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Die Primadonna

Die Primadonna (continued 4)

Reading edition

Es lag gutmütiger Hohn in seiner Stimme. Gleich darauf rief er dem Kutscher noch etwas zu und gab ihm einen leichten Stoß in den Rücken. Dann glitt er von seinem Sitz und verschwand in der Dunkelheit hinter einem Kakteenzaun, vor dem ein paar Indianer rasteten.

Ein Frösteln lief über Karlas Rücken.

„Ist dir kalt, Karla?“

Sie schüttelte den Kopf. Kalt war ihr nicht. Nur unheimlich. Sie sehnte sich nach dem Hotel, mit seinem weißgetünchten Speisesaal und den rotverhängten Lämpchen auf den Tischen, nach ihrem Zimmer, mit dem warmen, goldgelben Licht, nach Schmerzchens Bild in dem roten Lederreiserahmen, nach den Stimmen der Kollegen, nach deutschen Lauten und nach den Armen ihres Mannes, in denen sie alles vergessen wollte, was nicht Mann und Kind war ...

— — — Die Luft hatte sie müde gemacht. Die schwarzen Kellner reichten erst die übliche Poularde mit Salat herum, als ihre Augen sich schon zu schließen begannen.

In einer Ecke des Saales saß die Nordeni, in tiefausgeschnittenem Kleid, geschmückt wie ein Götzenbild, mit Mariette, die wie eine kokette Unschuld in einem weißen Kleidchen die Huldigungen ihrer zwei Tischherren entgegennahm.

Die Nordeni trank mehr als sonst. Als müßte sie einen Ärger herunterspülen oder eine Unruhe. Sie hatte sehr auf Don Pedro de Santos gerechnet, einen reichen Diamantenhändler, der ihr schon vor sechs Jahren freundliche Anerbietungen gemacht hatte. Er war ihr damals zu jung gewesen, zu abhängig von seinem Vater. Indessen war der Vater gestorben, Don Pedro wohl älter, aber sie selbst nicht jünger geworden. Sechs Jahre waren gar nichts für eine Karla König, eine Mariette — für sie eine Ewigkeit. Die Grenzlinie, hinter der sie ihre Jugend zurückließ. Ein Funken Romantik hatte bei der ersten Ankündigung von der Wiederkehr der Nordeni Don Pedros Schritte sofort zu ihr gelenkt. Er war da, er liebte sie, er legte ihr sein Vermögen und all seine geschliffenen und ungeschliffenen Brillanten zu Füßen. Aber er blieb mitten im Satz stecken, als er Mariette erblickte.

Don Pedro de Santos hatte Freunde, denen er oft genug gefällig gewesen war, um ihnen die Aufgabe zuzumuten, sich einer erstorbenen Flamme von ihm anzunehmen, wenn sie ihm dadurch die Möglichkeit boten, einer neuen „Entdeckung“ zu huldigen.

Die Nordeni durchschaute diese Kriegslist. Sie litt. Ihr hochmütiges Lächeln verbarg nur sehr unvollkommen ihre schmerzliche Enttäuschung. Aber sie hielt sich.

Mariette tat, als merkte sie nichts. Nein ... wirklich gar nichts. Sie sprang auf und bückte sich nach dem Taschentuch, das die Nordeni öfter als nötig fallen ließ, sie stand von Tisch auf und brachte ihr das absichtlich von ihr vergessene goldene Handtäschchen, sie steckte der Nordeni eine gelockerte blitzende Nadel fester in das verschlungene Haargebäude ... sie tat das alles liebenswürdig, mit heiterem Lächeln um die blutroten Lippen, mit stets gleichbleibender Geduld und mit unnachahmlicher Anmut.

Ein Geschenk, das Don Pedro ihr eines Tages heimlich hatte zustecken wollen, wies sie entschieden zurück. Sie trug keinen noch so bescheidenen Ring, keinen Armreif, keine Nadel ... Ihre schlanken, weißen Arme entstiegen wie unschuldige Lilien dem feinen Spitzengefältel ihrer halblangen Ärmel. Keine Kette, kein Band unterbrach die bezaubernde Linie ihres Halses ...

Die Nordeni fühlte die Durchtriebenheit ihrer Koketterie — und war machtlos. Um so machtloser, als sie niemals einen Grund zu einer Rüge finden konnte. Es war einfach unmöglich, sich tadelloser zu benehmen als Mariette.

Mariette zerlegte ihren Poulardenflügel und blickte zu Altmann hinüber, mit unschuldig dreisten Blicken, die ihm das Blut durcheinanderwirbelten.

„Wenn du müde bist, Karla ... ich bringe dich hinauf ...“

„Ach ja ...“

Sie lächelte wie ein verschlafenes Kind.

„Und du ziehst mich aus ...“

„Ja ...“

Sie mußten an dem Tisch der Nordeni vorüber. Karla ging mit flüchtigem Kopfnicken und halbgeschlossenen Augen weiter.

„Schon? Was ist denn los?“

„Meine Frau ist müde, und da sie morgen singt ...“

„Ja, natürlich ... immer ein bißchen schonen. Aber Sie kommen doch wieder herunter, lieber Altmann ... Sie kommen doch?“

Es war etwas Dringliches, fast Verzweifeltes in ihrer Bitte — als suche sie eine Stütze, Hilfe ...

Mariette sagte gar nichts. Ihre weißen Finger mit den wie Perlmutter glänzenden Nägeln schoben das Messerbänkchen hin und her.

„Ich werde sehen ... ich kann nichts versprechen.“

„Doch, doch ... übrigens, ich vergaß, bekannt zu machen: Don Pedro de Santos, unser erster Mäcen hier ... Don Despero — Herr Altmann, der Gatte unserer jungen Primadonna Karla König ...“

Sie warf ihren Ruhm hin, ihre Stellung, ihre Jahre. Die Herren verneigten sich stumm voreinander.

„Also Sie kommen? Wir stellen noch ein paar Flaschen kalt.“

Altmann dachte an Karla ... Wie ihr oft unheimlich war, und wie sie sich nach Menschen sehnte aus der Heimat ... Vielleicht gab es solche Augenblicke auch im Leben der Nordeni ... Er war ganz ehrlich. Er sah Mariette mit keinem Blick an. Er spürte nur etwas wie Mitleid in sich.

„Gut, ich komme“, sagte er.

Karla war schon auf der Treppe, als er sie einholte.

„Wo bleibst du denn ...“

Sie brachte kaum noch die Worte heraus, und streckte ihre Hand ins Leere.

„Du Schlafliese ...“

Er lachte und trug sie fast bis in ihr Zimmer. Er zog sie aus und deckte sie mit der leichten weißen Decke zu. Er wollte ihr sagen: die Nordeni hat mich noch auf einen Augenblick hinuntergebeten. Aber Karla schlief schon. Er wartete eine Weile an ihrem Bett, sah nach, ob auch kein Moskito mehr im Netz war, zog die Vorhänge zusammen, löschte das Licht und ging auf leisen Sohlen hinaus.

Die Nordeni konnte diesmal kein Ende finden. Und sie sprach ... sprach ohne Aufhören — Deutsch, Französisch, Englisch ... Don Pedro antwortete zerstreut, Don Despero rauchte schläfrig eine Zigarre und sorgte dafür, daß die Gläser immer nachgefüllt wurden. Mariette flüsterte Altmann kurze, abgerissene Worte zu.

Sie war so unglücklich jetzt ... es stürmte soviel auf sie ein ... sie hatte keinen, mit dem sie sich beraten konnte ... Wenn Monsieur Altmann ihr Freund wäre, wenn ... Sie legte ihre beweglichen kleinen Hände auf seinen Arm, sah ihm in die Augen mit Blicken, die um Vergebung, um Schonung, um Verständnis und um Liebe bettelten.

Die Nordeni erzählte von ihrer Kindheit.

„Mein Vater war Direktor einer Stadtpfeiferei in einem sächsischen Nest. Wir wurden mit Prügel und Musik großgezogen, mein Bruder und ich. Als ich meine ersten zwanzig Mark verdient hatte, ging ich durch. Wenn ich zurückgekommen wäre, hätte mich mein Vater totgeschlagen. So blieb ich draußen ... ich war ein hübsches Mädel damals ... Aber leicht war’s nicht! Ich brachte es bis zum Leipziger Stadttheater ... erste Partien ... höchste Gage ... konnte zufrieden sein. Da sah ich meinen Vater in der ersten Orchesterreihe sitzen. Ganz alt war er geworden und hatte noch immer den weiten, schäbigen Rock, wie ich es nie anders an ihm gekannt hatte. Wie ich den Akt zu Ende gesungen, das weiß ich heute nicht mehr! Ich schickte ihm einen Zettel im Zwischenakt: ‚Lieber Vater, komm auf die Bühne oder zu mir in die Wohnung ... ich wohne da und da ...‘ Als der Vorhang wieder aufging, saß mein Vater nicht mehr auf seinem Platz. Ob er überhaupt im Theater geblieben ist, weiß ich nicht. Ich wartete auf der Bühne ... ich wartete zu Hause ... die ganze Nacht und den ganzen Tag durch ... und noch eine Nacht und noch einen Tag ... Er kam nicht. Ich schrieb nach Hause. Der Brief kam zurück mit dem Postvermerk: ‚Adressat verzogen. Unbekannt wohin.‘ Da freute mich Leipzig nicht mehr ... und Deutschland nicht ... Ich löste meinen Vertrag, verkaufte meine Möbel und setzte übers Wasser ... auf eigenes Risiko ... ja ... so mutig war ich damals! Vor zehn Jahren kam ich zu John Russel ... Der schleppt mich nun kreuz und quer durch Amerika ... Wenn ich nochmal nach Europa komme, dann will ich nach Hause fahren ... Vielleicht hat jetzt mein Bruder die Stadtpfeiferei ... oder ein ganz Fremder ... Auf die Menschen kommt’s mir nicht an ... aber ob das Häuschen noch steht, mit dem großen Garten rundherum und den vielen Apfelbäumen ... Die Apfelbäume möcht’ ich wiedersehen ... die! ...“

Ihr Kopf fiel auf die linke Schulter, ihre Augen blickten verschwommen geradeaus ...

Sie trank ein bißchen viel in der letzten Zeit, die Nordeni — —

„Madame Nordeni trinkt nicht mehr“, sagte Altmann zu Don Despero, als er dem Neger ein Zeichen machte, einzuschenken.

Mariette stieß plötzlich einen kleinen Schrei aus, warf ihr Glas zu Boden, sprang auf und lief zur Tür.

Die Nordeni hatte Mühe, sich zurechtzufinden aus dem heimatlichen Apfelgarten ...

Don Pedros dunkelgefärbte Wangen hatten einen heißen, geröteten Unterton. Er blickte verlegen und erstaunt.

„Bitte, lieber Altmann ... gehen Sie Mariette nach ... ich bin so unruhig ... ich verstehe nicht ... bitte ...“

Ein einziges Mal wollte die Nordeni mit Don Pedro allein bleiben ... ein einziges Mal nur sich aussprechen ... Wenn Altmann die Kleine festhielt, ausfragte ...

Altmann erhob sich widerstrebend. In der Schwüle des Saales hatte er nicht gemerkt, wieviel eiskalten Sekt er heruntergegossen hatte. Ganz ausgedörrt war ihm der Hals gewesen von der Fahrt, der Hitze ... Er mußte sich zusammennehmen, um ganz aufrecht und sicher durch den Saal zu gehen. Altmann ging die Treppe hinauf — Mariette war nirgends zu finden. Er ging in sein Zimmer. Die Tür zu Karlas Stube war weit offen. Leise schloß er sie, um sie nicht zu wecken. Dann tastete er sich zurück, zu seinem Bett.

Ihm war es, als preßten zwei glühende Metallplatten seinen Kopf zusammen. Die Luft erschien ihm wie ein dicker Kleister. Er erhob sich, tastete sich zum Balkon, zog den Rolladen herauf.

Er hatte Mariette und seinen Auftrag völlig vergessen. Nur eine weiche, mitleidige Regung war ihm geblieben, eine Bereitschaft zu trösten, zu helfen ... Dazu war er ja auch da ... er, der Mann, der Stärkere ...

Ganz leises Weinen schlug an sein Ohr.

Er wendete den Kopf zur Seite. An derselben Rampe wie er, in milchiges Licht getaucht wie er ... nur tief herabgebeugt über ihre weißen, schlanken Arme, stand Mariette.

„Na ... na ... was ist denn, Mariette ... was ist denn?“

Er ging auf sie zu. Er mußte ihr ja helfen ... er, der Stärkere —

Mit einer sanften, fast demütigen Gebärde ergriff sie seine Hand, legte sie an ihre feuchte — nicht allzu feuchte Wange.

Wie gut war es von ihm, daß er zu ihr kam ... daß sie gerade an dem Wendepunkt ihres Lebens nicht allein war ... So ein armes kleines Mädelchen war sie ... und haßte diese braunen Affen, die ihr nichts zu bieten hatten als Gold und Steine ... Denn ihre Liebe ... Was wußten die von Liebe ...!?

Ihre Wange lag jetzt an seinem Rock, die feine Puderschicht auf ihrem blassen Gesichtchen entwickelte in der frischen, kühlen Nacht einen süßen, sinnverwirrenden Duft ...

Altmann streichelte ihre Wange, und wieder fühlte er den Druck glühender Metallplatten an seinen Schläfen.

Er verlor den Boden der Wirklichkeit ... Was wollte denn das kleine Mädchen, das seine Arme um ihn warf? ... Unten saßen Männer, die ihr ein Vermögen boten; sie aber lief davon und wartete hier auf ihn ... weinte um ihn! ... Wenn er ihr nur in ihrer Sprache sagen könnte, wie dumm das von ihr war, wie strafbar ... ja — strafbar ...

„Mariette ... Mariette!“ ...

Das Blut lief ihm aus dem Gesicht, sein Herz schlug hörbar ...

„Je vous aime!“ ...

Sie war verrückt ... Er legte ihr die Hand auf den Mund. Wenn Karla das hörte ...

„Gehen Sie in Ihr Zimmer, Mariette ... Sie sind ... folle ... folle ...!“

Mariette lächelte still und sicher. Ein Mann, der Antwort gab, war halb bezwungen. Sie strich ihm mit den Fingern über die geraden Brauen:

Er hob sie mit beiden Armen in die Luft, er schüttelte sie, wütend. „Kleine, infame Kröte!“ ...

Er wollte sie in ihr Zimmer werfen wie einen Gegenstand. Da lagen aber auch schon ihre beiden Arme um seinen Hals, und ihre schlanken Bachstelzenbeinchen in den weißseidenen Strümpfen strampelten in der Luft. Sie lachte ... ganz lautlos lachte sie ... Bog den Kopf zurück, mit dem roten Schöpfchen; fein und weiß, vom Mondlicht umflossen, leuchtete ihr Pariser Grisettengesichtchen. Die Nadeln fielen aus ihrem Haar, und immer mit gleichem unhörbarem Lachen schlang sie es um seinen Nacken. Betäubend stieg eine Duftwolke auf, leicht wie Schmetterlingsflügel streiften warme, weiche Lippen sein Gesicht ...

