Die Primadonna (continued 7)
Reading edition
Aus dem Holze wollte Gaudlitz eine Wiege zimmern lassen ... Das gab es her. Und an dieser Wiege würde Karla sitzen; ihre Stimme würde über sie fluten, aus dem Schnitzwerk würde es widerklingen. So sollte jedes seiner Kinder von Vergangenheit und Gegenwart träumen in seinem ersten Schlaf, Vergangenheit und Gegenwart einen, durch das Singen der Mutter, das Singen der Wiege ...
Auch ein langer Tisch sollte in der Halle des Grafenhauses stehen ... so ein Tisch, von dem Karla manchmal geträumt hatte ...
Ein hastiger, herzlicher Abschied. Ein Winken vom Fenster, ein Winken zurück aus dem Auto. Ein kurzes Ankurbeln, Fauchen und Rattern, und in stolzem Bogen glitt der dunkelgrüne Wagen mit den zwei Schwägern die Auffahrt hinab. Wie betäubt blieb Karla noch eine Weile stehen, dann warf sie sich Alice Reichenberg an die Brust.
— — — Es war heiß in Wien. Es war unerträglich. Und trotz der Hitze erhob sich von Zeit zu Zeit ein kurzer heftiger Windstoß, jagte den Straßengängern den Kalkstaub in die Augen.
Reichenbergs waren wieder abgereist, auf ihre Besitzung. Karla sollte sie besuchen, wenn „das“ überstanden war.
„Das“ ... Die Aussprache mit Altmann.
Karla wollte nicht sprechen. Wollte schreiben. Aber sie hatte schon zwanzig Briefe begonnen und wieder zerrissen. Es gab ja zu viel zu sagen! Ihre Feder kam ihren Empfindungen nicht nach.
Auch mit Gaudlitz war es mehr ein Depeschenwechsel. Es war keine Seltenheit, daß sie drei, vier Telegramme täglich von ihm bekam. War es nur eines, zitterte sie vor Unruhe. Er ritt Gäule ein, stellte sich selbst an die Dreschmaschine, um sie auszuprobieren ... kam ein anderes Mal wieder den ganzen Tag nicht aus dem Sattel und warf sich dann zur Abkühlung in den kleinen See, wo er eine Stunde lang herumschwamm. Sie lernte die Angst kennen um einen geliebten Menschen, hatte die plötzlichen Besorgnisse einer allzu ängstlichen Mutter. Telegraphierte: „Beschwöre, vorsichtig zu sein. Andern Gaul reiten“ oder „Kaltes Baden nach Reiten Wahnsinn. Bin außer mir“. Depeschen kamen zurück, aus denen sein Lachen ihr entgegenschallte: „Liege in Watte gepackt auf Ruhebett, beginne ungefährliche Stickerei“ oder „gleich um Verzeihung bitten wegen Feigheit. Pfui.“
Sie lachte, sie weinte, sie stampfte ärgerlich mit dem Fuße auf und drückte sein Bild an die Lippen.
Sie liebte, wie sie mit zwanzig Jahren nicht zu lieben gewußt hätte — auch wenn sie ihm begegnet wäre.
Er schickte ihr Blumen: „aus unserm Garten“, Perlen, die „seiner Mutter gehört hatten“, Bücher, die „er gelesen hatte“.
Die Blumen kamen welk an, und sie legte sie in ihren Wäscheschrank. Vor den Perlen der Gräfin Gaudlitz hatte sie eine heilige Scheu und hätte sie nicht eher angelegt, als bis sie den gleichen Namen führte. Die Bücher legte sie auf ihren Nachttisch, las abends und morgens darin und wußte doch nichts von ihrem Inhalt, weil ihre Gedanken nach allen Richtungen hin flatterten.
Ihr Bayreuther Erfolg hatte ihr eine vertrauliche „ganz private“ Anfrage von einer der Berliner Generalintendanz nahestehenden Seite gebracht, ob sie nicht ....
Russel hatte in einem hundert Worte langen Telegramm sein Angebot erneuert, die Hofmarschälle zweier regierenden Fürsten luden sie zu einem Hofkonzert ein. Fast jede Post brachte Gastspielanträge aus allen großen Städten Deutschlands und Österreichs.
Auch Liebesbriefe liefen ein, schamlos kalte, mit Versprechungen, die sich in fünfstelligen Zahlen äußerten, überschwänglich leidenschaftliche, von Narren und Spekulanten; schüchterne von kaum dem Kindesalter entwachsenen Jünglingen; flammende von hysterischen, unverstandenen Frauen, denen sie den Weg weisen sollte „aus ihrem großen, alles verstehenden Künstlertum heraus“. Bettelbriefe kamen: mit Kronen in der linken Ecke und andere mit Fettflecken am Rand; anonyme Anträge und Schmähungen, Rechnungen über Gegenstände, die sie nie gekauft, und Schmuck mit beigelegter Quittung.
Sie dachte an die Zeit, da Altmann ihr alles so klug und bedacht ferngehalten, was ihr nicht nähertreten durfte, da sie ihn beratend, oft bestimmend an ihrer Seite gehabt hatte, keinen Finger zu rühren brauchte, da alles ihr aus dem Wege geräumt war, sie vor keiner Besudelung, keinem Irrtum Angst zu haben brauchte, da ihr Haus wie eine Festung gewesen war, unter deren Schutz sie ihrer Kunst gelebt hatte ...
Und wieder würde solch eine Festung sie umschließen, schirmender, schützender als die erste. Würde auch ihre Kunst mit einschließen — —
Manchmal durchfuhr es sie dann wie ein leiser Schrecken — mit eigentümlichem Prickeln in der Haut und dem Aussetzen eines Herzschlages.
Und sie telegraphierte: „Ich liebe Dich und sehne mich nach Dir.“
Sie brauchte die Gegenwärtigkeit. Brauchte seine blauen Augen, seine eigensinnige blonde Stirn, seinen lachenden Willen, seine heiße Liebe, den Ton seiner Stimme ... Alles das brauchte sie, um das andere lösen zu können .... das viele, unsagbar viele „andere“, das ihr Leben war!
Und mit schauerndem Erbeben ließ sie noch einmal die Welle der Begeisterung über sich zusammenschlagen, badete sich in allem Köstlichen und allem Schlamm, womit diese Welle sie überschüttete, faltete die Hände wie ein frommes, unschuldiges Kind und betete leidenschaftlich:
„Lieber Gott, ich danke Dir, daß ich ihm so viel opfern darf ... so viel! ...“
Dieses Opfer sollte die Heiligung ihrer Liebe sein.
Die Einladung nach Baden zu einer Dame der ersten Gesellschaft gab ihr bald wieder ihre alte Zuversicht zurück.
Der Kreis hochgebildeter und abgeklärter Menschen, die ihre Bewunderung für Karla mit einem zarten Hauch erlesener Geistigkeit umkleideten, wirkte wie eine Erlösung auf sie nach all dem Schwülen, Traumhaften, Überreizten, kaum Faßbaren der letzten Wochen.
Vielleicht waren es die glücklichsten Stunden ihres ganzen Lebens, die in diesen zwei Badener Tagen sich zusammendrängten, Stunden, in denen sich gleichsam alle Höhepunkte ihres Daseins in ihrer feinsten Wesenheit zu einer leuchtenden Kette zusammenschlossen.
Ruhig, stolz und strahlend kehrte sie nach Wien zurück. Das Mädchen nahm ihr die Sachen ab, berichtete, was sich ereignet hatte in den zwei Tagen.
Ein Herr von einer Zeitung wäre dagewesen. Der Schneider hätte das Lodenkostüm zum Aufbügeln g’holt. Der Hauswirt hatte eine Kollekte herunterg’schickt für blinde Kinder. Noch eine Masse Leit’ — und dann wär’ heute mittag noch ein Herr dag’wesen, ein ganz fremder — keiner von Wien ... ein älterer Herr ...
Sie holte die Karte vom Schreibtisch — er tät wiederkommen, hätt’ er g’sagt.
Karla stand vor dem Spiegel und bauschte ihr vom Hut zusammengedrücktes Haar auf, stand da in einem knappen weißen Rock, mit duftiger weißer Batistbluse, einen schmalen goldenen Gürtel um die Mitte, mit ihren, wie es immer hieß, „statuenhaft schönen“ Armen, die rosig unter dem durchsichtigen Gewebe hervorschimmerten.
Dabei hatte sie ganz vergessen, daß sie noch immer die Visitenkarte zwischen den Fingern hielt. Ja .... richtig ... wer war denn das gewesen? Sie las den Namen und hörte gleichzeitig Läuten von draußen hereinschallen.
Alwin! ...
„Alwin ... mein guter, lieber Alwin ...“
Alwin Maurer blinzelte sie aus seinen tiefliegenden Augen verwirrt und sprachlos an.
„Du, Karla ... du ...“
„Ja, wer denn, Alwin ... bin ich so alt geworden, daß du mich nicht erkennst? ...“
‚So schön ...‘ hätte er beinahe geantwortet. Aber er schwieg noch immer, starrte sie nur an und merkte es kaum, wie sie ihn hereinzog.
„So zieh’ dich doch aus, Alwin ... Nein, wie bist du nur auf den herrlichen Gedanken gekommen .... Wie ... wo kommst du her ... geradeswegs aus Berlin? ....“
„Ja ... das heißt, nein ... aus Karlsbad ... vielmehr aus Bayreuth .... aber du warst schon fort, und da ....“
Jetzt stand er in ihrem Zimmer, in dem weichen warmen Licht der ockerfarbigen Seidenschirme, im betäubenden Duft der Rosen.
„So wohnst du ... so ...?“
An den Wänden hingen Bilder, von schmalen Goldleisten gerahmt, zwei hohe, schlank gebaute Schränke zeigten ihren reichen Inhalt an Noten und Büchern in einfachen Lederbänden. Über dem Schreibtisch mit einem großen Bild von Schmerzchen in silbernem Rahmen hing die Radierung des Beethovenkopfes. Auf dem Flügel, der aus der Ecke des großen Zimmers schräg hereinragte, standen zwischen zwei großen, blumengefüllten Schalen Bilder in Rahmen, die eine geschlossene Krone zierte, und mit kurzen, verschnörkelten Unterschriften.
Keine Kränze. Keine Schleifen. Nur einzelne kostbare Gegenstände.
Er sah sie an, in ihrer voll erblühten Frauenschönheit, mit ihrem alten Kinderlächeln um die roten Lippen. Und er vergaß alles, was er hatte sagen, alles, womit er zerrissene Fäden wieder hatte zusammenknüpfen wollen.
Eine große Traurigkeit befiel ihn, ein trostloses Fremdgefühl. Als wäre sein Körper zu grob und schwer für diesen Raum.
„Stör’ ich dich auch nicht, Karla — nein? Sag’s mir ruhig ... ich kann gut morgen wiederkommen, zu einer gelegeneren Zeit ...“
Hundetreu blickten seine Augen sie an, bereit, sofort sich zu entfernen, wenn sie ihn fortschickte, und doch voll Bangen, sie könnte es tun.
„Was fällt dir denn ein, Alwin ...? Ich bin ja froh, daß du da bist ... so froh ...“
Und während sie seine Hand drückte, ihm ins Gesicht sah, das grau war und abgemagert, da mischte sich in ihre Freude tiefe Bekümmernis.
Gleichzeitig aber, so seltsam es sein mochte, auch die Hoffnung, daß ihr in ihm, der ihr so treu ergeben war, der Helfer gekommen war für ihr Vorhaben, das allein zu vollbringen ihr bis jetzt die Kraft gefehlt hatte. Ihr lachendes Gesicht wurde plötzlich und ohne daß es ihr bewußt war, ernst.
„Erzähle mir, wie es dir gegangen ist, Karla .... Denke — all die Zeit ohne dich ... und so wenig, woran man sich halten kann. Zeitungsnachrichten zumeist ...“
Sie fühlte in diesem Augenblick, daß auch das, was er zu hören begehrte, bereits der Vergangenheit angehörte, daß sie selbst kaum mehr darüber zu sagen vermochte, als was die Öffentlichkeit berichtet hatte.
Das Mädchen kam herein und fragte, ob sie ein zweites Gedeck auflegen sollte.
Alwin Maurer erhob sich. Er wollte nicht stören: „Nein. Keinesfalls.“
Sie mußte Gewalt anwenden. Sie hielt seinen Hut hinter ihrem Rücken versteckt. „Ich bin böse, wenn du gehst ....“ Und sie sah ihm an, daß es ihm eine Erleichterung war, bleiben zu dürfen. Er nahm ihre Hand.
„Du darfst nicht böse sein ... mußt immer daran denken, daß unsereins dich anders sieht. Was kennt meine Philisterweisheit vom Leben einer Künstlerin? Es mag gewiß anders in Wirklichkeit aussehen, als die Phantasie es uns vorspiegelt.“
Und Karla dachte mit Wehmut daran, wie fremd sie ihm wohl geworden war, daß er sich so gar keinen Begriff mehr von der Wirklichkeit machte.
Sie nahm seinen Arm, ging mit ihm in ihr kleines Speisezimmer und sagte:
„Die Abende, an denen ich hier ganz allein vor meinen Tellern sitze, sind häufiger als die anderen. Viel häufiger! Und wenn mir’s dann zu einsam wird, stelle ich oft Schmerzchens Bild vor mir auf oder ...“
Sie brach ab.
„Hier, Alwin ... mir gegenüber. Es tut wohl, ein lebendiges, liebes Gesicht an seinem Tisch zu sehen ...“
Karla ließ Wein aufstellen. Nach dem zweiten Glase fragte sie: „Und wie geht es deinen ... wie geht es in Berlin?“
Er antwortete:
„Durch deinen ... Durch Ernst wirst du wohl das meiste wissen — —“
Sagte es, obwohl er wußte, daß die Briefe selten waren, die hin und her gingen. Sie nickte, spielte mit dem Messerbänkchen.
„Ja ... es scheint dort alles beim alten zu sein ...“
„So weit. Man wird nicht jünger.“
Nein — das hatte er nicht sagen wollen. Das war ganz verkehrt. Aber je länger er Karla ansah, desto mehr fühlte er die Last der freudlosen Jahre auf seinem Rücken. Dem Schwager konnte es nicht gut anders gehen. Wie durfte er nur hoffen ... was mochte er denn erwarten ...? Er nahm sich zusammen.
