Erstes Buch. (continued 3)
Arthur Luther translation
»Sie machten sich natürlich gleich an die Arbeit?«
»Versteht sich! Ich nahm die Kappe vom Kopf, wickelte die Knochen hinein und raste im schnellsten Tempo davon.«
»Und damit war die Geschichte zu Ende?«
»Zu Ende? Nein, jetzt war sie erst in vollem Gange. Soll ich weitererzählen?«
»Ich bitte darum!«
Zwölftes Kapitel.
»Erst muß ich Ihnen noch erklären, wie und warum ich heute in die Kirche gekommen bin. Früh fährt Alexandra Iwanowna Serbolowa bei uns vor. Sie kennen sie sicher besser als ich. Sie ist strenggläubig und ihre Anschauungen sind überhaupt stark rückständig, aber sie unterstützt meine Mutter in diesem und jenem, und deshalb bringe ich das Opfer und vermeide es, mit ihr zu streiten. Aber wozu sage ich das? Ach ja, – wie sie gekommen war, sagte meine Mutter zu mir: ›Steh auf, mein lieber Warnaschenka, und begleite Alexandra Iwanowna zur Kirche, damit die Hunde des Akziseeinnehmers ihr nichts zu Leide tun.‹ So ging ich mit. Sie wissen, ich betrete die Kirche sonst nie; aber schließlich können mir weder Achilla noch Sawelij dort etwas anhaben, und so tat ich's eben. Aber wie ich da stehe, fällt mir plötzlich ein, daß ich meine Zimmertür nicht abgeschlossen habe. Ich laufe deshalb so schnell ich kann nach Hause, finde aber meine Mutter nirgends. Ich werfe einen Blick auf die Wand, – die Knochen sind weg!«
»Sie hatte sie begraben?«
»Jawohl!«
»Ohne Scherz?«
»Als ob man mit der Frau scherzen könnte! Ich bat und bettelte: ›Liebes, gutes Mütterlein, ich will Euch lieben und ehren, aber sagt mir, wo habt Ihr meine Knochen gelassen?‹ ›Frage nicht, Warnascha, mein Liebling, sie haben jetzt Ruhe.‹ Ich versuchte, was ich konnte, ich weinte, drohte mit Selbstmord, versprach ihr endlich sogar, fortan jeden Tag zu beten, – es half alles nichts! Voller Wut ging ich zur Schule, fest entschlossen, heute nacht den Spaten zu nehmen, eins der alten Gräber hier auf dem Friedhof aufzugraben und mir ein neues Skelett zu verschaffen; denn diesen Triumph durfte ich der Bande nicht gönnen. Ich hätte es auch ganz bestimmt getan. Wäre das nicht ein sogenanntes Verbrechen gewesen?«
»Sogar ein großes.«
»Sehen Sie. Und wer hätte mich dazu gebracht? Die eigene Mutter! Sicher wäre es so gekommen, wenn nicht zu meinem Glück ein Junge in die Klasse getreten wäre, der erzählte, am Flußufer hätte ein Schwein Knochen ausgegraben. Ich stürze hin, fest überzeugt, daß es meine Knochen sind, – was auch der Fall war. Das Volk schwatzt von Wiederbegraben, ich jedoch jage das Pack zu allen Teufeln. Plötzlich höre ich den Achilla nahen. Ich raffe meine Knochen rasch zusammen und renne, was ich rennen kann. Achilla kriegt mich am Rock zu fassen. Ich wende mich um, – krach! Der Rockschoß ist zum Teufel. Achilla packt mich am Kragen, – wieder kracht's, und der Kragen ist auch zum Teufel. Nun hat er mich bei der Weste. Krach! Die Weste ist mitten entzwei gerissen. Er will mir nun an den Hals. Ich aber renne, was ich rennen kann, – und sitze jetzt hier und säubere die Knochen. Da kamen Sie und erschreckten mich von neuem. Ich meinte, es wäre Achilla.«
»Aber was denken Sie, Achilla wird doch nicht über Ihren Zaun steigen! Er ist doch Diakon.«