Eine Nachtigall schluchzte auf; im Dunkel des Zimmers schwebten Leuchtkäfer wie blinkende Sterne ...

Die Stimme der Nordeni erklang leise, gedämpft:

„Mariette, Mariette ...“

Ein Rolladen ratterte herab. Die Nordeni läutete dem schwarzen Hotelmädchen, daß sie ihr beim Auskleiden helfen solle. Aber sie zuckte zusammen, als die schwarzen Finger ihre Schultern streiften. Im Spiegel sah sie die Augen des Mädchens: starr, glänzend, begehrlich auf den Schmuck gerichtet. Ein Frösteln lief ihr über die Arme .. Nur das Kleid ließ sie sich aufhaken, dann befahl sie dem Mädchen zu gehen und legte ihre Hand über das Geschmeide, als bange ihr, die starren, begehrlichen Blicke könnten die Steine aus ihrer goldenen Fassung reißen — Die echten und die falschen — — —

Gegen vier Uhr früh erwachte Karla. Sie war ausgeschlafen und munter, gähnte und streckte sich wohlig unter der weißen Decke und dachte an den heutigen Abend. Sie freute sich. Und weil die Freude sie nicht mehr einschlafen ließ, drehte sie das Licht an, schlüpfte in ihre Morgenschuhe und ging aufs Nebenzimmer zu. An der Tür stutzte sie. Warum hatte ihr Mann sie zugemacht? Es war doch sonst nicht seine Gewohnheit. Leise drückte sie die Klinke nieder. Flüsterte leise: „Ernst ...?“

Sie blieb wie erstarrt auf der Schwelle stehen: der Rolladen war hochgezogen — das Zimmer leer, das Bett unberührt. Kühl wehte der Morgenwind von den Bergen herein.

Sie riß die Decke vom Bett, wickelte sich ein und lief auf den Balkon. Die Rolläden vor den Zimmern waren alle herabgelassen. Das Zimmer neben dem ihres Mannes bewohnte die Koloratursängerin. Anschließend war ein Schrank- und Kofferzimmer, ohne Rolladen, dann kam die breite Balkontür der Nordeni — sie beanspruchte für sich stets den schönsten Raum — und nebenan als letztes das Zimmerchen von Mariette.

Auch hier war der Rolladen herabgelassen.

Karlas Zähne schlugen aneinander. Immer kälter fegte der Wind über die Dächer, immer dichter jagte er die grauen Wolken aneinander. Einzelne Tropfen schlugen schwer, in langen Abständen an die Rampe der Veranda, auf deren Eckpfeilern Geranienbüschel ihre roten Blüten über die bunten Steingutschalen neigten.

Plötzlich bückte sich Karla, und ihre bläulich angehauchten Lippen wurden weiß. Sie hielt die kleine, goldene Schlipsnadel ihres Mannes in der Hand — einen Anker, mit einer kleinen Perle — die sie ihm zu seinem Geburtstage geschenkt hatte.

Hier, vor der Tür dieser Person! Karla hob die geballten Hände, als wollte sie die Scheibe einschlagen. Dann fielen ihre Hände herab, fast gegen ihren Willen. Krampfhaft hielt sie die Nadel in der Hand, ohne zu merken, daß ihre Spitze sich so tief einbohrte, daß ein Blutströpfchen an ihr hängen blieb. Sie legte die Nadel auf Altmanns Nachttisch und sank auf sein Bett; ohne recht zu wissen, was sie tat, nahm sie ihren Schuh in die Hand. Aber als sie ihn hielt, da wußte sie, daß, wenn ihr Mann über die Schwelle trat, sie ihm den Schuh ins Gesicht schleuderte, mitten ins Gesicht ... Und dann würde er wissen, daß es aus war zwischen ihnen — für immer aus ..

Regungslos wie eine Puppe saß sie da ... Sie fühlte keine Kälte, keine Erschöpfung, hatte keinen Gedanken im Hirn und keine Überlegung.

Schneller folgten die Tropfen aufeinander, lauter schlugen sie auf, bis es ein Prasseln wurde ...

Ein Rolladen wurde hochgezogen.

Karla schnellte auf. Ihr Herz schlug nicht mehr. Sie hörte Schritte ... sie glaubte, sie zu hören, denn der Regen überlärmte alles ...

Karla lief in ihr Zimmer zurück, riegelte die Tür ab und warf sich schluchzend auf ihr Bett.

Als Altmann seine Stube betrat, sah er nur eine weiße Decke auf der Erde und auf dem Nachttisch die von ihm bereits vermißte Nadel ...

— — — — Um zehn Uhr erst ging Karla hinunter zum Frühstück. Sie war zum Ausgehen angekleidet und hatte gerötete Augenlider. Da es spät war, war sie die einzige im Frühstücksraum. Als sie ihr Ei aufgeklopft hatte, kam Altmann, mit hochgeklapptem Mantelkragen.

„Rasch, Karla, ich bin mit dem Wagen draußen ... wenn du die Probe noch mitmachen willst ...“

„Gewiß ... ja.“

Sie sah ihn nicht an. In ihrem Leben hatte sie sich nicht so geschämt. Der Klang seiner Stimme, die ungewohnt rasche Art seines Sprechens — alles war gemacht, unnatürlich. Sie war bereit gewesen, alles zu verzeihen — jetzt stieg der Zorn wieder wie eine heiße, lodernde Flamme in ihr auf, aber es mischte sich ihm etwas bei, was ihr neu war an ihr selbst: Überlegenheit — beinahe Verachtung.

„Ich bin fertig, wir können fahren.“

Auch ihre Stimme klang anders als sonst. Gemacht höflich, kühl ...

Sie erkannte ihn nicht und sich nicht. Und sie wußte, das würde nun so fortgehen ... lange, lange Zeit ... daß sie miteinander sprechen würden, mit falschen, fremden Stimmen ...

In diesem Augenblick kam Mariette herein. Offenbar hatte sie geglaubt, Karla wäre nicht mehr im Hotel, denn sie blieb erst betroffen stehen und wollte dann mit einem kurzen: „Bonjour, Madame!“ wieder zurücklaufen.

„Ach bitte, einen Augenblick.“

Karlas Augen funkelten; ihr hübsches, rundes Gesicht war wieder rosig überhaucht, wie vor einem großen Vergnügen.

Arglos trat Mariette näher, liebenswürdig lächelten ihre blutroten Lippen.

Karlas Hände aber fielen blitzschnell auf die rechte und die linke Wange der kleinen Pariserin, die, wie erstarrt über die ihr widerfahrene Züchtigung, Karla mit ihren Augen nur so durchbohrte. Ihre Lippen zuckten, ihr Unterkiefer bebte.

Altmann riß Karla mit sich fort:

„Was fällt dir ein? ... Wie benimmst du dich? ... Man muß sich ja schämen .. in meiner Gegenwart ..“

Karla befreite ihre Hand. Sie hatte ihr Mütchen gekühlt und war gleich wieder mal bereit gewesen, alles zu verzeihen, sich im Wagen mit ihrem Mann zu versöhnen. Seine Worte löschten alle ihre guten Vorsätze aus.

„In deiner Gegenwart nur? Schade ... ich wollte eigentlich vor dem versammelten Personal ...“

Sie stieg in den Wagen. Altmann schlug heftig die Tür hinter ihr zu. Sie sah, wie er mit aufgespanntem Regenschirm und hochgekrempelten Beinkleidern neben dem langsam fahrenden Wagen herging, und wie das Wasser bei jedem seiner Schritte patschend aufspritzte. — —

Der Abend brachte Karla ihren bisher größten Erfolg. Sie war noch nie so gut bei Stimme gewesen, hatte noch nie ein so alles überragendes, leidenschaftliches Spiel gezeigt. Es war für Karla ein ungeahnter Triumph, daß ihre Senta den fliegenden Holländer selbst in den Schatten stellte. Man hörte, man sah nur Karla König. Keinem Stierkämpfer waren je begeistertere Huldigungen dargebracht worden! Blumen, Fächer, Taschentücher, ja sogar Ringe, Armbänder und Halsketten flogen auf die Bühne. Die Frauen jubelten Karla fast noch mehr zu als die Männer. Sie waren bereit, sich vor ihr niederzuwerfen, mit ihren kostbaren Kleidern und mit ihren Leibern einen Teppich zu bilden, auf dem sie bis in ihr Hotel schreiten könnte. Karla König hatte ihnen ihr Frauenschicksal gesungen ...

Die Polizei mußte einschreiten, um Karla zu schützen, denn hundert gierige, fanatische Hände streckten sich nach ihr aus, um eine Spitze ihres Kleides, eine Strähne ihres Haares an sich zu reißen.

Zitternd und blaß kam Karla, von John Russel und Kapelle geleitet, im Hotel an.

Eine Zeitlang hielt Russel einen Platz für die Nordeni frei, aber Schädlowski sagte etwas von einer Einladung und „großen Geschichte“, die im Nebensaal gefeiert werden sollte.

„Vielleicht verlobt sie sich“, meinte Kapelle laut und gallig. „Ich wünsche es ihr und mir!“

Er war jedesmal schlechter Laune am Vorabend ihres Auftretens.

Kapelle neigte sich zu Karla, er hätte etwas gehört von großartigen Beziehungen, die die Nordeni hier hätte ... vielleicht ... bei Gott und in Brasilien war kein Ding unmöglich ... vielleicht blühte ihm noch die Aussicht, ihr einmal in ehrlicher Freude die Hand schütteln zu können ...

„Sie sind boshaft, Kapelle! Ich stoße heute nicht mit Ihnen an.“

„Schön. Und wenn Sie verständig sind, dann trinken Sie überhaupt nicht soviel Schaumwein. Selterwasser mit Zucker und einem Gläschen Kognak tut’s auch. Russel ist ein Esel — er glaubt, wunder wie nobel er ist, wenn er Ihnen Magen und Stimme ruiniert! Was geht’s ihn auch an? Sind Sie erst fertig, findet er eine andere!“

Nie war er so gesprächig gewesen. Es war, als wollte er verhindern, daß Karla sich noch weiter im Erfolge des heutigen Abends sonnte.

„Wo ist denn Ihr Mann?“

Karla wurde rot. Sie hatte gar nicht gedacht an ihn den ganzen Abend und seine Abwesenheit nicht bemerkt. So ausschließlich war sie mit sich beschäftigt gewesen. Jetzt kam ihr das Erinnern zurück. Einige Augenblicke später kam Altmann an, mit einem kleinen zusammengebundenen Tuch. Er warf es vor Karla auf den Tisch.

„Da ... das haben die Arbeiter noch zusammengefegt.“

Im Bündel lagen Schmuckstücke, kostbare Spitzentücher, Fächer.

Karla sah, wie die Blicke der Kolleginnen lüstern, neugierig und neidisch an den glitzernden Gegenständen hingen. Und sie waren ihr plötzlich verleidet.

Sie warf jeder Kollegin etwas über den Tisch zu, ohne auszusuchen: eine Nadel, einen Ring, ein Armband. Es waren Kostbarkeiten darunter, wie sie keine von ihnen allen besaß.

„Was machen Sie, Karla ... aber das geht doch nicht .. das können wir nicht annehmen! ...“

Karla lachte laut.

„Warum nicht? Habt ihr alle, ja? ...“

Sie schüttelte das Tuch aus.

Was sollte ihr das? Sie hatte mehr hergeben müssen als ein paar blitzende Steine und ein bißchen Gold! ... Das konnte sie immer wieder mal haben ... Aber das andere ... das felsenfeste Vertrauen ... das ...

Altmann rüttelte an ihrer Stuhllehne.

„Was machst du? Du verdienst Prügel ...“

Sie lachte. Ebenso hätte sie Gärten und Häuser verschenkt! Mochte er hinter ihrem Stuhl nur sehen, wie gleichgültig ihr das Zeug alles war ... „Wurscht“ war es ihr! ... Ganz wurscht! ... Ihr, die einem goldenen Reif mit Rubinschloß nachgeweint hatte! ...

John Russel führte seine Tasse mit Schildkrötensuppe an die Lippen und lächelte. Die war aus gutem Stoff, die König ... anders als die Nordeni. Die ließ er nicht sobald los! Aus der ließ sich wirklich mal was machen! Nicht bloß bei den Wilden!

Kapelle legte seine Hand auf Karlas Arm.

„Ihre Suppe wird kalt.“

„Ja ...“

Sie wurde plötzlich ganz still.

Um das, was sie verschenkt hatte, war ihr nicht leid. Aber sie fühlte, daß sie zu weit gegangen war. Denn Altmann setzte sich, grau vor Ärger, weit weg von ihr, an das äußerste Ende der Tafel. Als das Eis herumgereicht wurde, erklangen aus dem Nebensaal laute Hochrufe.

„Was ist denn dort los?“ fragte Russel den Hotelleiter, der nach altem Herkommen immer um diese Zeit seine zweite Runde um die Tische machte.

„Don Pedro de Santos feiert seine Verlobung mit dem französischen Fräulein ...“

„Mit Mariette?“ schrie der ganze Tisch auf.

In dem Lärmen und Lachen, das jetzt einsetzte, blickte Karla zu ihrem Manne hinüber. Er hatte noch immer dieselbe graue Farbe, aber er nahm sehr ruhig von dem Ananaseis, das ihm angeboten wurde, und nur der Löffel fiel schneller herab, als er gedacht hatte, denn der feine Teller zersprang klirrend mitten durch ...

Und gleich darauf kam die Nordeni. Ihr eiergelbes Brokatkleid rauschte über das Parkett, ihre Juwelen funkelten, bereichert um einen Brillantschmetterling, den ihr Don Pedro als „Trostpreis“ verehrt hatte.

Sie war sehr blaß unter der stärker als sonst aufgetragenen Schminke und schien sehr erschöpft.

Russel machte ihr Platz neben sich — aus alter Gewohnheit, und schenkte ihr ein Glas Sekt ein. Der ganze Tisch bestürmte sie mit Fragen.

„Ja ... ja ... es kam sehr plötzlich ... obwohl ... ja, ich muß sagen ... ich habe mir gleich so etwas gedacht. Die de Santos sind sehr impulsive Menschen ... sehr impulsiv und leidenschaftlich. Ich habe Mariette zugeredet! Das kann ich wohl behaupten, sehr zugeredet! Der Mann ist vielfacher Millionär ... Die Kleine macht ihr Glück! Sie ist ehrlich ... ganz ehrlich, und läßt ihn fühlen, daß er ihre Liebe erst erringen muß ... Merkwürdig, wie so ein kleines Ding den Instinkt mitbekommt für das, was wirkt ... Für mich ist es ein großer Verlust ... ich liebte sie ... wie eine Tochter ... das kann ich wohl sagen ... Sie wird mir sehr fehlen! Sehr! ... In vierzehn Tagen soll die Hochzeit sein.“

Sie atmete schwer auf, erhob sich und reichte Karla über den Tisch die Hand.

