Fünftes Buch. (continued 2)
Arthur Luther translation
»Was ist das nur!« dachte der Diakon und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Dabei bemerkte er, daß seine Handfläche, wenn sie die Gesichtshaut berührte, knisterte und hängen blieb, wie wenn man mit Tuch über Flanell streicht. Dann war's ihm plötzlich, als liefe ein heißer Feuerstrom durch sein Blut, stoße gegen den Scheitel und beraube ihn des Gedächtnisses. Der Diakon wußte nicht mehr, warum er hier war, weshalb dieser Danilka da stand wie ein gerupftes Hühnchen und ungeniert erzählte, wie er den Leuten Angst machte, wie er sie sich durch allerlei Künste vom Leibe hielt und wie er unvermutet in die Gewalt des Vaters Diakon geriet.
»Nun erzähle mal,« fragte Zacharia wieder, »erzähle mal, mein Lieber, wie bist du beim Vater Propst mit dem Kopf nach unten die Decke entlang gelaufen?«
»Ganz einfach, Vater Zacharia,« antwortete Danilka. »Ich nahm meine Stiefel ab, steckte sie auf einen Stock und stieß sie dann mit den Sohlen gegen die Decke.«
»So laßt ihn doch endlich gehen, was quält ihr ihn immer noch,« sagte endlich Achilla.
Alle sahen ihn erstaunt an.
»Was redet Ihr da? Wie kann man einen Kirchenschänder ziehen lassen?« fiel ihm Grazianskij ins Wort.
»Ach was, Kirchenschänder! Der Mann hatte Hunger. Laßt ihn laufen um Christi willen.«
Grazianskij bemerkte, ohne Achilla anzusehen, sein Eintreten zugunsten des Verbrechers sei völlig unpassend.
»Warum denn? So ein armer Kerl … er hungerte doch … die Apostel rauften auch Ähren aus …«
»Wie kommt Ihr dazu?« sagte der Propst streng und drehte sich nach ihm um. »Ihr seid wohl gar Sozialist?«
»Was weiß ich von Sozialisten! Die heiligen Apostel, sag ich, gingen über Feld und rauften Ähren aus. Ihr städtischen Pfarrerssöhne wißt nichts davon, aber wir Subdiakonskinder vom Lande haben in der Schule auch manchmal Eßwaren gemaust. Nein, laßt ihn gehen um Christi willen, ich gebe ihn Euch ja doch nicht heraus.«
»Ihr habt wohl den Verstand verloren? Wie könnt Ihr Euch unterstehen?«
Diese letzten Worte schienen dem Diakon eine so unerhörte Kränkung, daß er feuerrot wurde, und seinen nassen Leibrock überwerfend, aufschrie:
»Ich geb' ihn Euch nicht heraus und damit Schluß! Er ist mein Gefangener und ich habe ein Recht auf ihn!«
Mit diesen Worten wankte der Diakon auf Danilka zu, stieß ihn zur Tür hinaus, packte mit beiden Händen die Türpfosten, um keinen Verfolger durchzulassen, und wollte noch etwas sagen, als er sich plötzlich immer größer und breiter werden, in feurigen Gluten aufgehen und verschwinden fühlte. Er schloß die Augen und fiel bewußtlos nieder.
Achillas Zustand war jener des seligen Vergessens, in den das Fieber den Menschen versetzt. Er vernahm die Worte, wie »Unfug«, »Protokoll«, »Schlag«, fühlte, daß man ihn berührte, umdrehte, aufhob, hörte das Flehen und Jammern des draußen wieder eingefangenen Danilka, aber er hörte das alles nur wie im Traum, und dann wuchs er wieder und dehnte sich unendlich weit und strömte süße Gluten aus und zerschmolz in der läuternden Flamme der Krankheit. Da kam es, das Ende des Lebens, der Tod!
Achillas »Tat« wurde zu Protokoll gebracht, wobei der alte Freund und Kamerad, Woin Porochontzew, sich die größte Mühe gab, das Benehmen des Diakons in möglichst harmlosem Lichte erscheinen zu lassen. Trotzdem wurde das Dokument betitelt: »Von dem frechen Unfug, den der Domdiakon Achilla im Beisein der Stargoroder Polizeiverwaltung angestiftet.«
Der Rittmeister Porochontzew konnte nur das Wort »frech« ausstreichen, der Unfug Achillas aber wurde zum Gegenstand einer polizeilichen Akte, auf die früher oder später ein strenges Urteil erfolgen mußte.