»Jawohl, Diakon! Sie haben gut reden. Der kümmert sich viel darum. Mir sagte der Kommissar Danilka gestern, Achilla hätte beim Abschied zu Tuberozow geäußert: ›Nun, Vater Sawelij, bis ich diesen Warnawa kleingekriegt habe, sollt Ihr mich nicht Achilla den Diakon, sondern Achilla den Krieger nennen.‹ Mag er Krieg führen soviel er will, ich fürchte ihn nicht. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Ich bin nämlich zu der Überzeugung gekommen, daß ich hier nicht länger bleiben kann. Ich korrespondiere mit verschiedenen Leuten in Petersburg, von denen einer ein großes Unternehmen plant, an dem ich mitwirken kann. Freilich macht sich bereits auch dort die Gemeinheit breit, – und die gesinnungstüchtigsten Zeitungen fangen schon an, sich über die wachsende Begeisterung für die Naturwissenschaften lustig zu machen. Haben Sie es gelesen?«
»Ja, ich glaube etwas Ähnliches gelesen zu haben.«
»Aha! Also auch Ihnen leuchtet es ein! Nun sagen Sie mal, wozu haben sie uns denn dann immerfort dazu angetrieben, an Fröschen zu experimentieren und so weiter?«
»Das weiß ich nicht.«
»Das wissen Sie nicht? Nun, dann will ich es Ihnen sagen! Das soll den Leuten nicht so durchgehen! Ich packe meine Knochen zusammen, fahre nach Petersburg und hau sie ihnen einfach in die Fratzen, mitten in die Fratzen! Dann mögen sie mich vor ihren Friedensrichter schleppen –«
Dreizehntes Kapitel.
»Hahaha! Da tun Sie recht daran!« rief plötzlich die Serbolowa, die, von den beiden Männern unbemerkt, hinter einem Kirschstrauch gestanden hatte.
Prepotenskij schlug sein aufgeknöpftes Hemd über der Brust zusammen, richtete sich auf und sagte, indem er zugleich die ganz mit Ziegelstaub bestreuten Hosen mit der anderen Hand in die Höhe zog:
»Entschuldigen Sie, Alexandra Iwanowna, daß ich so mangelhaft bekleidet bin …«
»Macht nichts. Mit einem Arbeitsmann rechtet man nicht wegen seiner Toilette. Aber kommen Sie jetzt. Ihre Frau Mutter bittet, zum Essen zu kommen.«
»Nein, Alexandra Iwanowna, ich komme nicht. Ich kann mit meiner Mutter nicht mehr zusammenleben. Zwischen uns ist alles aus.«
»Sie sollten sich schämen, so zu reden. Ihre Mutter liebt Sie doch so sehr.«
»Ihr Vorwurf trifft mich nicht. Sie hält es mit meinen Feinden, sie vergräbt meine Knochen. – Wenn ich mir eine Zigarette an dem Lämpchen vor dem Heiligenbilde anzünde, spielt sie gleich die Gekränkte.«
»Warum müssen Sie aber auch Ihre Zigaretten ausgerechnet am Heiligenlämpchen anstecken? Als ob Sie nicht anderswo Feuer bekommen können!«
»Trotzdem ist das doch zu dumm!«
Alexandra Iwanowna lächelte und sagte:
»Besten Dank!«
»Sie meine ich doch nicht! Ich rede von dem Lämpchen. Feuer ist Feuer.«
»Eben darum können Sie Ihre Zigarette auch sonstwo anzünden.«
»Ach, man kann es ihr doch nie recht machen. Gestern gab ich unserem Hunde etwas Suppe von unserer Schüssel, da fängt die Mutter gleich jämmerlich an zu heulen und schlägt zuletzt vor Ärger die Schüssel in Stücke. ›Ich kann sie nun doch nicht mehr brauchen,‹ meint sie, ›da der Hund sie angerochen hat.‹ Ich bitte Sie, meine Herrschaften, – Sie, Valerian Nikolajewitsch, haben doch auch Physik studiert, kann man etwas ›anriechen‹?! Beriechen kann man eine Sache, herausriechen kann man etwas, – aber anriechen?! Nur ein kompletter Dummkopf kann so reden!«
»Sie hätten dem Hunde sein Essen aber auch in einem andern Gefäß geben können!«
»Gewiß. Aber warum?«
»Um Ihrer Mutter nicht weh zu tun.«
»Ach, so sehen Sie die Sache an! Meiner Ansicht nach ist alles Lavieren eines ehrlichen Menschen unwürdig.«
Die Serbolowa lachte leise, reichte Darjanow den Arm und beide gingen zum Essen, den Lehrer mit seinem Knochenhaufen allein lassend.
