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Die Primadonna

Die Primadonna (continued 6)

Reading edition

Es sah immerhin recht eigenartig und hübsch aus bei Völkels, obwohl Vicki selbst wenig hineinpaßte in den verstiegenen, neuartigen und noch nicht geklärten Stil ihrer Wohnung. Ja, sie gestand sogar, daß ihr die schwarzen, geraden Fenstervorhänge im Schlafzimmer gruselig und die kaum zu bewegenden drei Sessel im Wohnzimmer unbequem seien. Immerhin — Bodo hätte es so ausgesucht, und was Bodo beschloß, war geheiligt.

Nur wenn er nicht zu Hause war, schleppte Vicki einen Rohrstuhl aus der kleinen Stube neben dem Schlafzimmer überall mit sich herum oder setzte sich in die der Sparsamkeit wegen ungeheizte Kammer, wo sie wenigstens in aller Bequemlichkeit und ohne befürchten zu müssen, die stilvollen Möbel zu verderben, ihre häuslichen Angelegenheiten erledigte: das Gemüse putzte, Kinderwäsche zuschnitt, flickte und ihre Ausgaben einschrieb.

Das Ausgabenbuch machte ihr viel Kummer. Bodo aber hörte kaum zu, wenn sie ihm von teuren Zeiten oder gar von Marktpreisen sprach.

„Ja ... ja ... na, das wird ja mal anders werden. Sieh doch zu, daß die Eltern ein bißchen aushelfen ...“

Es war ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, auszuhelfen. Sie hatten den Salat angerührt — bitte! Dieses „Hundeleben“ war nur erträglich, weil Vicki ein im Grunde liebes, vernünftiges Ding war, das die Schwierigkeiten seiner Lage einsah und ihm kleinweise auf ihre Art half.

Selbst dem Onkel hatte sie im Laufe der Monate an dreihundert Mark abgeluchst, das Schlauchen, mit ihren hübschen blauen Augen und ihrem molligen Gehabe. Wenig genug! Aber immerhin etwas.

Die Zärtlichkeiten des Onkels waren nicht immer nach Vickis Geschmack. So bitter es ihr ankam — lieber noch holte sie Aushilfe bei der Mutter.

Adele schlug die Hände zusammen: „Schon wieder? ... Noch? ... Worauf geht denn das viele Geld bloß?“ ...

Sie rechnete der Tochter vor, wieviel ihr eigener junger Haushalt gekostet hatte. Nicht die Hälfte!

„Und Vater hatte immer ein paar Silberstücke in der Tasche zum Ausgehen!“

Das war jetzt anders. Die Silberstücke bekam Vicki. Und wenn’s in den letzten Tagen des Monats nicht langte für Fleisch, dann aß sie eben ein paar Eier oder einen Grießbrei, während er auswärts speiste, bei Bekannten oder auf Borg in einem guten Gasthaus, wo man ihn kannte! Und der Kellner rief sogar beim Weitergeben der Bestellung zur Küche: „Für den Herrn Baumeister!“, woraufhin Bodo Völkel das Essen besonders reichlich zugemessen wurde.

Der Bodo kannte sich eben aus. Der Bodo war nicht so wie Vater! Der Bodo verstand es, sich in der schwierigsten Lage zu helfen! Sie würden noch alle staunen, wie weit der Bodo es brächte! Das stilisierte Bauernhaus hatte er dem Grafen Gaudlitz ausgeredet und einen Plan für ein prachtvolles vierstöckiges Miethaus entworfen. Die Zukunft Berlins läge in der Gegend! Palast an Palast würde sich da erheben. Graf Gaudlitz sollte den Anfang machen.

„Und der Graf ist darauf eingegangen. Nur ist es mittlerweile zu spät geworden, und so kann der Bau erst im Frühjahr beginnen.“

„Das Bauernhaus jetzt wäre mir lieber gewesen als der Palast in der Zukunft!“

Adele seufzte schwerbedrückt auf; immerhin, sie gab die heiß verlangten Goldstücke.

Eine stürmische, rasche Umarmung, und Vicki verschwand bis zur nächsten Geldklemme.

Adele aber sah, wie ihr Mann immer grauer wurde in der stickigen Luft des verqualmten Zimmers und der überfüllten Schulstube. Ja, es kam vor, daß er mit warmen Flanelltüchern über dem Magen zum Unterricht ging, oder daß sie ihm rasch Pfeffermünztee mit Baldrian hereinbringen mußte, wenn er mit einem Privatschüler an seinem Tisch saß.

Sie sagte dann: „Du mußt zum Arzt. Ich verlange es, Alwin ...“

Und er nickte: „Ich war ja bei ihm ... es ist nichts. Ein nervöses Magenleiden ... ich sollte das Rauchen aufstecken. Aber die zwei Zigarren täglich ... wenn man darauf auch verzichten soll ...“

Das gab ihr jedesmal einen Stich. „Darauf auch!“ Das andere war Karla. Mit seinen regelmäßigen Besuchen in der Landgrafenstraße war es vorbei. Die Zeit dazu brachte er nicht mehr auf. Und abends war er wie abgeschlagen, hielt sich kaum noch beim Abendbrot aufrecht und schlief mit der Zeitung in der Hand in der Sofaecke ein.

Dann sah sie es recht deutlich, beim weißen Schein der Gaskrone, wie schlecht er aussah, wie tief seine Augen eingesunken waren, wie schlaff die Haut ihm um die Wangen hing. Auch sein Haar hatte sich bedenklich gelichtet, das wellige, blonde Haar, das es ihr einst angetan hatte! An den Schläfen ringelten sich graue Büschel, und auch der kurze blonde Bart war mit Silberfäden durchsetzt.

Es kam vor, daß Adelens Augen sich feuchteten und eine bange, stumme Frage ihr aus dem Herzen stieg: Warum war er ihnen so schwer geworden, der Kampf mit dem Leben, warum hatte ihr armer Mann seine Tage in Arbeit und Mittelmäßigkeit verbringen müssen, während so manch anderer über seinen Kopf hinweg höher gestiegen war?

Was hatte die Tatkraft ihres armen Mannes so gelähmt, daß er nie über seine erste Stellung hinausgewachsen war?

Adele sprach darüber mit Luise, mit dem Bruder. Sie wußten keine Antwort darauf, alle drei nicht! Adele hatte in allem ihre Pflicht getan. Mehr als ihre Pflicht. Sie hatte keine Ansprüche gestellt, hatte ihre Kleider länger getragen als es ihre Dienstmädchen taten, hatte Stoffe gewendet, geflickt, die Kinder gewartet. Hatte die Schwester zum Verlassen des Hauses gedrängt, um ihrem Manne mehr Bewegungsfreiheit einzuräumen, hatte stundenlang darüber nachgedacht, was sie wohl kochen könnte, und ihm dann das Beste vorgesetzt, was ihre Kunst und ihr Wirtschaftsgeld hergaben, hatte durch Betteleien beim Bruder, bei Karla die Sorge um die Kinder fast zur Hälfte auf sie abgewälzt, hatte die Tochter verheiratet — in stetig wachsender Angst um ihre Zukunft und in Sehnsucht nach einem friedlichen Alter, hatte, ohne ihn mehr als nötig davon zu unterrichten, gerechnet und gespart ... und dennoch — — trotz allem und allem hatte ihr Wohlstand sich nicht vergrößert, waren seine Kräfte verbraucht, seine Gesundheit untergraben, seine Lebensenergie erschlafft! — —

So saß denn Dr. Alwin Maurer auch an diesem Sonntag mit müdem, grauem Gesicht am Abendtisch und kaute an seiner Zigarre. So recht schmecken wollte der Glimmstengel nicht mehr! An den zwei Pfennigen, die er jetzt weniger bezahlte, konnte es doch nicht liegen!

Wie früher so darauf lospaffen konnte er ohnedies nicht mehr, seit Fritz wie ein Schlot rauchte. Und unter einer Fünfpfennigzigarette tat der’s nicht! Konnte er den Häusern, in denen er verkehrte, gar nicht zumuten! Überhaupt, was der Junge verbrauchte an Handschuhen, an Blumen! Er fühlte sich schon ganz als Leutnant, machte Hausbälle mit bei den Eltern seiner Kameraden, hielt sich für verpflichtet, Aufmerksamkeiten zu erweisen.

„Die paar Blumen ... Bitte dich, Papa ... Ist doch selbstverständlich!“

Es war vieles „selbstverständlich“ für Fritz, und Adele unterstützte ihn, fand nie etwas zu viel für ihn. Es war ja auch nicht viel; aber es mußte da sein.

Die Sorgen hatten sich jedenfalls nicht verringert durch das Fernsein der Kinder.

Und während Dr. Alwin Maurer träge an seiner Zigarre zog, dachte er, daß es eigentlich schon ein Alteleutetisch war, an dem er jetzt mit Frau und Geschwistern saß. Wie schnell die jungen Jahre doch vergangen waren! Und wie wenig Jugendlust in ihnen gewesen war ... wie wenig Freudigkeit und Vorwärtskommen!

Draußen klingelte es, Adele ging öffnen — es war Karla.

„Endlich ... Na ...? Wie war’s? ...“

Karla brachte eine Welle frischen Duftes mit in ihrem Pelz, ihrem Spitzentuch; sie lachte, war ganz freudige Bewegung, ihr langes Schleppkleid rauschte über die Läufer.

„Habt ihr was zu essen für mich? Ich sterbe vor Hunger ...“

Sie hielt ihre Wangen hin, drückte die ausgestreckten Hände.

„Ja ... es war wunderschön! Eine Menge Prinzen und Prinzessinnen waren da — ein Großherzog. Uniformen ... auch ein paar Fracks. Der Kaiser erschien später ... aber gerade, bevor ich drankam ... Er war so guter Laune ... hat mir die Hand gereicht: ‚Na, Frau König ... was singen Sie uns Schönes?‘ Ich konnte meinen Knix kaum zur Hälfte machen, da sprach er schon auf mich ein! ... Ich weiß gar nicht, was ich geantwortet habe! ... Na ja — im ersten Augenblick, nicht wahr? ... Und die Kaiserin — so liebenswürdig hat sie gelächelt, und ein Kleid aus hellblauem Samt hat sie angehabt und eine lange weiße Boa aus Straußfedern.“

Die Jettperlen ihres schwarzen Spitzenkleides glitzerten und klirrten aneinander bei jeder ihrer Bewegungen. Ihr dunkles Haar bauschte sich in großen Wellen um ihr froh belebtes Gesicht.

„Weißt du noch, Ernst ... mein erstes Hauskonzert bei Astrongs ... wie man da eine Schnur um uns gezogen hat? Jetzt kann ich’s verstehen. So eine Schnur braucht wohl jeder Mensch — nur daß sie bei dem einen zu sehen, bei dem anderen zu fühlen ist. Man muß nur innerlich spüren, wo sie anfängt. Ein bißchen Tastsinn muß man haben, denke ich mir, nicht wahr? Und darum bin ich so froh ... weil ich mich heute gar nicht an ihr gestoßen habe ... keinen Augenblick. Ich durfte singen und reden, wie mir der Schnabel gewachsen war, mit all den großen Herrschaften, und wenn’s wirklich einmal nicht ganz nach der Etikette ging, so habe ich doch gleich gesehen, daß mir keiner darum böse war. Nur zum Essen bin ich nicht gekommen — und es waren doch so herrliche Brötchen und Kuchen und alles mögliche da. Aber ich glaube, ich habe fünf Tassen Tee nacheinander in die Hand gekriegt und kaum einen Schluck zu mir genommen aus jeder Tasse ...“

Altmann streckte sich und weitete die Brust. Er empfand Genugtuung, ehrliche Befriedigung. So weit war die kleine König aus Kiel doch gekommen! Ob auch ohne ihn ...?

Allen schwebte es in diesem Augenblick auf den Lippen, dieses „die kleine König“. Nicht neidlos bei Adele, tief dankbar für den Bruder bei Luise.

Nur Alwin Maurer erkannte mit leiser Freude all die Einflüsse und Strömungen, aus denen dieser prächtige, frische Mensch, diese wundervolle Künstlerin, ihre Lebenskraft geschöpft hatte. Altmann ... ja gewiß. Er hatte die erste grobe Arbeit getan, das Gold von den Schlacken gereinigt — aber war es dann nicht dieser Sonderling Kapelle, der Karlas gefahrvolle Laufbahn in ehrenvolle Bahnen geleitet hatte? War er selbst es nicht gewesen, der ihr inneres Leben zu feinerem Bewußtsein geweckt hatte, und war dann nicht noch einer gekommen, der ihrer Kunst die tiefste Innigkeit gegeben, durch das Erwecken einer starken, keuschen Empfindung — —?

Sie alle zusammen hatten der Welt dieses köstliche Geschenk gegeben, das den Namen Karla König führte, und sie alle mußten es ertragen, daß sie keinem von ihnen, sondern eben der Welt angehörte, für die sie sie geformt hatten ...

„Warum siehst du mich so an?“ fragte Karla plötzlich den Schwager, und ihre Gabel, mit der sie ein Stück Schinken aufspießte, blieb in der Luft stecken.

„Du bist des Ansehens und Nachdenkens wert, Karla“, sagte Alwin Maurer, mit einem Versuch, zu scherzen.

Aber ihre Augen blieben hängen an ihm.

„Wie müde du aussiehst, Alwin .... Nicht wahr, Adele, nicht wahr, Ernst, er sieht elend aus ... er muß etwas für sich tun.“

„Ja ... das müßte er“, sagten die Schwestern wie aus einem Munde, mit dem gleichen, dumpfen Klang der Stimmen.

„Du hast heute Besseres zu denken, als dir über mich Sorgen zu machen“, meinte Dr. Maurer.

„Nein, warum ...? Gerade heute ... ja, gerade heute, neben dem Zimmer, wo sich die Majestäten befanden, habe ich über dich gesprochen ...“

„Über Alwin? Wie das?“ Altmann trat wieder nahe an den Tisch heran — auch die Schwestern rückten näher.

„Ja, das kam so ... Nachdem ich gesungen und die hohen Herrschaften mir Freundlichkeiten gesagt hatten, stand ich plötzlich — ich weiß nicht wie — im Nebenzimmer. Wie ich nun dastehe — eine ganze Menge Herren um mich herum, und der eine sehr nett — Orden von da bis da ... na, also dieser Herr spricht nun ganz besonders viel mit mir. Wo ich studiert hätte und wo ich geboren wäre, wo ich wohnte, und ob ich viel in Gesellschaften herumkäme, ob ich eine große Familie hätte, Kinder und so weiter. Schließlich wurde ich ärgerlich und platzte heraus: Ich habe ein kleines Mädchen, namens Isolde, eine Schwägerin Luise, noch eine Schwägerin Adele, einen Schwager Dr. Alwin Maurer, Oberlehrer am ... und da unterbrach er mich! ‚So ... so ... das ist ihr Schwager? Ach was!‘ Und weil ich ihn ganz dumm ansehe, erzählt er, daß er vor soundsoviel Jahren Dezernent im Kultusministerium gewesen wäre. Und damals sei ihm dein Name aufgefallen. Du hättest, sagte er, einen so famosen Aufsatz geschrieben über ... Herrgott, wie war das doch ... über den Unterricht alter Sprachen oder so was Ähnliches ... stimmt doch, nicht? Also diesen Aufsatz hatte er gelesen, und er hätte damals jedes Wort unterschreiben mögen. Und es wäre sehr mutig von dir gewesen in deiner Stellung, so etwas auszusprechen, und er hätte gleich Erkundigungen über dich eingezogen und hatte schon große Dinge mit dir im Sinn, aber dann hättest du alles zurückgenommen ... sagte er ... oder ... also ich weiß nicht mehr genau, wie das war; jedenfalls ..“

Karla fiel das Besteck aus der Hand.