„Die Kinder ... bleiben die größte Freude.“
Und ein zweites Mal biß er sich auf die Lippe.
„Ja ...“, murmelte Karla und legte auf.
Angst packte sie — es könnte zu schnell das Wichtige gesagt, zu schnell der letzte Schleier reißen. Sie lenkte ab und fragte nach Vicki.
„Ein gutes Kind, gewiß — ein Juwel für ihren Mann. Aber ihr Leben führt andere Wege.“ Da gab’s nur selten ein Treffen. Wenn auch der Wille nicht fehlte, so doch die Möglichkeit ... Der Mann vor allen — das mußte ja auch so sein! Nun, er durfte sich nicht beklagen — da war ja noch Fritz, der Stolz seines Alters, ein Prachtjunge! Seine ganze Freude war der Bengel!
„Da sitzen wir so in irgendeinem verräucherten Winkel, eine Flasche Mosel zwischen uns oder zwei — und dann geht’s ans Erzählen. Was ich hatte werden wollen und was ich wurde, sage ich dann ... und von der Zeit, da Du zuerst ins Haus kamst, erzähle ich ... dann vertraut er mir an, daß er in dich verschossen war — und wir sprechen von deiner Stimme, von deinen Erfolgen. Über diese Stunden mit dem Jungen geht mir eben nichts. Auf die freue ich mich lange Wochen vorher, die entschädigen mich für so manches ... so manches recht schwer entbehrte ...“
Karla beugte den Kopf tiefer auf das Tischtuch herab. „Sage mal, Alwin ... kommt er denn auch aus mit dem, was ihm Ernst gibt? ... Ernst ist so starr in seinen Ansichten, er versteht vielleicht nicht ...“
Ein fahles Rot huschte über Alwin Maurers Wangen, und er machte eine heftig abwehrende Bewegung.
„Er hat genug ... mehr als genug ... überreichlich.“
Das fehlte gerade noch, daß sie ihm Geld anbot für Fritz ... das wäre was!
„Bitte ... laß das ... ein für allemal ... laß das ... Ich wollte dich sogar bitten ... Ernst kein Geld mehr für Fritz zu schicken ... ja! Ich verdiene genügend — mehr, viel mehr, als wir verbrauchen können. Die Zulage wird er fortab von mir bekommen. Ich bitte dich, Karla, ... nicht mehr darauf zurückkommen ... keinesfalls. Du hast so viel getan ... immerfort getan ... für alle gesorgt ... für alle anderen zuerst ... jetzt laß es genug sein! Jetzt denk’ an dich ... nur an dich! ...“
Er stand auf, ergriff ihre beiden Hände.
„Denk’ an dich, Karla ...“
Ein kurzer, schriller Klingelzug — gleich darauf trat das Mädchen ein.
„Ein Telegramm, gnä’ Frau.“
Heiß stieg Karla das Blut zu Kopf.
„Doch nichts Böses?“
Alwin Maurer konnte sich schwer andere Depeschen vorstellen.
„Nein, Alwin ... nichts Böses ... nur Gutes, nur Glückliches.“
Ihre Augen strahlten, ihre Finger rissen hastig das Siegel auf. Sie stutzte — das Blut lief ihr aus den Wangen. Sie las einmal, zweimal.
„Also doch Böses, Karla?“ ...
Ängstlich blickten seine Augen sie an. Sie faßte sich, faltete das Blatt zusammen, schob es unter ihren Teller.
„Nein ... nichts von Bedeutung.“
Die Worte fielen trocken und kurz von ihren Lippen, aber sie reichte ihm die Kristallschüssel mit roten Johannisbeeren, den Streuzucker, lächelte mühsam, schien etwas zu überlegen.
„Du sagtest vorhin, Alwin, ich sollte an mich denken?“
„Ja, Karla, ... das sollst du.“
„Und willst du mir einen Dienst leisten, Alwin? Einen großen Freundschaftsdienst?“
Alwin Maurer schob den Teller zurück, beugte sich über den Tisch.
Sie atmete schwer und reichte ihm die Hand über den Tisch.
„Du weißt, Karla, daß du in allem über mich verfügen darfst — in allem und jedem.“
„Ich danke dir, Alwin. Und wenn es so ist — dann fahre morgen ... morgen früh zurück nach Berlin und sage Ernst ... sage ihm, daß ich nicht mehr zurückkomme.“
Die Erregung hatte ihr den Mut gegeben. Alwin mußte fort, mußte abreisen. Und da es heute zu spät war — morgen mit dem Frühzug. Er durfte den Sohn nicht treffen — seinen Fritz, der von Mutter und Schwester geschickt wurde zu ihr — damit sie ihn aus „einer verzweifelten Lage errette“. Sie wollte ihm sein einziges Glück erhalten — seine einzige Freude ... Das war sie ihm schuldig ... Schuldig auch, daß er es nie erfuhr, daß ihn nicht eine neue Last, ein drückendes Schamgefühl noch tiefer beugte, als es das Leben schon ohnehin getan.
Alwin Maurer aber wiederholte:
„Du kommst nicht mehr zurück ... nie mehr?“
Und obwohl er es längst geahnt, obwohl er es nicht einmal anders für sie gewünscht, so legte sich doch fahle Blässe auf seine Wangen.
„Ja ... Karla ... ja, gewiß ... ich kann’s verstehn ... und bedacht wirst du es haben ...“
Er sprang vom Stuhl auf, suchte nach seinem großen weißen Taschentuch in der Hintertasche seines Rockes.
„Nicht, Alwin ... nicht!“
Karla legte ihren Arm um Alwin Maurers Schulter. Auch sie war blaß, und ihre Lippen zuckten.
„Mach mir’s nicht schwer ... nicht schwerer als nötig. ... Gewiß hab’ ich’s bedacht ... nicht seit heute und nicht seit gestern ... zwei volle Jahre habe ich gewartet, und nur der Mut hat mir gefehlt ... der Mut, es zu sagen ...“
Alwin Maurer legte seine Hände um Karlas Wangen. Wie ein Vater, der seinem Mädel eine Beichte abnimmt.
„Ich kenne dich, Karla .... Du bist keine, die allein durchs Leben geht, die einsam bleiben kann — ohne Mann, ohne Kind ...“
Sie sah ihn an, offen, vertrauend.
„Ich bleibe nicht allein“, sagte sie leise.
Er strich ihr über die Wange, behutsam, scheu und zärtlich.
„Gaudlitz?“ fragte er leise.
„Ja.“ ...
Sie hob bittend die Hände.
„Sag’s ihm nicht — nicht gleich .... Dir mag’s ja eine Beruhigung sein — ihm ...“
„Ihm auch“, sagte Alwin Maurer ernst. „Er liebt dich doch mehr, als du glaubst.“
Da fiel ihr Kopf auf seine Schulter, und ihre Tränen tropften heiß und schwer auf seinen schwarzen Rock.
„Und was wird dann aus deiner Kunst, Karla?“
Sie hob den Kopf, und ein Lächeln flog über ihr tränenfeuchtes Gesicht.
„Die wiege ich in den Schlaf Alwin — wie die Kinder, die mir Gott bescheren wird.“
Und Alwin Maurer fühlte es deutlich, daß, so lieb sie auch ihr Schmerzchen hatte, so tief ihre Sehnsucht war, die Allmacht der Natur einen Trost für sie bereit hielt, der den Verlust des einen Kindes aufzuwiegen vermochte.
„Du kannst auf mich zählen, Karla .... Gleich nach meiner Ankunft spreche ich mit Ernst.“
Er drückte ihre Hand. Ihre Augen sagten ihm Dank.
„Was immer geschieht, Alwin — wir bleiben die alten ... willst du?“
Da drückte er in einer letzten, starken Bewegung ihre Hand an seine Lippen. „Leb’ wohl, Karla ...“
Sie lächelte ihm noch zu über die Rampe der Treppe. „Vergiß nicht, Alwin — daß du mir immer über Schmerzchen Nachricht geben mußt!“
Er nickte noch einmal zu ihr herauf und dachte, wie wunderlich die Frauen doch waren. Schlugen ein Leben entzwei und konnten lächelnd mit den Scherben spielen! Wie weit war Karla doch schon entfernt von ihnen allen ... ja selbst von ihrem — ersten Kind! — —
— — — — Ganz zeitig wachte Karla am nächsten Morgen auf. Ihr war, als hätte sie schon alles getan, was von ihr abhing, als hätte sie sich ihr Glück schon verdient durch die Aussprache mit Alwin Maurer. Als wäre eine große, schwere Last ihr vom Herzen genommen worden. Es waren ein paar Briefe zu durchfliegen, während Resi den Tee auf das Tischchen am Fenster stellte und die Semmeln mit Butter bestrich. Eine Einladung nach Reichenau — ein paar Zeitungsausschnitte, die Bitte eines Photographen um eine Sitzung — und dann ... der dickste von allen Briefen, schwer wie ein Stein .... Die Schrift kannte sie doch, ... die hatte sie doch oft gesehen ... wo denn nur? ... In ... in Kiel, ja ... und in Amerika .... Altmann hatte Briefe erhalten, die diese Schrift trugen .... Adele! ... Richtig! Das betraf Fritz! Karla las:
„Liebe Karla! So peinlich es mir ist, aber ich muß Dich herzlich bitten, mir in einer Angelegenheit zu helfen, da Dein Mann sich leider so zu Fritz gestellt hat, daß es ihm unmöglich ist, sich an ihn zu wenden. Aber da ja schließlich Du es warst, die ihm zu seiner Laufbahn verhalf, so bist auch Du die Nächste. Mir zittern noch die Glieder, wenn ich an das Entsetzliche denke, das ich erlebte. Du mußt wissen, liebe Karla, daß es einem jungen Offizier, der in der Nähe Berlins steht, einfach unmöglich ist, mit der kleinen Zulage auszukommen, die Dein Mann für Fritz ausgeworfen hat. Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, daß wir unser Möglichstes getan haben, Fritz zu unterstützen. Aber leider hat der arme, dumme Junge immer nur einen Teil seiner Schulden gebeichtet und ist so immer tiefer ins Verderben geraten. Vor drei Tagen kam er in heller Verzweiflung zu Völkels, um sich von Bodo Hilfe zu holen. Aber Bodo war verreist und, wie Vicki ihm sagte, augenblicklich selbst nicht bei Kasse. Er sagte, das machte nichts, und ging fort. Aber Vicki war sein verstörtes Gesicht aufgefallen. Und sie setzte sich noch an demselben Nachmittag auf und fuhr nach Küstrin. Er wohnt dort in der Kaserne, und Vicki suchte ihn auf seinem Zimmer. Aber sie traf ihn nicht an. Der Bursche sagte, er wäre seit frühem Morgen auf Urlaub und wollte erst abends wiederkommen. Vicki schlug die Mappe auf Fritzens Schreibtisch auf, um ihm ein paar Zeilen zu hinterlassen. Da findet sie einen Brief von ihm, der an mich adressiert war. Sie öffnete den Brief und erfährt aus ihm alles.
Fritz ist in Wuchererhände geraten. Um seine erst kleinen Schulden zu decken, hat er geborgt, wieder geborgt, Wechsel unterschrieben — an fünftausend Mark werden es sein! Wenn er keine Deckung findet, müsse er sich das Leben nehmen! Ich hatte das so oft in Romanen gelesen. Ich hatte immer dabei gedacht: Soll sich der Lump nur erschießen — er verdient keine Träne. Aber jetzt ... da es mich trifft — meinen Jungen ... Alwins Stolz und Freude ... da ... Liebe Karla, Du kannst Dir denken, was da in mir vorging!
Nur so viel noch: Vicki spazierte zwei Stunden vor dem Tor der Kaserne auf und ab, bis die Füße sie kaum noch tragen konnten. Endlich kam er. Ganz blaß und entstellt — gewiß schon zum Letzten, zum Äußersten entschlossen. Sie sagte ihm: ‚Ich habe deinen Brief an Mutter gelesen. Du bist ein schlechter Kerl. Aber das Leben brauchst du dir nicht zu nehmen. Die Deckung ist da.‘ Da soll er losgeweint haben wie ein kleiner Junge, soll ihr die Hände geküßt haben. Er hat sie dann zur Bahn gebracht, und gestern früh traf er mit Vicki bei mir zusammen. Die arme Vicki war ganz fassungslos. Deckung — woher? Sie hatte nur Zeit gewinnen wollen. Diesmal weinte Fritz nicht. Er ließ mich reden und Vicki reden und machte ein Gesicht dazu, daß wir genau wußten — er ließ nicht ab von dem, was er beschlossen hatte zu tun. Vicki klingelte Deinen Mann an. Ein glattes Nein! Er hätte nichts. Was auf Isoldens Namen eingezahlt sei, könnte er nicht abheben. Wenn der Junge geschaßt würde, dann geschähe es ihm recht ... Oh, er fand so harte Worte ... so schrecklich harte Worte ... Luise kam angelaufen, mit Isolde, die sie von der Schule abgeholt hatte. Und in der Aufregung wurde alles vor dem Kinde wieder durchgesprochen.
