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Die Klerisei

Erstes Buch. (continued 2)

Arthur Luther translation

Wofür wird mir das zuteil? Warum denkt sie nicht so, wie der Konsistorialsekretär und der Schließer, daß es leichter sei, am Reiche Gottes zu bauen, wenn man nichts habe, auf dem man sein Haupt hinlege?

Nun ist auch der Pope Sawelij nicht mehr heimatlos! Jetzt soll auch er sein Hüttlein haben. Aber ach! Es muß gesagt werden, dem Zufall verdankt er das!«

»6. Dezember. Gestern brachte ich das von der Gutsherrin geschenkte Meßgewand in die Sakristei und heute amtierte ich darin. Es paßt mir ausgezeichnet. Sonst, wenn ich die Gewänder meines verstorbenen Vorgängers anlegen mußte, der von sehr kleiner Statur war, erschien ich langer Kerl nicht in aller Herrlichkeit der Kirche, sondern sah aus wie ein Sperling, dem man die Schwanzfedern ausgezupft hatte.«

»9. Dezember. Sonderbar! Der Propst zieht mir ein schiefes Gesicht, aber da ich mir keiner Schuld ihm gegenüber bewußt bin, bin ich ganz ruhig.«

»12. Dezember. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen mir und dem Propst. Weswegen? Wegen des Plodomasowschen Meßgewandes: es sei nicht in der vorschriftsmäßigen Weise nach der Kirche geschaffen worden, – und dann fügte er noch hinzu, es »gingen allerlei Gerüchte, daß Ihr noch etwas von ihr erhalten hättet«. Soll das etwa heißen, daß ich nicht alles, was der Kirche zukommt, abgeliefert habe, sondern etwas davon gestohlen habe?«

»1. Januar. Segne das neue Jahr mit deiner Gnade, Herr, und den Popen Sawelij zu seiner neuen Fahrt in die Gouvernementsstadt. Ich glaube, daß vor diesen Widersachern auch kein Weihwasser schützt.«

»20. Januar. Diese Zeilen schreibe ich in der schmutzigsten Kammer des bischöflichen Hofes, im Seminarflügel. Dem Gouverneur ist mitgeteilt worden, daß mein Subdiakon Lukian den Schismatikern eines ihrer alten Psalmenbücher zurückgegeben hat, welches mit den andern bei der Aufhebung der Dejewschen Kapelle konfiszierten Büchern bei mir in Verwahrung war. Die Begebenheit ist wahr, ich hatte sie aber verheimlicht, erstens weil sie mir unwichtig dünkte, zweitens, weil ich den wahren Grund kannte: die Armut, die den Subdiakon Lukian soweit gebracht hatte. Aber diese Bagatelle wird mir nun als furchtbares Verbrechen angerechnet, ich bin unter Aufsicht gestellt und in die Seminarbrauerei geschickt worden, um Kwas zu brauen.«

»9. April. Ich habe meine Zeit abgebüßt und bin zum häuslichen Herde zurückgekehrt. Tief rührten mich die Tränen meiner Frau, die sich bitter um mich gehärmt hat, aber noch mehr rührten mich die Tränen der Frau des Subdiakon Lukian. Von sich schwieg die gute Frau ganz und dankte nur mir, daß ich für ihren Mann gelitten. Den Lukian selbst hat man in ein entferntes Kloster verbannt, allerdings nur für ein Jahr. Die Frist ist so kurz, daß die Seinen nicht umzukommen brauchen, auch wenn sie nichts zu essen bekommen. Sie kommen so dem lieben Gott näher, wie die Herrn im Konsistorium behaupten.«

»20. April. Der liebenswürdige Zwerg war wieder hier und teilte mir mit, Marfa Andrejewna hätte angeordnet, daß ich alljährlich dreimal – zu St. Nikolai im Sommer, im Winter und zu Epiphanias – aufgefordert werde, in der Kirche von Plodomasowo die Messe zu zelebrieren, wofür mir durch den Verwalter ein Gehalt von 150 Rubel, also 50 Rubel für jede Messe, abgezahlt werden solle. O diese Zufälle! Weiß Gott, ich werde bald anfangen, sie zu fürchten.«

»15. August. Der Glöckner Jewticheitsch ist aus der Gouvernementsstadt zurückgekehrt und hat erzählt, zwischen dem Bischof und dem Gouverneur sei ein Zwist wegen einer gegenseitigen Visite ausgebrochen.«

»2. Oktober. Das Gerücht vom Visitenstreit bestätigt sich. Der Gouverneur hat, wenn er an Staatsfeiertagen dem Gottesdienst im Dom beiwohnt, die Gewohnheit, sich dabei laut zu unterhalten. Da beschloß der Bischof, ihm dies abzugewöhnen und schickte seinen Stabträger zu seiner Exzellenz mit der Bitte, dieselben wollten sich doch anständiger betragen. Der Gouverneur nahm die Botschaft mit sehr hochfahrender Miene entgegen und fing nach kurzer Zeit wieder an, laut mit dem Gendarmenoberst zu sprechen. Diesmal aber unterbrach der Bischof die Liturgie und sagte vernehmlich: »Gut, Exzellenz, ich werde warten. Wenn Sie fertig sind, fahre ich fort.« Ich kann diese Handlungsweise des Bischofs nur billigen.«

»8. November. Ich habe das Epigonation erhalten. Ich weiß nicht, wie ich zu dieser Auszeichnung komme. Soll ich es etwa dem Visitenstreit zuschreiben und dem Umstande, daß der Gouverneur mir nicht grün ist?«

»6. Januar 1837. Wieder eine Neuigkeit! Der Bischof hat zu Neujahr die Tochter des Gouverneurs zurückgewiesen, als sie in Handschuhen zu ihm hintrat, um den Segen zu empfangen. »Zieh erst das Hundefell von deiner Hand,« sagte er ihr.«

»17. März. Der Oberpfarrer von der Epiphaniaskirche kam nachts mit dem Venerabile von einem Kranken und wurde von einer Patrouille auf die Polizeiwache gebracht, – angeblich weil er betrunken war. Am nächsten Tage machte ihm der Bischof einen Besuch im vollen Ornat. O du polackischer Kanzleivorsteher, dieses Stücklein kann dir teuer zu stehen kommen!«

»18. Mai. Der Bischof ist in eine andere Diözese versetzt worden.«

»16. August. Ich war beim neuen Bischof. Er scheint ein verständiger und charakterfester Mann zu sein. Wir sprachen über die Lage der Geistlichkeit und er befahl mir, einen Bericht darüber aufzusetzen. Er sagte, ich wäre ihm von seinem Vorgänger aufs beste empfohlen worden. Dank dir, armer, schmählich geschlagener Alter, für dein gutes Wort!«

»25. Dezember. Ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, wozu ich geboren und berufen bin. Meine Pfarrerin macht mir Vorwürfe, daß ich sogar am heutigen Weihnachtstage arbeite, aber es gibt für mich kein schöneres Vergnügen als diese Arbeit. Ich schreibe meinen Bericht über die Lage der Geistlichkeit mit einer Freude und einer Liebe, die ich gar nicht auszudrücken vermag. Betitelt habe ich die Schrift: »Über die Lage der orthodoxen Geistlichkeit und über die Mittel, durch welche sie zum Nutzen der Kirche und des Staates gebessert werden könnte.« Ich glaube, es ist gut so. Nie noch habe ich mich so glücklich und so stolz gefühlt, so gütig und so reich an Kraft und Verstand.«

»1. April. Mein Bericht ist dem Bischof eingereicht. Meine Pfarrerin meinte, ich hätte es heute nicht tun sollen; denn der erste April sei ein trügerischer Tag. Wollen sehen.«

»10. August. Ich bin Oberpfarrer geworden.«

»4. Januar 1839. Heute kam ein Schreiben aus dem Konsistorium und mein ahnungsvolles Herz schlug freudig, – aber es bezog sich nicht auf meinen Bericht, sondern meldete nur, daß mir das Brustkreuz verliehen sei. Vielen, vielen Dank. Aber das Schicksal meines Berichts bekümmert mich doch.«

»8. April. Ich bin zum Propst ernannt. Von meinem Bericht ist immer noch nichts zu hören. Ich weiß nicht, wie man diese Posaunen zum Tönen bringen soll.«

»10. April 1840. Nun bin ich schon ein Jahr Propst. Von meinem Bericht ist immer noch nichts zu vernehmen. Der Aberglaube der Pfarrerin ist doch nicht so unvernünftig. Heute machte sie mich wieder lachen: sie meinte, ich hätte meine Sache vielleicht sehr gut geschrieben, aber nicht richtig unterschrieben.«

»20. Juni 1841. Ich ging trocken mitten durch das Meer und ward gerettet von der Ägypter Bosheit, darum will ich lobsingen dem Herrn, solange ich lebe … Was hat sich mit mir begeben? Was habe ich erdulden müssen und wie bin ich nach alledem wieder an Gottes Tageslicht gekommen? Neugierig bin ich, was du wohl tun magst, du Dichter von Fabeln, Balladen, Erzählungen und Romanen, wenn du in dem Leben, das dich umgibt, keine Fäden zu entdecken behauptest, die es wert wären, in deine vergnüglich zu lesende Fabel geflochten zu werden? Oder kümmert dich, der du der Menschen Sitten zu bessern dich vermissest, jenes wirkliche Leben gar nicht, das die Erdenmenschen leben, sondern suchest du nur nach einem Vorwand zu leerem Geschwätz? Ist dir bekannt, was für ein Leben ein russischer Pope führt; dieser »unnütze Mensch«, den man deiner Meinung nach vielleicht unnötigerweise herbeirief, deinen Eintritt ins Leben zu begrüßen, und den man abermals – auch wider deinen Willen – rufen wird, daß er dich zum Grabe geleite? Weißt du, daß das elende Leben dieses Popen nicht arm ist, sondern überreich an Nöten und Abenteuern, – oder meinst du, daß seinem Weihrauchherzen edle Leidenschaften fremd sind und daß es keine Schmerzen empfindet? Oder willst du von deiner Dichterhöhe mich, den Popen, deiner Aufmerksamkeit überhaupt nicht würdigen? Oder wähnst du, meine Zeit sei schon vorbei, und das Land, das dich und mich geboren und aufgezogen, brauche mich nicht mehr? O du Blinder, sage ich, wenn du das erste denkst; o du Narr, sage ich, wenn du das zweite denkst und dich bemühst, nicht mich aufzurichten und zu beleben, sondern einen Stein auf mich zu wälzen und des Erstickenden zu spotten.

Aber ich wende mich vom Philosophieren zu jener Begebenheit, die mich philosophieren gemacht hat.

Ich bin nicht mehr Propst und hätte fast auch mein Priesteramt verloren. Wofür? Dafür! Ich will die ganze Geschichte ausführlich erzählen. Im März dieses Jahres besuchte der Gouverneur auf der Durchreise unsere Stadt, aus welchem Anlaß der Adelsmarschall ein Fest gab. Ich benutzte diese Gelegenheit, um mich beim Gouverneur über die Gutsherren zu beschweren, welche ihre Bauern mit Arbeiten auch an Sonntagen und sogar an den zwölf großen Festtagen überhäufen, so daß das arme Volk noch ärmer wird, denn in vielen Dörfern ist jetzt weder Roggen noch Hafer zu finden. … Kaum aber hatte ich dieses Wort »Hafer« ausgesprochen, als der hohe Herr in heftigen Zorn geriet, von mir abrückte, als wäre ich ein giftiges Tier, und schrie: »Was kommt Ihr mir mit Eurem Hafer auf den Hals?« Und dann ging es los: ich bin dies und das und jenes, – und zuletzt: »Ich bin doch nicht der heilige Nikolaus, ich handle nicht mit Hafer!« Das konnte ich nicht dulden und erwiderte: »Ich muß Eure Exzellenz, als eine mit den Glaubenslehren wenig bekannte Persönlichkeit, vor allem darauf aufmerksam machen, daß St. Nikolaus Bischof war und keinerlei Handel trieb. Ferner aber müßten Sie wissen, daß unser rechtgläubiges Volk der Priester und Diakonen bedarf, denn das ist bisher das Einzige, was wir noch nicht von den Deutschen übernommen haben.« Der Gouverneur lachte boshaft und sagte: »Nur keine Furcht, Herr Pfarrer, wenn der Pfuhl erst da ist, kommen die Teufel von selbst.« Diese letzte Rede war für mich bitterer als die erste. Wer sind diese Teufel, und was meint dein Schandmaul mit dem Pfuhl? So dachte ich im Zorne und konnte nicht stillschweigen, sondern sagte zu dem Herrn, daß ich aus Achtung vor meinem Amte ihn auch diesmal nicht als Teufel bezeichnen wolle. Und was war die Folge? Heute bin ich Propst gewesen, und ich danke dir, Herr, mein Gott, daß ich nicht auch des Priesteramtes beraubt und exkommuniziert bin. Nein, solche Dinge mögt ihr modernen Geschichtenschreiber nicht behandeln. Ihr denkt nicht daran, den Leuten zu erzählen, wie schwer mir ums Herz ist.«

»3. September. Das Herbstwetter stimmt mich unsagbar trübe. Ich war gewohnt, immer in Tätigkeit zu sein, und nun quält mich das Nichtstun. Ich treibe die Torheit schon so weit, daß ich oft insgeheim, wenn meine Gattin es nicht sehen kann, still für mich weine.«

»27. Januar 1842. Ich habe mir bei einem Juden für sieben Rubel eine Spieldose und ein Damespiel gekauft.«

»18. Mai. Ich habe mir einen Zeisig angeschafft und lehre ihn zur Spieldose singen.«

»2. März 1845. Drei Jahre sind vergangen, ohne daß sich in meinem Leben etwas geändert hätte. Ich habe mein Haus bestellt und in den Kirchenvätern und Geschichtschreibern gelesen. Zu zwei Schlüssen bin ich gekommen und möchte sie gerne beide für falsch halten. Der erste ist, daß das Christentum in Rußland überhaupt noch gar nicht gepredigt worden ist, und der zweite, daß die Ereignisse sich wiederholen und man sie voraussagen kann. Über den ersten Schluß redete ich einmal mit meinem sehr verständigen Amtsbruder, dem Vater Nikolaus, und war sehr erstaunt, wie er das aufnahm und mir beistimmte. »Ja,« sagte er, »das ist unbestreitbar, wir werden in Jesu Namen getauft, aber wir nehmen Jesum nicht in uns auf.« Also bin ich es nicht allein, der das sieht, andere sehen es auch. Warum erscheint es aber ihnen allen nur lächerlich, während es mich bis aufs Blut peinigt.«

»Neujahr 1846. Es sind mehrere Polen zu uns in die Verbannung geschickt. Über das Schicksal meines Berichts ist mir noch immer nichts bekannt. Ich interessiere mich lebhaft für die politischen Wirren, die im Westen im Anzuge sind und habe in Anbetracht dessen eine politische Zeitung abonniert.«