„Um Gotteswillen, Alwin ... was ist dir ... was ist euch ...?“

Sie sprang vom Stuhl auf, starrte entsetzt auf den Schwager. Die graue Farbe seines Gesichtes war bleiern geworden; aber auch ihr Mann und die Schwägerinnen hatten sich verfärbt. Blicke, die sie nicht begriff, flogen von einem zum andern. Adelens Lippen zitterten, Luisens Hand krampfte sich in das Taschentuch ein.

Alwin Maurer stierte immer geradeaus.

„So sagt doch ... was ist Euch ... was ist geschehen?“

Karla war dem Weinen nahe.

„Nichts“, sagte Altmann. „Nichts jetzt ... das ist lange her ...“

Adele hatte beide Arme auf den Tisch geworfen und das Gesicht vergraben. Ihre Schultern zuckten. Luise rieselten die Tränen, klein, kalt und schnell der Nase entlang.

Karla lief auf den Schwager zu, schlang ihren Arm um seine Schultern. Der frische Duft ihres jungen Körpers rüttelte alles in ihm wach: die eigene Jugend, die frischen, starken Gedanken, das heiße Sehnen ...

„So rede doch, Alwin ... lieber guter Alwin!“

„Da gibt’s nichts zu reden ... Karla ... Ernst kann es dir später erzählen ... später ... jetzt nicht ... Es gibt eben Irrtümer ... mein Leben war ein Irrtum ... für mich und ... für die da.“

Er zeigte mit dem Kopf auf Frau und Schwägerin.

„Solange man jung ist ... kann man’s gutmachen ... aber jetzt ... da bleibt nur ein Trost: die gute Absicht. Sie meinten es ja alle gut ...“

Und er fügte hinzu:

„Dein Mann erfuhr es übrigens später. Da war es geschehen ... da hatte ich ... da hatte ich es schon getan ...“

„Wie konnten wir ahnen, daß es so aufgefaßt werden würde ... der Direktor selbst ...“

Adele schluchzte fassungslos vor sich hin. Alles war aufgewühlt in ihr. Eine Welt stürzte in ihr zusammen.

Alles, was ihr eingedrillt worden war von Jugend auf: Gehorsam gegen den Vorgesetzten, Bescheidenheit, stilles Dulden, nicht herumdeuteln an dem, was Größere aufgebaut hatten, stillschweigende Pflichterfüllung ...

War denn das alles nichts, großer Gott — war das so garnichts?

„Wir wußten es nicht anders ... nicht wahr, Luise ... anders wußten wir es nicht ...“

Alwin Maurer wollte seine Hand auf Adelens Arm legen, aber er reichte nicht bis hin; und so blieb sie liegen auf dem bläulich-weißen Tischtuch — grau, schlaff, kraftlos und wohlgepflegt — das Sinnbild seines Lebens.

Altmann legte beide Arme um die Schwestern.

„Alwin hat recht ... laßt das jetzt ... es ist müßige Spielerei, sich vorzustellen, wie es hätte sein können ... Es war nicht — weil der Geist der Auflehnung nicht in euch lag, weil ihr im Grunde Wertvolleres könnt als Umstürzen: Ihr erhaltet! Ihr seid nicht der Pflug, der den Boden aufreißt, ihr seid der Speicher, der unser Korn birgt für unser tägliches Brot. Habt Dank, ihr Lieben, auch dafür! Meinst du nicht auch, Alwin?“

Alwin Maurer nickte matt.

„Ja ... auch dafür.“

Seine Hand kroch langsam vom Tischtuch herab. Es war vielleicht gut, daß es tönende Worte gab. Die Frauen trockneten ihre Tränen.

Knapp vor zehn Uhr klingelte es von draußen. Es war Vicki. So spät am Sonntag — da hatte sie es wieder einmal „dringend“!

Vicki hatte schon den schweren Tritt gesegneter Frauen. Sie begrüßte alle flüchtig und ein bißchen verlegen. Sie begann zu erzählen.

„Der Bau“ sollte bereits im März begonnen werden. Dann klappte auch alles mit dem Geld — das würde Bodo schon einrichten. Nur die paar Monate noch ... Bodo wollte sich mit einem Kapitalisten vereinigen ... irgendeinem reichen Kerl vom Bau, der nicht viel konnte und nach Aufträgen lechzte. Es liefen so viele in Berlin herum. Bodo sagte, bald bräche die goldene Zeit für die Baumeister an. Man müsse sich nur ranhalten und endlich mal den alten Kram über den Haufen werfen. Die Leute würden wohl im Anfang schimpfen, aber das war ja immer so! Nur nicht nachgeben, ihnen das Verrückteste vorsetzen, alle alten Gesetze auf den Kopf stellen — verblüfft mußten sie werden! Und pompös mußte es sein — die Pracht müßte ihnen den Atem rauben! Dann zögen sie in die neuen Häuser ein. Vor allem die Fassade ... die Fassaden wären die Hauptsache!

„Und die Wohnungen?“ fragte Alwin Maurer.

„Bodo ist der Meinung, der Schwerpunkt der Pracht und Raumverschwendung müßte jetzt nach außen verlegt werden. Das lockt an. Die Wohnungen bedürften keiner solchen räumlichen Ausdehnung, und in einem Zimmer dürften nie mehr als drei, vier Sessel stehen und überhaupt sehr wenige Gegenstände. Unsere Zimmer sollen eine Andeutung über uns geben, keinen Roman erzählen ...“

Dr. Maurer streifte die Asche seiner Zigarre ab.

„Sehr nett — Andeutung. Nur leider stapelt sich im Laufe des Lebens allerlei Kram an, der einem wertvoller ist, als eure Andeutung. Das Leben, liebes Kind, weiß mit Andeutungen verflucht wenig anzufangen. Das sind so eure jungen Hirngespinste —“

Alwin Maurer brach ab. Ihm war es, als sähen Karlas Augen traurig zu ihm herüber.

Ja so ... nun sprach er wirklich wie ein alter Mann, wie einer, der am Rande des Lebens stand und nur zusah, mißtrauisch und übellaunig, wie die Jungen drüben ihre neue, junge Zeit zurechtzimmerten ...

„Ja .. ja .. Vicki, mag schon sein ... alles Gute deinem Mann ... alles Gute.“

Vicki küßte die Hand des Vaters, die graue, schlappe Hand. Aber ihre Augen irrten immer wieder zur Mutter — fragend, bittend.

Und die Mutter verstand.

Sie erhob sich und machte Vicki ein Zeichen, ihr zu folgen.

Sie kam zurück mit brennend roten Flecken auf den Wangen. Vicki folgte ihr, ein breites Lächeln um den Mund. Sie war wieder einmal ruhig, brauchte ihrem Bodo nicht den Kopf warm zu machen mit den teuren Marktpreisen und ihrer leeren Geldbörse. Die Mutter zankte und maulte, aber schließlich „rückte sie doch heraus“.

Vicki machte die Runde, hielt jedem ihre frische Wange zum Kuß hin.

„Das war nun alles?“ fragte Alwin Maurer und hielt sie am Kinn fest.

Er griff in die Tasche und holte einen Taler heraus.

„Für die Fahrt ... kosten soll’s dich nichts.“

„Dank schön, Papa.“

Vicki nahm alles. Zwanzig Mark von der Mutter, drei vom Vater ... es war ja für ihren Bodo, damit er einen freien Kopf hatte.

Und Karla fühlte, daß Alwin das eine wußte und das andere.

Sie saßen noch eine Weile beisammen, nachdem Vicki das Haus verlassen hatte. Alle Frohstimmung war von Karla gewichen, aber sie brachte es nicht über sich, Alwin jetzt schon allein zu lassen mit Adele ... es mußte erst alles verklingen, der Schlaf sich auf seine Augen senken, ihm Lust und Kraft nehmen, noch einmal von dem „Irrtum“ zu sprechen.

„Ja, die Abende sind jetzt still zwischen Adele und mir“, hub Alwin Maurer plötzlich an „und wenn erst Karla nach Wien geht, wird’s —“, er wollte sagen: tot — „dann wird’s noch stiller werden.“

„Ist es denn nun sicher mit Wien?“ fragte Adele.

„Vorläufig habe ich nur einen Gastspielantrag auf drei Abende für Ende Februar ...“

Karlas Augen blitzten unwillkürlich auf, aber sie wagte es jetzt nicht zu sagen, wie sehr sie sich freute.

Der Drücker wurde draußen im Vorzimmer in das Schloß gestoßen, einmal, zweimal ... die Kette klirrte.

„Das ist der Mieter“, sagte Adele auf Karlas fragenden Blick.

„Ach so ... ja ... ich vergaß.“

Alwin Maurers Mundwinkel zuckten nervös.

„Ein unausstehlicher Mensch ... als ob’s gerade der hätte sein müssen!“

„Na, na ... er zahlt sehr anständig“, begütigte Adele.

Aber gleichzeitig horchte sie auf, und mit ihr die anderen am Tisch.

Unsichere, schwere Schritte trappsten über den dünnen Läufer ... es klirrte etwas, es schlug etwas gegen einen Stuhl ... die Schritte kamen näher, die Klinke wurde von außen hart und heftig niedergedrückt — ein Mann trat über die Schwelle. Groß, breit, mit klobigen Zügen und trüben, hervortretenden Augen ...

„’n Abend ... was ist denn das, zum Deuwel nochmal, kost’ det Wasser so ville Jeld ... wie? ... Verdammte Wirtschaft ...“

Er war betrunken, schwenkte immerfort die kleine Wasserflasche vor sich her, aus der ein letzter Rest über den Estrich herausplantschte.

Adele stürzte ihm entgegen, ehe sie jemand daran hindern konnte.

Er torkelte bei der leisen Berührung ihrer Hand zurück. Altmann und Alwin Maurer sprangen zu, schoben Adele zur Seite.

„Sie sind betrunken, Mann, gehen Sie in Ihr Zimmer“, befahl Alwin Maurer.

Aber jetzt torkelte er nicht mehr, stand kerzengerade, breit und unbeweglich wie eine Mauer da.

„Betrunken? Sie sind woll ...?“

Er tippte sich an die Stirn.

„Na, und wenn? ... Sekt haben wir jesoffen, verstehn Se ... de Flasche zu zwölf Mark, und Rotwein und denn wieder Sekt ... tjawoll! ’n bisken anders, als Sie hier ...“

„Sie gehen jetzt auf Ihr Zimmer — hier sind Damen“, herrschte Altmann ihn an.

„Ick jehe ... selbstverständlich ... ick jehe, aber bloß, wenn’s mir paßt, verstehn Se ... Da haben Sie mir jar nischt zu sagen ... Wer sind Sie denn ieberhaupt? Ick kenne Sie jar nich! Ick habe nischt mit Ihnen zu tun, Sie ... Und wenn ick durch’s Speisezimmer jehe — det is mein gutes Recht hier ... allemal! Wenn ick mein’ Kopp im Badezimmer unter’n Wasserhahn stecken will, denn ... verstehn Se ... denn ...“

Altmann schob die Frauen in den ungeheizten „Salon“ hinein.

„Ihr seht doch, der Mann weiß nicht mehr, was er spricht ... Morgen muß der Kerl raus ... aber heute — —“

Adele rang die Hände.

„Fünfzig Mark zahlt er monatlich ... denke doch, Karla, fünfzig Mark ...!“

Karla sah durch die angelehnte Tür, wie der Mann drohend das Eßzimmer durchquerte, sich plötzlich an einer Stuhllehne festhielt, zusammenbrach und von einem heftigen Unwohlsein gepackt wurde.

„Das auch noch ...!“ stöhnte Adele auf. „Das auch noch ...“

Das Mädchen war nicht da, stand wohl noch vor dem Haustor. Adele holte selbst Eimer und Scheuertuch. Ihre guten Sachen mußte sie retten — die vor allem.

Aber der Ekel schüttelte sie.

Als sie wieder ins Speisezimmer kam, hatten Altmann und Dr. Maurer den Mieter in seine Stube gebracht. Er war wohl noch leichenblaß, aber sehr nüchtern. Er stammelte etwas von „infamer Kneiperei“ mit „Jeschäftsfreunden“, bat um „Verzeihung“, faselte etwas von „revanchieren“.

Im Eßzimmer war das Fenster weit auf und ließ die kalte Winterluft herein. Adele stand immer noch kurzgeschürzt in der Stube und schrubberte und schrubberte.

Alwin Maurer nahm ihr den Schrubber aus der Hand und schloß das Fenster.

„Erkälte dich nicht ... das ist wichtiger ... Über die fünfzig Mark kommen wir noch hinweg ... Aber vermietet wird nicht mehr! Zwei Stuben und Küche, meinetwegen; Fremde ... nie mehr ... hörst du, nie — ich verbiete es!“

Und wie um die Härte seiner Worte zu mildern — dieses erste Verbot in seiner langen, dumpfen Ehe — strich er immer wieder mit zitternder Hand über Adelens eisig kalten Arme.

Als er den Kopf hob, sah er Karla, begegnete dem kummervollen Blick ihrer braunen Augen. Er versuchte zu lächeln.

Karla aber wendete sich ab und schlug die Hände vors Gesicht. — — —

Verzierung, drei Sterne
Verzierung, drei Sterne
K
K

Karla zählte Tage und Stunden, die sie vom Wiener Gastspiel trennten. Aber es gab noch endlose Auseinandersetzungen darüber, ob ihr Mann sie begleiten sollte oder nicht.

Luise blickte trübe in die Zukunft. Wenn Karla Erfolg hatte in Wien, würde sie nur daran denken, dorthin zu übersiedeln! Sie alle nach Wien? Das war Wahnsinn! Luise fühlte sich nicht mehr jung genug dazu. Sie sah auch für den Bruder nichts Gutes. Was sollte er in Wien? Sein streng norddeutsches Wesen war ihnen drüben fremd. Sollte er dort nur als der Mann seiner Frau herumlaufen oder sich in der Einsamkeit vergraben? Luise verwünschte das Wiener Gastspiel.

