Die Primadonna (continued 2)
Reading edition
Es war nicht erzieherisch, aber wirksam.
„Ekelhaftes Frauenzimmer“, murrte Fritz und zeigte Vicki noch einmal, aber diesmal aus der Entfernung, die Faust.
„Widerlicher Bengel“, schimpfte Vicki und heulte los.
Es war oft sehr lärmend in der Wohnung, und Karla dröhnte der Kopf.
Auf dem Heimwege, während Altmann mit ihr einiges zum Abendessen einkaufte, fragte er:
„Hast du geübt, Karla?“
Denn Adele hatte in der großmütigsten Weise erklärt, das Klavier stünde Karla jederzeit zum Üben zur Verfügung.
Aber Karla hatte von dem Anerbieten bisher noch keinen Gebrauch gemacht: das Lärmen der Kinder, das Rasseln der Nähmaschine übertönten die Skalen. Und hatte sie zehn Minuten Übungen gesungen, so kam gewiß Adele herein:
„Ach, sing’ doch was Nettes, Karla.“
Oder sie brachte ein Lätzchen, das sie eben fertiggenäht hatte, oder ein Nachtröckchen, das Karla bewundern sollte. Dann hieß es wohl auch:
„Bist du bald fertig, Karla, die Kinder müssen auch üben.“
Oder: „Alwin ist eben gekommen!“, was soviel sagen wollte wie: Alwin will Ruhe haben! Denn Dr. Maurer war immer müde, wenn er aus der Schule kam, und „vertrug keinen Lärm“!
Wenn er auch hereinguckte und murmelte: „Laß dich nicht stören, Karla ...“, so sah sie doch den Stoß Hefte unter seinem Arm und klappte hastig den Klavierdeckel zu.
Nein — zum Üben kam sie wirklich nicht. Aber da sie wußte, daß ihr Mann keine Entschuldigungen gelten ließ, die seine Leute belasteten, so schob sie es auf ihren Zustand. Sie war so matt, fühlte sich so elend.
„Na ja ... mein liebes Kind, du hast einfach keine Energie. Auf die Art wirst du nie etwas erreichen. Auf die Art gewiß nicht! ...“
Es gab immer unangenehme Auseinandersetzungen, Verstimmungen. Karla schwieg und dachte sich ihr Teil. Sonntags, am Familientisch, an dem auch Luise Altmann regelmäßig teilnahm, wurde viel über Karlas Energielosigkeit gesprochen. Nur — der Kinder wegen — sehr schonend in der Form.
Während des schwarzen Kaffees legte man sich keine Zügel mehr an. Die Kinder waren ja auch nicht mehr da. Altmann blickte unzufrieden und nervös drein.
„Ihr fehlt eben der Ernst.“
Und darüber waren sich alle einig, Karla hatte keinen Ernst.
Eines Sonntags mußte Vicki eine Mozartsche Sonate vorspielen, mit der sie gerade „fertig“ geworden war bei ihrer Lehrerin.
„Nett, sehr nett“, sagte Luise Altmann.
Dr. Maurer zupfte Vicki an ihrem dicken blonden Zopf.
„Brav, Vicki ...“
Und dann gab er ihr einen Groschen.
Nun sollte auch Karla singen.
Karlas Augen wurden noch runder, als sie es für gewöhnlich waren, und ihre kaum angedeuteten Brauen rutschten bis zur Mitte der Stirn hinauf.
Ja, waren denn die alle ganz verrückt geworden? Jetzt verlangten sie von ihr, sie sollte vorsingen, wie Vicki vorspielte ... Von ihr verlangten sie das, der die Jugend einer ganzen Stadt zugejubelt, von ihr, die mit Blumen überschüttet worden war, wenn sie nach einer großen Partie sich wieder und immer wieder hatte vor dem Vorhang zeigen müssen?
„Ich denke ja nicht daran, jetzt zu singen.“
Vicki lachte los:
„Du hast wohl alles vergessen, Tante, wie?“
„Du impertinenter Fratz, was fällt dir ein? ...“
Karla hatte wohl selbst nicht geahnt, daß ihr die Hand so locker saß. Vicki brüllte los, empört, aufs tiefste entrüstet.
„Wie darfst du, Tante ... was unterstehst du dich? ...“
Karla stand hochaufgerichtet mitten im Zimmer.
„Eine Rotznase bist du, daß du’s nur weißt!“
Und hochrot im Gesicht, mit funkelnden Augen und bebendem Unterkiefer schrie sie:
„Bin ich die Tante oder nicht? Hat sie Respekt zu haben vor mir oder nicht? Den Popo hat man ihr versohlt, als ich schon Tausende begeisterte! Schmutzig hat sie sich noch gemacht, als ich mir schon mein Geld verdiente! Und das erlaubt sich ...“
„Oh, Gott nein, wie ordinär ... so ordinär ...“
Vicki schlug die Hände über dem Kopf zusammen und lief aus dem Zimmer.
„Nun ist’s aber genug“, donnerte Altmann und riß Karla an der Hand.
Aber sie war wie aus den Fugen.
„Ihr macht mich ja verrückt, alle ... Verrückt macht ihr mich!!. Ich bin doch kein kleines Kind ... Aber so behandelt ihr mich ja vor den Bälgern hier! Es fehlt nur noch, daß ihr mir Vicki als Vorbild hinstellt! ... Ja, ja ... ich weiß, was ich rede. Gestern sagte Luise: Vickis englisches Heft ist viel sauberer als deines! Bin ich ein Schulmädel? Ich habe den Kopf voll. Meine Stimme ist viel wichtiger als all die dummen Jäckchen und Lätzchen und englischen Vokabeln. Und wenn ich sie verliere, dann seid nur ihr schuld ... jawohl, nur ihr! ...“
Ihre letzten Worte waren kaum noch zu verstehen. Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Irgend jemand drückte sie in einen Sessel. Luise Altmann stand vor ihr, mit einer Wasserschüssel, in der Eisstücke schwammen. Adele mühte sich, ihr die Taille aufzuhaken.
„Ernst,“ schluchzte Karla, ... „Ernst ...“, und streckte den Arm aus.
Aber Dr. Maurer hatte den Schwager in sein Arbeitszimmer gezogen, auf dessen Ledersofa Fritz nachts schlief.
„Laß nur ... meine Damen werden schon fertig mit ihr ... Ein kleiner hysterischer Anfall. Kommt vor in dem Zustand. Dazu die Hitze. Vicki ist ja auch wirklich frech gewesen und wird daher Karla um Entschuldigung bitten ... Immer ruhig Blut! Vaterfreuden wollen auch erkauft werden.“
„Ich habe mich wahrhaftig nie so gehen lassen“, sagte Adele zu ihrem Mann, als sie allein geblieben waren. „Und furchtbar ordinär war sie ... da hat Vicki nicht so unrecht. Das sind doch keine Redensarten! ...“
„Paß du mal lieber auf das Mädel auf, statt auf Karla herumzuhacken!“
Dr. Maurer schlug mit dem Handrücken unwirsch auf die entfaltete Zeitung.
Vicki hatte gebockt und war nicht zu bewegen gewesen, sich vor Karla zu entschuldigen.
Karla war es, die ihr als erste die Hand gereicht hatte:
„Na, wollen wir uns wieder vertragen, Vicki?“
Und dann hatte sie gesungen. Eigentlich zum erstenmal.
Als wollte sie ihren Mann aussöhnen und alle, die den häßlichen Auftritt mit erlebt hatten.
Und Dr. Maurer hatte plötzlich das Schlagen seines Herzens gefühlt. Die Zigarre war ihm ausgegangen, war seinen Fingern entglitten und irgendwohin gefallen. Die quellende, jubelnde Stimme schlug machtvoll an längst verschlossene Tore. Wie ein schwerer Wein weckte sie sein träges, schläfriges Blut und brachte es zum Rauschen.
„Sing noch etwas, Karla ...“
„Gern ...“
Aber es fand sich nichts Rechtes vor, und Altmann wollte auch nicht, daß sich Karla anstrenge. Auch seine Augen leuchteten. Karlas Stimme hatte bis jetzt noch nichts von ihrer Schönheit eingebüßt, sie war klangvoller, heißer, jubelnder denn je ....
Er riß plötzlich ihre beiden Hände an seine Lippen, ohne der Schwestern zu achten, die seine Art peinlich berührte. Aber was wußten sie, was alles in ihm vorging, während Karla sang, und daß der Klang dieser Stimme ihm wieder die Welt erschloß, die sich hinter schwarzen Nebelwänden verborgen gehalten.
Was wußte auch Adele von dem, was in ihres Mannes Seele vorgegangen war während Karlas Gesang .....
Viel wichtiger war es ihr, daß ihre Schwester Luise erstaunt die grauen Augen aufriß und dann langsam, fast ungläubig meinte:
„Aber sie hat ja wirklich eine sehr schöne Stimme.“
Immerhin — fein war Karla nicht. Und von Alwin war es zum mindesten sehr merkwürdig, daß er sich zu Karlas Anwalt aufwarf.
Am nächsten Tage erklärte er, daß es „mäuschenstill“ zu sein hätte, wenn Karla übte. Oder er würde mit einem Donnerwetter dreinfahren! Er hatte sie sogar gebeten, nicht eher mit dem Üben anzufangen, als bis er nach Hause käme.
Als sich Karla ans Klavier setzte und den Mund öffnete, wurde sie plötzlich weiß wie ihr schmaler Kragen.
Noch einmal setzte sie an. Aber nur ein heiserer, tonloser Laut entrang sich ihren Lippen.
Da stand sie auf, schloß behutsam den Deckel und wartete eine Weile. Wartete, bis das Zittern ihrer Knie nachließ und sie gehen konnte.
Wie ein nasses Linnen legte sich die heiße Zimmerluft an ihre bleichen Wangen. Dr. Maurer öffnete leise die Tür:
„Was ist dir, Karla, warum so still?“
Aber sie gab ihm keine Antwort, machte nur eine hilflose Bewegung mit der Hand und wankte ins Berliner Zimmer hinein, wo Adele zwischen einem Berg von Kinderwäsche über ihrem Wirtschaftsbuch saß.


Endlos dehnten sich die Wochen hin. Immer mehr Zeit brauchte Karla, um die kurze Strecke zurückzulegen, die ihre Wohnung von der ihrer Verwandten trennte. Manchmal sagte sie sich, es wäre das beste, sie bliebe den ganzen Tag im Bett liegen. Aber sie wußte, daß ihr Mann dann auch nicht ausgehen würde, und sie konnte nicht mehr sein nervöses, finsteres Gesicht sehen, ohne Herzklopfen zu bekommen.
Eines Tages bekam er das Anerbieten, für einen plötzlich erkrankten Fachkollegen im Liegnitzer Sommertheater einzuspringen. Auf drei, vier Wochen höchstens. Er wollte Karla mitnehmen. Aber die Schwestern gaben das nicht zu. Er konnte Karla doch jetzt keine Reise zumuten! Sie mußte sich schonen, pflegen — um des Kindes willen vor allem.
Der jähe Freudenfunke, der in Karlas Augen aufgeblitzt war, erlosch. Aber sie widersprach nicht. Sie ließ wortlos über sich verfügen; wäre nach China gefahren, wenn man sie dorthin geschickt hätte, und würde sich nicht aus ihrem Zimmer gerührt haben, wenn man es für nötig gefunden hätte, sie dort einzuschließen.
Nur als sie Altmanns Kopf in dem Fensterrahmen des abfahrenden Zuges erblickte, da überkam sie etwas wie Verzweiflung. Sie mußte sich auf eine Bank setzen und schluchzte eine ganze Weile still vor sich hin.
Es war abgemacht worden, daß sie nur das erste Morgenfrühstück zu Hause einnehmen sollte, alle anderen Mahlzeiten aber bei Adele. Adele hatte einen durchaus angemessenen Preis bestimmt. Sie wollte sich um Gottes willen nicht bereichern an dem Bruder.
„Seine Leute“ benahmen sich eben „großartig“. Das mußte Karla immer wieder ihrem Manne zugeben. Er verlangte geradezu, daß sie es betonte und es sich immer wieder ins Gedächtnis rief.
Es war nicht seine Schuld, wenn Karla schon beim ersten Aufwachen die Verpflichtung, den Tag in der Culmstraße zu verbringen, als eine drückende Last empfand.
Die Schwestern konnten es sich nicht erklären, warum Karla so schlecht aussah. Sie litt doch wahrhaftig keine Not! Die Stimme? ... Die kam schon wieder ... und wenn nicht — du lieber Gott — da war sie eben keine Sängerin mehr, brauchte sich nicht an allen möglichen Theatern herumzutreiben. Dann hatte sie ihr Kind ... und vielleicht kam das zweite ... Ernst würde sich dann auch um etwas anderes umsehen. Die große Versicherungsgesellschaft, bei der sie versichert waren, hatte im vorigen Monat einen verkrachten Theaterdirektor angestellt, mit vierhundert Mark monatlich ... Hochfeine Stellung. Wenn Ernst die Fühler ein wenig ausstreckte, wenn ...
„Aber mir wurden doch für nur zwei Gastspielabende vierhundert Mark geboten!“
Sie schrie es förmlich heraus, als könnte sie damit den großen Stein wegschieben, den die Schwestern ihr auf die Brust rollten.
Adele zuckte die Achseln.
„Ist ja Unsinn ... Zufall .... Aber nur keine Aufregung, Karla ... das schadet dir.“
Dr. Alwin Maurer verbrachte jetzt fast jeden Abend außer dem Hause.
Er fühlte sich nicht mehr behaglich in seiner Wohnung. Karlas Lage weckte Erinnerungen in ihm aus seinem eigenen Leben.
Er schlief unruhig. Einmal träumte er, Adele und Luise stünden mitten unter einem Schwarm seltener, buntschillernder Vögel. Sie griffen in die Luft, fingen einen Vogel und beschnitten ihm mit einer großen Schere beide Flügel. Dann griffen sie nach einem zweiten, einem dritten und so fort.
Seitdem sah er sie immer wie in seinem Traum. Ihm hatten sie die Flügel beschnitten, jetzt beschnitten sie sie Karla .... Er konnte nicht helfen. Da ging er lieber fort.
Eines Nachmittags gab Karla vor, daß sie sich elend fühle und zu Bett wolle. Adele gab ihr ein paar Stullen mit und allerlei gute Ratschläge. Wenn „ihr etwas wäre“, solle sie gleich zu ihr herüberschicken.
„Hörst du, mach’ ja keine Dummheiten.“
Es war so gut gemeint. Karla hätte sich selbst prügeln mögen, als es ihr zum Bewußtsein kam, daß sie die Wohnung verließ wie ein Gefängnis. Sie sah sich sogar auf der Straße um, ob ihr niemand folgte; denn Adele hatte ihr Vicki mitgeben wollen. Aber nein — sie stand allein auf der Bülowstraße.
