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Die Primadonna

Die Primadonna

Reading edition

Roman

von

Olga Wohlbrück

Verlagssignet
Verlagssignet

Vierzehntes bis achtzehntes Tausend

August Scherl G. m. b. H., Berlin SW 68

Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten. Copyright 1921 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.

Druck von August Scherl G. m. b. H., Berlin SW 68.

A
A

Als Karla König die Gestalt ihres Mannes durch die staubgraue Glasscheibe des Künstlereinganges erblickte, wurde ihr lebhaftes, junges Gesicht dunkelrot.

„Du, denk dir ... wir kriegen ein Kind!“

Fast hätte sie es laut herausgeschrien. Aber weil nun die Kollegen und Kolleginnen vom Schauspiel an ihrem Manne vorbeidrängten, preßte sie die Hand in dem weißen Zwirnhandschuh gegen die vollen, roten Lippen.

Ihr Mann war zweiter Held und Liebhaber. Keine große Nummer, aber ein vorzüglicher Sprecher und eine vornehme Erscheinung. Sie schwärmte für Vornehmheit. Die Kollegen hielten große Stücke auf ihn, weil er bei vorkommenden Streitigkeiten mit der Direktion stets ihre Interessen vertrat und durch seine überlegene Ruhe manchen Konflikt gütlich beilegte.

Genau wußte man sein Alter nicht, aber man gab ihm mehr Jahre, als er hatte.

Eines Tages kam er Arm in Arm mit Karla König zur Opernprobe und stellte sie als seine „Braut“ vor.

Der Direktor gratulierte lau.

Eine halbe Stunde später ließ er sie in sein Bureau kommen.

„Hast du den Verstand verloren, Mädel?“ — So empfing er sie.

„Aber ...“

Sie blickte ihn ganz verschüchtert an und versuchte vergeblich, den Kragen ihres Kleides zu schließen, den sie beim Singen während der Probe gelockert hatte.

Sie war für ihn das kleine Mädchen, das er rücksichtslos anschnauzte, wenn es sich was zuschulden kommen ließ. Aber sie war auch seine „Entdeckung“, auf die er stolz war.

Streng hielt er sie. In eisernen Klammern. Hungergage. Aber erste Partien. Einmal, während der Lohengrinprobe, wurde sie ohnmächtig. Seitdem schickte er ihr aus einem guten Speisehaus an Tagen, da sie Wagner sang, reichliches Essen.

Ihr Brustkasten war noch zu schmal. Aber „Singen entwickelt“. In ein paar Jahren war sie eine allererste Kraft. Ein Geschenk, das er der Musikwelt machte. Er hielt sie mit Vorliebe am Arm, tastete mit seinen behenden und erfahrenen Fingern die Zunahme einer ersprießlichen Rundung ab.

„Sag’ mal, Mädel, bist du ganz von Gott verlassen? Mit dem Altmann, dem Ernst Altmann, verlobst du dich ...? Hat’s gebrannt? Was hast du an ihm gefressen?“

Sie stand sehr verwirrt und sogar ein bißchen erblaßt zwischen den roten, grauschimmernden Samtsesseln. Was sollte sie antworten? Sie wußte selbst kaum, wie alles gekommen war. Altmann hatte sich vor einem halben Jahr erboten, ihr Sprechunterricht zu geben, sie Vortrag zu lehren.

„Man versteht Sie nicht, Kleine ... Schade um Ihre Stimme. Zahlen brauchen Sie nicht. Als Kollege ...“

Also war sie in seine zwei möblierten Stuben gekommen, verschüchtert auch da. Aber lerneifrig und von verblüffender Auffassungsfähigkeit. Wie verwandelt war sie in den abgeleierten Partien. Die schalen, alten Worte gewannen neues, heißes Leben.

Altmann drückte beim Direktor eine kleine Erhöhung ihrer Gage durch, und vor der Stunde setzte er seiner Schülerin ein Glas Milch vor und dickbelegte Stullen. Wenn sie recht satt war, sang sie hinreißend. Mit der Leidenschaft eines erfahrenen Weibes.

Er mußte dämpfen. Wie ein junges, wildes Tier war sie, das er an die Kette legen mußte, damit es ihn nicht umwarf und zu Schaden brachte. Abends zur Vorstellung ließ er es los und hetzte es auf das Publikum.

Wenn sie mit leuchtenden Augen, froh wie ein müdgespieltes Kind, den Nachhall des brausenden Erfolges noch im Ohr, aus ihrer Garderobe trat, stand Altmann wartend vor ihr.

„Wie war’s?“ fragte sie scheu und stolz.

„Schlecht. Hundeschlecht. Knöpf’ die Jacke zu — du erkältest dich noch.“

Er duzte sie nach Theaterart. Hauptsächlich, weil er ihr Lehrer war.

In seiner Stimme lagen Sorge und Groll. „Die Esel draußen“ verdarben ihm das Mädel noch, wenn das so weiterging mit dem blödsinnigen Herausrufen und den überschwenglichen Besprechungen unverwöhnter Provinzliteraten. Dann wurde sie größenwahnsinnig und verkam. Also — dämpfen.

Und während er ihr haarscharf auseinandersetzte, wie unklar und überhastet sie die Arie des zweiten Aktes gebracht, wie ausdruckslos sie in der Sterbeszene des Finale gewesen, wie matt ihr „Für dich, Geliebter!“ geklungen, während er ihren Gang, ihre Armbewegungen unbarmherzig bekrittelte, folgten auf der anderen Seite der Straße Gymnasiasten, Ladenfräulein, junge Polytechniker und Musikschülerinnen ihrem angebeteten Liebling, Karla König, bis zur nächsten Straßenecke.

Dort riefen sie: „Hoch Karla König! Hoch!“ und stoben auseinander. Durch die Nachtluft sausten ein paar Sträußchen, halb versengt von den heißen Fingern, die sie den Abend über krampfhaft gehalten.

Sie wagte es nicht, sich nach den Blumen zu bücken; und er stieß sie mit dem Fuß achtlos zur Seite. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen, sie hielt mit Mühe die Tränen zurück.

„Was ist denn? Bist du beleidigt, weil ich dir die Wahrheit sage? Wenn du willst — gehe ich morgen in den nächsten Laden und kaufe dir den schönsten Blumenkorb. Aber dann auch — Adjö! Na — so sprich doch ...“

Sie hatte Hunger. Ganz gemeinen Hunger. Wie immer nach der Vorstellung. Er wußte, was sie bei ihrer Wirtin erwartete: zwei dünne Scheibchen mit harter Wurst oder Käse belegt.

„Komm zu mir ’rauf — wir essen zusammen.“

Es war nicht das erstemal. Ins Wirtshaus ging er nicht mit ihr. Sie sollte nicht die üble Luft und den Zigarrenrauch einatmen.

Er selbst hatte überdies starke häusliche Instinkte. Seine Wirtin war gut abgerichtet und der Tisch gut bestellt bei ihm. Er brauchte nur ein Gedeck mehr aufzulegen, es langte für mehr als für zwei.

Und sie ließ sich nicht bitten. Ging mit, biß ein, mit blitzenden Zähnen, während er ihr zusah, nachdenklich und fast ein wenig gerührt. Allmählich suchte sie, es ihm gemütlich zu machen: stellte das Wasser auf in der Küche, bereitete ihm Grog oder Tee, strich ihm die Butter aufs Brot.

Sie hatte etwas Hausmütterliches, an dem er sich erfreute. Und sie war anschmiegend, wenn sie satt war, wie eine schnurrende Katze.

Eines Abends hatte es in Strömen gegossen; sie fragte sehr besorgt, ob er sich nicht nasse Füße geholt hätte. Ehe er sich’s versah, brachte sie ihm die Hausschuhe aus der Schlafstube.

Er wurde ärgerlich.

„Was machst du denn?! Ich mag so etwas nicht leiden.“

Aber im tiefsten Innern empfand er es angenehm. Wie ein freundliches Erinnern. So war es in seinem Elternhause üblich gewesen. Mutter stand hinter der Gardine und spähte auf die Gasse hinaus. Wenn der Vater an der Ecke sichtbar wurde, stellte sie je nach der Jahreszeit die Filz- oder die leichten Schuhe aus Segeltuch bereit.

Er fragte nach Karlas Eltern. Zum erstenmal.

Der Vater war Tänzer gewesen. Zar Alexander der Zweite hatte ihm eine goldene Uhr geschenkt, mit Brillanten. Die Mutter hatte die Brillanten ausbrechen lassen und verkauft. Die Mutter war eine große, stattliche Frau gewesen, sehr energisch. Sie selbst hatte Karla den ersten Gesangunterricht gegeben. Die Ohrfeigen waren dabei in aller Liebe rechts und links um ihre Wangen geflogen. Die Mutter wollte sie zur Operette bringen. Aber der Vater hielt nur von großer Kunst etwas. Ein Dresdener Hofopernsänger, mit dem er, wenn auch in verschiedener Art, jahrelang in Braunschweig gewirkt hatte, versprach ihm, sich der Kleinen anzunehmen und sie für die Oper auszubilden. Der erste Brief an Karlas Eltern lautete: „Was wollt Ihr eigentlich? Das Mädel hat nichts bei mir zu lernen. Die Stimme sitzt so natürlich und gut, daß unsere großen Sängerinnen bei ihr in die Schule gehen könnten! Ihr Temperament ist unbändig. Sowie wir hier eine Vakanz haben — bringe ich sie unter.“ Um die Zeit erkrankte die Mutter und starb. Karla mußte die erste Zeit beim Vater bleiben, der sich nicht zurechtfand im Leben ohne seine energische Gefährtin.

Aber er wollte nicht, daß sie ihre Zeit bei ihm verlor, und gab ihr Unterricht in seiner Art. Wenn sie auch nicht mehr auf die Hofoper rechnen durfte — ihr Handwerk mußte sie auch für eine kleine Anfangsbühne beherrschen. Er stellte Stühle im Zimmer auf, vor denen sie sich verneigen, niedersinken lassen mußte. Der eine war ihr Liebhaber, dem sie sehnsuchtsvoll die Arme entgegenbreitete, der andere ihr Feind, auf den sie sich mit einem Dolch stürzte. Sie mußte in Ohnmacht fallen oder der Länge nach wie tot hinschlagen. Einen besonderen Spaß machte es ihr, sich zu vergiften.

„Damit habe ich auch meine größten Erfolge gehabt.“

Altmann liebte es aus erzieherischen Gründen nicht, daß sie je von ihren „Erfolgen“ sprach. Aber diesmal — weil es gar so kindlich klang, ließ er es durchgehen.

Ihre Wangen glühten. Sie hörte zu essen auf, und sie dachte daran, wie sie dieses Engagement bekommen. Auf einer „Schmiere“ hatte der Direktor sie gesehen, im „Troubadour“. Ihretwegen hatte er bis zum Ende der Vorstellung ausgehalten, hatte ihr dann gleich einen Kontrakt vorgelegt, auf fünf Jahre. Nun war sie schon vier Jahre in der norddeutschen Hafenstadt; die glanzvollen Besprechungen hatten manchen Agenten auf sie aufmerksam gemacht, ihr manches Angebot eingetragen. Aber der Direktor ließ sie nicht gehen. Zum Kontraktbruch fehlte ihr der Mut. Und schließlich war sie auch ganz zufrieden. Die Galerie brüllte sie unzählige Male heraus, junge Mädchen warfen ihr Blumen zu. Wenn sie auftrat, waren alle guten Logen besetzt, und zu Weihnachten schickten ihr die ersten Familien Geschenke: Wäsche, Wurst, wollene Strümpfe; manchmal auch einen goldenen Armreif oder eine kleine Brosche. Eingeladen hatte sie freilich noch niemand. Es war hier nicht Sitte, mit den Theaterleuten zu verkehren. Sie hätte ja auch nicht viel Zeit gehabt. So war Altmann eigentlich der einzige, der sich persönlich ihrer annahm, der sich um sie sorgte.

Aber das konnte sie dem Direktor nicht alles so in Kürze erzählen. Sie fand nur einen Satz:

„Er war doch immer gut zu mir, der Altmann ...“

Im Grunde — und das brachte den erfahrenen alten Direktor in Harnisch — bildete sie sich sogar was darauf ein, daß er sie für würdig erachtete, seine Frau zu werden.

„Ich werde auch gewiß einen großen Weg machen, dafür wird er schon sorgen, der Altmann ...“

„Na ja ... dann ist’s ja gut.“

Der alte Herr kehrte ihr den Rücken. Schade ... schade um seine Mühe, das Interesse ... das teure Essen aus dem Gasthaus....

Nun kam ein anderer und pflückte die Früchte!

„Sie können gehen, Fräulein König.... Aber vergessen Sie nicht, daß Sie noch ein Jahr hier sind und bei mir singen. Und wenn ihr glaubt, daß ich euch vorher freigebe — dann habt ihr euch geirrt. Das heißt ... Altmann — auf den pfeif’ ich. Von der Sorte kriege ich dreizehn aufs Dutzend. Wirst dich noch wundern, Kleine, wie du schleppen wirst an ihm ... jawohl schleppen!“

Er brüllte sie wütend an und verließ als erster das Zimmer.

Sie sagte Altmann nichts von der Unterredung. Ihre Mutter hatte früher oft geäußert: „Männer brauchen nicht alles zu wissen.“ Und seit Altmann mit ihr verlobt war, reihte er eben in die Kategorie jener ein, die „nicht alles zu wissen brauchen“. Wäre es auch nur, um Weitläufigkeiten, Auseinandersetzungen zu entgehen.

Straffe Folgerungen, knappe, zwingende Begründungen lagen ihr nicht. Sie ärgerte sich über den „Alten“ und lachte ihn hinterher aus. Er war wohl eifersüchtig. Jetzt gab es jemand, der ihm auf die nichtsnutzigen Finger klopfen konnte, wenn sie sich gar zu lange mit ihrem Arm zu schaffen machten.

Diese Vorstellung machte ihr sogar Vergnügen.

„Was wollte der Alte von dir?“ fragte Altmann.

Sie machte ganz harmlose Augen.

„Ach nichts, er hat mal wieder Repertoireänderungen vornehmen wollen ...“

„So .. Na, das viermal wöchentlich Singen werden wir mal ein bißchen einschränken! Da hab’ ich jetzt auch noch ein Wort mitzureden!“ ...

Sie blickte dankbar und bewundernd zu ihm auf. So „himmlisch geborgen“ fühlte sie sich.

Sie heirateten sehr bald. Karla König lieh sich zur Trauung ein weißseidenes Kostüm von zeitloser Form aus dem Garderobenfundus des Theaters. Die Kolleginnen legten zusammen und stifteten Brautkranz und Schleier.

Altmann hatte in der „Krone“ ein Zimmer bestellt und ein Mittagessen von acht Gedecken. Karla fand das fürstlich. Überhaupt machte ihr die Hochzeit, mit allem, was damit an Besprechungen und Veränderungen zusammenhing, großen Eindruck. Sie kam sich ungeheuer wichtig vor. Als sie das erstemal die Elsa im „Lohengrin“ sang, war sie nicht so erregt wie in der Stunde, da sie das weißseidene Kleid und den Myrtenkranz anprobierte. Ganz feucht waren ihr die Hände, ihre Knie zitterten, und eine leichte Übelkeit bleichte ihr die Lippen.

