, ich sei nicht fleißig genug!«
»Das Gott erbarm! Noch nicht fleißig genug!« rief die Wittwe, ihre Hände zusammenschlagend. »Es ist ein Elend, daß du kein Junge geworden bist, dann hätte dies Gelerne einen Sinn, aber so? Was in aller Welt willst du damit anfangen?«
»Ich wollte auch lieber, ich wär' ein Junge, das weißt du ja, Tante! Und Vater will gewiß einen aus mir machen, daß er mich so viel lernen läßt,« rief Esther lachend und nickte der erzürnten Frau begütigend zu. »Aber bitte, Tante, ich möchte das Bischen Tageslicht noch gern benutzen, um meine Arbeit fertig zu machen. Ich komme dann auch gleich zu dir in den Garten.« Und ohne sich weiter stören zu lassen, schrieb das Kind eifrig weiter, während die letzten Strahlen der Herbstsonne über ihr dunkles Haar forthuschten und ihre blassen Wangen vom Abendroth leise geröthet wurden.
Frau Booland hatte von ihrem Standpunkte aus allerdings guten Grund, sich über die Art und Weise zu beklagen, in welcher ihre kleine Pflegebefohlene von ihrem Vater erzogen wurde. Pastor Wieburg war ein durch und durch braver, rechtschaffener Mann und für seine Gemeinde ein trefflicher Seelsorger; außerdem aber ein ernster, ja strenger und verschlossener Gelehrter, der den Verkehr mit der Außenwelt mied und nur seinem Amte und seiner Wissenschaft lebte. So lange Esther, das einzige Kind seiner früh verstorbenen Gattin, noch zu klein war, um lernen zu können, hatte er sich sehr wenig um sie bekümmert, und sie völlig der Sorge Frau Booland's überlassen. Das schüchterne, kleine Mädchen war auch viel lieber in der Gesellschaft dieser guten Frau, als in der des ernsthaften, schweigsamen Vaters, der nur immer Ruhe gebot, wenn sie in seiner Nähe spielte und ihre Puppen stets sehr unsanft in die Ecke warf, hatte sich ja einmal eine in die Nähe seiner Bücher verirrt.
Als Esther jedoch älter ward und ihr Vater bemerkte, daß in dem kleinen Körperchen eine starke Seele und viel Verstand wohnte, da wuchs sein Interesse für das Kind. Er hatte sich einen Sohn gewünscht, um auf ihn all' sein Wissen und seine Gelehrsamkeit zu übertragen; nun hatte er statt dessen eine kluge kleine Tochter bekommen, sie sollte ihm den Sohn ersetzen. Wirklich lernte die kleine Esther bald mit so viel Eifer und Erfolg, daß ihr Vater immer mehr Gefallen an ihr fand und sie wie einen Knaben unterrichtete. In der Zeit, wo andere kleine Mädchen mühsam einzelne Worte zusammen buchstabiren, und mit dem Schieferstifte unsichere Kritzeleien auf die Tafel malen, konnte unsere kleine Esther schon recht geläufig lesen und schreiben, und nicht etwa nur in ihrer Muttersprache, sondern auch in den Anfangsgründen des Lateinischen, dem sich später sogar das Griechische zugesellte. Bei diesem eifrigen Lernen und Studiren blieb freilich zum steten Leidwesen der braven Frau Booland wenig Zeit übrig zur Erlernung all' der weiblichen Künste und Kenntnisse, welche diese häusliche Frau in der Erziehung eines Mädchens für unerläßlich hielt. Esther zeigte leider auch wenig Vorliebe für dergleichen Dinge, und die Geheimnisse der fünf Stricknadeln blieben ihr sehr lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Tante Booland strickte und nähte ja den ganzen Tag, was sollte Esther sich damit quälen, und die kleinen Dienste in Küche und Kammer, wozu ihre Erzieherin sie anzuleiten sich abmühte, erschienen Esther ebenfalls erstaunlich überflüssig. Was kam denn darauf an, ob ein Kleid drinnen im Schranke hing oder draußen, ob die Schuhe absolut im Kasten stecken mußten, und Kamm und Bürste nicht mit der reinen Wäsche Gemeinschaft halten durften. Wenn Esther nur fand, was sie suchte, so war sie zufrieden; für alles andere mochte Tante Booland sorgen, die immerfort hinter ihr her lief, um wieder aufzuräumen, was ihr kleiner Wildfang in Unordnung gebracht hatte. Wenn dann Frau Booland böse werden und darauf dringen wollte, daß die leichtfertige kleine Dirne selbst Ordnung schaffe, dann hatte Esther immer Nöthigeres zu thun und absolut gar keine Zeit für dergleichen.
»Aber Tante, ich muß doch jetzt lernen, Papa wird sonst zu böse! Bitte bitte, mache du es doch nur, das nächste Mal will ich es gewiß thun!« So hieß es stets, wenn das kleine Fräulein etwas vornehmen sollte, was ihr nicht behagte, und da Frau Booland nicht beurtheilen konnte, in wieweit Esther's Entschuldigung begründet war, sondern nur immer mit stillem Grauen des Kindes Gelehrsamkeit anstaunte, so wagte sie auch nie, energisch gegen Esther's Unarten einzuschreiten. Beim Vater fand die arme Frau für derartige Klagen auch kein Gehör; denn dieser hatte jene wunderlichen Ideen über Freiheit in der Erziehung, wie sie Rousseau einst lehrte, und ihm war es ganz recht, wenn seine Tochter frei und ungebunden und nicht geleckt und geschniegelt aufwuchs. »Sie soll mir ein tüchtiges Frauenzimmer werden ohne weibische Faxen und Narrheiten!« pflegte er auf Frau Booland's Klagen zu antworten. »Solche hausbackne Tugenden lernt sie noch zeitig genug! Jetzt laßt mir das Mädel damit in Ruhe, sie kann ihre Zeit besser anwenden.«
So wuchs die kleine Esther denn heran mit allen Neigungen und Beschäftigungen eines Knaben, und kräftig wie ihr Geist entwickelte sich auch ihr Körper bei dieser Lebensweise. Obwohl sie weder blühende Farben, noch besonders kräftigen Körperbau besaß, so war sie doch ein gesundes, frisches Kind, und ihre feinen Glieder besaßen eine auffallend große Gewandheit und Festigkeit. Sie sprang und turnte, lief und kletterte wie der tollste Junge, und für sie war kein Baum zu hoch und kein Graben zu breit. Freilich in welchem Zustande Kleider und Schuhwerk nach solchen Thaten vor den entsetzten Blicken der Frau Booland erschienen, das kümmerte Esther wenig, ihr thaten nie die Finger weh vom Ausbessern dieser Sachen, denn wie hätte sie dazu Zeit gehabt! Tante Booland schalt und brummte zwar stets bei jedem neuen Riß, aber im Grunde freute sie sich doch, wenn ihr blasser Schützling lieber in Feld und Wald umhersprang, statt immer über den bösen Büchern zu sitzen. Deshalb, wenn Esther ihrer Ansicht nach genug studirt hatte, nahm Frau Booland des Kindes Strohhütchen vom Nagel, drückte ihr ihn auf die schwarzen Flechten und sagte: »Basta für heute, mein kleiner Fisch! Jetzt lauf' hinüber zum Bertel. Aber zum Nachtessen sei wieder hier, du weißt, dein Vater liebt die Pünktlichkeit!«
Dann blitzten Esthers tiefschwarze Augen in heller Freude auf, und wie ein Pfeil sprang sie empor. Gewöhnlich nahm sie noch einige Bücher unter den Arm, wenn ihre Arbeiten noch nicht fertig waren, dann aber jagte sie wie ein Reh durch die Laubgänge ihres Gartens, und weiter hinaus über die Dorfstraße, Wiesen und Felder. Sie hatte nur ein Ziel und das war der Gutshof ihres Dorfes Rahmstedt.
Aus den Fenstern des Gutshofes konnte man den ganzen Weg bis zur Pfarre übersehen. Sobald nun Esthers leichte Gestalt daher geflogen kam, dauerte es nicht lange, da knarrte die Gartenthür, und ein mächtig großer schwarzer Neufundländer sprang laut bellend in langen Sätzen über Hecken und Zäune, der kleinen Esther entgegen, die er fast umrannte. Hinter dem Hunde drein aber kam athemlos ein blonder Knabe daher, der Esther fröhlich anlachte. Dann faßten die beiden Kinder sich an den Händen, und lustig ging's nun zusammen in die weite Welt hinein, bis sie zuletzt den Hafen aufsuchten, nämlich den Blumengarten im Gutshofe. Auf der Freitreppe am Hause saß dann zuweilen eine stattliche junge Frau, welcher Esther freundlich die Hand zum Gruß entgegenstreckte, und dann verließ das kleine Mädchen ihren Spielgefährten, um sich neben die Dame zu setzen, welche gern mit der Kleinen plauderte. Auch ein großer, freundlicher Herr kam dann wohl seitwärts über den Hof geschritten, wo er mit den Dienstleuten gesprochen oder in den Ställen nachgesehen hatte, und begrüßte das Kind. Das war Herr von Ihlefeld, der Gutsherr von Rahmstedt, die schöne, junge Dame aber seine Frau und Hubert, auch Bertel genannt, das einzige Kind der Beiden. Ein behagliches, glückliches Familienleben herrschte in dem Hause, und die kleine Esther war ein täglicher, gern gesehener Gast in demselben. Man rechnete sie so zur Familie, daß stets ein Gedeck mit für sie aufgelegt wurde, und jederzeit ein Bett für sie bereit stand, besonders im Winter, wenn die Kleine Abends nicht in Wind und Wetter den Weg nach Hause machen sollte. Und wie Esther hier, so war auch Bertel täglich der Gast im Pfarrhause. Pastor Wieburg hatte es übernommen, den Knaben zu unterrichten, und so war derselbe neben Esther sein täglicher Schüler. Bertel war zwei Jahr älter als Esther; das kleine Mädchen lernte aber so rasch und war so eifrig und ehrgeizig, daß sie vielen Unterricht mit dem Knaben gemeinsam hatte, und das waren für Esther die herrlichsten Stunden. »Die kleinen Gelehrten,« nannte man die Kinder in der Umgegend, denn nirgends wußten andere Kinder ihres Alters so viel, als diese Beiden.
»Ich werde einmal ein Gelehrter, wie du, Onkel Pastor,« pflegte Bertel zu sagen, und wirklich schien er auch dauernd Freude am Lernen zu haben. Esther aber lernte eigentlich nur darum so eifrig, weil Bertel lernte und sie eben nichts thun und denken mochte, was dieser nicht auch that. Hätte ihr junger Spielgefährte angefangen, Seil zu tanzen oder Schuhe zu nähen, Esther wäre ohne Zögern auch mit auf das Seil gestiegen, oder hätte sich hingesetzt, Schuhe zu flicken, denn Bertel that es ja. Wenn sie früh aufwachte, so flogen ihre Gedanken hinüber nach dem Gutshofe, und ihre Blicke wanderten beim Ankleiden fortwährend nach dem Gartensteg woher Bertel ja nun kommen mußte. Der Tag bestand für sie eigentlich nur aus zwei Hälften: der, wo sie mit Bertel, und der, wo sie ohne ihn war. Die letzte Hälfte suchte sie immer möglichst abzukürzen, denn es war ja die Schattenseite ihres Tages, die Zeit mit Bertel aber das Licht, die Sonne, dem ihre junge Seele zustrebte mit allem Denken und Fühlen. Und wie Esther, so ging es ihrem kleinen Freunde. Auch er kannte keine Freude, keinen Genuß ohne seine junge Gespielin, und am liebsten wäre er oft den ganzen Tag auf dem Pfarrhofe geblieben. Er nannte Esther seinen besten Kameraden, und wie Kameraden verkehrten die beiden Kinder auch mit einander.
Man konnte nicht schöner und liebenswürdiger sein, als es der schlanke Bertel war, das gestand Jeder, der den Knaben sah, und für Esther aber war ihr Kamerad der Inbegriff alles Schönen, Guten und Ausgezeichneten. Das dunkeläugige und tief brünette Mädchen bildete einen ganz eigenthümlichen Contrast zu dem rosigen Knaben, dessen feines, mädchenhaft zartes Gesicht von einer Fülle dichter blonder Locken umgeben wurde. Esther war kaum hübsch zu nennen; denn etwas scharfe, unregelmäßige Züge und die bräunliche Haut hätten sie wenig anziehend gemacht, wenn nicht die großen schwarzen Augen mit strahlendem Feuer aus diesem Gesichtchen geleuchtet und dicke, seidenweiche schwarze Flechten den kleinen Kopf umkränzt hätten. Und verschieden wie im Aeußeren waren die beiden Kinder auch an Charakter und Temperament. Die braune Esther war Feuer und Leben bis in die kleinste Fingerspitze hinein, furchtlos und unternehmend, rasch und leicht erregbar. Ihr warmes Herz bestand harte Kämpfe mit ihrem Eigensinn und ihrem sehr energischen Willen; aber wenn dieser Wille sich beugte, dann war sie sanft und weich und gut. Der blonde Hubert hingegen hatte bei einem äußerst scharfen Verstande ruhigere Besonnenheit und Ueberlegung und einen weichen, fügsamen Sinn, der sich durch fremde Einflüsse sogar allzuleicht bestimmen ließ. Etwas Scheues und Abgeschlossenes im Charakter des Knaben wurde durch die eigenthümliche Erziehung, welche der ernste Pastor Wieburg ihm ertheilte, noch vermehrt, und außer Esther besaß der kleine Gelehrte eigentlich keinen nennenswerthen Umgang. Aber lebendig und kraftvoll wie sein kleiner Kamerad Esther war auch Hubert trotz dieser Gelehrsamkeit und trotz seines schlanken, mädchenhaften Körpers. Doch war er nicht so wild und ungestüm als jene, ja zuweilen erschien er mit dieser Besonnenheit sogar feige und zaghaft. Erreichte seine Geduld aber die Grenze, dann konnte er heftig und leidenschaftlich aufflammen mit Esther um die Wette.