Hatte sie diesen Entschluß schon in der Culmstraße gefaßt oder war es plötzlich über sie gekommen wie eine Eingebung — sie hätte es nicht zu sagen vermocht. Sie stieg in die erste Elektrische ein, die gerade stehenblieb, und ließ sich mitnehmen.
Sie sah nicht die belebten Straßen vor sich, sondern ein stilles, helles Zimmer mit seidenen Stühlen, einem Schachtisch vor dem Fenster, einem Glasschrank, mit feinen Meißener Tassen und vielen Schleifen an den Wänden.
Trotz der noch kaum abgekühlten Luft fror sie, und es war ihr, als könnte ihr nur dort — in dieser hellen Stube mit den schönen Sachen und den vielen Erinnerungen warm werden.
Ja, sogar Papas kalte, tenorale Stimme schreckte sie nicht ab. Sie würde den Umhang nicht ablegen, und Papa würde ihr Tee bringen und ganz feine Brotschnittchen. Er würde ihre Hand tätscheln und fragen: „Na, Kleine, wie geht’s?“
Und diese wenigen Worte würden ihr viel, viel mehr bedeuten als alles, was die Schwägerinnen ihr sagten. Denn sie würden sie erinnern an tausend gleiche Fragen aus der Zeit ihrer Kindheit.
Diese Kindheit aber — so wenig freudvoll sie gewesen war — jetzt sah sie sie in einem verklärten Lichte. Sie atmete den Morgenkaffee ein, den die Mutter vor sie hingesetzt hatte, und den Duft der Äpfel in der Ofenröhre. Mutter war hitzig und hatte eine lockere Hand, aber Mutters Hand war auch weich, wenn sie Karlas Haar bürstete oder ihr über die Wangen fuhr, wenn sie mit einer guten Zensur nach Hause kam. Mutters Hand war auch geschickt und willig, all die hundert Risse und Löcher zu stopfen in Schürzen, Röckchen und Strümpfen. Mutters Hand war sparsam im Alltag, war aber auch freigebig zu Weihnachten und an Karlas Geburtstag. Da zählte sie nicht die Äpfel und Pfefferkuchen und geizte nicht mit netten, nützlichen Sachen. Das Schönste freilich war immer von Papa: ein glitzerndes Kettchen etwa, ein silberner Armreif, ein blinkendes Kreuz oder seidenes Tüchelchen. Der Papa tänzelte dann immer so drollig gespannt um den Gabentisch und winkte ab: „Ta ta ta“, wenn sie ihm an den Hals flog.
Es war eigentlich nicht recht, daß sie sich so viel mehr über Papas Kinkerlitzchen freute als über Mutters gediegene Sachen. Aber daran war nun mal wieder nichts zu ändern, und Mutter konnte nichts tun, als mit einem Donnerwetter dazwischenfahren, wenn sie den Papa gar zu stürmisch umhalste und ihn nicht loslassen wollte.
Karla saß in der Elektrischen und merkte es gar nicht, daß ihr die Augen schwer wurden von dicken Tränen. Sie hatte eine solche Sehnsucht nach den paar Zimmern, die „ihr Zuhause“ umschlossen, nach dem Papa, auf dessen Schoß sie einst gesessen, nach dem „Ta ta ta“, mit dem er ihr vielleicht das Wort abschneiden würde, wenn sie ihm ihre Sehnsucht gestand ...
Der Wagen hielt am Lützow-Platz. Sie mußte aussteigen. Sie durchquerte den Platz und bog in die Schillstraße ein. Es war noch hell, aber doch senkten sich schon bläuliche Schatten zwischen die weißen Häuser.
Die Straße machte ihr auch heute einen neuen, lustigen, friedlichen Eindruck. Einzelne Damen blieben mit den Blicken länger an ihr haften, als es allgemein üblich war, und lächelten dann halb gerührt, halb ermutigend.
Ja ... sie war wohl schon sehr stark ... Das Gehen wurde ihr auch schwer, und das zweite Leben in ihr wurde oft ungebärdig. Manchmal mußte sie stehen bleiben, weil sie meinte, es schnüre ihr etwas den Atem ab. So war es eben jetzt ... Doch sie mußte lächeln in all ihrer Not. Und sie murmelte vor sich hin:
„So ein Nichtsnutz ... so einer ...“
Gewiß, es wurde ein Junge. Schon jetzt dachte sie an den künftigen Beschützer. Sie war zu dumm der Welt gegenüber, und Altmann war zu starr. Aber der Sohn — der würde alles verstehen, alles zwingen — und wer seiner Mutter nahekam, na — der sollte sich nur vorsehen! ...
Sehr langsam stieg sie die Treppe hinauf. Der Papa wohnte zwar nur im zweiten Stock, aber die Stufen waren merkwürdig hoch. Sie hätte unten pfeifen sollen, den alten Pfiff, mit dem Papa sie rief ... Sie hatte einen Gegenpfiff darauf erfunden — aber Mutter schimpfte, wenn sie pfiff. So geschah es nur, wenn sie außer Hörweite waren. Und nach ihrem Tode hatte keiner mehr an den Pfiff gedacht. Aber jetzt ... Karla spitzte die Lippen ... Nein, es ging nicht. Der Mund war ihr ganz trocken. Der Papa mußte ihr vor allem etwas zu trinken geben. Herrgott im Himmel: „Nichtsnutz, abscheulicher!“ Sie hielt sich an der Rampe fest.
War das eine Art? Bald wäre sie zusammengebrochen, und jetzt tat ihr das Kreuz weh ... So ein Bengel!
Die Hand zitterte ihr, als sie an der Klingel zog. Gleichzeitig aber schlug sie mit der anderen den Umhang fester zusammen. Papa brauchte nicht gleich zu sehen, wie weit es schon mit ihr stand. Er hatte nie gemocht, was unschön aussah und mit Krankheit zusammenhing. So sehr er die Mutter geliebt, aber als sie krank war, da hatte er kaum ihr Zimmer betreten, immer nur Grüße geschickt und Blumen. Aber die Mutter, energisch bis zu ihrem Tode, hatte gezankt. Er sollte nicht Geld ausgeben für solches Zeug. Und wenn er vorsichtig durch die Türspalte sah, hatte sie selbst ihn immer weggeschickt.
„Es gibt was Schöneres zu sehn als eine Frau, die der Teufel lotweise holt ... geh nur, geh ...“
So war er auch zu ihrem Sterben zu spät gekommen und hatte sie nur gesehen, als sie, mit ihrem schönen braunen Seidenkleid angetan, ein Kruzifix zwischen den bleichen Fingern, in ihren weißen, sauberen Kissen lag.
Da freilich hatte er geweint, daß es einen Stein erweichen konnte. Karla hatte ihm viermal das Taschentuch wechseln müssen in dieser ersten Stunde ... Der arme Papa hatte die Mutter sehr geliebt. — —
Karla klingelte noch einmal. Diesmal anhaltend.
„Wer ...? Ach Gott, die junge Frau ...“
Es war Pauline. Sie hatte eine große Wirtschaftsschürze und um den Kopf ein buntes Tuch gebunden.
„Grad’ bin ich mit dem Reinmachen fertig, gnäd’ge Frau ... also bitte nur herein. Dem Herrn Papa wird’s leid sein.“
Karla stand im dunklen Korridor. Pauline konnte nicht sehen, daß sie blaß wurde.
„Papa ist nicht zu Hause ...?“
„Zum Schachkongreß ist er gefahren, nach Leipzig. Aber das macht ja nichts. Kommen Sie nur immer ’rein. So zerstreut ist der Herr Papa. Keinen Schüler hat er benachrichtigt. Was da alles los war heute! Zerrissen hätten sie mich fast. Und ich kann doch nichts dafür, nicht wahr? ... Das kommt alles so plötzlich beim Papa. Hat noch wunderschön gefrühstückt, Zeitung gelesen und dann auf einmal: ‚Pauline, Handkoffer ... packen, ein bißchen schnell, ... um 10 geht mein Zug ...‘ Na, ich kenne ihn ja jetzt schon, den Papa. Dagegenreden hat gar keinen Zweck. Hab’ ihm den Koffer gepackt ... auf drei bis vier Tage rechnet er ja ... na und dann: Gott befohlen! Auf der Treppe hat er noch einmal kehrt gemacht. Ist gar kein gutes Zeichen ... aber er war ja nicht zu halten. Die letzte Schachzeitung mußte er noch mitnehmen. Alles hat er durcheinandergeworfen, und wie ich schließlich die Tür zumache hinter ihm und aufräumen will, wo liegt die Schachzeitung? ... Unter seinem Kopfkissen! ... Also ich — Hut aufgesetzt, Regenmantel um und los, mit der Elektrischen! Habe ihm das Blatt noch durchs Coupéfenster gereicht! Das war eine Freude! Ich kann Ihnen sagen ...! Aber nu legen Sie ’n bißchen ab, gnäd’ge Frau. Ich mach’ Ihnen auch was zurecht: Himbeersaft mit Selter oder kalte Milch mit ’nem Schuß Kognak ...“
„Danke, danke ...“
Karla war selbst zum Ablehnen zu schwach. Ganz käsig war sie im Gesicht. Sie saß zusammengesunken auf einem der hübschen Sessel in Papas Wohnstube, und ihr war, als hätte sie eine lange, lange Reise gemacht. Sie konnte doch jetzt nicht gleich zurückfahren ... sicher brach sie dann irgendwo zusammen.
Das Zimmer roch nach Seife, Luft und Bohnerwachs. Der Schachtisch war mit einer Zeitung zugedeckt. Ein Fußkissen lag noch auf dem Sofa. In den Ecken sammelten sich graue Schatten.
„Wie das nachstaubt, gnäd’ge Frau ... nicht zu glauben. Mit dem Herrn Papa seinem Schlafzimmer bin ich zuerst fertiggeworden. Hier habe ich morgen auch noch zu tun. Aber es eilt nicht. Wo ist denn der Herr Gemahl ... wenn ich fragen darf? ...“
„Mein Mann hat ein Engagement bekommen, da war ich denn allein, und ...“
Pauline kniff die Augen zusammen und band sich das Kopftuch ab, so daß ihre breiten Flechten wieder zum Vorschein kamen.
„Naja, freilich ... So ein junges Frauchen. Wenn ich gewußt hätte, daß ich darf ... aber nicht wahr. Man weiß nicht ... aufdringlich will man nicht sein ...“
„Nein ... gewiß.“
Karla bemerkte im Haar der Wirtschafterin einen dunklen Schildpattkamm, der einst der Mutter gehört hatte. Sie wurde sehr rot und stand auf.
„Nein ... nein, das müssen Sie nicht tun ... so weggehen ... das würde der Herr Papa nicht erlauben! Der Herr Papa hat sehr oft von Ihnen gesprochen, hat immer gesagt: ‚Ach, wenn doch nur alles vorüber wäre, Pauline! Meine arme Tochter!‘ ..“
Karla fiel wieder zurück in den Sessel.
„So ... hat er das?“
Aber ihre Stimme klang ganz matt. Gewiß hätte sie es der Mutter nicht antun dürfen, daß sie hierblieb und sich mit Pauline in ein Gespräch einließ. Es kam ihr so vor, als wenn Pauline unter der Schürze auch ein Kleid trüge, das einst der Mutter gehört hatte.
Pauline hat auch so ziemlich dieselbe Gestalt.
Pauline fing Karlas starren Blick auf. Ein bißchen Farbe huschte über ihre Wangen, verschwand ebenso rasch. Sie machte eine überflüssige Drehung um sich selbst und lief dann hinaus. Karla legte beide Arme auf den Tisch und ließ den Kopf auf die Hände sinken. Sie war müde und sterbenstraurig. Nicht einmal richtiger Zorn wollte in ihr aufschäumen. Als hätte jede Kraft sie verlassen!
Pauline brachte Zwiebäcke herein und kühle Milch in einer hübschen Glaskanne.
„Sie müssen sich erfrischen. Stärken. In dem Zustand ... Wann soll es denn sein, gnäd’ge Frau?“
„In fünf Wochen, denk’ ich ...“
Karla stürzte ein Glas Milch herunter. Pauline schenkte ein zweites ein.
„Aber auch was dazu beißen ... Mutterchen ...“
Karla lächelte. Drollig, wie die Frau sie nannte! „Mutterchen!“ Als ob ... Karla verzog schmerzhaft das Gesicht.
„Na, was denn? ... Wo zwickt’s denn?“
Karla verstand plötzlich den Papa. Wenn sie auch mit ihm so sprach ... Als ob es das wichtigste wäre, zu wissen, „wo es zwickte“! Als gäbe es auf der Welt nur diese eine Frage zu lösen! ... So hatte die Mutter nie zu fragen verstanden und sie selbst erst recht nicht. Aber gut tat es, so gefragt zu werden ...
Pauline tätschelte Karlas Hand, und Karla zog sie nicht zurück.
„Wissen Sie was, gnäd’ge Frau, ich werde Ihnen jetzt ein bißchen Abendbrot zurechtmachen ... Immer tüchtig essen!“
„Danke ... ich habe meine Stullen mit ...“
Pauline löste schon die Verschnürung. Sie klappte die dicken Brotscheiben auseinander.
„Ist man mager. Butter wie abgekratzt, und Wurst — so dünn, zum Durchgucken.“
Sie schüttelte ärgerlich den Kopf.
„Das hätte der Herr Papa doch sagen sollen ... Ich weiß viel, wie die junge Frau lebt.“
„Nein, lassen Sie nur ... ich bin ganz zufrieden.“
„Sie wohl! Aber dann kommt das Kindchen, spindeldürr, und geht Ihnen drauf beim ersten Zahn! Das wär’ so was!“
Wieder lief sie hinaus. Karla lächelte. Sie hatte doch wohl was von der Mutter, diese Pauline. Nur weicher war sie. Zärtlicher. Um den Papa brauchte sie sich nicht zu sorgen. Der war gut aufgehoben!
Die Schatten wallten aus den Ecken, krochen die Wände hinauf, verhüllten die Bilder, sogen die Sessel in sich ein, den Glasschrank. Nur das Zeitungsblatt leuchtete noch auf dem Schachtisch am Fenster.
Aus der Küche her zog ein kräftiger Duft von gerösteten Zwiebeln herein, von warmer guter Butter ...
„So, junge Frau, nun decke ich den Tisch ...“
Die kleine Gaskrone flammte auf; blitzend hob sich das Gedeck vom weißen Tischtuch ab.
„Immer zulangen! Und jetzt schenke ich Ihnen noch ’n Gläschen Rotwein ein. Der Herr Papa darf ihn ohnehin nicht trinken. Wozu haben wir ihn denn dann?“
„Und Sie ... Pauline? ...“
Es machte Karla einige Mühe, ihren Namen zu nennen. Aber nun war es geschehen, und nun schien die letzte Scheu überwunden.