„Ich habe Sie noch gar nicht beglückwünscht, liebe Kollegin .. man spricht nur von Ihnen ... Sie haben sich selbst übertroffen ... es wird morgen schwer sein für mich ... sehr schwer! ... Wo ist Ihr lieber Mann? Ich wollte ihn fragen, ob er nicht ein bißchen zu uns herüberkommen will ...“

Karla blickte mit den anderen zum Platz hin, an dem Altmann gesessen. Er war leer.

Die Nordeni lächelte mühsam.

„Macht nichts. Ein andermal ... wir bleiben ja noch zusammen... auf Wiedersehen, Kinder! ...“

Langsam, majestätisch schritt sie wieder hinaus.

Am Tisch war es still geworden. In den Augen der Frauen lag Trauer und Sehnen.

— — — Altmann hatte sein beleidigtes Gesicht. Das Gesicht, an dem Karlas beste Laune zerschellte. Das Gesicht, das sie an die trostlosesten Tage von Kiel und Berlin erinnerte.

Und die Erinnerung an sie spannte einen eisernen Reifen um ihr Herz.

Die Zeit, da sie ihm in bedingungslosem Verzeihen an den Hals geflogen wäre, war verpaßt. Er aber besaß nicht Geschmeidigkeit genug, eine Aussprache herbeizuführen.

Ihre erste Andeutung schnitt er mit den Worten ab:

„Du bist albern, liebes Kind, und recht geschmacklos. Es gibt Dinge, die eine Frau, die Herz und Geschmack hat, nie mehr berührt.“

In seinem Innern war er aufs tiefste empört über Mariettes Verlobung. Seine Eigenliebe hatte die böseste Schlappe davongetragen. Er hatte sich von ihr nasführen lassen, war ins Garn gegangen wie ein dummer Gimpel.

Karla mußte doch fühlen, zum Donnerwetter, daß sie nie mehr daran rühren durfte, daß sie ihm nicht zu verzeihen, sondern ihn zu schonen hatte. Das wenigstens hatte er doch um sie verdient! Weil eine Aussprache von Tag zu Tag unmöglicher wurde zwischen ihnen, wurde die Kälte immer größer.

Karla hatte gerade jetzt und gerade hier so große Erfolge, wurde so dringend überall eingeladen, daß ihr zum Glück nicht viel Zeit blieb, sich das Gesicht ihres Mannes immer genau anzusehen. Nur die anderen empfanden den immer verschlossen und gleichsam beleidigt dreinblickenden Mann, dem sie als dem Gatten der gefeierten Primadonna die Hand drücken, den sie an ihrem Tisch sehen mußten, als eine nicht sehr willkommene Beigabe.

Die göttliche Frau mußte steinunglücklich an der Seite dieses Menschen sein! Einzelne Damen suchten sie zu einer vertraulichen Aussprache zu bewegen. Aber Karla hätte sich eher der letzten deutschen Choristin offenbart als den übereleganten, leichtfertigen, vergnügungssüchtigen Kreolinnen. Überall, wo sie hinkam, erzählte sie von Schmerzchen. Aber da sie so wenig von ihrem Kinde wußte, sprach sie nur von ihrer Sehnsucht und von ihrem Zukunftstraum, das Kind zu sich zu nehmen und nie mehr von sich zu lassen.

Die Damen hatten sich bald ihre fertige Meinung über Karla gebildet. Sie war eine große Künstlerin. Aber dumm — dumm! ... Es war unmöglich, mit ihr über etwas Vernünftiges zu sprechen. Die Nordeni war entschieden unterhaltsamer.

Und diese selben Frauen, die ihr an dem ersten Opernabend ihren Schmuck zugeworfen, ihre Herzen ihr unter die Füße gelegt hatten, weil ihre herrliche Stimme die leidenschaftlichsten Gefühle in ihnen erregt hatte, wußten mit dem Menschen in ihr nichts anzufangen.

Sie stellten Karla ans Klavier und ließen sie singen. Dafür bezahlten sie sie fürstlich. Und abends trugen sie ihre Begeisterung für die Künstlerin zur Schau, bezahlten sie mit dem Zerreißen ihrer Handschuhe und dem Wehen ihrer Taschentücher.

Mit der Nordeni plauderten sie. Und wenn sie sang, plauderten sie auch. Die Braut des Don Pedro de Santos aber erwarteten sie in ihrer Mitte mit der bewegten Neugierde, die einer geborenen Pariserin und der Vertrauten einer Primadonna gebührte.

Die Hochzeit war ein Ereignis für die Stadt.

De Santos lud alle ersten Mitglieder der Russelschen Gesellschaft zur Trauung ein, die nach Art der eleganten Trauungen jener Zeit um Mitternacht stattfinden sollte.

Der größte Teil der Gesellschaft wohnte an dem Hochzeitsabend der Opernvorstellung bei. Die Damen, in tief ausgeschnittenen Kleidern, mit all ihren Juwelen behangen. In einer der Mittellogen prangte die Nordeni, blaß, effektvoll, glitzernder als alle Millionärinnen ringsherum. Gegen zehn erschien de Santos in ihrer Loge, im Frack und weißer Binde wie alle Herren. Aber mit einer weißen Orangenblüte im Knopfloch.

War die Aufmerksamkeit an jenem Abend — trotz Karlas wundervoller, von jeder Schablone abweichenden Leistung als Leonore im Troubadour — sehr geteilt, so wendete sich das Publikum beim Erscheinen de Santos’ fast wie auf Verabredung der Loge der Nordeni zu.

Karla sang ins Leere, wie sie vor bald drei Jahren bei Astrongs ins Leere gesungen hatte.

Ihre Gottheit war entthront, eine andere, wenigstens für die Dauer von ein paar Stunden, an ihre Stelle erhoben. Diese Gottheit war — Mariette. Ihr weißer Brautschleier wallte unsichtbar über dem stets nach neuen Aufregungen dürstendem Publikum.

Als de Santos die Loge verließ, war es mit der Ruhe im Hause zu Ende. Karlas große Sterbeszene ging unter im Klappern der Sitze, im Zuschlagen der Türen, im Zischen der billigeren Plätze, die ihr teures Geld nicht umsonst geopfert haben wollten. Eine kleine Balgerei am Ausgang, wobei einigen Herren die Zylinder eingeschlagen wurden und eine Dame laute Schreie ausstieß, steigerte die Flucht des Publikums zu einer panikartigen.

Kapelle klopfte ab, drückte auf den elektrischen Knopf am Pult, und mitten in einem unaufgelösten Akkord hörte das Orchester zu spielen auf, fiel der Vorhang herab.

Bleich, mit zornfunkelnden Augen, in ihrem schwarzen Samtkostüm, stand Karla vor John Russel.

„Was ist das? ... Wollen Sie mir nicht sagen, was das ist?“

„Well ... das ist Brasilien, weiter nichts, und die Hochzeit von Mademoiselle Mariette ...“

„Diese Person ... diese abscheuliche Person ... auch das noch ... auch das!“

Sie lief in ihre Garderobe, fiel vor ihrem Schminktisch auf den Stuhl und ließ ihre kalten, zornigen Tränen über die geschminkten Wangen laufen.

Altmann kam herein. Seine Blicke schweiften unsicher über Karla.

„Das nützt nichts ... schmink dich ab, und machen wir, daß wir nach Hause kommen ...“

Sie schlug mit beiden geballten Händen auf den Tisch.

„Wegen einer solchen Person ... einer solchen Person ... Mir das! Mir ... Erst den Mann und dann ... Und gerade mir! Warum gerade mir ...?“

„Ich bitte dich, Karla ... ich bitte dich ...“

Ihm war gar nicht wohl zu Mute bei der ganzen Sache.

„Sei vernünftig, Karla ... ich werde dir helfen.“

Aber sie kannte sich nicht mehr, stieß ihn zurück. „Laß mich ... rühr’ mich nicht an ... komm mir nicht nahe ...“

Sie stürzte zur Tür.

„So schmink dich doch wenigstens ab ... so kannst du doch nicht herauslaufen.“

„Ja ... ja ... aber komm mir nicht nah’ ...“

Ihre Zähne schlugen aneinander wie im Fieber, ihre Hände bebten. Sie fuhr sich mit dem Tuch zwei-, dreimal übers Gesicht.

„So ... so ... so. Nun ist’s gut. Gut genug.“

Sie schlang ihren schwarzen Spitzenschal um den Kopf und zerrte ein Ende über ihr gerötetes, verweintes Gesicht.

„Du willst mit dem Kostüm auf die Straße?“

„Ja, mit dem Kostüm! Ich habe nicht Lust, jetzt den Hochzeitsgästen zu begegnen ...“

Sie riß Altmann ihren Umhang aus der Hand und warf ihn über den schwarzen Samt. Sie lief an ihm vorbei aus der Tür. Er folgte ihr, rasch, entschieden — besorgt, daß sie Unheil anrichten könnte in ihrer Aufregung. Vor dem Ausgang standen mehrere Wagen. Nur nach Hause in ihr Zimmer ...! Sie sprang aus dem Wagen, noch bevor er vor dem Hotel recht gehalten hatte. Ihre Füße traten weich. Ein purpurroter, breiter Teppichstreifen führte aus der offenen Halle durch den taghell erleuchteten Vorgarten bis zur Bordschwelle.

Sie lief neben dem Teppich her, nur um nicht etwa die Stelle zu berühren, über die der Fuß „dieser Person“ schreiten würde. Eine Reihe eleganter Wagen hielt in einiger Entfernung von dem Gitter; in der blendend erleuchteten Halle standen mehrere Herren im Frack. Sie eilte an ihnen vorbei, um, so rasch sie ihre Füße trugen, ihr Zimmer zu gewinnen. Aber als sie schon auf der zweiten Treppenstufe stand, mußte sie wieder zurücktreten. Denn ihr entgegen kamen vier junge Mädchen in weißen Spitzenkleidern mit blauen Schärpen, und hinter ihnen schritt de Santos, sehr ernst, sehr feierlich, und an seinem Arm Mariette, in schwerem, weißem Atlas, ein Orangenblütenkrönchen, das Symbol der Unschuld, auf dem hochfrisierten Haar, dessen brennendes Rot von den weichen, duftigen Falten eines kostbaren Brautschleiers umflossen war. Vier kleine Knaben, in weißseidenen Matrosenanzügen, trugen die mit Orangenblüten besäte breite und endlos lange Schleppe. Die Nordeni mit ihrem funkelnden Geschmeide, ein fast unwahrscheinlich blitzendes Diadem im schwarzen Haar, die Schultern kaum bedeckt von einem neuen, kurzen Hermelinkragen, beschloß den Zug.

Die Herren in der Halle nahmen beim Nahen der Braut die Zylinder ab, und Karla sah, daß auch ihr Mann seinen Hut zog. Wie gleichgültig und kalt er es tat, wie ausschließlich nur, um einer äußeren Form zu genügen, deren Nichterfüllung aufgefallen wäre — das sah sie nicht.

Sie lief in ihr Zimmer und riegelte sich von beiden Seiten ein.

Außer Kapelle und Altmann war heute niemand in dem weißen Speisesaal. Sie saßen an dem langen, sonst so belebten Tisch einander gegenüber und aßen, ohne zu reden.

Erst beim Obst knurrte Kapelle:

„Daß die kleine Kanaille hier bleibt, ist immerhin auch was.“

„Ja“, sagte Altmann trocken.

Er haßte sie jetzt nicht so sehr, weil sie ihn zur Untreue gegen Karla, sondern zur Untreue gegen sich selbst verleitet hatte. Die Unfehlbarkeit, auf die er zeitlebens so stolz gewesen, war hinfällig. Um seinen Mund zuckte es bitter.

Kapelle tat einen kräftigen Zug aus seinem Strohhalm.

„Geschehnisse, welcher Art sie immer sein mögen, sind hier mit einem besonderen Maße zu messen. Wie man europäischen Ballast nicht mit herübernehmen darf, so von hier aus nichts nach Hause. Überhaupt ... das mit dem einen einzigen Leben, das wir haben, ist ja Unsinn. Hundert Leben hätten wir, wenn wir nur wollten! Aber wir kleben fest — äußerlich oder innerlich, gleich Schnecken, die überall ihr Gehäuse mit sich schleppen. Wir haben uns nicht zum Vergessen erzogen, zum willkürlichen bewußten Vergessen, obwohl es das größte Gnadengeschenk des Himmels ist!“

„Lieber Freund ... wenn wir als Kinder etwas vergaßen, dann setzte es Prügel: Du hast nichts zu vergessen!“

„Das beweist, daß die Kinder für die Eltern und die Lehrer erzogen werden, aber nicht für das Leben. Sie haben ein Kind, Altmann, denken Sie manchmal dran!“

„Ein Mädchen ... ich bitte Sie —“

„Eben. Gerade. Frauen haben ein mordendes Gedächtnis. Ihr Gedächtnis ist ihre Moral. Und nur im Vergessen liegt Güte ... Ein gütiger Mensch hat viele Leben! Denn immer wieder muß er von vorn anfangen ... das erhält ihn jung. Optimisten sind immer vergeßlich. Frauen sind selten optimistisch ... weil sie aus ihrem Erinnern schöpfen.“

Kapelle sprach hastig, wie aufgepeitscht von einer Welle eigenen Erinnerns.

„Ich möchte noch an die Luft — vor vier regnet es ja doch nicht ... halten Sie mit, Kapelle?“

Schweigend gingen die Männer durch die Nacht.

Endlich sagte Kapelle: „Ich weiß hier in der Nähe eine kleine Kneipe ... die ist die ganze Nacht offen ...“

Sie nahmen Platz an einem der wenigen Bambustischchen, die auf der offenen Veranda unter bunten Papierlampions verteilt waren.

Kaum hundert Schritte vor der Rampe lag die breite Straße, die die innere Stadt mit dem Villenviertel verband.

Es mochte gegen halb zwei sein, als das Aufschlagen von Pferdehufen sich vernehmen ließ. Zwei große Acetylenlaternen starrten wie kalte, weiße Augen aus der Finsternis heraus — wurden größer, immer größer, bis der Wagen selbst, vor dem sie hingen, erkennbar wurde in ihrem Licht.

„Das sind die Gäule von de Santos ... die haben alle denselben Hufschlag. Schädlowski sollte vom Stallmeister de Santos’ — Gefühl für Rhythmus lernen ...“

„Wer mag denn schon so festmüde sein?“

Kapelle stocherte mit seinem Löffelstiel in der Räucherschale herum und zuckte die Achseln.