Esther hingegen gab sich der augenblicklichen Regung ganz hin, und besonders, wenn es galt, für Bertel etwas zu thun, da gab es kein Ueberlegen. Die Liebe zu ihrem kleinen Freunde war für sie schon in den ersten Jahren ihres Beisammenseins der Punkt, um den sich alles bewegte, was sie dachte und that, und für ihn schien ihr kein Opfer zu schwer. Das Beste, was sie bekam an Naschwerk, oder Obst oder sonstigen Dingen legte sie stets für ihn zurück; alles was ihm lästig oder unangenehm war, nahm sie in ihre Hand, und wo sie dem älteren Knaben mit ihren schwachen Kräften Hülfe leisten konnte, that sie es ohne Zagen. Bekam er Schelte, so klagte sie sich oft auch als Missethäterin an, um ihn nicht allein leiden zu lassen, und sie konnte ganz außer sich gerathen, wenn er Schmerzen litt und sie ihm nicht helfen konnte. In den Unterrichtsstunden, die sie gemeinsam hatten, freute sie sich vielmehr über ein Lob, das Bertel gespendet wurde, als über ihr eigenes, und wenn Bertel, wie es in den Naturwissenschaftsstunden oft geschah, für die der Knabe am wenigsten Interesse zeigte, eine Arbeit schlecht gemacht hatte oder Fragen verfehlte, da setzte Esther oft absichtlich in ihre nächste Arbeit auch Fehler, oder stellte sich unwissend, nur um nicht besser zu sein als Bertel.
Eines Tages war Hubert krank geworden und konnte nicht zum Pfarrhause kommen. Esther wollte natürlich gleich zu ihm eilen, Tante Booland aber ließ sie nicht fort, denn der Arzt hatte ihr gesagt, Bertel werde das Scharlachfieber bekommen, sie möge Esther's Zusammensein mit dem Kranken verhüten, damit sie nicht angesteckt würde. Esther war außer sich, daß man sie nicht zu Bertel lassen wollte. Drei Tage hielt sie es aus, ging aber jammernd und klagend umher; als sie nun aber hörte, Bertel läge im Fieber, sie dürfe unter Wochen nicht zu ihm, sonst bekomme sie auch diese Krankheit, da sah sie Frau Booland stumm und thränenlos an. Dann ging sie hinaus in den Garten, in der Dämmerung aber rannte sie in einem unbewachten Augenblicke mit Blitzeseile nach dem Gutshofe. Hier schlich sie leise die Treppe hinauf, ohne gesehen zu werden und versteckte sich hinter einem Schranke, der neben der Thür von Bertels Krankenstube stand. Dort wartete sie lange geduldig, bis sie sah, daß die Wärterin und dann auch Frau von Ihlefeld das Zimmer verlassen hatten; da huschte sie zur Thür hinein. Wirklich war in diesem Augenblicke niemand als der Kranke in der Stube, und mit einem leisen Jubelrufe stürzte Esther zu Bertel hin, der ihr voll Entzücken die Arme entgegenstreckte. »Nun bleibe ich bei dir, Bertel!« sagte Esther, ihm das heiße Gesicht streichelnd, »ich halte es nicht aus ohne dich, und wenn du krank bist, will ich es auch werden!«
Frau von Ihlefeld sah bei ihrem Eintritt voll Schrecken, wer an Bertels Bett saß. »Kind,« sagte sie, Esther zurückziehend, »wer hat dir erlaubt, herzukommen, und wer hat dich hier hereingelassen? Willst du auch das Scharlachfieber bekommen?«
»Ja, wenn Bertel krank ist mag ich nicht gesund sein,« rief Esther und schmiegte sich an den Kranken. In demselben Augenblicke kam Frau Booland herein, ganz außer sich vor Angst und Schrecken. Sie schalt Esther wegen ihres Ungehorsams und wollte sie sogleich wieder mit sich fort nehmen. Esther aber weinte und sträubte sich und wollte bei Bertel bleiben, den sie umschlungen hielt. Da trat der Arzt herein und Esther flog auf ihn zu und bat, er möge erlauben, daß sie hier bleibe.
Frau Booland aber rief angstvoll: »Nein, ich leide es nicht! Wenn du noch länger bei dem Kranken bleibst, wirst du unfehlbar angesteckt, und mich trifft dann die Verantwortung für deine Thorheiten. Gleich komm mit mir, ehe es zu spät ist!«
»Es ist schon zu spät, Frau Booland,« sagte der Arzt leise. »Esther hielt den Kranken umschlungen, als ich eintrat, da ist der Krankheitsstoff bereits in sie übergegangen, wenn sie überhaupt dafür empfänglich ist. Ein längeres Bleiben schadet jetzt nicht, lassen wir die Kinder ruhig beisammen; Bertel kann es nur zuträglich sein, Esther um sich zu haben.«
Frau Booland war leichenblaß geworden, denn sie sah schon ihren Liebling von der Krankheit ergriffen in Fieberphantasien liegen; aber zu ändern war hier nichts mehr. Esther erhielt die Erlaubniß, auf dem Gutshofe zu bleiben und war glückselig. Sie wich nicht von Bertels Lager, und sobald der Kranke nur wieder Unterhaltung haben durfte, war sie unermüdlich, ihm vorzulesen, mit ihm zu spielen, oder ihm sonst wie die Zeit zu vertreiben. Freilich dauerte es nicht lange, da mußte auch sie sich legen, von der Krankheit ergriffen, und nun stellte man die Betten der Kinder neben einander. Frau Booland kam, ihren kleinen Liebling zu pflegen, und nach kurzer Zeit war es dann der genesene Hubert, der Esther unterhielt, wie sie es erst an seinem Bette gethan. Aber so sehr Esther auch zu leiden hatte, denn sie wurde bedeutend kränker als Bertel, keine Klage kam über ihre Lippen. Sie hatte es ja so gewollt und war bei Bertel, da war alles gut!
Und wie sie hier keine Furcht kannte, so zeigte sie kurze Zeit darauf abermals ihre muthige, selbstvergessende Liebe zu Hubert. Pastor Wieburg kam eines Tages sehr erregt in das Zimmer und sagte: »Frau Booland, lassen Sie Esther nicht auf die Straße; ich höre soeben von unserem Knechte, daß sich ein fremder, toller Hund auf dem Felde vor dem Gutshofe herumtreiben soll. Die Bauern sammeln sich eben im Dorfe, Jagd auf ihn zu machen.« Esther blickte bei diesen Worten nach der Uhr. Die Zeit war ganz nahe, in der Bertel zu den Stunden kommen mußte. Wenn er nun von dem tollen Hunde nichts wußte und ihm vielleicht gerade in den Weg lief! Auf dem Felde beim Gutshofe trieb sich das Thier herum, er mußte es ja treffen! Kaum hatte Pastor Wieburg und Frau Booland den Rücken gewendet, als Esther in den Garten flog und durch den Garten hindurch auf die Landstraße, den Weg nach dem Gutshofe einschlagend. In athemloser Hast stürzte sie vorwärts, damit sie noch auf dem Gutshofe ankam, ehe Bertel ihn verließ. Und wenn nun gar vielleicht Hector mit ihm kam, wie gewöhnlich, dann war die Gefahr eine doppelte; denn dieser würde unfehlbar den fremden Hund angreifen, wenn er in der Nähe war.
Schon war Esther über ein Stück jenes Feldes gelaufen, auf dem der Hund sich heruntertreiben sollte. Sie sah nichts Verdächtiges und rannte dem Hofthore zu, das vor ihr lag und aus dem jeden Augenblick Bertel treten konnte. Da plötzlich hörte sie es hinter sich schnaufen und röcheln, und als sie sich umblickte, rannte der tolle Hund hinter ihr drein. Zur Seite springen, einen dicken Pfahl ergreifen, der am Wege lag, und mit diesem dem Hunde einen wuchtigen Hieb über den Kopf versetzen, war das Werk eines Augenblickes. Der Hund taumelte, bellte dumpf und schlich dann in der Richtung fort, in der er gekommen, Esther aber stürzte in Todesangst ohne umzuschauen nach dem Hofthore, das sie aufriß und blitzschnell hinter sich wieder zuwarf. Die Leute des Gutes, die hier auf dem Hofe versammelt waren, um sich zur Jagd auf den Hund zu rüsten, sahen voll Schrecken auf Esther, deren einzige Worte beim Hereinfliegen waren: »Ist Bertel noch zu Haus?« Erst als er ihr selbst entgegentrat gab sie sich zufrieden und sank erschöpft auf eine Bank im Hofe, sich den Angstschweis von der Stirn trocknend. Nun umringte man sie und ließ sich von ihr erzählen, daß der tolle Hund ihr ganz in der Nähe des Hauses begegnet sei, und während die Knechte hinauseilten, Jagd auf das unglückliche Geschöpf zu machen, zog Bertel sie in das Haus hinein, sie mit Vorwürfen überschüttend, daß sie sich um seinetwillen solcher Gefahr ausgesetzt habe.
Esther blickte den Knaben lachend an und sagte: »Daran, daß mich der Hund beißen konnte, habe ich gar nicht gedacht, als ich vom Hause fortgerannt bin. Aber jetzt wird sich Tante Booland schön um mich ängstigen, nun will ich nur schnell wieder nach Haus laufen.« »Nicht eher, als bis der Hund unschädlich gemacht ist!« rief Bertel sie zurückhaltend. Da aber hörte man einen Schuß in der Nähe, und gleich darauf kamen die Leute zurück und erzählten, daß man den Hund getödet habe, der wie betrunken umher getaumelt sei. »Daran ist der Schlag Schuld, den ich ihm mit dem Pfahle gegeben habe,« lachte Esther, und dann lief sie eiligen Schrittes wieder zu Frau Booland zurück, die in Todesangst nach ihr ausschaute. —
So wuchsen die beiden Kinder mit einander auf Jahr um Jahr, und von Liebe umgeben und glücklich durch stetes Beisammensein, vergingen ihnen die sorglos frohen Jugendjahre wie ein heller Sommertag. Während der blonde Bertel zu einem schönen schlanken Burschen emporwuchs, war Esther noch immer das braune Mädchen mit den feurigen Augen und dunklem Haar; aber ihre Gesichtszüge wurden weicher und anmuthiger, und mit ihrem schlanken, graziösen Körperchen war sie ein allerliebstes Mädel geworden. Aber ein Wildfang blieb sie trotz ihrer 13 Jahre, und Frau Booland hatte oft ihre Noth mit ihr; böse freilich konnte niemand ihr sein. Aber auch geistig entwickelten sich beide Kinder sehr zur Zufriedenheit der Ihren, und den »kleinen Professor« besonders, wie man Bertel nannte, war Pastor Wieburg mit unermüdlichem Eifer bestrebt, immer mehr zu fördern, so lange er seiner Leitung anvertraut blieb, denn er war ein selten begabter Knabe. Aber endlich mußte man sich doch zu einer Aenderung entschließen, um so mehr, da Pastor Wieburg anfing zu kränkeln und den Unterricht oft unterbrechen mußte. Das Gymnasium der nächsten Stadt war vortrefflich, und so entschlossen sich Hubert's Eltern schweren Herzens, den Knaben künftige Ostern dorthin zu geben.
Das war das erste große Ereigniß in dem Leben der beiden Kinder. Sie hatten die Trennung, so oft auch davon die Rede war, doch immer in so ferne Zeiten verschoben, daß es wie ein entsetzlicher Donnerschlag über sie kam, als sie erfuhren, daß in wenig Wochen Hubert's Abreise erfolgen sollte.
»Ich gehe mit dir nach H..,« sagte Esther entschlossen und stellte sich an Bertel's Seite. »Vater hat gewiß nichts dagegen; ich werde ja dann studiren wie du, und ohne dich lerne ich hier keine Zeile mehr, das weiß ich. Was sollst du denn ohne mich anfangen, Bertel?«
Hubert sah das kecke Mädchen nachdenklich an.
»Ich glaube, das wird doch nicht gehen, Esther,« sagte er traurig, »denn ich werde ja auf ein Gymnasium kommen, wo lauter Knaben sind, da paßt kein Mädchen hinein.«
»So ziehe ich Knabenkleider an, das ist köstlich, das habe ich mir ja immer gewünscht!« jubelte Esther und klatschte in die Hände.
»Aber deine langen Zöpfe?« sagte Bertel kopfschüttelnd.
»O die schneide ich ab,« rief Esther fröhlich. »Da habe ich doch endlich Ruhe vor Tante Booland, die früh Morgens immer so lange daran kämmt und flicht, daß mir die Geduld oft ausgeht und ich ihr davon laufe. Da sieh', das ist bald geschehen!« Rasch ergriff sie eine Scheere und that einen tiefen Schnitt in ihr prachtvolles Haar. Aber da trat Frau Booland in das Zimmer und riß ihr die Scheere aus der Hand.
»Bist du unklug, Kind? Was treibst du denn wieder?« rief sie heftig.
»Ich gehe mit Bertel auf das Gymnasium nach H., da kann ich die dummen Zöpfe nicht brauchen,« entgegnete Esther, an den Flechten reißend.
