Die Primadonna (continued 5)
Reading edition
Schmerzchen liebte den Papa sehr. — —
Am Abend entwickelte Altmann seinen neuen Plan vor Karla. Sie saß in seinem Zimmer, in einem der bequemen, weichen Sessel, häkelte mühsam an einer roten Bettdecke für Schmerzchen und zählte nun schon zum fünften Male die Maschen. Sie mußte ihrem Kinde etwas arbeiten. Luise und Adele taten sich gar zu viel darauf zugute, daß Schmerzchen Höschen und Röckchen und Jäckchen von ihrer Hände Arbeit trug. Da hatte ihr Pauline eines Tages ein ganz einfaches Muster angefangen.
„Immer lang, junge Frau, einmal hin und einmal zurück. Daran können Sie ein Jahr häkeln. Je größer die Decke wird, um so besser. Und immer an was Freundliches denken dabei, damit’s dem Mädelchen Glück und Wärme bringt.“
Karla arbeitete sehr eifrig in den freien Abendstunden. Und immer dachte sie an etwas „Freundliches“: an ihr erstes Auftreten als Elsa, an wundersüße Teerosen, die sie in einer Vase aus Kopenhagener Porzellan bekommen hatte — ohne Karte, so daß sie gar nicht zu wissen brauchte, von wem sie kamen; an einen himmelblauen Sonntagmorgen, da sie mit Schmerzchen und Alwin Maurer nach Wannsee hinausgefahren war, um sich Bewegung in frischer Luft zu machen; an einen lebhaften Gruß aus einem vorbeisausenden Auto ... An eine Begegnung dachte sie im Tiergarten und an eine zweite bei Schulte, wohin Alwin Maurer sie geführt hatte; wie die Vorstellung gewesen war: Graf Gaudlitz — Dr. Alwin Maurer, und wie Alwin sie fast angstvoll unter den Arm genommen und sie dann weitergegangen waren zu dreien ... an den besten Bildern vorbei ... in hastigem, immerzu stockendem, immer wieder aufflackerndem Geplauder, bis Alwin sagte: „Du wirst wohl nach Hause müssen, Karla“, und Gaudlitz ihre Hand an die Lippen zog — ihren dummen weißen Handschuh küßte ...
Karlas Häkelnadel blieb in der Luft hängen ... nein, daran durfte sie wohl nicht denken, daran nicht ...
„Hörst du zu, Karla?“ fragte Altmann ein bißchen ungeduldig, weil sie so stumm blieb. „Dramatischen Unterricht will ich geben ... hier, bei mir ...“
„Ja ...,“ fiel Karla verwirrt ein, „... ja ... das ist sehr schön, Ernst ... ich freue mich sehr ...“
Altmann zuckte die Achseln und wendete sich ernüchtert ab. Mit Karla war nicht ernsthaft zu reden. Es war nur gut, daß er Luise hatte! Adele würde sicher auch einverstanden sein!
Altmann setzte Ankündigungen in der Zeitung auf. Ein Konservatoriumsleiter, der wußte, daß Karla König Altmanns Frau war, und der sich für seine Gesangschülerinnen einen Vorteil von der Verbindung versprach, meldete sich als erster und verpflichtete ihn für seine Lehranstalt. Allmählich kamen auch Privatschüler. Die Honorarsätze reichten bei weitem nicht an das heran, was Altmann erwartet hatte — immerhin, er verdiente. Und um Karla nicht bei ihrem Partienstudium und ihren Übungen zu stören sowie selbst nicht gestört zu werden, ließ er an alle Türen dicke Vorhänge anbringen, die jeden Schall dämpften.
Leise, fast unhörbar glitt Luise in der Wohnung umher. Ihr Klopfen wurde durch die Vorhänge wirkungslos, und sie stand oftmals wie ein Gespenst, ganz unvermutet, im Musikzimmer.
Karla fuhr zusammen.
„Ja ... was ist ... was wünschest du?“
Es war immer ganz Nebensächliches, Unwichtiges — Karla aber klopfte das Herz bis in den Hals, und sie dachte manchmal daran, sich einzuschließen. Aber das wagte sie doch nicht.
Ihr Verkehr brauchte wahrlich nicht unter Aufsicht zu stehen. Wer kam denn zu ihr? Der kleine Goldbeck allenfalls — ihr Korrepetitor, der von irgendwo an der russischen Grenze eingewandert war, sich durchgehungert, durchgebettelt hatte, voll Musik in Kopf und Fingern steckte, sich scheu an der Hochschule hatte vorbeidrücken müssen, weil er weder Geld noch Zeit noch Freunde gehabt hatte; der, was er konnte, gleichsam mit der Luft eingesogen hatte, die ihm aus den Toren zuströmte, hinter denen Musik gemacht wurde.
Kam noch Vicki, mit ihrem Bodo Völkel in jedem ihrer Seufzer, jedem Augenaufschlag, oder Fritz mit seinem Kadettenüberschwang oder Alwin Maurer ...
Der kam freilich öfter, als sie je geglaubt hätte, der liebe, gute Alwin, nahm sich ihrer „gottssträflichen Unbildung“ an, wie Luise sagte. Was ihr nicht angeflogen war, das wußte sie nicht, und von dem bißchen Schulbildung hatte sie auch mehr vergessen, als behalten.
Es war Alwin Maurer eine innige Freude, sie mit Büchern zu versorgen, deren bedachtsam und liebevoll gewählte Reihenfolge Karlas Wissen erweiterten.
Noch dämmerhaft zwar, aber doch mit starkem Instinkt begann sie den Zusammenhang zu fühlen, der alle Künste als die Ausstrahlung eines einzigen großen, schöpferischen Gedankens vereinigte, und ein ihr noch ganz neues Gefühl für das Schöne in jeder Art und äußeren Gestalt regte sich lichtstrebend aus dem Dunkel ihres unentwickelten Geistes.
Dr. Alwin Maurer aber vermeinte, so einen Teil der Dankesschuld abzutragen, die das rücksichtslose Fordern seiner Frau auf ihn gehäuft hatte. — — —


Karla feierte Weihnachten mit ihrem Kinde.
Hatte es feiern wollen — aber so ein kleines Wurm verschwand ja unter den vielen Großen. So sah sie nur einen kerzenstrahlenden Baum, eine lange, weiß gedeckte Tafel, auf der mit Tannenzweigen die Geschenkplätze abgegrenzt waren, sah Haufen zerdrückten Seidenpapiers, die erhitzten hageren Wangen von Luise, das gemessene Hin- und Herschreiten Altmanns, Adelens neugieriges Herumschnüffeln, hörte Lärmen und Lachen, das Hackenzusammenschlagen von Fritz und fühlte das unablässige Umarmen von Vicki.
Irgendwo auf dem Teppich aber krabbelte Schmerzchen — ernsthaft, gesammelt, sehr bedacht, daß niemand ihr etwas von ihrem Spielzeug nahm oder sie mit lästigen Fragen störte. Lautes Lachen, Kreischen und Jubeln, wie Karla es erhofft hatte, hörte sie auch jetzt nicht.
„War das Christkindel nicht gut, Schmerzchen .... sag’, war es nicht ein liebes Christkindel?“
Schmerzchen nickte. Schmerzchen hatte in ihrem kurzen, aber mit tiefgründigen Betrachtungen erfülltem Leben bemerkt, daß die Großen immer nur fragten, wenn sie eine Zustimmung erwarteten. Von Zeit zu Zeit blickte Schmerzchen auf die Mama. Die Mama hatte ein weißes Kleid an, mit vielen großen, schönen Löchern, unter denen es blau und grün und rosa schillerte. Schmerzchen hätte gar zu gern ihre Finger in die Löcher gesteckt — immer so drei auf einmal ... Aber sie wußte, daß es dafür Klapse gab. So beschloß sie, lieber der Mama den Rücken zu kehren, um der Versuchung auszuweichen — — —
„Das ‚Liebesleben in der Natur‘ von Bölsche ... von wem hast du denn das, Karla?“ fragte Adele und hob drei grau gebundene Bücher mit leisem Ekel um die Mundwinkel in die Luft.
„Von Alwin ... warum?“
„Nichts ... ich meinte nur ...“
Und Karla hatte dem Schwager eine „großartige“ Büste von Nietzsche geschenkt, als „dankbare Schülerin“ ...! Ein bißchen faxig war es zum mindesten ...
Jedesmal, wenn Alwin an der Büste, die auf einem schwarzen Sockel stand, vorbeikam, glitten seine Finger wie streichelnd über den weißen Gips.
Der Papa war nicht zu bewegen gewesen, das Fest mitzufeiern.
„Weihnachten ... Stollen, Kerzen ... kenn’ ich, kenn’ ich ... Bin große Familienfeste nicht mehr gewöhnt ... ta, ta, Kleine ... ein andermal ..! Pauline macht mir einen polnischen Karpfen ... delikat — Bei Borchardt nicht besser ... dazu einen feinen Mosel ... Werde auf dein Wohl trinken, Kleine ... um zehn kommt ein Klubfreund ... da spielen wir noch eine, zwei Partien ... Pauline liest in ihrem neuen Andachtsbuch — weiß Elfenbein, bitte — raschelt mit ihren gestärkten Röcken ... mag ich gern hören, klingt so propper ... bringt uns was zu knabbern — ein Gläschen Grog ... ganz leicht ... einmal ist keinmal ... Vor dem Schlafengehen eine Patience ... zanke mich noch ’n bißchen mit Pauline ’rum ... und dann in die Klappe. Tja ... und wenn ich dann träume, daß meine Tochter eine große Primadonna ist ... dann war’s das schönste Weihnachten, das ich mir wünschen kann! ...“
Und während des Lärmens um den feierlich strahlenden Baum, während der Fragen und Ausrufe der Schwägerinnen, der geschwisterlichen Anrempeleien von Fritz und Vicki, der tönenden Weisungen und Ansprachen Altmanns — sehnte sich Karla plötzlich in das stille, helle Zimmer des Papa, an den runden Tisch unter der friedlich brennenden Lampe, um den herum das „proppre“ Röckerauschen von Pauline einen altbackenen Duft traulicher Gemütlichkeit verbreitete ...
Und doch sollte Karla an diesem ersten Weihnachtsabend in ihrem Hause eine erste große Freude erleben.
Ein Wattebäuschchen, das als Schnee auf einem Tannenzweig lag, hatte unbemerkt Feuer gefangen, während Karla „Stille Nacht, heilige Nacht“ am Klavier sang. Ein trockener Zweig flammte auf — ein zweiter ... Fritz bemerkte es als erster und stürzte an den Fernsprecher in Altmanns Zimmer, um die Feuerwehr herbeizurufen, während alle sich, so gut es ging, mit dem Löschen befaßten.
Karla riß vor allem Schmerzchen aus ihrem neuen hübschen Rohrsessel auf, von dem sie wie aus einer Loge dem immer mehr um sich greifenden Brand mit großen, glänzenden Augen hochbeglückt zugesehen hatte, ohne auch nur im entferntesten daran zu denken, die Großen zu rufen, die ja doch nur Störenfriede waren.
Als die Feuerwehr kam, war es höchste Zeit. Die Herren hatten die Tafel und alle Möbel zur Seite gerückt, das weiße Laken fortgerissen, das das Tannenkreuz zudeckte. Das Mädchen hatte Wassereimer angeschleppt, und die Damen tauchten alles, was an Besen und Lappen vorhanden war, ein, um den Baum zu nässen. Als der schwelende Rauch das Löschen kaum noch möglich machte, ratterte die Feuerwehr heran.
Karla kümmerte sich um nichts. Sie hatte Schmerzchen ausgezogen und streifte ihr unter tausend kleinen Neckereien und Küssen das Nachthemdchen über den frisch abgeriebenen Körper. Schmerzchen hatte selbst die abendliche Abreibung verlangt, hatte selbst Schwamm und Seife angebracht, mit allerlei drolligen Belehrungen der Mama gezeigt, wie sie es zu machen hätte. Und dann hatte Schmerzchen gelacht, richtig gelacht wie andere Kinder, wenn das kalte Wasser ihr über das zierliche Körperchen lief. Denn es war zum ersten Male lustig, dieses „Abreiben“ — nicht nur gesund, wie Tante Lis’ immer sagte. Und Karla lachte mit, in aller Herzensseligkeit. Was scherte sie das Poltern am Ende des Ganges, das Läuten der Feuerwehr ... das Schreien und Türzuschlagen, was scherte sie der Brandgeruch, der sich leise bis ins Hinterzimmer schlängelte — mochte doch alles verbrennen dort drüben — die großartigen Speisezimmermöbel und die Vorhänge und ... das ganze Zeug, an dem sie mit keiner Faser ihres Herzens hing! Sie hatte ihr Schmerzchen im Arm ... und Schmerzchen lachte ihr zu und warf die Ärmchen um sie ... und wenn die ganze Wohnung in Flammen aufging, dann packte sie ihr Kind in die Decke ein und lief mit ihm hinunter auf die Straße — — und zum Papa in das helle, stille Zimmer, legte es unter die Bilder und Kränze und Schleifen und hütete seinen Schlaf eine lange, wunderschöne Christnacht durch ...
So gut aber sollte es ihr nicht werden. Luise kam herein, abgehetzt, noch zitternd an allen Gliedern.
„Wie das Eßzimmer aussieht ... Ernst muß morgen gleich zur Feuerversicherung! ... Du hast das Kind zu Bett gebracht, Karla? Gut ... aber nun das Licht gelöscht ... raus, raus ...“
Und da Schmerzchen zum ersten Male ihr Recht an die Mama geltend machen wollte, fuhr Luise sie an:
„Nicht unartig sein, Isoldchen ... gleich kommt der Weihnachtsmann und holt sich alle deine Spielsachen. Na ... also ... Jetzt geh aber, Karla ... Du bist gerade so unvernünftig wie das Kind ...“
Am nächsten Morgen stand in einem viel gelesenen Blatte ein längerer Aufsatz über den Brand im Hause der gefeierten Opernsängerin Karla König, der nicht ohne Lebensgefahr gewesen wäre für die Primadonna und ihre zahlreichen Gäste, die sich übrigens lebhaft an der Löscharbeit beteiligt hätten und denen es, unterstützt von der herbeigeeilten Feuerwehr, gelungen wäre, die Kostbarkeiten und wertvollen Einrichtungsgegenstände den Flammen zu entreißen.
Am Nachmittag aber kam der Papa, sehr aufgekratzt. Karla öffnete ihm selbst.
„Na, Kleine ... ist glücklich alles verbrannt?“
„Wie meinst du ...?“
Er griff mit komischer Verzweiflung an seinen silberweißen Kopf, als er von Karlas Musikzimmer aus durch die offenen Türen die Wohnung überblickte.
„Aber es steht ja noch alles da, Kleine ... um Gottes willen!“
Er fiel auf einen Stuhl nieder und tupfte sich mit dem weißseidenen Tüchlein die Stirn ab.