Karla aber traf auf dem Heimwege von den Proben — zu oft, als daß es Zufall sein konnte — Gaudlitz.

Er tat immer sehr überrascht, aber die spitzbübische Freude, sie abgefaßt zu haben, leuchtete ihm aus den Augen.

Manchmal gingen sie noch eine Stunde im Tiergarten spazieren, ehe sie sich trennten, und Karla bestieg dann das erstbeste Auto, um die Tischzeit nicht zu versäumen.

Aber es kam doch vor, daß das Mädchen mit dem Auftragen warten mußte, und dann stand Luise am Fenster des Musikzimmers und spähte mit zusammengezogenen Brauen auf die Straße hinaus.

„Die Probe hat heute mal wieder lange gedauert“, sagte Altmann.

Er war arglos. Aber Luise ließ Karla nicht aus den Augen. Und Karla fühlte, wie unter diesem bohrenden, stechenden Blick jedes Wort und jede Bewegung von ihr alle Unbefangenheit verloren.

Die erste, wie sie selbst erst dachte, zufällige Begegnung mit Gaudlitz hatte sie erzählt. Luisens Gesicht war nicht angetan, sie in ihrer Offenheit zu bestärken, und so erwähnte sie seinen Namen nicht mehr. Aber ihr Schweigen wurde der Schwägerin noch verdächtiger, und Karla merkte, wie die Röte ihr oft ins Gesicht stieg während der mittäglichen Stille am Eßtisch.

Der Druck, der zu Hause auf ihr lastete, verlangte nach einer Auslösung, und da sie keine Freundschaft verband mit einer Kollegin, so gewöhnte sie sich daran, alles, was sie bedrückte, Gaudlitz anzuvertrauen.

Einmal sagte er:

„So lassen Sie doch den ganzen Krempel und ...“

„Und was?“

Karla richtete erschrocken ihre Augen auf ihn. Wie konnte sie das alles lassen? Was wurde aus ihnen allen ohne sie? Wie konnte er nur so etwas aussprechen!

„Sie müssen nicht etwa denken ... nein ... es sind lauter ausgezeichnete Menschen ...“

Gaudlitz nickte.

„Selbstverständlich ... habe ich auch nie bezweifelt. Aber diese ausgezeichneten Menschen haben nicht die Gabe, Sie glücklich zu machen. Und das ist sehr schade.“

Mehr durfte er nicht sagen, das wußte er.

Gaudlitz war jetzt oft übler Stimmung. Je teurer ihm Karla wurde, desto weniger wußte er den Weg, den er ihr gegenüber einzuschlagen hatte. Sie war entwaffnend und aufreizend zugleich.

Im Schachklub, den er jetzt öfters besuchte, traf er manchmal ihren Papa, den ehemaligen Tänzer. Über zehn Worte war er früher nie mit ihm hinausgekommen — jetzt suchte er Anknüpfungspunkte.

Aber er wurde auch aus dem zierlichen kleinen Herrn mit dem silberweißen Kopf und der altfränkischen Baletteleganz nicht immer klug. Lobte Gaudlitz eine Leistung Karlas, sprach er begeistert von ihrer Stimme, dann warf der Papa eine Kußhand in die Luft.

„Superb ... die Kleine ist superb ... überraschend ... Müßte mehr aus sich machen ... viel mehr. Aber das kommt noch. Wenn sie erst die Angst kriegt ... wenn sie erst in die Jahre kommt ... Dann kriegen sie alle das Fieber, wollen alle das Rennen machen! So lange sie jung sind, hüpfen sie herum wie kleine Mädchen — pflücken Blumen, flechten Kränze — spielen ...“

Gar so viel lag Gaudlitz garnicht an einem neuen, großen Aufstieg Karlas. Sogar das Gastspiel in Wien, für das seine Schwester sich so eingesetzt hatte, reute ihn. Er kannte seine Schwester. Entweder ernstmachen — oder weit weg vom Schuß bleiben. Wenn es ihm einfiele, in Wien zu hocken, Karlas wegen, würde Alice ihn mit ihren großen blauen Augen ernsthaft ansehen und ihn fragen: „Soll mein Haus euer Treffpunkt sein — oder was meinst du?“ ... Und wenn er dennoch blieb, dann fand Karla verschlossene Türen im Palais der Fürstin Reichenberg. Ohne ihre Schuld. Dann schadete er ihr — in den Augen der Gesellschaft, der Schwester ...

Die Sache war gar nicht so einfach. Ja, hätte er Alice nicht gleich reinen Wein eingeschenkt ...! Aber da war es eben mit ihm durchgegangen, und auch, wenn er nichts gesagt hätte — gemerkt hätte sie es.

Karlas Papa wurde einsilbig, wenn Gaudlitz auf ihr Privatleben zu sprechen kam.

„Ja — so — hm — möglich — weiß ich nicht — kümmere mich nicht — ihre Sache ...“

Der Papa hatte auch blaue Augen. Aber die konnten verflucht hart blicken, wie geschliffener Stahl. Und er hatte auch seine Mucken, der alte Herr. Merkte es doch genau, wie brennend gern er von ihm mehr und Näheres über Karla erfahren hätte — tat aber gar nichts dergleichen, spielte nur um so eifriger Schach, wenn Gaudlitz um ihn herumstrich.

Weiß der Teufel, was der Alte sich dachte. Aber er, Gaudlitz, konnte doch nicht erst in aller Form um Karla anhalten, da sie verheiratet war.

Und wie verheiratet! Das hing alles mit tausend Ketten an ihr — und sie schleppte alles mit durch.

Aus Liebe? Aus Pflichtgefühl?

Er dachte daran, seinen Rennstall aufzulösen und wieder auf Reisen zu gehen.

Alice schrieb ihm, sie könnte ihm den Posten eines Gesandtschaftsattachés in Peking verschaffen. Er telegraphierte zurück: „Geht’s nicht noch weiter?“

Es fehlte nicht viel daran, daß er ihr die Freundschaft gekündigt hätte. Sie ging diesmal zu weit in ihrer schwesterlichen Fürsorge!

Er wollte irgendwo auf einem schönen Flecken Erde seinen „Kohl bauen“, wollte Kinder haben mit einer Frau, die er liebte, wollte allenfalls aus dem umfriedeten Gehege seines persönlichen Glückes heraus erkennen lernen, was not tat im eigenen Lande. Diplomat — nein, das lag ihm nicht. Er hatte wohl den Mut, eine Ansicht vor der Öffentlichkeit zu vertreten, aber nicht die Geschicklichkeit, sie zu verbergen.

Seine üble Laune hatte den Höhepunkt erklommen.

„Ich will mal bißchen zu den Pyramiden, meinen Schnupfen auskurieren“, sagte er in seinen Klubs.

Seine Bekannten lachten, wie über einen Scherz. Aber drei Tage später war er wirklich abgereist. —

Karla ging sehr langsam von den Proben nach Hause, hielt sich in verschiedenen Geschäften Unter den Linden auf, schrak zusammen, wenn ein Hut, ein Mantel, eine Größe ihr von weitem eine Ähnlichkeit vorspiegelten.

Ihm begegnete sie nicht mehr.

Sie wurde stiller. Als hätte sich grauer Nebel auf alle Freudigkeit und Spannkraft ihrer Seele gelegt.

Es kam vor, daß, wenn Schmerzchen ihr ein Spiel vorschlug, sie sich mit einem Kuß loskaufte ...

Der Tag von Karlas Abreise war angebrochen. Karla hatte fast ihre frischen Farben verloren — beinahe wäre Altmann doch mit ihr gefahren, weil er ihr stilles und gedrücktes Wesen der Angst vor dem Wiener Auftreten zuschrieb.

Auch jetzt noch, am frühen Nachmittag, sagte er:

„Du weißt, Karla ... wenn du mich brauchst, wenn es dir eine Beruhigung ist ... meine paar Sachen sind gleich gepackt ...“

Vielleicht hoffte er, sie würde sagen: „ja, ich brauch dich.“ Aber es wäre eine Lüge gewesen, und sie sagte es nicht.

Sie dankte nur ein bißchen matt. Die Fürstin würde sich ihrer annehmen in Wien.

„Ja ... das ist auch mir eine Beruhigung“, gab Luise zu. „Das scheint ja eine ganz reizende Dame zu sein ....“

Luise hatte gar nichts mehr gegen die Fürstin Reichenberg, seit Karla ihr den letzten Brief zu lesen gegeben. Die Fürstin hatte für den Vorabend ihres Auftretens einen großen musikalischen Abend bei sich anberaumt, Karla sollte singen und sich gleich Publikum schaffen.

„... alle unsere Freunde sind schon sehr gespannt auf Sie und freuen sich. Von meinem Bruder erhielt ich Nachricht aus Kairo, wo er einen Bronchialkatarrh auskuriert. Mein Mann küßt Ihnen die Hand ....“

Luise war ganz ruhig. Und es war sehr überflüssig, daß der Bruder die Unbequemlichkeit einer Reise auf sich nahm. Karla war erwachsen genug ...

Maurers hatten sich am Bahnhof Zoologischer Garten eingefunden. Adele erzählte von ihrem im April bevorstehenden Umzug. Drei Zimmer und Nebengelaß, mit Gartenbenutzung! Ganz neues Haus, Warmwasserheizung und wunderschöne Tapeten. Den ganz alten Kram wollten sie verkaufen, das gab dann Geld für ein paar Anschaffungen. Auch mit dem Dienstmädchen hatten sie sich’s überlegt. Sie brauchten nur eine Bedienungsfrau.

... Vielleicht klopfte man auf diese Art eine Reise nach Karlsbad für Alwin zusammen. Der Arzt hatte gesagt ...

Alwin drückte den Arm seiner Frau herunter und unterbrach:

„Das hat ihm Adele in den Mund gelegt .... Badereise — lächerlich!“ Er reichte Karla noch einmal die Hand durch das Fenster ihres Abteils.

„Mit hellen Augen wiederkommen, Karla ..“

Karla lächelte mit einem wehen Zug um den Mund.

Es war nicht mehr das erstemal, daß sie allein zu einem Gastspiel reiste, aber doch schien es ihr, als wäre es diesmal etwas ganz anderes, etwas viel Bedeutsameres .... „Telegraphiere gleich, wie du angekommen bist“, sagte Altmann.

Er hatte sich von „seinen Leuten“ entfernt und stand einen kurzen Augenblick allein vor Karlas Fenster. Es überkam ihn etwas, was ihm die Augenlider rötete. Wie eine heiße, zärtliche Welle war es, wie ein ganz plötzlicher Schmerz, eine unerklärliche Sehnsucht. Wenn sie ihm jetzt sagte: „Steig ein, Ernst, fahren wir zusammen —“, er hätte sich nicht besonnen. So wie er da stand, wäre er gefahren. Und es riß ihn, es zu tun, ohne ihre Worte abzuwarten.

„Du, Karla ...“

Sein Körper wendete sich, als suche er die Wagenstufen, in seinen Augen glomm es auf.

„Du, Karla ...“

Aber die letzte Tür wurde zugeschlagen, die Schwestern drängten sich mit ihren weißen Tüchern an seine Seite.

„Zurück! ... Platz da! ...“ rief der Schaffner.

Altmann griff nach seinem Hut. Und während der Zug langsam aus der Halle glitt, die weißen Tücher neben ihm wehten, erstand vor seinem inneren Auge jener Tag, da er neben Karla an dem offenen Wagenfenster gestanden und sie beide vereint die Fahrt ins Ungewisse, in die weite Welt angetreten hatten — — — — —

— — — Karla war traurig. Traurig darüber, daß die Trennung ihr so leicht geworden war, daß sie beinahe aufgeatmet hatte, als sich der Zug in Bewegung setzte. Als wenn eine Last von ihr abgefallen wäre —

Und wie aus weiter Ferne drangen die Worte des alten Kieler Direktors an ihr Ohr: „Schleppen wirst du an ihm, denk dran, Kleine ... Du wirst schleppen!“

Nur vierzehn Tage heraus aus dem allen ... vierzehn Tage an sich denken dürfen, nur an sich und was sie tief in ihrem innersten Empfinden barg ... Wenn Gaudlitz auch weit weg war, in einem anderen Weltteil, ohne Abschied und Gruß in der Ferne blieb ... sie bebte dem Augenblick entgegen, da sie in seiner Schwester etwas von ihm wiederzufinden hoffte.

Langsam rollte der Zug über die Gleise der inneren Stadt.

Karla stellte sich an das breite Fenster des Ganges. In dem flirrenden Licht der Bogenlampen liefen und drängten die Menschen durcheinander. Plötzlich zuckte sie zusammen.

Ihre Arme wurden von rückwärts leicht umschlossen, süßer Rosenduft schlug über ihr zusammen.

„Frau Karla ...“

Sie schrie leicht auf, wurde blaß und rot.

„Graf Gaudlitz ... Sie hier ... jetzt ... reisen Sie nach Wien ... mit mir zusammen nach Wien?“

„Nach Wien nicht, Frau Karla ... aber bis zum Schlesischen Bahnhof — wenn ich darf ...“

Ob er durfte. Sie zog ihn in ihr Abteil, die Blumen im Arm. Sie lachte wieder ihr altes frohes Lachen.

„Erzählen Sie ... sagen Sie mir ... seit wann sind Sie da ... woher wußten Sie, daß ich im Zuge bin ...?“

„Das war nicht schwer, Frau Karla. Wozu hat man eine Schwester, die mit der Mitwirkung einer gewissen Karla König an ihrem Musikabend renommiert? Sie konnte es ruhig tun, denn ich hatte mich im Wüstensand vergraben. Ich war ungefährlich. So kriegte ich alles von Ihnen zu wissen, sogar die Stunde Ihrer Ankunft in Wien, und da ich nicht nach Wien kommen darf, so verließ ich Ägypten, um Sie von der Friedrichstraße nach dem Schlesischen Bahnhof zu begleiten ...“

Sein Gesicht war gebräunt, er sah so froh, so stark und jung aus, wie an jenem ersten Dämmerabend im Tiergarten.

Sie war unendlich glücklich. Sie hielt die Rosen vor ihre Augen, vor ihr Gesicht, damit er nicht sehen sollte, wie feucht ihre Augen glänzten. Und sie fand auch keine Worte mehr, solange sie zusammenblieben, und keine Bewegung.

Wie erstarrt war sie in diesem neuen, jubelnden Glücksgefühl, das weder Begehren noch Reue, weder ein Gestern noch ein Morgen kannte.

Unter dem Rattern der Räder aber und dem gelben Licht der halbverhängten Deckenlampe sagte Graf Gaudlitz:

„Ich hab’ Sie lieb, Karla, und will warten, bis Sie die Kraft finden, allem zu entsagen, was Sie jetzt beglückt und auch bedrückt. Dann, Karla — sollen Sie meine Frau werden.“

Er zog ihre Hand an seine Lippen und fügte leiser und nahe zu ihr geneigt hinzu:

„Ich sage Ihnen das schon heute, weil Sie wissen sollen, Karla, wie ich es meine. Ich verlange jetzt keine Zustimmung und kein Versprechen, denn ich weiß, daß Sie Zeit brauchen für das, was Sie tun müssen. Nur — lassen Sie mich nicht zu lange warten.“

Karla entzog ihm ihre Hand, die er mit warmem Druck umschlossen hielt. Sie war sehr blaß, und ihre Lippen bebten.