Zu einer Kollegin, die sie anzog, sagte sie:

„Ich hab’ doch nie Angst, wenn ich singe, ich kenne das nicht ... aber ob ich das Ja herausbringe in der Kirche — darüber schlafe ich nun schon die dritte Nacht nicht. Die Kehle schnürt’s mir zu, wenn ich daran denke.“

Sie brachte es heraus. Sogar lauter, als es sonst üblich sein mochte. Und dann warf sie den Kopf zurück und blickte mit glänzenden Augen auf den Geistlichen. So — das war getan. Nun fürchtete sie sich nicht mehr. Vor nichts. Vor gar nichts auf der Welt. Und nun spürte sie auch ihren gesunden Hunger und freute sich auf das gute Essen, das sie in der „Krone“ erwartete.

Es war eine lustige Hochzeitstafel. Der Direktor, den man anstandshalber eingeladen hatte, war durch eine Reise verhindert, zu kommen. So war es auch allen lieber. Altmann knauserte nicht mit dem Wein, hielt aber selbst Maß und erfreute Karla durch ein paar nette Worte auf ihren Vater, der eine Depesche geschickt hatte; ebenso wie die zwei Schwestern Altmanns. Die eine war unverheiratet, Erzieherin in einem großen Hause, die andere Frau eines Lehrers. Sie hatten beide nicht abkommen können. Altmann war es ganz recht. Sie hätten sich ja doch recht fremd gefühlt in dem Kreise.

Der alte Tänzer aber war durch einen Anfall von Ischias an seinen Lehnstuhl gefesselt. Er schickte eine hübsche Amethystkette als Hochzeitsgeschenk und bat um den Besuch des jungen Paares, sobald es sich machen ließe.

Altmann war sparsam. Es gab in diesem Jahre an anderes zu denken als an Reisen. Es hieß Geld zurücklegen für eine anständige Garderobe. Karla war mit einem Korbe zu ihm gezogen, der mehr Klavierauszüge als Wäschestücke und Kleider enthielt.

Ein „Schwarzseidenes“ mußte sie gleich haben. Das gehörte zur Würde und Stellung einer jungen Frau. So wußte es Altmann von zu Hause, von der Heirat seiner ältesten Schwester her.

Karla küßte ihm die Hand wie ein beschenkter Backfisch.

Altmann hatte seine möblierten Zimmer behalten und noch ein drittes — mehr eine Kammer — dazugenommen. Die Wirtin gab ihnen Frühstück und Essen. Karla schlüpfte des Morgens, zehn Minuten vor ihrem Mann, in die Wohnstube und deckte den Tisch.

Altmann hatte sie darum gebeten. Sie sollte kleine Hausfrauenpflichten erfüllen, sollte nicht verlottern in der Trägheit allzu ausgedehnter Bettruhe.

Karla stellte die Tassen auf: weiße mit Goldrand, die Zuckerdose aus Glas, das Sahnenkännchen. Dabei summte sie ein paar Takte aus einer Oper. Plötzlich lief sie zum Klavier, warf die Auszüge durcheinander, klappte den einen auf, griff ein paar Akkorde, legte los mit voller Stimme. Sie hudelte ein bißchen vor lauter Freude über ihre frische, volltönende Stimme, die ihr davonlief wie ein sprudelnder Quell ....

Altmann kam heraus. Er trug eine Hausjacke aus großkariertem Flanell, ein ausrangiertes Bühnenrequisit. Ohne Kragen, ohne Manschetten. Sein Hals war merkwürdig lang und hager. Das beeinträchtigte die Vornehmheit seiner Erscheinung ein wenig. Auch litt er in den ersten Morgenstunden an einer leisen nervösen Reizbarkeit.

„Du sollst doch nicht so drauflosbrüllen, Karla. Was hat das für einen Zweck! Überdies hast du vergessen, die Butter auf den Tisch zu stellen ... und ich sehe auch nur einen Löffel — —“

Karla brach mitten drin ab, lief heraus, lief herein, schwuppte den Kaffee aus der übervollen Kanne auf das Tischtuch, tupfte es mit dem Taschentuch ab, schenkte ein — „wieder viel zu voll“, bemerkte Altmann —, strich die Brötchen ... und merkte es nicht, daß ihr Mann einsilbig, unzufrieden auf dem Sofa saß, mit betonter Sorgfalt seinen Kaffee umrührte und mit spitzen Fingern das Brötchen hielt.

Nichts sah sie. Griff immer wieder in den gefüllten Nickelbrotkorb, schenkte sich immer wieder aus der bauchigen Kanne die Tasse voll — warf Zucker hinein, ein Stück, zwei Stück und — nach einem heimlichen kurzen Seitenblick auf Altmann — das dritte.

Wundervoll war es, verheiratet zu sein! Sich satt essen, satt trinken zu können! Es verdroß sie nur, daß die Frühstücksstunde so kurz war.

„An die Arbeit“, sagte Altmann.

Er spielte erträglich, wenn auch sehr hart, Klavier. Aber sie traute sich nicht zu sagen, er möchte leiser begleiten. Es war ja auch gleichgültig, wie es klang. Er unterbrach ja doch bei jedem zweiten Takt.

Manchmal machte er ihr nach, wie sie dies oder jenes aussprach. Er übertrieb entsetzlich. So sprach sie doch im Leben nicht! Es sah so häßlich aus und klang so abscheulich. Erst lachte sie.

Da klappte er den Auszug zusammen.

„Na, dann wollen wir warten, bis du ein bißchen ernster bist. Zur Unterhaltung setze ich mich doch nicht hierher.“

Karla dachte an den Unterricht beim Vater. Der war lustiger gewesen. Da hatte sie sich ausleben können. Sie dachte auch an den Unterricht bei dem alten Sänger. Der hatte nur immer gestrahlt und gerufen: „Mädel, Mädel, wo hast du das her?!“ Blieb die Mutter. Die Ohrfeigen — na ja! ... Aber wenn Altmann die Noten zuklappte und sich erhob, eisig, unnahbar wie ein beleidigter Gott — das war schlimmer!

Das Verheiratetsein hatte auch Schattenseiten! ...

Karla ging gern am Arme ihres Mannes durch die Hauptstraße, die zum Theater führte. Die beiden Zeitungen hatten eine Notiz gebracht über die Vermählung von „Fräulein Karla König, der Zierde unseres Stadttheaters, dem Liebling des Publikums“, mit dem „verdienstvollen Herrn Ernst Altmann“.

So war die Stadt gleichsam mit zur Hochzeit gebeten worden, und die Leute quittierten auf der Straße durch ein stummes Lächeln, ein Grüßen mit den Augen. Viele blickten sich nach ihnen um, und Karla raschelte stolz mit ihrem Schwarzseidenen.

Im Theater benahm sie sich mit einer gewissen Zurückhaltung. Denn Altmann hatte ihr eingeschärft, nicht hinter den Kulissen zu dalbern während der Proben, wie sie es sonst wohl getan.

„Du mußt Haltung lernen“, sagte er ihr. „In dem Nest hier bist du die längste Zeit gewesen.“

Er unterhielt eine eifrige Korrespondenz; mehrfach kamen auch Briefe mit dem Poststempel aus New York.

Aber er sprach nicht über die Briefe, sondern verschloß sie sorgfältig im Schreibtisch, dessen Schlüssel er stets abzog.

Wenn sie an ihren Vater, den Papa, schreiben wollte, mußte sie ihren Mann erst um einen Bogen Briefpapier und einen Umschlag bitten.

Übrigens schrieb sie höchst ungern, und selbst die kleinen Dankbriefe für die Geschenke waren ihr immer eine Qual gewesen, und bald überließ sie auch den Schriftwechsel mit ihrem Vater dankbar ihrem Mann.

Das einzige, was ihr an Altmann mißfiel, war seine Einsilbigkeit. Sie wollte ja gerne zugeben, daß er „viel im Kopf“ hatte, wie er sagte, daß seine Korrespondenz, die Pläne für die nächste Zukunft ihn sehr beschäftigten, aber immerhin hätte er doch wenigstens während der Mahlzeiten oder abends nach dem Theater ein bißchen gemütlich plaudern können.

Karla war von Natur mitteilsam und gesprächig. Sie hatte, wenn sie aus dem Theater kam, immer tausenderlei zu erzählen. Er hörte zu mit nachsichtigem Lächeln. Manchmal gähnte er. Oder aber er stand plötzlich auf und setzte sich an den Schreibtisch.

„Einen Augenblick, Karla — ich habe etwas Wichtiges vor!“

Karla kauerte sich in die Sofaecke und griff zum Stadtanzeiger. Sie las zumeist nur das Feuilleton und die Lokalberichte. Einmal fielen ihre Augen auf einen Schauspielbericht: „... unser verdienstvoller Altmann war etwas eintönig“.

Sie erschrak und legte unwillkürlich die Hand auf das Blatt. Dann schlich sie aus dem Zimmer und warf die Zeitung in das erlöschende Herdfeuer der Küche. Nach einer kleinen Weile fragte Altmann nach der Zeitung. Karla gab sich den Anschein, als suche sie beflissen in allen Ecken. Sie guckte sogar unter das Sofa. Das Blatt blieb unauffindbar. Altmann nahm Hut und Mantel, um auf ein halbes Stündchen ins Café zu gehen.

Karla spähte ängstlich nach seinem Gesichtsausdruck, als er heimkam. Aber sie konnte keine Veränderung entdecken. Hatte er nicht gelesen? ... Bei seiner Empfindlichkeit — er war imstande und ging zum Redakteur, stellte ihn, vergriff sich an ihm.

Sie wartete sogar auf eine kleine Sensation, und es war fast eine Enttäuschung für sie, daß nichts eingetroffen war von dem, was sie gefürchtet hatte.

Die Angriffe gegen Altmann wiederholten sich. Sie ließ die Zeitungen ruhig liegen. Eine brennende Neugier erfüllte sie, wie ihr Mann sich dazu äußern würde.

Er äußerte sich gar nicht. Durchflog die Spalten nach wie vor mit gleichgültigstem Gesicht.

Eines Tages hielt sie es nicht aus. Auf dem Heimwege vom Theater brachte sie das Gespräch auf den betreffenden Kritiker.

„Ich finde, er schreibt so dumm“, sagte sie.

„Dann lies ihn doch nicht“, antwortete er ruhig. Und nach ein paar Schritten: „Weißt du, daß dein Ärmel ausgerissen ist? Hübsch sieht das aus, Karla.... Du wirst so gut sein und dir deine Sachen mal ein bißchen ansehn. Eine Hausschneiderin kann ich dir noch nicht halten.“

Karla saß den ganzen Nachmittag und flickte. Abends war Schauspiel. Sie hatte das Stück schon mehrfach gesehen und bat, zu Hause bleiben zu dürfen.

Aber dann wurde es ihr zu einsam in den drei stillen Stuben, und sie ging hinüber zur Wirtin.

Sie half ihr beim Kartoffelschälen und erzählte ihr Theaterschnurren. Sie lachten beide sehr viel, und Karla fühlte sich sehr behaglich. Schließlich fragte sie, ob sie ihr nicht etwas vorsingen solle. Die Wirtin war begeistert. Sie band eine saubere Schürze vor und ließ sich von Karla in einen der braunen Ripssessel nötigen.

Karla wählte nicht lange. Sie fing mit der Agathenarie aus dem „Freischütz“ an, griff dann zu Mozart. Aber der „lag ihr nicht“, da hudelte sie. So landete sie bei Wagner. Ihr war es, als hätte sie nie so schön gesungen, als hätte sich ihre Stimme nie so voll und rein ausgebreitet. Gar nicht, als ob sie es war, die sang. Als sänge etwas Fremdes, Wundersames, Großes aus ihr heraus. Der Wirtin liefen helle Tränen die Wangen herunter; sie schneuzte sich heftig. Auch Karla fing an zu weinen. Sie war so glücklich. Es war so herrlich, singen zu dürfen ... die ganze Seele hinzugeben.

„Was hätten Sie für eine Heirat machen können ... mit der Stimme!“

Karla ließ den Klavierdeckel hart zufallen.

„Hab’ ich’s denn nicht gut getroffen? Ich wünsch’ mir gar nichts Besseres.“

Die Wirtin stand auf.

„Na ja ... aber immerhin ... Ich will nichts gegen Ihren Mann sagen. Ein feiner, solider Herr. Aber so richtig froh wird man nicht mit ihm. Und wie er Sie immer plagt beim Studieren ...“

„Ja ... er meint es gut mit mir. Sie können mir’s glauben.“

Karla war verschnupft. Sie hatte nur den einzigen Gott. Den wollte sie sich nicht verkleinern lassen.

Als Altmann nach Hause kam, umarmte sie ihn leidenschaftlich. Fast schien es, als wollte sie ein Unrecht gutmachen.

„Na, was denn, was denn ...?“

Er klopfte ihr gönnerhaft, aber doch innerlich beglückt, die Wangen. Sein kühles Blut erwärmte sich an ihrer heißen Erregung.

„Hast du etwa gesungen?“

„Ja ... ein bißchen.“

Er kannte den Ursprung ihrer Leidenschaftlichkeit.

Auch als Gatte fühlte er sich verpflichtet, zu dämpfen.

Gerade als ihr Gatte. Ihre Stimme mußte geschont werden, ihre Frische. Er bezwang auch viel in sich selbst ... Er meinte es wirklich gut mit ihr.

Eines Tages brachte Karla eine halbverhungerte Katze nach Hause. Sie gab ihr warme Milch und ließ sie nicht von ihrem Schoß. Sie übte auch nicht an diesem Tage, sondern streichelte immer nur das struppige graue Fellchen. Abends machte sie ihr ein Körbchen zurecht, füllte es mit weichen Lappen, legte ein Taschentuch darüber.

„Niedlich ... wie ein Kindchen“, sagte sie und lächelte versonnen.

Altmann gab es einen Ruck. Das Wort Kind traf sein Ohr wie ein greller Pfiff.

Das „Kind“ hatte er nicht mit einbegriffen in den sorgsam ausgearbeiteten Plan der nächsten Jahre. Er fand mit dem besten Willen kein Eckchen und keine Zeit, wo es einzuschachteln wäre. Er stand knapp vor dem Abschluß mit Bremen für Karla. Das war ein großer Fortschritt. Gegen Ende der nächsten Spielzeit waren mehrere Gastspiele von ihm vorgesehen: in Lübeck, Danzig. Mit Hamburg stand er in eifrigen Unterhandlungen. Er hoffte sehr, daß das Hamburger Gastspiel zu einem Engagement führen werde.

Wie Ameisenkribbeln spürte er es im Rücken. Eine ihm sonst fremde Nervosität bemächtigte sich seiner.

„Wie fühlst du dich, Karla? Ist dir gut?“

Sie blickte erstaunt. Warum sollte ihr nicht gut sein? Dann lachte sie wieder mit drolliger Heimlichkeit, nahm das Kätzchen von seinem Lager, wickelte es in das Tuch und schaukelte es in den Armen.

„Schlaf, mein Kindchen, schlaf ...“

Und sie wippte es so hoch in die Luft, daß sein Köpfchen bis zu Altmanns Lippen hinaufreichte.