„Da hatte ich alter Esel gehofft ... na ... Die Feuerwehr hätte ruhig ein bißchen später kommen können.“
„Es wäre schade gewesen um den Bechstein“, sagte Karla, mit einem Versuch zu lächeln ...
„Ja, um den allenfalls. — — Also ich sehe, es ist wieder alles beim alten ... da kann ich gehen. Immerhin: Brand am Weihnachtsabend bei Karla König ... machte sich ganz nett ... Das lesen mehr Leute, als wenn was über deine Sieglinde drinsteht ... Wo ist übrigens Altmann? Bei der Feuerversicherung ... ja ... natürlich. Pauline sagt, ich müßte auch ... Sie nimmt sich ein bißchen viel heraus, die gute Pauline .. Bin mein Lebtag ohne alle Versicherungen ausgekommen ... Was hätte ich auch zu versichern? ... Ein bißchen Geschmack vielleicht ... der ist nicht zu substanzieren. Also pa, Kleine ... halt’ die Fenster auf ... es riecht noch eklig säuerlich in den Zimmern. Paß’ auf, daß der Geruch nicht bleibt. Es gibt so Wohnungen ... Menschen auch ... und es ist ansteckend — paß’ auf ...!“
Es war merkwürdig: Karlas sehr ernste künstlerische Erfolge hatten ihren Namen in Berlin weniger bekannt gemacht als die paar Löcher, die ein flammender Tannenzweig in den Teppich gebrannt hatte. Ihr Name wurde auch jenen geläufig, die das Opernhaus nur alle drei Jahre wie zu einem Weihfestspiel betraten. Damen der großen Wohltätigkeit wurden auf sie aufmerksam, baten sie um ihre Mitwirkung bei ihren Veranstaltungen.
Eines Tages brachte das Mädchen ihr eine Karte herein, bei deren Anblick Karla alles Blut zu Kopf schoß. Sie wollte sich erst verleugnen lassen, aber dann lief sie selbst auf die kurze, in einen Gang auslaufende Diele hinaus. Es war lächerlich und unpassend. Aber das fiel ihr erst viel später ein — als sie schon mit Gaudlitz in ihrem kleinen, kahlen Empfangszimmer saß und die seidenen Fransen der ockergelben Tischdecke unruhig zusammenflocht.
Gaudlitz war gekommen, um sich ihrer Mitwirkung in einem großen Fest in der Philharmonie zu versichern.
„Ich gehöre nun einmal zum Komitee — und da konnte ich mir die Freude nicht versagen, selbst zu Ihnen zu kommen und Sie sehr inständig zu bitten ...“
Er brach ab, sah sie lachend an und wußte, daß er gar nicht viel zu bitten brauchte.
Sie hatte keine Spur von Koketterie. Ganz offen leuchtete ihr die Freude aus den Augen, ihm „ja“ sagen zu dürfen. Und nur, als er ihre Hand dankend an die Lippen zog, da flammten ihre Wangen auf.
„Ach, lassen Sie das, Graf Gaudlitz, Sie haben gar nicht zu danken — ich komme ja so gerne. Was wollen Sie, daß ich singe?“
„Am liebsten — alles, was Sie können ... am liebsten hörte ich Sie ganz allein ... den ganzen Abend. Ich werde gar nicht müde, Ihnen zuzuhören. Ich habe schon meiner Schwester nach Wien von Ihnen geschrieben. Meine Schwester ist dort an einen Fürsten Reichenberg verheiratet. Er hat was zu sagen in der Wiener Hofopernintendanz. Geben Sie acht — es dauert nicht lange, und Sie bekommen einen Gastspielantrag dorthin. Man will die Primadonna dort nämlich ein bißchen kaltstellen und wird ihre erste Absage dazu benutzen, Sie kommen zu lassen ... Also — bereit sein, ist alles.“
„Wie ein Geschenk ist das wieder ... wie ein Geschenk“, murmelte sie ganz ergriffen.
„Ein anderes darf ich Ihnen ja leider nicht machen ...“
Ihre Augen irrten, wie Beistand suchend, im Zimmer umher. Aber nichts war ihr darin vertraut, nichts lieb — nichts stützte oder hielt sie gefangen. Wie in der Luft schwebte sie.
„Mein Mann gibt gerade Unterricht — sonst ...“
Es war ihr letzter Rettungsanker.
Aber er stand auf. Gar nichts lag ihm daran, den Mann kennenzulernen. Er konnte sich schon denken ... das Zimmer genügte: kahl, nüchtern, bürgerlich sauber und solide. In diese spießbürgerliche Atmosphäre wollte er sich nicht einspinnen lassen. Wollte auch sie nicht darin sehen, deren Stimme ihm die reinsten und edelsten Freuden gegeben hatte.
„Empfehlen Sie mich bitte, gnädige Frau ... meine Zeit ist leider beschränkt ...“
Sie verstand und hielt ihn nicht zurück.
Er verneigte sich kurz und tief. Sie blieb auf dem Fleck stehen, mit herabhängenden Armen, neigte nur den Kopf zum Abschied und stand noch so da, als die Eingangstür hinter ihm ins Schloß fiel.
Altmann aber war während des Unterrichts zufällig ans Fenster getreten und warf gerade einen Blick hinaus, als Gaudlitz aus der Tür trat und auf seinen Kraftwagen zuschritt. Seine Brauen zogen sich zusammen, wie unter der Einwirkung eines plötzlichen kurzen Schmerzes. Der Schüler säuselte gerade Romeos Liebeswerben ... Hundertmal hatte Altmann ihn vorhin gerade an dieser Stelle unterbrochen — jetzt sagte er gar nichts, nickte nur, mit abwesendem Ausdruck in den Augen.
„Ja ... weiter ... weiter ...“
Als Luise wenige Minuten später mit Schmerzchen vom Spaziergang heimkehrte und das Mädchen fragte, ob „was los gewesen wäre“, hörte sie vom Besuch des Grafen Gaudlitz. Auch ihre Brauen zogen sich zusammen, ähnlich wie die ihres Bruders.
Das Mittagessen verlief noch stiller als sonst, und Schmerzchen konnte es nicht verstehen, warum die Mama manchmal so vor sich hinlächelte.
Denn Karla sagte kein Sterbenswörtchen — weder vom Fest in der Philharmonie noch von Wien. Einmal, ein einziges Mal wollte sie etwas für sich allein haben, etwas, worauf sie sich ganz allein freuen, an das sie ganz allein denken durfte.


Adele hatte darauf bestanden, daß die Geschwister jeden zweiten Sonntag in der Motzstraße speisten. Den nächsten Sonntag waren sie selbst in der Landgrafenstraße.
„Man darf den Familienzusammenhang nicht verlieren.“
Vickis Seelenzustand jagte Adele die größten Besorgnisse ein. Vicki hatte ihre frischen Farben verloren, Vicki war still geworden und hatte oft rotgesäumte Augenlider.
Bodo Völkel hatte noch immer keinen Besuch in der Motzstraße gemacht. Adele machte Karla eigentlich dafür verantwortlich. Karla hätte den jungen Mann „ermutigen“ sollen. Es war heutzutage gar nicht leicht, ein mitgiftloses Mädchen zu verheiraten!
Adele hatte Erkundigungen eingezogen. Völkel hatte einen reichen, sehr klapprigen Onkel, einen Geizkragen, der sein Geld zusammenhielt. Aber mitnehmen konnte er es doch nicht! Wenn er starb, war Bodo Völkel sein einziger Erbe!
„Ekelhaft“, fuhr es Karla heraus.
„Was meinst du? Was findest du ekelhaft?“
„Auf den Tod eines Menschen zu spekulieren.“
„Du willst wohl sagen: damit rechnen?“ warf Luise scharf ein. „Das muß man wohl, wenn man vernünftig ist.“
„Ja ... was wollt ihr eigentlich von mir?“
„Du hättest den jungen Leuten Gelegenheit geben können, sich zu treffen, ganz unverbindlich für ihn natürlich, aber doch ... Du siehst doch, er wagt es nicht, sich an die Eltern zu wenden! Da muß man eben ein bißchen nachhelfen.“
Karla wollte sagen: Das brauche ich nicht, das besorgt Vicki schon allein — aber es kam ihr vor wie häßliche Angeberei. Es war ihr zudem aufgefallen, daß der junge Architekt sich plötzlich zurückgezogen hatte. Ein kurzer Neujahrsbesuch war alles gewesen, was der Sendung seines Azaleentopfes gefolgt war. Vielleicht hatte er sich auch erkundigt, vielleicht hatte er in Erfahrung gebracht, daß die große Primadonna gar keine reiche Frau war, wie Vickis Wunsch es ihm dargestellt hatte? ...
Adele aber schürte den Schmerz im Herzen ihrer Tochter, wußte längst von den heimlichen Verabredungen, die sie noch vor kurzem gehabt hatte, und den tiefen Enttäuschungen, wenn er einmal nicht gekommen war.
„Nur nicht tun, als ob ich wirklich etwas wüßte, Kind ... Erst, wenn du seiner ganz sicher bist ... Es darf nicht aussehen, als ob du ihn einfangen wolltest ... ja nicht! Die jungen Leute haben heutzutage einen so entsetzlichen Freiheitsdrang! Die Verliebtesten wollen zart und unmerkbar geführt werden ... aber es muß auch der Augenblick kommen, da sie sich überzeugen, daß wir ihnen über alles gut sind. Das wirkt dann und schläfert alle Bedenken ein.“
Frau Dr. Adele Maurer wäre aufs tiefste entrüstet gewesen, wenn man sie schamloser Kuppelei bezichtigt hätte. Es war in ihren Augen nur mütterliche Politik, die aus ihr sprach, Vorsorge, Angst um die Zukunft der Tochter. Auch wie ein unbewußtes letztes Sehnen nach einer neuen würdevollen Mutterschaft, die im Gebären der Tochter ein Wiederaufleben längst vergangener Mutterfreuden feiert ...
Bodo Völkel hatte sich wirklich erkundigt, hatte wirklich die Zwecklosigkeit seiner Werbung eingesehen. Sein flüchtiges Gefallen an Vicki wäre schmerzlos verebbt, hätte sie nicht mit einer Leidenschaftlichkeit, die er dem blonden jungen Ding kaum zugetraut hätte, immer wieder den abreißenden Faden geknüpft.
Er brauchte nicht gleich anzuhalten, er brauchte die Tante nicht zu besuchen — er sollte ihr nur gut bleiben, sollte seine kleine, dumme Vicki nicht fortschicken. Und er schickte sie nicht fort — schon weil er niemand hatte, der ihre Stelle einnehmen konnte. Er ließ sich lieben, launisch, rücksichtslos, immer erfüllter von der Bedeutung seiner angebeteten Männlichkeit. Er brachte es, ohne es eigentlich zu wollen und mit den abgebrauchtesten Mitteln, dahin, daß Vicki wie Wachs in seiner Hand wurde, sich willenlos fügte, beglückt von einem freundlichen Wort, einer flüchtigen Liebkosung. Sie war — das freilich hatte sie der Mutter nicht gesagt — mehrfach auf seinem Zimmer gewesen, hatte wie eine kleine Hausfrau bei ihm Ordnung gemacht, Staub gewischt, seine Schlipse gewendet, seine Wäsche geflickt. Alles mit einem verschämt lachenden: „Aber, Bodo, das ist doch mein Amt ...“
Es kam vor, daß er ausgegangen war, gerade wenn sie ihm ihren Besuch für eine bestimmte Stunde in Aussicht gestellt hatte, und er war oft grob, wenn er zu Hause blieb und ihrem Treiben zusah. Aber dann fehlte sie ihm wieder, wenn sie aus irgendeinem rein äußerlichen Grunde hatte fernbleiben müssen, und er küßte sie fast leidenschaftlich bei der nächsten Zusammenkunft. Sie war so frisch und jung wie eine Knospe, er war von Ehrgeiz zerwühlt, vor Wut auf seinen Onkel erbittert, der ihn alle Dürftigkeiten des Lebens auskosten ließ, von Gier nach Prunk und Aufwand zerfressen.
Eines Nachmittags — Vicki war seit Tagen blaß und stumm umhergegangen — fand Adele einen Brief, mit „Bodo“ unterzeichnet. Sie wurde sehr bleich, als sie ihn gelesen hatte. Es war von Beziehungen die Rede, die aufhören mußten, ehe etwas geschah, was er nicht gutmachen könnte. Sie sollte tapfer und klug sein — sie würde gewiß einen Mann finden, der sie glücklich machte. Er könnte es nur aufs tiefste beklagen, daß die äußeren Umstände usw. ...
Die Knie zitterten Adele Maurer. Dennoch fand sie die Kraft, ihrer Vicki, die eben ins Zimmer trat, zwei schallende Ohrfeigen zu geben.
„Du ehrvergessenes Ding! Schande über dich ... pfui ...“
Vicki weinte nicht einmal. Sie warf sich auf ihr Bett und vergrub ihren Kopf in den Kissen. Aber die Mutter ließ nicht locker. Wie mit eisernen Zangen entriß sie der Tochter ihr tiefstes Geheimnis. Sie schreckte vor keiner noch so brutalen Frage zurück. Sie fühlte als Mutter nur die „heilige Pflicht“, alles zu wissen — alles — bis aufs letzte. Und als sie es erfahren hatte, da wendete sie sich ab und atmete leise und erleichtert auf. Sie hatte eine Waffe in der Hand. Der Mann entging ihr nicht. Sie selbst hatte einst ihre Arme um den Studiosus Alwin Maurer geworfen, ihre Tochter war nur weiter gegangen. Das war gewiß empörend, aber wen ging das was an, wenn Vicki erst Frau Völkel war? Und sie mußte es werden, mußte ...
Sie wollte erst zu ihrem Manne. Dann besann sie sich. Nein — an dem hatte sie keine Stütze in der Frage, an dem nicht. Das mußte in der Landgrafenstraße durchgefochten werden. Karla war ja mit schuld an der ganzen Sache! Hatte Blumen von dem Manne angenommen, hatte es gelitten, daß Vicki mit ihm im Tiergarten herumspazierte vor ihrer Nase ...
Es war bereits sieben Uhr, als sie an der Klingel in der Landgrafenstraße zog.
Karla saß im Schlafzimmer vor ihrem Ankleidespiegel und summte leise ein paar Töne vor sich hin. Sie war so froh, in so seeliger Stimmung. Heute war das große Fest in der Philharmonie — Gaudlitz hatte drei wundervolle Teerosen geschickt, „zum Anstecken“, in einem schlanken, schillernden Tiffanyglas. Ihr süßer Duft erfüllte das ganze Zimmer wie mit einem Vorahnen allerhand schönen Erlebens.
Karla hatte eben ihr neues Konzertkleid bekommen — weiß mit gold. Sie hatte kaum die Rechnung angesehen.