„Ja, wenn ich darf, gnäd’ge Frau ... Wenn der Herr Papa alleine ist, dann esse ich auch immer mit am Tisch. Schon um ihn zu beaufsichtigen. So vernascht ist der Herr Papa! Gar nicht zu sagen! Bringt sich heimlich Gänseleberpastete aus der Stadt mit. Darf er doch nicht essen, nicht wahr? Da gibt’s immer mächtigen Krach, wenn ich ihm die Terrine nach dem ersten Löffel wegnehme!“
Karla lachte jetzt. Ja, vernascht war der gute Papa immer gewesen. Hatte früher immer allerlei Konfekt in den Rocktaschen mit sich herumgetragen.
Aber mitten im Lachen wurde sie plötzlich blaß, und ihre runden jungen Augen weiteten sich.
„Na ... na ... was is denn nun schon wieder?“
Karla faßte sich an die feuchten Schläfen.
„Ist schon vorüber. Mir war nur auf einmal so merkwürdig ... so ...“
Sie streckte plötzlich beide Arme aus und ergriff Paulinens Hand:
„Sagen Sie ... Liebe ... wie ist das, wenn man ... nicht wahr, es kann doch noch nicht sein ...“
Pauline kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Die junge Frau da würde doch nicht ... Sie stellte ein paar Fragen. Sachlich. Kurz. Sie wußte Bescheid — hatte genug junge Frauen in der Lage gepflegt. „Geprüft“ ... nein, staatlich geprüft war sie nicht. Nur ein verständiges Frauenzimmer, das so viel wußte, wie jede Frau wissen sollte. Und dann ... na ja ... Sie war auch mal Mutter gewesen. Hätte es besser treffen können; aber nun hatte sie den Mann doch liebgehabt ... Waren jetzt beide längst nicht mehr auf der Welt — nicht der Mann, nicht der Junge. Und sie hatte nicht nötig, das auch nur zu erwähnen. Aber als Schande hatte sie es nie angesehn. Nur als Unglück. Und von seinem Unglück mußte man immer mal reden. Auch der Herr Papa wußte es. Freilich, wenn der Junge lebte und sie vielleicht besuchte oder gar an ihren Rockschößen hinge, würde es ihm nicht lieb sein; denn der Herr Papa wollte Ruhe haben in seinem Haus und mochte Kindergequak nicht leiden.
Karla unterbrach. Das waren wenig tröstliche Aussichten für ihr Kind. Sie fuhr sich über die Augen.
„Ta ta“, machte Pauline. „Wenn’s ein Mädchen ist und sechzehn Jahre wird, da sollen Sie den Großpapa sehen! ...“
Nun mußte Karla wieder lachen. Auch über Paulinens „Ta ta“. Das hatte sie doch richtig von Papa angenommen. Wie lange sie denn schon beim Papa wäre?
„Na, an die vier Jährchen werden es sein. Du lieber Himmel, sah das aus beim Herrn Papa! Als wenn er mit allen Gegenständen in der Wohnung Ball gespielt hätte: Im Schlafzimmer fand ich zwei Pfannen und ein Reibeisen, in der Küche die schönen Hemdknöpfe und das Tintenfaß aus Onyx, in der Wohnstube lagen Kissen, Kleider und Küchentücher durcheinander. Bis man da Ordnung machte! Am besten war schon, man zog aus. Erst wollte der Herr Papa nichts davon wissen, hat zwei Wochen kein Wort mit mir gesprochen! Na, aber dann — wie alles hier nett auf dem Platze stand“ ... Da hätte Karla ihn hören sollen! „Jedem, der kam, sagte er, daß es schon längst seine Absicht gewesen wäre, umzuziehen, aber er hätte nur das Richtige nicht gefunden bis jetzt! Dann aber hätte er seiner Pauline anbefohlen, unverzüglich zu packen! Und nun hätte er sich nach seinem Geschmack auch alles gestellt und eingerichtet, und seine Pauline wäre ein ganz brauchbares Frauenzimmer!“
„Ach ja“ — — —
Pauline hatte schon längst zu essen aufgehört und stichelte an einem Nachthemd von Papa, dessen Kragenbund sie erneuerte. Sie hatte ein lachendes und ein nasses Auge, da sie vom Papa sprach, und ein liebes, drolliges Lächeln um den Mund.
„Papa war immer sehr unpraktisch“, sagte Karla. „Ich glaube, ich bin so wie er. Nur äußerlich bin ich Mutter nachgeraten.“
Pauline nickte.
„Das ist so mit Künstlern. Habe ich schon oft gehört. Darum müssen sie jemanden haben, der ihnen das Haus zusammenhält.“
Karla blieb eine Weile wie in Gedanken versunken. Dann fragte sie zaghaft: „Wie hält es denn der Papa mit dem Gelde?“
Pauline schüttelte ärgerlich das Nachthemd aus.
„Da fragen Sie zu viel, junge Frau. Ins Portemonnaie bin ich ihm nicht gekrochen. Wenn ich ihn nicht anhalten würde, daß er mir Wirtschaftsgeld gibt ... ich glaube, ich sähe im Leben keins!“
Karla erschrak. „Aber Ihr Gehalt ...“
„Was, Gehalt? Den ersten Monat hat er mir’s gezahlt. Den zweiten hab’ ich ihn erinnert, den dritten auch noch. Den vierten hab’ ich’s gelassen.“
Karla sah sie groß an.
„Na ja ...! Rausschmeißen wird er mich nicht, und solange ich da bin, habe ich, was ich brauche.“
Karla dachte, daß es nun doch so war, wie sie es das erstemal vermutet hatte. Die hatte sich ins warme Nest gesetzt und wartete auf Papas Tod. Dann trat sie die Erbschaft an, wie das so üblich war. Was an Geld da war, hatte sie von Hand zu Hand bekommen und die Einrichtung als Andenken! So pflegten sich solche Weiber schadlos zu halten ...
Sie hatte nicht mehr viel über Papa gesprochen mit ihrem Manne seit jenem ersten Besuch. Sie wußte ganz genau, wie er dachte — ganz genau. Und „seinen Leuten“ gegenüber hatte er den Papa auch nicht erwähnt. Kein einziges Mal! Das hatte schon seinen Grund. Und wenn er erfuhr, daß sie sich mit der Person an einen Tisch gesetzt und in Papas Abwesenheit mit ihr gegessen hatte, dann ... ja, die Redensarten kannte sie: ihr fehlten Würde, Takt, Anstand. Und wenn sie früher in solchen Fällen die „Gemütlichkeit“ als Entschuldigung angeführt hatte, dann hieß es: Ungebildete Leute sind immer „gemütlich“, wenn sie was zu kauen und zu schlucken haben! Mit der „Gemütlichkeit“, da rutschte man, ehe man sich’s versah, viele Stufen der gesellschaftlichen Leiter herunter, und noch tiefer — bis es recht sumpfig und glitschrig wurde!
„Sie wollen schon gehn, junge Frau?“
„Ja ... ich muß. Es wird spät.“
Karlas Ton war gezwungen. Pauline tat, als merkte sie es nicht.
„Ich bringe Sie bis nach Hause.“
„Nein ...“
„Nanu ... warum denn nicht?“
„Nein ... ich will nicht.“
Karla wollte nicht, daß die Wirtschafterin von Papa sah, wie sie hauste. Das war nicht gerade nötig. Da gab es mitleidige Worte für sie oder unfreundliche über Papa. Wenn sie den Papa jetzt auch in einem anderen Lichte erblickte als früher — es tat ihr doch weh. Alles brauchte diese Pauline ihr nicht zu entreißen, was sie an Gefühlen in sich barg.
Pauline warf die Lippen auf, nach Art einfacher verletzter Menschen. Stumm suchte sie Karlas Sachen zusammen, den Hut, den Umhang, die Handschuhe.
„Haben Sie denn jemand Verwandtes in der Nähe? ... Wenn was passieren sollte? ...“ fragte sie endlich schroff.
„Wieso passieren? ...“
Karla wurde sehr blaß, und im selben Augenblick krampfte sich ihre Hand um die Stuhllehne. Sie versuchte zu lächeln, aber ihre Oberlippe wurde wie von einem Krampf heraufgezogen, klebte plötzlich dünn und dürr an den Zähnen:
„... Aber mir ist doch ganz ... gut ... ganz ... gut ...“
Ein Frostschauer durchrüttelte ihre Gestalt; ihre Augen weiteten sich. Das Surren der Gasflammen verstärkte sich in ihrem Gehör zu einem betäubenden, herzbeklemmenden Getöse.
„Gut ... sehr gut ...“
Sie formte die Worte, ohne recht zu wissen, was sie sprach. Nur das Entsetzen starrte, keine Deutung zulassend, aus ihren runden, weit aufgerissenen Augen.
„Warten Sie ... ich hole nur mein Tuch. Unten stehen Wagen ... ich fahre mit ...“
Karla nickte. Sprechen konnte sie nicht — vor Grauen. Wenn das Kind jetzt kam — schon jetzt — dann ... Lieber guter Gott ... nur leben sollte es ... nur leben! ... Wenn alles umsonst gewesen war, wenn ...
Sie wollte in die Knie sinken, die Hände bittend emporheben. Ihr Körper gehorchte ihr nicht. Weder die Arme, noch die Knie. Ihre Hände lagen noch immer auf der Stuhllehne, ihr Körper krümmte sich. Von der Wand blickten zierliche Ballerinen auf sie herab, mit eingefrorenem Lächeln und gerundeten Armen, schöne Schauspielerköpfe mit dem Ausdruck kühner Welteroberer, ein Bild der Mutter als „Schöne Helena“, massiv und üppig, ganz unkenntlich und fremd unter der blonden Perücke. Aber es war das einzige Bild von ihr, das sich erhalten hatte.
„Mutter,“ stöhnte Karla, „... Mutter ...“
Als wäre sie noch ein kleines Mädchen, das sich eine Beule geschlagen und nun nach ihr schrie. Als hätte sie nicht einen Mann, der sie liebte und sich um sie sorgte, als hätte sie nicht eine Schwägerin, deren Tagesinhalt die Vorbereitungen waren zum Empfang ihres Kindes, eine andere, die sich um sie mühte wie eine ältere Schwester ... Sie wiederholte immer nur: „Mutter! Mutter!“, als läge in diesem einen Wort alle Hoffnung, aller Frieden, alle Sehnsucht und alle Erfüllung ihres gemarterten Weibtums.
„Bin schon da ... bin schon da ... Na, was denn, Kindchen ... bis zum Wagen kommen wir doch noch, wie?“
Pauline Rader, die wußte, was Kindesnot und Angst waren, umfaßte Karla und führte sie in den Korridor. Die Küchenlampe brannte auf dem Tisch. Schlüssel klirrten ...
Karla brach zusammen.
„Ich — kann — nicht ...“
Nur einen kurzen Augenblick war Pauline Rader unschlüssig. Dann blitzten ihre hübschen, lustigen Augen auf. Als gälte es, jemandem ein Schnippchen zu schlagen. So eines, an dem der liebe Herrgott selber seine Freude hätte und sich darob den weißen Bart vor Lachen hielt.
Und weiter überlegte sie nicht lange. Hatte kräftige Pflegerinnenarme und wußte Bescheid. Ganz rasch lief sie hinaus auf den Treppenflur, klingelte an der Wohnungstür drüben und flüsterte dem öffnenden Mädchen etwas zu. Das Mädchen nickte lachend. Es traf sich gut, die Herrschaft war nicht zu Hause, da flitzte sie gleich um die Ecke. Die Hebamme war brav. Ihre „Gnädige“ war sehr zufrieden gewesen, hatte sie „mächtig beschenkt“. Und dann lachte sie wieder.
Denn es war doch eine lustige Sache, daß wieder so was Kleines, Zappelndes zur Welt kommen sollte! Und es war Frauenart, zu lachen, wenn man davon hörte ...
Karla wußte nicht mehr recht, was mit ihr geschah. Das schwere Werk des Mutterwerdens hatte begonnen.
Nur daß das Bett so wundersam weich und breit war, spürte sie noch, und daß es gut roch in dem Zimmer: nach Sauberkeit und vielen feinen Düften, die aus roten Kristallflaschen vom Waschtisch herüberwehten.
Eine lange, bange Nacht wurde es, und Pauline Rader fuhr sich mehr als einmal mit dem Tuch über das Gesicht, wenn sie an die Verantwortung dachte, die auf ihr lastete. Von Karla war nichts herauszubringen. Nicht, wo ihr Mann war, nicht, wo die Verwandten wohnten.
„Ich will nicht ...“
Es war das einzige, was sie immer wieder hervorstieß. Mit all ihren Kräften, mit all ihrem Wollen half sie der Natur, die hart und unerbittlich das Schwerste von ihr verlangte. Und in allen ihren Schmerzen fühlte sie es deutlich, fühlte es beseligend, daß das ihr Werk war, ihr Schaffen ganz allein.
Eine tiefe, innige Angelegenheit zwischen sich und dem Kinde, dem sie das Leben abrang. Nur manchmal schrie sie auf, und es war wie ein Erbarmen heischender Naturlaut: „Mutter — Mutter!“ Der gleichbleibende Schrei, der Generationen in Ewigkeit verbindet ...
Und jedesmal, wenn dieser Schrei erklang, beugte sich Pauline Rader über das erhitzte, schmerzverzogene Gesicht, legte ihre kühle Hand auf die glühende Stirn und murmelte:
„Ja, Kindchen ... ja ... gleich ist alles gut ... gleich ...“
Als aber die Morgensonne sich durch die Rolläden hereinzwängte mit spielerischen, neugierigen Strahlen, da rief die weise Frau, halb lachend, halb entrüstet:
„Was haben Sie mir denn erzählt? ... Ein ganz ausgewachsenes Kindchen ist es ... Hat sich vielleicht sogar noch ein paar Tage länger geputzt als nötig, das eitle Ding ... Geben Sie nachher mal gleich die Wage her, daß wir sehen, was die Prinzessin wiegt.“
Pauline Rader tropften ein paar Tränen in das Wasser, das sie gerade im Waschzuber hereingebracht hatte.
„Worin wickeln wir es nun ein?“ fragte sie immer wieder und wußte nicht, wohin mit sich. Sie hatte offenbar ganz den Kopf verloren. Denn sie stürzte plötzlich zu Papas Schrank und schnitt aus einem seiner feinsten seidenen Hemden rasch die ersten Hüllen für den roten, kleinen Körper heraus.
Als dann Karla das Kind an ihre Brust legen durfte und in andächtigem Schauer fühlte, wie ihr Leben sich abermals in dieses neue, jetzt so heißgeliebte kleine Wesen ergoß, sagte Pauline Rader:
„Nun müssen wir den Herrn Gemahl benachrichtigen und die Verwandten.“
Aber Karla wandte ihr die dunklen Augen zu, die ganz tief in blauen Höhlen lagen:
„Noch nicht, bitte ... noch nicht gleich.“
Diese eine geheiligte Stunde mit ihrem Kinde wollte sie für sich haben — ganz für sich.
