Fünftes Buch.
Arthur Luther translation
Erstes Kapitel.
Nicht nur den Zwerg Nikolai Afanasjewitsch erschütterte die schauerliche Ruhe des Gesichtsausdrucks und der wackelnde Kopf Tuberozows, der langsam durch den tiefen Schlamm der ungepflasterten Straßen hinter dem Sarge seiner entschlafenen Gattin herging, sondern in dem großen und stummen Schmerz tiefangelegter Menschen liegt unzweifelhaft eine unwiderstehliche Kraft, die von allen empfunden wird und bei kleinen Naturen, welche gewohnt sind, ihr Weh in lauten Seufzern und Geschrei ausströmen zu lassen, Angst und Grauen erweckt. Das fühlte jetzt jeder, der irgend etwas mit dem verwaisten Greise zu tun gehabt hatte, dessen treue Gefährtin dahingegangen war. Als die Erdschollen an den Sargdeckel schlugen und der in den Bann getane Priester sich umwandte, um von dem hohen Erdhaufen herabzusteigen, traten alle Umstehenden zurück und gaben ihm den Weg frei, den er nun auch ganz allein mit entblößtem Haupte durch den ganzen Friedhof entlang schritt.
Am Tor blieb er stehen, betete vor dem Heiligenbild der Kapelle, setzte seinen Hut auf und wandte sich noch einmal um. Erstaunt trat er zurück. Vor ihm stand der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch, der von der Grabstätte an in einer Entfernung von zwei Schritt hinter ihm hergegangen war.
Etwas wie Freude zuckte über das Gesicht des Propstes. Es tat ihm augenscheinlich wohl, seinem »alten Märchen« in einem so trüben Augenblick zu begegnen. Er wandte sich seitwärts den schwarzen Feldern zu, auf denen noch kümmerlich und frierend die Wintersaat sproßte, und aus seinen Augen fiel eine schwere Träne, einsam und schnell, wie ein Tropfen Quecksilber, und verlor sich in seinem grauen Barte, gleich einem im Walde verirrten Waisenkind.
Der Zwerg bemerkte diese Träne. Er wußte, was sie bedeutete und schlug still ein Kreuz. Sie machte Sawelijs vom Übermaß des Schmerzes beengte Brust leicht. Er holte tief Atem, und als der Zwerg ihn aufforderte, in seinen Wagen zu steigen, erwiderte er:
»Ja, Nikolascha, es ist gut, ich will mit dir fahren.«
Schweigend fuhren sie dahin, bis der Wagen vor dem Häuschen des Gendarmen in der Klostervorstadt hielt. Tuberozow drückte dem Zwerg stumm die Hand und ging in seine Wohnung.
Nikolai Afanasjewitsch folgte ihm nicht. Er empfand, daß Tuberozow jetzt allein sein wollte. Erst am Abend besuchte er den Witwer, und nachdem er eine Zeitlang dagesessen hatte, bat er um Tee unter dem Vorwande, daß ihn friere; in Wirklichkeit wollte er Sawelij von seinem Schmerz ablenken und das Gespräch auf den eigentlichen Zweck seines Besuchs bringen. Der Plan gelang vollkommen, und als Tuberozow den dampfenden Samowar hineingetragen hatte, die Tassen aus dem Schrank holte und sich anschickte, den Tee zu bereiten, begann der Zwerg leise zu erzählen, was sich in all der Zeit in Stargorod zugetragen. Schritt für Schritt ging er vorwärts, ließ einen Tag nach dem andern vorüberziehen, bis zu dem Augenblick, wo er hier am Teetisch saß. In diesem Bericht war natürlich sehr viel die Rede von der Betrübnis der Städter über das Mißgeschick des Propstes, den man so sehr vermißte und ganz zu verlieren fürchtete.
Der Propst, der dem Zwerg anfangs ernst und ruhig, beinahe teilnahmlos zugehört hatte, wurde aufmerksamer, als die Rede auf das Verhalten der Gemeinde seiner Maßregelung gegenüber kam. Und als der Zwerg, nachdem er sich erst umgesehen hatte, mit gedämpfter Stimme zu erzählen fortfuhr, sie hätten im Namen der ganzen Gemeinde ein Gesuch aufgesetzt und unterzeichnet, und er, Nikolai Afanasjewitsch, hätte es von Achilla empfangen und auf seiner Brust verborgen, da zuckte die Unterlippe des Alten krampfhaft und er sagte:
»Ein braves Volk. Ich danke.«
»Ja, es ist brav, unser Volk, sogar sehr brav, aber es weiß noch nicht recht, wie es eine Sache anfangen soll.«
»Finsternis, Finsternis über dem Abgrund … doch über allem schwebt der Geist des Herrn,« sagte der Propst, seufzte tief und bat um das Papier, von dem der Zwerg gesprochen hatte.
»Wozu braucht Ihr es denn, Vater Propst, dieses Papier?« fragte der Zwerg schlau lächelnd. »Morgen wird es dem überreicht, an den es gerichtet ist –«
»Gib es mir, ich will es besehen.«
Der Zwerg knöpfte seinen Rock auf, um seinen Brustbeutel herauszuholen, schien sich aber plötzlich auf etwas zu besinnen.
»Nun, so gib doch her,« bat Sawelij.
»Aber werdet Ihr … werdet Ihr es nicht zerreißen, Vater Propst?«
»Nein,« sagte Tuberozow fest, und als der Kleine ihm das Blatt hinreichte, das mit winzigen und riesengroßen, deutlichen und ganz unleserlichen Unterschriften bedeckt war, murmelte Sawelij andächtig:
»Zerreißen? Dieses kostbare Dokument zerreißen? Nein, nein! Mit ihm ins Gefängnis; mit ihm ans Kreuz! In den Sarg sollt ihr es mir legen!«
Und zum nicht geringen Entsetzen des Zwerges rollte er das Blatt schnell zusammen und verbarg es auf seiner Brust unter dem Leibrock.
»Aber, Vater Propst, das soll doch eingereicht werden!«
»Nein, das soll es nicht!«
Ihm das Papier jetzt fortzunehmen, war unmöglich. Man konnte sicher sein, daß er sich eher von seinem Leben, als von diesem Blatt mit den kostbaren Krakelfüßen seiner Gemeinde trennen würde.
Dies sah der Zwerg ein und versuchte vorsichtig, sich dem Gedankengang Sawelijs anzupassen. Er fing an davon zu reden, wie bedeutungsvoll und erfreulich dieses Eintreten der Gemeinde für ihren Pfarrer sei, und wies weiter darauf hin, daß der Wille der Gemeinde für jeden Einzelnen bindend und heilig sein müsse.
»Sie weinen und wehklagen jetzt, Vater Propst, daß sie Euch nicht mehr sehen sollen.«
»Das ist nicht zu ändern,« sagte der Propst seufzend. »Meine Tage sind ohnedies schon gezählt.«
»Aber ich, Vater Propst? Wie steh' ich da? Was hat die Gemeinde mir anvertraut und womit kehr' ich zu ihr zurück?«
Tuberozow stand auf, durchschritt ein paarmal sein enges Zimmerchen, blieb in der Ecke vor dem Heiligenbilde stehen, zog das Blatt wieder hervor, küßte es noch einmal und reichte es dann dem Zwerg mit den Worten:
»Du hast recht, mein lieber Freund, tu, wie die Gemeinde dir befohlen.«
Zweites Kapitel.
Nikolai Afanasjewitsch hatte viel Mühe, um seinen Auftrag auszuführen, aber er war ebenso unermüdlich wie geschickt. Dieser kleine Abgesandte der großen Gemeinde kannte weder Ermattung noch Überstürzung. Wie eine Klette hängte er sich an alle, die ihm förderlich sein konnten, und ließ sie nicht los. Den Propst besuchte er allabendlich, doch erzählte er ihm nichts von seinen Bemühungen, und Sawelij selbst dachte nicht daran, ihn zu fragen. Inzwischen rückte aber die Sache so gut vorwärts, daß am neunten Tage nach dem Tode Natalia Nikolajewnas, als der Propst vom Friedhof gekommen war, der Zwerg zu ihm sagen konnte:
»Nun, lieber Vater Propst, macht Euch zur Heimreise fertig. Man entläßt Euch.«
»Der Wille des Herrn sei über mir,« erwiderte Tuberozow gleichgültig.
»Man verlangt nur eines von Euch, Ihr sollt Euch schriftlich verpflichten, dieses hinfort nicht mehr zu tun.«
»Gut; ich will's nicht mehr tun … werde es nicht tun … ich bin schwach und zu nichts mehr zu brauchen.«
»Wollt Ihr Eure Unterschrift geben?«
»Ja … ich will … ich bin bereit.«
»Und dann bittet man noch … Ihr sollt Euch schuldig bekennen und um Verzeihung bitten.«
»Schuldig? Wessen beschuldigt man mich?«
»Des Übermuts. Das heißt – sie nennen es so: Übermut.«
»Übermut? Ich war nie übermütig und habe stets auch andere, soviel ich vermochte, davon zurückgehalten. Ich kann mich also nicht einer Sünde schuldig bekennen, die ich nicht begangen habe.«
»Aber sie nennen es so.«
»So sage ich ihnen, daß ich mir keines Übermuts bewußt bin.«
Tuberozow blieb stehen, hob den Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe und rief:
»Der Prophet ward nicht übermütig genannt, da er für den Herrn eiferte. Geh hin und sage ihnen: der Priester, den ihr in den Bann getan, läßt euch melden, daß der Eifer des Herrn ihn getrieben, und daß er, wie er als Eiferer geboren, so auch sterben werde. Und jetzt will ich kein Wort von Vergebung mehr hören.«
Mit dieser kategorischen Antwort mußte der Fürsprecher sich entfernen, und wieder lief er von Tür zu Tür, bat, flehte, drohte sogar mit dem menschlichen und göttlichen Gericht, aber alles war vergeblich.
Der Zwerg wurde krank und mußte sich zu Bett legen; die Unmöglichkeit, die Sache zum Austrag zu bringen, die er auf sich genommen, hatte die Kraft und die Geduld des eigenartigen Anwalts gebrochen.
Nun tauschten die beiden Alten ihre Rollen, und wie bisher Nikolai Afanasjewitsch den Propst täglich besucht hatte, so wanderte jetzt Sawelij, wenn er die vorgeschriebene Menge Holz gesägt und die Vesper im Kloster mit angehört hatte, nach dem großen Plodomasowschen Hause, wo der Kranke in einem kleinen Hinterstübchen lag.
Der arme Zwerg tat dem Propst unsagbar leid, er fühlte alle seine Schmerzen mit ihm und sagte seufzend:
»Das hatte noch gefehlt, daß du um meinetwillen leiden mußtest.«
»Ach, Vater Propst, was redet Ihr von mir altem Hasen? Wozu bin ich denn überhaupt noch auf der Welt? Denkt lieber an Euch, und an ihn, an Euren Hohepriester! Er bittet Euch doch, daß Ihr Euch demütigt! Tröstet ihn, gebt nach, bittet um Vergebung.«
»Ich kann nicht, Nikolai, ich kann nicht.«
»Demütigt Euch.«
»Ich demütige mich vor der Gewalt, aber was höher ist als die irdische Gewalt, das hat mehr Macht über mich … Ich stehe unter dem Gesetz. Sirach hat es uns zur Pflicht gemacht, für die Ehre unseres Namens Sorge zu tragen, und der Apostel Paulus protestierte gegen die Mißachtung seiner Bürgerrechte; ich habe nicht das Recht, mich zu erniedrigen um einer Abbitte willen.«
Der Zwerg gab alle Hoffnung auf und begann, sich zur Heimreise nach Stargorod zu rüsten. Sawelij widersetzte sich dem nicht; im Gegenteil, er riet ihm selbst, schneller abzureisen und gab ihm keinerlei Aufträge, was er daheim sagen oder antworten sollte. Bis zum letzten Augenblick, als er den Zwerg aus der Stadt hinaus bis zum Zollschlagbaum begleitete, bestand er auf seinem Willen und kehrte ruhig in die Stadt und auf den Klosterhof zurück, um sein Holz zu sägen.
Der Kummer des Zwerges war grenzenlos. Er hatte ganz anders gehofft heimzukehren, und seine Gedanken umkreisten unablässig denselben Gegenstand. Plötzlich jedoch kam ihm Erleuchtung – ein einfacher, klarer, rettender, glänzender Gedanke, wie sie dem Menschen nur selten kommen und fast immer so unverhofft, als würden sie ihm von oben gesandt.
Etwa zehn Werst weit war der Zwerg gefahren, als er dem Kutscher befahl, wieder nach der Stadt zurückzukehren. Sofort begab er sich zu Sawelijs Vorgesetzten und bat flehentlich, man möge dem Propst befehlen, Abbitte zu tun.
Da man des halsstarrigen alten Mannes lange überdrüssig war, erfüllte man seinen Wunsch ohne weiteres. Er erschien daher wieder bei Tuberozow und erklärte:
»Nun, stolzer Vater Propst, Ihr wolltet Euch nicht bestimmen lassen, – jetzt habt Ihr's so weit gebracht, daß Ihr Euch der Strenge fügen müßt. Ich bin beauftragt, Euch mitzuteilen, daß die Obrigkeit Euch kraft der ihr zukommenden Gewalt befiehlt, Abbitte zu tun.«
»Wo soll ich denn den Kniefall tun: hier, oder auf dem Marktplatz, oder in der Kirche?« fragte Tuberozow trocken. »Mir ist es gleich. Was man mir befiehlt, muß ich tun.«
Der Zwerg antwortete, daß kein Mensch eine derartige Demütigung von ihm verlange; er habe schriftlich Abbitte zu leisten.
Sofort setzte sich Tuberozow hin und schrieb das Gewünschte nieder. Als Überschrift wählte er die Worte: »Befohlenes ergebenstes Gesuch.«
Der Zwerg bemerkte, daß das Wort »befohlen« hier ganz unpassend sei, jedoch Sawelij wies ihn energisch zurück:
»Ich hoffe, man hat dich nicht noch beauftragt, mir Unterricht in der Logik zu erteilen. Ich habe genug davon im Seminar gelernt. Du sagtest, es würde mir befohlen, und also schreibe ich auch ›befohlenes Gesuch‹.«
Die Sache endete damit, daß man den Vater Sawelij, um ihn endlich einmal los zu sein, ziehen ließ, weil aber sein ergebenstes Gesuch zugleich als »befohlenes« bezeichnet worden war, so erfolgte darauf der Bescheid, daß der Propst noch ein halbes Jahr lang keine Amtshandlungen ausüben dürfe.