»Mit auf's Gymnasium?« sagte Frau Booland lachend. »Nun damit hat es gute Wege, da laß nur deine Zöpfe in Ruhe, mein Kind. Mädchen kommen da nicht hin.«
»Ich gehe auch als Junge mit, versteht sich!« rief Esther rasch. »Tante Ihlefeld giebt mir gewiß von Bertels Kleidern, damit ich gleich mit kommen kann.« Frau Booland fing herzlich an zu lachen über Esthers Pläne, die sie für Scherz hielt. Als sie dann aber sah, daß ihr junger Wildfang wirklich im Ernst solchen Gedanken Raum gab, war sie still und sagte leise vor sich hin: »Im Stande wäre sie's, glaub' ich. Das hat ihr Vater von der Erziehung!«
Als sie mit ihrem Schützling dann am Abend allein im Schlafzimmer war, zog sie Esther auf ihre Knie, was sie selten that und sprach mild und freundlich: »Mein liebes Mädchen, ich muß dir einmal etwas sagen. Du bist jetzt schon 13 Jahre alt, da wird es wirklich Zeit, daß du den Jungen ausziehst. Thust du es nicht selbst, so thun es dir andere Leute, und das ist ein schlimmes Ding. Dein Vater hat dich studiren und aufwachsen lassen, wie einen Knaben; aber du bist und bleibst trotz alledem doch ein Mädchen. Siehst du, ich bin nur eine einfache Frau; aber das, was sich schickt, besonders für ein junges Mädchen, das du nun bald sein wirst, weiß ich so gut als jede große Dame, da folge mir nur getrost. Bertel geht fort, er ist eben ein Knabe und muß sich für seine zukünftige Laufbahn vorbereiten; aber mit ihm gehen kannst du nicht, denn das schickt sich nicht. Wozu auch? Ein Mädchen hat einen anderen Lebenslauf vor sich, als ein Knabe. Er muß in die Welt, das Mädchen gehört in das Haus. Bis jetzt warst du ein Kind, da paßte sich alles; aber nun wird das anders, das hilft einmal nichts und mußt du dir gefallen lassen. Für junge Mädchen schickt sich vieles nicht, was sich für junge Männer schickt; so will es die Sitte, und ihr müssen wir uns Alle beugen. Ueber kurz oder lang mußten sich eure Wege doch scheiden, das ist so der Lauf der Welt und die Bestimmung des Menschen. Und nun sei verständig und mache Bertel das Herz nicht schwer mit Weinen und Klagen; denn dann wird ihm das Fortgehen noch viel saurer. Nicht wahr, Esther, daran willst du denken, ihm zu lieb?«
Esther hatte schweigend zugehört, denn Tante Booland sprach selten so ernst und zusammenhängend mit ihr. Sie machte zuerst ein finsteres Gesicht, denn ihr Eigenwille bäumte sich arg in ihr empor; nach und nach aber wurde sie nachdenklich, und ein tiefes Roth zog sich ihr über Stirn und Nacken. Sie biß die Lippen fest auf einander, wie sie immer that, wenn sie von einem neuen Gedanken überrascht wurde, sagte aber kein Wort. Auf die letzte Frage von Tante Booland nickte sie rasch und ernst mit dem Kopfe; dann lehnte sie ihre Stirn eine lange Weile still an die Brust ihrer treuen Pflegerin, die ihr leise über das Haar strich. Endlich aber brach sie in einen Strom von Thränen aus und rief jammernd: »Ach Tante Booland, ohne Bertel kann ich ja aber nicht leben!«
»Einmal mußt du es lernen, Kind, es geht nicht anders,« sagte Frau Booland sanft. »Der liebe Gott giebt uns so manches Schwere zu tragen, und du wirst noch manchesmal in deinem Leben sagen: >ich kann es nicht!< Und doch wirst du es lernen; denn der himmlische Vater legt uns keine größere Last auf die Schultern, als wir zu tragen im Stande sind. Dir hat Gott ein starkes Herz gegeben, deshalb wirst du dem armen Bertel die Trennung leicht machen, wozu wärst du sonst seine brave, kleine Esther?«
Das kindliche Mädchen wischte sich entschlossen die Thränen aus den Augen und lächelte zuversichtlich. »Ich will ihm helfen, Tante!« sagte sie fest, und dann legte sie sich still und ergeben in ihr Bettchen. Lange noch bewegten sich ihre Lippen im Gebet und baten um Muth und Kraft für die schwere vor ihr liegende Zeit, dann aber schloß der Schlaf ihr die müden Augen.
Am andern Tage war mit Esther sichtlich eine Veränderung vorgegangen. Sie war bleicher und ruhiger als sonst, und auf ihrem Gesicht lag ein nachdenklicher Zug. Als Hubert zum Unterricht kam, und Esther ihm im Garten entgegen lief, geschah es mit etwas zögernden Schritten, und ein brennendes Roth flog einen Augenblick über ihre Stirn. Dann aber rief sie in ihrer alten muntern Weise: »Ach Bertel, unsere schönen Pläne werden doch zu Wasser, mit dir ziehen kann ich nicht. Die andern Jungens würden doch merken, daß ich ein Mädchen bin, und dann bissen sie mich sicher zum Neste hinaus, wo ich mich einschleichen wollte, wie's neulich die Schwalben mit dem Spatz machten, weißt du wohl noch?«
Hubert sah sehr bleich aus. Er nickte still mit dem Kopfe und sagte: »Ich wußte es gleich und wollte es dir nur nicht sagen, Esther. Aber ich glaube, ich komme bald wieder; denn so allein ohne dich und ohne euch alle, — ich kann es nicht ertragen!«
Mit einem lauten Stöhnen warf er sich auf eine Bank nieder und weinte so ungestüm und leidenschaftlich, wie Esther es noch nie von ihm gesehen hatte. Erschrocken setzte sie sich zu ihm und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Dicke Thränen rollten auch über ihr Gesicht, und ihre Brust arbeitete heftig. Aber entschlossen richtete sie sich bald empor, preßte die Hände fest aufeinander und sagte leise: »Bertel, sei ruhig, einmal mußtest du ja fort, hier auf unserem Dorfe kannst du ja doch kein großer Gelehrter werden. Aber das sollst du, denn ich will stolz auf dich sein, und alle sollen es.« Und nun malte sie dem Knaben in heiterer Weise aus, wie schön es sein müsse, wenn er nun zu den Ferien nach Hause kommen und ihnen erzählen werde, wie er dort in der Stadt lebe, wie viel er jetzt lerne und studire, und welches seine Kameraden sein würden. Bertel hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt und schluchzte leise.
»Kameraden?« rief er jetzt heftig. »Sprich mir nicht von Kameraden! Bis jetzt habe ich noch keinen Jungen gefunden, der mir zugesagt hätte, und ich werde sicher auch keinen finden. Du bist mein liebster und einziger Kamerad, Esther, und du sollst es mir bleiben, das gelobe ich dir, wenn auch tausend andere um mich sein werden; dich ersetzt mir keiner!«
Er ergriff Esthers Hand und blickte finster vor sich nieder, Esther aber saß strahlenden Auges neben ihm. Ihre Lippen zitterten, aber sie sprach nicht. Sie sah ihren blonden Bertel im Geiste unter der Schaar anderer Knaben, und wie viel schöner er sein würde, als alle anderen, und wie viel klüger. Und doch war und blieb er ihr Bertel, ihr Kamerad wie bisher. Nun wollte sie auch nicht mehr daran denken, wie allein, ach so trostlos allein sie sein würde!
Esther hatte in Gedanken einen Zweig des Fliederbusches herabgezogen, unter dem sie saßen und dessen Büschel noch kahl und ohne Knospen standen.
»Wenn die blühen, bist du wieder hier, Bertel,« rief sie plötzlich und schüttelte den Zweig. »Ostern ist in diesem Jahr so früh, gerade zu Pfingsten wird dann alles blühen, Flieder, Goldregen, Schneeballen, alles, alles. Und die ersten Veilchen schicke ich dir in die Stadt, Bertel, denn da kannst du gewiß keine pflücken. Von den Erdbeeren aber und den Stachel- und Himbeeren in unserem Garten soll kein Mensch etwas bekommen, die schicke ich dir auch alle oder hebe sie dir auf, und auch die Haselnüsse unten am Wasser. Komm, wir wollen geschwind einmal nachsehen, Bertel, am Ende sind unten am Wasser schon Veilchen heraus, oder Primula veris. Weißt du auch noch, wie die braune Pflanze heißt, die zuerst im Frühjahr auf der Wiese blüht?«
Bertel's trübes Gesicht war unter dem Plaudern Esthers wieder hell geworden; jetzt lachte er und sagte: »Ach was, Botanik ist einmal nicht mein Steckenpferd, ich kann mir das Zeug nicht merken. Verrathe mich aber nicht bei deinem Vater.«
»So komm, ich will dein Mentor sein, Tussilago heißt das Pflänzchen, mein kluger Herr,« rief Esther lustig und zog ihn mit sich fort; denn was sie gewollt, hatte sie durch ihr Plaudern erreicht, Bertel vergaß seine trüben Gedanken. Und in dieser Weise gelang es ihr von jetzt an stets, ihren Kameraden zu erheitern, ob ihr selbst auch oft das arme junge Herz zerspringen wollte vor Weh. Bertel durfte nicht sehen, wie schwer ihr die Trennung wurde, sonst wäre er mit noch traurigerem Herzen von ihnen gegangen. Und wie gut hatte sie es doch im Vergleich mit ihm: Sie blieb zurück in ihrem schönen Garten und traulichen Hause, hatte Vater und Tante Booland um sich, und dort drüben den Gutshof mit Onkel und Tante Ihlefeld. Alles, ihre Blumen und Bücher, ihre Hühner, Hunde, Katzen, die Ziegen und Kaninchen im Stall und die Vögel im Walde draußen, alles blieb ihr, während der arme Bertel alles verlassen und allein hinaus mußte unter lauter fremde Menschen. War es da nicht ihre Pflicht, heiter zu sein und ihm das Herz nicht auch noch schwer zu machen? O Tante Booland hatte recht, sie durfte Bertel nichts vorklagen!
Aber trotz alledem wurden ihre Wangen immer blässer, und ihre Augen blickten immer angstvoller um sich, je näher der Tag der Abreise kam. Endlich hatten die beiden Kinder den letzten Unterricht beim Vater gehabt, und Bertel hatte Abschied genommen. In einigen Stunden fuhren seine Eltern mit ihm nach der Stadt. Esther hatte mitfahren sollen; aber Frau Booland meinte, für Bertel sei es besser, sie thäte es nicht, und so blieb sie zurück, willig und sanft, wie sonst nie, wenn etwas gegen ihren Willen war. Sie setzte sich mit einem Buche in die Fliederlaube, in der sie neulich mit Bertel gesessen, ihre Augen waren aber so roth, als sie dann zum Essen in das Zimmer kam, daß Frau Booland sie mit innigem Mitleiden anblickte. Vor ihrem Vater aber verbarg Esther, daß sie geweint, denn er konnte »weinerliche Frauenzimmer« nicht leiden. Es war gut, daß er viel von der Schule und den Lehrern sprach, wo Bertel jetzt Unterricht haben werde, da bemerkte er doch Esthers Kummer nicht, von dessen Größe er keine Idee hatte. Die einfache Frau Booland wußte das besser, als der gelehrte Herr Pastor.
Es waren traurige Tage für Esther, diese ersten nach Bertel's Abreise. Wohl hatte sie sich alles vorgeführt, was sie an Glück vor Bertel voraus habe, da sie zu Hause blieb, während er unter fremde Menschen und Verhältnisse kam; aber jetzt, nachdem er fort war, fühlte sie erst, was sie verloren. Wie im wachen Traume ging sie daher, sie meinte immer, jetzt müsse jemand kommen und sie wecken. War denn die Sonne nicht mehr am Himmel, daß so wenig Glanz über Garten und Wiese lag? Und waren denn das ihre lieben Blumen, die so wenig Farbe und Duft hatten, das ihre lustigen Thiere, die mit ihr sonst so fröhlich durch den Hof und Garten sprangen? Und ihre Bücher, wie langweilig sahen diese Buchstaben sie an, das Lernen war ja eine Strafe statt wie bisher eine Lust. Und wie endlos war so ein Tag! Sonst kamen die Mittag- und Abendstunden, wo sie zum Essen gerufen wurde, immer viel zu früh, jetzt sah sie fort und fort nach der Uhr, ob denn die Stunden noch immer nicht rascher davongehen wollten. Nach dem Stege aber, auf dem Bertel jeden Morgen gekommen war, konnte sie vor Jammer gar nicht mehr hinsehen, und nach dem Gutshofe zog sie jetzt so wenig. Onkel und Tante Ihlefeld waren zwar sehr gut und lieb zu ihr, wie bisher; aber es war so öde in dem Hause und Hofe, und auch Bertel's Neufundländer sah so traurig aus und heulte laut auf, wenn Esther ihn streichelte und leise sagte: »Ach Hektor, unser Bertel ist fort!«
Hubert war jetzt unter eine ziemlich große Zahl von Pensionairen aufgenommen, welche bei einem der Professoren des Gymnasiums wohnten. Der zarte, scheue Knabe fühlte sich anfangs unsäglich unbehaglich unter all' den fremden Gesichtern, und das laute Treiben seiner Stubengenossen war ihm sehr zuwider. Auch in der Klasse, unter deren Schülern er einer der jüngsten war, kam er sich wie verloren vor; denn niemand achtete weiter auf ihn, und die Lehrer hatten ihre Aufmerksamkeit der ganzen Klasse zu schenken. Wie anders war das, als bisher bei seinem Lehrer! Aber eigentlich lernte es sich gut in Gemeinschaft mit so vielen, die alle dasselbe Ziel verfolgten. Und hier waren einige so kluge, eifrige Mitschüler in der Klasse, da galt es fleißig sein, wenn er es ihnen gleich thun wollte! Und das wollte und mußte er, das war ohne Frage.
So lernte er denn mit unverdrossenem Eifer und vergaß dabei, wie einsam er unter den vielen Mitschülern dastand, denen er sich, wie es seine Neigung war und wie er Esther versprochen, nicht anschließen mochte. Aber dieses Abschließen reizte die andren Knaben zu Neckereien und Spottreden und bereitete ihm bald manchen Verdruß. Man gab ihm allerlei Spitznamen, nannte ihn Jungfer Bertel, Muttersöhnchen, Blondel, Mehlweißchen und suchte ihn zu Zank und Streit aufzustacheln. Bertel that, als merke er nichts und kämpfte seinen Aerger tapfer nieder; denn ihm war aller wüste Zank und Lärm in der Seele verhaßt. Das reizte seine Kameraden doppelt, die solche Selbstüberwindung für Feigheit hielten. Mit einem Feigling aber meinte man sich ungestraft alles erlauben zu können. Nun erhielt Bertel eines Tages einen langen Brief von Esther. Zwei seiner Stubenkameraden, die dabei zugegen waren, sahen, wie freudig er denselben las.