Vierzehntes Kapitel.
Die Hostienbäckerin Prepotenskaja, ein kleines altes Frauchen mit einem winzigen Gesicht und ewig erstaunten, gutmütigen Äuglein, über welchen die Brauen gleich Apostrophen hingen, bat Darjanow um Entschuldigung, daß sie sein Klopfen nicht gehört habe, beugte sich über den Tisch zu ihm hinüber und fragte flüsternd:
»Haben Sie meinen Warnascha gesehen?«
Darjanow bejahte.
»Er bringt mich zur Verzweiflung, Valerian Nikolajewitsch,« klagte die Alte.
»Was sorgen Sie sich deshalb so sehr? Er ist jung, und Jugend hat keine Tugend. Wenn er älter wird, wird er auch vernünftiger. Und wenn er erst eine Frau hat …«
»Eine Frau? Wie soll ich ihn denn dazu bringen, daß er heiratet? Das ist ganz unmöglich. Er ist ja ganz verdreht. An den lieben Gott glaubt er nicht; Fleisch und Milch genießt er an allen Fastentagen, sogar in der Karwoche, und ich muß Ihnen gestehen, lieber Freund, ich fürchte mich, besonders abends …«
Die schwarzen Apostrophe über den Äuglein der winzigen, ängstlichen Alten schoben sich unruhig hin und her. Sie zuckte zusammen und flüsterte:
»Und zu alledem, lieber Freund, habe ich immer schreckliche Träume, so daß ich beim Erwachen gleich bete: ›Sankt Simeon, deute mir mein Traumgesicht.‹ Könnte ich mich mit jemand im Hause darüber aussprechen, so ertrüge ich es viel leichter; aber so bin ich immer und ewig allein mit den Totengebeinen. Ich fürchte keinen Toten, über dem die Gebete gesprochen sind, aber Warnascha erlaubt es ja nicht, daß ich die Gebete lesen lasse.«
»Zürnen Sie ihm nicht, er ist trotz alledem ein guter Kerl.«
»Gewiß, gut ist er schon. Ich will auch nichts Böses von ihm sagen. Ich war seine glückliche Mutter, und er war früher so gut gegen mich, bis er in die Philosophieklasse kam. Damals, wenn er zu den Ferien nach Hause kam, ging er auch in die Kirche, und ich führte ihn zum Vater Sawelij, und der Vater Sawelij war freundlich gegen ihn und half ihm auch in diesem und jenem, – bis es dann plötzlich über ihn kam, ich weiß selbst nicht wie und woher: er fing an, den Weisen zu spielen. Seitdem wurde es mit jedemmal, wenn er aus dem Seminar kam, schlimmer und schlimmer. Sagen Sie, was Sie wollen, ich kann es mir nicht anders erklären, als daß er behext ist. Vater Zacharia hat mir neulich aus dem ›Familienblatt‹ vorgelesen, wie ein Sohn aus gutem Hause vom Teufel besessen war, so daß zehn Mann nicht mit ihm fertig werden konnten. Gerade so ist es mit Warnawa auch.«
Die Alte sprang auf, schlüpfte in die Küche, wischte sich dort die Tränen aus den Augen, kam wieder ins Zimmer zurück und berichtete weiter:
»Ich will es Ihnen nur gestehen, ich gebe ihm jeden Tag geweihtes Wasser zu trinken. Er weiß natürlich nichts davon und merkt es nicht. Ich geb's ihm aber. Es hilft nur leider nichts, und eine Sünde ist es auch. Vater Sawelij sagt immer wieder, er verdiente, irgendwohin nach Taschkent verschickt zu werden. Warum soll man es denn nicht noch einmal mit Güte versuchen? denke ich. Er aber meint, mit Güte sei da nichts zu machen, weil ihm alle natürlichen Gefühle fremd sind. Aber wenn auch, mir ist es doch leid um ihn.« Und die Hostienbäckerin verschwand wieder.