„Gute Nacht, Paachen ... gute Nacht.“

„Laß doch den Unsinn.“

Es war nicht ein überlegener Verweis wie sonst — er war wirklich ärgerlich. Karla küßte die Katze und legte sie zurück in ihr Bett. Sie flüsterte:

„Laß nur, Miezerle, Papa ist böse ... ich muß Papa wieder gut machen.“

Es war nichts als Gedalbere. Aber echte Zärtlichkeit lag in ihrer Stimme. So hatte sie früher zu ihren Puppen gesprochen, so mochte sie später zu ihren Kindern sprechen.

Altmann gab dem Körbchen einen Schubs, daß es durchs ganze Zimmer flog.

„Hör’ doch endlich auf!“

Karla sah ihn erschrocken an. Was war denn das mit ihm? Verstand er denn gar keinen Spaß? Oder ....

Sie wurde plötzlich blutrot ... Mochte er Kinder nicht leiden?

Ihr wurde merkwürdig kalt im Rücken, und so leer schien ihr das Zimmer, als ob er gar nicht mit darin stünde, ihr Mann.

Sie nahm das Kätzchen in den Arm und ging in die Kammer. Dort saß sie lange, und die sanfte Wärme des kleinen, schnurrenden Tieres beruhigte sie. Einzelne Tropfen fielen aus ihren Augen auf das weiche Fellchen. Sie berührte mit ihren Lippen den kleinen runden Kopf, die spitz aufragenden Ohrchen. Sie summte vor sich hin ... kleine naive Liedchen aus ihrer Schulzeit ....

Sie dachte daran, wie sie als Kind Wärme und Zärtlichkeit bei den Hunden und Katzen der Nachbarn gesucht, da sie sie zu Hause nicht fand.

Warum hatte sie keine Brüder, keine Schwestern, wie die anderen Kinder? ....

„Das hätt’ mir noch gefehlt!“ gab die Mutter zur Antwort.

Später fragte sie den Papa.

„Liebes Kind .... multipliziere nicht nur die Spiele und Freuden, multipliziere auch die Zahl der Knuffe, Entbehrungen und Krankheiten mit der Zahl der Geschwister!“

Vielleicht dachte auch ihr Mann so ...?

Am nächsten Tage schenkte sie das Kätzchen einer Kollegin. Altmann brachte ihr einen hübschen seidenen Unterrock aus der Stadt mit.

Sie hätte nicht gewagt, an solch einen Luxus auch nur zu denken. Ganz blaß wurde sie.

Wie war der Mann gut — nein, wie war er gut! ....

Die Katze war vergessen.

Abends rief Altmann sie an seinen Schreibtisch und zeigte ihr die Briefe der Theaterleiter, die Eventualverträge. Da ging ein Zittern durch ihren Körper.

„In all den Städten soll ich singen? Ist das wahr? ... Wirklich wahr? ...“

Sie fiel ihm um den Hals, sie küßte seine Stirn, seine Augen, seine Hände. Sie lachte und sprang trällernd im Zimmer umher.

Wie ein Hündchen folgte sie ihm in den nächsten Wochen. Ein Mann, der das alles zustande gebracht! Ein Mann, der sie zur großen, berühmten Sängerin machte! ... Ein Mann, der ihr ein heißes, begnadetes Leben schenkte! Ein Mann, der ihr die Tore öffnete, zu allem, was es Großes, Wundervolles, Beglückendes in der Welt gab! ... Und dieser Mann war ihr Mann! ...

Sie fing an, ihn zu lieben, mit scheuer, inniger Zärtlichkeit. Sie lächelte sanft, wenn er sie während der Stunden verhöhnte, sie zitterte, wenn er seine dunklen, geraden Brauen hob, und die tiefen Mundwinkel seiner blassen, feinen Lippen sich senkten. Und ihr Herz schlug glückschwer und erwartungsvoll, wenn er langsam die eingelaufenen Briefe mit der langen Schere aufschnitt.

Es waren zumeist gute Nachrichten.

Bald nach Weihnachten holte sie sich eine Erkältung auf der zugigen Bühne. Es war nicht das erstemal, und sie pflegte nie viel Aufhebens davon zu machen, beurlaubte sich auf eine Woche, lag mit Prießnitzumschlägen zu Bett, schluckte Aspirin und trank Kannen heißer Limonade.

Altmann genügte nicht einmal der Theaterarzt, den er sofort zu sich bat. Karla erschrak, als sie einen wildfremden Herrn an ihr Bett treten sah, einen Herrn Geheimrat, dem sie Zunge, Hals und Brust zeigen sollte. War sie denn so krank?

Altmann schaffte Inhalationsapparate an, allerhand Pinsel und Arzeneien standen auf ihrem Nachttisch. Er wechselte ihr selbst die Kompressen und pinselte ihr den Hals aus, unbarmherzig gewissenhaft.

Als sie das erstemal zur Probe kam, schenkten ihr die Kolleginnen Blumen.

Da fing sie an zu weinen. Sie küßte die Blumen und sprach den ganzen Tag nur davon, wie lieb und gut die Kolleginnen wären.

Altmann wurde bitter. Zum ersten Male.

„Zu Blumen hat es nicht gelangt.“

Karla fand ihr Zimmer wieder trostlos und leer, und abends graute ihr vor dem Bett, in dem sie solange krank gelegen.

Ausbrüche plötzlicher Leidenschaftlichkeit wechselten ab mit Tagen stumpfen Hindämmerns. Wenn ihr auf der Straße Kinder in den Weg liefen, bückte sie sich zu ihnen herab und küßte sie. Wenn eins fiel, hob sie es auf den Arm, schaukelte, tröstete es. Zweimal kam sie dadurch zu spät zur Probe.

Wenn Altmann mit ihr studierte, war sie oft unwillig, bestenfalls zerstreut. Er zitterte oft vor verhaltenem Ärger. Sie tat, als merkte sie es nicht, oder — vielleicht sah sie es auch wirklich nicht.

Sie knixte, wenn er ihr etwas sagte: „Jawohl, Herr Lehrer!“ Oder aber sie weigerte sich zu üben; sie hätte Kopfschmerzen, es kratzte sie etwas im Halse; sie hätte schlecht geschlafen und wäre matt.

Abends im Theater sang sie schöner denn je. Und kein einziges Mal warf sie ihm einen Blick zu. Als ob sie nicht wüßte, daß er immer da unten auf dem Eckplatz in der zehnten Parkettreihe rechts saß.

Sie fragte auch nicht: „Nun, wie war’s?“, wenn er sie aus der Garderobe abholte. Hatte sie Blumen bekommen, so hielt sie sie sorglich und auffällig im Arm, und wenn vor dem Bühneneingang die üblichen jungen Enthusiasten warteten, dann schlich sie sich nicht mehr scheu an ihnen vorbei, sondern hob den hübschen dunklen Kopf und sah ihnen mit strahlendem Lächeln in die bewegten, heißen Gesichter.

Eines Tages legte Altmann einen Gastspielvertrag zur Unterschrift vor sie hin. Drei Abende. Als Pamina, Elisabeth und Elsa. Und für jeden Abend zweihundert Mark. So viel, wie sie hier im ganzen Monat verdiente.

Altmann wußte: Jetzt kam der große Jubel; jetzt sprang sie mit dem Vertrag im Zimmer umher, stürzte ans Klavier und zerrte ihn auf den Hocker. Jetzt ließ sie nicht ab von ihm, bis er nicht wenigstens eine der drei Partien mit ihr durchgenommen. Jetzt gleich lagen ihre Arme um seinen Hals, und ihre frischen, vollen Lippen drückten sich in sein Gesicht ...

Es verging eine Minute, die zweite .. Nichts von alledem geschah. Sie sah ihn gar nicht an, zählte nur an ihren Fingern irgend etwas ab.

„Was rechnest du aus, Karla?“

„Ob ich noch auftreten kann, falls ... es sind noch drei Monate bis dahin.“

Mit einem Satz war er bei ihr, riß ihre Hände an sich. Drückte sie so fest, daß sie glaubte, er wolle ihr wehe tun.

„Glaubst du denn, Karla ... Hast du irgendwelchen Anhalt dafür, daß ...“

Sie zuckte die Achseln.

„Ich weiß gar nichts ... aber es könnte doch sein, nicht wahr? Wir sind verheiratet ... es wäre immerhin natürlich.“

Sie hörte seinen schweren Atem. Sie sah, wie er sich mit dem Tuch über die Stirn fuhr ...

Sie hätte sich mit den Nägeln in sein Gesicht einkrallen mögen, in sein schönes, vornehmes Gesicht.

Aber er faßte sich.

„Warum behältst du denn alles für dich? ... Wir wollen zum Arzt gehen. Man muß doch wissen. Ich muß doch disponieren können! Den ganzen Tag sitze ich am Schreibtisch, opfere meine Zeit, verbrauche Papier, Marken ... zerbreche mir den Kopf, wie ich alles am besten anordne und verteile — und nun wirfst du alles über den Haufen durch ein Wort! Wann — glaubst du denn ...?“

Seine Stimme klang hart und doch unsicher.

Sie saß bequem zurückgelehnt und blinzelte vor sich hin.

Sie hörte seine Angst durch den harten Klang, und diese Angst weckte ihre Lust, ihn zu quälen, ihn abhängig zu fühlen von ihr, von dem Schicksal, daß sie selbst ihm schuf.

Aber — eigentlich wußte sie gar nichts Bestimmtes. Manches, was sie als Symptom auslegte, war wohl nur Einbildung, weil sie so tief in sich hineinhorchte. Weil sie es so heiß ersehnte. Weil der liebe Gott sie zur Mutter erschaffen hatte — viel mehr als zur Sängerin. Weil selbst ihr Singen nichts war als ein Schrei nach Verdoppelung ihres Wesens.

Altmann drängte:

„So sprich doch, Karla ... so sag’ doch ...“

Aber sie wehrte ungeduldig ab. Er sollte sie doch zufriedenlassen. Sie hatte das nur so hin gesagt. Zum Arzt gehen? Der würde sie auslachen.

Altmann atmete auf. Er war jetzt wieder ganz ruhig. Junge Frauen spielten wohl oft mit dem Gedanken der Mutterschaft. Es lag so nahe. Sie wußten ja auch nicht, wie abhängig sie waren vom Willen und der Beherrschung des Mannes.

Und er streichelte, wieder entlastet und nachsichtig, Karlas Wangen.

„Wie wär’s, wenn wir ein bißchen übten?“

** *

Und es kam doch der Tag, da ihr unbewußtes Sehnen Erfüllung wurde. Noch wagte sie nicht, an ihr Glück zu glauben. Hielt ihren Zustand geheim. Im Theater schloß sie sich an die anderen verheirateten Kolleginnen an; fragte sie aus, auf allerlei Umwegen.

Nachts wachte Karla oft auf und starrte in das Dunkel ihres Zimmers. Lange. Mit klopfendem Herzen. Sie dachte an ihr Kind.

Das Kind, das ihr jetzt noch allein gehörte. Sie stellte sich vor, wie es in ihren Armen liegen, mit winzig kleinen Händen auf ihre Brust patschen würde. Oder sie sah es im Bade strampeln; ihr Arm stützte das rosige Körperchen, und ihre Lippen suchten die verspielten kleinen Füße.

Sie warf sich im Bett auf die andere Seite und lachte ganz heimlich vor sich hin.

Plötzlich stockte ihr Herzschlag: das Kind war krank. Sie saß an seiner Wiege und hielt die zuckenden Fingerchen zwischen ihren Händen ... Der kleine Körper wand sich in Krämpfen, bäumte sich auf — fiel dann zurück in die Kissen — tot! ...

„Heiliger Gott ....!“

Der Schrei zerriß die Stille des nächtigen Zimmers. Altmann richtete sich in seinem Bett auf.

„Was ist ... hast du geträumt, Karla?“

Er griff nach ihrer Hand — sie war feucht und kalt.

„Ja ... aber ich weiß nicht mehr, was ... Macht nichts. Laß mich nur schlafen! ...“

Sie hielt ihre Hand gegen das Herz gepreßt und vergrub den Kopf unter der Decke. Um keinen Preis der Welt hätte sie gesagt, warum sie so hatte aufschreien müssen.

Altmann durfte nichts erfahren, bis sie selbst gewiß war ... ganz gewiß! Und wieder setzte ihr Herzschlag aus, da sie sich vorstellte, daß sie sich geirrt haben könnte, daß sie nur ein Spiel war ihrer sehnenden Phantasie.

Eines Vormittags, während ihr Mann auf der Probe war und sie die Unruhe nicht mehr ertragen konnte, ging sie zu einer Frau, deren Schild schon öfters ihre Aufmerksamkeit erregt hatte: „Frau Leben. Staatlich geprüfte Hebamme.“ Sie hatte oft gelacht über den Namen, in Verbindung mit dem Beruf. Dadurch hatte er sich ihr eingeprägt. Und nun stand sie vor der großen, breitschulterigen Frau, zitternd wie auf verbotenem Weg.

Die Frau war mißtrauisch gegen die Damen vom Theater, seitdem sie etliche Male versteckte Bitten hatte überhören müssen. Aber Karla König hatte sie einmal singen gehört, und sie hatte die wundervolle Stimme nicht vergessen können.

„Ja ... was soll’s?“

„Ich möchte wissen ... wissen möcht’ ich ...“

Karla stockte.

Es konnte das leise Zittern ebenso als Angst wie als Wunsch gedeutet werden. Aber als Karla König sie plötzlich am Kopf packte und mit ihr durch das Zimmer galoppierte, da verstand sie.

„Also doch ein Kind ... hurra! ... Beste, liebste Frau Leben! ... Ich bin ja so glücklich!! ... Soll ich Ihnen was vorsingen zum Dank? ...“

Sie sang wirklich, was ihr gerade einfiel, mit voller Stimme. Unsinn sang sie. Und der Text war immer nur: „Ein Kind! Mein Kind! ...“ Aber so wundervoll waren die Töne, die sich aus ihrer Brust lösten, daß die Frau, als sie Karla beim Weggehen fragte: „Was bin ich schuldig?“, antwortete:

„Nichts mehr. Ich bin bezahlt.“

Karla stülpte ihr Hütchen auf das dunkle Haar, fuhr in die weißen Zwirnhandschuhe und jagte durch die Straße bis zum Theater.

Jetzt durfte er es erfahren: „Wir kriegen ein Kind ... ein Kind!“

Verzierung, drei Sterne
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Nach Palmarum übersiedelte Altmann mit Karla nach Berlin.

Dort konnte man am billigsten leben und am besten untertauchen. Er pflegte auch sonst immer um die Zeit bei den Theateragenten vorzusprechen.

Diesmal wollte er den Boden für Karla beackern.

Sie stiegen in einem kleinen Hotel der Friedrichstadt ab. Hofzimmer, drei Treppen.

Wenn Karla ans Fenster trat, blickte sie auf schmutzige Glasscheiben und geschwärzte Eisenstangen. Ein einziges trübes elektrisches Birnchen brannte hoch oben an der Decke. Sie sah kaum das Nötigste beim Auspacken.

Zum Abendbrot hatten sie sich bei Altmanns Schwager angesagt.