»Von wem ist der Brief?« fragte Franz Reichard.
»Von Esther!« entgegnete Bertel zerstreut und las eifrig weiter.
»Esther? Wer ist Esther?« forschte Franz weiter. »Ist das eine Schwester von dir?«
»Nein doch, laß mich in Ruh'! Esther ist — nun Esther ist Esther!« sagte Bertel kurz abweisend und kehrte Franz den Rücken.
»Esther ist Esther! Eine schöne Erklärung!« rief dieser spöttisch. »Du, Walter,« fuhr er dann lachend fort und winkte seinem Kameraden verständnißvoll zu, »weißt du schon, Jungfer Bertel ist mit einer alttestamentarischen Freundschaft behaftet. Königin Esther heißt seine Coeurdame.«
»I was tausend, Mehlweißchen!« rief Walter. »Du bist ja ein Mordskerl! Und ein Jüdchen hast du zur Freundin? Da heißt's wohl:
Ihrer Augen schwarze Kohlen Haben mir das Herz gestohlen?
Wahrhaftig, du bist ja ganz vernarrt in ihren Brief, laß doch 'mal sehen, was die schwarzhaarige Schöne dir schreibt!« Und dabei blickte er frech in Esthers Brief, als wollte er ihn lesen. Bertel wurde dunkelroth vor Aerger, bekämpfte seinen Verdruß aber und sagte nur, sich rasch abwendend: »Ach Unsinn, Esther ist eine Predigertochter und keine Jüdin.« Unwillkürlich aber blickten ihn dabei seiner Freundin schwarze Augen aus dem Briefe an, die allerdings einer kleinen Jüdin alle Ehre gemacht hätten, und er achtete bei diesem Gedankengange so wenig auf seine Umgebung, daß er nicht bemerkte, wie Franz sich herbeischlich und plötzlich einen raschen Griff nach dem Briefe that. Bertel jedoch hielt fest, und so bekam der Brief einen großen Riß. Nun aber war Huberts Geduld zu Ende. Mit dem Rufe: »Wart', das sollst du büßen!« flog er wie ein Pfeil auf den schlechten Kameraden los, faßte ihn um den Leib und warf ihn zu Boden. Franz war einer der stärksten Burschen der Stube, und nachdem er sich von der ersten Ueberraschung erholt hatte, fing er an mit Bertel zu ringen. Ein heißer Kampf entspann sich, denn Franz war stärker als sein Angreifer; Bertel aber besaß trotz seines zarten, schlanken Körpers eine große Zähigkeit und Gewandtheit, und mit Vorsicht wußte er sich stets gegen alle Angriffe zu decken. Er hatte zu Hause viel geturnt und oft mit den Dorfkindern gerungen, denn sein Vater pflegte zu sagen, ohne richtige Balgerei wird keiner ein rechter Junge. So gelang es ihm endlich, den Gegner zu bezwingen und ihm das Knie auf die Brust zu setzen.
»Jetzt versprichst du mir, mich ungeschoren zu lassen!« rief er mit funkelnden Augen. »Ich dulde eure Flegeleien nicht länger, daß ihr es nur wißt. Wer mich nicht in Ruhe läßt, dem zeige ich, daß ich Fäuste habe.« Und damit schlug er auf den großen Burschen so tapfer los, daß es schallte, und Walter ganz verblüfft daneben stand. Franz knirschte vor Aerger, konnte sich aber nicht rühren, und da er ein weicher Junge war trotz seiner groben Glieder, so bat er schließlich himmelhoch, Bertel möchte ihn loslassen, er verspräche auch alles, was er verlange. Hubert sprang auf und ließ ihn frei, Franz aber schüttelte sich, strich sich die Haare glatt und dann trat er zu seinem Gegner heran. »Du hast mich gut verarbeitet, Bertel,« sagte er stöhnend und reckte seine langen Glieder. »Bis jetzt dachte ich, du wärst feige, weil du dir alles gefallen ließest; aber nun habe ich Respect vor dir. Wer Courage hat, den lasse ich in Ruhe. Wollen wir Frieden schließen?«
Hubert sah dem ehrlichen Burschen ganz erstaunt in das feuerrothe Gesicht; es war ein guter Zug darin, und Bertel ergriff ohne Zögern die dargebotene Hand. »Recht gern, Franz«, sagte er herzlich, »mir soll's recht sein; ich bin kein Freund von Zank und Streit.«
So hatte die Schlägerei ein gutes Ende und in ihren Folgen trug sie vortreffliche Früchte. »Bertel hat den Franz gezwungen!« hieß es bald in der ganzen Anstalt, und das war wie ein Orden; denn Franz war für einen tüchtigen Raufer bekannt und also nicht gut mit ihm anzubinden. Niemand hielt den blonden Bertel ferner für einen Feigling und wagte ihn böswillig zu foppen; hatte derselbe doch auch jetzt an dem älteren Franz einen Kameraden zur Seite, der sich des jüngeren in allen Dingen annahm, denn er hing dem neuen Schüler mit immer wachsender Freundschaft an. Hubert war diese Freundschaft zwar ganz angenehm und schmeichelhaft, eigentlich aber wagte er nicht recht, dieselbe anzunehmen; hatte er nicht Esther gelobt, sie allein solle sein Kamerad sein und bleiben? Und war es nicht Wortbruch, wenn er hier nun doch eine neue Freundschaft schloß? Lange aber hielten solche Gedanken nicht vor; es war doch eben gar zu angenehm, nicht allein dazustehen unter so viel Schülern, und Esther selbst hatte sicher nichts dagegen. Sie konnte doch einmal nicht bei ihm sein, warum sollte er sich da nicht an jemand aus seiner jetzigen Umgebung anschließen? Esther blieb ihm ja doch immer so lieb, als sie ihm je gewesen war, das verstand sich von selbst. —
Trotz dieser Ueberzeugung sprach er in seinen Briefen an Esther doch nicht viel von seinem neuen Freunde. Die Scene aber, welche ihr Brief veranlaßt hatte, berichtete er ihr getreulich, und Esther glühte vor Wonne und Stolz, daß ihr Bertel sich so tapfer gehalten hatte, und tief innen im Herzen regte sich etwas, wie ein Jauchzen, daß sie der Anlaß zu diesem ersten Kampfe Bertels gewesen war. Davon sagte sie aber Tante Booland nichts, als sie den Brief vorgelesen, sie wußte selbst nicht warum. Freilich ahnte Esther nicht, daß Bertel gerade in Folge davon, daß sie es war, die jenen Kampf veranlaßt hatte, von jetzt an sorgfältig vermied, wieder von ihr zu sprechen. Er fürchtete abermalige Neckereien seiner Kameraden, die ohnehin nicht ganz ausblieben; denn ab und zu erkundigte man sich nach seiner jungen Freundin, welche für die Knaben durch jene Schlägerei einen geheimnißvollen Reiz erhalten hatte. Bertel gab aber immer verlegene ausweichende Antworten, und wenn er Esther auch nicht völlig verleugnete, so wünschte er doch, die Sache todt zu schweigen, um die Neckereien der Jungens los zu werden. »Mädchen passen einmal nicht in eine Jungenpension, nicht einmal in Gedanken!« entschuldigte er sich heimlich, und wirklich verging jetzt mancher Tag, wo Bertel so von seinen Arbeiten und seinen Kameraden in Anspruch genommen wurde, daß er seiner kleinen Esther gar nicht gedachte. Dann aber fiel ihm sein Unrecht plötzlich wieder schwer auf die Seele, und nun schickte er ihr, wie um vor sich selbst sein Erkalten wieder gut zu machen, einen so herzlichen, kameradschaftlichen Brief, erzählte ihr so getreulich von seinem Lernen und Leben und Treiben, daß Esther voll Entzücken ihres lieben getreuen Kameraden gedachte, der sie unter all' den neuen Verhältnissen nicht vernachlässigte. Sie wollte ihm auch zeigen, daß sie seiner in treuer Anhänglichkeit gedachte, und trotz ihrer Abneigung gegen weibliche Handarbeiten mühte sie sich jetzt häufig ab, um für Bertel irgend etwas anzufertigen. Zum ersten Male im Leben zeigte sie Geduld und Ausdauer bei diesen Arbeiten. Die Knaben in der Pension trugen hellblaue Mützen mit roth und silbernen Bändern, und wenn das Band besonders schön war, so bestanden die silbernen Streifen aus kleinen gestickten Blätterchen. Eine solche Mütze hatte Bertel sich gewünscht, und Esther saß nun mit eiserner Geduld und nähte mit ihren kleinen ungeschickten Fingern unermüdlich Blättchen um Blättchen, so sauer ihr auch die ungewohnte Arbeit wurde. Endlich war das Werk vollendet und zu seinem nächsten Geburtstage prangte die Mütze unter Bertels Geschenken, die ihm nach der Pension gesandt wurden. Ein feuriger Dankesbrief lohnte Esther die gewaltige Mühe, und von nun an war sie immer mit irgend einer Arbeit für ihren kleinen Freund beschäftigt, zur stillen Freude Tante Boolands, die ihr getreulich beistand, wo die Schwierigkeiten gar zu groß wurden. Aber gut war es, daß Esther nicht erfuhr, wie Bertel alle solche Arbeiten vor seinen Schulkameraden verleugnete, um sich nicht neuen Neckereien auszusetzen. Die Mütze machte den Anfang. Als seine Geburtstagsgeschenke bewundert wurden, betrachtete sein neuer Freund Franz mit etwas neidischen Blicken den zierlichen Streifen an der Mütze.
»Wer hat dies gestickt, Bertel?« fragte er neugierig. Bertel wurde roth und wandte sich ab. »Deine Mutter?« forschte Franz weiter. »Ja!« sagte Bertel kurz und fing ein anderes Gespräch an. Aber die Lüge brannte wie Feuer auf seiner Seele, und er schalt sich selbst wegen seiner Feigheit, die ihm nicht erlaubte, dem Spotte der Mitschüler zu trotzen. »Sie würden mir nimmer Ruhe lassen, und ich könnte die Mütze nie tragen ohne gefoppt zu werden!« rechtfertigte er sich vor sich selbst; aber gegen Esther hätte er diese Untreue nie eingestehen mögen. Aber freilich folgten diesem ersten Verleugnen bald andere, bis er sich schließlich gar kein Gewissen mehr daraus machte, alle Geschenke Esthers vor seinen Kameraden zu verheimlichen, nur um Ruhe zu haben.
Esther war seit Bertels Fortgang viel stiller und ernster geworden. »Die wilde Hummel,« wie man sie im Hause nannte, saß jetzt oft stundenlang bei Tante Booland, ihr vorlesend oder auch wohl bei einer kleinen häuslichen Beschäftigung helfend. Nur manchmal sprang sie plötzlich rasch auf, rannte durch Hof und Garten oder hinüber nach dem Gutshofe, und dann kam sie mit roth geweinten Augen zurück. Aber selten nur sprach sie es aus, wie unsäglich Bertel ihr fehle, und wenn irgend jemand sie fragte, ob sie den Kameraden nicht sehr vermisse, dann zuckten ihre dunkeln Augenbrauen leise und sie sagte stolz: »Ein Junge kann nicht ewig mit Mädchen spielen, er muß fort und lernen, wenn er ein Gelehrter werden will.«
Am liebsten hörte sie es, wenn ihr Vater über Bertel sprach. Jetzt, nachdem sein Schüler ihn verlassen, wagte der Prediger erst es auszusprechen, wie große Erwartungen er von Bertel hege, und was er für ein kluger, talentvoller Knabe sei. Seine Eltern lobten den Sohn zwar auch in unbegrenzter Weise, aber das hatten sie auch bisher schon gethan. Von Pastor Wieburg aber, dem strengen, schweigsamen Manne fiel ein Lob viel schwerer in die Wagschaale, als von allen anderen Menschen. Ihre eigenen Lehrstunden hatten für Esther allen Reiz verloren, seit sie allein lernte, und sie sah es nicht ungern, daß ihr Vater, durch körperliche Leiden belästigt, diese Stunden jetzt sehr beschränkte. Nur wenn sie dem Vater bei seinen Arbeiten helfen konnte, wozu die gelehrte Erziehung, welche sie erhalten, sie wohl befähigte, dann war sie eifrig und fleißig; und so verging ihr manche Stunde mit Vorlesen griechischer oder lateinischer Bücher, mit Nachschlagen oder Abschreiben, oder mit Niederschreiben von Dictaten, da der Vater seine schwachen Augen in dieser Weise gern schonte. Immerhin aber blieb für Esther jetzt viel mehr freie Zeit übrig als früher.
»Nun wird das kleine Ding wohl endlich einmal ein Frauenzimmer werden!« sagte Frau Booland oft still für sich, wenn sie ihres Zöglings häufige Musestunden mit Behagen bemerkte. »Jetzt kann man doch mit gutem Gewissen noch andere Dinge von ihr verlangen.« Aber der Geschmack an diesen anderen Dingen wollte bei Esther noch gar nicht kommen trotz dieser freieren Zeit, und Frau Booland sah nun wohl, daß ein Kind in späteren Jahren schwer etwas lernt, wozu es nicht von früh auf angehalten wurde. Esther lag trotz ihrer 13 Jahre mit der Ordnung und Sauberkeit noch immer in ewiger Fehde, und alles andere war ihr lieber, als stricken und nähen oder sonstige weibliche Beschäftigungen; die Arbeit für Bertel ausgenommen. Hart konnte Tante Booland unmöglich zu ihrem Herzblättchen sein, und so that sie selbst lieber nach wie vor alle die Dinge, die Esther zukamen, um nur das arme Kind nicht allzusehr zu quälen. »Sie wird es schon von selbst machen, wenn sie einmal verständiger ist,« tröstete sie sich selbst, »ich kann ihr die liebe Jugend unmöglich dadurch verbittern.« Und so blieb alles so ziemlich beim Alten.