Und Pauline Rader verstand und lehnte sich zurück in den bequemen, altväterlichen Sessel mit einem leisen, behaglichen Lächeln um den vollen, hübschen Mund.
Was der Herr Papa wohl sagen würde zu der freundlichen Überraschung?!
So recht geheuer war ihr bei der Vorstellung eigentlich nicht.
Aber weil sie todmüde war, schlief sie ein, ohne daß auch nur das Lächeln von ihren Lippen geschwunden wäre. Und da war es Karla, als ob es auf der großen, weiten Welt niemanden mehr gäbe als ihr Kind und sie selbst. Versunken war alles um sie herum, alles, was vor diesem Augenblick ihr Leben verschönt, beglückt und bedrängt hatte.
Und nie hatte selbst das lauteste Beifallstosen einer begeisterten Menge ein so überschwängliches Glücksgefühl in ihr ausgelöst wie die kaum vernehmbaren Atemzüge des kleinen Wesens, dem sie das Leben gegeben.


Es gab viel Wirrwarr und Aufregungen in den nächsten Tagen, die sich noch steigerten, als der Papa ankam.
Pauline wußte nicht, mit welchem Zuge er kommen würde, und konnte ihn nicht abholen. Ihn schriftlich vorzubereiten, hatte sie nicht den Mut gefunden. Sie war auch keine geübte Briefschreiberin. So kam es, daß er plötzlich einem Kinderwagen gegenüberstand und in der höchsten Lage eines Tenors loszeterte: „Pauline! Pauline! ....“
Er schnupperte mit der Nase herum. Pfui Teufel, wonach roch denn das? Dunkle, längst vergessene Bilder aus seinem ersten Ehejahr standen ganz plötzlich vor ihm. Abscheulich war das alles gewesen. So unbequem, so häßlich ...
Pauline nahm ihm den Mantel ab, schnurrte alles Vorgefallene herunter, fast in einem Satz. Er griff sich an den Kopf, stampfte mit dem Fuß auf.
„Sie haben den Verstand verloren! Sie sind verrückt ... Sie können am Ersten gehn ... Was bilden Sie sich denn eigentlich ein? Gehört die Wohnung Ihnen, ja? Wie kommen Sie dazu ...?!“
Die Tür ging auf. Eine Dame trat ein.
„Was ist denn das für ein Lärm hier ... ach so ... wohl Karlas Vater? ... Mein Name ist Frau Doktor Maurer. Ich bin die Schwester von ihrem Schwiegersohn.“
„Sehr angenehm ... sehr ...“
Aber das Weitere blieb ihm im Halse stecken. Sehr gemütlich sah sie nicht aus, die gute Frau. Daß sein Mädel gerade in so eine Familie hineingeraten mußte! ...
Adele glaubte, nicht viel Umstände machen zu müssen mit einem ehemaligen Ballettänzer. Nette Familie übrigens, aus der Karla stammte! ...
„Ich bedaure sehr, daß Karla gerade hier niederkommen mußte. Sie hat das natürlich nur ihrer eigenen Unvorsichtigkeit zuzuschreiben und ihrer Heimlichkeit. Aber nun ist sie müde, und ich hoffe, Herr ... Herr ...“
„König ... Adalbert König.“
„Also ich hoffe, Herr König, daß Sie sich jetzt in das Unvermeidliche fügen und daß Karla in Ruhe hier ihre Genesung abwarten kann.“
„Ja ... ja gewiß ... versteht sich ...“
Der Papa verneigte sich ein paarmal kurz hintereinander, aber seine kleine weiße Hand rückte immer auf der Brust hin und her, als suche er das Jabot, an dem er mit spitzen Fingern zwirbeln und zerren könnte.
Pauline stützte ihn leise unter dem Ellbogen.
„Wollen Sie ’rein, Herr König? Gerade ist die junge Frau aufgewacht.“
Der Papa überlegte blitzschnell, daß es sich wohl so gehöre, hineinzugehen. „Sie gestatten, Frau Doktor ...“
Nun mußte er in seiner eigenen Wohnung noch um Erlaubnis bitten, sein Schlafzimmer zu betreten.
„Na, Kleine, was machst du für Geschichten ... was sind das für Sachen ...“
Karla legte den Finger gegen die Lippen:
„Still, Papa ... ich glaube, sie schläft ein.“
„Aha ... sie ... ein kleines Mädchen! ... Na, das geht ja noch.“
Der Papa hatte entschieden eine Vorliebe für das schöne Geschlecht — auch wenn es noch in den Windeln lag.
„Hast dir’s ja recht bequem bei mir gemacht ...“
Es sollte ein Scherz sein. Aber seine helle, krähende Stimme drückte doch nur Ärger aus.
„Ta ta ta ... nur kein Drama. Was geschehen ist, ist geschehen. Zurückschicken können wir das kleine Fräulein nicht ... Bis auf weiteres ... natürlich ... tja ... Also ... Na, geht’s gut, Kleine? Alles in Ordnung? Wann kommt dein Mann?“
Altmann blieb noch eine Woche in Liegnitz. Erst hatte er telegraphiert, man sollte sein Kommen gleich erwarten, aber Adele hatte gemeint:
„Meine Schwägerin Adele — du kennst sie ja schon, Papa ...“
„Ach so, die Dame draußen? Ja ... eine energische Dame. Die hat also gesagt, dein Mann brauchte nicht zu kommen, wie? Na ja ... sehr vernünftig. Kinderkriegen und ... tja ... also das ist ja wirklich Weiberangelegenheit. Ein Mann stört da nur ... ja, ja ... er stört positiv ...“
Er sah sich im Zimmer um.
Na, das sah schön aus!
Auf den Stuhllehnen hingen Windeln, auf dem Tisch vor dem Ruhebett stand ein großes Teebrett mit allerlei Kännchen und Schälchen darauf. Es roch nach Fencheltee und Lysol; in der Luft schwammen kleine Watteflöckchen.
„Ich bin so glücklich, Papa! Es ist so wundervoll ...“
„So ... tja ...“
Mit spitzen Fingern entfernte er ein Wattebäuschchen von seinem Rockärmel.
Kurios war das mit den Weibern! Nie waren sie so glücklich wie in so einem Kleinkinderzimmer, zwischen Fenchel, Gummipropfen und nassen Windeln.
Aber nun wußte er wahrhaftig nicht mehr, was er noch sagen sollte. Ihm spukte auch noch das letzte Spiel vom Leipziger Turnier im Kopfe herum: eine italienische Partie, die mit einem Remis geendet hatte. Herr von Scheve hatte entschieden keinen guten Tag gehabt, daß er seine Bauern in so üble Lage gebracht. Er wollte die Partie mal nachspielen. Aufgeschrieben hatte er sie ja ...
Adele kam herein, mit einem Teller Suppe. Der Papa machte sich noch schmäler, als er war, und glitt an ihr vorbei durch die Tür.
Auf dem Schachtisch lag ein Haufen Jäckchen, Windeln und Hemdchen, die Adele aus der Culmstraße mitgebracht hatte. Der Papa wurde ordentlich blaß.
„Pauline! ... Pauline! ...“
„Ja, Herr König.“
Wie breit und unverschämt diese Pauline vor ihm stand! Er kannte sich nicht mehr vor Zorn. Er krähte:
„Packen! Ich zieh’ ins Hotel!!“
„Das wird wohl auch das beste sein, Herr König. Das wollte ich Ihnen schon vorschlagen. Nur vergessen Sie nicht, daß von morgen elf Uhr ab die Schüler wiederkommen.“
„Weiß schon ... brauchen Sie mir nicht zu sagen!“
Er kreuzte wütend die Hände hinter dem Rücken und sah mit finsteren Augen zu, wie Pauline die Wäsche vom Schachtisch räumte. Nun wurde er wieder krebsrot im Gesicht.
„Die Schüler können sich zum Kuckuck scheren! Der verdammte Klavierspieler weckt mir noch die Gesellschaft auf, und dann fängt das Kindergeplärre an — ich danke!“
„Schön. Ich werde ihnen sagen, sie sollen nächste Woche kommen.“
Sie unterdrückte kaum noch das Lächeln und ging den Koffer holen ...
Am Abend kamen schöne dunkle Rosen mit einem kleinen Briefchen: „Mein liebes Kind! Laß es Dir recht gut gehn. Ich muß leider wieder verreisen — aber Pauline hat ja meine Instruktionen. Empfehlung an Deine Frau Schwägerin. Dein Dich zärtlich liebender Papa.“
Karla lächelte und seufzte auf. Jetzt kannte sie den Papa ... so gut kannte sie ihn! ... Aber es war kaum Raum in ihrem Herzen für Traurigkeit. Sie wünschte, die stillen Tage in dem weichen Bett, mit den gütig dreinschauenden Frauen, mit dem weichen Geflüster, dem sanften, traumhaften Dahindämmern könnten sich noch lange, lange hinziehen. So stark war die Liebe in ihr zu dem kleinen Wesen an ihrer Seite, daß diese Liebe auf jeden Menschen überströmte, der sich in diesen Tagen ihrem Lager näherte. Sie liebte Pauline, die ihr so warmherzig und mütterlich beigestanden, sie liebte Adele, die mit so geübten Händen ihr kleines Mädchen aufhob, herumtrug und anzog, sie liebte Luise, die ihr Obst brachte und deren strenge Augen milde wurden, wenn sie das Kind betrachteten, sie liebte Alwin Maurer, der eines Tages, ein bißchen verlegen, in der Tür erschien und nicht recht wußte, ob Adele ihm den Eintritt gestatten würde. Aber von weitem schwenkte er ein paar Blumen und warf sie Karla aufs Bett.
„Fang!“
Wie gut sie alle waren!
Karla war noch so schwach, daß sie manchmal vor Rührung eine Träne zerdrückte. Und aus solch einer Stimmung heraus schrieb sie Altmann ihren ersten Brief, mit Bleistift und kaum recht leserlich. Aber er schloß mit den Worten „... nein — nie ... nie vergesse ich, wie lieb Adele, Luise und auch Alwin zu mir sind. Du hast mir manchmal vorgeworfen, daß ich kein Verständnis hätte für Familie. Jetzt habe ich es. Und es ist wundervoll, Familie zu haben. So viele Menschen um sich zu besitzen, die das Wesen, das man am tiefsten liebt, mit liebenden Augen betrachten. Meine Freuden sind ihre Freuden, meine Angst die ihre. Warum konnte Deine Mutter das nicht auch miterleben? Und die meine? Sie beide wären Freundinnen geworden in diesem Augenblick, auch wenn sie sich vorher nicht verstanden hätten. Es ist gut, mein geliebter Ernst, daß Du in diesen Tagen nicht hier warst — ich glaube, Du wärest eifersüchtig geworden auf unser liebes kleines Mädel. Denn Du hättest wohl kaum begreifen können, daß eine Mutter so närrisch verliebt und so ausschließlich vertieft ist in ihr Kind wie ich. Weißt Du noch, liebster Ernst, wie ich mit dem Kätzchen spielte und Du so böse wurdest? Damals schon war ich Mutter, ohne es zu wissen — und weil ich es wohl nicht abwarten konnte, daß ich mein Kind im Arme hielt, nahm ich das kleine Tierchen an mich. Warum warst Du so böse und hast sein Körbchen so weit weggestoßen? Ich werde traurig, wenn ich daran denke. Unser Kindchen wirst Du doch lieben? Das mußt Du mir versprechen. Wie danke ich Dir, daß Du es mir gegeben! Wie liebe ich Dich! Nie werde ich aufhören, Dich zu lieben! Deine Karla.“
Altmann erhielt den Brief nach der Vorstellung. Er war müde und ohne Spannkraft. Denn er hatte in diesen sechs Wochen zehn neue Rollen lernen müssen und war das überhetzte Sommertempo kleiner Provinzbühnen nicht mehr gewöhnt.
Nachdem er sein bescheidenes Abendbrot bestellt hatte, öffnete er den Brief. Er fand sich aus der Bedrücktheit seines persönlichen Lebens nicht gleich in die tönenden Schwingungen von Karlas Seelenleben hinein. Sie waren ihm auch neu an ihr. Und so berührte ihn der in einer ekstatischen Stimmung geschriebene Brief eher frostig und abkühlend. Als wäre es nicht Karla, die ihm schrieb, sondern ein romanhaftes fremdes Wesen. Das kam wohl von der Trennung. Jedenfalls waren solche Exaltationen gefährlich und ließen sich nicht mit dem Weg vereinen, den er ihr vorzeichnete.
Ohne Einschränkung freute ihn nur die Anerkennung „seiner Leute“. Die Erinnerung an die Episode mit der Katze weckte eine peinliche Empfindung in ihm. Jedenfalls war Karla ein bißchen überspannt, und es war gut, sie daran zu erinnern, daß es für sie außer und vielleicht sogar vor dem Kinde — noch einen Beruf gab. Als er sich aber Tinte und Feder reichen ließ und in diesem Sinne schreiben wollte ... da fielen ihm die richtigen Worte nicht ein. Es klang wohl auch brieflich alles so hart und lieblos ... Ihm lag jetzt ja doch nur eine Frage am Herzen: War ihr die Stimme wiedergekommen? Ehe er das nicht wußte — wußte er auch nicht, wie er ihr schreiben sollte ... Durfte er sie in ihrem Muttertraum weiter wiegen, oder ...
Es war wirklich alles sehr schwer, und er war zum ersten Male befangen. Ganz rasch schrieb er darum nur:
„Ich sehne mich nach meiner lieben, tapferen kleinen Frau und freue mich, unser Kind zu sehen. Schone und pflege Dich. Werde gesund und kräftig. In acht Tagen bin ich wieder bei Dir. Ich zähle die Stunden. Dein Ernst.“
Diese wenigen Zeilen waren ihm unendlich schwer geworden, denn er fühlte, daß sie Karla alles schuldig blieben ...
Er sah sie im Hause seiner Schwester wieder.
Sie kam ihm entgegen in einem hellblauen Schlafrock, den er noch nicht an ihr kannte. Sie hatte ihr reiches dunkles Haar in zwei Zöpfe geflochten, die flach um ihren runden, hübschen Kopf lagen. Sie war noch ein wenig blaß und spitz und hatte ein ihm fremdes, wehes Lächeln um den Mund.
Schluchzend warf sie sich ihm an die Brust.
„Ernst! Lieber guter Ernst!! ...“
Sie küßte ihn, drückte seine Hände, sah ihm immer wieder in das ebenfalls abgemagerte Gesicht.
„Nun bist du da. Nun ist alles gut ... nun bleiben wir zusammen!“
Er war so bewegt, daß er ihr kaum antworten konnte, daß er kaum nach dem Kinde zu fragen wagte. Aber da kam auch schon Adele und brachte es an — in einem Steckkissen mit rosa Schleifen. Das Spitzenhäubchen, zu groß für den kahlen kleinen Kopf, war bis über die winzige Nase gerutscht.
Karla drehte sich um.