Es war Zeit, daß Karla die Familie kennen lernte. Sie zog das „Schwarzseidene“ an. Aber es machte ihr Mühe. Altmann mußte hinuntergehen und Sicherheitsnadeln holen. Mit einem seiner breiten schwarzen Schlipse ließ sich die nötige Brustweite provisorisch herstellen.

„Na ... Du gehst ja ordentlich in die Breite!“

Er lächelte. Aber die Nervosität konnte er nie ganz verbergen, wenn sich Karlas Zustand bemerkbar machte.

Es war doch eine katastrophale (er brauchte das Wort gern) Störung! Karlas Stimme war merkwürdig zeitig in Mitleidenschaft gezogen worden. Es gab Schwankungen, leichte Belegtheit. Ja, es war vorgekommen, daß sie unrein gesungen hatte!

Der Direktor stand, die Hände in den Hosentaschen, in der zweiten Kulisse und lächelte gallig.

„Hast’s nötig gehabt, Mädel ....“

Auch schauspielerisch hatte Karla immer weniger hergegeben.

Aus Angst, es könnte ihrem Kinde schaden.

Frau Leben, mit der sie Freundschaft geschlossen, war ihr eine strenge Beraterin geworden.

Karla trug kein Korsett mehr, weil sie es ihr verboten hatte. Sie hatte sich auch früher von der Bühne zurückgezogen, als es sonst üblich war.

Ihre Gage fehlte merkbar, und die Kammer wurde aufgegeben. Um Wäsche zu sparen, legte Altmann zu Hause stets Kragen und Manschetten ab. Karla fühlte plötzlich einen Druck.

Und sie war froh, als es hieß: Berlin.

Da hatte sie doch den Papa und die Schwestern ihres Mannes. Sie kannte sie nicht, aber sie war besten Willens, sich ihnen anzuschließen. Denn, ohne daß sie es zugab: die Abende waren ihr recht tot erschienen in den letzten Wochen.

Klanglos war sie untergetaucht in der grauen Menge und dem stumpfen Alltag. Sie war nahe daran gewesen, sich zu vernachlässigen, den ganzen Tag im Schlafrock herumzulaufen.

Und wenn sie übte, dann weinte sie oft. Manchmal wurden ihr die Schläfen feucht, wenn sie daran dachte, daß sie die Stimme verlieren könnte.

Lieber sterben, als die Stimme verlieren! Lieber ....

Sie war doch verrückt gewesen, sich ein Kind zu wünschen. Verrückt! ...

Frau Leben hatte ihr dann immer den Kopf zurechtsetzen müssen.

Jetzt kam es vor, daß sie von der Zukunft zu sprechen anfing: Wenn „das“ erst vorbei wäre, dann müßte sie doch gleich ins Engagement. Ob sich die Gastspiele verschieben ließen?

„Du machst das schon, Ernst, nicht wahr? ...“

Sie schmiegte sich an ihn, und er versuchte sie zu trösten, ihr die Angst wegzuscherzen, Luftschlösser aufzubauen ....

Er mußte sie doch wohl sehr liebhaben, daß er das alles konnte. — — —

So — nun endlich war Karla angekleidet. Sah prächtig aus. Sie würde noch einmal eine schöne Frau werden ... eine wunderschöne Frau. Und mit ihrer Stimme ....

Altmann wurde wieder besserer Laune. Er wollte auch eine Droschke nehmen. Karla sollte nicht abgehetzt bei seinen Leuten eintreffen. Seine Leute hatten ihm die Heirat mit einer Theaterdame ohnehin verübelt.

Sie hatten ihn für „verständiger“ gehalten. Seine Leute hatten von jeher an ihm herumkritisiert. Er war immer im Verteidigungszustand ihnen gegenüber gewesen. Hatte es nur nicht so sehr gemerkt, weil er nicht in derselben Stadt mit ihnen wohnte.

Und überdies hatte er auch eine so unbegrenzte Hochachtung vor den Schwestern, daß er sich willig ihrem Urteil unterwarf.

Karla sollte sich nur recht einfach und ruhig geben; nicht zuviel vom Theater erzählen.

„Ja, wovon denn? Ich kenne doch nichts anderes ....“

Es wurde ihr plötzlich ungemütlich.

„Hätten wir nicht doch lieber erst zu Papa gehen sollen?“ meinte sie.

Altmann zog die Mundwinkel herab. Das bedeutete immer eisige Ablehnung.

„Ich denke, es wird Zeit, Karla. Adele hat sicher ein warmes Abendbrot bereitet — wir dürfen sie nicht warten lassen.“

Bei dieser Gelegenheit erfuhr Karla, wie ihre verheiratete Schwägerin hieß. Sie hatte nie danach gefragt, und ihr Mann hatte den Namen nie genannt.

Im letzten Augenblick riß Altmann noch ein Federbüschel von ihrem Hut:

„So, Kind .... das ist nicht so auffällig.“

„Aber ....“

Sie hätte fast losgeheult. Ihren einzigen schönen Hut so zu verunstalten. Pfennig auf Pfennig hatte sie vom Wirtschaftsgeld abgeknapst, um ihn zu kaufen. Zwanzig Mark hatte er gekostet .... gerade wegen der Federn! ... Wütend war sie! Und feuerrot vor Ärger.

Er tat, als merke er es nicht.

„Hast du deinen Umhang? Nimm noch ein Tuch mit. Die Abende sind kühl. Du könntest dich erkälten.“

Immer war er besorgt. Sie lächelte wieder.

Und im Treppenhaus suchte sie es so einzurichten, daß sie seine Gestalt in dem schmalen Pfeilerspiegel sehen konnte. Wirklich vornehm sah er aus in dem zweireihigen schwarzen Rock.

Seine frisch rasierten Wangen schimmerten bläulich. Die über der Nasenwurzel fast zusammengewachsenen Brauen gaben seinem regelmäßigen Gesicht einen strengen Ausdruck, der gemildert wurde durch die geschwungene Linie der schmalen Lippen. Freilich — wenn die Lippen sich senkten .... dann sah sein Gesicht aus wie eine tragische Maske. Aber wenn die Lippen lächelten — wie eben jetzt — und die elfenbeinfarbenen, gesunden Zähne sehen ließen, dann ... ja dann war Karla immer aufs neue bereit, sich in ihren Mann zu verlieben.

In der einen Hand hielt er ein Paar hellbrauner Handschuhe, in der anderen einen Stock mit silberner Krücke, die sie kurz zuvor mit Zahnpulver, vermischt mit ein paar Tropfen Kölner Wasser — blankgerieben hatte.

Er sah ungemein elegant aus.

Und Karla stützte sich auf seinen Arm mit einem Ausdruck fast herausfordernder Besitzerfreude, und sie machte sich so schwer, drückte sich so nahe an ihn heran, daß er ihr zuflüsterte:

„Aufpassen, Karla, du zerdrückst meine Manschetten.“

Denn er wußte nicht, was jetzt eben in ihrer Seele vorgegangen war; wohl aber verlor er nie das Gefühl für die Wirklichkeit und das leise Bangen vor jeder leichtsinnigen Ausgabe.

Als sie auf die Straße herunterkamen, fuhr gerade der Omnibus vorüber.

„Halt!“ rief er.

Karla machte große Augen, denn sie hatte sich auf die Wagenfahrt gespitzt. Aber sie wagte keine Bemerkung. Sie hatte nur nicht mehr dieselbe Freude an ihrem Mann, als sie ihn eingequetscht sah zwischen einer Frau mit einem Gemüsekorb und einem Kindermädchen mit einem Schokolade essenden kleinen Jungen.

Es war erstaunlich, wie schmal sich Altmann machen konnte ....

Nun, es war jedenfalls gut, daß er so sparsam war ....

Aber ihre lebhaften braunen Augen starrten sehnsüchtig durch das Fenster hinaus auf die durch das Abendlicht vergoldete Straße.

Sie kannte nicht viel von Berlin, weil sie in Braunschweig aufgewachsen und nur ein halbes Jahr beim Papa geblieben war, bevor sie ihr erstes Engagement angetreten hatte. Aber so schön wie heute war ihr Berlin nie erschienen. Die prachtvollen Läden, die elegant angezogenen Frauen, die Cafés, aus denen jetzt schon das elektrische Licht in Garben herausstrahlte — das alles verwirrte und berauschte sie.

Und gerade jetzt mußte sie in dem abscheulichen Kasten sitzen .... Wenn sie wenigstens hätte laufen können — wie früher ....

Endlich, an der Endstation, hielt der Wagen.

„Nun sind es nur noch ein paar Schritte bis zur Culmstraße“, sagte Altmann und nahm beinahe zärtlich Karlas Arm.

„Geh nur langsam — wir haben Zeit ...“

Sie kannte den Ton nicht an ihm und blickte von der Seite zu ihm auf. Eine ihr fremde Erregung lag in seinem Gesicht.

„Hast du Bammel, sag’?“

Er zuckte zusammen.

„Wieso? Was? Bammel ...?“ Was war das wieder für ein Ausdruck!

„Ich bitte dich, Karla, nimm dich zusammen. Adele und Luise sind diese Sprache nicht gewöhnt. Sie werden einen ganz falschen Begriff von dir bekommen. Tu mir die Liebe und laß sie vergessen, daß wir zum Theater gehören ...“

Karla biß sich mit ihren scharfen Zähnen auf die Unterlippe.

Sind sie denn Gräfinnen, deine Schwestern? wollte sie fragen. Im letzten Augenblick hatte sie sich noch zurückhalten können. Aber innerlich lachte sie.

Altmann läutete.

Unter der Klingel im dritten Stock rechts leuchtete ein weißes Schild. Auf dem stand zu lesen:

Dr. Alwin Maurer.

Verzierung, drei Sterne
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E
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Es war die in Berlin übliche Fünfzimmerwohnung. Die Wohnung, von der es nach der Geburt des zweiten Kindes heißt: Sie ist zu klein und muß gegen eine andere umgetauscht werden.

Aber das blieb ein frommer Wunsch. Denn erstens vertrug das Einkommen Dr. Maurers kaum einen Umzug und noch weniger Neuanschaffungen.

Als junger stud. phil. war er bei Adelens Mutter Kostgänger gewesen ... Mittag zu 75 Pfennig. Nach einem weihnachtlichen Karpfen in polnischer Sauce blieb er endgültig hängen an der so vorzüglich kochenden Adele, an ihrer trotz ihrer weißen Haare noch immer schönen, strengen Mutter, an den guten, gediegenen Möbeln, an dem dünnen, aber reinen Kaffee, der, stets dampfend, in einer großen, bauchigen Kanne von einem rotwangigen, drallen Dienstmädchen hereingebracht wurde und mit seinem Duft eine Wolke von Behagen in alle Ecken des Zimmers verspritzte.

Alwin Maurer war sich bald bewußt, daß er alles und alle in dem Hause liebte, und da ihm jede Vergleichsmöglichkeit fehlte, so konnte ihn nichts von dem Gedanken abbringen, daß er in Adele Altmann die beste Lebensgefährtin, in Frau Altmann die idealste Schwiegermutter, in Luise Altmann die netteste Schwägerin finden würde. Blieb noch Ernst Altmann. Aber der zählte nicht recht. Denn erstens lebte er nicht in Berlin, und zweitens war er Schauspieler.

Die Altmannschen Damen sprachen nur wenig von ihm, und dann mit gedämpfter Stimme und vornehmer Zurückhaltung.

Die Altmannsche Vornehmheit hatte für den jungen Philologen ebenfalls etwas sehr Bestechendes. Sein Vater war Pastor in irgendeinem schlesischen Bergnest. Viel zu essen gab es nicht in dem mädelreichen Pastorenhaus — aber die Bauern zogen höflich den Hut, wenn sie die Pastorkinder sahen. Man war immerhin was Besonderes. Auch mit knurrendem Magen.

Vielleicht hätte Alwin Maurer im Hinblick auf seine vier Schwestern versuchen müssen, sich eine reiche Braut zu ergattern. Die reichen Bäcker kauften damals gern einen Doktor für ihre Töchter — aber ihm lag das Suchen und Sichdurchbeißen nicht. Der warme Kaffeebrodem im Altmannschen Hause umnebelte ihn, zauberte ihm lichtvolle Bilder einer glücklichen Zukunft vor.

Arme, hausmütterlich veranlagte Mädchen haben hinwiederum oft eine verblüffende Technik des Männerfanges, um die sie die raffinierteste Kokette beneiden könnte. Ihr Appell an die Ehrenhaftigkeit des Mannes nach einem heimlich geraubten Kuß ist von einer Tragik, die auch den Widerspenstigsten bezwingt.

Aber Alwin Maurer war gar nicht widerspenstig. Er hatte kaum seinen Doktor gemacht, als er in die Wohnung, die Möbel, den guten Tisch und den heißen Kaffee einheiratete.

Doch der Philologenhunger war kaum gesättigt, als Frau Altmann starb. Mit ihr schwand die Witwenpension, die dem Hause so wohl zustatten gekommen war. Die magere Lehrerbestallung war nur ein notdürftiger Ersatz. Aber Luise Altmann half mit. Von früh bis spät lief sie in den Straßen auf und ab, gab in dem einen Hause Klavier-, in dem anderen deutschen, in dem dritten Geographie-Unterricht — gründlich und billig. Sie rechnete nicht zu Hause und legte all ihr Verdientes in Adelens Hände. Kaum, daß sie etwas übrigbehielt, um sich eine Bluse oder ein Paar Stiefel zu kaufen.

Nach der Geburt von Adelens zweitem Kind wurde Luisens kleines Hofzimmer — Gemeingut. Der Kinderwagen wurde hineingeschoben, das Dienstmädchen baute dort ihr Bügelbrett auf, die Hausschneiderin häufte Berge alter Kleider auf Luisens Bett und rasselte an der ebenfalls in dem Zimmerchen aufgestellten Maschine. Ob Luise mittags oder abends heimkam, es roch muffig in ihrem Zimmer — nach kleinen Kindern, feuchter Wäsche und alten Stoffen.

Eines Tages erklärte Luise, daß sie eine Stellung als Erzieherin angenommen hätte:

„Ihr müßt Platz haben, Kinder.“

Vielleicht hatte sie gehofft, man würde ihr abreden, sie nicht fortlassen. Aber man bewunderte sie nur.

Dr. Maurer war es zufrieden, daß die Schwägerin das Haus verließ. Ihre Aufopferungsfähigkeit demütigte ihn. Auch war es ihm oft peinlich gewesen, daß die Schwestern sich in vielen Fragen besprochen und ihn dann vor die vollzogene Tatsache gestellt hatten.

Je weiter die Hungertage der Studentenzeit von ihm fortrückten, desto mehr verstärkte sich sein Bewußtsein als Mann und Familienvorstand.

Die „prächtige Luise“ war ein willkommener Gast. Aber mehr als Gast sollte sie im Hause nicht sein.

Adele kam leichter, als sie gefürchtet, über die veränderte Lage hinweg. Denn als die Jüngere hatte sie manches Mal Ratschläge anhören müssen, die ihr nicht immer zusagten. Auch sie sehnte sich nach „Entfaltung ihrer Selbständigkeit“. Die Zuwendungen der Schwester waren noch lange Jahre willkommen — denn Dr. Maurer war ein Epikuräer.