Sawelij nahm das sehr kühl auf, dankte allen, denen er Dank zu schulden glaubte, und reiste mit dem Zwerge nach Stargorod. Die lange, qualvolle Verbannung war vorüber.
Drittes Kapitel.
Unterwegs redeten sie nicht viel, und immer nur war es der Zwerg, welcher anfing. Er wollte den Propst, der stumm mit den in alten Wildlederhandschuhen über den Knien gefalteten Händen dasaß, zerstreuen und erheitern. Nikolai Afanasjewitsch fing bald von diesem, bald von jenem an, Tuberozow jedoch schwieg oder gab nur ganz kurze Antworten. Der Kleine erzählte, wie die Gemeinde um den Propst geklagt und geweint hätte, wie die Postmeisterin ihren Mann verprügeln wollte und statt dessen den Lehrer verprügelt hätte, wie dieser, von der Biziukina verfolgt, aus der Stadt geflohen sei, aber der Alte schwieg und schwieg.
Nikolai Afanasjewitsch sprach von Tuberozows Hause: es werde baufällig und müsse repariert werden.
Seufzend meinte der Propst:
»Für mich ist das alles nur Staub, und es ekelt mich, daß ich mein Herz daran hängen konnte.«
Der Zwerg fing von Achilla an, der immer einen Zeitvertreib zu finden wisse: jetzt habe er z. B. ein Hündchen zu sich ins Haus genommen, das er noch blind am Flußufer ausgesetzt gefunden, und triebe immer neuen Spaß mit ihm.
»Mag er doch, wenn es ihm Vergnügen macht,« sagte der Propst leise.
Nikolai Afanasjewitsch fuhr lebhafter fort:
»Ja, und es passieren ganz seltsame Geschichten mit diesem Hündchen, Vater Propst. Er hat diesen Hund, wie schon seine früheren, lachen gelehrt, und wenn er zu ihm sagt: ›Lache, mein Hündchen‹ – dann zeigt es gleich die Zähnchen. Nun machte ihm aber der Gedanke Sorge, wie er das Tierchen nennen sollte.«
»Als ob es dem Vieh nicht ganz gleichgültig sei, wie man es nennt,« sagte der Propst scheinbar gelangweilt.
Aber der Zwerg hatte schon gemerkt, daß sein Gefährte den Geschichten vom Diakon Achilla mehr Teilnahme entgegenbrachte als seinen sonstigen Reden, und fuhr deshalb fort:
»Man sollte es meinen. Aber dem Vater Diakon ist es nicht gleichgültig. Er ist nun mal so ein Charakter: hat er sich was in den Kopf gesetzt, dann hat er auch keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. ›Ich habe‹, sagt er, ›dies Hündlein bei einer besondern Gelegenheit in sehr erregter Stimmung heimgebracht, und ich will, daß es zur Erinnerung an diesen Tag auch einen besondern Namen habe, einen Namen, wie er sonst nicht vorkommt.‹«
Der Propst lächelte.
»So kam Vater Achilla eines Tages zu mir nach Plodomasowo geritten, hielt auf seinem Rosse vor meinem und meines Schwesterleins Fenstern an und rief mit Donnerstimme: ›Nikolascha! Heda, Nikolascha!‹ Ich dachte: ›Herrgott, was ist denn da passiert?‹ schaute zum Fenster hinaus und fragte: ›Ist am Ende dem Vater Sawelij noch etwas Schlimmes widerfahren, Vater Diakon?‹ – ›Nein,‹ entgegnete er, ›nichts dergleichen, aber ich habe ein wichtiges Anliegen an dich, Nikolascha. Ich muß dich um Rat fragen.‹ – ›Um was handelt sich's denn?‹ rief ich hinunter. ›Macht schnell, wertester Herr, denn mir wird's kalt, wenn ich so lange am offenen Fenster stehe. Ich vertrage das nicht.‹ – ›Du hast dich‹, sagte er, ›von klein auf in herrschaftlichen Häusern umgetan und mußt alle Hundenamen wissen.‹ – ›Da verlangt Ihr zu viel,‹ sagte ich. ›Ein jeder nennt seinen Hund so, wie's ihm paßt.‹ – ›Na also,‹ schrie er zurück, ›dann leg mal los!‹ – Ich antwortete, der Name richte sich doch meistens nach der Rasse. Die Windspiele nenne man ›Mylord‹, unsere einfachen Hunde ›Barbos‹, die englischen ›Fanny‹, die kurländischen ›Charlotte‹ … ›Aber‹, unterbrach mich der Vater Diakon, ›du sollst mir einen Namen nennen, der sonst nirgends vorkommt. Du mußt einen solchen wissen!‹ ›Herrgott, wie beruhige ich den Menschen nur?‹ dachte ich.«
»Nun, und was hast du schließlich gemacht?« fragte Tuberozow neugierig.
»Ich fror derart am offenen Fenster, daß ich, nur um ihn schneller loszuwerden, meinte: ›Ich kenne noch einen Hundenamen, werter Herr, aber ich habe nicht den Mut, ihn Euch zu sagen.‹ – ›Tut nichts,‹ schrie er, ›sag ihn ruhig!‹ – ›Ich kannte einen Herrn, dessen Hund hieß Wiesie.‹ Vater Achilla machte ein ganz verdutztes Gesicht. ›Was ist das für Unsinn, du bist wohl verrückt geworden?‹ – ›Nein,‹ sagte ich, ›verrückt bin ich nicht, ich weiß nur ganz genau, daß in Moskau ein Fürst einen Hund hatte, der hieß Wiesie.‹ Achilla Andrejewitsch geriet nun in fürchterliche Wut, gab seinem Pferd die Sporen, ritt hart an die Mauer heran und schrie: ›Wie darfst du alter schamloser Kerl solche Dinge reden? Weißt du nicht, daß ich einen christlichen Namen trage und daß ich ein Diener des Altars bin?‹ Mit Müh und Not konnte ich ihn beruhigen, Vater Propst, und ihm erklären, was es mit dem Wiesie für eine Bewandtnis hatte. Darauf schwang er sich auf sein Pferd, holte das Hündchen aus seinem Pelz, wo er es verborgen gehalten hatte, heraus und rief: ›Guten Tag, Wiesiechen!‹ Und sprengte fröhlich von dannen.«
»Das große Kind!« sagte Sawelij lächelnd.
»Ja, er muß immer spaßen.«
»Tadele ihn nicht. Das Kind muß sein Spielzeug haben, damit es nicht weint. Er hat eine schwere Last zu tragen. Rundherum liegt alles in tiefstem Schlaf und in ihm brennen tausend Leben.«
»Sehr richtig. Ich kann mir auch gar nicht denken, wie er einmal sterben wird.«
»Ich auch nicht,« meinte der Propst lächelnd. »Er ist die verkörperte Verneinung des Todes. Was aber wurde weiter aus dem Wiesie?«
»Ja, was meint Ihr wohl? Seinetwegen gab es noch Zank und Streit ohne Ende. Es konnte ja auch gar nicht anders sein. Der Vater Diakon hatte sich nämlich folgendes angewöhnt: Wenn er besonders große Sehnsucht nach Euch bekam, nahm er sein Wiesiechen auf den Arm und begab sich zur Poststation. Dort setzte er sich vor die Tür und wartete. Kaum zeigte sich nun ein vornehmer Reisender oder eine Dame, so sagte er gleich: ›Lache, mein Hündchen!‹ Und das kleine Vieh lachte. Das machte den Reisenden Spaß und sie fragten: ›Wie heißt denn das Hündchen, Herr Pfarrer?‹ Er antwortete: ›Ich bin kein Pfarrer, sondern bloß Diakon, meinen Pfarrer haben die Hunde gefressen.‹ ›Wie heißt denn aber das Hündchen?‹ fragten sie erneut. ›Das Hündchen, das heißt Wiesie.‹ Auf diese Weise geriet er mit allen in Streit. ›Ich will sie so alle ins Gesicht Hunde nennen,‹ sagte er, ›und der Friedensrichter kann mir doch nichts anhaben.‹ So nimmt er Rache für Euch, Vater Sawelij; aber was er eigentlich damit erreicht, das bedenkt er gar nicht. Dem Vater Zacharia ist es seinetwegen schon einmal schlimm ergangen: der Propst sah den Hund bei ihm und fragte, wie er hieße. ›Er heißt Wiesie, Hochwürden‹ – sagte Zacharia und zog sich einen ernsten Verweis zu.«
Sawelij lachte Tränen. »Dieser ehrliche Zacharia ist köstlich. Ein Gefäß Gottes und ein Beter, wie ich keinen zweiten gesehen. Ich sehne mich, ihn wieder zu umarmen.«
Von der Anhöhe, welche die Reisenden jetzt erreichten, ward plötzlich die ganze Stadt sichtbar, diese alte, eigentümliche Stadt, die für Tuberozow so viele Erinnerungen barg; sie überkamen den Alten mit einer solchen Macht, daß er sich zurücklehnen und die Augen schließen mußte, als hätte ihn zu grelles Sonnenlicht geblendet.
Sie ließen den Kutscher langsamer fahren, denn erst, wenn es dämmerte, wollten sie in der Stadt sein. Als sie im Halbdunkel mit dem eisernen Ring gegen das wohlbekannte Tor schlugen, ertönte von innen Achillas Stimme: »Wer da?« Tuberozow wischte sich eine Träne aus dem Auge und bekreuzigte sich.
»Wer denn sonst als ich und Vater Sawelij,« antwortete der Zwerg.
Der Diakon schrie laut auf, flog die Verandastufen herunter, öffnete das Tor weit, rollte wie eine Lawine in den Wagen hinein und umklammerte den Hals des Propstes.
So saßen beide umarmt im Wagen und schluchzten lange und bitterlich, während der Zwerg daneben stand und seine sanften, befreienden Tränen leise mit der kleinen, frosterstarrten Faust wegwischte.
Als der Diakon sich ausgeweint hatte, fing er an zu sprechen. Beinahe hätte er nach Natalia Nikolajewna gefragt, aber er besann sich noch im rechten Augenblick und gab dem Gespräch schnell eine andere Wendung, indem er dem Propst das Hündchen zeigte, das zu seinen Füßen spielte.
»Das ist mein neuer Hund, Vater Propst, mein Wiesiechen. Ein ganz famoses Vieh. Wir brauchen bloß zu befehlen, dann lacht er. Was sollen wir wegen unnützer Dinge Trübsal blasen!«
»Wegen unnützer Dinge!« klang es unerträglich schmerzvoll in Vater Sawelijs Herzen nach, aber er sprach die Worte nicht aus, sondern drückte nur des Diakons Hand, so fest er konnte.
Viertes Kapitel.
Als der Propst sein Haus betreten hatte, dessen einziger Bewohner und Herr so lange Zeit der Diakon Achilla gewesen war, küßte er den wilden Riesen auf den trockenen Scheitel seines Lockenkopfes, ging dann mit ihm durch alle Zimmer, machte das Zeichen des Kreuzes über dem leeren, verwaisten Bettchen Natalia Nikolajewnas und sprach:
»Nun, alter Freund, jetzt hat es wohl keinen Sinn mehr, daß wir uns wieder trennen? Bleiben wir zusammen.«
»Mit tausend Freuden. Ich hatte es mir selbst auch schon so gedacht,« entgegnete Achilla und schloß den Propst wieder in seine Arme.
So hausten sie denn zu zwei hier. Achilla sang in der Kirche und sorgte für die Wirtschaft, Tuberozow saß zu Hause, las seinen John Bunian, dachte und betete.
Er lebte das intensive, konzentrierte Leben eines Geistes, der mit sich selbst ins Reine zu kommen sucht.
Achilla hielt ihm alle kleinen Alltagssorgen fern und gab dem Alten die Möglichkeit, ganz und gar der innern Sammlung zu leben.
Aber dieses Glück sollte nicht lange dauern. Dem Diakon ward eine große Ehre zuteil: der Bischof, der zur Session des Heiligen Synods berufen war, nahm ihn mit nach Petersburg, weil der Protodiakon der Gouvernementskathedrale erkrankt war.
Der Abschied des Diakons von Tuberozow war rührend. Achilla, der in seinem Leben noch keinen Brief geschrieben hatte, nicht wußte, wie man einen schreibt noch absendet, erklärte nicht nur, daß er dem Propst regelmäßig schreiben werde, sondern er tat es auch wirklich.
Seine Briefe waren ebenso eigenartig und seltsam wie seine ganze Denk- und Lebensweise. Zuerst erhielt Tuberozow einen Brief aus der Gouvernementsstadt, und in diesem Brief, dessen Umschlag die Aufschrift trug: »An den Vater Propst Tuberozow geheim und eigenhändig«, meldete Achilla, daß er während seines Aufenthaltes im Kloster für Tuberozow Rache an dem Zensor Troadij genommen habe: er habe dem Kater des Zensors eine Wurst auf den Rücken gebunden mit der Aufschrift:
»Diese Wurst bring ich, der Kater, Meinem Herrn, dem frommen Vater«
und ihn in den Klosterhof laufen lassen.
Einen Monat später schrieb Achilla aus Moskau, wie sehr ihm die Stadt gefallen hätte; doch seien die Leute dort gar arglistig, insbesondere die Kirchensänger, die ihn zweimal aufgefordert hätten, mit ihnen Blachdnublach zu trinken, er aber habe »aus der Praxis wohl wissend, was sothanes Blachdnublach zu bedeuten habe, sich ob dieser ihrer Sängerfrechheit nicht wenig verwundert«.
