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Die Primadonna

Die Primadonna (continued 3)

Reading edition

Der Papa war ganz allein da. Er sah niemanden und kümmerte sich um niemanden. Hinter ihm flatterten Tücher auf, flogen Hüte in die Luft. Er lachte, er schickte Kußhände.

Altmann stand hinter Karla. Er sah älter aus als sonst. Im übrigen war sein Gesicht unbeweglich wie immer. Vielleicht noch etwas starrer. Er haßte Rührszenen auf offener Straße. Und es ging ihm um mehr als nur um einen Reiseabschied.

Verzierung, drei Sterne
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Karla packte. Es war gar nicht leicht, die langen Schleppkleider in den schmalen Koffern kunstgerecht zusammenzulegen. Die Nordeni reiste nie anders als mit einer Zofe. Nordeni ... zum Lachen! Das „i“ hatte sie sich angehängt wie einen Similistein. John Russel hätte es gern gesehen, wenn sie selbst sich King statt König genannt hätte. Aber sie dachte nicht daran.

Hochrot im Gesicht, mit offener, weißer Morgenjacke lief sie zur Tür des Nebenraumes: „Schreibst du noch lange?“

„Ich bin gleich fertig. Soll ich etwas Besonderes bestellen?“

„Weiß nichts. Grüße nur.“

Adele zog in eine neue Wohnung. Hauptsächlich Schmerzchens wegen. Natürlich. Und es war nur billig, daß Ernst einen Umzugsbeitrag schickte. Vor drei Monaten war Vicki an verspätetem Scharlach erkrankt. Karla kabelte jeden Tag in die Culmstraße, wie es Schmerzchen ginge. Und immer dieselbe Mahnung: „Nicht sparen. Kind isolieren.“ Vickis Krankheit kostete sie sehr viel Geld — und dann die Erholung an der See! Aber davon hatte dann auch Schmerzchen was gehabt, hatte mit bloßen Füßchen im warmen Dünensand herumgepaddelt. „Das Körperchen wird schon ganz braun“, schrieb Adele.

„Die Ruhe und die gute Luft tun Adele auch gut“, sagte Altmann.

Karla fragte nicht, was an Geld draufging. Nur, als sie von der Zofe der Nordeni sprach, hatte Altmann gemeint: „Vernünftig sein, Karla ... wir brauchen ohnehin eine Unmenge.“

Sie nickte. Ja ... das mochte wohl stimmen. Bei John Russel war sie mächtig im Vorschuß, und es war ihr beinahe unheimlich, wie leicht er ihr jede verlangte Summe gewährte.

Freilich verlangte er Toiletten. Hatte nur kalt aufgelacht, als sie ihre mitgebrachten Schätze gezeigt hatte, damit er das Kleid für ein Konzert wähle, in dem sie mitwirken sollte. Ganz wütend war sie über die Geringschätzung gewesen. Altmann übernahm es, mit Russel zu sprechen. Karla war ja schließlich nicht als „Salondame“ für französische Ehebruchskomödien engagiert, sondern als dramatische Sängerin. Auf die Stimme kam es an, und wenn sie in großen Linien der Mode folgte, so durfte niemand mehr von ihr verlangen!

„Verlange ich auch nicht, Herr ... Herr ...“

Es wurde John Russel noch immer schwer, sich Altmanns Namen zu merken.

„Siehst Du“, sagte Altmann sehr selbstsicher und zufrieden von dem Ergebnis seiner Unterredung.

Karla freute sich auf das Konzert, das in dem Hause eines Milliardärs stattfinden sollte und zu dem die Spitzen der Gesellschaft ihr Erscheinen zugesagt hatten. Sie konnte kaum essen und schlafen vor Aufregung. Aber als sie John Russel fragte, für welche Stunde sie sich bereithalten sollte, sah er sie kalt an und warf ihr die Antwort hin:

„Sie singen ja gar nicht, sondern die Nordeni.“

„Siehst du ... siehst du“, rief sie zu Hause und trommelte auf den Tisch.

Die Tränen saßen locker bei ihr und überfluteten ihre Wangen.

Altmann suchte sie zu beruhigen.

„Lächerlich, Karla ... Sei froh, daß du einen Tag Ruhe hast. Wir gehen ins Deutsche Theater und verbringen einen netten, gemütlichen Abend.“

„Ich hätte aber hundert Dollar für das Konzert bekommen“, schluchzte Karla.

Die Nordeni renommierte haarsträubend. Der Hausherr hätte ihr die Hand geküßt, die Damen hätten sich um ihr Taschentuch gerissen, das sie auf dem Flügel hatte liegen lassen ... Karla konnte das alles schwarz auf weiß in einem der amerikanischen Klatschblätter lesen. Und dazu noch, daß die „Künstlerin außer einem fürstlichen Honorar ein Armband, mit Rubinen und Brillanten besetzt, als Geschenk erhalten hatte“. Folgte die Beschreibung der Toilette.

Am nächsten Morgen ging Karla, ohne ihrem Manne etwas zu sagen, in die Office von John Russel.

John Russel saß in Hemdsärmeln vor seiner Schreibmaschine, die er bei Karlas Eintreten durch einen Druck auf einen Knopf in einer Versenkung verschwinden ließ, worauf sich die Tischplatte selbsttätig zusammenschloß.

„Well ... Karla König ... what is the matter?“

Karla wußte eigentlich nicht recht, wie sie ihre Bitte um Vorschuß einkleiden sollte. Er hatte schon mehrfach gegeben; aber es waren doch immer kleinere Summen gewesen. Sie druckste ein bißchen herum.

„Sie brauchen Geld — wie? ... Genieren Sie sich doch nicht. Wieviel? ... Tausend Dollar? Lächerlich ... ich gebe Ihnen gern zwei. Da können Sie was anfangen.“

„O nein“, wehrte Karla erschreckt ab. „Mein Mann ..“

„Ihr Mann geht mich gar nichts an. Ich habe nicht Ihren Mann engagiert. Ihr Mann macht eine Glucke aus Ihnen! Hätte ich das gewußt —“

Karla blickte ihn furchtsam an.

„Aber ich bin doch ganz unerfahren. Mein Mann sorgt für mich.“

„Ja, und Sie verdienen für ihn. Das heißt, Sie verdienen nicht. Weil er Sie am Rock festhält, wenn Sie mal losgehen wollen. Vielleicht bitten Sie ihn auch um Erlaubnis, wenn Sie sich ein Paar Handschuhe kaufen wollen? ... Sie laufen herum, angezogen wie eine Gouvernante. Wissen Sie nicht, daß Ihr Beruf Ihnen Pflichten auferlegt? Glauben Sie, die Amerikaner zahlen ihr Geld, um eine kleine governess zu sehen?“

„Und meine Stimme?“

Er zuckte die Achseln.

„Stimme ... Stimme! Die ist doch erst etwas wert, wenn ich was aus ihr mache. Haben Sie das noch nicht verstanden? Nein? Dann können Sie mir leid tun!“

„Mein Mann ...“

„Kommen Sie mir nicht immer mit Ihrem Mann. So ein Mann, der nichts ist als ‚Mann‘ — macht mich nervös. Sagen Sie ihm lieber, er solle sich einen anständigen Frack machen lassen; er sieht auch aus wie ein Schulmeister in seinem Hochzeitsanzug, mit den altmodischen Schößen. Darin passen Sie gut zusammen! Oder, sagen Sie mal ... er ist doch Schauspieler! Ich kenne den Direktor vom Deutschen Theater hier. Wenn ich dem ein paar Worte sage ... bring’ ich ihn dort unter. Da kann er seine ältesten Lumpen auftragen, wenn er will. Überlegen Sie sich’s. Und da sind zweitausend Dollar. Und hier ... die Adresse von einem Modesalon. Zehn Prozent Rabatt, wenn Sie von John Russel kommen. Die wissen dort schon, was ich liebe. Da ist auch noch die Karte von meinem Schneider ... warten Sie ... hier! Da kann Ihr Mann hingehen.“

Karla wechselte immerfort die Farbe. Es war alles so schrecklich demütigend und häßlich.

„Wir haben ein Kind, wir müssen sparen!“

Russel lachte kurz vor sich hin. Sie war eine Gans, diese König. Schade, daß er sich mit ihr beschwert hatte ...

„Sparen heißt verdienen, aber nicht: nichts ausgeben! Wenn Sie nichts ausgeben, kommen Sie auch nicht zum Verdienen. Das ist meine Meinung. Im übrigen machen Sie, was Sie wollen. Aber wenn nichts aus Ihnen wird, dann bedanken Sie sich bei Ihrem Manne. Nur schade um die Stimme! ...“

Karla zupfte an ihren Handschuhen, drehte ihren Schirm wie einen Quirl in der Hand und steckte den Scheck schließlich in ihr Täschchen. Sie unterschrieb mit großen, dicken Buchstaben „Karla König“, ohne „Altmann“.

„Ist nicht nötig“, hatte John Russel gesagt.

Abscheulich war dieser Russel — gemein! Sie hätte ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen.

Und sie war dann immer doppelt zärtlich zu ihrem Manne. Aber diesmal ... ihr schien es, als hätte Russel nicht so unrecht. Sie waren eben beide aus kleinen Verhältnissen — Altmann und sie — und hatten den weiten Blick nicht.

Sie löste den Scheck ein und bestellte ihre Kleider. Sie zitterte vor dem Augenblick, da sie Altmann diesen Vorschuß beichten mußte.

Ganz kalt sah er sie an und sagte mit eingezogenen Mundwinkeln: „Es ist ja dein Geld. Du kannst natürlich damit tun, was du willst.“

Sie wagte es nicht mehr, von einem neuen Frack zu sprechen.

Bevor sie New York verließen, durfte sie auch in einer ihrer neuen Toiletten bei Astrong singen. Entweder die Nordeni hatte haarsträubend gelogen, oder die Milliardäre waren verschieden wie Tag und Nacht. Die Künstler waren von der Gesellschaft durch eine rote Samtschnur mit goldenen Quasten abgegrenzt. Die Damen wandelten um die Schnur herum und musterten die Künstler halb dreist, halb gelangweilt durch ihre edelsteinbesetzten Lorgnetten und tauschten mit ihren befrackten Begleitern Bemerkungen aus. Karla fühlte, wie die Füße ihr brannten in den kleinen Goldschuhen, auf die die Blicke der märchenhaft reich gekleideten Frauen fielen. Die Geigerin flüsterte ihr zu: „Man trägt in diesem Jahr keine Goldschuhe mehr.“

„So“ ...

Karla setzte sich auf einen kleinen seidenen Hocker und zog die Füße ein. Ihre weißbehandschuhten Hände (man trug in diesem Jahre auch keine weißen, sondern nur schwarze, lange Handschuhe) nestelten aufgeregt an den Notenblättern. Wenn die Leute sie noch lange so anstarrten, dann ... dann riß sie die Handschuhe ab und warf sie ihnen ins Gesicht oder streckte ihnen die Zunge aus! Aber die Gäste verliefen sich allmählich, und nach einigen Minuten begann das Konzert. Die Künstler wurden von einem befrackten Herrn einzeln hinter der Schnur hervorgeholt und nach ihrer Nummer wieder hinter die Schnur zurückgebracht.

Karla zitterte vor Wut. Als sie aber auf das Podium trat, das mit hellblauem Samt ausgeschlagen war, wurde sie ganz blaß, da sie die Pracht erblickte, die sich vor ihr ausbreitete. In der ersten Reihe saß eine blonde Frau in schwarzem Schleiertüll, dessen feines Rankenmuster mit echten kleinen Brillanten eingefaßt war; erbsengroße Diamantknöpfe schlossen die Spangen der schwarzseidenen Schuhe und eine lange Kette flach gefaßter Brillanten fiel in doppelter Reihe von dem schlanken Halse herab bis zu den Knieen. Neben ihr saß eine üppige Brünette, deren lichtblaues, langschleppendes Unterkleid von einem Netz aus Goldfäden überdeckt war, das mit langen Gehängen aus echten Perlen um die Schleppe, die kurzen Ärmel und die Brust verziert war. Hinter den Sesseln dieser zwei Damen standen unbeweglich je zwei Diener, deren Amt es offenbar war, darauf zu achten, daß sich nicht etwa einer der kostbaren Edelsteine von dem Kleide löste und in dem Gefältel fremder Schleppen verlor.

Die in die Wände eingelassenen und mit Gold abgesetzten, geschliffenen Spiegel gaben das Funkeln der Edelsteine, das Gleißen der wundervollen, gold- und silberschimmernden Stoffe hundertfach wieder. Das Licht aus zahlreichen goldenen Blumensträußen, die an der Decke angebracht waren, sprühte über die tief ausgeschnittenen elfenbeinstumpfen und rosig schimmernden Nacken, die scheinbar kunstlosen, in weiten Wellen gesteckten glänzenden roten, braunen und blonden Haare. Da, wo die Reihen der hellblauen Sessel mit geschnörkelten Goldlehnen endeten, erhoben sich in einförmigem Schwarz und Weiß die Gestalten der Männer. Bartlos wie Schauspieler waren sie alle. Hatten scheinbar gutmütige, ein bischen schwammige Züge. Nur das fast allen gemeinsame, vorgeschobene Kinn und der verschleierte schwere Blick gab ihren Gesichtern bei näherem Zusehen einen Zug neronischer Gefühllosigkeit. Ihre Hände konnten trotz aller Pflege nicht immer ihre Herkunft verbergen. Sie protzten weder mit Ringen, noch mit Orden. Die Größe ihres Reichtums zeigten ihre Frauen zur Genüge auf ihren Schultern an; ihre Stellung aber war durch ihre Anwesenheit in einem solchen Hause klargestellt. Zwischendurch gab es auch junge Leute, deren Gesichtszüge der Reichtum des Vaters veredelt hatte. Ihre Stirnen waren breit und nichtssagend, ihre Augen hatten die Schwermut des freudlosen Genießens, aber unter ihren Frackärmeln zeichneten sich die Muskeln von Berufsathleten ab. Sie besuchten diese Salons, in denen sie sich langweilten, um eine französische Prinzessin zu fischen oder einer Tingeltangelöse auszuweichen, die sie überall hin verfolgte, um ihnen zum mindesten ein Eheversprechen abzulisten, das sie zu Geld machen konnte.

All diesen Männern war der Frack die Abenduniform. Wo sie sie spazieren führten, innerhalb ihres Kreises, war ihnen gleichgültig, ebenso wie ihnen gleichgültig war, was sie über sich ergehen lassen mußten. Die Patti, Jean de Reczke hatten den Vätern einige Emotionen bereitet, als sie anfangen durften, an „Kunst“ zu denken — die jungen Leute hatten die Bewunderungen der Väter übernommen und noch nichts Neues entdeckt. Das war dort übrigens Frauensache. Aber auch die Frauen übernahmen gern geprägte Werte und ließen es sich erst sagen, für wen sie sich zu erwärmen hatten.