»So ein unglückliches Wesen,« sagte die junge Frau leise.
»Ja, freilich,« stimmte Darjanow ihr bei. »Und der Rüpel spielt noch Komödie und kommt nicht mal zum Essen.«
»Gehen Sie doch noch mal hinaus und holen Sie ihn.«
»Er ist ja so störrisch wie ein Pferd und wird nicht kommen.«
»Das wollen wir doch sehen. Sagen Sie ihm, ich befehle es, ich sei Agent der Geheimpolizei und wünschte ihn sofort hier zu sehen, widrigenfalls ich Meldung mache, daß er nach Petersburg zu ziehen beabsichtige.«
Darjanow lachte und ging hinaus, um Warnawa zu holen. Inzwischen hatte der Lehrer seine Schätze in Sicherheit gebracht, und da die Arbeit seinen Appetit mächtig angeregt hatte, fiel es ihm nicht leicht, sich charakterfest zu zeigen und die Aufforderung zum Essen zurückzuweisen.
Um den freiwilligen Märtyrer aus seiner schwierigen Lage zu bringen, beugte sich der Abgesandte an sein Ohr und flüsterte ihm mit geheimnisvoller Miene zu, was die Serbolowa gesagt hatte.
»Sie Spionin!« rief Warnawa und wurde ganz rot.
»Ja.«
»Und vielleicht –«
»Was?«
»Vielleicht auch Sie …«
»Ja, ich auch.«
Warnawa drückte ihm freundschaftlich die Hand:
»Ich danke Ihnen, daß Sie kein Geheimnis daraus machen.«
Dann ging er mit reinem Gewissen zum Mittagessen.
»Ich muß Ihnen ja gehorchen …«
Fünfzehntes Kapitel.
Der Plan war also gelungen. Warnawa hatte jetzt einen Vorwand zum Essen zu kommen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Er trat ins Zimmer mit der Miene eines unglücklichen Opfers feindlicher Gewalten und setzte sich an das schmale Ende des Tisches, Darjanow gegenüber. Zwischen ihnen, an der Längsseite, nahm Alexandra Iwanowna Platz, während die vierte Seite frei blieb. Die Hostienbäckerin selbst setzte sich fast nie mit ihrem Sohne zu Tisch, und auch jetzt begnügte sie sich damit, die Gäste zu bedienen, ohne mitzuessen. Die Alte war entzückt, ihren gelehrten Sohn wiederzuhaben, Freude und Kummer wechselten auf ihrem Antlitz, ihre Augenlider waren gerötet, die Unterlippe zitterte leise und ihre alten Füßchen gingen nicht, sondern liefen in großer Hast, wobei sie unausgesetzt bemüht war, sich so zu stellen und zu wenden, daß man ihr Gesicht nicht sehen konnte.
Die Gäste suchten durch allerlei Listen die Alte zum Bleiben zu bewegen, und lobten ihre Kochkunst. Aber die Gute wies alles Lob zurück und meinte, sie verstünde nur die allereinfachsten Speisen zu bereiten.