„Du bringst es ... du? Ich wollte ...“
Aber Adele merkte gar nicht, wie enttäuscht, ja wie verletzt Karla war. Das Kind war eine Familienangelegenheit. Adele zweifelte keinen Augenblick an ihrem guten Recht, es als erste dem Bruder zu bringen. Sie begrüßte ihn nur durch Kopfnicken. Sie waren ja auch beide nicht wichtig. Aber das Kind — — —
Altmann nahm das Paket behutsam auf. Er kam sich höchst ungeschickt und lächerlich vor dabei; aber er sagte:
„Gut sieht es aus ... wirklich sehr gut.“
Dann gab er es schleunigst in die ihm zunächst ausgestreckten Arme. Zufällig waren es die von Karla.
Das Kind fing an zu quäken. Karla wendete sich ab, setzte sich und legte es an.
„Wie ... Du stillst selbst ...?!“
Karlas Augen leuchteten.
„Na und ob!“
„Sie ist sehr brav“, sagte Adele, als spräche sie von einer leistungsfähigen Amme.
Altmann murmelte:
„Ja, das geht aber doch nicht ... das ist unmöglich.“
Adelens Antwort wurde durch das Eintreten von Luise abgeschnitten. Gleich darauf kamen die Kinder und Dr. Maurer.
„Na, bist du fertig, Karla ... wir können Abendbrot essen ... Nein, Karla, kein Geschaukel, bitte. Vicki, roll’ den Wagen ’ran. So. Reingelegt und nun ’raus ... Nein, Karla, ich verbitte mir ganz entschieden, daß du dem Kinde schlechte Gewohnheiten gibst. Sonst lehne ich jede Verantwortung ab! Hörst du? Jede!“
Karla gab dem Wagen einen kleinen Stoß.
„Bitte. Ihr wißt das ja alle besser.“
Manchmal wünschte sie, sie wäre eine Wilde, die ihr Kind im Busch zur Welt gebracht hätte. Da würde nur sie zu bestimmen haben und dürfte mit dem Kinde tun, was sie wollte, dürfte es in ihr Tuch packen und auf dem Buckel tragen, bis es groß war und selber lief ... Gut hatten es diese Mütter ... und gut die Kinder!
Man setzte sich zu Tisch. Adele hatte für einen Heringssalat gesorgt, den Altmann gerne aß. Karla bekam eine dicke Mehlsuppe.
Altmann entfaltete sein Mundtuch.
„Wie bin ich euch dankbar, daß ihr euch Karlas so angenommen habt. Dir vor allem Adele ...“
„Na ... aber ... das ist doch selbstverständlich.“
Altmann schüttelte ihr über den Tisch hinweg die Hand.
„Weißt du, was du für eine Prachtfrau hast, Alwin?“
Es klang scherzend und doch bewegt.
Alwin schenkte sich ein Glas Bier ein. Aber über sein Glas hinweg flog sein Blick unbewußt dahin, wo Karla saß. Und beide sahen einander an. Dann zerdrückte Karla ein Mehlklümpchen auf dem Grunde ihres Tellers, und Dr. Maurer sagte:
„Ja ... wir wissen schon, was wir an ihr haben.“
Es war sehr, sehr viel, und es war unendlich wenig!
Dr. Maurer war dafür, daß man eine Flasche Wein trank. Seit er die Weinkneipen mied, hielt er immer auf einen Vorrat von ein paar Flaschen.
Adele war gern bereit. Das Lob des Bruders, wenn sie ihn auch nicht immer für voll nahm, hatte sie doch liebenswürdig gestimmt, und dann hatte Luise eine Apfeltorte mitgebracht. Das heißt, vier Stücke waren schon herausgeschnitten und zum Mittag von der englischen Familie verspeist worden. Den großen Rest aber hatte die Dame der netten Miß Luise aufgedrängt, als sie hörte, daß der Schauspieler-Bruder aus der Provinz zurückgekommen sei.
Es kam öfters vor, daß Luise dies oder jenes von der reichen Tafel für „ihre Leute“ mitbekam, meist sehr gute und oft sogar teure Sachen.
Dr. Maurer schmeckten solche Abfälle bitter. Aber seine ursprünglich laue Ablehnung war von den Schwestern kategorisch als völlig ungerechtfertigt niedergeschrien worden. Warum sollte man nicht annehmen, was so freundlich geboten war? Hatten sie es denn so reichlich in der Culmstraße? Die Kinder wollten auch mal was Gutes essen! Die Kinder wollten sehr! Und wenn sie im voraus wußten, daß bei Stowns ein Diner stattfand, so verlangten sie, wie einen schuldigen Tribut, daß Tante Luise ihnen allerlei mitbrachte. Adele aber sparte an diesen Tagen die Nachspeise und baute von den mitgebrachten Überresten ein leckeres Dessert auf.
So trank man eine Zeltinger — besseren Jahrgang — aß dazu die Stownsche Apfeltorte, ließ das Kind leben, erörterte die Frage, wann die Taufe stattzufinden hätte und welchen Namen man ihm geben könnte.
„Das weiß ich nicht. Das müßt ihr ausmachen“, sagte Altmann.
Dr. Maurer lachte vor sich hin.
„Lieber Ernst — bei uns hat man mindestens ein halbes Jahr nach Namen gesucht! Und was kam schließlich heraus? Vicki und Fritz. Hochoriginell, was?“
Karla verspeiste ihr zweites Stück Torte und schwieg. Mochten sie ihr Kind doch nennen, wie sie wollten. Für sie hieß und würde es immer nur einen Namen haben: „Schmerzchen“. So hatte sie es im Übermaß ihres allerersten Mutterglücks genannt, in der ersten Ekstase, der selbst heftigstes Leiden zu tiefster Lust wird.
„Ja, Karla — wie fändest du Elsa?“ fragte Altmann. „In Erinnerung an deinen größten Erfolg bisher?“
„Hm ... hm ...“
Karla nickte. Sie war einverstanden. Elsa Altmann. Klang hübsch. Freilich die zwei a’s ...
„Oder Isolde?“ schlug Luise vor, die Wagner nicht so ganz ablehnte.
Denn es war Mode geworden, die Kinder nach den Wagnerschen Opernfiguren zu nennen.
„Ich schlage vor: Senta“, meinte Dr. Maurer.
Aber er wurde der a’s wegen überstimmt, und es blieb bei Isolde.
Abermals klangen die Gläser aneinander. Karla, die den Mund voll Kuchen hatte, verschluckte sich. Mehr vor verhaltenem Lachen als vom Trinken. Sie lief aus dem Zimmer, in Adelens Schlafstube, wo der Wagen stand, riß das schlafende Kind in die Arme, drückte es an ihre Brust und schrie, während sie sich vor Lachen bog:
„Weißt du, wie sie dich genannt haben, mein Schmerzchen? Isolde! Du merk’ dir’s, Schmerzchen, geliebtes — Isolde sollst du heißen!“
Das Kind brüllte wie am Spieß, während sie es unter Lachen küßte, immer wieder hochwarf und wieder auffing.
„Aber schrei doch nicht, Schmerzchen ... sei doch still ... du ...“
Das ganze Eßzimmer kam angelaufen. Adele riß Karla das strampelnde und schreiende Kind aus den Händen.
„Aber Karla! ... Was machst du denn? ... Ruhig, Isoldchen ... ruhig ... Tssss ...“
Karla hielt sich die Ohren zu. Isoldchen! ... Ihr Lachen wurde krampfhaft.
„Na na ... Kindchen ...“, sagte Altmann und drückte ihr Gesicht an sich. „Du bist ja noch sehr erregt ...“
Luise schüttelte vorwurfsvoll den Kopf:
„Geht lieber ins Eßzimmer ... wir werden Isoldchen schon beruhigen.“
„Ja, Karla, komm ... sei vernünftig. Adele versteht das besser als du.“
Dr. Maurer leerte sein Glas.
„Isold-chen!“
Und er machte eine Bewegung mit dem dritten und dem Zeigefinger und spreizte die Hand in der Luft, als schnitte er etwas durch.
Fritz und Vicki hatten sich über die Kuchenreste hergemacht und aus den Gläsern genascht.
„Marsch ins Bett!“ donnerte er sie an.
Es war ihm heute mal wieder sehr eng in der einst so geliebten und begehrten Wohnung.
Karla ging ins Vorzimmer und schlüpfte in ihren alten langen Regenmantel, der den Schlafrock völlig deckte, setzte den Hut auf und kam zu den Herren zurück.
„Wenn Schmerzchen wieder schläft, wollen wir den Wagen heruntertragen und nach Hause gehen“, sagte sie mit blanker Stimme.
„Wenn wer schläft ... was? ...“
Altmann sah sich erstaunt um.
Dr. Maurer lachte gallig.
„Du hörst doch: Schmerzchen! Fräulein Isolde Altmann. Nun mach’ was!“
Altmann lächelte nachsichtig. Mochte Karla ihr Kind nennen, wie sie wollte. Über kleine Mutternarreteien mußte man hinwegsehen.
Die Damen kamen wieder herein.
„Wie denn, Karla, schon angezogen?“
„Sowie Schmerzchen fest schläft, wollen wir nach Hause. Nicht wahr, Ernst?“
Altmann nickte, ein wenig verlegen wegen Karlas Ton.
„Sag’ doch nicht immer Schmerzchen“, rügte Adele.
Altmann hatte sich so gefreut auf das Wiedersehen. Aber so ganz gemütlich war es nicht. Und er konnte es auch nicht übersehen, daß Adele sehr abgearbeitet aussah und der Schwager nervöser war als sonst. Er hatte seinen Leuten eben doch zuviel aufgebürdet! ...


In einem mittelgroßen, kühlen Zimmer, dessen Wände bedeckt waren mit gerahmten und ungerahmten Künstlerbildern, und dessen ganze Einrichtung aus einem Pianino mit vergilbten Tasten und einigen Rohrstühlen bestand, saß Karla.
Sie hatte ihr schwarzseidenes Kleid an, das wieder enger gemacht worden war, eine moderne hohe Frisur und kleine Stirnlöckchen, die ihr Gesicht, das sich in diesen letzten Wochen noch ein wenig mehr zugespitzt hatte, wieder runder erscheinen ließen.
Schmerzchen hatte entwöhnt werden müssen. Das hatte ihr viel körperliches Unbehagen und Kummer verursacht. Sie war noch nicht ganz darüber hinweg, daß Schmerzchen wie ein Gegenstand in der Culmstraße eingestellt wurde, während sie von der Gesangstunde zur Schneiderin und von der Schneiderin zu Luise Altmann lief, die ihr englischen Unterricht im Stownschen Hause gab.
Eine große Gesangmeisterin hatte aus Interesse an Karlas ungewöhnlicher Stimme für ein Honorar von ‚nur‘ zehn Mark für die Unterrichtsstunde Karlas „letzten Schliff“ übernommen.
„Es lohnt sich, liebes Kind.“
Und Altmann opferte, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, seine letzten Spargroschen für die teuren Stunden und ein paar nette Fähnchen, die Karla nun endlich mal haben mußte.
Und jetzt war es so weit, daß Karla in dem Klavierzimmer des ersten Agenten, des Kommissionsrats Fuchs, einem amerikanischen Impresario vorsingen sollte, der gute Stimmen billig für eine Tournee nach Amerika zu exportieren pflegte.
Von seinem alten guten „Dear friend“ erwartete der Impresario „gute Ware“, stützte sich dabei auch auf sein eigenes Geschick, einen Namen „zu machen“ und zu „managen“.
Er war eigentlich ein guter Deutscher, der es aber für notwendig hielt, im Interesse des Geschäftes den Amerikaner noch zu übertrumpfen. Er hieß Johann Rössel. Schrieb sich aber „John Russel“. Fuchs kannte ihn noch, als er Pferdejunge bei einem Jockei in Hoppegarten war. Er hatte damals ein Rennen geritten und einen kleinen Preis gewonnen, war in die unterste Schicht einer gewissen Lebewelt geraten, hatte sich in eine amerikanische Chansonette vergafft und war ihr als ihr „Sekretär“ nach Chicago gefolgt.
Die Chansonette schrieb zu wenig Briefe, um seine Dienste lange in Anspruch zu nehmen. Bald trieb er sich stellungs- und herrenlos herum, lief erfolglos jedem hübschen Gesicht nach und machte die merkwürdige Entdeckung, daß die kleinsten Hände das meiste Geld raffen. Nach verschiedenen Abenteuern, die seine Verachtung für das weibliche Geschlecht noch steigerten, kam er mit ein paar verwegenen Burschen nach Klondyke, steckte sich einen Clam ab und buddelte Gold. In diesen fünf Jahren seiner Goldgräberexistenz frischte er seine Erinnerung an seine erste Liebe dadurch auf, daß er zur Erheiterung seiner Kameraden und der anderen Goldgräber der umliegenden Clams eine Chansonetten- und Tänzerinnengesellschaft nach Klondyke kommen ließ.
Der ungehobelte Tisch der Kantine war das erste Podium. Es kam auch vor, daß das eine oder andere Dämchen als ehrsame Gattin eines Goldgräbers zurückblieb, wenn John Russel die ganze Gesellschaft abschob und sich eine neue Truppe von da oder dort verschrieb.
Sein Ruf war in jener Zeit nicht besser und nicht schlechter als der der meisten goldgrabenden Abenteurer. Daß er auf Diebe Jagd machte wie auf Hasen und die Burschen nicht zählte, denen seine Revolverkugel das Lebenslicht ausgeblasen, das nahm ihm weiter keiner übel. Selbsthilfe war dort alles.
Als er fand, daß die Zahl seiner Goldsäcke einem Vermögen von etwa zwei Millionen gleichkam, stapelte er sie auf einem langen Tisch auf, stellte sich hinter ihn mit einem geladenen Revolver in jeder Hand und ließ eine Aufnahme machen. Nun war er mit Klondyke fertig.
Als gemachter Mann kam er nach Philadelphia und gründete dort ein Theater. Es machte ihm Spaß, alles, was Namen hatte in Amerika und Europa, in sein Haus herüberzulotsen. Aber weil er gewalttätig war und selbst einen Irrtum niemals einsah, fraß ihm das Unternehmen anderthalb Millionen auf. Ein zweiter Versuch, den er in Klondyke unternahm, schlug fehl. Die Verhältnisse hatten sich auch mittlerweile geändert. Meist waren jetzt große Gesellschaften die Ausbeuter, und der Einzelunternehmer kam schwer auf seine Rechnung.
Gelangweilt trank er seinen Whisky in den prächtigen Varietéhallen, die an Stelle der einstigen einfachen Kantine die holde Weiblichkeit bargen. Und eines schönen Tages tauchte er wieder in Europa auf. In Wien hörte er die Lucca.
Ihre großen, hervorstehenden Augen, in denen etwas nachdenklich Animalisches lag, taten es ihm an. Er mußte an die Pferde denken, denen einst seine besten Gefühle gegolten hatten. Er brachte die Lucca nach Amerika.