Der Geigerin ging ein recht guter Ruf voraus. Sie war eine mollige Blondine, und der Salon ihres Mannes, der in Paris ein berühmter Klavierspieler war, vereinigte die beste Gesellschaft. Einige junge Damen aus den upper Vierhundert hatten Geigenunterricht bei ihr in Paris genommen ... sehr nett .... Man hatte ihr lebhaft mit den Fingerspitzen zugeklatscht.

Aber — Karla König? ... Ein unbeschriebenes Blatt.

Man hörte nicht viel hin, unterhielt sich leise — durchaus höflich, legte wohl auch mit mahnendem Lächeln den beringten Finger an den Mund — es war gerade die Mode aufgekommen, die Ringe über den Handschuhen zu tragen — und es sah auch wirklich sehr hübsch aus, wenn die Frauen so dasaßen, die steifen Hände wie glitzernde Blumen im Schoß. Die Tochter eines Multimillionärs hatte es sogar gewagt, sich einen kleinen funkelnden Rubin in den milchweißen Augenzahn einsetzen zu lassen. Sie lächelte sehr viel, weil sie heute zum erstenmal die Wirkung dieser Neuheit ausprobierte. Und eigentlich war der Zahn von Miß Evelin Steafford heute der „Clou!“, gegen den auch die beste Nummer des Konzerts schwer aufkommen konnte. Denn die Wirkung des Rubins mußte bei allen Wendungen von Miß Evelins hübschem Kopf und jeder Art ihres reizenden Lächelns genau beobachtet werden.

Karla sang. Die Noten zitterten in ihren Händen. Sie fühlte, daß sie ins Leere sang. Dann sah sie, wie ein paar Damen wieder ihre Schuhe lorgnettierten. Sie wurde immer unsicherer.

„Was machen Sie denn?“ flüsterte ihr der Begleiter zu.

Sie hatte einen Takt ausgelassen. Wie durch ein Wunder kamen sie nicht auseinander. Als sie zu Ende war, rührte sich keine Hand. Sie griff nach dem Klavier. Tiefe Schatten legten sich unter ihre Augen. Die blonde Dame mit dem goldenen Netz schlug kaum merklich auf die Lehne ihres Sessels und unterdrückte ein Gähnen. Das war nun schon das vierte Hauskonzert in dieser Woche ... es war Zeit, daß man auf etwas anderes kam. Sie würde sich eine Bühne bauen lassen — in der Art wie sie die Patti hatte. Natürlich in ganz anderer Ausführung .... Musik war ja ganz nett, aber man mußte auch was fürs Auge haben ...

Na — was war denn das plötzlich?

Die Dame in Blau und die Dame in Schwarz beugten sich zueinander ... und alle schimmernden Frauenköpfe neigten sich nach rechts und links, wie sturmbewegte Blumen. Eine große Stille lag über dem glitzernden, funkensprühenden, lichtumfluteten Saal .... Was war denn geschehen? ... Die da oben sang ja plötzlich nicht mehr? Ein paar Herren reckten ihre Hälse ... nicht viele. Die meisten waren froh, daß es aus war.

Karla wankte am Arm des Begleiters die paar Stufen des Podiums herunter.

Der Herr, der die Künstler hinter der Schnur hervorholte wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden, sprang auf die Erhöhung und meldete, Miß König wäre plötzlich von einem Unwohlsein befallen worden ... Dann schubste er den Sänger hinauf, den er schon in Bereitschaft gehalten.

Karla mußte in der Umzäunung bleiben, bis das Konzert zu Ende war. Irgend jemand von den Künstlern besorgte ihr ein Glas Wasser. Aber sie hatte die Zähne fest aneinandergepreßt, und die Geigerin nahm schließlich ihr Taschentuch und kühlte ihr den Nacken. Da öffnete Karla die Augen.

„Ich will nach Hause ... nach Hause“, murmelte sie auf Englisch.

Die Geigerin fuhr ihr gutmütig über die Wange:

„Jetzt müssen Sie noch ein bißchen warten — bis das Konzert aus ist. Unsere Wagen sind noch nicht da. Aber ich hoffe, daß Sie noch vor der Abfütterung fortkommen.“

„Wie denn ...“

„Tja ... darling ... wir bekommen noch ein großes supper ... natürlich extra serviert. Und auf dem Teller findet jeder sein Honorar unter Briefumschlag ... manchmal sogar noch ein kleines Geschenk ... nichts sehr Wertvolles ... es ist ja nur ein Andenken ... etwa das verschlungene Monogramm des Hausherrn in Gold oder so ...“

„Aber ich will kein Honorar, kein Monogramm ...“

Der Sänger kam zurück, dicke Schweißperlen auf der Stirn; irgendein Fräulein, das als Baby angezogen war und eine Riesenpuppe im Arm trug, hüpfte an der Hand des Herrn hinaus in den Konzertsaal. Ihre Spezialität waren naive Kinderliedchen, die eine schamlose, doppelsinnige Pointe hatten. Die Damen wollten immer nicht verstehen, warum sich die Herren bei den harmlosen Vorträgen der kleinen Person so gut unterhielten. Jedenfalls verdiente sie sehr viel Geld mit ihren „babysongs“. Der Sänger — er gehörte seit einigen Jahren zu John Russels Gesellschaft — warf seine Noten ärgerlich auf den Tisch.

„Wenn die kleine Kröte noch einmal auf demselben Programm mit mir figuriert, dann sage ich ab. Aber daß Sie, kleine Frau, sich derartig würden ins Bockshorn jagen lassen von der Gesellschaft, das hätte ich nicht geglaubt.“

Karla biß in ihr Taschentuch hinein.

„Sie müssen sich doch nur immer vergegenwärtigen, vor wem Sie stehen. Die Dame in Blau und Gold ist die Frau des Hauses; ihr Schwiegervater hat noch ein Schlächtergeschäft betrieben in New York, und die Dame in Schwarz, mit den Brillanten, ist die Tochter eines Weizenexporteurs en gros und Enkelin eines Auswanderers ... Zwischendeckpassagiers — tjawoll! Wenn die Herrschaften unter sich bleiben wollen, dann müssen sie wirklich die rote Schnur ziehen!“

Ungeduldig, mit brennenden, trockenen Augen und zerbissenen Lippen stand Karla König auf. Sie war wie im Fieber. Um keinen Preis durfte jemand aus der Gesellschaft sie noch sehen. Noch einmal ertrug sie die spöttischen oder kalten Blicke dieser Menschen nicht.

„Nun ... wie war’s?“

Altmann verstummte, als er ihr blasses, gleichsam zerknittertes Gesicht erblickte. Das kostbare Kleid schleifte über den Boden, der Umhang glitt von den wie eingeschrumpften Schultern.

„Was ist denn geschehen, Karla? ... So rede doch!“

„Blamiert habe ich mich — weiter ist nichts geschehen.“

„Du siehst, Karla, ich wollte dich selbst begleiten.“

Aber sie zuckte die Achseln:

„Ach, du ...!“

Es gab ihm einen Stich. So wenig bedeutete er ihr? So völlig gleichmütig ging sie über ihn hinweg?

„Ja ... warum hast du dich nicht zusammengenommen?“

Seine Stimme klang härter, als er wollte.

Aber dann sah er ihren Umhang auf dem Boden liegen, die Schleppe war am Ende eingerissen, als wäre sie beim hastigen Aussteigen am Wagentritt hängen geblieben.

„Die guten Sachen! ... So paß doch auf! ...“

Karla warf sich in den nächsten Sessel.

„Die guten Sachen? ... Meinetwegen sollen sie in Fetzen gehn. Es sind ja doch nur Lumpen. Jawohl! Lumpen! Ach, du glaubst vielleicht, weil das Kleid fünfhundert Mark kostet, bin ich gut angezogen? Gott bewahre! ... Ich hatte ja Goldschuhe an und weiße, lange Handschuhe! Denke doch — mein Verbrechen! Ausgelacht haben sie mich! Erst ausgestellt, wie in einem Panoptikum, und dann ausgelacht!“

Sie schlug die Hände vors Gesicht und blieb regungslos sitzen. Sie wartete. Jetzt mußte ihr Mann kommen, mußte den Arm um sie legen, sie trösten und sagen, daß sie heimfahren wollten. Lange saß sie ganz still, begriff nicht, daß es so lange währte, bis das geschah, worauf sie wartete.

Altmanns Schritte schlugen an ihr Ohr, langsam, gewichtig. Er räusperte sich, blieb stehen.

„Ja ... na und dann?“

„Dann? ... Dann bin ich stecken geblieben und habe getan, als ob ich ohnmächtig wurde ... das war dann!“

Sie riß ihr kleines Taschentuch aus dem Ausschnitt, ballte es zusammen und warf es zornig auf den Tisch.

„Stecken geblieben ...? Wenn ich dich begleitet hätte, wäre das nicht geschehen, sage ich ...“

„So? Warum wäre das nicht geschehen?“

„Weil du dich nicht so verlassen gefühlt hättest, weil ...“

„So, glaubst du wirklich? ... Und ich sage dir, es wäre noch schlimmer geworden. Sie hätten dich mit mir zusammengesperrt und hätten über deinen Frack gelacht! Ja ... das hätten sie ... denn du siehst wie ein Schulmeister aus, meint Russel, in deinem Hochzeitsfrack!“

„So? Meint er das? ... Nun, da ich nicht mit war, konnte mein Frack nicht an deinem Durchfall schuld sein.“

Karla fühlte, daß sich etwas Häßliches zwischen ihnen erhob. Ein unsichtbares schwarzes Ungetüm, das mit Tatzen nach ihnen schlug, sie aufeinanderhetzte. Sie brach aus, ohne Zusammenhang, leidenschaftlich:

„Ich bleibe hier nicht — um keinen Preis bleibe ich! Geh zu Russel ... er soll den Vertrag lösen. Es kann ihm ja auch nichts an mir liegen ... er wird froh sein ...“

„So? ... Und die Vorschüsse ...?“

Altmann stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor ihr. Sein Gesicht drückte leise Genugtuung und Überlegenheit aus.

„Also du willst mir nicht helfen ... willst nicht ...“

Ihre Augen sprühten, ihre Lippen bebten.

„Du hast mich nach Amerika geschleppt ... Du! ... Ich wollte nicht ... Ich wollte bei meinem Kinde bleiben. Aber das war dir ganz egal, was mit dem Kinde geschah! Du hattest ja deine Schwestern ... Deine Schwestern sind dazu da, sich um das Kind zu kümmern ... Ich muß Geld ...“

Sie brach plötzlich ab, denn Altmann hatte sich über sie gebeugt, sehr bleich im Gesicht, und hatte mit heftigem Druck ihre Hand ergriffen.

„Sprich nur zu Ende ... bitte ... lege dir keinen Zwang auf. Wer da alles aus dir herausredet, das weiß ich nicht. Aber zu so etwas kommt es wohl, wenn der Mann seine Frau über sich hinauswachsen läßt. Das heißt — du bist noch nicht hinausgewachsen ... lange nicht. Denn das ‚viele Geld‘, das du verdienst — ist weniger wert als meine kleinen Gagen in den letzten Jahren. Von denen sparte ich mir noch etwas — ja, das tat ich — sonst hätte ich dich ja gar nicht heiraten können. Was besitzen wir, seitdem du verdienst? — — Schulden. So ist es. Glaubst du, Russel läßt dich gehen, solange du ihm noch einen Dollar abzusingen hast? Eher läßt er dich zehnmal durchfallen, als daß er dich gehen läßt! Ein Durchfall ist unter Umständen auch eine Sensation, wenn man ihn geschickt ausnutzt. Denn was du in der Kehle hast, weiß er so gut wie ich! Aber du bist unbeherrscht — und darauf rechnet er. Ich bin ihm unbequem, und er möchte mich los sein! Darum sucht er mich klein zu machen in deinen Augen! Tu ihm nur den Gefallen und falle ihm drauf rein — bitte. Mir brauchst du ein einziges Wort zusagen — mit dem nächsten Schiff bin ich wieder in Europa. Dann balge du dich mit ihm herum! Versuche es, von ihm loszukommen. Er wird dich schon zu halten verstehn. Ich weiß jetzt Bescheid über ihn! Du bist nicht die einzige. Wenn du nicht den Stoff in dir hast, eine allererste zu werden, wertvoll genug bist du, daß er dich bis aufs Letzte auspumpt! Geh morgen zu ihm hin und verlange dreitausend Dollar Vorschuß. Er wird sie dir geben. Auch fünftausend. Je mehr, desto besser! Desto sicherer bist du ihm. Oder willst du durchbrennen — willst du steckbrieflich verfolgt werden? ... Mein liebes Kind ... zieh dir einen Leinwandrock an, braune Stiefel und grüne Handschuhe — und diese selbe Gesellschaft, die dich heute ausgelacht hat, brüllt dir zu — wenn du einen Namen hast! Den Namen aber geben dir nicht deine Kleider, sondern den gibt dir deine Selbständigkeit Russel gegenüber. Zeige ihm, daß du ihn nicht brauchst, dann wird er Angst haben, dich zu verlieren. So. Und nun wirtschafte weiter nach eigenem Ermessen. Meine Sachen sind rasch gepackt ...“

„Ernst!“

Sie hielt ihn am Arm zurück. Sie küßte den alten graukarierten Stoff, sie streichelte ihm das Gesicht mit ihrer tränenfeuchten Hand. Sie murmelte:

„Nicht böse sein ... ich bin so dumm ... so schrecklich nervös bin ich ... Pass’ auf, wenn ich ruhiger werde ... es ist wahr, du mußt immer mit mir gehen ... immer ... dann kann ich dir gleich alles sagen ... Du bist immer so gut zu mir gewesen ... Du wirst mir raten ... Gewiß wäre das heute nicht passiert, wenn du dagewesen wärst ... gewiß nicht ... Und nie nehme ich mehr einen Vorschuß ... nie! ... Überhaupt will ich das Geld gar nicht mehr sehn ... Du gibst mir ein Taschengeld wie früher ... ich brauche ja nichts ... nicht wahr? Ein paar Handschuhe vielleicht ... Schleier trage ich ja nicht ... und mal was Süßes ... oder eine Kleinigkeit für Schmerzchen ... so wonnige Babysachen haben sie hier ...“

Altmann drückte ihren hübschen, dunklen Kopf an sich. Wie ein ungebärdiges Kind war sie. Wild und zügellos, und im Handumdrehen wieder gut und lenksam. Er wollte ja auch wirklich nur ihr Bestes — in ihrem gemeinsamen Interesse! Sie dachte an ein Röckchen für das Kind, er dachte an des Kindes Zukunft.

Es war zwei Uhr nachts, als Karla wie gerädert ihr Bett aufsuchte. Ihr Mann hatte ihr versprochen, über den gestrigen Abend mit Russel zu sprechen.