»Aber gerade diese einfachen Speisen schmecken uns ausgezeichnet.«
»Ach, wie sollen sie schmecken! Bloß gesund sollen sie sein, sagt man. Aber Gott weiß, ob dem wirklich so ist. Warnawa ißt doch immer, was ich gekocht habe, – und sehen Sie ihn bloß an: ganz wie leer ist er.«
»Hm!« brummte Warnawa, sah die Mutter vorwurfsvoll an und schüttelte den Kopf.
»Ach Gott, was willst du wieder? Wirklich, Warnawa, du bist leer.«
»Sagt das doch noch einmal!« knurrte der Lehrer.
»Es ist doch nichts Kränkendes, Warnascha! Milch trinkst du morgens bis zur Unendlichkeit; Tee mit Weißbrot nimmst du auch bis zur Unendlichkeit; Braten und Grütze auch, – aber wenn du vom Tische aufstehst, bist du wieder leer bis zur Unendlichkeit. Das ist doch sicher eine Krankheit. Ich sage dir schon, lieber Sohn, hör' auf mich …«
»Mutter!« unterbrach sie der Lehrer zornig.
»Was ist denn dabei, Warnascha? Ich sage dir, wenn du frühmorgens aufstehst, mußt du beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ – und dann erst essen …«
»Mutter!« rief Warnawa noch lauter.
»Was ärgerst du dich denn, Närrchen? Ich sage dir, du mußt beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ und dann ein Stückchen geweihte Hostie essen, denn, Sie müssen wissen,« wandte sie sich an die Gäste, »ich hole mir immer für ihn und für mich je ein Stückchen von der Hostie aus der Kirche, damit wir einst drüben in demselben Zelt sind. Aber er will es nie essen. Warum?«
»Warum? Ihr wollt wissen, warum? Schön! Weil ich mit Euch nirgends zusammen sein will, weder in dieser noch in irgendeiner andern Welt!«
Ehe noch der Lehrer diese Worte gesprochen hatte, erbleichte die Alte. Sie zitterte so, daß die beiden Fayenceteller, welche sie in der Hand hielt, ihr entglitten und klirrend in Scherben zersprangen.
»Warnascha,« rief sie, »du sagst dich los von mir?«
»Ja, ja, ja, ich sage mich los! Ihr seid mir auch hier schon zuwider, und mich verlangt nicht im mindesten darnach, Euch noch in jener Welt auf dem Halse zu haben.«
»St! St! St!« suchte die Alte bitterlich weinend ihn zu unterbrechen, und fing an, dicht vor seinem Gesicht in die Hände zu klatschen, damit sie seine furchtbaren Worte nicht höre. Jedoch Warnawa schrie viel lauter, als seine Mutter klatschte. Da stürzte sie zum Heiligenbild und rief außer sich, mit den gespreizten Fingern ihrer mageren Hände fuchtelnd:
»Höre ihn nicht, Gott, höre ihn nicht, höre ihn nicht!«
Und dann fiel sie schluchzend in der Ecke vor dem Bilde zu Boden.
Diese traurige und ganz unerwartete Szene hatte alle Anwesenden in Erregung versetzt, ausgenommen Prepotenskij. Der Lehrer blieb völlig ruhig und aß mit seinem gewöhnlichen, nie versagenden Appetit. Die Serbolowa war aufgestanden und der Alten, welche aus dem Zimmer stürzte, gefolgt. Darjanow sah durch die offene Tür, wie die Hostienbäckerin Alexandra Iwanowna umarmte. Er stand auf, schloß die Tür und stellte sich ans Fenster.
Prepotenskij aß ruhig weiter.
»Wann fährt Alexandra Iwanowna nach Hause?« fragte er, gemächlich kauend.
»Sobald die Hitze nachläßt,« antwortete Darjanow trocken.
»Erst!« sagte Prepotenskij gedehnt.