»6. Mai 1847. Es sind noch zwei neue Polen zu uns gekommen, der Pater Aloysius Konarkiewicz und Pan Ignacij Czemernicki. Letzterer ist noch ein ganz junger Mann, aber bereits eine komplette Kanaille. Unsere Stadthauptmannsfrau, die ja selber Polin ist, hat sich mit einem ganzen Schwarm von Landsleuten umgeben und begünstigt letzteren vor allen anderen.«

»20. November. Ich bemerke etwas ganz Erstaunliches und Unbegreifliches. Die Polen werfen sich bei uns geradezu zu Herren auf. Man kann durch sie bei der Gouvernementsverwaltung alles erreichen, denn der Czemernicki erweist sich als intimer Freund jenes Kanzleivorstehers, den ich in so guter Erinnerung habe.«

»5. Februar 1848. Was ich mein Lebtag nicht hatte tun wollen, habe ich jetzt getan. Ich habe mich über die Polen beschwert, denn ihr Benehmen übersteigt jegliches Maß. Nicht genug, daß sie sich seit langem schon öffentlich über die Zeitungsmeldungen lustig machen und behaupten, es sei gar nicht so, wie die Blätter berichteten, sondern gerade umgekehrt: nicht wir schlügen die Feinde, sondern wir würden geschlagen, – sie gehen auch schon von bloßen Worten zu Taten über. Bei der Totenmesse für die gefallenen Krieger erhoben sie mit der Stadthauptmannsfrau ein derart unziemliches Gelächter, daß der Oberpfarrer einen Kirchendiener zu ihnen schickte mit der Bitte, sich entweder ruhig zu verhalten oder die Kirche zu verlassen, worauf sie lächelnd hinausgingen. Und als wir mit dem Klerus nach Beendigung des Gottesdienstes am Kolonialwarenladen der Gebrüder Lialin vorübergingen, trat einer von den Polen mit einem Glase Punsch in der Hand vor die Tür und rief, die Stimme des Diakons nachahmend: »Mir noch 'nen Heißen!« Ich begriff, daß es eine Verspottung des »Kyrie eleison« sein sollte, und habe es in meiner Beschwerde auch so erwähnt.«

»1. April. Abends. Meine Beschwerde über das Benehmen der Polen hat, so scheint es, wenn auch spät, doch eine gewisse Wirkung gehabt. Heute früh kam der Chef der Gendarmen in die Stadt und berief mich zu sich und fragte mich lange nach allen Einzelheiten. Ich erzählte ihm, wie es gewesen, und er teilte mir mit, daß all diesen polnischen Gemeinheiten bald ein Ende gemacht werden solle. Ich fürchte nur, daß alles dies wieder mal, recht zum Possen, am ersten April gesagt sein wird. Ich fange an zu glauben, daß dieser Tag wirklich ein trügerischer Tag ist.«

»7. September. Der erste April scheint diesmal doch nicht getrogen zu haben. Konarkiewicz und Czemernicki sind beide in die Gouvernementsstadt versetzt worden.«

»25. November. Unser Stadthauptmann nebst Gemahlin haben uns verlassen. Er ist zum Polizeimeister in der Gouvernementsstadt ernannt worden. Die Strafe ist noch zu ertragen.«

»5. Dezember. Der neue Stadthauptmann ist angekommen. Er nennt sich Hauptmann Mratschkowskij. Der Name kommt vom Worte »mrak« – die Finsternis. O Herr, Du allein weißt, wann auch etwas vom Licht zu uns kommen wird!«

»9. Dezember. Heute war ich beim neuen Stadthauptmann zum Frühstück. Liebenswürdig sind sie beide, er sowohl wie die Gattin. Nachdem er gehörig getrunken hatte, sang er uns vor: »Denkst du daran, mein tapfrer Kampfgenosse?« Und sein Söhnchen, ein munterer Bub in einem russischen Hemd, sang auch: »Heil dir, Meister Frost, bist ein wackrer Russe!« Das sind mir doch Neuigkeiten! Aus dem Gespräch mit besagtem Mratschkowskij ist mir vor allem die Geschichte von einem Professor der Moskauer Universität bemerkenswert, der seinen Abschied erhalten haben soll, weil er in einer Festrede gesagt hatte: »Nunquam de republica desperandum«, – was bedeuten sollte: man darf niemals am Staat verzweifeln. Aber ein Kanzleiweiser legte es so aus, er hätte sagen wollen, man dürfe nie an der Republik verzweifeln. Daraufhin ward der Professor gebeten, sein Entlassungsgesuch einzureichen. Es ist kaum glaublich.«

»20. Dezember. Nein, der erste April ist nicht nur trügerisch, sondern auch rätselhaft. Ich will hier nicht alles erzählen, was mir bei meiner diesmaligen Fahrt nach der Gouvernementsstadt widerfuhr; nur das eine sei gesagt, daß ich beschimpft und geschmäht worden bin in jeder Weise. Es fehlte nur noch, daß sie mich für meine Beschwerde geschlagen hätten. Ich weiß nicht, wem ich es zu verdanken habe, da er selbst auf mich losfuhr und mich anschrie, man hätte meine Ränke schon satt; ich vermochte nichts zu erwidern, denn so wie ich nur die Lippen bewegte, hieß es gleich: »Schweig!« So mußte ich alles hinunterschlucken und bin nun wieder daheim. Wie eine Henne, die man mit Nesseln verprügelte. Nur das eine begreife ich nicht: warum erklärt man meine Tat, die ja vielleicht unvorsichtig war, durch nichts anderes, durch meine Unbildung oder durch mein Ungeschick, sondern – was meint ihr wohl? – durch Mißgunst! Weil nämlich jene Polen mich nicht in ihre Gesellschaft aufgefordert und mich nicht trunken gemacht, – obzwar ich, Gott sei gelobt, niemals ein Trinker gewesen. Von diesem Geringen auf das Große schließend, gedenke ich der Worte der französischen Jungfrau Charlotte Corday d'Armont, welche sie in ihrem letzten Brief vor ihrer Hinrichtung schrieb, daß sich nämlich »unter den neuen Völkern wenig Patrioten fänden, welche die einfache patriotische Leidenschaft verstehen und an die Möglichkeit, ihr Opfer zu bringen, glauben können. Überall nur Egoismus und alles wird durch ihn erklärt.« Wenn ich nur unsere Leute sehe, so bin ich geneigt, Charlotte Corday d'Armont recht zu geben, richte ich meinen Blick dann aber auf die Polen, denen jeder Zugvogel ein Lied von der Heimat singt, oder auf unsere Altgläubigen, die trotz allen Kränkungen und Unterdrückungen nicht aufhören, ihr russisches Land zu lieben, dann muß ich ihr widersprechen und behaupten, es gibt doch noch Vaterlandsliebe unter den Menschen. So weit kommt man auf seine alten Tage, daß man sogar an den Polacken etwas zu loben findet! Allein ich will mich fortan an das Wort halten, das ich neulich so viele Male zu hören bekam: »Schweig!« Nunquam de republica desperandum.«

»2. Januar 1849. Ich bin bei allen Altgläubigen gewesen und habe mir die Silberlinge herausschicken lassen. Ich kann mich dem nicht mehr widersetzen, allein es tut mir hin und wieder bitter weh. Ich mußte es aber tun, damit meine Pfarrerin nächstens nicht noch zur Subdiakonsfrau wird, denn nach dem, was ich erlebt habe, ist alles möglich.«

»1. Januar 1850. Das Jahr ist still und friedlich dahingegangen. Ich habe meine Wohltäterin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, zu Grabe getragen. Sie starb, nachdem sie fünf Kronenträger überlebt hatte: Elisabeth, Peter, Katharina, Paul und Alexander; mit zweien von ihnen hat sie auf Gesellschaften getanzt. Nächstes Jahr will ich einen Anbau an mein Häuschen machen, denn ich bin einer Schwäche verfallen: ich finde viel Vergnügen am Preferance-Spiel und habe mir aus Langerweile das Rauchen angewöhnt, das macht neue Ausgaben. Anfangs rauchte ich nur spaßeshalber beim Stadthauptmann, aber jetzt habe ich mir auch zu Hause allen Zubehör angelegt. Eigentlich sollte ich es lassen.«

»10. Januar 1857. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Sieben Jahre lang keine einzige Zeile hier hineingeschrieben. Mein Leben ist seltsam, denn es ist ein sattes und behagliches geworden. Ich las eben alles nach, was ich seit dem Tage meiner Ordination eingetragen. Es ist bemerkenswert, wie so ganz anders ich in diesen Jahren die Dinge betrachten gelernt habe. Ich kämpfe nicht mehr, belästige niemand und werde von keinem belästigt. Steter Tropfen höhlt den Stein!«

»20. Oktober. An Stelle unseres entschlafenen Diakons, des sanften Prochor, ist aus der Gouvernementsstadt ein neuer Diakon eingetroffen, namens Achilla Desnitzyn. Dieser ist größer und dicker als wir alle. Wenn man seine Physiognomie und seine Statur betrachtet, muß man die Schöpferkraft der Natur bewundern. Am meisten aber gefällt mir an dem Manne seine Gutmütigkeit. Er zeigte mir die Abschrift seines Zeugnisses aus dem Seminar, in dem geschrieben stand: »Sittliches Verhalten gut, aber sehr tragfähig.« Was bedeutet denn das? fragte ich. »Ach, nichts von Belang,« erklärte er, »als ich wegen Fieber im Seminarlazarett lag, trug ich den kranken Theologen heimlich Schnaps zu. Und zwar in gehöriger Quantität.««

»7. Dezember. Der Subdiakon Sergej macht mich darauf aufmerksam, daß unser neuer Diakon Achilla ein wenig vorlaut ist: aus falschem Ehrgeiz gibt er vielen Betern vom Lande heimlich den priesterlichen Segen. Ich habe ihm gesagt, daß er sich das in Zukunft nicht unterstehen dürfe.«

»15. August. Auf einem Festmahl beim Stadthauptmann kam es fast zu einem Skandal, wieder durch einen Streit um den Verstand, und das erinnerte mich an den alten Streit, der mich einst so lachen gemacht. Der Diakon Achilla und der Arzt stritten über mich. Der Arzt leugnete meinen Verstand, der Diakon pries ihn himmelhoch. Auf ihren Lärm und besonders auf das Geschrei des Arztes kamen wir ins Zimmer und sahen den Arzt hoch oben auf dem Schranke sitzen und verzweifelt mit den Beinen strampeln und stoßen. Achilla aber saß seelenruhig mitten im Zimmer in einem Lehnstuhl und meinte: »Nehmt ihn bitte nicht herunter, ich habe ihn sozusagen an Wasserflüssen Babylons an die Weiden gehängt für seine Widerspenstigkeit.« Ich konnte mich des Lachens kaum erwehren, hielt aber dem Diakon eine ordentliche Strafpredigt und sagte ihm, Gewalt sei kein Beweis. Er aber machte mir dafür eine tiefe Verbeugung und wandte sich hierauf zum Arzte: »Nun? Jetzt siehst du's wohl selbst, daß er der Justizminister ist.« Es ist wunderbar, wie dieser kosakische Diakon es gleichsam fühlt, daß ich ihn von ganzem Herzen liebhabe. Ich weiß selbst nicht warum. Aber er hat mich auch lieb.«

»25. August. Welch große Freude! Die katholische Geistlichkeit in Litauen hat Nüchternheitsvereine gegründet: sie predigen gegen die Trunksucht, und die Trunksucht läßt nach. Die Leute kommen zur Vernunft und die Blutsauger, die Branntweinpächter, platzen. Ach, wie gern würde ich auch in dieser Art predigen!«

»5. September. In einigen orthodoxen Gemeinden ist dasselbe versucht worden. Ich fürchte, ich halt's nicht aus und sage ein Wort! Aber da ich ohne Zensur nicht predigen darf, so will ich eine schlaue Intrige einfädeln und einen Mäßigkeitsverein gründen. Was soll man machen, notgedrungen folgt man dem Beispiel des Ignatius Loyola, wenn man auf geradem Wege nicht gehen darf.«

»7. Oktober. Wir haben die Statuten unseres Vereins entworfen, aber bestätigt ist er noch nicht. Dagegen schreibt man, daß der Branntweinpächter sich bei dem Minister über die Prediger beklagt habe, welche das Volk vom Trinken abhalten. O du freche Kanaille! Wagst es noch zu klagen, und noch gar dem Minister gegenüber!«

»20. Oktober. Eine wahnsinnige Nachricht! Die Zeitungen melden, im Juli dieses Jahres hätten die Branntweinpächter beim Minister des Innern über die orthodoxen Geistlichen, welche das Volk zur Nüchternheit anhalten, Beschwerde geführt, und der Herr Minister hätte sie dem Oberprokurator des Heiligen Synods weitergegeben, welcher geantwortet hätte, daß der Synod den Geistlichen seinen Segen gebe, an dem verdienstlichen Werke des Kampfes gegen den Mißbrauch berauschender Getränke nach Kräften mitzuwirken. Aber die Pächter gaben sich nicht zufrieden und petitionierten noch einmal um Aufhebung der Verordnung des Heiligen Synods. Hierauf soll der Finanzminister dem Oberprokurator des Heiligen Synods mitgeteilt haben, daß ein völliges Verbot des Gebrauchs geistiger Getränke nicht zulässig sei, wenn es durch religiöse Drohungen, die stark auf das Gemüt des einfachen Mannes wirken, und durch Ablegung von Gelübden durchgesetzt werde, weil dieses nicht nur der allgemeinen Anschauung von dem Nutzen eines mäßigen Weingenusses widerspreche, sondern auch gegen die gesetzlichen Verordnungen verstoße, auf Grund deren die Regierung die Schanksteuern verpachtet habe. Infolgedessen soll eine Verordnung getroffen worden sein, die Beschlüsse der Stadt- und Landgemeinden bezüglich der Branntweinverbote aufzuheben und keinerlei Gemeindeversammlungen in dieser Angelegenheit mehr zuzulassen. Sauf, mein armes Volk, sauf dich zu Tode!«

»8. November. Am Tage des Anführers aller heiligen und himmlischen Heerscharen, des Erzengels Michael, ward mir von der hohen Obrigkeit eine ellenlange Nase zuteil. Nicht nur von dem verbrecherischen Plan der Gründung eines Mäßigkeitsvereins hätte ich lassen sollen, sondern auch predigen dürfte ich nicht darüber, in Anbetracht von diesem und jenem und aus solchen Erwägungen und derartigen Rücksichten … bloß der einfache Nutzen der Menschheit zählt nicht mit … Aber habe ich nicht schon genug davon geschrieben? Soll ich denn immer nur meine eigene Schmach zu Papier bringen?«

»1. Januar 1860. Sogar den Jahresbeginn lasse ich jetzt unbeachtet! Wie heiß faßte ich früher alles auf und wie gleichgültig bin ich jetzt geworden. Meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna sagt freilich, ich wäre auch heute noch geradeso wie einst, aber wie könnte das sein! Ihr mag das mitunter wohl so vorkommen, denn auch sie hat mittlerweile das Alter der Mutter Sarah erreicht, ich aber sehe das besser … Der Leib ist gesund und sogar fett, aber was nutzt das, wenn die Seele schon gleichsam mit einer Rinde zu bewachsen beginnt.«