„Ich habe ein Kind, Graf Gaudlitz ... mein Kind lasse ich nicht —“

„Ihr Kind wird das meinige sein, Karla ...“, sagte er fest.

Sie schüttelte heftig den Kopf, ihre Augen brannten in ihrem erblaßten Gesicht.

„Er gibt es nicht her .. nie .. das tut er nicht.“ ...

„Dann müssen Sie mich eben mehr liebhaben als Ihr Kind.“ ...

Er stand auf und griff nach seinem Hut. Sie klammerte sich an seinen Mantel.

„Gehen Sie nicht fort ... gehen Sie jetzt nicht fort, ...“ stammelte sie.

Schonend, sanft löste er ihre Finger.

„Wir müssen ruhig bleiben, Karla ... ganz ruhig. Unserer Zukunft zuliebe! .. Und wo immer ich fortab sein mag — ich werde warten, Karla.“

Sie erhob sich, taumelte, fiel in die Polsterung des Wagens zurück. Feurige Räder tanzten vor ihren Augen.

Sie fühlte nicht mehr den Druck seiner Hand, sah nicht mehr, wie er sich neigte unter der schmalen Tür, hörte seine raschen Schritte nicht im Gang ...

Als sie zu sich kam aus der Erstarrung ihres tiefsten Schmerzes und ihres höchsten Glückes, sauste der Zug zwischen vereisten Wassertümpeln und verschneiten Feldern in die dunkle Nacht hinein ....

Graf Gaudlitz schritt aufrecht und entschlossen durch den Menschenknäuel des Bahnsteiges. Er bemerkte nicht, daß ein kleiner, eleganter Herr, in kurzem Gehpelz, einen Zylinder auf dem weißen Lockenkopf, sich rasch an ihm vorbeidrückte.

Nun war der Papa bis nach dem Schlesischen Bahnhof hinausgegondelt, um der Kleinen einen guten Wunsch mit auf den Weg zu geben — ohne jemand von ihrem Anhang zu begegnen ... und mußte gerade den verteufelten Kerl, den Gaudlitz, erblicken, wie er aus dem Zuge stieg —!

Der Papa steckt ärgerlich seine zwei langstieligen Rosen in die Manteltasche und machte kehrt.

Dem Gaudlitz lief er den Rang ja doch nicht ab.

Verzierung, drei Sterne
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Fürstin Alice Reichenberg schickte einen langen Brief an ihren Bruder. Es war viel darin die Rede von Karla „... Alles ist in Wien auf Karla König gestimmt. Sie hat einen beispiellosen Erfolg gehabt und ihr Gastspiel auf weitere vierzehn Tage verlängern müssen. Kein Modegeschäft, das nicht seine ältesten Ladenhüter unter der Patenschaft ihres Namens wieder in Schwung bringt. Die Schrammeln singen ein G’stanzl auf sie bei Brady. Ronacher hat einen Karla-König-Schampus als neue Hausmarke eingeführt. Die Fiaker vor ihrem Hotel in der Weihburggasse reißen sich um die Ehre, sie fahren zu dürfen. Bösendorfer hat ihr einen herrlichen Flügel zum Geschenk gemacht, die Erzherzoginnen geben Soireen, in denen Karla die ‚große Attraktion‘ bedeutet. Die ersten Blätter bringen Abhandlungen über sie, — heute von einem ersten Musikschriftsteller, morgen von einem Laryngologen, übermorgen von einem Ästheten. Sie ist berühmt, sie ist populär, sie wird bewundert, umworben, geliebt. Und sie tut gar nichts dafür: sie singt, sagt ein paar liebe Worte — nicht übermäßig bedeutend und nicht übermäßig originell; aber wie sie sie sagt — das gewinnt jedes Menschen Herz. Sie steht immer da wie eine, der von allen Seiten Blumen zugeworfen werden, und die sie alle auffangen, keine zu Boden gleiten, keine zertreten lassen will. Das spürt ein jeder, und das ist ihr großer Reiz. Man muß ihr gut sein, muß es ihr immer und immer wieder zeigen, denn ihre Freude hat etwas Erwärmendes und Beglückendes. Selbst mein großer und mein kleiner Rudi sind unter ihrem Bann. Der kleine Graf Doczy aber hat ganz den Kopf verloren. Seine Mama kam vorgestern zu mir und fragte recht naiv, ob man denn die König nit ausweisen lassen könnt’ — ihr Bub wäre toll geworden, hätte die Komtesse Löwenstein von heute auf morgen plantiert, wo er doch wüßte, daß die Ausstattung schon bei Braun bestellt worden sei. Gestern sah ich die Komtesse mit den Doczys in der Oper — sie hat Karla ihr Brustbukett zugeworfen! Ich glaube, sie würfe ihr den kleinen Doczy am liebsten nach, trotz seiner Millionenbesitzung im Böhmischen und der Aussicht, Sternkreuzdame zu werden .... Andeutungen, die Du machtest, mein lieber Junge, erfüllen mich mit großer Sorge. Wenn Du auch stark genug wärest, die Schwierigkeiten zu besiegen, die innerer Art sind und in ihren Familienverhältnissen ihren Ursprung haben — aber wie willst Du es fertig bringen, Karla aus ihren jetzigen Triumphen zu reißen? Dein Vermögen dürfte sie kaum bestechen — sie hat ein Vermögen in ihrer Kehle. Dein Name? Es hat viele nette Gräfinnen Gaudlitz gegeben, aber nicht viele Karla Königs! .. Zudem: Du hast eine Stadt gegen Dich, mein lieber Hans Jochen! Wien würde in seinem augenblicklichen Karla-König-Rausch den Mann steinigen, der sie ihm entführte. Es sind sehr ernste Verhandlungen zwischen der Wiener und der Berliner Hofopernbühne im Gang, um Karla jetzt schon an Wien zu fesseln. Karla unterstützt diese Verhandlungen aufs lebhafteste durch ein großes Aufgebot von persönlichen Beziehungen. Es liegt ihr offenbar alles daran, hierzubleiben. Was Dich betrifft — so wirst Du begreifen, daß ich jede Vermittlung ablehnen muß, solange die Verhältnisse ungeklärt sind. Dein Name fällt nie zwischen uns — darf nie fallen, bis Karla nicht innerlich zu einem Entschluß gekommen ist.“

Gaudlitz lächelte, als er diesen Brief las. Sein Name „fiel nicht“ zwischen den zwei Frauen .... Er hätte Karla soviel Zurückhaltung kaum zugetraut. Und die sagte mehr, als wenn sie ihn nach ihrer offen-kindlichen Art immer auf den Lippen gehabt hätte.

Und noch mehr bedeutete es für ihn, daß sie in Wien bleiben wollte, daß sie sich zu einer Trennung von ihren Angehörigen entschloß ....

Als er das im Schachklub, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, als ein „Wiener Gerücht“ ihrem Papa erzählte, blitzten die blauen Augen des alten Herrn zum ersten Male freundlich auf:

„So ... Sie glauben? Das wäre wirklich möglich? Hm ... Ausgezeichnet ... sehr vernünftig ... endlich mal ... endlich“ ...

Der Papa hatte ganz heiße Wangen und verlor die Partie nach wenigen Zügen.

Gönnerhaft ließ er sich von Gaudlitz durch ein paar Straßen begleiten. Plötzlich blieb er stehen:

„Ich hörte, Sie lösen Ihren Rennstall auf, Graf Gaudlitz ... übersiedeln Sie etwa nach Wien?“

Da war er wieder, der harte Blick, den der Alte haben konnte.

Gaudlitz schüttelte lachend den Kopf.

„Ich — nach Wien? Nö ... ich übersiedle im Frühjahr auf mein Gut in Pommern, baue meinen Kohl.“

„So ... so“ ...

Sehr freundschaftlich schüttelte der Papa ihm die Hand. Gaudlitz war doch ein famoser Kerl .... Er stellte sich vor ihn hin und faßte ihn am Knopf seines Mantels.

„Unter uns, Graf .... Alles ist nur Sprungbrett im Leben. Wer’s zu benutzen weiß! Meine Tochter wird’s jetzt hoffentlich lernen. Keine Fesseln — weder Ketten, noch seidene Bänder ... Eine Künstlerin muß frei sein ... ganz frei ... ein blinkender Stern dort oben ... für alle. Meine Tochter kann größer werden als die Patti. Gute Nacht, Graf.“

Er drückte ihm flüchtig die Hand und bog mit kleinen, federnden Schritten in eine Seitenstraße.

Gaudlitz rückte an seinem Hut und starrte dem zierlichen kleinen Herrn ein bißchen verblüfft nach. Donnerwetter ja .... Wenn man das so bedachte: ein Gaudlitz, mit einem Millionenvermögen — und der ehemalige Tänzer war imstande und sah es als eine Mesalliance für seine Tochter an, wenn sie ihn heiratete ... Gaudlitz drehte sich ärgerlich auf seinem Absatz um.

Eines war ihm jedenfalls klar, und nicht von heute: mit seinem leeren, müßigen Leben durfte er zu Karla nicht kommen. Er wußte, was er zu tun hatte, und würde es schon mit der ihm eigenen raschen Entschlossenheit ausführen. Der alte Verwalter auf seinem Gute Pinnow würde ihm der beste Lehrmeister werden! Inzwischen besuchte er noch land- und volkswirtschaftliche Vorlesungen, ackerte die einschlägige Literatur durch. Dann machte er die Runde bei den alten Herren, den Freunden seines Vaters, die alle auf ihrer Scholle saßen. Seinen Wandertrieb hatten sie immer mißbilligt. Seine neuen ernsten Pläne würden sie erfreuen. Er stand gerade vor dem Telegraphenamt. Und seiner Eingebung folgend, die froh und stark war, schickte er als erstes Lebenszeichen seit langen Wochen die Depesche an Karla:

„Wie und wo immer — ich werde warten.“

Ohne Unterschrift, ohne Gruß, ohne Bitte um Antwort.

Verzierung, drei Sterne
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Schmerzchen war die Erste in ihrer Klasse. Ihre Hefte waren am besten gehalten, ihre Aufgaben wußte sie am sichersten. Sie hatte eine Art, die Lehrerin anzusehen, die wie ein Zwang wirkte, nur zu ihr zu sprechen.

Denn Schmerzchen, die es von Hause aus gewöhnt war, Hauptperson zu sein, wollte in der Schule nichts von ihrem Rang einbüßen.

Schmerzchen hatte hochentwickeltes Ehrgefühl und war unbeschreiblich eifersüchtig, aber sie war auch verschlossen und schwer zu gewinnen.

Sie hatte keine Freundin und litt darunter. Aber sie konnte sich nicht entschließen, ihren Arm um ein Mädchen zu schlingen, das sie nicht wirklich liebhatte. Zum Liebhaben kam es aber nicht, weil sie für hochmütig galt und als „Musterschülerin“ verschrien war.

Ihren Versuch, einen häuslichen Verkehr anzubahnen, gab sie bald auf, obwohl Tante Lies für die besten Kuchen und die herrlichste Schokolade gesorgt hatte.

Die Mädchen waren zu neugierig und albern mit ihren Fragen; sie wollten es gar nicht begreifen, daß ihre Mama nicht bei ihr war, sondern im Ausland lebte. Und überhaupt — eine Mama, die am Theater war ... Schauspielerin ....

„Sängerin ist meine Mama, nicht Schauspielerin“, sagte Schmerzchen mit stolzem Zurückwerfen ihres Köpfchens.

„Ach, das ist doch egal“ ...

Alle bürgerlichen Instinkte dieser kleinen Dinger krochen an die Oberfläche. Abgeschmackte und aufgeschnappte Redensarten sprudelten über ihre unschuldigen Kinderlippen, machten sie welk und alt.

Die einen fanden das interessant, himmlisch, suchten Schmerzchen zu kicherndem Gespräch in einen Winkel zu locken; die andern rümpften die Nasen, renommierten:

„Mein Papa ist Hauptmann“, oder: „Mein Vater ist Geheimrat“, oder: „Meine Mama nimmt mich immer mit, wenn sie im Sommer reist!“

Es kam danach vor, daß Schmerzchen sich die Bilder ihrer Mama ansah, eines nach dem anderen. Sie fand ihre Mama wunderschön. Besonders mit dem langen, wallenden Haar auf dem Rücken. Schmerzchen begriff nur nicht, warum das Haar so viel heller war.

Tante Lis sagte, das sei eine Perücke, und zeigte ihr so eine Perücke im Schaufenster eines großen Friseurs.

Seitdem wendete Schmerzchen ihre Vorliebe dem Bilde von Mama zu, das auf Papas Schreibtisch stand. Da war sie nicht so schön, aber sie lachte so nett und hatte so gute Augen und ...

„Warum fahren wir nicht nach Wien? Zu Mama?“ fragte sie einmal, mit jener ernsthaften Plötzlichkeit, die die Erwachsenen im ersten Augenblick immer in Verlegenheit um die Antwort brachte.

Altmann zog sein kleines Mädchen auf den Schoß.

Warum nicht? ....

Vor einigen Monaten war er dort gewesen. Die sehr elegante Dreizimmerwohnung in der Kärntner Straße hatte keinen Platz für ihn gehabt. Er hatte im Hotel absteigen müssen.

Karla hatte tausend Entschuldigungen gestammelt, hatte ihm die Hand gedrückt — aber es war doch so geblieben, und er hatte die acht Tage auf drei verkürzt.

Es war etwas ganz Neues und Fremdes zwischen Karla und ihm. Wenn er „liebes Kind“ sagte, so schien es ihm oft, als wäre er wirklich nur ihr alter Freund, nicht ihr Mann mehr. Jeder Zärtlichkeit wich sie aus. Und war doch gut und lieb.

Sie brachte einen Apfelstrudel auf den Tisch, den „sie selbst“ gebacken hatte, wie sie mit Stolz erklärte. Ihr kleines Hauswesen ging am Schnürchen.

„Wie du dich herausgemacht hast ...“

Sie wurde rot, nickte.

„Ja ... das mußte ich wohl lernen. Ich habe viel Besuch, und die Leute sind hier verwöhnt. Ab und zu muß ich einladen ...“

Altmann schlug das Herz bis in den Hals hinauf:

„Wer kommt denn alles zu dir? ...“

Wie ein hinterlistiges Ausfragen kam es ihm vor. Aber sie antwortete harmlos, ohne sich zu besinnen, nannte die Namen.

Er fragte weiter:

„Und deine Gönnerin ... die Fürstin Reichenberg? ...“

Da färbte sich ihr Antlitz mit dunkler Glut.