Für den heutigen Abend war ihr nichts zu schön, zu kostbar. Und ein jäh aufsteigendes Erschrecken über ihren Leichtsinn beschwichtigte sie mit einem: Für Wien brauche ich es ja doch ...
„Bildschön sehen gnädige Frau darin aus“, hatte ihr die große Schneiderin gesagt.
Daran mußte sie jetzt denken, und wie ein hüpfendes helles Licht, so spukte ein immer wieder auftauchendes Lächeln über ihr noch immer junges, hübsches Gesicht, vertiefte die schelmischen Grübchen in Kinn und Wangen, die ihm so leicht etwas Kindliches gaben ...
Oh, wie sie sich freute! — — —
Da stürzte fast ohne Anklopfen Adele in ihr Zimmer, hinter ihr Luise. Und Luise rief:
„Ernst ... so komm doch, Ernst ... es ist etwas Wichtiges ...“
Da standen nun die drei Altmannschen Geschwister — Adele in der Mitte, trotz ihrer Rundlichkeit wie Schutz suchend zwischen dem Bruder und Luise.
„Hättest du mir doch gleich gesagt, Karla ... Es war deine Pflicht ... aber du zogst es vor, Heimlichkeiten mit Vicki zu haben ...“
So waren Adelens erste Worte. Nicht überlegt, ganz triebhaft entlastete sie sich selbst durch die unsinnigste Beschuldigung anderer.
Karla verstand nichts ... nur auf ihre Freude senkte sich plötzlich eine schwere, schwarze Wolke ...
„Beruhige dich, Adele ... beruhige dich, meine Liebe ...“, sagte Altmann und hielt schon Bodo Völkels Brief in der Hand; Luise las über seine Schulter hinweg mit. Adele schluchzte und fiel auf das Ruhebett, so nahe dem wundervollen weißen Kleid, daß ihr alter Mantel es bei jeder Bewegung streifte, seine Spitzen verknitterte. Aber wer achtete noch darauf ...
Hier wurde über zwei Menschenleben zu Gericht gesessen.
„Er ist ein Schuft, aber Vicki muß seine Frau werden ...“
Adele wiederholte es wieder und immer wieder.
Karla zog ihre feine, weiße Frisierjacke enger um die Schultern. Es war ihr, als würde sie in Eiswasser getaucht. Wie schrecklich war das alles ... Wenn er ein Schuft war, durfte Vicki ihn doch nicht heiraten! ...
„Sprich keinen Unsinn“, schnitt Altmann erregt ab.
Luise sagte gar nichts. Sie biß an der Unterlippe. Ihre lange, hagere Gestalt drückte tiefsten Widerwillen aus, um ihren Mund lagen Ekel und Empörung. Ihre starre, nie bedrohte Tugend faßte es nicht, daß das Kind ihrer leiblichen Schwester sich so weit hatte vergessen können. Aber schließlich sagte auch sie, wenn auch stockend und mit tiefem Abscheu: „Er muß Vicki heiraten — er muß!“
„Den Kerl knöpf ich mir vor“, erklärte Altmann.
Adele griff nach seiner Hand.
„Ich wußte ja ... du bist der einzige ...!“
„Aber wenn Vicki jetzt nicht mehr will ...?“ kam es scheu von Karlas Lippen.
Adele sprang mit einer Behendigkeit auf, die in grellstem Gegensatz stand zu ihrem sonst so würdevollen Wesen.
„Was heißt das: nicht will?“
„Ruhig, Adele ... ruhig. Auf Wollen oder Nichtwollen kommt es jetzt nicht an, mein liebes Kind“, wendete er sich gleich darauf an Karla. „Sie muß. Sie hat jedes Recht auf eigenes Wollen verwirkt!“
Karla nahm die Tiffanyvase vom Frisiertisch und drückte ihr Gesicht an die Blumen.
Nun sprachen alle drei auf einmal ... die Schwestern machten Vorschläge ... Altmann sollte Bodo Völkel aufsuchen ... sofort ... Er war Leutnant der Reserve ... man könnte ihn vielleicht beim Regiment ...
„Nein“, sagte Altmann. „Hat er nicht so einen Erbonkel, sagtest du nicht, Adele? Ja? Also zu dem gehe ich!“
Adele schlug in die Hände, lachte beinahe. Es war wie Schadenfreude.
„Ja ... zu dem ...“
„Selbstverständlich ... nur zu dem“, bestätigte Luise.
Und wieder sprachen sie durcheinander — bis Altmann mit einer Bewegung Ruhe gebot.
„Seid unbesorgt ... ich bringe die Sache in Ordnung. In vier Wochen ist Vicki verheiratet. Wenn der Onkel sich sperrt — so viel kratzen wir noch zusammen, um ihnen ein paar Zimmer einzurichten!“
„Selbstverständlich“, sagte Luise. „Wenn man sich zum Beispiel ein paar Kleider weniger machen läßt, dann bleibt genug übrig. Für einen Fetzen fünfhundert Mark auszugeben, das ist meiner Ansicht nach ein bißchen übertrieben ... Ich meine nur, Karla ... man kann sich’s auch billiger einrichten ... Daran darf doch das Lebensglück unserer Nächsten nicht scheitern.“
Das Tiffanyglas fiel hart gegen den Teppich und zersprang in Scherben, das Wasser leckte in breitem Bächlein an Karlas weißseidenen Schuhen.
„Nein — daran scheitert es nicht ... daran nicht — aber —“
Ein Zorn, wie er kaum je in ihr aufgelodert war, erstickte ihre Stimme. Sie streckte den Arm aus.
„Geht! ... Im Guten sag ich euch, geht! ... Ich muß singen heute abend ... Wißt ihr, was das heißt? Singen! Verdienen! ... Ja! Verdienen! ... Damit etwas abfällt für ...“
„Karla ... hast du den Verstand verloren?“
Altmann warf beide Hände auf ihre Schultern und schüttelte sie leicht, als wollte er sie zur Besinnung bringen.
Sie entwand sich ihm heftig.
„Ach laß ... laß mich ... seit du hier bist ...“
„Was, bitte? Sage gefälligst, was ... ‚seit ich hier bin?‘ Verdiene ich zu wenig, ja? ... So sag’s doch gerade heraus! Bitte! Hast eben eine schlechte Partie gemacht! Hättest dir’s überlegen sollen ... Vorläufig genügt’s, um mich zu erhalten. Meine Pension hier bezahle ich redlich! ..“
Adele überkam die Angst, daß das, was ihr am Herzen lag, in Vergessenheit geraten könnte über das Neue, Böse, das sich plötzlich zeigte. Eine Kluft hatte sich aufgetan zwischen dem Bruder und Karla ... eine Kluft ... Nicht erst von heute.
Luise wechselte die Farbe.
„Was redest du, Ernst ... Karla dachte doch nicht daran ... nicht wahr, Karla?“
Karla hatte sich abgewendet. Tränen hatte sie nicht mehr für das, was von „denen“ kam, und ihrem Manne hatte sie nicht weh tun wollen. Aber wahr blieb es ... Immer neigte er sich dahin, von wo man ihn anrief. Sie hatte ihn lange nicht angerufen ... und so war er ihr entrückt ... ganz weit weg, auf ein anderes Ufer — —
Ganz lange ging man zusammen einher und merkte es nicht, und dann — plötzlich — war es da, das ferne Fremde.
Nur so war es möglich, daß er ihr vorhielt, woran sie nie gedacht hatte. Ob sie mehr verdiente als er, ob weniger — keinen Augenblick war ihr das ins Bewußtsein getreten. Nur die anderen sprachen immer davon ... Luise ... er selber ...
Es sollte alles nach ihrem Wollen, nach ihren „Anschauungen“ gehen. Auch Vicki mußte heiraten, ob sie noch wollte oder nicht! Was galt ihnen inneres Leben? Sie sahen es nicht. Hatten es nie gesehen —
„Verzeih, Karla, ich war erregt ... ich hatte unrecht.“
Es war selten, daß Altmann ein Unrecht zugab. Karla sah ihn groß an. Aber in ihren Augen lag mehr Staunen als Freude — —
Luise schob sie an ihn heran.
„Vertragt euch, Kinder ... Einig muß man sein — einig. Dann trägt sich alles leichter.“
„Na ja ... eben. Ich werde jetzt also ... das heißt, jetzt um diese Zeit? Ein bißchen spät für einen Besuch bei dem Herrn Onkel ...“
Adele schüttelte den Kopf.
„Nein, nein ... gerade ... daraus sieht er die Dringlichkeit, das Wichtige ...“
„Ich glaube auch“, unterstützte Luise.
Die Schwestern drängten ihn zur Tür, als es draußen klingelte.
„Geht ... so geht doch ... ich werde abgeholt ... und ich bin nicht fertig ...“
Im Speisezimmer nahm Luise dem Mädchen die Karte von Gaudlitz ab.
„Schon wieder der? ... Karla hätte wahrhaftig auch allein fahren können —“
Adele winkte ab. Wie ungeschickt Luise war ... was ging sie jetzt Karla an und ein Herr, der sie abholte —? Um ihre Tochter, um Vicki handelte es sich!
Durch die Glastür des Empfangszimmers sah man Licht brennen und den schlanken, großen Schatten eines Mannes. Es kostete Altmann Überwindung, jetzt nicht hineinzugehen ... Aber Adele drängte. Alwin — dieser „Waschlappen“, war zu nichts zu gebrauchen! Er selbst mußte eben ... und wenn das Haus zusammenstürzte — er mußte ...!
Luise blieb eine Weile am Treppengeländer stehen und blickte den Geschwistern nach. Ihre Lippen lagen hart aneinander, und ihre Gestalt steifte sich wie in Abwehr gegen das Leben, das ihr erschien wie ein großes Ungeheuer mit langen Pranken. Mit diesen Pranken griff es ein in das stillste, verschlossenste Haus, mit diesen Pranken riß es die Nächsten auseinander und zerfleischte ihnen das Herz. Adele hatte nichts gesehen ... der Bruder sah nichts ... Spielerisch gaukelte ihnen das Ungeheuer Freundliches vor — um sie desto sicherer zu umgarnen, zu vernichten! Aber sie wenigstens wollte sehen, wissen, wen das Ungeheuer sich hier ausersehen hatte, sein Vernichtungswerk einzuleiten ...
Da drückte sie die Klinke des erleuchteten Zimmers nieder. Und sie sah einen hochgewachsenen Mann im Frack und weißer, seidener Weste, mit einer weißen Nelke im Knopfloch, einem schrägen, blonden Scheitel und einem kurzgehaltenen blonden Schnurrbart. Er verneigte sich und blickte ihr mit schönen, offenen blauen Augen entgegen.
„Meine Schwägerin läßt Sie bitten, sich noch ein wenig zu gedulden ...“
„Bitte sehr, Gnädigste.“
Einen Augenblick zögerte sie, dann fügte sie schroff hinzu: „Meine Schwägerin hat sich sehr verspätet ... Es ist vielleicht besser, Sie warten nicht ... meine Schwägerin fährt dann allein.“
„Ich habe keine Eile Gnädigste ... Ich werde warten.“ Sehr hart konnten die hübschen blauen Augen plötzlich blicken.
„Wie Sie wünschen ...“
Die Tür schloß sich hinter ihrer hageren Gestalt, noch ehe Gaudlitz die grüßend geneigten Schultern erhoben hatte.
Karla vollendete hastig ihr Ankleiden. Die kleine Wasserlache stand noch immer auf dem Teppich, umgeben von Glasscherben, und die schönen sanften Teerosen lagen von Schritten verschleppt und zertreten herum ...
„Nicht angesteckt die Rosen?“ war Gaudlitz’ erste Frage, während er ihre Hand an die Lippen zog.
„Bitte nicht fragen ... ich war so ungeschickt ... oder vielmehr nein ... so wütend war ich ... bitte, bitte, nicht davon sprechen.“
Er fühlte ihre Erregtheit heraus, und sie tat ihm plötzlich so leid, als hätte er alles aus ihrem Munde vernommen, was er sich ganz allmählich zusammenreimte.
„Nein, nein ... liebe gnädige Frau ... nicht fragen und nicht reden. Sie sind da und sehen wunderschön aus ... mehr will ich gar nicht wissen.“
Vor dem Hause stand sein Auto. Auf dem Rücksitz lag ein großer Strauß glutroter Rosen, mit breiter Schleife.
„Vom Komitee ...“
Stumm saßen sie nebeneinander. Gaudlitz wußte, daß man Sängerinnen vor ihrem Auftreten Ruhe gönnen muß. Aber plötzlich brach Karla das Schweigen, wie aus einem langen Gedankengang heraus: „... und die wunderbare kleine Vase habe ich auch auf den Boden geworfen ... Scherben sind alles, was geblieben ist ... Ich könnte mich — ja wirklich, ich verdiene Ohrfeigen ... aber ich war immer so ... Wenn mich der Zorn packt, dann — Wissen Sie, Graf, ich glaube, das ist eben, wenn man zu früh aus dem Elternhause kommt ... So, was man Erziehung nennt ... das habe ich eigentlich nie recht gehabt. Erst später ... da haben sie alle an mir herumerzogen ... aber das nützt dann wohl nicht mehr viel ... Darum darf ich ja auch mein eigenes Kind nicht erziehen ... vielleicht kann ich’s auch wirklich nicht ... es ist doch furchtbar schwer, scheint es ... Selbst die besten Mütter ... wissen Sie, so die bürgerlichsten, meine ich ... selbst denen gelingt’s nicht immer ...“
„Sie haben Ihr — Schmerzchen heißt es doch? — das haben Sie wohl sehr lieb?“
„Ob ich das liebhabe!“
Ihre Augen waren plötzlich wieder feucht. Er sah sie von der Seite an und sagte: „Sie sind so wie Ihre Stimme. Alles Empfinden quillt so natürlich aus Ihnen heraus. Meine Schwester wird vernarrt in Sie sein. Wenn sie nicht den Reichenberg geheiratet hätte, sie wäre gewiß auch zur Bühne gegangen. Sie hat lange Jahre bei der Marchesi in Paris studiert ... ist durch und durch Künstlerin. Alles, was Ruf und Namen in Wien hat, verkehrt bei ihr.“
Er brach ab und fragte unvermittelt: „Wird von Ihrer Familie jemand in der Philharmonie sein?“
„Mein Mann sollte kommen und mein Schwager mit Frau und Tochter ... ich habe ihnen die Freikarten gegeben. Aber — heute kommen sie gewiß nicht ...“
Als Karla, von warmem Beifallsrauschen empfangen, das Podium betrat und ihre Augen über das Publikum flogen, setzte ihr Herz plötzlich im Schlagen aus. In der sechsten Reihe hatte sie Alwin Maurer und Vicki erblickt. Vicki war sehr blaß und hatte dick geschwollene Lider. Ihre Augen jagten unstet die Reihen entlang; sehr oft wendete sie den Kopf, um hinter sich zu sehen. Alwin Maurer hatte die Hände mit dem Programm übereinandergelegt. Sein Gesicht war ruhig und drückte nur ein freudiges Vorgenießen aus. Unter den Herren, die sich seitwärts an den Logen drängten, stand Bodo Völkel. Er war kaum zu erkennen, weil er sich den spitzen, dünnen Schnurrbart hatte abnehmen lassen. Jetzt trat die harte, verbissene Linie seiner Lippen erst recht hervor, aber das Gewöhnliche, vor dem Karla eine starke, unbewußte Abneigung hatte, war verschwunden.