Das, was ihm einst als ein Gipfel menschlichen Behagens vorgeschwebt hatte, genügte seinen erwachten Sinnen längst nicht mehr. Und die größer werdenden Bedürfnisse weckten seinen Ehrgeiz.

Adele, die aufgewachsen war in den Begriffen kleiner Bürgerlichkeit, fand es selbstverständlich, daß ihr Mann seine zwei freien Abende in der Woche hatte. Das Geld für einen kleinen Verlust beim Skat und für etliche Glas Bier mußte einfach da sein. Da verzichtete die Familie eher auf einen Sonntagsausflug oder Adele auf ein Paar Handschuhe.

Denn vor allem kam der Mann.

Der „vor allem“ mußte anständig angezogen sein und mußte mit ein paar Silberstücken in der Hosentasche klimpern können. Das gehörte sich so. Auch Luise war derselben Meinung. Es wurde auch bald selbstverständlich für Dr. Maurer. Nur reichten die Silberstücke fast nie so lange, wie sie sollten. Dr. Maurer rauchte gern eine anständige Zigarre und trank lieber Echtes als Lager. Ein paarmal war es vorgekommen, daß er sich in eine nette Weinstube hatte mitziehen lassen ... Und da machte er die Entdeckung, daß die Gespräche beim Wein — wenigstens während der ersten zwei Flaschen — viel gehaltvoller und geistiger waren. Daß auch die sinnfälligen Freuden dieses Lebens in der weindunsterfüllten Luft weit freundlichere Beurteilung fanden als an dem filzbestreuten Biertisch. Der Wein regte die Phantasie an, führte in das gelobte Land unbegrenzter Möglichkeiten.

Alwin Maurer war kein Trinker, aber er war weinfest und gehörte zu denen, deren Seele hohe Flüge macht, während ihr Körper wie angeschmiedet vor den sich erneuernden Flaschen verharrt.

Einige Male war es ihm gelungen, die erhöhte Stimmung bis nach Hause zu retten. Da war es ihm gewesen, als zöge ihn eine unsichtbare Gewalt zu seinem Schreibtisch. Er nahm die Feder zur Hand und schrieb einen Aufsatz über individuelle Erziehung. Er erschien bald darauf in einem Fachblatt und erweckte eine lebhafte Polemik, die sich spaltenfüllend in der Zeitschrift austummelte. Aber das Honorar bezahlte ihm kaum die Flasche Niersteiner, die er getrunken.

Als er einige Wochen später einen Aufsatz über die „Lähmungserscheinungen humanistischer Überbildung“ schrieb, bot er ihn einer vielgelesenen Tageszeitung an. Die Schriftleitung verlangte, daß sie bei diesem hervorragenden Artikel ausdrücklich auf seine Lehrtätigkeit hinweisen dürfte.

„Ja ... gewiß ... selbstverständlich.“

Dr. Alwin Maurer schwebte in den siebenten Himmel ein. Mit einem Schlage war er berühmt. In seiner Phantasie sprengte das Geld seine Taschen, und alle Lehranstalten luden ihn auf ihr Katheder.

Der Tag nach dem Erscheinen des Aufsatzes brachte ihm zwanzig Mark und eine peinliche Auseinandersetzung beim Direktor. Er sollte „revozieren“, oder er ging der Stellung verlustig und würde irgendwohin strafversetzt. Denn das Ministerium hatte soeben Material über ihn eingefordert.

Wie zerschlagen kam er nach Hause. Adele hatte bereits den Besuch zweier Lehrerfrauen gehabt. Sie war in Tränen aufgelöst und hatte das Dienstmädchen zu Luise geschickt, um sie zu holen. Denn Luise mußte helfen, mußte raten. Luise war so klug! Und Alwin ... nein, wie hatte Alwin sich so vergessen können! ... Luise kam. Alwin Maurer wurde richtig ins Verhör genommen. Der Aufsatz wurde laut gelesen — jeder Satz doppelt und dreifach ausgelegt. Es war fürchterlich, was er da alles geäußert hatte! Umstürzlerische Ideen waren das! Er erschütterte die Grundfesten deutscher Jugenderziehung ... er war ein Revolutionär, ein Sozialdemokrat! ...

Das war damals noch ein Schimpfwort, und Adele hob beschwörend die Hand:

„Nicht zu weit gehen, Luise!“

Aber Luise schob sie aus dem Zimmer. Schließlich brauchte die Frau nicht dabei zu sein, wenn sie ihren Mann abkanzelte, wenn er so dastand, richtig wie ein dummer Junge, der was ausgefressen hatte! Und als der Schwager ihr endlich sein Aneinandergeraten mit dem Direktor berichtete und daß das Ministerium „Material“ über ihn verlangt hatte, da schrie Luise Altmann verzweifelt, unter Tränen:

„Revoziere! ... Revoziere!“ ...

Adele wurde gerufen. Sie weinte mit und schrie mit: „Revoziere! Revoziere!“

Die Kinder wurden hereingeschleppt, die „unschuldigen Würmer“. Die heulten auch mit, ohne zu wissen, warum. Es war ein Höllenlärm. Dr. Alwin Maurer, der nichts hatte wissen wollen von irgendwelcher Zurücknahme seiner Worte, fühlte die zerrenden Finger seines kleinen Mädchens, seines Jungen ... Um seine Ohren gellte das Schreien der Kinder, das Jammern der Frauen.

„Revoziere! Revoziere!“ ...

Adelens nasse Wangen lagen an den seinen. Luise drückte krampfhaft seine Hand, zeigte pathetisch auf das schwarzgerahmte Bild der Mutter:

„Wenn sie das erlebt hätte — sie, die so viel von dir gehalten!“ Zeigte die alten, gediegenen Möbel, die einst der Inbegriff allen Behagens für ihn gewesen: „Wovon lebt Ihr denn, wenn du deine Stellung verlierst, wenn du versetzt wirst? ... Dann kannst du alles für ein paar Groschen verschleudern ....“

Die Angst kroch langsam aus Alwin Maurers verborgensten Herzenswinkeln heraus:

„Aber,“ ... stammelte er, „aber“ .... Nichts anderes.

Er ließ sich zu seinem Schreibtisch schleifen. Die Frauen standen ihm zur Seite: rechts Luise, links Adele. Sie beugten ihre Köpfe über seine Mappe; die eine reichte ihm Briefpapier, die andere tauchte seine Feder in die Tinte.

„Revoziere!“

Ihm war, als hätten sie ihm sein Gehirn aus der Schale gelöst und stocherten mit ihren Fingern darin herum .... Er hatte keinen Gedanken mehr, kein Gefühl .... Nicht für das Tragische seiner Lage, nicht für das Lächerliche.

Er schrieb, strich aus — fing wieder an.

„Ich kann nicht so ....“

Sie nahmen ihm den Atem, die beiden Frauen.

„Wir sehen nicht hin ... schreib nur.“

Aber ihre Körper lehnten an den Ecken seines Tisches, und der Dunst ihrer Tränen umhüllte ihn.

So revozierte er feige, erbärmlich. „Aus den Zuschriften, die er erhalten, hätte er ersehen, daß seine Worte mißverstanden worden wären.“

Behauptung für Behauptung nahm er zurück, Wort für Wort. Der Schweiß sickerte in dicken Tropfen unter dem leicht gekrausten blonden Haar hervor, rann die Schläfen entlang.

Jetzt noch die Unterschrift.

„Aber das geht doch nicht ... ich kann das doch nicht.“ ...

Luise Altmann legte ihre feste, hagere Hand auf seinen linken Arm. Adele schluchzte noch einmal drängend auf.

Und dann schrieb er: Dr. Alwin Maurer. Luise faltete das Papier, schrieb die Adresse des Blattes auf den Umschlag.

„Ich bringe den Brief selbst in die Redaktion. Morgen früh muß der Brief in der Zeitung stehen.“

Adele war damals ihrer Schwester um den Hals gefallen. Und sie beide waren aus dem Zimmer gerannt, als könnte Alwin Maurer ihnen noch im letzten Augenblick den Brief aus den Händen reißen.

Aber er dachte nicht daran.

Wie erschlagen lag er im Sessel. Und nur seine Augen wanderten voll Ekel von einem gediegenen Möbelstück zum andern. Altem Plüsch und morschem Holz hatte er seine Überzeugung geopfert — der Speisekammer seiner Frau und dem Autoritätenglauben seiner Schwägerin. Er riß die Schreibtischlade auf und zerfetzte die Seiten des nächsten Artikels, den er bereits begonnen hatte. Zerfetzte den Traum, den ein paar Glas Wein ihm eingegeben und den zu verwirklichen er vielleicht das Talent gehabt hätte. Und er weinte.

Weinte bitterlich, wie ein kleiner Junge weint, dem die Hand eines Großen sein Schaukelpferd zertrümmert.

Die Zeitung brachte den Widerruf, mit einigen spöttischen Worten verbrämt. Der Schuldirektor klopfte ihm auf die Schulter:

„War das einzig Vernünftige, lieber Doktor!“

Die Klasse aber mußte wegen groben Unfugs während seines Unterrichts zwei Stunden nachsitzen.

Adele kochte ihm eine Woche lang seine Lieblingsgerichte, und Luise Altmann brachte ihm eine Kiste mit fünfundzwanzig Zigarren, das Stück zu fünfzehn Pfennig.

Das Leben in der Culmstraße ging weiter, sättigend und behaglich. Luise „verbesserte“ sich. Sie kam als Erzieherin in ein reiches Haus, hatte gutes Gehalt und unterstützte nach wie vor den Haushalt der Schwester.

Jedes Jahr um Palmarum kam Ernst Altmann.

Die Schwestern fühlten sich verpflichtet, dem „Zigeuner“ gegenüber ihre makellose Bürgerlichkeit stark zu betonen. Aber Adele war nicht unempfänglich für die Theaterbilletts, die sie durch ihn bekam. Auch war er immer bereit, die Kinder auszuführen, in den Zirkus oder eine Klassikervorstellung am Nachmittag.

Mit Dr. Maurer hatte er wenig Berührungspunkte, oder wenigstens nicht viel mehr, als ein gemeinsamer Bierabend ergibt.

Dem Pastorensohn aus den schlesischen Bergen war die Kulissenwelt fremd, kaum reizvoll. Immerhin brachte Altmanns alljährliches Erscheinen in Berlin eine kurze, willkommene Abwechslung in die starre Regelmäßigkeit der Lebensführung.

Einmal nahm Altmann seinen Schwager zu einem Rennen mit nach Karlshorst. Keiner von beiden setzte, aber Dr. Alwin Maurer kam wie berauscht nach Hause. Er hatte Frauen gesehen, wie er sie nur für möglich gehalten im Schimmer des Rampenlichts. Vor seinen weltfremden, erstaunten Augen hatte sich ein Stück gesellschaftlichen Lebens abgerollt, wie er es nur in dem einen oder andern Roman geschildert gefunden und als unwahrscheinlich abgelehnt hatte.

Das Lehrerlein in dem engen schwarzen Rock, mit dem Zylinder auf dem krausen Blondkopf, mochte wohl eine recht komische Figur abgegeben haben in dem schillernden Bild des grünen Rasens. Eine Dame, von deren sich ziemlich deutlich äußerndem Beruf Alwin Maurer nur dunkle theoretische Kenntnis besaß, warf ihm im Vorbeigehen lachend ihr Veilchensträußchen ins Gesicht. Gar zu herausfordernd naiv sah er aus.

Altmann war froh, als er den sehr widerstrebenden Schwager glücklich wieder nach Hause bugsiert hatte. Am anderen Tage mußte er aber Adelens bitterste Vorwürfe über sich ergehen lassen. Auch Luise schrieb ihm einen empörten Brief. Was war ihm denn eingefallen? Alwin in solche Umgebung zu bringen! Wollte er durchaus den Frieden des Hauses zerstören, indem er Alwin Einblick in eine äußerlich vielleicht verlockende, gewiß aber verderbte Welt gewährte, indem er ihn mitschleifte dorthin, wo „sich das nackte Laster und alle verbotenen Leidenschaften die Hand reichten“?

Der Satz war aus Luisens Brief.

Altmann wurde vorsichtiger. In seiner ernsten Verehrung für die Schwestern fand er kaum ein Lächeln für diese übertriebene Angst. Nein, gewiß, von ihm brauchten sie für Alwin nichts zu fürchten, obwohl er nicht glaubte, daß der gute Alwin ...

So? Das glaubte er nicht ...? Na, dann sollte er nur hören!

Bei geschlossenen Türen suchte Adele den Zeitungsartikel heraus. Nun ... was sagte er jetzt? ...

Altmann fand den Artikel ausgezeichnet. Er selbst hatte das humanistische Gebüffel nicht ertragen und war darum durchgebrannt. Sehr vernünftig von Alwin, er wollte ihm die Hand schütteln! So viel Mut hatte er ihm gar nicht zugetraut ...

Erst nach einer ganzen Weile begriff er, daß der Schwager gar nicht das Recht gehabt hatte, so zu schreiben. Daß es ein Verrat gewesen war an Frau und Kind, nur entschuldbar durch Alwins Feuertemperament. Aber wie hatte er sich bezwungen ... mit welchem Opfer hatte er die Ruhe des Hauses erkauft ... Und Adele legte dem Bruder den Widerruf vor.

Irgend etwas behagte Altmann nicht daran. Aber er mußte es dem Schwager doch danken, daß er Adele vor Kummer und Sorgen bewahrt hatte. Ja ... vielleicht war das eine größere Tat, als wenn er darauflos seine Überzeugung herausgeschrien hätte ... Die Schwestern wollten jedenfalls, daß er das so ansah ...

Und mit den Jahren kam es auch so weit, daß er nicht zu sagen gewußt hätte, ob Alwin Maurer ein Held oder ein Waschlappen gewesen war. Gewiß ein Held — weil er Adelens Mann war. Und noch mehr wurde er in dieser Annahme bestärkt, als der Zufall das Gespräch einmal auf den Mut der Überzeugung brachte. Da sagte Dr. Alwin Maurer, und seine Stimme war dabei ein wenig belegt:

„Es kann sein, daß der größte Mut darin besteht, sich zu einer entgegengesetzten Überzeugung zu bekennen.“

Adele und Luise drückten ihm darauf die Hand. Aber er stand vom Tisch auf und kam den Abend über nicht mehr aus seinem Zimmer heraus.

„Man darf gar nicht daran rühren“, sagte Adele.

Es gefiel ihr eigentlich, daß es in dem glatten, nichtssagenden Leben ihres Mannes eine wunde Stelle gab.

In wortloser Übereinstimmung hatten die Schwestern aus jenem Vorfall das „große Erlebnis“ gestaltet, ohne das vielleicht kein Mann auskam! Aber nun hatte er es. Nun sollte er daran leiden und sich aufrichten ...

So dachten die Schwestern noch heute, nachdem zehn Jahre vergangen waren.