Und wie ich schließlich fast zusammenbrach und aufschrie: Ja, wo nehme ich denn nur das Geld her ... wer gibt es mir nur? da kam Isoldchen auf mich zu und sagte mit ihrem feinen Stimmchen: ‚Schreibe doch nach Wien an die Mama. Mama schickt immer Geld.‘ — — So war es, wie ich es Dir hier schreibe! Und Luise und ich, wir dachten, daß ein Engel durch das Kind zu uns gesprochen hätte, und da sagten wir Fritz, daß eigentlich Du es gewesen bist, die für ihn bis jetzt gesorgt hat. Und daß Du ihn nicht zugrunde gehen lassen würdest, wenn er zu Dir käme und Dich bäte ... Wir sagten das alles! Verzeih, liebe Karla, wenn ich mein Versprechen nicht gehalten habe, das ich Deinem Mann gegeben ... aber Dein Mann weiß eben nicht, wie eine Mutter leiden kann um ihr Kind. Luise aber sagte mir, daß Du so viel Geld verdienst ... so schrecklich viel Geld ... und wir wissen, daß Du gut bist und uns nicht im Stiche läßt. Es sind im ganzen — mit den fünftausend Mark auf den Wechsel — vielleicht siebentausend. Nicht ein Pfennig mehr! Fritz hat sein Ehrenwort gegeben. Er hat auch noch etwas anderes gesagt, aber das will ich nicht glauben. Darüber würde er zu unglücklich sein — an dieses Wort dürfen wir ihn nicht binden ... Er wird nun um Urlaub bitten und um Erlaubnis, nach Wien zu fahren auf vierundzwanzig Stunden. O könnte er doch gute Nachricht bringen, daß nur mein armer, guter Mann nichts davon erfährt! Es wäre ein so furchtbarer Schlag für ihn ... er darf es nicht erfahren. Nie! Hab’ Dank für alles, was Du Gutes getan und jetzt noch tun wirst. Luise und meine liebe Vicki bitten mit mir.
Deine alte unglückliche Adele.
Nachschrift: Wenn es Dir schwer fallen sollte, ihm zu helfen — denk an Dein Schmerzchen, die uns den Gedanken an Dich gab und der nichts unmöglich scheint bei Dir.
A. M.“
Es war ein bittres Lächeln, das Karlas Lippen herunterzog, als sie den Brief aus der Hand legte. Solche Briefe mochte Adele an ihren Bruder geschrieben haben, so mochte sie ihn eingekreist haben mit allem, was das Arsenal weiblicher Schlauheit und weiblichen Gemütes hergab.
Siebentausend Mark .... Es war eine Summe auch für sie. Der vierte Teil von dem, was sie sich erspart hatte. Ihr Taschengeld wenigstens wollte sie in die neue Ehe einbringen, wenn sie alles abzog, was sie noch anzuschaffen, nach Berlin abzuführen hatte ....
Dieser abscheuliche, nichtsnutzige Bengel!
Es war mittlerweile elf Uhr geworden, und sie hatte kaum Zeit gefunden, die ersten Tonleitern zu singen, als es läutete, und das Mädchen Herrn Leutnant Maurer meldete.
„Bitte ...“
Aber er stand schon da — mit einem großen Rosenstrauß in der Hand, der Strolch — —
„Die Blumen hättest du dir schenken können unter den Umständen“, sagte sie als Begrüßung.
Er stotterte.
„Verzeihung ... aber ... Donnerwetter ja ...“
Bildhübsch sah er aus in seinem dunklen, flott geschnittenen Zivilanzug.
Fatale Situation war das ... Eine Tante anpumpen — machten alle. Waren dazu da, die Erbtanten. Aber — das war ja keine „Tante“ ... das war eine entzückende, junge, berauschende Person, eine ... Nein, wie hatten ihn nur die Weiber zu Hause rumgekriegt. Hundertmal lieber ein Kugel, als vor dem Weib dastehn wie ’n dummer Junge, sich seine Schulden von ihr bezahlen lassen und nicht mal ’n paar Rosen bringen dürfen ....!
Er streckte sich. Immer wieder flackerte ein junges, helles Rot auf seiner Stirn auf.
Sie nahm ihm die Rosen aus der Hand, legte sie ein bißchen ärgerlich und doch behutsam auf den Flügel.
„Ist schon gut, Fritz, die Angelegenheit wäre erledigt ... Mir scheint, dich führt etwas Ernstes hierher, und es wäre an der Zeit ....“
Er streckte bittend die Hände vor. Nein, nur nicht gleich von dem verdammten Gelde .... nicht gleich im ersten Augenblick! Am liebsten überhaupt nicht mit einer schönen jungen Frau von Geld sprechen ... Gut, daß er die Uniform nicht anhatte. Auf und davon gelaufen wäre er ... im Hotel totgeschossen hätte er sich auf der Stelle!
Karla sah ihn von der Seite an, und er tat ihr leid, der große dumme Junge, mit den verworrenen Begriffen.
„Nun ist’s aber genug, Fritz, mit all dem Unsinn. Deine Mutter hat mir geschrieben. Du hast siebentausend Mark Schulden ....“
Fritz sprang vom Sessel, auf den sie ihn gedrückt hatte.
„Was — siebentausend Mark?! Ist ja gar nicht wahr! Fünftausenddreihundert sind es .. keinen Pfennig drüber! Fünftausend in zwei Wechseln ... bekommen habe ich nur dreitausend in Wirklichkeit .... aber das kostet ja was, das verdammte Geld .... das kostet was ....“
So hatte also Adele vorsorglich die Summe vergrößert. Karla sah ihm in die Augen, gütig und ernst.
„Kann ich dir glauben, Fritz?“
Sie erschrak, weil er plötzlich vor ihr niederfiel und ihre Hand ergriff.
„Liebe, schöne, gute Frau ... Du ...“
Seine Schultern zuckten.
„Fritz, was soll der Unfug ... Fritz! ...“
Aber es war gar kein Unfug. Daß die Tante ihm helfen würde, hatte er im letzten Grunde selbst gehofft, aber daß sie, die so jung und schön und gefeiert war, ihn fragte, wie eine Mutter fragt: Kann ich Dir glauben, Fritz? — das hatte ihn überwältigt.
„Du kannst mir glauben ... Auch daß ich keinen Wechsel mehr unterschreibe, kannst du mir glauben. Eher ziehe ich den bunten Rock aus ... ja ... Wenn’s sein muß — ziehe ich ihn aus ... arbeite ...“
Sie strich ihm sanft über den hellen, blonden Scheitel. Was wurde aus ihm, wenn er den bunten Rock auszog?
Sie saß jetzt auf dem Sessel. Er hatte sich ihr zu Füßen auf dem Teppich niedergelassen, spielte mit ihrer langen Kette, an der ein goldenes Börschen hing, und küßte von Zeit zu Zeit ihre Hand, die ihm über die Haare strich. Aber nun fragte sie, was er denn arbeiten wollte. Das war eine ganz knifflige, ganz unbequeme Frage ... und wieder stotterte er.
„Ja ... ich arbeite eben ...“
Sie neigte sich über ihn.
„Würdest du Lehrer werden wollen, wie dein Vater?“
Aber sie deckte gleich die Hand über seine Augen, da sie das Grauen sah, das ihr entgegenblickte.
„Nein .... das wäre wohl nichts für dich .... Bankbeamter?“
Sie hatte Verbindungen. Wenn er wollte — er könnte gleich eintreten. Und wenn er tüchtig war. — Mit den Jahren, als Prokurist, könnte er es auf zwanzig-, auf dreißigtausend Gulden bringen!
Er zerrte an der Kette.
„Muß es denn sein ....?“
Sie schüttelte lachend den Kopf.
„‚Muß?‘ Nein, Fritz, ich weiß schon, das alles ist nichts für dich. Du mußt eben bleiben, was du bist — da hilft nichts. Mußt die Zähne zusammenbeißen und durchhalten, bis ein Glücksfall dir in den Schoß fällt. Nur Schulden machen darfst du nicht mehr ...“
„Ich laß mich versetzen“, sagte er kurz. „Zur Schutztruppe ... da kriegt man doch was zu tun! Da weiß man doch, wozu man den Degen an der Seite hat ...“
Er stand erregt auf.
„Seit einem Jahr halten mich die Schulden fest. Hundertmal, wenn ich zu spielen anfing, sagte ich mir: Wenn ich heute Glück habe, dann Schluß mit allem hier — dann raus. Ich spüre doch Kräfte in mir, Kräfte, die ich anders umsetzen möchte als nur im Drillen der Kerls und im Herumhopsen in reichen Häusern. Ich könnte doch was leisten ....“
„Das wirst du auch, Fritz ... hier meine Hand.“
Seine jungen Augen leuchteten auf, und stürmisch riß er Karlas Hand an seine Lippen.
„Papa hat Recht ... Du bist der beste, der vornehmste Mensch ...“
Sie unterbrach ihn lächelnd.
„Schon gut, Fritz ... mach’ ihm nur Freude, mehr verlange ich nicht. Er kann’s brauchen!“
Sie nahm die Blumen vom Klavier. Drohend erhob sie den Finger: „Aber ein andermal ....“
Sie stockte, weil sie sein Gesicht sah, das ganz verlegen und rot geworden war.
„Na ....? Etwa noch nicht bezahlt?“
Er nickte hastig.
„Doch ... ja ... gewiß bezahlt ... aber nicht von mir — Herrgott nochmal — das ist ein ganzer Roman ... das ist ... Und die Kleine sitzt im Café und wartet auf mich ... Donnerwetter ja ...“
Karla machte entsetzte Augen.
„Was für eine ‚Kleine‘ .... Was ist denn das schon wieder? Was fällt dir denn ein, Junge ....“
„Mir ... mir ist eben gar nichts eingefallen ... oder doch, ja ... Mir ist eingefallen, daß sie warten sollte, bis ich fertig war ... bis meine Angelegenheit erledigt war ... Das ist doch wichtiger ... nicht wahr ... als wenn du ihr sagst: Sie können Sängerin werden oder nicht!“
„Wer soll Sängerin werden? ... Was hat das mit dir zu tun? ... Höre, Fritz, ganz ernsthaft, wenn du wieder eine Dummheit gemacht hast .... Ich mische mich da nicht hinein .. bitte, mich dabei aus dem Spiel zu lassen!“ Nun riß ihr doch der Geduldsfaden.
Aber Fritz streichelte ihre Hände. „Laß mich doch nur erzählen ... hör doch nur zu ...“
Eine Geschichte war das — die konnte natürlich nur wieder ihm passieren! Gestern im Zuge ... schubst da der Schaffner eine junge Dame in sein Nichtraucherabteil. Ein junges Mädchen mit nur einem kleinen Reisetäschchen. Sie schläft nicht — er schläft nicht. Er faßt ab und zu nach seinem Revolver — sie stößt ab und zu zitternde Seufzer aus. Ein paar Worte werden ausgetauscht. Dann schlägt er die Hälfte des blauen Vorhanges von der Deckenlampe zurück. Große Überraschung. Sie kennen sich von ein paar Bällen her. Famose Tänzerin. Vater preußischer Kommerzienrat, großes Tier in der Industrie — nur zwei Kinder. Einen Sohn und diese Tochter .. Margot Laurin. „Wohin, Herr Leutnant?“ .. „Nach Wien. Und Sie, gnädiges Fräulein?“ ... „Auch nach Wien.“ ... „Zu Verwandten?“ ... „Nein.“ .. „Zu Bekannten?“ ... „Nein.“ Bittende Augen, erschrecktes Umsichblicken. Endlich beichtete sie: sie ist durchgebrannt — heimlich. Niemand zu Hause weiß, wohin! Sie will zur Bühne — verrückt. Aber sie will durchaus. Träumt davon, Opernsängerin zu werden. Wird es durchsetzen — ganz bestimmt. Dabei laufen ihr jetzt schon die Tränen über die Wangen. Hat einfach Bammel! Höllischen Bammel! — „Und Sie, Herr Leutnant?“ ... „Ich auch sozusagen — durchgebrannt, nur mit Wissen und Erlaubnis meiner Vorgesetzten!“ ... „Warum?“ ... „Schulden“ ... „Viel?“ ... „Schauderhaft: fünftausenddreihundert Mark!“ Sie lacht sich tot. Er beleidigt, zieht sich in seine Ecke zurück. Wie er hinüberblickt — wieder Heulerei. Und hübsch ist sie! — — Wangen ... zum Reinbeißen, und blondes Wuschelhaar, das in tausend Löckchen um sie herumflattert. Und angezogen ... totschick! Und Füßchen hat sie ... lächerlich, einfach! „Also, gnädiges Fräulein — Bühne, Blödsinn für Sie! Gar nicht zu machen!“ Sie will ihm fast ins Gesicht springen vor Zorn. „Ich werde mich prüfen lassen!“ ... „Von wem denn, bitte?“ ... „Von Karla König“ ... „Das ist meine Tante — zu der fahre ich gerade!“ ... „Ihre Tante?? Ach, lieber Herr Leutnant .... dann werden Sie mir helfen. Vielleicht empfängt sie mich gar nicht, wenn ich so einfach heraufgehe ... aber wenn Sie ...“
„So haben wir uns dann die ganze Nacht von dir unterhalten. Ich versprach ihr alles, was sie wollte. Sie sollte mich nur vorgehen lassen ... ‚Ach so‘, meinte sie. ‚Ihre Tante soll wohl Ihre Schulden bezahlen?‘ ... Das war frech. Aber — schlagen kann ich mich doch nicht mit ihr, nicht? Sie stürzte bei der Ankunft gleich in einen Blumenladen und kaufte einen Strauß für dich. Den sollte ich dir bringen, um dich günstig zu stimmen ... Was sich so ein kleines Mädel einbildet — nicht wahr? Ich denke auch nicht daran, dich günstig zu stimmen. Sie hat keine Spur von Talent — mein Wort — ich kenne mich aus! Und sie singt ... wie’n Vogel in der Mauser, sage ich dir .... Rede ihr das nur aus mit der Bühne ... es ist Quatsch. Heiraten soll sie! ...“
Karla unterbrach lachend.
„Dich — was, mein Junge? Mit deinem geladenen Revolver und deinen Schulden?“
Er sah sie von unten herauf an, während wieder ein helles Rot über seine Stirn huschte.
„Wenn du mir die Schulden abnimmst — den Revolver lege ich dazu ....“
„Kindskopf. Und das will ein Herr Leutnant sein. Lauf’ ... hol’ mir das Mädel herauf ... wir telegraphieren dann gleich an ihre Eltern.“
Und während Fritz Maurer Hals über Kopf aus der Wohnung lief, die Treppe hinunter und ins Café, wo eine blonde, junge Berlinerin sich mit bangem Herzklopfen die Folgen ihres tollen Streiches ausmalte, lachte Karla ihr warmes junges Lachen.
Und dann brachte der Fritz ihr seine hübsche Reisegefährtin. Ganz verschüchtert stand sie plötzlich vor der großen Künstlerin und ließ sich sagen, daß ein hübsches Gesicht und eine niedliche Stimme noch keine Künstlerin ausmachen.