Karla hatte an diesem Abend ihren größten Erfolg in Berlin. Immer und immer wieder rief man sie heraus, brüllte ihren Namen.
Gaudlitz, umringt von einigen seiner Freunde aus dem Automobilklub, fachte das Feuer der Begeisterung immer aufs neue durch dröhnendes Klatschen an. Sie sollte mal eine recht große Freude haben, die Karla König!
Und wie sie herauskam — nichts Gemachtes, nichts Hoheitsvolles — auch nichts Herausforderndes war an ihr. Ein einfach lieber Mensch kam daher, der dankbar war für die Begeisterung, die man ihm entgegenbrachte ...
So empfand es auch Alwin Maurer und konnte es doch nicht über sich gewinnen, ihr zuzuklatschen wie ein Fremder.
Vicki stand abgewendet vom Podium — ihre Augen suchten in all dem Lärm und Rufen und Klatschen nur einen. Mochte die Mutter — wenn sie erfuhr, daß sie mit dem Vater zum Konzert gegangen war — sie schelten, sie schlagen, diese eine letzte Gelegenheit, ihn zu sehen, mit ihm zu sprechen, mußte sie ergreifen. Ein letztes, einziges Mal mußte sie sich an ihn klammern, ihn an ihre Liebe erinnern ... Was wußte sie auch mit ihren achtzehn Jahren von Männern, die für den Hund des Nachbarn mehr Gefühl haben als für die Frau, die ein abgeschlossenes Kapitel in ihrem Leben bedeutet!
Sie stieß und ruderte sich hindurch zwischen den vielen Menschen, wie geschützt durch den Aufruhr der Begeisterung, durch den tosenden Lärm.
Und nun stand sie vor ihm.
„Bodo ...“
Flammender Zorn brach aus seinen dunklen Augen.
„Was wünschen Sie ...?“
Sollte das nie aufhören — nie? Sollte sie immer das Recht haben, ihn aufzuspüren? — War das der Dank für die Schonung ... den letzten liebevollen Brief? — Was wollte, was hoffte, was glaubte sie? Hatte er ihr nicht hundertmal das Einmaleins des Lebens vorgerechnet, hatte er ihren Zärtlichkeiten nicht gewehrt bis zur äußersten Möglichkeit — mußte er eine Ballbekanntschaft, ein paar Stelldicheine, ein paar leichtsinnige Liebesworte büßen bis an sein Lebensende? — —
„Was wollen Sie noch?“ fragte er rauher, roher noch als das erstemal.
Da senkte sie den Kopf und faltete stumm die Hände, lieferte sich ihm aus, seinem Zorn, seiner Rache — ergeben, bedingungslos.
Ein Zittern überflog seine Gestalt, seine Nägel krallten sich in seinen Handrücken ein. Keine schamlose Maitresse, keine aufdringliche Liebeswerberin stand da vor ihm — ein junges, keusches Geschöpf, ein kleines, hilfloses Mädchen, das ihm noch einmal sein Herz hinhielt, sein zuckendes, blutendes Herz ...
„Du wolltest meine Briefe nicht mehr öffnen — darum mußte ich dir’s sagen: meine Mutter hat deinen letzten Brief gefunden ... Ich weiß nicht, was jetzt werden soll ...“
Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, und einen Augenblick war es ihm, als müßte er sich hier, mitten unter den Menschen, auf sie stürzen.
„Du solltest doch ... keinen Brief solltest du nach Hause mitnehmen ... Ich habe es dir doch verboten ... verboten ...“
Er schrie es fast laut heraus. Er hätte sie geschlagen, wenn sie irgendwo allein einander gegenübergestanden hätten.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich konnte es nicht ... ich hab’ sie alle ... deine Briefe ... deine lieben Briefe ... Keiner fehlt ... Jetzt werden sie verlangen, daß du mich heiratest ... aber ich werde ...“
Er packte sie am Handgelenk, sah ihr in die Augen, haßerfüllt.
„Ich werde ‚nein‘ sagen,“ kam es mühsam über ihre Lippen, „das verspreche ich dir ... nein ... du sollst wissen, daß ich dich wirklich liebhabe ... wirklich ...“
„Pssst ..!“
Ein paar Leute drehten sich nach ihnen um.
„Rücksichtslosigkeit ...!“
Vicki blieb wie erstarrt, mit halbgeöffnetem Munde stehen. Nichts, was das Leben ihr auch bieten oder versagen würde, konnte der Tragik und Größe dieses Augenblicks gleichkommen. Mit achtzehn Jahren hatte sie den Gipfel all dessen überstiegen, was es für ein Frauenleben an Heldentum und Demut gab!
Oben auf dem Podium sang Karla König ein süßes Wiegenlied. Sie hatte gelernt, Lieder singen — den Frauen wurden die Augen dabei feucht.
Vicki war es, als hielte sie dort oben ihr Herz in ihren Händen, als wiege sie es ein: „Schlaf, mein Kind, schlaf ...“
Als sie aufblickte, war Bodo Völkel verschwunden. Da fiel sie hin, zwischen die Stühle und Menschen — ganz lautlos und bescheiden. Der Vorhang hatte sich über dem größten Akt ihres Lebens gesenkt. — —
Karla war durch kein Toben mehr zum Wiedererscheinen zu bewegen. Vom Podium aus hatte sie das Zusammensein Vickis mit Bodo Völkel und ihr Umsinken bemerkt.
„Die Tochter meines Schwagers ist ohnmächtig geworden ... mein Schwager ... ja, dort in der sechsten Reihe ... der Herr im Gehrock mit dem kurzen, blonden Bart und dem welligen Haar ... kleine Glatze, ja ... Das junge Mädchen liegt dort auf den Treppenstufen ... ich fahre gleich mit ihnen nach Hause.“
Gaudlitz lief zu Alwin Maurer, setzte ihn mit wenigen Worten von dem „kleinen Unfall“ in Kenntnis, lief zu Vicki, die mit gelösten Zöpfen, totenblaß, wie aus einem tiefen Schlaf erwachend, um sich blickte, und führte sie aus dem Saal.
In seinem Wagen fuhren Alwin Maurer, Karla König und Vicki nach der Motzstraße. Karla hatte den Arm um Vicki gelegt und ließ die jungen, heißen Tränen auf ihre Spitzen, auf den prächtigen Goldbesatz ihres weißseidenen Kleides tropfen.
„Was ist denn geschehen ... was ist denn los mit dem Mädel?“ fragte Alwin Maurer.
Karla winkte ab — und so bittend war der Ausdruck ihrer schönen braunen Augen, daß er verstand. Nur um einen Schatten blasser wurde er. Und er dachte, wie seltsam es doch war, daß alles bei ihm zu Hause an ihm vorbeilebte, daß sich Schicksale wendeten, ohne daß er auch nur ahnte, wie viel seine Nächsten der Vorsehung ins Handwerk pfuschten ...
Adele stand drohend wie ein Strafgericht im Vorzimmer. Zornbebend, hämisch brach sie aus:
„So ... das Fräulein amüsiert sich noch an einem Tage wie heute? ... Das ist ja ...“
Sie stockte, als sie Vickis Gesicht sah.
„Na ... na ...“
„Sei gut zu ihr ... Adele ...“
Alwin Maurer brachte Karla zurück an den Wagen.
„Willst du mir nicht sagen ...“
Karla schüttelte den Kopf; auch sie sah blaß und zu Tode erschöpft aus.
„Was ist da zu sagen, mein guter Alwin ... Die eine trifft’s früher, die andere später — Kummer und Tränen hängen wohl immer an so was, und wer es gut meint, der rührt nicht daran!“
Alwin Maurer war hellhörig geworden in der letzten Zeit. Erschreckt blickten seine fettumpolsterten Augen aus dem grauweißen Gesicht.
„Karla!“ ...
Sie hüllte sich fester in ihren Pelz und warf sich zurück in das Dunkel des Wagens. Sehr langsam, mit tief gebeugtem Haupt, stieg er die Treppe wieder hinauf.
Da fuhr sie nun, die große Karla König, der Tausende eben zugejubelt hatten, die große Primadonna, der die Pferde ausgespannt worden waren und auf die ein Regen von Gold und Edelsteinen niedergerieselt war ... fuhr nach Hause, einsam, mit schmerzlichen Gedanken, in ihre kleinbürgerliche Wohnung, in der sie sich nie heimisch fühlte, zu einem ewig schulmeisternden Mann, zu einem Kinde, das eifernde Herrschsucht ihr fernhielt, zu Sorgen aller Art, die sein — Alwin Maurers — Haus ihr noch aufgebürdet hatte ... saß in dem Wagen eines fremden Mannes, der ...
Alwin Maurer fuhr sich erregt durch sein stellenweise schon graublondes Haar. Er hatte den Blick des Mannes aufgefangen, als er Karla in den Wagen geholfen hatte ... und ihren Blick ... so vertrauend und dankbar und lichterfüllt ... Nein, nein ... wer es gut meinte, der rührte nicht daran ... nie ...
Und jetzt erst fiel ihm Vicki ein — Aber die war ja noch so jung ... und sie war Adelens Tochter ...! Ernstlich um sie bangen, das — brauchte er wohl nicht ... ein kleiner Liebeskummer.
Er zog die Wohnungstür hinter sich zu — ganz leise. Wenn Adele heftig zu dem Mädel wurde, dann ... dann war er auch noch da ... Aber es war still im Gang. Er lauschte an Vickis Zimmertür, hörte leises, ersticktes Schluchzen und die Stimme seiner Frau:
„... So sei doch vernünftig ... es wird ja alles gut ... wozu bin ich denn da? ... Alles wird gut ... das mach’ ich schon!“
Da huschte ein blasses Lächeln über sein Gesicht. So ähnlich hatte wohl auch Adelens Mutter einst gesprochen. Es blieb immer dasselbe Lied ...
Um Vicki brauchte er sich keine Sorge zu machen!


Sechs Wochen nach diesem Abend sollte Vicki Bodo Völkels Frau werden. Sie hatte nicht viel gefragt, wie dieser Umschwung gekommen war — vielleicht hatte sie im tiefsten Grunde ihres Herzens nie einen anderen Ausgang erwartet ... Sie war drei Tage so krank gewesen — das hatte er wohl erfahren und war gekommen, sein Unrecht gutzumachen. Vicki glaubte noch an die Romantik der Krankheit! Bodo Völkel widersprach nicht, und die Mutter ließ sie bei ihrem Wahn. Alwin Maurer zeigte einen Nachhilfekursus für Reifeprüfung an, ließ sich Privatschüler empfehlen. Adele war bereit, zwei Knaben als Pensionäre bei sich aufzunehmen. Aus dem Alleinbleiben mit ihrem Mann wurde nun nichts, und die Arbeit im Hause vermehrte sich — aber mit Hilfe des Bruders ließ sich die neue Wirtschaft einrichten und stützen.
Karla hatte den Erlös eines viermaligen Gastspiels in Leipzig und eines zweimaligen in Hamburg ihrem Manne eingehändigt — für Vicki. Ihre Sommererholung, deren sie dringend bedurfte, wollte sie auf drei Wochen in einem kleinen Ostseebad beschränken.
„So wird es schon gehen“, meinte sie.
Altmann war sehr bewegt.
„Meine liebe Karla ... mein liebes Kind ... glaube mir, wenn es nicht so ernst wäre, nie hätte ich gestattet — nie, daß neue Ansprüche an dich herantreten. Aber, nicht wahr ... wenn es die eigenen Leute betrifft — einer für alle, alle für einen ... daran habe ich immer festgehalten, und das wollen wir auch weiter so befolgen.“
Sie nickte hastig, wurde rot, winkte ab.
„Ja ... ja, natürlich ... sagt es nur Alwin nicht ... dem ist es peinlich.“
Luise bestand darauf, daß man das Brautpaar mit den Eltern zu Tisch lüde.
„Wenn du meinst ...“, sagte Karla.
Ihr war auch manches peinlich, aber sie wagte sich nicht vor damit. Es ging alles leichter, als sie gedacht hatte. Vicki war glücklich und ungewohnt still. Selbst Fritz traute sich mit seinen kleinen Anrempeleien nicht an sie heran. Völkel war höflich, beschränkte seine Worte auf das Nötigste und zuckte kaum merklich mit den Brauen, wenn Vicki nach seiner Hand griff. Er träumte von Palästen und mußte aufmerksam zuhören, wenn die Schwiegermutter ihm die Vorteile der von ihr gemieteten Dreizimmerwohnung pries.
Fritz fand den Schwager „schneidig“. Der hatte Haare auf den Zähnen! Die „Weiberwirtschaft“ zu Hause hatte ihm schon lange nicht gefallen. Vicki würde er „Kandare reiten“ ...
Einige Tage vor der Hochzeit kam Adele, die telephonisch erfahren hatte, daß Karla noch auf der Probe war, an den Bühneneingang. Sie sah sehr geschäftig und geheimnisvoll aus.
„Ach, höre mal, Karla, ich habe eine kleine Bitte an dich.“
Karla war abgespannt und lächelte müde. „Ja ... also, Adele, was soll es ...?“
Sie schritt, trotz Müdigkeit, ihrer Gewohnheit nach rasch aus in dem sandfarbenen Schneiderkleid, unter dessen Jacke eine weiße Batistbluse hervorquoll. Ein flotter, einfacher Frühlingshut saß schräg auf ihrem dunklen Haar. Wenn sie ging, raschelte das seidene Futter, und ihr goldenes Täschchen mit den vielerlei Anhängseln, das Geschenk einer in Brasilien ansässigen deutschen Kolonie, glitzerte in dem warmen Gefunkel der Sonne. Wie sich die rausgemacht hat, dachte Adele. Ein klein wenig Neid lag stets auf dem Grunde ihres Wesens gegen alles, was sie überflügelte.
„Ja also, folgendes. Aber — dein Wort darauf, es bleibt unter uns zweien — dein Wort?“ ...
„Gewiß ... gern ... mein Wort.“
Karla mußte jetzt lächeln über das ehrenwörtlich gehütete Geheimnis zwischen sich und Adele ... Aber als Adele ihre Bitte nannte, kurz fordernd, da verfärbte sich Karla. Es war wirklich eine Zumutung! Sie sollte Gaudlitz — „du kennst ihn doch so gut“ — sollte ihm Bodo Völkel als „selbständigen Baumeister“ empfehlen. Gaudlitz hatte ein Grundstück gekauft in den westlichen Ausläufen Berlins; ob ein Haus da erstehen sollte, ob ein Sportplatz — das wußte noch niemand, aber die Gelegenheit war gegeben, und Karla durfte nicht zögern.