„Lieber, guter Ernst“, flüsterte sie und schlief, seine Hand gegen die Brust gedrückt, ein — sorglos wie ein Kind, dem man seine Unart verziehen hat.

** *

John Russel machte nicht viele Worte.

„Ich weiß ... ich weiß ... Sie hat keine Routine für Amerika ... macht nichts! Die will ich ihr schon geben. Wenn sie in drei Jahren wieder bei Astrongs singt, wird das anders gehen. Schade, so frisch wird die Stimme dann nicht mehr sein. Well, es gibt Leute, die das Obst erst dann essen, wenn es überreif ist.“

„Na, erlauben Sie ... in drei Jahren wird meine Frau nicht ...“

John Russel kniff seine glänzenden Raubvogelaugen zusammen:

„Wissen Sie, was eine Tournee heißt von San Franzisko nach Montevideo?“

Es erging Altmann wie vor wenigen Wochen Karla: der Boden des hellen Zimmers schien unter ihm zu wanken. Aber er verstand es, sich zu beherrschen. Schließlich hatte er diesem Manne Gewalt über Karla gegeben. Daran, eine Tournee einzuteilen, hatte er nicht gedacht.

„Es wird eine ganz interessante Reise für Sie werden, Mister ... Herr ... Altmann. Übrigens hier sind die fünfzig Dollars von gestern abend ... wie ... ich soll sie auf Ihr Konto buchen? ... Es eilt mir nicht ... Sie wünschen es ausdrücklich? ... Well ...“

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Die Zofe der Nordeni war Pariserin. Ihre Vergangenheit war einfach. Als kleine „Grisette“ hatte sie tagsüber die großen Hutschachteln von Reboux ausgetragen und am Abend die lärmenden Vergnügungen der Künstlerkolonie von Montmartre geteilt. Ihre Sprache hatte sich an den feingespitzten Dialogen der Kunstjünger geformt. Sie schrieb Kärtchen, die stilistisch einer Gräfin Beausac zur Ehre gereicht hätten, wenn auch in der Rechtschreibung einer Wäscherin.

Munter lächelnd packte sie mit ihren zugespitzten feinen Händen die kostbaren Roben ihrer Gebieterin ein und aus, hütete den mit Similisteinen untermischten Schmuck, badete, salbte, strählte die überreifen Reize der Nordeni und wußte bestimmt, daß sie selbst einst noch weit kostbarere Kleider, noch weit strahlenderen Schmuck ihr eigen nennen würde.

Diese Gewißheit aber behielt sie für sich. War bescheiden, aufmerksam und lieh ihrer Herrin außer dem Geschick ihrer Hände auch die belustigenden Wendungen ihres Geistes und einen sicheren, nie versagenden Geschmack.

Eines Tages fragte Karla, ob Mariette ihr während der langen Fahrten im Pullmann-Car französischen Unterricht geben wollte?

Madame Nordeni gestattete es gnädigst. Sie war überhaupt so liebenswürdig, wie es ihr Bewußtsein, der „Star“ der Gesellschaft zu sein, nur immer zuließ. Ihre anfängliche Bängnis, Karla könnte ihr als ernste Konkurrentin an die Seite gesetzt werden, verlor sich nach dem Konzert bei Astrongs völlig. So beschloß sie, in Karla nicht mehr zu sehen als eine junge „Aushilfe“, die dann zu singen hatte, wenn sie selbst müde war, nicht disponiert oder aber John Russel ärgern wollte. Zu Altmann war sie freundlich.

Altmann, an die unverwickelte Psychologie seiner deutschen Provinzkolleginnen gewöhnt, war der überlegenen Art der Nordeni nicht gewachsen.

Bald zeigte er sich beflissen höflich, ja zuvorkommend, bald schroff und abweisend. Sie schien das erstere nicht zu bemerken, das zweite mit sanftem Lächeln zu übergehen. Sie sagte gern: „Was macht unsere Kleine?“ und erteilte Karla öfters gute Ratschläge — durch ihren Mann.

Es kam vor, daß Altmann sagte: „Du, Kind, die Nordeni behauptet ...“

Karla hielt sich die Ohren zu.

„Ach du, mit deiner Nordeni ...“

Sie meinte nichts damit. Aber ihm war etwas unangenehm dabei.

Nach der sechsten Stunde drückte Altmann der kleinen Pariserin einen Dollar in die Hand. Er war dabei ein bißchen verlegen, denn — ein Honorar war es nicht, und der Lehrerin seiner Frau ein Trinkgeld geben ...

Noch verlegener wurde er, als sie es nicht annahm. Sie schüttelte lächelnd den Kopf mit dem hochtoupierten, rötlichen Haar und sagte etwas von „grand plaisir“. Aber weil er in seinem Ungeschick nicht nachgeben wollte, fuhr sie mit ihrem hübschen Zeigefinger streichelnd über seine Hand und lächelte ihn bittend an.

Ihm stieg das Blut in die Schläfen. Immer noch hielt er den Dollar vor sich hin, und obwohl gerade der Kellner durchkam und es ein leichtes gewesen wäre, ihm den Dollar zuzuwerfen, so konnte er sich doch nicht dazu entschließen, drehte das Geldstück hin und her und versenkte es schließlich doch in die Westentasche.

Die Gesellschaft reiste lange, lange Tage zusammen. Aber trotzdem sie scheinbar ganz aufeinander angewiesen war, kam es zu keinem rechten Zusammenschluß. Die Nordeni legte gern große Entfernungen zwischen sich und die anderen, weil es die einzige Möglichkeit für sie war, ihre erste Stellung zu betonen. Der erste Tenor war ein fetter Amerikaner, dem eine Partien-Presse einige Rollen eingepaukt hatte, die er in deutscher Sprache singen mußte. Er kannte keine Indisposition, keine Angst und keine Stimmung. Wenn er den Mund auftat, rollten die Töne aus seiner Kehle, seelenlos und vollendet. Er hatte keinen Ehrgeiz und war nie müde. John Russel schätzte ihn sehr. Seine einzige Leidenschaft war — essen. Er verfraß sein ganzes, nicht unbedeutendes Gehalt. Es hieß, daß er seinen Magen einem medizinischen Institut in Boston vermacht hatte. Er bildete sich viel mehr auf seinen Magen als auf seine Stimme ein. John Russel dachte daran, ihn für eine Varietébühne zu verwenden, wenn er einmal die Stimme verlor ... John Russel war immer weitblickend.

Der genialste der Gesellschaft war zweifellos der erste Kapellmeister, ein Mann, der irgendeiner dunklen Geschichte wegen ausgewandert war. John Russel hatte ihn zufällig in einer Hafenkneipe entdeckt. Er besaß die grenzenlose Überhebung derer, die nichts zu verlieren haben, und behandelte die „Stars“ der Operngesellschaft nicht anders als ehedem seine Kneipenmusiker. Das Orchester vergötterte, der Chor fürchtete, die Solisten haßten ihn. Er war unverwundbar und unbestechlich, auch dann, wenn er sich den Bestechungsversuch selbst gefallen ließ.

Was und wen er in Europa zurückgelassen, erfuhr nie jemand, und sein Besitztum bestand auch nach zweijähriger Tätigkeit bei John Russel nur in einem gefüllten Handkoffer. So gänzlich er in seinem Beruf auch aufging — körperlich schien er immer auf dem Sprunge zu sein. Nicht einmal einen schriftlichen Vertrag hatte er machen wollen. Handschlag — und „so lange es ihm paßte!“ Das gab ihm seine Machtstellung auch John Russel gegenüber. Auf äußerliche Distanz hielt er nichts. Während der Reisen setzte er sich am liebsten unter die Choristinnen und riß boshafte, derbe Witze. An spielfreien Abenden saß er bis tief in die Nacht vor stets erneuten Strohhalmen, durch die er die stärksten und gewagtesten eiskalten Mischungen einsog. Seinen wirklichen Namen kannte niemand, und den angenommenen hatte sich kaum jemand gemerkt.

Nicht mal John Russel. Er war einfach der Kapellmeister, und als die Nordeni ihn einmal halb anulkend „Kapelle“ nannte, blieb ihm der Spitzname. Der ihm unterstellte zweite Dirigent war der „Herr Kapellmeister“ — er war: „Kapelle“. Für das Orchester, die Solisten und den Chor. Ein neu engagierter Sänger sagte, als er das erstemal von ihm sprach: „Herr Kapellmeister Kapelle ...“ Auch auf dem Theaterzettel blieb seine Anonymität gewahrt: „Am Pult: der erste Dirigent“. John Russel hatte was übrig für eine gewisse Romantik. Sie ließ sich meist mehr oder minder umsetzen ...

Kapelle haßte übrigens die Nordeni, weil sie ihm immer ihre hochnäsigsten Blicke herunterwarf, wenn sie zu spät einsetzte. Immerhin mußte er sie ihrer auf solchen Reisen schätzenswerten Routine wegen schonen. Er begnügte sich damit, ein paar Taktstöcke beim Schlagen gegen das Pult zu zerbrechen. Im Zwischenakt aber stürzte er in die Garderobe: „Ich erwürge dich ...“ Er schimpfte unflätig, während sie noch Puder auflegte oder Lippenrot.

Um ihn zu versöhnen, schickte sie ihm am nächsten Morgen ein paar Flaschen Wein. Er kam dann torkelnd, mit verglasten Augen, zur Probe, und sie höhnte lachend: „Einen feinen Kapellmeister haben wir!“ Saß er aber erst auf seinem Hocker und hob er den Taktstock — dann verging ihr das Lachen. Nicht die leiseste Schwankung! Wie aus Eisen war sein Arm! Er machte keinen Unterschied zwischen Vorstellung und Probe. Er gab sich immer ganz. Restlos.

„Wenn er das Saufen lassen wollte, würde ich ihn zum ersten Dirigenten der Welt machen“, sagte John Russel.

Aber diese Worte machten auf Kapelle wenig Eindruck. Vielleicht sogar einen entgegengesetzten, als sie sollten.

Kapelle fand Besseres auf dem Grunde seines Glases, als ihm ein Weltruhm geben konnte — er fand Vergessen. Denn selbst um den Preis eines Weltruhmes hätte er europäischen Boden nicht mehr betreten. Aber das brauchte er den Leuten nicht auf die Nase zu binden ... Das ging sie nichts an ... gar nichts ging sie das an ...!

Karla zitterte vor dem Augenblick, da sie auf der ersten Probe seinem Taktstock gegenüberstehen würde. Mariette hatte ihr pantomimisch die erschreckendsten Dinge mitgeteilt.

Monsieur Kapelle war un homme terrible! Er hatte gewiß einen Mord auf dem Gewissen ... hatte sicher une pauvre femme erwürgt! Und hatte fliehen müssen vor dem Gesetz ... „Oh le méchant homme ...!“

Das war immer der Schluß. Karla hatte ihren Mann gebeten, er möchte sich mit ihm ein bißchen anbiedern. Aber Altmann hatte gesagt:

„Da müßte ich stundenlang mit ihm trinken, liebes Kind ... Du weißt, das vertrage ich nicht. Im Übrigen halte ich ihn für sachlich. Sachliche Menschen brauchst Du nicht zu fürchten ...“

Niemals war es Karla so aufgefallen wie jetzt, daß Altmann nüchtern war ... so schrecklich nüchtern.

„Hast du dir denn niemals einen Spitz angetrunken, Ernst?“

Alle Schelmerei lag in ihrem Blick, alle Teufelchen einer jungen Frauenseele, die in ihrem Manne einen Gespielen wecken will.

„Nein, Karla — nie!“

„Ja, aber ... warum denn? ... Es ist doch so nett einmal ...“

„Es ist vieles nett, was man nachher abzubüßen hat. Und nichts ist gefährlicher, als wenn man die Herrschaft über sich verliert ...“

„Und du hast nie die Herrschaft über dich verloren, Ernst ... nie?“

Es klang beinahe etwas wie Bedauern aus ihrer Stimme. — — —

In San Franzisko hatte sie ihre erste Probe mit Orchester, als Agathe. Nach ihrer Arie klopfte Kapelle ab.

„Hören Sie mal ... wollen Sie das ... ich meine, für mich ... wollen Sie das nochmal singen ... mir vorsingen ...?“

Die knorrige, heisere Stimme klang fast scheu und bittend.

Sie nickte. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse. Nie hatte ihr jemand so zugehört. Nie ... Alwin Maurer vielleicht ... aber was verstand der? Sie sang schöner, weihevoller noch als das erste Mal, in flutendem, gleitendem Wohllaut. Als sie geendet hatte, klopfte er ein zweites Mal ab und legte den Taktstock hin.

„So, Herrschaften, das andere übernimmt dann wohl für heute Kollege Schädlowski.“

„Aber ja, gewiß ... selbstverständlich ... bitt’ schön.“

Herr Kapellmeister Schädlowski — ein hocheleganter Österreicher, mit schrägem Scheitel und engen Offiziersärmeln, schwang sich über die Rampe ins Orchester hinunter. Er war außerordentlich gewandt, dirigierte mit kokettem Heben des kleinen Fingers und betrachtete die Soubrette jedes Theaters als sein ihm nicht zu bestreitendes Eigentum. Er brachte künstlerisch nie ernstzunehmende Vorstellungen heraus — alles war nur halb studiert und das meiste geschludert. Doch hatte er Schwung und verstand es, einen Walzer zu bringen. Seine Lieblingsoper war der Gounod’sche Faust.

Karla stand mitten auf der Riesenbühne und schlang die Hände ineinander. Es fiel ihr ein, wie Alwin gesagt hatte: „Mach’ Schluß, Junge ... was Besseres kommt nicht nach ...“

Ob der Mann da unten, mit den verkniffenen Zügen und dem struppigen, grauen Haar um den Riesenschädel, es auch so gemeint hatte? ... Sie lächelte verträumt, hätte dem Gefürchteten gern ein gutes Wort hinuntergerufen, denn gar zu eilig, gar zu ungeschickt balgte er sich mit seinem Mantel herum, der ihm nicht auf den Schultern halten wollte ... Seine großen Füße in den klobigen Stiefeln blieben an den Pultbeinen hängen.

Er schimpfte was vor sich hin, stolperte die erste Stufe hinunter.

In dem kurzen Gang, der das Orchester mit dem Stimmzimmer verband, stieß er auf Altmann.

Kapelle blieb stehen und rückte an seinem Hut.

„Sie ... ist das Ihre Frau, die da oben die Agathe singt, ja? ... Na, dann packen Sie sie ein und fahren Sie dahin zurück, wo Sie hergekommen sind. Was soll die Frau hier? Die Ochsen verstehen ja doch nichts ... Passen Sie auf ... das Klima dort unten ... passen Sie auf, sage ich Ihnen!“

Wieder rückte er an seinem Hut und stolperte weiter.

