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Drei Erzählungen für junge Mädchen

Neue Wege.

Reading edition

Auf dem weichen Teppich eines kleinen, behaglichen Zimmers schritt ein schlanker Mann in mittleren Jahren unruhig auf und nieder und wühlte mit seiner Hand oft ungeduldig in dem vollen, dunkelblonden Haar, das sein angenehmes Gesicht beschattete. Zuweilen blieb er stehen und schaute aufmerksam nach der hübschen Frau, welche sich leicht in die Kissen des Sophas zurücklehnte und mit einer Handarbeit beschäftigt war. Während das Gesicht des Mannes sich immer lebhafter röthete und Spuren des Verdrusses zeigte, ruhte auf den Zügen der noch ziemlich jung aussehenden Frau eine milde Freundlichkeit, und ihr Auge blickte ab und zu mit einem ungemein sanften Ausdrucke von der Arbeit auf.

»Du bist zu gut und nachsichtig gegen sie, Gertrud, und dadurch erreichst du einmal nichts bei dem verwöhnten Mädchen,« sagte Geheimerath Seebald, jener blonde Mann, endlich unwillig und blieb vor seiner Frau stehen, welche soeben eine längere Mittheilung gemacht zu haben schien und ihren Gatten nun fragend anblickte.

»Aber, lieber Gustav, bedenke, wie frei und unabhängig Frida in diesen letzten Jahren gewesen ist,« entgegnete die Frau sanft. »Es ist für jedes junge Mädchen eine schwere Sache, sich einer Stiefmutter unterzuordnen; für Frida aber ist es doppelt schwer, da du sie so völlig ungehindert schalten und walten ließest. Nun soll das arme Kind mit einemmale ein Muster von Ordnung und Vortrefflichkeit sein; aber du vergißt, daß gerade in dem so wichtigen Uebergange vom Kinde zur Jungfrau ihr niemand zur Seite stand, der sie leitete und sie eines Bessern belehrte, sobald sie Fehler beging.«

»Niemand?« rief der Geheimerath lebhaft. »Habe ich ihr nicht eine Gouvernante gehalten und Dienstleute und alles was sie sonst brauchte?«

»Ja, lieber Gustav, nur eben allzuviel!« entgegnete Frau Gertrud still lächelnd. »Die Gouvernante war vielleicht keine ganz glückliche Wahl; ihre Erziehungsresultate wenigstens sprechen für wenig Geschick und Klugheit. Ich bitte dich heut nur, habe Geduld mit Frida; es wird schon besser werden. Ich verberge mir nicht, daß ich keinen leichten Stand ihr gegenüber habe, da sie mich als unwillkommenen Eindringling eher hassen als lieben mag. Aber ich vertraue auf ihren Verstand und ihr gutes Herz und auf meine geduldige Liebe zu dem Kinde.«

»Ich tadle an Frida weniger ihre schlechten Eigenschaften, als vielmehr ihr Benehmen gegen dich, liebe Gertrud,« sagte der Geheimerath verstimmt. »Ist es nicht empörend, daß meine älteste Tochter dir mit Mißtrauen und Kälte entgegentritt, wo sie doch vielmehr froh sein sollte, eine liebevolle Mutter und Freundin in dir zur Seite zu haben, die ihr alle die Lasten abnimmt, welchen ein so junges Mädchen ja noch gar nicht gewachsen ist. Und daß Frida auch dafür kein Verständniß hat, was du für mich bist, der ich lange Jahre hindurch einsam und freudlos dagestanden habe, und vor allem, welche treue Mutter ich in dir für ihre kleinen Geschwister gewonnen, die so unsäglich einer andern Pflege und Liebe bedurften, als sie ihnen Wärterinnen geben konnten, — siehst du, Gertrud, alles das ist's, was mich so sehr gegen Frida aufbringt. Sollte ich sie etwa erst um Erlaubniß fragen, ehe ich einen neuen Ehebund schloß? Wahrlich, das verwöhnte Kind scheint es beansprucht zu haben.«

»Eben weil sie ein verwöhntes Kind ist, Gustav!« sagte Gertrud sanft. »Vielleicht wäre es in der That besser gewesen, du hättest vorher mit ihr gesprochen und ihr deine Lage und die der Kinder vorgestellt. Du hättest ihr damit ein Vertrauen bewiesen, das ihr schmeichelte, hättest an ihr Herz und ihren Verstand appellirt und uns Allen die Situation dadurch erleichtert. Indem du ihr mit der fertigen Thatsache gegenüber tratest, reiztest du ihren Trotz und ihre Opposition ganz unnöthig; denn jetzt hat sie absolut keinen Antheil an dem, was du für gut und nöthig fandest und kommt mir mit Abneigung und Mißtrauen entgegen. Daß ich unter diesen Umständen für's Erste sehr vorsichtig sein muß und sie vor allem wegen ihrer Fehler jetzt noch nicht tadeln mag, ist wohl ganz natürlich. Aber wenn Frida erst einsehen wird, daß ich nur ihr Bestes will und daß sie nur Erleichterung und Annehmlichkeiten durch meinen Eintritt in die Familie hat, dann wird sich das alles bald ändern.«

»Gebe es Gott; es lastet wie ein Alp auf mir und läßt mich des Glückes gar nicht froh werden, das du mir in das Haus gebracht hast, meine geliebte Gertrud!« sagte der Geheimerath seufzend, indem er den Arm um seine Gattin legte, die jetzt an seiner Seite stand. »Aber das sage ich dir: wenn Frida sich noch ein einzig Mal so beleidigend und so über alles Maaß hochfahrend gegen dich beträgt, wie es heut Vormittag der Fall gewesen, dann muß ich auf eine Aenderung denken. Dergleichen Unbilden sollst du nicht durch das thörichte Mädchen ausgesetzt sein; das darf ich nicht leiden.«

»Laß doch nur jetzt gut sein, liebster Gustav,« entgegnete Gertrud tief erröthend. »Mich kränken solche Ausbrüche von Frida's Laune nicht nachhaltig. Wenn ich mich in ihre Stelle versetze, wäre ich gegen meine unwillkommene Stiefmutter vielleicht auch nicht sehr liebenswürdig.«

»Nein, nein, Gertrud, es liegt tiefer; es ist nicht blos augenblickliche, üble Laune, glaube es mir,« sagte der Geheimerath düster. »Es wäre für Frida vielleicht auf alle Fälle gut, sie käme eine zeitlang aus dem Hause, in andre, einfachere Verhältnisse. Es sprechen auch noch einige andre Gründe für einen solchen Wechsel, welcher sie dem Einfluß einiger unklugen Freundinnen, sowie allerlei Thorheiten entzöge, die sie sich, wie ich sehr stark vermuthe, in den Kopf gesetzt hat.«

»Aber nur jetzt nicht, nicht gleich nach meinem Eintritt in deine Familie,« bat Gertrud dringend. »Welche Gründe dich auch für einen solchen Wunsch bestimmen mögen, warte noch damit, ich bitte dich. Bedenke doch, welches Licht es auf deine Frau werfen würde, die die älteste Tochter aus dem Hause treibt, sobald sie nur den Fuß in dasselbe setzte.«

»Wenn es nöthig wäre, würde niemand meine sanfte, engelsgute Frau beschuldigen, sondern nur meine stolze, trotzige Tochter, das glaube mir, Gertrud,« erwiederte der Geheimerath milde und küßte die schmale, weiße Stirn seiner Gattin. »Aber du magst Recht haben. Besser, wir schieben die Sache noch etwas hinaus, vorausgesetzt aber, wie gesagt, daß Frida solche Auftritte vermeidet, wie ich heute Morgen im Nebenzimmer mit anhörte. Dergleichen darf in meinem Hause nicht vorkommen; das leide ich nicht.«

Nach diesem Gespräche trennten sich die beiden Gatten; der Geheimerath ging an seine Geschäfte, Gertrud in das Zimmer ihrer beiden kleinen Stiefkinder, einem Knaben von sechs und einem Mädchen von vier Jahren. Es waren blasse, kränklich aussehende Kinder, welche die Stiefmutter mit ziemlich gleichgültiger Miene anblickten, als dies zu ihnen herantrat.

»Zeigst du Käthchen Bilder, lieber Franz?« sagte Gertrud freundlich und strich dem Knaben über das glatte, dunkle Haar.

»Ja, Mama, die Bilder sind aber so langweilig; ich kenne sie schon alle so sehr,« klagte Franz, mit seinen schwimmenden, dunklen Augen zu Gertrud aufschauend.

»So kommt mit in mein Zimmer, Kinder; ich will euch heute einmal wieder die hübschen Kupferstiche zeigen, die euch neulich so gut gefielen,« sagte die Mutter freundlich. Ein leises Roth der Freude zog über des Knaben blasse Wange, und rasch sprang er vom Stuhle auf, der voranschreitenden Gertrud zu folgen. Die kleine Katharine trippelte eilig hinterdrein, und bald neigten sich die beiden Kindergesichter über einen Band schöner, großer Kupferstiche, welchen die Mutter ihnen auf den Tisch gelegt.

»Erkläre Käthchen die Bilder, wenn sie nicht alles versteht; du bist ja schon ein verständiger Junge,« sagte Gertrud lächelnd zu Franz, der ernsthaft mit dem Kopfe nickte und ganz stolz sein Amt eines Informators antrat, indem er sich Geschichten zu den bildlichen Darstellungen erfand, denen Käthchen mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte. Gertrud setzte sich indeß still an ihre Arbeit und ließ ihren Gedanken freien Lauf, bis nach einer Weile die Thür des Nebenzimmers heftig aufgerissen wurde, und ein junges Mädchen rasch eintrat.

»Franz, du unartiger Junge, du hast mir gewiß wieder mein Buch fortgenommen,« rief sie ärgerlich und kam zu den Kindern. »Bilder beseh'n, und immer und ewig Bilder beseh'n, weiter treibst du den ganzen Tag nichts. Meine Bücher sollst du aber nicht nehmen; das weißt du doch?«

Franz war feuerroth geworden und antwortete nichts; Gertrud aber sagte milde: »Welches Buch fehlt dir denn, Frida?«

Das junge Mädchen wandte den Kopf nur halb nach der Fragenden um und sagte kurz: »Ein Dumas'scher Roman, in dem Franz einige Bilder gesehen hat, die ich hineingelegt.«

»Das Buch liegt in deines Vaters Zimmer, liebe Frida,« entgegnete Gertrud. »Er hielt die Lectüre für nicht ganz passend für ein so junges Mädchen und nahm das Buch an sich. Ich will dir bessere Bücher geben, liebes Kind, als diese leichtfertigen, französischen Romane. Hast du z. B. die Bücher von Jeremias Gotthelf schon gelesen?«

Frida blickte ihrer Stiefmutter jetzt voll in das Gesicht. Es war ein feines, schönes Köpfchen, das auf den jungen, siebzehnjährigen Schultern saß, der edlen Bildung ihres Vaters sehr ähnlich und von vollem, blonden Haar umwogt. Aber die maaßlos moderne Frisur verdarb das prachtvolle Haar ebensosehr, wie der stolze Ausdruck des Gesichtes der Schönheit dieser Züge schadete. Bei Gertruds Worten warf sie den Kopf hochmüthig zurück und sagte scharf: »Wer hat denn in meinem Zimmer herumspionirt und Papa meine Bücher zugetragen?«

»Nicht in deiner Stube lag das Buch, Frida,« entgegnete Gertrud ruhig, »sondern im Eßzimmer trieb es sich herum. Dein Vater sah es dort liegen und blätterte darin.«

»Papa hat sich doch sonst nicht um meine Lectüre bekümmert, warum denn jetzt auf einmal?« sagte Frida spitz. »Von selbst ist er sicher nicht darauf verfallen, und ich möchte doch sehr bitten, mich auch ferner mit dergleichen in Ruhe zu lassen. Solche Hetzereien sind gräßlich.«

»Du bist noch zu jung, liebe Frida, um jedes Buch lesen zu können, das dir in die Hand kommt,« erwiederte die Mutter immer noch ruhig, obwohl ihr zartes Gesicht bei Frida's bösen Worten abwechselnd bleich und roth wurde. »Böse gemeint ist dabei nichts, im Gegentheil bin ich gern bereit, dir viel bessere Lectüre zu geben, als du in deiner natürlichen Unkenntniß dir aussuchst. Du weißt, ich habe eine sehr reiche Bibliothek sie steht dir gern zu Diensten.«

»Ich danke, ich bin in der Leihbibliothek abonnirt,« sagte Frida kurz und ging hinaus, die Thür sehr unsanft in das Schloß werfend. Gertrud strich sich mit der Hand langsam über das Gesicht und seufzte. Dann aber blickte sie heiter nach den beiden Kindern, welche fröhlich über ein spashaftes Bild lachten, das sie soeben aufgeschlagen, und Franz brachte das Buch zu der Mutter, damit diese ihnen die Geschichte erzählte, die herrlich sein mußte. Gertrud erfüllte bereitwillig die Bitte und vergaß in dieser Weise einigermaßen den häßlichen Auftritt, den Frida veranlaßt hatte. Sie fürchtete aber freilich trotz aller Sanftmuth und trotz der unablässigen Mühe, die sie sich gab, Frida für sich zu gewinnen, daß ihr dies nicht gelingen werde, und einige Tage später brach denn auch wirklich die Katastrophe herein, welche Gertrud trotz aller Liebe und Milde nicht abwenden konnte.

Gertrud hatte sich zum Ausgehen fertig gemacht und sagte, in das Zimmer tretend, zu Frida, welche am Clavier saß: »Aber willst du dich nicht anziehen, mein Kind? Ich sagte dir ja, wir wollten bei Präsident Wehrmann und Regierungsrath Keller Besuche machen. Dein Vater wird gleich eintreten, uns abzuholen; beeile dich etwas.«

Frida wandte in ihrer beliebten Weise den Kopf nur halb herum und spielte weiter. Die Mutter wartete einige Augenblicke, dann forderte sie das junge Mädchen von Neuem auf, nur mühsam ihre Ungeduld verbergend; denn sie wußte, wie ungern ihr Gatte wartete, wenn er ausgehen wollte. Frida aber spielte noch immer und sagte nur leichthin: »Ich gehe nicht mit!«

»Du gehst nicht mit, Frida? Warum nicht?« rief Gertrud erstaunt.

»Weil ich keine Lust habe,« entgegnete Frida schnippisch. »Ich kann das Volk nicht ausstehen.«

»Wen meinst du eigentlich, liebes Kind?« sagte Gertrud betreten, und ihre Stirn röthete sich vor Unwillen.