»27. März. Frühlingslüfte wehen und die Wasserbäche stürzen von den Hügeln. Der Diakon Achilla bringt schon seine Sättel in Ordnung und wird bald wieder als Steppenkirgise dahersprengen. Wohl ihm, daß er sich die Zeit so vertreiben kann.«

»23. April. Achilla erschien heute mit Sporen, die er sich für seine Spazierritte eigens von Pizonskij hatte anfertigen lassen. Schlimm, daß er in Nichts Maß zu halten versteht und jedes Ding gleich bis zum Äußersten treiben muß. Um ihn sofort in seine Schranken zu weisen, brach ich mit einem einzigen Tritt die Sporen von den Stiefeln des Achilla ab und verbot ihm zur Strafe für diese Albernheit das Reiten für dieses ganze Jahr. Somit muß er mir jetzt Buße tun. Was soll man aber machen, wenn er nicht anders gebändigt werden kann? Er ist imstande und gürtet sich nächstens noch ein Schwert um.«

»14. September. Der Subdiakon Sergej kam heute angeblich nach einer Bütte zu Sauerkraut und erzählte mir dabei scheinbar ganz von ungefähr, daß diesen Abend in der Scheune der Ziegelei ein zugereister Komödiant einen Riesen und Kraftmenschen vorführe, und der Diakon Achilla der Vorstellung beiwohnen wolle. Einen gemeinen und hinterhältigen Charakter hat dieser Sergej.«

»Am 15ten. Ich habe mir die Vorstellung angesehen. Ohne selbst gesehen zu werden, schaute ich durch eine Ritze im Hintertor. Achilla war wirklich da, aber nicht bloß als Zuschauer, sondern sozusagen als Mitwirkender. Er erschien in einem mächtigen Schafpelz, dessen Kragen hochgeschlagen war, und hatte ein gemustertes Tuch umgebunden, das seine Haare und den größten Teil des Gesichts bis an die Augen verdeckte. Ich erkannte ihn sofort, was nicht schwer war, weil er, als der vom Komödianten vorgeführte Riese und Athlet in fleischfarbenem Trikot erschien, in jeder Hand ein Fünf-Pud-Gewicht, und damit, ein wenig schwankend, die Bänke entlang wanderte, sich so weit vergaß, daß er mit seiner gewöhnlichen Stimme laut rief: »Was ist denn an all dem so Wunderbares?« Als hierauf der Riese in frechem Ton fragte, ob jemand mit ihm ringen wolle, und sich keine Liebhaber für solch einen Wettstreit fanden, trat Achilla, das Gesicht tief in das gemusterte Tuch vergrabend, vor und griff den Riesen an. Ich meinte, ihre Knochen müßten zerbrechen. Aber endlich überwand Achilla jenen hochmütigen Deutschen, und nachdem er ihm die Beine kreuzweis übereinandergelegt, wie man in feinen Häusern die gebratenen Poularden serviert, nahm er jene zehn Pud und den Kraftmenschen selber und begann mit dieser ganzen Last vor dem Publico auf- und abzugehen. Alles schrie »Bravo!« Am wunderbarsten aber war das Finale, das mein guter Achilla zum besten gab. »Meine Herrschaften,« wandte er sich ans Publikum, »vielleicht fällt es jemandem ein, zu behaupten, ich wäre wer anders. Bitte seid so gut und spuckt dann dem Kerl ins Gesicht, denn ich bin bloß der Kleinbürger Iwan Morozow aus Sewsk.« Als ob ihn jemand um diese Erklärung gebeten hätte. Aber mir war das doch immerhin eine recht heitere Zerstreuung. Ach, wie geht unser Leben dahin! Wie ist es schon hingegangen! Als ich von der Schaustellung wieder heimging, kamen mir Tränen in die Augen – ich weiß selbst nicht weshalb. Ich fühlte nur das eine, daß etwas da ist, das ich beweinen muß, wenn ich an die kühnen Pläne meiner Jugend denke und sie mit dem weiteren Verlauf meines Lebens vergleiche! Als mir einst jene große Kränkung widerfuhr, da träumte ich, ich könnte immer noch ein würdig Leben führen, nicht im Wirken nach außen, sondern in stiller Arbeit an der eigenen inneren Vervollkommnung; aber ich bin kein Philosoph, sondern ein Bürger; mir ist das nicht genug: ich plage mich und leide ohne Tätigkeit, und darum kann ich die Lebhaftigkeit meines lieben Achilla nicht immer verurteilen. Gott verzeihe ihm und segne seine entzückende Herzenseinfalt, in der ihn alles erfreut und erheitert. Dem Subdiakon Sergej habe ich gesagt, er hätte gelogen, und ich habe ihm verboten, noch weiter gegen den Achilla zu hetzen. Ich fühle, daß ich mit aller Schwäche eines Vaters diesen guten Menschen liebgewonnen habe.«

»14. Mai 1861. In was für seltsame Dinge kann den Menschen sein Leichtsinn verwickeln! Als ob wir nicht auch ohne den Diakon Achilla Hansnarren genug hätten. Der Stadthauptmann wollte bei seinem Schwiegervater, dem Verwalter der fürstlichen Güter Glitsch, ein Pferd für sein Sechsgespann kaufen, welches dieser aber nicht zu verkaufen gedachte. Da haben sie gewettet, daß der Stadthauptmann in den Besitz des Pferdes gelangen werde. Darauf hat der Stadthauptmann einen beschäftigungslosen Kleinbürger, namens Danilka, den sie hier den Kommissar nennen, für zwei Rubel gedungen, ihm das Pferd beim Herrn Glitsch zu stehlen. Einen zum Diebstahl anzustiften paßt sich vorzüglich für einen Stadthauptmann – sei es auch nur im Scherz. Was aber das Tollste war: mein Achilla erbot sich, dem Danilka bei dieser Sache zu helfen. Wieder war es der Subdiakon Sergej, der mir davon Mitteilung machte, und ich ließ den Achilla rechtzeitig zu mir kommen, um ihn für diesen Tag unter Aufsicht meiner Natalia Nikolajewna, für die er Butter schlagen mußte, zu stellen; nachts jedoch ließ ich ihn in meiner Stube auf dem Fußboden schlafen, und, damit er sich nicht davonmachen könne, verwahrte ich seine Kleider und Schuhe bis zum Morgen unter Schloß und Riegel. Heute früh aber wurden wir durch einen großen Lärm aufgeweckt: Nach dem Hause des Stadthauptmanns jagte ein mit drei Pferden bespannter Leiterwagen, in dem der Kommissar Danilka zwischen zwei Bauern saß und wie ein Wahnsinniger schrie. Wir gingen hinaus, um zu erfahren, aus welchem Grunde er so brüllte, und sahen, wie man dem Danilka die Hosen herunterzog, die ganz mit Nesseln vollgestopft waren. Es stellte sich heraus, daß der Herr Glitsch ihn ertappt und zur Strafe in die Nesseln gesetzt hatte, worauf die Gutsknechte ihn zu dem zurückgeschafft hatten, der ihn ausgesandt. Ich fragte den Diakon, wie ihm wohl zumute gewesen wäre, wenn er das Schicksal des Danilka hätte teilen müssen? Er erwiderte, das hätte ihm nicht passieren können. Wenn selbst ihrer zehn über ihn hergefallen wären, würde er sich ihnen nicht ergeben haben. »Nun, und wenn es zwanzig gewesen wären?« fragte ich. »Ja, mit zwanzig,« meinte er, »wär' ich auch nicht fertiggeworden,« und erzählte, wie er einmal als Schüler mit seinem Bruder zu den Ferien nach Hause gewandert wäre und sie gleichzeitig mit einer vorüberziehenden Abteilung Soldaten einen Holderstrauch mit ein paar Zweigen voller Beeren bemerkt, sich auf diese doch fast zu nichts zu gebrauchenden Beeren gestürzt hätten – Achilla und sein Bruder und an die vierzig Soldaten. »Es kam,« sagte er, »zwischen uns zu einem gewaltigen Handgemenge und mein Bruder Finogescha blieb für tot liegen.« Wie naiv und einfach das ist! Jede seiner Geschichten ist ein Ereignis! Das Leben ist ihm wirklich keinen Heller wert!«

»29. September 1861. Aus der Gouvernementsstadt ist der Sohn der Hostienbäckerin von St. Nikita, der Marfa Nikolajewna Prepotenskaja, Warnawa, hier eingetroffen. Er hat das Seminar als einer der ersten absolviert, aber nicht Geistlicher werden wollen und ist jetzt als Rechenlehrer an der hiesigen Kreisschule angestellt. Auf meine Frage, warum er den geistlichen Stand verschmäht habe, antwortete er kurz, er wolle kein Betrüger ein. Ich konnte diese dumme Antwort nicht ungerügt lassen und sagte ihm, er sei ein Narr. Aber so gering ich auch diesen Menschen und alle seine Meinungen achte, seine Antwort hat mir doch weh getan, wie der Stich einer giftigen Wespe.«

»27. Dezember. Achilla legt mitunter einen derartigen Leichtsinn an den Tag, daß man in seinem eigenen Interesse hart gegen ihn sein muß. Der schon mehrfach erwähnte Konstantin Pizonskij bat ihn jüngst, er möge den Knaben, den der arme Alte bei sich aufgenommen und großgezogen, ein recht schönes Gedicht lehren, mit dem das Kind den Bürgermeister zum Weihnachtsfest beglückwünschen könne, – Achilla hat sich gleich dazu bereit erklärt und dem Buben folgende Verse beigebracht:

Heute ward unser Heiland geboren. Herodes hat den Verstand verloren. Herr Bürgermeister ehrenwert, Werd' Euch von Gott das gleiche beschert!

Nein, man muß ihn mit mehr Strenge behandeln.«

»1. Januar 1862. Der Arzt hat in Erfüllung seiner Amtspflicht die Leiche eines plötzlich Verstorbenen geöffnet, und der Lehrer Warnawa Prepotenskij ist mit mehreren Schülern der Kreisschule zur Sektion gekommen, um sie mit den Grundbegriffen der Anatomie bekannt zu machen. In der Klasse hat er sie später gefragt: »Habt ihr den Körper gesehen?« – »Ja,« sagten die Knaben. – »Und die Knochen habt ihr gesehen?« – »Die Knochen auch.« – »Habt ihr alles gesehen?« – »Alles.« – »Habt ihr auch die Seele gesehen?« – »Nein, die Seele haben wir nicht gesehen.« – »Nun, wo ist sie denn?« Und so bewies er ihnen, daß es keine Seele gäbe. Ich machte den Inspektor konfidentiell darauf aufmerksam und sagte, daß ich bei der nächsten Direktorenrevision bestimmt die Rede darauf bringen würde.

Nun bist du wieder nötig geworden, armer Pope! Du hast mit den Altgläubigen Krieg geführt und bist mit ihnen nicht fertig geworden; du hast mit den Polen gekämpft und kriegtest sie nicht klein. Jetzt sieh zu, was du mit dieser Narretei anstellst, denn da wächst schon die Frucht deiner Lenden auf. Wirst du damit fertig werden? Zähl's doch an den Knöpfen ab!«

»9. Januar. Ich bin an der Grippe erkrankt und kann das Haus nicht verlassen. Die Religionsstunden in der Kreisschule gibt Vater Zacharia an meiner Statt. Gestern kam er verwirrt und verstört zurück und erklärte unter Tränen, er könne mich in der Schule nicht länger vertreten. Die Ursache ist folgende: in der vorletzten Stunde hatte Vater Zacharia in der dritten Klasse von der göttlichen Vorsehung gesprochen, und heute prüfte er die Jungen daraufhin. Da sagt ihm plötzlich ein Schüler, der Sohn des Kolonialwarenhändlers Lialin, Alioscha, ein sehr begabter Bub, er »könne Gott den Schöpfer wohl gelten lassen, aber Gott den Fürsorger erkenne er nicht an«. Erstaunt ob einer solchen Antwort, fragte Vater Zacharia, worauf der junge Theologe seine Anschauung denn begründe, – und jener erwiderte darauf, daß in der Natur sehr viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu finden sei; er wies dabei vor allem auf den Tod hin, der für den Sündenfall eines einzigen ungerechterweise dem ganzen Menschengeschlecht auferlegt sei. Vater Zacharia, der diese freche Antwort nicht unerwidert lassen konnte, fing nun an, den Jungen zu erklären, daß wir, angesichts der Unvollkommenheit unserer Vernunft, über diese Dinge nicht gut urteilen könnten, und unterstützte seine Worte mit dem Hinweis, daß, wenn wir in unserer Sündhaftigkeit ewig wären, auch die Sünde und mit ihr alles Schlechte und Böse ewig sein müßte, – und, um die Sache noch deutlicher zu erläutern, fügte er hinzu, daß dann auch der blutgierige Tiger und der grimmige Hai ewig sein müßten, und überzeugte sie damit denn auch alle. Aber in der zweiten Stunde, als Vater Zacharia in der unteren Klasse war, kam derselbe Bub dort hinein und widerlegte den Vater Zacharia vor all den Kleinen, indem er sagte: »Was könnten der Tiger und der Hai uns denn anhaben, wenn wir unsterblich wären?« Vater Zacharia fand in seiner Gutmütigkeit und bei seinem Mangel an Schlagfertigkeit keine andere Antwort als: »Darüber haben sich schon klügere Leute als du und ich den Kopf zerbrochen.« Das ging aber dem alten Manne so nahe, daß er wohl eine Stunde bei mir geweint hat. Und ich muß zum Unglück immer noch krank sein und kann nicht aus dem Hause, um diesem Unfug zu steuern, hinter dem sicher der Lehrer Warnawa steckt.«

»13. Januar. Wie gut ich's erraten habe! Alioscha Lialin hat von seinem Vater für seine Freigeisterei die wohlverdienten Prügel bekommen und unter Tränen gestanden, daß der Lehrer Prepotenskij ihn jene Frage und die spätere Antwort gelehrt habe. Ich bin ganz entrüstet, aber unser Arzt meint, ich dürfe das Haus noch nicht verlassen, denn ich hätte eine Rezidiv-Angina, und könnte leicht den Weg ad patres finden. Was ich doch noch nicht möchte. Ich habe dem Inspektor geschrieben. Als Antwort erhielt ich die Mitteilung, dem Prepotenskij sei auf meine Beschwerde hin ein Verweis erteilt worden. Jawohl, ein Verweis! Der die Geister verwirrt, der sich an den Kleinen versündigt, den ehrenwertesten, sanftmütigsten, man kann wohl sagen: musterhaftesten Diener des Altars kränkt – erhält einen Verweis! Und wenn ein hungernder Subdiakon ein altes Psalmenbuch gegen ein neues eintauscht, wird seine Familie für ein ganzes Jahr des Ernährers beraubt … O du arglistiges Geschlecht! …«