„Ja ... die kommt auch zuweilen — sehr selten. Du kannst dir denken ... eine so große Dame ...“

Er zerschnitt den Apfelstrudel in immer kleinere Stücke, vergaß zu essen.

„Ist ihr Bruder hier ... der ... wie hieß er doch ... Graf Gaudlitz, glaube ich ...?“

Nie war ihm das Komödiespielen so schwer geworden, und er wagte es nicht, ihr ins Gesicht zu blicken. Er hörte nur ihre Stimme, eine merkwürdig dunkel gefärbte, warme Stimme.

„Ich habe ihn nicht gesehen seit Berlin ... aber die Fürstin sagte mir, er sei auf seinem Gut in Pommern ...“

Er wollte es noch einmal hören, dieses „ich habe ihn nicht gesehen seit Berlin“ — aber wie sollte er es anfangen, daß sie es sagte?

Die Hände wurden ihm kalt und feucht dabei.

Sie klingelte dem Mädchen, daß es den Mokka brächte. Sie selbst holte den Kognak aus der Kredenz.

Er sah, wie ihre Hand leicht zitterte, als sie einschenkte.

Und er wagte keine weitere Frage.

Später ließ sie ihn kaum zur Besinnung kommen, schleppte ihn durch die Museen und Theater, auf den Kahlenberg und nach Schönbrunn.

Sie war unermüdlich, gesprächig, heiter, aufmerksam.

Aber dann sprach sie von dem Kinde, mit dem zitternden Unterton heißer Sehnsucht.

„Wenn du mir Schmerzchen geben wolltest, auf ein paar Monate ... auf ein paar Wochen ...“

Sie hing sich dabei in seinen Arm ein. Ihr blühendes, frisches Gesicht streifte seine Wange, der Duft ihres braunen Haares stieg zu ihm auf. Und sie wurde bleich vor Erregung, während ihre Augen flehend auf ihn gerichtet blieben.

Da strafften sich seine Glieder, und seine Mundwinkel zogen sich herab wie im Krampf.

„Auf das Kind mußt du verzichten, solange du hier bist — es ist zart und starken, neuen Eindrücken nicht gewachsen.“

Er sah es ihr an, wie sie losschreien wollte. „Das ist nicht wahr ... es ist nur ein Vorwand!“ ...

Und er wartete darauf. Denn er wollte es zugeben. Ja, es war ein Vorwand! Das Kind gab er nicht her ... Das sollte sie ihm zurückbringen — sollte sie halten an seiner Seite für alle Zeit!

Oder aber sollte ihn mit herführen zu ihr! Er war in diesem Augenblick bereit, Berlin und „seine Leute“ zu lassen — wenn sie nur ein Wort sagte! Nur ein Wort. Luise sollte wieder zu Adele ziehen, sollte sehen, wie sie fertig wurde — er gehörte zu Karla, wie Karla zu ihm gehörte. Sie war die Mutter seines Kindes. Und das Kind mußte sie ihm wieder zuführen — hier oder dort!

Karla löste ihren Arm aus dem seinen. Über der Gloriette mit den lichtumwobenen Säulen funkelte die Herbstsonne. Gelbe Blätter rieselten von den Bäumen, und der Himmel wölbte sich blaßblau, mit violetten Schatten über der fernen Stadt.

Von irgendwo klang übermütiges Lachen. Eine junge Männerstimme rief: „... ich werde warten ... war—ten ...!“

Karla fuhr zusammen. Es war nur ein Wort — ein Klang — ein Bild. — Dort oben im Pommerschen saß auch einer, der wartete ... wartete auf sie.

Und sie liebte ihn.

Nie hatte sie es so gefühlt wie jetzt. Und dabei stammelte sie: „Du kannst mir doch mein Kind nicht vorenthalten ... mein Kind!“

Hart antwortete er — und wußte nicht, woher die Kraft ihm kam zu dieser Härte:

„Der Platz des Kindes ist im Elternhause. Wir erhoffen nichts sehnlicher, als daß du kommst.“

„Ich bin doch gebunden ... das weißt du ...“

„Es gibt Urlaub — Ferien ... Das Kind wartet auf dich.“

Da taumelte sie zurück, stieß mit dem Kopf gegen einen Baumstamm, wendete sich ab und weinte.

Er schritt hin und her auf dem weichen Moosgrund, bohrte seinen Stock in das lockere Erdreich. Seine Lippen zuckten, seine Brauen ...

„Wir wollen jetzt heimgehen, denke ich ...“

Er lächelte bitter. „Heimgehen!“ Er — in sein Hotelzimmer, sie — in ihre Wohnung. Sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen, ihre Lippen glühten heiß.

Kalter, grauer Dämmerschein senkte sich nieder. Lautlos still war es ringsum — die Stadt lag schmutzig grau und tot hinter Rauch und Nebel. Karlas Röcke rauschten seidig unter dem einfachen Loden, die Feuchtigkeit löste den Duft von ihrem Spitzenbäffchen, daß sie einherschritt wie in einer wohlriechenden Wolke.

„Gehen wir“, murmelte sie tonlos.

Und der Abstieg begann. Langsam, dann immer rascher wurden ihre Schritte, als wollten sie dem Dunkel entfliehen, das aus dem Walde auf sie zukroch. Sie sprachen kein Wort. Als wären sie voll Angst, Worte zu hören und zu sagen, die alles zerschnitten zwischen ihnen. Erst im Wagen brach Altmann das Schweigen.

„Ich fahre morgen früh zurück, nach Hause. Soll ich etwas bestellen?“

Er konnte es nicht sehen, wie das Blut ihr aus den Wangen lief, und er hörte das Zittern ihrer Stimme nicht beim Wagengerassel, als sie fragte:

„Morgen früh schon?“

Aber sie unterdrückte ein Aufatmen.

„Morgen singe ich ...“

„Ja ... ich weiß.“

Das brachte er nicht über sich. Sie als eine Fremde da oben zu sehen. Er brachte auch die Freude nicht auf an ihrem Erfolg. Zu gut ahnte er, was dieser Erfolg ihn kostete.

Aber sie bat ihn, mit zu ihr heraufzukommen. Sie hatte allerlei gekauft — für die Schwägerinnen, für Vicki, für Schmerzchen vor allem.

Er wehrte ab mit düster zusammengezogenen Brauen: „Das ist alles viel zu kostbar ... Du hast die Verhältnisse vergessen. Für Vicki allenfalls ...“

Vicki Völkel rauschte in Seide und Samt, seit ihr Bodo Aufträge hatte. Sein erstes Haus hatte verblüfft. Man fing sogar schon an, von einem Völkelschen Stil zu sprechen. Er machte Schule, seit er einen reichen Teilhaber gefunden hatte. Es hieß, er sollte ein Theater bauen. Vicki sprach von nichts anderem. Völkels wohnten jetzt in dem erst neuerbauten Hause am Kurfürstendamm draußen ...

Sie hielten zwei Mädchen und eine Nurse. Trotzdem kam es noch vor, daß Vicki die Mutter um einige Goldstücke anpumpte. Aufgeschrieben und eingeteilt wurde nichts. Die „Kasse“ waren die Brief- und die Hosentaschen Bodo Völkels! Vicki hatte keine Ahnung von seinen Einnahmen. Aber da er ihr die Hunderter über den Tisch zuwarf, so wirtschaftete sie darauf los, bis es alle war. Es kam aber vor, daß er, ohne sie vorher zu benachrichtigen, plötzlich auf eine Woche und mehr verreiste — mit der „Kasse“ natürlich. Langte es nicht bis zu seiner Rückkehr, wurden die Eltern angepumpt. Ohne Bedenken und aus dem sicheren Gefühl des Vollen heraus. Aber zurückgezahlt hatte Vicki kaum je etwas.

Jedenfalls würde sie sich über den hübschen Schlafrock freuen. Altmann hatte sie eines Morgens in einem alten Rock und vertragener Bluse überrascht und daraus geschlossen, daß es vorläufig noch nicht für alles „langte“, sondern das Geld hauptsächlich nach außen hin angelegt wurde.

Und dabei saß Altmann doch wieder am Abendbrottisch in Karlas Wohnung. Sie hatte ihn nicht fortgelassen. Als müßte sie ihm noch diese letzte Herzlichkeit erweisen, ehe er abfuhr. Sie sagte stockend und die Farbe wechselnd:

„Mich kostet mein Leben so wenig — ich habe immer so viel Geld übrig. Du brauchst mir nur zu sagen, wenn ihr mehr zu Hause braucht. Auch wegen Fritz ... So ein junger Leutnant gibt mal was aus.“

Altmann brachte kaum einen Bissen herunter. Er fragte sich, warum er denn nur hergekommen, warum er sich dieser Qual ausgesetzt hatte. Warum er nicht abgeschlossen hatte mit ihr — schon damals, als sie ihm die Depesche schickte: „Vertrag mit Berlin gütlich gelöst, bleibe Wien.“

Wie ein dumpfer Schlag vor die Stirn war ihm die Depesche gewesen, und er hatte nicht gewußt, was er tun sollte. Dann hat er sich entschlossen, abzuwarten, was weiter noch von ihr kam. Aber es kam nichts. Nur alle paar Wochen die Bitte: „Gib mir Schmerzchen!“ Und von Zeit zu Zeit Karten an Luise, an Alwin — an ihn selbst. Zeitungsausschnitte — Geld, Geschenke ... und so selten ein Brief. Ein Brief, der nichts erklärte, nur nackte Tatsachen brachte oder einen leidenschaftlichen Ruf nach dem Kind.

Und jetzt wieder nur die Frage: Was braucht ihr? Habt ihr genug? ... Als wollte sie sich loskaufen von ihm mit all dem.

Er strich mit der flachen Hand heftig über das Tischtuch.

„So ein junger Leutnant hat sich zu bescheiden. Das habe ich ihm geschrieben. Ein für alle Mal. Wir leben einfach. Ich könnte es aus eigenem bestreiten, wenn nicht Fritz ... und die Wohnung ...“

Es würgte ihm am Halse und er fuhr hastig fort: „Die Wohnung möchte ich behalten ... Ich habe jetzt eine Schauspielschule und brauche Platz.“

Er dachte: „Und schließlich findest du heim ...“

Aber er sagte es nicht. Die Bewegung schnürte ihm den Hals vollends zu. Sie aber starrte auf den Tisch herab und krampfte die Hände ineinander.

Es waren Minuten, die sich zu Ewigkeiten dehnten.

„Selbstverständlich führe ich Buch über alles, was du schickst. Was übrigbleibt am Ende des Monats, geht zum Teil an die Sparkasse auf Isoldens Namen, zum Teil an eine Versicherung. Wenn sie zwanzig Jahre alt ist, wird ihr eine nette Summe ausgezahlt. Sie kann dann etwas anfangen oder heiraten ... kurz, sie kann sich ihr Leben schaffen ...“

Karla sah ihn mit großen, feuchten Augen an.

„Das ist schön von dir, Ernst ...“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein. Das ist selbstverständlich. Dazu sind die Eltern da ... Das ist Notwehr gegen das Leben. Das lernt man an Beispielen.“

Sein Ton wurde wieder lehrhaft, ohne daß er es wollte. Und dieser Ton gab sie der Wirklichkeit zurück.

„Nächsten Sommer singe ich in Bayreuth — weißt du das schon?“

Sie sagte es sehr feierlich. Was gab es denn auch Größeres für sie als ihr Kind, ihre Liebe und Bayreuth?!

Es waren die Gipfelpunkte ihres Lebens, um die all ihre Sehnsucht, alle ihre Gedanken kreisten. Bayreuth — das hatte sie noch erleben wollen — bevor sie dem Warten Erfüllung gab.

Bayreuth sollte ein Abschied und ein Wiedersehen sein — ein glanzvolles Ende und ein seliges Beginnen!

Aber sie brachte nichts von alledem über ihre Lippen.

Er sah ihre Bewegung. Deutete er sie richtig oder falsch —? Er ergriff ihre beiden Hände, drückte sie an die Lippen und ging.

Sie rührte sich nicht, lehnte totenbleich an der Wand. Hatte er verstanden? Oder hatte er Hoffnung geschöpft — eine Hoffnung, die sie nicht erfüllen konnte ...?

Die ganze folgende Nacht war er aufgeblieben. Hatte sich zu Ronacher gesetzt und hatte den König-Schampus getrunken, war zu den Schrammeln gefahren und dann von Café zu Café bis zum frühen Morgen. Hatte sich in seinem Hotelzimmer aufs Bett geworfen und war dann abends in die Oper gegangen ... ganz oben, „aufs Paradies“ hinauf, wo die Enthusiasten sich aneinanderdrängten.

Und die verwöhnte Wiener Jugend raste, wie einst die Kieler Jugend, wie die Neger und die Brasilianer gerast hatten.

Aber damals war er es gewesen, der ihre Schritte leitete, sie schützte; jetzt bedurfte sie seines Schutzes nicht mehr, war ihm entwachsen, entflohen ...

Der Vorhang fiel ein zweites Mal herab. Brausende, tosende Rufe erfüllten die heiße Luft.

Karla erschien wieder und immer wieder. Durch sein großes Opernglas konnte er jeden Zug in ihrem Gesicht erkennen. Er sah auch, wie sie plötzlich stutzte, wie durch die Schminke hindurch ein heißes Rot ihr in die Schläfen stieg und ihre Augen sich starr auf eine Loge richteten. Er beugte sich vor, hob sein Glas bis zur Höhe des ersten Ranges. Da schoß auch ihm das Blut zu Kopf, und seine geraden, dichten Brauen zogen sich heftig zusammen.

In einem nilgrünen, tief ausgeschnittenen Samtkleid, Brillanten und Perlen um den blendend weißen, schlanken Hals, zwei flimmernde Brillantsterne im tiefgewellten, leuchtend roten Haar saß Mariette de Santos. Neben ihr John Russel, in Frack und weißer Binde, den kühnen Abenteurerkopf vorgebeugt über die Brüstung, die Hände mit den krallenartigen Nägeln zu lautem Klatschen vorgestreckt. Hinter dem Stuhl seiner Frau stand Don Pedro de Santos. Sein Bart lag jetzt lang und breit wie ein Fächer auf dem bläulichweißen Frackhemd. Er stand da, regungslos, feierlich, wie es seine Art war, mit dicken, müden Lidern und sattem Besitzerlächeln.

Elegant und temperamentvoll schlug Madame de Santos ihren Spitzenfächer gegen den Rücken ihrer Hand, auf die Gefahr hin, ihn zu zerbrechen, ergriff dann einen Teerosenstrauß, der vor ihr auf dem roten Samt der Logenbrüstung lag, und warf ihn mit graziösem Schwung auf die Bühne.

Er flog Karla zu Füßen. Sie bückte sich nicht nach ihm und übersah es, daß ein Kollege ihr ihn reichte. Mit einer letzten Verneigung ging sie ab und kam trotz allen Rufens und Tobens nicht wieder.