„Die Nordeni vielleicht ... Die sah mir ganz danach aus ... Die hat’s satt, sage ich Ihnen ... bis zum Halse ...“

Er schlug mit dem Löffel auf den Tisch.

„Lassen Sie’s nicht so weit kommen mit Ihrer Frau ... Ruck, ein ander Bild, ein neues Leben ... taugt hier nichts ... wär’ schade ... schade ...“

Kapelle hatte recht gehabt. Es war die Nordeni.

Ganz heimlich hatte sie sich fortgeschlichen, als die ersten Paare sich zur Polonaise anstellten, die den Ball eröffnen sollte.

De Santos fing sie noch ab, als sie sich gerade den Hermelinkragen umgeben ließ. Er befahl dem Diener, daß sein Wagen vorfahre und ein Diener sie bis zum Hotel brächte. Er küßte ihr die Hände und dankte ihr. Er brachte sie die Marmorstufen hinunter bis zum Wagen. Barhäuptig, sehr respektvoll, aber doch froh, daß sie nun nicht immer als dritte da sein würde, zwischen ihm und Mariette.

„Ich werde alles tun, um sie glücklich zu machen.“

Die Nordeni nickte müde. Wie naiv diese Männer doch waren ... Die Besten waren naiv ... die anderen ...

Elegant und sicher trugen sie die schönen, schwarzen Pferde ihrem Hotel zu. Sie fror in ihrem prächtigen Hermelinkragen. In diesem Wagen würde Mariette fortan fahren ... Oder nicht? ... Mariette hatte schon von einem Auto gesprochen. Sie wollte die erste sein, die es hier einführte ...

Ein feuchter, kalter Schweiß trat der Nordeni auf die Schläfen, als sie daran dachte, daß sie in drei Tagen würde packen müssen ... allein ... und dann wieder auspacken ... und abermals packen ... ihre Kleider, ihre Wäsche, ihre Schuhe, ihre Haare, ihr Geschmeide ... Reisen ... Singen ... Singen ... und die Grobheiten von Kapelle ...! Immer schwerer wurde es ihr, das hochnäsige Lächeln festzuhalten ... immer schwerer, die Höhe zu erklimmen ... So viel Staub lag in ihrer Kehle, so viel Müdigkeit in ihren Gliedern ...

Der Wagen hielt. Der Diener sprang vom Bock, öffnete den Schlag, die Finger an der Hutkokarde. Sie nickte herablassend — ihr Diadem funkelte auf in dem behende angedrehten Licht der Hotelhalle. Aalgleich wand sich ein Neger an ihr vorbei, drehte überall das Licht an. Auch in ihrem Zimmer.

Es war nur flüchtig geordnet — von fremden, lieblosen, ungeschickten Händen. Jetzt war sie wenigstens allein ... Um keinen Preis rief sie das schwarze Mädchen ... Und wenn sie die ganze Nacht angekleidet bleiben sollte! ... Eine der Kolleginnen würde ihr schon helfen, wenn sie von der Hochzeitsfeier zurückkämen ...

Die Tür zum kleinen Zimmer nebenan stand noch auf. Wenn sie Licht darin machte, dann konnte sie sich allenfalls einbilden, Mariette wäre noch da, bürste ihr rotes Haar und ordne es unter dem hübschen Netz, mit den blauen Schleifen, das sie über Nacht immer trug ...

Langsam ging sie auf das Zimmer zu. Ihre Schleppe rauschte hinter ihr drein, ihre Steine funkelten auf, wie Strahlen einer scheidenden Sonne. Aber kaum hatte sie den Fuß über die Schwelle gesetzt, als das Licht in ihrer eigenen großen Stube erlosch. Etwas Weiches, Glattes, gleich zwei nackten Frauenarmen, umklammerte ihren Hals — gleichzeitig fühlte sie einen Schlag gegen die Stirn und schrie auf — kurz und hoch und klar. Stieß in ihrem Todesschrei noch zum letztenmal den Ton aus, auf dem ihr ganzes Leben aufgebaut gewesen war — das hohe C ...

— — — Die Vorstellung am nächsten Abend fiel aus.

Den ganzen Tag standen Schutzleute vor dem Hotel, um die andrängende Menge zurückzuhalten. Schließlich mußte die Straße abgesperrt werden, da es allen Anschein nahm, als ob sich eine Korsofahrt vor dem Hause entwickeln sollte ...

Eine Kommission hatte den ganzen Morgen über den Tatbestand des Mordes aufgenommen. Von der schwarzen Dienerschaft waren ein Neger und seine Liebste, die Stubenmädchen war, verschwunden. Sie hatten reiche Beute gemacht und mußten Helfershelfer gefunden haben außerhalb des Hotels ... Als alles vorüber war, ließ Russel die Nordeni feierlich aufbahren. Die Stirn mit der klaffenden Wunde war mit einem Spitzenschleier umwunden.

Bis in die Lippen bleich, mit verstörten großen Augen schlich sich Karla zu ihr herein. Sie faltete die Hände, als wollte sie beten, aber ihre Lippen vermochten keine Silbe zu formen.

„Primadonnentod“, murmelte jemand neben ihr.

Es war Kapelle.

Sie schrak zusammen, als hätte sie jemand am Genick gepackt, und da Altmann, der gerade einen riesengroßen Kranz zu Füßen der Toten niedergelegt hatte, sich aufrichtete — warf Karla aufschluchzend ihre beiden Arme um seinen Hals ...

„Mein Mann ... mein lieber Mann! ...“

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K
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Karla König konnte sich lange nicht von ihrer Erschütterung erholen. Sie litt an Weinkrämpfen, war krankhaft ängstlich geworden, und nicht selten mußte ein im Theater anwesender Arzt, mit Beruhigungsmitteln aller Art ausgerüstet, die Zwischenakte in ihrer Garderobe verbringen.

Nachts konnte sie oft stundenlang nicht schlafen, sah immer Mariette vor sich, wie sie in einem langschleppenden schwarzen Kleide vor der Bahre der Nordeni niedergekniet war und sich die Tränen mit einem kostbaren Spitzentüchlein getrocknet hatte.

De Santos hatte hinter ihr gestanden, wieder sehr bewegt und sehr feierlich. Ein Diener brachte einen Kranz, groß wie ein Wagenrad.

Mariette und die Nordeni mit ihrem tragischen Ende schienen Karla unlöslich mit ihrem Manne verknüpft. An dieser Vorstellung litt sie mit tausend Schmerzen. Ihre Erfolge freuten sie nicht mehr. Wenn Altmann im Theater zurückgehalten war und sie längere Zeit allein blieb, dann ging sie auf die Suche nach Kapelle.

Das erstemal hatte sie an seiner Zimmertür angeklopft.

„Sie? Was ist? Was wollen Sie?“

Es war kein sehr freundlicher Empfang gewesen.

„Darf ich ein bißchen bei Ihnen bleiben?“

Er stieß die Balkontür auf, klappte die Notenblätter zusammen, die auf seinem Tisch ausgestreut lagen.

„Was schreiben Sie, Kapelle?“

„Schreiben? Ich? ... Ich schreibe überhaupt nichts. Stimmen ziehe ich ein. Wann zum Deubel ist denn endlich Ihr Vertrag mit Russel zu Ende?“

„Weiß nicht. Ich bin im Vorschuß ... gehen läßt er mich nicht so bald ...“

„Läßt er nicht ... ja ... glaub’s gern ... Wär ja auch eine Eselei von seinem Standpunkt ... Aber Ihr Mann ... ich meine: Haben Sie denn nichts? ... Gar nichts? ...“

„Geld meinen Sie? Nein, Kapelle ... Geld haben wir nicht ... so viel nicht. Auf der Reise geht doch eine Menge drauf ... Russel sagte letzthin ... so eine erste Rundreise wäre nie lohnend. Erst die zweite brächte auch wirklich was ein.“

„Ja, das sagt er immer“, schnitt Kapelle trocken ab.

„Aber ich möchte nicht, Kapelle ... Noch einmal da herunter ... noch einmal dieselben Hotels, dasselbe Publikum ... Unterdes wächst mein Kind heran. Weiß nicht mal, wie ich aussehe ...“

„Und Ihre Stimme geht flöten ... ja ... oder Sie verschlampen ... Gestern ... glauben Sie, es war schön, wie Sie gesungen haben? Für die Idioten hier noch zehnmal zu gut — aber für uns zwei ... war es schön?“

Karla schoß das Wasser in die Augen.

„Ich weiß nicht ... ich hör’ mich nicht mehr ... ich hab’ keine Freude an mir.“

Sie hatte keine Freude an sich mehr. Das war es. Es konnte ihr auf die Dauer nicht gleichgültig sein, vor wem sie sang und was. Immer dieselben fünf, sechs Partien. Das machte sie krank.

„Glaubst du, es macht mir Vergnügen, den Inspizienten zu spielen?“, meinte dann Altmann, „immer dasselbe zu sagen und zu tun? ... Das Leben ist eben keine Freuden-, sondern eine Pflichtenkette.“

Seit Karla ihm an der Bahre der Nordeni so triebhaft um den Hals gefallen war, hatte er seine Autorität ihr gegenüber langsam wieder zurückzuerobern versucht. Es fiel ihm nicht schwer. Karla war weicher, fügsamer denn je in dieser ersten schweren Zeit ihrer Niedergeschlagenheit. Sie klammerte sich an ihn mit aller Kraft ihrer verängstigten Seele, ordnete sich ihm unter, mit aller Dankbarkeit für das Schicksal, das ihr in ihm einen Beschützer und Beschirmer gegeben. Er aber erstarkte an ihrer Schwäche und fand, daß die einzige Möglichkeit für ihn, über die demütigende Erinnerung an sein Verfehlen hinwegzukommen, in einem fortab noch lebhafteren Betonen ehrbar bürgerlicher Grundsätze lag.

Einmal brach sie in Tränen aus.

„Sag’ Ernst ... kannst du ihn denn nicht bewegen, mich frei zu lassen? Ist es denn gar nicht möglich?“

Altmann zerbiß sich die Lippe, wußte nicht recht, was er ihr antworten sollte. Schließlich gestand er ihr, daß er den Vorschuß wohl allenfalls zurückzahlen könnte von dem, was er bei Seite gelegt hätte, aber Russel spräche bereits von einer Verlängerung des Vertrages auf ein Jahr ...! Karla sollte das Doppelte der Gage haben und nicht über das nördliche Amerika hinauskommen. Russel ließ sogar durchblicken, daß er allenfalls auch den Vorschuß streichen wollte. Hielt nur mit einem bestimmten Versprechen zurück, um nicht einen letzten guten Schachzug frühzeitig aus der Hand zu geben. Er, Altmann, war sehr geneigt, mit Russel einig zu werden, denn ob Karla nun das Kind wiedersah, wenn es drei oder vier Jahre alt war, das konnte doch wirklich in einer so ernsten Frage nicht mitspielen. Aber es war wirklich nicht gleichgültig, ob sie zwanzigtausend mehr oder weniger heimbrächten.

„Das ist mir aber völlig gleichgültig“, meinte Karla mit zuckenden Lippen.

Altmann wurde ungeduldig.

„Ja, liebes Kind, du sorgst dich ja auch nicht um das Weitere, überläßt alles hübsch mir.“

„Wir werden nicht verhungern ... Schließlich nimmt mich jetzt jede Bühne ...“

Es war ihr erster ernster Widerstand.

Er traf ihn doppelt fühlbar nach den langen Wochen bedingungsloser Unterwürfigkeit. Kalter Zorn erfüllte ihn, versteinerte seine Züge. Das Geld, das er Monat auf Monat zurückgelegt hatte, das gab er keinesfalls heraus — nur um eine Laune, eine kindische Sehnsucht zu befriedigen!

„Glaubst du, ich möchte nicht auch mein Kind sehen? Meine Geschwister? Ich beherrsche mich eben.“

Sie schüttelte den Kopf, müde, erschöpft von all den Gegenreden, die sie wortlos innerlich gehalten hatte.

„Nicht bloß des Kindes wegen ... aber auch meine Stimme ... Ich müßte wieder ein paar Stunden nehmen, neue Partien studieren ... Ich verkomme ja hier ... fühlst du denn das nicht — ich verkomme ...“

„Unsinn, Karla. Das redest du dir nur ein. Du verkommst gar nicht, wenn du ein Jahr länger bleibst.“

Sie sprang vom Sessel auf.

„Ein Jahr ... und wieder ein Jahr ... und noch ein Jahr ... wie er es mit der Nordeni gemacht hat ... ich weiß schon!“

Altmann fing nicht mehr davon an.

Russel hatte gesagt: „Ihre Frau will jetzt nicht? Well, warten wir bis New York. Ich lasse sie dreimal in der Metropolitan singen ... Das wird sie mit Amerika wieder aussöhnen ...“

Es begab sich eines Abends, in einer der letzten Gastspielstädte, daß Kapelle dreimal laut hörbar mit dem Taktstock aufschlagen mußte, um Karla von irgendwoher, wo ihre Gedanken gerade weilten, zurückzuholen.

„Schweinerei, verdammte!“

Sie hörte es von der Bühne herab und wurde blaß unter der Schminke.

Im Zwischenakt versuchte sie überall, seiner habhaft zu werden; schickte Ankleidefrau, Theaterarbeiter und einen Statisten, ihn zu suchen. Er ließ sich jedoch nicht finden.

Nun war er gewiß wütend auf sie. Sie hatte ihren besten Freund verloren. Sie fühlte sich schwer unglücklich. Auch während der folgenden Wochen war es ihr nicht möglich, mehr als einen flüchtigen Gruß mit ihm zu wechseln. Er sah es nie, daß sie auf ihn zueilen wollte, rückte nur kaum merklich an seinem Hut und ging, ohne sie weiter anzusehen, vorüber. Seine Mahlzeiten nahm er nicht mehr gemeinsam mit der Gesellschaft, wohnte auch nicht mehr in demselben Hotel.

— — Die letzten Stunden vor der Ankunft in New York verbrachte der größte Teil der Gesellschaft, mit Russel an der Spitze, im Speisewagen. Es wurde nach alter Gewohnheit viel Sekt getrunken, Russel sprach einige Worte, dankte den Mitgliedern für „ihre Arbeit“ und gedachte eines seiner treuesten, erfolgreichsten Mitglieder, der „unvergeßlichen“ Nordeni. Alle standen auf und blieben einige Augenblicke stumm.

Nachdem alle wieder ihre Plätze eingenommen hatten, erhob sich der Bariton mit einigen Dankesworten im Namen der Mitglieder. Aufs neue klangen die Gläser zusammen als bekräftigender, heiterer Abschluß. Aber zum Staunen aller sprach Russel noch einmal: Er hätte immer mit viel Vergnügen die Kunstfahrten seiner Mitglieder geleitet und hätte manch neuen Stern dabei entdeckt, den er weiter auf seiner glänzenden Bahn verfolgte. Diesmal hätte er außer Freuden, Mühen und unvermuteter Trauer noch etwas gefunden: Beistand. Dieser Beistand wäre ihm von Mister Altmann gekommen, den er schätzen gelernt hätte. Und darum hoffte er, sein dear friend Altmann würde ihn auch weiter auf eine Reihe von Jahren entlasten wollen. Keinem übergebe er lieber einen Teil der Leitung als ihm, der sich in allen schwierigen Lagen so trefflich bewährt hatte.