Abends saß er, verkniffener denn je, an seinem Dirigentenpult. Die „Agathe“ bot den Amerikanern keine Gelegenheit zu lärmenden Huldigungen, aber die große Arie verlangten sie zweimal. Es war noch nie vorgekommen, daß Kapelle sich zu einer Wiederholung verstanden hatte. Diesmal gab er selbst das Zeichen dazu. Aber er dirigierte kaum noch. Nur seine linke Hand gab dem Orchester leisen Halt.

So wundervoll war Karla noch nie begleitet, nie so liebevoll gestützt worden. Ein heißes Dankgefühl quoll in ihrem Herzen für den Mann auf, der ihr so viel Freude gab an ihrem Singen, der ihrer Stimme Flügel lieh.

Als der Beifall auf sie herabtoste und sie aus dem ersten Rausch erwachte, zeigte sie wieder und immer wieder hinunter ins Orchester. Das Publikum legte es als eine in Amerika ungewohnte Bescheidenheit aus und verstärkte seinen Beifall.

Karla gefiel ungemein. Sie war so ganz anders als all die Divas, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte vorgestellt hatten. Ihre herbe Frische, ihre Einfachheit, der warme, natürliche Fluß ihrer schönen Stimme übten einen nicht wiederzugebenden Zauber auf diese Virtuosenmätzchen gewöhnten Arbeitsmenschen aus. Es geschah das Unerhörte, nie Dagewesene, daß das Publikum nach Schluß der Vorstellung auf seinen Sitzen blieb und abermals die Agathenarie verlangte.

Diese deutscheste Musik, die je auf einer Opernbühne gesungen wurde, hatte in diesem Publikum, das zumeist aus Deutschen oder deutschen Abkömmlingen bestand, ein machtvolles Erinnern an die erste, halb vergessene Heimat geweckt.

Vor dem herabgelassenen Vorhang, in weißem Gewand, sang Karla die süße, schlichte Weise, und das Publikum hörte stehend zu, wie es in der alten Heimat der Volkshymne zu lauschen pflegte.

Altmann lehnte an einer Logenwand, nahe am Ausgang. Auch er war ergriffen.

Eine ihm neue, tiefe Sehnsucht erfüllte ihn, Karla in seine Arme zu schließen, sie vor den Blicken der Menge zu verbergen, die Herrenrecht hatte über sie von dem Augenblick an, da sie sich ihr gegenüberstellte. Etwas unsagbar Rührendes ging von ihr aus.

Wenn er jetzt könnte — wie diese so neue erregte Stimmung es von ihm verlangte und wie der verkniffene, häßliche Kapellmeister es ihm zugerufen — wenn er sie aufpacken und mit ihr zurückreisen könnte in die Heimat ...! Ein ganz kurzer, stummer Applaus riß ihn zur Wirklichkeit zurück. Karla stand regungslos vor dem roten Samtvorhang. Irgendeine Hand zog sie zurück in das Dunkel der halb abgeräumten Bühne. Die Nordeni, gelblich blaß unter dem aufdringlichen Glanz ihres prahlerischen Schmuckes, schlug mit dem Fächer gegen seinen Arm:

„Nett ... unsere Kleine, nicht wahr? Gar nicht zu glauben, wie sentimental die Yankees manchmal sind. Na ... allerdings im Süden verlangen sie andere Kost. Grüßen Sie die Kleine ... geben Sie ihr einen Kuß von mir ...“

Karla stand noch immer auf der Bühne, als Kapelle in Mantel und Hut heraufkam. Sie ging auf ihn zu, hob die gefalteten Hände, ihre Augen strahlten wie große Sterne aus ihrem bewegten, blassen Gesicht.

„Lieber ... lieber ...“

Sie wollte ihm danken, aber vor seinem unwirschen Gesichtsausdruck versagten ihr die Worte.

„Ja ... schon gut ... ich weiß ... wir werden uns einarbeiten ... Aber lassen Sie das, dieses ... Herunterzeigen auf mich. Kann ich nicht ausstehn. Widerlich. An den Dirigenten darf man nicht erinnern ... Das Werk ... nicht wahr ... immer nur das Werk! Wenn man Sie beklatscht ... dann müssen Sie ja leider auf der Bühne danken ... das ist nicht anders ... schlimm genug. In Bayreuth ...“

Er brach unvermittelt ab. Seine Augen blickten starr. Er rückte an seinem Hut und stolperte mit Füßen, die einander zu überschlagen schienen, hastig an ihr vorbei.

Verzierung, drei Sterne
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I
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In Los Angeles kam Altmann dazu, wie John Russel in Hemdärmeln im Maschinenraum die Schrauben der Versenkungsmaschinerien nachprüfte und ölte.

Ohne Altmann zu beachten, fuhr er in seiner Beschäftigung fort, ergriff dann eine Axt und zimmerte aus einem kurzen Holzstamme eine Stufe zurecht, die er mit großer Sachkenntnis dem letzten allzu hohen Treppenabsatz angliederte.

„Well, Mister Altmann ... Sie wünschen?“ ...

Doch ließ er sich nicht stören, und obwohl ihm der Schweiß in den Kragen lief und sein feines Batisthemd von Öl- und Rußflecken strotzte, zwängte er ruhig mit der umgekehrten Axt das Brett zwischen die Seitenteile der Treppe.

„Ich wollte nur melden, daß meine Frau heute unpäßlich ist und nicht singen kann.“

John Russel schlug gleichmütig einen Nagel ein.

„Soll ich einen Doktor schicken?“

„Nein ... sie braucht nur Ruhe ... Einen, zwei Tage Ruhe.“

John Russel verzog den Mund.

„Ich brauche auch Ruhe ... habe noch nichts im Magen. Sitze seit sechs Uhr früh in dem Kasten ...“

„Wo sind denn Ihre Leute?“

„Meine Leute? Ich hab’ keine. Meine Leute sind meine zehn Finger, die streiken wenigstens nicht. Vor zwei Jahren habe ich hier einem verdammten Nigger meine Faust in den Magen gejagt, weil er angesoffen auf die Bühne kam zur letzten Vorstellung. Heute wollen sich die Kerls rächen! Verlangen den doppelten Lohn. Da kennen sie John Russel und seine zehn Finger aber schlecht!“

Altmann sah auf seinen Rock, auf seine gepflegten, arbeitsentwöhnten Finger.

„Wenn ich Ihnen helfen kann“, brabbelte er lau.

„Well ... lassen Sie mal die Dekorationen vom Schnürboden herunter. Wir wollen sie nachher feucht abreiben ...“

„Ja ...“

Noch einen Augenblick zögerte Altmann. Dann warf er entschlossen seinen Rock ab.

„Ja, aber nun, Herr Russel ... wie ist es denn mit meiner Frau?“

„Kann sie wirklich nicht singen?“

„Nein.“

„Well. Dann wird die Wegler sie vertreten. Sie hat die Partie studiert.“

„Die Wegler? Das ist doch nicht Ihr Ernst?“

„Doch ... doch ...“

Die Wegler war eine bessere Choristin, eine hübsche, braunhaarige junge Frau, die von weitem sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit Karla hatte.

„Aber ... das geht doch nicht ...“

John Russel zuckte die Achseln und rührte eine graue Farbe an.

„Alles geht ... Das sehen Sie doch an mir.“

„Wer wird denn die Anzeige machen? Am besten, ich fahre zu den Zeitungen ...“

John Russel holte aus der Westentasche ein Stück Kaugummi und schob es unter die Kinnlade.

„Well, Mister Altmann, wenn die Zeitungen ein Wort darüber bringen, ziehe ich Ihnen die gesamte Einnahme des bereits ausverkauften Hauses von der Gage ab.“

Kein Muskel in seinem Gesicht bewegte sich; langsam und sehr aufmerksam führte er den Pinsel mit der grauen Farbe über das helle Holz der Stufe.

„Sie können doch nicht die Stimme meiner Frau diskredieren wollen?“

„God bless me, Herr Altmann ... Das glauben Sie doch selbst nicht! Die Wegler ist sehr brav, und die Leute hier verstehen nichts. Wenn ich ein Känguruh abrichte und es ihnen vorsetze ... glauben sie, das Känguruh ist die Karla König. Alles Suggestion, mein Lieber ... Das einzige, was keine Suggestion ist — sind die Dollars!“

Altmann kam erst spät am Nachmittag ins Hotel, mit notdürftig gewaschenen Händen, verstaubt, verschwitzt, einen Riß in der Bügelfalte seines Beinkleides.

Karla lag mit wütendem Kopfschmerz auf dem Bett.

„Wo warst du denn so lange?“

Altmann gab ihr in kurzen Worten seine Unterredung mit Russel wieder.

Karla sprang auf die Beine.

„Das geht nicht, Ernst ... ich werde singen.“

„Du wirst nicht singen ... Soll der Kerl nur seinen Blödsinn durchsetzen. Du wirst nicht singen. Ich erlaube es nicht. Unter keinen Umständen.“

Karla ging aufgeregt im Zimmer hin und her.

„Aber mir ist doch schon viel besser ... viel, viel besser ...“

Sie konnte und wollte es nicht glauben, daß sie so leicht zu ersetzen war, hatte anfänglich ihr körperliches Unbehagen aufgebauscht — Altmann sollte sehen, eine wie große „Nummer“ sie jetzt war, und was Russel angeben würde, wenn es hieß, daß sie nicht auftreten könnte ... Aber mittlerweile waren die Kopfschmerzen wirklich ärger — aus dem halben Spiel war Ernst geworden.

Er wußte sich keinen Rat. Lief auf den breiten Hotelgang hinaus, klopfte bei der Nordeni an.

Sie lag in einer rosa Wolke auf dem Ruhebett und polierte ihre Nägel, während Mariette mit geschickten Fingern eine der wundervollen Theaterperrücken der Nordeni auf einem Stock auffrischte.

„Wie nett, lieber Altmann ... daß Sie mich besuchen! Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?“

Altmann dankte kurz. Er nahm die Hände der Nordeni in die seinen. Er sprach erregt und dringlich.

„Liebste, Beste — meine Frau ist sehr elend heute ... wollen Sie nicht an ihrer Stelle singen ...?“

Er hätte diese Zumutung in New York oder Chicago gewiß nicht an sie gerichtet. Aber in Los Angeles ...!

„Denken Sie, Russel will die Wegler singen lassen ... das geht doch nicht ... das müssen Sie als Künstlerin zugeben ... das geht nicht!“

Madame Nordeni lächelte liebenswürdig.

„Aber wieso denn, lieber Freund? ... Die Wegler ist sehr nett ... ich meine, natürlich nicht für Chicago oder New York ... aber für hier? Sie übernahm einmal von heute auf morgen die Gräfin im Figaro ... reizend ... reizend, sage ich Ihnen! Seien Sie nur ganz ruhig .. sie wird das schon ganz nett machen! Ich freue mich nur auf das Gesicht von Kapelle, wenn statt Ihrer Frau die Wegler da oben steht!“

„Verzeihen Sie, meine Frau ist krank ...“

Altmann fühlte, wie der Ärger ihn übermannte. Aber sie sah ihm nach, mit kokettem Augenaufschlag.

Eigentlich gefiel er ihr. Sie hatte etwas übrig für „tragische Masken“. Und es war nett, daß er sich so für seine Frau einsetzte. Die König war doch gut dran. Brauchte nur zu singen, überließ alles andere ihrem Mann! Führte eigentlich immer so „ein Stückchen zu Hause“ mit sich herum, hatte immer eine Veste, an der sie sich ausweinen und auslachen konnte.

Die Nordeni verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte durch das Fenster in den grauen Himmel.

Manchmal versuchte sie an ihre Kindheit zurückzudenken, an ihre Jugend ... aber es war alles so lange her ... und ihr Leben war so wild bewegt gewesen. Männer hatten es gelenkt nach dem Ermessen ihrer flüchtigen Laune. Schlug es gut für sie aus, waren sie nicht mehr da, um sich daran zu erfreuen, — nicht gut, so kehrten sie ihr den Rücken, noch ehe sie verantwortlich gemacht werden konnten.

Bezahlte Dienerinnen waren ihre Vertrauten. Die Vertrauten ihrer absterbenden Jugend, ihrer kurzen Abenteuer. Wenn die Tür sich hinter ihnen schloß, verrieten sie sie an die besser Zahlende oder nahmen ihr den Mann weg, der ihr gehörte. Auch das hatte sie erlebt. Und hatte immer nur neue Länder zwischen ihre Leidensstationen zu setzen gewußt, hatte sich immer nur durch ihren prahlerischen Schmuck und das hochnasige Lächeln, durch ein paar spitze, helle Töne und eine dreiste Routine auf ihrer Höhe zu halten verstanden. Wie lange noch ...? Und was dann ...?

„Mariette,“ rief sie, wie ein Kind, das sich plötzlich im Dunkel fürchtet, „Mariette.“ ...

Aber sie war allein in dem großen, kahlen, weiß angestrichenen Hotelzimmer. Sie überhörte das Klopfen an der Tür und schrie auf, als sie plötzlich einen Neger vor sich sah. Der Neger zeigte lachend seine gelbe Zahntastatur und stellte ein hübsches Lackbrett mit dem Nachmittagstee auf den kleinen Bambustisch neben dem Ruhebett.

— — — Altmann fand Mariette um Karla beschäftigt. Zierlich, unhörbar huschte sie durchs Zimmer, rang das Wasser aus den Tüchern, senkte kleine Eisstücke in die bereitete Limonade. Altmann suchte sein bißchen Schul- und Bühnenfranzösisch zusammen, um ihr zu danken. Sie wurde rot und lächelte. Karla lag im Bett mit geschlossenen Augen und roten Wangen.

Altmann streichelte Karlas Hand. Er merkte es kaum, daß Mariette klingelte, Tee bestellte und ein Tischchen deckte. Aber als sie ihn mit einem stillen Zeichen rief, da sah er, daß Eier und ein kaltes Huhn mit angerichtet waren, und so merkte er es auch erst, daß er seit dem ersten Frühstück nichts zu sich genommen hatte.

„Das wußte ich doch“, sagte Mariette.

Sie bediente ihn mit feiner, lautloser Grazie. Er war ja doch der einzige „Herr“ von der ganzen Gesellschaft, und er hatte so viel „charme“, wenn er lächelte. Sie war es gewöhnt, den Männern dienstbar zu sein, die sich ihres Gefallens erfreuten. Es war nichts Besonderes dabei für sie. Aber er wurde fast verlegen, und wenn ihre Händchen wie kleine weiße Vögel über die Gegenstände huschten, dann blickte er geflissentlich zum Fenster hinaus, als wollte er das bunte Treiben der Straße heraufziehen in den stillen Dämmer des Zimmers und es zwischen sich und die so aufdringlich emsigen kleinen Hände schieben ...