Einige Zeit später schrieb er aus Petersburg:
»Mein vielgeliebter Freund und Euer Hochwürden Vater Sawelij. Freuet Euch. Ich lebe herrlich im Klostergasthof, in dem es freilich an Versuchungen jeglicher Art nicht fehlt, denn es geht hier fast ebenso zu, wie mitten im Lärm der großen Stadt. Und doch sehne ich mich sehr nach Euch. Wenn wir zusammen hier wären, könnten wir gemeinschaftlich viel schöner und mit viel mehr Freude alles bewundern. Eure weisen Ratschläge habe ich mir wohl gemerkt und werde von allen mit größter Achtung behandelt, was Euch ja das Moskauer Blachdnublach beweist, welches mitzutrinken ich mich weigerte. Ich trinke nur ganz wenig, und auch nur deshalb, weil ich sonst fürchte, gute Bekanntschaft zu verlieren. An Schönem ist hier kein Mangel, bloß einen richtigen Diakon, wie man ihn sich bei uns wünscht, habe ich noch nicht gefunden. Alle sind sie Tenöre, die nach unsern Begriffen nur zu Friedhofsgottesdiensten zu brauchen wären, und obgleich einige sich sehr aufspielen, so sind sie doch an Gestalt im Vergleich zu uns gar jämmerlich und ihr Gesang ist ein halbes Sprechen, wobei sie nicht mal die richtige Note treffen, und die Sänger mit ihnen gar nicht ordentlich zurechtkommen können. Ich aber, der ich mein Handwerk kenne, mache ihre Mode nicht mit, sondern singe die Messe so, wie ich es gewohnt bin, und, obgleich ich ein Fremder bin, hat mich die Kaufmannschaft doch aufgefordert, beim Dankgottesdienst vor der Markthalle mitzusingen, und ich habe dafür, außer der Renumeration in barem Gelde, noch drei Tücher aus Seidenfoulard erhalten, wie Ihr sie so gerne habt und welche ich Euch als Gastgeschenk mitzubringen gedenke. Wohl bekomm's! Langeweile habe ich oft. Man bekommt hier meistens Kaffee vorgesetzt. Wegen der weiten Entfernungen mache ich nur wenig Besuche. Fast alle wohnen in Nebenstraßen; und da ich auf dem Imperial fahre, komme ich in keine Nebenstraßen hinein. Doch Ihr als Provinzler werdet das gar nicht verstehen: man sitzt wie auf einem Hause, hoch oben auf dem Dache, und wenn man von da hinunter will, so muß man sehr gewandt sein, um abspringen zu können. Dem weiblichen Geschlecht ist dieses wegen seiner Kleidung überhaupt nicht gestattet. Die Droschkenkutscher aber sind hier, wie ich bemerke, große Spötter. Und wenn einer von uns geistlichen Personen einen mieten will und er bietet einen niedrigen Preis, dann schreien gleich alle andern: ›Mit dem sollt Ihr nicht fahren, Vater, der hat erst gestern einen Priester in den Schmutz fallen lassen.‹ Deshalb lasse ich mich mit ihnen lieber nicht ein. Unsern Warnawa habe ich einmal getroffen, sprach ihn aber nicht. Denn wir fuhren aneinander im Imperial vorüber, und ich konnte ihm nur von ferne drohen. Im übrigen sieht er halb krepiert aus. Was Euer Unglück betrifft, daß Ihr noch unter dem Bann steht und nicht für Euch in der Messe beten könnt, so grämt Euch deshalb nicht. Ich habe das alles wohl überlegt und eingerichtet und der Allmächtige sieht es. Seid getrost: Wenn Ihr auch für Euch selbst im Kreisstadttempel nicht beten könnt, in der Residenz ist ein Mann, durch den steigt das Gebet für Euch zum Himmel empor, – aus der Kasankathedrale, wo der Erretter des Vaterlandes, der durchlauchtigste Fürst Kutusow, beigesetzt ist, und aus der Isaakskathedrale, die von außen ganz von Marmor ist. Und dieser Beter in der Residenz bin ich, denn sobald ich die große Fürbitte verlesen habe, so verkünde ich laut die Namen, die mir vorgeschrieben sind, aber heimlich flüsternd nenne ich still für mich auch Deinen Namen, mein Freund Vater Sawelij, und sende mein allerheißestes Gebet für Dich zum Höchsten hinauf, und klage ihm, wie Du vor aller Welt von Deinen Vorgesetzten gekränkt worden bist. Und ich bitte Euch noch ganz besonders, nicht mehr an jenes Wort, Eure Tage seien gezählt, zu denken, es nicht auszusprechen, denn das wäre für mich und den Vater Zacharia über alle Maßen schmerzlich, und ich würde Dich, auf Ehrenwort, nur ganz kurze Zeit überleben.«
Unterzeichnet war der Brief: »Zeitweiliger Residenzstellvertreter des Protodiakons seiner Parochie, Diakon am Dom zu Stargorod Achilla Desnitzyn.«
Es kam noch ein zweiter Brief von Achilla, in dem er berichtete, daß er »durch einen glücklichen Zufall doch mit Prepotenskij zusammengekommen sei und sich mit ihm wegen der vergangenen Dinge habe schlagen wollen; daß die Sache aber eine ganz andere Wendung genommen habe und er sogar in seiner Redaktion gewesen sei.« Denn Warnawa war jetzt Redakteur und Achilla hatte verschiedene »Literaten« bei ihm getroffen und sich mit ihm ausgesöhnt. Als Grund zu dieser Versöhnung wurde angegeben, Warnawa (nach Achillas Behauptung) sei ein sehr unglücklicher Mensch geworden, weil er sich kürzlich mit einer Petersburger jungen Dame verheiratet hätte, die weit strenger wäre, als jede ältere Frau, und immer gegen die Ehe spreche. Auch solle sie Warnawa häufig prügeln. Er wäre gar nicht mehr so wie früher: »Er hat mir selber offen eingestanden, wenn er nicht eine solche große Angst vor seiner Frau hätte, so würde er in seiner Zeitung sogar für den lieben Gott eintreten; und dann schimpft er fürchterlich auf die Frau Biziukina und insonderlich den Herrn Termosesow, der sich anfangs hier sehr gut eingerichtet hatte und ein hohes Gehalt bezog im Geheimdienst, indem er ehrliche Leute auszukundschaften hatte. Aber der böse Feind verführte ihn durch seine Habsucht: er fing an falsches Papiergeld in Umlauf zu bringen, und nun sitzt er im Gefängnis.« Am meisten aber rühmte Achilla sich dessen, daß er eine Theatervorstellung mit angesehen habe. »Einmal (schrieb er) bin ich mit den Kirchensängern in bürgerlichem Gewande auf die höchste Galerie zur Oper ›Das Leben für den Zaren‹ gegangen, und habe nachher von dem schönen Gesang fast die ganze Nacht vor Entzücken weinen müssen. Ein andermal bin ich dann, wiederum als Zivilist verkleidet, hingegangen, den König Achilla selber zu sehen. Aber mit mir hatte er auch nicht die geringste Ähnlichkeit: Es kam ein Komödiant herausstolziert, ganz in Gold gepanzert, und klagte über seine Ferse. Hätte man mir solch eine Montur angezogen, ich hätte es viel dröhnender gemacht. Das andere Spiel aber ist ganz heidnisch mit einer Offenheit bis hierher, und auf einen Witwer oder einzelnstehenden Mann wirkt das äußerst beunruhigend.«
Und dann kam endlich noch ein dritter Brief, in dem Achilla meldete, er käme jetzt bald zurück, und an einem trüben Herbsttag erschien er plötzlich bei Tuberozow, strahlend, als brächte er eine Freudenbotschaft.
Sawelij begrüßte ihn und lief sofort auf die Straße, um die Fensterläden zu schließen, weil kein Neugieriger von der Heimkehr des Diakons erfahren sollte.
Ihre Unterredung dauerte sehr lange. Achilla trank in der Zeit einen ganzen Samowar leer, Vater Tuberozow aber füllte seine Tasse immer von neuem und sagte:
»Trink nur, Lieber, trink nur noch,« – und wenn Achilla die Tasse geleert hatte, meinte der Propst: »Nun erzähle weiter, Freund, was hast du noch alles gesehen und erlebt?«
Und Achilla erzählte. Gott weiß, woher er das alles hatte, – Wichtiges und Unwichtiges bunt durcheinander. Was aber den Vater Sawelij am meisten wunderte, waren die vielen seltsamen Worte, die Achilla erbarmungslos in seine Rede mengte, mochten sie passen oder nicht, Ausdrücke, wie er sie vor seiner Petersburger Reise nicht nur nie gebraucht, sondern wohl auch gar nicht gekannt hatte.
So fing er zum Beispiel plötzlich ganz unvermittelt an: »Denk dir einmal, Vater Sawelij, diese Kumbination …« (Das ›u‹ wurde unbarmherzig scharf betont.)
Oder:
»Wie er mir das sagte, da sah ich ihn an und antwortete: ›Nein, mein Bester, je vous perdu! Das wäre mir gerade der rechte Türlütütü!‹«
Mit welch großer Teilnahme Vater Tuberozow auch seinem Diakon zuhörte, – als diese und ähnliche Ausdrücke sich immer häufiger wiederholten, runzelte er die Stirn und rief endlich ungeduldig:
»Was soll das eigentlich? Wo hast du all diese dummen Redensarten gelernt?«
Aber der begeisterte Achilla war so eifrig dabei, dem Propst alle seine aus der Residenz mitgebrachten Herrlichkeiten zu zeigen, daß er auch vor den tollsten Wortbildungen nicht zurückschreckte.
»Hab' nur keine Furcht, guter Vater Sawelij, solche Worte haben nichts zu sagen – sie sind nicht verboten.«
»Wieso nichts zu sagen? Sie klingen häßlich.«
»Ihr seid sie nur nicht gewohnt. Mir kann man jetzt sagen, was man will. Es ist alles Quatsch mit Sauce.«
»Schon wieder!«
»Was denn?«
»Was hast du da wieder für ein gemeines Wort gebraucht?«
»Quatsch mit Sauce!«
»Pfui!«
»Was ist denn dabei? Alle Literaten gebrauchen es.«
»Mögen sie es tun, in der Residenz sind sie eben so feine Herrschaften; da geht's nicht ohne Sauce. Wir einfachen Leute aber haben an dem Quatsch allein schon mehr als genug. Meinst du nicht?«
»Sehr richtig,« sagte Achilla und fügte nach einigem Nachdenken hinzu, er fände eigentlich auch, daß Quatsch ohne Sauce viel besser klinge.
»Denkt einmal,« widerlegte er sich selbst, »wenn unsereins einen Quatsch zum Besten gibt, dann lacht alles; aber die Leute geben gleich auch noch eine scharfe Sauce hinzu – zum Beispiel, es gebe keinen Gott oder ähnliche Torheiten, so daß einem angst und bange wird, und nachher gibt's dann allemal Zank und Streit.«
»Es muß einem dabei immer angst werden,« flüsterte Tuberozow.
»So streng darf man auch nicht sein, Vater Sawelij. Wenn sie's einem beweisen – wo soll man dann hin?«
»Was beweisen? Was redest du da? Was hat man dir bewiesen? Daß es keinen Gott gibt?«
»Ja, Vater Sawelij, das hat man mir bewiesen …«
»Was faselst du da, Achilla? Du bist doch ein ehrlicher Kerl und Christ! Bekreuzige dich! Was hast du da gesagt?!«
»Was soll man denn machen? Ich bin ja selbst nicht froh. Aber gegen ein Faktum kann man nicht ankämpfen.«
»Was für ein Faktum? Was hast du denn entdeckt?«
»Ach, Vater Sawelij, was soll ich Euch ärgern? Lest Ihr nur Euren Bunian und glaubt in Eurer Einfalt, wie Ihr bisher geglaubt habt.«
»Laß du meinen Bunian in Ruh und kümmere dich nicht um meine Einfalt. Bedenke nur, wie du dich selbst bloßstellst!«
»Was soll man machen? Es ist ein Faktum!« erwiderte Achilla seufzend.
Tuberozow stand erregt auf und verlangte, Achilla solle ihm sofort das Faktum nennen, auf das sich sein Zweifel an der Existenz Gottes gründe.
»Dieses Faktum hüpft auf jedem Menschen herum,« antwortete der Diakon und erklärte dann, er meine damit den Floh. Einen Floh könne jeder aus Sägespänen hervorbringen, und also hätte auch die Welt von selbst entstehen können.
Auf dieses naive und offenherzige Geständnis wußte Tuberozow zuerst gar nichts zu erwidern, Achilla aber begann nun, nachdem das Gespräch einmal diese Wendung genommen hatte, seine Petersburger Aufklärungsideen weiter zu entwickeln.
»Wozu arbeitet der Mensch? Um des Essens willen. Er möchte satt sein und keinen Hunger leiden. Wenn wir nicht essen müßten, würden wir überhaupt nichts tun. Man nennt das den Kampf ums Dasein. Ohne den gäb' es gar nichts.«
»Nun sieh mal,« sagte Tuberozow, »Gott hat das alles gar nicht nötig gehabt und hat doch die Welt geschaffen.«
»Das ist wahr,« sagte der Diakon, »Gott hat sie geschaffen.«
»Wie kannst du ihn dann aber leugnen?«
»Ich leugne ja gar nicht,« antwortete Achilla, »ich sage nur, daß, wenn man vom Faktum ausgeht, so kann, wie der Floh aus Sägespänen, die Welt auch aus sich selbst heraus entstanden sein. Ihr Gott ist, heißt es, der »Sauerstoff«. Aber der Teufel mag wissen, was das wieder für ein Stoff ist! Und nun seht einmal: wenn Ihr das wieder von der andern Seite betrachtet habt, versteh ich rein gar nichts mehr.«
»Wo ist denn dein Sauerstoff hergekommen?«
»Ich weiß nicht … Lassen wir das lieber, Vater Sawelij.«
»Nein, das kann ich nicht. Es muß wieder heraus aus dir. Also sag' einmal: wo hat er seinen Anfang, dein Sauerstoff?«
»Bei Gott, ich weiß es nicht, Vater Sawelij! Laßt es doch, Liebster!«
»Vielleicht ist dieser Sauerstoff ohne Anfang?«
»Das mag der Teufel wissen! Der soll ihn überhaupt holen!«
»Und er hat auch kein Ende?«
»Vater Sawelij! … Was geht uns dieser verfluchte Sauerstoff an? Mag er doch ohne Anfang und ohne Ende sein! Was kümmert's uns?«
»Begreifst du, was das heißt: ohne Anfang und ohne Ende?«
Achilla erwiderte, er begreife es, und fuhr mit lauter Stimme fort:
»Es ist ein Gott, der in der Dreifaltigkeit angebetet wird, der ewig ist, nicht Anfang noch Ende seines Seins hat, sondern immer war, ist und sein wird.«
»Amen,« sagte Sawelij lächelnd, und immer noch lächelnd stand er auf, faßte freundlich Achillas Hand und sagte:
»Komm, ich will dir etwas zeigen.«
»Gerne,« erwiderte der Diakon.