»27. Ich bin in der größten Aufregung. Mit dem abscheulichen Warnawa ist kein Auskommen. In der Stunde erzählte er neulich, daß der Prophet Jonas unmöglich vom Walfisch verschluckt werden konnte, denn dieses riesengroße Tier hätte doch eine sehr enge Gurgel. Ich kann das unmöglich dulden, aber ich wage es nicht, mich beim Direktor zu beschweren, denn am Ende läuft es wieder auf einen flüchtigen Verweis hinaus.«

»17. Februar. Prepotenskij bringt mich ganz aus der Fassung. Ich kann ihn nach dem, was er sich jetzt wieder erlaubt hat, kaum noch für einen Menschen halten, und habe darüber nicht seinem Direktor, sondern dem Adelsmarschall Tuganow Bericht erstattet. Was mir von diesem alten Voltairianer kommen wird, weiß ich nicht, aber immerhin ist er ein bodenständiger Mensch und kein Mietling und wird daher vielleicht ein Einsehen haben. Warnawka treibt Dinge, wie sie nur der Wahnsinn einem eingeben kann. Weil der Lehrer Gonorskij erkrankt ist, hat Prepotenskij zeitweilig den Geschichtsunterricht übernehmen müssen, – und hat gleich damit angefangen, von der Unsittlichkeit des Krieges zu reden und es direkt auf die Begebenheiten in Polen bezogen. Indessen das war ihm noch nicht genug, er begann über die Zivilisation zu spotten, den Patriotismus und die nationalen Prinzipien zu verhöhnen, und zuletzt sich auch noch lustig über die Anstandsregeln zu machen, welche er zum Teil sogar als unsittlich bezeichnete. Als Beispiel führte er an, daß die gebildeten Völker den Akt der Geburt des Menschen verheimlichen, den des Mordes aber nicht, indem sie sich sogar mit Kriegswaffen öffentlich sehen lassen. Was will dieser Narr? Wahrlich, das ist so dumm, daß man sich schämen muß, und doch ärgere ich mich. Es ist ja nur eine Kleinigkeit; aber ich muß ja nach den Kleinigkeiten sehen, denn über Kleinem bin ich gesetzt.«

»28. Februar. Oho! Mein Voltairianer liebt nicht zu scherzen. Der Direktor ist hergekommen. Ich konnt' es nicht länger ertragen und ging trotz aller Drohungen des Arztes zu ihm hin und berichtete ihm von den Ungebührlichkeiten des Prepotenskij, aber der Herr Direktor haben zu alledem nur herzlich gelacht. Wie lachlustig sie alle sind! Er gab dem Ganzen eine scherzhafte Wendung und sagte, deswegen werde Moskau nicht in Flammen aufgehen, – »und übrigens,« fügte er hinzu, »wo soll ich denn andere hernehmen? Sie sind heutzutage alle so.« Und so stand ich wieder da, wie ein Narr, der unnütz Krakeel macht. Aber das muß wohl so sein.«

»1. März. Ich bin wirklich ein alter Narr geworden, über den alle sich lustig machen. Heute besuchten mich der Arzt und der Stadthauptmann, und ich sagte ihnen, daß meine Gesundheit infolge des gestrigen Ausgangs nicht im geringsten gelitten habe; da fingen sie beide an zu lachen und erwiderten, der Arzt habe mich zum Spaß in der Stube sitzen lassen, denn er habe mit irgend jemand gewettet, daß er, wenn er wolle, mich einen ganzen Monat lang zu Hause halten könne. Deshalb redete er mir von einer Gefahr vor, die gar nicht vorhanden war. Pfui!«

»20. Juni. Ich habe eine Reise durch das Kirchspiel gemacht, die mir ausgezeichnet bekommen ist. Es ist so frisch und schön draußen in der Natur, und unter den Menschen herrscht Friede und Zufriedenheit. In Blagoduchowo haben die Bauern auf eigene Kosten die Kirche ausbauen und ausmalen lassen, aber auch bei einer so einfachen Sache hat sich wieder etwas Scherzhaftes hineingemengt. An der Wand der Vorhalle haben sie einen ehrwürdigen Greis abgebildet, der auf einem Ruhebette liegt, mit der Inschrift: »Und Gott ruhete am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er machte.« Ich wies den Vater Jakob darauf hin und befahl das Bild zu übertünchen.«

»11. Juli. Vorgestern war der Bischof auf der Durchreise hier und hat im Dom die Messe gelesen. Ich fragte den Vater Troadij, ob das Bild in Bogoduchowo entfernt worden sei, und erfuhr, daß es noch immer vorhanden, was mich einigermaßen erregte. Aber Vater Troadij beruhigte mich, meinte, das habe nichts zu sagen, es sei doch »volkstümlich« und fügte noch eine Anekdote hinzu von den Seelen der Erlösten, die der Maler in Schuhen dargestellt hatte, und so lief wieder alles auf einen Scherz hinaus. Ach, was die Leute alle lustig sind!«

»20. Juli. Ich war in Blagoduchowo und ließ das Bild in meiner Gegenwart abkratzen. Ich halte es nicht für angebracht, diese dumme Art von Volkstümlichkeit zu pflegen. Ich fragte nach dem Verfertiger des Bildes; und es stellte sich heraus, daß der Glöckner Pawel es gemalt hatte. Um dem scherzhaften Geist der Zeit entgegenzukommen, befahl ich diesem Künstler, sich neben meinen Kutscher auf den Bock zu setzen, und nachdem wir vierzig Werst weit gefahren waren, ließ ich ihn zu Fuß nach Hause wandern, damit er unterwegs über seine malerische Phantasie nachdenken könne.«

»12. Oktober. Der neue Gouverneur ist zur Revision hier gewesen. Er besuchte den Dom und die Schule und beide Male, hier wie dort, wollte er durchaus, daß ich ihn segne. Er ist ein echter Russe sowohl dem Namen, wie dem Benehmen nach. Noch sehr jung, hat er jene privilegierte Lehranstalt, die Rechtsschule, absolviert, und war bisher noch nie aus Petersburg herausgekommen, was auch leicht zu bemerken ist, denn alles interessiert ihn. Besonders angelegentlich erkundigte er sich nach den Gegensätzen zwischen Geistlichkeit und Adel; leider konnte ich seine Neugier wenig befriedigen, denn sowohl unser Kreisadelsmarschall Plodomasow, als auch der Gouvernementsmarschall Tuganow sind würdige Männer, und von Gegensätzen ist keine Rede.«

»14. November. Es wird erzählt, daß ein Gutsbesitzer sich bei dem Gouverneur über die Bauern beschwert habe, die ihren Verpachtungen nicht nachkämen. Der Gouverneur habe seine Klagelitanei unterbrochen mit den Worten: »Ich bitte, wenn Sie vom Volke reden, nicht zu vergessen, daß ich Demokrat bin.««

»20. Januar 1863. Ich notiere die außerordentliche und höchst belehrende »Geschichte vom Surrogat«. Es wird folgendes Kuriosum von der ersten Begegnung des neuen Gouverneurs mit unserm Adelsmarschall Tuganow erzählt. Dieser von höherer Politik durchdrungene Petersburger Kavalier stellte sich auch unserem Voltairianer als Demokrat vor, wofür ihn Tuganow auf dem Adelsball vor allen höchlich lobte und hinzufügte, diese Richtung sei die allerbeste, besonders in der gegenwärtigen Zeit, denn in drei Kreisen unseres Gouvernements herrsche eine ziemlich starke Hungersnot und da biete sich reichlich Gelegenheit, sich als Volksfreund zu bewähren. Der Gouverneur zeigte sich darüber sehr erfreut, daß die Leute hungern, und war nur ungehalten, daß er bisher nichts davon gewußt hatte; er rief seinen Kanzleivorsteher und machte ihm heftige Vorwürfe, daß er ihn nicht früher davon unterrichtet habe, und als richtiger Heißsporn ordnete er an, daß darüber sofort nach Petersburg berichtet werde. Aber der Vorsteher, der sich rechtfertigen wollte, sagte, daß von einer richtigen Hungersnot in jenen Kreisen nicht geredet werden könnte, denn wenn auch die Kornernte schlecht gewesen sei, so sei die Hirse doch sehr gut geraten. Damit fing nun die Geschichte an. »Was ist das – Hirse?« rief der Gouverneur. »Hirse ist ein Surrogat für Brotkorn,« erwiderte der gelehrte Vorsteher, statt einfach zu sagen, daß man aus Hirse Brei koche, was unseren Rechtsgelehrten vielleicht vollständig befriedigt hätte, denn in der Kunst, einen Brei anzurühren, muß er Meister sein. Aber nun war einmal das Wort Surrogat gefallen. »Schämen Sie sich,« sagte der hohe Politiker, als er dieses Wort vernahm, »schämen Sie sich, mich so zu betrügen. Man braucht ja nur in einen Obstladen zu treten, um zu sehen, wozu Hirse gebraucht wird. In Hirse werden Trauben verpackt.« Tuganow schwieg mit ernstem Gesicht, tags darauf aber schickte er dem Gouverneur durch die Verpflegungskommission eine Liste der Kornfrüchte Rußlands. Der Gouverneur wurde verlegen, als er hier auch Hirse verzeichnet fand, ließ seinen Kanzleivorsteher rufen und sagte zu ihm: »Verzeihen Sie, daß ich Ihnen damals nicht glauben wollte. Sie haben recht. Hirse ist ein Getreide.« Du tust mir von Herzen leid, mein lieber Demokrat! Der Deutsche meinte wohl, daß St. Nikolaus mit Hafer gehandelt habe, aber solche Weintraubenscherze machte er nicht.«

»6. Dezember. Es kommen immer wieder Nachrichten von Konflikten zwischen dem Adelsmarschall Tuganow und dem Gouverneur, der, wie man sagt, eine Gelegenheit sucht, dem Marschall für die Hirse etwas am Zeuge zu flicken, und wie es scheint, hat er endlich etwas gefunden. Der Gouverneur steht immer für die Bauern ein und jener, der Voltaire, verteidigt seine Rechte und Freiheiten. Dem einen hat das Rechtsstudium den Verstand aus dem Geleise gebracht, und des andern Hochmut kommt dem Berg Ararat gleich. Er läßt keinerlei fremdes Recht gelten. Es kommt sicher noch zu einer regelrechten Bataille.«

»20. Dezember. Die Seminaristen sind für die Weihnachtsferien nach Haus gekommen und der Sohn des Vaters Zacharia, der Privatstunden in guten Familien gibt, erzählt eine ganz unglaubliche und wüste Geschichte: ein abgedankter Soldat hätte sich in einem Winkel der Marienkirche versteckt gehabt und die Krone von dem wundertätigen Bilde St. Johannis des Kriegers geraubt. Als die Krone dann in seinem Hause gefunden wurde, behauptete er, er hätte sie nicht gestohlen, sondern er hätte vor dem Bilde des Heiligen über die traurige Lage der dienstentlassenen Soldaten geklagt, und den heiligen Krieger in brünstigem Gebet angefleht, ihm in seiner Not zu helfen. Hierauf habe der Heilige, der seine Worte vernommen, gesagt: »Sie sollen ihrer Strafe in jener Welt nicht entgehen, du aber nimm vorläufig dieses hin« – und mit diesen teilnehmenden Worten habe er angeblich die kostbare Krone von seinem Haupte genommen und gesagt: »Da!« Verdient eine solche Ausrede auch nur die geringste Beachtung? Aber unter dem Eindruck der Hirse denkt man anders, und also kam vom Gouverneur eine Anfrage ans Konsistorium: ob ein derartiges Wunder möglich sei? Selbstverständlich war nun das Konsistorium in einer sehr schwierigen Lage, denn es konnte doch nicht erwidern, daß ein Wunder unmöglich sei. Aber wo will das alles hinaus? Der Adelsmarschall Tuganow legte dagegen vertraulich Protest ein und schrieb, er halte diese Handlungsweise für unvernünftig, und meinte, sie bezwecke nur eine Erschütterung des Glaubens und eine Verhöhnung der Geistlichkeit. So wird dieser alte Freigeist zum Anwalt der Geistlichkeit, und der Rechtskundige, der sie verteidigen sollte, macht sie zum Gespötte. Nein, es kommt scheinbar wirklich die Stunde und sie ist schon da, wo der gesunde Menschenverstand nichts mehr von allem, was geschieht, für sonderbar halten wird. Auch über Tuganows Eintreten für die Kirche, so nützlich es in diesem Fall war, kann man sich nicht freuen, denn es geschah nicht aus Eifer für den Glauben, sondern aus Feindschaft gegen den Gouverneur, und was kann da Gutes kommen, wenn immer nur einer den andern schikaniert, ohne dessen eingedenk zu sein, daß sie beide derselben Krone den Eid geschworen haben und demselben Lande dienen? Es ist schlimm!«

»9. Januar 1864. Tuganow war neulich in Plodomasowo, – ich weiß nicht weswegen. Aber ich konnte nicht anders – ich besuchte ihn dort, um etwas über seinen Kampf um St. Johannes den Krieger zu erfahren. Seltsam! Dieser Tuganow, einst ein Verehrer Voltaires, redete zu mir in freundschaftlichstem und betrübtem Tone. Er meint, sein Protest wäre noch nicht stark genug gewesen, denn »wie ich selber für mich über alle Wunder denke, das geht nur mich etwas an und das behalte ich auch für mich, aber ich kann diese nichtsnutzigen Bestrebungen doch nicht unterstützen, die darauf hinauslaufen, dem Volke das einzige zu nehmen, was ihm wenigstens eine Ahnung davon einflößt, daß es einer höheren Daseinssphäre angehört, als sein gestreiftes Schwein und seine Kuh.« Wie dürr und trocken ist diese Weisheit! Aber ich widersprach nicht … Was ist da zu machen?! Herr, hilf du wenigstens diesem Unglauben, sonst kommen wir doch noch dazu, daß wir wieder in Rudeln umherlaufen, Wurzeln fressen und wie Pferde wiehern!«

»21. März. Der Gutsherr Plodomasow ist aus der Residenz heimgekehrt und hat mir und dem Vater Zacharia und dem Diakon Achilla sehr kostbare Stäbe aus echtem Rohr mitgebracht. Auch zeigte er uns eine kleine gläserne Lampe mit einer brennenden Flüssigkeit, »Petroleum« oder Steinöl genannt, die aus Naphtha gewonnen wird.«

»9. Mai. Ich habe mich so kleinlich gezeigt, daß ich mich vor mir selber schämen muß. Und das alles kam von den eben erwähnten Stäben. Mein ganzes vergangenes Leben ist über mich gefallen wie ein Sieb und hat mich zugedeckt. Ich sitze unter diesem Sieb wie eine Krähe, der böse Buben die Federn ausgerupft haben, und die sie nun gefangen halten, um ihren Spott mit ihr zu treiben. Das ist das Traurigste bei dieser allgemeinen Lebensverflachung: ich selber bin flach und klein geworden, so flach, daß ich nicht einmal imstande bin, meine ganze Eitelkeit dem stummen Papier anzuvertrauen. Ich will mich ganz kurz fassen. Es ärgerte mich, daß ich und Zacharia ganz gleiche Stäbe erhalten hatten und daß auch der des Achilla sich kaum von den zwei andern unterschied. O Gott! War ich denn auch früher schon so? Nein, mit solchen Kleinigkeiten gab ich mich nicht ab! Ich trug mich mit hohen Gedanken, wie ich hier in diesem irdischen Jammertal immer vollkommener werden könnte, um einst das ewige Licht zu schauen und dem Herrn das mir anvertraute Pfund mit reichen Zinsen zurückzugeben.«