Um sechs kam der Theaterdiener. Ob denn Frau König wirklich nicht singen würde? Karla war gerade eingeschlafen; Altmann kämpfte mit sich, ob er sie wecken sollte. Aber es war ihm etwas Peinliches daran. Wenn er nichts anderes tun konnte in dieser Zeit, so mußte er wenigstens auf ihre Gesundheit bedacht sein.

„Sagen Sie, meine Frau ist nicht imstande.“

Mochte die Wegler singen ... es würden sich schon Mittel und Wege finden lassen, das Publikum zu verständigen, wenn sie die falsche Karla König auspfiffen.

Aber sie pfiffen sie gar nicht aus. Nur sehr lau war der Abend. Nach den Aktschlüssen gab es immerhin zwei, drei Hervorrufe, die der Gesamtleistung galten. Als aber Karla König am übernächsten Tage auftrat, da empfing sie ohrenbetäubendes Johlen und Pfeifen. Schlüssel, Papierknäuel flogen um ihren Kopf ... Sie stand da — zitternd, bleich, mit großen erschreckten Augen. Das Orchester brach ab. Kapelle schrie zu ihr hinauf:

„Nicht abgehen ... nicht abgehen!“ ...

John Russel hielt die Vorhangschnur.

„Vorhang herunter“, rief Altmann, der bis in die Lippen weiß war. „So lassen Sie doch den Vorhang herunter ...“

„Jawohl, damit mir die Kerls die Bühne in Klump schlagen?!“ ...

Die Mitglieder waren zusammengelaufen und scharten sich bleich und erregt um John Russel.

„Weg von da ... Bühne frei!“ schrie er.

Das Tosen draußen schien noch zuzunehmen, harte Gegenstände fielen polternd und klirrend auf das Rampenblech. Altmann stürzte vor, fand, geblendet von dem Licht, nicht gleich Karlas Hand, packte sie bei den Schultern, riß sie zurück. In diesem selben Augenblick fühlte er einen kurzen, heftigen Stoß am Arm; Karla schrie auf und schlug zur Seite. In ihrem weiten, weißen Ärmel war ein kleines, kreisrundes Loch eingesengt.

Der Vorhang fiel krachend herunter.

Kapelle war mit einem Satz auf seinen Dirigentenstuhl gesprungen. Seine krächzende, häßliche Stimme schleuderte einige nicht wiederzugebende englische Schimpfworte zu den oberen Rängen hinauf.

Es wurde totenstill im Haus. Die Luft schien wie erstarrt. Altmann trug seine Frau in die Kulissen. Seine linke Hand blutete, und das Blut rötete in großen Flecken Karlas weißes Kleid.

„Es ist mir nichts geschehen ... gar nichts“, beruhigte er.

Die Wegler stand hinter einer Kulisse in der letzten Gasse. Wie im Fieber schlugen ihre Zähne aneinander. Der Skandal hatte eigentlich ihr gegolten. Und die Kugel? Gewiß hatten die draußen den Altmann für John Russel gehalten.

Vor der Rampe hielt jetzt John Russel eine Ansprache. Er sprach ruhig, ironisch, warf ein paar verwegenen Jungens, die ihn von oben mit ihren schwarzen Gesichtern angrinsten, eine Herausforderung zu. Er wohne da und da ... Straße ... Hotel ... Zimmernummer. Sie sollten mit einem Unparteiischen zu ihm kommen, wenn es sie gelüstete. Er würde schon Rede und Antwort stehen! Er fürchtete sich nicht ... da!

Und mit einem Ruck schob er den Ärmel seines Rockes hoch, riß den Hemdärmel auf und zeigte seinen tätowierten Arm. Nur Muskeln und Narben sah man. Narben von Biß-, Stich- und Schnittwunden.

„Kommt immer ran ... wenn ihr euch traut! Aber euch an einer Frau vergreifen ... eine Frau in Angst jagen ... der Dirigent hier hat recht ... eine ... seid ihr ... beg your pardon, ladies!“

Beifallssturm unterbrach ihn. Aber er winkte ab, gelangweilt und gleichgültig.

„Sollen wir spielen ... ja oder nein? Ich sage gleich, es wird langsam gehn ... denn die schwarzen Fellows haben mich im Stich gelassen und wir müssen alles selbst machen ... also ...?“

„Spielen ... spielen ...!!“

Wieder brüllte das Haus.

„Well ... einen Augenblick!“

John Russel drehte sich langsam um, sehr langsam, ging sehr langsam, den Rücken dem Publikum zugewendet, bis zum Vorhang. Es war die Probe aufs Exempel. Wenn sich jetzt noch jemand mit dem Revolver vergnügen wollte — dann gab er ihm die Zeit dazu, ohne seine Leute auszusetzen. Nein. Es blieb alles still — — — Da wendete er sich mit einem kalten Lächeln noch einmal um:

„I will hope we are friends now“, sagte er mit seiner schärfsten und eisigsten Stimme, schlug den roten Samt zurück und verschwand.

Auf der Bühne, zwischen den verängstigten, geschminkten Frauen, inmitten der Sänger in der Tracht ihrer Partien, drängten sich schlankgewachsene Neger.

„Die Arbeiter haben sich wieder gemeldet“, rief Altmann.

„So ... well ... dann kann’s losgehn ... das heißt, wenn Ihre Frau noch singen kann, Mister Altmann.“

Karla trat vor. Sie war sehr blaß, trotz des nachträglich noch aufgelegten Rots; die Chordamen hatten ihr die Flecke aus dem Kleid gewaschen, und das leichte Gewebe klebte stellenweise naß an ihren Gliedern.

„Ich kann“, sagte sie fest.

Und zur Verwunderung aller Umstehenden zog sie die verbundene Hand ihres Mannes an die Lippen.

„Well, Karla König ... Sie werden einen sehr großen Erfolg haben heute abend ... und den wollen wir feiern. Nach der Vorstellung im Hotel, meine Herrschaften ... auch der Chor ... Sie sind meine Gäste!“

In dieser Nacht erfuhr Karla König, was das hieß, wenn einer Künstlerin die Pferde ausgespannt wurden. Es war sehr unbequem. Sie kam sehr langsam vorwärts und hatte große Angst. Denn sie war allein, da ihr Mann sich noch auf der Bühne zu schaffen gemacht hatte.

John Russel hatte ein Abendessen bestellt, als erwarte er den Präsidenten der Republik. Es gab nur Heidsieck Monopol — auch für den Chor. Die Nordeni thronte an der einen Schmalseite des Tisches zwischen dem Tenor und Schädlowski. Sie langweilte sich, weil diese Art Feste nur etwas für sie war, wenn sie selbst deren Mittelpunkt bildete. Durch die weitgeöffneten Türen zum Nebensaal, in dem an kleinen Tischen mit buntverhängten Lampen gespeist wurde, sah sie Mariette zwischen zwei bräunlich angehauchten Herren. Mariette hatte ein einfaches helles Seidenfähnchen an, das sie sich aus einem abgelegten Abendkleid der Nordeni zurechtgeschneidert, und sah naiv und pikant aus. Sie schlürfte die Austern mit einer Virtuosität, die sehr vielsagend war. Die Nordeni beneidete sie und wurde melancholisch.

Karla saß zwischen John Russel und Kapelle, ihrem Manne gegenüber. Noch zitterten ihr die Knie von all den Aufregungen, aber sie war über alle Maßen glücklich und drückte alle paar Minuten ihren hübschen Fuß auf Altmanns Stiefel. Seine jetzt kunstgerecht verbundene Hand, die übrigens nur einen Streifschuß abbekommen hatte, stempelte ihn in ihren Augen zu einem Helden ... Gott, hatte sie ihn lieb!

Warum nur Schmerzchen noch so ein kleines Dummchen war! Wenn sie ihr das alles hätte schreiben können ... „Dein Papa ...“ „Dein Papa ...“ Gar nichts wußte Schmerzchen von ihrem Papa ... gar nicht, wie stolz sie sein durfte auf so einen Papa ...!

John Russel ließ den Sektkühler, der ihm zunächst stand, leeren und goß den Inhalt dreier Flaschen Heidsieck hinein.

„Passen Sie auf ... jetzt steigt die Primadonnentaufe!“

Es waren die einzigen Worte, die Kapelle während des ganzen Abends an Karla richtete. Er hatte auch mit keinem anderen gesprochen. Hatte kaum die Speisen berührt und sich statt des Sektes eine seiner beliebten Mischungen nach der anderen geben lassen.

Er saß ganz in sich und sein Glas versunken, kaute an den Strohhalmen und warf sie über die Schulter zu Boden.

John Russel erhob sich, hielt den gefüllten Sektkühler mit gestreckten Armen vor sich und sagte:

„Auf das Wohl der neuen Primadonna Karla König!“

Er tat einen Schluck, wollte den Kühler Karla reichen — besann sich — gab ihn Altmann. Auch Altmann erhob sich:

„Kannst du halten?“ fragte er lächelnd, nachdem er getrunken.

„Ob ich kann!“

Karla fühlte Riesenkräfte in sich ... Während sie trank, brachte John Russel ein Hoch auf sie aus, in das der ganze Saal laut einstimmte.

Noch während das Lachen und Rufen um sie herum lärmte, Altmann und Russel einander die Hände schüttelten, gab Karla den Kühler an Kapelle weiter.

„Wollen Sie ...“

Ihre Augen sahen ihn bittend an. Er nickte.

„Ich will trinken ... aber darauf, daß Sie keine ‚Primadonna‘ werden. Auf Ihr Singen trinke ich ...“

Er nahm einen langen Schluck, reichte den Kühler seiner Nachbarin und sank wieder in sich zusammen.

Verzierung, drei Sterne
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In Lima erkrankte der Inspizient. Altmann sprang für ihn ein. Die Mitglieder sahen darin nur eine selbstverständliche Kollegialität, und in den ersten Tagen regnete es Scherze aller Art, wobei ihm jeder sein Amt nach Tunlichkeit erleichterte. Als aber die Krankheit des Inspizienten sich verschlimmerte, mußte Altmann auf dem freiwillig übernommenen Posten bleiben.

Karla, die erst gelacht und ihm aus Jux vor allen augenfällig einen Dollar in die Hand gedrückt hatte, mit der Bitte, „sie ja zur Zeit ’rauszuschicken“, ärgerte sich jetzt.

Je länger „die Maskerade“, wie sie das nannte, währte, desto mehr gewöhnten sich die Mitglieder daran, in Altmann wirklich nur den Inspizienten zu sehen. Wofür sie anfänglich übertrieben gedankt hatten, das verlangten sie jetzt mit aller Rücksichtslosigkeit.

Er merkte das nicht gleich. In ihm überwog die Freude an Tätigkeit, die er so lange entbehrt hatte. Seine Ordnungsliebe und Gründlichkeit fanden plötzlich ein weites Arbeitsfeld, und da er die eingerissenen Unarten als Inspizient nicht ahnden durfte, verlangte er von Russel die Machtstellung eines „zweiten Regisseurs“.

„Die Macht können Sie sich nur selbst geben, Mister Altmann. Aber wenn Ihnen mit dem Titel gedient ist — bitte sehr.“

Altmann führte Klingelzeichen ein, denen unbedingt Folge zu leisten war, und Strafzettel.

Es gab eine Revolution. Karla konnte sich nirgends sehen lassen. Die einen kamen mit Bitten, die anderen mit Beschwerden; die Nordeni drohte, alles im Stich zu lassen. Der Tenor sagte gar nichts, aber kehrte sich auch an nichts.

In einigen südamerikanischen Städten hatte sich die Sitte eingebürgert, daß die Stammgäste des Theaters in den Zwischenakten auf die Bühne kamen. Einige von ihnen brachten ihre farbigen Diener mit und ließen Eis, Konfekt und allerlei drinks servieren. Altmann konnte es bei John Russel nicht durchsetzen, daß er „diesem Unfug“ ein Ende machte. Mit finster zusammengezogenen Brauen sah er, wie selbst Karla lachend die Aufmerksamkeiten dieser Herren annahm.

Eines Abends fand er sie, wie sie in der einen Hand eine riesige Konfektschachtel, in der anderen ein Glas Sekt hielt. Er trat näher — in seinem alten Arbeitsjackett und der glühenden Hitze wegen ohne Kragen. Er mochte nicht ganz nahe herangehen, aber er hörte, wie Karla sich in französischer Sprache unterhielt. Neben ihr stand Mariette, gleichsam, um an ihrem Kostüm etwas zu stecken, in Wirklichkeit aber, um Karla auszuhelfen, wenn sie mit ihren jungen Kenntnissen nicht weiter wußte. Es dauerte nicht lange, so hielt auch Mariette ein Sektglas in der Hand, und die Herren teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen ihr und Karla.

Altmann schoß das Blut zu Kopf. Wie benahm sich Karla? ...

Er stelzte über die Bühne, klatschte in die Hände, warf den Arbeitern die englischen Brocken zu, die er kannte. Es wurde lärmend, die Kulissen wurden heruntergelassen, die Versatzstücke geschoben. Die Herren blickten auf die Uhr ... Sie dachten nicht daran, sich ihr Recht verkürzen zu lassen. Einer von ihnen rief den Arbeitern etwas zu, worauf sie sofort ihre Tätigkeit einstellten.

„Karla,“ rief Altmann, „Karla ... augenblicklich kommst du her!“ ..

Sie sah sich nach ihm um, das Glas wäre ihr vor Schreck fast aus der Hand gefallen.

„Aber Ernst ... was ist denn?“ ...

„Ich verbiete dir ... hörst du! Ich verbiete dir ...“

So sprach er doch sonst nicht zu ihr ... was fiel ihm nur ein? ...

„Sind diese Laffen die Herren hier — oder habe ich zu befehlen ... ich verbiete dir, daß du mit ihnen hier herumstehst! Geh’ in deine Garderobe ... sofort ... augenblicklich!“

„Ja, aber ...“

Er schob sie leicht nach vorn. Die Schachtel entglitt ihren Händen, der Deckel ging auf, und mit den Pralinees rollte etwas Rundes, Glänzendes über den Boden. Altmann bückte sich und hob es auf. Es war ein schwerer goldener Armreif, mit einer Schließe aus Rubinen.

„Was soll das ... wie kommt das in die Schachtel?“ ...

Karla klatschte in die Hände.

„Du ... das ist ja ein Geschenk! Das ist ...“

„Heimlich? In einer Konfektschachtel versteckt, nicht wahr? ... Wer gab dir die Schachtel?“

Er folgte ihrem Blick, der verängstigt und ratlos auf dem Gesicht eines eleganten Herrn mit schwarzem Spitzbart hängen blieb.

„Ach so ... der! ... Augenblicklich gehst du in die Garderobe. Sofort.“

Sie kannte diese Stimme: kalt, leidenschaftslos, mit einem Unterton tiefen Gekränktseins. Wie ein gescholtenes Kind wendete sie sich ab und verließ die Bühne. Altmann ging mit dem Armband auf den bezeichneten Herrn zu.