Dr. Alwin Maurer hatte jetzt eine Art kleiner Tonsur in seinem blonden Lockenkopf, und sein Gesicht war blaß und verschwommen. Adele und Luise sahen einander auch heute noch zum Verwechseln ähnlich. Nur wer genauer hinsah, bemerkte weiße Silberfäden in Luisens dunkelblondem Scheitel und kleine Fältchen um Adelens Augen. Sie hatten beide die schmalen Altmannschen Lippen, die geraden dunklen Brauen und zogen in harter Linie die Mundwinkel herab, wenn sie auch nur innerlich etwas ablehnten.

Ihres Bruders Heirat lehnten sie beide ab. Aber sie waren wohlerzogen und höflich. So warteten sie in der Wohnstube, in schwarze Seide gekleidet, auf das Läuten an der Korridortür.

Dr. Alwin Maurer, im Bratenrock, der an den Nähten spannte, ging auf und ab, mit auf dem Rücken verschlungenen Händen.

Der Duft des Kalbsbratens umwehte verheißungsvoll seine empfindsamen Nüstern. Er blickte öfters auf den Regulator. Wenn sie nur zur Zeit kamen, und das Essen nicht verdarb!

Schließlich war das bißchen „Fraß“ doch das einzige, was das Leben lebenswert machte ...

Die Klingel schrillte durch die Wohnung ... Dr. Maurer stürzte im letzten Augenblick in eine Ecke des Zimmers und warf den hellen Rohrstock, mit dem er am heutigen Vormittag seinen Stammhalter verdroschen, unter das braunrote Plüschsofa.

Verzierung, drei Sterne
Verzierung, drei Sterne
K
K

Karla machte kaum den Mund auf. Sie war gesellschaftlich noch ungewandt, und die frostige Freundlichkeit der fremden Verwandten ließ sie zu Eis erstarren.

Luise Altmann fand, daß sie sich bei Tisch nicht recht benehmen konnte, denn sie schnitt die Kartoffeln mit dem Messer durch und trank, bevor sie den Bissen im Munde heruntergeschluckt hatte!

Auf das verwandtschaftliche „Du“ wurde bei der Zitronenspeise eine Flasche deutschen Sekts geleert. Altmann hatte eine elegante Art, die Serviette um den Flaschenhals zu schlagen und die Gläser nur bis zur Hälfte vollzuschenken.

Karla bewunderte ihn sehr in dieser Tätigkeit, und verträumt versetzte sie sich an ihre Hochzeitstafel zurück in der „Krone“. Schön war das damals gewesen — und lustig! Wie die Kollegen sich gefreut hatten! So viel Liebes hatten sie alle gesagt, und so hübsche Trinksprüche waren gestiegen. Nach dem Kaffee hatte man auch noch ein bißchen gesungen, vorgetragen und sogar getanzt ...

Der Kalbsbraten und die Zitronenspeise waren gewiß gut geraten, aber es wollte ihr nichts so recht durch die Kehle rutschen.

Der Altmannsche Typus in seiner dreifachen Spielart bedrängte sie. Die Vornehmheit und Schönheit ihres Mannes verloren ihren Wert, da sie sie in den beiden Schwestern wiederfand. Diese Gleichheit reizte sie. Sie bekam einen roten Kopf.

„Wie fühlst du dich, Karla, hm?“

Es war klar, daß Altmann den Ausdruck innigsten Entzückens für selbstverständlich hielt. Darum wartete er die Antwort gar nicht erst ab, sondern sprach weiter mit seinen Leuten — über die Kredenz, an die der Vater noch selbst eine Leiste angeklebt und die sich so prachtvoll erhalten, über Luisens Stellung im Hause der englischen Familie, über den voraussichtlichen Beruf von seinem Neffen Fritz.

„Dem Jungen mußte ich heute auf Spanisch Mores lehren,“ sagte Dr. Maurer, „glaubst du es, daß der vierzehnjährige Bengel alte Schulbücher verkloppt hat, um sich Zigaretten zu kaufen?“

Karla lachte plötzlich los.

Altmann sah sie befremdet und zurechtweisend an.

„Was ist denn so Belustigendes daran?“

Dr. Maurer war in seiner Pädagogenwürde leicht verletzt, aber er war nicht unempfänglich für das wundervolle Lachen und die blitzenden Zähne seiner jungen Schwägerin.

„Findest du das etwa in der Ordnung?“

Er lächelte unwillkürlich, beugte sich über den Tisch und bemerkte dabei, daß sie wunderhübsche, junge, braune Augen hatte, unter kaum angedeuteten, hilflos und drollig geschwungenen Brauen.

„Nimm dich zusammen“, flüsterte Altmann streng.

Sie kämpfte noch immer mit dem Lachen, das sie schüttelte, wie ein boshafter Protest gegen all die steife Würde an diesem Tisch.

„Ihr müßt es mir nicht übelnehmen, aber wie der ... der ...“

„Alwin“, soufflierte Dr. Maurer.

„Ja also, wie der Alwin erzählte, daß sein Junge Bücher verkloppt hat für Zigaretten, da mußte ich an meinen Verehrer denken ... weißt du, Ernst, den kleinen Korbach. Der brachte mir wochenlang gefüllte Malz- und Honigbonbons an den Bühneneingang. Ich wußte immer nicht, wo der Junge das viele Geld dafür hernahm. Wußte auch nicht, wie er heißt. Bis er eines Abends — ich hatte gerade Schnupfen und Husten, und der Regisseur ließ das Publikum um Nachsicht bitten — mit Chininpulver in Oblaten anrückte, am nächsten Tage eine Flasche Emser Krähnchen bei meiner Wirtin ablud und am dritten Tage Rizinuspillen brachte ...“

Sie schüttelte sich wieder vor Lachen, und Dr. Alwin Maurer, der strenge Pädagoge, stimmte ein.

„Apothekersohn? Was?“

Karla nickte.

„Ja ... dreizehn Jahre war das Kerlchen! Saß abends, wenn ich sang, auf dem Olymp und klaute, was er konnte, um mir seine Liebe zu zeigen ...“

„Empörend!“ sagte Luise Altmann.

„Schrecklich! ... Ja, das Theater ...“, meinte Adele.

Dr. Maurer fuhr sich mit der sehr vollen, kurzfingerigen Hand (ein Erbteil seines Vaters) durch das Haar.

„Na ... da wird wohl der Junge auch seine Tracht Prügel bekommen haben ...“

„Das hoffe ich“, warf Adele rasch ein. „Du hast doch den Vater aufgeklärt?“

Karla nickte vergnügt.

„Gewiß. Ich habe den Jungen bei der Hand genommen, bin mit ihm zu seinem Vater ’rüber, und wie der von Hauen und so gesprochen, da hab’ ich gebeten, er möchte das lassen, und hab’ ihm dafür was vorgesungen. Er war sehr musikalisch, der Korbach ... nicht wahr, Ernst, du hast doch auch von ihm gehört? ... Fast eine Stunde haben wir zusammen musiziert. Zum Schluß haben wir das Duett aus ‚Carmen‘ gesungen ... der Kleine hat uns begleitet ... famos war das! Von Hieben war natürlich keine Rede mehr. Und zu Weihnachten, da schickte mir Herr Korbach eine Reiseapotheke. Riesig praktisch. Ernst benutzt sie auch sehr gern.“

Karla war losgelassen.

Die Schwestern wechselten einen Blick.

‚Unmöglich‘, sagte der. Karla war unmöglich. Jedenfalls in ihren bürgerlichen Kreisen. Adele dachte an ihre Bekannten: die Frau Lehrer Wagner, die Frau Oberlehrer Lange, die Frau Rechnungsrat Florian ... Nein, mit dem besten Willen konnte sie Karla nicht bei den Damen einführen.

„Machst du Handarbeiten?“ fragte sie, mit einem letzten Versuch, irgend eine ernste Eigenschaft an der Schwägerin zu entdecken.

„Karla hat wenig Zeit gehabt bisher“, meinte Altmann und dann mit einer jäh erwachten Hoffnung zu seiner Frau gewendet:

„Oder solltest du doch vielleicht ...?“

Es war verzeihlich. Er war ja erst einige Monate verheiratet.

Aber nein. Karla gestand schamlos, daß sie gar keine Handarbeiten machen könne; auch mit dem Nähen hapere es.

„Wenn ich erst Geld verdiene, dann halte ich mir eine Flickschneiderin.“

Adele zog die Mundwinkel ein. Eine verheiratete Frau, die von „Verdienen“ sprach, verletzte alle ihre Begriffe. Wenn nur um Gottes willen der arme Ernst in dieser unseligen Ehe nicht jedes „Gefühl für Anstand und Schicklichkeit verlor!“

Altmann faßte seine Frau unter das Kinn.

„Sie ist noch eine kleine Wilde“, sagte er versöhnlich.

Karla wurde ärgerlich. Was hatten sie hier alle an ihr herumzukritisieren?!

„Warum bin ich eine Wilde?“

Dr. Maurer hob die Tafel auf.

„Na, Kinder, nur immer ruhig. Ärger nach Tisch gibt rote Flecke im Gesicht.“

Es wurde Kaffee in die Wohnstube gebracht, Bier und Zigarren für die Herren.

„Ach ja, richtig — du rauchst ja nicht“, sagte Alwin Maurer zum Schwager und qualmte seine „Imitierte“ genüßlich an.

„Willst du nicht ein bißchen singen, Karla?“ fragte Luise Altmann.

Karla sah zu ihrem Mann herüber. „Bitte nicht“, schienen ihre Augen zu sagen. Sie war, weiß Gott, nicht in der Stimmung! Die steif an die Wand gelehnten braunroten Plüschmöbel, die starren, schwarzen Seidenkleider und die geraden Brauen schienen ihr eine unüberwindliche Feindseligkeit auszuströmen.

„Ja, natürlich, sing’ doch ein bißchen was“, munterte Alwin Maurer auf.

Ein paar nette, warme Töne mußte sie — ihrem Lachen nach zu urteilen — im Leibe haben. Er sang selbst gerne, war eine Zeit lang Mitglied eines Männergesangvereins gewesen und begleitete Luise Altmann oft in die Konzerte, zu denen ihre Herrschaft ihr zeitweilig ihre Plätze überließ.

„Alwin versteht sehr viel“, flüsterte Adele, laut genug, daß Karla es hörte.

„Ich kann heut’ nicht singen ... nein ... wirklich nicht ....“

Man nahm es als übliche Ziererei und beachtete es nicht. Alwin Maurer räumte das Stehalbum und die zwei Vasen mit künstlichen Blumen von dem schwarzen Pianino.

„Soll ich die Kerzen anzünden? ... Nein ... das Gas brennt wohl hell genug ....“

Er blies Karla den Rauch seiner Zigarre ins Gesicht, ohne es zu merken.

„Ich will doch nicht singen“, murmelte sie.

Wie konnte ihr Mann sie zwingen! Nie hätte sie das von ihm gedacht — nie!

„Komm, komm ....“

Und er schlug leicht gegen das Klavier. Anders hätte er auch einen Hund nicht herangelockt. Alwin Maurer blätterte in den angegrauten Notenheften. Da fehlte die erste — da die letzte Seite.

„Tja .. ich sehe, unser Bestand ist erneuerungsbedürftig. Aber — da ... Schubert ... Frauenliebe und Leben — hm? Wie wär’s?“

Karla war keine Liedersängerin. Die kleine, geschlossene Form lag ihren breit ausladenden Mitteln nicht.

„Nein ... keine Lieder ... die mag ich nicht.“

„Schubert magst du nicht?“

Luise Altmann hob die Augen zur Decke. Nette Sängerin war das! Armer Ernst ... Was hatte er sich da aufgeladen!

„Habt Ihr nicht etwas von Wagner ... dann ...“

Um Gottes Willen — Wagner! War ja ganz schön im Opernhause. Aber im Zimmer — da zerriß er einem ja die Ohren.

Doch Alwin Maurer wühlte weiter in den Noten. Ja ... doch ... ein Lohengrin-Auszug ... der mußte da sein. Den hatte er vor einigen Jahren gekauft, um eine kleine Lohengrin-Parodie für ein Vereinsfest zu verfassen. Wo war er denn nur ....?

„Da ....“

Eigentlich machte es ihm uneingestandenen Spaß, daß seine Damen sich ärgerten.

„Los, Kinder, los ...“

Altmanns Finger schlugen hart und trocken auf die Tasten.

Karla stand leicht zurückgebeugt mit unter der Brust verschlungenen Händen, wie es ihre Art war beim Singen, am Klavier.

Das Gaslicht fiel grell und schonungslos auf ihr zusammengestecktes Kleid und den unverhältnismäßig breiten Hüftenumfang.

Die Schwestern stießen sich an, und Adele flüsterte:

„Du, ich glaube gar ...“

„Mir scheint auch ...“

Sie waren beide ein bißchen blaß geworden. Das hatte noch gefehlt — ach, du lieber Himmel!

Ein ganz leises Mitgefühl für Karla regte sich in ihnen. Aber ein noch größeres für den Bruder. Nicht einmal eine Wohnung, ein Heim hatten solche Leute. Sie tuschelten leise: Ob schon für das Kind vorgesorgt war? ... Ob es Wäsche vorfand — einen Wagen? ... Adele rechnete nach, was ihr von der Ausstattung ihrer Kleinen übrig geblieben war. ... Acht Windeln, fünf Hemdchen, neun Sabberlätzchen mochten sich noch erhalten haben! ... Dazu der Kinderwagen; nur neue Vorhänge waren nötig — die schnitt man einfach aus den ausgemusterten Gardinen der guten Stube heraus ....

„Wenn sie Pflege braucht, so bitte ich um Urlaub ... Man kann das Wurm doch nicht verkommen lassen ...“

Mit dem Wurm meinte Luise Altmann das Kind, für das die Schwestern jetzt schon eine gewisse Zärtlichkeit empfanden, weil es ihnen den Bruder näher brachte.

In ihrem Getuschel entging es ihnen völlig, daß Karlas Stimme nach dem sechsten Takte umkippte.

„Macht nichts, macht nichts“, beruhigte Dr. Alwin Maurer gutmütig. „Vielleicht hat dich mein Rauch gestört.“

Er legte die Zigarre aufs Fensterbrett.

„Nur keine Gêne ... fang’ ruhig wieder an!“

Altmann war rasend. Sogar das Tuscheln der Schwestern entging ihm vor Arger über Karla.

„So paß doch auf!“

Wie ein ungezogenes, durch zu viel Freiheit verzogenes Kind war sie, das nach den ersten Schulferien kaum noch die Buchstaben erkennen will. Er schlug den Takt mit dem Fuß, Alwin Maurer mit der Hand ...

Karlas Augen füllten sich mit Tränen ohnmächtiger Wut.

„Nein ... so kann ich nicht ... so sing’ ich nicht.“

„Quäl’ sie doch nicht“, rief Luise Altmann herüber.

Altmann warf den Auszug in kalter Wut auf das Notengestell zurück.

„Gut, lassen wir’s bleiben!“

Diese Bockigkeit verzieh er Karla nicht so bald! ...

Alwin Maurer schenkte die Biergläser voll.

„Mensch, ärgere dich nicht! Erzählen wir uns lieber was. Waren ja lange genug nicht beisammen ... Na, Prost! Karla, gebt euch einen Kuß ...“

„Willst du die Wohnung sehen, Karla?“ fragte Adele.