Damit schlossen die alten Tuberozowschen Aufzeichnungen, und als der Greis zu Ende gelesen, nahm er die Feder, trug ein neues Datum ein und begann danach mit ruhigen, strengen Schriftzügen zu schreiben:

»Es ist seinerzeit von mir vermerkt worden, wie einmal der Sohn der Hostienbäckerin, der Lehrer Warnawa Prepotenskij, die unschuldigen Kinder an ihrem Glauben irre zu machen suchte, indem er sie eine Leiche sehen ließ und behauptete, es gäbe keine Seele, weil ihr Wohnsitz im Körper nirgends aufzufinden sei. Mein Zorn über diesen törichten, aber schädlichen Menschen wurde dazumal von klugen Leuten für übertrieben erklärt, und von der Veranlagung zu diesem Zorn hieß es, sie sei der Beachtung gar nicht wert. Jetzt hat sich wieder etwas Neues begeben. Beim letzten Hochwasser wurde eine unbekannte Leiche an unser Ufer gespült. Die Mutter des Warnawa, die arme Hostienbäckerin, sagte mir heute unter Tränen, daß der Arzt und der Stadthauptmann, wohl aus Bosheit gegen ihren Sohn oder um ihn zu verhöhnen, ihm jenen Toten geschenkt hätten, und Warnawa hätte aus Dummheit dieses Geschenk angenommen, und die Leiche in der Bütte, darin sie bisher friedlich ihre Wäsche in Asche gelegt, ausgekocht und die Brühe unter den Apfelbaum im Garten gegossen, die Knochen aber in die Gouvernementsstadt gebracht. Und nun fürchte sie, man werde ihren teuren Sohn mit jenen Knochen als Mörder festnehmen. Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, und bat den Stadthauptmann um eine Erklärung, zu welchem Zwecke der Leichnam des Ertrunkenen, der nach der Sektion kirchlich bestattet werden mußte, dem Lehrer Warnawa ausgehändigt worden sei? Ich erhielt zur Antwort, das sei im Interesse der Aufklärung geschehen, d. h. damit er, Warnawa, an dem Skelett naturwissenschaftliche Studien treiben könne. Diese Sorge um die Wissenschaft kann einen lachen machen bei Leuten, die ihr so fern stehen, wie der Stadthauptmann Porochontzew, der sein halbes Leben im Kavalleriepferdestall zugebracht hat, wo man nichts lernt, als wie man den Pferden die Schwänze bindet, oder dieses Lügenmaul von Arzt, der jene Wissenschaft vertritt, deren Anhänger von den wahren Gelehrten für Ignoranten angesehen werden, was durch seine blödsinnige Behauptung bewiesen wird, er habe einmal bei Plodomasow versehentlich statt Branntwein ein Glas Leucht-Petroleum ausgetrunken, und da habe sein Bauch eine ganze Woche lang geleuchtet! Wie dem nun aber auch sei, der von dem Lehrer gekochte Leichnam hat sich in ein Skelett verwandelt. Warnawa brachte die Knochen zu einem Heilgehilfen am Gouvernementskrankenhaus. Dieser Meister der Anatomie fügte all die Knochen kunstvoll aneinander und setzte ein Gerippe zusammen, das nun wieder in unsere Stadt zurückgebracht wurde und sich gegenwärtig bei Prepotenskij befindet, der es dicht bei seinem Fenster befestigt hat. Da steht es nun und lockt immer wieder die Straßenmenge an und gibt zu allen möglichen Streitigkeiten Anlaß und zu einem ewigen häuslichen Zwist zwischen dem Warnawa und seiner einfältigen Mutter. Der Tote fängt an Rache zu nehmen. Jede Nacht erscheint er der unglückseligen Mutter des großen Gelehrten im Traum und fordert immer wieder sein christliches Begräbnis. Die Arme hat den Sohn auf den Knien angefleht, ihr dieses Skelett zu geben, daß sie es bestatte, aber natürlich widersetzt er sich dem mit aller Entschiedenheit. Da entschloß sie sich zu einer verzweifelten Maßnahme, sammelte in Abwesenheit des Sohnes die Knochen in eine kleine Holzkiste, trug sie in den Garten und vergrub sie mit ihren schwachen Greisenhänden unter dem nämlichen Apfelbaum, unter welchen Warnawa die zerkochten Fleischteile des Unglücklichen ausgeschüttet hatte. Aber sie hatte kein Glück damit, denn der gelehrte Sohn grub die Knochen wieder aus, und damit ging eine neue Geschichte an, die auch heut noch nicht beendet ist. Es ist ebenso lächerlich wie schmachvoll, was noch weiter folgte. Sie raubten sich die Knochen gegenseitig so lange, bis mein Diakon Achilla, der sich in alles mischen muß, diese Sache zum Abschluß brachte und mit solcher Hast ans Werk ging, daß es ganz unmöglich war, ihm Einhalt zu gebieten. Auch haben mich die Reden des Arztes und des Stadthauptmanns sehr verstimmt, die mir Vorwürfe machten wegen meiner eifernden (so nannten sie es) Intoleranz gegen den Unglauben, denn, meinen sie, wirklich gläubig sei heutzutag keiner mehr, auch die nicht, welche offiziell für den Glauben eintreten. Das glaub' ich auch! Ich kann nicht daran zweifeln. Aber ich wundere mich, woher bei uns dieser erbitterte Haß und diese Feindschaft gegen den Glauben kommen. Vom Freiheitsdrang? Aber wen hindert denn der Glaube, mit allem Eifer nach voller Freiheit in allen Dingen zu streben? Warum haben die wirklichen Denker nicht so gesprochen?«

Vater Sawelij seufzte tief, legte die Feder hin und trat ans Fenster. Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt und schon fielen einzelne Regentropfen klatschend in den dicken Staub. Das war der Regen, um den Tuberozow am vergangenen Tage gebeten hatte. Der Alte flüsterte entzückte Worte des Dankes und des Lobes und merkte nicht, wie leise Tränen über seine Wangen liefen. Die Regentropfen aber fielen immer dichter und dichter, und endlich war es, als würde oben ein ganz feines Sieb geschüttelt, und die feuchte Kühle spielte erfrischend um den leicht erhitzten Kopf des Priesters. So am Fenster sitzend, das Haupt auf die weißen Hände gestützt, schlief Vater Sawelij ein.

Inzwischen ging der sanfte Regen, den kein Gewitter begleitet hatte, vorüber, die Luft war frisch und rein geworden, der Himmel klar, und im Osten färbte die graue Dämmerung sich silbern, um dem Morgenrot den Weg zu bereiten, dem Morgenrot des Tages, der dem Gedächtnis unseres heiligen Vaters Methodius von Pesnosch geweiht ist, des Tages, dem, wie wir uns erinnern müssen, der Diakon Achilla eine so große Bedeutung zuschrieb.

Sechstes Kapitel.

Der Osten wurde immer heller, und während sich die Sonne im Nebel hinter dem dampfenden Walde wusch, reckten sich die goldenen Pfeile ihrer Strahlen schon in scharfen Strichen über den Horizont. Ein leichter Nebel wallte über dem Flusse auf und kletterte das zerklüftete Ufer entlang; unter der Brücke ballte er sich zusammen und blieb an den schwarzen, nassen Pfählen kleben. Durch diesen Nebel sieht man das Gemüsefeld bläulich schimmern und den weißen Streifen der Landstraße hinüberleuchten. Über allem liegen noch die Schatten des Halbdunkels, und nirgends, weder in den Häusern, noch auf den Plätzen und Straßen, merkt man etwas vom Erwachen.

Aber da, auf dem höchsten Punkte der steilen Hügelseite von Stargorod, über dem schmalen Zickzackweg, der den steinigen Abhang hinab zum Wasser führt, heben sich zart und durchsichtig die Umrisse einer höchst seltsamen Gruppe ab. In dem schwachen Licht, das sie bescheint, wirkt sie ganz phantastisch. In der Mitte steht ein Mann, von dessen Schultern ein langes, im Gürtel leicht geschürztes Gewand bis zur Erde niederwallt. Ganz plötzlich ist diese Gestalt aus dem allmählich dünner werdenden Nebel aufgetaucht und steht unbeweglich, wie ein Gespenst.

Ein abergläubischer Mensch könnte denken, es wäre der Hauskobold von Stargorod, der, ehe die Stadt erwacht, noch ein paar Klageseufzer über ihr anstimmen will.

Aber je heller es wird, desto deutlicher erkennt man, daß es kein Hauskobold, noch sonst ein Geist ist, trotzdem aber auch nicht etwas ganz Alltägliches. Wir sehen jetzt, daß die Figur ihre Hände in die Taschen gesteckt hat. Aus der einen Tasche guckt eine sehr lange Gerte hervor, an deren Ende eine Schleuder oder eine Angelschnur gebunden ist. Aus der anderen hängt an vier Fäden etwas, das wie eine schwere Keule aussieht. Ein leiser Wind erhebt sich, die Oberfläche des schläfrigen Flusses beginnt sich leicht zu kräuseln, ein Zittern fährt durch die Zweige der Birken hinter dem schöngemusterten Gittertor des Domes, und die leeren Falten am weiten Gewande der Gestalt auf dem Berge geraten in Bewegung und enthüllen ein paar dünne Beine in weißen Unterhosen. In demselben Augenblick, wo diese dünnen Beine sichtbar werden, tauchen hinter ihnen plötzlich vier Hände auf, welche zwei anderen Gestalten gehören, die sich mehr im Hintergrunde gehalten hatten. Diese diensteifrigen Hände fassen die wehenden Enden des Gewandes, schlagen sie wieder zusammen und verhüllen aufs neue die dünnen, weißen Beine des Standbildes. Jetzt braucht man nur etwas schärfer hinzusehen, um auch die zwei anderen Gestalten zu erkennen. Rechts zeigt sich eine Frau. Sie fällt vor allem durch die ungeheure Wölbung ihres Leibes auf, über dem sich eine schmale Tunika hoch emporbläht. In der Hand hält sie einen glänzenden Metallschild, in dessen Mitte ein großer Büschel Haare befestigt ist, die soeben erst mit der Haut vom Kopfe des Feindes gelöst zu sein scheinen. Auf der anderen Seite, also zur Linken der hohen Gestalt, zeigt sich ein kurzbeiniger, schwarzer Wilder mit breitem Bart. Unter dem linken Arm hält er etwas wie ein Folterinstrument, und in der Rechten hat er einen blutigen Sack, aus dem zwei Menschenköpfe heraushängen, bleich, haarlos, wohl die unglücklichen Opfer der grausamen Folter. Um diese drei Gestalten scheint der ganze Zauber der nordischen Sage zu wehen. Nun steigt die helle Sonne noch ein wenig höher, und der Sagenzauber löst sich in nichts auf. Die drei stehen noch einen Augenblick da und eilen dann den Hügel hinab. Nachdem sie etwa zehn Schritte gemacht haben, bleiben sie wieder stehen, und der Größte, der vorausging, sagt leise:

»Schau mal, Freund Komar, es ist heut noch nichts von ihnen zu sehen.«

»Ja, es ist nichts zu sehen,« erwidert der schwarzbärtige Komar.

»Sieh besser zu!«

Komar blickt scharf über den Fluß hin:

»Es lohnt gar nicht hinzuschauen, es ist keiner da.«

»Und die Stille in der Stadt, ach du lieber Gott!«

»Das schlafende Königreich,« spricht leise die Gestalt, die den Schild unter dem Arm hält.

»Was sagst du, Felicie?« fragt der Lange, der nicht recht gehört hat.

»Ich melde Ihnen, Woin Wasiljewitsch, daß die Stadt dem schlafenden Königreich gleicht,« antwortet die Frau.

»Ja, dem schlafenden Königreich; aber bald werden sie erwachen. Schau mal hin, Komar, da drüben, scheint mir, platscht eben einer hinein.«

Die Gestalt weist nach der Insel, von der sich ein leichter Dampf erhebt und leise nach der Brücke hin schwebt.

»Ganz recht,« sagt Komar, und seine Blicke verfolgen zwei dünne Kreise auf dem stillen Wasser, die immer breiter werden. Im Mittelpunkt des vorderen Kreises schwankt und dreht sich etwas, das wie ein überreifer gelber Kürbis aussieht.

»Ach, die Kanaille ist wieder zuerst reingesprungen, ohne auf die Obrigkeit zu warten.«

»Der drüben ist auch fertig,« sagt Komar gleichgültig.

»Nicht möglich, – du lügst, Komar.«

»Sehn Sie doch hin! Da ist er schon dicht am Wasser!«

Alle drei legen die Hände über die Augen und blicken hinüber. Drüben sehen sie etwas Großes, Dickes zum Wasser herabschreiten. Es ist ganz in ein weißes schleppendes Gewand gehüllt und erinnert auffallend an die Statue des Komtur aus dem »Don Juan«, bewegt sich auch genau so langsam und feierlich und ebenso unbeirrt seinem Ziel entgegen.

Jetzt ist aber auch der strahlende Phöbus auf seinem Feuerwagen ein gutes Stück höher hinaufgekommen; der zerflatternde Nebel schimmert in Bernsteintönen. Die ganze Landschaft leuchtet in Purpur und Blau und in diesem grellen, mächtigen Licht, ganz von Sonnenstrahlen überflutet, zeigt sich in den Wellen des Flusses ein nackter Recke mit einer mächtigen Mähne schwarzer Haare auf dem gewaltigen Haupte. Er sitzt auf einem mächtigen Rotfuchs, der seines Reiters würdig und mit seiner breiten Brust die Wellen kräftig teilt, zornig mit den feuerfarbenen Nüstern schnaubend.

Der Reiter im Flusse und alle oben geschilderten Fußgänger streben dem nämlichen Punkte zu. Wollten wir Verbindungslinien von dem einen zum andern ziehen, sie würden sich alle bei einem großen Steine kreuzen, der in der Mitte des Flusses aus dem Wasser herausragt. In der ersten Gestalt, die den Berg herabsteigt, erkennen wir den Polizeichef von Stargorod, Rittmeister a. D. Woin Wasiljewitsch Porochontzew. Er hat einen himbeerfarbenen seidenen Schlafrock an und eine spitz zulaufende Kalotte aus Kamelgarn auf dem Kopfe. Aus der einen Tasche, in der seine rechte Hand steckt, guckt ein dünner Peitschenstiel, an dem eine lange Peitschenschnur hängt, und bei der andern, in die der Polizeichef seine Linke gelegt hat, sieht man eine riesengroße, ganz schwarz gerauchte Meerschaumpfeife und einen orientalischen Tabaksbeutel aus Saffian an einem Jagdriemen baumeln.