„Du kannst dir denken ... da warten alle möglichen Leute darauf ... Bodos Chef glaubt natürlich, es kann ihm nicht entgehen. Aber er ist ein widerlicher Ausbeuter ... wenn Graf Gaudlitz den mit den Plänen beauftragt ... Herrgott, Karla, so mach’ doch kein Gesicht, als wenn du vom Mond herunterfielest! ... Bei euch ist es doch gerade so — einer empfiehlt den anderen. Du säßest doch auch nicht hier an der Königlichen, wenn ...“
Adelens Stimme wurde weinerlich. Das war etwas Neues an ihr. Da spielten ihr die Nerven mit, oder es hing wirklich ihre letzte Hoffnung daran. Adele sprach von ihrem Alter, von Alwins Gesundheit.
... Da hatte sie gehofft, ein bißchen ausruhen zu können — und nun prasselten wieder neue Sorge, neue Arbeit auf sie herab! Karla hatte es gut gehabt, hatte Isoldchen zu ihnen gegeben und war dann frei gewesen wie ein Vogel in der Luft, hatte ganz sich selbst leben, hatte tun können, was ihr gefiel .. Alwin und sie aber — sie schleppten an der Karre jahraus, jahrein ... Fritz ... ja, gewiß ... es war damals sehr gut und lieb gewesen vom Bruder und ihr. Aber wenn sie nicht gewesen wären, dann hätte der Junge sich eben doch bescheiden müssen und wäre nicht daran gestorben! Mit Vicki aber war es etwas anderes! Da handelte es sich um Schicksal! Sie beneidete das arme Kind nicht, wenn ihr Mann nicht vorwärtskam! Ihr würde er alle Schuld aufbürden, sie als eine „Kugel an seinem Bein“ betrachten! Und wenn sie es nicht mehr tragen konnte — was dann? ... Dann flüchtete sie zurück ins Elternhaus, mit einem Kind oder zweien! Und dann waren die Sorgen wieder da — größer, schrecklicher denn je! ... War es denn gar so schwer, einen Freund um etwas zu bitten, wenn davon das Schicksal der nächsten Angehörigen abhing?
„Du brauchst ihm doch nur einen Brief zu schreiben, Karla, ich begreife dich nicht ...“
Karla blickte geradeaus, und ihr Herz schlug plötzlich wieder in kleinen, trockenen Schlägen.
„Was Ernst ... was Luise dazu sagen werden ...“
Adele hakte sich ein, hielt Karlas raschen, gleichsam fliehenden Gang zurück. Sie sprach leise und vertraulich.
„Ich sagte doch schon, Karla ... das bleibt unter uns zweien. Denk, wie peinlich wäre es für Bodo, wenn alle darum wüßten! Er hat so entsetzlich viel Ehrgeiz und Eigenliebe — er ist ein so schwieriger Charakter!“
Schwer hing Adele an Karlas Arm. Wie ein Sinnbild war es.
Kraftwagen sausten an ihnen vorüber, Menschen stießen und schoben sich an ihnen vorbei. Die Bäume knospten hell unter dem blaßblauen Himmel, zwischen den hellen Häusern. Karla blieb stehen und atmete die kühle, leicht durchsonnte Luft ein, wie einen Labetrunk.
Wie hatte sie sich dort drüben nach dem ersten deutschen Frühling gesehnt — eintrinken hatte sie ihn wollen, in jauchzender Freude, wie die gesegneten Jung’ Frauen ihn eintranken in fröhlichem Reigen auf dem Bilde des Botticelli ...
„So denk doch ein bißchen an uns, Karla ... haben wir es nicht um dich verdient?“
„Doch, ja ... ich ... werde schreiben ... ich verspreche dir’s.“
Es kam ausdruckslos, matt von Karlas Lippen.
Sie standen vor einem großen Café, dessen breite Fensterscheiben schon sommermäßig herabgelassen waren. Adele drängte Karla in den Eingang, an einen der runden weißen Tische.
„Am besten, du schreibst jetzt gleich ... dann ist es abgemacht, und niemand weiß etwas außer dir und mir.“
Sie bestellte etwas zu trinken, eine Mappe und Schreibzeug.
„Auf dem Briefbogen? ... Das geht doch nicht ...“
Es war ein letzter schwacher Einwand. Adele nahm aus ihrem Täschchen einen bereits gefalteten Briefbogen im Umschlag. Sie hatte an alles gedacht! Karla schrieb, zögernd, förmlich und kindlich in ihren unausgeschriebenen, naiven Schriftzügen.
Die Nachschrift fehlte nicht, die den ganzen Brief umwarf, in dem sie Bodo Völkel als einen der talentvollsten jungen Baumeister empfahl, für dessen Empfehlung er ihr noch dankbar sein würde: „... ach bitte, lieber Graf Gaudlitz — lassen Sie ihn kommen und geben Sie ihm etwas zu tun, er heiratet meine Nichte, und sie sind beide ganz arm. Wo die Krippe leer ist, da beißen sich die Pferde ... Ich habe große Sorge um meine kleine Nichte ... wissen Sie noch, das hübsche blonde Mädchen, das in der Philharmonie ohnmächtig geworden ist? ...“
Karla las von ihr Geschriebenes nie nochmals durch. Hastig schob sie den Bogen in den Umschlag ...
„Ja ... aber die Adresse ...“
Adele wußte sie auswendig. — — —
— — — An Vickis Hochzeitstafel in einem bescheidenen Weinlokal der Potsdamer Straße wurde auf das Wohl des Grafen Gaudlitz getrunken, der Bodo Völkel mit den Plänen für ein stilisiertes kleines Bauernhaus betraut hatte. Der Onkel des Bräutigams brachte das Hoch aus. Und er sagte:
„Am Talent meines Neffen habe ich nie gezweifelt — es mußte sich nur mal durchsetzen!“
Die neue Nichte gefiel ihm gut. Es kostete ihn nichts. Aber er fühlte sich als der Begründer eines jungen Glückes — denn er hatte auf Altmanns Veranlassung seinem Neffen geschrieben, daß er ihn enterben würde, falls er nicht augenblicklich und in aller Form um Fräulein Viktoria Maurer anhielte. „Nicht acht und nicht drei Tage Bedenkzeit — nur vierundzwanzig Stunden.“
Das hatte gewirkt. Dafür konnte er sich schon das Vergnügen leisten, Vicki, sooft es anging, zu tätscheln und unters Kinn zu fassen. Das kostete auch nichts.
Vicki hatte Karlas prachtvolle weiße Konzerttoilette als Brautkleid bekommen. Der Goldbesatz war entfernt, und es schmiegte sich in keuschen Falten an Vickis füllige Formen.
Karla mochte es nicht mehr tragen. Zu lieblos waren die Blicke der Schwägerinnen darauf gefallen an jenem Abend, zu entsetzt war sie über die Ferne gewesen, die sie an jenem Abend zwischen sich und ihrem Manne gefühlt hatte, zu heiß hatte auch ihr Herz geschlagen, als Gaudlitz in flüchtig zarter Liebkosung mit den Fingern über den gleißenden Stoff gestrichen.
Vickis Augen leuchteten wie blaue Feldblumen nach einem Gußregen. Bodo Völkel sah gut aus in Frack und weißer Binde. Er sprach wenig und trank fast gar nicht. Aber wenn er lächelte, dann galt es Vicki.
Und das war doch etwas.


Karlas Bitten, ihr doch Schmerzchen an die See mitzugeben, hatten nichts gefruchtet.
„Du sollst dich erholen,“ sagte Altmann, „und es darf auch nicht viel kosten. Wenn ich dir das Kind mitgebe, erholst du dich nicht, und wenn Luise mitfährt, wird es zu teuer.“
Karla schlich bald um Schmerzchen herum wie eine Missetäterin, bald wich sie ihm aus, weil ihr das Herz zu wehe tat, wenn sie an die Trennung dachte und daran, daß sie dem Kinde nicht einmal ein bißchen Seeluft geben konnte. Nun, nächstes Jahr verdiente sie mehr ... Vicki brauchte sie dann vielleicht auch nicht ... Gastspiele waren in Aussicht ... vielleicht — Wien ...
Sie hob das Kind zu sich herauf:
„Mein Herzschmerz, du ...“
Luise liebte Karlas leidenschaftliche Ausbrüche nicht. Ein Kind mußte mit ruhiger Strenge und gleichbleibender Freundlichkeit behandelt werden — zumal ein so nervöses Kind wie Isolde.
Eines Morgens, zwei Tage vor ihrer Abreise, wurde für Frau Karla König ein großer, kunstlos gebundener Blumenstrauß abgegeben, mit einem Briefe. Der Brief war unterzeichnet: „Ihre Sie hochschätzende Alice Fürstin Reichenberg“. Karla wurden die Wangen rot und heiß. Es war doch schrecklich, daß sie sich nicht mal für die Dauer weniger Minuten abschließen konnte. In fliegender Eile las sie:
„Verehrteste Frau! Verzeihen Sie meine unbescheidene, nicht ganz übliche Bitte — aber eine kleine Verstauchung, die ich mir beim Aussteigen aus dem Zuge geholt habe, fesselt mich an das Haus. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, und Ihnen meinen Besuch zugedacht. Würden Sie nun über äußere Förmlichkeit hinweg einer armen Kranken ein halbes Stündchen Gesellschaft leisten? Ich habe so viel Schönes von Ihrer lieben, herrlichen Stimme gehört und glaube, daß Sie auch ein lieber, einfacher Mensch sind, der eine erzwungene Formlosigkeit nicht übelnimmt. Wenn Sie kommen, dann nennen Sie dem Überbringer die Stunde, damit ich Ihnen den Wagen schicke, der Sie zu mir nach Wannsee herausbringt, wo ich abgestiegen bin. Darf ich mich bestimmt auf Sie freuen?
Ihre Sie hochschätzende
........“
Draußen wartete ein Diener.
„Sagen Sie ... Sagen Sie ... eine Empfehlung .. Wenn der Wagen heute nachmittag um vier Uhr hier sein kann, dann wird es mir ein Vergnügen sein ...“
Sie sprach abgerissen, wie nach eiligem Lauf.
Luise strich im Gang umher.
„Wer ist denn das?“
„Die Fürstin Reichenberg ... aus Wien ... mein Gott ... die Schwester vom Grafen Gaudlitz ...“
Sie hatte es eigentlich nicht sagen wollen, aber nun war es ihr herausgerutscht. Auch kein Unglück.
Luise ging zum Bruder ins Zimmer:
„Findest du das richtig, Ernst, eine Schwester vom Grafen Gaudlitz schickt nach Karla ... kennt sie gar nicht und schickt ihren Wagen, sie zu holen?“ ...
Altmann bemühte sich, ruhig zu scheinen.
„Ich werde nachher fragen, was das für eine Bewandtnis damit hat ... Laß nur — ich werde nachher fragen. Kannst du mir die Kleine ein bißchen mitgeben, ich will eine halbe Stunde an die Luft ...?“
„Ja ... gleich.“
Luise war nicht ruhig. Schmerzchen fühlte es, wie kurz und hart Tante Lis’ Bewegungen waren. Tante Lis war böse ... es war gut, daß sie mit dem Papa ausging!
Altmann war dieser Ausgang nur ein Vorwand; er mußte die üble Laune niederdrücken, die Luisens Worte in ihm erweckt. Luise war zu schroff in ihren Ansichten. Er sah Karla gewiß nichts durch die Finger, aber eine gewisse Bewegungsfreiheit mußte er ihr lassen. Das verlangte ihr Beruf. Ihm lag auch nichts daran, überallhin mitzulaufen und im Schatten ihrer Erfolge zu stehen. Es kam vor, daß man „Herr König“ zu ihm sagte — das paßte ihm nicht. Und er konnte auch nicht jeden anpöbeln, der in der Eile seinen Namen überhört oder vergessen hatte!
Die Schwestern hatten darum schon mehrfach darauf gedrungen, daß sie sich Karla Altmann nannte und auch so auf dem Zettel stand. Er wollte die Angelegenheit endlich mal ordnen. Erst schriftlich mit Karla und dann im Theater ... Schon des Kindes wegen.
Aber was den Besuch betraf ... so war es besser, er sagte vorläufig nichts. Es war noch immer Zeit, einzuschreiten, wenn sich die Dinge nicht nach seinem Wunsche entwickelten.
Altmann wurde vorsichtig. Das Behagen des eigenen Heims hielt ihn umsponnen. Er setzte eine gewisse Fülle an, war noch gemessener in seinen Bewegungen geworden, breiter in den Schultern. Wer ihn mit Schmerzchen an der Hand traf, mochte denken — ein älterer Onkel. Auch seine Art war so. Er verargte es Luise eigentlich, daß sie den Finger auf wunde Stellen drückte. Er wollte gern in Frieden mit Karla leben, wollte das späte Glück, das das Schicksal ihm geschenkt hatte, nicht leichtsinnig untergraben.
Er kam nach Hause, als es höchste Zeit zum Essen war. Er sagte leichthin: „Ich hörte, du bist eingeladen .. bei einer Fürstin Reichenberg aus Wien? Sehr schön — komm nur zum Abendbrot nach Hause ... nicht wahr ...“
„Aber selbstverständlich — es ist ja nur ein kurzer Besuch. Die Fürstin wird mir vielleicht ein Gastspiel in Wien verschaffen ... das wäre doch was!“
Pünktlich um vier Uhr meldete die Hupe das Eintreffen des Wagens. Schmerzchen war mit Luise im Tiergarten. Karla ging zu ihrem Manne hinüber.
„Potztausend, hast du dich schön gemacht ...“
Es klang ein wenig ironisch. Sie wurde rot.
„Die Wiener Damen sollen ja so schrecklich elegant sein ...“
„Schon gut, liebes Kind, es war kein Vorwurf. Unterhalt’ dich gut. Um acht bist du dann wieder da.“
Anders wäre ein kleines Mädchen, das zu einer Freundin ginge, auch nicht entlassen worden. Aber Karla überhörte alles und verglich nichts. Sie hielt ihrem Manne die Wange hin, küßte ihn flüchtig auf die Stirn und lief beinahe hinaus. Ihr malvenfarbenes leichtes Seidenkleid bauschte sich im Zugwind, ließ das weiche Gefältel eines weißseidenen Unterrocks und den hohen Rüst ihrer hellbeschuhten Füße sehen. Eine Handvoll Nelken, die an ihrem Gürtel befestigt waren, strömten ihren starken, herben Duft aus.