Die Luft wurde Altmann eng und schwül. Er glaubte ersticken zu müssen. Mit den Ellbogen bahnte er sich einen Weg aus dem Menschenknäuel heraus und stürzte die endlosen steinernen Treppen hinunter.

Auf der stillen, frostig kalten Ringstraße aber blieb er stehen und schöpfte tief Atem.

Hatte er das nicht schon einmal empfunden? Hatte er das alles nicht schon einmal erlebt ...? Wo nur? ... Wann? ...

Und plötzlich wußte er es.

An jenem Abend war es, da die Nordeni von ihrem Elternhause sprach, von ihrem Vater, der gekommen war, sie zu hören, und dann davongegangen war auf Nimmerwiederkehr ... an jenem Abend, da auf einer mondbeglänzten Terrasse Brasiliens ein rotes Schöpfchen vor ihm hergegaukelt war, ihn um all seine Besonnenheit gebracht hatte ...

Kaum je war ihm der Abend noch eingefallen. Nie hatte er mehr dieses kurzen Abenteuers gedacht, und nie anders, als mit heimlichem Ärger über sich, mit kalter Verachtung gegen das kokette Pariser Grisettchen.

Er hatte Karla albern und geschmacklos gescholten, als sie einst darauf zurückgekommen war, hatte es nicht mal der Mühe wert gefunden, sich ihre Verzeihung zu erbitten — und nun hatte er gesehen, wie auch jetzt noch alles harte Abwehr in ihr war gegen die Frau, um die er ihrer nur auf kurze Stunden vergessen? War er denn selbst an allem schuld, an der Entfremdung, der Ferne zwischen ihnen? ... Hatte diese Entfremdung nicht schon damals begonnen in Brasilien, und hätte er den Weg noch finden können zu ihr, als sie aus bangem Schauer heraus ihm an den Hals geflogen war am Totenbett der Nordeni?

Altmanns Schritte hallten in den menschenleeren engen Gassen der fremden Stadt, die ihn dünkte wie ein unentwirrbares Labyrinth. Nun stand er zum fünften oder sechsten Male vor der Stefanskirche. Aber er mochte nicht fragen, ließ sich die Richtung nicht gerne weisen. Und so war er immer denselben Weg gegangen, und es war immer der falsche gewesen!

In Wien! Im Leben! In seiner Ehe!

Hatte sich im Kreise herumgedreht und war zum Ausgangspunkte zurückgekehrt — in der Sackgasse stecken geblieben — bei „seinen Leuten“.

Da fiel ihm das Kind ein.

Und wie ein Sonnenstrahl durchbrach es das dunkle Gewölk um ihn herum.

Mochte sein Leben verpfuscht, vernichtet sein — das Kind hielt ihn aufrecht. Die Liebe seines Kindes sollte die Nacht erhellen, die sich um ihn zusammenballte. — — —

Und jetzt, nach so langen Wochen, saß Schmerzchen auf seinen Knien und fragte, wie Kinder fragen, die lächelnd auf Wunden treten:

„Warum fahren wir nicht nach Wien?“

„Du dummes, dummes Schmerzchen du ...“

So gab auch er ihr, aus verbissenem Weh heraus, den Namen, den die Mutter ihr gegeben, aus schmerzerfüllter Seligkeit.

Verzierung, drei Sterne
Verzierung, drei Sterne
D
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Diese letzten Wiener Herbsttage — Karla vergaß sie nicht so bald. Auch ihre Empfindungen nicht, an jenem Opernabend, da sie Mariette de Santos in der Loge erblickt hatte.

Der Theaterdiener brachte ihr die Teerosen in ihre Garderobe, wo bereits ein großer Korb mit Riesenorchideen von John Russel stand.

Sie warf die Rosen der Ankleidefrau zu.

Die zornige Erregung über die Dreistigkeit der in all ihrer Millionenpracht immer noch grisettenhaften kleinen Pariserin überwog fast die Freude über die Anwesenheit John Russels.

Doch er kam zu ihr am nächsten Tage. Halb Freund, halb Geschäftsmann, in alter brutaler Offenheit.

„Well, Karla König ... ich hätte nicht geglaubt, daß Sie noch immer in Gefühl machen, wie man in Berlin sagt. Ich habe die de Santos’ in Paris getroffen, und wir sind zusammen hergereist. Von Paris aus hatten wir telegraphisch die Loge bestellt. Dear me, die kleine Frau hat vor Wut über Sie einen Weinkrampf bekommen im Zwischenakt — sonst wäre ich schon gestern in Ihre Garderobe gekommen. Ich wußte, daß Ihr ... daß Mister Altmann in Berlin geblieben ist. So nahm ich an ... well, wir wollen nicht davon sprechen. Man häutet sich alle sieben Jahre — schöne Frauen sollen sich sogar öfter häuten.“

Karla lächelte und legte ihre Hand in seine Pranke.

„Sie haben es immer nur gut mit mir gemeint. ... Aber das muß ich Ihnen sagen, mit dem Häuten ist es nichts bei mir.“

„Hat auch was Gutes, Karla König ... das macht dickfellig mit den Jahren ... unverwundbar ... Und dann geht’s einem erst recht gut!“

Sie schüttelte leise den Kopf.

Aber John Russel war nicht gekommen, um zu philosophieren. Er kam mit sehr bestimmten Vorschlägen. Wie lange lief der Vertrag mit der Wiener Oper? Bis zum übernächsten Jahr vorläufig? Schön. Dann sollte sie nicht verlängern, nicht anschließend jedenfalls. Ein Jahr sollte sie sich frei halten für die Metropolitan in New York. Im Juni acht Vorstellungen in London. Wenn sie vernünftig wäre, konnte er für das darauffolgende Jahr mit St. Petersburg abschließen. Er bot ihr ein Vermögen.

Aber sie schüttelte wieder den Kopf. Sie war nicht „vernünftig“ in seinem Sinne.

Er lehnte sich zurück in den Sessel und legte die Beine übereinander. Es schwante ihm — das gab eine lange Sitzung.

„Ich muß Ihnen was sagen, Karla König, es ist ja diesmal gut ausgegangen — aber dem Kapelle hab’ ich eins ’reingewürgt. War ja Unsinn mit Berlin. Berlin ist Ende, nicht Anfang. Das eine Mal hat man Sie gehen lassen, ein zweites Mal nicht. Hofoper ist eine Lebensversicherung! Der Tod für den Künstler. Dazu sind Sie zu jung. Ein Name muß rollen. Rauf und runter. Muß Spektakel machen, anwachsen, groß werden von allem, was er angesammelt hat, was an ihm hängen geblieben ist! Sie sagen Bayreuth. Kapelle besauft sich vor Entzücken. Aber ich sage: Bayreuth ist wie ein Orden. Ich biete Ihnen mehr! Ich biete Ihnen Gold. Millionen. Weltruf.“

Karla saß vor ihm in einem einfachen hellgrauen Kleid und hatte die Hände über dem Knie verschlungen. Sie hielt ihre sprechenden braunen Augen unter den kaum angedeuteten, hochgezogenen Brauen beharrlich gesenkt. Nur ihre Wangen brannten und verrieten ihre innere Bewegung.

Sie dachte an Schmerzchen. Dachte daran, daß es ihre Pflicht war, für sie zu sorgen. „Ihr Kind soll das meine sein“, hatte Gaudlitz gesagt .... Wenn aber Altmann die Sorge des fremden Mannes um das Kind, das ja auch das seine war, zurückwies? Welchen Leiden ging sie entgegen, wenn ihr Schmerzchen, ihr erstes, angebetetes Kind, in kümmerlichen Verhältnissen groß wurde, während ihre künftigen Kinder in Reichtum aufwuchsen, auf den Höhen des Lebens wandelten ...?

John Russel kniff seine scharfblickenden Habichtaugen zusammen. Holla ... war da wieder ein Mann im Spiel? Wieder einer, den er mitzerren, durchfuttern mußte? Wieder ein Sekretär, Begleiter, Geliebter oder künftiger Gatte?

„Well, Karla König, überlegen Sie nicht lange. Freie Reise für Sie und Zofe und — für noch eine Person, wenn Sie wollen ...“

Da mußte sie lachen.

Und das Lachen gab ihr den Selbsterhaltungstrieb zurück, das stärkste Gefühl für ihr ureigenstes Recht als Frau. Wie kleinmütig sie nur gewesen war. Sie schlug die Hände zusammen und lachte wieder, hell, froh und im tiefsten Innern beglückt über ihr befreiendes Lachen.

„Also abgemacht?“ John Russel hielt ihr die Hand hin.

Sie aber sagte, noch immer vergeblich mit dem Lachen kämpfend: „Abgemacht ist, daß Sie jetzt bei mir speisen werden. Sonst nichts. Nicht New York, nicht St. Petersburg — nicht einmal Wien. Ich verlängere den Vertrag nicht und schließe keinen anderen.“

Sie legte ihren Arm in den des zum erstenmal vor Verblüffung sprachlosen John Russel und zog ihn mit sich fort in das kleine Eßzimmer.

An diesem Nachmittag aber schickte auch sie ihr erstes Lebenszeichen an Gaudlitz:

„Warten bis nach Bayreuth.“ — — —

— — — Lang und still dehnten sich die Tage in Adelens neuer, kleiner Wohnung. Wenn sie mit Hilfe der Bedienungsfrau ihre drei Stuben instand gesetzt, ihren Marktbesuch erledigt und das Mittagessen gekocht hatte, setzte sie sich auf den hohen Tritt vor dem Fenster und spähte nach ihrem Manne aus. Eines Tages ließ sie sich sogar den unter altem Gerümpel gefundenen „Spion“ am Fenster anbringen. Der brachte ihr die größte Zerstreuung, indem er ihr das Bild der Straße in ihre stille Stube warf. Und auch während ihr Mann seinen Nachmittagsschlaf hielt oder seine Privatstunden gab, saß sie vor dem stummen Berichterstatter des Straßentreibens und flickte und stickte. Es war ihr kaum bewußt, daß sie dasselbe tat, was ihr einst in jungen Mädchenjahren als der Gipfel des Stumpfsinns an ihrer Mutter erschienen war.

Es waren seltene Festblicke, wenn Vickis „Nurse“ an ihrer Tür läutete und den eigenwilligen, stets opponierenden Robbi hereinzerrte. Robbis Gunst war nur von Gassenjungen zu erringen. Großmamas Kuchen und Schokolade machten ihm nicht den mindesten Eindruck. Von dem Zeug bekam er zu Hause so viel er wollte. Er greinte und war so lange unausstehlich, bis er wieder draußen war.

Der Enkel war ein Ruppsack, Vicki in ihrer Fahrigkeit kaum noch für ein ernstes Gespräch zu brauchen. Sie hatte nie Zeit. Nicht in, nicht außer dem Hause. Kein gemütliches Fleckchen gab es bei ihr, wo sich Adele zum Geplauder hätte niederlassen wollen, und wenn es klingelte, zuckte Vicki zusammen — ob es am Telephon oder an der Wohnungstür war. Es gab immer Plötzlichkeiten: Besuche, die kamen oder gemacht werden mußten, ein Auftrag ihres Bodo, der keinen Aufschub erduldete, ein Brief, der jetzt in dieser Stunde aufzugeben war. Vicki war immer auf dem Sprung, immer unruhig, zerstreut, auf Meilen entfernt mit allen Gedanken ...

Und wenn gar der Schwiegersohn nach Hause kam: „... die Mama ist da? ... So ... ja ... ’Tag, aber ... auf mich bitte zu verzichten ... ich hab’ zu arbeiten ... ich habe Geschäftsbesuch ... ich muß verreisen ...“ Dann klappten Türen — zwei — drei, als wollte er sich verstecken! Vicki lief wie ein Irrwisch umher, von ihm zu ihr — von ihr zu ihm, rote Flecke auf den Wangen ....

Adele kannte diese heißen roten Flecken! Wußte, was an Hast und Erregung hinter ihnen steckte ... Nein — Vickis Haus war nichts für sie. Das war ähnlich, wie wenn man zwischen zwei elektrischen Straßenbahnen und einem Automobil eingeklemmt war und nicht ’raus wußte! Diese Aufregung genoß sie zehn Mal am Tage an anderen — wenn sie in ihren „Spion“ blickte ... Dafür dankte sie.

Blieb Fritz.

Adele’s Augen leuchteten und feuchteten sich zugleich, wenn sie an ihn dachte.

Alle Frauen sahen sich nach ihm um auf der Straße, so ein hübscher, flotter Leutnant war er. Flott ... ja ... zu sehr. Unbekümmert, liebenswürdig dreist.

„Kram’ in deinem Strumpf, alte Dame ... da findest du noch ein paar Goldfüchse, wie?“

„Heute nehme ich meine alte Dame mit ins Schauspielhaus ... he? Kabale und Liebe! Was zum Weinen ... entzückend!“

Er brachte ihr ein Veilchensträußchen für einen Groschen, eine Schachtel Pralinés für fünf Mark, bestand auf einem Wagen, dem er die „Tour“ bei ihrem Einsteigen bezahlte, und holte sich am nächsten Morgen „was aus ihrem Strumpf“.

Sie schüttelte den Kopf, sie weinte sogar. Er aber lachte.

Lachte sorglos beruhigend.

„Meine alte Dame“ — „Mein alter Herr“ — es klang feudal. Es brachte einen Hauch von Vornehmheit in die bürgerliche Dreizimmerwohnung. Adele bestand darauf, daß ihr Mann den Zylinder aufsetzte, wenn er mit seinem Sohne ausging. Und sie sah, wie auch seine Augen aufleuchteten, wenn er den frischen blonden Jungen mit den strammen, schlanken Gliedern vor sich stehen sah.

Selbst Vicki fand Zeit, mit dem Bruder auszugehen, wenn er aus Küstrin über Sonntag Berliner Luft schnappen kam. Völkels waren überhaupt „patente Menschen“, erklärte Fritz zur großen Beruhigung der Mutter, die sich über die neue geschwisterliche Zusammengehörigkeit freute.

Manchmal frühstückte er mit dem Schwager, beim Austermeyer. Es waren Bodo Völkels beste Stunden, und er war dann einem kleinen Pump sehr zugänglich. Selbst einem Pump, der nie zurückgezahlt wurde.

Schwieriger wurde Fritz sein Verhalten zu Altmann und Luise. Er wußte mit diesen zwei starren, ernsten Menschen, deren Leben so streng geregelt war, nichts anzufangen.

Wenn auch Luise ihm noch manchmal mit der hageren Hand über das blonde gescheitelte Haar strich, Altmanns Hand legte sich nur schwer auf seine Schulter, um der Frage Nachdruck zu geben:

„Keine Dummheiten gemacht, wie? Alles in Ordnung? Ich möcht’ es mir auch ausbitten!“

Das war kein Ton, der ihm eine Beichte erleichtert hätte.

Bei Tisch saß er strammer, als wenn er der Kommandeuse seine Aufwartung machte.