»Wen ich meine?« rief Frida nachlässig; »nun deine Präsident Wehrmanns und Kellers und wie sie alle heißen. Eine langweiligere Gesellschaft kenne ich nicht. Ich habe meinen eigenen Bekanntenkreis; jene Leute besuche ich nicht.«

»Du wirst dich doch wohl dazu entschließen müssen, liebe Frida,« sagte Gertrud ruhig, »denn jene Familien gehören zu dem Kreis der Freunde deines Vaters, und da schickt es sich nicht anders, als daß die Tochter des Hauses mit uns Besuche bei ihnen macht.«

»Das sind wieder einmal solche herrlichen Neuerungen, wie sie jetzt massenhaft ins Haus kommen!« rief Frida trotzig. »Es ist doch mindestens sonderbar, daß mir jetzt fortwährend geboten wird, das thu, und das laß, wo ich doch bisher ganz gut selbst wußte, was ich zu thun und zu lassen hatte.«

»Dein Vater will es so, mein Kind,« sagte Gertrud kurz.

»Papa will es nur, weil du es willst; sonst fiele es ihm gar nicht ein, mir Dinge zuzumuthen, die mir unerträglich sind!« fuhr Frida leidenschaftlich auf. »Aber ich werde deshalb doch thun, was mir beliebt, wie ich es bisher gethan habe; ich bin alt genug und bedarf keiner Gouvernante mehr. Und wenn Papa kommt, will ich es ihm selbst sagen; warum hat er mir Situationen octroyirt, die mich empören müssen!« Dabei warf sie ein Notenheft so stürmisch auf den Flügel, daß die losen Blätter weit im Zimmer umherflogen, und stieß den Clavierschemel mit dem Fuße zur Seite, daß er umstürzte.

»Augenblicklich schweigst du, und möge deine Mutter die bösen Reden vergessen, die du führtest!« rief jetzt aber die Stimme des Geheimeraths, welcher rasch in das Zimmer eintrat. »Ich habe alles mit angehört, was du gesagt hast, du unartiges Mädchen; aber jetzt hat das Spiel ein Ende. In dieser Weise dulde ich es nicht länger, daß meine Tochter ihrer Mutter gegenübertritt. Geh' jetzt auf dein Zimmer und erwarte dort das Weitere.«

Frida warf den Kopf trotzig zurück und ging hinaus. Gertrud aber verbarg schluchzend ihr Gesicht in dem Tuche.

»Gräme dich nicht, liebe Gertrud,« sagte ihr Gatte weich. »Ich fühle deutlich, ich habe einen großen Fehler begangen, daß ich Frida so völlig zügellos aufwachsen ließ. Gebe Gott, daß es noch nicht zu spät ist, sie zu ändern. Ich kenne sie in der That kaum wieder. Eigentlich ist sie ein gutes, fröhliches Geschöpf; aber jetzt ist sie wie ausgetauscht, und mir scheint, es wird immer schlimmer statt besser. Was ich dir neulich schon sagte, das wiederhole ich: das Beste ist, sie kommt eine Weile aus dem Hause. Wir entziehen sie dadurch auch zugleich dem Einfluß einer ihrer nächsten Freundinnen, die in hohem Grade ungünstig auf ihr weiches Gemüth einwirkt, wie ich fürchte. Ich kann ihr den Umgang mit dieser Familie nicht untersagen; auch würde ich die Sache dadurch nicht bessern, sondern nur Heimlichkeiten hervorrufen.«

»Du erwähntest neulich schon etwas der Art,« sagte Gertrud; »welche Freundin meinst du?«

»Franziska von Froreich, ein eitles, leichtsinniges, aber kluges und angenehmes Mädchen,« entgegnete der Geheimerath. »Sie hat den Kopf voll Phantastereien und Thorheiten, und leider steckt sie meine empfängliche Frida sehr damit an. Durch unsere würdige Geheimeräthin Gerold, eine mütterliche Freundin meines Hauses, habe ich einige Dinge erfahren, die mich in der That beunruhigen. Im Hause dieser Froreich's hat Frida einen jungen Mann kennen gelernt, der ganz das Zeug dazu hat, einen phantastischen siebzehnjährigen Mädchenkopf zu verdrehen; denn er ist schön, elegant, witzig und angenehm, gerade wie es ein Held der Romane sein muß, die sie lesen. Dieser junge Herr scheint alle Künste zu verstehen, die Herzen unerfahrener Mädchen zu gewinnen. Mit dieser singt und musicirt er, mit jener schwärmt er für Literatur und bringt ihr Gedichte, dann wieder treibt er Blumensprache oder sonstige Fadaisen mit ihnen, tanzt vortrefflich, zeichnet etwas, kurz, es giebt eben nichts, was er nicht verstände und wüßte. Aeltere Frauen schütteln die Köpfe, den Männern ist er gleichgültig oder im Wege. Niemand aber weiß recht, wer er ist und was er eigentlich treibt. Meiner hübschen Frida aber hat er das Köpfchen augenscheinlich gründlich mit seinen Süßigkeiten verdreht, und wenn ich etwas sorglicher die Augen offen gehalten hätte, als ich leider gethan, so würde ich wohl selbst gesehen haben, worauf mich liebe Freunde jetzt aufmerksam machen. Ich denke jedoch, Frida ist noch ein solches Kind, daß ihr die Sache aus dem Kopfe kommt, lebt sie einige Monate in anderen Kreisen, und besonders auch fern von Franziska, die sich darin scheint gefallen zu haben, als Beschützerin dieser keimenden Liebe eine interessante Rolle zu spielen.«

»Hast du gegen Frida etwas über diese Sache erwähnt?« sagte Gertrud nachdenkend.

»Thörichter Weise allerdings!« entgegnete der Geheimerath achselzuckend. »Ich glaubte, ihr klar machen zu können, daß an einem jungen Manne elegantes und einschmeichelndes Wesen etwas Gefährliches sei, und daß es verdienstvollere Eigenschaften gäbe und würdigere, um die Achtung und Liebe eines Mädchens zu gewinnen. Aber das war nur Oel in's Feuer. Sie vertheidigte ihren jungen Verehrer mit flammenden Augen, und ich bin sicher, hätte ich ihr den Verkehr mit demselben jetzt untersagt, die Sache wäre bei Frida's Heftigkeit wohl zu einer bösen Wendung gekommen. Ich zog es daher vor, sie mit ihrer jugendlichen Schwärmerei zu necken und das Ganze scherzhaft und leicht zu nehmen. Aber ich kann dir sagen, liebe Gertrud, ich bin froh, dich jetzt zur Seite zu haben, damit du über das Kind mit treuen Mutteraugen wachest und mit vorsichtiger Frauenhand den Knoten lösest, der sich da etwa zu schlingen droht. An dem jungen Galan ist nichts, davon bin ich überzeugt, seit ich ihn etwas näher beobachtet; aber mein Männerkopf versteht es nicht, da das Rechte zu ergreifen.«

Gertrud sah ernst sinnend vor sich nieder. »Du kannst auf meine Hülfe rechnen, Gustav,« sagte sie sanft. »Aber die Aufgabe ist keine leichte. Wie ich Frida beurtheile, wird sie sich schwer von einer ernsten Neigung zurückbringen lassen, und Widerstand ihr die Sache vielleicht noch anziehender machen. Sie glaubt dann wohl eine jener Romanheldinnen zu sein, die für ihre Liebe schwere Opfer zu bringen haben, wie sie in den Büchern gelesen. Lassen wir für jetzt die ganze Angelegenheit unberührt, vielleicht wirkt Zeit und Entfernung günstig auf ihr Gemüth. Wenn du sie unter recht einfache, frische und brave Menschen bringen könntest, so wäre dies wohl das beste Mittel, das Kind zu ändern und zu bessern; aber wo finden wir solche?«

»Ich denke, ich habe sie schon gefunden,« entgegnete der Geheimerath heiter. »Die Sache liegt mir länger schon im Sinn; denn seit jener Mittheilung unserer lieben, alten Freundin, Frida's keimende Neigung betreffend, war ich entschlossen, das Kind für eine Weile anderen Händen anzuvertrauen und sie aus den hiesigen Verhältnissen fortzuschicken. Seitdem aber kam durch dich, meine Gertrud, neues Glück über mich, und ich hoffte, auch über Frida, und so gab ich den Gedanken jener Trennung auf. Nun aber ist dieselbe nöthiger als je, nöthig für alle Theile, und so zögere ich nicht länger. Ich werde Frida meiner Schwägerin anvertrauen, der Schwester ihrer Mutter. Das ist eine einfache, gute und tüchtige Frau, und ihre Töchter liebe, nette Mädchen. Bei ihnen ist unser Kind wohlaufgehoben. Mein Schwager, ein braver, trefflicher Mann, hat eine Pachtung in Mecklenburg übernommen, und das Landleben wird Frida mit vielem aussöhnen, was ihr in den sehr einfachen Verhältnissen sicher nicht gefallen wird. Ich habe bereits früher schon einmal angefragt, ob meine Schwägerin mir das Opfer bringen will, Frida für einige Zeit in ihr Haus zu nehmen, und sie ist gern dazu bereit. Du bist wohl so freundlich, liebe Gertrud, in Frida's Sachen nachzusehen, was sie etwa bedarf. Staat wird sie überflüssig genug haben, für alles andere aber übernimm, bitte, die Sorge.«

Während Frida's Eltern noch Weiteres mit einander besprachen, lag das junge Mädchen in ihrem Zimmer auf dem Sopha, das Gesicht in die Kissen gedrückt, und ihre Brust athmete heftig. Aber Thränen flossen trotz aller Leidenschaft nicht aus den heißen Augen. Mit ihren kleinen, weißen Zähnen biß sie fest in das feine Taschentuch, das sie vor die Lippen drückte, und riß so heftig daran herum, daß es in Stücken flog. Da ballte sie die Fetzen grimmig in der kleinen Hand zusammen und schleuderte den Knäul in die Ecke; ihre hübschen Füße aber stampften nun so energisch den Boden, daß die höchst eleganten Stiefelchen, welche sie umschlossen, in allen Nähten krachten.

»Unerträglich! Unerträglich!« rief sie ungestüm und schlug die Hände vor das Gesicht. »Mich so zu behandeln, mir das zu bieten, und in ihrer Gegenwart! O, ich möchte ersticken vor Aerger. Und was nun seine Worte heißen sollten? >Erwarte dort das Weitere!< Was soll ich erwarten? Will man mich etwa einschließen, mich gefangen halten bei Wasser und Brod, bis ich kirre werde und der Frau Mutter zu Füßen liege? O da können sie lange warten; aber es ist abscheulich, ganz abscheulich vom Papa. Bis jetzt war er immer so gut und that alles, was ich wollte; nun ist er wie verwandelt. Und an allem ist sie allein schuld, ich weiß es wohl, sie mag sich verstellen wie sie will. Aber ich dulde es nicht, nein, absolut nicht!«

In dieser Weise trieb es das heftige Mädchen noch eine lange Weile, ohne dabei ruhiger zu werden. Da öffnete sich die Thür und ihr Vater trat herein.

»Frida,« sagte er ruhig und ernst, »ich denke, es wird für alle Theile besser sein, wir versuchen es, eine Aenderung dadurch im Hause eintreten zu lassen, daß du deine Tante Marie, die dich lange schon so freundlich eingeladen hat, für einige Zeit besuchst. Ich habe dich zu sehr verzogen, ich sehe es jetzt wohl ein; der Schaden jedoch läßt sich nicht so schnell gutmachen. Aber deine treffliche Mutter soll nicht durch dich leiden. Ich hoffe, bei Tante Marie wirst du etwas vernünftiger werden und als ein verständigeres Mädchen heimkehren. Suche deine Sachen zusammen, übermorgen bringe ich dich nach Dahme.«

»Also eine Verbannung!« sagte Frida kalt. »Gut, ich gehe und mache Platz; es mag das Beste sein, du hast Recht, Papa. Zwei Willen das geht nicht. Schade nur, daß du das jetzt erst merkst, und ich darunter so bitter leiden muß. Aber es mag drum sein; ich danke dir, daß du mich fortschickst.«

Es war kein guter Geist, der aus Frida in diesem Augenblicke sprach. Ihr Vater stand ihr traurig und rathlos gegenüber und wußte nicht, wie er den Weg zu ihrem Herzen finden sollte. Da fiel sein Blick auf ein Bild, das über Frida's Nähtischchen hing. Leise ergriff er die Hand seiner Tochter und führte sie zu diesem Bilde. Es war das ihrer Mutter.

»Frida,« sagte der Vater weich, »was würde sie dazu sagen, wenn sie hörte, wie ihr Kind mit ihrem Vater spricht!«

Das junge Mädchen zuckte leise zusammen und erblaßte. Einen Augenblick stand sie mit gesenkten Lidern vor dem Bilde, dann rief sie: »Papa!« und laut schluchzend sank sie an ihres Vaters Brust. Still hielt dieser sein Kind in den Armen, sprechen konnte er nicht, und auch Frida weinte nur heftig ohne zu sprechen. Endlich aber stammelte sie erregt: »Verzeih mir, Papa! O ich bin zu, zu unglücklich!« Und wieder weinte sie leidenschaftlich.

»Ich verstehe dich nicht, Kind,« sagte der Vater sanft und streichelte ihre Wange, »du bist mir völlig räthselhaft; denn wenn du nur wolltest, so würde dir aus deiner jetzigen Situation unendlich viel Glück und Freude erwachsen; aber erzwingen kann ich es freilich nicht. Machen wir deshalb den Versuch einer Trennung in aller Liebe, Frida, hörst du wohl? ohne von Verbannung oder dergleichen Thorheiten zu sprechen. Ein Landaufenthalt wird dir in allen Fällen gut thun; der letzte Winter hat dich etwas blaß und nervös gemacht. Tante Marie hat dich lieb und freut sich lange schon auf dein Kommen, und ihre Töchter werden dir ein angenehmer Umgang sein. Scheiden wir in aller Liebe und Herzlichkeit für eine Weile von einander, und wenn du dann wieder zu uns zurückkommst, wirst du alles mit anderen Augen ansehen, deß bin ich sicher.«

Frida schüttelte zwar leise und ungläubig den Kopf; aber der gute Geist, den ihr Vater heraufbeschworen, breitete seine Hände über sie.

»Wie du willst, Papa. Ich glaube, du hast Recht, und es ist gut für alle Theile,« sagte sie weich und ergeben. »Ich werde meine Sachen zusammen suchen, dann können wir fort, je eher je lieber.«

Der Geheimerath küßte sein Kind liebevoll und sagte leise: »So ist's recht, Frida, mache deinem armen Vater das Herz nicht gar zu traurig. Ich danke dir, und sie wird dich dafür segnen.« Dabei blickte der weiche Mann noch einmal feuchten Auges nach dem Bilde seiner ersten, unsäglich geliebten und betrauerten Gattin, dann verließ er still das Zimmer.