Da brachte der Winter ein schweres Leid über die Bewohner des Pfarrhauses. Pastor Wieburg wurde von einem Schlagfluß zur Hälfte gelähmt und war unfähig, sich zu bewegen, ja fast zu sprechen und zu denken. Nun aber zeigte die wilde Esther plötzlich, daß ein braver Kern in ihr verborgen lag, und sie auch still und geduldig sein konnte. Vereint mit Frau Booland pflegte und versorgte sie unermüdlich den hülflosen Vater und übernahm Geschäfte, welche ihr bis dahin unerträglich oder langweilig gewesen waren. Stundenlang konnte sie still an dem Bette des Kranken sitzen, oder alles um ihn her ordnen und zurechtmachen, ohne ungeduldig zu werden, und oft stand sie selbst am Heerdfeuer, um ein Gericht zu überwachen, das sie ihm nach Frau Boolands Anweisung bereitete. Die wilden Sprünge und das ungestüme Davonstürmen vertauschte sie mit leisem Tritt und vorsichtigen Bewegungen, und wer die besonnene, sanfte Esther hier am Bette des Vaters sah, der hätte das wilde Kind aus Wald und Wiese nicht wieder erkannt. Frau Booland stand oft mit gefaltenen Händen still neben dem Lager und beobachtete ihren jungen Liebling, und eine Thräne stahl sich dann in ihr gutes Auge. »Gott segne und schütze das arme Herzchen!« sagte sie leise und seufzte tief auf, denn unwillkürlich schweiften ihre sorgenden Gedanken in die Zukunft.
Und nur zu bald sollten diese Sorgen Begründung finden. Statt der Genesung nahte ein sanfter Tod dem Erkrankten, und Esther weinte schon nach wenig Wochen am Sarge ihres geliebten Vaters. Das früh verwaiste Mädchen schmiegte sich in ihrem Kummer jetzt mit doppelter Innigkeit an das treue Herz, das ihre Kindheit behütet und bewahrt hatte.
»O Tante Booland,« rief sie weinend, als sie an der Seite dieser braven Frau vom Friedhofe zurückkehrte und das einsame Pfarrhaus wieder betrat, aus dem man ihren Vater zur ewigen Ruhe hinweggetragen, »nicht wahr, du verläßt mich nicht auch, sondern bleibst bei deiner armen kleinen Esther?«
»Nein, mein liebes Herzenskind, ich verlasse dich nicht, wenn's der liebe Gott nicht anders bestimmt,« sagte Frau Booland sanft und streichelte die Wange des Mädchens. Dabei aber flogen ihre Blicke unruhig und sorgenvoll hinüber nach dem Gutshofe, und eine erwartungsvolle Spannung trieb sie rastlos umher, so daß sie zum ersten Male im Leben selbst bei ihrer Näharbeit keine Ruhe fand. Rasch fuhr sie oft empor, als höre sie jemand kommen, und immer wieder blickte sie nach dem Wege hinaus, der durch das Dorf führte.
Endlich steigerte sich die Erwartung der braven Frau bis zum Aeußersten; denn sie hörte draußen im Hofe Schritte und sah gleich darauf Frau von Ihlefelds schlanke Gestalt in das Haus eintreten.
Herr und Frau von Ihlefeld hatten mit dem Pfarrhause stets freundlichen Verkehr gepflogen, so lange Pastor Wieburg Pfarrer ihres Dorfes Rahmstadt gewesen, und die Freundschaft der Kinder hatte die beiden Häuser in mannigfache Verbindung gebracht. Der ernste, abgeschlossene Pfarrer besuchte den Gutshof zwar nur selten; aber er war jederzeit dort ein geehrter und lieber Gast. Herr von Ihlefeld besaß wirkliche Hochachtung für ihn und auch die Gutsherrin, obwohl sie vor dem ernsten Manne eine kleine Scheu nicht überwinden konnte, ehrte in demselben den würdigen Geistlichen und langjährigen Freund. Beide Gatten aber waren vom tiefsten Danke beseelt für die treue Liebe und Hingebung, mit welcher Pastor Wieburg jahrelang ihren einzigen Sohn unterrichtete und ihm der sorgsamste Lehrer und liebevollste Erzieher gewesen war.
Aber trotz dieses freundschaftlichen Verkehrs und trotz der steten Freundlichkeit, welche Esther im Gutshofe genoß, konnte man doch bemerken, daß Herr und Frau von Ihlefeld jederzeit etwas Zurückhaltendes im Umgang mit den Gliedern des Pfarrhauses behielten. Sie waren und blieben stets die adlige Herrschaft von Rahmstedt, und ihre Freundlichkeit glich nur zu häufig der Gunstbezeugung eines Höheren gegen Niedriggestellte. Besonders die einfache Frau Booland hatte oft von dem Stolze der Gutsherrin zu leiden; aber in ihrer Demuth klagte sie nie über derartige Kränkungen. Der Pfarrer bemerkte dergleichen Schwächen bei seinen Freunden kaum, oder lächelte nur im Stillen darüber, Esther aber war viel zu sehr sorgloses Kind, um dergleichen zu empfinden.
Bei der Erkrankung des Pfarrers aber hatten sich Herr und Frau von Ihlefeld theilnehmend und wahrhaft freundschaftlich bewiesen, und mehr als einmal hatte die Gutsherrin, wenn sie auf den leider zu erwartenden Trauerfall Bezug nahm, mit inniger Theilnahme zu Frau Booland gesagt: »Um Esthers Zukunft soll der Kranke keine Sorge haben, dieses lieben Kindes werden wir uns annehmen, das versteht sich von selbst.« Aber in welcher Weise dies geschehen würde, darüber sprach sie sich nie weiter aus, und so war es natürlich, daß Frau Booland der jetzigen Entscheidung mit lebhafter Unruhe entgegensah. Drohte der braven Pflegerin ja doch die Trennung von ihrem Lieblinge, der sie mit wirklich mütterlicher Liebe anhing. Und doch wagte sie nicht zu klagen und solche Gedanken laut werden zu lassen; denn was konnte es für Esther's Zukunft denn Besseres geben, als im Hause von Bertels Eltern liebevolle Aufnahme zu finden? Ihre Phantasie wob dann in reger Geschäftigkeit weiter an den herrlichen Zukunftsträumen für ihren jungen Pflegling, und wenn ihr auch die hellen Thränen dabei über das ehrliche Gesicht tropften, dachte sie an die Trennung und an ihr eigenes einsames Leben, so schalt sie sich doch immer wieder selbst über solchen Egoismus, der noch an das eigene Glück neben dem der geliebten Esther denken konnte.
Und nun war der Augenblick gekommen, der ihr die Kunde bringen mußte, daß Esther jetzt mit Frau von Ihlefeld gehen und sie allein zurücklassen sollte! Die brave Frau Booland hatte all' ihre Kraft zusammen zu nehmen, um Frau von Ihlefeld ruhig und mit der gewöhnlichen höflichen Ergebenheit entgegen zu gehen. Die Gutsherrin war ein seltener Gast in dem Pfarrhause, nur während der Krankheit Pastor Wieburgs hatte sie dasselbe häufiger besucht, um Esther ihre Theilnahme zu beweisen; der Kranke selbst erkannte sie kaum noch. Hubert begleitete heute seine Mutter; denn zur Beerdigung seines theuren Lehrers war er auf einige Tage aus der Pension nach Hause gekommen. Während die beiden Kinder nun in Esthers Stübchen beisammen waren, und Bertel seine junge Freundin zu trösten und zu zerstreuen suchte, saß im Wohnzimmer Frau von Ihlefeld der erregten Frau Booland gegenüber und sagte nach einer kleinen Pause, während welcher das Herz der ehemaligen Frau Schulmeisterin fast hörbar klopfte: »Meine gute Frau Booland, ich habe Ihnen schon mehrfach angedeutet, daß nach Herrn Pastor Wieburgs Tode die Sorge für dessen Tochter mein und meines Mannes Sache sein wird; das sind wir demjenigen schuldig, der unserem Sohne ein so treuer, väterlicher Freund gewesen ist. Wir haben vielfach nachgedacht, was für Esther wohl das Beste sein möchte. Wollten wir sie zur Lehrerin ausbilden lassen, so müßte sie noch lange Zeit in eine Pensionsanstalt gehen; denn sonderbarer Weise hat sie gerade die Dinge, welche eine Erzieherin wissen muß, nicht gelernt trotz aller Gelehrsamkeit. Moderne Sprachen kann sie nicht und mit Musik und Zeichnen ist es auch nicht viel geworden. Aber bei der Eigenthümlichkeit Esthers würde sie ein solcher Aufenthalt sehr unglücklich machen, denke ich mir. Das Einfachste wäre, sie zu uns in das Haus zu nehmen. Aber auch dagegen spricht vieles. Esther ist ein armes Mädchen, eines schlichten Landpredigers Tochter, angewiesen auf eine Zukunft voll bescheidener Aussichten und einfacher Lebensstellung. In unserem Hause aber würde sie sehr verwöhnt werden, würde Ansprüche lernen, welche für ein Mädchen bürgerlicher Herkunft und ohne Vermögen nicht passend wären. Und doch würde es, glaube ich, kränkend für sie sein, wollte ich, um diese Uebelstände zu vermeiden, ihr eine untergeordnete Stellung in unserem Hause zuweisen.
So haben wir denn beschlossen, ihr ein kleines Eigenthum zu schenken, in dem sie mit dem mütterlichen Vermögen, welches ihr geblieben ist, eine bescheidene selbständige Existenz finden kann. Sie, meine brave Frau Booland, würden ein gutes Werk thun, wenn Sie Esther zur Seite blieben, wie bisher. Das kleine Haus, das neben der Försterei liegt, und ein Stückchen Garten und Feld soll Esthers Eigenthum werden. Ich denke, das wird ihr lieb sein, besonders wenn sie hört, daß es Bertels Idee war, ihr dies zu schenken; er glaubt, der nahe Wald wird für Esther einen besonderen Reiz haben. Er ist immer so sinnig und gut, unser braver Sohn, und möchte jedem eine Freude machen, und wir kommen seinen Wünschen immer gern nach, wenn es möglich ist. Ich denke, Esther wird sich gegen uns und gegen Hubert auch stets dankbar beweisen, denn sie ist ja ein liebes, bescheidnes Mädchen und wird es hoffentlich auch stets bleiben. Nun aber rufen Sie mir Esther, liebe Booland, damit ich mit ihr über diese Sachen sprechen kann.
Frau Booland war froh, daß sie einen Grund hatte, hinaus zu gehen; denn in ihr jagten und überstürzten sich tausend Gedanken und Gefühle, und doch wagte die bescheidene Frau nicht, dieselben gegen die stolze Gutsherrin auszusprechen. Mit einer leichten Verbeugung erhob sie sich vom Stuhle und schritt dann rasch zum Zimmer hinaus.
»Gott sei Dank, daß ich fort konnte!« sagte sie tief aufathmend und legte die große Hand wie beruhigend auf ihr weißes Brusttuch. »Ist das eine Welt! Sind das Menschen! Hochmuth, Hochmuth und nichts als Hochmuth! Ja, sorgen wollen sie für das arme, herzige Kindchen; aber mit welcher Miene, welcher beleidigenden Art und Weise! Die Füße soll sie ihnen wo möglich dafür küssen, und daß sie sich nur ja nicht etwa untersteht, sich jemals ihres Gleichen zu dünken! Und da muß Bertel erst noch kommen und ihnen den Weg zeigen, und eigentlich ist's nur, um ihm einen Wunsch zu erfüllen, sonst hätten sie es sicher gar nicht gethan. Nun Gott sei Dank, daß es so gekommen ist, da kann ich doch bei meinem Herzblättchen bleiben! Mir konnte ja kein größeres Glück passiren. Aber für Esther! Nein, nein, auch für Esther ist es besser so, als um Gotteswillen in einer Familie zu leben, die ihr hochmüthig das Bürgerblut vorwirft und sie wohl gar zum Hauspudel herabwürdigen möchte. Was? Meine Esther, dies kluge, liebreizende Geschöpfchen, meine Wonne und mein Augentrost, die Gespielin des braven Bertel, soll die etwa Kammerjungfer der gnädigen Frau werden, damit sie nur nicht vergißt, daß sie kein von vor ihrem Namen hat und also nicht werth ist, in Gemeinschaft mit solchen hochgebornen Leuten die Füße unter den Tisch zu stecken? Nein, mein Goldkind, das litte ich nun und nimmer, da wollte ich mir lieber die Hände abarbeiten, um dich vor solcher Existenz zu bewahren. Aber so sind sie nun, diese vornehmen Leute! Den Sohn herzuschicken Tag für Tag, daß er von unserem Herrn Pastor die schönsten gelehrtesten Dinge lernt, von denen sie sich alle zusammen kein Tütelchen können träumen lassen, dazu sind sie nicht zu vornehm, das nehmen sie von dem armen bürgerlichen Pfarrer recht gern an Jahr für Jahr. Aber der Dank dafür, wenn er auch schließlich gegeben wird, hat einen gar unangenehmen Beigeschmack. Nun Estherchen soll's aber nicht merken, das liebe unschuldige Herz; sie soll nur die Freude von dem Geschenk haben, mir zähen Alten kann der Beigeschmack doch nichts mehr schaden.«
Unter derartigen Worten und Gedanken hatte Frau Booland das Zimmer erreicht, in dem Hubert und Esther beisammen saßen. Bertel hatte seiner kleinen Freundin bereits den Plan mitgetheilt, den seine Mutter Frau Booland eröffnete; aber freilich in sehr anderer Weise, als Frau von Ihlefeld es gethan. So fand denn Tante Booland ihren jungen Liebling mit freudig strahlenden Augen und glühenden Wangen an Bertels Seite sitzend, und voll Entzücken flog sie ihrer braven Pflegemutter entgegen und verkündete ihr die erfreuliche Neuigkeit. Frau Booland lachte mit ihr durch ihre Thränen hindurch, dann aber führte sie beide Kinder zu Frau von Ihlefeld hinab. Hier hatte sie die Genugthuung, zu bemerken, daß Hubert, als seine Mutter anfing, auch gegen Esther von der bescheidenen Lebensstellung und Herkunft zu sprechen, an welche sie allein Ansprüche machen könne, plötzlich feuerroth wurde und heftig sagte: »Mama, laß doch, das ist ja alles ganz egal. Ich bin Esthers Bruder, und also ist Esther ebensoviel als ich. Sie hat mir versprochen, sie will als meine Schwester alles von mir annehmen, wenn sie etwas braucht, und als erstes Geschenk gebe ich ihr das hübsche kleine Haus, niemand anders, nicht wahr? So hast du's mir wenigstens versprochen, Mama. Esther hat sich auch schon bei mir bedankt; aber eigentlich braucht sie das gar nicht, da sie meine Schwester ist.«
Frau von Ihlefeld war sehr roth geworden bei dem kindischen Gespräch ihres Sohnes; doch lächelte sie und sagte ausweichend: »Schon gut, lieber Bertel! Esther wird sich hoffentlich recht wohl in der neuen Heimath fühlen und ihr Vaterhaus nicht zu schmerzlich entbehren. Wir aber, mein liebes Kind, wollen dir auch ferner treu zur Seite stehen, das verspreche ich dir.«
Dabei küßte sie das junge Mädchen liebevoll, und Esther weinte bald, bald lachte sie wieder, innig aber dankte sie für alle Liebe und Güte, die ihr zu Theil wurde. Und wie viel Grund hatte sie zu Glück und Freude! Der Gedanke, ihr liebes Dorf nicht verlassen zu müssen, in der Nähe von Bertel und dessen Eltern zu bleiben, und bei der Pflegerin ihrer Kindheit, der treuen Tante Booland, ferner leben zu können — es war eine schöne, beglückende Aussicht mitten in ihrer Trübsal, und sie gab sich diesem Glücke mit vollem Herzen hin.