„Eine Handlangerin allenfalls, die ein Handwerk erlernen kann mit sehr viel Fleiß ...“
Wollte sie es darauf ankommen lassen?
Margot Laurin schüttelte den Kopf. Nein ... Dann wollte sie verzichten ... so bitter es sein mochte ... so sehr sie sich auch schämte — vor den ihrigen daheim ...
Fritz Maurer stellte sich breitbeinig auf, sehr selbstsicher.
„Ach was, gnädiges Fräulein ... sich mal recht von Grund aus schämen ... das ist ganz gesund! Das nimmt einem die Lust, wieder Dummheiten zu machen ...“
Und Karla sah, wie die beiden jungen Menschenkinder einander ansahen mit einem Blick, in dem schon mehr lag als nur flüchtiges gegenseitiges Gefallen.
„Donnerwetter ja ... gnädiges Fräulein ... wir zwei haben was durchgemacht in diesen vierundzwanzig Stunden ... das verbindet, wie?“
Ein Frechdachs war er. Die Welt gehört ihm — seit er die Schulden los war.
Karla setzte die Depesche auf an den Kommerzienrat: „Ihre Tochter war bei mir zur Prüfung ihrer Stimme. Öffentliche Laufbahn ausgeschlossen. Trifft morgen Frühzug Berlin ein. Karla König“.
„Füge hinzu: ‚Unter dem Schutze meines Neffen, des Leutnants Fritz Maurer‘“, sagte Fritz, über ihre Schulter blickend.
Das Kommerzienratstöchterlein lachte jetzt fröhlich auf.
„Nicht nötig ... das erzähle ich schon selbst, und Sonntag machen Sie Besuch und holen sich den Dank.“
Karla lehnte sich zurück in den Stuhl vor ihrem Schreibtisch und lächelte. Wie einfach das alles war in dem Alter ...
Dann hob sie den Blick zum Bilde ihres Kindes. Schmerzchen guckte aus ihrem silbernen Rahmen auf die Mama herab mit großen, ernsten Augen — —
Armes, kleines Schmerzchen — der „nichts unmöglich schien“ bei der Mama! Was würde sie sagen? Heute, wenn der Vater ihr mitteilte, daß die Mama nicht mehr zurückkehrte zu ihnen ... nie mehr! ...
Die jungen glücklichen Stimmen hinter ihrem Stuhl taten Karla plötzlich weh .....
So vielen durfte sie Glück geben ... so vielen ... nur ihrem Kinde nicht ....!
Blaß und still saß sie an ihrem Tisch zwischen den jungen Leuten, die ein Zufall zusammengeführt — enger vielleicht, als sie selbst es noch ahnten.
Blaß und still blieb sie den ganzen Tag über — bis Fritz bat: „Gib uns deine Stimme mit auf den Weg, willst du?“
Da sah sie den jungen, eleganten Herrn plötzlich als mutierenden Gymnasiasten am Ofen der elterlichen Wohnung lehnen und ihr zuhören mit offenem Munde und glänzenden Augen. Hörte seine rauhe Knabenstimme, als er dem Vater zurief: „Wie die singt ...“
Es war ein Abschied gewesen damals — für lange.
So sollte es heute ein Abschied sein — für immer.
Sie setzte sich an den Flügel. Weiches Dämmerlicht erfüllte den Raum. Die Rosen dufteten.
Karla sang.
Und ihre Stimme spann seidig schimmernde, glitzernde Fäden um zwei junge Menschenkinder, denen das Zimmer sich zu einem Dom wölbte, in dem sie andächtig und staunend dem Schlagen ihrer erregten Herzen lauschten.


Schmerzchen hatte an diesem Sonntag allein essen müssen. Luise wartete auf den Bruder, der sich seit zwei Stunden mit Alwin im Studierzimmer eingeschlossen hatte.
„Wir wollen ungestört bleiben“, hatte der Bruder gesagt.
Als es Essenszeit war und das Mädchen zum dritten Male gefragt hatte, ob sie auftragen sollte, hatte Luise leise an die Tür gepocht. Da hatte der Bruder aufgeschlossen und gefragt: „Was ist denn? Kann man denn nicht seine Ruhe haben?“
Und weiß wie Papier war er gewesen, mit Augen, die starr und kalt unter den dicht zusammengezogenen Brauen glitzerten.
Da hatte sie Schmerzchen essen lassen und hatte daneben gesessen, mit klopfendem Herzen und gespitzten Ohren. Schmerzchen, die sich sonst ruhig und selbstgenügsam zu beschäftigen pflegte, war von ihrer Unruhe wie angesteckt. Sie hatte hundert Fragen, ließ sich nicht abfertigen mit kurzen Antworten und sagte schließlich:
„Gewiß wird Mama jetzt kommen. Anna hat gesagt, der Sommer ist bald vorbei ....“
Mit feuchten Fingern strich Luise über ihren glatten, dunklen Scheitel und ging leise ins Musikzimmer.
Sie beugte den Oberkörper zum Fenster hinaus, starrte auf die Menschen, die in der letzten Augustzeit nur spärlich um diese Stunde vorbeischlichen. Da erblickte sie die volle, ein bißchen schwerfällige Gestalt der Schwester, winkte mit der Hand, legte den Finger an die Lippen.
Adele wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch aus ihren Augen sprachen Angst und Unruhe.
Leise schritt Luise durch den Gang, öffnete die Tür zum Treppenhaus. Sie hörte Adelens kurzen, schon ein wenig asthmatischen Atem.
„Leise .. still, Adele .. sie wollen nicht gestört sein.“
Adele flüsterte:
„Weißt du denn noch nichts?“
„Ja, was denn eigentlich?“
„Die Frau läßt ihn sitzen! Es ist empörend! Das hat er nun davon.“
Luise schauerte zusammen, als wäre ein kalter Windstoß ihr in den Rücken gefahren.
Adele stöhnte: „Mein Gott ... die Schwüle ... ich hab’ mich kaum schleppen können ... Also, was sagst du, Luise ... was sagst du? Das ist der Dank für alles, was Ernst getan hat? Und mein armer Alwin ... Hast du sein Gesicht gesehn? Hübscher Kurabschluß, wie? Hat es nötig gehabt, nach Wien zu fahren! Ihr kam das natürlich wie gerufen! Eins, zwei, drei hat sie ihm alles aufgehalst. Und er ... so gutmütig ... so dumm — geht ihr richtig auf den Leim und übernimmt den schönen Auftrag!“
Adele band die breiten schwarzen Schleifen ihres Hutes auf.
„Leg doch ganz ab“, sagte Luise rauh.
Adele aber machte die Erregung mitteilsam, riß die Schleusen ihrer verborgensten Empfindungen auf.
„Wenn man es richtig nimmt, Luise — gepaßt hat sie ja nie zu uns. Wie nur Ernst sich so täuschen konnte! Wir zwei waren uns doch gleich nach ihrem ersten Besuch klar über sie. Ich jedenfalls! Was habe ich mir für Mühe mit ihr gegeben — weißt du, Luise? Als sie noch möbliert in der Göbenstraße wohnte! Sie hat mir ja auch leid getan damals, und ich bildete mir ein, wir könnten sie sittlich heben, ihr Pflichtgefühl einimpfen ... da kam ja leider das dumme Amerika dazwischen. Das war Ernstens Unglück! Da hat er jede Autorität über sie aus der Hand gegeben! Du erinnerst dich doch, Luise, wie sehr ich immer dagegen war, daß sie allein in ein Engagement geht? Ich hab immer gesagt: das führt zu nichts Gutem! Das entfremdet! Aber ich redete natürlich in den Wind hinein. Damals, als die Depesche kam aus Wien, daß sie dort blieb — damals hätte Ernst sich scheiden lassen sollen. Vielleicht hätte sie sich damals besonnen.“
Luise schüttelte den Kopf. Sie sah sich in dem Gang stehen an jenem Abend, da sich der Schatten eines großen Mannes hinter der Glasscheibe hin und her bewegte ... Damals hatte es angefangen ... damals — an dem Abend, da Karla im Schlafzimmer das Blumenglas auf den Boden geworfen hatte und in ihren Augen etwas aufgeblitzt war, das wie Haß aussah gegen sie alle ...
„Damals war es wohl auch schon zu spät“, sagte sie, und ihre Mundwinkel zogen sich tief herab.
Sie saßen nebeneinander auf dem großen Umbausofa, und die Falten ihrer schwarzen Kleider lagen übereinander, daß es aussah, als wüchsen zwei Oberkörper hervor aus einem dunklen, breiten Stamm.
„Und jetzt ist Fritz bei ihr ...“, sagte Luise.
Adele senkte den Kopf tief auf die Brust herab.
„So schlecht kann sie doch nicht sein“, murmelte sie.
Luise streifte die Schwester mit einem Blick, aus dem zum erstenmal in ihrem Leben Härte sprach. Als wäre ihr zum erstenmal die Binde vor den Augen gefallen, als hätte sie zum erstenmal die grenzenlose Selbstsucht dieser Frau erkannt.
Noch enger zog Adele den Kreis ihrer Sorge, als sie oder der Bruder es je getan. Für sie gab es nur noch Mann und Kinder; sogar die Geschwister nur soweit, wie sie sich ausnützen ließen.
Luise stand auf und legte die Hand an ihren weißgesäumten Kragen, als fehlte ihr die Luft.
„Laß es nur Alwin und Ernst nicht wissen, das rate ich dir“, sagte sie und wendete sich ab.
Adele blieb auf dem Sofa sitzen. Was war denn das mit Luise? Waren sie denn nicht immer eines Sinnes gewesen? „Wir sollten doch wenigstens einig bleiben, Luise ....“
Luise nickte. Aber sie fand kein Wort — weder der Anklage noch der Beruhigung.
Es kam wohl bei allen vor, daß sie plötzlich sehend wurden .... Da gab’s nur eines: Augen schließen und nicht sehen wollen!
Schweigend saßen sie da und warteten auf die Männer.
Altmann kam zuerst herein.
„Da bist du ja auch, Adele ...“
Er blieb stehen, räusperte sich. Seine Augen suchten Luise. Sie war ihm die nächste jetzt. Er hätte allein sein wollen mit ihr. Aber es war zu verstehen, daß Maurers blieben ... Adele hielt es auch wohl für ihre Pflicht. Sie tat immer ihre Pflicht ..... immer.
Drückend war die Luft — drückend von Schweigen, drückend von der brütenden Hitze ...
„Ich werde den Rolladen herunterlassen“, sagte Luise.
„Warte, ich helf dir ...“
Alwin Maurer nahm ihr die Schnur aus der Hand. Klappernd schossen die Brettchen auf den Fenstersims herab.
„Nun wird’s wohl zu dunkel sein“, meinte Adele.
„Nein ... so ist es gut ... eine Wohltat ...“
Altmann ließ sich schwer auf seinen Platz am Eßtisch nieder. Eine Wohltat, daß sie alle sein Gesicht nicht sahen im tiefen Dämmer des Zimmers ... eine Wohltat ...!
„Setzt euch doch ... So setzt euch doch endlich!“
Jeder Schritt dröhnte in seinem Kopfe wider — wie Drahtpuppen, so tanzten sie alle vor seinen Augen. Als hätte man ihm die Haut vom Kopfe gerissen, so war ihm zumute ... alles schmerzte.
Aber das brauchten sie nicht zu sehen ... Nacht hätte es sein sollen ... dunkle Nacht! ...
Luise schöpfte die Suppe auf.
„Ihr müßt vorliebnehmen ....“
„Wir haben gar keinen Hunger .. nicht wahr, Alwin?“ sagte Adele.
Aber sie wartete nicht ab, bis alle bedient waren, führte den Löffel in nervöser Hast zum Munde.
Immer war es so gewesen — ihr Hunger wuchs mit der Aufregung. Und nicht ihr allein ging es so. Die vier Löffel klapperten in raschem Takt. Niemand sprach ein Wort. Das Tier im Menschen verlangte sein Recht.
Die Rühreier wurden hereingebracht, später der Braten.
„Das ist ja viel zu viel“, raunte Adele der Schwester zu.
Außer ihr bemerkte es niemand, ob es viel oder wenig war.
Beim dritten Fleischbissen aber fiel Altmanns Besteck zurück auf den Teller. Luise legte die Hand auf seinen Arm.
„Das ist alles?“
„Ich kann nicht ... ich kann nicht mehr ...“
Er lehnte sich zurück in seinen Stuhl und preßte mit beiden Händen die Brust zusammen.
Niemand konnte mehr essen.
Alwin Maurer murmelte:
„Sprich dich aus ... Oder soll ich sagen? ... Adele weiß übrigens schon ...“
Adele suchte ihr Taschentuch; ihre Knie zitterten, ihre Stimme.
„Mein armer Ernst ... ich weiß ... Es ist ... abscheulich ist es — ich sagte es schon zu Alwin und Luise ... Abscheulich! Undankbar! ...“
Altmann riß die Augen weit auf.
War das alles, was sie zu sagen wußte? ... Undankbar? Abscheulich? Heftig, in kaum noch beherrschtem Zorn schob er den Teller zurück.
„Laß die Worte bitte! Die sind hier nicht am Platz!“
So sprach man von einem Dienstboten, der nach Jahren grundlos kündigte ... aber von seiner Frau? ... Von Karla — — —
Alwin fuhr auf.
„Gerade wir, Adele ...“
Adele atmete rasch und kurz. „Gerade wir ...“ — das traf sie. Traf sie wie ein Messerstich. Und wenn Alwin noch wüßte, daß vielleicht in diesem Augenblick Fritz ... Was wurde aus ihr, wenn sie es erfuhren! Was für Demütigungen war sie ausgesetzt!
Alwin Maurer blickte trübe auf die weinende, zitternde Frau. Ein Irrtum war sein Leben gewesen — ein Irrtum, in allem und von Anbeginn an. Ihr durfte er keine Schuld geben.