Neunzehntes Kapitel.
Achilla wußte nichts von alledem: er glühte ruhig und sorglos weiter in den Flammen seiner Krankheit. Der Arzt hatte ihn ins Krankenhaus schaffen lassen und erklärt, es handle sich um eine sehr schwere Form von Typhus, die gleich mit Bewußtlosigkeit und hohem Fieber anfange und zu den schlimmsten Befürchtungen Veranlassung gebe.
Dem Rittmeister Porochontzew kam diese Äußerung des Arztes sehr gelegen. Er fragte sofort, ob man das Benehmen Achillas nicht durch seinen krankhaften Zustand erklären könne. Der Arzt war durchaus dieser Meinung. Achilla aber war schon fünf Tage ohne Bewußtsein und lebte immer noch in denselben unklaren, aber süßen Vorstellungen und in demselben Gefühl einer wohltuenden Hitze. Neben seinem Bette saß auf einem wackeligen Stühlchen der Vater Zacharia und hielt ein mit kaltem Wasser getränktes Handtuch dem Kranken auf die Stirn. Gegen Abend kamen noch ein paar Bekannte und der Arzt.
Der mit geschlossenen Augen daliegende Diakon hörte, wie der Arzt sagte, daß, wenn es jemandem um die Seele des Kranken zu tun sei, er den ersten lichten Augenblick wahrnehmen müsse, denn die Krisis nahe heran, von der nicht viel Gutes zu erwarten sei.
»Nehmt den Augenblick wahr,« sagte er, »der Puls ist schon ganz unzuverlässig.« Dann fing der Arzt mit Porochontzew und den andern an zu reden, die es gar nicht begreifen konnten, daß Achilla im Sterben liege und noch dazu infolge einer Erkältung! Dieser Recke sollte sterben, und Danilka, der mit ihm im kalten Bade gesessen hatte, befand sich in seiner Gefängniszelle ganz wohl und munter. Der Arzt erklärte es dadurch, daß Achilla schon seit längerer Zeit angegriffen und leidend gewesen wäre.
»Ja, ja, Sie sprachen davon … erhöhte Sensibilität,« stammelte Zacharia.
»Eine merkwürdige Krankheit,« bemerkte Porochontzew. »Auch hier alles neu. Ich lebe nun schon so lange auf der Welt und habe noch nie von so einer Krankheit gehört.«
»Ja, ja, ja,« sagte Zacharia zustimmend, »die Lebensgewohnheiten verfeinern sich und die Krankheiten werden komplizierter.«
Der Diakon öffnete leise die Augen und flüsterte:
»Gebt mir zu trinken!«
Man reichte ihm einen Metallkrug, an den er seine flammenden Lippen preßte. Und während er das kühle Moosbeerengetränk gierig herunterschlang, musterte er die Umstehenden mit seinen entzündeten Augen.
»Nun, wie geht es unserer lieben Orgel?« fragte der Bürgermeister teilnehmend.
»Dumpf, dumpf,« antwortete der Diakon schwer atmend und fing nach einer Minute ganz unvermittelt in erzählendem Tone an: »Nach meinem Hündchen Wiesie – als die Post es überfahren hatte – wollte ich mir wieder eins zulegen … Da seh' ich in Petersburg auf dem Newskij einen Hundejungen … ›Verschaff mir‹, sagte ich … ›ein nettes Hündchen‹ … Da antwortete er: ›Heutzutag – gibt's keine Hunde mehr … Heutzutag gibt's nur noch Pointer und Setter,‹ sagte er … ›Was sind denn das für Viecher?‹ fragte ich … ›Das‹ – sagte er – ›sind ebensolche Hunde, bloß nennt man sie anders.‹«
Der Diakon stockte.
»Wie kommt Ihr auf diese Geschichte?« fragte ihn der Arzt in freundlichem, aufmunterndem Tone, denn es schien ihm, als phantasierte der Kranke.