So sehen wir denn mit dem beginnenden Frühjahr unsere kleine Esther als Bewohnerin eines hübschen, freundlichen Häuschens, das rings von einem netten Gärtchen umgeben ist. Unmittelbar hinter dem Hause erhebt sich der dichte Laubwald, und in einiger Entfernung davon liegen die Häuser des Dorfes und der Gutshof. In nächster Nachbarschaft steht das Haus des Försters, und Esther sowohl als ihre treue Tante Booland sind hier wie im ganzen Dorfe liebe, gern gesehene Gäste. Ein harmlos glückliches, friedliches Dasein erblühte für Esther in dieser traulichen Häuslichkeit, sie selbst aber wuchs heran zu einem frischen, schönen, fröhlichen Mädchen, das alle Menschen lieb hatten.
Mehr als ein Jahr war so vergangen, da durchlief eine schreckliche Kunde das Dorf Rahmstedt. Oft schon hatte man sonderbare Gestalten auf dem Gutshofe ein- und ausgehen sehen, schäbig gekleidete, jüdische Männer. Man sprach vom Verkauf des Gutes und von großen Verlusten, welche Herr von Ihlefeld gehabt habe, eines Morgens aber fand man den unglücklichen Gutsherrn erschossen in seinem Zimmer. Ein Brief an seine Gattin sagte dieser, daß sie am Bettelstabe wären in Folge unglücklicher Speculationen, in welche er sich eingelassen habe, und daß er nicht im Stande sei, diesen Schlag zu überleben. Auch sie und seinen armen Sohn habe er durch seinen Leichtsinn unglücklich gemacht, das könne er nicht mit ansehen. Dem Todten würden sie eher verzeihen als dem Lebenden, darum scheide er lieber von ihnen.
Es war ein furchtbarer Schlag für die unglückliche Frau. Sie, die so stolz und erhaben über all' denen gestanden hatte, welche sie umgaben, sie mußte es nun ertragen, daß man sie von ihrer Höhe stürzte und sie hinausstieß in die Welt, arm und hülflos wie das ärmste Weib ihres Dorfes. Das ganze prachtvolle Gut ging in andere Hände über, und die arme Frau rettete von der ganzen Habe kaum so viel, sich vor der bittersten Noth zu schützen. Wie verzweifelt irrte sie durch die wüsten Zimmer des schönen Hauses, nicht wissend, wohin sie sich wenden sollte in ihrem grenzenlosen Elend; denn erbarmungslos achteten die hartherzigen Gläubiger wenig ihres Kummers. Suchte doch jeder so schnell wie möglich sich für seine Verluste an dem hinterlassenen Besitzthum schadlos zu halten, und obwohl der Todte noch nicht bestattet, wühlten doch schon fremde Hände in seinen Papieren und versiegelten die ganze Hinterlassenschaft. Da flogen hastige Schritte die Stufen der Freitreppe hinauf, und an das Herz der trostlosen Wittwe schmiegte sich weinend und zärtlich ein schlankes Mädchen. Es war Esther. Noch zitterte das Entsetzen über die fürchterliche Nachricht in allen ihren Gliedern; aber der unglücklichen Frau gedenkend kämpfte sie alle andern Gefühle nieder und gab nur dem einen Raum: der Mutter Bertels Hülfe und Trost zu bringen so viel in ihren Kräften stand. Und sie konnte es ja, dem Himmel sei Dank, konnte es durch die einstige Güte derer, denen sie nun helfen wollte. Jetzt war sie ja die Reiche ihren ehemaligen Wohlthätern gegenüber und konnte ihnen den Zins abtragen für so viele Güte und Liebe. O wie glücklich machte sie der Gedanke, und mit welchem Entzücken erfüllte sie diese Aussicht!
Frau von Ihlefeld umschlang Esther mit einem Schrei der Verzweiflung, und dann brach sie in einen Strom von Thränen aus. Bis dahin hatte das Entsetzen über das furchtbare Schicksal, das sie betroffen, wie eine Felsenlast auf ihr gelegen und sie aller Thränen und aller klaren Gedanken beraubt. Beim Anblick des Kindes aber, das weinend an ihr Herz sank, wich der Bann, der auf ihr lastete, und sie fand erlösende Thränen. Als die arme Frau endlich ruhiger wurde, da schlang Esther ihre Arme um sie und zog sie mit sich hinaus aus den wüsten, unheimlichen Räumen, in denen so Schreckliches über sie gekommen war, und führte sie schweigend nach ihrem eigenen kleinen Hause am Walde.
»Hier ist jetzt Ihre Heimath, liebe Tante Ihlefeld,« sagte Esther freudig. »Bertel hat mich seine Schwester genannt, so habe ich also ein Recht, unsere theure Mutter in meinem Hause zu haben und zu pflegen, denn es ist ja auch das Ihre. Nicht wahr, Tante Ihlefeld, Sie bleiben bei uns?«
Frau von Ihlefeld verbarg ihr Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. »O Kind, Kind,« schluchzte sie, »Gott segne dich, du bist ein braves Mädchen! O, was wird Bertel sagen!« Und wieder brach das unglückliche Weib unter der Last ihres Jammers zusammen. Aber in der jetzigen Umgebung fand sie doch eher Ruhe und Fassung, und Esther, wie auch die gute, einfache Frau Booland verstanden es, ihr das schwere Schicksal zu erleichtern.
Und nun kam Hubert. Man hatte ihm erst nach und nach das schreckliche Schicksal mitgetheilt, das über ihn und seine Mutter hereingebrochen war, und der arme Knabe war wie vernichtet von der Nachricht. Einer seiner Lehrer begleitete ihn nach Rahmstedt, da er den Fassungslosen nicht allein lassen wollte, und es war ihm gelungen, den armen Bertel wenigstens so weit zu beruhigen, daß er der Mutter gegenüber seinen Kummer zu beherrschen versprach, um dieselbe nicht noch unglücklicher zu machen. Esther hatte mit großer Umsicht dafür gesorgt, daß Hubert bei seiner Ankunft den Gutshof gar nicht betrat. In ihrem Häuschen fand das erschütternde Wiedersehen statt zwischen Mutter und Sohn, und hier bereitete Esther auch für Bertel die Wohnung. So klein das Haus war, die unteren Räume genügten für sie und für Tante Booland, die oberen aber gehörten Frau von Ihlefeld und Bertel.
Ein ganz neues Leben begann nun für unsere Esther. Sie hatte die Sorge für zwei geliebte Wesen übernommen, das forderte all' ihre Kräfte heraus sowohl des Geistes als des Körpers. Die Mittel zum täglichen Unterhalt waren sehr beschränkt; denn Frau von Ihlefeld rettete aus den Trümmern ihres Besitzthums nur einen ganz unbedeutenden Rest. Und doch galt es, die arme verwöhnte Frau nicht allzuschmerzlich fühlen zu lassen, was sie alles zu entbehren hatte, vor allem aber galt es, Bertels Pension weiter zu bezahlen, damit er seine Studien nicht unterbrechen mußte. Und doch besaß Esther nur das kleine mütterliche Vermögen, welches gerade für ihre eigenen bescheidnen Bedürfnisse ausreichte. Aber sie blickte mit frohem Muthe all' diesen Schwierigkeiten in das Antlitz. Sie hatte versprochen, für Bertel und dessen Mutter zu sorgen, und nun mußte sie auch die Mittel dazu finden.
»Ich bin gesund und kann arbeiten, Tante,« sagte sie entschlossen zu Frau Booland, als diese bedenklich hin und her überlegte, wie man sich einzurichten habe. »Bis jetzt habe ich dir und andern überlassen, für mich zu arbeiten, nun will ich selbst mit angreifen, dadurch ersparen wir gewiß manche Ausgabe. Für fremde Hülfe dürfen wir jetzt nichts mehr bezahlen, denn du sollst sehen, deine faule, kleine Esther wird die Hände besser rühren als bisher.«
Wirklich fing das junge Mädchen jetzt mit energischem Entschlusse an, sich des Hauswesens und aller sonstigen Geschäfte anzunehmen. Nur die groben Arbeiten in Haus, Hof und Garten überließ sie einer jungen Magd, bei allen andern Geschäften in Küche und Haus aber und allen Arbeiten der Nadel stand sie der fleißigen Frau Booland jetzt unermüdlich zur Seite. Die frühe Morgenstunde fand Esther schon in voller Thätigkeit; denn früh müßte sie anfangen, wollte sie mit allem fertig werden, was sie übernommen hatte. Mit wahrhaftem Heroismus griff sie in den vor ihr stehenden hochaufgepackten Korb, in dem die Wäsche Bertels und seiner Mutter ihrer ausbessernden Hand wartete, und wenn die ungewohnte Arbeit sie auch manchen Seufzer und manchen Schweistropfen kostete, das brave Kind verlor die Ausdauer nicht. Sie hatte die Pflichten einmal übernommen, so wollte sie auch nicht als Feigling der Fahne wieder entfliehen, der sie Treue gelobt. Die sorglose Esther früherer Tage, welche leichtsinnig alle Mühe des Ordnens und Aufräumens ihrer nachsichtigen Pflegemutter überließ, sie trippelte schon von früh ab geschäftig im Hause herum, für Tante Ihlefeld alles fertig zu machen, was diese bedurfte. Mit dem Morgenkaffee erschien Esthers lachendes Gesichtchen in dem stillen Zimmer ihres Gastes und verscheuchte die traurigen Gedanken, welche auf der gebeugten Frau lasteten. Geschäftig räumte sie die beiden Zimmer auf, welche Frau von Ihlefeld bewohnte; denn es war ihr Stolz, dies selbst zu machen; niemand durfte ihr das abnehmen. Dann half sie derselben bei ihrem Anzuge, kämmte ihr das schöne blonde Haar, das Bertel von der Mutter geerbt, und verrichtete freiwillig und eifrig alle Dienste einer Kammerjungfer bei der verwöhnten Frau, welche nie im Leben selbst dergleichen Dinge gethan hatte. Was Frau Booland einst mit Zorn und Unwillen erfüllte, der Gedanke, daß ihr Goldkind Esther eine dienende Stellung bei Frau von Ihlefeld einnehmen könnte, das war jetzt etwas so Selbstverständliches geworden, daß auch Tante Booland es nur loben konnte. Aber freilich, unter wie andern Verhältnissen geschah es jetzt!
»Es ist wirklich ein Prachtmädel, die Esther!« dachte Frau Booland eines Tages und blickte voll Stolz in das frische, bräunliche Gesicht ihres Lieblings, das von Eifer und Freudigkeit glühte, während es sich über einen feinen Kuchenteig bückte, zu dessen Bereitung ihre Pflegemutter sie angeleitet hatte.