Er wußte nicht, wohin mit seinen Beinen und seinen Worten — so ernst blickten der Onkel, die Tante und selbst das kleine Bäschen mit den braunen Zöpfen.

Selbst nach der „Tante Karla“ wagte er kaum zu fragen, seit die Antworten so merkwürdig einsilbig gelautet hatten und Vicki ihm unter dem Siegel des Vertrauens einmal zugeraunt hatte:

„Weißt du ... da ist was mulmig ... Daran würde ich in der Landgrafenstraße lieber gar nicht tippen. Bodo sagt, sie wäre jetzt eine ganz große Nummer in Wien — da kann man sich ja denken, nicht wahr? Mir tut nur das Kind leid. Herrgott, hat sie sich mit ihrem ‚Schmerzchen‘ gehabt! Es war wirklich nicht mehr schön — na, und was steckt hinter allen ihren Worten? ... Gar nichts. Das ist eben so am Theater. Mama hat schon ganz recht, wenn sie sagt, daß Onkel Ernst im kleinen Finger wertvoller ist als sie. Ja ... er hat eben der Bühne entsagt und sich ganz der Erziehung seines Kindes gewidmet. Das ist doch gewiß hochachtbar ... da bin ich ganz Mamas Meinung.“

Einmal, zwischen zwei Zigaretten, im Zimmer des Vaters, brachte Fritz das Gespräch auf Karla — schnodderig, ein bischen überlegen.

„Amüsiert sich wohl in Wien, die gute Tante, wie? ...“

Aber er brach ab, als er sah, wie der Vater erblaßte.

„Untersteh’ Dich nicht ... hörst Du ... untersteh’ Dich nicht, in diesem Ton von ihr zu sprechen! Noch ein Mal — und Du kriegst es mit mir zu tun!“

Das junge Blut huschte Fritz über die Stirn. Er stand auf, zupfte an seinem Kragen.

„Bitte gehorsamst um Verzeihung ... es lag mir fern ... es lag mir wirklich ganz fern.“

Innerlich dachte er: Sieh Einer meinen alten Herrn an! Hätt’ ich ihm gar nicht zugetraut! ...

Es war anerkennend; aber ihm war nicht mehr ganz behaglich in der einfachen Studierstube, mit dem alten bequemen Sessel, den gestrichenen Bücherregalen und der großen Nietzschebüste auf dem Sockel hinter dem Schreibtisch.

An den Weihnachtsabend erinnerte er sich genau, da der Vater sie zum Geschenk erhalten, und erinnerte sich auch noch, wie die Mutter mit spitzen Fingern die Bücher hochgehoben, die der Vater geschenkt hatte.

Donnerwetter ja ... sein alter Herr mochte wohl was übrig haben für die hübsche, lustige Schwägerin mit der schönen Stimme ... Er selber war ja auch verknallt in sie gewesen. Eigentlich nett von seinem alten Herrn ... Da fiel plötzlich all der dicke, klebrige Schulstaub ab, und es kam der Mann zum Vorschein, der Kamerad, der Geschlechtsgenosse zum mindesten, der sich ritterlich vor der Frau aufpflanzte, der seine Verehrung galt ...

„Ehrenwort, Papa ... war ganz harmlos, die Frage ... ganz harmlos ...“

Alwin Maurer löschte in der Erregung seine halbgerauchte Zigarre.

„Na ja, mein Junge ... das will ich auch annehmen. Denn Du ... gerade Du ...“

Er dachte an das Schweigen, zu dem er sich Altmann gegenüber verpflichtet hatte, als er Karlas Hilfe angenommen hatte, und winkte mit der Hand ab.

„Na ja ... also ... Kein Wort weiter.“

Fritz ruhte nicht eher, als bis der Vater mit ihm ausging, Versöhnung feiern und ein Glas leeren auf das Wohl der Tante.

„Wir zwei allein, alter Herr ... in einem gemütlichen Eckchen — is’ recht?“

Dr. Maurer sah ihn an, und ein blasses Lächeln überflog sein graues Gesicht. Was aus dem Rüpel doch geworden war! Aus dem „verdammten Bengel“, den er bis zu seinem vierzehnten Jahr in der Furcht des Stockes gehalten hatte. Bis zu dem Tage, da Karla gekommen war und von dem Apothekerssohn erzählt hatte — mit ihrer jungen, warmen Stimme.

Diese Stimme hatte ihm den Stock aus der Hand gewunden ... hatte vielleicht in letzter Stunde den neuen Weg gezeigt, den er als Vater zu gehen hatte. Hatte ihn Milde, Nachsicht, Verständnis gelehrt, hatte ihm einen Kameraden geschenkt in seinem Sohn!

„Gehen wir, Junge.“

Und heimlich, auf Zehenspitzen, damit Adele sich nicht an sie hinge mit Fragen und Einwänden, schlichen sie ins Vorzimmer, holten ihre Mäntel vom Riegel und zogen die Tür leise hinter sich ins Schloß.

Eine Stunde später ging eine Karte ab nach Wien, Kärntner Straße: „Meine liebe Karla! Sitze hier mit meinem Jungen und trinke mit ihm auf Dein Wohl, Deinen Erfolg und Dein Glück. Alwin.“ Und darunter in eleganter, flüchtiger Schrift: „Handkuß von Deinem gehorsamen Neffen und Bewunderer Fritz.“

Als sie heimkehrten, Fritz bereichert um einen blauen Lappen, Dr. Maurer in gehobener Stimmung, sagte er:

„Wollen wir doch wiederholen, die kleine Kneiperei — was, mein Junge?“

„Selbstredend, alter Herr! Wird mir ein Hochgenuß sein ...!“

Und er trug Grüße für Mama auf und verabschiedete sich mit herzlichem Händedruck vor dem Haustor — weil er „nach Küstrin zurückmußte“! ...

In Wirklichkeit hatte er eine Verabredung mit Kameraden bei Hiller. — — —

— — Zum Frühjahr ließ Alwin Maurers Gesundheitszustand wieder viel zu wünschen übrig. Es stellten sich ernstere Beschwerden und schließlich Anfälle von Gallenkolik ein. Der Arzt warnte vor Aufregungen und Überarbeitung.

Adele lief jetzt wieder alle Tage zu Luise, klagte ihr Leid.

Luise erbot sich, mit dem Bruder zu sprechen. Alwin mußte diesmal nach Karlsbad — unweigerlich! Adele nickte und trocknete die Augen.

Gewiß. Das Geld dafür war ja auch zusammen. Aber die Ferien mußten abgewartet werden. Und bis dahin ...

Wieder fing sie an zu weinen.

Luise legte ihre hageren Arme um die vollen Schultern der Schwester.

„Na, was ist denn noch?“

Adele wickelte ihr feuchtes Taschentuch um die Hand. Leicht gesagt, keine Aufregungen! Fritz dachte nicht daran, sie ihnen zu ersparen! Er „aaste“ mit dem Gelde! Alle paar Wochen kam er mit einem Schuldenzettel an. Sie hatte zusammengerechnet: sechshundert Mark waren in den letzten acht Wochen zusammengekommen.

Luise schlug entsetzt die Hände zusammen:

„Was habt ihr denn gemacht?“

„Gezahlt natürlich. Erst hat Alwin gelacht. Ich sollte dem Jungen sein bißchen Leben nicht vergällen mit meinen Predigten! Dann ging er wieder mal ein Glas Wein trinken mit ihm, um ihm den Kopf zurechtzusetzen — aber zum Schluß war er nur wieder einen Hunderter los oder sechzig, siebzig Mark ... Und das reißt nicht ab ... Wenn er sich anmeldet, dann schlägt mir immer das Herz bis hier oben herauf ...“

Adele schluchzte auf, empfand plötzlich die Tragik ihres Lebens. Alles war falsch gewesen. Alles, was sie je getan, geraten, gefordert, erbettelt! Nun stand sie da, verängstigt von der Erfolglosigkeit ihres Tuns, verprügelt vom Leben, wollte schützen, wollte retten. Konnte nicht das eine — nicht das andere.

Blieb wieder nur der Bruder.

Doch er war härter geworden in diesen letzten Jahren, verschlossener als früher.

Luise hatte einmal gesagt:

„Weißt du, Adele, manchmal kommt es mir vor, als gäbe er uns schuld an Karlas unverantwortlichem Benehmen!“

Und Adele hatte verständnislos ihre Augen aufgerissen:

„Uns?! Ja ... was können denn wir dafür? Wir, die wir uns immer nur für sie aufgeopfert haben?“

Mit Mühe hatte Luise sie davon abgehalten, eine Auseinandersetzung zwischen dem Bruder und ihnen beiden herbeizuführen.

„Tu das nicht ... glaube mir ... Er ist wie eine allzu straff gespannte Saite. Empfindlich war er immer — jetzt aber verträgt er kaum eine leise Berührung! Man muß ihn schonen.“

Und auch jetzt sagte Luise:

„Man muß ihn schonen. Wenn er erfährt, daß Fritz ...“

Sie hatte lauter gesprochen, als sie beabsichtigt, und sie beide hatten es nicht gemerkt, daß er ins Eßzimmer gekommen war.

„Ist schon wieder was mit dem Jungen los?“

Die Schwestern schraken zusammen. Adele wollte alles vertuschen, abstreiten. Altmann aber runzelte die Stirn.

„Ich verbitte mir die Geheimniskrämerei. Ich muß wissen. Wenn wir nicht im Einverständnis handeln, dann ist alles zwecklos. Ihr habt keine Ahnung, wie man mit solchem Burschen umgeht! Alwins Art ist ein Verderb für den Jungen! Nicht einen Pfennig darf er über seinen Zuschuß hinaus kriegen, nicht einen halben Pfennig! Er muß es lernen, auszukommen, muß es lernen, sich etwas zu versagen!“

Er schlug gegen seine Gewohnheit heftig auf den Tisch.

Fühlte denn Adele nicht, daß es noch immer Karlas Geld war, das der Junge bekam? Fühlte sie nicht, daß es vielleicht eine Zeit geben würde, da er keinen Pfennig mehr von Karla würde annehmen dürfen, für sich oder einen der Seinen —?

„Kann ich Isoldchen noch sehen?“, fragte Adele im Aufstehen.

Altmann machte die Korridortür auf. Er rief:

„Schmerzchen! ... Tante Adele ist da!“

Die Schwestern tauschten einen Blick. Luise nickte dabei: Ja ... ja ... so nannte er das Kind jetzt oft ...

Adele seufzte auf.

Schmerzchen kam herein; nicht sehr eilig. Ein weißes Schürzchen mit gestickter Krause deckte fast vollständig das dunkelblaue, an den Ellbogen geflickte Kleidchen. Ihr Haar war in zwei ordentliche Zöpfe geflochten, die eine schwarze Schleife zusammenhielt. Ihr Gesichtchen war länglich und zart, die Brauen gerade und dunkel. Kurze, dichte Wimpern umschatteten die großen braunen Augen, die rund waren, wie die ihrer Mutter. Sie knixte, sagte guten Abend. Ihr Lächeln hatte einen wehmütigen Zug. Ihre Augen blickten meist vorbei an dem, der mit ihr sprach — blickten geradeaus durchs Fenster oder zur Tür, als müßte in der Luft draußen etwas Ersehntes vorüberschweben oder zur Tür irgendwas Erwartetes eintreten.

Das war ihr nicht abzugewöhnen. Es lag darin eine große, fast unheimliche Gleichgültigkeit für ihre Umgebung. Nur ihrem Papa und Pauline, die sie ganz selten einmal besuchte oder zum Großpapa abholte, sah sie lange und mit heiterer oder ernster Aufmerksamkeit ins Gesicht. Und auf dem Grunde ihres Ernstes, ihrer Heiterkeit lag es immer wie eine stumme Frage.

Denn die Erwachsenen hatten ihr verboten, zu fragen — so oft zu fragen, wann die Mama käme. „Im Sommer“, sagte Papa ausweichend.

Schmerzchen bekam wunderschöne Ansichtskarten von der Mama, mit so vielen, vielen Küssen darauf, daß sie sie gar nicht zählen konnte. Schmerzchen las Mamas Schrift wie Gedrucktes und war sehr stolz darauf. Mama schrieb so zärtlich, hatte so viele, gute, schöne Wörtchen für sie. Die Mamas der anderen Kinder hatte sie nie so zärtliche Worte sagen hören!

Ja ... aber die anderen Mamas blieben bei ihren Kindern, gingen nie fort von ihnen ... nie. Sie hatte es manchmal aufgeschnappt, wenn Damen unter sich sprachen: „Ich könnte mich von meinem Kinde nicht trennen —“, „Ohne mein Kind — nein, dazu habe ich es viel zu lieb“. Das gab Schmerzchen jedesmal einen bösen, heftigen Stich.

Seit nun aber der Papa gesagt hatte: „Im Sommer“, hatten Schmerzchens Zukunftsvorstellungen einen gewissen Umriß erhalten. Sie würde weiße Kleider tragen und mit Mama spazieren gehen wie andere Kinder. Mama würde sie von der Schule abholen, und sie würde sagen: „Ich habe keine Zeit, mich mit euch herumzubalgen, meine Mama wartet unten.“ Ganz laut würde sie sagen „meine Mama“, daß die ganze Klasse es hörte! Und auf der Straße würde sie sich von ihrer Mama küssen lassen ... da konnten die anderen sehen, wie die Mama sie lieb hatte.

Die Aprilsonne brannte bereits durch die Fensterscheiben. Aber wen sie auch fragte — noch war es nicht Sommer. — — —

Das Fenster stand weit auf, und die warme Abendluft kroch über die Weinranken und Geranientöpfe der kleinen Loggia in Adelens Eß- und Wohnstube. Auf dem Tisch lag die Wäsche ihres Mannes. Auf den Stuhllehnen hingen die Röcke, auf dem Boden standen Stiefel, braune Schuhe, Pantoffeln. Adele zählte alles durch, trug es auf zwei weiße Blätter ein, unter die Überschrift: „Verzeichnis“. Sie holte noch eine Flasche Kölner Wasser, drei Seifenstücke und eine Schachtel Zahnpulver aus dem Schlafzimmer. Dann stand sie noch einmal auf und holte den Schwamm, den Waschhandschuh. Zu dumm, wie ihr Gedächtnis nachgelassen hatte. Bald hatte sie dies, bald das vergessen und jenes übersehen. Seit Wochen hatte sie nichts getan, als geplättet, geflickt, geputzt, gekauft. Sie war wie zerschlagen! Der Mann verreiste auf kaum einen Monat, und es machte ihr fast ebensoviel zu schaffen, wie Vickis Hochzeit. Wie hatten doch ihre Kräfte nachgelassen in den paar Jahren! Im Grunde war sie es zufrieden, daß sie allein blieb. Ganz allein. Daß sie nur sich selbst leben konnte, nicht kochen, nicht räumen brauchte. Ausruhen durfte. Endlich mal ausruhen! Auch die Bedienungsfrau durfte ihr nicht ins Haus.