Und der Duft blieb noch lange in dem Zimmer zurück — so lange, daß Altmann sich umsah und es nicht begreifen konnte. Da erblickte er eine der dunkleren Nelken, ohne Stiel — flach ausgebreitet mitten auf dem Teppich. Wie Blut sah es aus, das geronnen wäre.
Er hob die Blume auf, damit kein Fleck entstehe, wenn jemand darauf träte, und weil er nichts so haßte wie Unordnung. Er wollte sie in den Papierkorb werfen. Aber im letzten Augenblick besann er sich, zog das Schreibtischfach heraus und warf sie hinein — hastig und verlegen.
Die Fürstin Reichenberg kam Karla im Garten entgegen, leicht gestützt auf einen weißen Stock mit kleinem Goldknauf. Sie trug ein ganz einfaches weißes Leinwandkleid mit einem großen, handgestickten Umlegekragen aus blauem Batist, der den Ansatz eines schlanken, sehr weißen Halses sehen ließ.
Sie hatte wundervolles mattblondes Haar, das in großen natürlichen Wellen tief über ihre hohe Stirn und die Ohren fiel. Ihr Gesicht war nicht eigentlich hübsch, aber aus den blauen Augen sprachen Güte und Klugheit. Sie streckte Karla von weitem eine sehr weiße, nervige Hand entgegen, deren vierten Finger nur ein einziger großer Perlenring zierte.
„Das ist aber lieb!“
Ihre Sprache hatte einen ganz leichten österreichischen Tonfall. Ihre Bewegungen waren rasch, zwanglos und von vollendeter Anmut.
Karla wollte sich über ihre Hand beugen. Die Fürstin entzog sie ihr lachend.
„Seh’ ich schon so alt aus? Nein, nein — das wollen wir nicht einführen. Erlauben Sie, daß ich mich ein wenig auf Sie stütze — mein Fuß will noch nicht recht ...“
„Stützen Sie sich, gnä .. Durchlaucht ... stimmt’s, Frau Fürstin?“
„Lassen wir’s bei ‚Fürstin‘ — der Kürze wegen. Vielleicht kürzen wir das Verfahren noch mehr ab mit der Zeit ... wenn wir Sie erst in Wien haben, wie?“
Karlas Herz flog dieser blonden Frau im Sturm zu.
„Sie sind ein lieber Mensch, Frau Fürstin!“
Alice Reichenberg lachte leise.
„Das sagte mein Bruder auch oft. Brüder brauchen manchmal einen lieben Menschen als Schwester. Aber er ist selbst ein lieber Kerl. Hat er Ihnen nicht erzählt, daß ich durchaus zum Theater wollte? Sie können sich denken, was das für eine Empörung hier unter meinen Verwandten auslöste — dabei ist ein Vetter von uns Intendant. Aber das ist etwas ganz anderes.“
Es klang noch eine leise, nachzitternde Erregung aus ihrer Stimme. Aber dann warf sie den Kopf zurück, und wieder trat das gewinnende, offene Lächeln auf ihre schmalen und doch kühn geschwungenen Lippen.
„Das liegt nun alles bald zehn Jahre zurück. Ich hab’ es wirklich verwunden und bin sehr glücklich mit meinem lieben Mann. Er ist zum Glück gerade so ein Kunstnarr wie ich, und wenn was Besonderes am Kunsthimmel auftaucht, dann kann man sicher sein, daß die Reichenbergs alles daransetzen, es nach Wien zu kriegen.“
Karla fühlte sich jetzt ganz wohl und frei mit der Durchlaucht. Nur das Herz schlug ihr immer noch ein bißchen unruhig, wenn sie plötzlich eine Ähnlichkeit in ihren Zügen, ihrem Lächeln, ihren Bewegungen mit Gaudlitz erkannte. Als erriete sie, was in Karla vorging, fragte sie gleich darauf, ganz unvermittelt: „Ja, finden Sie, daß wir uns ähnlich sehen, mein Bruder und ich? Dieselben Passionen haben wir jedenfalls. Art läßt nicht von Art ...
Bin ich Ihnen auch nicht zu schwer, nein? Ich dachte nur, daß es Ihnen lieb sein würde, den hübschen Garten zu sehen. Mein Bruder, zu dem ich mich auf acht Tage eingeladen habe, liebt diese Besitzung sehr, die sich seit nahezu hundert Jahren immer auf die mütterliche Linie vererbt hat. Wir erinnern uns noch, daß unsere Großmutter, wie eine Bäuerin gekleidet, jedes Jahr ein paar Wochen hier zubrachte. Unter diesen Bäumen habe ich meine ersten Kinderlieder gesungen ... Aber das langweilt Sie, liebe Frau König ...“
Das langweilte Karla garnicht. So vertraut wurde ihr auf einmal die große blonde Frau, und durch sie der Bruder.
Schön mußte es sein, den Fuß auf einen Boden zu setzen, der schon durch die Erinnerung geheiligt war, an teuere Verstorbene! Wenn der Papa ... es war schrecklich, auch nur daran zu denken ... aber wenn er starb — was behielt sie von ihm? Ein paar welke Kränze und einen — Schachtisch!
Unter einer blühenden Linde war der Tee gerichtet. Schwere weiße Spitzen fielen von dem runden Tisch herab. Altes, wundervoll gearbeitetes Silber glitzerte zwischen den Altberliner Tassen. Es waren nur zwei. Karla wurde rot über die Enttäuschung, die sie empfand, dann aber richteten ihre Augen sich wieder um so klarer und vertrauender auf die junge Frau. Alice verzichtete auf ihren Bruder nur, damit es nicht einmal den Anschein hätte, als wollte sie ihm Gelegenheit geben, Karla zu treffen ... Unbefangen und lebhaft plauderten die jungen Frauen.
Alice Reichenberg tippte da und dort vorsichtig an, bangend, Karla könnte sich eine Blöße geben. Wohl spürte sie das junge, unsichere Wissen, aber nirgends fand sie eine Geschmacklosigkeit oder oberflächliche Anmaßung. Die Fürstin nannte ein paar gute Bücher von jungen Dichtern, die einer neuen Richtung ihren Stempel aufdrückten. Karla hatte sie gelesen.
„Daß Sie dazu Zeit finden —!“
„Mein Schwager nimmt sich meiner an, und Zeit — ach, Zeit habe ich mehr, als ich verwenden kann. Proben — zwei- bis dreimal die Woche, Vorstellung, ein paar Wohltätigkeitskonzerte ...“
„Und gesellschaftlich?“
Karla lachte.
„Das ist nicht der Rede wert. Man muß wohl eingeführt sein, um sich gesellschaftlich zur Geltung zu bringen. Wer sollte das wohl tun, Frau Fürstin, in einer Stadt, wo man ... zu Hause ist!?“
Alice Reichenberg dachte sich, daß die Sängerin Karla König in Berlin eigentlich das Leben einer kleinen Beamtin führte. Probe — Amt. Vorstellung — Amt. Schluß. Pension. Wenn sich die Intendanz nicht durch vorzeitige Kündigung darum drückte! ...
Ob Karla sich das Haus ansehen wollte? Ihr Bruder hatte es im vorigen Jahr umbauen lassen.
Alice Reichenberg stützte sich kaum noch auf ihren Stock und gar nicht auf Karlas Arm. Die kleine Komödie war überflüssig. Karla war jetzt schon genug gezogen, um zu tun, als merke sie es nicht. Aber es fiel ihr schwer, ihr Entzücken über die Einrichtung in schicklichen Grenzen zu halten.
Im Musikzimmer standen zwei große Bechsteinflügel einander gegenüber. Statt der Stühle waren hier zwanglos bequeme Korbsessel aufgestellt, mit kleinen roten Rückenkissen. In den Ecken des großen Saales standen prachtvolle Marmorbüsten von Beethoven, Weber, Wagner und Brahms.
„Wenn ich im Winter herkomme, gibt’s hier immer ein paar nette Musikabende.“
Karlas Atem ging schwer.
„Schön muß es sich hier singen“, murmelte sie.
Alice Reichenberg lächelte.
„Wollen Sie versuchen? Ich begleite Sie ... was soll es sein?“
Alice Reichenberg begleitete sonst besser. Aber Karlas Stimme bewegte sie so tief, wühlte so sehr alles auf, was sie an Jugendträumen und Sehnsucht längst erstickt wähnte, daß sie Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie hätte mit geschlossenen Augen in einem der Korbstühle sitzen und sich von den machtvollen und doch so innigen Tönen in das ferne Traumland tragen lassen mögen, das Geburt und Stellung mit eisernen Toren vor ihr abgeschlossen hatten ...
Es lag eine süße, geheimnisvolle Urgewalt in dieser Stimme, die wie der kunstlos hinfließende Sang einer klaren Seele war. Hier in Berlin mochten sie Karla König anerkennen, ja sogar bewundern — in Wien würden sie sie lieben! Nicht, weil sie dort mehr von Kunst verstanden — dafür hatte auch Alice Reichenberg nur ein leises, ironisches Lächeln — aber weil sie dort naiver waren, große Kinder, bereit, sich jedem Aufruhr ihrer leicht bewegten Sinne restlos hinzugeben. In Wien würden sie Karla König anbeten.
Der Türflügel zum Nebenraum hatte sich leise geöffnet und wieder geschlossen. Weder Karla noch Alice Reichenberg hatten es gemerkt.
Sehr ergriffen sahen sie einander in die Augen.
„Ich danke Ihnen“, sagte die junge Fürstin einfach.
„Wenn’s gut klingt, dann möchte ich immer die Luft küssen, die meine Stimme weiterträgt“, meinte Karla.
Und darauf lachten sie beide, und der Bann war gebrochen. In der offenen Halle standen einige Erfrischungen auf der Ecke eines sehr langen Bauerntisches. Karla schlug die Hände zusammen.
„Von dem Tisch werde ich träumen“, sagte sie und blinzelte mit den Augen.
„Warum?“ fragte Alice Reichenberg belustigt und mischte ihren Himbeersaft mit Soda.
Karla nickte sehr ernsthaft.
„Ja ... wenn ich einen langen Tisch sehe, dann stelle ich mir immer vor, wie schön das wäre, wenn ich da oben an der Schmalseite säße und an beiden langen Enden meine Kinder ... In Südamerika habe ich manchmal so geträumt, und heute nacht ... ja, ganz sicher, träume ich erst recht so ... aber ich glaube doch, das wäre bei diesem Tisch des Guten etwas zu viel“, schloß sie mit verlegenem Lachen.
„Sie haben nur ein kleines Mädchen?“
„Ja ... und Sie, Frau Fürstin?“
„Ich habe einen Sohn — ein Angstkind!“
Ihre Hand, mit der sie Karla das Glas reichte, zitterte leise ...
Erst als Karla im Wagen saß, kam von irgendwoher Graf Gaudlitz an.
„Ich habe aber doch gehört, wie Sie gesungen haben“, und seine Augen lachten spitzbübisch.
„Wenn Ihre Frau Schwester keine gar so große Dame wäre — wir könnten, glaube ich, Freundinnen werden“ — sagte Karla.
„Die ‚große Dame‘ ist kein Hindernis, Karla König“, meinte Alice Reichenberg lächelnd.
„Nein? Wirklich nicht?“
Und ohne sich zu besinnen, beugte sie sich aus dem Wagen und küßte die Fürstin herzhaft auf beide Wangen.
„So. Das hat gut getan. Einmal einer lieben Frau einen Kuß geben!“
Alice Reichenberg winkte ihr nach.
„Auf Wiedersehen in Wien ...“
Gaudlitz sagte gar nichts. Nur den Strohhut hielt er weit ab von sich in der Hand — solange er noch einen Zipfel ihres wehenden weißen Autoschleiers erblicken konnte. —
Der Himmel spannte sein flammendes Gold um sie herum, und goldener Schein brach zwischen den dunklen Föhren hindurch, die ihren Weg säumten wie eine stolze Ehrenwache ...
War das eine Heimfahrt! ...


Es gab ein Wiedersehen noch früher.
Eines Tages stand Gaudlitz vor ihr, während sie am Strande des kleinen Badeortes in ihrer selbstgeschaufelten Burg lag und die Lider ihr schläfrig über die Augen sanken.
Er beugte sich über sie, hob das Buch auf, das ihr aus der Hand geglitten war, flüsterte leise: „Karla König!“
Sie blinzelte ihn erst an, als könnte sie nicht glauben, daß er es sei, aber dann streckte sie ihm beide braungebrannten Hände entgegen.
„Wie kommen Sie hierher ... nein, wie kommen Sie her?“
Das war ganz einfach: er hatte ganz nahe von hier mit seiner Jacht gekreuzt, wollte rüber nach Kopenhagen und von da weiter hinauf bis nach Norwegen. Vorher hatte er sie noch einmal sehen, ein bißchen was von ihr und ihrer Stimme mitnehmen wollen.
Sie schüttelte den feinen Dünensand aus dem Haar, aus den Kleidern, ihre weißen Zähne blitzten aus dem frischen, wie mit einer braunen Patina bezogenen Gesicht hervor. Ihre Augen leuchteten. Ein tiefes, glückliches Lachen warf ihre Worte auseinander.
„Ist Ihre Frau Schwester mit? Nein ... das ist schade! So eine wunderliebe Frau ... Ich habe so viel an sie gedacht ... nein — ich meine an Ihre Frau Schwester ... An Sie auch .. ja — freilich — ach Gott, nein, ist das herrlich, daß Sie da sind!“
Sie stapfte in ihrem kurzen Leinenrock an seiner Seite einher, zupfte die kleinen Mädchen, die ihr in den Weg liefen, an den Zöpfen, packte die Jungens am Schopf, lachte übermütig.
„Eben habe ich noch Trübsal geblasen, weil mein Schmerzchen nicht da ist, und jetzt ... Wissen Sie, Graf, wenn Sie da sind ... dann fällt plötzlich alles Schwere und Drückende von mir ab. Als brauchten Sie nur mit Ihrem Spazierstock so eins—zwei—drei durch die Luft zu streichen, und es käme mir alles angeflogen, was ich wünschte ...“
„Ich wollte, ich könnte Ihnen Ihr kleines Mädelchen herzaubern, liebe gnädige Frau ... aber leider konnte ich nichts anderes, als mich selbst plump vor Ihnen aufstellen und Sie vielleicht aus einem freundlichen Traum wecken ...“
Sie winkte ab.
„Nein, nein ... die Wirklichkeit ist schon ganz schön ... ganz ...“
Sie brach plötzlich ab, blieb stehen, sah sich schuldbewußt um.
„Nein, wie dumm ... jetzt sind wir ganz verkehrt gegangen ... ich wollte Sie doch zu mir führen. Sie sind mein Tischgast ... ja .. ja ... das verlange ich. Ich habe nie einen Tischgast gehabt — so für mich, mein’ ich ... das lass’ ich mir nicht entgehen! Haben Sie keine Angst ... ich koche nicht selbst. Einfach ist es bei meiner Wirtin ... ganz lächerlich einfach, aber wir speisen in einer Laube, rund herum stehen Sonnenblumen, und statt eines Kellners bedient uns ein süßes Mädelchen, das Töchterchen meiner Wirtin.“
Gaudlitz hatte es wohl selten irgendwo so gut gemundet. Ein leichter Weißwein gab der Stimmung eine festliche Freudigkeit.