»Wenn sie etwas ordentlich will, dann kann sie es auch. Für sich selbst hätte sie nie einen Finger gerührt und lieber nie einen Bissen Kuchen gegessen, wenn sie ihn hätte selbst backen sollen. Aber wen sie lieb hat, für den thut sie alles und ginge durch's Feuer.«
»Tante Ihlefeld wird einmal staunen, wenn ich ihr morgen früh mit dem Kaffee diesen Lieblingskuchen bringe!« rief Esther fröhlich. »Dem Bertel möchte ich auch davon schicken, er ißt ihn auch so gern, und eine kleine Freude würde ihm jetzt so gut thun, dem armen Jungen. Meinst du nicht auch, Tante?«
»Gewiß, mein Goldkind, thue es nur!« entgegnete Frau Booland. »Aber streiche die Butter nicht gar zu dick darauf, mein Schatz, es ist unnütz und Butter ist theuer.«
Esther blickte betroffen auf. »Da ist wohl eigentlich mein ganzer Gedanke unklug gewesen, Tante,« sagte sie nachdenklich. »Kuchenbacken kostet Geld, daran dachte ich nicht, wir müssen ja sparsam sein.«
»Laß nur, Kind,« beruhigte Frau Booland, »du wolltest der gnädigen Frau eine Freude machen und sie mit etwas aufheitern, da sind die paar Groschen keine Verschwendung. Wir wollen sie schon anderweitig wieder ersparen.«
»Tante, was meinst du!« rief Esther, »ich werde mir den Kaffee abgewöhnen, er erhitzt mich doch nur und das ist gleich eine Ersparniß. Was ich bisher an Kaffee und Zucker verbrauchte, bringe ich jetzt Tante Ihlefeld, da kostet es nicht mehr als bisher. Und meine Weißbrodchen können wir auch sparen. Ich trinke ein Glas Milch, wenn's hoch kommt, und dazu schmeckt Schwarzbrod vortrefflich. Besinne dich einmal, was könnte man denn noch weiter sparen. Du hast mich so verwöhnt, liebste Tante, daß ich gar nicht weiß, was entbehren heißt. Und doch wäre es mir eine so große Wonne, für Tante Ihlefeld und Bertel mir recht große Entbehrungen aufzuerlegen.«
In dieser Opferfreudigkeit fand sie denn noch tausend kleine Dinge, welche sie als unnütz aufgab; bald die Butter auf dem Vesperbrode, bald Obst oder Honnig oder Fleischwerk. Dann opferte sie auch allerlei überflüssige Kleinigkeiten an ihrer Kleidung, um Ersparungen zu machen: das farbige Band ihres schwarzen Haares und die bunte Schleife am Kragen wurden für festliche Gelegenheiten in den Kasten gelegt, und die seidene Schürze ersetzte jetzt eine von Kattun oder Wolle. Wo sie in ihrer Lebendigkeit sich bisher wenig darum gesorgt hatte, wenn ein Riß ihr Kleid verdarb, oder Schmutzflecke es unbrauchbar machten, da wachte sie jetzt mit ängstlicher Sorgfalt darüber, ihren Anzug zu schonen, damit er um so länger hielt und die Ausgaben für neue Sachen erspart blieben. Was sie aber Schönes oder Zierliches besaß und geschenkt bekam, das trug sie hinauf zu ihrer lieben Tante Ihlefeld, um dieser ein Lächeln oder einen freundlichen Blick zu entlocken. Jeden Morgen stellte sie frische Blumen auf den Tisch des Wohnzimmers, brachte die blühenden Pflanzen, welche ihr Fenster schmückten, hinauf in das Stübchen der Wittwe, und immer fand sie irgend eine kleine Gabe, welche sie mit dem Frühstück auf den Tisch stellte. Den weichen Lehnstuhl ihrer verstorbenen Mutter setzte sie in Frau von Ihlefelds Fenster, und ihren eigenen zierlichen Nähtisch davor. Gestickte Kissen und Fußbänke, ihren kleinen Teppich und ihre feinsten Gardinen, alles brachte sie herbei, die Wohnung freundlich auszuschmücken, und selbst ihr zahmer Kanarienvogel erhielt dort am Fenster sein Plätzchen und zwitscherte der traurigen Frau seine fröhlichen Lieder zu, als wollte er auch helfen ihre trüben Gedanken zu verscheuchen.
Frau von Ihlefeld dankte Esther für diese liebende Sorge mit wehmüthigem Lächeln und thränendem Auge. In der ersten Zeit, welche ihrem Unglück folgte, war sie wie betäubt von dem entsetzlichen Schlage und unfähig, für sich selbst zu denken und zu sorgen. So wurde Esthers Liebe für sie ein doppelter Segen. Nach und nach aber begann sie, selbst zu sorgen und zu überlegen, in welcher Weise sich ihre und ihres Sohnes Zukunft gestalten sollte. Ihr Gatte hatte ihr stets alles fern gehalten, was die Sorge für das tägliche Leben betraf, und hatte der zarten Frau nie Einblick in seine Geschäfte und Unternehmungen gestattet, um sie nicht zu beunruhigen. So stand sie denn doppelt hülflos ihrem Schicksale gegenüber. Nahe Verwandte besaß sie selbst nicht, und denen ihres Gatten hatte sie stets ziemlich fern gestanden. Jetzt jedoch wandte sie sich an dieselben, Hülfe und Rath von ihnen erbittend. Nun aber erfuhr sie erst, daß auch diese Verwandten durch den Ruin ihres Gatten bedeutende Verluste erlitten hatten und in Folge davon wenig geneigt waren, noch weitere Opfer zu bringen. Frau von Ihlefelds Stolz sträubte sich unter diesen Verhältnissen auch dagegen, von denen Hülfe anzunehmen, welche ihrem Gatten zürnen mußten, und so legte sie allein Gott ihre und ihres Sohnes Zukunft an das Herz. Von Esther Opfer anzunehmen, kränkte sie nicht; denn sie fühlte nur zu sehr, daß es einzig Liebe und Dankbarkeit war, welche diese zu allem antrieb, und so war und blieb das junge Mädchen nach wie vor die einzige Versorgerin der einst so stolzen Frau.
Das Verhältniß zwischen Esther und Frau von Ihlefeld gestaltete sich mehr und mehr so herzlich und innig, als es unter den früheren Umständen nie der Fall gewesen wäre, und auch die brave Frau Booland hatte jetzt keinen Grund mehr, sich über den Stolz der gnädigen Frau zu beklagen.
Um Esther doch auch etwas Freundliches zu erzeigen, unterwies Frau von Ihlefeld dieselbe jetzt im Französischen, was Esther bei ihrem Vater nicht gelernt hatte. »Man kann nicht wissen, wozu du es im Leben noch brauchst, mein Kind,« sagte sie, und Esther lernte mit Freuden, schon um ihrer Lehrerin willen.
So ging die Zeit hin und auch diese Wunden schlossen sich nach und nach. Bertel war seit dem Unglücksfalle stiller und ernster geworden und hatte sich mit doppeltem Eifer dem Studium gewidmet. »Ich habe jetzt keine anderen Hülfsquellen mehr im Leben,« sagte er zu Esther, als diese eines Tages seine bleichen Wangen sorgenvoll ansah und ihm wegen des zu großen Fleißes Vorwürfe machte. »Aber Gott weiß,« fügte er düster hinzu, »ob ich überhaupt einmal studiren kann, ich habe ja kein Geld dazu!« Da fuhr Esther angstvoll empor und blickte Bertel in das Gesicht. »Es muß dazu da sein, Bertel,« entgegnete sie fest. Bertel sah gedankenvoll vor sich nieder. »Esther,« sagte er tonlos, »meine Mutter und ich nehmen jetzt schon zu viel von dir an, ich weiß, du entbehrst selbst dabei. Aber zum Studiren reicht es doch nicht.«
»Es muß aber geschafft werden, Bertel, denn studiren mußt du,« rief Esther abermals entschieden. »Und was meine sonstigen Ausgaben betrifft, darüber mache dir nur keine Gedanken. Bin ich nicht deine Schwester, Bertel? Und würdest du nicht dasselbe für mich thun?«
Bertel nickte stumm mit dem Kopfe. »Du hast recht,« sagte er nach einer Pause, »von niemand anderm würde ich solche Opfer annehmen, von dir thue ich es mit Freuden.«
Esther blickte ihren jungen Freund mit glücklichem Stolze in das feine Gesicht. »Leider bin ich ja kein Junge wie du,« sagte sie nachdenklich, »und kann nicht mit dir studiren; da mußt du es nun für uns Beide thun. Damit ich mein Schärflein aber auch beitrage, arbeite ich nun für dich, dann habe ich doch auch meinen Antheil an deinem Ruhme. Und habe nur keine Angst, ich werde schon die Mittel finden, wenn die Zeit da ist, wo du studiren sollst.«
Bertel war von jeher so daran gewöhnt, Esther in allen praktischen Dingen für sich eingreifen zu lassen, daß er auch jetzt sich vertrauensvoll aller weiteren Sorgen entschlug. Schon als kleines Mädchen hatte sie dem Knaben alles abgenommen, was ihm unbequem oder lästig war; denn dem kleinen Gelehrten hatten alle praktischen Dinge von jeher schon Schwierigkeiten bereitet, und die rührige Esther griff überall zu. War für die Stunden ein Buch zu heften, oder Tafelstifte zu spitzen, Tinte einzugießen oder Linien zu ziehen, immer war Esther die geschäftige Martha. Und wenn sie dann beim Spiel in Wasser oder Koth gerathen waren, oder beim Klettern und Haselnüssesuchen sich das Haar zerzausten, so wußte Esther immer rasch dem Uebel abzuhelfen. Denn wenn sie selbst auch an Tante Booland eine gar nachsichtige Erzieherin hatte, so fand doch Bertel mit beschmutzten Kleidern oder wüstem Aussehen weniger gute Aufnahme bei seiner Mutter. »Esther wird schon helfen,« das war Bertels Trostspruch in allen Verlegenheiten seiner Kindertage, und »Esther wird schon helfen,« so hieß es auch jetzt, das verstand sich ganz von selbst, darüber brauchte Bertel sich keine Sorgen zu machen.
Esther stand nach diesem letzten Gespräch lange am Fenster und war in tiefe Gedanken verloren. Als Kind hatte sie nie viel Worte darum gemacht, wenn sie Bertel die kleinen Sorgen abnahm, sondern eben einfach zugegriffen. Auch jetzt galt es, nicht erst lange mit ihm zu überlegen, wie sie ihm helfen sollte. Genug, daß sie es versprochen hatte. Es war Dämmerstunde und die Abendglocke läutete im Dorfe. Esther trat mit Hut und Tuch unter die Hausthüre und sagte zu Frau Booland, welche erstaunt fragte, wohin sie denn gehe: »Ich will der Frau Pastorin eine Probe des neuen Gestrickes bringen, Tante, ich komme bald wieder.« Und rasch eilte sie die Dorfstraße hinab dem Pfarrhause zu.
Der neue Prediger von Rahmstedt war ein freundlicher, leutseliger Mann, der sich Esthers sowohl, als der unglücklichen Frau von Ihlefeld sehr thätig angenommen hatte. Auch seine Frau war herzlich und liebevoll zu Esther, und mit Frau Booland hatte sie sogar innige Freundschaft geschlossen. Gern weilte das junge Mädchen denn auch jetzt noch in dem ihr so theuren Pfarrhause. Auch die Kinder Pastor Krauses, zwei Knaben und ein Mädchen, hingen mit großer Liebe an Esther und empfingen dieselbe immer mit lautem Jubel; denn das junge, heitere Mädchen verschmähte es nicht, sich ihnen in Garten und Wald zu lustigen Spielen anzuschließen.
Als Esther heute Abend das Pfarrhaus betrat, sagte sie der Frau Pastorin und den Kindern nur flüchtig guten Abend und eilte auf das Studirzimmer des Pfarrers. Die kleine Studirlampe brannte schon auf dem Schreibtische, der Geistliche aber ging in Gedanken verloren in seinem Zimmer auf und ab.
»Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie störe, Herr Pastor,« sagte Esther eintretend, »aber ich möchte Ihnen heute eine große Bitte vortragen, die ich nicht aufschieben darf.«
»Bitte, meine liebe Esther, sprechen Sie, Sie stören mich nicht,« entgegnete der Pfarrer freundlich, indem er des jungen Mädchens Hand ergriff und sie nach dem Sopha führte, wo er sich erwartungsvoll neben sie setzte.
»Lieber Herr Pastor,« sagte nun Esther etwas zaghaft, »Sie sagten mir, daß Sie bald einige Knaben erwarten, die Sie mit Ihren Söhnen erziehen und unterrichten lassen wollen. Haben Sie für diese schon einen Lehrer engagirt?«
»Nein Esther, noch nicht bestimmt, ich bin noch in Unterhandlung mit einem jungen Manne. Aber warum? Wollten Sie mir vielleicht einen vorschlagen?« entgegnete der Pfarrer.
»Ja, Herr Pastor, das wollte ich allerdings und zwar mich selbst!« sagte Esther erröthend.
»Wie, Sie selbst, liebe Esther? Wie soll ich das verstehen?« erwiederte Jener lächelnd.
»Sie wissen vielleicht, daß mein Vater mich im Lateinischen und Griechischen, sowie in den Wissenschaften sehr sorgfältig unterrichtet hat,« sagte Esther nun muthig aufschauend. »Ich bin genöthigt, mir jetzt Geld zu verdienen, und durch Unterricht vermöchte ich das doch wohl am besten. Aber bei Mädchen könnte ich nicht Erzieherin oder Lehrerin werden; alte Sprachen lernen diese nicht, neue Sprachen aber sind mir fremd, und diese werden von einer Erzieherin gefordert. Knaben jedoch kann ich das lehren, was ich gelernt habe. Deshalb kam mir der Gedanke, mich Ihnen als Lehrerin anzubieten, vielleicht versuchen Sie es mit mir. Geht es nicht, so ist ein Wechsel ja bald gemacht. Sie würden mich unendlich glücklich machen, wollten Sie den Versuch wagen, Herr Pastor.«
Pastor Krause blickte ganz erstaunt in Esthers brennend rothes Gesichtchen, das sich ihm erwartungsvoll zuwandte. »Mein liebes Kind,« sagte er sanft, »es ist eine Riesenaufgabe, für welche Sie, ein Mädchen, sich melden. Abgesehen davon, daß ich bezweifle, Ihre Kenntnisse würden ausreichen, so ist so ein Rudel wilder Jungen kein Spaß; ein zartes Mädchen ist dem nicht gewachsen.«
»Ich bin kein zartes Mädchen, Herr Pastor,« sagte Esther lachend, »mein Vater hat mich nicht nur im Unterricht wie einen Jungen erzogen. Ich bin eigentlich immer ein wilder Bursche gewesen und würde mit den Jungens sicher auskommen.«
Der Prediger sah von Neuem überrascht in Esthers flammendes Auge, und zum ersten Male fiel ihm der feste, energische Zug auf, der auf ihren Lippen ruhte. Er schüttelte nun lächelnd den Kopf und sagte: »Ja, liebe Esther, ein solcher Lehrer muß sich aber erst einer Prüfung unterziehen.«
»Natürlich, ich bitte dringend darum,« entgegnete Esther rasch.