Links von ihm schreitet langsam sein Kutscher, der längst schon seinen Taufnamen verloren hat und von allen nur noch Komar (Mücke) genannt wird. In seinen Händen befinden sich weder Folterinstrumente noch Totenköpfe, noch ein blutbesprengter Leinwandsack, sondern er trägt bloß eine Bank, einen alten roten Fußteppich und ein Paar straff aufgeblasener Schwimmblasen, die mit einem Tuchstreifen zusammengebunden sind.

Die dritte Gestalt, die uns vor einer Viertelstunde so grausig erschien, mit ihrem Schlachtschild unter dem Arm, entpuppt sich als die sehr bescheidene Gattin des Komar. »Mütterchen Felizata«, wie sie von dem Hausgesinde genannt wird, trägt freilich eine sehr schwere Last, die sich aber ganz und gar nicht zu kriegerischen Aktionen eignet. Vor allem trägt die gute Frau ihren eigenen Leib, in dem ein künftiger kleiner Komar junior dem Leben entgegenträumt. Unter dem Arm aber hat sie eine hell in der Sonne glitzernde Messingschüssel, in der ein Bastwisch liegt, mit einem Badehandschuh aus Tuch, im Handschuh ein Stückchen Kampherseife, und auf dem Kopfe ein vierfach zusammengefaltetes Badetuch.

Also ein durch und durch friedliches Bild.

Die weiße Gestalt, die am jenseitigen Ufer langsam zum Wasser hinabschreitet, hat inzwischen auch alles Imponierende und damit auch jede Ähnlichkeit mit dem Standbild des Komturs verloren. Der Mann hat sich in ein weißes Badetuch gehüllt, und als er das Wasser erreicht und das Tuch fallen läßt, ist es nicht mehr schwer, in ihm den wohlbeleibten und ungefügen semmelblonden Kreisarzt Pugowkin zu erkennen.

Der nackte Reiter auf dem langmähnigen roten Roß aber ist kein anderer als der Diakon Achilla, und sogar der im Gekräusel der Wellen auftauchende Kürbis gewinnt nach und nach ein wohlbekanntes menschliches Aussehen: zwei sanfte blaue Augen und eine eingeknickte Nase zeigen, daß wir es nicht mit einem Kürbis zu tun haben, sondern mit dem Kahlkopf des alten Konstantin Pizonskij, dessen Greisenleib ganz im kühlen Wasser steckt.

Es sind die Badeliebhaber von Stargorod, die von alters her an jedem schönen Sommermorgen hier zusammenkommen und gemeinschaftlich sich des frischen Wassers erfreuen.

Als erster stürzt sich der Arzt mit einem mächtigen Anlauf kopfüber in den Fluß und schwimmt auf den großen breiten Stein zu, der sich in der Mitte des Flusses einen Fuß hoch aus dem Wasser erhebt.

Mit ein paar mächtigen Schlägen hat er ihn erreicht, klettert auf seine glatte obere Platte hinauf.

»Ich bin wieder der erste im Wasser!« ruft er lachend. Und brüllt dem Achilla zu:

»Schwimm doch schneller, du Pharao! – Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf, komm herauf!«

Inzwischen ist Felizata zu dem Polizeichef getreten. Sie löst seinen Gürtel, hilft ihm aus dem Schlafrock, so daß er in Unterhosen und einer bunten Flanelljacke dasteht. Der Arzt auf dem Stein plätschert mit den Füßen im Wasser, pfeift lustig vor sich hin und klatscht plötzlich den herangeschwommenen Diakon Achilla so laut und kräftig mit der flachen Hand auf den nackten Rücken, daß dieser aufschreit, nicht vor Schmerz, sondern vor Schreck über das laute Klatschen.

»Was haust du mich mit solchem Lärm?«

»Pack mich nicht am Leib,« erwidert der Arzt.

»Wenn das aber meine Gewohnheit ist?«

»Gewöhn dir's ab,« antwortet der Arzt und pfeift laut.

»Ich gewöhn mir's auch ab, aber ich vergesse mich immer wieder.«

Der Arzt erwidert nichts und pfeift weiter. Der Diakon schüttelt den Kopf, spuckt aus, bindet die Schnur auf, mit der sein Heldenleib gegürtet ist, nimmt die daranhängende Bürste und den Striegel ab und beginnt mit ebensoviel Eifer wie Sachkenntnis die Mähne seines Pferdes zu reinigen. Das mächtige Tier, welches sich an der langen Leine ziemlich frei bewegen kann, biegt den breiten Rücken und schlägt mit seinen Knien das Wasser zu Schaum.

Dieses Landschafts- und Genrebild zeigt uns die Schlichtheit des Stargoroder Lebens, wie die Ouvertüre die Musik der Oper andeutet. Aber die Ouvertüre ist noch nicht zu Ende.

Siebentes Kapitel.

Am linken Flußufer, wo der Stadthauptmann immer noch zögert, hat der Kutscher Komar den Teppich ausgebreitet, die mitgebrachte Bank darauf gestellt, und nachdem er sich durch kräftiges Schütteln noch überzeugt hat, daß sie feststeht, ruft er:

»Setzen Sie sich, Woin Wasiljewitsch, sie steht fest.«

Porochontzew geht schnell auf die Bank zu, rüttelt sie erst noch einmal eigenhändig und setzt sich erst, nachdem er sich genügend überzeugt hat, daß sie tatsächlich ganz feststeht. Kaum hat der Herr sich gesetzt, so packt Komar ihn von hinten an den Schultern, und seine Frau, welche die Schüssel nebst Bastwisch und Badetuch auf den Teppich gestellt hat, beginnt den kriegerischen Stadtgewaltigen auszukleiden. Erst nimmt sie ihm die Kalotte ab, dann die gestrickte Unterjacke, die Pantoffeln und die Socken, legt hierauf ihre Handflächen vorsichtig an die dürren Rippen des Rittmeisters und bleibt so unbeweglich stehen, den Kopf etwas seitwärts gebogen.

»Nun, Felicie, geht es schon? Kann ich schon reiten?« fragt Porochontzew.

»Nein, Woin Wasiljewitsch, noch schlägt der Puls,« antwortet Felizata.

»Na, wenn er noch schlägt, muß man warten. Aber du kannst hineinhupfen, Komar.«

»Ich tu's auch gleich.«

»Hupf nur, Bruder, hupf! Schwimm einmal herum und komm dann wieder raus. Dann wird geritten.«

»Wenn ich dann nur nicht zu schlüpfrig bin, Woin Wasiljewitsch. Dann fallen Sie wieder runter, wie neulich.«

»Nein, nein, ich fall schon nicht.«

Komar wirft, hinter dem Rücken seines Herrn stehend, das Hemd ab und stürzt sich mit einem mächtigen Anlauf ins Wasser, wo er alsbald gewaltig mit den Armen zu arbeiten beginnt.

»Famos schwimmt dein Komar,« sagt Porochontzew.

»Ausgezeichnet,« entgegnet die Frau, welche sich anscheinend nicht im geringsten geniert und auch keinen der Badenden durch ihre Anwesenheit stört.

Felizata, eine frühere Leibeigene Porochontzews, ist es seit langem gewohnt, ihren kränklichen Herrn zu bedienen, und bei dieser Beschäftigung gibt es für sie keinen Geschlechtsunterschied. Inzwischen ist Komar rund um den Stein geschwommen, auf dem die Badenden sitzen, und wieder aus dem Wasser gekrochen und steht nun, den gekrümmten Rücken einem Herrn zugewendet, vor der Bank. Woin Wasiljewitsch klettert auf den Rücken, umfaßt den Hals des Kutschers mit beiden Armen und reitet ins Wasser hinein. Der Rittmeister macht es fast immer so, denn er liebt es nicht, barfuß auf dem scharfen Kies zu gehen. Kaum hat jedoch das Wasser die Achselhöhlen Komars erreicht, so bleibt er stehen und meldet, nun seien keine Steine mehr da, denn er fühle reinen Sand unter seinen Sohlen. Woin Wasiljewitsch klettert von seinem Roß hinunter und legt sich auf die Schwimmblasen. Auch heute war der Vorgang derselbe: der dürre Stadtgewaltige legt sich hin, Komar gibt ihm einen tüchtigen Stoß und beide schwimmen nach dem Steine, den sie beide erklettern. Dieser nicht sehr große Stein, dessen über dem Wasser aufragende glatte, runde Fläche einen Durchmesser von etwa zwei Fuß haben mag, bietet fünf Personen Unterkunft, von denen vier – Porochontzew, Pizonskij, der Arzt und Achilla – sich an den Rand gesetzt haben, so daß sie einander den Rücken zukehren, während Komar mitten in dem engen Viereck steht, das eben diese Rücken bilden, und seinem Herrn den Kopf wäscht. Es wird eifrig diskutiert; Pizonskij erzählt unter beständigem Zucken seiner schiefen Nase, daß gestern abend in der Dämmerung irgendwo unterhalb der Brücke im Schilf sich zwei Schwäne niedergelassen und nachts, während es regnete, unausgesetzt geschrien hätten.

»Wenn die Schwäne schreien, so verkünden sie irgend jemandes Ankunft,« meint Komar, indem er den Kopf seines Herrn eifrig mit Seife einreibt.

»Nein, das verheißt bloß einen schönen Tag,« wendet Pizonskij ein.

»Wer sollte auch zu uns kommen?« mischt sich der Arzt ins Gespräch. »Wir leben ja hier wie die reinen Waldteufel: in hundert Jahren passiert nichts Neues.«

»Was soll uns auch das Neue?« sagt Pizonskij. »Wir haben ja alles; das Wetter ist schön, wir sitzen gemütlich auf unserm Stein und keiner verübelt es uns. Käme aber ein neuer Mensch her, so nähme er vielleicht Anstoß, es gäbe ein Gerede und …«

»Ein Gerede: warum sitzen sie so nackigt da?« unterbricht ihn Komar ungeniert.

»Was ist das für ein Stadthauptmann, der sich von einem Frauenzimmer waschen läßt?« wirft der Arzt ein.

»Ja, das ist wahr,« ruft der Rittmeister und schaut sich beunruhigt um.

Komar bläst sich in den Schnurrbart, lächelt und sagt leise:

»Und dann wird's heißen: was hat der Polizeichef auf dem Komar ins Wasser zu reiten?«

»Halt's Maul, Komar!«

»Auch das, auch das wird Fragen veranlassen,« sagt wieder der sanfte Pizonskij und seufzt, indem er fortfährt: »Und jetzt sitzen wir hier ohne alle Neuigkeiten wie im Paradiese. Selber sind wir nackt, aber wir sehen alle Schönheit der Welt: wir sehen den Wald, sehen die Berge, sehen die Tempel Gottes, das Wasser, das Grün der Wiesen; dort im Uferschilf piepen die jungen Entlein; vor uns im Wasser spielt das Völklein der kleinen Fische so fröhlich. Groß ist deine Güte, o Herr!«

Die letzten Worte hatte Pizonskij mit erhobener Stimme gesprochen, sie hallten weit über den Fluß hin, wurden von den Hügeln zurückgeworfen und klangen dann noch ein drittes Mal etwas dumpfer von dem flachen Ufer wider. Pizonskij horcht auf, streckt den Zeigefinger über seinem kahlen Kopfe zum Himmel empor und sagt:

»Dreimal antwortet dir die Güte des Herrn: was kann es Schöneres geben, als in solchem Frieden zu leben und in ihm sein Dasein zu vollenden.«

»Wahr, sehr wahr,« antwortet der Rittmeister mit einem Seufzer. »Da haben der Arzt und ich uns eine kleine Neuerung gestattet: wir erlaubten dem Warnawa eine Leiche auszukochen. Wozu hat das nicht geführt! Übrigens, Diakon, vergiß nicht, daß du versprochen hast, dem Warnawa die Knochen wegzunehmen.«

»Warum sollte ich's vergessen? Ich bin kein Manichäer, den man hundertmal mahnen muß. Was ich versprochen habe, das halte ich auch.«

»Hast du? Hast du's wirklich schon?«

»Natürlich hab' ich's.«

»Du flunkerst, Diakon!«

Achilla schweigt.

»Warum redest du denn nicht? Erzähle doch, wie du ihm die Knochen weggenommen hast. Nun? Was Teufel bist du denn heut so solide?«

»Warum soll ich nicht solid sein, wenn meine Taille es mir gestattet?« erwidert Achilla selbstbewußt. »Ihr zwei, du und der Arzt, macht Dummheiten, und ich muß sie wieder gutmachen. Na, da bin ich eben zum Warnawa ins Fenster hineingestiegen, hab die Knochen alle in einen Sack gesteckt …«

»Nun und dann, Achilla? Was dann, mein Lieber?«

»Dann ging es ganz dumm.«

»Ja wie denn? So erzähle doch!«

»Was soll ich erzählen, wo ich selber nichts weiß? Dann hat mir jemand die Knochen wieder wegstibitzt.«

Porochontzew springt auf und schreit:

»Was? Wieder gestohlen?«

»Ja, wie soll ich sagen? Gestohlen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich weiß nur, daß ich den ganzen Kram zu mir nach Haus brachte und ihn in meinen Karren schüttete, um heut damit zur Begräbnisstätte zu fahren. Aber wie ich morgens nachseh, ist nichts mehr da – bis auf das kleine Schwänzchen hier.«

Der Arzt bricht in ein lautes Gelächter aus.

»Was lachst du?« fragt der Diakon geärgert.

»Ein Schwänzchen ist übriggeblieben, sagst du?«

Achilla wird böse.

»Nun ja, ein Schwänzchen,« erwidert er, »oder was soll das sonst sein?«

Der Diakon löst von dem Striegel einen menschlichen Fußknöchel, den er mit einem Endchen Bindfaden daran befestigt hatte, reicht ihn dem Arzt hin und sagt trocken: »Da, sieh's dir an, wenn du mir nicht glaubst.«

»Haben denn die Menschen Schwänze?«

»Etwa nicht?«

»Du hast also auch einen Schwanz?«

»Ich?!« fragt Achilla.

»Ja, du.«

Der Arzt lacht wieder aus vollem Halse, der Diakon aber wird bleich und sagt:

»Hör mal, mein lieber Meister Quacksalber, scherzen kannst du, – aber mit Maß, wenn ich bitten darf. Vergiß nicht, daß ich eine geistliche Person bin.«

»Na, schon recht! Aber sag mir mal erst, wo hast du deinen Astragalus?«

Das unbekannte Wort »Astragalus« macht auf den Diakon einen verblüffenden Eindruck: die Fachbezeichnung für das unschuldige menschliche Sprungbein scheint ihm etwas äußerst Kränkendes, er schüttelt den Kopf, stößt einen tiefen Seufzer aus und sagt langsam:

»Für so niederträchtig hätte ich dich allerdings nicht gehalten.«

»Ich niederträchtig?«

»Jawohl! Einer geistlichen Person mit derartigen dummen Fragen zu kommen ist niederträchtig. Aber merk dir: deinen faulen Scherz mit dem Schwanz hab' ich dir nachgesehen, aber jetzt nimm dich in acht!«

»O wie schrecklich!«

»Ja, hab' dich nur! Ich mein' es ernst. Eure Freigeisterei hängt mir längst zum Halse heraus.«

»Ja, ist denn das Freigeisterei, wenn man Astragalus sagt?«

»Kusch!« schreit der Diakon.