Wenn er wenig an ihr verdiente, so lag es eben an dem letzten Rest deutscher Sentimentalität. Sie war, obwohl schon alternd, die erste und letzte Frau, die ihn hatte beglücken können durch das Gewähren eines Handkusses.
Jedenfalls hatte er an ihr gelernt, daß es ein gutes Geschäft war, deutsche Künstler nach Amerika zu bringen. Für ihn blieb auch die Kunst Ware, wie einst die Klondyker Tänzerinnen. Aber um sie mit Gewinn loszuwerden, bedurfte es der Aufmachung. Er engagierte mit Vorliebe unbekannte Leute. Und wenn ihm etwas Spaß machte, so war es „einen zu machen“. Noch größeren vielleicht, den von ihm „Gemachten“ fallen zu lassen, ihn — wie er sagte — „in der Versenkung verschwinden zu lassen“.
Vielleicht war es uneingestandene Angst, daß sein Geschöpf über ihn hinauswuchs — ihn meisterte. Vielleicht aber auch nur ein teuflisches Vergnügen, das er sich manchmal leistete. Wie es ihm als Goldgräber Vergnügen gemacht hatte, einen armen Lumpen, der nachts ein paar Körnchen Gold aus seinem Clam stehlen kam, gerade in dem Augenblick niederzustrecken, wenn er sich schon in Sicherheit gewähnt hatte.
John Russel stand auch dem Leben mit einem geladenen Revolver in jeder Hand gegenüber. Aber es waren immerhin ein paar Jahrzehnte seit jenen harten Anfängen und wilden Abenteuern verstrichen. Die Revolver streckte er heute nicht mehr sichtbar entgegen. Er hatte polierte Nägel, trug Anzüge vom ersten New-Yorker Schneider und seidene Unterwäsche. Das Raubtierartige seiner scharfblickenden, beinahe schwarzen Augen war gemildert durch den silbrigen Glanz seines kurzgeschnittenen Haares.
Die Frauen blickten sich auf der Straße nach ihm um. Er war eine ungewöhnliche Erscheinung, und der gute Fuchs renommierte mit ihm. Mit seiner Erscheinung, seinem Geld und seiner „Anständigkeit“.
Diese Anständigkeit bestand hauptsächlich darin, daß er niemals die Gagen schuldig blieb und einem Sänger, den er vor Ablauf des Vertrages rausschmiß, ohne zu zögern das Geld für die ganze Zeit nachwarf. Für anderes und mehr hatte Fuchs auch gar kein Interesse. Jedenfalls konnte Altmann sich gratulieren, wenn Karla das Engagement bekam.
„Ich begleite meine Frau selbst“, sagte Altmann und setzte sich ans Klavier.
John Russel warf kaum einen Blick auf Karla. Er hatte einige Briefe in der Hand, die er öffnete und aufmerksam las.
„Fangen Sie nur immer an ....“
Er hatte einen stark amerikanischen Dialekt, den er geflissentlich betonte. Er hielt einen Briefbogen schräg vor seinen Mund und fragte nicht viel leiser, aber vertraulich, zu Fuchs gewendet:
„Wer ist der da? Ihr Korrepetitor, ihr Geliebter? ...“
„Ihr Mann.“
„Aha! Auch Sänger?“
„Nein — Schauspieler.“
„Well.“
Karla sang. Der Unterricht hatte ihre Stimme veredelt, aber ihr viel Unbefangenheit genommen. Fuchs hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und den schwarzgeränderten Klemmer auf die Nase gedrückt. Er verstand was; in seinen kalten Augen flimmerte es auf. Die Kieler Zeitungen hatten doch nicht übertrieben! Es „war was los“ mit der König. Er schlug mit dem Handrücken gegen John Russels Arm.
„Sie ....“
John Russel lehnte am Fenster und ließ seine Augen nicht von dem Brief.
„Yes ... yes ...“
„Aus der machen wir was, Sie.“
John Russel faltete den Brief zusammen, steckte den ganzen Packen in die Innentasche seines mit schwerer Seide gefütterten Rockes. Jetzt warf er einen Blick auf Karla — kurz und abschätzend.
„Armes Luder, wie?“
Er entsann sich aller deutschen Ausdrücke, wenn er wollte.
Fuchs lachte lautlos.
„Verheiratet ... dear friend.“
Ein hoher Ton, den Karla plötzlich hinausschmetterte, aus Zorn über das rücksichtslose Geflüster, ließ John Russel nochmals aufblicken. Über sein gebräuntes, rissiges Gesicht huschte ein Lächeln.
„Bravo ...“
Ihn interessierten nur die hohen Töne. Die brauchte er für die Amerikaner. Sie schnappten danach wie Hunde nach einem Fleischbissen. Ihre Musikliebe nährte sich von den höchsten und den tiefsten Tönen der Sänger. Was dazwischen lag, nahmen sie nur mit in den Kauf. Er hatte einmal eine Mulattin „gemanagt“, häßlich wie die Nacht, dumm und unmusikalisch. Sie sang nur zwei Lieder. Aber ihre Stimme erkletterte die höchsten Geigentöne. Das Publikum raste, und nach drei Jahren hatte sie sich eine Million erpiepst. Ein Glück; denn in Veracruz holte sie sich eine Halskrankheit, und die Stimme sank zum normalen Umfang zurück. Sie war erledigt.
Altmann spielte mit kalten, feuchten Fingern. Er wußte, was Karla konnte, und wußte, daß sie jetzt aus einer ihrer sprunghaften Stimmungen heraus „Schindluder trieb“. Wie ein wildes Füllen, so jagte ihr die Stimme davon. Er hörte zurückgedrängtes krampfhaftes Schluchzen und Lachen aus ihrer Stimme heraus. Er schlug auf die Tasten, hielt zurück, soviel er konnte — sie krampfte ihre Finger in seine Schulter, trieb ihn an ... Er gab nach. Es war keine Musik mehr, es war ein Anhäufen von Tönen, die markerschütternd aus der Tiefe einer zornlodernden, verzweifelten Seele kamen. Mit einem wilden Aufschrei, mitten im Takt brach sie ab.
Kommissionsrat Fuchs blinzelte unruhig mit den Augen. War sie verrückt geworden, die König?! Er empfahl sie einem John Russel und sie schluderte und heulte wie eine Furie. Was war denn das mit ihr?
Karla stand hochatmend, mit roten, heißen Wangen am Klavier. Ihre Hand bebte noch immer auf Altmanns Schulter. Altmann war grau im Gesicht und wagte es nicht, sich umzudrehen. Er hätte sie schlagen können — mit beiden Fäusten auf sie losgehen mögen. War sie wahnsinnig geworden? Sie wußte doch, was für sie beide davon abhing! Wußte, daß er bald am Ende von all seinem Ersparten war! Und was dann? Die Herbstengagements in Deutschland waren abgeschlossen. Hier krochen sie nicht sobald unter! Und dann — unterkriechen! Immer wieder unterkriechen! Von sich wollte er nicht sprechen. Aber Karla war auch schon 24 Jahre alt. Solange hatte sie der Kieler Schlaukopf gehalten .... Was wurde nun aus ihnen beiden — aus dem Kind? Bei Adele sah es knapp genug aus. Die Kinder wurden größer und kosteten von Tag zu Tag mehr. Adele hatte schon ein paar Andeutungen gemacht, die brave, treue Seele ... Der Schweiß perlte in großen Tropfen von Altmanns Schläfen.
„Bravo, bravo ...“, sagte John Russel wieder.
Er hatte wieder dasselbe flüchtige kalte Lächeln.
„Sie sind wie ein Präriepferd ... well, das liebe ich. Sie gefallen mir.“
Karla schämte sich plötzlich und senkte den Kopf. Sie hätte am liebsten gerufen: Aber ich singe doch viel besser! und hätte alles wiederholt. Aber John Russel wendete sich langsam ab.
„Ich will ihr 100 Dollar die Woche geben und freie Reise. Können gleich abmachen, lieber Freund.“
„Reise für zwei Personen“, murmelte Fuchs und zeigte mit dem Kopfe auf Altmann.
„Wie ... der auch mit? Sie will immer ihren Mann mit sich schleppen? ... God bless me!“
Der Kommissionsrat zuckte die Achseln.
„Hören Sie mal, lieber Altmann ... ist das unbedingt notwendig — müssen Sie durchaus mit? Herr Russel möchte nämlich ...“
Jetzt erhob sich auch Altmann. Er hatte seine Haltung wiedergefunden und fuhr sich mit dem seidenen Taschentuch über das glattrasierte Gesicht. Er fürchtete, man würde das Zittern seiner Hand bemerken.
„Ich lasse meine Frau unter keinen Umständen allein fahren ... unter keinen Umständen.“
Er gab seiner Stimme alle Festigkeit, steckte das Tuch in die Tasche und schlug sie mit der flachen Hand glatt. So kämpfte er in einer Rolle auf der Bühne die Erregung nieder. Es half auch im Leben.
Karla zog ihren Arm durch den seinen, stellte sich dicht neben ihn, wie um seine Worte zu bekräftigen. Das war sie ihm schuldig. Sie nickte sogar. Aber ihre Augen blitzten. Sie hatte die Gage überrechnet. Es machte mehr als sechzehnhundert Mark im Monat. Sie hätte John Russel am liebsten umarmt. Ihrem alten Direktor wollte sie das gleich mal schreiben — aber gleich! Und Adele ... tja, meine Liebe — so verdiene ich — Karla König ... jawohl!
Doch sie hielt sich bescheiden zurück, ängstlich nur, daß alles an der Forderung ihres Mannes scheitern könnte. Aber schließlich — puah — bei soviel Geld .... Man konnte ja gottlob selbst alles bezahlen! Lächerlich!
Altmann fuhr fort: „Sie haben vielleicht einen Posten für mich .... Meine Ansprüche sind gering. Es ist nur, daß ich dort eine Beschäftigung habe“ ...
John Russel zuckte die Achseln:
„Lieber Herr — Beschäftigung! Das ist teurer als Geld. Suchen Sie sich welche. Wenn mein Kassierer durchgeht, können Sie an seine Stelle kommen“ ...
Er lächelte wieder, diesmal geringschätzig. Er hatte nie im Leben um „Beschäftigung“ gebeten. Genommen hatte er sich, was sich gerade fand. Er war nicht dazu da, die Männer seiner Sängerinnen zu beschäftigen.
„Die Reisen will ich Ihnen meinetwegen bezahlen“, warf er ihm über die Schulter zu.
Vielleicht war die Kleine abends besser bei Stimme, wenn sie am Tage ihren Mann abgeküßt hatte. Es gab so närrische Weiber. Die Sängerinnen schleppten alle gern einen Mann mit sich herum — Gatten, Geliebten oder Sekretär. Im Grunde kam es ja doch immer auf dasselbe heraus.
„Danke“, sagte Altmann.
Seine Stimme war leicht belegt, und die Mundwinkel hingen tief herab. Es war doch verflucht bitter, dieses „Mitgenommenwerden“!
Dann saß man im Arbeitszimmer des Kommissionsrates. Es war mit aller Behaglichkeit und kitschigen Pracht der achtziger Jahre ausgestattet. Karla wurde ganz beklommen zumute, und sie setzte sich andächtig auf den mit imitiertem roten Leder ausgeschlagenen Sessel. Fuchs nahm ein Formular, das oben die Firma trug: John Russels internationale Gastspielgesellschaft.
„Sie verpflichten sich also für drei Jahre bei Herrn Russel als dramatische Sängerin. Verpflichten sich, überall da zu singen, wo Herr John Russel Sie allein oder mit seiner Gesellschaft hinschickt.“
Karla nickte strahlend.
„Ja, natürlich“ ...
Altmann trat vor.
„Nein ... nicht überall. Deutschland ist ausgenommen.“
Fuchs drehte sich ärgerlich über die Störung auf dem Stuhl herum.
„Aber von Deutschland spricht ja kein Mensch“ ...
„Ja, eben darum. Ich möchte eben, daß Deutschland schwarz auf weiß ausgenommen wird.“
Fuchs blickte John Russel an. Der rauchte schläfrig und völlig interesselos eine Zigarette.
„Meinetwegen“, fiel es in unterdrücktem Gähnen von seinen Lippenwinkeln herab.
„Schön — Deutschland ausgenommen.“
Der Kommissionsrat kritzelte etwas in das Formular hinein. Dann las er verschiedene Paragraphen vor, trug die Höhe der Gage ein ...
Karlas Herz schlug, wie wenn eine Faust gegen eine Tür donnere.
Abermals trat Altmann vor.
„Die Gage von hundert Dollar die Woche versteht sich natürlich nur für den Fall, daß meine Frau als Mitglied der Gesellschaft auftritt. Wenn Herr Russel meine Frau als Einzelkraft dem oder jenem Theater — in welchem Lande immer — abtritt, dann ist die Gage jedesmal vorher zu bestimmen.“
Fuchs warf den Federhalter wütend auf den Tisch.
„Sie reden hier nicht mit kleinen Kindern, lieber Altmann! Was sind das für Geschichten!“
Altmann beherrschte sich.
„Sehr wichtige Geschichten, Herr Kommissionsrat. Denn wenn Herrn John Russel die Lust anwandelte, meine Frau für zweitausend Mark pro Abend in New York oder London singen zu lassen, mit einer Garantie von achtmal im Monat, so würde Herr John Russel über vierzehntausend Mark in diesem Monat an meiner Frau verdienen. Das ist zuviel.“
John Russel wachte auf. Er warf den Zigarettenstummel in den nächsten Aschbecher und schlug sich mit den dickrippigen, rötlichen Lederhandschuhen auf das Knie.
„Oh ich sehe, Herr ... Herr ... beg your pardon — Herr Altmann — Sie haben Ihre Beschäftigung bereits gefunden.“
Er stand auf, näherte sich lässig dem Tisch und blickte über Fuchsens Schulter in den Vertrag. Um seinen rissigen, schmalen Mund lag ein ironischer Zug.
„Es fragt sich doch noch sehr, Herr ... Herr Altmann, ob ein Präriepferd hohe Schule gehen kann. Nehmen Sie mir den Vergleich nicht übel. Aber mir fällt kein besserer ein. Well — nehmen wir an. Nehmen wir an, Ihre Frau wird eine Patti — wer macht sie dazu? Ich. Solche Stimmen wie Ihre Frau haben nicht sehr viele, nein ... aber immerhin einige. Wenn Sie lange Umstände machen, dann — shakehands und Gott befohlen. Business müssen bei mir schnell erledigt werden, sonst verlier’ ich die Lust. Also: Wenn Ihre Frau als Einzelkraft auftritt, bekommt sie als Gage die Hälfte von dem, was der Direktor des betreffenden Theaters zahlt. Wollen Sie, oder wollen Sie nicht? Ja oder nein? ... Ja?! Well“ ...
Es hätte gar nicht des verzweifelten Zupfens von Karla bedurft, die bald rot, bald blaß wurde. Altmann hatte seine letzte Spannkraft aufgeboten und wäre auch auf weniger eingegangen.