Er schüttelte Altmann die Hand, andauernd und fast übertrieben herzlich.

Karlas Augen starrten die beiden groß an. Vor einem Jahr, vor zwei, wäre sie stolz gewesen über diese Worte, hätte gejubelt und wäre ihrem Manne an den Hals geflogen .... Aber jetzt ... heute ... heute, wo alles vorbei sein mußte? ...

Sie glaubte nicht an Russels Bewunderung für ihren Mann. Es lag Russel auch gar nichts an ihrem Manne. Was der geleistet hatte, konnte jeder bessere Inspizient, Regisseur oder Inspektor leisten. Darum brauchte Russel ihm nicht einen Teil der „Leitung“ zu übergeben, ihn zu seinem Stellvertreter zu machen ... Das galt nicht ihrem Mann ... das galt ihr. Um sie zu halten, war das alles! ... Um sie zu knebeln, ihr die Hände zu fesseln ...

Altmann suchte sie mit den Blicken, aber sie war verschwunden. Sie war in ihr Abteil geflüchtet.

Sie schrak zusammen, als die Tür des Abteils zurückgeschoben wurde. Sie wollte ihren Mann jetzt nicht sehen ... jetzt nicht ...

„’Tag“, sagte Kapelle und rückte an seinem Hut.

Sie sprang auf, streckte ihm beide Hände entgegen.

„Endlich! ... Sind Sie mir nicht mehr böse?“

„Böse? Wieso? Hab’ nie daran gedacht ... Setzen Sie sich nur. Wir haben nicht viel Zeit.“

Er schob die Tür wieder energisch hinter sich zu und ließ sich am Fensterplatz, Karla gegenüber, nieder.

Sie wollte was sagen von schlechtem Singen, von verspäteten Einsätzen — er schnitt ihr mit einer kurzen, hastigen Bewegung das Wort ab.

„Jetzt handelt es sich um etwas anderes. Ich wollte es mir bis New York aufsparen ... Aber jetzt ist jedenfalls Gefahr im Verzuge ... Also kurz und gut: ich hab’ was für Sie.“

„Für mich? ... Was haben Sie für mich?“

„Eine Depesche, weiter nichts. Halt ... nicht aus der Hand reißen — zuhören! Es ist nichts Böses. Also: Berlin, wohlverstanden — Berlin kabelt, ob Karla König für drei Jahre mit steigender Gage von fünfzehn-, achtzehn- und zwanzigtausend Mark und freiem Gastspielmonat einverstanden .... Unterschrift geht Sie nichts an. So.“

Karlas Kopf war gegen das Kissen zurückgefallen. Sie murmelte erst etwas kaum Verständliches — ihre Hand schlug in der Luft hin und her.

„Kapelle ... lieber Kapelle ...“

Er faltete das Telegramm zusammen und steckte es in die Seitentasche seines stets verknitterten Anzuges.

„Na ja ... na ja ... Das Ei des Kolumbus ... War ganz einfach. Ich hab’ noch ein paar Beziehungen ... das ist alles. Hab’ sie nie gebraucht für mich ... Aber diesmal .... Also geht Sie alles nichts an. Ich frage nur: Ja oder nein?“

Karla suchte ihr Taschentuch; sie preßte es gegen die Augen, schneuzte sich, lachte, brachte ein paar ganz sinnlose, unzusammenhängende Worte vor und stockte plötzlich.

„Na, was ist denn nun wieder?“

„Nicht böse sein, Kapelle ... liebster, bester Kapelle ... nicht böse sein ... Aber wenn Russel ... wenn der Mensch mich nicht losläßt, und wenn mein Mann ...“

„Ach was, Russel ... Ihr Mann ... Vielleicht der Herr Präsident der Vereinigten Staaten und der Schutzmann von der nächsten Ecke! ... Kommt man über den Kopf, so kommt man über den Schwanz ... Ich hab’ was auf der Bank ... brauche ja nichts, nicht wahr? Und den Russel ... dem hab’ ich immer fest Daumenschrauben angelegt ... Hat immer alles gezahlt und wird weiter zahlen! ... Also wenn’s das ist ... Das Geld für Sie, um von ihm loszukommen, liegt bereit.“ ...

Er kramte in der Seitentasche, holte ein schmales Büchlein heraus, kritzelte seinen Namen unter eine Seite, riß sie heraus und steckte sie Karla in die Hand.

„Ein Scheck. In blanco.“

Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf, weil Karla ihn mit ihren großen, braunen Augen ganz verständnislos ansah.

„Herrgott, wissen Sie denn nicht, was ein Scheck in blanco ist? Also Sie brauchen hier bloß auszufüllen ... die Höhe des Betrages ... dreitausend Dollar ... oder viertausend ... oder fünftausend ... wie viel es gerade macht. Zehne sind’s doch nicht?“, schrie er sie an, weil sie noch immer so regungslos dastand. „Na also, bis zehn langt es ... verstanden? ... Damit gehen Sie zur Bank und holen sich das Geld und legen es Russel in seiner Office auf den Schreibtisch. Quittung nicht vergessen! Sie sind imstande! ... Obwohl Russel ... Handschlag genügt bei ihm. Ein kleiner Schuft ist er nicht. Damit käme er hier nicht weiter. Haben Sie nun verstanden, ja? Zeit war’s. Und morgen in Ihrem Boardinghouse hinterlassen Sie mir ein Wort, bevor Sie ausgehen. Ja oder nein. Damit ich nach Berlin kabeln kann. Verlieren Sie den Scheck nicht ... sonst holt sich irgendein Nigger das Geld ab ... Wär’ schade ... Wiedersehen, Karla König ... Ich sehe Sie noch, bei Ihrer Abreise. Und in Berlin gleich zum Halsarzt! Und Stunden nehmen! Von vorne anfangen ... verstanden? Und das Geld ... wenn Sie mal sehr viel verdienen ... dann schicken Sie mir’s zurück. Brauchen kann man’s immer.“ ...

Er drückte ihr die Hand, kurz und hart, rückte an seinem Hut, schob die Tür auf und wieder hinter sich zu.

Er sah sich nicht mehr um, sah nicht, wie Karla in die Knie sank, mitten auf den staubigen, schmalen Boden ihres Pullman Cars, wie sie die Hände über dem Blatt Papier aneinanderfaltete und mit lauter, zitternder Stimme zu den Gepäcknetzen hinaufschrie:

„Solch einen Menschen hast du geschaffen, lieber Gott ... solch einen Menschen ...!“

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Im Boardinghouse fanden sie Post vor.

In dem großen Brief an Altmann war ein kleines Briefchen von Vicki beigelegt. Sie schrieb über Schmerzchen hauptsächlich. Schmerzchen sei „süß“ und frage jeden Tag nach der Mama. Die Nachschrift war bedeutend länger und handelte von einem jungen Manne, den sie auf dem Architektenball kennen gelernt hätte. Er hieße Bodo Völkel und arbeite bei einem großen Baumeister. Er tanze „wundervoll“ und sei sehr klug. Sie habe sich „himmlisch“ mit ihm auf dem Ball unterhalten und ihn einige Male heimlich getroffen. Karla dürfe es nur beileibe nicht der Mama sagen. Denn von ihrer heimlichen Verlobung sollte noch keiner etwas wissen. Bodo sei übrigens auch ganz entzückt von Schmerzchen, das sie immer mit auf ihren Spaziergang nehme. Sie gingen nämlich meist im Tiergarten spazieren, weil dort die beste Luft für Schmerzchen sei. Und wenn Karla erst in Berlin wäre, dann würde Bodo ihr sofort seinen Besuch machen ... „denn Du kannst Dir denken, Mama würde große Augen machen, wenn er so plötzlich käme ...“

Karla lächelte und steckte den Brief in die Tasche. Kindereien! Sie hatte jetzt Wichtigeres vor.

Altmann las noch immer. Es waren acht engbeschriebene Seiten. Sein Gesicht war ernst, ja sorgenvoll. Karla beobachtete das Zucken seiner Brauen, die nervöse Bewegung, mit der er sich um das bartlose Kinn fuhr.

„Was schreibt Adele?“

Altmann überhörte scheinbar die Frage, faltete den Brief zusammen und steckte ihn ein. Dann ging er im Zimmer auf und ab. Ein grübelnder Ausdruck lag auf seinen Zügen.

Karla setzte sich auf das Sofa und umschlang die Knie mit den Armen.

„Ich hätte wichtig mit dir zu sprechen, Ernst ...“

„Ja ... was ist ... was soll’s?“

Ein leiser Ärger stieg in ihr hoch. Was sie ihm zu sagen hatte, war doch mindestens so wichtig wie alles, was man ihm von dort schreiben konnte! Oder ...

Sie solle ihn jetzt nicht mit Fragen quälen. Er müsse Ruhe haben, überlegen können. Das Anerbieten, das ihm Russel gemacht habe, sei so verlockend, daß ...

Karla unterbrach. Es handelte sich nicht um Russel ... Was immer er anbieten mochte — sie blieb nicht.

Und weil sie das kalte, ironische Staunen in ihres Mannes Augen reizte, bullerte sie heraus, was sie langsam, bedeutsam hatte vorbringen wollen. Berlin bot ihr einen dreijährigen Vertrag, und Kapelle streckte ihr das Geld vor, um den Vorschuß an Russel zurückzuzahlen.

Altmann verfärbte sich. Alles in ihm empörte sich dagegen, daß ein Fremder, ein Dritter sich in Karlas Schicksal mengte, das er allein bisher geleitet hatte. Wie kam er dazu?

„Kapelle hat Beziehungen in Berlin ... welche, hat er mir nicht gesagt. Aber er hat diese Beziehungen angerufen, weil er sich für meine Stimme interessiert ... als Musiker interessiert ... Du bist kein Musiker .. Du weißt nicht, was das für mich heißt, noch ein Jahr unter diesen Verhältnissen zu singen ... keine Ahnung hast du! ...“

Karla fing an zu schluchzen. „Ich will so nicht weiter leben ... will nicht künstlerisch verkommen ... Durch Kapelle bietet sich mir das große Los ...“

Altmann atmete schwer. Er zernagte seine Unterlippe. Er stand plötzlich vor Entscheidungen und Verhältnissen, denen er sich kaum noch gewachsen fühlte. Über seinen Kopf hinweg hatte ein Dritter über sein und Karlas Leben verfügt. Wo blieb er? ... Würde es ihm möglich sein, in Berlin auch für sich eine Stellung zu finden? Hier — hatte er sie, wähnte, sie sich erkämpft zu haben durch Fleiß und peinliche Erfüllung freiwillig übernommener Pflichten. Er war stolz darauf. Soviel hatte er in Europa nie verdient, wie Russel ihm hier anbot. Zehntausend Dollar jährlich und — kleine Beteiligung! Dazu Direktortitel! So etwas schlug man doch nicht in den Wind ... Freilich ... Berlin! Seine Leute ... Luise ... Luise vor allen. Wohin mit ihr? Die Stowns kehrten im Herbst nach England zurück, hatten Luise freundschaftlich nahegelegt, sich nach einer anderen Stellung umzusehen! Darüber schrieb Adele eben einen acht Seiten langen Brief. Luise war zermürbt. Sollte sie wirklich in ihrem Alter noch bei fremden Menschen ihr Brot suchen? Wäre es nicht das Beste, Richtigste, sie würde Schmerzchen erziehen und Karlas Haushalt führen? Denn es war doch anzunehmen, daß sie beide nach Ablauf ihres Vertrages nach Deutschland zurückkehrten. Luisens Platz war in ihrem Hause. Karla konnte Gott danken, daß das Schicksal es so gefügt hatte.

Er war aufs tiefste bewegt gewesen von diesem Anruf seiner brüderlichen Pflicht. Flüchtig hatte er bereits daran gedacht, eine Wohnung für Luise und das Kind zu mieten, ihnen eine kleine Wirtschaft einzurichten ...

Nun kam Karla mit dem Berliner Antrag ... Glückselig wäre er gewesen — noch gestern! Aber heute? ...

„Und wie kommt Kapelle dazu, den Vorschuß zu bezahlen“, stieß er heftig hervor. „Wie soll ich das auffassen ...?“

„So einfach — wie er es angeboten hat. Statt dem Russel sind wir ihm das Geld schuldig — weiter nichts.“

Altmann preßte die Lippen aneinander. Es wurde ihm schwer, immer unter einer Schuldenlast einherzugehen — noch schwerer aber war es ihm, mühsam Erspartes auf einen Ruck herzugeben! Es stand ja noch die Einrichtung bevor ... Wenn Karla an der Oper war, konnten sie nicht in möblierten Zimmern hausen! Außerdem Luise ... das Kind ... ein Mädchen ...

Ihm wurden die Schläfen feucht.

„Wo hast du den Scheck?“ fragte er kurz.

Sie lief ins Nebenzimmer, holte ihr Täschchen, gab ihm das gefaltete Blatt. Er versuchte, die Unterschrift zu entziffern — es gelang ihm nicht.

„Den Scheck nehme ich an mich. Du verlierst ihn noch.“

Sie sah, wie seine schlanken, jetzt ein wenig hageren Hände langsam und bedächtig den falschen Kniff glätteten und den Scheck pedantisch falteten. Sie mußte an die kurze, breite Hand denken, die ihn ihr so achtlos zugesteckt hatte.

„Ich soll ihm schreiben: ja oder nein“, sagte sie leise und blickte von unten herauf zu ihrem Manne herüber.

Er wich ihrem Blick aus, kam aber langsam auf sie zu, legte den Arm um sie.

„Denk an diese Stunde, Karla ... vergiß sie nicht. Ich bringe dir ein Opfer ... ein großes Opfer. Ich schlage eine Stellung aus ... wie sie mir vielleicht nicht zum zweitenmal geboten wird ... Ich tue es um deinetwillen, ordne meine Laufbahn der deinigen unter ... mehr kann ein Mann für seine Frau nicht tun; und es mag sein, daß mich andere Männer darum weniger schätzen werden. Aber ich will jetzt nicht daran denken. Will nur an dich denken! Glaube mir ... so gut wie ein anderer, und sei es auch Kapelle, so gut meine ich es mindestens mit dir!“

Seine Stimme hatte den gedämpften, überzeugenden Klang, den Karla einst so geliebt hatte an ihm. Es war die Stimme aus der Zeit, da sie widerspruchslos zu ihm aufgeblickt hatte wie ein scheues, kleines Mädchen, da sie von ihm allein Glück und alles Heil der Welt erwartet hatte.