»Ja, Tuberozow will sie hier noch aufsuchen.«
»Tuberozow? Bei uns? In unserem Hause?«
»Ja, in Ihrem Hause. Aber er kommt nicht zu Ihnen, sondern zu Alexandra Iwanowna.«
Darjanow stand während dieses Gespräches mit dem Rücken zu Prepotenskij und blickte in den Hof hinaus, aber bei den letzten Worten wandte er sich um und fügte mit einem kaum merklichen Lächeln hinzu:
»Es scheint, Sie haben eine Mordsangst vor Tuberozow.«
»Ich? Ich Angst vor Tuberozow?«
»Ja freilich. Es sieht so aus, als wäre sogar Ihre Nase ganz grün geworden, wie ich sagte, er wolle hierher kommen.«
»Meine Nase grün geworden? Ich versichere Sie, das kommt Ihnen nur so vor. Wie wenig ich ihn fürchte, will ich Ihnen heute noch beweisen.«
Mit diesen Worten erhob sich Prepotenskij und ging hinaus. Der Gast ahnte nicht, was für kühne Gedanken in diesem Augenblick im verzweifelten Gehirn Warnawas keimten und reiften. Der geneigte Leser aber soll es im nächsten Kapitel erfahren.
Sechzehntes Kapitel.
Nachdem er das Zimmer verlassen, schlüpfte Prepotenskij in eine kleine Scheune, entledigte sich seiner Oberkleider und kletterte auf den Heuboden. Mit großer Anstrengung schob er zwei Deckbretter auseinander und kroch durch den ziemlich engen Spalt in einen kleinen, von außen verschlossenen Speicher. Bunt durcheinander lagen dort Töpfe und Bütten, an der Decke hing ein Schinken, auf Stöckchen waren Bündel von Bohnenkraut, Pfefferminz und Dill gespießt. Der Lehrer ließ alle diese Gegenstände unberührt. Er stieg auf eine hohe Truhe aus Tannenholz mit schrägem Deckel und holte einen großen, leicht gewölbten Trog herunter, der so blank wie das Schaufenster eines Spiegelgeschäfts gescheuert war. Mit dem Trog kroch er wieder in die Scheune zurück, wo er die unseligen Totengebeine sehr geschickt versteckt hatte.
Niemand dachte daran, dem Lehrer nachzuspüren, er aber war es schon so gewohnt, seine »Lage« für »gefährdet« zu halten, daß er sich nirgends sicher fühlte. Immer mußte er sich verkriechen und verstecken, weil er dachte, sonst wäre es ihm unmöglich, sein Unternehmen zu beginnen und im geeigneten Augenblick mit allem Pomp zur Ausführung zu bringen.
Eine Stunde mochte seit Warnawas Verschwinden vergangen sein, und es begann zu dämmern, als der Ring an dem wackeligen Pförtchen der Prepotenskijschen Behausung klirrte.
Tuberozow war gekommen. Warnawa hörte in seiner Scheune, wie unter dem festen Tritt des beleibten Propstes die Stufen des alten Holztreppchens knarrten und sich bogen, und wie der Gast die Serbolowa und die alte Hostienbäckerin begrüßte.
»Nun, meine liebe Witwe von Nain, was macht dein gelehrter Sohn?« wandte sich Vater Sawelij an die Alte, die eben den kleinen weißen Tisch auf die offene Veranda hinaustrug, wo die Gäste den Tee trinken sollten.
»Mein Warnascha? Gott weiß, Vater Propst. Er hat wohl Angst bekommen und sich irgendwo vor Euch versteckt.«
»Du lieber Himmel, was hat er denn von mir zu fürchten? Er sollte sich lieber mehr um sich selber kümmern und vorsichtig sein,« und Tuberozow erzählte Darjanow und der Serbolowa von den nächtlichen Abenteuern Achillas.
»Wer hat ihn darum gebeten? Wer hat es ihm befohlen?« fragte der Alte und antwortete selbst: »Niemand! Er hat es ganz für sich allein beschlossen, mit Warnawa Wasiljewitsch abzurechnen, und die ganze Stadt haben sie in Aufregung versetzt.«
»Habt Ihr es ihm denn nicht befohlen, Vater Propst?« fragte die Alte.
