Zweites Buch.
Arthur Luther translation
Erstes Kapitel.
Der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch war vorüber und der erwachende Morgen verhieß einen heiteren und stillen Tag.
Tuberozow, von der Messe zurückgekommen, saß beim Tee, auf demselben Sofa, auf dem er nachts geschlafen, und vor demselben Tisch, an dem er seine Memorabilien geschrieben hatte. Die Pröpstin bediente ihren Gatten, um dessen Ruhe sie so besorgt war, daß sie ihm alles an den Augen abzusehen suchte und nicht wagte, durch irgendeine Frage seine ernsten Gedanken zu stören. Flüsternd befahl sie dem Dienstmädchen, die beiden Pfeifen des Propstes mit Shukowschem Knaster zu stopfen und sie in den Ständer in der Ecke zu stellen, und dann setzte sie sich ihm gegenüber und wartete, das Kinn auf die Hand gestützt, bis der Propst das erste Glas geleert habe und ein zweites verlangen würde.
Aber ehe es so weit war, wurde ihre Aufmerksamkeit durch einen ungewöhnlichen Lärm ganz in der Nähe des Hauses abgelenkt. Man vernahm hastige Schritte und wirre Stimmen, die sich hin und wieder zu wütendem Geschrei verdichteten. Die Pröpstin schaute zum Fenster ihres Schlafzimmers hinaus und sah, daß Lärm und Geschrei von einer Menschenmenge herüberdrangen, welche sich mit großer Hast geradewegs auf ihr Haus zu bewegte.
»Was kann das sein?« dachte die Pröpstin, ging ins Wohnzimmer zurück und sagte ihrem Manne:
»Sieh doch, Vater Sawelij, was da für eine Menge Leute kommt.«
»Leute gibt es viel, meine Liebe, aber es sind keine Menschen darunter,« antwortete Sawelij ruhig.
»Nein, du solltest wirklich hinaussehen, es sind ihrer furchtbar viele.«
»Laß sie doch rumlaufen, soviel sie wollen; gib mir lieber noch ein Gläschen Tee.«
Die Pröpstin nahm sein Glas, füllte es, reichte es ihm und trat wieder ans Fenster. Der lärmende Haufe war verschwunden. Nur drei oder vier aus ihm standen noch herum und blickten mit offenkundiger Verlegenheit nach dem Tuberozowschen Hause.
»Um Gotteswillen, brennt es nicht irgendwo bei uns, Vater Sawelij!« rief die Pröpstin und stürzte entsetzt ins Zimmer ihres Gatten, aber schon an der Schwelle blieb sie stehen und begriff endlich, was eigentlich geschehen war.
Die Tür zum Wohnzimmer ging lärmend auf und in der Wohnstube des Propstes erschien der Diakon Achilla, und dicht hinter ihm, feuerrot und ganz verwirrt, der Kommissar, welchen Achilla fest am Ohr hielt.
»Vater Propst,« begann Achilla, indem er Danilka losließ und die Hände dem Propst entgegenstreckte.
Tuberozow segnete ihn.
Hierauf trat auch Danilka vor Sawelij hin und nahm den Segen in Empfang.
Nachdem dies geschehen war, packte der Diakon ihn wieder fest am Ohr, riß ihn zwei Schritte zurück und fing an:
»Stellt Euch vor, Vater Sawelij, eben gehe ich die Straße entlang, da höre ich laut reden. Ein paar Kleinbürger sprechen vom gestrigen Regen, den uns der liebe Gott auf unseren Bittgottesdienst gesandt hat, – und jener dort« – Achilla stieß den Zeigefinger seiner linken Hand dem ängstlich zwinkernden Danilka gerade in die Nase – »wagt zu widersprechen!«
Tuberozow hob den Kopf.
»Denkt nur, er behauptete,« fuhr der Diakon fort und zog Danilka näher zu sich heran, »er behauptete, der Regen, den wir vorige Nacht nach dem Bittgottesdienst gehabt hätten, sei gar nicht infolge des Gottesdienstes gekommen.«
»Woher weißt du denn das?« fragte Tuberozow trocken.
Danilka schwieg verlegen.
»Denkt doch bloß, Vater Propst! Er behauptet, der Regen sei einfach kraft eines Naturgesetzes gekommen.«
»Zu welchem Zwecke hast du die Betrachtungen angestellt?« fragte Tuberozow.
»Ein Zweifel regte sich in mir,« antwortete Danilka bescheiden.
»Zu zweifeln hat ein so kompletter Ignorant, wie du, überhaupt nicht, und also hat der Täter seinen Lohn dahin. Du hast bekommen, was du verdientest. Und nun hinaus aus meinem Hause, du Schwätzer.«
Nachdem der Freigeist Danilka auf diese Weise an die Luft befördert war, nahm der Propst wieder am Teetisch Platz, trank sein Glas schweigend aus, und als er damit fertig war, wandte er sich an den Diakon Achilla. »Und du, Vater Diakon, – hast du die Absicht, noch lange so zu wüten? Hab' ich dich nicht ermahnt, deine Hände davon zu halten?«
»Es geht nicht, Vater Propst; ich konnte mich nicht bezwingen; ich wollte Euch schon längst davon Mitteilung machen, wie er – denkt nur – immer gegen die Gottheit und gegen die Schrift redet.«
»Und da mußtest du dich vor allem Volke mit ihm prügeln?«
»Und wenn's auch vor allem Volke war, – was ist denn dabei, Vater Propst? Ich bin ein Diener des Altars und muß an jedem Ort für meinen Glauben eintreten. Der heilige Nikolaus hat dem Ketzer Arius auch vor allem Volke eins ausgewischt …«
»Du bist aber nicht der heilige Nikolaus,« fiel ihm Tuberozow ins Wort. »Du bist eine simple Krähe, verstehst du, und als solche hast du dich nicht um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehen. Was hast du mit deinem Knüppel so zu fuchteln? Du hast wohl vergessen, daß ein Knüppel zwei Enden hat? Du verläßt dich immer auf deine Kraft, du Dromedar!«
»Das tu ich.«
»Tust du's? Nun, so tu es lieber nicht. Nicht deine Kraft hat dich gerettet, sondern das da,« – sagte der Propst und zog den Diakon am Ärmel seiner Kutte.
»Wollt Ihr mir das zum Vorwurf machen, Vater Propst? Ich bin mir der Würde meines Amtes bewußt.«
»So? Du bist dir der Würde deines Amtes bewußt?«
Mit diesen Worten trat der Propst dem Diakon einen Schritt näher, schlug sich mit der flachen Hand auf das Knie und flüsterte:
»Ist es Euch vielleicht bekannt, Vater Diakon, wer mit den Handlungsgehilfen vor dem Kolonialwarenladen sitzt und Zigaretten raucht?«
Der Diakon wurde verlegen und erwiderte hastig:
»Ja, gewiß hab' ich, Vater Propst … Ich kann's nicht leugnen … Aber das geschah nur aus Unvorsichtigkeit, Vater Propst, wirklich nur aus Unvorsichtigkeit.«
»Seht nur, ihr Leute, was wir für einen feinen Diakon haben, wie famos er die Zigaretten zu drehen versteht.«
»Nein, wirklich, Vater Propst, nicht deswegen war es. Was hätt' ich mich groß damit zu rühmen? In bezug auf das Tabakskraut sind auch andere geistliche Personen nicht sehr enthaltsam.«
Tuberozow maß den Diakon von Kopf bis zu Fuß mit einem sehr vielsagenden Blick, dann warf er den Kopf zurück und fragte:
»Was willst du damit sagen? Daß der Propst auch Tabak raucht, nicht wahr?«
Der Diakon war so verlegen, daß er nichts zu erwidern vermochte.
Tuberozow wies mit der Hand nach der Zimmerecke, wo seine drei Pfeifen standen.
»Was rauche ich wohl, Vater Diakon?«
Der Diakon schwieg.
»Habt die Güte, mir Antwort zu geben. Was rauche ich? Rauche ich Pfeifen?«
»Ihr raucht Pfeifen,« antwortete der Diakon.
»Pfeifen? Ausgezeichnet. Und wo rauche ich sie? Rauche ich sie zu Hause?«
»Ihr raucht sie zu Hause.«
»Manchmal rauche ich auch eine bei guten Freunden, die ich besuche.«
»Ihr raucht auch manchmal bei guten Freunden.«
»Aber nicht mit Ladenjungen vor dem Tor!« rief Tuberozow und schlug mit dem rechten Zeigefinger drohend gegen die linke Handfläche. »Geh jetzt deines Weges und hab' Acht auf dich,« schloß er. »Es kommt eine neue Ordnung, es wird ein neues Gerichtsverfahren eingeführt, es kommen neue Gebräuche, nichts soll mehr im Verborgenen bleiben, sondern alles offenbar werden; dann werde ich dich nicht mehr schützen können.«
Nach diesen Worten trat der Propst mit seinem großen Fuß auf einen Strohstuhl und langte vorsichtig den gelben Käfig mit dem Kanarienvogel herunter.
»Pfui! Daß Gott sich erbarme! Da hab' ich den Glauben verteidigen wollen und wieder war's ein Reinfall!« brummte Achilla vor sich hin, als er das Haus des Propstes verlassen hatte und mit schnellen Schritten auf ein kleines gelbes Häuschen zuging, aus dessen offenen Fenstern ein ganzer Haufen blonder Kinderköpfchen herausguckte.
Der Diakon stieg eilig die Verandastufen hinauf, trat ins Vorhaus und öffnete, nachdem er mit der Stirn erst gegen den Querbalken gerannt war, die Tür zum Wohnzimmer.
In dem niedrigen Raume ging der dürre, winzige Zacharia im Leibrock, die Hände auf dem Rücken, eine lange silberne Kette auf der eingefallenen Brust, auf und ab.
Achilla betrat dieses Haus mit einem ganz anderen Gesicht und in ganz anderer Haltung, als das des Propstes. Die Verwirrung, in der er sich befunden hatte, als er das Haus Tuberozows verließ, war geschwunden, und schon erfüllten ihn eitel Milde und Güte.
»Nun, Vater Zacharia! Nun, Brüderlein, liebes … Nun!« begann er ungeduldig in der Tür.
»Was gibt's?« fragte Zacharia mit sanftem Lächeln. »Was drehst und windest du dich so?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann der dürre Pfarrer wieder auf- und abzulaufen.
Der Diakon brach erst in ein lustiges Lachen aus und rief dann:
»Ach, Freundchen, hat das wieder eine Kopfwäsche gegeben! Ach, Vater, sogar der Schädel tut mir weh von der Seife. Kann ich mal fix einen kippen?«
»Einen kippen? Schön! Aber wer hat dich denn vorgekriegt?«
»Wer sonst als der Justizminister!«
»Vater Sawelij!«
»Eben der! Es ist eine ganz ungewöhnliche Sache, Vater Zacharia. Ich wollte mich verdient machen, aber er hat alles herumgedreht, durcheinandergeschmissen. Erzählen läßt es sich gar nicht.«
Aber nachdem der Diakon sich gesetzt und das ihm auf einem Teller präsentierte Gläschen Branntwein geleert hatte, erzählte er Vater Zacharia doch die ganze Geschichte seines Konflikts mit Danilka und mit Tuberozow in allen Einzelheiten. Zacharia hüpfte währenddem unausgesetzt im Zimmer hin und her und blieb nur stehen, um bald den einen, bald den andern der herumhuschenden Blondköpfe aus dem Wege zu räumen. Als der Diakon seine Erzählung beendet hatte, brummte Zacharia, das Ende seines dünnen Bartes zwischen die Lippen geklemmt, bedeutungsvoll: »Ja, ja, ja, aber das tut nichts.«
»Ich kann mir's nicht anders denken, als daß er erzürnt ist und …«
»Und was noch? Packt euch raus, ihr Bälger! Also was noch?« fragte Zacharia, die Kinder zur Seite schiebend.
»Daß es unpolitisch von mir war, die Pfeife zu erwähnen,« erklärte der Diakon.
»Ja natürlich … versteht sich … zum Teil mag auch das … Weg mit euch, ihr Bälger! … Übrigens glaube ich, daß er nicht so sehr unzufrieden mit dir ist … Er ist vielmehr … nehme ich an … Wollt ihr wohl Platz machen, ihr Bälger! … Ich meine, daß er in seinem Herzen … verstehst du?«
»Betrübt ist?« sagte der Diakon.
Vater Zacharia fuhr sich mit der kleinen Hand über die Brust, zog ein saures Gesicht und sagte:
»Empört ist.«
»Gepeinigt,« entschied Achilla. »Ich weiß, der Lehrer Warnawka bringt ihn immer in Zorn, aber ich nehme mir den Warnawka noch einmal ordentlich vor – – und so weiter.«
Und ohne sich in weitere Auseinandersetzungen einzulassen, verabschiedete sich der Diakon und ging.
Auf dem Heimwege traf er Danilka und hielt ihn an:
»Sei so gut, lieber Danilka, und zürne mir nicht. Wenn ich dich gestraft habe, so geschah es nur in Erfüllung meiner Christenpflicht.«
»Ihr habt mich vor dem ganzen Volke gekränkt, Vater Diakon,« antwortete Danilka in einem Tone, der zwar noch immer beleidigt, aber doch auch schon ein wenig nach Friedensbereitschaft klang.
»Nun, was willst du mir dafür tun, daß ich dich gekränkt habe? Ich weiß, daß es eine Kränkung war, aber wenn ich streng bin … Ich habe es ja nicht aus Frechheit getan. Schon im vorigen Jahr, als ich dich ertappte, wie du im Vorhause beim Polizeichef das Meßgewand des Propstes angelegt hattest und den Weihwasserwedel schwenktest, sagte ich zu dir: ›Du kannst über die Schrift philosophieren, soviel du willst, Danilka, von der Wissenschaft verstehe ich selbst nicht viel, aber den Ritus darfst du mir nicht antasten.‹ – Hab' ich das gesagt oder nicht?«
Danilka schüttelte widerwillig den Kopf und brummte:
»Vielleicht habt Ihr so was gesagt.«
»Nein, mein Lieber, keine Winkelzüge! Gestehen sollst du! Ich hab' es deutlich ausgesprochen: den Ritus nicht antasten, und damit basta! Und warum sagte ich das? Weil es unser Lebensinhalt ist, unsere Wesenheit, deshalb hast du auch deine Finger davon zu lassen. Hast du mich verstanden?«
Danilka drehte sich nur zur Seite und lächelte. Ihm selbst war es furchtbar komisch vorgekommen, als der Diakon ihn am Ohr durch die ganze Stadt zerrte, und die andern Kleinbürger, welche Zeugen dieser Szene waren, hatten, im Scherz und mühsam das Lachen verbeißend, dem Diakon ebenfalls übermäßige Strenge vorgeworfen.
»Ihr seid zu streng, Vater Diakon! Ihr seid übermäßig streng,« hatten sie ihm gesagt.
Achilla machte nach dieser Bemerkung ein nachdenkliches Gesicht, und mit einem tugendhaften Seufzer seine Hände auf die Schultern der beiden zunächst stehenden Kleinbürger legend, meinte er:
»Streng, sagt ihr? Ja, gewiß bin ich streng, da redet ihr wahr. Aber dafür bin ich auch gerecht. Wenn nun diese Sache vor den Friedensrichter käme? Da ginge es doch viel schlimmer. Er knöpft einem sofort drei Rubel zum Besten der Kinderbewahranstalten ab.«
»Wer weiß? Mancher Friedensrichter gibt einem dafür noch einen Rubel Trinkgeld.«
»Na siehst du wohl! Ich weiß, daß ich gerecht bin, mein Lieber.«
»Gerecht? Ach nein, Vater Diakon, Eure Gerechtigkeit ist nicht weit her!«
»Wieso?«
»Weil doch der Danilka gar nicht so viel Schuld hat. Er hat doch nur wiederholt, was der gelehrte Mann ihm sagte. Wenn's nach Recht ginge, müßtet Ihr den Lehrer Warnawa zur Vernunft bringen. Er hat uns das erklärt, Danilka hat bloß gezweifelt, ob der Lehrer recht hat und der Regen von selber durchs Naturgesetz gekommen ist, oder ob ihn doch der Bittgottesdienst hervorgerufen hat. Wenn Ihr den Lehrer durchgewalkt hättet, so wäre das nur recht und billig gewesen.«
»Den Lehrer?!« Der Diakon breitete die Arme weit aus, schob die Lippen rüsselförmig vor, stand einen Augenblick vor den Kleinbürgern und flüsterte dann: »Gerecht? Ja, die Gerechtigkeit verlangt es … Aber Vater Sawelij will es nicht … und also ist es unmöglich …«
Zweites Kapitel.
Mehrere Tage waren vergangen. Tuberozow hatte sich überzeugt, daß seine Befürchtungen, die unbändigen Taten des Diakon Achilla könnten noch ein gerichtliches Nachspiel haben, unbegründet waren. Alles ging gemütlich seinen gleichen Gang. Die Leute suchten Abwechslung in ihr eintöniges Leben zu bringen, indem sie sich zankten, um sich wieder zu versöhnen, und sich versöhnten, um sich wieder zanken zu können. Nichts drohte die allgemeine Ruhe zu stören. Im Gegenteil, dem Propst ward ein wunderschöner Tag beschieden, der ihm nichts als Freude brachte. Es war dies der Namenstag der Frau Stadthauptmann, der sehr bald auf jenen Tag folgte, an dem Achilla in seinem Glaubenseifer den öffentlichen Skandal mit dem Kommissar Danilka hervorgerufen hatte. Als alle Gäste der Pastete des Herrn Polizeichefs die gebührende Ehre erwiesen hatten, rief der Hausherr, welcher zufällig ans Fenster getreten war, plötzlich laut seiner Frau zu:
»Ach du lieber Gott! Sieh nur, Frau, was für Gäste wir bekommen!«
»Wer kommt denn da?« fragte die Frau.
»Sieh mal selber nach.«
Die Hausfrau, und mit ihr alle anwesenden Gäste, stürzten ans Fenster, und nun sah man, daß sich ein mächtiges Dreigespann kräftiger brauner Pferde vorsichtig den Berg herunter bewegte, fast wie ein dreiköpfiger Drache, der auf dem Bauche kriecht. Das mittlere Pferd bläht sich auf und strampelt, wie ein alter General, der einem Untergebenen eine Pauke halten will. Die Seitenpferde sausen bald, wie Ulanenkornetts auf dem Ball, die ein Gegenüber suchen, bald drängen sie sich an das Mittelpferd, wie Schafe im Regen. Das rote Glöcklein schlug manchmal mit dem Ring gegen den Rand, dann schien es wieder wie festgeklebt und schwieg; nur die Schellen klirrten dumpf. Jetzt war der dreiköpfige Drache unten angelangt und breitete sich aus. Die Rücken der Pferde wurden sichtbar, der Schweif des einen Seitenpferdes wehte hoch im Winde; auch eine Mähne flog empor; die Pferde hielten gleichmäßigen Trab und der Wagen polterte über die Brücke. Deutlich sah man das vergoldete Krummholz mit eingeätzten Ornamenten und den großen altertümlichen, bronzebeschlagenen, gitarrenförmigen Wagen, auf dem nebeneinander, wie auf einem Sofa, zwei kleine Geschöpfe, ein weibliches und ein männliches, saßen; der Mann in einem dunkelgrünen Kamelot-Mantel und einer großen Mütze aus haarigem Plüsch, die Frau in einem schlafrockartigen Mantel aus himbeerfarbenem Gras-de-Naples mit einem lila Samtkragen und einer Haube mit braunen Bändern.
»Mein Gott, das sind ja die Plodomasowschen Zwerge! – Nicht möglich! – Sehen Sie doch selbst! – Ja, richtig! – Gewiß doch! Da – Nikolai Afanasjewitsch hat uns schon bemerkt. Sehen Sie, er grüßt! Und jetzt nickt auch Maria Afanasjewna.«
So tönte es erfreut von allen Seiten. Die Gastgeber beeilten sich, für die Ankömmlinge das Frühstück wieder auftragen zu lassen, und die Anwesenden richteten die Blicke gespannt nach der Tür, durch die die kleinen Leute eintreten mußten.
Voran schritt ein altes Männlein, nicht größer als ein achtjähriger Knabe, gefolgt von einem alten Frauchen etwas größeren Wuchses.
Das Männlein war ganz Sauberkeit und Wohlanständigkeit. Auf seinem Gesicht war nichts von gelben Flecken oder Runzeln zu sehen, wie sie gewöhnlich die Gesichter von Zwergen entstellen. Er hatte eine sehr wohlproportionierte Gestalt, einen kugelrunden Kopf, der ganz mit weißen, kurzgeschorenen Haaren bedeckt war, und kleine braune Bärenaugen. Die Zwergin machte keinen so angenehmen Eindruck wie ihr Bruder. Ihre Gestalt war schwammig, um den Mund spielte ein Zug von Dummheit und Sinnlichkeit und die Augen blickten stumpf.
Der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch trug trotz der heißen Jahreszeit warme Tuchstiefel, schwarze Beinkleider aus haarigem Flauschstoff, eine gelbe Flanellweste und einen braunen Frack mit Metallknöpfen. Seine Wäsche war von tadelloser Sauberkeit und seine Wangen stützten sich auf eine stramm gebundene, hohe Atlashalsbinde. Die Zwergin trug ein grünes Seidenkleid mit großem Spitzenkragen.
Als Nikolai Afanasjewitsch ins Zimmer getreten war, legte er zuerst die Händchen an die Hosennaht, drückte dann die Rechte mit der Mütze ans Herz, machte einen Kratzfuß und schritt etwas breitbeinig gerade auf die Hausfrau zu.
»Unser gnädiger Herr Nikita Alexejewitsch Plodomasow und der gnädige Herr Parmen Semenowitsch Tuganow,« sagte er mit leiser und eintöniger Greisenstimme, »haben uns in ihrem eigenen und im Namen ihrer Frau Gemahlin befohlen, daß wir als ihre Diener Ihnen, gnädige Frau Olga Arsentjewna, ihren Glückwunsch darbringen. – Schwesterlein, wiederholt es,« wandte er sich an die neben ihm stehende Schwester, und als diese mit ihrer Gratulation fertig war, machte Nikolai Afanasjewitsch vor dem Polizeichef ebenfalls einen Kratzfuß und fuhr fort:
»Und auch Ihnen, gnädiger Herr Woin Wasiljewitsch, und der ganzen geehrten Gesellschaft einen herzlichen Glückwunsch zum frohen Familienfest. Und ferner habe ich, gnädiger Herr, Ihnen zu melden, daß mein gnädiger Herr und Parmen Semenowitsch Tuganow, die mich und meine Schwester als Gratulanten hierher gesandt haben, es gütigst zu entschuldigen bitten, daß sie ihren Glückwunsch durch uns unwürdige Knechte darbringen lassen; aber sie können leider über ihre Zeit nicht verfügen. Sie wollen sich heute abend noch persönlich deswegen entschuldigen.«
»Parmen Semenowitsch will herkommen?« rief der Polizeichef.
»Mit meinem gnädigen Herrn Nikita Alexejewitsch Plodomasow, der sich auf der Durchreise nach Petersburg hier aufhält, und um Vergebung bittet, wenn er im Reiseanzug erscheint.«
Der Gesellschaft bemächtigte sich bei dieser Mitteilung eine leichte Erregung, welche der Zwerg benutzte, um auf Tuberozow zuzugehen und seinen Segen entgegenzunehmen. Dabei sagte er leise:
»Parmen Semenowitsch bittet, Ihr möchtet heute abend auch hier sein.«
»Sag' ihm, Lieber, ich würde kommen,« erwiderte Tuberozow.
Der Zwerg empfing dann auch von Zacharia den Segen. Der Diakon Achilla ergriff die Hand des kleinen Mannes, der sich ehrerbietig vor ihm verbeugte und dabei lächelnd sagte:
»Ich bitte Euch nur, werter Herr, versucht Eure Heldenkraft nicht an mir.«
»Ist er denn so kräftig, Nikolai Afanasjewitsch?« scherzte der Hausherr.
»Er gibt gern Proben seiner Kraft,« antwortete der Alte. »Aber lohnt es sich an einem Krüppel?«
»Wie steht's mit der Gesundheit, Nikolai Afanasjewitsch?« fragten die Damen, welche den Zwerg von allen Seiten umringt hatten und seine Händchen drückten.
»Ach was Gesundheit, meine werten Damen! Es ist ein Spott und eine Schande! Wie ein Ferkelchen bin ich geworden. Der Sommer ist längst da, – und ich friere beständig.«
»Sie frieren?«
»Ei freilich. Schauen Sie mich bloß an. Ich bin ja ganz in Hasenwolle eingenäht. Aber was ist daran auch verwunderlich, werte Herrschaften? Ich unnützer Mensch habe doch schon die Achtzig hinter mir.«
Nikolai Afanasjewitsch wurde von allen Seiten mit Fragen überschüttet. Man setzte ihn an den Tisch, reichte ihm die Speisen. Er antwortete allen klug und gewandt, rührte aber von den Speisen nichts an: er äße längst schon sehr wenig, und auch dann nur höchstens ein leichtes Gemüse. »Aber die Schwester wird essen,« sagte er, sich zu dieser wendend. »Eßt nur, Schwesterlein, eßt. Geniert Euch nicht. Wollt Ihr aber ohne mich nicht essen, dann bitte ich Olga Arsentjewna um etwas Möhrenfüllung aus der Pastete hier auf dieses kleine Tellerchen … So ist's recht. Danke schön, danke! Was brauch' ich überhaupt noch zu essen? Ich kann ja gar nichts mehr. Nicht einmal einen Zwirnstrumpf bring' ich mehr ordentlich fertig. Und früher konnte ich doch viel besser stricken als die Schwester, sogar Broderies anglaises verstand ich zu flechten; aber jetzt lasse ich beständig die Maschen fallen.«
Der Propst sah dem Zwerge mit glücklichem Lächeln in die Augen:
»Wenn ich dich betrachte, Nikolai, so denke ich an ein lieber altes Märchen, mit dem man sterben möchte.«
»Ach, Väterchen, unser liebes Märchen ist vor uns heimgegangen.«
»Vergißt du sie nicht schon, deine Herrin? Die Bojarin Marfa Andrejewna?« fragte, sich ihm nähernd, der Diakon Achilla, welchen der Zwerg immer noch ein wenig zu fürchten schien.
»Zum Vergessen bin ich schon zu alt, Vater Diakon, ich denke lange schon daran, daß es für mich Zeit wird, ihr in jener Welt wieder zu dienen,« erwiderte er leise und sich halb dem Diakon zukehrend.
»Sie war eine trostreiche Frau, diese Alte,« sagte der Diakon, ohne seine Rede an eine bestimmte Person zu richten.
»In welchem Sinne trostreich? Wie meinst du das?« fragte Tuberozow.
»Spaßig war sie.«
Der Propst lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. Nikolai Afanasjewitsch aber fiel Achilla ins Wort und sagte sehr bestimmt:
»Keine Spaßmacherin war sie, sondern eine wirkliche Trösterin, werter Herr.«
»Was belehrst du ihn, Nikolai! Erzähle lieber, wie sie dich erbittert hat. Und wie sie dann alles wieder zum Besten kehrte,« rief der Propst.
»Ach, Hochwürden, das ist eine so alte Geschichte.«
»Er weiß von dieser seiner Erbitterung mit so viel Wärme zu erzählen,« wandte sich Tuberozow an die Gäste.
»Ja, Väterchen, sie, meine gnädige Herrin, verstand es, einen Menschen so zu erbittern und dann so zu trösten, wie nur ein Engel Gottes zu trösten vermag,« fiel der Zwerg sofort ein.
»Nun, so erzähle doch.«
»Ja, Nikolascha, erzähle, erzähle!«
»Nun, werte Herrschaften, ob Sie sich über mich lustig machen oder ob es Sie wirklich interessiert, – wenn die ganze Gesellschaft es wünscht, so will ich mich nicht widersetzen und Ihnen die Geschichte erzählen.«
Und er begann.
Drittes Kapitel.
»Es war kaum ein Jahr, nachdem meine gnädige Herrin mich von meiner früheren Herrschaft gekauft hatte. Ein Jahr in bittern Schmerzen lag hinter mir. Ich war von meiner Heimat und von meinen Lieben für immer getrennt. Natürlich ließ ich meinen Kummer nicht merken. Es war jedoch vergebens, denn die Selige hatte ihn längst erraten. Als nun mein Namenstag kam, geruhte sie mir zu sagen:
›Was soll ich dir denn zum Namenstage schenken, Nikolai?‹
›Mütterchen,‹ sag' ich, ›was brauch' ich Narr noch beschenkt zu werden? Ich bin auch so völlig zufrieden.‹
›Nein,‹ geruhte sie zu sagen, ›einen Rubel sollst du wenigstens haben.‹
Natürlich wagte ich nicht zu widersprechen und küßte ihr die Hand:
›Vielen Dank, Euer Gnaden!‹ sprach ich nur.
Und setzte mich wieder auf das Fußbänkchen gegenüber ihrem Sessel und strickte meinen Strumpf weiter. Nach einiger Zeit fragt sie wieder:
›Was wirst du mit dem Rubel anfangen, Nikolai, den ich dir morgen schenken will?‹
›Den schicke ich bei Gelegenheit meinem Vater.‹
›Und wenn ich dir zwei schenke?‹
›So bekommt mein Mütterchen den zweiten.‹
›Und wenn es drei werden?‹
›Dann soll auch mein Bruder Iwan Afanasjewitsch einen haben.‹
Da schüttelte sie den Kopf:
›Du hast aber viel Geld nötig, wenn du alle bedenken willst! Das kannst du, so klein wie du bist, ja dein Lebtag nicht verdienen.‹
›Dem lieben Gott hat es gefallen, mich so zu schaffen,‹ antwortete ich und fing leise zu weinen an. Mein Herz krampfte sich zusammen, wissen Sie, ich ärgerte mich selbst über meine Tränen und doch mußte ich weinen. Sie aber, die Selige, guckte und guckte mich an, bis sie auf einmal mir schweigend winkte: ich fiel ihr zu Füßen und sie legte meinen Kopf auf ihren Schoß, und ich weinte nun erst recht und sie weinte auch. Dann stand sie auf und sprach:
›Haderst du nie mit dem lieben Gott, Nikolai?‹
›Wie soll ich mit dem lieben Gott hadern, Mütterchen? Niemals tu ich das.‹
›So wird Er dich auch trösten.‹
Und er hat mich wirklich getröstet.«
Als der Zwerg in seiner Erzählung so weit gekommen war, fingen seine dünnen Augenlider plötzlich heftig zu zucken an, er sprang hastig von seinem Stuhl auf, lief in eine Ecke, wischte sich dort mit einem weißen Tüchlein die Augen und kehrte mit verschämtem Lächeln auf seinen Platz zurück. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, begann er mit einer ganz anderen, feierlichen Stimme:
»Ich war früh aufgestanden, werte Herrschaften, war ganz leise mich waschen gegangen, denn ich schlief ja zu Füßen ihres Bettes, hinter einem Schirm auf einem Teppich. Dann war ich in die Kirche gegangen, um beim Vater Alexei einen Dankgottesdienst nach der Frühmesse zu bestellen. Wie ich nun, werte Herrschaften, in die Kirche komme, gehe ich geradewegs nach dem Altar, um vom Vater Alexei den Segen zu empfangen, und sehe, daß Vater Alexei ein so seltsam frohes Gesicht macht und mir so herzlich zur großen Freude gratuliert. Ich bezog das natürlich auf den Festtag und auf meinen Namenstag. Aber was sollte nun kommen, meine lieben und werten Herrschaften! Ich trete auf den linken Altarflügel hinaus, – und sehe plötzlich mitten im Volke mein Mütterlein und meinen Vater und meinen Bruder Iwan Afanasjewitsch. Den Vater und die Mutter fand ich in der Menge nicht gleich heraus, aber der Bruder Iwan Afanasjewitsch … der war ja der reine Gardehusar. Ihn sah ich sofort. Erst dachte ich, es wäre eine Vision! Denn ich hatte mich an diesem Tage so sehr nach ihnen gesehnt. Aber nein, es war keine Vision! Ich sah meine Mutter – sie war eine Bäuerin – bitterlich weinen und dachte, sie habe ihre Herrschaft um Urlaub gebeten und den weiten Weg gemacht, um ihr Kind wiederzusehen. Natürlich wollte ich den Gottesdienst nicht stören und ging wieder in den Altarraum zurück. Wie ich aber nach Schluß der Messe heraustrete, da erblicke ich vor dem Betpult mit dem Heiligenbilde Marfa Andrejewna selber; und hinter ihr meine Schwester Maria Afanasjewna, die Sie hier sehen, meine Eltern und meinen Bruder. Ich gehe auf Marfa Andrejewna zu, um sie zu begrüßen. Sie aber schiebt mich leise mit der Hand beiseite und sagt:
›Geh erst und begrüße deine Eltern.‹
So begrüßte ich den Vater, die Mutter, den Bruder, unter Tränen. Nur meine Schwester Maria Afanasjewna weinte nicht, denn sie hat einen besseren Charakter. Ich aber bin so schwach, daß ich immer weinen muß. Nun traten wir aus der Kirche heraus und meine gnädige Herrin nimmt ein Beutelchen aus der Tasche – ich hatte selbst gesehen, wie sie diesen Beutel strickte, aber ich wußte natürlich nicht, für wen er bestimmt war – und sagt zu mir: ›Nun beschenke die Deinigen, Nikolascha.‹ Ich greife in den Beutel, dem Vater gab ich einen Silberrubel, der Mutter einen Silberrubel, dem Bruder Iwan Afanasjewitsch einen Rubel. Es waren lauter ganz neue Rubel! Im Beutel aber lagen noch vier Rubel. ›Wer soll denn die noch bekommen, Mütterchen?‹ frage ich meine gnädige Herrin. Aber da sehe ich schon den Verwalter Dementij, der mir meine Schwägerin und ihre drei Kinder zuführt, alle in langen Röcken. Dank der großen Gnade meiner Herrin konnte ich auch sie noch beschenken, ehe wir aus der Kirche alle zusammen nach Hause gingen. Vor dem Herrenhaus bemerkte ich drei Wagen, mit den Gutspferden meiner gnädigen Herrin bespannt. Die beiden Pferdchen meines Bruders waren hinten angebunden, und das ganze Gepäck der Eltern und des Bruders lag auf dem Wagen. Dies machte mich ganz verwirrt, und ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte. Marfa Andrejewna war die ganze Zeit mit dem Vater Alexei vorausgegangen und hatte von der Ernte gesprochen und mich anscheinend gar nicht beachtet. Jetzt aber, wie sie eben die Verandastufen hinauf will, wendet sie sich nach mir um und geruht also zu sprechen: ›Hier hast du einen Freibrief, mein braver Knecht, deine Eltern und dein Bruder nebst Kindern sind von mir losgekauft.‹ Und damit schob sie mir das Papier hinter die Weste … Das war zu viel für mich …«
Nikolai Afanasjewitsch hob die Hände bis zur Höhe seines Gesichts und sagte:
»›Du!‹ rief ich wie wahnsinnig, ›du willst mich durch das Übermaß deiner Güte ganz erdrücken!‹ Es schnürte mir die Kehle zusammen, meine Schläfen hämmerten, vor meinen Augen zuckten bunte Flämmchen, und ich fiel bewußtlos vor dem Wagen meines Vaters nieder, den Freibrief an die Brust gedrückt.«
»Ach du, Alter! So viel Gefühl hast du!« rief der Diakon Achilla gerührt und schlug Nikolai Afanasjewitsch auf die Schulter.
»Ja,« fuhr der Zwerg fort, nachdem er sich den Mund gewischt hatte. »Ich kam erst nach neun Tagen wieder zu mir, denn ich war an einem schweren Fieber erkrankt. Und wie ich mich umschaute, sah ich meine gnädige Herrin zu Häupten meines Bettes sitzen: ›Vergib mir um Christi willen, Nikolascha,‹ sprach sie, ›ich verrücktes Frauenzimmer hätte dich beinahe umgebracht!‹ So ein gewaltiger Mensch war sie, die gnädige Bojarin Plodomasowa!«
»Ach du allerliebster Alter!« rief wieder der Diakon Achilla und packte den Zwerg scherzend an einem Knopfe seines Fracks, diesen scheinbar abreißend.
Der Kleine faßte schweigend nach dem Knopf, und als er sich überzeugt hatte, daß er heil und ganz an seinem Platze geblieben war, meinte er:
»Ja, ja, ich bin doch ein ganz unbedeutendes Wesen, aber sie war immer besorgt um mich und schenkte mir ihr Vertrauen; sogar ihren Kummer teilte sie mir mit, besonders als die Trennung von ihrem Sohne Alexei Nikititsch ihr so nah ging. Bekam sie mal einen Brief, dann las sie ihn erst ganz schnell für sich und später las sie ihn mir vor. Sie sitzt und liest vor und ich stehe mit meinem Strickstrumpf daneben und höre zu. Und wenn sie zu Ende ist, sprechen wir über den Brief. ›Jetzt wird er wohl bald Offizier,‹ sagt sie zu mir. Und ich antworte: ›Ja, sicher muß die Reihe schon an ihn gekommen sein.‹ Und sie wieder: ›Was meinst du, Nikolascha, da wird man ihm wohl mehr Geld schicken müssen.‹ – ›Gewiß hat er jetzt mehr nötig, Mütterchen,‹ sage ich. ›Ei freilich, wir haben hier das Geld ja gar nicht nötig.‹ ›Natürlich, Mütterchen, wozu brauchen wir Geld?‹ Meine Schwester Maria Afanasjewna aber schweigt still, und das ist meiner gnädigen Herrin nicht recht und sie wird gleich böse. ›Ach, du Holzklotz,‹ sagt sie. ›Ja, die wußten, was sie taten, als sie dich mir umsonst als Zugabe zum Bruder überließen.‹«
Nikolai Afanasjewitsch besann sich plötzlich, wurde ganz rot und sagte zu seiner stumpfsinnigen Schwester:
»Nehmt mir's nicht übel, Schwesterlein, daß ich das erzähle.«
»Erzählt nur, erzählt nur, es tut nichts,« antwortete Maria Afanasjewna, mit der Zunge gegen die Backe stoßend.
»Nun, und euch beiden hat sie die Freiheit nicht geben wollen?« fragte jemand.
»Die Freiheit? Nein, freigegeben hat sie uns nicht. Meine Schwester Maria Afanasjewna stand wohl mit drin im Freibrief, den sie meinen Eltern gegeben, aber mich wollte sie nicht fortlassen. Mitunter sagte sie: ›Wenn ich tot bin, magst du leben, wo du willst (denn sie hatte ein kleines Kapital als Pension für mich angelegt), aber solange ich am Leben bin, lasse ich dich nicht frei.‹ – ›Ach, Mütterchen,‹ sagte ich darauf, ›was soll ich mit der Freiheit? Mich hacken doch die Spatzen tot!‹«
»Ach, du kleiner Kerl!« rief Achilla gerührt.
»Er war ja in allem ihre rechte Hand, unser Nikolai Afanasjewitsch,« fiel Tuberozow ein.
»Ja, Vater Propst, ich habe ihr gedient, so gut ich's verstand. Wenn die Selige nach Moskau oder Petersburg reiste, nahm sie nie eine Zofe mit. Sie konnte weibliche Bedienung auf Reisen nicht leiden. Oft sagte sie: ›So eine Prinzessin Pumfia tut nichts weiter als quasseln und im Gasthof im Korridor herumlungern und Bekanntschaften machen. Mein Nikolascha aber sitzt hübsch still im Winkel, wie ein Hase.‹ Sie betrachtete mich gar nicht als Mann, sondern nannte mich immer nur Hase.«
»Ein Karnickelchen,« sagte Achilla lachend und streichelte die Schultern des Kleinen.
»So ganz konnte sie dich aber doch nicht für einen Hasen halten, wenn sie dich sogar verheiraten wollte?« sagte der Polizeichef Porochontzew.
»Ja, das hat sie gewollt, Woin Wasiljewitsch. Freilich, freilich,« erwiderte der Kleine, die Stimme immer mehr dämpfend, »das hat sie gewollt.«
»Wirklich, Nikolai Afanasjewitsch?« riefen mehrere Stimmen zugleich.
Nikolai Afanasjewitsch wurde ganz rot und flüsterte:
»Lügen wäre Sünde, – ja es war so.«
Und nun stürmte die ganze Gesellschaft auf den Zwerg ein:
»Erzählen, Nikolai Afanasjewitsch, erzählen!«
»Ach, werte Herrschaften, was ist da zu erzählen?« suchte Nikolai Afanasjewitsch lachend und errötend und die Hände ausstreckend die Zudringlichen abzuwehren.
Man gab nicht nach. Die Damen faßten seine Hände, küßten ihn auf die Stirn; er fing die Damenhände, die sich nach ihm ausstreckten, im Fluge auf und küßte sie, wollte aber trotzdem nicht erzählen, weil er meinte, die Geschichte wäre zu lang und uninteressant. Da schlug plötzlich etwas dröhnend gegen den Fußboden, die Hausfrau, die in diesem Augenblick vor dem Lehnstuhl des Zwerges stand, trat erschrocken zurück, und den erstaunten Blicken von Nikolai Afanasjewitsch zeigte sich der Diakon Achilla, kniend mit hoch emporgereckten Armen.
»Herzchen!« flehte er mit heftigen Kopfbewegungen. »Erzähle, wie sie dich verheiraten wollten.«
»Ja, ja, ich will alles erzählen, steht nur auf, Vater Diakon.«
Achilla erhob sich, klopfte den Staub von seiner Kutte und rief selbstzufrieden:
»Nun? Was sagt ihr nun? Er wird nicht erzählen, meintet ihr! Da sagte ich: Ich setze es durch, – und ich hab's durchgesetzt! Jetzt bitte wieder Platz zu nehmen, meine Herrschaften, und hübsch still sein, und die gnädigste Hausfrau ist so gut und läßt dem Nikolascha für seine Erzählung ein Glas Wasser mit rotem Wein geben, wie das in feinen Häusern Brauch ist.« –
Alle setzten sich. Man brachte Nikolai Afanasjewitsch ein Glas Wasser, in das er selbst ein paar Tropfen Rotwein goß, und dann fing er von neuem zu erzählen an.
Viertes Kapitel.
»Es war bald nach dem Frieden mit Frankreich, meine werten Herrschaften, als ich mit dem in Gott entschlafenen Kaiser sprach.«
»Sie haben mit dem Kaiser gesprochen?« unterbrachen den Erzähler sofort mehrere Stimmen.
»Ja, was denken Sie?« sagte der Zwerg sanft lächelnd. »Mit Seiner Kaiserlichen Majestät Alexander Paulowitsch habe ich gesprochen und habe Verstand genug gehabt, ihm zu antworten.«
»Hahaha! Ist das ein Kerl, dieser Nikolaurus, Gott straf mich!« brüllte der Diakon Achilla entzückt und schlug sich mit der flachen Hand auf die Schenkel. »Seht ihn doch an, – so ein winziger Floh und hat mit dem Kaiser geredet.«
»Sitz ruhig, Diakon, und sei still,« sagte Tuberozow ernst.
Achilla gab durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er den Erzähler nicht mehr unterbrechen werde und setzte sich.
Der Zwerg fuhr fort:
»Die ganze Sache nahm scheinbar mit diesem meinem Gespräch mit dem Kaiser überhaupt ihren Anfang. Meine gnädige Herrin Marfa Andrejewna hatte den Wunsch, nach Moskau zu reisen, als der Kaiser nach seinem weltberühmten Siege über Napoleon Bonaparte dort erwartet wurde. Natürlich mußte auch ich sie wieder auf dieser Reise begleiten. Die Selige war dazumal schon in hohen Jahren, und weil auch ihre Gesundheit zu wünschen übrigließ, leicht erzürnt und gekränkt. Da verschaffte nun Alexei Nikititsch seiner Mutter eine Einladung zu einem Ball, zu dem auch der Kaiser kommen sollte. Marfa Andrejewna gestand mir offen, daß ihr das ein großes Vergnügen bereitet hatte. Sie ließ sich zu diesem Ball ein kostbares Kleid machen, und für mich wurde bei einem französischen Schneider ein blauer Frack aus englischem Tuch mit goldenen Knöpfen bestellt, dazu – entschuldigen Sie, meine Damen – Pantalons, Weste, Halsbinde – alles weiß; ein Spitzenvorhemd und Schnallenschuhe, – zweiundvierzig Rubel hat sie bezahlt. Alexei Nikititsch hatte, um seiner Mutter eine Freude zu machen, es so eingerichtet, daß sie mich mitnehmen durfte. Dem Maitre d'hôtel wurde befohlen, mich in die Orangerie zu führen und gerade gegenüber dem Saale, in den der Kaiser eintreten sollte, irgendwo in einer Ecke zwischen den Gewächsen aufzustellen. So geschah es denn auch, werte Herrschaften, aber doch nicht ganz, wie es beabsichtigt war. Der Maitre d'hôtel sagte mir, ich sollte mich ruhig verhalten und sehen, soviel ich von meinem Platz nur sehen könnte. Aber was war von da zu sehen? Nichts. Da machte ich es wie Zachäus, der Zöllner, wissen Sie, und kletterte – hoppla – auf so einen kleinen künstlichen Felsen, wo ich nun unter einer Palme stand. Der Saal war voll Glanz und Lärm und Musik, aber auch von meinem Felsen konnte ich nur die Frisuren der Herrschaften sehen. Plötzlich aber gerieten all diese Köpfe in lebhafte Bewegung, sie schoben sich auseinander und der Kaiser ging mit dem Fürsten Golitzyn geradewegs nach der Orangerie, um sich etwas zu erfrischen. Und – denken Sie sich nur – nicht allein, daß er sich nach der Orangerie begibt, er geht auch gerade auf die entfernte Ecke zu, wo man mich versteckt hatte. Ganz starr war ich, meine Damen, wie angewachsen an den Felsen und konnte nicht herunter.«
»Da war dir wohl bange?« fragte Tuberozow.
»Wie soll ich sagen? Bange eigentlich nicht, aber doch gewissermaßen aufgeregt war ich.«
»Ich wäre davongelaufen,« sagte der Diakon, außerstande, noch weiter zu schweigen.
»Warum denn davonlaufen, werter Herr? Ich will nicht sagen, daß ich keine Angst verspürt hätte, aber ans Davonlaufen dachte ich doch nicht. Seine Majestät kamen indes immer näher und näher. Ich hörte schon deutlich, wie Ihre Stiefel klipp-klapp, klipp-klapp machten. Ich sah bereits Ihr sanftes Gesicht, den freundlichen Blick, und wissen Sie, in meiner Verwirrung dachte ich gar nicht mehr daran, daß ich gleich Ihren Augen sichtbar werden mußte. Da wandte der Kaiser den Kopf und, ich sah's, er richtete den Blick direkt auf mich und sah mich an.«
»Nun?« schrie der Diakon und wurde ganz bleich.
»Ich machte eine Verbeugung.«
Der Diakon atmete auf, drückte die Hand des Zwerges und flüsterte:
»Erzähle, sei so gut, erzähle schnell weiter!«
»Der Kaiser sah mich also an und geruhte auf Französisch zum Fürsten Golitzyn zu sagen: ›Ach, was für ein Miniaturexemplar! Wem mag es gehören?‹ Der Fürst Golitzyn war, wie ich sah, in Verlegenheit, was er antworten sollte, – und da ich die französische Rede wohl verstehen konnte, antwortete ich selber: ›Der gnädigen Frau Plodomasow, Kaiserliche Majestät!‹ Da wandte sich der Kaiser zu mir und geruhte zu fragen: ›Welcher Nation sind Sie?‹ – ›Ein treuer Untertan Eurer Majestät,‹ antwortete ich. ›Und geborener Russe?‹ fragte er weiter und ich antwortete: ›Ein Bauer und treuer Untertan Eurer Majestät.‹ Da lachte der Kaiser. ›Bravo,‹ scherzte er, ›bravo, mon petit sujet fidèle!‹ und faßte meinen Kopf mit der Hand und zog mich an sich.«
Nikolai Afanasjewitsch dämpfte seine Stimme und sagte mit einem leisen Lächeln im Flüstertone, als handele es sich um ein großes politisches Geheimnis:
»Er faßte mich um, wissen Sie, und dabei drückte ein Knopf seines Ärmelaufschlags mir die Nase zusammen, daß es mir ordentlich wehe tat.«
»Nun und du? Du schriest doch nicht?« rief der Diakon.
»Nein, Väterchen, nein, warum sollte ich schreien? Wie kann man schreien, wenn der Zar einen liebkost? Nein, als er mich losließ, küßte ich seine Hand … für das Glück und die Ehre … und das war mein ganzes Gespräch mit Seiner Kaiserlichen Majestät. Später natürlich, als sie mich vom Felsen heruntergenommen hatten und man mich in der Kutsche nach Hause fuhr, da hab' ich die ganze Zeit geweint.«
»Warum hast du denn nachher geweint?« fragte Achilla.
»Warum? Als ob ich nicht Grund genug gehabt hätte? Vor Rührung weint der Mensch!«
»So klein ist er und hat so viel Gefühl!« rief Achilla ganz begeistert.
»Nun, erlauben Sie mal,« fing der Erzähler wieder an. »Die Aufmerksamkeit, die Seine Majestät mir zufällig erwiesen, wurde in verschiedenen Moskauer Häusern bekannt, Marfa Andrejewna nahm mich überall mit hin und zeigte mich den Leuten, und – ich sage Ihnen die reine Wahrheit, ich lüge nicht – ich war damals der allerkleinste Zwerg in ganz Moskau. Aber das dauerte nicht lange, nur einen einzigen Winter.«
In diesem Augenblick prustete der Diakon plötzlich überlaut und fing dann, den Kopf zurückwerfend, leise zu kichern an.
Als er merkte, daß er durch sein Lachen den Erzähler unterbrochen hatte, setzte er sich wieder gerade hin und sagte:
»Es ist nichts! Erzähle nur weiter, Nikolaurus, ich lache über meine eigene Sache. Wie einmal der Graf Klenychin mit mir gesprochen hat.«
»Nein, sprechen Sie sich nur aus, werter Herr, sonst unterbrechen Sie mich wieder,« sagte der Zwerg.
»Ach, es ist gar nichts Besonderes, eine ganz einfache Geschichte,« erwiderte Achilla. »Der Graf Klenychin besichtigte unser Seminargebäude, ich machte ihm eine Verbeugung und da sagte er: ›Pack dich weg, Schafskopf!‹ Und das war unser ganzes Gespräch, über das ich lachen mußte.«
»Es ist auch wirklich komisch,« sagte der Zwerg lächelnd und fuhr fort:
»Im nächsten Winter brachte die Generalin Wichiorowa aus Petersburg eine finnische Zwergin namens Meta mit, die war noch um einen Finger breit kleiner als ich. Die selige Marfa Andrejewna konnte das gar nicht hören. Anfangs behauptete sie immer, das sei keine natürliche Zwergin, sondern eine, der man in der Kindheit Blei eingegeben habe; aber als sie angekommen war und meine gnädige Herrin die Meta Iwanowna mit eigenen Augen sah, da wurde sie furchtbar böse, daß sie so wohlgebaut und weiß war. Sogar im Traum ließ es ihr keine Ruhe: immer nur dachte sie daran, wie sie die Meta Iwanowna kaufen könnte. Aber die Generalin wollte von Verkauf nichts wissen. Da fing nun Marfa Andrejewna mit allerlei spitzigen Reden an: ihr Nikolai wäre ein kluger Kopf und hätte mit dem Kaiser selbst gesprochen, das Mädel aber sehe bloß nett aus und weiter nichts. So zankten sich die beiden Damen unsertwegen. Marfa Andrejewna sagte, jene solle ihr das Mädchen verkaufen, und diese wiederum wollte mich kaufen. Da fuhr Marfa Andrejewna einmal heftig auf: ›Ich will sie doch nicht bloß zum Spaß haben,‹ sagte sie, ›ich will sie doch verheiraten, der Nikolai soll sie zur Frau nehmen.‹ Die Frau Wichiorowa aber meinte: ›Ich kann ja die beiden auch verheiraten, wenn sie mir gehören.‹ Marfa Andrejewna erwiderte: ›Wenn sie Kinder kriegen, sollst du ein Paar davon haben.‹ Jene aber versprach, daß sie ihr ebenfalls ein paar Kinder überlassen wolle, wenn es welche geben würde. Bis auf zehntausend Rubel waren sie nach und nach gekommen, meine werten Herrschaften, aber immer wurde nichts aus der Sache, denn wenn meine gnädige Herrin zehntausend für die Meta bot, so bot die Generalin elftausend für mich. Wohl war Marfa Andrejewna eine Frau von starkem und unbezwinglichem Geiste, die mit Pugatschow gestritten und mit drei Kaisern getanzt hatte, – aber mit der Generalin Wichiorowa wurde sie doch nicht fertig. Und auf mich war sie auch böse. ›Du bist auch so ein dummer Rüpel,‹ geruhte sie zu mir zu sagen, ›der dem Mädel nicht ordentlich den Kopf verdrehen kann, daß es selber drum bittet, deine Frau werden zu dürfen.‹ – ›Mütterchen, Marfa Andrejewna,‹ sagte ich, ›wie soll ich ihr denn den Kopf verdrehen? Geben Sie mir Ihre Hand, Mütterchen, daß ich Narr sie küsse.‹ Da wurde sie noch böser. ›O, du dummer, dummer Kerl,‹ sagte sie, ›nichts verstehst du als die Handküsserei.‹ Da schwieg ich schon lieber ganz.«
»O dieser kleine Kerl! Er kann ja nichts dergleichen, der Arme,« erklärte der Diakon teilnahmvoll seinem Nachbarn.
Der Zwerg warf ihm einen Blick zu und fuhr fort:
»So ging es nun Tag für Tag, bis es Frühling wurde, und für uns kam die Zeit, aus Moskau wieder nach Plodomasowo zurückzukehren. Wir fuhren nochmals zur Wichiorowa und wurden wieder nicht handelseinig. Marfa Andrejewna sagte ihr: ›So erlaub doch wenigstens deiner Qualle, daß sie mit Nikolai vor dem Hause auf und ab geht.‹ Die Generalin gestattete das, und nun mußten Meta Iwanowna und ich auf dem Trottoir vor den Fenstern hin- und herspazieren. Das war eine große Freude für die selige Marfa Andrejewna, und für uns beide wurden die verschiedensten Kostüme genäht. Wir kamen hin und sie befahl: ›Heute sollen Nikolai und Meta als Paysans gehen.‹ Dann erschienen wir beide in Holzschuhen, ich in Kamisol und Hut und Meta Iwanowna mit einer großen Haube, und so gingen wir vor dem Hause auf und ab, und die Leute auf der Straße blieben stehen und schauten uns an. Ein andermal mußten wir uns als Türke und Türkin zeigen. Dann als Matrose und Matrosenmädchen. Ferner hatten wir noch Bärenkostüme, aus braunem Flanell genäht, wie Futterale. In diese stopfte man uns hinein, wie man eine Hand in den Handschuh steckt oder den Fuß in den Strumpf, nichts war zu sehen als die Augen, und oben am Kopfe waren solche kleine Zipfel aus Tuch angemacht, wie Ohren, die hin- und herwackelten. In diesen Kleidern schickte man uns aber nicht auf die Straße, sondern ließ sie uns zuweilen anlegen, wenn die beiden Damen beim Kaffee saßen. Dann mußten wir auf dem Teppich vor dem Kaffeetisch miteinander ringen. Meta Iwanowna war sehr stark für ein Mädchen, wenn ich ihr aber geschickt und schlau ein Bein stellte, dann fiel sie doch gleich um. Aber ich gab ihr doch meist aus Mitleid mit ihrem weiblichen Geschlecht nach, und die Generalin pflegte auch oft ihr Bologneserhündchen zu Hilfe zu rufen, das mir in die Waden fuhr. Dann ärgerte sich Marfa Andrejewna … Ach, ich mag gar nicht an diese Ringkämpfe denken! Das allerschönste Kostüm, das die Selige hatte machen lassen, habe ich heute noch: mich zogen sie als französischen Grenadier und Meta Iwanowna als Marquise an. Ich hatte eine hohe Bärenmütze, einen langen Waffenrock, eine Flinte mit Bajonett und Meta Iwanowna trug einen Reifrock und hielt einen großen Fächer in der Hand. Dann mußte ich mich mit der Flinte vor der Tür aufstellen und Meta Iwanowna ging mit ihrem Fächer an mir vorüber und ich präsentierte das Gewehr. Und dann fing Marfa Andrejewna wieder mit der Generalin zu feilschen an, denn sie wollte uns gar zu gerne verheiraten. Ich muß Ihnen aber sagen, daß all diese Kostüme für mich und Meta Iwanowna meine gnädige Herrin auf ihre Kosten machen ließ, denn sie glaubte ganz sicher, daß sie die Meta Iwanowna schließlich doch bekommen würde; ja, je mehr Kleider sie für uns machen ließ, desto mehr wurde sie in der Zuversicht bestärkt, daß wir beide ihr Eigentum seien. Aber die Sache sollte ganz anders ausgehen. Die Generalin Karolina Karlowna Wichiorowa war nicht umsonst eine Deutsche: wo etwas ihr von Vorteil war, da widersetzte sie sich nicht, sondern nahm alles an, aber nachgeben war ihre Sache nicht. Da kam Alexei Nikititsch – Gott schenke ihm Gesundheit und langes Leben, ihm selbst war die Sache schon lange ein Dorn im Auge, und er sah, daß sie bös auslaufen würde – er kam also auf den Gedanken, oder irgendein kluger Offizier von seinem Regiment hatte ihm den Rat gegeben, der Frau Mutter mitzuteilen, die Wichiorowsche Zwergin sei verschwunden. Das beruhigte Marfa Andrejewna noch einigermaßen, daß jetzt niemand die Meta Iwanowna haben sollte, und sie redete beständig davon. ›Wie ist sie denn verloren gegangen?‹ fragt sie. Alexei Nikititsch antwortet, ein Jude hätte sie gestohlen. ›Wie? Was für ein Jude?‹ Und wir fabeln weiter, wie's uns gerade einfällt: so ein kastanienbrauner Jude sei es gewesen, mit einem langen Bart, alle hätten ihn gesehen, wie er sie gepackt und fortgeschleppt habe. ›Warum hat man ihn denn nicht festgehalten?‹ fragt sie wieder. – Ja, er sei eben aus einer Straße in die andere, aus einer Gasse in die andere gerannt. – ›Sie ist aber auch ein dummes Frauenzimmer, daß sie sich so fortschleppen läßt und nicht einmal schreit! Mein Nikolai hätte sich sowas nicht gefallen lassen.‹ – ›Wie werd' ich mich denn von einem Juden überwältigen lassen?!‹ sagte ich. Und so glaubte sie alles, wie ein kleines Kind. Aber da machte Alexei Nikititsch versehentlich einen kleinen Fehler, oder richtiger, er wollte es zu schlau anfangen. Seine Absicht war natürlich, Marfa Andrejewna schneller mit mir aufs Land zu schaffen, denn dort, glaubte er, würde sie leichter vergessen, und so sagte er zu seiner Mutter: ›Seien Sie unbesorgt, liebe Mutter. Man wird die Zwergin sicher wiederfinden, denn sie wird überall gesucht, und wenn man sie gefunden hat, schreibe ich Ihnen sofort aufs Land.‹ Die Selige klammerte sich nun an dieses Wort. ›Nein,‹ sagte sie, ›wenn man sie sucht, dann will ich lieber hier abwarten. Vor allem aber möchte ich den Juden sehen, der sie geraubt hat.‹ Ja, meine Herrschaften, da mußten wir noch einen Polizisten anstellen, daß er uns lügen half. Jeden Tag kam er und meldete, die Kleine würde gesucht, sei aber immer noch nicht gefunden. Sie gab ihm jeden Tag fünf Rubel, mich aber schickte sie tagtäglich zur Frühmesse, daß ich Sankt Johannes dem Krieger einen Bittgottesdienst abhalten lasse um Rückkehr der entflohenen Sklavin …«
»Sankt Johann dem Krieger? Du sagst, zu Sankt Johann dem Krieger hättest du beten lassen?« unterbrach ihn der Diakon.
»Ja, Sankt Johannes dem Krieger.«
»Na, dann gratuliere ich, mein Lieber. Da habt ihr gar nicht zu dem richtigen Heiligen gebetet.«
»Wirst du wohl Ruhe halten, Diakon? Sei so gut,« fiel Vater Sawelij ein.
»Bitte, Nikolai, erzähle weiter.«
»Ja, Hochwürden, was ist da noch viel zu erzählen? Meine Geschichte ist so gut wie zu Ende. Einmal kamen wir mit Marfa Andrejewna von der Kapelle der Iberischen Mutter Gottes, als uns in der Petrowka-Straße der Wagen der Generalin Wichiorowa entgegenkam, in dem neben der Generalin auch Meta Iwanowna saß. Da begriff Marfa Andrejewna alles und … Sie mögen mir glauben, meine werten Herrschaften, oder nicht, – sie fing in der Kutsche leise, aber bitterlich zu weinen an.«
Der Zwerg schwieg.
»Nun, Nikola,« suchte der Propst ihn anzuspornen.
»Ja, was nun? Als wir nach Hause gekommen waren, sagte sie zu Alexei Nikititsch: ›Mein liebes Söhnchen, du bist ein rechter Schafskopf, daß du dich unterstehen konntest, deine Mutter zu betrügen und mir noch den Polizisten auf den Hals zu schicken.‹ Und damit ließ sie ihre Sachen packen und fuhr aufs Land.«
Fünftes Kapitel.
Nikolai Afanasjewitsch drehte sich auf seinem Stühlchen den Gästen zu und sagte: »Ich hatte Sie ja schon darauf aufmerksam gemacht, daß es eine ganz einfache und wenig interessante Geschichte sein würde. Und nun, Schwesterlein,« dabei stand er auf, »müssen wir auch fahren.«
Maria Afanasjewna erhob sich ebenfalls, aber der Diakon fing wieder an: Nikolai Afanasjewitsch habe nicht zum richtigen Heiligen beten lassen.
»Das ist nicht meine Sache, werter Vater Diakon,« rechtfertigte sich Nikolai Afanasjewitsch, während er seine Mütze suchte.
»Wieso denn nicht? Natürlich ist es deine Sache! Du mußt doch wissen, zu welchem Heiligen du betest!«
»Erlaubt mal, als ich zum erstenmal deshalb in die Kirche kam, gab ich dem Priester einen Zettel mit der Aufschrift ›um Rückkehr einer entflohenen Sklavin‹ und ein Fünfzigkopekenstück, darauf hielt der Priester einen Bittgottesdienst vor Sankt Johannes dem Krieger ab, und so ging es denn auch später.«
»Wenn die Dinge so stehen, taugt eben der Priester nichts.«
»Wieso? Wieso? Wieso? Wieso taugt der Priester nichts?« mischte sich plötzlich Vater Zacharia Benefaktow ins Gespräch.
»Weil er die Befugnisse seines Amtes nicht kennt,« erwiderte Achilla höchst selbstbewußt. »Wer betet denn um Rückkehr eines entflohenen Knechtes zu Sankt Johann dem Krieger?«
»Ja, was meinst du? Zu wem denn sonst? Zu wem? Zu wem?«
»Zu wem? Ihr habt es wohl vergessen? Neben dem Platz des Kirchenältesten hing früher an der Wand ein Blatt. Jetzt ist es fortgenommen. Allein ich erinnere mich noch ganz genau, welche Heiligen bei den verschiedenen Gelegenheiten anzurufen sind.«
»So.«
»Jawohl! und wenn Ihr's wissen wollt, – zu dem Heiligen Theodor Tyron hätte gebetet werden müssen.«
»Du hast unrecht. Es war ganz richtig, daß sie den Johannes anriefen.«
»Blamiert Euch nicht, Vater Zacharia.«
»Ich sage dir, es war ganz richtig.«
»Ich aber sage Euch, Ihr blamiert Euch ganz unnützerweise. Ich weiß die ganze Tabelle auswendig.«
Er schob den breiten Ärmel seiner Kutte weit auf den Ellenbogen hinauf und bog mit der rechten Hand den Daumen der Linken ein, als ob er ihn abbrechen wollte.
»Um Heilung von der fallenden Sucht,« begann er, »betet man zum heiligen Maroas.«
»Zum heiligen Maroas,« wiederholte Benefaktow zustimmend.
»Um Heilung von der zehrenden Sucht – zum heiligen Märtyrer Artemios,« fuhr Achilla fort und bog in derselben Weise den Zeigefinger ein.
»Artemios,« wiederholte Benefaktow.
»Um Erlösung von Unfruchtbarkeit – zum Wundertäter Romanus; wenn der Gatte sein Weib verschmäht – zu den Märtyrern Gurios, Samon und Abebas; wenn man vom Teufel geplagt wird – zum heiligen Nyphon; gegen die wollüstige Leidenschaft – zur heiligen Thomais …«
»Und zum heiligen Moses Ugrinos,« fügte Benefaktow, der bisher nur im Takt mit dem Kopf geschüttelt hatte, leise hinzu.
Der Diakon, der schon alle fünf Finger der linken Hand eingebogen hatte, sann einen Augenblick nach, indem er den Vater Zacharia scharf ansah, dann öffnete er die linke Faust, um nun die Finger der Rechten einzubiegen, und meinte:
»Ja, man kann auch zum Moses Ugrinos beten.«
»Bitte weiter.«
»Gegen die Trunksucht – zum Märtyrer Bonifatius.«
»Und zum Moses Murinos.«
»Wie?«
»Zum Bonifatius und zum Moses Murinos,« wiederholte Vater Zacharia.
»Ganz recht,« stimmte der Diakon ihm bei.
»Bitte weiter.«
»Zum Schutz gegen bösen Zauber – zum heiligen Märtyrer Cyprianus.«
»Und zur heiligen Justina.«
»So hört endlich auf mit Eurem Vorsagen, Vater Zacharia!«
»Wenn's aber doch mit russischen Buchstaben deutlich gedruckt steht: und der heiligen Justina.«
»Schön, sei's drum! Und der heiligen Justina. Um Wiedergewinnung gestohlener Gegenstände und um Rückkehr entflohener Knechte (der Diakon betonte jedes einzelne Wort) – zu dem Theodor Tyron, dessen Gedächtnis wir am siebzehnten Februar feiern.«
Jedoch kaum hatte Achilla sein letztes Wort gleich einem Trompetensignal herausgeschmettert, als auch schon Zacharia mit derselben leisen und leidenschaftslosen Stimme in der Aufzählung fortfuhr:
»Und zum heiligen Johannes dem Krieger, dessen Gedächtnis wir am zehnten Juli feiern.«
Achilla riß die Augen weit auf und schrie:
»Jetzt fällt mir's ein, ja, man kann auch zu Johannes dem Krieger beten.«
»Aber weshalb habt Ihr denn eine ganze Stunde gestritten, Vater Diakon?« sagte Nikolai Afanasjewitsch, ihm zum Abschied sein Händchen entgegenstreckend.
»Daß mir sowas passieren mußte! Ich hatte die Duplikate vergessen, deshalb stritt ich,« verteidigte sich der Diakon.
»Das ist genau wie im Sprichwort, werter Herr: ich suche meine Mütze und habe sie auf dem Kopfe. Meinen ehrerbietigsten Gruß, Vater Diakon.«
»Ich suche meine Mütze! … Ach, du Kleiner!« grinste Achilla, kriegte den Zwerg am Rockschoß zu packen und setzte ihn auf seine Hand, indem er rief:
»Der ist ja so leicht wie eine Flaumfeder!«
»Laß sein,« befahl Vater Tuberozow.
Der Diakon stellte den Zwerg wieder auf den Boden und bemerkte scherzend, in Anbetracht seiner Leichtigkeit sei es unmöglich, ihn nach Gewicht zu verkaufen. Doch der Propst, den das vorlaute Gebaren des Diakons schon zu ärgern begann, wandte ein:
»Weißt du, wen man nach Gewicht schätzt?«
»Nun, wen?«
»Den Wicht.«
»Schönsten Dank!«
»Bitte sehr, recht gern geschehen.«
Der Diakon wurde verlegen, fuhr mit seinem Baumwolltaschentuch über den haarigen Filz seines Hutes und brummte:
»Ihr könnt auch nie und nirgends ohne Politik auskommen!«
Und schritt mit gekränkter Miene zur Tür hinaus.
Bald begannen sich auch die andern Gäste zu verabschieden und gingen ein jeder seines Weges.
Den Zwerg und seine Schwester trug der bronzebeschlagene Wagen schnell von dannen, Tuberozow aber nahm seinen Weg in Begleitung desselben Darjanow, mit dem wir ihn im Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja gesehen haben, langsam über die Brücke.
Als sie das jenseitige Ufer erreicht hatten, machten sie einen Augenblick Halt. Von alter Erinnerung überwältigt meinte der Propst:
»Ist es nicht seltsam, daß dieses alte Märchen, welches uns der Zwerg erzählt und das ich schon so oft gehört habe, daß dieses kindliche Märlein von den Stricknadeln der Alten mich nicht nur erfrischt, sondern auch beruhigt hat nach all der Aufregung, in welche mich die jüngste Wirklichkeit versetzt hatte? Ist das nicht ein deutlicher Beweis dafür, daß ich alt geworden bin und in der Vergangenheit zu leben beginne? Aber nein, das ist es nicht. Ich bin von klein auf so gewesen. Mir fällt eben ein Erlebnis ein: als Student kam ich einmal in das Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte und sah, wie man die alte Holzkirche niederriß, um an ihrer Stelle ein neues schönes Gotteshaus aus Stein zu errichten … Damals brach ich in Tränen aus.«
»Warum denn?«
»Es war mir leid um das hölzerne Kirchlein. Einen schönen, lichten, neuen Tempel will man in Rußland bauen, und die Enkel, die darin beten werden, werden sich freuen an der Fülle von Licht und Wärme, – und dennoch tut es weh, wenn die alten Balken ohne Erbarmen auseinandergezerrt werden.«
»Ja, lohnt sich's denn wirklich, etwas zu bewahren aus jener alten Zeit, die nichts Besseres wußte, als mit Stricknadeln zu klappern und sich an Zwergenhochzeiten zu erfreuen?«
»Ja, sehen Sie mal, ärmlich genug ist das ja, – und doch fühlte ich etwas vom russischen Geiste darin. Ich gedachte der alten Bojarin und mir wurde so wohl und frei dabei, und das scheint mir der schönste Lohn für meine Pietät. Lebt in gutem Einvernehmen mit eurem alten Märchen, ihr jungen russischen Leute! Solch ein altes Märchen ist ein wunderbares Ding! Wehe dem, der in seinem Alter keines hat! Euren Ohren klingt das Klappern der alten Stricknadeln eintönig, mir aber erzählt es süße Mären! … O wie gerne möchte ich in Frieden mit meinem alten Märchen sterben!«
»Das wird ja wohl auch so werden.«
»Wie soll man das wissen? Wie soll man wissen, wer es sein wird? Aber erlauben Sie, – was ist denn das?« unterbrach der Propst sich plötzlich und sah nach einer Staubwolke, die sich auf dem Berge zeigte und einen mit drei Pferden bespannten Reisewagen, in dem zwei Männer saßen, begleitete. Der eine von ihnen war groß, fleischig, schwarz, mit feurigen Augen und einer unverhältnismäßig großen Oberlippe; der andere klein, glatt rasiert, mit einem völlig leidenschaftslosen Gesicht und hellen, wässerigen Augen.
Der Wagen mit den Fremden fuhr schnell über die Brücke und bog auf dem anderen Ufer links ab.
»Was für unangenehme Gesichter,« sagte der Propst und wandte sich ab.
»Wißt Ihr auch, wer das war?«
»Gott sei Dank, nein.«
»Dann kann ich es Euch zu Eurer Betrübnis sagen. Es ist der Regierungsbeamte Fürst Bornowolokow, welcher seit einiger Zeit hier erwartet wird. Ich habe ihn sofort erkannt, obgleich ich ihn lange nicht gesehen habe. Richtig, sie halten vor dem Biziukinschen Hause.«
»Sagen Sie, bitte, welcher von beiden ist Bornowolokow?«
»Links, der Kleine, ist Bornowolokow.«
»Und der andere?«
»Wohl sein Sekretär. Auch eine Berühmtheit eigener Art.«
»Ein tüchtiger Jurist?«
»Hm! Davon habe ich eigentlich nichts gehört. Aber wegen irgendeiner Studentengeschichte wurde er einmal zu Festungshaft verurteilt.«
»Um Gottes willen! Wie nennt sich dieser Mann?«
»Ismail Termosesow!«
»Termosesow?«
»Ja, Termosesow; Ismail Petrowitsch Termosesow.«
»Himmel, was für Leute unser Zar in seine Dienste nimmt!«
»Wie meint Ihr das?«
»Aber, ich bitte! Dies Gesicht, diese Lippen, und auf Festung hat er gesessen und ist wieder freigekommen, und Termosesow heißt er auch noch.«
»Das ist entsetzlich, nicht wahr?« rief Darjanow laut lachend.
Sechstes Kapitel.
Wir müssen nun, unter dem Zwange der Verhältnisse, welche den Gang unserer Chronik bedingen, den Stargoroder Propst für einige Zeit verlassen, um die Bekanntschaft eines ganz anderen Kreises derselben Stadt zu machen. Wir treten in das Haus des Akzisebeamten Biziukin, in dem die längst erwarteten Petersburger Gäste soeben eingetroffen sind: der Fürst Bornowolokow, ein alter Studiengenosse des Akziseeinnehmers, welcher irgend etwas revidieren oder einführen soll, und sein Sekretär Termosesow, ebenfalls ein alter Bekannter und Gesinnungsgenosse Biziukins. Es ist vormittags und der Postwagen, welcher die Gäste nach Stargorod gebracht hat, macht eben vor dem Hause Halt.
Biziukin selbst war nicht zu Hause, und so mußte ihn seine Gattin vertreten. Diese interessante Frau, die sich viel mit Politik beschäftigte, sah dem Besuche des Gastes nicht ohne innere Bewegung entgegen. Sie wollte sich ihm von ihrer besten und vorteilhaftesten Seite zeigen, und war vom frühen Morgen darauf bedacht, daß ihr Haus den besten Eindruck auf die Ankommenden mache. In aller Frühe prüfte sie sämtliche Gemächer und fand, daß eigentlich nichts ihrem Wunsche entsprach. In der Mitte des reinlichen, freundlich möblierten Wohnzimmers blieb sie stehen und dachte verzweifelt:
»Nein, das ist zum Tollwerden! Hier sieht es ja genau so aus, wie bei Porochontzews oder bei Darjanows oder beim Postmeister, – mit einem Wort, wie überall, vielleicht etwas besser. Die Uhr auf dem Kamin, diese Armleuchter, und da steht das Klavier … Nein, das darf unmöglich so bleiben, um dieser Kleinigkeiten willen will ich nicht die Verachtung der modernen Männer auf mich laden. Ich weiß, wie man moderne Männer der Tat aufnimmt! Ja, aber, wo soll ich hin mit all dem Kram? Soll ich alles hinauswerfen? Das wäre doch zu schade. Die Sachen werden verderben, sie haben Geld gekostet. Und was nützt es, sie hinauszuwerfen, wenn ringsherum … Im Schlafzimmer zum Beispiel die Spitzengardinen … Na ja, ins Schlafzimmer werden die Gäste ja nicht hineinschauen … Ich bringe nur meines Mannes Zimmer in Ordnung!«
Und damit rief die junge Beamtenfrau ihre Dienstboten und ließ sie sofort alles ihrer Meinung nach Überflüssige aus dem Arbeitszimmer ihres Gatten auf den Speicher bringen, so daß nichts weiter übrigblieb als ein Tisch, ein Stuhl und zwei Sofas.
»Ausgezeichnet,« dachte die Biziukina. »Wenigstens ein Zimmer im Hause, das anständig aussieht.«
Sie machte noch zwei große Tintenflecke auf den Schreibtisch und stieß den Spucknapf in der Ecke um, so daß der Sand sich über den Fußboden streute. Aber o Himmel, als sie wieder in den Saal zurückkehrte, bemerkte sie, daß sie das Allerärgste fast übersehen hätte: an der Wand hing ein Heiligenbild!
»Jermoschka! Jermoschka! Schaff sofort dies Heiligenbild hinaus … ich will es in die Kommode legen!«
Das Bild wurde fortgeschafft und die besorgte Hausfrau begab sich in ihr Boudoir, öffnete einen großen Nußbaumschrank, wählte aus ihrer reichhaltigen Garderobe die allerschlechtesten Stücke, rief ihr Dienstmädchen und ließ sich ankleiden.
»Marfa, du liebst die Herrschaften wohl gar nicht?«
»Warum sollte ich sie nicht lieben?«
»Warum solltest du nicht? Nun so, ganz einfach! Wofür sollst du sie denn lieben?«
Das Mädchen wußte nicht, was es antworten sollte.
»Was haben sie dir denn Gutes getan?«
»Gutes, nichts, gnädige Frau.«
»Nun, du dumme Person, dann kannst du sie auch nicht lieben, und in Zukunft bitt' ich dich, die dummen Redensarten ›zu Befehl‹ und ›gnädige Frau‹ und so weiter gefälligst zu lassen. Sag einfach ›ja‹ und ›nein‹ und ›was‹ und ›warum‹. Verstanden?«
»Zu Befehl.«
»Zu Befehl!? Kannst du nicht einfach ›ja‹ sagen?«
»Warum denn, gnädige Frau?«
»Weil ich es so wünsche.«
»Zu Befehl.«
»Schon wieder? Ich hab' dir doch eben erst befohlen: einfach ›ja‹ und ›nein‹ zu sagen.«
»Ja. Aber es wird mir sehr schwer, gnädige Frau.«
»Schwer? Um so leichter wird dir's später werden. Alle werden einmal so sprechen. Hörst du?«
»Zu Befehl.«
»Zu Befehl! Pack dich, dumme Gans! Ich schmeiß dich raus, wenn du mir noch einmal so antwortest. Einfach ›ja‹ – und mehr nicht. Bald wird es überhaupt keine Herrschaften mehr geben; verstehst du? Überhaupt keine mehr! Sie werden bald alle … in Stücke gehackt. Verstanden?«
»Ja,« sagte das Mädchen, um sie irgendwie loszuwerden.
»Jetzt geh und schick mir den Jermoschka her.«
»Nun ist aber noch etwas unbedingt nötig. Ich muß eine Schule hier haben.« Und Madame Biziukina gab ihrem Jermoschka zehn kupferne Fünfkopekenstücke und befahl ihm, möglichst viele Straßenjungen herbeizuschaffen. Er sollte jedem von ihnen sagen, daß er von ihr noch einen zweiten Fünfer bekommen würde.
Nach zehn Minuten kehrte Jermoschka in Begleitung einer ganzen Horde zerlumpter Gassenbuben zurück.
Die Biziukina gab jedem fünf Kopeken, ließ sie im Kabinett ihres Mannes Platz nehmen und sagte zu ihnen:
»Jetzt werde ich euch unterrichten und dafür kriegt jeder noch einen Fünfer. Ist's euch recht so?«
Die Jungen rümpften die Nase:
»Na ja, warum nicht?«
»Wir verstehen doch nicht, aus Büchern zu lesen,« sagte einer von den Klügeren.
»Ich will euch ein Lied lehren, da braucht ihr keine Bücher.«
»Na, wenn's ein Lied sein soll, ist's uns recht.«
»Jermoschka, setze dich auch dazu.«
Jermoschka setzte sich und hielt verlegen die Hand vor den Mund.
»Also jetzt singt ihr alle mit.«
»Aus der Schmiede kommt der junge Schmied.«
Die Buben sangen nach, so gut sie konnten.
»Heil!« sang Madame Biziukina vor.
»Heil!« wiederholten die Kinder.
»Und drei scharfe Messer trägt er unterm Rock! Heil!«
In diesem Ausblick hob Jermoschka den Kopf, sah aus dem Fenster und rief:
»Es kommt Besuch, gnädige Frau!«
Die Biziukina ließ das Lineal fallen, mit dem sie den Takt geschlagen hatte und stürzte in den Saal.
Siebentes Kapitel.
Der Fürst Bornowolokow und sein Sekretär Termosesow erschienen. Bei genauer Betrachtung machten sie einen viel interessanteren Eindruck, als sie Tuberozow bei ihrer flüchtigen Begegnung vorgekommen waren.
Der Revisor selbst sah wie ein eingeschlafener Stichling aus. Er war klein, mit gesträubten Haaren, breiten Schultern und Augen, über denen ein feuchter, schläfriger Schleier lag. Er schien zu nichts fähig und zu nichts brauchbar. Er war eben kein Mensch, sondern ein schläfriger Stichling, der sich in allen Meeren und Seen herumgetrieben hatte, nun aber eingeschlafen und so mit Tang bewachsen war, daß in ihm nichts mehr glühte und leuchtete.
Termosesow dagegen erinnerte an einen Kentauren. Er war riesengroß, wie es nur ein Mann sein kann, aber der Bau seines mächtigen Körpers hatte etwas Weibliches. Die Schultern waren sehr schmal, die Hüften übermäßig breit und voll wie Pferdeschinken, die Knie fleischig und rund, die Arme dürr und sehnig; der Hals lang, aber nicht mit stark hervortretendem Adamsapfel, wie bei den meisten hochgewachsenen Menschen, sondern mit einer Vertiefung, wie bei einem Pferde. Um den Kopf flatterte eine mächtige Mähne nach allen Seiten; das Gesicht, mit einer langen, armenischen Nase und einer unverhältnismäßig großen Oberlippe, die schwer auf der untern lastete, war von sehr dunkler Färbung; die Augen waren braun mit tiefschwarzen Pupillen, der Blick scharf und klug.
Die Biziukina beobachtete alles durch das Fenster, ohne von den Fremden gesehen zu werden, und zermarterte sich das Hirn, wer von den beiden wohl der Revisor Bornowolokow und wer Termosesow sei. Endlich kam sie zu dem Schlusse, der Große müßte unbedingt der Fürst Bornowolokow sein, denn er hatte eine Mütze mit einer Kokarde auf dem Kopfe, der andere im Reitfrack und dem bunten Mützchen aber war sicher Termosesow, der unabhängige Mann, der in einem ganz freien Dienstverhältnis zum Fürsten stand. Allein noch eine zweite Frage quälte die Hausfrau: wie sollte sie die Gäste empfangen? Sollte sie ihnen entgegengehen? Das wäre gar zu zeremoniell gewesen. Nichts tun, dasitzen und warten, bis sie kommen? … Das wirkte zu gezwungen! Ein Buch vornehmen? Ja, das wäre das Richtigste, das Natürlichste!
Und sie ergriff das erste beste Buch, blickte aber noch einmal darüber hinweg durch das Fenster und bemerkte, daß Termosesow, den sie für Bornowolokow hielt, ziemlich schmutzige Hände hatte, während ihre wohlgepflegten, müßigen Hände rein waren, wie weißer Schaum.
Sofort nahm Madame Biziukina etwas Erde aus einem auf dem Fensterbrett stehenden Blumentopf, zerrieb sie zwischen ihren Handflächen und setzte sich mit ihrem Buche auf einen Stuhl in der Nähe des Fensters, die Beine übereinanderschlagend.
In diesen Augenblick ließ sich im Hausflur eine fröhliche, recht freundliche Baßstimme vernehmen, und in das Vorzimmer traten beide Gäste: zuerst Termosesow und hinter ihm Fürst Bornowolokow.
Achtes Kapitel.
Die Hausfrau saß da und rührte sich nicht. Es fiel ihr jetzt erst auf, wie unpassend den Gästen der Blumentopf auf dem Fensterbrett erscheinen mußte, und so verwirrt sie auch war, sie hatte doch noch Zeit zu überlegen, wie man ihn wohl am leichtesten aus dem Fenster hinausbefördern könnte. Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft, daß sie sogar die erste Frage überhörte, mit der sich einer der beiden Gäste an sie wandte, wodurch sie tatsächlich den Eindruck einer ganz in ihre Lektüre vertieften Person hervorrief.
Termosesow musterte sie über die Schwelle mit einem scharfen Blick und wiederholte seine Frage.
»Wer sind Sie? Vielleicht Frau Biziukina selbst?« fragte er, ruhig in den Saal eintretend.
»Ich bin Frau Biziukina,« antwortete die Hausfrau, ohne aufzustehen.
Termosesow ging auf sie zu:
»Ich bin Termosesow, Ismail Petrowitsch Termosesow, ein Schulkamerad Ihres Mannes, mit dem ich später wegen einer Dummheit auseinanderkam; und dies ist der Fürst Afanasij Fedosejewitsch Bornowolokow, Regierungsbeamter und Revisor aus Petersburg. Wir wollen hier allen die Hölle heiß machen. Guten Tag!«
Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie ergriff sie, während sie mit der andern das Buch auf die Fensterbank legte und bei dieser Gelegenheit den Blumentopf umstieß, so daß er auf die Straße kollerte.
»Was ist das? Sie haben Ihre Blume zum Fenster hinausgeworfen?«
»Das hat nichts zu sagen. Es war keine Blume. Nur Gras zum Auflegen auf Schnittwunden. Aber es taugt auch schon nichts mehr.«
»Selbstverständlich taugt es nichts. Wer legt heute noch Gras auf Schnittwunden! Aber vielleicht gibt es noch solche Esel. Wo ist denn Ihr Mann?«
Die Biziukina sah den Revisor an, der ohne ein Wort zu sagen auf dem kleinen Sofa Platz genommen hatte, und erwiderte Termosesow, ihr Mann sei nicht zu Hause.
»Nicht zu Hause? Na, macht nichts, wir sprechen uns noch. Wir waren dicke Freunde, bis uns eine Dummheit auseinanderbrachte. Aber ich muß offen bekennen, Sie passen nicht zu diesem Mann. Nein, wirklich ganz und gar nicht, darüber ist kein Wort zu verlieren. Er ist ein Hohlkopf, weiter nichts, und es ist sein Glück, daß Sie ihm zu dieser Stelle in der Akzise verhelfen konnten. Sie aber sind ein Prachtkerl, der alles ganz famos gedeichselt hat, – dem Mann die Stelle verschafft und – fein ist's hier bei Ihnen!« fügte er hinzu, indem er mit einem schnellen Blick alle vom Saale aus sichtbaren Räume der Wohnung musterte. Als er in dem allen Schmuckes beraubten Kabinett die Kinderschar bemerkte, die sich an der Schwelle drängte, meinte er:
»Ah, so etwas wie eine Schule haben Sie auch hier. Schäbig genug ist das Zimmerchen, aber als Schulraum geht's noch an. – Zu was Deubel unterrichten Sie die Lausebande eigentlich?« schloß er plötzlich schroff.
Die Biziukina geriet in Verlegenheit, aber Termosesow half ihr selbst darüber hinweg. Er ging auf die Jungen zu, faßte einen von ihnen unter das Kinn und fragte: »Na? Verstehst du Erbsen zu mausen? Lern's, mein Junge, und wenn sie dich nach Sibirien expedieren, mag mein Segen dich begleiten. Lassen Sie sie laufen, Biziukina! Marsch nach Hause, ihr Halunken! Fix ans Erbsenstehlen!«
Die Jungen kamen langsam einer nach dem andern aus dem Kabinett und zogen im Gänsemarsch durch den Saal. Dann ging es in beschleunigtem Tempo durch das Vorhaus und über den Hof.
»Wozu all diese Schulen? Nichts als Zeitvergeudung!«
»Das finde ich auch,« sagte die Hausfrau kleinlaut.
»Versteht sich. Bekommen Sie eine Unterstützung?«
»Nein. Wo sollte die auch herkommen?«
»Warum nicht? Andere bekommen sie doch! – Und das ist wohl Ihr Früchtchen?« fragte er, indem er auf den herausgeputzten Jermoschka zeigte, der eben eingetreten war. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich an den Jungen:
»Geh mal, mein liebes Goldsöhnchen, und sag dem Dienstmädchen, daß wir uns waschen wollen.«
»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Hausfrau verlegen.
Aber Termosesow hörte es nicht. Er glaubte nun einmal, den Sohn der Hausfrau vor sich zu haben, und hielt dieser eine Predigt, wie und wozu sie ihn erziehen solle.
»Bereiten Sie ihn für den Staatsdienst vor. Daß er nur keine literarischen Neigungen kriegt! Sehn Sie mich an. Ich dürfte eigentlich gar nicht Staatsbeamter sein, aber durch Hintertüren und auf Hintertreppchen hab' ich mich doch rangeschlängelt. Jawohl! Und bin doch früher selbst Nihilist gewesen und ärgerte mich sogar über Ihren Mann, als er Akzisebeamter wurde. Dumm war das! Warum soll unsereins nicht Staatsbeamter sein? Als Beamter kann man sich beliebt machen, als Beamter hat man Geld, als Beamter gewinnt man Einfluß, – das ist etwas ganz anderes als die blöde Schriftstellerei. Dort muß man noch Talent haben, hier aber wird es nur störend empfunden. Als Staatsbeamter kann ich die Leute sortieren. Was bist du für ein Kerl? – Du kommst hierher. Und du bist so einer? – Du kommst dahin. Du bist keiner von den unsern? So zwing' ich dich, ersticke dich, zerbreche dich, – und der Staat muß mich dafür bezahlen. – Na, was starren Sie mich so an? Es kommt Ihnen wohl sonderbar vor, was ich da aus der Praxis erzähle?«
Die verblüffte Hausfrau schwieg, der Gast aber fuhr fort:
»Ihr richtet hier Schulen ein, – na ja, wenn man sich an die landesübliche Schablone der roten Hähne halten wollte, müßte man das loben, aber Termosesow als praktischer Mensch tut das nicht. Termosesow sagt: Zum Teufel mit den Schulen, sie sind vom Übel; wenn das Volk zu lesen versteht, nimmt es die heiligen Bücher vor. Sie glauben, die Bildung gehört zu den zerstörenden Elementen? Keineswegs. Sie ist ein aufbauendes Element, wir aber wollen vor allem zerstören.«
»Es heißt doch aber, eine Revolution wäre jetzt bei dem Bildungsstand unseres Volkes nicht möglich,« wagte die Hausfrau einzuwerfen.
»Zu was Teufel brauchen wir sie denn, die Revolution, wenn es auch ohne Revolution ganz nach unsern Wünschen geht? Aber sehn Sie, da steht Ihr Söhnlein und spitzt die Ohren. Warum erlauben Sie ihm zuzuhören, was die Erwachsenen reden?«
»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Dame.
»Nicht Ihr Sohn? Wer ist es denn?«
»Ein Diener.«
»Ein Diener! Und so herausstaffiert! Fix, Waschwasser, du Teufelsbraten!«
»Ist schon fertig,« antwortete Jermoschka schroff, wie es ihm vorgeschrieben war.
»Warum hast du es denn nicht gleich gesagt? Marsch hinaus!«
»Das ist nun ein wahrhaft kluger Mensch,« dachte Frau Daria Biziukina, als sie wieder allein geblieben war, und starrte unverwandt nach der Tür, durch die Termosesow hinausgegangen war. »Alle andern sind so streng, – dies kann man nicht und das soll man nicht, hier aber ist alles erlaubt, alles möglich, und doch fürchtet dieser Mann sich vor nichts. Mit so einem Mann zu leben wäre leicht; ja es wäre süß, sich ihm zu unterwerfen.«
Der arglistige Fremde hatte das Herz Darias völlig erobert. Alles an dem Gaste begann ihr zu gefallen. Was hatte er für eine Stimme! Wie stark war er! Überhaupt, – was war er für ein Mann! … Wie entzückend war er! Kein Seladon, wie ihr Gatte; kein Trantopf, wie Prepotenskij, – nein, er war entschlossen, unbeugsam, ein ganzer Mann … Der würde nie nachgeben! Er war wie der Sturmwind … er kommt … reißt fort … vernichtet …
Wo bist du nun, du armer Akziseeinnehmer? Juckt dir nicht schon die Stirn wie einem jungen Böcklein, dem die Hörner wachsen wollen?
Neuntes Kapitel.
Zu den Ohren der verliebten Biziukina war aus dem Kabinett längst schon bald ein sanftes Entenplätschern, bald ein wildes Spritzen und seltsames Gurgeln gedrungen. Plötzlich jedoch war alles still geworden und immer noch zeigte sich Termosesow nicht. Hatte er denn wirklich so viel mit diesem wortkargen Fürsten zu reden? Oder schlief er? … Das konnte der Fall sein, denn die Reise mußte ihn ermüdet haben. Oder las er vielleicht? Was konnte er lesen? Und was brauchte er zu lesen, wenn er selbst klüger war als alle Bücherschreiber? … Aber während sie so grübelte, ging die Tür auf und auf der Schwelle erschien Jermoschka mit einer Waschschüssel voll Seifenwasser. Er schloß die Tür nicht hinter sich, so daß Daria Nikolajewna ins Zimmer hineinsehen konnte. Ganz hinten am Fenster entdeckte sie die schmächtige Figur des Fürsten. Dicht vor ihm, etwas näher zur Tür, erhob sich der fleischige Torso Termosesows. Beide, der Revisor und sein Sekretär, waren im Negligé. Bornowolokow in Beinkleidern und einem schneeweißen Hemde aus holländischer Leinwand, über das sich kreuzweise die zwei roten Streifen der seidenen Hosenträger legten. Sein kleines blondes Köpfchen war glatt gekämmt, und er bemühte sich, es mit Hilfe einer Metallbürste noch mehr zu glätten. Termosesows Gestalt zeigte sich in ihrer ganzen plastischen Vollendung, der Kragen seines Hemdes war aufgeknöpft und die weit über den Ellbogen aufgeschürzten Ärmel ließen die muskulösen, dicht behaarten Arme deutlich erkennen.
Mit diesen Armen hob Termosesow ein langes russisches Handtuch, an dessen Enden rote Hähne gestickt waren, und bearbeitete damit seine sich wild sträubenden nassen Haare aufs kräftigste.
Aus der Energie, mit welcher der liebenswürdige Ismail Petrowitsch dieses Geschäft betrieb, ließ sich ohne weiteres erraten, daß die fröhlichen, machtvollen und ungenierten Fiorituren, die eben noch durch die geschlossene Tür bis in den Saal gedrungen waren, von Termosesow herrührten, während Bornowolokow nur wie eine Ente zischen und plätschern konnte. Der zurückkehrende Jermoschka, welcher die Tür zuschlug, zerstörte das holde Bild.
Aber Termosesow hatte genügend Zeit gehabt, um das Feld mit seinem Adlerblick zu überschauen, und er ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, die Hausfrau durch sein Erscheinen ohne den Fürsten zu erfreuen. Er warf schnell seinen weiten Mantel über seine höchst unvollkommene Toilette und stieß den armen Jermoschka, ihn am Ohr packend, ins Vorzimmer hinaus mit den Worten:
»Daß du deine Nase hier nicht zu zeigen wagst, bis ich dich rufen werde!«
Dann schloß er die Tür zum Kabinett, in dem sich der Fürst noch befand, und setzte sich in seinem immerhin recht seltsamen Kostüm ungeniert neben die Hausfrau.
»Hören Sie mal, Biziukina, so geht das nicht, Herzchen,« fing er an und faßte sie ohne weiteres bei der Hand. »Sie haben Ihren Lausbuben gar zu sehr verwöhnt. Ich nannte ihn ein Ferkel, weil er dem Fürsten die Ärmel beplantscht hatte, worauf er mir: ›Meine Mutter ist keine Sau, sondern eine Frau!‹ antwortete. Daran sind Sie natürlich schuld, Sie haben ihn so emanzipiert, nicht wahr?«
Und mit völlig veränderter Stimme fuhr er zärtlich fort: »Sie sind es? Ja? Sagen Sie – ja?« Dieses Ja wurde in einem Ton gesagt, der das Herz der Biziukina erschauern machte. Sie begriff, daß die gewünschte Antwort gar nicht der gestellten Frage galt, sondern einer unausgesprochenen, deren heimlicher Sinn sie durch seinen Realismus geradezu erschreckte, und darum schwieg sie. Aber Termosesow ließ nicht locker.
»Ja oder nein? Ja oder nein?« drängte er mit wachsender Ungeduld.
Zu langem Überlegen war keine Zeit. Die Biziukina sah Termosesow ängstlich an und begann schüchtern:
»Ja, ich weiß n…«
Aber Termosesow unterbrach sie hart:
»Ja!« rief er. »Ja! Und damit genug! Weiter brauchst du mir nichts zu sagen. Gib mir dein Händchen. Gleich auf den ersten Blick habe ich erkannt, daß wir zueinander gehören, und eine andere Antwort habe ich von dir nicht erwartet. Jetzt keine Zeit verloren! Beweise mir deine Liebe durch einen Kuß.«
»Wollen Sie nicht ein Glas Tee?« stammelte Daria Nikolajewna, als ob sie diese Worte nicht gehört hätte.
»Komm mir nicht mit solchen Geschichten! Ich bin kein Teekessel, sondern ein Dampfkessel.«
»Dann ist Ihnen Wein vielleicht lieber?« flüsterte Daria, sich von ihm losmachend.
»Wein?« wiederholte Termosesow. »Du bist süßer als Myrrhen und Wein!« Und damit zog er Madame Biziukina an sich. »Laß uns verschmelzen in seligem Kusse«, flüsterte er und schloß ihr rotes Mündchen mit seinen Pferdelippen.
»Jetzt aber sag mir mal, warum bist du eine so renitente Monarchistin?« fragte er unmittelbar nach dem Kusse, die Hand der Dame seinen Augen nähernd.
»Ich bin gar nicht Monarchistin,« beteuerte die Biziukina hastig.
»Wem gilt denn deine Hoftrauer? Dem Maximilian von Mexiko?«
Und Termosesow wies lachend auf die schwarzen Streifen an ihren Fingernägeln, schob sie zur Seite und sagte: »Geh, wasch deine Hände!«
Daria Nikolajewna wurde feuerrot und war nahe daran zu weinen. Sie hatte sonst immer tadellos saubere Nägel. Sie eilte in ihr Schlafzimmer, wusch dort die Hände und kam lächelnd zurück.
»So,« sagte sie, »jetzt bin ich wieder Republikanerin, ich habe ganz weiße Hände.«
Der Gast aber drohte ihr mit dem Finger und meinte, der Republikanismus sei nur ein dummer Spaß.
»Was brauchen wir uns um die Republik zu kümmern?« sagte er. »Man kann damit bös reinfallen. Aber ich habe die photographischen Bildnisse sämtlicher regierender Herrschaften mit. Soll ich sie dir schenken, daß wir sie hier an die Wand hängen?«
»Ich habe sie ja selbst.«
»Wo sind sie denn? Wohl versteckt? He? Ich schwör's beim Satan selber, daß ich's erraten habe: du erwartetest unsern Besuch aus Petersburg, und um mit deinem Liberalismus zu prahlen, hast du sie versteckt! Dumm ist das, mein Töchterchen, sehr dumm! Bring sie mal fix her, ich hänge sie dir wieder auf.«
Die ertappte Einnehmersfrau wurde wieder bis an die Ohren rot, holte aber die eingerahmten Bildnisse aus dem Tischkasten heraus und brachte auf Termosesows Befehl Hammer und Nägel, worauf der Gast sich gleich an die Arbeit machte.
»Ich denke, wir bringen sie gleich hier an dieser Wand an,« sagte er, mit dem Finger durch die Luft fahrend.
»Wie Sie meinen.«
»Was nennst du mich immer noch Sie, wenn ich dich duze? Du sollst du sagen. Und nun gib mal die Bilder her.«
»Die hat alle mein Mann gekauft.«
»Sehr richtig von ihm, daß er die Obrigkeit hochachtet! Die Herren Minister hängen wir alle hier unten nebeneinander auf. Her damit! Wer ist das? Gortschakow. Der Kanzler. Ausgezeichnet! Er hat Rußland gerettet! Sehr nett von ihm! Dafür wird er als Erster aufgehängt.«
Als alle Bilder an der Wand befestigt waren, ergriff Termosesow die rechte Hand der Biziukina und drückte sie an seine Brust.
»Nicht wahr, ich habe ein heißes Herz?« fragte er, ihre Verlegenheit ausnutzend.
Aber Daria Nikolajewna riß ihre Hand los und erwiderte zornig: »Sie werden aber zu frech.«
»Tä–tä–tä–tä–! Zu frech! Ganz und gar nicht ›zu‹, sondern gerade, wie sich's gehört,« spottete Termosesow und legte den andern, freien Arm um ihren Leib.
»Sie sind ein ganz unverschämter Mensch! Sie vergessen, daß wir uns kaum kennen,« schrie Daria Nikolajewna entrüstet und riß sich von ihm los.
»Ich bin nicht unverschämt und ich vergesse auch nichts! Termosesow ist bloß klug, schlicht, natürlich und praktisch – weiter nichts. Termosesow denkt einfach so: wenn du ein vernünftiges Frauenzimmer bist, dann weißt du, warum du mit einem Mann so intim redest, wie du mit mir geredet hast; weißt du aber selber nicht, warum du dich so benimmst, dann bist du eine Gans und es hat keinen Sinn, dich schonend zu behandeln.«
Madame Biziukina wollte natürlich klug sein.
»Sie sind sehr schlau,« sagte sie, das Gesicht abwendend.
»Schlau! Was braucht's hier Schlauheit? Ja, wenn du mich liebst oder ich dir gefalle …«
»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Sie liebe?«
»Laß doch das Flunkern!«
»Nein, ich rede die Wahrheit. Ich liebe Sie gar nicht und Sie gefallen mir nicht im geringsten.«
»Quatsch keinen Blödsinn! Du liebst mich nicht? Nein, laß dir mal ganz was anderes sagen: ich fühle dich und verstehe dich und will dir offenbaren, wer ich bin, aber nur, wenn wir ganz allein und ungestört sind.«
Daria Nikolajewna schwieg.
»Verstehst du, wie ich es meine? Damit wir einander ganz kennen lernen, müssen wir mal zusammenkommen … Ein Rendezvous – verstehst du – natürlich zu politischen Zwecken.«
Daria Nikolajewna schwieg wieder. Termosesow seufzte, ließ ihre Hand leise los und sagte:
»O ihr Weiber im heiligen Rußland! Und ihr wollt es noch den Polinnen gleichtun! Nein, meine Lieben, mit denen nehmt ihr es noch lange nicht auf! Gebt den Ismail Termosesow einer Polin, sie würde nicht von ihm lassen und in Gemeinschaft mit ihm den Ararat auf den Kopf stellen!«
»Die Polinnen sind ganz was anderes,« sagte Daria Nikolajewna.
»Warum?«
»Sie lieben ihr Vaterland und wir hassen unseres.«
»Was ist denn dabei? Die Feinde der Polinnen sind also alle Feinde der Unabhängigkeit Polens und eure Feinde sind alle russischen Patrioten.«
»Das ist wahr.«
»Nun, wer ist also hier dein schlimmster Feind? Nenn ihn mir und du sollst sehn, wie er die ganze Schwere der Hand Termosesows spüren wird!«
»Ich habe viele Feinde.«
»Nenn mir die schlimmsten! Die allerschlimmsten!«
»Die schlimmsten sind zwei.«
»Die Namen dieser Unseligen! Die Namen!«
»Der eine ist … der hiesige Diakon Achilla.«
»Es sterbe der Diakon Achilla!«
»Der andere ist der Propst Tuberozow.«
»Wehe dem Propst Tuberozow!«
»Hinter ihm steht die ganze Stadt, das ganze Volk.«
»Nun, und was tut das? Termosesow kennt die Obrigkeit und fürchtet daher keine Stadt und kein Volk.«
»Die Obrigkeit ist nicht sehr gut auf ihn zu sprechen.«
»Nicht gut zu sprechen? Um so leichter kommen wir ihm an den Kragen. Jetzt aber merke dir nur folgendes: Gewinn mich lieb und werde mein, Herodias!«
Madame Biziukina küßte ihn ohne Bangen.
»Das war ehrlich!« rief Termosesow, und nachdem er sie ausgefragt hatte, was sie von ihren Feinden Tuberozow und Achilla zu leiden gehabt, drückte er ihr lächelnd die Hand und ging in das Kabinett zurück, wo sein Gefährte die ganze Zeit über geblieben war.
Zehntes Kapitel.
Der durchlauchtige Gefährte Termosesows lag in einem weißen Jackett auf dem für ihn aufgeschlagenen Bette, hatte die Füße mit einem leichten Plaid zugedeckt und schien mit geschlossenen Augen vor sich hin zu träumen.
Termosesow wollte sich überzeugen, ob sein Vorgesetzter schlafe oder sich bloß schlafend stelle, darum trat er leise an das Bett, beugte sich über das Gesicht des Fürsten und nannte ihn beim Namen.
»Schlafen Sie?« fragte er.
»Ja,« antwortete Bornowolokow.
»Was soll das heißen? Wenn Sie mir antworten, können Sie nicht schlafen.«
»Ja.«
»Das ist also ein Blödsinn.«
Termosesow begab sich zu dem zweiten Sofa, warf seinen Mantel ab und streckte sich ebenfalls aus.
»Während Sie sich hier rekelten, habe ich schon sehr viel geleistet,« sagte er, sich zurechtlegend.
Bornowolokow antwortete wieder nichts als »Ja«, es war aber ein ganz besonderes Ja, sozusagen ein neugieriges Ja, das eher wie eine Frage klang.
»Jawohl, ja! Ich kann sagen, daß ich einige für uns sehr bedeutsame Entdeckungen gemacht habe.«
»Mit dieser Dame?«
»Die Dame? Die ist eine Sache für sich. Erinnern Sie sich aber noch, was ich Ihnen sagte, als ich Sie in Moskau auf der Sadowaja fing?«
»Ach ja!«
»Ich sagte: ›Eure Durchlaucht, gnädigster Fürst! So geht man mit alten Kameraden nicht um, – daß man sie nämlich fallen läßt. Nur Lumpen handeln so.‹ Habe ich Ihnen das gesagt oder nicht?«
»Ja, Sie haben das gesagt.«
»Aha, Sie erinnern sich noch! Nun, dann müssen Sie sich auch noch erinnern, wie ich Ihnen meine Gedanken weiter entwickelte und bewies, daß Sie als unser heutiger Prinz Egalité nicht das Recht haben, auf Ihre Herkunft und Ihre bevorzugte amtliche Stellung zu pochen und über uns alte Montagnards, Ihre einstigen Freunde, die Nase zu rümpfen. Ich habe Ihnen das alles haarklein auseinandergesetzt.«
»Ja, ja.«
»Schön! Sie verstanden, daß mit mir nicht gut Kirschen essen ist, und zeigten sich sehr nachgiebig. Dafür lob' ich Sie. Sie begriffen, daß Sie mich nicht so am Wege liegen lassen durften, denn Hunger ist ein böser Berater, und einem Hungrigen fällt alles mögliche ein. Termosesow hat zudem noch ein vorzügliches Gedächtnis und einen scharfen Riecher. Als Sie noch ein feuerroter Umstürzler waren, wußte er schon, daß Sie bestimmt mal Kehrt machen würden.«
»Ja.«
»Sie beschlossen, mich als Ihren Sekretär mitzunehmen … Das heißt, um der Wahrheit die Ehre zu geben und Sie nicht durch Schmeichelei zu kränken, Sie entschlossen sich nicht selbst dazu, sondern ich zwang Sie, mich mitzunehmen. Ich machte Ihnen Angst, ich könnte Ihre Korrespondenz mit gewissen Freunden an der Weichsel bekannt geben.«
»Ach!«
»Tut nichts, mein Fürst, seufzen Sie nicht. Was ich Ihnen damals in Moskau auf der Sadowaja sagte, als ich Sie am Rockknopf festhielt und Sie vor mir davonlaufen wollten, das sag' ich Ihnen auch heute wieder: seufzen Sie nicht und jammern Sie nicht, daß Termosesow über Sie gekommen ist. Ismail Termosesow wird Ihnen noch einen großen Dienst leisten. Sie und Ihre gegenwärtige Partei, in der keine solchen Halunken zu finden sind wie Termosesow, sondern viel feinere Kunden, gründen Zeitungen und suchen auf diese oder jene Art Fühlung mit dem Volk zu gewinnen.«
»Ja.«
»Das wird Ihnen aber nie gelingen.«
»Warum nicht?«
»Weil ihr ungeschickt seid. Die Patrioten erkennen euch sofort an den Klauen, packen euch am Schopf und schmeißen euch auf die Gasse hinaus.«
»Hm!«
»Jawohl! Aber laßt ihr die Zeitungen schwimmen und haltet euch an Termosesow, so deichselt er euch die ganze Geschichte glänzend. Seien Sie mein Märchenprinz Iwan, so will ich Ihr grauer Wolf sein.«
»Ein Wolf sind Sie schon.«
»Das ist es eben. So ein grauer Wolf schafft Ihnen die goldmähnigen Rosse und den Feuervogel und die Prinzessin und setzt Sie zu guter Letzt auf den Königsthron.«
Und damit sprang der graue Wolf von seiner Lagerstätte auf, lief an das Bett seines Prinzen Iwan und sagte leise:
»Rücken Sie mal ein bißchen zur Wand, ich will Ihnen was ins Ohr flüstern.«
Bornowolokow gehorchte, und Termosesow setzte sich auf den Bettrand, legte seinen Arm um den Fürsten und fing mit leiser Stimme an:
»Versetzen Sie mal der Kirche eins. Da steckt das Gift! Jagt ihren Bonzen mal einen heilsamen Schrecken ein.«
»Ich verstehe nichts.«
»Das Christentum macht die Menschen doch gleich, nicht wahr? Es hat doch Staatsmänner genug gegeben, die in der Übersetzung der Bibel in die Volkssprache eine Gefahr sahen. Nein, das Christentum … man kann es sehr leicht … wissen Sie, in gefährlichem Sinne auslegen. Und solch ein Ausleger kann jeder beliebige Pope sein.«
»Das klingt ganz plausibel.«
»Na also. Danken Sie Ihrem Schicksal, daß es Ihnen Termosesow gesandt hat! Ich stelle Ihnen einen Bericht zusammen, daß sogar Ihre Feinde Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen und Sie für ein administratives Genie erklären.«
Termosesow dämpfte die Stimme noch mehr und fuhr fort:
»Erinnern Sie sich noch, wie wir schon hier in der Gouvernementsstadt auf dem Heimweg aus dem Klub mit dem Kanzleivorsteher sprachen, und wie er einen freisinnigen Popen erwähnte, welcher sogar frech gegen Seine Exzellenz geworden sei?«
»Ja.«
»Daran haben Sie natürlich nicht gedacht, daß dieser Pope Tuberozow heißt und daß er hier, in dieser Stadt amtiert, wo Sie sich auf dem Lotterbette rekeln und nichts über ihn zu melden imstande sein werden.«
Bornowolokow fuhr in die Höhe und fragte, aufrecht auf dem Bette sitzend:
»Wie können Sie wissen, was der Kanzleivorsteher mir gesagt hat?«
»Sehr einfach. Ich ging damals leise hinter Ihnen. Es ist gut, wenn man Sie immer im Auge behält. Aber das ist jetzt Nebensache. Wir müssen unsere Taktik zuerst an diesem Tuberozow erproben und seine Gemeingefährlichkeit, wie überhaupt die Gemeingefährlichkeit derartiger unabhängiger Charaktere unter den Geistlichen erweisen. So kommen wir zu dem logischen Ergebnis, daß die Religion überhaupt nur als ein Zweig der Verwaltung geduldet werden kann. Sobald aber der Glaube als wirklicher Glaube auftritt, ist er gefährlich und muß eingeschränkt, muß unter Kontrolle gestellt werden. Diesen Gedanken werden Sie als Erster verkünden, und man wird ihn stets in Verbindung mit Ihrem Namen wiederholen, wie man die Gedanken eines Macchiavelli und Metternich wiederholt. Sind Sie zufrieden mit mir, mein Herr und Gebieter?«
»Ja.«
»Und geben mir Vollmacht zu handeln?«
»Ja.«
»Wie soll ich dieses Ja verstehen? Heißt das, daß Sie es ebenfalls wollen?«
»Ja, ich will es.«
»Also! Manchmal heißt Ihr Ja nämlich zugleich Ja und Nein.«
Termosesow erhob sich vom Bette seines Gebieters und sagte:
»Wir armen Sklaven können nicht lange untätig sein. Uns hat keine gütige Fee die Mittel in die Hand gegeben, vom Nihilisten im Handumdrehen zum Satrapen zu werden. Ich sorge für Sie, aber auch für mich. Ich mag nicht mehr hungern. Wo immer ich mich auch zeige, immer heißt's ›ein Roter‹ – und niemand will mich nehmen.«
»Waschen Sie sich weiß.«
»Wo soll ich die Seife hernehmen?«
»Warum haben Sie sich nicht in Petersburg als Spion gemeldet?«
»Ich hab's versucht,« antwortete Termosesow ungeniert, »aber wir leben in einem realistischen Zeitalter: alle einträglichen Stellen waren schon besetzt. Man muß sich erst irgendwie bewährt haben, wurde mir gesagt.«
»So bewähren Sie sich doch.«
»Geben Sie mir Gelegenheit, zu zeigen, was ich kann. Sonst fang' ich, bei Gott, mit Ihnen an.«
»Vieh!« zischte Bornowolokow.
»M–m–m–mu–u–uh!« brummte Termosesow ganz laut.
Bornowolokow sprang auf, faßte sich entsetzt an den Kopf und rief:
»Was soll das noch?«
»Was? Das schwarze Vieh brüllt, weil es fressen will, und es bittet das weiße, es etwas höflicher zu behandeln,« sagte Termosesow ruhig.
Bornowolokow knirschte vor Wut mit den Zähnen und drehte sich schweigend zur Wand.
»Aha! So ist's schon besser! Zähme deinen Zorn, edler Fürst, und bilde dir nicht so viel darauf ein, daß du weiß bist, sonst mal' ich dich so schön an, daß du grau-gelb-grün schimmern wirst und im Schatten blau mit schwarzen Pünktchen. Vergiß nicht, daß ich dir als Zuchtrute mitgegeben bin; ich bin der Dorn in den Blättern deines Kranzes. Trage mich mit Ehrfurcht.«
Der gemarterte Bornowolokow unterdrückte einen Seufzer und stellte sich schlafend. Der triumphierende Sieger aber schlief wirklich ein.
Elftes Kapitel.
Daria Nikolajewna war mit ihrer gesamten Dienerschaft eifrig bemüht, ihren Appartements das frühere Aussehen wiederzugeben. An den Wänden reihte sich bald wieder Bild an Bild, vor den Kamin stellte sie einen kostbaren Schirm, auf den Kamin selbst eine schwarze Marmoruhr mit einem Perpendikel in Gestalt eines Sternes, über die Tische breiteten sich neue kostbare Decken; Lampen, Porzellan, Bronzen, Statuetten und allerlei Kleinkram bedeckten jeden freien Platz im Salon und Schlafzimmer, so daß die Wohnung bald an das Logement einer reichen Halbweltdame erinnerte, die sich von ihren Verehrern die unnützesten Dinge ohne Sinn und Verstand hatte schenken lassen.
Noch als die Arbeit im besten Gange war, erschien unerwartet der Lehrer Prepotenskij und war völlig verblüfft. Natürlich konnte er diesen »Schick« nicht billigen. Als aber Daria Nikolajewna, die ihn gar nicht beachtete, die Unverschämtheit hatte, den Dienstboten zu befehlen, in Gegenwart des Lehrers die Überzüge von den Möbeln abzunehmen, da wurde es ihm zu viel, und er fragte:
»Und Sie schämen sich nicht?«
»Ganz und gar nicht.«
»Das ist einfach unverschämt!« rief Prepotenskij, setzte sich in eine Ecke und nahm ein neues Buch vor.
In diesem Augenblick hörte man Termosesow im Nebenzimmer husten. Kurz entschlossen meinte die Biziukina:
»Gehn Sie raus!«
Das kam so unerwartet, daß sogar Prepotenskij den harten Sinn dieser Worte nicht begriff und die Dame ihren Befehl wiederholen mußte.
»Raus?« fragte der verblüffte Lehrer noch einmal.
»Ja. Ich wünsche Sie nicht mehr in meinem Hause zu sehn.«
»Meinen Sie das im Ernst?«
»Vollkommen im Ernst.«
Im Zimmer der Gäste wurde es wieder laut.
»Gehn Sie bitte hinaus, Prepotenskij,« rief die Biziukina ungeduldig. »Hören Sie? Hinaus!«
»Aber ich bitte Sie, ich störe doch gar nicht.«
»Doch, Sie stören!«
»Ich kann mich ja bessern.«
»Sie sind unverbesserlich,« widersprach die Hausfrau ungeduldig und suchte den Gast von seinem Platze zu vertreiben.
Allein auch Prepotenskij zeigte sich als Mann von Charakter und verlangte ruhig, aber fest eine Erklärung, warum sie ihn für unverbesserlich halte.
»Weil Sie ein kompletter Esel sind!« schrie endlich die Biziukina ganz außer sich.
»Ah, das ist etwas anderes,« sagte Prepotenskij aufstehend. »In diesem Falle bitte ich nur um Rückgabe meiner Knochen.«
»Fragen Sie Jermoschka danach. Ich hab' ihm befohlen, sie hinauszuwerfen.«
»Hinauszuwerfen!« schrie der Lehrer und stürzte in die Küche. Als er nach einer halben Stunde zurückkam, war Daria Nikolajewna bereits in einer so blendenden Toilette, daß der Lehrer, als er sie erblickte, sich am Ofen festhalten mußte, um nicht umzufallen.
»Ah, Sie sind noch nicht fort?« fragte sie streng.
»Nein, ich bin nicht gegangen und kann nicht gehn … denn Ihr Jermoschka …«
»Nun?«
»Er hat die Knochen an einen Ort geworfen, daß für mich keine Hoffnung mehr …«
»O, ich sehe, Sie wollen hier noch lange predigen!« rief die Biziukina in wildem Zorn, packte den Lehrer bei den Schultern und stieß ihn ins Vorzimmer. In demselben Augenblick ging die Tür des Kabinetts auf und Termosesow erschien auf der Schwelle.
Zwölftes Kapitel.
»Bah! Bah! Bah! Was bedeutet denn das?« fragte er die Biziukina und rieb sich die verschlafenen Augen.
»Ach, gar nichts, das ist … ein dummer Mensch, der früher bei uns verkehrte,« antwortete sie und ließ den Lehrer los.
»Weshalb soll er denn jetzt hinausgeworfen werden? Was hat er denn getan?«
»Nichts, gar nichts,« sagte Prepotenskij.
Termosesow sah ihn an und fragte:
»Wer sind Sie denn?«
»Der Lehrer Prepotenskij.«
»Wodurch haben Sie die Dame verletzt?«
»Durch nichts, durch gar nichts.«
»So kommen Sie her, ich will Sie versöhnen.«
Prepotenskij kam sofort zurück.
»Weshalb nennen Sie ihn eigentlich dumm?« fragte Termosesow die Hausfrau und hielt dabei den Lehrer an beiden Händen fest. »Ich kann es nicht finden.«
»Ja, versteht sich, Sie können mir glauben, ich bin gar nicht dumm,« sagte Warnawa lächelnd.
»Ganz richtig, und das Verhalten unserer Frau Wirtin Ihnen gegenüber kann ich nicht billigen. Aber zum Zeichen der Versöhnung soll sie uns Tee geben. Ich trinke gern ein Glas Tee, wenn ich geschlafen habe.«
Daria Nikolajewna ging hinaus, um den Tee zu bestellen.
»Na, und Sie, Herr Lehrer, nehmen Sie Platz und plaudern wir ein bißchen. Ich sehe, Sie sind ein guter Kerl, mit dem sich leben läßt,« begann Termosesow, als er mit Warnawa allein war, der ihn in fünf Minuten in sein ganzes trauriges Schicksal daheim und draußen eingeweiht hatte. Nichts wurde vergessen, weder die Mutter, noch die Totengebeine, noch Achilla, noch Tuberozow, bei dessen Namen Termosesow seine Aufmerksamkeit verdoppelte. Endlich erzählte der Lehrer auch noch von der Vormittagsschlacht des Diakons mit dem Kommissar Danilka.
Bei diesem Bericht räusperte sich Termosesow, klopfte Prepotenskij auf das Knie und sagte leise:
»Also, Herr Professor, ich beauftrage Sie hiermit, mir morgen früh diesen Kleinbürger unbedingt herbeizuschaffen.«
»Den Danilka?«
»Ja, den der Diakon beleidigt hat.«
»Das ist ja eine Kleinigkeit.«
»Also her mit ihm!«
»Morgen in aller Frühe ist er hier.«
»Recht so. Sie sind ein Prachtkerl, Prepotenskij!« lobte ihn Termosesow, und da in diesem Augenblick die Hausfrau wieder eintrat, wandte er sich an sie: »Hören Sie, er gefällt mir ausnehmend, und wenn er mich mit dem Popen Tuberozow bekannt macht, so nenn' ich ihn einen ganz klugen Kopf.«