„Komm, Adele, Ernst wird Ruhe haben wollen ...“
Altmann hielt sie nicht zurück. Überwand sich aber, stand auf, gab ihnen das Geleit bis zur Tür, ging in sein Zimmer, stellte sich ans Fenster, sah sie beide über die Straße gehen — langsam, mit gesenktem Kopfe. Sah noch, wie Adele ihren Arm in den ihres Mannes schob, ihm ihr verweintes Gesicht zuwandte, ihm etwas sagte — und wie sie dann, enger aneinandergepreßt, schleppenden Schrittes um die Ecke bogen, untrennbar trotz allem, was sie voneinander schied.
Da trat er vom Fenster zurück, fiel in den Sessel, der auf dem großen angegrauten Fell stand ... den Sessel, in dem sie immer gesessen, wenn sie ihn in seinem Zimmer aufsuchte, wenn sie gehäkelt und vor sich hin geträumt hatte — weit weg von ihm — schon damals vielleicht.
Er hatte sein Gesicht mit den Händen bedeckt, und seine Schultern zuckten.
Luise ließ ihn allein. Wußte, wie wenig sie ihm war in diesem Augenblick.
Aber als der Abend sich durch das offene Fenster hereinstahl, der Straßenlärm abklang und die Stille sich um Altmann legte — eine Stille, die nicht Ohnmacht und die nicht Schlaf war, eine Stille, die wie ein Vorbote war seines neuen, stillen Lebens, die wie eine Auflösung war des schreienden, vernichtenden Schmerzes, da klopfte es an seine Tür.
Er rief nicht herein. Und dennoch ging die Tür auf.
„Schmerzchen“, murmelte er, und streckte die Hand aus.
„Schmerzchen“, — der Name war alles, was ihm von Karla bleiben sollte. Denn das Kind nahm er ihr fort.
„Ich soll gute Nacht sagen, Papa.“
Geflüstert kam es ihr von den Lippen, und sie trat auf den Fußspitzen näher, als säße ein Kranker in dem Sessel.
Er stellte sie zwischen seine Knie, legte den Arm um sie.
„Weißt du ... daß ... deine Mama nicht kommt in diesem Sommer?“
Schmerzchen senkte den feinen Kopf und zupfte an dem Gürtel, der ihr weißes Sonntagskleidchen zusammenhielt — das Kleidchen, in dem sie mit der Mama hatte spazierengehen wollen.
„Ja ...“, hauchte sie leise.
„Hat Tante Lis es dir gesagt?“
Sie nickte stumm.
„Und daß die Mama auch nächsten Sommer nicht wiederkommt .... und übernächsten nicht .... daß sie nie mehr zurückkommt?“
Schmerzchens braune, ernste Augen wurden weit und groß.
Ein kurzer, zitternder Seufzer flog über ihre Lippen in die Stille des Zimmers hinein.
„Ist Mama tot?“
Ihr Stimmchen, das fein und zart war, kippte um. Nur wenn eine Mutter tot war, sahen die Kinder sie nie wieder. Das wußte sie von der Schule her. Dann kamen die Kinder in schwarzen Kleidern an und flüsterten leise: Mutter ist tot! Weinten, und die Lehrerin streichelte ihnen Wangen und Haar. Furchtbar traurig war das! Aber auch schön! Die Kinder sagten, die Mutter wäre jetzt ein Engel und schwebte ihnen zur Seite, sie zu beschützen. Das war auch traurig, aber sehr schön!
Altmann drückte das feine Köpfchen an seine Brust. Tot ... nein. Nicht einmal die fromme Lüge konnte er dem Kinde als Trost geben. Ein Bild von Karla in einer Zeitschrift ... ein Wort, das das Kind auffing ... jetzt oder später ...
„Nein, Kind ... deine Mama lebt.“
Schmerzchen kroch zum Vater auf den Schoß; sie sagte: „Dann kommt sie ... die Mama ...! Ich weiß es ... ich habe ihr einen Brief geschrieben: Liebe, liebe Mama, komm doch zu deinem Schmerzchen. — Du wirst sehen, Papa, sie kommt ...“
Ruhig, sicher, sehr überzeugt sprach Schmerzchen. Das gab es doch gar nicht — eine Mama, die nicht kam, wenn ihr kleines Mädchen sie rief.
„Deine Mama wird ein anderes kleines Mädchen haben, andere Kinder ...“
„Andere Kinder? ....“
So wie sie andere Puppen bekam? Neue, schönere? Sie warf dann die alten fort. So warf die Mama ihr Schmerzchen fort. Spielte nur mehr mit ihren neuen schönen Kindern? ...
Schmerzchen weinte nicht. Nur ihre kleinen, feingliedrigen Hände ballten sich zornig zusammen.
„Dann werfe ich Mama aber auch fort ...“
Es war das Ende einer langen, langen Gedankenkette. Mehr sagte sie nicht. Um keinen Preis hätte sie geweint. Um keinen Preis gesagt, wie das Herz ihr schlug .... wie die Füße ihr kalt wurden, und ihre Zähne sich aneinanderpreßten.
„So mußt du nicht ... hörst du, Schmerzchen ... so darfst du nie, nie von der Mama sprechen! Das verbiete ich dir ...“
Ihr feines Kinderohr hörte etwas heraus aus der Stimme des Vaters, was sie mit einem neuen heftigen Schreck erfüllte. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, drückte sich an ihn mit aller Kraft ihres kleinen, zarten Körpers. Nun war es ganz dunkel im Zimmer, und sie hielten sich umschlungen — ganz eng, ganz fest, der alternde Mann und sein kleines Mädchen.
— — — Eingeriegelt in seinem Zimmer, beim Schein der grün beschirmten Lampe, saß Alwin Maurer und schrieb ein letztes Mal nach Wien.
„Meine liebe Karla! Ich habe mit Ernst gesprochen. Dein Wille soll geschehen — mit aller Beschleunigung und allem Nachdruck, die Du wünschen magst. Nur eines läßt er dir sagen: Alle Brücken müssen abgebrochen sein, die von uns zu Dir, von Dir zu uns führen — bis die Wunden geheilt und vernarbt sind. Das Kind darf in keinen Zwiespalt gebracht werden.
Dem mußt Du Dich fügen.
Ich freilich kann es kaum glauben, daß Du eine Fremde werden sollst für uns. Aber nur so allein wird es möglich sein, daß er seinen Frieden und Du ein neues Glück wiederfindest.
Da bleibt mir denn nichts übrig, als Dir zu danken für die Stunden, die ich in Deiner Nähe verleben durfte.
Die Erinnerung an sie soll hell und tröstend durch das Dunkel der kommenden Jahre leuchten.
Alwin.“


Alice Reichenberg saß mit Karla und Gaudlitz um das Bett ihres „kleinen Rudi“, der sich langsam vom Scharlach erholte, der ihn fast das Leben gekostet hätte.
Durchsichtig blaß war das blonde Knabengesicht und so zart, daß es schien, als hätten seine blaugeäderten Lider Mühe, sich unter ihrer Last zu heben. Kraftlos lagen die dünnen, langfingerigen Hände auf der roten Seidendecke. Die pflegende Schwester machte eine bittende Bewegung.
„Ja, wir gehen schon“, sagte die Mutter, neigte sich über die Stirn des Kindes und machte den anderen ein Zeichen, ihr zu folgen.
In ihrem kleinen Salon war der Teetisch gedeckt. Im Kamin prasselten noch ein paar große Baumscheite, obwohl von draußen die Sonne der letzten Apriltage an den breiten Spiegelscheiben der Fenster brannte.
Gaudlitz klemmte eine Zigarette zwischen seine starken weißen Zähne.
„Wenn wir verheiratet sind, nehmen wir dir den Jungen auf ein Jahr ab. Paß auf Alice ... wie der sich auf Pinnow herausmachen wird! Den ganzen Tag draußen — Bücher zum Fenster ’raus ... Luft und Licht! Er kann dann auch gleich mit Karla einen Reitkursus bei mir nehmen. Skandal, daß der Bengel noch nie auf ’nem Gaul gesessen hat ...“
Fürst Reichenberg schlenderte herein, mit den kurzsichtigen Augen blinzelnd wie ein Spaziergänger.
„Ah, das ist g’scheit ... Da kriegt man ja noch eine Schale Tee ... Küß’ die Hand, Karla .... Na — wie steht’s mit dem Buben? ... Die Schwester hat mich nicht reinlassen wollen ... er schläft, sagt sie.“
„Er schläft sich gesund!“
„Aber ja ... die Alic’ braucht gar keine solche Angst zu haben. Wir Reichenberg’schen Buben haben alle nit anders ausg’schaut in dem Alter ... waren lauter Krischperln! Das ist Familientradition. Der Professor, den wir konsultiert haben, der hat auch g’sagt: Wenn der Bub erst über’s zwölfte Jahr hinaus ist, dann ist überhaupt keine Gefahr mehr ....“
Reichenberg stellte sich an den Kamin, klopfte eine Zigarette auf den Daumennagel auf, lächelte ein bißchen ironisch. „Will’s gern glauben, der Hansel und die Karla — das gibt schon ein anderes G’schlecht. Mordsbuben werden das sein.“
Vor vier Wochen war Karlas Ehe gerichtlich geschieden worden. Die Blätter hatten sich der Nachricht bemächtigt. Eine große, dichte Staubwolke war um sie herum aufgeflogen.
Wieder prangten Karlas Bilder auf der ersten Seite aller illustrierten Blätter. Einige hatten in ihren Archiven noch ein Bild von Gaudlitz, von seiner Sportzeit her. In Medaillenform, sinnig von einer Zeichnung umrankt und geeint, wanderten nun ihre beiden Bilder in Cafés und Gasthäusern, in Lesezirkeln und an Zeitungsständern von Hand zu Hand.
Trotz der Geheimnummer stand die Telephonklingel weder bei Reichenbergs noch bei Karla still. Anfragen, Glückwünsche, Blumen, Depeschen, Briefe prasselten in Sturzwellen auf Karla herab. Der ihr geltende Applaus in der Oper steigerte sich jedesmal zu nicht enden wollenden Huldigungen. „Hierbleiben! ...“, „Hierbleiben!“, brauste es vom „Paradies“ herunter bis zum zweiten Rang. Vor dem Bühneneingang hielten Schutzleute die Ordnung aufrecht. Deutsche Höfe, an denen sie gesungen, sandten Orden, goldene Medaillen, in manchmal verspäteter Anerkennung der Verdienste. Russel kabelte: „Verstehe und gratuliere!“ Kapelle kabelte: „In Größe und Schönheit abgehen das Beste. Hätte nur gern noch einmal Ihre Stimme gehört.“
Nur der Papa aus der Schillstraße krähte zornig herüber: „Also doch! Meinetwegen — Glückwunsch!“
Der eigensinnige alte Papa! Dem mußten sie beide noch mal richtig den Kopf zurechtsetzen!
Über die Trauung wurde jetzt wieder gesprochen. Wo sie stattfinden sollte vor allem. Reichenberg war für Wien, Gaudlitz für Pinnow. Alice Reichenberg bestand auf Wannsee.
„Im Musiksaal, da wo ich Karla zuerst singen hörte, da wo ich sie liebgewann und es mir zuerst denken konnte, daß ....“
„So?“, unterbrach Gaudlitz. „Dann müßte die Trauung im Tiergarten sein ... da hab ich mir’s zuerst gedacht ... und ich bin doch der Maßgebende!“
Karla lehnte ihren hübschen runden Kopf an Gaudlitz’ Schulter, ihre großen, leuchtenden Augen starrten in die Kaminglut. Gaudlitz’ Herz schlug ruhig und stark, im gleichen Rhythmus mit dem ihren, und ihr beider Blut sang das gleiche Lied einer reinen, frohen Liebe.
„Wannsee wäre schön“, sagte sie verträumt ...
Ganz schattenhaft drängte sich ihres Kindes zartes Gesicht in die jubelnde Seligkeit ihres Empfindens ... aber nur wie aus weiter, nebelhafter Ferne. Sie preßte ihren Kopf fester an Gaudlitz’ Schulter ...
Hier war die Gegenwart ... Hier war ihr Leben ... ihre Zukunft. Das andere mußte vorbei sein .... für immer ... „bis die Wunde vernarbte.“
„Also Wannsee. Einmal muß ich auch nachgeben.“ —
Alice war immer glücklich, wenn der Bruder im Frühjahr nach Wien kam. Dann ergriff sie jedesmal die Gelegenheit zu langen Wanderungen über die Berge. Es traf sich gut, daß Karla acht Tage nicht beschäftigt war. In kurzen Lodenröcken, den Mantel über den Rucksack gerollt, den Bergstock in der Hand, mit nägelbeschlagenen Schuhen, so traten Alice Reichenberg und Karla in Begleitung von Gaudlitz ihre Wanderschaft an. Die vielen Zufälle, Beschwerden, Überraschungen und Unbequemlichkeiten, die ständige Nähe und das Aufeinanderangewiesensein, die eine solche Wanderschaft bedingte, hatte Alice immer Einblick gewährt auch in die verschlossenste Seele. Wenn nicht für den Bruder, so doch für sie selbst waren diese Tage gleichsam ein letztes Überprüfen.
Sie zerstörten ihre letzten heimlichen Bedenken. Und als sie zurückkehrte, sagte sie zu ihrem Mann: „Die zwei Menschen hat der liebe Herrgott in seiner schönsten Laune für einander erschaffen!“
In Karla aber hatten diese Tage ein neues, starkes Zusammengehörigkeitsgefühl geweckt, ihrem Glücksempfinden ein tiefes, bewußtes Rechtsgefühl gegeben.
War es noch vorgekommen, daß sie manchmal mit leisem, uneingestandenem Schreck daran dachte, ihrer Kunst für immer zu entsagen, so hatten diese Tage alles gleichsam gelöscht, was sich nicht auf Gaudlitz beziehen konnte, und mit jedem Tage wuchs in ihr das Bedürfnis, auch äußerlich, und zwar so rasch wie möglich alles zu beseitigen, was trennend zwischen ihr und ihm lag — wäre es auch nur die Trennung eines Gedankens.