„Hier, mein Herr ... solche Huldigungen sind einer Dame vom Varieté gegenüber vielleicht am Platz ... nicht hier. Meine Frau dankt und schickt Ihnen das zurück.“

Der Herr blinzelte Altmann, der unbekümmert darum, ob er verstanden wurde oder nicht, Deutsch gesprochen, vertattert an. Mariette, die Deutsch verstehen konnte, übersetzte. Sie hatte feuerrote kleine Ohren, und fuhr sich mit ihrem spitzen Zünglein über die Lippen, als schlecke sie eine besondere, letzte Süßigkeit auf.

Altmann hatte eine knappe Verbeugung gemacht und sich entfernt. Der Armreif baumelte über drei Fingern des spitzbärtigen Herrn, während Mariette ihren Dolmetscherdienst versah. Als sie fertig war, sahen die Herren einander an — und prusteten vor sich hin.

„Pour votre peine“, sagte der mit dem Spitzbart, und legte den Reif um Mariettes schlanken, weißen Arm. In diesem Augenblick stob aber auch schon die Gruppe auseinander, weil von oben ein Prospekt mit rasender Geschwindigkeit herabgelassen wurde.

Mariette blieb allein. Sie sah um sich, spähte nach Altmann aus.

Nie hatte er ihr so gut gefallen wie eben jetzt. Weiß der Himmel ... schön hatte er nicht ausgesehen in dem alten Röckchen und ohne Kragen ... aber wie er das Armband zurückgegeben hatte ... da lag etwas über ihm ... etwas Nobles, Männliches ... Keiner von der Gesellschaft hätte das getan! Es war eben doch der einzige „Herr“ ... Sie nahm den Reifen ab und verwahrte ihn in ihrer Tasche. Altmann brauchte ihn nicht an ihrem Arm zu sehen — —

Verzierung, drei Sterne
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Schmerzchen war zwei Jahre alt geworden. Sie lief in den Zimmern umher und warf die Spielsachen, die sie bekommen hatte, vor sich her.

Tante Adele kam und gab Schmerzchen einen Klaps. Und als Schmerzchen nicht verstand — einen zweiten. Der brannte mächtig, und Schmerzchens Hand wurde ganz rot. Aber Schmerzchen weinte nicht. Schmerzchen hatte Charakter.

Sie hatte die Altmannschen geraden Brauen, was man von Fritz und Vicki nicht behaupten konnte. Adele fettete Schmerzchens Brauen jeden Abend mit Lanolin ein, damit sie recht dicht und glänzend würden. Schmerzchen aber rieb das Lanolin in ihrem Bettchen wieder ab und lutschte dann an den Fingern. Lanolin schmeckte sehr gut.

Wenn Schmerzchen ihre Weltanschauung durchaus nicht mit der ihrer Tante vereinbaren wollte, dann hieß es: „Was wird Mama sagen, wenn du so unartig bist? Gleich wird Mama kommen und hauen.“

Aber Mama kam nicht. Kam auch nicht, als Schmerzchen es einige Male geradezu darauf anlegte, die Mama mit einer Rute herzuzaubern. Tante Adele konnte es wohl nicht abwarten, bis Mama kam, denn sie selbst griff zur Rute. Schmerzchen protestierte so energisch gegen diesen Übergriff, daß Dr. Maurer aus seinem Zimmer trat. Die Rute sehen, sie zum Fenster hinauswerfen und Schmerzchen auf seinen Arm nehmen, war das Werk eines Augenblicks.

Es gab an diesem Tage großes Geschrei zwischen Tante Adel und Onkel Al, aber die Rute zierte nun nicht mehr den Spiegel in Schmerzchens kleinem, neben der großen Schlafstube gelegenem Zimmer.

Heute hieß es nun, Mama schicke ihrem Mädelchen viele, viele Küsse.

„Und was noch?“ fragte Schmerzchen, die Realpolitik trieb.

Adele versuchte ihr klar zu machen, daß Mama sehr, sehr weit wäre und daher nichts schicken könnte.

„Mama ist tot“, sagte Schmerzchen entschieden und gleichmütig.

Da steckte das Dienstmädchen dahinter! Alwin Maurer lief selbst in die Küche und machte „Krach“.

Vicki meinte, es wäre geradezu fürchterlich, wie Papa sich mit dem Kinde „hätte“ ...

Vicki besuchte jetzt das Lyzeum und schwankte noch, ob sie Ärztin oder Schauspielerin werden sollte. Sie hatte ihre „ernsten“ und ihre „Theatertage“, war aber vorläufig noch schnippisch und unausstehlich an beiden.

Fritz machte ernstere Sorgen. Er war nicht von dem Gedanken abzubringen, als Offizier, mit glänzenden Epauletten, einherzustolzieren.

Adele und Luise, denen alles Glänzende ins Auge stach, bestärkten ihn in seinem Wunsche. Wenn Alwin Maurer von beschränkten Verhältnissen sprach, dann hieß es immer: „Kommt Zeit, kommt Rat!“ bis Adele es eines Tages gerade heraussagte:

„Unter uns, lieber Alwin ... Karla kann ruhig etwas für uns tun. Das ist nicht mehr als billig.“

„Nein ... nein ... das will ich nicht. Auf keinen Fall will ich das ...“

Nichts war Alwin Maurer peinlicher, als wenn sich „seine Weiber“ an Karla wendeten. Er wollte es kaum noch wissen, wie oft Altmann Geldanweisungen an die Deutsche Bank geschickt hatte — ganz abgesehen von dem reichlich bemessenen Kostgeld für Schmerzchen.

Einmal fragte er:

„Ja, weiß denn Karla überhaupt, was Altmann schickt?“

Adele zuckte die Achseln. — —

— — Wunderhübsch war die neue Wohnung in der Motzstraße — hell, geräumig ... und doch fühlte sich Dr. Maurer fast noch unbehaglicher hier, als das letzte Jahr in der Culmstraße. Auch das Essen, das jetzt immer so reichlich auf den Tisch kam, schmeckte ihm weniger.

Ihm war nur wohl, wenn er sich in seinem Arbeitszimmer einschloß, in das er nicht die geringste Neuanschaffung zugelassen hatte.

Manchmal, mitten im Verbessern seiner Hefte, hielt er ein, legte die Feder nieder und lehnte sich in den Sessel zurück.

War er nicht doch ein fleißiger Arbeiter gewesen all die Jahre — hatte er es nicht mit seinem Wissen und der Mühe seiner Tage vermocht, die Familie zu erhalten, die Kinder aufzuziehen? War es denn gar so gering, was er den Seinen bot, daß es ihnen nicht mehr genügte, daß sie über sein ehrliches Verdienen hinweg nach Almosen schnappten?

Am Vorabend von Schmerzchens zweitem Geburtstag brachte Adele ihm einen Brief von Altmann ins Zimmer.

Immer und immer wieder hatte er ihn lesen müssen, und war doch am Ende so klug wie zu Beginn ... hatte es doch nicht zu ergründen vermocht, wieviel von Karlas eigenem Willen in diesen Worten lag, die so brüderlich waren und ihn doch schmerzten wie eine Demütigung. Gleich heute sollte er dem Schwager antworten. So verlangte es Adele. Mit Worten, die ihn wie scharfe Messer schnitten.

„Das wenigstens kannst du doch für Fritz tun ...“

„Das wenigstens“ ... Was denn mehr? Was konnte um des Himmels willen ein armer Schulmeister mehr tun, als Ströme roter Tinte über Schülerhefte ausgießen und die Seinen schuldenfrei zwischen den Sandbänken des Lebens hindurchlotsen?

Er saß vor seiner Briefmappe. Der Brief des Schwagers lag vor ihm:

„An Bord, 34 Grad südl. Breite.

Meine Lieben!

Euren oder vielmehr Adelens Brief erhielten wir noch in Montevideo, zwei Stunden vor unserer Abfahrt. Karla, die in der letzten Zeit fast über Gebühr angestrengt war, liegt ein bißchen angegriffen auf Deck. Nicht überall war das Klima ihr günstig, aber ihre urgesunde Natur überwindet schließlich doch alle Strapazen, um so mehr, als sie sich ihrer wohlverdienten Erfolge freuen darf. In Städten, die eine größere deutsche Kolonie haben, wird sie buchstäblich auf Händen getragen, und ich habe alle Mühe, ihr die ihr so dringend notwendige Ruhe zu erkämpfen. Leider ist sie unvernünftig und verschwendet ihre Stimme. Sie schöpft eben noch aus dem Vollen, und die Huldigungen machen ihrer Kindlichkeit Spaß. Wenn sie zu einem Hauskonzert gebeten wird, so singt sie nicht die zwei ausgemachten Arien, sondern womöglich ihr ganzes Repertoire. Die Leute sind natürlich begeistert, und es regnet mehr Einladungen als Geld. Immerhin verdient sie weit mehr, als wir bei unserer Ausreise annehmen durften, und so ist es uns möglich, Euch einen Beweis unserer Freundschaft zu geben. So laßt denn Fritz Offizier werden, wenn er durchaus daran hängt. Macht Euch keine Sorge um spätere Zulage und anderes. Was wir tun können, wird geschehen. Es wäre nur gut, wenn Fritz in Unkenntnis darüber gelassen würde, von wem ihm die Möglichkeit kommt, seinen Lieblingswunsch zu erfüllen. Es ist nicht gerade nötig, daß er allzu sehr auf Karla baut. Das würde nur seinen Leichtsinn wecken. Sollte es aber durchsickern, dann hat er sich immer nur an mich und nicht an Karla zu halten. Karla ist zu gutmütig und hat keine Ahnung vom Wert des Geldes. Hätte ich ihre Einnahmen nicht verwaltet, so wäre das meiste völlig sinnlos und unzweckmäßig verläppert worden, während sie jetzt selbst froh ist, daß sie Euch dienlich sein kann. Ja, sie sagte sogar: ‚Wenn du gleich zusagst, dann haben sie alle eine Freude an Schmerzchens Geburtstag‘. Ich lege dem Brief fünfzig Dollar bei. Isolde wird wohl einiges benötigen, und was übrig bleibt, kannst du für dich verwenden. Euer letztes Bild hat mich sehr erfreut. Nur finde ich, daß Luise sehr schmal geworden ist. Da sie schrieb, daß sie sich jetzt auch um die Wirtschaft bei Stown’n kümmert, so führe ich ihr Aussehen auf die ungewohnte körperliche Anstrengung zurück. Sie soll sich nur nicht zuviel zumuten! ... Der Brief ist in mehreren Abständen geschrieben. Karla hat mich sehr in Anspruch genommen, da sie merkwürdigerweise die Seefahrt diesmal nicht gut verträgt. Ich muß schließen — in einer Stunde wird die Post an Land gebracht. Karla läßt grüßen. Euch alles Liebe und Gute wünschend, verbleibe ich Euer treuer Bruder, Schwager und Onkel

Ernst Altmann.“

Ja ... und nun sollte Alwin Maurer danken. Er sah immer Karlas Gesicht, blaß und verzerrt, und er hatte ihre Stimme im Ohr ... diese Stimme, die er so liebte, die sie von Land zu Land schleifte und die sie in Geld umsetzen mußte, fern von ihrem Kinde. Sie alle aber rafften ihr Geld an sich, und dieses Geld, das zu ihnen strömte, war das einzige, was ihm blieb von ihrer Stimme! ...

Was er geliebt und angebetet hatte, was so schmerzend fern von ihm lebte und klang, das kehrte zu ihm zurück, in Geld verwandelt, das Adele ihren Zwecken nutzbar machte ..

Er sprang auf, öffnete die Tür zum Eßzimmer. Schmerzchen saß mit rotgeklapsten Händchen vor ihrer Negerpuppe, die sich so herrlich herumwerfen ließ. Warum haute Tante Adel eigentlich, wenns der Puppe selbst recht war?

„Komm, Schmerzchen ... du sollst deiner Mama schreiben.“

Alwin Maurer hob Schmerzchen auf den Arm, ging mit ihr in sein Zimmer und setzte sich, mit ihr auf dem Schoß, an den Schreibtisch.

Schmerzchen war einverstanden mit der veränderten Tätigkeit; aber wie Onkel Al ihre kleine Hand um den Federhalter drückte ...! Nein ... so war das gar nicht nett. Das tat ja fast noch mehr weh, als Tante Adel’s Klapse!

Immerhin — sie mochte den Onkel gut leiden und wollte ihm den Gefallen tun. Ohne Tintenklexe ging es nicht. Aber die waren das hübscheste an der ganzen Sache.

Also: „Ich habe Dich sehr lieb, mein gutes Mamachen, und schicke Dir tausend Küsse. Dein Schmerzchen.“

Dr. Alwin Maurer las Schmerzchen ihr Geschriebenes ordnungsgemäß vor. Sie fuhr sich mit der kleinen, gemarterten Hand über das hellbraune Haar, das die eigensinnige kleine Stirn so hübsch einfaßte.

„Nicht Mama küssen! Papa küssen!“ ...

Alwin Maurer blickte auf.

„Warum denn, Papa?“

Schmerzchen wußte noch nicht genau, warum. Ganz langsam und verworren reiften in ihrem kleinen Hirn folgende Erkenntnisse: Wenn Mama käme, würde sie „hauen“, wie Tante Adel sagte. Alle Mamas und Tanten hauten ... auch von Vicki gab es Klapse. „Fitz“ und Onkel Al hauten nicht. Auch der „Gooßpapa“ nicht. Papa somit auch nicht. Papa verdiente viel mehr Küsse als Mama ... viel mehr ...

„Papa schreiben“, verlangte sie nun mit aller Entschiedenheit ihrer zwei Jahre.

Alwin Maurer ließ Schmerzchen von seinen Knien herabgleiten.

„Später ... jetzt hat Onkel keine Zeit ... Onkel muß arbeiten ...“

Schmerzchen nickte ernsthaft. „Abeiten“ — das Wort kannte sie. Wenn es fiel, mußte sie immer ganz still sein, ganz leise mit ihren Puppen spielen. Und eigentlich hatten sie alle den ganzen Tag zu „arbeiten“ — der Onkel und der „Fitz“ und die Vicki ... Nur vormittags ... Aber da hatte Tante Adel Kopfwehweh ... und da durfte sie auch keinen Lärm machen ...

Als Schmerzchen von ihrem Nachmittagsschlaf erwachte, rosig und weltfreundlicher gestimmt als vor einigen Stunden, wartete Pauline bereits an ihrem Bett, um sie zum Großpapa zu bringen.

Vor dem Hause der Schillstraße traf Pauline den Briefträger. Er händigte ihr einen dicken Brief ein mit vielen ausländischen Marken.