»Schafskopf« meint der Arzt achselzuckend.

»Kusch!« donnert Achilla und hebt drohend die Faust. Seine Augen funkeln grimmig.

»Ist das ein Esel! Kein vernünftiges Wort kann man mit ihm reden.«

»Was? Ein Esel bin ich? Man kann nicht mit mir reden? Na warte! Ich bin euch kein sanfter Sawelij! Runter in den Sumpf!«

Mit diesen Worten hat der Diakon die Leine seines Pferdes aus der rechten Hand in die linke genommen, packt den Arzt mit der Rechten um den Leib und reißt ihn ins Wasser hinab. Sie tauchen unter, werden wieder sichtbar und verschwinden aufs neue. Obgleich das Verhalten des Diakons deutlich verriet, daß er keineswegs die Absicht hatte, den Arzt zu ertränken, sondern ihn nur etlichemal untertauchen wollte, – er hielt auch, während sie so zappelten, immer nach dem Ufer zu – so versetzte das verzweifelte Gebrüll des Medikus die Drei auf dem Steine und die am Ufer stehende Felizata doch in eine so unbeschreibliche Angst, daß auch sie ein lautes Geschrei erhoben, welches die ganze Umgegend alarmieren mußte.

So begann der Diakon Achilla seinen Ausrottungskampf gegen die in Stargorod um sich greifende gemeingefährliche Freigeisterei, und wir werden sehen, was für gewaltige Folgen dieser energische Anfang zeitigen sollte.

Achtes Kapitel.

Der Lärm und das Geschrei der Badenden hatten den Propst, der an seinem Fenster kaum ein wenig eingeschlummert war, aufgeweckt. Der Alte erschrickt, springt auf, sieht auf den Fluß hinaus, kann aber ganz und gar nicht begreifen, was eigentlich geschehen. In diesem Augenblicke hält vor seinem Hause ein eleganter, von einem grauen Vollblutpferde gezogener Jagdwagen. Darin sitzt eine schwarzgekleidete junge Dame: sie kutschiert selbst, neben ihr ein kleiner Groom. Die Dame ist die junge verwitwete Gutsbesitzerin Alexandra Iwanowna Serbolowa, seine ehemalige Lieblingsschülerin.

»Alexandra Iwanowna, seien Sie mir herzlichst willkommen,« erwidert der Propst ihren Gruß. »Meine Frau steht gleich auf, und dann sind Sie so freundlich, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen.«

Die Dame dankt. Sie sagt, sie sei in die Stadt gekommen, um eine Totenmesse für ihren verstorbenen Gatten lesen zu lassen, und bittet Tuberozow, doch recht bald in die Kirche zu kommen.

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Vielen Dank. Ich will jetzt nur noch für einen Augenblick zur alten Prepotenskaja, sonst ist sie gekränkt.«

Sie nickt dem Priester zu und im nächsten Augenblick ist der leichte Wagen verschwunden. Der Propst schickt das Dienstmädchen zum Küster mit dem Befehl, zur Frühmesse läuten zu lassen und den Diakon Achilla in die Kirche zu beordern; dann tritt er vor den Heiligenbilderschrein, seine Morgenandacht zu verrichten. Eine halbe Stunde später schlägt die Domglocke an, und gleich darauf kommt das Mädchen zurück mit der Meldung, sie habe den Diakon Achilla nicht finden können, niemand wisse, wo er sei. Zum Warten ist aber keine Zeit mehr und so nimmt der Propst seinen Stab mit der Inschrift »Der Stecken Aarons erblühte« und begibt sich in den Dom. Er ist noch keine zehn Minuten fort, als die Pröpstin Natalia Nikolajewna durch das plötzliche Erscheinen des Diakons Achilla höchlich überrascht wird. Er ist ganz außer sich.

»Mütterchen,« ruft er, »alles, was ich Euch gestern von den Totengebeinen versprochen hatte, ist zuschanden geworden.«

»Das habe ich mir doch gleich gedacht,« erwidert Natalia Nikolajewna.

»Nein, bitte sehr, Ihr müßt erst wissen, warum es zuschanden geworden ist. Wie ich es Euch gestern versprach, so habe ich's auch gemacht. Ganz wie sich's gehört, habe ich die Überreste dieses Menschen, den der Warnawka gekocht hat, durchs Fenster gestohlen, in den Sack gesteckt und zu mir nach Haus getragen. Dann habe ich sie in den Karren geschüttet. Aber als ich heute nachschaue, ist der Karren leer! Kann ich dafür?«

»Ja, wer beschuldigt dich denn?«

»Das ist es ja eben. Mich überkam sogar ein Zweifel, ob ich sie nicht schon nachts vergraben hätte, aber heut früh im Bade war der Arzt so frech gegen mich, daß ich gleich aus dem Bad zum Warnawka gerannt bin. Alle Fensterläden waren geschlossen. Ich guckte durch eine Ritze, und da seh' ich, daß der Gekochte wieder heil und ganz am Nagel hängt! Wo ist der Vater Propst? Ich muß ihm gleich alles erzählen!«

Natalia Nikolajewna schickte den Diakon ihrem Gatten nach, und der schnellfüßige Achilla hatte den Propst auch bald eingeholt.

»Was rennst du so … und fauchst und schnaufst und stampfest?« fragt ihn Sawelij, als er seine Schritte hinter sich hört.

»Das … das tu ich immer, Vater Sawelij, wenn ich laufe. Habt Ihr es nie bemerkt?«

»Nein, bisher nicht. Aber sprich doch mit dem Arzt, er hilft dir vielleicht.«

»Jawohl, der Arzt! Redet mir nur nicht von dem, Vater Sawelij! – Er hat mich heute ganz aus der Fassung gebracht. Denkt Euch diese Frechheit, Vater Propst …« Der Diakon beugt sich zu dem Ohre des Propstes, und nachdem er ihm die Gemeinheit des Arztes leise mitgeteilt hat, fügt er laut hinzu: »Nun sagt selbst, ist das nicht furchtbar unverschämt?«

»Ich finde nichts dabei,« erwidert der Propst, indem er langsam die Stufen vor dem Domportal emporsteigt. »Astragalus ist ein Fußknöchel, und ich verstehe nicht recht, was dich in solche Wut versetzt hat.«

Der Diakon tritt einen Schritt zurück und ruft erstaunt: »Ein Fußknöchel?«

»Ja freilich.«

Achilla schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn:

»Ich Dummkopf!«

»Was hast du gemacht?«

»Nein, ich bitt' Euch, seid so gut, nennt mich einen Dummkopf!«

»Ja, weswegen denn?«

»Nein, nein, nennt mich nur so. Ich hätte diesen Arzt beinahe ersäuft.«

»Nun gut, mein Lieber, ich erfülle deinen Wunsch: du bist wahrhaftig ein Narr, und ich sage dir's voraus, wenn du von dergleichen Narrengewohnheiten nicht bald lässest, so kommt es noch einmal dahin, daß du jemand ums Leben bringst.«

»Erbarmt Euch, Vater Sawelij, ich bin doch nicht ganz von Sinnen.«

»Überall, überall folgt dir der Unfrieden auf dem Fuße!«

»Ich weiß nicht, woher das kommt. Ich bin für Frieden und Ordnung, aber es kommt immer anders.«

Hierauf erzählt Achilla in großer Hast, aber mit allen Einzelheiten, wie er gestern das Gerippe gestohlen und wie es dann wieder verschwunden und an seinem alten Platze erschienen sei. Tuberozow hört ihm zu. Seine Augen werden immer größer und größer, und unwillkürlich tritt er ein paar Schritte zurück, indem er ausruft:

»Großer Gott, was für ein unseliger Mensch!«

»Wer, Vater Sawelij?« meint Achilla, nicht weniger erstaunt.

»Du, mein Bester, du!«

»Aus welchem Grunde bin ich unselig?«

»Welch böser Geist treibt dich zu alledem?«

»Wozu?«

»Zum Einbrechen, Rauben, Zanken.«

»Ihr habt mich dazu angetrieben,« erwidert der Diakon ganz ruhig und freundlich. »Ihr sagtet: so oder so – der Sache muß ein Ende gemacht werden. Und da hab' ich ihr ein Ende gemacht. Ich habe nur Euren Wunsch erfüllt.«

Tuberozow schüttelt den Kopf, wendet sich dem Portal zu und tritt in die Vorhalle, wo er die Serbolowa in stillem Gebete kniend erblickt. In einer Ecke aber sitzt der Lehrer Prepotenskij auf einer Totenbahre und klopft sich den Staub von den Beinkleidern. Sein Gesicht strahlt. Er schaut den Propst und den Diakon mit triumphierendem Lächeln an. Was konnte ihn, den Gottesleugner, in die Kirche geführt haben? Darüber erstaunte Tuberozow nicht weniger als Achilla; nur vermochte Achilla diesen Gedanken auch während der Messe nicht zu bannen, während der ernste Sawelij ihn bereits von sich gewiesen hatte, als sich die Tür zum Altarraum vor ihm auftat, denn er war gewohnt, mit Furcht und Zittern vor das Angesicht seines Gottes zu treten.

Eine Stunde war vergangen und die Totenmesse beendet. Die Serbolowa und ein entfernter Vetter von ihr, ein gewisser Darjanow, hatten beim Propst Tee getrunken und waren fortgegangen. Die Serbolowa wollte gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr so heiß brannte, auf ihr Gut zurückkehren. Jetzt aber gedachte sie etwas zu ruhen. Darjanow sollte mit ihr bei der alten Prepotenskaja Mittag essen, wohin Tuberozow später ebenfalls kommen wollte, um ein Gläschen Tee zu trinken und seinem lieben Beichtkinde das Geleite zu geben.

Neuntes Kapitel.

Öde, traurig und eintönig ist der Anblick der menschenleeren Straßen unserer Kreisstädte zu jeder Zeit; aber nie erscheinen sie so ausgestorben wie an einem heißen Sommermittag. Der dicke, graue Staub, den stellenweise die Spuren von Wagenrädern durchfurchen, das schläfrige, welke Gras, das die ungepflasterten Straßen an der Seite, wo die Trottoirs anzunehmen sind, umsäumt, die grauen, halbverfaulten, schiefen Zäune, die Kirchentüren mit ihren schweren Hängeschlössern, die Holzbuden, die von ihren Besitzern verlassen und mit zwei übers Kreuz geschlagenen Brettern verbarrikadiert sind, – alles das schlummert in der Mittagshitze so verführerisch, daß der Mensch, der verurteilt ist, in dieser Umgebung zu leben, ganz von selbst alle Munterkeit verliert und auch matt wird und einschläft.

Um diese Stunde war es, als Valerian Nikolajewitsch Darjanow, nachdem er einige öde Straßen durchschritten hatte, in ein enges Gäßchen einbog, das durch einen alten Gitterzaun völlig abgeschlossen ward. Hinter dem Zaun war eine Kirche sichtbar. Darjanow bückte sich tief und trat durch das niedrige Pförtchen in den Kirchhof. Hier stand in einer Ecke das kaum bemerkbare Hüttchen des Kirchenwächters, und weiter hinten, inmitten eines ganzen Waldes verfallener Grabkreuze, verbarg sich das niedrige, dreifenstrige Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja.

Der Friedhof war frei von dem Staube, der in dicker Schicht alle Straßen und Plätze der Stadt bedeckte. Hier wuchs schönes grünes Gras, und zwei Hühner, die sich im weichen Staube im Sonnenschein ausliegen wollten, mußten vor die Pforte hinaus und sich unter der Schwelle in den weichen Staub eingraben, so daß man sie kaum sehen konnte. Dort lagen sie meist den ganzen Tag, fest überzeugt, daß keiner sie stören werde. Als Darjanow über sie hinwegschritt, rührten sie sich nicht; jedes öffnete nur eins seiner bernsteinfarbenen Augen, begleitete den Gast mit einem schläfrigen Blick und schloß dann die grauen Lider wieder. Darjanow ging geradewegs auf das Pförtchen des Prepotenskijschen Hauses zu und schlug mit dem schweren eisernen Ring gegen das Holz. Alles blieb stumm. Kein Hund bellte, keine menschliche Stimme ließ sich vernehmen. Darjanow klopfte noch einmal, aber wieder erfolglos. Dann ließ er alle Hoffnung fahren, kroch unter dem Lattenwerk hindurch ins Himbeergesträuch, welches das Haus der Hostienbäckerin dicht umgab, und schaute in eins der Fenster. Diese waren gegen die Sonnenhitze durch Läden geschlossen, aber durch die breiten Ritzen konnte man den ganzen Innenraum übersehen. Es war ein großes, hohes Zimmer, fast ohne Möbel, mit zwei Türen, durch deren eine man in eine zweite, winzige blaue Kammer mit einem hohen Bett blickte, über welchem eine aus Kattunflicken zusammengenähte Decke lag.

Das große, leere Zimmer gehörte dem Lehrer Warnawa, die kleine Kammer seiner Mutter. Das ganze Haus bestand nur aus diesem zwei Räumen, denn die winzige Küche, in der man sich kaum umdrehen konnte, zählte nicht mit.

Augenblicklich standen beide Zimmer leer, aber Darjanow hörte im Vorhause hinter der Tür eifrig jemand mit dem Hackmesser arbeiten, und im Garten unter dem Fenster schien entweder Ziegel gerieben oder Eisen gefeilt zu werden. Durchaus überzeugt, alles Klopfen führe zu nichts, trat Darjanow an den Zaun, der das Gärtchen umgab, und begann eine neue Musterung durch den Spalt, den er zwischen den Brettern entdeckte. Es war aber nicht so leicht, denn an den Zaun lehnte sich dichtes Gesträuch, das den Menschen, der da mit den Ziegeln oder der Feile arbeitete, nicht sehen ließ. Darjanow mußte sich einen neuen Beobachtungspunkt suchen. Er trat mit der Fußspitze auf ein vorspringendes Brett, faßte mit der Hand den oberen Rand des Zaunes und schwang sich empor. Jetzt konnte er den ganzen kleinen, aber dichtbewachsenen und sehr reinlich gehaltenen Garten übersehen. Quer hindurch ging ein von der Hostienbäckerin eigenhändig angelegter, sauber mit gelbem Sand bestreuter Weg, auf welchem der Lehrer Warnawa saß. Er hielt die ausgestreckten Beine auseinandergespreizt, wie Kinder beim Ballspielen. Zwischen seinen Knien lag auf dem Sande ein ganzer Haufen Menschenknochen und ein Bogen blaues Packpapier. In jeder Hand hielt er einen Ziegelstein und rieb sie mit gewaltiger Kraftanstrengung aneinander. Der Schweiß floß in Strömen über sein Gesicht, obgleich er im Schatten saß und alle irgend überflüssigen Toilettenstücke abgelegt hatte. Er war barfuß und nur mit Hemd und Hose, welch letztere nur durch einen Träger gehalten wurde, bekleidet.