Frida setzte sich wie gebrochen diesem lieben Bilde gegenüber, und leise rannen noch einige Thränen über ihre Wangen. Aber es waren gute Gedanken, welche jetzt durch ihre Seele zogen. Sie gedachte jener traurigen Zeit, als diese treue Mutter von den Ihren schied, nachdem sie noch dem kleinen Käthchen das Leben geschenkt hatte, und welche Zerstörung dieser Tod in die Familie brachte. Ihr Vater war wie vernichtet von Kummer und Leid; das schwache, neugeborne Kindchen lag kraftlos und still in seiner Wiege, und das matte Lebenslicht schien verlöschen zu wollen. Sich selbst überlassen, trieben sich die andern Kinder im Hause umher, Frida selbst erst 12 Jahre alt und unfähig, die jüngeren Geschwister zu zügeln. Wohl kamen dann Fremde in das Haus, sich der Kinder und des Hauswesens anzunehmen; aber es war ein zerfahrener Geist in dem Ganzen, und der Hausherr besaß nicht Kraft und Umsicht genug, es zu ändern. Summen wurden verschwendet, die Leute gewechselt, bald Strenge, bald Güte versucht, die Dinge anders zu gestalten, es war vergebens. Dann erkrankten die Kinder am Scharlachfieber, zwei von ihnen, welche vielleicht bei sorgsamerer Pflege gerettet werden konnten, erlagen der Krankheit, und die beiden Jüngsten blieben kränklich und blaß, nachdem sie genesen waren. Endlich übernahm Frida die Oberleitung des Hauswesens, sie war ja sechzehn Jahr alt und also ein erwachsenes Mädchen. Aber statt besser, wurde es nur schlimmer. Frida fühlte das wohl, wußte es aber nicht zu ändern. Sie war sich selbst nicht klar, daß ohne Anleitung und ernsten Sinn, nur voll Interesse für ihr Vergnügen, ihren Putz und ihre Freundinnen, sie einer solchen Aufgabe nicht gewachsen war. Frei und ohne jegliche Schranke ließ der Vater sie schalten und walten, that alles, was Frida wollte, gab ihr Geld über Geld und bewilligte alle Vorschläge, nur um Ruhe und Frieden im Hause zu haben. Und doch erreichte er damit wenig, Frida aber brachte er großen Schaden. Ein dunkles Gefühl sagte dies dem jungen Mädchen gar wohl; aber doch war es gar zu schön, so unbeschränkt leben und befehlen zu können, sie wünschte es nicht anders.

Welch ein Donnerschlag war da für sie die Nachricht, ihr Vater werde wieder heirathen! Tiefe Entrüstung ergriff Frida über solches Unterfangen, und mit lebhaftem Mißtrauen und starker Abneigung trat sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen. Mit innerer Empörung übergab sie den Händen der neuen Hausfrau alle Pflichten, welche jetzt ihr obgelegen, und denen sie freilich nur allzu lässig nachgekommen war. Die Uebergabe dieser Geschäfte konnte sie nicht ändern und mußte sie schweigend ertragen. Aber eines stand fest: sie selbst wollte nie etwas mit dieser Stiefmutter gemein haben und sich nie und nimmer ihrer Macht unterwerfen. Freilich suchte diese neue Mutter durch unsägliche Geduld und Milde solche Entschlüsse zu stürzen und Frida's Herz zu erobern, Frida jedoch stemmte sich mit aller Macht dagegen, und wie sie ihre vermeintlichen Rechte glaubte schützen zu müssen, das haben wir selbst gesehen. Aber es war ihr nicht wohl dabei. Sie fühlte Tag täglich, welchen Schatz ihr Vater mit dieser Mutter in das Haus geführt, und wie wohl geordnet jetzt alles seine stillen Wege ging. Wie froh und heiter blickte ihr Vater jetzt in die Welt hinein, wie wohl versorgt waren die kleinen Geschwister, und wie ordentlich und gesittet thaten die Dienstleute ohne Lärm und ohne Widerspenstigkeit ihre Pflichten. Aber trotz dieser Einsicht konnte sie die Erbitterung und den Verdruß nicht aus ihrem Herzen scheuchen, und so war es besser, sie ging. Mochte ihr Vater Recht haben oder nicht, mochte Zeit und Entfernung günstig wirken oder nicht, für jetzt konnte es nicht so bleiben, das sah und begriff sie. Der vorige Trotz ihres ungebändigten, kindischen Herzens hatte jetzt ruhigerer Einsicht Platz gemacht, ja endlich behauptete die Jugend so sehr ihr Recht, daß die bevorstehende Reise mit ihren neuen Verhältnissen und Eindrücken ihr sehr lockend erschien, und sie sich von Herzen auf den Landaufenthalt freute, den sie sich lange schon gewünscht. So machte sie denn gute Miene zum bösen Spiel, erzählte ihren Freundinnen von der bevorstehenden frohen Aussicht und war ganz heiter und guter Dinge. Gertrud ging auf diese Stimmung Frida's nur zu gern ein und half ihr eifrig, für die Reise alles in Stand zu setzen, wobei sie freilich wünschte, gar vieles von dem Putz und Staat aus den Koffern wieder heraus zu legen, den die eitle Frida einpackte, welche sich einen sonderbaren Begriff von den Bedürfnissen ihres Landlebens zu machen schien.

So war denn einige Tage später der Schritt geschehen und Frida im Hause der Tante Marie. Ihr Vater war wieder abgereist, Frida aber saß bald nach ihrer Ankunft bei einem Briefe an ihre liebste Freundin, und damit wir sehen, wie es ihr in der neuen Umgebung gefällt, blicken wir über die Schulter der Schreiberin und nehmen Kenntniß von ihren Freundschaftsergüssen.

»Liebste, beste Franziska!

Drei Tage sind schon darüber hingegangen, daß ich meinem Papa Lebewohl gesagt habe und hier in das Haus von Onkel und Tante Bremer eingetreten bin. Wie voll ist mir das Herz, und wie sehr verlangt mich danach, Dir, meiner besten, liebsten Freundin, von meinem Ergehen und meiner hiesigen Situation Kunde zu geben. Aber bis jetzt kam ich nicht dazu; denn ich kann Dir sagen, daß ich völlig benommen bin von der Neuheit meines Aufenthaltes. Eine Sehnsucht und ein Verlangen nach meinem himmlisch behaglichen Vaterhause, nach Dir und meinen anderen geliebten Freundinnen erfüllt mich von früh bis spät, und wenn ich mich nicht schämte, ich packte am liebsten wieder ein und eilte zurück zu Euch Allen, trotz der unerträglichen Verhältnisse im Vaterhause.

Ach Deinem Herzen, mein Fränzchen, als dem meiner intimsten Freundin, habe ich ja allein den wahren Sachverhalt anvertraut, Du allein weißt ja, was und wer mich aus dem Vaterhause hinaus getrieben. Die, die sich jetzt meine Mutter nennt, ist es, ich weiß es wohl, und wenn ich auch um Papa's willen heiteren Auges geschieden bin, Du weißt besser, wie es in mir aussieht. Ach eines nur beruhigt und tröstet mich trotz allem — daß ich diese Reise nicht schon einige Monate früher antreten mußte. Du ahnest und weißt warum, meine süße Freundin! Die himmlischen Stunden in Eurem Hause, wo ich ihn sehen und sprechen durfte, ach sie sind ja doch ohnehin jetzt vorüber, seit er fort ist. Aber wo ist er, warum sagte er es nicht, und warum ging er so plötzlich fort ohne unser Wissen? Zum Winter aber, wenn ich wieder bei Dir bin, dann will ja auch er wiederkommen, das hoffte er so sicher, als ich ihn zum letzten Male sprach. O dieses letzte Mal, Fränzchen, es wird mir ewig in der Seele bleiben!

Wie oft hast Du mir versichert, ich sei ihm nicht gleichgültig, Du, liebe, treue Freundin, ach immer und immer konnte ich nicht daran glauben. Aber beim Abschied, da habe ich es wohl glauben müssen, (o und wie gern!) denn daß ich es Dir jetzt nur gestehe, er hat es mir nur allzudeutlich gesagt. Aber nicht blos in trocknen, prosaischen Worten, wie ein Anderer es wohl an seiner Stelle gethan hätte; o nein, das wäre dieses genialen, poetischen Kopfes nicht würdig! Nein, er hat mir in einigen entzückenden Versen seine Gefühle gestanden. Denke nur, Verse von ihm selbst. O ich müßte ein Herz von Eis oder Stein haben, wenn mich diese Worte nicht gerührt hätten, und der Blick, von dem sie begleitet waren. Ich muß Dir wirklich als Sühne für mein spätes Vertrauen dieses Gedichtchen hersetzen; urtheile selbst, was ich dabei fühlte.

In einem stillen Thale Blüht eine Rose hold, Die Blätter glühn und glänzen Wie süßer Minne Sold. Da kommt mit müdem Schritte Ein Wandersmann daher, Sein Aug' ist matt und trübe, Sein Herz ist bang und schwer. Doch wie mit holdem Zauber Weht's um ihn wunderbar, Und weiche Rosendüfte Umspielen Stirn und Haar. Und wie ein Himmelsbote Schaut ihn das Röslein an: »Wohl kann ich Heilung bringen, »Du armer, kranker Mann.« »Wem ich am Herzen ruhe »In stiller Lieb' und Treu', »Dem lächelt Freud' und Wonne »Und süßes Glück aufs Neu. »»O Rose, holde Rose, »»So sei auf ewig mein! »»Des Herzens banges Sehnen, »»Das stillest du allein! »»An treuer Brust geborgen »»Blühst du in sichrer Huth; »»O Rose, sei mein eigen, »»Nur dann ist alles gut!««

O wenn Papa dies läse, dann würde er eine andere, höhere Meinung von den Gaben dieses herrlichen Mannes bekommen! Aber um alles in der Welt, ihm darf ich es nicht sagen, er würde mir nie verzeihen, daß ich solche Dinge angenommen habe von einem jungen Manne, der ihm ganz fremd, und, wie ich mit blutendem Herzen bemerkt, durchaus nicht willkommen ist. So mag es denn ein süßes Geheimniß zwischen uns bleiben, mein Fränzchen, und wenn er wieder zurückkehrt, dann geht hoffentlich die Sonne heller für uns auf. Was kümmert es mich, wer und was er ist, wonach Papa so sorglich forschte! Er ist Deiner Mama von einem Jugendfreunde empfohlen, das genügt mir, und wer so edel und vornehm in seiner Erscheinung, so fein und ritterlich in seinem Benehmen ist, der kann kein untergeordnetes Menschenkind sein. Der Stempel edler Abkunft ist ja seiner schönen Stirn aufgeprägt! — Doch genug; ich verliere mich in meine süßen wonnigen Träume, und doch muß ich ihnen hier so ganz Lebewohl sagen und der rauhen Wirklichkeit um mich her leben. Laß Dir jetzt hiervon ein Wenig erzählen und bedaure mich, Du Getreue!

Franziska, was giebt es doch für Existenzen, und was das Wunderbarste ist, wie glücklich scheinen mir hier die Leute alle in diesen mehr als einfachen Existenzen. Mir steht der Verstand still, und Dein scharfer Humor fände hier nur allzureichen Stoff für Witz und Spöttereien.

Also mit dem Anfang zu beginnen, das heißt, mit unserer Ankunft hier in Dahme. Auf der Eisenbahnstation erwartete uns die Tante Marie selbst, eine große, brünette Frau mit starken Zügen und einer derben Art und Weise, sich auszudrücken. Ich kannte sie jedoch schon, obwohl ich sie damals mit Kinderaugen anblickte, denen alles Neue schön erscheint. Leider sehen diese Kinderaugen jetzt auch noch anderes, an der Tante z. B. gleich einen mehr als einfachen Anzug und einen Hut, den Noah's Eheweib füglich hätte tragen können, so uralt war er und bot Schutz vor Sonne, Wind und Regenwetter. Sie schloß mich stürmisch in ihre großen, starken Arme und schüttelte mir die Hände so energisch, daß meine feinen, blaßgrauen Josephinenhandschuhe, die ich mir zur Reise frisch angeschafft, sogleich in einem breiten Riß auseinander platzten. »Zieh die Dinger herunter, Kind!« rief sie lachend, als sie sah, was sie angerichtet; aber das ließ ich wohl bleiben, die scharfe Sonne hätte mir die Haut gleich abscheulich verbrannt. Eine breitbauchige, schwerfällige Kalesche nahm uns dann auf, vor welche ein paar lächerlich plumpe Ackergäule gespannt waren, die ein roher Knecht vom Kutschbocke aus dirigirte. Meine hohen Koffer blickte die Tante mit starrem Schrecken an, auf der Kalesche hatten die keinen Platz. »Wir müssen einen Leiterwagen herschicken, anders geht's nicht,« sagte die Tante achselzuckend. »Was schleppst du denn alles mit dir in der Welt herum?« fragte sie lachend, »in solchen Koffern hat ja ganz Dahme Platz.« Aber dann zogen Knecht und Pferde Tante's Aufmerksamkeit auf sich, und wir waren kaum zum Bahnhofe hinaus, da rief sie gebieterisch: »Stillhalten, Michel!« Wie der Blitz schwang sie sich dann auf den Bock, griff dem tölpelhaften Knechte in die Leine und kutschirte nun selbst.

»Ich bitte um Verzeihung, lieber Schwager,« sagte sie dabei äußerst munter, »mein Mann brauchte unsern Kutscher heut anderweitig, ich mußte den Michel nehmen. Da der aber gewöhnlich nur Arbeitswagen fährt, will ich ihm den ungewohnten Posten lieber abnehmen.«

»Du fährst selbst, Tante?« rief ich erstaunt, sie nickte aber blos und schnalzte mit der Zunge, und in raschem Trabe führten die plumpen Gäule uns und die alte Kalesche durch Wiesen und Felder. Auf einige Worte und Zeichen der Tante sprang nach einer Weile der Michel vom Wagen herunter und lief zu einem Trupp Arbeiter, die im Acker beschäftigt waren.

»Das ist schon Dahme'scher Grund und Boden!« rief die Tante stolz und deutete mit der Peitsche hinüber. »Sie sind gerade beim Düngen.«

Auch ohne ihre Erklärung hätten meine Geruchsnerven mir das verrathen; es war ein gräulicher Gestank, und erschrocken hielt ich mir das Tuch vor's Gesicht. Die Tante sah es und lachte. »Ja ja, Kindchen, nach Rosenöl riecht's gerade nicht; aber ich sage dir, für einen rechten Landwirth giebt's auf der ganzen Welt keinen schöneren Duft, als solchen frischen Dünger. Wirst dich schon daran gewöhnen, wenn du ein Weilchen bei uns bist. Der glatte Misthaufen inmitten unseres Hofes ist unserer Augen Trost und Freude.«

Ich blickte Papa betroffen an, denn ich war entsetzt über solche Reden. Papa aber lachte und fing an mit der Tante über die Ländereien zu sprechen, durch welche wir fuhren, und zwar mit einem Interesse und einer Sachkenntniß, daß ich ganz erstaunt zuhörte. Ich hatte nie gewußt, daß mein feiner, eleganter Papa, der sich in seinem Arbeitszimmer und im Kabinet des Ministers nur mit Akten und Zahlen beschäftigt, auch davon etwas verstand.

Nun endlich waren wir in Dahme. Ein spitzer Kirchthurm schaute lange schon über eine Anzahl Dächer herüber, und umgeben von einem weiten, bäuerlich aussehenden Garten stand ein schlichtes, großes Haus vor uns, vor dem der Wagen still hielt.

»So, da wären wir glücklich!« rief die Tante und sprang vom Bock herunter, mit der Peitsche ein Paar große Hunde abwehrend, welche mit wüthendem Gebell zum Hofthore herausstürzten, das ein Knecht öffnete.

Hinter dem Knechte erschienen zwei junge Mädchen, welche ich für Dienerinnen hielt und ihnen schweigend meine Sachen zu tragen gab, die ich im Wagen hatte. Da stellte Tante Marie sie mir plötzlich als ihre Töchter Lottchen und Hannchen vor. Denke Dir meinen Schrecken! Ganz verdutzt über meine so äußerst simpel aussehenden Cousinen folgte ich denselben nun in den Hof, der das Haus von drei Seiten umgab, und in dem ich wirklich, wie Tante Marie gesagt, in der Mitte einen mächtig breiten, glatten, wohlgepflegten und umzäumten Misthaufen erblickte, auf dem sich eine Masse Hühner, Enten und Gänse, Futter suchend, umhertrieben. Rings im Hofe, der von Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, standen eine Menge Pflüge, Wagen und was weiß ich alles, und eine Anzahl Arbeiter waren dabei, Pferde an- und abzuschirren. Tante Marie lief sogleich zu diesen Leuten hinüber und gab einige Befehle, und wenige Minuten darauf rasselte ein Leiterwagen zum Thore hinaus, wahrscheinlich um meine unglücklichen Koffer von der Bahn zu holen.

Als wir in das Haus eingetreten waren, umarmte Tante Marie mich noch einmal und begrüßte mich als lieben Gast. Auch meine Cousinen kamen jetzt ganz zutraulich herbei und nahmen mir Hut und Mäntelchen ab, mit höchst verwunderten Blicken meine Frisur und Toilette betrachtend, wie ich wohl merkte. Ich kam mir in meinem Anzuge, der doch nur eben modern und gewiß nicht übertrieben elegant ist, hier in dieser grenzenlos einfachen, ja ich möchte sagen, ärmlichen Umgebung aber auch selbst höchst eigenthümlich vor, wie eine Prinzessin im Kreise von schlichten Bürgersleuten. Und doch ist Tante Marie die Schwester meiner Mutter, also bin ich doch gar nicht vornehmer als meine Cousinen, wenn mein Papa auch ein hoher Staatsbeamter ist. Uebrigens sind diese meine Cousinen ganz hübsche Mädchen, nur freilich zu roth und zu gesund aussehend für unsere Cirkel. Das glatt gescheitelte Haar, wie es bekanntlich jetzt nur noch die Engel tragen, bei Charlotte dunkel, bei Hannchen weich und blond, umrahmt angenehme Züge, und die blauen Kornblumenaugen blicken ohne Falsch in die Welt hinein. Aber denke Dir, daß meine Cousinen in dunkeln Kattun gekleidet sind, wie ihn unsere Dienstleute tragen, ohne einen Schatten von Ueberwurf oder Garnierung, und helle, bunte Kattunschürzen liegen darüber zum Schutz dieser kostbaren Gewänder. Und welcher Schnitt von Taille und Aermel! Wahrhaft lächerlich einfach. Der Onkel, der jetzt rasch und laut in das Zimmer trat und uns wie ein rechter Biedermann begrüßte, ist der Typus eines schlichten Landmannes vom Kopf bis zur Zehe. Seine blonden, krausen Haarlocken und das feuerrothe Gesicht, aus dem die hellen, blauen Augen ordentlich spashaft bunt herausleuchten, werden von ein Paar mächtig breiten Schultern getragen, und der ganze prachtvolle Mann steht so fest und sicher mit seinen Füßen in den riesigen Stulpenstiefeln, als gehörte ihm die ganze Welt. Aber wenn Du denkst, das ist nun die ganze Familie, da irrst Du Dich sehr. Jene beiden Cousinen sind nur die Aeltesten einer ganzen Reihe von Kindern. Zuerst präsentirte sich noch ein halbreifer Backfisch in ausgewachsenen Kleidern, mit einem schüchternen Gesicht und linkischem Benehmen; dann ein Bursche von etwa 13 Jahren, der gerade zu den Ferien hier ist, ein richtiger Schlagtodt, und endlich kommen noch ein Mädel und zwei kleine Jungen, der Jüngste etwa 3-1/2 Jahr alt. Und das ist alles roth und dick und kräftig und gesund, bald schwarz wie die Mutter, bald blond wie Papa, und lacht und schwatzt und läuft durcheinander, daß einem der Kopf schwirren möchte. Lieber Gott, wenn ich an meine beiden blassen, stillen Geschwister zu Hause denke, wie wird mir da! Die hätte Papa herschicken sollen, daß sie frisch und gesund hier werden, ich mag ja gar nicht solche unverschämt rothen Backen haben, wie Hannchen und Lottchen, das ist ja so schrecklich gewöhnlich. Nun ich denke, ich werde mich wohl davor hüten können. Aber freilich, diese Kost, welche hier täglich genossen wird, ist dazu angethan, den Körper robust und derb zu machen. Was wird hier alles aufgetragen! Von diesen Riesenschinken, diesen armstarken Würsten, diesen mächtigen Fleischstücken, welche hier geräuchert, gekocht und gebraten die Tafel möchten brechen machen, hast Du gar keine Idee. Und diese Butter, dieser Honig, diese Milch und Sahne und diese Fülle von Obst — ich meine oft, ich bin im Lande Kanaan, und Onkel Bremer lacht immer über sein ganzes, hübsches Gesicht, wenn er mein Staunen über solche Fülle mit ansieht. Welche Ueberwindung kostet es da, nicht frisch drauf los zu schmausen, sondern an seine zierliche Figur zu denken, für welche solche Kost ewiger Ruin wäre. Denke Dir, wenn ich als derbe, plumpe, feuerrothe Landdirne mit dicker Taille und braunem Gesicht und Händen wieder zu Dir käme! Was würde wohl Baron L. dazu sagen? Und wie würde Lieutenant v. F. verächtlich sein bleiches Bärtchen drehen und mit einem hm, hm, ei wie Schade! seinen Augenkneifer eilig wieder herabfallen lassen, durch den er die ehemalige »Rosenknospe« bewundern wollte.

Aber ich schreibe alles durcheinander und wollte Dir doch von dem Leben hier noch etwas erzählen. Den nächsten Tag, als Papa noch hier blieb, war das Treiben im Hause noch etwas festlich und aus dem Geleise gebracht, dann aber ging alles wieder seinen regelmäßigen Gang, gerade wie ein Uhrwerk, und da bin ich denn mitten hinein gefallen, ohne daß irgend Jemand sich in seinen täglichen Arbeiten stören läßt oder besondere Notiz von mir nimmt. Jedermann ist herzlich und freundlich gegen mich, wie man denn den ganzen Tag kein böses Wort hört, trotz der vielen Kinder. Aber ich fühle mich doch im höchsten Grade unbehaglich; denn was soll ich unter diesen Menschen, die den ganzen Tag vom frühesten Morgengrauen, (o mein Gott, wie entsetzlich früh!!) bis in die Nacht hinein nichts thun als arbeiten, arbeiten! Am ersten Tage meinte ich, man habe etwas Besonderes vor, daß alles so unablässig thätig war; aber nun merke ich wohl, man treibt es nie anders. Mir schwindelt ordentlich, wenn ich sehe, wie meine Cousinen immerfort nähen, stricken, kochen, plätten, im Hof und Garten, Küche und Keller wirthschaften, und die Tante an der Spitze; denn sie arbeitet wie ein Mann und hat die Wirthschaft und die Leute in fabelhafter Zucht und Ordnung. Man hat mir einen Einblick gegeben, wie alles im Hause eingetheilt ist und wie jeder seine Arbeit zugewiesen erhält. In dieser Woche hat Hannchen die Küche und Lottchen die Milchwirthschaft und die Nähereien, und selbst Martha, der Backfisch, hat sein Revier meist in der Kinderstube. In nächster Woche wechselt die Eintheilung wieder: Lottchen bekommt Hannchens Arbeit und umgekehrt Hannchen die Lottchens. Tante führt die Oberleitung und steht sogar oft dem Onkel bei; denn sie besitzt Kenntnisse und Verstand wie ein Landwirth. Sogar die kleinen Kinder helfen schon in ihrer Weise, indem sie ihre Sachen selbst aufräumen, sich unter einander beim Anziehen beistehen, im Garten oder der Küche kleine Dienste thun, kurz, wie kleine Sclaven schon ganz wacker ihre Kette nachschleppen. Du kannst denken, wie mir bei solchem Leben zu Muthe ist. Kennt man denn in diesem Hause keine besseren Beschäftigungen? Wo bleibt da Bildung und Sinn für edlere Dinge? Und von irgend welchem Vergnügen ist nie und nimmer die Rede. Heißt das Jugendglück, heißt das Lebensgenuß für ein junges Mädchen? O wie froh bin ich, daß ich anderes kennen gelernt, daß ich anders erzogen und aufgewachsen bin, als meine armen Cousinen, die mir schrecklich Leid thun würden, wenn sie nicht so äußerst zufrieden und froh in die Welt hinein blickten und nichts anderes wünschen. Aber wie ich es hier lange aushalten soll, das mag Gott wissen. Bedaure mich etwas, meine theure Franziska, und schreibe bald

Deiner Frida.«

Was Frida in großen Zügen ihrer Freundin mitgetheilt, das war allerdings Wahrheit. Der Geist, der dieses Haus beherrschte, war der Geist der Arbeit, und Jedermann schien sich dabei äußerst wohl zu fühlen. Frida freilich kam sich in dieser Welt unsäglich überflüssig vor. Ueberall war sie im Wege und fühlte sich einsam mitten unter den vielen Bewohnern des Hauses. Bisher war sie stets die Bewunderte und Tonangebende gewesen; ihre Freundinnen hatten ihr gehuldigt und geschmeichelt, der Vater alles gut und schön gefunden, was sie that, und ihr Wille wurde Gebot für das ganze Haus. Hier war sie ein Glied einer langen Kette, und niemand dachte daran, daß sie im Herzen andere Ansprüche machte. Der Vater hatte sie hergebracht, damit sie wie eine Tochter des Hauses in der Familie leben sollte, und wie eine solche wurde sie in dem Kreise aufgenommen und gehalten, gerade so und nicht anders, nur daß man eben keine Arbeiten von ihr verlangte. Aber Umstände machte man freilich auch nicht mit ihr. Ihr Zimmerchen lag neben dem von Charlotte und Hannchen. Es war eben so einfach, wie alles sonst im Hause, und Frida meinte zuerst, hier könne sie es nicht aushalten. Das verzärtelte Kind setzte zu Haus den Fuß auf weiche Teppiche, sowie sie das Bett verließ, und tausend zierliche und üppige Bequemlichkeiten umgaben sie, welche sie von jeher als etwas Selbstverständliches betrachtet hatte. Mit flinker Hand stand die Jungfer schon beim ersten Erwachen des jungen Dämchens bereit, ihre Dienste anzubieten, und ohne daß sie selbst es wußte war Frida ein unsäglich verwöhntes und verzärteltes Prinzeßchen geworden. Was Wunder, wenn ihr die so äußerst einfachen Zustände in dem Pächterhause als abschreckend und unerträglich vorkamen. Am ersten Abend hatten die Cousinen bereitwillig ihre Dienste angeboten, als Frida sich auskleidete; war es ja doch für die einfachen Mädchen ein wahres Fest, Frida's zierliche und elegante Toilette so Stück für Stück in der Hand mustern und bewundern zu können. Achtlos warf Frida all die kostbaren Dinge auf Stühlen und Fußboden umher, denn sie war nicht daran gewöhnt, selbst etwas aufzuräumen. Die Cousinen flogen eilfertig hierhin und dorthin zu ihrer Bedienung, räumten und ordneten, falteten und glätteten mit geschäftigen Händen, und Frida nahm ruhig alles hin, als gehöre sich das so. Endlich löste sie ihr reiches, blondes Haar auf, das die Jungfer ihr vor dem Schlafengehen stets sorgfältig kämmte und bürstete. Beim Losstecken desselben fielen einige Locken und Toupé's zur Erde, welche den hohen modernen Aufbau der Frisur noch höher und reicher gemacht hatten, wie es bei den jungen Modedamen so Sitte ist. Laut auflachend hob Hannchen diese Trophäen der Eitelkeit empor und hielt sie staunend in den Händen.

»Aber Frida, warum packst du dir denn solch' falsches Zeug auf deinen Kopf?« rief sie verwundert. »Du hast ja so schönes Haar; das fremde möchte ich nicht tragen, wer weiß, wer das auf dem Kopfe gehabt hat!« Frida nahm ihr die Dinge verdrießlich aus der Hand und sagte: »Das verstehst du nicht; in der Stadt kleidet man sich eben wie die Mode es fordert. Mein eigenes Haar ist mir oft sogar im Wege, fremdes frisirt sich viel besser. Aber hier freilich scheint es mir unnütz, denn wer soll mich hier frisiren?« Aergerlich griff sie bei diesen Worten zum Kamm und fuhr sich hastig und ungeschickt durch das lange, dichte Haar, da sie in Abwesenheit ihrer Jungfer dies Geschäft selbst machen mußte. Da es ihr aber nicht gelang, warf sie den Kamm verdrießlich wieder hin und wollte das Haar ungekämmt aufstecken. Sie verfitzte es dabei jedoch so arg, daß Lottchen endlich zugriff und rief: »O das schöne Haar! Warum verwirrst du es denn so? Soll ich es dir auskämmen, Cousinchen?«

Und flink huschte der Kamm bei den Worten schon durch das weiche Haar, was das junge Mädchen ruhig geschehen ließ.

»Mein Gott, warum Papa nur nicht wollte, daß ich meine Jungfer mitnahm!« klagte Frida verstimmt, »wie soll ich denn mit meiner Toilette allein fertig werden?«

»O wir helfen dir, liebe Cousine,« riefen die jungen Mädchen.

»Aber habt ihr denn keine Jungfer, die euch anzieht?« fragte Frida erstaunt, und ein schallendes Gelächter antwortete ihr.

»Eine Jungfer? Wir?« rief Lottchen belustigt. »Ja was sollten wir denn mit der? Wir machen alles selbst, und ich wüßte gar nicht wie spaßig ich mich dabei anstellen würde, wenn ich mich sollte in allen Stücken bedienen lassen. Seit wir erwachsen sind, Hannchen und ich, haben wir der Mutter alles abgenommen, im Hause und in der Wirthschaft. Vater hat einen sehr hohen Pachtzins zu zahlen, da müssen wir alle sparen helfen, und Gott hat uns ja gesunde Glieder gegeben, die arbeiten können. Unnütze Dienstleute kosten Geld; so haben wir jetzt auch für die Milchwirthschaft keine Mamsell mehr, sondern besorgen diese Geschäfte abwechselnd. Diese Woche bin ich an der Reihe, und wenn ich morgen früh um 3 Uhr aufstehe, um in den Kuhstall zu gehen, so erschrick nicht über die Störung; beim Melken muß ich dabei sein.«

»Was, um drei willst du aufstehen?« rief Frida entsetzt. »Das ist ja fürchterlich! Bist du denn da nicht den ganzen Tag nervös und müde?«

»Nervös niemals, ich weiß gar nicht, was das ist,« sagte Lottchen. »Müde jedoch bin ich natürlich oft rechtschaffen; aber das schadet nichts, da schläft sich's um so schöner. Und wenn man seine Arbeit hat, vergißt man die Müdigkeit. Ich denke, du wirst schon Gefallen am Landleben bekommen, und ich freue mich darauf, dir unsere sauberen Ställe zu zeigen mit dem schmucken Vieh; die schönen Milchkeller mit den vielen Milchschüsseln und Butterfässern und dann die anderen Wirthschaftsräume alle — o ich sage dir, es ist eine wahre Lust, darin thätig zu sein. Um keinen Preis möchte ich unser Leben mit einem in der Stadt vertauschen, obwohl ich gar keine rechte Vorstellung habe, was ihr in der Stadt eigentlich treibt ohne Vieh und ohne Landwirthschaft.«

Frida verzog bei diesen Worten ihr Mündchen etwas höhnisch und zuckte mit den Schultern. »Jeder lobt sich seine Existenz als die Beste,« sagte sie herbe. »Für ein Leben, wie ihr es führt, müßte ich meinerseits nun wieder danken. Ich stürbe in den ersten acht Tagen dabei.«

Die Cousinen lachten herzlich und versicherten, es käme nur auf Gewöhnung an; Frida aber ließ sich innerlich schaudernd über solche Gewöhnung von Lottchen das gestickte Nachthemd überwerfen, und die Bewunderung über dies Kleidungsstück, das den jungen Mädchen etwas ganz Neues war, führte die Gedanken wieder auf andere Dinge. Das zierliche Nachthäubchen barg die vollen Flechten kaum, welche Hannchen bewundernd darunter schob, und die feinen, seidenen Pantöffelchen brachten Lottchen ganz in Ekstase.

»Du bist wie eine kleine Prinzessin im Märchen,« rief sie entzückt. »Solche reizenden Sachen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Aber ich möchte sie nicht an mir haben; ich würde mich immer ängstigen, etwas davon zu zerreißen.«

»Nun was schadet das?« sagte Frida müde, »ewig kann man das Zeug doch nicht tragen, dann kauft man anderes.«

»Wir können das nicht, wir müssen sparsam sein und unsere Sachen lange tragen, sagt die Mutter,« erwiederte Hannchen. »Viel Kinder kosten Geld, für unsere Garderobe darf nicht viel ausgegeben werden. Aber bei unserm Leben hier auf dem Lande denkt auch niemand an Putz und Staat, das entbehren wir nie.«

»Aber kommt ihr denn nie in Gesellschaft oder auf Bälle und in Concerte?« sagte Frida.

»In Gesellschaft? O ja, zuweilen,« rief Lottchen stolz. »Pastor Werders und unsere Nachbarn in Hermsbach besuchen wir häufig, besonders an Festtagen, und das ist dann prachtvoll. Ich freue mich schon darauf, dich ihnen vorzustellen. Manchmal wird dann auch wohl ein Tänzchen gemacht, besonders wenn die Söhne in den Ferien da sind, jedoch wir Mädchen tanzen auch unter einander. Am schönsten aber ist's, wenn wir Geschwister unter uns sind, und Vater seine drei alten Tänze aufspielt, nach denen wir in der großen Unterstube tanzen. Du sollst nur einmal dies Vergnügen der Kinder mit ansehen; sogar unsere Mutter dreht sich da mit uns herum, wir lassen ihr keine Ruhe. Und nun kommt bald Kirmes, da tanzt das ganze Dorf und die ganze Umgegend unter unsern Linden. Das ist ein Fest, sage ich dir, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst. Unser Großknecht ist ein prachtvoller Tänzer; du sollst sehen, mit ihm tanzt sich's so schön, wie mit deinem trefflichsten Cavalier im Tanzsaal.«

»Ich soll mit euren Knechten tanzen?« rief Frida erschrocken, »thut ihr denn das?«

»Nun natürlich, das ist ja eine Ehre, die wir den Leuten nicht abschlagen dürfen,« entgegnete Hannchen. »Wir würden es aber auch selbst gar nicht entbehren mögen; denn auf den Kirmestanz freuen wir uns schon das ganze Jahr, es ist gar zu lustig.«

Frida schüttelte ungläubig den Kopf und war im Herzen außerordentlich indignirt über den Geschmack ihrer Cousinen. Mit den Knechten aber je zu tanzen, dazu sollte sie sicher nichts bewegen. Es wäre ja eine Schmach für das feine Fräulein, das sich bisher nur in aristokratischen Kreisen bewegt hatte. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und sagte ihren Cousinen gute Nacht, denn sie war müde von all dem Neuen, was sie umgab.

Als sie am andern Tage erwachte, hörte sie schon viel reges Leben im Hause, und doch war es für Frida noch eine so frühe Stunde, daß sie im Vaterhause sich noch ruhig auf die andere Seite gelegt hätte, um weiter zu schlafen. Hier jedoch fing der Tag früher an, wie sie merkte, und seufzend wickelte sie sich aus dem schweren Federbett heraus, das sie am Abend aufgenommen hatte. Aber mit welchem Seufzer dachte sie nun daran, daß sie sich ganz allein anziehen müsse und keine helfende Jungfer zur Seite habe. Jetzt erst merkte sie, wie verwöhnt sie war, und wie Recht ihre Stiefmutter hatte, welche ihr freundlich gerathen, ihren Anzug möglichst selbst zu besorgen und sich nicht von Anderen abhängig zu machen, was oft sehr unbequem werden könne. Ach jetzt war es entsetzlich unbequem, sie sah es wohl ein; denn fast weinend vor Verdruß gerieth sie mit Kämmen und Bürsten, Bändern und Haken und allen andern Gegenständen der Toilette in Krieg und Feindschaft. Endlich schaute Hannchens frisches Gesicht zur Thür herein.

»Gut geschlafen, Cousinchen?« rief sie fröhlich.

»Danke, leidlich,« erwiederte Frida verstimmt.

»Ich will dir bei der Toilette ein Bischen helfen, wenn du erlaubst,« fuhr Hannchen freundlich fort und griff gleich nach all den Gegenständen, welchen Frida Urfehde geschworen hatte. Aber freilich die Toilette einer eleganten Stadtdame war für Hannchen ein Buch mit sieben Siegeln. Fragend hob sie bald dies, bald jenes empor, dessen Zweck ihr fremd war, vor allem aber wußte sie mit den Chignons und Locken, welche Frida's Haarputz vervollständigen sollten, absolut nichts anzufangen.

»Wirf die Dinger in den Kasten, was willst du hier damit!« rief sie endlich, und Frida wußte auch keinen andern Rath. Dann schlang Hannchen das schöne Haar ihrer Cousine in zwei lange, glatte Flechten, wand dieselben einfach um deren Kopf und führte Frida nun triumphirend vor den Spiegel.

»Du siehst zum Verlieben hübsch aus mit diesem glatten Köpfchen!« rief Hannchen bewundernd; Frida aber mochte ihr Spiegelbild kaum eines Blickes würdigen, denn sie fand sich abscheulich. Was kam hier jedoch darauf an, wie sie aussah? Für diese altmodische, einfache Familie war sie gut genug, und selbst im Morgenrock noch zu elegant, und von ihren städtischen Bekannten sah sie ja zum Glück niemand in solchem Aufzuge.

Mit wahrem Hohn dachte sie jetzt an all die zierlichen, eleganten Anzüge, welche ihre hohen Koffer bargen, und die sie gar nicht auspacken mochte. Die waren freilich hier von Ueberfluß, das wußte sie jetzt und bedachte dies mit stillem Seufzen. Sie wählte unter all den schönen Dingen ein einfaches Kleid aus, das freilich immer noch viel zu elegant für dies Haus war, und folgte dann Hannchen zu den übrigen Gliedern der Familie.

Ihr Vater saß ganz behaglich mit Onkel Bremer in der Sophaecke und rauchte sein Pfeifchen, und Frida hörte voll Staunen, daß er schon seit zwei Stunden in Feld und Wald mit dem Schwager umhergestrichen war. Lächelnd nickte er seinem Töchterchen zu und rief: »Sieh da, Frida, wie schmuck und nett du heut aussiehst. Diese glatten Zöpfe sind hübscher als deine hohe städtische Frisur, das gefällt mir gut.«

Frida erröthete und Hannchen blickte triumphirend auf ihr Werk. Dann gingen die jungen Mädchen zum Frühstück, mit dem man auf Frida gewartet hatte, und alles begrüßte das neue Glied des Hauses mit einem fröhlichen »guten Morgen!«

Es war ein guter Geist, der in diesem Hause lebte, das sah und empfand Frida gar bald, und trotz allem, was ihr hier unerträglich erschien, fühlte sie sich durch den Zauber dieses Geistes schon in kurzer Zeit gefesselt. Wie lebendig und laut es auch oft um sie her war, nie hörte sie unfreundliche oder lieblose Worte, und selbst die unbändigen, kleinen Knaben gehorchten schnell und ohne Murren, wenn die Eltern oder die älteren Geschwister sie zurechtwiesen. Besonders schön aber war das Verhältniß zwischen den erwachsenen Töchtern und ihrer Mutter, und mit tiefer Beschämung gedachte Frida ihres Betragens im Vaterhause, wenn sie sah, mit welcher Verehrung und Liebe, welcher dienstfertigen Aufmerksamkeit Charlotte und Hannchen den Wünschen der Mutter entgegen kamen, und wie dankbar sie jede kleine Zurechtweisung aufnahmen. »Ja, es ist ihre rechte Mutter, mit einer Stiefmutter wäre es gewiß auch anders,« seufzte Frida wohl im Stillen, um sich selbst zu entschuldigen; daß sie sich aber auch gegen ihren Vater oft unartig und launisch betrug, obwohl es ihr »rechter Vater« war, das mochte sie sich kaum eingestehen.

Schon kurze Zeit nach ihrem Eintritte in das Haus ihrer Verwandten beklagte sich Frida bitter gegen Tante Marie über das Leid, das Papa ihr angethan, indem er wieder geheirathet hatte. Aber voll Verwunderung hörte sie, daß Tante Marie diesen Schritt des Schwagers vollständig billigte.

»Aber Tante, meine Mutter war ja doch deine Schwester; wie kannst du dich freuen, daß ihre Stelle durch eine Andere ersetzt worden ist?« rief Frida verletzt.

»Gerade weil ich meine Schwester so innig liebte!« entgegnete Tante Marie. »Könntest du deine theure Mutter selbst fragen, meine liebe Frida, so würdest du hören, wie glücklich es sie machte, ihren Mann wieder ruhig und zufrieden, ihre armen, kleinen Kinder in treuer Obhut, und ihre heranwachsende Tochter an der Seite einer erfahrenen, liebevollen Freundin zu wissen. Ich bin keine sentimentale Natur, mein liebes Kind, welche sich nur unpraktischen Wünschen und Gefühlen hingiebt, und obwohl ich recht wohl weiß, daß einem Manne nichts in der Welt die erste Jugendliebe ersetzen kann, und die Wunde, welche der Tod ihm da schlägt, ewig bluten wird, so bin ich doch der Ansicht, es ist sowohl für ihn selbst wie für seine jungen Kinder ein Glück, wenn er ein treues, weibliches Wesen findet, das ihm in Herz und Haus wieder Glück und Frieden bringt. Und wie ich deine zweite Mutter kenne, so ist sie ganz dazu geschaffen, das schöne Amt, das Gott ihr anvertraut, treu zu erfüllen. Und auch du, meine liebe Frida, wirst dich mit dem Gedanken aussöhnen, das weiß ich sicher, so traurig du auch jetzt den Kopf dazu schüttelst. Wäre Gertrud jung und unerfahren, so würde ich um deinetwillen die Wahl deines Vaters mißbilligt haben; denn einer fast erwachsenen Tochter muß der Vater keine junge Stiefmutter bringen, das thut nimmer gut aus tausend Gründen. Aber Gertrud könnte den Jahren nach ja deine eigne Mutter sein, und sie hat so viel Trübes im Leben erfahren, daß sie gereiften und ernsten Sinnes zu euch kommt. Vertraue ihr nur getrost, mein liebes Kind; du kannst keine bessere Freundin erhalten, als dein Vater dir in dieser zweiten Mutter gegeben hat.«

Frida wagte auf diese Worte nichts zu entgegnen, denn sie fühlte wohl, daß es unlautre Gründe waren, welche sie gegen ihre Stiefmutter einnahmen, und daß besonders die Beschränkung ihrer Launen und ihres übermäßig freien Willens sie so dauernd empörte. Sie hatte gehofft, an der Schwester ihrer Mutter eine Bundesgenossin zu finden, welche völlig so eingenommen gegen Gertrud war, als sie selbst. Da sie nun aber sah, wie anders Tante Marie den Schritt des Vaters beurtheilte, nahm sie sich vor, solch Gespräch nie wieder in Anregung zu bringen, sondern ihren Verdruß im Herzen zu verschließen; verstanden wurde sie ja doch nicht. Auch gegen ihre Cousinen mochte sie über diesen Gegenstand nicht sprechen, sie kannten ja die Verhältnisse nicht. Wie anders freilich war das zu Haus, wo sie gegen ihre Freundinnen ihr Herz ausschütten konnte und bei diesen zehnfaches Echo fand! Wie wurde sie von diesen bedauert wegen des Unrechtes, das ihr geschehen, und wie bestärkten sie diese klugen, jungen Mädchen in der Opposition, welche sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen zu bringen entschlossen war. Im Kreise dieser jungen Backfischchen hatte Frida stets neue Nahrung für ihre Gefühle gesucht und gefunden, und wenn Gertruds sanfte, liebevolle Weise oft schon auf Frida's Herz ihren günstigen Einfluß geübt, dann waren es die leidenschaftlichen Rathschläge und Ansichten dieser Freundinnen, und besonders Franziska's, welche alles wieder verdarben. Gertrud ahnte das wohl, denn sie kannte einige dieser jungen Mädchen; aber dennoch wagte sie nicht, Frida den Umgang mit denselben zu verbieten, die Sache wäre dadurch nur schlimmer geworden.

Hier nun im Hause der Tante machte das friedliche Leben bald seine Rechte auf das junge Mädchen geltend, und da jene leidenschaftlichen Empfindungen nirgends Anklang und Nahrung fanden, wurden sie stiller und stiller, und endlich dachte Frida gar nicht mehr mit jener Abneigung an Gertrud, welche sie bis dahin erfüllt hatte. Die Briefe aus der Heimath waren Boten der Freude; das Vaterhaus strahlte aus der Ferne bald wieder in freundlichem Glanze zu ihr herüber, und der Gedanke, bei ihrer Rückkehr wieder in jenes verhaßte Verhältniß zur Stiefmutter einzutreten, nahm mehr und mehr eine andere Färbung an, je länger Frida vom Hause fort war.

Als am ersten Tage gleich früh Morgens alles an die Arbeit eilte, wie es in diesem Hause Sitte war, sagte Tante Marie in ihrer schlichten Weise zu Frida: »Nun, mein liebes Töchterchen, da du ganz als Familienglied und Kind des Hauses bei uns sein sollst, versteht es sich auch, daß wir keine Umstände mit dir machen. Jeder geht an seine Geschäfte wie alle Tage. Charlotte hat heut die Küche unter ihrer Leitung, Hannchen ist seit dem frühen Morgen schon in der Milchwirthschaft beschäftigt, Martha besorgt soeben die Hühner und dann nimmt sie sich der Kleinen an, während ich mit Hermann im Keller Bier auf Flaschen füllen will. Magst du einem von uns Gesellschaft leisten, so soll es uns lieb sein; willst du aber lieber lesen oder musiciren, oder dich im Garten ergehen, so findest du hier Bücher und Noten und manch hübsches Plätzchen draußen im Freien. Ich will dir die Kinder zur Gesellschaft schicken, wenn Martha ihnen Urlaub giebt; denn bei ihr haben sie Schule. Das Mädel ist ein geborner Schulmeister, sage ich dir.«

Frida zog es vor, im Zimmer bei Büchern und Clavier zu bleiben, und so verließ sie die Tante, um den tausend Geschäften nachzugehen, welche ihrer harrten. Das junge Mädchen sah sich nun allein mitten unter all den vielen thätigen Menschen, welche sie umgaben und kam sich unendlich überflüssig in diesem Hause vor. Sie ergriff ein Buch und las ein Wenig; aber ihre Gedanken flogen davon fort, bald zurück in die Heimath, bald den Stimmen nach, welche sie hier und dort hörte. Dann versuchte sie die Noten, welche auf dem Clavier lagen; aber sie fand dieselben altmodisch und langweilig und das Instrument gar zu klanglos. Es war ja ein Jammer, daß sie ihre Uebungen auf solchem »Rumpelkasten« halten sollte; zu Hause hatte sie einen so prachtvollen Flügel von Papa erhalten. Sie stand ärgerlich auf und suchte andere Unterhaltung; aber alles mißfiel ihr. Ein Gefühl von Verdruß überkam sie mehr und mehr, daß niemand sich um sie bekümmerte, gerade als wäre sie gar nicht in der Welt! Und sie war doch Gast hier im Hause und an Vernachlässigungen überdies in keiner Weise gewöhnt. Was in aller Welt sollte sie hier anfangen, wo jeder nur an sich selbst dachte, jeder seiner Arbeit nachging, ohne danach zu fragen, ob sie sich indessen zu Tode langweilte? Das war ja wirklich nicht zu ertragen!

Frida's Verstimmung wuchs von Minute zu Minute, bis endlich die Langeweile sie bewog, da man sich nicht um sie bekümmerte, selbst den ersten Schritt zu thun und zu ihren Cousinen zu gehen. Sehr verlockend freilich war es nicht, sie bei ihren Arbeiten aufzusuchen; aber was thut man nicht, um sich die Zeit zu vertreiben! Sie ging in die Kinderstube, wo Martha beschäftigt war, ihren beiden kleinen Geschwistern Lesestunde zu geben, während das dreijährige Brüderchen daneben spielte und sich aus Bausteinen einen Palast erbaute.

Bei Frida's Eintritt blickten die Kinder von ihren Beschäftigungen auf, und die kleine Marie sprang dem jungen Mädchen fröhlich entgegen.

»Wo steckt ihr denn nur alle?« sagte Frida gereizt, »und wo ist Hannchen und Charlotte geblieben?«

»Ich dachte, du wärest bei ihnen, liebe Cousine,« entgegnete Martha etwas schüchtern. »Ich muß die Kinder einige Stunden beschäftigen; Hannchen ist im Milchkeller und Lottchen in der Küche. Sie denken wohl, da ist keine Unterhaltung für dich. Willst du bei uns bleiben?«

»Ich werde Hannchen aufsuchen,« sagte Frida kurz; denn sie fand es schon bei ihren kleinen Geschwistern zu Hause unter ihrer Würde, sich mit diesen abzugeben, wie viel mehr noch diesen kleinen Bauernkindern gegenüber; denn etwas anderes als Bauernkinder waren die dicken, kleinen Posaunenengel doch wirklich nicht.

»Mariechen, lauf und zeige Frida den Milchkeller!« rief Martha der kleinen Schwester zu, und diese ergriff zutraulich die Hand der Cousine und zog sie mit sich fort. Sie hatten den großen Hof zu durchschreiten, den allerlei Federvieh und anderes Gethier belebte. Es hatte in der Nacht geregnet, und in Folge davon war der Hof etwas unsauber, besonders in der Nähe einiger Ställe, an denen sie vorüber schritten.

»O Gott, meine Stiefeln! Ist das ein Koth hier bei euch!« rief Frida und blickte voll Entsetzen auf ihre hellfarbigen, zierlichen Stiefelchen, welche in diesem unvermeidlichen Unrath schon nach wenig Minuten feucht und unsauber geworden waren. »Warte, ich hole dir Holzpantoffeln!« rief Marie und kam sogleich mit einem solchen Paar zurück, während ein zweites lustig an ihren eigenen, kleinen Füßen klapperte. Frida versuchte darin zu gehen, unmöglich! Sie ging wie auf Stelzen und fiel nun erst recht in die Pfützen. Aergerlich erreichte sie endlich ihr Ziel und kroch die Stufen hinab, welche in den Milchkeller führten. Hannchen kam ihr hier fröhlich entgegen, das Kleid aufgeschürzt und in der Hand einen breiten Löffel, mit dem sie soeben die Sahne von den zahllosen Milchschüsseln abrahmte, welche ringsum im Keller standen. Frida trippelte zaghaft näher, denn ihr war sehr unbehaglich zu Muthe. Für ihre dünnen, nassen Stiefelchen war dieser feuchte, von Milch hier und dort getränkte Fußboden noch schlimmer, als draußen der schmutzige Hof; auch umgab sie hier eine so kalte Kellerluft, es roch so unangenehm nach Milch und Molken, sie wäre am liebsten gleich wieder fortgelaufen. Hannchen ging ruhig weiter von Schüssel zu Schüssel, ohne sich in der Arbeit stören zu lassen, und das verdroß Frida auch. Was sollte sie hier, sie war ja nur im Wege und erkältete sich am Ende noch bis auf den Tod. Aber jetzt lächelte Hannchen ihr so freundlich zu und schien so erfreut, sie hier zu sehen, da durfte sie doch nicht gleich wieder davon laufen. So hob sie denn ihr helles, reichgarnirtes Kleid sorgfältig auf und trippelte hinter Hannchen drein von einer Milchsatte zur andern.

»Was machst du nur eigentlich, Hannchen?« rief sie nach einer Weile, als sie sah, wie jene überall sorgfältig mit dem breiten Löffel die dicke Sahne von der geronnenen Milch abschöpfte. »Du verdirbst ja die ganze saure Milch! Wer soll die denn genießen, wenn du die Sahne herunternimmst?«

Hannchen lachte herzlich und sagte: »Die Schweine, Cousinchen! Etwas bleibt zur Bereitung von Käse, das Uebrige wird Viehfutter. Auf den Tisch kommt solche abgerahmte Milch nicht, habe keine Furcht!«

»Aber wer soll denn all die Sahne essen, die du da sammelst?« fragte Frida weiter.

»Essen? Gott bewahre, das wäre schön!« rief Hannchen. »Daraus soll ja die Butter für's ganze Haus gemacht werden.«

»Die Butter? Daraus macht ihr Butter?« fragte Frida verwundert.

»Nun ja, woraus denn sonst?« lachte Hannchen. »Komm und sieh dir das Buttern einmal mit an; du hast es wohl noch nie gesehen?«

Frida folgte der Cousine in den Nebenraum, und hier sah sie mehrere hohe Butterfässer, welche von einigen derben Mägden in Bewegung gesetzt wurden. Das war für die kleine Stadtdame ein völlig neuer Anblick, und erstaunt sah sie dann, daß das Fett der Sahne sich bei der Bewegung im Faß von den Milch- und Wassertheilen trennte und sich zu kleinen Butterklümpchen verwandelte. Hannchen bot ihr ein Glas frischer Buttermilch an, welche aus dem Fasse gegossen wurde, und Frida genoß mit Vergnügen den unbekannten Trank, der ihr sehr mundete.

»Heute Abend kostest du gewiß mit doppeltem Appetit von der Butter, die du hier entstehen sahst,« sagte Hannchen, auf die leckere, weiße Masse zeigend, welche nach und nach aus den Fässern wanderte. »Ueberhaupt denke ich, wenn du erst allerlei hier kennen gelernt hast, wirst du Geschmack an unserm Leben finden. Aber nun soll Mariechen dich ein Bischen umherführen, ich muß zu den Leuten!«

Frida folgte der kleinen Marie etwas zaghaft nach dem Hofe, der ihr als ein äußerst unangenehmer Aufenthalt erschien. Aber die kleine Cousine ruhte nicht, bis sie dem jungen Mädchen all ihre Lieblinge gezeigt hatte, und kroch aus einem Stalle in den andern, bald hier eine Ziege an den Hörnern hervorziehend, bald dort weiße Kaninchen oder ein junges Lämmchen, oder besonders hübsche Hühner und Tauben. Frida kam sich vor wie ein Opferlamm und ließ sich geduldig von einem Stall zum andern, von einer Hütte oder einem Verschlag zum andern führen. Ihre schönen Stiefelchen waren ja doch einmal für ewig verdorben, und in welchen Zustand ihr feines Kleid auf dieser Wanderung gerieth, das sollte sie nicht länger beunruhigen; sie hatte doch wenigstens etwas Unterhaltung bei diesen Streifzügen.

»Aber das Kälbchen von unserer guten Bleß mußt du noch sehen, Frida, es ist zu niedlich!« rief Mariechen, abermals eine Stallthür öffnend und das junge Mädchen hereinziehend.

»Aber hier riecht es ja so schrecklich und ist zu fürchterlich schmutzig,« sagte Frida und blieb zögernd in der Thür des Kuhstalles stehen, ängstliche Blicke auf die Kühe heftend, welche brummend die dicken Köpfe nach ihr umdrehten. Sie mochte es nicht gestehen, daß sie sich vor den Thieren fürchtete, in deren nächster Nähe sie noch niemals gewesen war. »Sie werden dich stoßen, Mariechen, nimm dich in Acht!« rief Frida ängstlich, als sie sah, wie das kleine Mädchen furchtlos zwischen den schrecklichen Thieren umherkroch und sie mit ihren kleinen Händen zur Seite schob, um sich Platz zu dem Kälbchen zu machen, das neben einer hellbraunen Kuh in der Ecke am Boden lag.

»Mich stoßen?« lachte die Kleine. »Das wäre schön, alte Bleß, nicht wahr? Wir kennen uns besser. Alle Kühe in den Ställen kennen mich, Frida, sie sind nicht böse. Komm doch einmal her und sieh dir das Kälbchen an; es hat einen weißen Stern auf der Stirn, gerade wie seine Mutter, die Bleß.«

Aber Frida blieb ängstlich in der Thür stehen; sie hätte sich um die Welt nicht zwischen diesen Ungeheuern durchgedrängt, die sie alle mit ihren Hörnern zu bedrohen schienen.

»Nein nein, es riecht so sehr schlecht im Stalle,« sagte sie und wollte eben zurücktreten, da wurde sie von außenher hineingedrängt.

»O der Duft vom Kuhstall ist sehr gesund, Cousinchen, nur immer hinein und zier dich nicht!« rief eine etwas rauhe Stimme, und Frida sah Hermann neben sich, welcher, ein Paar hohe Stulpenstiefeln an den Füßen, sich an ihr vorbei drängte. Dann ging er pfeifend die Reihe entlang und klopfte bald dies, bald jenes der Thiere auf den glatten Schenkel, sie liebkosend und beim Namen nennend, und ein leises Brummen war die Antwort der gehörnten Freunde. Zögernd folgte Frida, indem sie sich ängstlich von den Thieren fern hielt, und sie seufzte froh auf, als sie die andere Seite erreicht hatte und durch die Thür hinausschlüpfen konnte.

»Hast du unsere Ferkel schon gesehen, Cousinchen?« sagte Hermann jetzt.

»Schweine?« rief Frida entsetzt. »Pfui, in den Schweinestall soll ich doch nicht etwa auch kriechen?«

»Hoho,« lachte Hermann, »da ist nicht pfui zu sagen! Unsere Schweine wohnen höchst appetitlich; komm nur mit, es ist da eine ganz prächtige Gesellschaft beisammen.«

Frida verzog den Mund spöttisch, folgte aber doch dem etwas ungalanten Vetter, der sie zu seinen Schützlingen führte. Aber sich abwendend hielt sie sich hier schnell das Tuch vor's Gesicht und wollte davon laufen. Hermann ergriff jedoch rasch ihre Hand und zog sie vorwärts. »Narrenspossen, ich lasse dich nicht fort, die Ferkelchen mußt du sehen, sie sind zu prachtvoll!« rief er eifrig. Dabei öffnete er einen der Bretterverschläge, und sogleich kamen eine ganze Menge kleiner, weißer Schweinchen herausgesprungen, welche quiekend um Frida herumliefen. Diese schrie laut auf vor Schrecken und Angst und klammerte sich mit den Händen an Hermanns Arm, besonders als das alte Mutterschwein jetzt grunzend mit seiner Schnauze ihre Füße berührte und sich nach ihren muntern Sprößlingen umschaute. Hermann lachte aus vollem Halse über Frida's Angst, und der alten Sau einen Tritt gebend, daß sie zur Seite fuhr, rief er lustig: »Bist du aber ein Hasenfuß, Cousinchen! Die Thiere thun dir alle nichts, das sind keine Löwen und Tiger. Sieh dir nur einmal die schmucken Ferkelchen an, hast du so was Niedliches dein Lebtag schon gesehen? Sind sie nicht weiß und lecker wie kleine Leberwürstchen? Und sieh nur, was sie für possirliche Sprünge machen und für allerliebste Schwänzchen haben! So ein Ferkelschwänzchen könntest du als Cravatte um den Hals tragen; so niedlich und zierlich kannst du keinen Knoten schlingen, sieh nur einmal!« Und rasch fing er eins der glatten, flinken Thiere und legte es Frida auf die Arme, das zierlich zu einer Schleife gewundene Schwänzchen hoch emporhebend.

Frida warf das völlig haarlose, fette, kleine Wesen voll Grauen zur Erde und rief beleidigt: »Behalte dein Viehzeug für dich, ich danke bestens! Pfui, wie ich nun rieche und aussehe!«

Hermann schlug mit seiner Reitpeitsche, die er in der Hand hielt, lachend unter die kleinen, quiekenden Thiere, daß sie über einander sprangen und sich kugelnd umher wälzten wie Gummibälle. »Bist du aber zimperlich!« rief er spottend. »Ihr Stadtleute seid komisches Volk. Einen Schweinsbraten, oder einen leckeren Schinken und frische Wurst verachtet ihr doch wahrlich nicht, obwohl es von diesen armen Thieren herstammt. Aber die Narrenspossen wirst du schon verlernen, hoffe ich, Fridelchen, ich werde dafür sorgen; dann nimmst du so ein Ferkel mit Entzücken in deine Arme und herzt es wie ein Schooßhündchen, das sollst du sehen.«

Frida hatte jetzt aber genug. Sie war dem ungalanten Vetter böse und wandte ihm rasch davongehend, den Rücken. Dieser pfiff lustig hinter ihr drein in echter Jungensweise; dann sang er in äußerst unmelodischen Tönen und mit der Reitpeitsche in der Luft umherfuchtelnd: »Hans mit den Pluderhosen sprang über'n Kachelofen — wutsch! war er weg.« Darauf verschwand er wieder in den Ställen, die zimperliche Cousine sich selbst überlassend.

Frida wollte eben ihr Zimmer aufsuchen, um sich von allem Schmutz dieser ersten ländlichen Inspectionsreise zu befreien, da kam Charlotte vom Hause her und sagte: »Ich will meine Glucken besuchen, Frida, kommst du mit mir? Vier habe ich gesetzt, wir wollen einmal sehen, was sie machen.«

Frida verstand von dieser Rede eben nur, daß die Reise nach dem Hühnerstalle gehen sollte, und da Federvieh ihr noch das Liebste von all dem Gethier auf dem Hofe war und ihr auch am wenigsten Furcht erregte, so begleitete sie Charlotten, denn schmutziger konnte sie ja doch jetzt nicht mehr werden, als sie nach diesen vorhergehenden Besuchen schon war.

»Hier sind nur einige von unsern Glucken,« sagte Charlotte, einen engen, dunklen Stall betretend, in dem einige Hennen still in Körben saßen, die mit Stroh ausgefüllt waren. »Der eigentliche Brütstall steht unter Mutters Leitung, du mußt dich einmal von ihr mit dahin nehmen lassen. Das hier ist mein Privatbesitz; die Hennen schenkte mir der Herr Pastor an meinem Geburtstage, und er soll nun auch die ersten Küken davon haben.«

Vorsichtig hob Charlotte nun eine Henne nach der andern empor und untersuchte die unter ihr liegenden Eier. »Die gelbe Kronenhenne sitzt am längsten, unter ihr scheint es mir lebendig zu werden,« sagte sie mit leuchtenden Augen und kniete neben derselben nieder »Sieh da, zwei Kleine sind glücklich an's Tageslicht gekommen!« rief sie freudig und zog Frida zu dem Korbe herab, von dem sie die laut gackernde Glucke an den Flügeln empor gehoben hatte. Zwei kleine Küken krabbelten da vergnüglich im Stroh herum, und das Eine hatte noch ein Stück Eierschale auf dem Kopfe.

»Faß einmal das Ei da an, Frida, aber vorsichtig,« sagte Charlotte, auf eines der im Neste liegenden Eier zeigend. Frida blickte hin und nahm das Ei zögernd in die Hand, legte es aber sogleich wieder hin, einen leisen Ruf der Ueberraschung ausstoßend. Aus der Schale des Eies sah nämlich ein kleiner, spitzer Schnabel hervor, dem gleich darauf ein dunkles Köpfchen folgte, das sich durch die Eierschale hindurch arbeitete.

Die Federchen lagen feucht und zusammengeklebt auf dem runden Köpfchen, die Aeugelchen blickten aber ganz vergnügt daraus hervor. Nach einer Weile hatte sich das ganze Körperchen aus der Schale herausgearbeitet und zappelte mit den Resten seines kleinen Gefängnisses in Gesellschaft der andern Kükel im Stroh umher. An einem daneben liegenden andern Ei war auch schon ein großer Sprung; man hörte leise picken und sah, wie von innen ein spitzes Schnäbelchen an der Umhüllung bohrte, um sie zu durchbrechen. Frida war außer sich vor Entzücken und wollte gar nicht fort von dem Korbe, denn so etwas Reizendes war ihr noch nie vorgekommen. Charlotte aber nahm die Küken heraus und setzte dann die Glucke vorsichtig wieder auf den Korb. »Länger darf ich das Nest nicht unzugedeckt lassen, die Eier werden sonst kalt,« sagte sie. »Die Kükel aber thun wir hier in den Federtopf, daß die Alte sie nicht zertritt, bis alle heraus sind.«

Frida war glücklich wie ein Kind, als Charlotte ihr die kleinen Hühnchen in die Hand gab, damit sie dieselben in den Federtopf tragen sollte. Als Charlotte ihr aber sogar versprach, die Kükel der nächsten Glucke wollte sie ihr schenken, diese ersten müsse der Herr Pastor haben, da sprang sie jubelnd in dem engen Stalle umher und umarmte und küßte Charlotte vor Wonne. Kein kostbarer Schmuck und kein neues Kleid hätte dem jungen Mädchen eben jetzt solche Freude machen können, als der Besitz solch kleiner, spashafter Küken, wie diese, die leise piepsend in dem Federtopfe über einander kugelten.

»Wann kommen denn wieder welche aus, Lottchen?« rief sie ungeduldig und lief von einem Brütkorbe zum andern.

»In den nächsten Tagen, hoffe ich,« sagte Charlotte, »sie sitzen fast alle schon drei Wochen.«

»Was, so lange muß solch arme Henne sitzen?« rief Frida, die Hände zusammenschlagend. »Das ist ja ganz schrecklich! Muß die sich langweilen!«

Charlotte lachte herzlich. »Ja, und denke nur, das arme Thier frißt und säuft nicht einmal zu ihrer Unterhaltung, während sie brütet. Früh Morgens kommt sie vom Nest herunter und frißt sich satt, und dann fastet sie den ganzen übrigen Tag. Es ist keine Kleinigkeit für eine gute Glucke, ihre Eierchen sich auszubrüten.«

Frida blickte ordentlich mit Respect nach den treuen, pflichteifrigen Hennen — der Hühnerstall hatte ihr Herz gewonnen. Das war der erste Schritt zu ihrer Aussöhnung mit dem ihr so schrecklich erscheinenden Landleben, und täglich folgte sie Charlotten oder Tante Marie zu dem Federvieh, dessen Leben und Treiben ihr bald ganz bekannt war, und das sie mit regstem Interesse verfolgte. Die jungen, frisch aus dem Ei gekommenen Kükel aus dem Federtopf zu nehmen, sie dann auf den Tisch zu setzen und mit klein gehacktem Ei oder Hirse zu füttern, war ihre liebste Unterhaltung. Wenn dann die täppischen, kleinen Wesen ungeschickt über einander kugelten und vorn überfallend das Gleichgewicht verloren, sobald sie die Körnchen aufpicken wollten, dann jubelte Frida laut auf vor Vergnügen und konnte sich keine hübschere Unterhaltung denken. Und um Hühner- oder Enteneier zu suchen und einzusammeln, scheute sie bald keinen Stallgeruch und keine unsauberen Winkel mehr; ja selbst enge Treppen und Leitern kletterte sie eifrig hinauf, wenn sie irgend ein Huhn dort gackern hörte und es in Verdacht hatte, seine Eier verschleppt zu haben.

»Unser Fridchen wird noch eine ganz leidenschaftliche Landwirthin werden, gebt Acht!« rief Onkel Bremer oft vergnügt, wenn er die hübsche Nichte in ihrem Eifer beobachtete, und Tante Marie behauptete ganz ernsthaft, noch nie solch reichen Eiersegen gehabt zu haben, als seitdem Frida die Hühner unter ihren Schutz genommen; sie besitze gewiß ein Geheimmittel, womit sie die Hühner bezaubere.

Onkel und Tante waren überhaupt von einer Güte und Herzlichkeit gegen das verwöhnte Nichtchen, daß diese es nicht besser hätte wünschen können. Alle die kleinen Thorheiten des jungen Mädchens, das sich für etwas Besseres hielt und Hochmuth und Eitelkeit in Fülle kund gab, wurden von Allen im Hause ohne Empfindlichkeit und Verdruß hingenommen. An den einfachen, frischen Naturen Charlottens und Hannchens glitten Frida's Unliebenswürdigkeiten völlig ab, und bereitwillig spendeten sie der Cousine den Weihrauch, den diese beanspruchte, und bewunderten deren Talente und Kenntnisse, welche die ihren weit übertrafen. Aber wäre Frida weniger von sich eingenommen gewesen, sie hätte schon in den ersten Tagen ihres Landaufenthalts erkannt, was sie später recht wohl einsah: daß sie selbst trotz ihrer glänzenden Eigenschaften an wahrhaft innerer Bildung diesen ihren beiden Cousinen gar sehr nachstand. Je länger sie unter diesen Verwandten lebte, desto mehr dämmerte in ihrem Herzen diese Einsicht empor. Bald empfand sie, wie lächerlich und thöricht es sei, daß sie sich besser dünkte als Alle, und bald fing sie an, bescheidner aufzutreten und sich dem schlichten Wesen ihrer Umgebung mehr anzupassen, der alles fremd war, was Ueberhebung und Eitelkeit hieß. Wußten und verstanden doch ihre einfachen Cousinen tausend Dinge, von denen die kleine Stadtdame keine Idee hatte! Und wie fleißig waren sie und wie pflichttreu, was schafften diese Mädchen alles den Tag über, und wie nützlich waren sie dem Hauswesen, während sie selbst die Hände in den Schooß legte, oder ein Bischen las, schrieb oder musicirte, Dinge, mit denen sie nur sich selbst Nutzen brachte. In diesem Hause vergrub niemand das ihm anvertraute Pfund, sondern ein Jeder verwandte die ihm von Gott gegebenen Kräfte zum Wohle des Ganzen, still, anspruchslos und bescheiden, als etwas, das sich ganz von selbst verstand. Was war und wirkte sie dagegen, die sich so vortrefflich und so hoch über diesen Mädchen stehend erschien? Was hatte sie ihrem vereinsamten Vater, was ihren kleinen Geschwistern genützt, was dem Hause und allem, das ihr anvertraut gewesen? Hatte sie nicht immer nur an sich selbst und an ihr Behagen gedacht? Waren die Pflichten, die freilich allzufrüh auf ihre Schultern gelegt wurden, ihr nicht unerträglich gewesen, und hatte sie sich denselben nicht stets entzogen, so viel sie nur immer konnte? Ach sie mochte gar nicht daran denken, in welchem Zustande alles gewesen war, als ihr Vater die Stiefmutter in das Haus führte, — was mußte diese von ihr gedacht haben? Und doch, welche Güte, welche Nachsicht hatte Gertrud ihr entgegengebracht; wie hatte sie stets alles zum Besten gekehrt, was Frida Thörichtes gethan, und wie hatte sie ihr diese Liebe gelohnt? — Immer und immer kamen Frida solche Gedanken, wenn sie die thätigen, liebreichen und demüthigen Menschen beobachtete, von denen sie hier umgeben war. O es sollte anders werden! Auch sie wollte brav und tüchtig und ein brauchbares Glied ihres Hauses sein, wenn sie erst wieder bei den Eltern war, und Gertrud sollte sehen, daß sie auch gut und liebenswürdig sein könnte und dankbar für die ihr erwiesene Liebe.

So übte schon in kurzer Zeit der Segen eines harmonisch schönen, thätigen Familienlebens seinen wohlthätigen Einfluß auf das junge Mädchen aus, und mit Freuden bemerkten ihre Eltern diesen Wechsel, welcher mehr und mehr in den Briefen erkennbar wurde, die Frida in die Heimath sandte. »Laßt mich ja noch eine Weile hier, ich muß noch so viel lernen und es gefällt mir so gut!« so schrieb sie schon nach einigen Wochen nach Hause, und nur zu gern kamen die Eltern diesem Wunsche entgegen.

Und zu lernen hatte Frida allerdings noch so viel in dieser ihr völlig fremden Welt, daß sie noch Jahre hätte da bleiben können. Alles war ihr neu und unbekannt, die kleinen Kinder des Hauses wußten zehn Mal mehr Bescheid als sie, und ihre Unwissenheit, die sie stets offen bekannte, war häufig die Veranlassung zu großer Heiterkeit.

»Marie, kannst du ein Paar schöne Enten gebrauchen, die der Förster geschossen hat?« fragte Onkel Bremer eines Tages seine Frau.

»Geschossen?« rief Frida erstaunt, »warum schießt er denn die Enten vom Hofe weg, Onkel? Das kann er doch bequemer haben.«

Ein schallendes Gelächter vom Onkel war die Antwort; Frida meinte, der Förster habe nicht wilde Enten geschossen, sondern die zahmen des Hofes. Sie hatte in der Stadt ja nie andere gesehen und ebensowenig gegessen.

»O welch eine Menge schöner blauer Blumen!« rief Frida dann wieder, als sie an einem Flachsfelde vorbeiging und war höchst erstaunt, als sie erfuhr, daß ihr Leinenzeug eines Tages in Gestalt ebensolch blauer Blümchen auf dem Felde gestanden habe. Natürlich hatte sie auch keine Idee davon, wie die einzelnen Getreidesorten hießen, welche auf den Feldern standen, und der Onkel, der mit Leib und Seele Landwirth war, entsetzte sich vollständig, wenn Frida einen Spaziergang mit ihm machte, und den schönen Hafer bewunderte, wo sie Gerste vor sich sah, oder ein Roggenfeld für Weizen erklärte, und über die Unmasse schöner Kornblumen und Kornraden jubelte, welche unter dem Getreide standen und den Aerger des Landwirthes ausmachten. Von der Existenz und Anwendung landwirthschaftlicher Geräthschaften hatte sie ebenfalls keine Vorstellung. Eine Egge war für sie ein vollständiges Räthsel, und wie man eigentlich mit einem Pfluge arbeite, war ihr bisher auch noch ein Geheimniß gewesen. Als man Klee schnitt zum Futter für das Vieh, fragte sie ganz erstaunt, warum man die Thiere nicht lieber gleich in das Kleefeld trieb, damit sie sich da satt fressen, es sei doch viel einfacher; und verwundert sah sie zu, wie man den schmutzigen Dünger der Ställe sorgfältig aufbewahrte, statt das häßliche Zeug fortzuwerfen, da es so garstig roch. Das Waschen der Schafe vor der Schur erregte ihr höchstes Erstaunen, das Scheeren selbst aber konnte sie vor Mitleid mit den armen Thieren gar nicht mit ansehen.

In ganz entschiedener Feindschaft aber lebte sie tagtäglich mit dem Rindvieh, das ihr gleich in den ersten Tagen solche Furcht erregte, und doch war es an jenem Tage im Stalle angebunden. Welcher Schrecken aber war es für das arme Stadtkind, wenn sie mitten durch eine Wiese schreiten mußte, auf der Kühe und Ochsen frei weideten. Allein und ohne ihre Cousinen hätte sie es nie gewagt; aber auch in Begleitung richtete sie verzweifelte Blicke auf die gehörnten Ungeheuer, welche gar nicht daran dachten, sie zu belästigen, sondern ruhig grasend die dicken Köpfe auf und ab senkten. Wenn am Abend die Heerden in das Dorf hereinzogen, ein wahres Fest für die ganze Dorfjugend, da flüchtete Frida gewöhnlich furchtsam in's Innere des Hauses, damit nur ja keiner ihrer persönlichen Feinde etwa einen Angriff auf sie wagte. Alle Neckereien des Onkels und der Cousinen, aller Spott des ungalanten Hermann, nichts konnte sie bewegen, ihre Furcht abzulegen, und als sie nun gar einmal die Bekanntschaft eines Stieres gemacht hatte, der seiner Heerde dumpf brüllend vorauf schritt, den mächtig breiten Kopf tief zur Erde gesenkt, und mit den blutunterlaufenen Augen böse und drohend zur Seite blickend, da war es vollends aus mit ihrer Herzhaftigkeit. Sie behauptete, lieber einem Löwen allein im Felde begegnen zu wollen, als solchem Ungeheuer, und der kleine Hirtenbube, der dies furchtbare Geschöpf mit seinem langen Stock regierte, war für sie ein größerer Held, als Blücher oder Ziethen.

Der Onkel nahm Frida häufig mit sich hinaus auf's Feld oder in Wald und Wiese, um ihre bodenlose Unkenntniß in allen landwirthschaftlichen Dingen einigermaßen zu heben. Da lernte sie denn nach und nach nicht nur die Früchte des Feldes, dessen Art der Bestellung und dergleichen mehr kennen, wovon ein Stadtkind in seinem Häusermeer keine Ahnung bekommt, sondern bald auch die einzelnen Bäume des Waldes, die Stimmen und die Gestalt der Vögel, die Insecten und Würmchen, welche Wald und Wiese beleben, und alle die tausend herrlichen Einzelheiten, welche sich dem beobachtenden Auge so unendlich mannigfaltig darstellen und den Genuß und die Freude an der schönen Gotteswelt erst ganz und voll machen. Es war ordentlich, als ob Frida jetzt erst recht sehen lernte, und der Onkel war ein trefflicher Lehrer, der mit Liebe und Sorgfalt beobachtete. Die Natur war seine Freundin gewesen von Kindheit an, und wenn er einerseits als tüchtiger Landwirth sich ihr praktisch in Dienst gestellt hatte, so versäumte er darüber doch nicht, auch für ihre schönen und idealen Seiten das Auge offen zu halten. Besonders für den Wald gewann Frida eine immer größere Vorliebe, je mehr sie an der Bildung von Stamm und Blättern die einzelnen Bäume von einander unterscheiden lernte. Buche und Eiche, Birke und Pappel, Erle und Esche, das alles waren für Frida bisher Bäume, von denen sie freilich gehört, und die sie auch wohl gesehen und gezeichnet hatte, die rechte Gestalt und Eigenthümlichkeit aber eines jeden Baumes, und wodurch man ihn schon von fern erkennen konnte, das lernte sie jetzt erst. Ihr Tannenbaum am Weihnachtsabend, der, wie sie jetzt lernte, eine Rothtanne oder Fichte war; da seine Nadeln nicht nach den Seiten, sondern rund um den Zweig herum standen, dieser war ihr fast allein der Bote aus dem fernen Walde gewesen. Wenn Frida sonst ja einmal in Gesellschaft ihrer Freundinnen eine Spazierfahrt in der Umgegend ihrer Stadt gemacht hatte und ein Stündchen in dem dortigen, schmalen Waldstrich verweilte, so gab es dann immer so viel mit den Freundinnen zu plaudern, so große Aufmerksamkeit auf ihre elegante Toilette zu verwenden, oder zierliche Gesellschaftsspiele vorzunehmen, daß sie über diesen Dingen alles andere vergaß, und es ihr gar nicht aufgefallen war, wie schön so ein Wald doch eigentlich sei. Sie begriff jetzt nicht, wie sie in der Stadt mitten unter lauter Häusern ohne ihre lieben Bäume und Wiesen und Felder sich so wohl befinden konnte, und Charlottes Worte am ersten Abend, worin sie das Landleben als das Schönste hingestellt hatte, was sie sich denken konnte, fing jetzt an, ihr verständlich zu werden.

Bei solchen Spaziergängen, sowie bei dem Umhertreiben in Hof und Garten war Frida im steten Kampfe mit ihrer eleganten, zierlichen Toilette, welche für solches Landleben, wie sie es hier führte, vollständiger Unsinn war. An jeder Hecke blieb sie mit den dünnen Falbeln ihres Kleides hängen; jeder Busch trug ein Zeichen, wenn die elegante, junge Dame mit ihren Spitzen und Frangen und Stickereien hindurch gekrochen war, und nie kam sie nach Hause, ohne sich irgend etwas zerrissen, beschmutzt oder sonst verdorben zu haben. Die Cousinen schlüpften in ihren kurzen, einfachen Kleidern rasch und unbehindert überall durch, ohne den geringsten Schaden zu leiden, während Frida mit ihrer langen Schleppe und den dünnen, bauschigen Stoffen unsäglichen Aerger und tausend Mühe und Beschwerde hatte. Brachte sie dann solch schmutziges oder zerrissenes Kleid nach Hause, da hing sie es, wie sie immer gewöhnt war, ruhig fort, ohne daran zu denken, daß es wieder sauber und ganz werden mußte. Mit Verwunderung sah sie dann, daß Tante Marie oder eine der Cousinen sich des armen Kleidungstückes annahm und es bürstete und plättete, stopfte und nähte, bis es wieder in Ordnung war. Und nun gar die dünnen Waschkleider, die sie so gern im warmen Sommer trug! Zu Hause hatte die Wäscherin der jungen Dame solch zierlich Kunstwerk stets fix und fertig überliefert, und die Jungfer sorgte für die tägliche Herstellung des Anzuges. Hier aber waren es wieder die Hände von Tante und Cousinen, welche diese Aufgabe übernahmen und oft einen halben Vormittag damit zubrachten, eine einzige dieser luftigen Hüllen auf dem Plättbrete wieder in Stand zu setzen, und diese zierlichen Falbeln und Striche, diese Ueberwürfe und Frisuren zu plätten und zu kniffen, welche Frida oft binnen einer einzigen Stunde in unbrauchbaren Zustand versetzt hatte. Ein Gefühl von Scham, wie es das verzogne Kind nie gekannt, kam bei solchem Anblick über Frida. Sie wollte den Cousinen die Arbeit abnehmen; aber sie hatte ja keine Ahnung weder vom Waschen, noch Plätten, noch sonst einer der häuslichen Arbeiten, in denen diese jungen Mädchen Meisterinnen waren. Bei Frida's Entschuldigungen lachten sie und behaupteten, es sei ein großes Vergnügen, solche allerliebste Sachen unter den Händen zu haben, so gut sei es ihnen noch niemals geworden. Aber jetzt wünschte Frida nichts sehnlicher, als einfache, derbe Kleidung, mit der sie unbehindert umherlaufen konnte, ohne ihrer Umgebung so viel unnütze Arbeit zu bereiten. Eines Morgens hatte sie einen ganzen Koffer mit ihren unpraktischen, eleganten Kleidern gefüllt und bat den Onkel, den nach Hause zu senden. Die Mutter aber flehte sie an, ihr so schnell als möglich einige recht einfache, derbe Kleider zu schicken, sowie auch feste Lederstiefeln; denn ihr zierliches Stadtschuhwerk sei schon nach einigen Wochen in völlig unbrauchbarem Zustande.

Und so wie Frida sich in diesen Dingen immer mehr ihrer Umgebung anpaßte, so auch in vielen andern. Manches, was ihr zu Hause als etwas Entwürdigendes erschienen war, und was man eben den Dienstboten überließ, das machte sie jetzt mit ihren eigenen, feinen Händchen selbst, ohne einen Anstoß daran zu nehmen; denn Charlotte und Hannchen, Martha und vor allem die Tante selbst, alle thaten ohne Zögern derartige Dinge. Wenn Frida sich das Kleid beschmutzt, Bänder und Haken abgerissen, oder die Schuhe bestäubt hatte, so litt sie es bald nicht mehr, daß Tante Marie Bürste oder Nadel für sie ergriff, oder Hannchen herbeieilte, die Schäden auszubessern. Fröhlich ließ sie selbst ihre Nadel durch die Stoffe fliegen und die Bürste über Schuhe und Kleider, ohne ihre Umgebung wie bisher zu bemühen, und bald fand sie auch Gefallen an allerlei häuslichen Arbeiten, in denen sie sich von den Cousinen unterweisen ließ. Zuweilen betrachtete sie dann wohl mit etwas sorglicher Miene ihre feinen Fingerchen, welche beim Kochen oder Plätten oder Früchte schälen bedenkliche Farben annahmen und rauhe Stellen zeigten. Aber lachend trösteten sie dann die Cousinen, und Frida selbst spottete endlich über ihre Eitelkeit, von der sie bisher tyrannisirt worden war, und in deren Banne sie gelegen hatte. Die Zeiten waren glücklich vorüber, in denen sie in Furcht und Angst vor der kräftigen Kost des Hauses gelebt hatte. Jetzt dachte sie nicht mehr daran, ob sie auch von den nahrhaften Gerichten, unter denen die Tische seufzten, wohl eine plumpe Taille oder zu gesunde Farben erhalten könne; ob auch ihre Hände verbrennen oder der Taint verderben werde, wenn sie ohne Handschuh hinauslief und sogar oft den schützenden Hut verschmähte. Tante Marie mußte sie jetzt sogar manchmal daran erinnern, sich der Sonne doch nicht zu sehr auszusetzen; denn Frida selbst vergaß häufig solche Sorgen, wenn sie sich auf der Wiese im frischen Heu lagerte, oder im Walde auf weichem Moosteppiche behaglich ihre Glieder streckte.

»Papa wird mich gar nicht wieder erkennen!« rief sie oft lachend, wenn sie ihr frisches Gesicht im Spiegel sah, das jetzt seine kränkliche Blässe und die bläulichen Ringe unter den Augen verloren hatte. Was aber ihre zierlichen Freundinnen dazu sagen, und ob sie vielleicht die Näschen über die einst so elegante Frida rümpfen würden, wenn sie zurück kam, kräftig und blühend wie eine volle, rothe Rose, das kümmerte das junge Mädchen wenig mehr; denn von diesen Thorheiten war sie so ziemlich geheilt. Auch überflüssig fühlte sie sich jetzt nicht mehr im Hause, wie im Anfange; denn sie half, wo sie konnte: bald in Küche und Garten, bald in der Schul- oder Kinderstube, wie sie es von ihren Cousinen sah, und der Segen der Arbeit machte ihr Gemüth heiter und sorglos. Ist man ja doch nie glücklicher, als wenn man mit sich selbst zufrieden sein kann, und das konnte Frida jetzt wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Eine große Befriedigung gewährte es ihr, daß sie Martha einigen Unterricht ertheilen konnte. Dies strebsame, junge Mädchen hatte große Lust am Lernen und doch im Dorfe selbst nicht viel Gelegenheit, und so unterrichtete Frida sie in neueren Sprachen, Musik und Zeichnen, worin diese vortreffliche Unterweisung erhalten hatte. Auch Hannchen und Charlotte nahmen Theil an diesem Unterricht, so viel ihre Zeit es eben erlaubte, und besonders die Musik vertrieb ihnen gemeinsam manche Stunde; denn die jungen Mädchen hatten helle, frische Stimmen, welche sich unter Frida's Anleitung ganz allerliebst entwickelten.

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