»Wie käme ich dazu, solche Dummheiten zu befehlen?« erwiderte Tuberozow und fing von anderen Dingen zu reden an. So verging noch eine halbe Stunde und die Gäste brachen auf. Warnawa war immer noch unsichtbar, aber als der Wagen der Serbolowa vorfuhr, flog die Pforte der Scheune, in welcher der Lehrer sich verborgen hielt, weit auf, und langsam und feierlich schritt Warnawa Prepotenskij auf die erstaunten Gäste zu.
Er trug seine gewöhnliche Kleidung und hielt in beiden Händen hoch über seinem Haupte den neuen Waschtrog, den er der Mutter geraubt und in dem jetzt in schönster symmetrischer Anordnung die wohlbekannten Gebeine lagen.
Ehe noch jemand begreifen konnte, was die Erscheinung des Lehrers mit dieser seltsamen Trophäe zu bedeuten hatte, war Prepotenskij bereits majestätisch an der Veranda vorübergeschritten, hatte dem dort stehenden Tuberozow die Zunge gezeigt und war dann über den Friedhof auf die Straße hinausgegangen.
Die Hostienbäckerin zitterte am ganzen Leibe, kaute krampfhaft an den Spitzen ihrer fest zusammengedrückten Finger und flüsterte:
»Was hat er da? Was trägt er durch die Stadt?«
Als sie es endlich begriffen hatte, heulte sie laut auf und stürzte mit einer Geschwindigkeit, die man ihren Jahren gar nicht zugetraut hätte, dem Sohne nach. Die Alte hüpfte und hopste, wie gewisse Vögel, die, bevor sie auffliegen, erst einen Anlauf nehmen müssen. Trotzdem Warnawa langsam schritt, erschien es fraglich, ob die Hostienbäckerin selbst bei diesem schnellen Tempo imstande sein werde, ihren Sprößling einzuholen, der schon am entgegengesetzten Ende der Straße angelangt war. Allein ein unerwartetes Ereignis, durch das die ganze Prozession und die Verfolgung eine völlig neue Wendung nehmen sollte, trat ein.
Irgendwo von oben her ertönte plötzlich ein lautes und lustiges:
»Hallo! Hurra! Nicht hauen! Nicht hauen! Nicht hauen!«
Die Zeugen dieser Szene sahen sich nach der Richtung um, aus welcher das Geschrei kam, und erblickten auf dem Vorsprung eines der Nachbardächer einen zerlumpten Kerl, der in der Hand eine dünne Stange hielt, wie sie Taubenzüchter brauchen, um ihre Tümmler aufzuscheuchen. Dieser Schreier war der Ausrufer und das Faktotum von Stargorod, der Proletarier und beschäftigungslose Kleinbürger Danilka, den sie in der Stadt den »Kommissar« nannten. Er war just mit seinen Tauben beschäftigt und benutzte die Gelegenheit, um spaßeshalber auch den Lehrer zu erschrecken. Diesen Zweck erreichte er vollkommen, denn kaum hatte Prepotenskij den Warnungsruf vernommen, so schlug er sofort ein schnelleres Tempo an und stürmte wie ein gehetztes Reh vorwärts. Aber während er einer Gefahr zu entgehen hoffte, lief er einer andern, weit schlimmern in die Arme; denn an der nächsten Wegkreuzung tauchte vor den entsetzten Blicken des Lehrers in Riesengröße – er schien heute viel gewaltiger als gewöhnlich – der grimme Diakon Achilla auf.
Wie sagt das Sprichwort? Links die Backpfeife und rechts der Rippenstoß.
Siebzehntes Kapitel.
Kaum hatte der arme Lehrer den Diakon erblickt, so knickten seine Knie kraftlos zusammen. Doch schon im nächsten Augenblick reckten sie sich wieder auf wie Sprungfedern, und mit drei mächtigen Sätzen legte er eine Entfernung zurück, die ein normaler Mensch in zehn Sprüngen nicht hätte überwinden können. Dadurch schien Warnawa gerettet, denn er befand sich jetzt gerade unter dem Fenster der Gattin des Akziseeinnehmers Biziukin, und zu seinem großen Glück stand die aufgeklärte Dame selbst am offenen Fenster.