»Warnawa Wasiljewitsch, machen Sie mir auf!« rief Darjanow ihm zu, aber dieser Ruf verhallte ergebnislos.

Eher hätten die Toten auf dem verfallenen Friedhof dem Gast Bescheid geben können, als der ganz in seine Arbeit vertiefte Lehrer. Sobald Darjanow das begriffen hatte, verzichtete er auf weiteres Rufen und sprang vom Zaun mitten in den Garten hinein. Er sprang leicht und gewandt, aber die alten, wackligen Bretter schlugen trotzdem krachend aneinander und erschreckten den Lehrer dermaßen, daß er in größter Hast seine Ziegelsteine fallen ließ und, auf allen Vieren stehend, die Knochen zusammenzusuchen begann.

»Na, Warnawa Wasiljewitsch, guter Freund! Sie sind aber vertieft in Ihre Arbeit! Man kann sich ja die Lunge aus dem Halse schreien!« begrüßte ihn der Gast hervortretend. Als Warnawa ihn erkannte, ging ein Leuchten über sein Antlitz, und er zwinkerte mit den Augen, als er sagte:

»Ah, Sie sind's! Und ich dachte, es wäre der Achilla.«

Mit diesen Worten breitete der Lehrer freudig die Arme aus, und der ganze Haufen Knochen plumpste auf den Weg, als würde plötzlich das Innere des Mannes ausgeschüttet.

»Ach, Valerian Nikolajewitsch,« meinte er, »wenn Sie wüßten, was hier vorgeht. Nein, hol's der Teufel, – da soll man noch in diesem verfluchten Rußland bleiben!«

»Um Gotteswillen, was ist denn passiert? Wollen Sie es mir nicht verraten?«

»Ja gewiß, wenn … wenn Sie kein Spion sind.«

»Ich glaube nicht.«

»Dann setzen Sie sich auf die Bank und ich will weiter arbeiten. Setzen Sie sich nur, mir ist Ihre Gegenwart sogar sehr angenehm; ich habe so wenigstens einen Zeugen.«

Der Gast kam der Aufforderung nach und bat den Lehrer noch einmal, zu berichten, was für ein Leid ihn betroffen hätte und wie alles so gekommen wäre.

Zehntes Kapitel.

»Mein Leiden begann mit meiner Geburt, Valerian Nikolajewitsch,« fing der Lehrer an, »und wurzelt in der Hauptsache darin, daß ich von meiner Mutter geboren bin.«

»Trösten Sie sich, lieber Freund, alle Menschen sind von ihren Müttern geboren,« entgegnete Darjanow und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Nur Macduff wurde aus dem Mutterleibe geschnitten, und auch nur, damit Macbeth von keinem besiegt werde, den ein Weib gebar.«

»Na ja, Macbeth! … Was schert mich euer Macbeth? Wir brauchen keinen Macbeth, wir brauchen Aufklärung. Aber was soll man machen, wenn man hier nicht studieren kann? Ich kann es ohne weiteres beschwören, daß weder in Petersburg, noch in Neapel, noch sonstwo in der Welt der Mensch, der etwas lernen will, auf solche Hindernisse stößt, wie hier bei uns. Da redet man von Spanien … Aber wie ist's mit Spanien? In Spanien ist die Lutherbibel verboten. Schön! Dafür aber haben sie auch Verschwörungen und Aufstände und Gott weiß was alles. Ich bin überzeugt, wenn sich dort jemand ein Skelett zu wissenschaftlichen Zwecken anschafft, so wird niemand was dagegen einzuwenden haben. Aber hier? Kaum hatte ich die Knochen präpariert, so ließ meine eigene Mutter mir keine Ruhe mehr. ›Sei lieb, Warnawa, mein Kind, ich will ihn beerdigen.‹ Was heißt das: ›ihn‹? Was ist das für ein ›Er‹? Warum sind diese Knochen ein Er und keine Sie? Hab' ich recht oder nicht?«

»Vollkommen recht.«

»Ausgezeichnet. Jetzt sagt man, daß ich meiner Mutter nicht vernünftig zuzureden verstehe. Ja, was soll ich denn noch sagen? ›Mütterchen, laßt die Knochen in Ruhe,‹ sprach ich. ›Ihr versteht nichts davon. Ich habe sie nötig, ich studiere den Menschen daran.‹ Aber was soll ich machen, wenn sie mir stets darauf antwortet: ›Weißt du, lieber Warnascha, es ist doch besser, wenn ich ihn begrabe.‹ – – Das ist doch nicht zum Aushalten.«

»Allerdings.«

»Ich sagte ihr, um sie los zu werden: ›Was quält Ihr Euch um ihn, Mutter, er war ein Jude.‹ Aber sie glaubt mir nicht. ›Du lügst,‹ meint sie, ›das gibt dir der Teufel ein. Ich weiß es doch besser, die Juden haben alle Schwänzchen.‹ Niemals, sage ich, haben die Menschen, gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, Schwänze gehabt. Und dann fängt der Zank an. Ich trete, wie sich's gehört, für die Juden ein, und sie widerspricht mir. Ich beweise ihr, sie hätten keine Schwänze, aber sie besteht darauf: Ja – nein – mit Schwanz – ohne Schwanz … heißt es. Und wenn sie sich gar nicht mehr zu helfen weiß, dann zischt sie nur noch: Kusch – kusch – kusch – und fuchtelt mir mit den Händen vor der Nase herum, als wär' ich ein Huhn, das sie von den Gemüsebeeten verjagen will. Und da verlangt man noch, man solle den Frauen Freiheit geben. Ich bin gewiß für die Emanzipation, aber man muß die Sache mit Vernunft anfangen: einer jungen, entwickelten Frau, die sich in ihrem Tun keinen Zwang auferlegen will, soll man die Freiheit geben, aber diesen alten Weibern – – Nein, dagegen bin ich durchaus, und wundere mich, daß noch niemand diese Frage öffentlich behandelt hat. Hinter all dem stecken die Pfaffen mit diesem Tuberozow an der Spitze.«

»Sie übertreiben!«

»Warum nicht gar! Ich habe die Beweise dafür in der Hand. Tuberozow hat mich nie leiden mögen, jetzt aber haßt er mich einfach wegen meiner naturwissenschaftlichen Studien. Ich habe ihn ja einmal geschnitten.«

»Wie haben Sie denn das gemacht?«

»Nicht einmal, hundertmal hab' ich ihn schon geschnitten, – zuletzt noch in der vorigen Woche. Damals in der Schule, im Sprechzimmer des Inspektors, fing er an zu predigen, die Feiertage seien etwas ganz Besonderes, – da hab' ich ihn in aller Gegenwart geschnitten. Ich wies ihn einfach darauf hin, es sei mathematisch bewiesen, daß die Festlegung der Feiertage fehlerhaft sei. Wie steht's denn um unsere Feste? fragte ich. Wir feiern Weihnachten, und im Auslande haben sie es schon dreizehn Tage früher gefeiert. Hab' ich nicht recht?«

»Es sind aber nur zwölf Tage, nicht dreizehn.«

»Nun gut, zwölf, darauf kommt es nicht an. Aber er schlug gleich mit der flachen Hand auf den Tisch und schrie: ›Paß auf, du Mathematikus, daß man dir dafür nicht noch mal in die Physik fährt!‹ Ich frage Sie: was meint er mit dem Worte Physik? Sie werden mich verstehen, – so redet doch nur ein Ignorant oder Zyniker, – und: ist das überhaupt eine Antwort, frage ich Sie?«

Der Gast lachte und sagte, eine Antwort sei es schon, aber freilich eine höchst merkwürdige.

»Einfach dumm ist sie. Aber so geht es tagaus, tagein. Gestern abend erst komme ich von der Biziukina, und wenige Schritte vor mir geht der Kommissar Danilka, – wissen Sie, jener Herumtreiber, der für zwei Rubel das Pferd beim Glitsch wegführte, als Achilla Butter schlagen mußte. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Wo warst du, Danilka? frag' ich ihn. Er antwortet, er sei beim Polizeichef gewesen und habe ihm Beeren von der Postmeisterin gebracht. Dort habe man gerade von mir gesprochen, der Diakon sei dagewesen, bemerkte er noch. Ich geriet natürlich in Aufregung, aber er suchte mich zu beruhigen: ›Nicht von Ihnen selbst war die Rede, sondern von dem toten Menschen, den Sie bei sich haben.‹ Begreifen Sie das Intrigenspiel? Ich gab dem Danilka zwanzig Kopeken. Was sollte ich machen? Es ist ja nicht schön, aber es geht nicht ohne Spione. Und nun berichtete er mir, der Diakon habe gesagt, es sei ein großer Fehler, mir den Ertrunkenen überlassen zu haben. Aber man kann es noch wieder gutmachen. Der Stadthauptmann kennt natürlich meinen Charakter und meinte deshalb auch, ich würde die Knochen nicht wieder zurückgeben, – und ich geb' sie auch bestimmt nicht heraus! Achilla aber riet: ›Man nimmt sie ihm einfach fort und bestattet sie in aller Ruhe.‹ Da meinte der Stadthauptmann: ›Sollte man vielleicht einen Schutzmann nach den Knochen schicken?‹ Jedoch dieser Bandit antwortet: ›Ich brauche keinerlei polizeiliche Hilfe. Ich hole sie einfach, lege sie in einen Kindersarg und die Sache ist erledigt.‹«

Plötzlich stürzte Prepotenskij auf die Gebeine los, breitete die Hände über sie aus, wie eine Henne ihre vor dem Habicht flüchtenden Küchlein mit den Flügeln bedeckt, und sagte mit erregter Stimme:

»Bitte sehr! Solange ich am Leben bin, wird die Sache nicht gemacht! Es ist schon genug, daß Ihr alles verzögert!«

»Was verzögern ›sie‹ denn?«

»Als ob Sie das nicht wüßten!«

»Etwa die Revolution?«

Der Lehrer brach seine Arbeit ab und nickte spöttisch.

Elftes Kapitel.

»Nachdem ich dies alles von Danilka gehört hatte,« fuhr Warnawa fort, »begab ich mich zur Biziukina zurück, um sie davon in Kenntnis zu setzen, und eine Stunde später, als ich nach Hause kam, waren alle Knochen schon fort. ›Wo sind sie geblieben? Wo?‹ schrei' ich, – und diese Dame, meine Frau Mama, antwortet: ›Sei nicht bös, mein lieber Warnaschenka (haben sie mir schon so einen scheußlichen Namen gegeben, muß er jetzt auch noch so ekelhaft verdreht werden), sei nicht bös, die Obrigkeit hat sie holen lassen.‹ – ›Was ist das wieder für ein Blödsinn,‹ schrei' ich, ›von was für einer Obrigkeit quasselt Ihr denn?‹ – ›Während du fort warst,‹ sagt sie, ›kam der Diakon Achilla ans Fenster und hat sie alle mitgenommen.‹ Was sagen Sie dazu? ›Seit wann gehört der Diakon zur Obrigkeit?‹ – ›Ja, Lieber,‹ sagt sie, ›wieso denn nicht? Er hat doch die Weihen empfangen.‹ Wie soll man mit einer solchen Person reden? Sie lachen, Ihnen kommt das komisch vor, mir aber war gar nicht lächerlich zumute, als ich selber zu diesem Banditen hingehen mußte. Jawohl! Achilla nennt mich feige und alle glauben es, aber gestern habe ich bewiesen, daß ich kein Feigling bin; geradewegs begab ich mich zu Achilla. Als ich hinkam, schnarchte er bereits. Ich klopfte ans Fenster und rief: ›Gebt mir meine Knochen heraus, Achilla Andrejewitsch.‹ Es dauerte eine Weile, bis er erwachte, und sofort mit seinen Unverschämtheiten loslegte: ›Was willst du mit den Knochen? (Was soll dies familiäre Du? Seit wann sind wir so intim?) Du bist ohne Knochen viel netter.‹ – ›Das geht Euch gar nichts an, ob und wann ich netter bin.‹ – ›Im Gegenteil, das geht mich sogar sehr viel an, denn ich bin eine geistliche Person.‹ – ›Aber Ihr habt nicht das Recht, fremdes Eigentum fortzunehmen.‹ – ›Sind denn Totengebeine Eigentum? Du solltest erst mal kapieren, daß du solches Eigentum gar nicht besitzen darfst.‹ Darauf erwiderte ich ihm, daß der Diebstahl den geistlichen Personen doch wohl auch nicht gestattet sei: er kenne wahrscheinlich die englischen Gesetze nicht. In England könne er dafür gehenkt werden. Und was antwortet er mir? ›Wenn du mir von allerlei Gesetzen vorschwatzen willst, dann bedenke gefälligst, daß du dafür nach der Gendarmeriekanzlei gebracht werden kannst. Da schiebt man dich bis zum Gürtel ins Kellerloch und dann setzt es Rutenhiebe mit zwei Bündeln zugleich. Dann hast du dein England.‹ Und damit schmeißt er sich wieder auf sein Bett. Jetzt war mir alles klar. Ich ging sofort zu Biziukins, um gleich alles Daria Nikolajewna zu erzählen, die ganz meiner Meinung war. Wie ich ihr gestern meine Vermutungen über den Diakon Achilla mitteilte, sagte sie sofort: ›Natürlich ist er ein Spion! In Ihrer gegenwärtigen, gefährlichen Lage muß es Ihre Hauptsorge sein, wieder in den Besitz der Knochen zu gelangen und sie dann aufs allereifrigste zu Lehrzwecken auszunutzen. Achilla kann sie jetzt bei Nacht noch nicht fortgeschafft haben, und wenn Sie sich gleich zu ihm schleichen, so können Sie sie wiederbekommen. Passen Sie nur auf, daß er Sie nicht erwischt, sonst könnte er Sie arg verhauen …‹«

»Verhauen?«

»So meinte sie, weil sie die Gewohnheiten des Achilla gut kennt, und fügte noch hinzu: ›Lassen Sie sich aber nicht beirren. Nehmen Sie mein dickes, gemustertes Tuch und wickeln Sie es sich um den Hals. Auf den Kopf setzen Sie meine wattierte Winterkappe. Wenn er Sie dann wirklich ertappt und zuschlägt, so sind Sie geschützt und es tut Ihnen nicht weh.‹ Ich legte alles an und zog los. So kam ich denn zum zweitenmal in den Hof dieses Viehes. Der Hund schlug an, aber Daria Nikolajewna hatte auch das vorausgesehen und mir ein Stück Kuchen für den Köter mitgegeben. Ich fütterte ihn und ging weiter, bis ich vor mir einen Karren stehen sah. Ich stürze auf ihn zu, – und richtig, da lagen sie alle drinnen, alle meine Knochen.«

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