„Den Kaffee trinken wir bei mir an Bord. Wollen Sie? Ich rudere Sie hinüber. Oder fürchten Sie sich?“
„Ob ich mich fürchte? Mit Ihnen? Ich denke nicht daran! Ich fürchte nur die Einsamkeit oder Menschen, unter denen ich mich einsam fühle — —“
Ein Schatten flog über ihr Gesicht. Sie mußte an Brasilien denken, an die Nordeni, mit ihrer fliegenden Angst ... mit ihrem grauenvollen Tod.
„Was ist Ihnen, Frau Karla?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Zu dumm ... mitten aus allem Schönen, allem Hellen und Freudigen heraus muß man manchmal an das Trübste und Schaurigste des Lebens denken ...“
Er nahm ihre Hand, in fast brüderlicher Anteilnahme.
„Was ist Ihnen das Trübste, darf ich es wissen?“
„Mir? ... Mir ist’s die Einsamkeit, das Alleinsein. Das Trübste und Schaurigste.“
Er zog ihre Hand an seine Lippen mit kurzem, festem Druck.
„Sie sind nicht allein und werden nie allein sein, liebste Frau Karla, nie — solange ich ...“
Ihre Augen trafen sich, und der Satz blieb unvollendet. Karla stieg das Blut heiß in die Schläfen, und hastig entzog sie ihm ihre Hand.
Er sah auf die Uhr.
„In einer Stunde hole ich Sie ab, liebe gnädige Frau, darf ich?“
Sie nickte. Der Hals war ihr wie zugeschnürt. Wie gut war es von ihm, jetzt fortzugehen ... Sie hätte nicht gewußt, was sie ihm weiter hätte sagen sollen. Unheimlich war das, wie da plötzlich ein wildfremder Mensch einem innerlich so nahe rückte, daß man es kaum noch merkte, wenn die Hände einander berührten — —!
Aber eine Stunde später hatte alle Spannung nachgelassen. Sie hatte ein Jackenkleid aus weißem Tuch an und eine rote Strohkappe, die ihr Haar fest umschloß.
Und sie sprachen auch nur noch von heiteren, harmlosen Dingen, von freundlichen Zukunftsplänen.
Es machte ihr Spaß, ihm zuzusehen, wie kräftig er mit den Rudern auslegte. Im grellen Sonnenlicht sah er nicht so jung aus wie damals bei der ersten Begegnung im Dämmer des Tiergartens oder im Abendlicht des Konzertsaales. Sie sagte es ihm. Da lachte er, und wieder blitzte es wie erste Jugend über sein jetzt gebräuntes Gesicht.
„Jugend ist Ausdruck“, sagt meine kluge Schwester Alice. „Sie, zum Beispiel, liebe Frau Karla, sehen manchmal aus, als wären Sie zwanzig Jahre alt, und das kaum!“
„Dabei bin ich bald dreißig ...“
„Das sagt man doch nicht! Hat ein Mensch je einen solchen Unverstand erlebt: eine Primadonna, die ihr Alter sagt?! Lassen Sie das nur in Wien nicht hören, Sie schrecklich aufrichtige Frau!“
Sie lachten nun beide, und er meinte:
„Ich freue mich, daß wir wenigstens in Einem recht nahe nebeneinanderstehen: ich bin dreiunddreißig.“
Ihr fiel ein, daß Altmann im Juni seinen fünfundvierzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Sie lebte überhaupt unter viel älteren Menschen — Luise war an die fünfzig, Adele siebenundvierzig ... der gute liebe Alwin schien noch weit älter, als er war ... Es tat gut, einmal mit jemand Gleichalterigem zusammenzusein!
Die Jacht erfüllte Karla mit staunendem Entzücken. Gaudlitz führte sie überall umher, von der Küche bis zu seiner Schlafkabine, die mit der ziemlich großen Salonkabine verbunden war. Fünf hübsche Gastkabinen, von denen zwei für Damen eingerichtet waren, lagen dicht nebeneinander. Die größte war in hellem Holz gehalten, mit Feldern aus altrosa Brokat. In gleicher Farbe und mit gleichem Stoff waren die Sessel und das Bett überzogen.
„Hier wohnt meine Schwester, wenn sie mitfährt. Ich hole sie übrigens mit Mann und Kind in Kopenhagen ab. Mein Schwager und der Junge erfreuen sich nicht der besten Gesundheit. Der Arzt besteht auf Höhen- und Seeluft in lieblicher Abwechslung. Der Junge ist immer todkrank auf dem Wasser, mein Schwager kann Feuchtigkeit nicht vertragen und leidet an der Bergkrankheit. Aber sonst ist alles in Ordnung. Meine arme Schwester hat’s auch nicht immer leicht ...“
Es sollte wie ein Trost klingen. Aber Karla merkte, daß ihm selbst die Jachtreisen auch nicht immer die reinste Freude bedeuteten.
Auf Deck stand der Kaffeetisch bereit.
„Ich habe den Kapitän dazu gebeten — Sie haben doch nichts dagegen? .. Ein prachtvoller Kerl, der vielfach Schiffbruch gelitten hat und sich jetzt mir zur Verfügung stellt — solange es ihm paßt.“
Karla mußte an Kapelle denken. Das war auch so einer gewesen.
„Das sind die Besten“, sagte sie mit tiefer Überzeugung.
Er blickte sie überrascht an.
„Ja ... wissen Sie das auch?“
Was war sie doch für ein liebes, vernünftiges Menschenkind, diese Karla König ... Wenn die frei wäre ... so ganz frei .. Donner .. ja ... „Du bist nicht recht gescheit“, hatte ihm seine Schwester schon einmal gesagt — —
Nein, nein ... er war gewiß nicht „recht gescheit“! Aber wen ging das was an? Auf wen brauchte er Rücksicht zu nehmen?
Alice hatte ihm von dem Traum Karlas erzählt: dem langen Tisch mit den Kindern ringsherum ... Da war es über ihn gekommen wie eine Erleuchtung. Das war es wohl, was ihn so hinzog zu ihr — dieses Mutterhafte. Auch in ihrer Stimme lag es ...
Nicht um ihr den Hof zu machen, hatte er sie in dem verlorenen kleinen mecklenburgischen Nest aufgesucht, sondern weil die Sehnsucht nach ihr ihn so stark gefaßt hatte, wie nach einem Trunk Quellwasser bei brennender Hitze. Er hatte schöne Frauen in allen Ländern gekannt, hatte geliebt und war geliebt worden, ohne eigentlich ein Fraueneroberer zu sein. Der Knoten seiner Liebeserlebnisse hatte sich stets ohne Anstrengung geschürzt, ohne Schmerz gelöst. Seine Schwester hatte sich mehrfach Mühe gegeben, ihn zu verheiraten — immer vergebens. Die Frau war ihm bisher nie mehr gewesen als ein kurzes Begehren oder dankbares Erwidern.
Es war das erstemal, daß in ihm das Bedürfnis nach einer Ergänzung seines Ichs erwachte. So ließ er sich treiben von seinem Empfinden, wie er sein Fahrzeug vom Winde treiben ließ ...
Das große Wasser schluckte den flammenden Sonnenball, als Gaudlitz und der Kapitän Karla heimruderten. Karla empfand es dankbar, daß Gaudlitz weiter kein Alleinsein mit ihr herbeigeführt hatte. Das gab ihrem Wesen fröhliche Sicherheit, ihrer Seele freien Schwung.
„Nun noch etwas zum Mitnehmen“, sagte sie und sang als Abschied ein einfaches, schönes Lied. Glockenrein erhob sich ihre Stimme über dem Wasser, wie ein Gebet. Die Männer zogen die Ruder ein und nahmen die Mützen ab. Leise schlugen die Wellen ihre plätschernde Begleitung gegen den Kahn — — —


Als Karla König in die Halle des Stettiner Bahnhofs in Berlin einfuhr, überkam sie etwas wie Schuldbewußtsein. Um ganze acht Tage hatte sie ihren Aufenthalt an der See verlängert — weil sie nach einem schönen Erlebnis nicht sobald zurückfand in den Alltag ihres Berliner Lebens. Nun hatte sie vier wundervoll friedliche Wochen verbracht in der schönsten Luft, während ihr Mann den Staub der Stadt eingeatmet und seine Stunden gegeben hatte. Sie wollte sehr sanft und sehr gut sein zu Hause. Luise und ihr Mann sollten es empfinden, daß sie das Opfer, das sie beide ihrem Wohlergehen gebracht hatten, zu schätzen wußte.
Altmann empfing sie am Zug. Sie war erstaunt, wie wohl er aussah. Kaum mehr schlank — ein sehr stattlicher, nicht mehr junger Herr, der behaglich seines Lebens frühen Herbst genoß und nur leidend die Lippen herabzog, wenn etwas sein Behagen störte.
„Na, das ist schön, daß du wieder da bist, Karla ... Es war ja ein bißchen gegen die Abrede, aber wir haben dir die paar Tage gegönnt — von Herzen gegönnt.“
Ähnlich sprach Luise.
Schmerzchen stand in einem langen, wollenen Morgenröckchen im Speisezimmer, ein weißes Tüchelchen um den Hals. Sie war sehr gewachsen, war sehr blaß und hatte große braune Augen, die ernst und abwartend blickten.
„Was ist ... was ist denn mit Schmerzchen?“
Karla hatte das Kind zu sich auf den Schoß gezogen und bedeckte das feine, nußbraune Haar mit leidenschaftlichen Küssen. Die Geschwister wechselten einen Blick.
„Ich war krank“, sagte Schmerzchen, mit einer gewissen Genugtuung im Ausdruck.
Karla blickte von Mann zu Schwägerin. Ihr Herz schlug zum Zerspringen, sie konnte kaum atmen.
„Wie denn ... krank ... und ich habe nichts erfahren?“
Der Papa erklärte alles. „Du mußt begreifen, liebes Kind ... eine Diphtheritis, wenn sie auch sehr leicht aufgetreten ist, bleibt ansteckend und gefährlich! Du hättest ja doch nicht in der Wohnung sein und das Kind pflegen dürfen. So zogen wir es vor, dir gar nichts darüber zu schreiben. Luise hat sich geradezu aufgeopfert ...“
Karla nickte. Ja, sie konnte sich schon denken ... Und das Kind hing mehr denn je am Papa, an Tante Lis’ ... mehr denn je — —
„Ich danke dir, Luise ...“
Ihre Hand, mit der sie die Finger der Schwägerin umschloß, war eiskalt.
Als das Mädchen die Suppe hereinbrachte, sagte Luise:
„Du bist mir nicht böse, Karla — ich habe dem Kind den Platz zwischen Ernst und mir gegeben; es hat jetzt seine kleinen Gewohnheiten ...“
„Nein ... bitte, Luise ... Warum sollte ich böse sein?“
Sie mühte sich, sehr sanft, sehr ruhig zu bleiben. Luise hatte sich ja „aufgeopfert“! Aber der Bissen blieb ihr im Halse stecken, wenn sie sah, wie das Kind manchmal lächelte. So erwachsen. So bewußt. Und wie es in dem Lächeln die beiden einte, die in ihrer Krankheit um es gewesen waren.
Wie es in der Motzstraße ginge?
Luise machte ein leidendes Gesicht. Sie sah in diesem Augenblick Altmann zum Verwechseln ähnlich.
„Alwin arbeitet sich zuschanden, und Adele hat Vickis Zimmer an einen Herrn vermietet. Das macht weniger Arbeit als Jungens. So kräftig ist Adele nicht mehr — die hat sich verbraucht im Hause. Wenn man für alles aufkommen muß ...“
„Alwin hat doch immer verdient“, unterbrach Karla und hatte Mühe, ihren aufsteigenden Ärger zu unterdrücken.
„Ja, ja, gewiß ... das ist selbstverständlich. Aber knapp war’s. Und einteilen und auskommen, das ist zum mindesten so aufreibend wie verdienen. Das hast du ja gottlob nicht nötig gehabt. Das hat dir unser guter Ernst immer abgenommen. Aber es ist nicht leicht, glaube mir ...“
Was das junge Paar machte? Karla war froh, wenn sie etwas fand, was ablenkte von ihr.
Das junge Paar ließ sich fast gar nicht sehen. Zweimal war Vicki im ganzen bei der Mutter gewesen in diesen vier Wochen. Eigentlich nur, um sich ein paar Zwanzigmarkstücke zu holen. Sie sparte, soviel sie konnte, aber Bodo brauchte sehr viel außer dem Hause. Anzüge und Geld fürs Café und Restaurants. Er machte viel neue Bekanntschaften, behauptete, die würden sich schon eines Tages rentieren. Im übrigen ließ er sich bei den Schwiegereltern nicht sehen.
Einmal, ganz im Anfang von Karlas Abwesenheit, waren sie alle in einem Biergarten zusammengewesen.
„Aber nicht wahr, Ernst, gemütlich war es eigentlich nicht?“
Altmann lehnte sich zurück und versenkte die Hände in den Hosentaschen.
„Gott ... Du weißt, Lis, was man so gemeinhin ‚gemütlich‘ nennt — davon halte ich nicht viel. Aber Zugehörigkeit — die vermißte ich. Wir saßen da alle wie ... ja wie soll ich nur sagen ... wie zusammengewürfelt, ohne Kitt.“
„Und Vicki?“
„Vicki ...! Vicki trinkt seine Worte — wenn er welche spricht! Sie ist in der Furcht des Herrn erzogen. Mir unbegreiflich, dieses Mädel ...“
Altmann sprach mit großer Überzeugung.
Karla zerrte ihr Mundtuch glatt.
„Ich werde jetzt auspacken“, sagte sie.
„Ich will Dir gerne helfen, so wie Isoldchen im Bett ist ...“, erbot sich Luise.
„Nein, nein ... danke ... ich werde gut allein fertig.“
Karla hatte nur ein Gefühl: Luise sollte sich nicht auch noch für sie aufopfern! Es war undankbar von ihr, häßlich — aber sie konnte nicht an dagegen.
Frostig starrte ihr das Schlafzimmer entgegen, in dem grauen Dämmerlicht der Berliner Hofbeleuchtung. Sie dachte an den warmen Sommertag unter gelben Sonnenblumen — da mußte sie ihre Handflächen an die Augen drücken. So brannten ihre Lider — — —
Während des Abendessens fragte Karla sich, was sie nachher wohl tun könnte. Zum Singen war sie zu abgespannt. Im Zimmer ihres Mannes sitzen — nur um bequemer zu sitzen als anderswo ...?