Sie zog seine Hand über ihre Schulter und lehnte ihre Wange an.

„Lieber Ernst ... lieber, lieber Ernst ...“

„Schreibe also deinem Freunde Kapelle — ja.“

„Lieber ... Guter ...“

Er fuhr ihr streichelnd über das braune Haar und drückte gleich darauf beschwichtigend seine Hand auf ihren Kopf.

„Ja ...“, wiederholte er. „Aber ich knüpfe eine Bedingung daran —“

„Eine Bedingung ... Welche?“

Ihre Augen blickten ihn schreckhaft an. Würde er verlangen, daß Schmerzchen, ihr süßes Schmerzchen bei Adele blieb? ... So hart konnte er nicht sein ... das war doch unmöglich!

„Sage .. welche? ...“, drängte sie, während alles Blut ihr zum Herzen lief.

Er sagte es ihr in wenigen Worten: Luise sollte ihrem Haushalt vorstehen, sollte Schmerzchens Erziehung leiten ...

Da sprang Karla König mit beiden Füßen auf das Sofa, wie ein Gummiball, packte den Kopf ihres Mannes zwischen beide Hände und rief jubelnd, lachend, kreischend fast, wie ein Kind:

„Aber ja ... ja ... ja ... tausendmal ja!“

** *

Im September verließ ein Schiff des Norddeutschen Lloyd, mit Karla König und Altmann an Bord, den Hafen von New York.

Einzelne Mitglieder waren zum Abschiednehmen erschienen, Russel und Kapelle.

„Well, Karla König, Sie haben einen klugen Mann. Aber seien Sie noch klüger! Wir sehen uns wieder. Und hier ... ein kleines Andenken ...“

Er händigte ihr eine Schmuckschachtel ein. Sie trug den Namen des ersten New Yorker Juweliers und enthielt ein Anhängsel aus großen, lupenreinen Brillanten. Es war seine fünftausend Dollar wert.

Kapelle drückte ihr nur die Hand.

„Machen Sie’s gut, Karla König!“

Sie betrat, die Augen von Tränen verdunkelt, die Schiffsbrücke, als Altmann auf Kapelle zuging, ihn beiseite zog und ihm seinen Scheck zurückgab.

„Danke, Kapelle ... es war nicht nötig. Ich konnte es schaffen und habe noch was übrig fürs erste dort drüben.“

Kapelle nickte.

„Na ja ... dann ist’s gut. Wenn’s nur mehr ist, als was Sie mitbrachten!“

Karla stand lange, lange an der Reling — und das letzte, was sie aus Amerika mitnahm, waren die Umrisse einer ungewöhnlich großen Gestalt mit einem winkenden Panama und eines großen Schädels auf gedrungenen Schultern, mit struppigem, im Winde flatterndem Haar.

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A
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Auch nach vielen, vielen Jahren vergaß Karla König nicht, wie der Zug in die Halle des Lehrter Bahnhofs in Berlin einfuhr, und noch immer bebte ihr das Herz, wenn sie an den Augenblick zurückdachte, da sie Schmerzchen als weißen Punkt zwischen Adele und Alwin Maurer zuerst erblickte.

Sie wußte auch damals nicht, wie sie aus dem Abteil gesprungen war, wie sie das kleine Mädchen in dem weißen Jäckchen und dem weißen Seidenhütchen in die Luft gehoben und es an sich gedrückt hatte.

Schmerzchen fing an vor Schreck zu weinen. Aber Karla weinte selbst, schaukelte das Kind in ihren Armen hin und her, unbekümmert um die Reisenden, die Träger, die Taschen, Handkoffer und Schirmspitzen, die sie anstießen, quetschten und sich in ihren Rücken einbohrten.

Altmann begrüßte die Geschwister mit verhaltener Bewegung, ging dann auf Karla zu:

„Willst du mir gar nichts lassen ...?“

Und er nahm ihr das jetzt schluchzende Kind aus den Armen.

„Wie wild sie noch immer ist“, flüsterte Adele ihrem Manne zu. Aber dann umarmte sie Karla, nicht ohne Wärme, und schob ihren Mann vor.

„Willkommen, Karla ... willkommen!“

Karla tupfte noch die Augen ab. Schüttelte Alwin Maurer lachend und weinend die Hand.

Eine große, stille Freude leuchtete aus Alwin Maurers Augen. „Jetzt glaube ich’s, daß du da bist, Karla ...“

Endlich saßen sie im Wagen. Wieder riß Karla das Kind an sich.

Aber Schmerzchen strebte auf Altmanns Schoß hinüber. Die Mama war schrecklich wild. Die Mama hatte ihr das neue Hütchen zerdrückt und das Haar zerrauft. Schmerzchen fühlte sich als großes Fräulein, ging und setzte sich selbständig, kroch auch mal dem oder jenem auf den Schoß — aber nur, wenn’s ihr paßte. Mama glaubte wohl, sie wäre ein Ball und könnte in die Luft geworfen werden? Das war sehr unangenehm ...

Papa war viel ruhiger. Papa hatte sie auf beide Backen geküßt, wie alle Onkels es taten! Und er hatte sie auf seinem Arm sitzen lassen, wie auf einem Stuhl! Das war ganz etwas anderes ... Und als sie „runtergehen“ gesagt hatte, da hatte er sie gleich auf die Erde gestellt und hatte mit ihr spazierengehen wollen! Mama aber hatte sie gleich wieder am Arm gepackt und hatte zu laufen angefangen. „Karla ... Karla! ... So paß doch auf!“, hatte der Papa gerufen.

Also Karla hieß die Mama ... Aber sie war gar nicht, wie Mamas sind ... gar nicht ein bißchen ...

Schmerzchen kroch also zu Papa auf den Schoß und beguckte sich die Mama mit großen, ein wenig feindlichen Augen.

Mama hatte ein schrecklich braunes Gesicht und sehr große Augen und weiße Zähne. Mama hatte einen großen Pelzkragen um, obwohl es doch heiß war. Und schöne glitzernde Ringe hatte Mama an den Händen. Und eine sehr starke, laute Stimme hatte sie und sprach so viel ... und die Hände waren immer in Bewegung ... als wollten sie immer nach ihr greifen.

Schmerzchen schmiegte sich an den Papa. Papa streichelte ganz sanft ihr Haar und ließ sie ruhig an seiner Uhrkette spielen.

Karla streifte Schmerzchens Röckchen hoch und drückte ihre Lippen auf die weiße kleine Wade.

„Hast du Mama lieb, Schmerzchen ... sag, hast du Mama lieb?“

„Mama auch lieb“, antwortete Schmerzchen, ohne sich stören zu lassen.

Schmerzchen sah ihre Freiheit zunächst wesentlich unterbunden und war von der neuen Ordnung der Dinge noch nicht sehr erbaut. Jedenfalls wollte sie sich hauptsächlich an den Papa halten.

„Wie ernsthaft Schmerzchen ist“, meinte Karla, und im plötzlich gedämpften Ton ihrer Stimme lag etwas wie Bangigkeit.

Vor der Haustür in der Motzstraße standen Vicki und Fritz als Kadett. Fritz benahm sich als vollendeter Kavalier, half ihr aussteigen, küßte ihr die Hand, begrüßte Altmann mit einem respektvoll dankbaren Händedruck. Vicki flog Karla um den Hals. Karla zupfte sie am Ohr. Vicki legte die Finger an die Lippen.

Oben wartete Luise. Sie war noch hagerer geworden, und ihr Gesicht, mit den grauen Augen unter den dichten, geraden Brauen, hob sich noch strenger als früher von dem schmalen, weißen Umlegekragen ab, der die klösterliche Einfachheit ihres schwarzen Kleides spärlich aufhellte.

Sie drückte Karlas Wangen mit der mageren Hand näher an ihre schmalen Lippen. „Alles Glück in der Heimat!“

Dann umarmte sie den Bruder. „Hab Dank, du Guter, du ... hab Dank.“

Zwei kleine, kalte Tränen sickerten ihr aus den Augenwinkeln längs der feingeschnittenen, jetzt so spitzen Nase herab. Altmann war sehr bewegt und drückte immer wieder ihre Hand.

„Aber Luise, ich bitte dich ... wir haben zu danken ... daß du das übernehmen willst ... Du tust uns ja den größten Gefallen ... den größten Gefallen — du — uns.“

Karla war abgespannt. Im Grunde hatte sie nur einen Gedanken: Schmerzchen. Aber es war gar nicht so einfach, das Kind festzuhalten. Fünf Menschen standen vorläufig zwischen ihr und dem Kinde — fünf Menschen, mit denen es vertraut, an die es gewöhnt war. Schmerzchen hatte seine Gewohnheiten und Pflichten, von denen Karla keine Ahnung hatte. Umziehen, Händewaschen, Kämmen ... Mundtuch umbinden lassen, Händchen auf den Tischrand legen ... Schweigen ... anständig essen ... nicht den Kopf hin und her drehen ... Suppe auslöffeln „bis aufs letzte Tröpfchen“, nicht mit der Gabel spielen, ordentlich kauen, Gemüse nicht auf den Tellerrand schieben, Tischtuch nicht schmutzig machen, nicht mit dem Finger nachhelfen.

Die Mama wußte gar nicht, wie schwer das alles war! Schmerzchen hatte nicht ein bißchen Zeit übrig, an etwas anderes zu denken, als an das Mittagessen mit all seinem erschwerenden Zeremoniell. Und dazu sollte sie noch ganz besonders „artig bei Tisch“ sein, sich ganz besonders auszeichnen ... Das hatten Tante Adel und Tante Lis mit schrecklich rollenden Augen tagelang vorher von ihr verlangt.

„Wie ernst das Kind ist!“ wiederholte Karla.

Der Bissen blieb ihr manchmal im Halse stecken, wenn sie zu ihrem Kinde hinübersah, das mit einem so merkwürdig gesammelten Ausdruck ihr schräg gegenüber am Tisch saß.

Altmann war gerade dabei, zu erzählen, welches Angebot John Russel ihm gemacht hatte.

„... Leicht ist es mir nicht gefallen, nein zu sagen, das könnt ihr euch denken! Aber sagt ... hätte ich Karla allein nach Europa zurückschicken können? Wäre das gegangen?“

„Ausgeschlossen“, kam es wie aus einem Munde von den Lippen der Schwestern. „Ausgeschlossen!“

Dr. Alwin Maurer sagte gar nichts.

Er schenkte den Willkommensekt ein, wie er vor drei Jahren den Abschiedssekt eingeschenkt hatte: mit einem wehen Gefühl.

„Auf deine Heimkehr, liebe Karla ... und daß dir die Heimat nicht zu eng werden möchte!“

Adele schüttelte unzufrieden den Kopf.

„Wie kannst du nur so reden, Alwin — was soll das heißen?“

Aber Karla nickte dem Schwager zu.

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Der Erfolg ihrer Gastspielabende war so groß, daß Karla keinen Augenblick das Gefühl haben konnte, nur durch eine wenn auch unsichtbare so doch gewichtige Gönnerschaft dem Verband der Königlichen Oper einverleibt worden zu sein. Immerhin vermochte sie sich nicht gleich an die wesentlich kühlere und objektivere Art der Beurteilung und Beifallsäußerung zu gewöhnen.

Nach ihrem ersten Gastspiel heulte sie die ganze Nacht in ihrem Bett. Selbst Altmann wurde unsicher. Gegen sieben Uhr früh ging er in ein Café der Potsdamer Straße, wo sie in einer Pension abgestiegen waren, um die Blätter zu lesen. Gleich die ersten Zeitungen entspannten seine Erregung. Er drückte dem Pikkolo einen Groschen in die Hand. Was er nur da hatte an Morgenblättern, sollte er ihm anschleppen. In einer entgegengesetzten dunklen Ecke des Cafés saß noch ein Herr, mit dem Rücken gegen ihn. Auch er hatte einen Stapel Zeitungen vor sich auf einem Stuhle liegen. Der Pikkolo lief von einem zum anderen, um die Blätter auszutauschen. Um dreiviertel acht hatte Altmann die hauptsächlichsten Zeitungen gelesen; er war ganz beruhigt. Die Urteile waren durchweg sehr anerkennend. Karla war berechtigt, eine allererste Stelle am königlichen Institut einzunehmen und „es war anzunehmen, daß sie dereinst eine Zierde der Königlichen Oper sein würde, wenn sie sich erst die auf längeren Gastspielreisen angeeigneten virtuosenhaften Mätzchen abgewöhnte“.

Ohne Hieb und Stich ging es nicht ab — das wußte Altmann. Es kam nur auf die Grundstimmung an, und die konnte nicht besser sein. Er lehnte sich zurück an den roten Samt des Sofas und atmete erleichtert auf. Mehr durften weder Karla noch er verlangen. Sie brauchten ihre Heimkehr nicht zu bereuen — nein, gewiß nicht. In diesem Augenblick erhob sich der Herr in der Ecke, ließ sich in den Mantel helfen und griff nach seinem Hut. Jetzt erst stand er im Licht.

„Du, Alwin? ... Was machst du?“

Dr. Alwin Maurer blinzelte den Schwager mit seinen tiefliegenden, fettumpolsterten Augen ein bißchen verlegen an.

„Ich habe wissen wollen, was die Zeitungen sagen ... Unsereins ... nicht wahr ... ob’s uns gefällt oder nicht ... darauf kommt es nicht an .... Und Karla schien mir verstimmt ... Adele konnte es gar nicht verstehen ... Die meint ja natürlich, daß es schon eine große Ehre ist, daß Karla überhaupt da oben auf der königlichen Bühne stehen und den Mund auftun durfte. Nun, ihr könnt zufrieden sein ... sehr zufrieden ...“

„Selbstredend ... ist es ein großer Erfolg. Das sind so Primadonnenlaunen, die Karla sich da unten angewöhnt hat. Ganz verrückt kann sie einen machen. Ich werde ihr mal gleich den Kopf zurechtsetzen ... Es ist ja lächerlich.“

Altmann sprach wieder bedeutsam und selbstbewußt. Dr. Alwin Maurer drückte den Hut in die Stirn. Er hatte Eile. In zehn Minuten mußte er in der Klasse sein. Adele hatte ohnehin ein komisches Gesicht gemacht, weil er, ohne gefrühstückt zu haben, davongelaufen war.

„Grüße sie ...“

Alle Herzlichkeit legte er in das Wort, mit Blick und Händedruck. Dann ging er. — — —

Zwei Wochen später trat Karlas Vertrag in kraft. Sie kabelte an John Russel für Kapelle: „Alles in Ordnung. Bin glücklich. Ewig dankbar. Karla König.“

Als das Telegramm hinter dem Postschalter verschwand, stand Karla noch eine Weile im Gedränge des überfüllten Postraumes herum, als hätte sie etwas verloren oder vergessen und könne sich nicht besinnen, was es sei.