— — Karlas erster Weg, als sie nach Wien zurückkehrte, war der zum Intendanten der Oper. Sie bat ihn, auf ihre letzten Auftrittsabende zu verzichten. So gewogen er ihr war — davon wollte er nichts wissen. Am selben Tage noch fuhr Karla nach Baden. Und — was ihr auf dem geraden Wege nicht gelungen war, erreichte sie durch Fürsprache der hohen Frau, die ihre Gründe würdigte und verstand.
An diesem Nachmittag kutschierte Fürst Reichenberg seinen berühmten Viererzug nach der Kreau hinaus. Im Wagen saßen Karla und seine Frau. Neben dem Wagen, auf einem feurigen Hengst, den Reichenberg wohl in seinem Stall hielt, aber nie bestiegen hatte, ritt Gaudlitz.
„Donnerwetter ... der Gaul macht einem was zu schaffen ... der muß mal tüchtig in Arbeit genommen werden!“
Die Frauen sahen ihm die Freude an, an dem Kampf mit dem edlen Tier.
„Ist er nicht doch zu wild?“ fragte Alice Reichenberg.
„Der? Den reite ich noch für Karla zu, wenn’s drauf ankommt!“
Er sprengte lachend davon, ein Bild der Gesundheit, Kraft und Kühnheit. Karlas Blicke folgten ihm in strahlender Bewunderung.
„Wann dir der Bleß so g’fallt — wegen mir kannst ihn mitnehmen. G’schenkt“, sagte Reichenberg, als sie in der Glasveranda bei der „Jause“ saßen.
„Sehr freundlich. Aber wenn du ihn verkaufen kannst —“
Reichenberg machte eine Grimasse.
„Bin ich ein Pferdehändler?“
Es gehörte zu den Familientraditionen der Reichenbergs, nichts zu verkaufen, was ihnen einmal gehörte — weder ein Haus, noch ein Pferd, noch ein Grundstück.
„Na .... schön — des Menschen Wille .... Angenommen. Danke. Paß auf, Karla ... wie ich dir den ... Bleß zureite ... lammfromm wird er ....“
Sie lächelte ihn an, mit ihren strahlenden Augen, ihren blitzenden Zähnen.
Und als Gaudlitz abgereist war, zur letzten Trennung vor dem ewigen Bund, da sah sie ihn immer vor sich, wie er auf dem wilden Hengst einhersprengte, ihm seinen Willen aufzwang mit ruhiger Kraft und lachendem Blick. —
— — — — Der Mai neigte sich dem Ende zu.
Die Wände in Karlas Wohnung waren kahl — alle Bilder und Kunstgegenstände in Kisten gepackt, ebenso die Bücher und Noten. Die Möbel waren bereits an einen Händler aus der Vorstadt verkauft worden, standen nur noch bis zu Karlas Abreise an ihren alten Plätzen. Nur der Bösendorfer Flügel sollte mit den Kisten zugleich nach Pinnow geschickt werden. So nahm Karla nichts mit hinüber in ihr neues Leben als ihre allerpersönlichsten Erinnerungen.
Karla zerriß summend ein paar Visitenkarten, die sich noch auf einer Schale vorgefunden hatten. Da klingelte es. Heftig. Zweimal, dann zum dritten und vierten Male.
„Herrgott ... ist das eine Art!“
Ärgerlich ging Karla selbst öffnen.
Draußen stand Reichenberg.
„Sie ... Rudi? Und Sturmläuten ... was ist denn los?“
Reichenberg stand, entsetzlich lang, schmal und vornübergebeugt mit dem Rücken gegen die der Hitze wegen halbverhängten Fenster. Sie konnte sein Gesicht nicht gut erkennen, aber es fiel ihr auf, daß er vor ihr dastand nicht lässig, wie es sonst wohl seine Gewohnheit war, sondern gleichsam erdrückt.
„Was ist denn, Rudi? Ist zu Hause bei Ihnen was geschehen? Was ist Ihnen?“
Er sprach noch immer nicht. Hob nur die lange, magere Hand und ließ sie wieder fallen, als könne er ihr Gewicht nicht halten ...
„Der Junge ....“
Es kam flüsternd, zögernd von Karlas Lippen.
Er schüttelte den Kopf. Sie schrie auf.
„Alice!“
Streckte die Hände von sich, packte ihn am Arm, zog sich an ihn heran, weil die Füße ihr den Dienst fast versagten, bohrte ihre Augen in sein — wie sie jetzt erst sah — leichenfahles Gesicht.
„So reden Sie doch ... reden Sie ... was ist mit ihr ... was? ...“
„Alice .. ist es .. auch nicht .. Der Bruder .. der Gaudlitz .. Ja, um Gottes willen .. schauen’s mich nit so an .. Er ist .. ich hab ein .. ein Telegramm ... vor einer Stunde .. Herzschlag .. beim Baden .. nach dem Reiten ... Den Bleß hat er g’ritten ... Ich habs g’wußt ... erschießen lassen hätt ich das Vieh sollen ... hat ihn abg’worfen ... Da ist er halt voll Wut losg’schwommen ... wollt’ sich abkühlen, und dann — — dann haben’s ihn eben noch im letzten Augenblick mit’m Boot g’holt ... Aber im Boot gleich ... ist er dann — ja — also gleich darauf im Boot ... Das Telegramm ist aus Wannsee .. vom Baron von Rahn unterzeichnet .. ein Bekannter aus dem Automobilklub. Der war wohl gerade dort ... wie das g’schehn ist — —“
Reichenberg hätte noch lange sprechen können ... sehr lange ... Daß er’s tat, wußte er kaum ... Die Worte sickerten ihm über die Lippen wie Blutstropfen .. schwer, heiß ... Er wußte viel, auf wen sie herabfielen. Er stierte vor sich hin, ohne zu sehen. Wußte wohl auch kaum mehr, daß er zu Karla sprach ... Nur wie er vortreten wollte, weil er doch nicht ewig so vor sich herreden konnte — da stieß sein Fuß an etwas, das ihm im Wege lag — —
Ohne einen Laut — wie gefällt von einem Streich — war Karla umgesunken. Sie lag besinnungslos auf dem halbzusammengerollten Teppich, inmitten von offenen Kisten und halbgefüllten Koffern, von zerrissenen Briefen, Karten und alten Theaterzetteln. — —


Im Spätnachmittag, in seinem Schachklub — den grauen Zylinder auf dem weißen Lockenkopf, den dünnen Stock mit dem Goldknauf unterm Arm, blätterte der Papa noch rasch die Abendzeitung durch.
„Wie denn ... was denn ...?“
Er rieb sich die Augen ... die konnten auch früher Licht machen in der Bude! ... die Buchstaben waren ja kaum noch zu unterscheiden. Er trat ans Fenster, setzte sich an das Ende der langen weißen, mit Schachbrettern bedeckten Tischreihe, den Stock zwischen den Knien .... straffte das Blatt auseinander, als hinderte ihn der Bug der Zeitung am Lesen.
Und dann spürte er ein Kribbeln in den Armen, einen infamen Hustenreiz im Halse .... schnappte nach Luft, ließ das Blatt auf den Tisch fallen, zündete ganz grundlos ein Streichholz am Ständer an, blies es wieder aus.
„... Tja ... meine Herren ... es wird Sie interessieren ... Graf Gaudlitz ... jawohl ... unser Mitglied ... das heißt, ich weiß nicht ... ist er noch Mitglied bei uns ... tja ... so ...“
Er suchte Zeit zu gewinnen ... die Stimme wollte nicht recht parieren ... Zum Kuckuck noch mal ... war er ein altes Weib? ... Er räusperte sich.
„Tja ... also ... ein Unfall beim Baden ... Zuvor geritten — heiß — naß — ins kalte Wasser ... tja ... Herzschlag — tot ...“
Sie standen alle von ihren Schachbrettern auf.
Der Papa stopfte das Blatt in seine Rocktasche, als ob es nicht auch zu Hause auf ihn wartete neben seinem Teller. Aber er wußte offenbar nicht recht, was er tat.
Das Gemurmel rings um ihn herum weckte ihn gleichsam wieder auf.
„Tja ... meine Herren ... ein Mitglied ... er hat viel getan für den Klub ... Ich denke, meine Herren .. ich denke, wir heben die Sitzung heute auf — sein Andenken zu ehren ... tja ... Ich erbiete mich ... als Delegierter ... den Kranz zu besorgen — und bei der Beerdigung ... tja ... Ich glaube doch ... ich bin der Nächste dazu ... Hier als ältestes Mitglied ... ja — und dann .... auch so, meine ich .... ’n Abend, meine Herren ....“
Er hatte Haltung. Hatte es gelernt, sich mit Grazie und Anstand allen Lagen des Lebens gegenüber zu behaupten. Er ging gerade, den Arm mit dem Stöckchen zierlich gespreizt. Ging schnell und immer schneller ... wand sich zwischen den Fußgängern hindurch wie ein Aal, ohne wen anzustoßen, ohne gestoßen zu werden, den kleinen goldenen Knauf wie in Abwehr von sich gestreckt.
Am Brandenburger Tor erst bestieg er einen Wagen, fuhr nach Hause.
Der Abendbrottisch war gedeckt. Er stellte seinen grauen Zylinder heftig auf den Schachtisch, legte das Stöckchen daneben, warf die verdrückte Zeitung vor Pauline hin. „Lesen Sie. Zweite Spalte links. Personalnachrichten. Links, zum Kuckuck nochmal ...“
Pauline las. Alles fing an zu zittern an ihr.
„Du lieber Gott ... Du lieber Herr im Himmel ... die arme .. die arme junge Frau! Die arme Frau! ..“
Kürzer als sonst und schweigsam war die Mahlzeit. Pauline goß dem Tee ihres Herrn unaufgefordert zwei Löffel Arrak bei. Da konnte der Doktor reden, was er wollte. „Trinken Sie, Herr König, trinken Sie tüchtig ...“
Und der Papa trank. Und in sein weißes, rosiges Gesicht unter den weißen Locken stieg das Blut erwärmend und belebend auf. Seine blauen Augen, die ganz tot und leer geblickt hatten, hatten wieder ihren alten stählernen Glanz. Und schließlich holte er eine feine Zigarette aus seinem fast damenhaft kleinen Döschen und stieß behaglich ringelnde blaue Wolken vor sich hin.
Und während er den schwebenden Kringeln folgte, die sich aus der Helle stahlen und sich im Dunkel auflösten, sagte er:
„Ich will Ihnen was sagen, Pauline, Sie müssen nur nicht gleich wieder losheulen. Sie wissen doch, daß ich das in den Tod nicht leiden kann! Also ich meine so: Fragt sich noch, ob der Tod dieses Mannes ... wirklich so ein großes Unglück für meine Tochter ist. Fragt sich noch! ....“
„Aber Herr König ....“
„Ta ta ta ... Pauline. Was wissen Sie von uns Künstlern! Nicht das wissen Sie!“
Er knipste seinen Nagel.
„Sie sehen nur Kritiken, Schleifen, Blumen, Geld ... Ehren ... Und wenn’s viel davon gab, dann glauben Sie, nun wär’s genug. Falsch, Pauline ... ganz falsch. Unsereins hat nie genug — nie. Bis zum Ende nicht. Sie glauben vielleicht, daß ich zu bedauern bin, weil ich Geld verdiene damit ... nö ... nö ... Aber — weil es doch ein bißchen was ist von früher! Weil ich mich jung fühle, wenn ich noch in Stuhlhöhe aufspringen kann, verstehn Sie? Weil ich mich leben fühle, wenn ich sehe, wie die jungen Grasaffen mir nacheifern, weil alles, was von mir auf sie übergeht, wieder auf mich zurückstrahlt ... tja ... gewissermaßen ... weil, wenn ich einen zwischen die Hände kriege, der was lernt von mir, ich mir einbilde, daß seine Grazie meine Grazie, sein Können mein Können, sein Glück mein Glück ist. Meine Tochter ist ja noch jung. Die braucht noch nicht in ihren Schülern aufzuleben ... die kann noch selbst ... die hat das Glück noch ganz allein ... aus sich heraus ... Na, was ist denn, Pauline — was glotzen Sie mich an?“
Und weil Pauline nicht antwortete, sondern nur ihre hübschen verweinten Augen zur Decke hob, als wollte sie ihren lieben Herrgott zum Zeugen anrufen gegen die lästerlichen Reden ihres Herrn — da warf der Papa, obwohl er wußte, daß Pauline ihrerseits das „in den Tod nicht leiden konnte“, seine Zigarette in das halbgeleerte Teeglas, rollte seinen Schachtisch in den Lichtkreis der Hängelampe und stellte mit ärgerlichem Nachdruck die Figuren auf. — — —
— — — Karla wankte zwischen Alice und Fürst Reichenberg hinter dem Geistlichen her, der die sterbliche Hülle des Grafen Hans Joachim Gaudlitz der Erde übergab.
Hinter den Dreien, als erster der langen Kette der Trauergäste, schritt der ehemalige Tänzer.
Er hielt mit Würde und Anmut einen großen Kranz, auf dessen schwarzen Schleifen in Gold aufgedruckt war: „Der Berliner Schachklub seinem treuen Mitglied“. Aber dem Ordner hatte er zugeraunt, daß er der künftige Schwiegervater des Verstorbenen wäre und ein Recht hätte, als erster hinter den nächsten Leidtragenden zu gehen.
Daß die Vertreter der vornehmen Klubs ihm mit ihren Kränzen folgen mußten, weckte nur in den ersten Sekunden eine kleine boshafte Freude in seinem Herzen.
Aber „das Mädel“, die Karla, wollte er nicht aus dem Auge verlieren. Zum Donnerwetter ja ... er war doch schließlich der einzige, der wirklich zu ihr gehörte! Sehr nett .... die Reichenbergs .... aber verwandt .... nee ... verwandt war sie nicht mehr mit ihnen. Die kehrten zurück nach Wien in ihr fabelhaftes Palais ... Karla hatte dort nichts mehr zu suchen .. Das wußte sie auch ebensogut wie er. Mit der „Fast-Verwandtschaft“ renommierte sie nicht. Die Welten waren wieder geschieden ... reinlich getrennt durch diesen Tod.