„Einverstanden“, sagte er mit trockenen Lippen.
„Na ... endlich! Herrschaften, ich habe auch noch andere Leute draußen“ ...
Der Kommissionsrat nuschelte die letzten Paragraphen in seinen weißen Schnurrbart hinein, während John Russel gelangweilt die Bilder an der Wand betrachtete, und schob dann den Bogen Karla zu.
Ihre Unterschrift war ihre erste Tat in dieser ganzen Verhandlung. So gezittert hatte ihre Hand nicht in der Sakristei, wie jetzt, da sie die Feder ansetzte. Fragend blickte sie auf Altmann.
„Unterschreiben Sie: Karla König, verehelichte Altmann“, sagte Fuchs. „So. — Nun Sie als Ehemann. Und zum Schluß, dear friend ...“
Er legte den Federhalter liebevoll zwischen John Russels Finger. Die Buchstaben waren nicht zu entziffern. Der Name sah aus wie ein Firmenzeichen.
Karla schnellte von ihrem Stuhl.
„Sind wir jetzt fertig?“
John Russel nickte.
„Fertig. Das heißt ...“
Er hielt Karlas feste Hand, die sie ihm entgegengestreckt hatte, einen Augenblick zwischen den Fingern und fegte mit seinem Blick gleichsam über sie hinweg.
„Hände pflegen, Karla König! Das ist sehr wichtig. Und dann a bit of Aufmachung! Nicht so als Großmutter herumlaufen, in schwarzem Seidenkleid! Das lieben wir Amerikaner nicht. Einfache Frisur und schicke Toilette. Keine Stirnlöckchen. Die trägt keine Dame bei uns. Hübsches Schuhwerk, feine Handschuhe — nicht zu eng!“
Er übersah es, daß Karla blutrot vor ihm stand und Altmann mit lebhaft gefärbten Schläfen angelegentlich den Vertrag faltete. John Russel griff in die Brusttasche und holte eine Handvoll Scheine heraus.
„Hier sind zweitausend Mark, Herr Altmann, für ein paar Anschaffungen. Wenn Sie mehr brauchen — bitte. Ich werde Ihnen den Vorschuß ganz langsam abziehen lassen.“
„Danke.“
Zum zweiten Male dankte Ernst Altmann. Er hatte zwei kleine, runde Flecken auf seinem sonst so farblosen Gesicht, und selbst das Weiß der Augen war gerötet. Er drückte ein paar Hände, eine weiche, schlappe und eine harte, rissige — mit Nägeln, die so hart wie Knochen waren. Er stand unten auf der Straße und sah, wie Karla immer vor ihm herlief und wild die Notenmappe schwenkte.
„Wir wollen einen Wagen nehmen ... Drooschke! .. Halt! — Halt!“
Sie schrie aus Leibeskräften, und ein Straßenjunge parodierte: „Drooschke! ... Droooschke!“
Sie lachte und stieg ein. Es war Altmann, als zöge sie ihn gewaltsam nach.
„So komm doch ... Herrgott, bist du langweilig ...“
Das Pferd trottete los. Sie drückte Altmanns Hände. Sie zwickte ihn in den Arm.
„Wach’ doch auf, du! ... Wach’ auf, oder ich küsse dich hier mitten auf der Straße ab!“
„Karla“ ...
Die starke, aus tausenderlei widerstreitenden Gefühlen gemischte Empfindung fand keine Auslösung bei ihm. Mit einem Federstrich hatte er sein ganzes Leben umgestürzt. Karla war nicht seine Frau. Er war ihr Mann.
Wie sie den Wagen herangerufen ... es war lächerlich, das nur zu bemerken. Aber es war doch anders, als es bisher gewesen .... Und so vieles würde anders sein ... so vieles, was demütigte und verwundete. Und kam es nicht von ihr — so kam es von den anderen ...
„Halt’ dich, Karla“ ...
„Ach was!“
Wie ein wildes Schulmädel hupfte sie auf den hohen Wagenkissen.
„Adele wird Augen machen. Adelens Gesicht, du! Vierhundert Mark als Versicherungsbeamter. Wie kommt dir das vor, sag’, Ernst? ... Wie kommt dir das vor? ... Und Schmerzchen, mein süßes, geliebtes Schmerzchen! Der nehme ich eine Nurse, wie Stowns eine haben. Nu gerade! Eine echte Nurse, mit englischem Häubchen. Und in Amerika soll sie eine Negerin als Wärterin kriegen ... eine richtige, dicke Negerin, du! Das finde ich rasend vornehm!“
Altmann schreckte plötzlich auf.
„Isolde — du denkst doch nicht etwa daran — —?“
Er brach ab. Sie hatte nichts gehört. Sie trieb den Kutscher zur Eile an:
„Los, los, Alterchen ... Sie kriegen auch ein fürstliches Trinkgeld ... fürstlich!“
Lachend plumpste sie wieder in den Wagen zurück.
„Du, Ernst, unter uns: gesungen habe ich wie ein Schwein. Ich dachte, Fuchs schmeißt mich raus! Mir lag auf einmal gar nichts mehr an der ganzen Sache ... gar nichts .... Komisch, was?“
Altmann antwortete nicht. Nur seine Hand legte sich schwer auf die ihre.


Die Abreise war auf den ersten November festgesetzt.
Karla lief mit rotgeweinten Augen umher. Probierte bei den Schneiderinnen und schluchzte zwischen zwei Angaben auf, las Luisen aus einem englischen Buch vor und barg den Kopf plötzlich, von wildem Weinen durchrüttelt, in den Händen.
Schmerzchen sollte in Berlin bleiben. Das war nicht auszudenken! Das war unmenschlich! Wer durfte sie von ihrem süßen kleinen Kinde trennen?! Sie verdiente so ungeheuer viel Geld — wer konnte ihr da verbieten, das Kind mitzunehmen?! ...
„Es ist gar nicht so viel Geld“, sagte Altmann.
Adele aber rief:
„Und wenn es Millionen wären — kannst du dein Kind den Fährlichkeiten solch einer Reise aussetzen, ja? Ihr werdet ja immerfort unterwegs sein, in der Eisenbahn gerüttelt, auf dem Schiff geschaukelt. Und dann der ständige Klimawechsel! Bedenke, daß die kleinen Kinder schon hier bei jedem Witterungsumschlag dem Brechdurchfall ausgesetzt sind! Dann kommt das Zahnen ... Wenn du Isoldchen verlieren willst, durchaus in den Tod jagen willst — bitte. Aber was ich dann von dir als Mutter zu halten habe, brauche ich dir nicht erst zu sagen!“
„Lächerlich“, sagte sie nur mit Achselzucken.
Luise machte nicht so viele Worte.
Über so etwas „debattierte“ man doch überhaupt nicht! Karla fuhr zu Papa. Sie hatte ihm nur brieflich von dem fabelhaften Engagement nach Amerika Mitteilung gemacht.
Ein Fräulein in entsetzlich rosigen Tripots und einem kaum bis zu den Knien reichenden Faltenröckchen öffnete.
„Herr König gibt gerade Unterricht.“ ...
Karla fuchtelte nervös mit ihrem Täschchen herum.
„Sagen Sie Papa, ich müßte ihn sprechen. Unbedingt. Wenn auch nur fünf Minuten.“
Das Fräulein hüpfte zur Saaltür, während Karla in die Wohnstube ging.
Auf dem Mitteltisch stand noch unabgeräumt das Morgenfrühstück. Meißner Tasse, Silberkörbchen, so wie Papa es jetzt liebte. Die Schachzeitung lag aufgeschlagen neben der Tasse; am Rande hatte er mit dem Bleistift Notizen gemacht.
Auf der anderen Seite des Tisches stand Paulinens Arbeitskörbchen, angefüllt mit Florstrümpfen in allen Farben.
„Ja — Kleine ... was gibt’s? Du mußt entschuldigen ... ich habe zu tun.“ ...
Der Papa war in kurzen, hellgrauen Kniehosen und Escarpins. Ein blütenweißes, weiches Hemd bauschte sich unter den hellblauseidenen Trägern. Statt eines Kragens umgab ein weißseidenes, weiches Tuch seinen Hals. Die weiße Locke klebte ihm feucht an der Stirn, und seine Finger zwirbelten an einem weißen Batisttuch, von dem ein durchdringender Fliederduft ausging.
„Gratuliere übrigens zu dem Engagement. Scharmant, scharmant! Was kriegst du eigentlich?“
Er warf dabei einen scharfen Blick auf den Tisch, versenkte zwei Finger in die Zuckerdose, tauchte das ergriffene Stückchen in die Sahnenkanne und zerdrückte es mit leise schnalzendem Geräusch am Gaumen.
Karla nannte die Summe und wollte weitersprechen. Aber er schnitt ihr das Wort ab, mit einer kurzen, eleganten Bewegung seiner kleinen Hand.
„Wenig, liebes Kind — sehr wenig. Hoffentlich kommst du aus. Fährt Altmann mit, ja? ... Gut, gut. Dein Mann scheint ein sparsamer Herr zu sein. Einer muß sparen können in der Ehe. Ich hab’s nie gekonnt .... Dafür ... tja ... na ... das sind alte Geschichten. Pauline ist übrigens auch sparsam — aber mit Maß. Habe die Kündigung zurückgenommen ... tja. War immerhin nett gemeint, daß sie dich behielt. Wie geht’s dem kleinen Fräulein, wenn man fragen darf? Gut, ja? Wann fahrt ihr?“
Er tauchte ein zweites Stück Zucker in das Kännchen, mit zierlich gespreizten Fingern.
Karla sah ihm mit großen Augen zu. Was hatte sie eigentlich erwartet von dem zierlichen, genäschigen alten Herrn? ... Rat? ... Unterstützung ihres Wunsches? Mitleid? Sie wußte jetzt ganz genau, daß er ihr nicht geben konnte, wonach sie verlangte. Nur um es gesagt zu haben, murmelte sie:
„Du warst doch drüben in Amerika. Da wollte ich dich fragen, ob ich nicht Schmerzchen mitnehmen könnte? ...“
„Wen mitnehmen?“
Der Papa blinzelte verständnislos mit den Augen.
„Wen — — —?“
„Nun, mein Kind — Schmerzchen!“
Der Papa pirouettierte auf seinem Absatz, hüpfte dann wie ein Ball in die Luft und machte einen Entrechat.
„Schmerzchen! Entzückend! Also — Schmerzchen soll mit nach Amerika? Sage mal, wie bist du auf den Namen gekommen?“
„Aus meinen Schmerzen heraus ... so.“
Karla warf ihr Täschchen auf den Tisch und fing wieder an zu weinen.
„Ta ta ta ... Nur kein Drama, bitte, Karla ... Du weißt, ich kann Tränen nicht leiden ... ich ...“
Er tupfte ihr ziemlich ratlos mit dem Tuch über die Wangen.
„Ich habe ja nichts gegen den Namen. Originell! Ich liebe, was originell ist. Schmerzchen — scharmant. Ich schicke Schmerzchen heute noch Schokolade. Zu jung — wie? Tja ... schwer, den Geschmack so kleiner Damen zu treffen .... Aber nach Amerika? Wahnsinn! Kunst und Kind — haben nur den ersten Buchstaben gemeinsam. Tja ... liebes Kind ... Künstlerin ... das ist ... das muß ein Wesen sein so zwischen Weib und Göttin. Nichts Irdisches ... sonst wird nichts draus. Haus ... Küche ... Windeln ... sehr ehrenwert, gewiß ... aber puah! Schon der Gatte zuviel ... viel zuviel .... Aber nicht unüberwindlich. Den elendesten Geliebten akzeptiert man eher als den trefflichsten Gatten! Das ist so! Eine Künstlerin ist Allgemeingut! Ein jeder muß glauben können, daß er sie für sich gewinnen kann. Das schafft Konkurrenz um sie herum, das gibt ihr Erfolg. So war es immer, und so wird es bleiben! Und wer’s nicht glaubt, der spürt’s am eigenen Leibe! Für den Anfang ist Altmann ganz gut. Netter, anständiger Kerl. Sieht gut aus. Ein bißchen Holzfigur — macht nichts. Zieh’ nur los mit ihm ... aber nachher — Vorsicht! ... Und Schmerzchen ... die hat ja ein paar Tanten ... vortrefflich. Die sollen sich nur um sie kümmern. Dazu sind Tanten da. Sei froh, daß du meine Einzige bist. Du kommst nicht in Verlegenheit, Tante zu werden! ...“
Er tätschelte ihre Wange und lachte mit seiner harten tenoralen Stimme vor sich hin.
„Jetzt muß ich aber zu meinen Schülern. Also ... pa, Kleine .... Wann fahrt ihr? Laßt mich’s wissen — ich komme dann zur Bahn .... Du, ich höre Pauline, die kommt vom Markt.“
Er tänzelte zur Tür.
„Was bringen Sie mir Schönes, Pauline, he?“
Karla sah durch die offene Tür, wie der Papa neugierig in der Markttasche herumstöberte; aber Pauline schubste ihn beiseite, als sie Karla erblickte.
„Die junge Frau ... das ist aber schön! Was macht denn unser Schmerzchen? ...“
Der Papa verschwand hinter der Saaltür, und gleich darauf ertönte eine Gavotte am Klavier und die scharfen, nasalen Kommandorufe des Papas, der mit einem langen dünnen Stock die Fußstellungen korrigierte, während er sich mit dem Oberkörper graziös hin und her wiegte. — — —
Schmerzchen blieb in Berlin. Selbst Pauline hatte zugeraten. Und sie hatte den Ausschlag gegeben. Altmann nahm einen Hundertmarkschein und drückte ihn Adele „fürs erste“ in die Hand.
„Wenn du auch sonst etwas brauchst ... ich bitte dich, halte nicht zurück damit. Ich werde dir ohnehin nie vergelten können, was du tust.“
Er kaufte ihr eine Winterjacke, da die ihre alt und recht schäbig geworden war. Luise bekam eine dunkelrote seidene Bluse. Auch für die Kinder fiel etwas ab: ein Tanzstundenkleid für Vicki und für Fritz ein Einsegnungsanzug. Wieder kamen zweihundert Mark zusammen. Karlas Ausstattung, die Anschaffung von Schiffskoffern, etlichen neuen Westen und Krawatten für ihn selbst — seine Anzüge fand er noch tadellos — das alles zusammen, mit einigen Ausgängen und einer Brosche für Pauline aus leichtem Gold, fraß doch ziemlich zwölfhundert Mark auf.
„Ach was,“ sagte Karla, „der Amerikaner hat eine offene Hand. Dem ziehe ich einen neuen Vorschuß wie nichts aus den Händen.“
Sie war, wenn nicht gerade die Verzweiflung über die bevorstehende Trennung von Schmerzchen sie packte, lustig und guter Dinge. Vicki begleitete sie oft zu den Schneiderinnen, und ihre Augen weiteten sich vor Staunen und Neid, wenn es auch nur recht bescheidene Stoffe und Zutaten waren. Aber die leuchtenden Farben, das Gleißen der billigen Seide und das Schillern der glitzernden Überwürfe raubten ihr fast den Verstand, weckten alle ihre schlummernden Begierden.