Draußen nieselte es, und der kalte Oktoberwind riß die letzten Blätter von den Bäumen. Die Wolken jagten in kaltem Grau über den Himmel, Karla schauerte zusammen und zog den Pelzkragen fester über die Schulter.

Rasch schritt sie aus, um die Motzstraße zu erreichen. Sie wollte Schmerzchen mit sich herüber nehmen in die Pension. Einmal allein mit dem Kind sein! All die Tage war es ihr nicht möglich gewesen — auch hatte ihre Aufregung sie ganz beherrscht. Sie mochte nicht daran denken, was wohl geschehen wäre, wenn ihr Gastspiel zu einem anderen Ergebnis geführt hätte! ... Am meisten beruhigt hatte sie der Papa, obwohl — —

„Charmant, Kleine ... charmant! Du bist ein Temperament! Du lebst! Du bist was Neues. Vielleicht eine Spielerei, vielleicht eine ersehnte Notwendigkeit — so genau läßt sich das jetzt noch nicht sagen. Laß die Leute nur nicht einschlafen — verstanden? Es brauchen keine Indianerüberfälle zu sein ... aber so was ähnliches — John Russel ist mein Mann! Der hat mir gefehlt, Kleine! Der hätte mich zum ersten Tänzer von Europa gemacht! Aber Deine liebe Mutter — die bürgerlichen Instinkte — verstehst Du — Du hast auch bürgerliche Instinkte — leider! Hast dir einen Mann zugelegt, ein Kind ... jetzt kommt die Wohnung dran — nicht wahr? Regelmäßige Tischzeit, Marktpreise, Einladungen zu Kaffee und Kuchen ... tja ... sehr nett, sehr nett ... Nur nicht zu viel davon. Bleibe ‚Göttin‘ ... tja ... Primadonna ... muß das sein. Na und dein Mann? Immer der alte, ja? ... Ach was? So so ... eine Stellung hat ihm Russel angeboten? ... Sieh mal an! Potz tausend! ... Hättest ihn dortlassen sollen, liebes Kind! Sehr dumm, Kleine, sehr dumm! ... Na — vorläufig sonnt er sich in deinem Erfolg ... ganz schön. Am Schauspielhaus ist wohl nichts frei für ihn, wie? ... Wird schwer halten, Kleine ... sehr schwer. Man spielt nicht ungestraft zwanzig Jahre an kleinen Provinzbühnen ... Das haftet an. Wie ein Geruch, weißt du. Habe ich kennen gelernt — die Herren Intendanten mit der Hauptmannsuniform! Famose Kerle auf dem Kasernenhof, bei der Parade — von Kunst keinen Dunst! ‚Strammstehen‘ — das ist alles, was sie verlangen, und sparen ... ja ... sparen — alles, was sie können. Hier blüht der Weizen deines Mannes nicht. Macht nichts. Du verdienst für zwei ... bist überhaupt eine Nummer für Berlin ... mal was anderes ... Ruf’ mich, wenn du eingerichtet bist. Will mal sehen, wie meine berühmte Tochter wohnt ...“

Gerade heute schloß Altmann den Mietvertrag ab in der Landgrafenstraße. Adele und Luise hatten sich der Wohnungsfrage mit all der ihnen eigenen Energie angenommen. Karla wurde kaum gefragt.

Luise und Adele teilten die Zimmer ein. Schmerzchen sollte mit Luise in einem Zimmer des hinteren Ganges schlafen, mit Aussicht auf die rückwärts liegenden Gärten. Die Schlafstube der Eltern war vorn bei der Eingangstür, durch eine Tapetentür mit dem Speisezimmer verbunden. Vorne heraus anschließend an den Speisesaal lagen das große Musikzimmer, ein schmales, einfensteriges Empfangsstübchen und Altmanns „Studierzimmer“.

Es war der schönste Raum der Wohnung — neben der Eingangstür gelegen und daher selbstverständlich nur so zu verwenden. Luise sagte:

„Das werden wir dir schon gemütlich einrichten, Ernst.“

Karla sah mit großen Augen zu, wie die Schwägerinnen alles untereinander besprachen und, ohne sie eigentlich zu fragen, die Wohnung instand setzten.

„Du brauchst dich gottlob um gar nichts zu kümmern, Karla,“ sagte Luise, „dafür bin ich da!“

„Ich weiß gar nicht, wie wir Luise das je danken können“, meinte Altmann.

Karla dankte ihr, indem sie sich wirklich um nichts kümmerte. All ihre freie Zeit wollte sie Schmerzchen widmen. Aber Schmerzchen machte sich gar nichts daraus, mit der Mama in den Straßen herumzustapfen. Schmerzchen verlangte nach ihrem Sandhaufen im Tiergarten, und Vicki mußte sie beide hinführen. Karla setzte sich auf den Holzrand der Sandgrube und ließ sich von Schmerzchen belehren, wie Kuchen geformt und ausgelegt wurden, wie das Eimerchen mit Sand zu füllen und wo es auszuleeren sei.

Karla war nahe daran, Schmerzchens Gunst zu erobern, als Vicki sie am Ärmel zupfte.

„Tante — Herr Baumeister Bodo Völkel möchte dir vorgestellt werden.“

Bodo Völkel war sauber und sparsam angezogen. Er hatte ein schmales, blasses Gesicht und eine niedrige, eigensinnige Stirn. Seine Augen blickten ein wenig unstet. Er schien sehr nervös und ein bißchen gallig.

„Sie haben sich meines kleinen Mädchens so sehr lieb angenommen, schrieb mir Vicki ...“

„Aber bitte, gnädige Frau, es war mir ein Vergnügen.“

„Wie siehst du aus, Tante ...“

Vicki hatte besondere Ehre mit Karla einlegen, dem Bodo imponieren wollen, und nun stand die Tante da, über und über mit Sand bestreut, den Hut zur Seite geschoben, ohne Handschuhe, ohne einen einzigen Ring ...

Schmerzchen war es gewöhnt, daß man sie allein ließ beim Spielen. Sie guckte gar nicht auf, als die Mama aufstand und ein bißchen zur Seite trat .... Aus dem fremden Onkel machte sie sich erst recht nichts.

Karla mußte mit Vicki und ihrem heimlich Verlobten auf- und abgehen, mußte Rede und Antwort stehen. Sie hatte gleich herausgebracht, daß Bodo Völkel sie noch gar nicht gehört hatte; aber er sagte ihr Schmeicheleien, sprach die Hoffnung aus, daß sie es ihm ermöglichen würde, in verwandtschaftliche Beziehungen zu ihr zu treten.

Karla fand das sonderbar. Warum wendete er sich nicht erst an Vickis Eltern? Die waren doch die Nächsten. Er sprach etwas von dem großen Einfluß, den Karla hatte, und dessen er sich erst hatte zu seinen Gunsten versichern wollen. Karla wurde einsilbig, schließlich meinte sie:

„Es wird kühl. Schmerzchen muß nach Hause.“

Herr Bodo Völkel empfahl sich. Vicki begleitete ihn bis zur nächsten Biegung. Karla sah, wie sie lebhaft auf ihn einsprach, ihre Hand auf seinen Arm legte, ihn zur Umkehr zu bewegen suchte — wie er den Kopf schüttelte und sich ohne viele Umstände losriß.

„Wie gefällt er dir?“ fragte Vicki, als sie zurückkam.

„Gar nicht“, antwortete Karla trocken.

Vicki schoß das Blut zu Kopf.

„Das verstehe ich nicht ... er ist ganz entzückt von dir, Tante ... du hättest so etwas wundervoll Offenes und Gerades ...“

„So ... da kann er sich wohl denken, daß mir eure heimlichen Stelldicheine nicht gefallen ... nein, gar nicht!“

Karla und Vicki führten die Kleine an der Hand und schlugen, leicht gegeneinander verstimmt, den Heimweg ein. Als sie die Reitallee überqueren wollten, kam ihnen ein Reiter entgegen, Schmerzchen stolperte, ließ ihr Eimerchen fallen, der mitgenommene Ball rollte dem Pferde vor die Hufe; es scheute, bäumte sich auf. Karla riß das Kind zurück.

„So halten Sie doch gefälligst Ihren Gaul“, fuhr sie zornig den Herrn im Sattel an.

Abermals flammte Vicki auf. Wie grob die Tante war ...

„Du, das ist doch Graf Gaudlitz!“

„Na — und? ... Er soll auf sein Pferd aufpassen.“

Graf Gaudlitz faßte mit der einen Hand die Zügel kurz an, zog mit der anderen den Hut.

„Verzeihung, Frau Karla König ... hoffentlich hat der Schreck der Kleinen nicht geschadet — und Ihrer wunderschönen Stimme auch nicht ...“

Karla sah auf. Ein breites, blondes, lachendes Gesicht blickte auf sie herunter. Sie wurde jetzt rot, wie Vicki vorhin.

„Woher kennen Sie mich?“

„Haben Sie mich denn nie gesehen, gnädige Frau? Erster Eckplatz links. War jedesmal da, wenn Sie gesungen haben. Habe pöbelhaft geklatscht! Hatte mal so einen Renner wie Ihre Stimme ... ein Sturmwind und so folgsam dabei ... Schön singen Sie! ...“

Karla wollte lachen. Sie lachte leicht, wenn man ihr etwas Schmeichelhaftes sagte; nur so dumm mußte es nicht sein, wie vorhin von Bodo Völkel — aber sie spürte plötzlich eine Verlegenheit über sich kommen, als wäre sie ein kleines Mädchen.

„Ich singe so gern.“

„Habe ich gemerkt, gnädige Frau. Das war keine Dressur ... Verzeihung — dressieren sagt man wohl nicht ... ich meine, das war ... Wie ein Sturmvogel singen Sie.“

Er hatte es mit dem „Sturm“. Vicki kicherte in ihr Taschentuch hinein; Karlas Mundwinkel zuckten mutwillig. Sie brach ab.

„Komm, Schmerzchen ...“

„Verzeihung, gnädigste Frau ... Graf Gaudlitz ist mein Name ... Noch einmal mein ehrlichstes Bedauern, daß ich Ihr ... wie sagten doch gnädige Frau? ... daß ich Ihr ‚Schmerzchen‘ erschreckt habe ...“

„Mein Ball“, unterbrach Schmerzchen und blickte finster auf das Stück rotgrünen Gummi, das in den Sand eingestampft war.

„Richtig ... und Schmerzchens Ball ist auch durch meine Schuld —“

„Das macht nichts ... Guten Abend.“

Sie nickte kurz, lächelte flüchtig und zog das Kind mit sich fort.

Er sah ihr nach, wie sie mit sicheren Schritten geradeaus ging. Sah ihre mittelgroße, mollig schlanke Gestalt, den hübschen Umriß ihres runden Kopfes unter dem einfachen Hut, den hohen Rüst ihres derb und doch nicht unelegant bekleideten Fußes — —

„Nette Frau“, murmelte er und drückte den Hut auf seinen blonden schrägen Scheitel. Dann ritt er weiter.

Karla ging eine Weile schweigend; dann fragte sie Vicki: „Woher kennst du den Herrn?“

„Ich traf ihn schon vor einer halben Stunde, als ich mit Bodo auf- und abging. Bodo kennt ihn, weil sein Baumeister eine Villa für ihn am Wannsee gebaut hat. Klotziges Geld soll der Mensch haben — eine Segeljacht und einen Rennstall und Automobile und weiß Gott was!“

Karla ging rascher. Der frische Wind färbte ihre Wangen rosig — —

Als Altmann drei Tage später in Karlas Garderobe kam, erblickte er ein großes Blumenkissen, in dessen Vertiefung ein bunter Kinderball lag.

„Nanu? ... Von wem ist denn das?“

Karla zeichnete sehr angelegentlich ihre zu hoch geratenen Brauen nach.

„Von einem Grafen Gaudlitz.“

Sie erzählte sehr schnell die kleine Begegnung im Tiergarten, und daß Gaudlitz seinen Stammplatz in der Oper hätte — erster Rang, Eckplatz links. Auf dem Schminktisch lag seine Visitenkarte.

„Für Schmerzchen“, stand unter seinem Namen.

Altmann steckte die Karte ein.

„Dabei bleibt’s hoffentlich“, sagte er trocken.

Dann ging er in den Zuschauerraum und richtete sein Opernglas auf den ersten Rang.

Gaudlitz saß im Rauchjackett, mit schwarzem, breitem Schlips, auf seinem Platz. Als Karla die Bühne betrat, beugte er sich nicht vor. Nur ein breites Lächeln erhellte sein junges, blondes Gesicht.

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Der letzte Nagel war in Karlas Wohnung eingeschlagen. Es sah alles ordentlich, entsetzlich neu und fertig aus.

Luise erklärte, man müßte die Geschwister mit Vicki zum Abendbrot laden, ebenso den Papa. Der Papa hatte mit an Ansehen gewonnen, seitdem Karla an der „Königlichen“ war. Und dann — er hatte den Bechstein geschickt für das Musikzimmer!

Pauline hatte Spitzen für die Schlaf- und Kinderzimmer gehäkelt, soo — — breit! Sie meinte, „sie hätte ja Zeit gehabt in den drei Jahren!“

So brannten denn eines Abends überall die schwerfälligen Gaskronen. Das grelle Licht tat eigentlich den Augen weh, aber Adele war der Meinung, an diesem ersten Empfangsabend sollte nicht gespart werden. Der Papa konnte sich auf die Art auch besser von der Gediegenheit der Einrichtung überzeugen. Das war was anderes als sein Sammelsurium in der Schillstraße, mit den Staubfängern, in Form von Kränzen, Schleifen und Kinkerlitzchen. Das waren Möbel, von denen noch Isoldchens Kinder ihren Nutzen haben konnten! Die waren eben nicht in irgend einer der neumodischen Einrichtungsausstellungen gekauft, sondern in einem soliden, bewährten Geschäft in der alten Jakobstraße, wo man sicher war, daß die Holzarten echt waren und die Stoffe Ewigkeitsdauer hatten.

Mit Rücksicht auf Fritz hatte man den Sonnabend zu der Einweihungsfeier gewählt. Er und Vicki brachten Blumen. Adele schleppte eine Palme an, die neben dem Bechstein ihren Platz finden sollte, Alwin Maurer brachte eine Radierung von einem Beethovenkopf, die er nach vieler Mühe irgendwo aufgestöbert hatte. Adele lächelte nachsichtig.

„Der Bechstein und die Radierung sind mir das Liebste in der Wohnung“, sagte Karla und drückte dem Schwager warm die Hand.

Luise und Adele fingen gerade an, ungeduldig zu werden, als der Papa erschien — in Frack und weißer Binde — sehr feierlich, aber zierlich und behende selbst in diesem Aufzug. Er hielt eine einzige langstielige Rose in der Hand. Seine Nüstern schnupperten in der Luft herum, die nach frischer Politur und neuen Stoffen roch.