Armes Mädel! Pauline hatte recht. Aber ... na ja ... wie alt war sie denn eigentlich? Noch nicht fünfunddreißig. Da fingen andere erst an, die ersten großen Lorbeeren einzuheimsen. Und sie .... Nur die Hand brauchte sie auszustrecken ... nur einen Ton zu sagen brauchte sie, und zwei Weltteile stritten sich um sie ... Das würde sie schon einsehen ... mit der Zeit ... Wenn nur die Reichenbergs ihr nichts einredeten! Sicher war man nie mit diesen Leuten.
Karla weinte während der Beerdigung nicht. Nur ihr Körper schauerte zusammen, wie im Fieber.
Die Erde kollerte dumpf aus unzähligen Händen in das offene Grab.
„Komm mit uns, Karla“, sagte Alice Reichenberg.
Karla schüttelte den Kopf.
„Laßt mich ... ich kann nicht ... Nach Wien fahren, jetzt ... ihn allein lassen, hier unter der modernden Erde ... Fahrt nur, Ihr zwei ... fahrt, Ihr Guten ...“
Sie lehnte an einen Baum, faltete die Hände. Ihre Augen baten: Laßt mich allein mit ihm .... einmal allein.
Alice drückte sie an sich, in einem letzten fassungslosen Aufschluchzen.
Reichenberg murmelte: „Sie wissen, Karla ... unser Haus gehört Ihnen — immer ....“
Sie antwortete nicht. Rührte sich nicht. Erduldete die Umarmung der Freundin, den Handkuß Reichenbergs.
Ein feiner, warmer Sommerregen spritzte aus dem Hellgrau des Himmels herab durch die Zweige der Bäume.
Wie durch einen beweglichen Schleier getrennt, standen die drei Menschen am offenen Grabe, wie durch einen Schleier sah Karla ihre Gestalten den Bäumen entlang gleiten — gebeugt, mit schleppenden, unsicheren Schritten.
Als nichts mehr von ihnen sichtbar, das letzte Ende des schwarzen Trauerschleiers zwischen den Sträuchern wie ein dunkler Hauch verweht war, fiel Karla mit dem Gesicht auf die Erde, krallte ihre Hände in den nassen Sand, erstickte die Schreie ihrer verzweifelten Seele in den Blumen und Kränzen, die ihr bis zum heutigen Tage nur ein Sinnbild frohen Lebens gewesen ....
Vor dem Friedhoftor pendelte der kleine Tänzer auf und ab.
„Ich bitte Sie, lassen Sie sie nicht allein ... auch im Hotel nicht ... bitte, Herr König ...“
Der Papa verneigte sich tief vor der schluchzenden Fürstin, geleitete sie bis zum Trauerwagen, half ihr einsteigen, mit höflicher Grandezza.
„Ich bitt’ Sie, Herr König, ... geben’s acht auf die Karla. Wir hab’n sie ja alle so gern g’habt.“
„Ge—habt“, wiederholte innerlich der Papa, drückte aber auch Reichenberg sehr mitfühlend die Hand. Er nahm den Zylinder ab, und der Regen näßte seine silberigen Locken. Er lächelte fast, als der schwarze Kasten sich langsam in Bewegung setzte.
Dann hieß er einen Gärtner ein Auto holen und schickte den zweiten, noch wartenden Trauerwagen fort. Er mochte nicht darin sitzen. Das war ihm unbehaglich.
... Nicht ohne Mühe gelang es ihm, Karla aufzuhelfen. So peinlich es ihm war, aber er mußte einen Vorübergehenden um Hilfe bitten.
„Schillstraße!“ rief er dem Führer zu.
Immer rascher, immer heftiger folgten die Schauer aufeinander, rüttelten an Karlas Körper. So — nun hatte sie sich erkältet! Das auch noch ... Wurde am Ende krank ... Das fehlte gerade! ...
Mit dem Torwart zusammen schleppte er sie die Treppe herauf, klingelte.
Im Schlafzimmer riß Pauline Karla die Kleider vom Leib, wie schon einmal, und steckte sie in das große, schöne Bett vom Papa — wie schon einmal.
Nur daß diesmal der Papa in seiner Wohnung blieb, auf einem kurzen, harten Ruhebett diese Nacht und noch viele andere Nächte verbrachte und selbst seine Schachfiguren nicht eher anrührte, als bis der Arzt erklärt hatte: An der Lungenentzündung wäre man wieder mal knapp vorbeigekommen.


August war es geworden.
Der Papa saß an seinem Schreibtisch im hellen, stillen Zimmer und ordnete die Briefe, die an Karla gekommen waren.
Die Welt rief nach ihr, verlangte sie wieder, seit sie wußte, daß kein anderer mehr Rechte an sie hatte.
Wien schrieb zuerst.
Der Papa mußte abtelegraphieren. Eher ging sie nach Kiel zurück, in ihr erstes Engagement, als nach Wien! Die Straßen, die Menschen wiedersehen, zwischen denen sie ihr Glück herumgetragen mit lachendem Stolz — das brachte sie nicht über sich! ... In Berlin konnte sie noch weniger bleiben.
Kaum genesen von ihrer Krankheit, hatte sie Pauline nach der Landgrafenstraße geschickt. Luise hatte sie nicht über die Schwelle gelassen. Mit freundlichen, aber bestimmten Worten hatte sie gebeten, das Kind nicht aus seiner Ruhe zu scheuchen. Als Pauline etwas von Karla hatte sagen wollen, schnitt Luise ab mit einem entschiedenen: „Es ist erledigt, Pauline. Stören Sie unseren Frieden nicht.“
Viel sanfter, viel wortreicher hatte Pauline es wiedergegeben; aber aus ihren zornfunkelnden Augen erriet Karla die Wahrheit.
Einige Wochen darauf hatte sie selbst dem Kinde aufgelauert, nach Schulschluß. Sie hatte gehofft, es allein zu treffen, wollte es einmal noch in ihre Arme schließen, einen kurzen, armseligen Trost schöpfen aus dieser Umarmung.
Da sah sie Luise aus dem Schulhof treten. Ihr dunkler Scheitel war grau geworden, aber sie hielt sich gerade und aufrecht wie immer.
Schmerzchen, schlank und groß für ihr Alter, schritt an ihrer Seite, ebenso gerade wie sie, den Ranzen ordentlich auf der Mitte des Rückens, die feinen Hände um den Lederriemen an den Achseln geschlungen. Karla löste sich los von dem Mauervorsprung, hinter dem sie sich verborgen.
„Schmerzchen! ... Schmerzchen!“ schrie sie auf.
Das Kind fuhr zusammen, blieb stehen, blickte geradeaus. Luise faßte sie bei der Hand, ihre schmalen Augen unter den geraden Brauen sahen kalt und feindlich über Karla hinweg. Kalt und fremd blickten die Augen des Kindes.
So gingen sie vorüber — um keinen Schritt rascher als vorher, nur enger aneinandergepreßt, wie in Abwehr einer gemeinsamen Gefahr.
Karla mußte sich an die Anschlagsäule lehnen. Da sie die Augen schloß, sah sie auch nicht, wie kurz vor der Straßenbiegung das Kind den Kopf nach ihr umwendete — hastig und heimlich.
Sie sah es nicht und wußte nur, daß alles, was sie versuchen mochte, um sich dem Kinde zu nähern, auf unbesiegbaren Widerstand stoßen würde.
„Was haben wir schon wieder angestellt? Schon wieder am Grabe gewesen?“ krähte der Papa sie an, so zornig er konnte.
„Ja,“ sagte Karla und dachte: An einem zweiten Grabe.
Der Papa drängte sie ans Klavier — an den Bechstein, den Altmann nach der Scheidung an ihn hatte zurückgehen lassen.
Karla setzte sich davor, legte die Hände auf die Tasten und saß so stundenlang, ohne einen Ton von sich zu geben, ohne eine Taste niederzudrücken.
Der Papa schrieb an die Bühnen, sprach von der „Möglichkeit, Karla der Bühne wieder zurückzugewinnen“.
Aber so viele Anträge auch kamen — Karla hörte kaum hin. Der Papa krähte und zeterte, verlor all seine lächelnde Grazie, all seine Würde. Pauline hatte ihre liebe Not mit ihm. Eines Tages meldete Pauline John Russel.
Der Papa krähte: „Wie ... was ... Russel, der Impresario, der — —“
Er lief zur Tür, flink wie ein Wiesel, mit blitzenden Augen, mit Locken, die wild um seine Stirne flatterten.
„Mister Russel — Sie? Das ist — das ist — die großartigste Eingebung, die Sie je gehabt haben! Ich bin der Vater — König ist mein Name, Solotänzer von der Königlichen Oper — Karla! — Karla! — Mädel! — Du!“
Karla stand am Schachtisch. Sie schien größer als früher, so schlank war sie geworden. Ihr rundes Gesicht war gleichsam in die Länge gezogen — es sah edler und bedeutungsvoller aus als früher. Die Augen loderten aus den umschatteten Höhlen.
Russel bot ihr nicht die Hand zum Gruße, er umschloß ihre beiden Arme mit seinen großen Pranken und schüttelte sie, wie man ein lange entbehrtes, geliebtes Kind schüttelt.
Um Karlas Lippen flog das erste blasse Lächeln.
„Ach ja, Russel ... die Zeiten ändern sich.“
Er lachte.
„Never mind — wir auch.“
Er dachte gar nicht daran, auf ihren Schmerz einzugehen oder ihn zu schonen. War ja alles Unsinn.
„Well, Karla König — ein jeder von uns hat etwas, worüber er hinwegkommen muß in seinem Leben — einen Kummer, eine Schweinerei, ein Verbrechen. Das vergißt sich aber nur, wenn man mit beiden Füßen in die Arbeit springt — you know. Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß er es gut mit Ihnen gemeint und Ihnen so schöne Arbeit gegeben hat! Arbeit und Freunde — Freunde in allen Gegenden der Welt. Glauben Sie, ich bin aus Amerika gekommen, um Ihnen einen Kondolenzbesuch zu machen? God bless me! Ich bin gekommen, business zu reden. Das ist die beste Medizin — für Sie und für mich. — Well, Karla König, ich mache jetzt zum dritten Male mein gleiches Angebot. Und diesmal sagt sogar der alte Säufer von Kapelle, Sie sollen kommen. Ohne alles Wenn und Aber kommen. Er verspricht dann auch, nicht mehr zu trinken und sich an die Metropolitan engagieren zu lassen. — Also, rekapitulieren wir: New York, Frisco, zurück Washington, London, Petersburg–Paris. — Karla König ... nun stecken Sie Ihre großen Heimatsgefühle zurück. Ihre Heimat ist die Welt. Ihr Thron steht in allen Hauptstädten der zwei Kontinente — und Ihre Untertanen sind alle Menschen, die einmal drei Töne von Ihnen gehört haben. Ready.“
Der Papa zappelte vor Entzücken.
John Russel — das war sein Mann! Der Mann war einzig, wundervoll! Wenn Karla nicht annahm, dann — war sie nichts wert — nichts war sie wert.
Karla aber fühlte, wie bei John Russels Worten der Rausch längst vergangener Tage mit seinen heißen, prickelnden Nebeln wieder aufstieg, und wußte, daß nur er all das Wunde und Wehe, das in ihr schrie, einlullen — zum Schweigen bringen konnte.
John Russel sprach weiter auf sie ein — freundschaftlich, eindringlich, zäh ... spürte als alter Goldgräber der Ader nach, die ihm ihre Schätze ausliefern sollte.
Und Karla setzte ein zweitesmal ihre zitternde Unterschrift unter den Vertrag, der sie ins Ungewisse hinaustrieb.
In fieberhafter innerer Unruhe traf Karla ihre Vorbereitungen. Denn schon in vierzehn Tagen sollte sie sich, zugleich mit John Russel, nach Amerika einschiffen.
Drei Tage vor der Abreise schrieb sie an Altmann. Bat ihn, ihr das Kind zu schicken. Nur für eine Stunde. Nur damit sie Abschied nehmen könnte vor ihrer langen Fahrt. Am nächsten Morgen lag die Antwort neben ihrem Frühstücksteller. Die vertraute, gleichmäßige und pedantische Schrift Altmanns ließ ihr Blut aufwallen, daß es mit schmerzenden Hammerschlägen an ihre Schläfen pochte. Sie riß den Umschlag auf — ihre eigene Schrift war es, die ihr entgegenstarrte — das unbeholfene, kindlich dankbare, heiße Gestammel, die sie von ihrem Wochenbett aus an ihren Mann gerichtet hatte: „... Unser Kindchen wirst Du doch lieben? Das mußt Du mir versprechen. Wie danke ich Dir, daß Du es mir gegeben! Wie liebe ich Dich! Nie werde ich aufhören, Dich zu lieben. Deine Karla.“ Darunter mit rotem Bleistift: „Ich habe mein Versprechen gehalten. Du aber —!!“
Zwei Ausrufungszeichen, wie mit zischendem Peitschenhieb hingehauen. Alles Blut lief ihr aus den Wangen und Lippen.
Langsam zerriß sie den Brief in winzig kleine Stücke, warf das Häufchen Papier in die Aschenschale und brannte es mit einem Streichholz an.
Am nächsten Morgen verließ Karla König Berlin.


Jahre zogen dahin.
Gleichartig in ihren brausenden Triumphen für Karla draußen in der Fremde. Gleichartig in ihrer Stille für Altmann in der Landgrafenstraße.
Schmerzchen — der Name blieb ihr wie eine wehmütige Liebkosung, wie ein letztes Erinnern an die Mutter — wuchs heran, ruhig, ernst, in uneingestandener, unklarer Sehnsucht, in bedachter Fügsamkeit.
Manchmal, in ihren Träumen nachts, legte sich ein schmerzliches, über ihre Jahre hinaus reifes Lächeln um ihre Lippen — und ein Stöhnen: halb Weinen, halb Lachen, drang aus ihrer Brust.
Dann stand Luise leise auf, trat an ihr Bett, leuchtete ihr ins Gesicht, richtete die Decken, legte ihre kalte, hagere Hand auf die schlafglühenden Wangen.