Altmann ging unentschlossen hin und her, während das Mädchen abräumte und Luise das Obst in die Kredenz einschloß. Er fuhr sich ein paarmal über das Kinn und blieb dann stehen.
„Ich weiß nicht, liebes Kind, wie du dich dazu stellst, aber Lis’ und mir war es ein großer Genuß all die Zeit. Ich ... hm ... ich lese ihr jetzt allabendlich ein Stück vor, von einem unserer großen Klassiker. Es ist katastrophal, wie man sie vernachlässigt! Augenblicklich lese ich ‚Coriolan‘.“
„Wundervoll,“ sagte Luise, während ihr Schlüsselbund klirrte, „aber entsetzlich anstrengend!“
„Gewiß, meine gute Lis’, aber das spricht nicht mit ... Es ist mir, wie gesagt, selbst ein Genuß. In Berlin ist der ganze Stil für die Klassiker verlorengegangen. Schiller drehte sich im Grabe um, wenn er das sähe!“
Luise trank die Worte des Bruders. Sie hatten sich auf einander eingestellt in diesen vier Wochen, mit einer lückenlosen Genauigkeit. Karla war ein Fremdkörper geworden, dem man Platz schaffen mußte; es ging nicht ohne Sprünge und Risse.
„Also, wie meinst du, Karla? Ich will dich selbstverständlich nicht zwingen — aber an freien Abenden ...“
„Ja ... gewiß ... gern.“
Altmann fuhr ihr liebkosend über die Schulter.
„Das freut mich, Karla, freut mich ehrlich. Das ist meine Auffassung von Gemütlichkeit. Jeder hat die seine, nicht wahr? ... Wir bleiben hier sitzen, des Kindes wegen, falls es ruft, der Schlaf ist noch zeitweise unruhig. Luise nimmt eine Handarbeit ... du vielleicht auch, wie?“
Karla entsann sich der roten Decke, an der sie häkelte.
„Die liegt längst fertig in der Kommode. Die bekommt Isoldchen zu Weihnachten“, sagte Luise, und ein etwas spöttisches Lächeln verzog ihre Lippen.
„Warum denn ... warum hast du meine Arbeit ...?“
„Aber sie wäre ja doch nie fertig geworden, Karla“, schnitt die Schwägerin ab.
Nein ... Karla wäre nicht fertig geworden mit ihrem Träumen und Denken ... und die Arbeit wäre nicht fertig geworden. Es war richtig. Aber es tat weh. Und eigentlich gehörte es sich nicht.
Sie setzte sich wieder auf ihren Platz und kreuzte die braunen, sonnenverbrannten Hände über der Tischdecke — ergeben, geduldig, sanft.
Altmann las. Mit vollem Organ und viel Ausdruck. Mit schrecklich viel Ausdruck und aufreizender Deutlichkeit. Jedes „und“ und jedes „aber“ hatten die Bedeutsamkeit eines Gedankens, jeder Gedanke ertrank in dem Gleichmaß der Bedeutung. Luisens Augen glänzten. Nie war sie so durchdrungen davon, daß dem Bruder Unrecht geschah von den Bühnenleitern, wie an den Vorleseabenden. Sie und Adele hatten ihn unterschätzt ... sie hätte weinen können darüber. Er war ein großer, ganz großer Künstler. Er hatte seine Karriere und seinen Ruhm seiner Frau geopfert — aus Liebe, aus Großmut. Nie konnte Karla ihm das genug danken — nie! Luisens Blicke ließen nicht ab von seinem schönen Gesicht, das so tragisch aussah bei pathetischen, dramatischen Stellen, und ihre Blicke zogen die seinen zu ihr herüber, zogen seine Stimme, seine Worte an — daß sie bald nur ihr galten und über Karla hinwegfluteten wie über den Stuhl, auf dem sie saß.
Karla krampfte die Finger ineinander. Etwas bohrte an ihrem Herzen. Erst leise, dann immer stärker. Die Nacht fiel ihr ein auf der Veranda des Hotels in Brasilien, und wie sie gewartet und wie sie es nicht für möglich gehalten hatte, was doch geschehen war ... Und das war nur ein Kinderspiel gewesen gegen das, was jetzt geschah.
Eine Mariette hatte ihr nichts nehmen können — nichts, als allenfalls eine Stimmung.
Luise nahm ihr alles — das Kind, den Mann ... löschte sie selbst aus ... ganz sachte; ohne es zu wollen vielleicht, nein, gewiß; ohne es zu wollen — aber jeden Tag mehr, immer mehr, machte sie überflüssig — ließ sie nur gelten, weil sie die Stimme hatte, die Mann und Kind ein leichtes, sorgenfreies Leben gewährte ... Aber auch das mochte kaum bewußt sein ... es war nur so und drängte sie, die Mutter, die Frau, sanft aus dem Bereich ihres häuslichen Wirkens, ihrer Frauenrechte ...
Seltsam, wie diese Erkenntnis wirkte. Es war kein Schmerz und kein lodernder Zorn, wie damals in Brasilien ... nur wie ein kalter Hauch zog es durch ihre Seele, vereiste ihr sonst so heißes Empfinden ...
Sie stand auf.
„Laßt euch nicht stören,“ sagte sie freundlich, „— ich bin müde und will mich niederlegen.“
Altmann blickte auf.
„Verzeih’ .. ja .. ich hatte vergessen .. selbstverständlich ... wir können übrigens auch morgen —“
Aber Karla wiederholte, ebenso freundlich, nur mit einer an ihr fremden Bestimmtheit:
„Nein, bitte ... laßt euch nicht stören ... gute Nacht, Luise.“
Leise schloß sie die Tür des Schlafzimmers hinter sich zu.
Altmann strich ein paarmal nervös über die Seiten des Buches. „Schade ...“
„Wie meinst du, Ernst ...?“
„Sie hat so gar keine geistigen Interessen ... schade!“
„Findet man das nicht häufig bei Sängerinnen?“
„Möglich ... ja ... aber Karla ist doch auch meine Frau!“
Luise strich mit ihrer hageren Hand über den Ärmel des Bruders.
„Ärgere dich nicht. Wir haben uns hier so eingesponnen, und sie kommt von draußen — sie ist noch wie ein verspieltes Kind. Das gibt sich. Lies weiter — es ist mir eine solche Freude ...“
„Gute Lis’!“
Er nickte ihr zu. Von der Bewunderung der Welt, die er erträumt hatte, war ihm nur die Bewunderung der Schwester geblieben. — — Aber auch die tat wohl!


Einen Tag vor ihrem Wiederauftreten sagte Altmann:
„Du hast doch nichts dagegen, liebes Kind, ich habe gebeten, daß man dich als Karla König-Altmann auf den Zettel setzen möchte.“
„Als König-Altmann ...?“, wiederholte Karla. „Ja ... warum denn?“
Ihr Name war ihr lieb geworden, sie war in ihn hineingewachsen wie in eine Haut. Der angehängte Name ihres Mannes wirkte auf sie wie etwas Fremdes, gar nicht zu ihr Passendes. In ihren Schläfen pochte es.
„Wenn ich nur wüßte — warum?“
Altmann reckte sich hoch, seine Mundwinkel vertieften sich.
„Liebe Karla, du tust gerade so, als wäre es eine Unehre für dich, deinen gesetzlichen Namen zu tragen — eine Schande.“
„Warum hast du es mir nicht vorher gesagt — wir hätten es überlegen können — —“
„Ich glaube, liebes Kind, daß es da nichts zu überlegen gibt. Du hast ein Kind, eine Tochter. Ich meine, wenn nicht aus Rücksicht auf mich, so doch aus Rücksicht auf dein Kind ... Die Gemeinsamkeit des Namens ist, scheint mir, doch das allererste und wichtigste Bindeglied zwischen Eltern und Kind ...“
Die Tür zu Altmanns Zimmer ging auf, und Schmerzchen trippelte herein, in einem blauen Herbstmäntelchen und blauem Matrosenhütchen.
Karla hatte Schmerzchen bisher nur in weichen Kappen oder unter dem Gefältel weißer Stickereihüte gesehen, die Matrosenform gab dem zarten Gesicht etwas Hartes, Strenges. Das feine nußbraune Haar ringelte sich in Locken über den Nacken.
„Komm mal her, Isolde ...“
Gehorsam ging Schmerzchen auf den Papa zu, mit einer gewissen Spannung im Blick. In Papas Ton lag immer etwas, worauf sie gespannt war.
Karla fielen die Arme, die sie dem Kinde entgegengestreckt hatte, in den Schoß zurück.
„Sag’ mal, wie heißt du?“
„Isolde Altmann“, sagte Schmerzchen sehr deutlich und gewichtig.
„Gut. Und wie heiße ich?“
„Ernst Altmann, Landgrafenstraße siebzehn.“
„Ja, ja ...“, unterbrach er. „Und Mama? Wie heißt Mama?“
„Karla König-Altmann, Königliche Hofopernsängerin.“
„Brav.“
Er wendete sich an Karla:
„Na — klingt das gar so schlimm?“
Karla antwortete nicht. Sie hielt Schmerzchens Hände und drückte sie an die Lippen.
Schmerzchen blickte unruhig nach der Tür.
„Ich gehe mit Tante Lis Haare abschneiden.“
„Wieso Haare abschneiden ... wessen Haare?“
„Meine Haare ... ritz—ratz, sagt Tante Lis ...“
Karla war ganz erschüttert. Das feine braune Härchen ringelte sich so weich über ihre Hand, und nun sollte es abgeschnitten werden, sollte ...
Luise trat, ebenfalls zum Ausgehen angekleidet, über die Schwelle.
„Komm, Isoldchen ...“
Karla hatte Schmerzchen den Matrosenhut abgenommen, bedeckte das braune Haar mit Küssen.
Luise lächelte nachsichtig.
„Du hast dich aber auch gleich, Karla! ... Das Kind bekommt nie starkes, dichtes Haar, wenn es nicht geschoren wird. Jawohl, Isoldchen, wie ein Schäfchen wirst du geschoren und wirst aussehen wie ein kleiner Junge.“
Schmerzchen nickte. Die bevorstehende Verwandlung hatte etwas ungemein Geheimnisvolles für sie. Das Leben war überhaupt voller Reize und Schauer. Die Mama schien das zu verstehen — die Mama weinte sogar! Und das wäre natürlich sehr erschreckend gewesen, wenn Papa und Lis nicht gelacht hätten. Die wußten es doch immer besser.
„Warte, Schmerzchen ... halt’ still ... es tut nicht weh.“
Karla ergriff die Papierschere auf Altmanns Tisch. Eine Locke wollte sie für sich abschneiden. Wenigstens eine greifbare Erinnerung haben an das seidenweiche, nußbraune Haar ihres Kindes.
Schmerzchens Gesicht wurde ganz rot vor Anstrengung, stillzuhalten. Am liebsten wäre sie ja davongelaufen, aber ihr war noch vom Weihnachtsabend erinnerlich, daß die Mama ihr nicht weh tat. Nur begriff sie nicht, warum die Mama weinte. Tante Lis begriff es auch nicht. Papa aber ging ärgerlich im Zimmer auf und ab und sagte:
„Karla ist immer noch der reine Backfisch.“
Karla fuhr in die Stadt und kaufte sich eine dünne Kette und ein goldenes Medaillon für Schmerzchens Locke.
Der Juwelier hatte nur zweiseitige Medaillons vorrätig und fragte, ob sie nicht ein Bild für die zweite Seite habe. Aber Schmerzchens letztes Bild war vor mehr als einem Jahre aufgenommen, und jetzt sah das Kind noch immer so elend aus, daß sie es nicht photographieren lassen mochte. Später.
Als sie nach Hause kam, erschrak sie, weil sie Schmerzchen mit dem runden Jungenskopf nicht gleich erkannte.
Schmerzchen sah dem Vater sprechend ähnlich.
Luise und Altmann sprachen an diesem Abend viel von dieser Ähnlichkeit, so daß Karla darüber sogar ihre Namensveränderung vergaß.
Erst am nächsten Abend wurde sie wieder daran erinnert. Gegen seine Gewohnheit kam der Papa zu ihr in die Garderobe.
„War gespannt, liebes Kind, zu hören, wie — Frau König-Altmann singt — erwartete eine bedeutsame Veränderung, aber ich muß gestehen ... daß ich nur eine kleine Mattigkeit bemerkt habe ... vielleicht von der Bürde solcher zwei Namen ... Warum läßt du ‚König‘ nicht ganz fort ... eigentlich überflüssig, wie?“
Der Papa war sehr gallig. Aber in einem hatte er recht: Karla war an diesem Abend wirklich nicht ganz auf der Höhe.
Und auf dem Eckplatz des ersten Ranges saß ein wildfremder, dicker Herr mit einem breiten, schwarzen Klemmer auf der Nase. — — —
— — In der Motzstraße war die Familie um den Abendbrottisch versammelt. Karla war in Potsdam zu einem Hofkonzert, das am Spätnachmittag stattfand. Sie hatte versprochen, geradeswegs in die Motzstraße zu kommen, wenn sie fertig wäre. Adele war rasend neugierig, wie es „bei Kaisers“ zuging. Übermorgen fand ihr Kaffeekränzchen statt — das gab dann Gesprächsstoff, und ein bißchen von dem Glanz, der sich um Karlas Namen verdichtete, fiel dann auch auf sie ab und ihr Haus. Sie brauchte sich dann von den Damen auch nicht so viel über Vicki ausfragen zu lassen.
Adele hatte es schwer. Immer mußte sie entschuldigen, bemänteln. Auch ihrem Manne gegenüber. Harte Worte lagen ihm nicht. Aber Bitterkeit legte sich auch um seine Mundwinkel, wenn er sich nach Vicki erkundigte. Er zählte manchmal an den Fingern die Wochen ab, die sie sich nicht hatte sehen lassen, als wüßte sie nicht, welche Arbeitslast der Vater auf sich genommen, um den jungen Hausstand zu stützen. Ein Teil der Möbel hatte auf Abzahlung genommen werden müssen, weil Bodo Völkel erklärt hatte, daß er die Spießereinrichtung, die Luise für ihn in Aussicht genommen, nicht über seine Schwelle ließe. Er wollte sich seine Umgebung selbst zusammenstellen. Wenn es auch ein bißchen teurer würde, so hätte er doch Verbindungen, die eine bequeme Abzahlung ermöglichten.
Adele war aufs Tiefste verletzt von diesem „auf Borg“ gestellten Haushalt; aber diesmal unterstützte Dr. Maurer seinen Schwiegersohn und beschwichtigte seine Frau.
„Bodo ist nicht wie Karla — er läßt sich nicht in seinen Entschlüssen vergewaltigen. Mag der Mann sich seine sieben Sachen aussuchen, in denen Vicki mit ihm glücklich sein soll — wir schaffen’s schon.“ Daß es ohne Karlas Hülfe doch nicht so einfach gewesen wäre, ahnte er nicht.