»Nehmen Sie dies!« rief Prepotenskij ganz außer Atem.
»Ich werde verfolgt von Spionen und Pfaffen!«
Bei diesen Worten schob er den Trog mit den Knochen zum Fenster hinein, er war aber selbst so erschöpft, daß er sich nicht mehr rühren konnte und an die Mauer lehnen mußte. Im selben Augenblick stand auch schon Achilla, ebenfalls ganz außer Atem, neben ihm und packte seinen Arm.
Sein Blick traf mitten auf der Straße zwei aus dem Staube emporragende menschliche Rippen. Sich zu Prepotenskij wendend sagte er:
»Warum hebst du deine Astragalusse nicht auf?«
»Tretet beiseite, dann will ich sie aufheben.«
»Gut, ich will zurücktreten,« – und der Diakon ging an das Fenster, stellte sich auf die Zehenspitzen, guckte ins Zimmer hinein und fuhr fort:
»Hören Sie mal, Frau Rätin, Sie tun sehr unrecht, wenn Sie sich für diesen Lehrer so ins Zeug legen.«
Statt der erwarteten Antwort der »Rätin« erschien der liberale Akziseeinnehmer Biziukin selbst am Fenster und hielt dem Diakon den kahlen Schädel des Skeletts vor Augen.
»Sei mal so gut und lege das Ding fort, sonst werde ich böse,« entgegnete Achilla höflich. Von innen ertönte nur ein höhnisches Gelächter, und der Einnehmer ließ den Schädel laut und schauerlich mit den Zähnen klappern.
»Ich schlag euch alle zu Brei,« brüllte Achilla, indem er mit beiden Händen einen mächtigen Stein packte, der neben dem Fundament lag und gut zwei Zentner wiegen mochte. Im selben Augenblick, als er mit flammenden Augen dieses ungeheure Geschoß emporhob, um es gegen seine Widersacher zu schleudern, fiel ihm von hinten jemand in den Arm, und eine bekannte Stimme rief gebieterisch:
»Laß liegen!«
Es war Tuberozow. Mit strengem Gesicht, schwer atmend und zitternd vor Erregung stand Propst Sawelij vor ihm. Achilla gehorchte. Noch einen zornigen Blick aus seinen vor Wut geröteten Augen warf er auf den Einnehmer, dann schleuderte er den Stein mit solcher Wucht zur Seite, daß er einen Zoll tief in den Boden drang.
»Geh nach Hause,« flüsterte ihm Sawelij zu und wandte sich selbst zum Gehen.
Achilla widersetzte sich auch diesem Befehl nicht und schlich leise und niedergeschlagen, wie ein sonst artiger Schulbub, der bei einem dummen Streich ertappt worden ist, von dannen.
»Gott, was für eine alberne und ärgerliche Geschichte,« sagte Tuberozow, mühsam nach Luft schnappend, zu Darjanow, der ihn inzwischen eingeholt hatte.
»Macht Euch keine unnützen Gedanken, die Sache wird weiter keine Folgen haben.«
»Wieso keine Folgen? Die Folge wird sein, daß Achilla vor Gericht kommt. Haben Sie denn nicht gehört, was er schrie, als er mit dem Stein drohte? Er wollte sie alle zu Brei schlagen!«
»Ihr werdet sehen, alles löst sich in Wohlgefallen und Lachen auf.«
»Nein, das glaube ich nicht. Hier gibt es nichts zum Lachen. Es handelt sich um eine große Dummheit, die gemeine Menschen zu ihren Zwecken ausnutzen können.«
Der Propst beschleunigte seine Schritte und eilte nach Hause, indem er mit seinem langen Stabe zornige Zickzacklinien durch den Straßenstaub zog.
Im nächsten Buche unserer Chronik werden wir sehen, was für Folgen diese Begebenheit hatte und wer von den beiden Propheten im Recht war.