Karla hatte nicht viel eigenen Geschmack. Aber ihrer molligen Jugend und ihrer jetzt wieder frischen Gesichtsfarbe stand alles gut.
Auf dem Heimwege trat sie mit Vicki in eine Konditorei ein und ließ Vicki „aussuchen“.
„Tante, du bist himmlisch! ...“
Die Zeiten hatten sich geändert. Und Karla durchlebte die neuen mit frohem Genießen, ohne viel nachzugrübeln. Wenn Vicki vor Entzücken zerfloß beim Anblick eines Bandes oder eines Gürtels, dann kaufte Karla es ihr.
„Sei nur recht gut zu Schmerzchen, Vicki, wenn ich nicht da bin.“
Und Vicki lachte nicht mehr über den Namen, sondern nannte ihn auch. Meist ging Altmann mit Karla aus. Schon, damit sie nicht zuviel „verläpperte“. Aber im Grunde war sie keine Verschwenderin. Jetzt, da ihr bescheidener Luxushunger gestillt war, blieb ihr nur eine kleine Genäschigkeit: Mohrenköpfe und Windbeutel verschwanden in großen Mengen in ihrem Magen, und es kam nicht selten vor, daß sie sich ein viertel Pfund Konfekt oder Schokolade kaufte und heimlich aus der Tüte naschte.
Das hatte sie wohl von ihrem Vater.
Ihre frohe Stimmung hielt selten lange in der Culmstraße an. Immerhin machte sie Adele gern diese oder jene Freude. Mehr um sich der Dankesschuld zu entledigen, als um Dankbarkeit zu beweisen. Wie ein Schulmädchen aber freute sie sich, Luisens strenger Aufsicht zu entfliehen. Mit dem alternden Mädchen verband sie noch weniger Gemeinsames als mit Adele. Vielleicht war es das Antikünstlerische dieser zwei kleinbürgerlichen Frauennaturen, wodurch sie ihr unbewußt immer fremd blieben.
Pauline war die einzige.
Aber Adele hatte erklärt, Pauline wäre ja sehr nett, doch immerhin ein Dienstbote. Wenn „der Papa“ es gestattete, daß sie mit am Tische saß ... so konnte das doch nicht maßgebend für eine Frau Dr. Maurer sein!
Abends sang Karla, und Altmann begleitete sie. Adele hatte noch allerlei in der Wirtschaft zu tun, Dr. Maurer aber saß in einem Sessel und ließ Karlas Stimme über sich hinfluten. Manchmal brannte sie ihn wie Feuer, dann wieder erfrischte sie ihn wie eine kühle Brise.
Wenn sie aufhörte, fragte er: „Willst du nicht weitersingen?“
Sie hörte die Bitte heraus und lächelte. So ein guter Kerl war der Alwin — so ein dummer, guter Kerl!
Ihm zu Liebe sang sie sogar Schubert. Aber dann meinte sie jedesmal:
„Mir ist, als ob ich ein ausgewachsenes Kleid anhätte, wenn ich Lieder singe.“
Dr. Maurer lächelte ein bißchen traurig. Er hatte jede Kritik verloren.
„Du singst auch Lieder schön!“
Manchmal träumte er sich an Altmanns Stelle.
Wenn Karla seine Frau wäre! Wenn er jetzt mit ihr so in die weite Welt hinausfahren dürfte ...! Er stand auf und legte seine Hände auf ihre Schultern.
„Ihr habt’s gut, ihr zwei!“ ...
Seine weiche, mollige Hand war heiß, und Karla spürte ihr Brennen durch das Kleid. Sie machte sich frei — ein bißchen verlegen und gutmütig.
„Komm auch mit, Alwin ...“
Sie dachte sich gar nichts dabei. Aber ihm floß das schwere Blut langsam aus den Wangen.
„Ja, das wäre was ... mitkommen ... und all den Krempel schießen lassen!“
„Was redest du für dummes Zeug, Karla“, unterbrach Altmann streng.
Er kannte jetzt seinen Schwager. Der war rasch umnebelt! Hatte ihn, wer wollte. Der Augenblick war alles bei ihm.
Dr. Maurer mochte wohl dasselbe denken. Und er spürte wieder den Brodem der Kaffeegemütlichkeit, die ihn eingefangen, den herben Glanz seines kurzen geistigen Aufstieges, den Rausch, den er vom grünen Rasen mitgebracht — alles versunken im trüben Alltag; nichts Helles, Befreiendes war in seinem Leben mehr. Eine abgearbeitete Frau, zwei Kinder, die ihm noch wenig Freude machten, eine enge Häuslichkeit und Stöße von Heften, die er mit Strömen roter Tinte durchzog — ein Jahr ums andere.
Es kam vor, was sonst nie geschehen war, daß er, selbst wenn er den Abend zu Hause verbracht hatte, das Schlafzimmer erst aufsuchte, wenn Adele fest schlief. Er saß in der Wohnstube und las und rauchte.
Wenn aber Karla gesungen hatte, dann ging er leise in sein Zimmer, blendete die Lampe ab, damit sie Fritz nicht wecke, der seinen schweren Jugendschlaf schlief — und setzte sich an den Schreibtisch.
Er tauchte auch die Feder ein und schrieb. Schrieb eine Seite, die zweite. Dann strich er alles wieder durch oder zerriß es ... ganz leise — in heimlicher, verbissener Wut, die keinen Ausweg wußte. — —
Am Vorabend der Reise hatte Adele eine von Altmann gestiftete Ananas zur Bowle aufgesetzt. Die Kinder hatten aufbleiben dürfen, und Karla lief in einem alten Fähnchen herum, denn die neuen Kleider lagen schon in den offenen Koffern, und das Reisekleid aus dunklem Braun, mit hübschen, hellen Lederklappen sollte erst morgen eingeweiht werden.
Schmerzchen schlummerte tief und ahnungslos in ihrem Wagen, die Flasche im Arm. Adele dachte an ihre Nachtruhe und hatte Karla strengstens untersagt, das Kind noch einmal herauszunehmen.
„Nein, nein“, versprach Karla und ballte ihr nasses Taschentuch zusammen.
„Ich tu’ ja nichts ... nur ansehen muß ich es ... ansehen ...“
Luise legte streng mahnend den Arm um sie.
„Man soll Kinder nicht ansehen, wenn sie schlafen ... davon wachen sie auf. Komm — sing’ uns was zu guter Letzt.“
„Ich bin gerade in der Stimmung!“
Dr. Maurer blickte auf die Schwestern, die Kinder und schwieg. Aber Karla sah ihn an in diesem Augenblick — und er tat ihr leid.
Adele brachte die Bowle, das Dienstmädchen folgte mit einem Berg kleiner Kuchen, die Luise mitgebracht hatte.
„Ich bin wie zerschlagen“, sagte Adele und fiel aufs Sofa.
„Du Gute ... Liebe.“
Altmann hätte sich in diesem Augenblick für die Schwester vierteilen lassen. Luise Altmann schenkte die Gläser voll.
„Könnt ihr nicht warten, bis die Großen genommen haben“, herrschte sie die Kinder an, die ihre Hände verdächtig dem Kuchenteller näherten.
Man stieß an. Alwin Maurer sagte was von froher Reise, glücklicher Wiederkehr — von viel Lorbeeren ...
„Und viel Geld“, flickte Adele ein.
Das war doch wirklich der einzig gültige Grund, um übers Wasser zu gehen. So recht gefallen wollte den Schwestern die Sache überhaupt nicht. Was konnte inzwischen mit dem Kinde passieren? Und dann überhaupt — gab es nicht in Deutschland große Bühnen genug? Wenn schon durchaus Theater gespielt werden mußte! Und als was begleitete eigentlich Ernst seine Frau? Er hatte undeutlich gemurmelt: „Ich werde dem Direktor zur Hand gehen.“
„Also stellvertretender Direktor?“ hatte Luise gefragt.
„Nicht ganz. Mehr gelegentlich ... wenn er meiner gerade bedarf.“
Das Ehrgefühl der Schwestern litt. Und sie fragten nicht mehr. Jetzt stießen sie mit den Gläsern an und dachten sich ihr Teil. Sie hatten etwas gegen Karla. Es kam sie bitter an, daß Karla einem gewissen Glanz entgegenging, während ihr Bruder taten- und ruhmlos im Schatten blieb.
„Na, vertragt euch nur immer“, sagte Luise.
„Und spart“, ergänzte Adele.
Draußen läutete es. Und da es bald halb zehn war, so blickten alle befremdet auf. Das Mädchen meldete, eine Frau wäre draußen und frage nach der jungen Frau Altmann.
Karla schlug in die Hände. Pauline — das war Pauline! Sie zog sie ins Speisezimmer, wo jetzt nur eine kleine Lampe brannte. Pauline brachte was Selbstgebackenes für die erste Reise. Karla umarmte sie.
„Ach, Pauline, wenn ich Schmerzchen bei Ihnen lassen könnte, wenn ....“
Pauline schüttelte kummervoll den Kopf.
„Tja ... nun ist aber doch der Herr Papa so ...“
„Ja ... das ist er — —“
Aber der Papa hatte Pauline ein kleines Uhrchen zum Anstecken für Karla mitgegeben. Ein entzückendes kleines Uhrchen, mit einem Bajazzo in roter Emaille darauf, der auf einer Perlenstange balancierte. Und auf der Innenseite hatte er eingravieren lassen: „Zur Ausreise meiner Kleinen ins Leben mit der Bitte, das Gleichgewicht zu behalten.“
So klein waren die Buchstaben, daß Karla sie kaum entziffern konnte.
„Der Herr Papa hat Augen wie ein Adler; hat gleich bemerkt, daß ein Komma fehlt.“
Pauline sagte das mit einem gewissen Stolz.
Nun führte Karla sie an Schmerzchens Wagen. Es gab wieder ein paar Tränen, heiße Bitten und feierliche Versprechungen.
„Kommst du nicht, Karla?“ rief Luise.
„Ja ... ja ... gleich!“
Sie hätte Pauline zu gerne ein Glas Bowle angeboten, aber nun waren doch die Schwägerinnen so komisch ...
„Ich schreibe Ihnen, Pauline. Meine erste Karte aus Amerika, die kriegen Sie ...“
„Laß sehen“, sagte Adele, als Karla mit dem hoch in der Hand blinkendem Uhrchen wieder eintrat. „Sehr hübsch. Dein Papa scheint viel Geld zu verdienen.“
„Ich hoffe doch“, entgegnete Karla spitz.
Die Kinder wollten nun auch die Uhr sehen. Sie schrien und lachten.
Altmann mußte sehr laut sprechen, um sich verständlich zu machen.
„Wie? Was ...? Ich verstehe nicht ... Kinder seid doch ruhig ....“
Alwin Maurer stand auf. Sollte das der letzte Abend sein? Würde er an diesen Höllenlärm denken müssen, wenn er sich Karlas Bild zurückrief?
„Wollen wir nicht doch noch etwas Musik machen?“
Es klang fast bittend.
„Ja .. das ist recht ... ich will Luise inzwischen Karlas Sachen zeigen, die heute noch gekommen sind ....“
„Ich geh’ mit ....“
Vicki schoß als erste durch die Tür. Die Schwestern folgten. Fritz lümmelte sich am Ofen herum.
„Na — und du ... in die Klappe, was?“ ...
„Nöö ... ich bleibe noch.“
Fritz blieb immer, solange es noch etwas auf den Schüsseln gab.
Karla sang — jubelnd und tief ergreifend. So war ihr Abschiednehmen. Sie stand auf der Schwelle eines neuen Lebens, und die Bängnis, der sie sich in manchen Stunden nicht erwehren konnte, gab ihrer Stimme manchmal eine wehe, zarte Süßigkeit.
Als sie endete, kreuzte sie die Hände unter dem Kinn und atmete tief auf.
„Danke, Karla ... von ganzem Herzen danke ich dir ....“
Alwin Maurer schüttelte immer wieder ihre Hand — so krampfhaft, daß sie bald aufgeschrien hätte. Aber das Lächeln blieb wie eingefroren um ihre Lippen. Wie furchtbar mußte das für den guten Alwin sein, daß er ihre Stimme so lange nicht mehr hören würde ... so sehr lange nicht ...! Sie hätte weinen mögen um ihn ... fast so sehr wie um Schmerzchen.
Dr. Maurer schluckte ein paarmal hintereinander. Die Schüler kannten das an ihm, wenn ihn etwas stark erregte. Schluckte, ließ Karlas Hand los und trat zurück. Dabei stolperte er über Fritzens vorgestreckte, unförmige Füße.
„Zum Donnerwetter, Bengel ... paß doch auf ...“
Er brach ab.
Fritz blickte mit glänzenden, starren Augen auf Karla. Als wollte er sie verschlingen, und doch ehrfürchtig, wie auf ein Wunder.
„Na, was ist los, Junge ... was ist los?“
„Wie die singt ...“
Es klang lächerlich häßlich, wie das so hervorgestoßen wurde in der knabenhaft plumpen Art und mit der zum ersten Male mutierenden Stimme.
Aber Karla lachte nicht. Und Dr. Maurer sagte — weicher, als er sonst zu Fritz sprach:
„Mach’ Schluß, Junge. Was Besseres kommt nicht nach.“
Altmann sammelte das Letzte von Karlas Noten zusammen. — — —
Bildhübsch sah Karla am nächsten Morgen aus, als sie ihren Kopf mit dem langen, braunen Schleier zum Abteilfenster vorbeugte. Ihre Lider waren zwar geschwollen, und ihre Finger spielten aufgeregt mit der Kante ihres Taschentuches. Es traf sich, daß es ein Sonntag war, und die ganze „Culmstraße“ war vollzählig auf der Bahn.
„Küßt mir Schmerzchen.“ Sie brachte es kaum noch über die heißen, roten Lippen. Gleich darauf flatterte ihr Tüchlein.
„Der Papa kommt noch ... der liebe Papa!“ ...
Er kam — elastisch, elegant, in seinem auf Taille gearbeiteten Überzieher. Er hielt ein paar Teerosen in der Hand und vollführte mit ihnen zierliche Figuren in der Luft. Dann warf er sie Karla ins Fenster — graziös und sicher, und begrüßte die Familie mit einem mehrfachen kurzen, höflichen Neigen des Zylinders.
„Du, Kleine ... im Dezember findet in New York ein großes Schachturnier statt. Wenn du gerade da bist, grüße Tschigorin von mir. Nicht vergessen! Schreibe ihm. Er wird schon kommen. Sage, ich erwarte ihn bei mir im April. Tschi—go—rin ... Herrgott, Kleine, den kennt doch jedes Kind! ... Nicht weinen ... ta ta ta ... Unsinn — Paa — Paa!“