»Gut, so mag es gleich geschehen, liebes Kind,« rief Pastor Krause und holte Bücher und Schreibzeug herbei, denn die Sache fing an, ihn aufs Aeußerste zu interessiren. Er ließ nun Esther lesen und übersetzen, richtete eine lange Reihe Kreuz- und Querfragen an sie, ließ sich kleine Vorträge über allerlei wissenschaftliche Gegenstände halten, und schließlich gab er ihr einige schriftliche Aufgaben, welche sie zu Hause ausarbeiten sollte. Sein Gesicht nahm während dieser Prüfung mehr und mehr den Ausdruck freudigen Staunens an, und als er endlich Esther entließ, reichte er ihr die Hand und sagte ernst: »Sie haben mich wahrhaft überrascht, Esther. Ich weiß nicht, was ich mehr anstaunen soll: Ihre trefflichen Kenntnisse oder Ihren verehrten Lehrer. Jedenfalls kann ich wegen Ihres Wissens die Knaben Ihnen überantworten; aber wir wollen uns Beide die Sache doch noch weiter überlegen. Wenn Sie mir die Arbeiten bringen, sprechen wir weiter davon.«
Aber als Esther einige Tage darauf das Studirzimmer mit ihren Ausarbeitungen wieder betrat, kam ihr Pastor Krause äußerst herzlich entgegen und sagte: »Esther, ich glaube, ich engagire Sie auf der Stelle. Ich habe noch viel über Sie nachgedacht und ich meine, Sie sind der Sache gewachsen. Alles, was ich über Sie gehört, zeigt mir, daß Sie ein Mädchen sind, stark an Seele und Geist, und ein solcher Lehrer ist einer Schaar Knaben wohl gewachsen. Sie werden schon mit den Bürschchen fertig werden, und im Uebrigen stehe ich Ihnen ja zur Seite.«
So trat Esther denn wenig Wochen darauf ihr neues Amt im Pfarrhause an. Drei fremde Knaben waren mit den beiden Söhnen des Pastors ihre Schüler, und der Unterricht ging vortrefflich. Pastor Krause hatte einige Stunden übernommen, die übrigen aber gab Esther. Die Knaben machten zwar Anfangs große Augen zu ihrer jugendlichen Lehrmeisterin, bald aber bekamen sie den höchsten Respect vor ihr; denn nicht nur, daß sie im Unterricht eifrig und tüchtig war, sie verstand auch, die oft unbändigen, übermüthigen Burschen vortrefflich im Zaume zu halten. Gerade daß sie selbst der tollen und wilden Streiche eine solche Menge gemacht hatte, schärfte ihren Blick für die Streiche ihrer Zöglinge, die oft ganz verblüfft waren, wie schnell Esther ihre Pläne und Absichten durchschaute. Für sie selbst aber erschloß sich eine reiche Quelle der Freude durch diese Thätigkeit, und lehrend lernte sie selbst alles das wieder, was im Laufe der Jahre ihrem Gedächtnisse entschlüpft war.
Und mit welch' freudigem Stolze empfing sie dann die Einnahmen, die ihr aus ihrer Lehrerthätigkeit erwuchsen! Mit leuchtenden Blicken zeigte sie eines Tages Frau von Ihlefeld ihren kleinen Schatz, den sie in Jahresfrist für Bertel gesammelt hatte.
»Du gutes Kind, welche Opfer bringst du!« seufzte die Wittwe traurig. »Wenn ich selbst doch nur nicht so gänzlich aller Mittel beraubt wäre! Immer habe ich noch gehofft, eine alte Schuld, die mein armer Mann ausstehen hatte, würde noch einmal einlaufen; aber auch diese Hoffnung ist sicher vergebens.«
»Eine Schuld, liebe Tante?« fragte Esther erstaunt. »Warum fordern Sie dieselbe denn nicht ein? Wer ist denn der Schuldner?«
»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Frau von Ihlefeld klagend. »Der Schuldner ist todt, und durch ein unbegreifliches Versehen ist der Schein verschwunden, der die Schuld bestätigt. Ein Vetter meines Mannes, der uns vor einigen Jahren besuchte, bedurfte zu einem Unternehmen eines Kapitals, das mein Mann ihm vorschoß. Ich selbst war dabei, als sie es in meinem Zimmer besprachen und ich sah, wie der Vetter die Schuldverschreibung aufsetzte. Wo dies Papier dann aber hingekommen ist, weiß ich nicht; mein Mann suchte oft danach, besonders nachdem die Nachricht vom plötzlichen Tode des Vetters eintraf. O mein Gott, jenes Kapital von 15 Tausend Thalern hätte meinen unglücklichen Mann vielleicht gerettet! Aber da der Schuldschein verschwunden war, hat er nicht gewagt, von dem Erben des Vetters jene Summe zu fordern. Und so ist alles Wünschen vergebens, das Geld ist und bleibt verloren.«
»Wer ist denn der Erbe dieses Vetters, Tante?« fragte Esther. »Ein Kaufmann in Südfrankreich, in Nîmes glaube ich,« entgegnete Frau von Ihlefeld. »Er heißt Richard und ist ein Neffe unseres Vetters Etienne de Villemaud.«
»Und Sie glauben, er wisse nichts von der Schuld?« forschte Esther.
»Augenscheinlich hat der Vetter die Summe nicht als Schuld verzeichnet, und sein schneller Tod hat alle Mittheilungen über seine Verhältnisse unmöglich gemacht,« sagte Frau von Ihlefeld niedergeschlagen. »Herrn Richard kann niemand die Summe abfordern, der den Schuldschein nicht vorzeigt. Aber während wir im Wohlstand lebten, sorgte ich mich wegen solchen Verlustes wenig, und mein Mann hat mir bis zum letzten Augenblick alles verborgen gehalten, was ihn bekümmerte. Ich ahnte ja nie, daß mit dem unseligen Gelde so viel Glück und Frieden zu Grunde gehen könne.«
Esther suchte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken, denn Frau von Ihlefeld wurde durch solche Erinnerungen stets von Neuem aufgeregt. Im Stillen aber konnte sie den Gedanken an jenen verschwundenen Schuldschein nicht los werden. Fast das ganze Besitzthum der Ihlefeld'schen Familie war in fremde Hände übergegangen. Wenn der Schein in irgend einem Schranke oder Fache verborgen lag, so war er unwiederbringlich für Bertel und dessen Mutter verloren. Und doch welcher Besitz wäre für Bertel eine solche Geldsumme! Aber es war eine Thorheit, sich mit solchen Gedanken abzugeben. Wäre der Schein nur irgendwie zu finden gewesen, so hätte Herr von Ihlefeld in seiner Noth und Verzweiflung sicher alles daran gesetzt, ihn zu entdecken. Das Verschwinden des Scheines war eben ein Unglück wie alles andere, was über die Familie hereingebrochen. Es war das Beste, nicht mehr daran zu denken. —
Jetzt bezog Hubert die Universität, und Esther übergab ihm mit freudigem Stolze ihre so tapfer erworbenen Schätze.
»Du bist und bleibst eben mein bester Kamerad, Esther,« sagte Bertel, die Summe freudig annehmend. »Ich kann dir nicht besser danken, als indem ich alle meine Kräfte opfere, um das schöne Ziel zu erreichen, das mir vorschwebt. Aber nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde, will ich vergessen, welche Hand es war, die mir zu dem Ziele verhalf. Ich weiß, mein Glück ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ohne Zögern an. Gott segne dich für alles, was du an mir thust, Esther!«
Die Einzige, die sich mit all' diesen Arbeiten, Mühen und Opfern Esthers nicht ganz einverstanden erklärte, war Frau Booland. Sonst fand sie immer alles vortrefflich, was ihr Liebling unternahm; aber die jetzige Thätigkeit ging doch etwas gegen ihren Sinn. »Das arme junge Blut quält sich da Tag für Tag mit den wilden Jungens ab, statt ihre Jugend in Ruhe und Freude zu genießen,« sagte sie eines Tages in einer traulichen Stunde zu ihrer jetzigen Freundin, der Pastorin Krause. »Ihre Söhne sind freilich auch dabei, liebe Pastorin, und ich selbst bin wohl mit daran Schuld, daß der Herr Pastor dem braven Kinde das Amt anvertraute; warum lobte ich sie auch immerfort so gegen ihn, besonders nachdem Esther sich um die Stelle bemüht hatte, und er mich über das Kind ausforschte. Aber lügen kann ich einmal nicht und weß das Herz voll ist, deß geht der Mund über. Aber jetzt geht er mir auch wieder über, denn mein Herz ist voll Jammer um das liebe Goldkind, das noch nichts als Arbeit in seinem jungen Leben kennen gelernt hat. Und Gott weiß, ob ihr all' ihre Mühe und Quälerei einmal ordentlich gedankt wird; denn wenn das Unglück die arme Frau von Ihlefeld auch ordentlich gebeugt hat, die gnädige Frau bleibt sie noch immer bis in die kleine Fußzehe hinab, und da habe ich so meine Gedanken. Estherchen ist und bleibt halt eben Bürgerblut, das aber erkennt die Frau nie für Ihresgleichen, und wenn das Kind noch tausend Mal mehr für sie thäte.«
»Aber Hubert denkt doch nicht so, liebe Frau Booland, das sollte Sie trösten,« entgegnete die Pastorin.
»Nein, stolz ist der nicht, das muß wahr sein!« sagte Frau Booland den Kopf erhebend. »Aber, aber, so wie er sollte, ist er doch auch nicht. Alles was Esther für ihn thut, nimmt er ruhig hin, als verstände sich das ganz von selbst so. Danken mag er ihr wohl, denn er ist ein lieber, weicher Junge; aber er hat keine Idee, und frägt auch weiter nicht danach, was Esther alles opfert, nur um ihm das Leben leicht zu machen. Das Mädchen ginge mit Freuden für ihn durch das Feuer, und er? Nun ja, wenn er dadurch Nutzen hätte, würde er sie auch ruhig gehen lassen. Lieb hat er sie, das ist gewiß; aber immer nur, wie man einen guten Kameraden lieb hat, und so nennt er sie ja auch immer. Die leidenschaftliche Liebe aber, die meine kleine Esther von Kindesbeinen an schon für den hübschen Jungen gehabt hat, und die jetzt wie ein stilles Feuer das ganze Mädchen durchglüht, davon hat der junge Herr keine Ahnung. Ach ich weiß es nicht, aber mir ist das Herz oft gar zu schwer, denke ich an Esthers Zukunft. So ein Prachtmädchen verdiente ein herrliches Schicksal; aber, aber, wie wird das einmal werden? Ich hörte neulich einige Worte, als Esther dem Bertel das Ersparte mitgab; es war so recht bezeichnend. »Ich weiß, Esther,« sagte Bertel, »mein Glück ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ruhig an.«
»Nun ja, mein Glück ist auch das deine! Da liegt's. Aber ob ihr Glück auch das seine ist? Davon schweigt die Geschichte, und erst die Zukunft kann es lehren.«
»Legen wir alles in Gottes Hände, meine liebe Frau Booland,« sagte die Pastorin tröstend. Die brave Schullehrerswittwe nickte still mit dem Kopfe und eilte ihrem kleinen Waldhause zu, an dessen Thür sie ihr Goldkind, wie gewöhnlich, wenn sie ausgegangen war, freudig erwartete.
Ein Jahr verstrich Esther noch in gewohnter Thätigkeit, da rief sie eines Tages Pastor Krause in sein Studirzimmer. »Meine liebe Tochter,« sagte er freundlich, »Sie haben den Ihnen anvertrauten Posten während der ganzen Zeit mit seltener Treue und Tüchtigkeit ausgefüllt, so daß Sie stolz auf Ihre Schüler sein können. Aber jetzt muß ich das Amt leider aus Ihren Händen nehmen, denn die Knaben sollen auf das Gymnasium in der Stadt, für dessen Oberklassen sie jetzt reif sind. Nun will ich Sie aber trotzdem doch nicht zu Athem kommen lassen, mein liebes Kind. Ich habe eine Aufforderung aus England erhalten, einen jungen Lehrer dorthin zu schicken, welcher in einer vornehmen Familie einige Knaben zu unterrichten versteht. Auf meine Anfrage, ob der Lehrer nicht ein junges Mädchen sein könnte, welches so viel Kenntnisse besitzt, daß sie meine Söhne zum Gymnasium vorbereitet hätte, erhielt ich eine Antwort, welche sich außerordentlich erfreut über solches Anerbieten ausspricht. Eine sehr bedeutende Summe ist der jungen Lehrerin zugesichert, und so ergeht denn die Anfrage an Sie, liebe Esther, ob Sie diese Stelle annehmen wollen. Aber freilich, eine Bedingung ist dabei, welche Ihnen vielleicht Schwierigkeiten machen wird: man wünscht, daß Sie auch fertig französisch sprechen. Doch auch das wird sich einrichten lassen. Die Stelle ist erst in einem halben Jahre anzutreten, bis dahin lernen Sie alles. Die Schwester meiner Frau hat eine französische Pension in Genf und wird Sie mit Freuden als lieben Gast bei sich aufnehmen. Den Ausfall, den Ihre Einnahmen in dieser Zeit erleiden, deckt die Aussicht auf baldige größere Summen, die Ihnen in England zufließen werden. So denke ich, sind die Wege gebahnt, und Sie sind mit mir zufrieden, liebe Esther. Habe ich Recht?«
»O sehr, sehr, lieber, guter Herr Pastor,« rief Esther, welche jetzt wie aus einem Traum erwachte. Hastig ergriff sie die dargebotene Hand Pastor Krauses. »Verzeihen Sie mir nur, daß ich nicht augenblicklich mit Entzücken aufjuble,« sagte sie und eine Thräne glänzte in ihrem Auge. »Aber eine Trennung von meinen Lieben ist mir ein gar zu beängstigender Gedanke. Ich war ja noch nie auch nur einen Tag vom Hause fort, und nun.... Aber haben Sie Geduld mit mir, Herr Pastor! Ich werde schon alles in mir verarbeiten und Ihnen dann Ehre machen, das verspreche ich Ihnen. Jetzt aber muß ich zuerst mit Tante Booland sprechen, früher kann und darf ich nichts bestimmen.«