Alwin Maurer kam herein, blinzelte mit den Augen im grellen Weißlicht der Gaskrone. Er fuhr streichelnd mit der Hand über Adelens Rücken.

„So viele Mühe machst du dir ...“

„Ach was ... komme du nur gesund zurück. Ja und dann bitte ich dich Alwin ... gib Acht auf deine Sachen. Sieh mal her ...“

Dr. Maurer nickte zerstreut.

„Ja ... ja, gewiß ... danke schön .. Sag’ mal, hat Fritz nichts geschrieben? Noch immer nicht?“

Sie neigte den Kopf tiefer, drückte das Kinn an die Brust. Daß ihr Mann gerade jetzt ...

Alwin Maurer baute die Seifenstücke aufeinander. Tiefe Schatten lagen um seine Augen. Die heftigen Schmerzen, die er in der letzten Zeit ertragen mußte, hatten eine scharfe Leidenslinie um seinen Mund eingegraben, die der kurze, rötliche, grauuntermischte Bart kaum verdeckte.

„Der Junge gefällt mir nicht ... schon eine ganze Weile nicht. Paß auf.“

„Ich soll aufpassen ... ich! Ich kann mich nicht zwischen ihn und meinen Bruder stellen. Das weißt du. Du kennst Ernst genau so gut wie ich. Früher war er anders, aber jetzt ... Er hat Worte, die wie scharfe Messer sind. Wenn er so mit Fritz gesprochen hat ... Fritz ist kein kleiner Junge mehr ... Fritz ist Offizier. Er selbst hat es ihn ja werden lassen. Er konnte sich denken, daß ein Leutnant anders auftreten muß als ein kleiner Schauspieler, ein Lehrer.“

Zum ersten Male in ihrem ganzen Leben gab Adele den heißgeliebten Bruder der Kritik ihres Mannes preis. Zum ersten Male klagte sie ihn an, verurteilte ihn.

Jetzt wußte sie erst, wie er war, wie er sein konnte. Jetzt klammerte sie sich an ihren Mann, erwartete von ihm Trost, Beruhigung, Abhilfe.

„Du mußt noch vor deiner Reise mit Ernst sprechen. Mußt ihm sagen ...“

Aber Alwin Maurer schüttelte den Kopf, und sein Gesicht wurde noch grauer.

„Wir haben freiwillig auf unser Elternrecht verzichtet, Adele, an dem Tage, da wir das Anerbieten deines Bruders annahmen. Unsere Sorge um unsere Kinder gibt uns ein Recht auf sie — nicht der Umstand, daß wir sie in die Welt gesetzt haben.“

Adele führte die grobe, dunkle Schürze an die Augen.

„Darum ist er aber doch immer unser Kind ...“

„Ja ... wie Vicki unser Kind ist, seitdem ihr Mann für sie sorgt. Genau so. — Zum Packen ist auch noch morgen Zeit. Komm, Adele, laß uns einen Abschiedsschoppen irgendwo trinken.“

„Ach ja, Alwin ... das wollen wir.“

Sie kleidete sich um, tupfte ein Stückchen Watte in Reismehl und suchte so die Spuren ihrer Tränen und die heißen Flecken auf den Wangen zu verwischen.

„So, Alwin ... nun wollen wir vergnügt sein.“

Denn es blieb ja doch das Beste in ihrer langen Ehe, diese Ausgänge zu zweien, an Sommerabenden, wenn der Flieder blühte oder die Linden ihren starken Duft ausströmten und sie in der verschwiegenen Stille eines entlegenen Gartenlokals, beim flackernden Schein einer einsamen Laterne einander zutranken, und wenn sie sich zurückversetzte in jene längst vergangene Zeit, da solche Abende, durchduftet von Sommer und Hoffen, zu den schönsten Augenblicken ihrer einst so schwer erkämpften Brautzeit gehörten. — — —

Die Familie brachte Alwin Maurer zur Bahn, wie einst Karla. Sogar Vicki erschien mit einem Körbchen, das sie sich mit hastig zusammengekaufter Backware hatte füllen lassen.

Schmerzchen blickte mit gespanntem Ausdruck auf Onkel Alwin.

„Fährst du nach Wien, Onkel?“ fragte sie.

Alwin Maurer beugte sich über ihr zartes, ernstes Gesicht. Er wurde ganz rot dabei. „Vielleicht“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Aber das wissen nur du und ich!“

„Ja“, nickte Schmerzchen.

Und nun wurde auch sie rot. Denn es war ein wichtiges Geheimnis, das der Onkel ihr anvertraut hatte, und ihr kleines Herz schlug ganz schrecklich schnell vor Freude darüber.

Alwin Maurer drückte noch ein letztes Mal die ausgestreckten Hände.

„Fritz ist richtig nicht gekommen!“ sagte er.

Altmann überhörte es. Alwin war unverzeihlich in seiner Schwäche. Es war nur gut, daß er dem Jungen letzthin mal eine ordentliche Standpauke über seinen „katastrophalen“ Leichtsinn gehalten hatte. Wenn er noch ein einziges Mal Dummheiten machte, dann würde die Zulage auf die Hälfte herabgesetzt! Dann sollte er sehen, wie er fertig wurde. Natürlich — jetzt maulte er. Spielte den Beleidigten!

„Mach’ dir keine Sorgen, Alwin ... denk’ an dich und nur an dich. Hast dir’s verdient!“

Altmann schüttelte ihm kräftig die Hand. Ging noch eine Strecke mit dem langsam abfahrenden Zuge.

„Du ... sie wird wohl jetzt in Bayreuth sein ... Vielleicht ..“

Das „Vielleicht“ war das letzte, was Alwin Maurer noch hörte. Und er sah die Frauen mit ihren wehenden Tüchern nicht mehr.

Wie aus einem tiefen Schacht heraus brach das Bewußtsein hervor, daß er mit diesem ratternden Zuge nicht nur der Heilung entgegenfuhr — sondern auch Karla. Und dies Bewußtsein weckte aufs neue jenes Sehnen in ihm, das wie ein wildes, wärmendes Licht die traurigsten und ödesten Strecken seines ereignisarmen Lebens verklärt hatte.

„Vielleicht ...“

Ein letztes, banges Hoffen sprach aus diesem Wort — aus dem Blick, der es begleitet hatte ...

Alwin Maurer ließ die Luft um sein Gesicht streichen. Wie wohl das tat ... wie das erfrischte! Anderes Land, andere Menschen ...

Nur gesund werden ... stark ... lebensfroh ...

Und dann ...

Vielleicht brachte er sie wirklich heim — dem Manne, dem Kinde ... und sich.

Vielleicht ...

Verzierung, drei Sterne
Verzierung, drei Sterne
I
I

Im kleinen Speisesaal des Reichenbergschen Palais am Schwarzenbergplatz wurde von zwei Lakaien das Obst um den ovalen Tisch gereicht.

„Befehlen Durchlaucht den Mokka im Wintergarten?“ fragte der alte Haushofmeister.

„Hast du noch Zeit?“

Alice Reichenberg sah ihren Bruder an.

Gaudlitz blickte auf die Uhr, nickte.

„Reichlich.“

Fürst Reichenberg, unnachahmlich vornehm und elegant, mit seiner müden, vornübergebeugten, hageren Gestalt, tauchte die Fingerspitzen in die silberne Wasserschale.

„Eine furchtbare norddeutsche Gewohnheit, dieses ewige Auf-die-Uhr-schauen“, meinte er. „Habt ihr den Rhythmus der Zeit nicht im Blut — aus der Westentasche seine Tagesbefehle holen ... nehmt’s mir nicht übel, aber das find’ ich schrecklich! Das könnt’ mir das Leben verleiden. Oder brauchens auch immer den Metronom, gnä’ Frau?“

Er küßte Karla die Hand — ein bißchen lässig, wie er alles tat, aber mit einem in seiner Weichheit fast zärtlichen Blick in den gleichsam ausgewaschenen, hellen, länglichen Augen.

Karla lachte.

„Ich komme immer zu spät — trotz all meiner Uhren, denn ich sehe nie hin.“

Gaudlitz faßte ihre beiden Hände, umschloß sie mit den seinen.

„Ich seh’ schon — jetzt muß ich dir eine Uhr schenken. Die wirst du doch ansehen ... oder etwa nicht?“

Er sagte es flüsternd, daß nur sie allein das „Du“ hören konnte. Aber sie wurde doch rot. Zu rasch war alles gekommen. Noch war ihr diese äußere Nähe zu ungewohnt. Keine Werbung war vorangegangen, kaum eine Frage.

Während sie mit Reichenbergs am Morgen nach ihrem letzten Auftreten in Bayreuth im Hotelgarten frühstückte, war er plötzlich die kurze Allee heruntergekommen, hatte seinen Strohhut geschwenkt, war an den Tisch getreten.

„So. Nun habe ich lange genug gewartet!“

Schob mit lachendem Gesicht einen Stuhl zwischen seine Schwester und Karla, reichte dem Schwager über den Tisch die Hand.

„Jetzt wollen wir wenigstens Vorverlobung feiern — bei einem Glase Milch und Butter, mit Honig. Das soll das Symbol unserer Ehe werden, Karla.“

Sogar Alice Reichenbergs Gesicht wurde flammend rot.

„Du bist unmöglich, Hans Jochen. Ein Wilder.“

Aber Reichenberg meinte:

„Warum denn, Alice? Ich find’ das sehr fesch. Grüß dich Gott, Hansel! Schad’, daß du die gnä’ Frau gestern nit g’hört hast! ... Also weißt, wenn Wagner noch lebte ... Heut’ sind wir zum Tee in Wahnfried. Wenn du willst, führ’ ich dich ein ...“

Gaudlitz schüttelte lachend den Kopf.

„Danke verbindlichst. Das könnt’ uns passen, heute ... Karla, wie? Sagen Sie selbst?“

Sie widersprach eifrig.

„Doch, Graf Gaudlitz ... ich muß hingehen.“

Gaudlitz gab ihr einen Klaps auf die Hand.

„Erstens: nicht Graf Gaudlitz, sondern Hans Jochen. Nur nicht Hansel! Mein Schwager hält mich scheint’s für einen Kanarienvogel. Ich möchte mir’s verbeten haben. So. Und zweitens müssen Sie nichts anderes tun, als was Sie wollen. Von heute ab ist es so. Verstanden? Und was Sie wollen, das muß genau dasselbe sein, was ich will.“

Karla faßte lachend und nicht ohne Verlegenheit die Hand der Fürstin.

„Alice, schützen Sie mich — vor diesem Manne.“

Es nahm Karla den Atem. Sie war wirklich nicht vorbereitet auf diesen Zwiespalt, nicht vorbereitet auf das Kommen von Gaudlitz. Sie hatte an einen Telegrammwechsel gedacht; an lange Briefe, an ein sich langsames Gewöhnen — nun war er da. Lachte sie mit seinen blauen Augen an, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, daß er da war, sie „Karla“ nannte vor seiner Schwester, von der Ehe mit ihr sprach, ihr seinen Willen aufzwang ...

Und wenn das Herz ihr auch vor Seligkeit schlug — da war doch noch anderes. Viel anderes ... ihr Leben bisher, ihr Erfolg hier ... Ehren, die ihr — ganz allein galten ... Verpflichtungen, die sie allein erfüllen mußte, als selbständiger, freier Mensch — als Künstlerin ...

Aber nein — sie mußte richtig absagen in der Villa Wahnfried. Mußte Alice Reichenberg bitten, sie mit Migräne zu entschuldigen. Durfte keine Zeitung ansehen, die doch alle Depeschen gebracht hatten, alle ihren Ruhm verkündeten! Mußte einen Boten zu dem berühmten Maler schicken, der sie gebeten hatte, ihm zu einer Skizze eine halbstündige Sitzung zu gewähren; konnte kaum die Karten durchsehen, die für sie während des Vormittags abgegeben worden waren, die Briefe und Depeschen lesen, die sich auf dem Schreibtisch ihres kleinen Hotelsalons stapelten, — ja, es blieb ihr schließlich nichts anderes übrig, als in einem weiten Staubmantel, einen dicken Schleier vor dem Gesicht, in ein Auto zu steigen und sich von Gaudlitz ganz weit weg von allen abgeklapperten Ausflugsorten entführen zu lassen, nur damit er seinen Willen hatte und sie ganz für sich behielt an diesem ersten Tage.

Als sie dann am späten Nachmittag heimkehrte, da wußte ihr Mädchen nicht recht, was mit ihrer „gnä’ Frau“ geschehen war. So glückstrahlend und geistesabwesend hatte sie sie nie gesehen.

Am selben Abend noch wurde gepackt. Und auch die Rückreise mit Reichenbergs nach Wien war wie eine Entführung.

Aber Gaudlitz erklärte, er müsse gleich wieder zurück aufs Gut. Das könnte ihn jetzt nicht entbehren. Die neuen Maschinen wären gerade eingetroffen, von denen der alte Verwalter nichts hatte wissen wollen. Da gälte es, seinen Willen durchzusetzen. Die Maschinen müßten in seiner Gegenwart zusammengesetzt und aufgestellt werden ... Aber vorher wollte er mit Karla am Tisch und im Hause seiner Schwester ein Glas Sekt trinken.

Das sollte die Weihe sein.

Fürst Reichenberg lächelte sein müdes, ein bißchen ironisches Lächeln. „Sozusagen — die zweite Vorverlobung. Sag’s lieber gleich, Hansel, wie oft du dich noch mit der gnä’ Frau zu verloben gedenkst ...“

Gaudlitz lachte. „So oft ich wiederkomme: im Herbst und im Winter und nächstes Frühjahr ... und so weiter — bis es ans Heiraten geht! Und darauf, daß es bald ist, wollen wir zusammen anstoßen. Denn viel Zeit zu verlieren haben wir nicht mehr. Jeder Augenblick muß ausgenutzt werden!“

Im Wintergarten des Reichenbergschen Palais sagte er ihr noch einmal:

„Keine Minute dürfen wir versäumen. Darum sollst du die Uhr von mir haben. Mir darfst du nicht zu spät kommen — hörst du, mir nicht!“

Es flackerte plötzlich wie eine Unruhe, wie eine Angst in seinen lachenden, blauen Augen auf.

Jetzt, da Karla vor ihm stand, im Hause seiner Schwester, im einfachen Sommerkleid, war sie ihm so nahe, so vertraut. Als hätte er nicht bloß in Sehnsucht an sie gedacht diese endlos lange Zeit, sondern als hätte sie bereits sein Leben geteilt, als wäre sie bereits wirklich durch die großen hellen Räume des großen weißen Hauses geschritten, des Grafenhauses, wie die auf Pinnow sagten. Als hätte nicht nur in seinen wachen Träumen ihre wundervolle Stimme die Halle durchbraust, in der noch ein alter, verstimmter, langer Klapperkasten stand.

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