Die Schwestern erhoben sich, Karla folgte ihnen, froh, aus dem Bereich von Altmanns dunklen Blicken zu kommen. Innerlich frohlockte sie, daß sie nicht hatte singen brauchen und war gern bereit die Küche zu bewundern, in der vom Abendbrot noch alles kunterbunt und ungesäubert durcheinander stand, und die selbstgehäkelten Kanten.

Im Schlafzimmer nahmen die Schwestern sie ins Gebet.

„Ja — merkt man es denn wirklich schon so sehr?“ fragte Karla.

Sie war unbändig stolz. Und gleich darauf wurde sie redselig.

Schrecklich war das Verheiratetsein, ohne ein Kind zu haben! Man kam sich eigentlich gar nicht recht verheiratet vor! Ein bißchen was mußte man doch voraushaben vor denen, die sich zusammentaten, weil sie gerade auf ein paar Jahre an derselben Bühne engagiert waren! Wenn’s nach ihr ging, würde sie ein Dutzend Kinder haben wollen. Aber das ginge wohl nicht, wegen ihrer Stimme. Schreckliche Angst hatte sie, die Stimme zu verlieren! Dann lieber gar kein Kind! Wenn das passierte — dann ... ja, gewiß, dann würde sie ihr Kind nicht mehr ansehen können — na, und liebhaben schon gar nicht! Aber sonst — auffressen würde sie es vor Liebe! Keinen Augenblick würde sie es allein lassen. Sie würde es sich schon so einrichten, daß sie es in ihre Garderobe mitnehmen könnte! Mitten auf den Schminktisch würde sie es legen, und da sollte es ruhig strampeln. Die Ankleidefrau würde schon aufpassen, so lange sie draußen war! ...

„Nun, ich hoffe, Ernst wird so vernünftig sein, daß er diesen Unfug untersagt“, meinte Adele.

Und Luise Altmann fügte hinzu:

„Wir werden mit Ernst sprechen.“

Karlas kurzes Frohgefühl erlosch. Hätte sie doch nichts gesagt! ... Das hatte sie nun davon! Aber schließlich war sie die Mutter. Sie hatte doch allein das Bestimmungsrecht. Ihr Mann ... ja gewiß. Aber was verstand der von kleinen Kindern, von Mutterangst! ...

Mißmutig und mit halbem Ohr hörte sie auf die Aufzählung der Wäschestücke, die zu einer vollständigen Kleinkinderausstattung gehörten.

„Ja ... na, das sagt man uns schon im Geschäft.“

„Nein, Karla. Das mußt du selbst nähen“, erklärte Adele. „Ich habe eine Nähmaschine und will dir gern dabei helfen.“

„Die erforderlichen Spitzen und Stickerei bekommst du von mir“, setzte Luise hinzu.

Karla dankte nicht. Ihre runden, jungen, hübschen Augen blickten ganz starr.

Lieber Gott — warum waren sie nach Berlin gegangen? ...

Luise sagte:

„Du kannst dir ein Beispiel an Adele nehmen. Sie ist eine vorzügliche Mutter und wird dir von gutem Rat sein ...“

„Wo sind denn deine Kinder?“ fragte Karla mit grollendem Unterton.

„Die schlafen, liebe Karla. Wenn ihr das nächste Mal am Tage kommt, werdet ihr sie sehen.“

In Dr. Maurers Haushalt war alles aufs Genaueste ausgerechnet. Der stete Heißhunger der Kinder ließ sich nicht mit teurem Kalbsbraten stillen.

Luise Altmann nickte.

„Kinder gehören abends ins Bett und nicht unter Erwachsene!“

Die Damen kehrten zurück zu den Herren.

„Wir gehen“, sagte Altmann und stand auf.

Er hatte immer noch sein kaltes, beleidigtes Gesicht.

„Nimm meinen Arm“, sagte er auf der Straße.

Aber seine Stimme klang messerscharf. Szenen machte er nicht. Aber es konnte gut sein, daß er acht Tage mit demselben beleidigten Gesicht an ihrer Seite ging.

Karla schluckte ihre Tränen herunter. Ein grauenhafter Abend war das gewesen! Nur gut, daß sie nicht gesungen, daß sie ihre liebe, schöne, jubelnde Stimme diesen Menschen nicht hergegeben hatte!

Morgen ging sie zum Papa! Auf den freute sie sich. Auf ihren zierlichen, eleganten, feinen Papa ...

Altmann mußte ihr die Nadeln aufmachen. Er tat es, als ob er ein gleichgültiges Paket aufschnüre.

„Luft“ war Karla heute für ihn ... Luft! Und nicht heute bloß. Es sollte ihr nicht so bald einfallen, sich derartig widerspenstig zu benehmen. — — —

„Na ... was sagst du?“ fragte Adele im ehelichen Schlafzimmer ihren Mann.

Er zuckte die Achseln:

„Verrückt! Hätte deinen Bruder für keinen solchen Phantasten gehalten. Wenn man ihn hört, so gibt es nächst der Lucca kein solches Genie wie seine Frau! So weit ich urteilen konnte ... ganze hübsche Töne ... aber — es war doch kläglich. Weder Breite noch Schwung, und kaum klettert sie in die Höhe, kippt sie um, kiekst. Wenn sich der gute Ernst nur nicht verrechnet!“

Adele bürstete ihr recht spärlich werdendes blondes Haar.

„Wenn man für Ernst irgend etwas finden könnte ... irgendeine sichere Stellung. Denn jetzt, wo noch Familie kommt ...“

„Au weh! Das ist unter Umständen bitter!“

Er dehnte sich behaglich in seinem Bett. Immerhin — unmittelbare Not hatte er nicht kennengelernt, in der sicheren Umfriedung seiner bürgerlichen Genügsamkeit.

„Wer nimmt denn einen Schauspieler? Wo bringt man den unter?“

Adele schlug mit der Bürste heftig auf ihren kleinen Frisiertisch.

„Wenn ich nur wüßte, was er an der gefressen hat ... wenn ich das nur wüßte ...“

Dr. Maurer erstickte mit der kaum entfalteten Abendzeitung die Kerzenflamme und drehte sich auf die andere Seite.

„Da fragst du viel ...“, sagte er gähnend.

Aber die Frage ließ ihn doch nicht gleich einschlafen. Sie erweckte ein wunderschönes, junges Lachen in seinem Ohr und zauberte ihm das Blitzen prachtvoller Zähne zwischen frischen, roten Lippen vor die Augen.

Verzierung, drei Sterne
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P
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Papa hatte einen allerliebsten Teetisch vorbereitet. Über dem weißen Tischtuch lag dämpfend ein bläulicher, silbergestickter Gazeschal. Die ganz feinen Meißener Tassen hatte er aus dem Glasschrank geholt und das schwere Silberkörbchen für das Gebäck von Kranzler: kleine, zuckerbestreute Küchelchen, die auf der Zunge schmolzen.

In einer Kristallflasche schillerte topasfarbiger Wein, der in den Fassetten der geschliffenen Gläser auffunkelte. Die Nachmittagssonne spielte auf den Goldfransen der buntseidenen Kranzschleifen, die zwischen goldgerahmten Photographien hingen. Es waren viele Berühmtheiten darunter: große Sänger, Sängerinnen, Schauspieler, Tänzer und Tänzerinnen. Den Ehrenplatz nahm das Bild des berühmten Schachspielers Anderssen ein, mit einer Widmung in verblaßter Tinte aus dem Jahre 1860.

Vor dem breiten Fenster, umflossen von Sonne, erhoben sich zierlich geschnitzte Figuren auf einem Schachtisch, und auf einem Stehbücherbrett häuften sich gebundene und ungebundene Jahrgänge der Deutschen Schachzeitung sowie einschlägige Werke, wie „Theorie und Praxis der Endspiele“ von J. Berger, Cordels „Führer durch die Schachtheorie“, das „Lehrbuch“ von Lange und andere.

Es roch gut bei Papa — nach sehr feinen Zigaretten und irgendeiner Essenz, die Karla noch nicht kannte.

Papa kam ihnen entgegen in einem knappen, grauen Gehrock, zu dem er eine weißseidene Lavallièrekrawatte trug. Er hatte eine gepflegte kleine Hand, deren linken Zeigefinger ein länglicher, von Rauten umgebener Emaillering zierte. Seine Füße staken in tiefausgeschnittenen Lackschuhen, die den hechtgrauen Florstrumpf sehen ließen.

Unter silberweißem gelockten Haar sprühten kluge, runde, braune Augen hervor. Er war ungemein zierlich und behende, und nur ein rasch unterdrücktes Verziehen der Lippen deutete auf zeitweilige Schmerzempfindung.

„Das freut mich, daß ihr endlich da seid ... das freut mich. Willkommen, lieber Schwiegersohn; machen Sie sich’s bequem ... Sie müssen vorlieb nehmen. Ein alter Garçon, da haperts überall.“

Karla war befangen. Die Wohnung war ihr fremd und die Art ihrer Einrichtung. All die von der Mutter kostbar gehüteten und im Glasschrank verwahrten Nippsachen standen offen herum. Die Bezüge waren von den Stühlen entfernt, so daß die ehedem so streng verwahrte Pracht leichtfertig ihren verblaßten Glanz zeigte.

Karla wagte es kaum, sich auf den gelbseidenen Sessel zu setzen.

Aber Papa tätschelte ihren Arm.

„Na ... Kleine ... erkennst du nichts mehr? Das ist doch Adolar ...“

Nun lachte Karla. Richtig, Adolar ... der Sessel, mit dem sie ihre Liebesszenen gespielt, den sie hatte umfangen, vor dem sie hatte knien müssen.

„Adolar ... du Guter!“

Sie hatte ihn nur unter grauem Bezug gesehen und fühlte die Ohrfeige noch heute, die die Mutter ihr verabreicht, als sie in Backfischübermut den Bezug einmal abgenommen, um zu probieren, „wie es sich auf Seide sitzt“.

Mutters Geist hatte jetzt zu herrschen aufgehört. Das sah sie an dem Gebrauch des kostbaren Teeservices, an der Nutzbarmachung aller einst so geschonten Gegenstände. Aber wie gut auch der Papa da hineinpaßte! ...

Er schenkte den Tee ein, die Sahne, mit anmutig wippenden Bewegungen, reichte das Silberkörbchen herum in schwebendem Gleiten seines gerundeten Armes.

Karla streifte ihren Mann mit einem zagen Seitenblick. Wie ein Denkmal saß er da in seiner steifen Unbeweglichkeit, mit seinem schönen, starren Gesicht.

„Besten Dank, Papa ... bitte bemühen Sie sich nicht ...“

Sie hatten nicht gleich im ersten Augenblick das „Du“ gefunden. Und nun blieb’s beim „Sie“, das ein paar Meter Entfernung zwischen sie legte.

Papa knabberte mit seinen sehr weißen Porzellanzähnen an dem Gebäck und schlürfte den Tee mit leisem Vibrieren seiner feinen Nasenflügel.

„Tja ... meine lieben Kinder ... Ihr wollt also das große Ereignis hier in Berlin abwarten? Charmant, charmant. Ich hätte mich ja noch gern ein Weilchen geduldet mit Großvaterfreuden, denn ... eine noch unsichere Karriere gleich mit Elternsorgen zu beginnen, das ist ... na ja ... Aber natürlich, lieber Schwiegersohn, will ich Ihrer Beurteilung der Sachlage nicht vorgreifen. Meine gute Frau hätte ja am liebsten ein Dutzend solch kleiner Schreihälse und Freßmäuler gehabt ... tja ... Da muß man eben den tauben Mann spielen. Im Interesse des Hauses und ... tja ...“

Papas tenorale Stimme durchdrang den hellen Raum wie eine Kindertrompete. Gleichzeitig klopfte er Karla liebevoll auf die Wange.

„Armes Kind! War es so pressant? ... Tja ... das Temperament ... das verflixte Temperament! ... Das ist ein Erbteil ihrer Mutter. Ein Vulkan war meine gute Frau — ein Vulkan! Hat uns kurz gehalten, deine gute Mutter, wie?“

Er führte Karlas Fingerspitzen an seine Lippen und knabberte ein neues Küchelchen an.

„Mein lieber Schwiegersohn, als meine gute Frau starb, da blieben wir zurück — Karla und ich — wie zwei Vögel, die Jahre lang im Dunkel gehalten — plötzlich freigegeben worden sind. Wir wagten uns die ersten Tage kaum an den verschlossenen Schrank der Kredenz ... nicht wahr, mein Kind? Erst ganz allmählich und nachdem Karla mich verlassen hatte, erwachte ich aus der Erstarrung, ergriff sozusagen Besitz von dem, was mir gehörte. Der Umzug in diese helle freundliche Wohnung machte ein übriges. Tja ... und nun finde ich auch, daß das Leben recht erfreuliche Seiten hat, wenn man ein bißchen an sich selbst denken darf.“

Altmann wollte einwerfen: Sie hatten aber noch ein Kind, und dieses Kind darbte. Aber er fühlte, daß er dem alten Herrn damit nicht kommen durfte. Vielleicht hätte er in der Jugend alles verpraßt, wenn die Frau ihm sein bißchen Gut nicht mit erbarmungsloser Strenge zusammengehalten hätte. Im Alter war er eben selbstsüchtig und genüßlich geworden.

Karla führte die schöne Tasse mit heimlichem Herzklopfen zum Mund. Wenn die Mutter sähe, wie so das feine Geschirr ...

Indem stieß sie mit Altmanns Hand zusammen, der ihr den Korb mit Gebäck reichte, und in der Angst, ihr Schwarzseidenes könnte einen Fleck abbekommen, lockerten sich ihre Finger, und die Tasse fiel zu Boden.

„O Gott! ...“

Papa winkte mit der Hand.

„Macht nichts, macht ja nichts. Bist eben immer noch das kleine Trampeltier. Aber Scherben bedeuten Glück — also nur kein Drama ... bitte, ja kein Drama!“

Er streckte die Hand aus und läutete mit einer silbernen Klingel. (Die Klingel hatte früher in Karlas Kindheit das Christuskind eingeläutet.) Gleich darauf, so rasch, als hätte sie hinter der Tür gestanden, um zu lauschen, kam die Wirtschafterin herein.

„Bitte, Pauline, ein kleines Malheur ....“

Pauline kehrte gleich darauf mit Tuch und Schaufel zurück und beugte sich über die Tasse. Dabei rauschte ihr gestärkter Unterrock, und die goldene Uhrkette glitzerte auf ihrem Kleid aus gediegenem braunen Wollstoff. Ein für ihre Gestalt fast allzu zierliches Tändelschürzchen deutete ihren dienenden Stand nur flüchtig an.

„Gott, ist mir das unangenehm“, klagte Karla.

„Aber das macht doch nichts, gnädige Frau, das Dutzend ist ohnedies nicht mehr vollständig. Da fehlt ein Henkel, dort ein Eckchen ... Aber der Herr Papa will doch eben nur die guten Sachen benutzen.“

Der Papa klopfte ungeduldig auf die Tischplatte.

„Sind Sie bald fertig, Pauline?“

„Gleich, Herr König, gleich ... ich will der jungen Frau nur noch das Kleid ein bißchen abwaschen, das hat auch einen Spritzer abgekriegt.“

Karla hielt unter den energischen Fingern von Pauline und den mißbilligenden Blicken von ihrem Papa und ihrem Mann still. Es würgte sie etwas am Halse.