„Ich bin ja da, Kind ... ängstige dich nicht.“
Schmerzchen schlug die Augen auf, lächelte ... erkannte die große Gestalt, die streng und sorgend an ihrem Bett stand und schloß die Augen wieder, wie um die Wirklichkeit nicht zu sehen, die so grau und dürftig war.
Schweigsam und ernst war auch der Vater, verhalten im Lob, gemessen im Tadel. Ganz weiß war sein Haar an den Schläfen, und rings um die Augen zogen viele kleine Falten strahlenförmig ihre Furchen. Karlas altes Bild stand unverrückt auf seinem Schreibtisch. Vielleicht sah er es nie mehr an, sah es überhaupt nicht.
Nur als Luise es einmal fortgenommen hatte, weil sie sich dachte, daß es besser für ihn sei, wenn er ihr Gesicht nicht immer vor sich sähe, — da hatte er durch das ganze Haus gerufen: „Was soll das? ... Luise! ... Wer geht mir an meinen Schreibtisch ....? Wer macht da Unordnung? ... Das verbitte ich mir ...!“
Und obwohl Luise ganz erschreckt das Bild sofort wieder aufgestellt hatte, dauerte es Tage, bis er das Wort wieder an sie richtete.
Karlas Bild aus der ersten Zeit ihrer Ehe — das war seine Vergangenheit.
An der durfte nicht gerüttelt werden. Auch wenn er nie von ihr sprach.
Selbst Schmerzchen gegenüber scheute er sich, von ihr zu reden. Wie ein Haushalten war es, ein ängstliches Sparen. So rasch zerflatterte alles, wenn es in Worten ausgegeben wurde ...
Schmerzchen aber dachte manchmal, daß sie so oft von der Mama träume, weil sie jetzt in ihrem Bett schlief, das man in ihr Zimmer gestellt hatte. Aber das sagte sie niemand. Nicht einmal Onkel Alwin, der sie zum Spazierengehen abholte und ihr dabei so viel von der Mama erzählte.
Manchmal holte der Onkel eine Zeitung aus der Tasche; las ihr vor, aus Kunstberichten in fernen Städten. Oder er zeigte Bilder von ihr, die neuesten Aufnahmen — in Bühnenkostümen oder in wundervollen Kleidern, reichen Schmuck um den Hals.
Jung und schön sah die Mama immer noch aus — schöner gewiß als auf Papas Schreibtisch. Aber kein Lachen lag mehr in den dunklen Augen, um den lieben Mund.
In stiller Versonnenheit kehrte Schmerzchen von ihren Spaziergängen mit Onkel Alwin heim — dem Professor, wie er jetzt genannt wurde.
An Schmerzchens vierzehntem Geburtstage kam wieder nach langer Zeit die ganze Familie in der Landgrafenstraße zusammen. Nur Adele fehlte. Ihr langersehnter Wunsch, „Frau Professor“ zu heißen, war ihr erst geworden, als Alwin Maurer seinen Abschied nahm und ihm der Titel als eine letzte Ehrung nachgeworfen wurde. Es war um die Zeit, als Fritz von der Schutztruppe zurückkehrte und Margot Laurin heiratete.
„Jetzt braucht Ihr Euch um nichts zu sorgen, alte Herrschaften“, hatte er da gesagt.
Adele aber, die allen Sorgen, allen Aufregungen und Entbehrungen standgehalten hatte, erlag der ungewohnten Ruhe satter Beschaulichkeit.
So kam es, daß Alwin Maurer seine Schritte öfter noch nach der Landgrafenstraße lenkte, als zu Karlas Zeiten — denn durch ihn sollte Schmerzchen es begreifen lernen, daß es Eltern geben konnte, die beide schuldlos waren, auch wenn sie auseinandergingen.
„Das sind eben Schicksale, mein gutes Kind ... Ein jeder trägt das Seine mit sich herum — und wenn zweie aneinandergeraten — dann gibt’s einen guten oder bösen Klang — Glück oder Unglück.“
So war denn das Schicksal wie eine große Wunderglocke für Schmerzchen, und wenn sie einherschritt, mit ihrem zarten Gesicht, den Kopf leicht zur Seite geneigt — so war es, als lausche sie einem fernen Klang .....
Vielleicht war es dieser selbe, über Wasser und Erde weithinschwebende Klang, der Karla so oft mitten in ihrem rastlosen Wandern, in schmerzhaftem Sehnen ans Herz griff. Wer von den Tausenden, die ihr zujubelten, hatte wohl ein Ahnen von dem Leid und Jammer, die ihrer herrlichen Stimme den süßen wehen Schmelz gegeben, der alle Herzen rührte, — ihren schönen dunklen Augen den berauschenden feuchten Glanz?
Wie ein flirrender Stern leuchtete ihr Name in den Weltstädten zweier Weltteile auf. Wie eine Herrscherin zog sie die breite Straße ihres Ruhmes entlang — umworben, umschwärmt, umringt und bejubelt — nie allein, immer einsam.
So kam es vor, daß im größten Taumel der Begeisterung, die sie umbrandete, an fröhlicher Tafelrunde, auf lärmendem Feste, die Einsamkeit mit ihren großen, lustlosen Augen sie anstarrte. Dann durchbebte es sie mit einem kalten Schauer, wie die Nordeni ihn einst gekannt haben mochte, in der Stille der unablässig wechselnden fremden Zimmer, unter Negern und Abenteurern, die vom Menschen nur das äußere Gebilde zeigten.
Wenn aber Karla die Schätze überzählte, die sie sammelte — nur um eines Kindes Willen, das weit drüben, unter blaßdeutschem Himmel aufwuchs, wenn sie das fremde, schwere Gold sich häufen sah, dann dachte sie an ein Haus mit großem, rundem Musiksaal, an einen See in märkischer Erde ... an einen wunderschönen Garten und einen langen, langen Tisch in einer großen Halle. An das Haus am Wannsee dachte sie, wo an den zwei Tagen, da sie es betreten — ihr heißes Glück geboren und eingesargt worden.
Seit Jahren gehörte es ihr — ein letztes Geschenk der Fürstin Alice Reichenberg, die mit ihrem Sohn von Bad zu Bad reiste, ihren Mann nur noch in Heilstätten besuchen durfte und die Trauer nicht ablegte um den einen, den blinder Zufall oder ein tückisches Geschick wie zum Hohn in strotzender Lebensfülle dahingerafft.
Immer dachte Karla an das Haus — wie an eine warme, schmerzlich beglückende Zuflucht.
Jetzt wohnte der Papa in den weiten Räumen, und Pauline rasselte mit den Schlüsseln, die ihr Macht gaben über Gesinde, Küche und Keller.
Bald ... in drei ... in fünf Jahren ..! Durfte Karla die Jahre zählen — sie, die Ewigkeiten verschwendet hatte? ... Aber eines Tages würde auch sie dort einziehen — Heimat und Ruhe finden.
Und dann ... dann wurde ihr vielleicht doch noch die Krone des Lebens beschieden — ihr Kind.

Romane von Olga Wohlbrück
ROMANTIK
Kulturroman.
Geheftet 75 M. / Halbleinen 110 M. / Halbleder 275 M.
Ein lebensprühender Roman, der in einem Wirbel von Erlebnissen russisches Aristokratentum, ungarisches Zigeunerblut und deutsche Kleinbürgerlichkeit miteinander verknüpft und zur Harmonie zwingt.
*
DIE „GOLDENE KRONE“
Gasthausroman.
Geheftet 60 M. / Gebunden 95 M.
Die Schicksale der „Goldenen Krone“, des guten alten, seit Generationen in der Familie vererbten Gasthauses, und der mit ihm eng verbundenen Menschen sind hier mit reifer Kunst geschildert.
*
DER GROSSE RACHEN
Großstadtroman.
Geheftet 75 M. / Halbleinenband 110 M.
Das Buch predigt die immer wieder in Vergessenheit geratene Lehre, daß die Großstadt ein Moloch ist, der hart und unbarmherzig seine Opfer fordert. Fein durchdacht und interessant in der Problemstellung fesselt die kraftvoll entwickelte Handlung unser Interesse bis zum Schluß.
AUGUST SCHERL G. M. B. H. / BERLIN SW68
Romane von Ida Boy-Ed
DAS ABC DES LEBENS
Gesellschaftsroman.
Geheftet 45 M. / Halbleinenband 80 M. Halblederband 275 M. / Batikband 275 M.
Ein meisterhaft aufgebauter Roman, der die ewig wiederkehrenden Probleme der menschlichen Gesellschaft, Liebe u. Ehe, ebenso spannend wie feinsinnig behandelt.
*
GLANZ
Diplomatenroman.
Geheftet 60 M. / Halbleinenband 95 M. Halblederband 300 M. / Batikband 300 M.
Mit tiefem Empfinden enthüllt die Verfasserin an den Schicksalen einer schönen, geistvollen Frau den tragischen Widerspruch äußeren Glanzes und seelischer Not.
*
DIE OPFERSCHALE
Frauenroman.
Geheftet 50 M. / Halbleinenband 85 M.
Dieser echte Frauenroman schildert die schweren Opfer, die der Weltkrieg namentlich den Frauen auferlegt hat.
*
DIE STIMME DER HEIMAT
Baltenroman.
Geheftet 50 M. / Halbleinenband 85 M.
Ein junger Deutsch-Balte entzieht sich der Teilnahme am Weltkriege auf russischer Seite durch waghalsige Flucht zu Verwandten in Hamburg, wo er in das deutsche Heer eintritt, um für seine Heimat zu kämpfen und den Heldentod im Felde zu sterben.
AUGUST SCHERL G. M. B. H. / BERLIN SW68
Romane von Nanny Lambrecht
DIE KINDER KAINS
Kolonialroman.
Geheftet 40 M. / Halbleinenband 75 M.
Mit darstellerischer Kraft und glühender Phantasie werden die Kämpfe des Kulturmenschen mit dem Urmenschen um den Besitz der Erde geschildert.
*
DER GEFANGENE VON BELLE-JEANNETTE
Kriegsroman.
Geheftet 20 M. / Gebunden 45 M.
Mit knappen Strichen wird ein überzeugendes Bild von der Verlogenheit und Frivolität des Franzosentums hinter der Front im Weltkriege entworfen.
*
DAS LÄCHELN DER SUSANNA
Roman eines Kindes.
Geheftet 35 M. / Gebunden 65 M.
Ganz meisterhaft ist das Erwachen der Liebe, das Werden des Kindes zur Jungfrau und der Jungfrau zum Weibe in der jugendlichen Heldin des Romans getroffen.
*
VOR DEM ERWACHEN
Roman aus dem besetzten Rheinland.
Geheftet 35 M. / Gebunden 65 M.
Die reife und starke Erzählergabe der Verfasserin formt Zeitgeschehen und Menschenschicksale zu einer Handlung, die im bunten Wechsel farbensprühender Bilder das Leben im besetzten Gebiet schildert.
*
DER HEIMLICHE GAST
Pazifistenroman aus dem Paris Napoleons III.
Geheftet 40 M. / Gebunden 70 M.
Hinter dem unerhörten Prunk des höfischen Getriebes verbergen sich politische Intrigen und keimende Revolten, die aber durch den Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges vernichtet werden.
AUGUST SCHERL G. M. B. H. / BERLIN SW68
Romane von Sophie Kloerss
IM NERVENPAVILLON
Roman einer Krankenschwester.
Geheftet 35 M. / Halbleinenband 70 M.
Fürstinnen und Dirnen, Bürgerfrauen und Ladenmädchen hat die Flut des grausamen Lebens hier zusammengeführt. Wundervoll sind die Fäden der einzelnen Frauenschicksale miteinander verknüpft.
*
MUTTER SEIN
Niedersächsischer Roman.
Geheftet 35 M. / Gebunden 70 M.
Die Typen aus einer mecklenburgischen Kleinstadt und das Hamburger Leben sind liebevoll und mit erfrischendem und herzlichem Humor geschildert.
*
DIE DAS LEBEN ZWINGEN
Zwei Erzählungen.
Geheftet 35 M. / Gebunden 65 M.
Die kleinere Erzählung bietet ein Stück Romantik, die größere eine dem Leben abgelauschte Bauerngeschichte. Beide atmen eine Gemütstiefe, die der in Fritz Reuters Werken sehr nahe verwandt ist.
*
HARTE ART
Zwei Erzählungen.
Geheftet 35 M. / Gebunden 65 M.
Herbes wurzelechtes Volkstum der Wasserkante ohne jede Sentimentalität und doch voll frauenhaft tiefem Empfinden spricht aus beiden Erzählungen.
AUGUST SCHERL G. M. B. H. / BERLIN SW68
Zwei humorsprühende Bücher
MEINE STREICHE BEIM THEATER
Lebenserinnerungen
von
Richard Alexander
Mit 15 Vollbildern nach Original-Photographien
Geheftet 45 M. / Halbleinenband 75 M.
Am 28. April 1873 unternahm der Verfasser den kühnen Sprung vom Ladentisch auf die weltbedeutenden Bretter. Nach nahezu 40 Jahren, am 1. Juli 1912, nahm er als gefeierter Charakterdarsteller und Theaterdirektor von der Bühne Abschied. Die freudigen und schmerzlichen Ereignisse in seinem erfolgreichen Bühnenleben hat Richard Alexander mit ganz prächtigem Humor in diesem Buche geschildert.
*
ABENTEUER UND TRÄUME
Plaudereien eines lachenden Philosophen
von
Max Kleinschmidt
Geheftet 50 M. / Halbleinenband 85 M.
INHALTSÜBERSICHT:
Buch der Abenteuer: 1. Das Geheimnis der Doggerbank. 2. Das zweite Gesicht. 3. Der irreale Bedingungssatz. 4. Die Pflege der Kameradschaft. 5. Der schwarze Passagier. 6. Der Doppelgänger. 7. Der Beutel des Glücks.
Buch der Träume: 1. Der Schleier der Maja. 2. Von der Vorsehung. 3. Einstein und Ich. 4. Spiritistisches. 5. Der siebente Tag. 6. Die drei großen Verführer. 7. Runenzauber. 8. Runen und Sprachwissenschaft. 9. Burgunderträume. 10. Die Ur-Nibelungen.
AUGUST SCHERL G. M. B. H. / BERLIN SW68