„Von deiner Mama ... was sagst du, Schmerzchen ... von deiner lieben Mama! ...“

Es roch schon auf dem Flur so wunderschön. Schmerzchen knixte sehr flüchtig und auf unsicheren Beinchen nach links geneigt — wie der Großpapa es sie gelehrt hatte.

„Ei ... du kleines Fräulein ... wie niedlich wir sind ... wie charmant ... aber der Knix ... Nein ... der war nicht schön ... noch einmal ... Keine Grimasse ... ta ta ta ... hübsch graziös, kleines Fräulein ... soo ...“

Vor dem Mitteltisch stand ein großer Puppenwagen, am Stuhl hing eine rote Pferdeleine mit kleinen Glöckchen, ein gehäkeltes wollenes Unterkleidchen, mit rosa Schleifchen, lag neben der Tasse ... und mitten auf dem Tische erhob sich ein Napfkuchen, ganz weiß von Zucker, und zwei große Kerzen flammten auf dem Tellerrand ... und jetzt kam das Schönste: Pauline, mit einer großen Kanne, aus der ein duftender Dampf aufstieg ... so stark, als ob sich über das ganze helle Zimmer Schokolade ergossen hätte ... so daß Schmerzchen immer wieder ihre Zunge herausstreckte und mit großen Augen die Kanne, den Kuchen, die Tasse und Pauline selbst verschlang. Den Großpapa hatte sie ganz vergessen ...

Er saß ja auch weitab an seinem Schachtisch beim Fenster, faltete mit seinen kleinen, weißen Händen die feinen überseeischen Briefbogen auseinander, rückte an seiner weißseidenen, baumelnden Krawatte, räusperte sich und vertiefte sich in Karlas teils wie nach einer Vorlage geschriebenen, teils krakeligen Schriftzüge. Kein Datum. Nicht ein einziges Mal die Stadt, der Breitengrad oder der Name des Schiffes. Sie hatte Wichtigeres aufzuzeichnen.

Mein lieber Papa!

Ich weiß nicht, ob überhaupt und wann ich mit dem Briefe fertig werde. Vielleicht schicke ich ihn noch heute, vielleicht zu Schmerzchens Geburtstag, vielleicht gar nicht.

Es ist sehr schlimm, daß ich so viel allein bin. Ernst sieht es nicht gern, wenn ich mit den anderen „intim“ werde. Es geht auch nicht gut, seitdem er sich so eine komische Stellung bei uns ausgeklügelt hat. Er kommt mir vor wie der „schwarze Mann“, vor dem ich mich als Kind so gefürchtet habe. Oder aber wie unser altes Dienstmädchen. Erinnerst Du Dich? Die ging nie ohne Staubtuch herum und rückte immer alles an seinen Platz, kaum daß man es benützt hatte.

Aber Ernst sagt, er müßte auf Ordnung dringen — es wäre alles furchtbar verwahrlost gewesen. Ich glaube, die Kollegen mögen ihn nicht, und sie lassen es mich oft ausbaden, wenn sie von Ernst einen Verweis erhalten haben. Natürlich hat Ernst im Grunde recht, aber die Leute sind doch nun mal das gewohnt, was sie „ihre“ Ordnung nennen. Die Herren sind hier sehr galant, sehr großartig. Einer hat mir einmal ein wunderschönes Armband mit Rubinen in einer Konfektschachtel geschenkt. Leider durfte ich es nicht behalten. Es war ja sehr richtig von Ernst, daß er es dem Herrn zurückgab, aber ich habe es doch lange nicht verschmerzen können. Denn so sehr viel Schmuck habe ich doch nicht, und mir falsche Steine anhängen wie die Nordeni — das mag ich nicht ... Denke Dir, mein lieber Papa, was geschehen ist ... mir zittern noch alle Glieder, obwohl wir schon wieder gemütlich im Zuge sitzen und weiterrattern, wie Du es an meiner Schrift sehen kannst. In unserer Lokomotive brach Feuer aus, und wir blieben auf freiem Felde stehn. John Russel reiste ausnahmsweise mit uns — Gott sei Dank! Plötzlich, während wir uns draußen ein wenig ergehen, hören wir ein schreckliches Geschrei und sind, ehe wir es uns versehen, von einem Haufen Indianer umringt. Die einen stürmen den Zug, die anderen stürzen sich auf uns, werfen uns Tücher über die Köpfe, fesseln uns. Ich höre Schreien, Schüsse ... ich dachte nur an Schmerzchen in diesen entsetzlichen Minuten. Dann wurde ich, glaube ich, ohnmächtig. Als ich aufwachte, war ich wieder in meinem Abteil. Aber nicht Ernst, sondern Kapelle, unser erster Kapellmeister, stand vor mir. Er ließ mich an etwas sehr Scharfem riechen und schimpfte entsetzlich. Ich fragte, wo mein Mann sei. „Ach lassen Sie nur, der ist gut aufgehoben“, sagte er. Ich schrie auf, weil ich glaubte, die Indianer hätten ihn erschossen. Aber Kapelle beruhigte mich und sagte, ich solle jetzt nur schlafen. Kaum war er draußen, so sprang ich auf die Bank, um meine Tasche herunter zu holen, und mich herzurichten, denn ich sah wie eine Wilde aus — die Haare aufgelöst und verwirrt — und die Bluse, na ... Ich suche und gucke überall herum — keine Tasche! Schön. Also gehe ich heraus so, wie ich bin, um meinen Mann zu suchen. Wo finde ich ihn? Im Nebenabteil. Er liegt auf der Bank, mit verbundenem Kopf. Mariette kühlt ihm die Stirn mit Kompressen. (Du weißt doch, die Zofe der Nordeni, bei der ich französischen Unterricht habe.) Ernst, rufe ich. Ernst! Er streckt mir die Hand entgegen ... er kann sich nicht rühren. Er behauptet, die Indianer hätten ihn mehrfach in die Luft geschleudert und auf die Erde fallen lassen. Mariette hat Tränen in den Augen. Das fand ich nun ganz überflüssig; schließlich braucht sie um meinen Mann nicht zu weinen! Das kann ich allein besorgen, wenn ich will ... Ich bedanke mich also bei ihr und schubse sie mit aller Liebenswürdigkeit aus dem Abteil. Kaum bin ich allein mit Ernst, als der Zug sich wieder in Bewegung setzt und John Russel zu uns hereinkommt. Ob mir nichts von meinem Gepäck fehle? Ja, sage ich, die Tasche.

„Well — das war ein Raubüberfall. Die Kerls wollten Ihnen Ihre Brillanten stehlen ...“ Da mußte ich lachen und meinte: „Well, da werden sie aber nichts anderes finden als ein paar Zahnbürsten, Kämme und Seife ...“ „Macht nichts,“ sagte John Russel ... „es war doch ein Brillantendiebstahl! ...“

In unserem Zug fuhren ein paar Reporter, die sich unsere nächste Vorstellung ansehen sollten, um darüber zu berichten. Na, die hatten nun zu tun, das alles zu schildern .... Mein lieber Papa! Ich sitze nun schon eine halbe Stunde in meinem Hotelzimmer und komme vor Lachen um. Weißt Du, was mir gestohlen worden ist? Ein Diadem von der Königin von Griechenland im Werte von sechzigtausend Dollar, ein Brillanthalsband im Werte von vierhunderttausend Dollar vom Kaiser von Rußland, vierzehn Ringe im Gesamtwert von zwanzigtausend Dollar, eine Gürtelschnalle aus Smaragden und Perlen — ein Geschenk der Astrongs, zwei Uhren, mit Edelsteinen besetzt, eine Kette aus Platina mit Brillanten und — die Tugendrose vom Papst! ... Das Theater ist umlagert von Menschen, die noch Billette zu erhalten hoffen! Es heißt, daß man in der Stadt eine Sammlung plant, um mir „einen Teil des tragischen Verlustes“ zu ersetzen! Steht alles schwarz auf weiß in der Zeitung. Ernst geht auf einen Stock gestützt. Er ist augenblicklich nicht in rosigster Laune und spricht nicht viel mehr als das Nötigste mit mir. Ich glaube, er ärgert sich über den Humbug ... Weißt Du, was mir scheint? Mariette fängt an, mit Ernst zu kokettieren. Ich neckte ihn ein bißchen mit ihr, da verbat er es sich. Man kann eigentlich nie recht Spaß machen mit ihm. Meinen französischen Unterricht habe ich auch aufgegeben. Ich kann genug .... Also denke, der ganze Indianerüberfall war von John Russel „inszeniert“. Choristen von uns hatten sich verkleidet. Der Fundus von „Afrikanerin“ und „Aida“ hat herhalten müssen! So genau hat ja niemand hingesehen und die Gelegenheit haben sich einige zunutze gemacht, um Ernst — nein, es ist zu schändlich! Ich glaube, er ahnt die ganze Sache und mag darum nicht mit mir über die Geschichte sprechen. Er ist auch lange nicht mehr so streng seitdem gegen die anderen. Aber ich glaube, es muß ihn doch furchtbar demütigen — Tue nur nie, als ob Du etwas davon wüßtest —, um Gottes willen nicht! Ich dachte, die Nordeni hätte Schreikrämpfe gehabt aus Angst vor den Indianern — Gott bewahre ... die war ja mit im Komplott! (hat das selbst einmal durchgemacht im Beginn ihrer amerikanischen Karriere.) Sie hatte nur Angst, daß die Leute meinen armen Mann noch totschlagen, oder daß er in dem Sack, den man ihm über den Kopf geworfen hat, erstickt! ... Sie ist furchtbar ängstlich, die Nordeni. Gestern fragte mich mein armer Ernst, ob wir seinem Neffen, dem Fritz Maurer, nicht helfen wollten, die Offizierskarriere einzuschlagen. Ich sagte selbstverständlich ja. Ich finde es so rührend, daß Ernst sich seiner Leute in allem annimmt. Wäre mir aber auch sonst gar nicht möglich, ihm etwas abzuschlagen. Denn es ist mir oft geradezu peinlich, daß ich eine so ganz andere Stellung einnehme als er. Nur wegen meines bißchen Stimme ... Und dann muß ich mir auch immer wieder vorhalten, wie glücklich ich sein darf, daß mein geliebtes Schmerzchen so gut gepflegt und betreut wird ... So viel Liebe kann ihr ja freilich niemand geben wie ich ... obwohl ich doch ein bißchen auf den guten Alwin rechne und viel auf Deine Pauline. Ach mein lieber Papa, wie sehne ich mich danach, Dein ta ta ta wieder mal zu hören! Hier unter den braunen Affen wird einem alles so unsagbar teuer aus der Heimat! Kapelle fragte mich mal: „Sagen Sie, was wollen Sie eigentlich hier unter uns? Machen Sie, daß Sie bald fortkommen. Denn wer sich hierher verschlagen läßt, ist ja doch nur Verbrecher oder Abenteurer ...“ Armer Kapelle! Er ist mir entschieden der liebste von allen — trotz seiner Drinks und seines Slangs! Der Bariton ist auch ganz nett. Aber eigentlich singe ich nicht gern mit ihm. Wenn ich mich auf der Bühne in seine Arme stürzen muß, dann hält er mich gewiß ein paar Sekunden länger an sich gedrückt, als nötig ist. Mir wird dann immer übel, und ich möchte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben. Aber da ich ihm nichts beweisen kann, muß ich tun, als merkte ich nichts. Schon meines Mannes wegen ... Ach, mein lieber Papa, wie gut, wie himmlisch wird das sein, wenn ich erst an Schmerzchens weißem Bettchen sitzen und ihren süßen Kinderatem auf meinem Gesicht spüren werde ... Eben heißt es, die Post würde in einer Stunde an Land gebracht. So will ich schließen. Wenn ich Glück habe, kommt der Brief gerade zu Schmerzchens Geburtstag an. Pauline, die Gute, schrieb, sie würde das Kind über den Nachmittag zu Dir holen ... Wie beneide ich Dich! Könnte ich für diesen Tag all meine Liebe und Sehnsucht in Deine Augen legen, mit denen Du Schmerzchen ansiehst, in Deine Hände, die sie berühren, in Deine Arme, die sie umfangen ... so, jetzt heule nicht ... Lebt wohl, Papa, Pauline ... mein liebes kleines Mädelchen ... lebt wohl! Karla.

— — „Gute Nachrichten, Herr König?“

„Ach ja, Pauline, danke. Altmann ist verkeilt worden.“

Dem Papa hatte diese Stelle in Karlas Brief eine unerklärliche, aber sehr aufrichtige Freude bereitet. Dann aber eingedenk der letzten Worte, ging er schwungvoll und graziös auf Schmerzchen zu, die augenblicklich einen etwas negerhaften Eindruck machte, küßte sie vorsichtig auf das hellbraune Härchen und fragte mit aller Zärtlichkeit, die er in seine tenorale Krähstimme zu legen vermochte:

„Nun, mein kleines Fräulein, wie schmeckt denn die Schokolade?“

Verzierung, drei Sterne
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Karla war nervös. So richtig nervös. Der Regen, den die Wolken über die Straßen ausschütteten, bis das Wasser fußhoch zwischen den Häusern stand, dröhnte über dem Dach des Hotels ... Es wurde zeitig dunkel, und die Luft war erfüllt mit unheimlichen Lauten. Manchmal knackte das Holz der Veranda, die um das Hotel lief und auf die alle Zimmertüren mündeten.

John Russel hatte der Gesellschaft acht spielfreie Tage geschenkt. Inzwischen zimmerten farbige Arbeiter eine Scheune mit einer Bühne. Die Scheune war schon — als die ersten Latten genagelt wurden, zehnmal zu nie dagewesenen Preisen ausverkauft, und seitdem pilgerten, sowohl die Ansiedler der deutschen Kolonie wie Portugiesen aus der Umgegend zur Baustelle. Sie kamen in wundervollen Wagen, mit Pferden bespannt, über die leuchtende blaue, rote und gelbe Netze geworfen waren. Sie kamen hoch zu Roß, den Tropenhelm im Nacken. Sie kamen zu Fuß. Da waren Damen in extravaganter europäischer Kleidung — der verkannten Mode des vergangenen Jahres —; andere in Toiletten von Worth und Doucet; blonde Kolonistenfrauen in fußfreiem Rock und weißer Bluse, einen Schleier um den Kopf gebunden, den roten oder weißen Sonnenschirm in der Hand; da standen mit weitgeöffnetem Mund ganze Indianerfamilien — die Eltern mit seltsam vornehmem Anstand und doch bescheiden, als wollten sie ihren leuchtenden braunen Körper unter all dem Blendwerk von duftigen Spitzen, Seidengefälle und Schleiergeweben vertuschen ...

Ein geschäftskluger Deutscher hatte ein Zelt aufgeschlagen; darin brauten seine Frau und seine Tochter schwarzen Kaffee; ein paar Neger in weißen Leinwandanzügen schlängelten sich geschickt zwischen den leichten Bambusstühlen und Tischchen herum, die wie ausgestreut schienen zwischen den Palmen, und brachten den Gästen Limonade, Absinth und Whisky.

Wenn die zwei Regenstunden vorüber waren, dann belebte sich die Straße, die zum „Theater“ führte, wie zu einem Korso. John Russel sah es gern, wenn die Herren seiner Gesellschaft das „Theatercafé“ besuchten. Von den Damen durften sich nur die Choristinnen dort sehen lassen.

„Wenn man eine Künstlerin täglich umsonst auf der Straße sehen kann, wird keiner so närrisch sein, für dasselbe Vergnügen am Abend fünfzig oder hundert Dollar zu bezahlen.“

Mariette brauchte sich an das Verbot nicht zu kehren — sie war ja keine Künstlerin. Ihr reizendes Figürchen wurde sehr bemerkt, und mancher Kunstschwärmer versuchte es, sich ihr zu nähern. Ihre auffällig zur Schau getragene Sprödigkeit mehrte ihre Erfolge. Viele hielten sie für Altmanns Frau, weil man sie oft an seiner Seite sah, wenn er mit den Arbeitern sprach und das Ausladen der Dekorationen beaufsichtigte.

Altmann merkte es kaum, wie eifrig sie sich an seine Fersen heftete. Er gab ihrer nimmermüden Bereitwilligkeit allerlei kleine Aufträge. Bald galt es, Vorhänge zuzuschneiden, bald Damenkostümen durch kleine Abänderungen eine gefälligere Form zu geben.

„Sie haben so viel Geschmack“, sagte er mit einem schwachen Versuch, ihr etwas Angenehmes zu sagen.

Bei einbrechender Dunkelheit gingen sie heim. Die Nacht kam wie ein heimlicher Dieb; sie war da, ehe man sichs versah.

„J’ai peur“, murmelte sie und hing sich in seinen Arm ein.

„Aber wovor denn? ...“

Er lachte nachsichtig, aber beim nächsten Laternenpfahl machte er seinen Arm frei. Es war nicht gerade nötig, daß ...

Er mochte den Gedanken nicht einmal zu Ende denken. Aber die feuchte Wärme durchdrang seine Kleider, und die Schwüle erschlaffte ihn.

„Sind Sie bös gegen mir?“

Sie sprach ein drolliges Kauderwelsch und legte eine süße Kindlichkeit in den Ton ihrer Stimme. Ihr Augenaufschlag, ihre halbgeöffneten Lippen mit den perlenden weißen Mausezähnchen ...

Altmann machte so große Schritte, daß sie kaum nachkam mit ihrem Getrippel.

„Unsinn ... wie kommen Sie darauf ...“

Aber er fühlte, die Frage war schon zuviel. Er hätte sie am Schopf, an ihrem so wunderhübsch leuchtenden roten Schopf packen mögen und sie beuteln. Kleine Kröte ... er durchschaute sie. Ganz genau. Aber ... o nein ... mein Fräulein ... o nein! Schließlich war er doch etwas anderes als der Herr Schädlowski oder der Bariton oder einer der bräunlichen Herren, mit denen sie Austern schlürfte. Er hatte eine Frau zum Donnerwetter! Eine liebe, prächtige Frau, die ... die ...

Auch in seinen Gedanken kam er nicht weiter. Lieb hatte er Karla wie niemanden sonst auf der Welt. Aber diesen prickelnden Reiz, den hatte sie nie für ihn gehabt. Gott sei Dank nicht. Den hatten eben nur solch kleine Dirnchen wie diese Mariette ... und die schüttelte man einfach ab, ohne viel Getue ... ganz rücksichtslos!

Er lief beinahe. In Schweiß gebadet kam er ins Hotel. Über das Holzgitter des Vorgartens sah er einen schmalen Lichtstreifen unter Karlas Balkonfenster. Dieser Lichtstreifen rührte ihn mehr als eine Klage. Sie saß in dieser wundervollen Nacht allein im abgeschlossenen Zimmer, wagte es nicht einmal, die Hitze des Tages herauszulassen.

Er ging um das Hotel herum. Mariette war verschwunden; er atmete erleichtert auf, nahm eilig die wenigen Stufen, die zu den Zimmern führten.

Karlas Tür war abgeschlossen.

Auf sein Pochen und Rufen drehte sie den Schlüssel um. Sie hatte ihr Morgenkleid aus Rohseide an, und ihre Augen brannten in dem runden, bleichen Gesicht.

Er wollte sie in seine Arme ziehen, sie trat zurück, als merkte sie es nicht, ging zum Tisch und schloß ihre Schreibmappe ab.

„Hast du nach Hause geschrieben?“ fragte er und suchte seiner Stimme Festigkeit zu geben.

„Nach Hause? ... Meinst du, Papa? Meinst du die Motzstraße? Ich weiß nicht, wo ich zu Hause bin ...“

Sie wendete sich ab und trat zum Fenster, als wollte sie hinaussehen. Aber das konnte sie nicht, denn der Rolladen war herabgelassen.

Er stellte sich hinter sie und streichelte ihre Arme.

„Wir wollen morgen nach dem Regen eine Ausfahrt machen, Karla ...“

Sie sah in der dunklen Scheibe das Gesicht ihres Mannes. Sah es zum erstenmal unsicher und gleichsam schuldbewußt. Da war es ihr, als stünde sie plötzlich ganz allein in dem fremden Land, ganz allein im Leben ... so allein wie die Nordeni ... Und sie schlug die Hand vors Gesicht und drückte die heiße Stirn gegen das kühle Glas.

Am nächsten Tage aber nach dem Regen fuhren sie aus. Die Nacht hatte stumm und feindlich zwischen ihnen gelegen, und sie hatte nicht geglaubt, daß Altmann noch an die Ausfahrt dachte. Aber dann kam er und sagte, sie möchte sich nett anziehen. John Russel hätte gegen die Korsofahrt nichts einzuwenden, nur möchte sie einen recht dichten, aber kleidsamen Schleier vornehmen.

Karla lachte jetzt.

„Wir sollen also Reklame fahren für Russel?“

„Aber nein. Nur, wenn wir schon fahren, dann ...“

Karla hörte nicht mehr zu. Sie riß die Schränke auf, warf ihre Kleider durcheinander. Was sie anziehen sollte, müßte er ihr sagen! Das weiße, mit den schwarzen Spitzen, oder das blaue, mit der schönen Stickerei? Herrgott, er sollte doch kein so dummes Gesicht machen! Er wüßte ganz genau, was hübsch sei und ihr zu Gesicht stünde. Und helfen durfte er ihr auch. Vor den Niggermädeln im Hotel hatte sie geradezu Angst.

Ihre Röcke lagen auf dem Boden, ihre Schuhe flogen in die Ecken. Von Kopf zu Fuß mußte alles frisch, blütenweiß und so elegant wie nur irgend möglich sein. Tja ... Warum hatte sie eigentlich Trübsal geblasen all die Tage? Zu dumm war sie gewesen! Und hatte sich Gedanken gemacht ... so unsinnige Gedanken ... einfach lächerlich! Wo er doch ein so lieber, tüchtiger, fleißiger Mann war, ohne den selbst Russel gewiß nicht mehr auskommen würde ... Konnte er die dumme Gans, die Mariette, verhindern, hinzugehen, wohin sie gerade wollte?! Und wenn sie sich an seine Rockschöße hing ... was konnte er dafür? Eigentlich war es sogar nett, mit einem Mann verheiratet zu sein, der anderen Frauen gefiel ...

„Laß dich mal ansehen, du ...“

Sie faßte nach seinem Gesicht, küßte ihn ... drückte sich an ihn.

„Du, Karla, der Wagen kommt gleich.“

Ach was, der Wagen! Wenn er gar nicht käme, wäre es noch besser. Dann wären sie eben allein in ihren Zimmern geblieben, hätten abgeschlossen, die Rolläden heruntergelassen ... hätten ... Alle Wonnen ihrer beseligenden jungen Mutterschaft erwachten plötzlich in ihr. Eine flammende Röte schoß über ihren Nacken, ihre Brust, ihre Arme. Wie mit Blut übergossen stand sie mitten im Zimmer und nestelte an den langen Senkeln ihres Mieders.

„Was ist denn Karla ... was hast du denn ...?“

Sie schüttelte den Kopf, wendete sich ab, lachte vor sich hin. „Nein ... nichts ...“

„Doch, Karla, ich will wissen ... Du mußt es mir sagen ...“

Auch er lachte, umspannte ihre Taille mit den Händen, zog sie an sich. Der gesunde, frische Duft ihres jungen Körpers wehte ihn an ... In dem Bettnetz eingefangene Moskitos summten aufreizend und einschläfernd zugleich.

„Was denn, Karla ...?“

Er hauchte es ihr ins Ohr.

Sie drückte ihren runden, hübschen Kopf an sein Gesicht.

„Ich dachte mir ... du wirst mich auslachen ... an so ein winzig kleines Kindchen dachte ich ... Wenn man das wieder so haben könnte ... wenn ich das wieder spüren könnte ... in meinen Armen halten dürfte ... Wenn sie so satt getrunken sind und die kleinen Bläschen heraussabbern ... und man die kleinen Fingerchen wie Schmetterlinge auf der Brust fühlt ... so etwas Wonniges gibt es ja ... nein, auf der ganzen Welt gibt es so etwas nicht ...“

Er fühlte eine heiße Träne in seinen Kragen sickern. Angst und ein leichter Ärger streckten und steiften seine Glieder. Was war denn das wieder mit Karla? ... Dachte sie denn gar nicht an ihren Beruf, ihre Laufbahn?

Gottlob behielt er seine fünf Sinne zusammen. „Närrchen!“ sagte er und küßte Karla flüchtig auf das Haar.

Sie führte rasch ein Taschentuch an die Augen, die Nasenspitze und lächelte versonnen.

„Hier ist die Luft so ... wie soll ich sagen ... so warm und brütend ... und man kann nicht den Fuß wohin setzen, ohne auf etwas Lebendes zu stoßen ... Ich glaube Ernst, die Natur hat mich gewiß zu was ganz anderem bestimmt als zu einer Primadonna.“

Altmann versuchte zu lachen.

„Etwa zu einer kleinen Bruthenne ... wie?“

„Vielleicht ...“

Peitschenknallen schlug hart in die Stille des Zimmers, durchschnitt die drohend aufsteigende Mißstimmung.

„Jetzt wollen wir aber vergnügt sein, Karla, wie? ...“

„Ja! ...“, klang es gedrückt zurück.

Als sie die luftige Steinhalle durchschritten, nickte ihnen die Nordeni zu. Sie saß mit Mariette in den Korbstühlen, und zwei schwarzhaarige Herren, offenbar Portugiesen, bewirteten sie mit Eis und Gebäck. So offensichtlich hatte die Nordeni ihre Zofe noch nicht zu ihrer Gesellschaft gezogen. Vermutlich schleppte sie die hübsche kleine Pariserin als Angelhaken mit.

Als Altmann und Karla vorüberkamen, löffelte Mariette sehr angelegentlich ihr Eis. Karla blickte über sie hinweg, hing sich nur wieder sehr augenfällig in den Arm ihres Mannes.

Die Fahrt machte Karla ein ungeheures Vergnügen. Das „Theater“ war fertig und sollte morgen nur noch mit Blumen und Teppichen ausgeschmückt werden. John Russel begrüßte Karla am Wagen und brachte ihr dann selbst ein Glas Sekt aus dem Café, denn es war nicht schicklich für Damen, die im Wagen kamen, auszusteigen und sich unter die Fußgänger zu mischen. Das gefiel Karla. Sie fand das nach langer Zeit wieder sehr „vornehm“ und hatte eigentlich das erstemal so etwas wie „Primadonnengefühle“. Sogar das ziemlich schamlose Anstarren von den Herren machte ihr Spaß. Du lieber Gott, sie war eben wer ... Sollte sie das nicht freuen?

Als der Wagen umkehrte, entdeckten Karlas trunkene Augen unter den Fußgängern einen großen struppigen Schädel.

„Kapelle!“ rief sie. „Kapelle! ...“ und winkte mit dem Tuch.

Kapelle grüßte mit dem verbeulten, angestaubten braunen Hut, den er in der Hand trug, ohne die glimmende Zigarre aus dem Mundwinkel zu nehmen. Aber Karla hieß den Kutscher anhalten und winkte mit beiden Händen.

„Kapelle, Kapelle! ...“

Er kam zögernd, widerwillig näher. Altmann bot ihm seinen Platz an.

„Nö ... nö! ...“

Er wollte gleich wieder fort, aber Karla hielt ihn am Ärmel fest. „Bitte, Kapelle, mir zuliebe! ...“

Er warf die Zigarre in weitem Bogen zur Seite und drückte sich in den Rücksitz. Brummig und unzufrieden sah er vor sich hin.

„Hat man Sie richtig nicht verschont mit der Promenadenschau?“ brummelte er und zupfte giftig an seinem Bart. „Schlagen Sie doch wenigstens den Schleier zurück. Wenn die Neugierde nicht mehr zu bezähmen ist, reißt Ihnen der eine oder andere den Schleier einfach vom Hut runter.“

Und gleichzeitig schlug er mit seinem Stock auf einen Mestizen, der sich auf ein Hinterrad geschwungen hatte und nun mit vorgestrecktem Arm und schlanken, braunen Fingern den Knoten von Karlas Schleier zu lösen versuchte.

Karla stieß einen Schrei aus; der Mestize sprang vom Rad und tauchte in der lachenden, laut durcheinanderschreienden Menge unter.

„Du brauchst doch keine Angst zu haben, Karla ... ich bin ja da! ...“

Altmann legte den Arm um sie, und sie drückte sich an ihn wie ein verängstigtes Kind.

Kapelle stieß die Luft durch die Nase, und seine fünf Finger hakten sich in seinen grauen Bart ein.

„Kein leichtes Brot — der Mann einer Primadonna sein ... wie, Altmann? Schlimmer noch, als Geldsäcke hüten wie John Russel ... Ein Revolver in jeder Hand — das langt oft nicht mal ...“

Karla beugte sich vor. Ihr Gesicht war ganz weiß geworden.

„Lieber Kapelle ... ich glaube ...“

Sie hielt ihm die Hand hin, voll unausgesprochenen Mitgefühls ...

Er sah ihre Hand nicht oder wollte sie nicht sehen.

„Glauben Sie nur ja nichts ... Alles falsch, alles Einbildung! ... Der Kutscher soll mal ein bißchen zufahren ... Von den Bergen weht es nachts kalt herunter, und wenn Sie morgen heiser sind, dann ist’s mit Ihrem Primadonnentum aus. Eine Primadonna ist hier eine Gottheit. Eine Gottheit mit einem Schnupfen — das gibt’s nicht.“

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