Wo war der Papa? Ganz, ganz weit weg war er. Und sie glaubte plötzlich nicht, daß es ein Ischiasanfall gewesen war, der ihn von ihrer Hochzeit ferngehalten hatte. Dem Haar, dem Kleid der Wirtschafterin entströmte der kräftige Duft einer gesunden, gepflegten Frau. Ein hübscher Ring schmückte einen Finger ihrer rechten Hand.

„Na also, Pauline ....“

„Bin schon fertig.“

Ein Lächeln lag um den energischen, aber hübschen Mund. Die kleinen, grauen Augen blitzten lustig auf.

„Bin schon fertig.“

Sie eilte sich gar nicht. Und ihr Rock wippte über dem krachenden Unterrock herausfordernd hin und her.

Es blieb eine Weile still im hellen Zimmer.

„Tja ... eigentlich eine Perle ...“, sagte endlich der Papa und gab seiner weißen Krawatte einen kleinen Stüber. — „Wenn man so verwöhnt war wie ich ... Karla tat ja auch ihr möglichstes ... aber so ein junges Ding, nicht wahr? ... Tja ... da habe ich richtig das große Los gezogen. Sie kam als Pflegerin zu mir, als mich ein scheußlicher Gichtanfall befiel ... tja ... na, und dann blieb sie, Gott sei Dank.“

Er schenkte die Gläser voll.

„Also, alles Gute, meine lieben Kinder ... alles Gute!“

Seine Stimme klang zerstreut. Altmann sah auf die Uhr. „Es wird Zeit!“

Da wurde er wieder lebhaft, wie um den letzten Eindruck zu vertuschen.

„Nein, nein .... warum denn ... Interessieren Sie sich für Schach, lieber Schwiegersohn?“

„Interessieren, ist zu viel gesagt. Ich spiele — als blühender Dilettant.“

„So ... so ...“

„Papa ist ein großer Schachspieler“, fügte Karla ein.

Der Papa zupfte sie am Ohr.

„Großer? Ta ta ... Redensart. Aber vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt — hätte Diplomat werden müssen statt Tänzer. Oder gar Feldherr ... Ich habe da eben jetzt eine Variante der spanischen Partie ausprobiert, ein Gambit im Nachzug ... sehr schade, daß unsere großen Meister sich mit diesem Gambitzug nicht befreunden wollen — sehr schade. Ich habe darüber eine eifrige Diskussion mit Herrn von Bardeleben gehabt beim Kongreß in Breslau. Übrigens habe ich jetzt eine Korrespondenz mit Leipzig — ein Gang — wir sind gerade beim siebenten Zug .... Und wenn alles klappt, dann rutsche ich nächsten Winter nach Wien rüber und messe mich mal mit dem guten Weiß. Steinitz und Tschigorin wollen auch dort sein. Die Baronin Kolisch hat Preise gestiftet. Erster Preis fünftausend Mark! Das zieht auch!“

Er warf die weiße Locke zurück, die ihm immer wieder kokett in die Stirn fiel, und seine Finger streckten sich unwillkürlich nach den Schachfiguren.

Karla hatte gehofft, ihm vorsingen zu können.

„Gibst du noch Unterricht, Papa?“, fragte sie, seltsam verschüchtert durch seine Art.

„Unterricht? ... Ja ... natürlich. Man muß doch leben. Ich habe gerade ein paar recht talentvolle Kerlchen in Arbeit. Aber eigentlich ist die große Zeit des Balletts vorüber. Es wird nichts mehr geschrieben. Und das Verständnis für Technik kommt ebenso abhanden wie für Grazie. Wenn einer nichts kann, nennt er sich Charaktertänzer. Kann er noch weniger, wird er Pantomimist. Traurig, traurig ... Na, und wie geht’s mit dem Gesang? Die Kleine hatte eine hübsche Stimme ... Und ich las, sie singt jetzt Wagner ... bravo, bravo ... Sehen Sie, lieber Schwiegersohn, hier erteile ich Unterricht.“

Es war ein ziemlich großer, kahler Raum, in dem nur ein alter Flügel stand, und an der Wand Stühle und Sessel von verschiedener Form.

„Na, Karla ... kennst du deine Partner wieder? ...“

Sie nickte. Ganz weh wurde ihr zumute. So lustig war der Unterricht gewesen, so ganz aufgehen hatte sie dürfen in allen Leidenschaften! Und dann nach der Stunde waren sie beide in die Küche gelaufen und hatten dort gleich ihr Abendbrot verzehrt, damit sie nicht so viel Mühe hatte. Und den ganzen Abend über hatte Papa mit sich allein Schach gespielt, während sie im Nebenzimmer übte, oder sie waren zusammen ins Theater gegangen und dann ins Café, wo an Schachbrettern bartlose, nervöse Jünglinge, vornehme Aristokraten und bebrillte, klug aussehende Männer saßen.

Das Eintreten von Papa wurde lebhaft begrüßt von den Kiebitzen. Er mußte von dem Stück erzählen, und sein Urteil galt etwas. Er ließ sich aber nie selbst zu einer Partie nieder.

„Es ist spät, ich muß meine Kleine nach Hause bringen!“

Karla hatte wohl oft gemerkt, daß es ihm schwer wurde, abzulehnen. Aber wenn sie ihn bat, er möchte sich von ihr nicht abhalten lassen, dann klopfte er ihr die Wange.

„Ich denk’ nicht dran ... wer weiß, wie lange ich dich noch bei mir habe.“

Nicht zum mindesten aus Rücksicht auf Papa hatte sie das erste kleine Engagement angenommen. Bei der Abfahrt merkte sie es ihm so recht an, wie froh er war, allein zu bleiben. Aber doch schrieb er immer kurze, liebevolle Kärtchen, schickte auch ab und zu ein paar Taler und wiederholte immer wieder:

„Mein Gefühl sagt mir, du wirst noch einmal eine große, berühmte Künstlerin. Halte dich, mein liebes Kind ...“

Sie hatte ihn eigentlich nicht wiedersehen wollen, bevor sie nicht „eine große Künstlerin“ geworden. Aber nun der Zufall es so gefügt, da war sie voll Erwartung gewesen und hatte gemeint, daß der innige Zusammenhang zwischen ihnen geblieben war wie einst.

Und nun war es anders, ganz anders. Dem Schach galt offenbar sein größtes Interesse. Darüber hatte schon die Mutter geschimpft, es aber geduldet, weil es von allen „Leidenschaften“ die wenigst kostspielige war. Die veränderte Lebensweise ... die röckerauschende Pauline mit der goldenen Uhrkette ... Und nun fragte er nicht einmal nach ihrer Stimme, forderte sie nicht auf, ihm vorzusingen!

Sie würgte wieder etwas herunter. Und als sie den Kopf hob, fiel ihr Blick in den verstellbaren Schaftspiegel, der den Schülern zur Überprüfung ihrer Stellungen diente. Da erschrak sie.

Ja ... so, wie sie jetzt aussah ...!

Sie hätte Papa lieber gar nicht besuchen sollen in diesem Zustand.

„Gehen wir“, sagte sie leise und zupfte Altmann am Ärmel.

Der Papa hielt sie nicht mehr zurück.

„Ihr laßt’s mich gleich wissen, wenn alles vorbei ist“, sagte er und küßte Karla in die Luft.

Es waren noch vier Monate bis dahin.

Aber Karla sagte eilig:

„Ja gewiß, Papa ... sofort ...“

Sie lief so schnell die Treppe hinunter, daß Altmann sie an ihrem Umhang festhielt.

„Was machst du, Karla ... renn doch nicht so ...“

Die Tränen rollten ihr unaufhörlich über die Wangen.

„Was ist denn? Was hast du denn?“

„Nichts, Ernst ... lieber, guter Ernst?“

Altmann lächelte vor sich hin, mit tief herabgezogenen Mundwinkeln.

Auf Papa war fürs erste nicht zu rechnen. Da blieben wirklich nur seine Leute — — —

Verzierung, drei Sterne
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Die Sonne brütete.

In dem Berliner Zimmer der Culmstraße rasselte die Nähmaschine unter Adelens energischem Tritt. Karla schlang mit heißen, welken Fingern winzige Ösen. Der Faden verprudelte sich alle Augenblicke, dann gab es Knoten.

„Pfui, wie schludrig“, sagte Adele und trennte alles wieder auf.

Karla starrte auf Adelens geschickte Finger, ohne zu sehen. Ganz elend war ihr; wie gefoltert kam sie sich vor. Das ging nun so tagaus, tagein: linken Ärmel nähen, rechten Ärmel nähen, Seitenteile aneinanderfügen, säumen, Ösen schlingen, Spitzen annähen — winzig schmale, die sich zwischen den Fingern zusammenzwirbelten.

Ihr wurden die Lider schwer dabei. Sie zerstach sich die Finger, und ihr Rücken schmerzte, als hätte man ihn mit dem spanischen Rohr bearbeitet, das drohend in einer Ecke stand.

Gegen Abend kam Altmann, um sie abzuholen. Er trug jetzt immer seine guten Sachen, denn er war täglich in der Stadt, verhandelte mit Agenten, besuchte das Café, um die Blätter zu lesen.

Die Schwestern hatten erklärt, er müßte unter allen Umständen an derselben Bühne engagiert werden wie Karla.

„Willst du von dem leben, was sie verdient — oder willst du, daß sie sich allein irgendwo herumtreibt? Das ist doch unmöglich!“

Es war so manches „unmöglich“ in den Augen der Schwestern. Aber sie hatten den bürgerlichen Anstand für sich, den sie jedesmal ins Treffen führten und vor dem er sich beugte.

So suchte er denn ein Doppelengagement. Das erschwerte die Lage außerordentlich. Seine persönlichen Gagenansprüche durften natürlich bei weitem nicht an die Gage heranreichen, die er für Karla durchsetzen mußte. Es gab immer ein schreiendes Mißverhältnis, und schließlich wurden beide Gagen noch gedrückt.

Er beherrschte sich, um den Geschwistern seine Verstimmung zu verbergen. Und so trat er meist mit einem Scherzwort ein, einer freundlichen Frage, einem staunenden Ausruf.

„Potz Donner ... das wird ja eine Ausstattung wie für einen Prinzen! ...“

Karla ließ alles stehen und liegen und hing sich an seinen Hals.

„Was hast du gehört? Wie wird es? Sind Aussichten?“

Aber sie sah es seinen Augen an, die finster blieben, während seine Lippen sich lächelnd verzerrten, daß sich noch nichts erfüllt hatte. Die wundervollen Gastspielverträge hatten gelöst werden müssen, und es war noch gar nicht abzusehen, wann sich wieder ähnliche Gelegenheiten bieten würden.

Sie murmelte mit zitternden Lippen:

„Wenn doch das Kind nicht wäre ... das schreckliche Kind!“

Aber Adele, die es mit ihren scharfen Ohren aufgefangen, schrie sie an:

„Versündige dich nicht! Schäm’ dich, so zu sprechen! Pfui! ... Das arme Kind kann einem ja leid tun, daß es eine solche Mutter bekommt!“

„Sie meint es ja gar nicht so schlimm“, verteidigte Altmann lau. „Na, mach’ dich fertig, Karla ... wir gehen jetzt nach Hause.“

Altmann war hin- und hergezerrt von widerstreitenden Gefühlen. Die Schwestern hatten recht, aber Karla hatte auch recht. Das Kind war unter diesen Umständen wirklich eine „Katastrophe“.

Er wohnte jetzt mit Karla in einem möblierten Zimmer in der Goebenstraße. Sie lebten aus den Körben und Koffern, die in der leerstehenden Mädchenkammer ihrer Wirtin standen. Den Frühstückskaffee brachte sie ihnen gleich in Tassen, aus denen er überschwappte bei ihrem watschelnden Gang. Dazu je eine dünnbestrichene Schrippe. Sie reichte das Tablett zur halboffenen Tür herein, durch die Karla ihren noch bloßen Arm hindurchstreckte.

Karla setzte sich an eine Tischecke und verzehrte ihr Frühstück mit gesunder Lust. Denn viel anders hatte sie all die fünf Jahre am Theater vor ihrer Heirat nicht gefrühstückt. Aber Altmann litt. Ihn ekelte vor dem Essen im unaufgeräumten Zimmer, zwischen herumliegenden Kleidungsstücken, vor dem übervollen Waschtischeimer.

Aber auch da bezwang er sich. Karla konnte schließlich nichts dafür. Das Schicksal hatte es so entschieden, und er selbst war nicht leichtsinnig genug, um augenblicklichem Behagen die letzten Spargroschen zu opfern.

Während sich Karla heißes Wasser aus der Küche holte, um Taschentücher und Strümpfe in der Waschschüssel zu waschen, schrieb er seine Briefe. Er griff nach wie vor seine Lieblingsidee auf, Karla in Amerika anfangen zu lassen, um dann mit dem erworbenen Gelde die Karriere in Deutschland zu beginnen. Verschiedene Operngesellschaften rüsteten sich zu einer großen Gastspielrundreise über das Wasser. Wenn Karla jetzt hätte auftreten können — sie wären aus allen Sorgen heraus! Aber vor Mitte September war selbst im besten Falle nicht darauf zu rechnen ....

Ja ... das Kind! Das schreckliche Kind!

Sie aßen in einem kleinen Gasthaus Mittag, für fünfundsiebzig Pfennige, mit Kaffee oder Käse als Nachtisch. Karla wählte den Käse und leerte den halben Brotkorb, Altmann nahm Kaffee, um den Nachgeschmack der sehr mäßigen Gerichte herunterzuspülen.

Nur Sonntags speisten sie in der Culmstraße gegen einen Beitrag von zwei Mark. Altmann rechnete es trotzdem Adele hoch an, daß sie die vermehrte Arbeit so willig auf sich nahm. Und er war ihr unendlich dankbar, daß sie Karla jeden Nachmittag bei sich behielt, wobei doch wieder eine Tasse Kaffee und ein gestrichenes Brötchen für sie abfiel.

Altmann mußte alles mitberechnen, um über die bösen Tage hinwegzukommen. Luise Altmann, die durch den langjährigen Aufenthalt bei der englischen Familie ein leidliches Englisch sprach, erbot sich, Karla englischen Unterricht zu geben. Zweimal wöchentlich betrat sie auf eine Stunde das Berliner Zimmer der Culmstraße.

Vicki und Fritz Maurer brachten ihre englischen Hefte zur Durchsicht. Dann kam Karla dran. Sie war, wie es sich herausstellte, nicht unbegabt für Sprachen, aber wenn sie Fehler machte, lachte Vicki sie aus. Vicki lachte überhaupt sehr viel, putzte sich gern und hatte Freundinnen, bei denen sie, wie sie sagte, halbe Tage zubrachte. Zu Hause gab es immer Streit zwischen ihr und Fritz. Er beschwerte sich, daß sie ihm seine Bleistifte und Federn nähme, Seiten aus seinen Heften herausrisse. Manchmal kriegten sie einander bei den Haaren. Fritz bearbeitete dann ihren Rücken, sie zerkratzte ihm das Gesicht. Dann griff Adele zum Rohrstock und haute links und rechts um sich, wohin es gerade traf.

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