Und Hand in Hand gingen sie aus dem Zimmer, durchschritten den ganzen Hof und blieben schließlich in der Mitte des mit glänzendem frischen Schnee bedeckten Gemüsegartens stehen. Der Alte zeigte dem Diakon das Kreuz des Doms, wo sie so lange Zeit zusammen vor dem Altar gestanden hatten; dann richtete er immer noch schweigend den Zeigefinger abwärts und sagte streng:
»Falle nieder und bete!«
Achilla kniete nieder.
»Sprich: Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig,« sagte Sawelij und beugte sich selbst als erster zur Erde.
Achilla seufzte und folgte seinem Beispiel. In der feierlichen Stille der Mitternacht, im weißen, monderhellten, einsamen Garten stand er da und immer wieder schlug er mit der heißen Stirn gegen den kalten Schnee, und tiefe Seufzer wechselten mit der süßen Klage des Bußgebets: »Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig« – und dazwischen klang die Stimme des Propstes, der die zweite Bitte sprach: »Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht.« Der Prediger und der Büßer beteten zusammen.
Wie groß war doch der Unterschied zwischen diesem Achilla und jenem, den wir einst in der Morgenröte pfeifend auf flammendem Roß durchs Wasser reiten sahen!
Jener Achilla war wie ein frischer Morgen nach nächtlichem Regen, dieser flimmert wie Sonnenuntergang nach einem stürmischen Tage.
Während Achilla betete, saß Tuberozow in seinem leichten grauen Leibrock auf der Bank vor dem Badehause und zählte, mit dem Kopfe wackelnd, die Verbeugungen Achillas. Als er so viele abgezählt hatte, wie ihm nötig schien, stand er auf, faßte den Diakon an der Hand und friedlich gingen sie wieder in das Haus zurück. Aber ehe er sich zu Bett legte, trat der Diakon noch einmal zu Tuberozow heran und sagte:
»Wißt Ihr, Vater Propst, als ich betete …«
»Nun?«
»Da war es mir, als ob die Erde erbebte.«
»Gesegnet sei der Herr, daß er dir ein solches Gebet gab! Geh jetzt, leg dich nieder und schlafe in Frieden,« antwortete der Propst und beide schliefen friedlich ein.
Aber als Achilla am nächsten Morgen erwachte, da hatte er ein Gefühl, als wäre er aus sich selbst herausgekommen, als hätte er unversehens etwas fortgeworfen und etwas anderes dafür gefunden. Etwas, das schwer zu tragen war und wovon man sich doch nicht trennen konnte und nicht wollte.
Es war der Strom des lebendigen, rettenden Glaubens, der die verwirrte, bebende Seele überflutete.
Sie mußte krank werden und sterben, um auferstehen zu können, und diese heilige Arbeit war in vollem Gange.
Der törichte Achilla war weise geworden, er suchte die Stille, und eines Tages, als er sich schon etwas gefestigt fühlte, fragte er den Propst:
»Sage mir, du gewaltiger Greis, wie soll ich mit mir zurechtkommen, wenn Gottes Wille es so fügt, daß ich, sei's auch nur für kurze Zeit, allein bleibe? Bisher war ich stolz auf meine Kraft, aber nun bin ich andern Sinnes geworden und weiß, daß ich mich nicht auf sie verlassen kann.«
»Ja, du warst groß und stark, aber auch dir naht die Stunde, da nicht mehr du dich selbst, sondern da ein anderer dich gürten wird,« erwiderte Sawelij.
»Aber auf meine Vernunft ist noch weniger Verlaß als auf die Kraft, denn Ihr wißt ja, wie leicht ich irre werde.«
»Vertrau auf dein Herz, es schlägt treu und wahr.«
»Was aber soll ich sagen, wenn ich einmal Rede stehen muß? Mein Herz ist ja stumm.«
»Lausche nur, so wirst du wohl hören, was es leise zu dir flüstert. Aber die Flöhe, die von der schmutzigen Erde auf dich hüpfen, die schüttle ab.«
Achilla legte die Hand aufs Herz und ging. »Wie soll das zugehen?« dachte er, und eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er bald, sehr bald allein sein, daß all seine Kraft ihn verlassen und »ein anderer ihn gürten« werde.
Fünftes Kapitel.
Die dunkeln, bangen Ahnungen des Diakons gingen in Erfüllung: der schwächliche, durch die Ereignisse hart mitgenommene alte Propst gehörte kaum noch dieser Welt an. Er erkältete sich nachts beim Zählen der Verbeugungen, die der Diakon auf seinen Befehl zu machen hatte, und wurde krank. Er litt nur wenig Schmerzen, fühlte aber, daß der Tod schon die Arme nach ihm ausstreckte.
Und nur eins tat ihm weh: daß der Bann immer noch nicht von ihm genommen war. Achilla verstand dies sehr wohl und wußte auch, was den Alten dabei am meisten betrübte.
Tuberozow wollte nicht als Gemaßregelter sterben. Er wollte vor den himmlischen Richter als ein von der irdischen Gewalt Freigesprochener treten. Er diktierte dem Diakon einen Brief, in dem er der geistlichen Behörde von seiner Krankheit Mitteilung machte und in rührenden Worten bat, man solle ihm die Gnade erweisen und die Frist des ihm auferlegten Bannes verkürzen. Der Brief wurde abgesandt, blieb aber unbeantwortet.
All seine Kraft, alles, was ihm lieb und teuer war, hätte Achilla freudig hingegeben, um diesen Schmerz von der Seele Tuberozows zu nehmen, aber es lag nicht in seiner Macht, auch war es schon zu spät. Der Todesengel schwebte bereits zu Häupten seines Bettes, um die scheidende Seele zu empfangen.
Einige Tage später stand Achilla weinend in einer Ecke des Krankenzimmers und blickte auf den Vater Zacharia, der, tief über den Sterbenden gebeugt, dessen letzte geflüsterte Beichte entgegennahm. Doch was bedeutete das? Was für eine Sünde belastete das Gewissen des greisen Sawelij, daß der Vater Benefaktow plötzlich in so große Aufregung geriet? Er schien sogar völlig vergessen zu haben, daß er eine Sakramentshandlung vollzog, die keinerlei Zeugen duldet, denn er verlangte mit lauter Stimme, Vater Sawelij solle irgend jemandem irgend etwas vergeben! Was machte den Vater Sawelij am Rande des Grabes so unbeugsam?
»Sei friedfertig! Sei friedfertig! Vergib!« drängte Zacharia sanft, aber fest. »Wenn du nicht vergibst, kann ich dir keine Absolution erteilen.«
Der arme Achilla zitterte am ganzen Leibe und lauschte mit stockendem Herzschlag auf jedes Wort.
»Im Namen des lebendigen Gottes flehe ich dich an, solange du noch am Leben …« rief Zacharia mit lauter Stimme und stockte plötzlich, ohne den Satz zu Ende bringen zu können.
Der Sterbende richtete sich krampfhaft empor, fiel wieder zurück, hob die Hand, um sich zu bekreuzigen, und nachdem er dies getan, sprach er langsam und mit großer Anstrengung:
»Als Christ … vergebe ich ihnen die Schmach, die sie mir angetan … aber daß sie, nur auf den toten Buchstaben bedacht … daß sie hier … Gottes lebendiges Werk zugrunde richten …«
Der Augenblick wurde immer ernster und feierlicher. Es knackte etwas in der Gurgel Sawelijs, und er fuhr wie ein im Fieber Phantasierender fort:
»Diesen Schmerz will ich vor den Thron … des Königs der Könige … und selbst dafür zeugen …«
»Sei friedfertig. Vergib! Vergib ihnen alles!« rief Zacharia händeringend.
Sawelij zog die Brauen zusammen, seufzte und flüsterte: »Wohl mir, daß ich mich gedemütigt habe« – und schloß dann mit unerwartet fester Stimme:
»Nach dem Gerichte derer, so Deinen Namen lieben, erleuchte die Unwissenden und vergib dem blinden und verderbten Geschlechte seine Herzenshärte.«
Zacharia blickte mit seligem Lächeln zum Himmel und machte das Zeichen des Kreuzes über Sawelijs Gesicht.
Dieses Gesicht bewegte sich schon nicht mehr, die Augen blickten starr in die Höhe und erloschen. Das Ende nahte.
Achilla stürzte laut schluchzend zum Bette und warf sich über den Sterbenden.
Mit einer letzten Kraftanstrengung legte der Verscheidende seine Hand auf den Kopf des Diakons. Dann aber fing er auch schon laut zu röcheln an, und seltsam mischten sich diese Töne mit den sanft rieselnden Worten des Sterbegebets, das Zacharia mit tränenerstickter Stimme sprach. Das Erdenwallen des Propstes Tuberozow war zu Ende.
Sechstes Kapitel.
Die Wirkung dieses Todes auf Achilla war entsetzlich. Er weinte und schluchzte nicht wie ein Mann, sondern wie ein nervöses Weib, das einen Verlust beklagt, den es nicht überleben zu können meint. Übrigens war das Hinscheiden des Propstes Tuberozow auch für die ganze Stadt ein großes Ereignis: es gab nicht ein Haus, in dem man nicht für den Entschlafenen gebetet hätte.
In dem Totenhause drängten sich die Menschen: die einen kamen, um dem Verschiedenen ihr letztes Lebewohl zu sagen, die andern, um zu sehen, wie der Priester im Sarge aussah. In der Nacht, die dem Tode des Propstes folgte, kam vom Konsistorium die Aufhebung des über den Verstorbenen verhängten Banns, und so konnte Sawelij denn in vollem Ornat bestattet werden. Riesengroß, lang lag er da, die Scheitelkappe auf dem Haupte. Totenmessen wurden im Hause unausgesetzt gelesen, und so viel eifrige Priester auch kamen und die auf dem Betpult liegenden Gewänder und Binden anlegten, um die Messe zu singen, – jeden bat der Diakon Achilla um seinen Segen, daß er das Orarion anlegen und mitsingen dürfe.
Am zweiten Tage war der Sarg fertig, und nun begann, nach einer alten örtlichen Sitte, die auch heute noch in einigen Gegenden bei der Einsargung von Geistlichen ausgeübt wird, eine feierliche und schauerliche Zeremonie. Die versammelte Geistlichkeit, mit Kerzen in den Händen, in Trauergewändern, trug den toten Sawelij dreimal um den mächtigen Sarg herum, und Achilla hielt in der Hand des Toten ein rauchendes Weihrauchgefäß, so daß es aussah, als weihe der Tote selbst seine letzte kalte Wohnstätte. Dann legte man den entschlafenen Propst in den Sarg, und alle gingen fort bis auf Achilla; er verweilte die ganze Nacht bei seinem toten Freunde allein, und da geschah etwas, das Achilla selbst nicht bemerkte; wohl aber sahen es die andern für ihn.
Siebentes Kapitel.
Seit dem Hinscheiden Sawelijs hatte der Diakon sich nicht mehr zu Bette gelegt und die drei schlaflosen Nächte nebst der gespannten Aufmerksamkeit, die er unausgesetzt dem Toten widmete, hatten die stahlharten Nerven Achillas in einen Zustand äußerster Erregung versetzt.
Die Instinkte und Leidenschaften, welche sonst vor allem das Tun und Lassen des Diakons bestimmt hatten, schienen jetzt völlig verstummt zu sein und an ihre Stelle traten Seelenzustände, wie sie ihm bisher gar nicht eigentümlich gewesen waren.
Von seiner einstigen Zerfahrenheit und seinem Leichtsinn war nichts mehr zu merken. Er war in sich gekehrt und ganz im Banne schwerer Gedanken, von denen er sich nicht zu befreien vermochte. Er war nicht bleich geworden und seine Augen blickten nicht matt: im Gegenteil, über seiner gebräunten Haut lag ein mattrosiger Schimmer. Er sah alles mit einer Deutlichkeit und Schärfe, daß ihm die Augen schmerzten. Jeden Ton hörte er, als käme er aus seinem eigenen Innern, und vieles war ihm verständlich geworden, woran er früher überhaupt nie mehr gedacht hatte.
Er begriff jetzt alles, was der verstorbene Sawelij gewollt und angestrebt hatte, und er nannte den Entschlafenen einen Märtyrer.
In den drei Nächten der Totenwache redete er wiederholt mit dem Verstorbenen und wartete allen Ernstes darauf, daß unter dem Brokattuch, das über das Antlitz des toten Propstes gebreitet war, eine Antwort erschallen würde.
»Väterchen!« sprach der Diakon leise, sich im Lesen des Evangeliums unterbrechend und in der nächtlichen Stille an den Sarg herantretend, – »stehe auf! Wie? Für mich allein stehe auf! Du kannst nicht? Du liegst da wie Gras?«
Und dann stand oder saß er einige Minuten stumm da, um endlich das monotone Lesen wieder aufzunehmen.
In der dritten und letzten Nacht war Achilla für einen Augenblick eingeschlummert. Als er kurz vor Mitternacht erwachte, löste er den Vorleser ab und schloß die Tür hinter ihm zu.
Nachdem er das Sticharion angelegt hatte, stellte er sich vor das Pult, berührte die Schulter des Toten mit der Hand und sagte:
»Nun höre, Väterchen, heut lese ich zum letztenmal,« – und dann fing er an, das Johannisevangelium zu lesen. Vier Kapitel las er, und als er beim fünften angelangt war, stockte er bei einem Vers, seufzte tief auf und wiederholte die große Verheißung zweimal: »Denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens.«
Nachdem er diesen Satz zweimal laut gesprochen hatte, wiederholte Achilla ihn in Gedanken noch einige Male, – und kam nicht weiter.
»Jetzt hat er doch schon die Stimme des Gottessohnes gehört und ist zu neuem Leben erwacht … Ich sehe ihn nur nicht, aber er ist hier.«
Er merkte nicht, daß die Nacht schon vergangen war und am Himmel der erste bleiche, bernsteinfarbene Streif der Morgenröte aufleuchtete, die letzte Morgenröte, die auf Erden die sich auflösenden Reste dessen beleuchten sollte, der einst Vater Sawelij war und die Stimme seiner heimischen Erde so gerne hörte und so gut verstand.
Als der Diakon sah, daß es hell geworden war, seufzte er, trat vom Pult zum Sarge, stützte sich mit den Armen auf die beiden Seitenwände, so daß die hohe Brust Sawelijs unter seiner Brust lag, hob sachte mit zwei Fingern das Brokattuch empor, das über dem Gesicht des Toten gebreitet lag, und sprach:
»Väterchen, Väterchen, wo ist jetzt dein Geist? Wo ist dein flammendes Wort? Gib mir Unverständigem etwas von deinem Geiste!«
Achilla fiel an die Brust des Toten, zuckte plötzlich zusammen und fuhr zurück: ein Schauer war ihm durch seine Glieder gefahren. Er sah sich nach allen Seiten um: alles war still, nur seine schwergewordenen Augenlider klebten zusammen und eine große Müdigkeit zog seinen Kopf abwärts.
Der Diakon raffte sich auf, warf sich zum Gebet nieder und erschrak vor dem Laut seines fallenden Körpers: über sich glaubte er ein Knacken zu vernehmen, und es schien ihm, als sitze Sawelij aufrecht, das Brokattuch vor dem Gesicht und das Evangelienbuch in den todesstarren Händen.
Achilla sprang auf und flüsterte, die Arme vorstreckend:
»Friede sei mit dir! Friede! Ich lasse dir keine Ruhe!«
Nach diesen Worten nahm er wieder das Buch und wollte weiterlesen, aber mit Staunen fand er dasselbe zugeschlagen. Und er konnte sich nicht mehr entsinnen, wo er stehen geblieben war.
Er schlug das Buch aufs Geratewohl auf und las: »Er war in der Welt und die Welt kannte ihn nicht …«
»Was suche ich denn da?« dachte er. Sein Kopf war ganz verwirrt. Er schlug eine andere Stelle auf. Dort stand:
»Und es werden ihn sehen alle Augen und die ihn zerstochen haben.«
Aber wie Achilla das Blatt umwenden will, merkt er, daß seine Hand ganz schwer geworden ist und jemand ihn festhält.
»Was will ich denn? Was suche ich eigentlich? Welche Perikope? Was ist denn heute für ein Tag?« denkt Achilla und kann es nicht herausbekommen, denn er ist ganz von der Erde entrückt …
In der strahlend erleuchteten Kirche steht Sawelij im hellen, festlichen Meßgewand, mit der hohen violetten Scheitelkappe vor dem Altar und liest mit voller runder Stimme, jedes Wort wie eine leuchtende Kugel von sich stoßend: »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.«
»Was ist das? Gott im Himmel! Und ich meinte, der Vater Sawelij wäre gestorben! Ich habe den Introitus verschlafen! Ich bin zu spät zur Frühmesse gekommen!«
Achilla zuckte zusammen und öffnete die Augen. Er merkte, daß er wirklich geschlafen hatte, und draußen heller Morgen war. Das rote Leuchten der Begräbniskerzen erstarb in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Die Luft war dick vom Qualm, trauriges Glockengeläute klang von draußen herüber und an die Zimmertür wurde heftig gepocht.
Achilla fuhr sich hastig mit der trockenen Hand über das Gesicht und öffnete.
»Eingeschlafen?« fragte ihn der eintretende Benefaktow leise.
»Ein wenig,« erwiderte der Diakon und trat zur Seite, um den Priestern Platz zu machen, die dem Vater Zacharia folgten.
»Aber ich … weißt du … ich habe nicht geschlafen: ich habe die ganze Nacht an der Leichenrede gearbeitet,« flüsterte Benefaktow dem Diakon zu.
»Nun, und ist sie fertig?«
»Nein, es kommt nichts heraus.«
»Ja, so geht es Euch allemal.«
»Vielleicht könntest du etwas sagen?«
»Ich, Vater Zacharia? Ich bin doch kein Gelehrter!«
»Was denn? Du hast doch das Sticharion! Das Recht hast du.«
»Was hilft mir das Recht, Vater Zacharia, wenn ich weder die Gabe noch den Verstand dafür besitze?«
»So betet recht inbrünstig um die Gabe, werter Herr, dann wird sie von selber kommen,« mischte sich flüsternd der Zwerg ins Gespräch.
»Beten? Nein, Freund Nikolascha, vielleicht betest du für mich. Mich hat der Schmerz um den Verstand gebracht. Ich habe selbst in wachem Zustande Gesichte.«
»Gut, ich will beten, wenn Ihr es wünscht,« erwiderte der Zwerg.
Achtes Kapitel.
Ganz Stargorod geleitete den Leichnam Tuberozows zur Kirche. Der Trauergottesdienst wirkte infolge des Verhaltens des Diakons grauenhaft. Jedesmal wenn Achilla seinen Mund öffnete, versagte ihm die Stimme und er brach in Tränen aus. Sein Schluchzen, das man in der ganzen Kirche hörte, erfüllte aller Herzen mit tiefer Trauer.
Nur während der Leichenrede, die einer der Priester hielt, bezwang Achilla seinen Schmerz, hörte aufmerksam zu und weinte nur ganz leise in sein Taschentuch. Als er jedoch aus der Kirche heraustrat und all die Plätze sah, über welche er so viele Jahre an der Seite Tuberozows gegangen war, da fühlte Achilla das Bedürfnis, nicht nur zu weinen, sondern zu heulen und zu schreien. Um dem Weh, das seine Brust zu zersprengen drohte, einen Ausweg zu schaffen, sang er »Heiliger, Unsterblicher, erbarme Dich unser«, aber mit einer derartigen Stimmgewalt, daß eine blinde hundertjährige Frau, die beim Herannahen des Trauerzuges von ihren Enkeln vor das Tor geführt worden war, damit sie sich vor dem Sarge neige, plötzlich die Hände zusammenschlug und in die Knie sinkend rief:
»O, er hört es, Gott der Herr hört es, wie Achilla zum Himmel schreit!«
Da war auch schon der von einem Graben und einer Weidenhecke umgebene Friedhof, auf dem Tuberozow abends so gerne spazieren gegangen und dessen Instandhaltung ihm so sehr am Herzen gelegen. Der Sarg wurde durch das dunkle Tor getragen; die letzte Litanei war gesungen, die weißen Leinenseile rollten den Erdhügel hinab und spannten sich über den finstern Abgrund des Grabes. Noch einen Augenblick und es ertönt das letzte Amen … der Sarg sinkt in die Tiefe.
Aber vorher sollte sich noch etwas ereignen, was niemand erwartet hatte. Achilla, der schon so viele Male in seinem Leben die Stargoroder in Staunen versetzt hatte, fühlte sich gedrungen, es auch dieses Mal zu tun, und zwar auf eine ganz neue Weise. Bleich und starr streckte er die Hand gegen einen der Totengräber aus, welche die Seile festhielten, und rief, wehmütig zu den Priestern hinüberblickend:
»Ihr Väter, ich bitt' euch … wartet noch etwas … Ich will nur ein paar Worte sprechen …«
Der schluchzende Zacharia gab den Totengräbern hastig ein Zeichen, streckte dem Diakon beide Hände entgegen und segnete ihn.
Ganz in Tränen gebadet, wischte sich Achilla mit seinem baumwollenen Taschentuche die mit roten Flecken bedeckte Stirn und stammelte mit krampfhaft verzerrten Lippen: »Er war in der Welt und die Welt kannte ihn nicht.« Und dann fand er keine Worte mehr, wurde feuerrot und mit einem wilden Blick aus seinen entzündeten Augen, der den Worten nachzujagen schien, die für ihn in der Luft geschrieben standen, rief er drohend: »Aber es werden ihn alle sehen, die ihn zerstochen haben!« Und damit warf er eine Handvoll Erde auf den Sarg, nahm hastig das Sticharion ab und verließ den Friedhof.
»Ihr habt sehr schön gesprochen, werter Vater Diakon,« flüsterte ihm der Zwerg unter Tränen zu.
»Der Geist Sawelijs war über ihn gekommen,« antwortete ihm Zacharia, während er sein Meßgewand ablegte.
Neuntes Kapitel.
Nach der Beerdigung Tuberozows wurde es im Hause des Propstes unheimlich still. Achilla war nirgends zu erblicken. Die Sonne geht auf und beleuchtet den vereinsamten Hof. Öde ist er und tot; Wolken ziehen vorüber und spiegeln sich in den Scheiben der Fenster, wie Schatten aus einer andern Welt – aber drinnen regt sich nichts.
Diese unheimliche Ruhe erfüllte die Nachbarn mit Angst. Man fing an, sich ernstlich um den Diakon zu sorgen.
Zacharia besuchte ihn. Lange ging der sanfte Alte aus einem Zimmer ins andere und rief:
»Diakon, wo bist du? Höre doch, Diakon!«
Aber niemand antwortete. Endlich öffnete Vater Zacharia die Tür zur kleinen Kammer, welche der Diakon bewohnt hatte.
»Was ruft Ihr so laut, Vater Zacharia?« kam aus der Finsternis die Stimme Achillas.
»Du fragst noch, mein Lieber? Wo steckst du die ganze Zeit?«
»Macht die Tür etwas weiter auf. Ich bin hier in der Ecke.«
Benefaktow tat, wie Achilla ihm geheißen, und sah ihn auf einer an der Wand befestigten schmalen bretternen Lagerstatt ausgestreckt daliegen. Der Diakon trug ein grobes Leinenhemd mit zurückgeschlagenem Kragen, das nach kleinrussischer Art durch eine lange bunte Schnur zusammengehalten wurde, und breite gestreifte Beinkleider.
»Was soll denn das, Diakon?« fragte Benefaktow und sah sich nach einer Sitzgelegenheit um.
»Ich will ein bißchen weiterrücken,« erwiderte Achilla und schob sich auf das hart an die Wand stoßende Brett.
»Was ist mit dir, Diakon?«
»Gepeinigt,« brummte Achilla.
»Was peinigt dich denn so?«
»Lächerliche Frage! Was? Eben das! Der Tod des Vaters Sawelij peinigt mich.«
»Ja, was ist da zu machen? Der Tod … gewiß … er ist der Natur zuwider … ist ein Hemmnis aller Gedanken … aber er ist doch unvermeidlich … unentrinnbar …«
»Eben dieses Hemmnis ist's, was mich peinigt.«
»Was kommst du immer mit deinem ›peinigt, peinigt‹! Das ist nicht gut, mein Lieber.«
»Ja, was ist denn überhaupt noch gut? Nichts!«
»Nun, wenn du selbst einsiehst, daß es nicht gut ist, so mußt du auch Vernunft haben: gegen das Naturgesetz kannst du nichts.«
»Ach, was redet Ihr nun wieder vom ›Naturgesetz‹, Vater Zacharia! Wenn mich nun eben dieses Naturgesetz peinigt!«
»Ja, was willst du denn machen?«
»O du grundgütiger himmlischer Vater! So laßt mich doch mit Euren Gesetzen in Ruh', Vater Zacharia! Nichts will ich machen!«
»Ja, wirst du denn von nun ab immer so daliegen?«
Der Diakon schwieg. Dann seufzte er und sagte ganz leise:
»Ich trauere immer noch sehr und Ihr kommt und redet von gleichgültigen Dingen. Was also wollt Ihr von mir haben?«
»Raffe dich auf, denn bei all unserer Trauer sind wir doch schwache Menschen, die ohne Essen und Trinken nicht auskommen können.«
»Gewiß, davon ist gar nicht zu reden. Essen und Trinken werden wir schon, aber da eben steckt's!«
»Was? Was steckt da? Wo steckt was?«
»Darin steckt's, daß wir das, was gewesen ist, nach und nach vergessen werden. Und wenn wir es eines schönen Tages ganz vergessen haben – was dann?«
»Ja, was ist da zu machen?«
»Das ist zu machen, daß ich mit meinem Charakter ganz und gar nicht damit einverstanden bin, ihn zu vergessen.«
»Gewiß, lieber Freund, aber die Zeit vergeht und du vergißt doch.«
»Vater Zacharia, sagt mir solche Dinge nicht! Ihr wißt, wie wild ich im Schmerz bin!«
»Das fehlte auch noch! Nein, mein Bester, die Roheiten laß du lieber beiseite!«
»Ja, beiseite lassen! Wer kann mich jetzt noch im Zaume halten?«
»Wenn du willst, tu ich es.«
»Ihr wäret mir gerade der Rechte!«
»Warum sollte ich es nicht sein?«
»Machen wir uns doch nichts vor! Ihr habt nicht die geringste Gewalt über mich.«
»Weißt du, Diakon, du bist einfach frech,« sagte Zacharia gekränkt.
»Gar nicht frech, denn ich hab' Euch lieb; wie könnt Ihr aber Gewalt über mich haben, wo Ihr doch so schwach von Charakter seid, daß sogar der Subdiakon Sergej Euch Grobheiten sagt.«
»Das tut er! Gegen mich sind alle grob! Deine Reden aber sind einfach dumm!«
»So zeigt jetzt, was Ihr über mich vermögt, und verhindert mich, so zu reden.«
»Ich will dich nicht verhindern, ich … ich will nicht, weil ich als Freund zu dir kam und du gegen mich grob warst … Lebe wohl!«
»Wartet doch, Vater Zacharia! So war's nicht gemeint!«
»Nein, nein, laß mich, du hast mir weh getan.«
»So geht in Gottes Namen.«
»Du bist ein Grobian, ein ganz schlimmer Grobian.«
Und Zacharia ging in der Hoffnung, der Diakon werde allgemach des Rekelns müde werden und von selber wieder herauskommen; jedoch es verging noch eine ganze Woche und Achilla zeigte sich nicht.
»Sie werden vergessen,« sagte er immer wieder vor sich hin, »bestimmt werden sie vergessen.« Und dieser Gedanke ließ ihn nicht los, und vergeblich strengte er sein Hirn an, wie er das Übel abwehren könnte.
Um Achilla aus seiner Höhle ans Tageslicht zu locken, bedurfte es eines ganz besondern Ereignisses.
Eines Morgens wachte Achilla früh gegen sechs auf und blickte nach den ersten Sonnenstrahlen, die durch das winzige Fensterlein über der Tür in seine Kammer zu dringen versuchten, – da kam Vater Zacharia in großer Hast gelaufen und erzählte, daß an Stelle des verstorbenen Tuberozow ein neuer Propst ernannt sei.
Achilla wurde bleich vor Ärger.
»Freut es dich denn nicht?« fragte Zacharia.
»Was geht es mich an?«
»Wieso geht es dich nichts an? Frag doch erst, wer ernannt ist.«
»Als ob mir das nicht ganz gleichgültig wäre!«
»Ein Akademiker!«
»Na ja, ein Akademiker! Und darüber freut Ihr Euch! Nein, bei Gott, Ihr steckt noch voll Eitelkeit, Vater Zacharia!«
»Wieso Eitelkeit? Ein Akademiker – das will sagen: ein kluger Kopf!«
»Wieder was Neues: ein kluger Kopf! Mag er doch klug sein! Werden wir zwei davon etwa klüger?«
»Du wirst wieder grob.«
»Fällt mir gar nicht ein. Ihr denkt daran, wie Ihr den Neuen empfangen sollt, und ich – daß ich den Alten nicht vergesse. Wo steckt da die Grobheit?«
»Es lohnt gar nicht, mit dir zu reden,« sagte Zacharia und zog geärgert von dannen. Achilla aber erhob sich sofort, wusch sich und lief zum Polizeichef mit der Bitte, dieser möchte ihm behilflich sein, sobald wie möglich sein Haus und seine beiden Pferde zu verkaufen.
»Warum denn das?« fragte Porochontzew.
»Sei nicht neugierig,« antwortete Achilla. »Später, wenn ich's gemacht habe, wirst du alles erfahren.«
»So sag' doch ungefähr, um was es sich handelt.«
»Darum, daß Vater Sawelij nicht sobald vergessen wird.«
»Dann soll doch Vater Zacharia in seinen Predigten öfter auf ihn hinweisen.«
»Was kann Vater Zacharia? Nein, der liebt heute schon die Wissenschaften, ich aber … ich liebe nach altem Brauch den Menschen.«
Damit war die Unterredung zu Ende und Achillas Besitz wurde seinem Wunsche entsprechend verkauft.
Indessen war man gespannt, was er weiter unternehmen würde.
Der Diakon hatte für alles zweihundert Rubel bekommen und steckte die beiden Scheine in die Tasche seines Nanking-Leibrocks; er begebe sich in die Gouvernementsstadt, erklärte er. Er hatte sich bereits einen Wanderstab aus einer langen Latte zurechtgeschnitten, packte seine Sachen in ein kleines Bündel zusammen, kaufte sich auf dem Markt zwei große Roggenmehlfladen mit Zwiebeln, die er in dieselbe Tasche steckte, in der er sein Geld hatte, und wollte sich eben auf die Wanderschaft begeben, als unerwartet der neue Propst Irodion Grazianskij eintraf. Es war ein sehr wohlaussehender Herr von schwer zu bestimmendem Alter. Seinem Äußern nach konnte man ihm ebensogut sechsundzwanzig als auch vierzig Jahre geben.
Achilla ging dem neuen Vorgesetzten entgegen und wollte, nachdem er den Segen von ihm empfangen hatte, seine Hand küssen. Allein er zog sie zurück und schlug dem Diakon einen brüderlichen Kuß vor. Und so küßten sie sich auf Mund und Wangen.
»Siehst du, wie gut er ist,« sagte nach einer Stunde, als sie zusammen nach Hause gingen, Zacharia zum Diakon.
»Wie habt Ihr denn in so kurzer Zeit so viel Güte entdeckt?« fragte Achilla gleichgültig.
»Wie denn? Er wollte sich nicht die Hand von dir küssen lassen, sondern bot dir den Mund … das zeugt doch von großer Güte.«
»Ich meine, das ist nichts weiter als so eine Art von Wichtigtuerei,« erwiderte Achilla.
Er war bereits von einer wilden Eifersucht auf den neuen Propst erfaßt und suchte allerlei schlechte Eigenschaften an ihm zu entdecken, die jeden Vergleich mit dem verstorbenen Tuberozow ausschließen mußten. Je mehr der neue Propst allen Stargorodern gefiel, desto heißer mußte Achilla ihn hassen.
Zehntes Kapitel.
Am Tage darauf zelebrierte der neue Propst zum erstenmal die Messe und hielt eine Predigt, in der er seinen Vorgänger mit Lobeserhebungen überschüttete und auf die Notwendigkeit und Pflicht eines ständigen Gedenkens und einer Ehrung seiner Verdienste hinwies.
»Wozu das? Was beabsichtigt er damit?« zürnte der Diakon, als er mit Zacharia aus der Kirche ging.
Er fühlte selbst, daß er ungerecht war, aber er konnte sich nicht beherrschen, und als Zacharia ihm zuzureden versuchte und betonte, wie edel das ganze Verhalten Grazianskijs sei, da zerbrach Achilla ungeduldig das Stöckchen, das er in der Hand hielt, in zwei Stücke und sagte:
»Das ist's ja gerade, was mich so ärgert.«
»Wäre es denn besser, wenn er nicht so gut wäre?«
»Natürlich … viel, viel besser wäre das,« unterbrach ihn Achilla ungeduldig. »Wißt Ihr denn nicht, daß wer nicht gesündigt hat, auch nicht Buße tut!«
Zacharia machte nur eine abwehrende Handbewegung.
Achillas Pilgerfahrt nach der Gouvernementsstadt wurde von Tag zu Tag aufgeschoben: der Diakon wohnte noch der Revision der Schatzkammer, der Bücher und der Kirchengelder bei, immer schweigend und grollend. Zu seinem großen Kummer bot sich ihm auch nicht die geringste Gelegenheit, dem »Neuen« etwas am Zeuge zu flicken, – bis Grazianskij endlich davon zu reden begann, daß man auf dem Grabe Tuberozows ein kleines Denkmal errichten müsse. Achilla sprang wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe.
»Warum denn ein ›kleines‹ Denkmal und kein großes? Er hat sehr lange unter uns gewirkt und Verdienste errungen, wie sie mancher andere nicht so leicht fertig brächte.«
Grazianskij sah den Diakon unwillig an und schlug, ohne ihm etwas zu erwidern, eine Subskription zum Bau eines Denkmals für Sawelij vor.
Durch die Subskription kamen zweiunddreißig Rubel zusammen.
Der Diakon wollte überhaupt nichts zeichnen und fand den ganzen Plan verkehrt.
»Weshalb bist du dagegen?« fragte ihn Benefaktow.
»Weil das alles eitel ist,« antwortete Achilla.
»Worin seht Ihr die Eitelkeit?« warf Grazianskij trocken dazwischen.
»Wie kann man einem solchen Manne namens der ganzen Gemeinde ein Denkmal für zweiunddreißig Rubel setzen? So ein Denkmal ist nicht besser als eine Pistole für einen Groschen. Nein, diese Kränkung will ich ihm nicht antun. Ich bitte, mir das gütigst zu erlassen.«
Am Abend erbat sich der Diakon vom neuen Propst einen vierzehntägigen Urlaub nach der Gouvernementsstadt, der ihm auch bewilligt wurde.
So begab sich Achilla auf die Wanderschaft, die er schon so lange zur Verwirklichung seiner großartigen Absichten geplant hatte. Schon in jenen Tagen, als er noch in seinem Kämmerlein auf der bretternen Bettstatt lag, war ihm der Gedanke gekommen, dem Vater Tuberozow ein Denkmal zu setzen, aber nicht für dreißig Rubel, sondern für all sein Geld, für all die zweihundert Rubel, die er aus dem Verkauf seines durch die Arbeit eines ganzen Lebens erworbenen Gutes gelöst hatte. Achilla hielt diese Summe für völlig ausreichend, um ein Monument zu errichten, das allen Zeiten und Völkern ein Wunder dünken müßte, ein so gewaltiges Monument, daß sein idealer Entwurf sogar in seinem eigenen Kopfe nicht Platz genug hatte.
Elftes Kapitel.
Kalt und trübe war die Oktobernacht. Hastige Wolken krochen am Himmel entlang und der Wind brauste in den nackten Zweigen der Weiden. Achilla schritt unermüdlich vorwärts und als die späte Herbstmorgendämmerung graute, hatte er den halben Weg bereits zurückgelegt und konnte sich getrost etwas Ruhe gönnen.
Er bog vom Wege ab, legte sich hinter einer großen Strohmiete, die ihn vor dem Winde schützen sollte, auf den Boden, deckte sich den Mantel übers Gesicht und schlief ein.
Der Tag war genau so wie die Nacht: die kalte Sonne tauchte bald auf, bald verzog sie sich wieder hinter grauen Nebeln; der Wind heulte und brauste wild, um sich dazwischen wieder, einer zischenden Schlange gleich, am Boden zu winden. Das Ende des Mantels, welches der Diakon über seinen Kopf gezogen hatte, war längst vom Winde emporgerissen und flatterte hin und her, und wenn die Sonne hinter den Wolken hervorschaute, fielen ihre grellen Strahlen gerade auf das Heldenantlitz Achillas. Trotzdem erwachte er nicht. Es war schon ganz warm geworden und auf dem zerstampften Stoppelfeld, das Achilla sich zur Lagerstatt gewählt hatte, zeigten sich die letzten verspäteten Bewohner des toten Kornfeldes: über Achillas Stiefel kroch ein harter schwarzer Ohrwurm, und seinen Bart entlang kletterte mühsam und zitternd eine frosterstarrte Hummel. Das arme Insekt, das in dem dichten Barte des Diakons einen warmen Unterschlupf gefunden hatte, fing bald an zu krabbeln und zu zappeln, wovon der Diakon erwachte. Er prustete laut, reckte sich, sprang auf, warf sein Bündel über die Schulter und schritt der Stadt zu.
Als der Abend dämmerte, hatte er auch die übriggebliebenen fünfunddreißig Werst zurückgelegt, und angesichts der Kreuze der städtischen Kirchen setzte er sich an den Rand des Straßengrabens und beschloß, zum erstenmal, seit er ausgewandert, etwas Speise zu sich zu nehmen. Die beiden Fladen holte er aus seiner Tasche, welche sie rund eine Woche beherbergt hatte, legte den einen auf den andern und begann mit großem Appetit zu kauen. Aber die ganze Portion vermochte er doch nicht zu zwingen und steckte den Rest wieder in die Tasche, um zur Stadt zu wandern. Nachdem er bei bekannten Seminaristen übernachtet hatte, ging er gleich früh am nächsten Morgen zum Adelsmarschall Tuganow, ließ sich bei ihm melden und setzte sich auf eine Bank im Vorzimmer.
Eine Stunde verging und noch eine. Niemand kümmerte sich um Achilla. Mehrere Male schon hatte er den vorüberlaufenden Diener gefragt:
»Herr Haushofmeister, wann wird man mich denn rufen?«
Aber der Herr Haushofmeister würdigte den bäuerisch aussehenden Diakon in der Nankingkutte nicht einmal einer Antwort.
Von der gestrigen Wanderung noch müde, wäre Achilla fast eingeschlafen, doch besann er sich, daß es hier doch nicht recht schicklich sei. So beschloß er, sich lieber die Zeit durch Essen zu vertreiben, was ihm die von vorgestern übriggebliebenen Stücke der Zwiebelfladen sehr gut ermöglichten. Kaum jedoch hatte er die Reste aus der Tasche seines Leibrocks herausgeholt und sich darangemacht, den Staub von ihnen zu blasen, als er plötzlich zur Salzsäule erstarrte, dann emporsprang und, wie von einem giftigen Insekt gestochen, durch die vornehmen Gemächer des Hauses zu rasen begann. Zufälligerweise geriet er bald in das Arbeitszimmer des Adelsmarschalls, und als er sich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübersah, brüllte er los:
»All ihr heiligen Väter! Wer an Gott glaubt, muß mir helfen! Sehen Sie doch, was mir für ein Unglück passiert ist!«
»Was denn? Was ist geschehen?« fragte Tuganow erstaunt.
»Parmen Semenowitsch! Was hab' ich gemacht, ich Bösewicht!« jammerte Achilla in wahnwitziger Verzweiflung.
»Hast du jemanden ermordet?«
»Nein, ich kam zu Fuß zu Ihnen gelaufen, damit Sie mir einen guten Rat erteilen. Ich möchte dem Propst ein Denkmal setzen für zweihundert Rubel.«
»Nun und –? Hat man dir das Geld gestohlen?«
»Nein, nein, etwas viel Schlimmeres!«
»Hast du es verloren?«
»Nein, ich hab's aufgegessen!«
Und voller Verzweiflung streckte Achilla dem Adelsmarschall die untere Rinde des nicht ganz aufgegessenen Fladens entgegen, an der ein kleines Fetzchen eines Hundertrubelscheines wie angebacken festklebte.
Tuganow berührte den Fetzen mit seinen feinen Fingernägeln, löste ihn von der Rinde und sah, daß unter dem ersten Stückchen Papier ein zweites von derselben Art noch fester klebte.
Der Adelsmarschall konnte nicht anders, er mußte lachen.
»Ja, sehen Sie, ganz aufgefressen,« wiederholte der Diakon und kaute vor Verlegenheit den Nagel seines Mittelfingers. Dann wandte er sich plötzlich um und sagte kurz: »Nun also, ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie gestört habe. Leben Sie wohl.«
Tuganow aber zeigte sich hilfsbereit.
»Nicht gleich verzweifeln, mein Lieber,« sagte er. »Das hat nichts zu bedeuten, man wird mir in der Bank deine Papiere schon einwechseln, inzwischen gebe ich dir ein paar andere, dann kannst du deinem Pfarrer Sawelij das Denkmal setzen. Ich habe ihn ja auch sehr lieb gehabt.«
Damit reichte er dem Diakon zwei neue Hundertrubelscheine und legte die angekauten Fetzen beiseite, um sie später in die Sammlung seiner Familienkuriositäten einzureihen.
Diese Not war also behoben, aber eine neue nahte: es galt ein Denkmal auszusinnen, wie Achilla es wünschte, aber sich selbst nicht vorstellen konnte. Auch diese seine Sorge beichtete er dem Adelsmarschall.
»Ich möchte, Parmen Semenowitsch,« meinte er, »daß das für mein Geld errichtete Denkmal möglichst groß und schön sei.«
»So laß doch eine Pyramide aus Granit aufrichten.«
Tuganow ließ sich aus dem Schrank eine Mappe reichen und nahm die Abbildung einer ägyptischen Pyramide heraus:
»So in dieser Art.«
Der Gedanke sagte dem Diakon ungemein zu, nur zweifelte er, ob er mit seinem Gelde auskommen würde, worauf ihm Tuganow erklärte, falls die zweihundert Rubel nicht reichen sollten, so wolle er, Tuganow, aus Verehrung für den alten Tuberozow, für den Überschuß eintreten.
»Du aber«, sagte er, »sollst der Baumeister sein. Baue ganz, wie es dir gefällt und was du willst.«
»Das ist …« fing Achilla in höchster Verlegenheit an, aber er kam nicht weiter, sondern machte nur eine tiefe Verbeugung bis zur Erde und faßte dann plötzlich Tuganows Hand und küßte sie.
Tuganow war gerührt. Er nannte Achilla einen »braven Kerl« und schlug ihm vor, bei ihm im Gartenhaus zu logieren.
Zwölftes Kapitel.
Der Diakon lief von einem Steinmetz zum andern, bis schließlich seine Wahl auf den allerschlechtesten, einen Mühlsteinfabrikanten namens Popygin fiel. Zwei deutsche Steinhauer hatten den Diakon in hellen Zorn versetzt, weil sie immer wissen wollten, ob »der Maßstab es gestatten werde«, eine so große Pyramide aufzubauen, wie der Diakon sie haben wollte, der die Fläche einfach durch Schritte und die Höhe mit emporgereckten Armen bezeichnete.
Meister Popygin als biederer Russe verstand ihn besser: sie maßen alles nach Schritten und mit ausgestreckten Armen ab und schlossen einen mündlichen Vertrag, den sie durch Handschlag besiegelten. Damit war die Bestellung gemacht und der Bau der Pyramide begann. Achilla sah zu, wie man die riesigen Steine schob, wendete und glättete und war über ihre Dimensionen entzückt.
»So ohne Maßstab ist's viel besser,« sagte er, »wie es uns paßt, so bauen wir.«
Der russische Meister Popygin stimmte ihm durchaus bei.
Tuganow ließ sich von Achilla über die Fortschritte der Arbeit Bericht erstatten und widersprach ihm weder, noch stritt er mit ihm. Er suchte den Recken durch das Denkmal bei Laune zu erhalten, wie man einem betrübten Kinde ein Spielzeug gibt.
Nach einer Woche war sowohl die Pyramide als auch die Inschrift fertig, und der Diakon kam zu Tuganow und bat ihn, das Wunderwerk seiner schöpferischen Phantasie in Augenschein zu nehmen. Es erwies sich als furchtbar breite, etwas plattgedrückte Pyramide, mit einem Kreuz oben und je einem großen holzgeschnitzten, vergoldeten Cherub an den vier Ecken.
Tuganow betrachtete das Monument. »Das lebt!« sagte er, und der Diakon war beglückt. Die Pyramide wurde auseinandergenommen und ihre Teile auf neun Schlitten nach Stargorod geschafft. Auf dem zehnten Schlitten, der die Karawane beschloß, saß Achilla selbst, zusammengekauert, in einem speckigen Schafpelz zwischen den vier vergoldeten, in Matten gewickelten Cherubim. Er war immer noch ganz entzückt von der Herrlichkeit des Denkmals, aber in dieses Entzücken mischte sich eine gewisse Unruhe: er fürchtete, es könnte jemandem einfallen, an seiner Pyramide Kritik zu üben, an dieser einzigartigen Schöpfung seines Geistes und Geschmacks, dem Zeugnis seiner Ergebenheit und Liebe zu dem entschlafenen Sawelij. Um dem zu entgehen, beschloß Achilla, den Aufbau möglichst im geheimen zu bewerkstelligen. Als er daher Stargorod erreicht hatte, ging er nachts nur zu Zacharia und erzählte ihm von allen Schwierigkeiten, die er bei der Herstellung der Pyramide zu überwinden gehabt hatte.
Es gelang dem Diakon aber nicht, unbemerkt das Monument zusammenzustellen. Die auf den Schlitten lagernden Teile der Sawelij-Pyramide erregten gleich am nächsten Morgen allgemeines Aufsehen. Die sich scharenweise herandrängenden Städter interessierten sich besonders für die unter den Matten hervorblinkenden Arme und Flügel der vergoldeten Cherubim. Die Biederleute stritten heftig über die Frage, was das wohl für Engel sein mochten: silberne oder vergoldete.
»Silbern und vergoldet und von innen mit Brillanten gespickt,« erklärte Achilla und trieb die Mitbürger auseinander, die sich um die Arbeiter drängten.
Auch die feinen Herrschaften ärgerten den Diakon. Diese schienen ihm eigens zum hämischen Kritteln gekommen zu sein.
Der sonst so wenig selbstbewußte und ehrgeizige Achilla wurde in seiner wachsenden Reizbarkeit zuletzt ganz unerträglich. Er konnte kein Wort über Tuberozow mehr ruhig anhören. Sogar wenn man den Seligen lobte, geriet er in Wut: er fand all und jedes Lob unangebracht.
»Was gibt's denn da zu loben?« sagte er zu Benefaktow. »Ihr seid, nehmt mir's nicht übel, ein leichtsinniger Mensch, Vater Zacharia. Ihr redet von ihm, wie man von Milch redet, wenn man eine Kuh gesehen hat.«
»Habe ich denn etwas Schlechtes über ihn gesagt?«
»Man soll überhaupt nicht von ihm reden. Die Zeit ist nicht danach, über die Glaubensstarken zu streiten.«
Gegen andere war Achilla noch viel schroffer als gegen Benefaktow, und als nach und nach alle, durch seine Empfindlichkeit abgestoßen, ihn zu meiden anfingen, geriet er immer mehr unter die Herrschaft eines Gedankens: der Vergänglichkeit alles Irdischen und des Todes.
»Sagt was ihr wollt,« philosophierte er, »das ist auch keine Kleinigkeit, plötzlich so hinzusterben und dann Gott weiß wo an einem ganz andern Ort wieder zu sich kommen.«
»Darüber hast du noch Zeit genug nachzudenken,« tröstete ihn Zacharia, »du stirbst nicht so bald.«
»Woraus schließt Ihr das, Vater Zacharia?«
»Aus deinem Körperbau und … dann hast du solche Ohren … so feste …«
»Ja, was meine Statur und meine Ohren betrifft, so brauchte ich in hundert Jahren nicht zu sterben; man müßte mich rein mit einem Knüppel totschlagen. Aber, wißt Ihr, das hängt doch auch von der Phantasie ab, und deswegen muß der Mensch auch daran denken.«
Und endlich verfiel der Diakon in eine ganz trübe Hypochondrie, die auch den andern nicht entging. Man fing an zu reden, daß er sich den Tod herbeirufe.
Der Propst Grazianskij besuchte den Diakon und machte ihm Vorwürfe wegen seines freiwilligen Exils; er sagte, es wäre unvernünftig, die Menschen zu fliehen; Achilla aber erwiderte ihm ruhig:
»Den Vernünftigen sucht Ihr jetzt vergebens. Er liegt im Grabe.«
Dem Arzt Pugowkin, den der Diakon einst beim Baden untergetaucht hatte und der trotzdem sein guter Freund geblieben war und jetzt zu ihm kam, ihn zu trösten und ihm einzureden, er sei krank und müsse sich ärztlich behandeln lassen, erwiderte Achilla:
»Du hast recht, mein Bester, alle meine Gedanken gehen durcheinander … Ich grübele – ich weiß selber nicht worüber … und immer quält mich … weißt du (Achilla zog die Brauen zusammen und schloß im Flüstertone) die Sehnsucht.«
»Nun ja, man nennt das erhöhte Sensibilität, Reizbarkeit.«
»Reizbarkeit, das ist es! Alles drückt mich. Weißt du, es ist, als ob ein Pfahl in meiner Brust stäke, und nachts sitze ich da und weiß lange nicht, weswegen ich mich quäle und weine.«
Da trat unerwartet ein Ereignis ein, das den Diakon aufrüttelte: der Tod des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch. In seinem Testament hatte er verfügt, daß Vater Zacharia und Achilla ihm das letzte Geleit geben sollten, jedem von den beiden hatte er dafür fünf Rubel in bar, zwei Paar selbstgestrickte Strümpfe und eine baumwollene Nachtmütze hinterlassen.
Als man vom Begräbnis nach Hause ging, schien der Diakon heiterer als sonst. Er scherzte sogar.
»Seht ihr wohl, meine Lieben, wie Er unsere Gemeinschaft auflöst?« sagte er, »einen nach dem andern holt Er sich: nun ist auch Nikolai Afanasjewitsch hin. Und dann kommt die Reihe an mich und Vater Zacharia.«
Achilla täuschte sich nicht. Als er Seinen Besuch erwartete, stand Er, der Milde und Unüberwindliche, schon hinter ihm und breitete seine kühlen Flügel über ihn.
Die Chronik muß eingehend über die letzten Taten des Recken Achilla berichten, denn diese Taten waren seiner durchaus würdig und gaben ihm die Möglichkeit, auf seine eigene, ganz besondere Weise die Fahrt nach dem jenseitigen Ufer des Lebensmeeres anzutreten.
Dreizehntes Kapitel.
Der Frühling kam und Stargorod erwachte zu neuem Leben. Der Fluß wollte die starre Eisdecke abwerfen, blies sich auf und wurde blau. Immer höher türmten sich an beiden Ufern die Berge von Getreidesäcken, und schon wurden die breiten Barken instand gesetzt.
Aus den Dörfern, die den Winter hindurch gehungert hatten, kamen täglich Scharen zerlumpter Bauern in Bastschuhen und weißen Filzkappen in die Stadt. Sie ließen sich als Schlepper dingen, gegen Bezahlung ihrer Steuern und Beköstigung, und waren glücklich, das Getreide, das ihnen daheim so mangelte, in entfernte Gegenden schaffen zu können. Selbstverständlich wurden nicht alle dieses Glückes teilhaftig. Das Angebot übertraf die Nachfrage ganz bedeutend. Und um die Überflüssigen kümmerte sich kein Mensch.
In einsamen und abgelegenen Gassen der Stadt begann sich, ohne sichtliche Veranlassung, allerlei Teufelsspuk zu zeigen. Ein solcher Teufel, in voller höllischer Ausrüstung, mit Hörnern und Klauen, überfiel nacheinander zwei Weiber, einen betrunkenen Schmied und einen völlig nüchternen Kanzlisten, der zu einem nächtlichen Stelldichein mit einer Kaufmannstochter pilgerte. Den Armen wurde alles abgenommen, was sie bei sich hatten, und später sagten sie aus, der Teufel, dessen Opfer sie geworden wären, hätte Stierhörner gehabt und Klauen ganz wie jene Eisenhaken, mit denen die Hafenarbeiter die Getreidesäcke auf die Barken zerren. Niemand wagte mehr nach Sonnenuntergang durch die Stadt zu gehen; aber der Teufel trieb sein Unwesen ruhig weiter. Einmal wurde er von den Wachtposten gesehen, die vor dem Salzdepot und vor dem Gefängnis standen. Er hatte sogar die Unverschämtheit, näher als auf Schußweite an die Soldaten heranzukommen und sie mit kläglicher Stimme um ein Stückchen Brot zu bitten. Man sandte daher nachts Patrouillen aus; eine, vom Polizeichef, dem uns längst wohlbekannten tapfern Rittmeister Porochontzew, selbst geführt, begegnete dem Teufel tatsächlich und rief ihn sogar an. Als er aber darauf: »Gut Freund« erwiderte – bekamen die Leute Angst und rannten davon. Der Rittmeister, welcher glaubte, sich auf die Polizei nicht mehr verlassen zu können, wandte sich nun an den Hauptmann Powerdownia und bat um den Beistand seines Invalidenkommandos zur sofortigen Festnahme des die Stadt in so große Erregung versetzenden Teufels. Aber der Hauptmann wollte sich mit dem Höllenfürsten nicht einlassen, ohne vorher die Genehmigung seiner unmittelbaren Vorgesetzten eingeholt zu haben, und so spazierte der Teufel nach wie vor in der Stadt herum, und das Entsetzen der Bürgerschaft wuchs von Tag zu Tag. Endlich mischte sich der Propst Grazianskij hinein. Er wandte sich an das Volk mit einer Predigt über den Aberglauben und behauptete, Teufel, die den Leuten Mäntel und Kopftücher fortnehmen, gäbe es überhaupt nicht. Der nachts in der Stadt umgehende Teufel sei nichts weiter als ein fauler Taugenichts, welcher glaube, die Leute leichter um ihr Hab und Gut betrügen zu können, wenn er ihnen durch seine Teufelsmaske vorher einen gehörigen Schreck einjage. Diese Rede rief eine große Entrüstung hervor. Der Vorsteher der altgläubigen Gemeinde erklärte, das sei wieder einmal eine Ketzerei der neuen Kirche, und es gelang ihm ohne alle Mühe, ein paar Schäflein aus der Domherde für seine Sekte zu gewinnen. Der Teufel aber nahm noch in anderer Weise Rache an dem ungläubigen Grazianskij. Am Tage, welcher seiner Predigt folgte, entdeckte man im Vorhause der Grazianskijschen Wohnung an der Decke die Spuren schmutziger Stiefel. Natürlich war alle Welt darüber erstaunt und entsetzt; denn wer kann mit dem Kopf nach unten an der Decke entlang laufen?! Man neigte daher zu der Ansicht, nur der Teufel könne es gewesen sein, und selbst der Propst war nicht imstande, seiner Frau dies auszureden. Allen seinen Ermahnungen zum Trotz wuchs die Hochachtung vor dem Teufel erst recht; kein Mensch wagte mehr, ihn zu erzürnen, aber auch niemand ging in der Dämmerung mehr aus.
Indessen, der Teufel hatte es doch zu toll getrieben und das bekam ihm schließlich übel. In den Straßen gab es für ihn schlechterdings nichts mehr zu erbeuten. Es begannen infolgedessen die Messingkreuze, die Heiligenbilderschreine und die Lämpchen auf dem Friedhofe zu verschwinden, wo der Vater Sawelij unter seiner Pyramide ruhte.
Die Stadt, durch die verschiedenen Teufelsstreiche in Schrecken versetzt, schrieb auch diese neue Schändlichkeit ohne weiteres demselben bösen Feinde zu.
Bei der Untersuchung des Schadens bemerkte man, daß auch das Denkmal des Vaters Sawelij gelitten hatte: das Kreuz und der vergoldete Knopf, welche die Pyramide krönten, waren mit Hilfe eines Brecheisens stark verbogen und gelockert, einer der vergoldeten Cherubim abgerissen, erbarmungslos mit dem Beil zerhackt und dann verächtlich weggeworfen, da er keinen nennenswerten Marktwert besaß.
Als Achilla davon Kenntnis erhielt, unterzog er das beschädigte Monument einer genauen Besichtigung und meinte:
»Und wenn du Beelzebub selber wärst, das wirst du mir büßen müssen.«
Vierzehntes Kapitel.
In der darauffolgenden Nacht, gegen elf Uhr, verließ der Diakon, ohne vorher jemandem etwas gesagt zu haben, leise das Haus und schlich sich nach dem Friedhof. Eine lange Stange und eine starke Hanfschlinge trug er in der Hand.
Niemand kam ihm in den Weg, niemand bemerkte ihn. Kurz vor halb zwölf erreichte er den Friedhof. Er betrachtete das Tor: es war geschlossen und klapperte leise, vom frischen Frühlingswind gerüttelt. Allem Anschein nach pflegte der Teufel nicht durch dieses Tor zu gehen, sondern nahm einen andern Weg.
Achilla trat zur Seite und stieß mit der Stange in den weichen Schnee, der den rund um den Friedhof gezogenen Graben füllte. Die Stange durchbohrte die dünne Eisschicht und drang etwa bis zur Hälfte ein. Der Graben war ungefähr zwei und eine halbe Arschin tief. Auf der gegenüberliegenden Seite bildete die abgegrabene Erde einen glitschigen, von außen leicht befrorenen Lehmwall.
Achilla stieß die Stange fester in den Boden, stützte sich auf sie, flog drachengleich empor und gelangte glücklich hinüber. Für die Stange, mit deren Hilfe er diesen gigantischen Sprung allein hatte ausführen können, erwies sich die Wucht seines massigen Leibes allerdings zu schwer: sie brach in demselben Augenblick, in dem die Sohlen des Diakons den Wall berührten. Achilla kümmerte es nicht; er hoffte, auf dem Friedhof irgend etwas anderes zu finden, das ihm auf dem Rückwege denselben Dienst leisten könnte. Außerdem hatte ihn jenes Gefühl erfaßt, das sich nachts auf dem Friedhof unser so leicht bemächtigt. Nicht Furcht, sondern eine Art Spannung, bei der alle fünf Sinne erregt und scharf arbeiten. Achilla atmete tief auf, nahm das schwarze Tuchkäppchen vom Kopf, schüttelte die grau gewordenen Locken und sah mit Vergnügen, wie hell das silberne Licht des Mondes über den Gottesacker floß. Wehmut erfaßte ihn, und doch fühlte er sich zugleich so frisch, wie schon lange nicht; er gedachte der alten Zeiten und ihrer Kämpfe und sandte dem Monde einen scherzhaften Gruß hinauf:
»Guten Abend, Kosakensonne!«
Tiefe Stille ringsum! Ja, hier herrschte wirklich Frieden! …
Der Diakon ging zum Grabe Sawelijs, setzte sich auf den Hügel und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Cherubim. Immer noch tiefe, durch nichts gestörte Stille, nur die Wolkenschatten zogen lautlos dahin. Neue und immer neue, ohne Ende.
Der Diakon wurde schläfrig. Er lehnte sich fester gegen die Pyramide und fiel in Halbschlaf. Nur für kurze Zeit; denn plötzlich schien es ihm, als stampfte jemand kräftig auf. Er öffnete die Augen: gleiche Stille ringsum, nur der Himmel hatte sein Aussehen verändert, der Mond war blasser geworden und längs der Pyramide lief ein einziger langer und breiter Schatten. Wolken ballten sich zusammen und die Luft wehte morgenkühl. Achilla erhob sich und wiederum hatte er die Empfindung, als wandele jemand auf dem Friedhof umher.
Der Diakon ging hinter die Pyramide. Niemand war zu sehen.
Nur eine frische Spur. Aber auch sie konnte von früher herstammen. Wie sollte man das unterscheiden, wenn der Schnee schon zum dünnen Brei geworden war, in den der Fuß riesige, fast formlose Gruben drückte? In der Stadt krähten die Hähne ihren Morgengruß. Nein, heute kommt der Teufel nicht mehr!
Achilla wandte sich langsam zu der Stelle, wo er über den Graben gesprungen war. Er fand sie ohne Schwierigkeit und griff ohne Bedenken nach der aus dem Graben emporragenden langen Stange, als er sich plötzlich erinnerte, daß sie gebrochen war! … Wo kam da die unversehrte Stange her?
»Sonderbar!« dachte der Diakon, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß er sich nicht täusche, sondern tatsächlich aus dem Graben eine tadellose Stange hervorragte, machte er sich zum Sprung bereit, als sich von hinten plötzlich über seine Schultern hinweg zwei mächtige Tatzen auf seine Brust legten. Sie waren mit dicker, filziger schwarzer Wolle bekleidet und hatten gewaltige Eisenklauen.
Der Teufel!
Fünfzehntes Kapitel.
Achilla knickte augenblicklich unter dem ihn niederdrückenden Teufel zusammen, packte ihn dann an den Pfoten und riß dieselben so kräftig, daß das Kinn des Teufels dröhnend gegen seinen Scheitel schlug und gleichsam daran kleben blieb. Der Teufel, der darauf nicht gefaßt gewesen war, fing verzweifelt an zu zappeln, sah aber die Vergeblichkeit seiner Bemühungen bald ein, wurde still und blieb nach einem dumpfen Seufzer auf dem Rücken des Diakons hängen. Es war ihm nicht nur unmöglich, sich loszureißen, sondern er vermochte sogar kein Wort herauszubringen, denn sein Kiefer war wie mit einer Presse gegen den Schädel Achillas gepreßt. Die einzige Bewegung, welche der böse Geist zu machen vermochte, war das Strampeln mit den Beinen. Diese Möglichkeit beutete er aber auch mit höllischer Lust und Arglist aus.
Achilla, der den Teufel ebenso leicht auf seinem Rücken hielt, wie ein gesunder Bauer eine Garbe Erbsenstroh, tat ein paar Schritte rückwärts, nahm einen Anlauf und sprang über den Graben. Der gewandte Teufel benutzte diesen Moment, seine Beine um die ausgespreizten des Diakons zu schlingen, gerade als sie beide jenseits des Grabens angelangt waren. Der so plötzlich in seiner Bewegung gehemmte Achilla verlor das Gleichgewicht und stürzte mit seiner Last in den mit kaltem, schneeigem Brei gefüllten Graben.
Beinahe hätte die furchtbare Kälte ihn veranlaßt, seine Hände zu öffnen und den Teufel loszulassen, doch überwand er sich und hielt nach anderen Rettungsmöglichkeiten Umschau. Doch schien es die nicht zu geben; die glatten Grabenwände bedeckte eine Eisschicht, so daß es unmöglich war, an ihnen emporzuklimmen, ohne sich der Hände zu bedienen. Dazu aber hätte Achilla den Teufel loslassen müssen und das wollte er durchaus nicht. Er versuchte zu schreien, doch niemand hörte ihn, und wenn ihn auch jemand gehört hätte, so würde er seine Tür nur noch fester verschlossen und gesagt haben: »Da hat der Teufel schon wieder einen am Wickel.«
Der Diakon begriff, daß er von der geängstigten Bevölkerung keine Hilfe zu erwarten habe. Trotzdem wollte er den Teufel nicht loslassen, und so hockten beide im Graben und froren. Sie waren fast völlig erstarrt und hätten vielleicht hier ihren Tod gefunden, wenn nicht ein Zufall ihnen zu Hilfe gekommen wäre.
Frühmorgens zog ein Spiritustransport nach der Stadt. Als er am Friedhof vorbeikam, bemerkten die Bauern im Graben eine seltsame Gruppe. Sie machten Halt, ergriffen aber entsetzt die Flucht, als sie das blaue Gesicht eines Mannes erkannten, über dem sich die gehörnte Teufelsfratze emporreckte. Der halberstarrte Achilla nahm seine letzte Kraft zusammen, rief die Leute zurück, befahl ihnen, auf den Teufel aufzupassen, zog die rechte Hand aus dem Graben heraus und bekreuzigte sich.
»Es ist ein Christenmensch, Kinder!« riefen die Bauern, zogen den Diakon und den Teufel heraus, steckten einen Strohhalm in das Spundloch eines der Fässer und setzten Achilla davor. Den Teufel aber warfen sie vorn auf den Schlitten und fuhren weiter zur Stadt.
Nachdem er etwas Spiritus eingesogen hatte, zuckte der Diakon zusammen und fiel der Länge nach auf den Schlitten. Er befand sich in einem entsetzlichen Zustande. Ganz durchnäßt und blau, wie ein Kessel, zitterte er so, daß er kaum atmen konnte. Der Teufel aber lag da wie ein Eiszapfen. So brachte man ihn in die Stadt, wo der Diakon das Fahrzeug vor dem Polizeiamt halten ließ.
Achilla hob den Teufel aus dem Schlitten, ließ ihn in die Kanzlei tragen und schickte nach dem Polizeichef. Er selbst ließ sich vom Polizeidiener ein trockenes Hemd und einen Soldatenmantel geben und legte sich auf das Sofa.
Trotz der frühen Stunde war bald die ganze Stadt von dem großen Ereignis unterrichtet, und eine dichte Menschenmenge wogte, wie Meereswellen um einen Felsen, um das Gebäude des Polizeiamtes, wo auch der Rittmeister Porochontzew seine Amtswohnung hatte. Trotz ihres Amtes und ihrer Würde gelang es den einflußreichsten Persönlichkeiten der Stadt, wie dem Propst Grazianskij, dem Vater Zacharia und dem Hauptmann Powerdownia, nur mit großer Mühe, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, und auch nur deshalb, weil die Menge die Anwesenheit der Geistlichkeit bei der an dem Teufel vorzunehmenden Exekution für eine religiöse Notwendigkeit hielt. Dem Hauptmann Powerdownia aber kam sein Säbelgriff zugute, mit dem er kräftige Hiebe und Püffe nach rechts und nach links austeilte.
Sechzehntes Kapitel.
Während draußen die Menge sich drängte und lärmte, ging es im Hause nicht weniger erregt zu. Der Polizeichef, Rittmeister Porochontzew, kam in Barchentunterhosen und einer Flanelljacke in die Kanzlei gestürzt und sah tatsächlich den Teufel mit Hörnern und Klauen kläglich zusammengekauert am Boden hocken und ihm gegenüber auf dem Sofa, das sonst die Bittsteller einzunehmen pflegten, eine unförmliche zitternde Masse, bedeckt mit einem Soldatenmantel und zwei Schafpelzen: der Diakon.
Um den Teufel herum gruppierten sich in den verschiedensten Stellungen sämtliche Stargoroder Honoratioren, auf deren Gesichtern nichts von dem Grauen zu lesen war, das die Nähe des bösen Geistes ihnen von Rechts wegen hätte einflößen sollen. Jeder sah, daß dieser Teufel ein ganz jämmerliches Geschöpf war, welches vor Kälte bebte und schlecht und recht in die traurigen Reste eines Kosakenmantels aus haarigem Filz gewickelt war, den der Diakon Achilla einmal dem Kommissar Danilka geschenkt hatte, weil das Kleidungsstück zu nichts sonst zu gebrauchen war. Auf des Teufels Kopfe, den ein Fetzen desselben Mantels bedeckte, ragten zwei mit einem schmutzigen Bindfaden ungeschickt befestigte Kuhhörner empor, und an den Händen, die in ein paar Stückchen Schaffell gewickelt waren, baumelten zwei gewöhnliche Eisenhaken, wie man sie zum Aufwinden von Getreidesäcken verwendet. Das merkwürdigste aber war, daß einer der Soldaten, als er mit der Hand unter den Anzug des Teufels griff, eine Schnur zu packen bekam, an der ein altes Messingkreuzchen mit der Aufschrift: »Es stehe Gott auf, daß seine Feinde zerstreuet werden« hing.
»Ich sagte doch, daß alles Betrug wäre,« bemerkte der Propst Grazianskij.
»Ja, ja, dem Kostüm nach ist es ein richtiger Teufel, aber das Kreuzlein läßt auf anderes schließen,« stimmte Zacharia ihm bei, trat auf das rätselhafte Geschöpf zu und fragte: »Hör mal, mein Lieber, wer bist du? He? Hörst du, was ich dir sage? … Lieber Freund! … Heda! … Hörst du? … Sprich doch! … Sonst gibt es Prügel! … So rede doch!«
Hier mischte sich der Polizeichef ein und fing selbst an, den Teufel auszufragen, aber ebenso erfolglos.
Der Teufel, der allmählich warm wurde und zu sich kam, rückte nur sachte hin und her und verkroch sich wie eine Schildkröte immer tiefer in seinen Mantel.
Von den verschiedenen Seiten wurden allerlei Meinungen darüber laut: was man jetzt mit diesem Teufel anfangen sollte. Der Polizeichef neigte zu der Ansicht, man müsse ihn, so wie er sei, zum Gouverneur schicken und berief sich dabei auf das alte Gesetz über Ungeheuer und Mißgeburten. Aber alle waren so neugierig, daß sie sich diesem Beschluß energisch widersetzten und die mannigfaltigsten Gründe anführten, um den Polizeichef zu überzeugen, daß der Dämon unbedingt sofort entlarvt werden müsse, um die allgemeine, brennende Neugier endlich zu stillen!
Zwei der Anwesenden nahmen an den Debatten keinen Anteil: der Bürgermeister und Vater Zacharia, denn beide waren in Spezialuntersuchungen vertieft. Der Bürgermeister schlich sich immer ganz leise an den Teufel heran, bald von der einen, bald von der anderen Seite, machte das Zeichen des Kreuzes über ihn und sprang dann geschwind wieder zur Seite, um nicht mit dem Bösen gemeinsam in die Tiefe zu versinken. Zacharia aber riß ihn an den Hörnern und flüsterte ihm zu:
»Hör mal, mein Lieber, sag mir nur das eine: warst du es, der beim Vater Propst die Decke entlang gelaufen ist? Gesteh's und du bekommst keine Schläge.«
»Ich war's,« stöhnte der Teufel dumpf.
Diese ersten Worte des Dämons riefen unter den Anwesenden eine unerwartete Panik hervor, welche durch das wilde Geschrei des draußen stehenden Volkes noch verstärkt wurde. Die Menge hatte die Geduld verloren und drängte ins Haus mit der Forderung, der Teufel solle ihr ausgeliefert werden, wobei ganz laut der Verdacht geäußert wurde, die Polizei beabsichtige, sich vom Teufel »schmieren« zu lassen und ihn dann unbehelligt in sein höllisches Reich heimzusenden. Einige machten den Vorschlag, die Tür aufzubrechen und den Teufel mit Gewalt den Händen der gesetzlichen Obrigkeit zu entreißen. Dieser Drohung folgte ihre Verwirklichung auf dem Fuße, denn man schlug donnernd gegen die Türe. Jedoch der Rittmeister fand das richtige Gegenmittel. