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Die Vögel

Dritter Akt

Dr. Owlglaß translation

Erste Szene

Ratefreund (kehrt vom Opfern zum versammelten Chor zurück): Die Opferzeichen lauten gut. ... Noch aber ward kein Mann gesichtet, Der uns vom Mauerbau berichtet. (auslugend): Da keucht wer an und schnauft und tut ...

Zweite Szene

Die Vorigen. Erster Bote

Erster Bote (hereineilend): Wo ist ... wo ... wo ... wo ist ... wo ... wo ... Wo ist der Führer der Genossen? Ratefreund: Hier. Erster Bote: Unser Werk ist abgeschlossen. Die Mauer steht! Ratefreund: Des bin ich froh! Erster Bote: Ein nobel und erstaunlich Werk! Drauf könnten der von Prahlenberg Und Junker Hans von Prunkenhausen, Jeder mit einem Wagen groß Und Gäulen wie das troische Roß, Flott aneinand vorübersausen. Ratefreund: Potz Herakles! Erster Bote: Ja, und wie hoch! Ich maß sie eben selber noch: Einhundert Klafter sind’s! Ratefreund: Herrjeh! Wer bracht’ sie also in die Höh? Erster Bote: Allein die Vögel. Es schaffte dran Kein Maurer noch Steinmetz noch Zimmermann. Han alles mit eigenen Händen vollend’t, Daß man sich baß erstaunen könnt’! Der Kraniche viel erschienen da, Wohl dreißigtausend, aus Afrika Und trugen übers weite Meer Grundsteine in ihren Kröpfen her. Die wurden vom Vogel Schnabelbreit Zurechtbehauen und ausgeglichen. Die Störche haben die Ziegel gestrichen, Gar an die zehentausend Leut’. Das Wasser schleppten die Taucher zuhauf Und andre Wasservögel hinauf. Ratefreund: Wer aber schaffte den Lehm herbei? Erster Bote: Das tat mit Kübeln die Reiherei. Ratefreund: Wie brachten die da den Lehm hinein? Erster Bote: Hier galt es freilich, gerissen sein: Mit ihren Füßen, patschig und bloß, Schaufelten ihn die Gänse los Und füllten die Kübel bis oben an. Ratefreund: Was so ein Fuß nicht leisten kann! Erster Bote: Und Enten kamen hochgeschürzt Eifrig mit Backsteinen angestürzt. Speißbuben gleich, hinten die Kelle, Trugen die flinken Schwalben den Lehm Im Schnabel endlich an Ort und Stelle. Ratefreund: Wer da noch Tagelöhner nähm’! — — — Doch weiter: Wer machte das Fachwerk bereit? Erster Bote: Schlauspechte waren die Zimmerleut’. Sie meißelten mit der Meisen Geschlecht Scharfschnäblig Gerüste und Balken zurecht. Und war ein Klopfen und Dröhnen hier Als wie auf einer Schiffswerft schier. Nun ist das rings mit Toren versehen, Dran allwärts Wächter und Posten stehen. Die Runden schreiten. Die Schelle gellt. Auf den Türmen sind Feuerzeichen bestellt ... Genug ... Ich eile, mich zu baden. Du magst das Weitre selbst beraten. (ab) Ratefreund (steht mit übergeschlagenen Armen in Gedanken versunken) Chorführer: Was stehst du da? Dich wundert gar, Daß also rasch die Mauer fertig war? Ratefreund (kopfschüttelnd): Ich staune, ja. Und das mit Fug! Hört sich’s doch wahrhaft an wie Lug und Trug! (sich umblickend): Aber wer rennt von dort zurück? Ein Wächter? Waffentanz im Blick?

Dritte Szene

Die Vorigen. Zweiter Bote

Zweiter Bote (hereinstürzend): Auf auf! Auf auf! Ratefreund: Was willst denn du? Zweiter Bote: Uns fiel ein grausam Schicksal zu! Der Götter einer, von denen um Zeus, Flog trotz der Dohlen, Der Tageswächter, just verstohlen Durchs Tor in unseren Lüftekreis! Ratefreund: Den Frevler soll der Henker holen! Wer ist der Gott? Zweiter Bote: Wir wissen’s nit .. Nur daß er auf Flügeln die Luft durchschnitt. Ratefreund: Habt ihr ihm denn nicht unverwandt Die Grenzbereiter nachgesandt? Zweiter Bote: Freilich, unsern Habichttroß: Dreißigtausend Schützen zu Roß! Und hinterher, Die ganze krumme Klauenwehr: Geier und Weih, Turmfalke, Aar und Nachtkauz dabei. Nachrauscht ihrer Schwingen Brausen und Wucht Dem Gott, der zu entrinnen sucht ... Hat sich gewiß nit weit verflogen. Steckt irgendwo schon in der Näh’ .. Ratefreund: So greift zu Schleudern und zu Bogen! Ihr Knappen alle, aufgezogen! Los! Schießt! Schlagt!... Eine Schleuder, he! Chor (aufgeregt durcheinanderlaufend): Nun hebt ein grimmes Kämpfen an: Hie Götterreich! Hie Vogelbann! Habt alle Acht Auf den umwölkten Lüfteschacht, Um jeden Gott, der ihn durcheilt, zu fahen! Späht rund herum! Höret ihr nahen Rauschender Schwingen lautes Gesumm?

Vierte Szene

Iris, die Götterbotin, in einem weiten, sich segelförmig bauschenden Gewand und mit einem beitrandigen Sonnenhut, erscheint durch die Luft.

Ratefreund: Halt du! Wohin? Wohin der Fahrt? He! Stad! Ein bischen abgehißt! Wer bist du? wer? Und welcher Art? Woher? Gesteh’s, woher du bist? Iris: Von den Olympischen komm’ ich her. Ratefreund: Wie heißt du? Strohhut? Segelboot? Iris: Iris die Schnelle. Ratefreund: Sackerlot! Bist gar ein Götterbüttelkahn? Iris (kopfschüttelnd): Wie soll ich dieses Wort verstahn? Ratefreund (sich an die Vögel wendend): He, ihr, packt sie denn keiner an? Von unten her? Ein Taubenstößer? Iris (entrüstet): Mich packen? Wie? Ratefreund (höhnisch): ’s wird immer besser! Iris: Mir kommt’s als barer Unsinn vor! Ratefreund: In unsre Mauern durch welches Tor Kamst du herein, du Bummelant? Iris: Weiß Gott, mir ist kein Tor bekannt. Ratefreund (zu den Vögeln): Habt ihr’s gehört, wie sie sich ziert?! (zu Iris): Hast du die Dohlenwächter passiert? Han dir die Störche den Paß visiert? Iris: Was soll das? Ratefreund: Hat man dich ... signiert? Iris: Bist du verrückt? Ratefreund: Hat dich keiner gerempelt, Kein Vogeloberst, und ... gestempelt? Iris: Nein, Bester, das ist keinem geglückt! Mir hat noch niemand was aufgedrückt! Ratefreund: Da fliegst du also heimlich und stumm In der fremden Stadt und dem Chaos herum? Iris: Wo sollt’ ein Gott denn anders schweben? Ratefreund: Was weiß ich ... bloß grad hier nicht eben! Iris: Du tust mir Unbill an. Ratefreund: Oho! Nein, dich traktiert man füglich so. Du büßtest den Frevel mit dem Leben, Ging’ es nach Recht und Billigkeit. Iris: Wider den Tod bin ich gefeit! Ratefreund: Du müßtest gleichwohl Tods erbleichen! ... Das wär’ ein Unfug sondergleichen, Säßen zwar wir auf dem Weltenthron, Ihr aber triebet mit uns Hohn! ... Nein nein. Das Blatt hat sich gewend’t. Wir sind die Stärkern, — sapperment! ... Sag’, wohin schiffst du durch die Luft? Iris: Zu den Menschen, wohin mich der Vater ruft. Sie sollen opfernd die Götter achten Und Stiere an den Altären schlachten, Auf daß der Fettdampf aufwärts brenn’ ... Ratefreund: Wie sagst du? Welche Götter denn? Iris: Welche? Nun uns doch im Himmelszelt! Ratefreund: Ja, seid ihr Götter? Iris: Wer sonst auf der Welt?! Ratefreund: Die Vögel sind itzt zu Göttern bestellt! Ihnen gebührt der Opferpreis! Ihnen, nicht aber dem Zeus — — beim Zeus! Iris: Reiz’ nicht der Götter Wut! Genug! ... O Tor! Du Tor! .. Damit nicht Dike Mit Zeusens grimmem Rachepflug Dich und dein schlimm Geschlecht zerknicke! Und dich und deines Hauses Sitz Einäschre mit dem ... Bärlappblitz! Ratefreund: Hör’ du, laß ab von deinem Tosen! Sei mäuschenstill! Bild’st du dir ein, Mir schlug’ das alsbald in die Hosen? Nein, nein! Paß auf, ich setze dem Vater Zeus, Wenn er sich nicht zu ducken weiß, Als glimmenden Span Auf Haus und Hallen den roten Hahn! Und schick’ ihm gleich noch obendrein Gigantenfeuervögel hinein, Mehr denn sechshundert an der Zahl! ... Ein einz’ger Gigant genügte einmal! — — Du selber aber, die Dienerin, wirst, Wenn du nicht nachläßt und parierst, — Und mag dich’s noch so sehr verdrießen — Alsbald die Schenkel spreizen müssen Und spüren, daß ich alter Knabe Noch Kräfte wie drei Kriegsschiffsschnäbel habe! Iris: Daß du zerplatztest, Schwätzer du! Ratefreund: Marsch, fort da! Heb’ dich weg im Nu! (in die Hände patschend) Huschhusch! Huschhusch! Iris: Gib du nur acht, Wie dich mein Vater mürbe macht! (fliegt weg) Ratefreund (ironisch): O weh! Da fliegt das Jüngferlein! Die äschert sich wohl einen Jüngeren ein! Chor: Nun haben wir die Stadt verschlossen Für alle Götter, zeusentsprossen. Nie steigt mehr zum Himmel nach altem Brauch Der Menschen heiliger Opferrauch!

Fünfte Szene

Ratefreund. Chor. Herold

Ratefreund: Mich wundert, wo der Bote weilt, Der zu den Sterblichen gegangen. Ob er wohl nimmer heimwärts eilt? Herold (mit einem goldenen Kranz hereinstürzend): O Ratefreund, du seliger Held! Ruhmreichster du, weisheitumfangen! Geriebenster der ganzen Welt! Du Glorienschein! Dreifach Beglückter! (atemlos gegen das Publikum): Blast doch ein! Ratefreund: Was bringst du? Herold: Hier den Kranz von Gold, Den dir, der Weisheit feinster Blume, Die Ehrfurcht aller Völker zollt! Ratefreund: Wie käme ich zu solchem Ruhme? Herold: O du, der in der Luft die Stadt, Weithin berühmt, begründet hat! Weißt nicht, wie sie die Menschen ehren Und wie sie sich nach ihr verzehren? Eh’ daß sie stund, tät ihnen allen Bloß lakedämonische Art gefallen: Da hätt’ sich keiner die Haare gestutzt, Litten Hunger, waren verschmutzt, Trieben’s wie Sokrates aller Enden Mit dicken Stöcken in den Händen. Jetzt ist das anders: wir Vögel hier Sind ihr Exempel und einzig Pläsier. Beginnt die Sonne ihren Lauf, Fliegen sie aus den Nestern auf, Lassen sich all auf den Buchmarkt herab Und weiden, wie wir, die Blätter ab. Ja, sie treiben die Vogelei So öffentlich und ohne Scheu, Daß viele darob Vogelnamen, Je nach Wesen und Art, bekamen. Vor lauter Vogelschwarm hinwieder Singen sie nur noch Vogellieder, Darin etwan ein Schwälbchen schwirrt, Ein Gänsrich, eine Ente wackelt Oder die Turteltaube girrt. Selbst bloß von Flügeln wird gefackelt, Oder wie zierlich ein Fläumlein flirrt! So steht das dort ... Bald kommen mehr Denn zehentausend zu uns her. Die wollen Schwingen und krumme Klauen. Du magst nur flugs nach Federn schauen! Ratefreund (zu einem Sklaven): Da heißt es, hurtig drauf und dran! So eile dich, hol’ Körbe, Züber, Und füll sie all mit Federn an! (zu einem zweiten Sklaven) Du aber, Manes, brings herüber! Ich will die Kommenden empfahn.

Sechste Szene

Chor. Ratefreund. Sklave

Chor: Bald sieht man rund Menschenbewandelt alle Pfade. O daß das Schicksal uns begnade! Dann segnet Liebe unsern Bund! (Der Sklave geht stumm und langsam mit Körben voll Federn ab und zu) Ratefreund (fährt ihn an): He, schneller, sag’ ich! Chor: Scheint es nicht Ergötzlich, sich hier anzubauen, Wo Liebe wohnt und Weisheit spricht, Wo Grazien herniederschauen Und friedvoll strahlt der Ruhe Angesicht? Ratefreund (zum Sklaven): Wie träg du bist! Rührst du dich, Wicht?! Chor: Er soll sich mit den Federn sputen! Hussah! Hussah! Befeure ihn mit Peitsch’ und Ruten! Lahm wie ein Esel trabt er ja! Ratefreund: Dem faulen Manes eilt es nicht! Chor: Schaff’ Ordnung in den Federnhaufen: Hierher, was melodeit, Dorthin, was prophezeit, Und da, was auf den Wässern leit. Kommen dann die Menschen gelaufen, So kannst du ohne viel Bedenken Jedem das rechte Gefieder schenken. Ratefreund (zum Sklaven): Beim Waldkauz, du, jetzt hab’ ich’s satt! Wer war noch je so lahm und lendenmatt! (prügelt ihn hinaus)

Siebente Szene

Ein Vaterschläger tritt singend auf: Wenn ich ein Adler wär’ Und auch zwei Flügel hätt’, Weit übers blaue Meer, Über der Wogen Bett Flög’ ich daher! Ratefreund: Der Bote hat uns nicht belogen: Schon kommt ein Adlersänger angezogen. Vaterschläger: Ah! Oh! Nichts Süßres gibt es als zu fliegen! O Vogelart und Vogelweben! Ich will mich in den Lüften wiegen! Mich treibt ein Ziel: Mit euch nach euren Satzungen zu leben! Ratefreund: Nach welchen? Denn wir haben viel. Vaterschläger: Nach allen! ... Aber doch zumeist, Weil ihr den preist, Der seinen Vater würgt und beißt. Ratefreund: Das Küchlein, ja, dünkt uns ein Held, Wenn es sich wider den Gockel stellt. Vaterschläger: Drum eben tut mir’s nach euch not. Mich drängt’s, den Vater totzuhacken Und seine Habe einzusacken. Ratefreund: Aber wir haben ein Gebot In den alten Storchengesetzen: „Ernährte seine Jungenschar Der Vater Storch, bis sie flügge war, Sollen ihn auch die Jungen ätzen“. Vaterschläger: Das wär’ mir ein sauberer Reiseprofit: Nun füttr’ ich gar noch den Vater mit! Ratefreund: So ist das nit. Du kamst mit freundlichen Gebärden, Magst drum ein Waisenvogel werden. Merke dir aber, junger Fant, — Ich lernt’s in meinen Kindertagen —: Du sollst den Vater nimmer schlagen! (reicht ihm Schild, Speer und Helm): Nimm diesen Flügel da zur Hand! Der scharfe Sporn, die Helmbuschzier Machen dich zum Hahnen schier. Steh’ Posten, baue Wäll’ und Gräben, Ernähre dich von deinem Sold Und laß den guten Vater leben! ... Und da du so ein Schlachtebold —: In Thrakien wird es Arbeit geben! Vaterschläger: Weiß Gott, das hört sich löblich an! ... Ich tu’s! Ratefreund: So hast du klug getan! (Vaterschläger ab)

Achte Szene

Der Dithyrambendichter Kinesias, lang, dürr, säbelbeinig, tritt singend auf: Hierhin und dorthin, leicht beschwingt, Bis zum Olymp mein Flügel dringt. Der Lieder Fittich darf nicht rosten ... Ratefreund: Das wird ein Fuder Federn kosten! Kinesias: Auf Leib und Seele voll Verlaß, Bewandl’ ich itzt die neusten Pfade ... Ratefreund: Willkommen denn, Kinesias, Du Lindenblütenlimonade! Was schwingt und penduliert dein Bein Krummsäbelig zu uns herein? Kinesias (verzückt): O süßes Nachtigallenflöten! Ich wollt’, ich wär’ ein Vögelein! Ratefreund: Laß das Gezirp! ... Was ist vonnöten! Kinesias: Beflügle mich! Ich will empor! In alle Höhen will ich steigen! Nach neuen Versen jagt mein Ohr Im Wirbelwind und Flockenreigen. Ratefreund: Die fängst du dir im Wolkenduft? Kinesias: Ja, unsre Kunst hängt in der Luft! Was blendet mehr im Festgedicht Als Ätherblau und Himmelsprächte Und Flügelschlag und Sammetnächte?! ... Paß auf, wie so ein Dichter spricht ... Ratefreund: Neinnein, neinnein! Beileibe nicht! Kinesias: Beim Herakles, jawohl! ... Wir schreiten Selband durch aller Lüfte Weiten: Siehst du die flinken Schatten gleiten Der Vögel mit gerecktem Hals? Ratefreund: Stopp, stopp! Kinesias: Beim Tanz des Wogenfalls Möcht’ ich des Windes Atem sein ... Ratefreund (mit der Peitsche drohend): Dir geb’ ich was für Winde ein! Kinesias: So furch’ ich, bald gen Süd gewiegt Und bald an Boreas geschmiegt, Des hafenlosen Äthers Acker ... (Währenddes hat ihn Ratefreund rundum mit Federn besteckt. Er sieht erstaunt an sich herab): Potz Blitz, das heiß’ ich klug und wacker! Ratefreund (zieht ihm eins über): Was meinst du zu dem „Flügelschlag“? Kinesias (entrüstet): Das mir, dem größten der Choregen, Um den sie sich zu balgen pflegen?! Ratefreund: Du bleibst wohl gar bei uns im Hag Und leitest Vogelreigentänze In dem Bezirk der Stummelschwänze? Kinesias (mit stolzer Verachtung): Ich sehe, du verspottest mich. Doch laß ich nimmer nach, bis ich Auf Flügeln durch den Äther glänze! (säbelt hoheitsvoll ab)

Neunte Szene

Ein Sykophant, in einem dünnen zerrissenen Mantel, tritt auf und murmelt vor sich hin: Was? Ein paar Vögel, buntgescheckt? ... Ob’s da was fleckt? (laut zu Ratefreund): He, Schwalbe, flügelflink und bunt! Ratefreund: Das Übel will sich noch nicht legen. Schon wieder naht ein Zwitschermund! Sykophant: Noch einmal: Schwalbe, flink und bunt! Ratefreund (halb für sich): So singst du wohl des Mantels wegen? Der brauchte mehr — mit Reverenz —: Ein Schwälbchen macht noch keinen Lenz! Sykophant (barsch): Wer hängt den Gästen Flügel um? Ratefreund: Hier, ich! Doch sag: wozu? warum? Sykophant: Ich brauche Flügel. Basta! Schrumm! Ratefreund: Willst dir ein Mäntelchen ... erschweben? Sykophant: Bewahr mich Gott ... Aufpasser bin ich Und Sykophant... Ratefreund (ironisch): Die Kunst soll leben! Sykophant: Und Geldprofit aus Händeln spinn ich. Drum Flügel her! Daß ich als Sbirre Die Kolonien rings umschwirre! Ratefreund: Greifst du’s geflügelt schlauer an? Sykophant: Nein. Dem Piratenvolk entrinn’ ich. Und mit den Kranichen sodann Zieh ich nach Hause voller Hast, Im Kropf Prozesse als Ballast. Ratefreund: So jung und treibst solch übles Spiel? Sykophant: Was soll ich sonst? Ich kann nicht graben Ratefreund: Bei Gott, es gibt noch andres viel, Um sich in Ehren zu gehaben. Recht handeln tut dem Menschen not; Rechtshändel sind kein Lebensbrot! Sykophant: Narr, fackle nicht und gib mir Schwingen! Ratefreund: Mit meinen Worten tu ich’s ja. Sykophant: Mit Worten sollte dirs gelingen? Ratefreund: Dazu sind doch die Worte da. Sykophant: Wieso? Ratefreund: Warst du denn nie am Ort, Wenn überall in den Baderstuben Die Väter schwatzten von ihren Buben: „Des alten Reiterhauptmanns Wort Beflügelt den Meinen zum Pferdesport.“ Oder: „Er hat’s mit dem Schauspielhaus! Der gute Junge fliegt hoch hinaus!“ Sykophant: So schaffen also Worte Flügel? Ratefreund: Ich sag’ es ja: Durch Worte hebt Der Geist sich über Tal und Hügel, So daß der Mensch in Lüften schwebt. .. Auch ich will dich mit nützen Lehren Zu einem ehrlichen Handwerk bekehren. Sykophant: Ich mag nicht. Ratefreund: Bist du so verrannt? Sykophant: Ich bin es der Familie schuldig .. Mein Ahnherr schon war Sykophant. Drum rasch, sonst werd’ ich ungeduldig: Gib mir ein federleicht Gewand Vom Habicht oder vom Kondor, So flieg ich über Meer und Land Und lade die Provinzler vor. Stehen sie hier vor dem Richter dann, Flattr’ ich zurück, so rasch ich kann. Ratefreund: Aha ... mhm ... nicht wahr, das heißt: Eh’ sie von Hause Abschied nahmen, Ist ihr Prozeß schon ex und Amen. Sykophant: Ja. Ratefreund: Kommen sie dann angereist, Fliegst du dorthin, woher sie kamen, Und räuberst ihre Kassen leer. Sykophant: Jawohl! ... Das ist ein Hin und Her. Es täte not, man wär’ ein Kreisel. Ratefreund: Ein Kreisel ... hm ... das trifft sich grad: (weist ihm die Peitsche): Hier hast du Flügel aus Doppelspagat! Sykophant: Weh mir — das ist ja eine Geißel! Ratefreund: Nein, Flügel sind’s .. Nun magst du tanzen! (drillt ihn mit der Peitsche im Kreis herum) Sykophant: O weh! Ratefreund: Flieg auf von hier, Bandit! Du schuftiger Advokatenranzen! (Sykophant entflieht) (zu den Sklaven): Wir gehen ... Nehmt die Federn mit! (alle ab)

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