Aber er sagte gar nichts. Nur seine lebhaften blauen Augen umschatteten sich melancholisch. Er war froh, den Frack angelegt zu haben — so würde Karla es ihm glauben, daß er noch etwas vorhatte, wenn er früher aufbrach.

Immerhin — das Essen war vorzüglich. Darauf verstanden sich die Altmannschen Damen! Altmann selbst war ein würdevoller, liebenswürdiger Wirt. Man sah ihm die Freude an, die es ihm machte, Gäste an seinem Tische zu haben. Das versöhnte den Papa fast. Karla saß zwischen dem Papa und Alwin Maurer wie an einem Hoteltisch — ohne jedes Verantwortungsgefühl. Aber sie freute sich, den Papa so elegant und jugendlich an ihrer Seite zu haben, und freute sich auch über den warmen Glanz in Alwin Maurers Augen.

Ein seit einiger Zeit recht quälendes Magenleiden zwang ihn, mäßig und mit Auswahl zu essen — der Papa wiederum durfte nur nippen an dem Wein.

„Ihr Zwei zusammen macht nur einen Tischgast aus“, sagte Karla.

Sie sah wunderhübsch aus in einem ihrer hellen amerikanischen Kleider. Fritz verschlang sie mit den Augen. Vicki stieß ihn einmal an.

„Stier nicht so dämlich ...“

Fritz hätte ihr gern eine ’runtergehauen. Ekelhaft, diese Mädels! Nächstes Jahr war er Fähnrich — in zwei Jahren Leutnant. Dann zählte er mit! Überhaupt kamen nur verheiratete Frauen für ihn in Betracht! In die verheiratete Schwester eines seiner Kameraden war er gerade „zum Totschießen“ verliebt! Aber Karla gefiel ihm noch besser ... vor allem, weil sie Künstlerin war ...

Man war noch bei Tisch, als es draußen klingelte und das Mädchen eine reichlich mit rotem Seidenpapier verzierte Azalee hereinbrachte. „Bodo Völkel, Architekt“, stand auf der Visitenkarte.

„Wer ist denn das schon wieder?“ fragte Altmann.

Karla wurde fast ebenso rot wie Vicki. Aber Vicki fand sich gleich zurecht. Als sie mit der Tante und Schmerzchen im Tiergarten gewesen, hätten sie den Herrn Völkel getroffen.

„Du weißt doch, Mama — vom Architektenball .... Ich habe ihn der Tante vorgestellt ... Er hat Tante sehr gefallen ... nicht wahr?“

„Ja, ja“, schnitt Karla ab. „... Ich erinnere mich — Bodo Völkel — sehr netter Mensch — ja ...“

Nach Tisch stöberte der Papa in der Visitenkartenschale herum. Sie war noch fast leer. Obenauf lag die Karte vom Grafen Gaudlitz.

„Wie kommt ihr zu dem?“ fragte er und klopfte mit dem Kärtchen auf den Daumennagel. „Wohl Schmerzchens Spezialfreund, wie ich sehe? ... Sie soll ihn sich warm halten, das kleine Fräulein .... Kein schlechter Geschmack! Ein scharmanter Kerl ... scharmant. Einer unserer ersten Sportsleute ... hat Preise über Preise, als Segler, Herrenreiter. Zudem Stammgast in der Oper ... die letzte Hoffnung unserer sich nicht verjüngenden Prima ballerina! Kommt manchmal zu uns in den Schachklub ... spielt ... nicht gerade berühmt. Aber selbst Lasker hat sich mal mit ihm hingesetzt ... was tut man nicht für seinen Klub? ...“

Es klang alles ein bißchen ironisch, wie der Papa das so vorbrachte, mit seiner harten, tenoralen Stimme. Aber dabei hüpften seine stahlblauen Augen mit innigem Vergnügen über Altmanns große, sehr aufrechte Gestalt und streichelten Karla, mit einem stummen „ta ta ta, Kleine ... laß ihn nur ein bißchen zerspringen, deinen Mann ... schadet ihm garnichts ...!“

Luise hielt die Zuckerdose. Ihre Augen brannten unter den geraden Brauen. Der Bruder hätte die Karte des Grafen nicht aufzulegen brauchen — das war ungeschickt. Aber daß Karla gar so stumm blieb, das erfüllte sie mit Unruhe. Schrecklich war doch das Theater! Wie auf dem Präsentierbrett stand Karla immerzu! Jeder, der nur wollte, durfte an sie heran und sein Heil versuchen, wenn’s ihn danach gelüstete ...

Adele griff mit spitzen Fingern in die Papierschleifen des Azaleentopfes. Aber es blieb immer nur die Karte „Bodo Völkel“, um ihre mütterliche Neugierde zu befriedigen. Architekt ... das klang nicht übel. Aber von einem Titel konnte man nicht leben. Sie winkte Vicki heran.

„Was ist das mit diesem Herrn? ...“

Vicki legte ihre Wange an den Arm der Mutter.

„Bodo will um mich anhalten, Mama ... und bat Tante, seine Fürsprecherin zu sein ... Tante wird uns helfen ... Tante ...“

„Dummes Zeug ... laß das Papa nicht hören!“

„Ich werde mit der Tante sprechen“, fügte sie hinzu und legte mit einem Blick auf ihren Mann den Finger an den Mund.

Adele war erregt, zu sehr mit sich und der nicht unmöglichen Veränderung ihrer Verhältnisse beschäftigt, um noch viel Anteil an dem allgemeinen Gespräch zu nehmen. Luise war ihrerseits in nicht sehr heitere Betrachtungen versunken, der Papa suchte nur nach einer schicklichen Minute, um das Weite zu suchen. Alwin Maurer paffte gedankenvoll an seiner Zigarre ... Der Arzt hatte ihm von der Möglichkeit einer kleinen Operation gesprochen ... immerhin Narkose. Dr. Maurers Herz war nicht sehr widerstandsfähig ... eine Gefahr war immer vorhanden. Es war schon besser, er schleppte sich mit seinem Leiden weiter, solange es ging, als daß er Frau und Kinder unversorgt zurückließ. Um Fritz brauchte er sich zwar keine Gedanken zu machen, aber Vicki — — Adele — —! Sollten sie, wenn es schief ging, auch wieder Karla zur Last fallen? ...

Er hatte Karla beobachtet in diesen letzten Wochen ... So unbekümmert war sie nicht wie früher, so urgesund. Um ihre Lippen zuckte es manchmal ganz eigen — sie fuhr zusammen, wenn man unvermutet das Wort an sie richtete, und in ihren Augen blitzte es manchmal schreckhaft auf, wenn von Brasilien die Rede war ... Er hatte auch ihr Gesicht gesehen, während der Papa vom Grafen Gaudlitz erzählte ... ein ganz anderes Gesicht war es gewesen, als er es sonst an ihr kannte ... Und es hatte ihn wehmütig gestimmt. Mochten die Altmannschen Damen auch das Bollwerk von Familienleben, Dauermöbeln und bürgerlicher Gemeinsamkeit um sie herum aufrichten — ihr Leben stand ihr noch bevor, jenseits dieses Bollwerks, und dieses Leben durfte nicht noch mehr beschwert werden, als es schon war ...

Sanft plätschernd ebbte das allgemeine Gespräch ab. Mit dem Papa gingen auch alle anderen — er brauchte keinen Vorwand zu erfinden.

Schon auf der Treppe sagte Alwin Maurer, indem er Karlas Hand festhielt:

„Weißt du, daß du heute, am Einweihungstage deiner Wohnung, — nicht gesungen hast?“

„Ja ... richtig ...“

Sie blickte ein bißchen wehmütig vor sich hin.

„Schmerzchen habe ich heute auch kaum gesehen ...“

Der Papa krähte von unten herauf:

„Soll ich Gaudlitz grüßen? Ich sehe ihn vielleicht noch im Schachklub!“

Er dachte gar nicht daran, zu grüßen. Hatte es nur gerufen, um Altmann zu ärgern. Das war ihm „Hochgenuß“ ... auch so eine Art von „Indianerüberfall“.

„Dein Papa ist manchmal reichlich geschmacklos“, sagte Altmann und warf die Tür ins Schloß.

Luise räumte mit Hilfe des Mädchens die Tassen und die Likörgläser ab.

Karla wäre gern an Schmerzchens Bett gegangen. Aber Luise hatte sie ein für allemal gebeten, das zu lassen. Isoldchen wäre ein schrecklich nervöses Kind — beim leisesten Geräusch erwache sie und wäre dann nicht zur Ruhe zu bringen! An Tante Lis’ hatte sie sich endlich gewöhnt, aber wenn jetzt Karla ...

Karla wußte nicht, was sie machen sollte. Singen konnte sie um elf Uhr abends, wenn alles schlief, doch auch nicht ...!

„Bleibst du hier? Sonst lösche ich aus —“

„Laß nur, Luise ... ich tue es selbst ... Gute Nacht, und ... vielen Dank ...“

Im Hotel hatte sie wenigstens nicht danken brauchen.

„Vergiß nicht, das Fenster zu schließen, und erkälte dich nicht! Gute Nacht ...“

Als Karla allein war, nahm sie die Visitenkarte des Grafen Gaudlitz, riß sie in kleine Stücke und streute sie auf die Straße hinaus.

Wie weiße Schneeflocken wirbelte der Wind sie durcheinander, bis sie auf die nassen Steine herabfielen und ein Auto über sie hinwegfuhr, sie mit dem trüben Wasser der Lachen überspritzte.

Nun sah Karla nichts mehr von ihnen und atmete erleichtert auf.

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Der Papa sollte recht behalten — Altmanns Weizen blühte nicht in Berlin. Selbst Kommissionsrat Fuchs vermochte es nicht, Berliner Theaterleiter für Altmann zu gewinnen. Um seinen guten Willen zu zeigen, und sich „der König“, durch die er noch viel zu verdienen hoffte, angenehm zu machen, verschaffte Fuchs ihm ein paar Gastspiele an kleinen Provinzbühnen. Altmann sah bald, daß das alles keinen Zweck hatte und fühlte sich merkwürdigerweise der Bühne als Schauspieler entwachsen. Wie ein Kleinkinderspiel kam ihm das Theater vor, die Anweisungen des Spielleiters reizten ihn zu Widersprüchen, den Bitten seiner Mitspieler begegnete er mit einem Aufgebot von Gegengründen, die das Belangloseste zu einer Bedeutsamkeit stempelten, die die Bitten gar nicht gehabt hatten. Die jüngeren Leute verbesserte er gern, hielt ihnen Vorträge über die Sprechkunst, die seit den letzten Jahren so „schmählich“ vernachlässigt wurde — den älteren Kollegen trat er mit dem Besserwissertum seiner „langjährigen leitenden Stellung“ entgegen.

Die Gastspielmöglichkeiten wurden immer seltener — hörten schließlich ganz auf.

Luise schmerzte das sehr.

Bei Tisch kam der Groll manchmal zur Entladung, wenn Karla sich erkundigte, ob Fuchs „etwas gefunden“ hätte.

„Ich bin gar nicht so versessen darauf“, sagte Altmann. „Es ist ja doch nichts los ... wer schreibt denn heute noch eine anständige Rolle?“

„Liebe Karla — wenn Ernst Stimme hätte, dann brauchte er nicht auf eine Stellung zu warten. Dann brauchte er weder Talent zu haben noch die Erscheinung — dann würden ihm alle das Haus einrennen! Es ist wirklich nicht schwer, mit einer Stimme, wie du sie hast und wofür du doch gar nicht kannst, an einer Königlichen Bühne zu sein ...“

„Das sage ich ja gar nicht — aber ... vielleicht dürfte Ernst keine so hohen Ansprüche machen.“

Luise lachte kurz und bitter auf.

„Keine Ansprüche ...! Sehr feinfühlend!“

Karla zerknitterte ihre Serviette.

„Ihr müßt mir meine Worte nicht absichtlich anders auslegen. Im Schauspiel gibt’s eben keine so großen Gagen wie in der Oper ... das ist doch nun mal so.“

„Ja, ja, Karla ... das wissen wir, daß du mehr verdienst, wenn es auch nicht gerade nötig ist, daß du vor dem Kind ...“

Karla sprang vom Stuhl auf.

„Was hab’ ich vor dem Kinde ... — was? ... So sag doch gefälligst ... unerträglich ist das! Verrückt könnt ihr einen machen, verrückt.“

Sie schob den Stuhl zurück und lief ins Schlafzimmer.

Schmerzchen machte große Augen.

Die Mama war doch sehr wild! Warum lief sie davon und ließ das gute Essen stehen? Es hatte sie doch keiner fortgeschickt ... Tante Lis’ hatte so leise gesprochen ... die Mama aber, die schrie gleich los. Der Papa sah ganz traurig aus ...

Nun stand auch Altmann auf. Tief herabgezogen waren seine Mundwinkel. „Tja ... so geht es, Lis’! Wenn ich denke, daß ich Karla beigebracht habe, ‚Habt Dank‘ zu sagen ... das Elementarste! Sie stolperte über die Worte wie ein junges Füllen ... Stimme ... ja, gewiß, Stimme hatte sie immer ... köstlich jung, frischer als heute ... aber wer krähte nach ihr? ... Wer? ... Bitte, sage es mir ...“

„Das wissen wir ja, mein guter Ernst ... weiß sie auch, sie ist nur so unbeherrscht. Das mußt du ihr nicht übelnehmen. Es ist deiner ja auch gar nicht mehr würdig, dem Publikum was vorzumachen. Du kannst mehr, weit mehr! Du kannst Talente bilden. Karla ist der lebendige Beweis. Wir haben wohl das Lehrtalent gemeinsam, — nur, daß meine Begabung stets im Verborgenen geblüht hat, während du ... Wer wird nicht glücklich sein, beim Lehrer von Karla König Unterricht zu haben? ...“

Altmann blieb stehen und sah die Schwester betroffen an. Es war ganz still zwischen ihnen geworden — nur das Gaslicht surrte leise, und Schmerzchen kratzte mit dem Löffel das letzte Überbleibsel des Puddings auf.

„Unterricht? Hm ... ja ... du meinst? Das wäre allerdings eine Idee ... darüber müssen wir noch sprechen ... das ließe sich machen ... Was wohl Karla dazu sagt?“

Luise lächelte nachsichtig.

„Ja ... ja, natürlich ... Jedenfalls danke ich dir, Lis’, für die Anregung. Es geht nichts über eine kluge Frau ... wirklich ... nichts.“

Er hob Schmerzchen sacht an seine glattrasierte, bläulich schimmernde Wange und faßte Luise mit dankbarem Druck um die Schulter.

„Jetzt geht unsere kleine Isolde wohl schlafen, he?“

Er wußte nie recht was anzufangen mit dem Kinde — fast ebenso wenig wie der Großpapa, aber er verlangte nichts und hatte eine behutsame Art, es aufzuheben, auf den Schoß und auf die Erde zu setzen.

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