»Weil Sie vorhin von neuen Krankheiten redeten. Sie alle – man mag sie nennen, wie man will – laufen doch auf ein und dasselbe Ziel hinaus – auf den Tod.«
Hier verlor der Diakon von neuem das Bewußtsein und erwachte bis Mitternacht nicht mehr. Dann fing er plötzlich wieder zu phantasieren an:
»Arkebusier, Arkebusier … geh fort, Arkebusier!«
Bei dem letzten Wort sprang er auf und setzte sich, völlig wach, aufrecht im Bette hin.
»Du solltest beichten, Diakon«, sagte Zacharia.
»Ja, ja,« sagte Achilla, »nehmt meine Beichte entgegen … Schneller … ich will beichten, um nichts zu vergessen … In allem hab' ich gesündigt … Vergebt mir um Jesu Christi willen …« Und mit einem Seufzer fügte er hinzu:
»Schickt schnell nach dem Propst.«
Grazianskij erschien sogleich.
Achilla grüßte ihn von weitem mit den Augen, bat um seinen Segen und küßte ihm zweimal die Hand.
»Ich sterbe,« sagte er, »und ich wollte Euch um Vergebung bitten. Gegen alle Gebote hab' ich gesündigt.«
»Der Herr wird Euch vergeben,« antwortete Grazianskij.
»Ich war ja nicht bösen Willens … aber ich redete oft unverständlich.«
»Laßt doch … Ihr habt ein edles Herz.«
»Nein, nein, so sollt Ihr nicht reden,« unterbrach ihn der Diakon. »Ich tat nicht immer das, was ich sollte … und zuletzt … zürnte ich wegen des Denkmals … Leere Phantasien: Himmel und Erde werden verbrennen und alles wird versinken … Was für ein Denkmal! Und alles meine Unvernunft!«
»Er ist schon weise,« flüsterte Zacharia, den Kopf senkend.
Der Diakon warf sich auf seinem Bette hin und her.
»Vergebt mir um Christi willen,« sagte er hastig, »und zwingt Euch nicht, hier zu bleiben. Mich packt die Krankheit schon wieder … Lebt wohl.«
Der gelehrte Propst segnete den Sterbenden, worauf Zacharia ihn hinausbegleitete. Als er in das Zimmer zurückkam, blieb er entsetzt auf der Schwelle stehen.
Achilla lag im Todeskampf und seine Agonie war ebenso verblüffend wie grauenerregend. Einige Sekunden war er ganz still, und wenn er genügend Luft eingesogen hatte, stieß er sie plötzlich mit einem langgedehnten »Hu–u–u–u« heraus; dabei fuchtelte er jedesmal mit den Armen in der Luft herum und richtete sich auf, als ob er sich von etwas befreie, etwas von sich werfe.
Zacharia stand wie erstarrt, und die schwachen Bretter der Bettstelle bogen sich und krachten immer stärker unter der Last des Sterbenden, und schauerlich bebte die Wand, durch die gleichsam die so lange gefesselt gewesene elementare Kraft sich einen Weg bahnen wollte.
»Geht es zu Ende?« erriet Zacharia plötzlich und stürzte zum Fenster nach dem dort liegenden Gebetbuche, aber in diesem Augenblick rief Achilla mit fest zusammengebissenen Zähnen:
»Wer bist du? Du mit dem Feuergesicht? Laß mich durch!«
Zacharia sah sich ängstlich um und machte ein verblüfftes Gesicht, denn kein feuriger Mann war zu sehen; aber in seiner Angst war es ihm vorgekommen, als hätte Achilla sich von seinem eigenen Leibe gelöst und wäre hier in der Stube auf jemand gestoßen, mit dem er gerungen und den er dann überwunden hätte …
Der ängstliche Alte bebte am ganzen Leibe, schloß die Augen und lief hinaus. Einige Minuten später ertönte vom Turme der Domkirche das traurige Geläut der Totenglocke für den verstorbenen Diakon Achilla.
Zwanzigstes Kapitel.
Die Chronik von Stargorod geht zu Ende, und ihr letzter Punkt soll der Nagel sein, der in den Sargdeckel des Vaters Zacharia geschlagen ward.
Der sanfte Greis überlebte Sawelij und Achilla nicht lange. Er lebte nur noch bis zum großen Fest des Frühjahrs, dem Ostersonntag, und entschlief ganz sacht während des Gottesdienstes.
Für die Klerisei von Stargorod kam eine Zeit völliger Erneuerung.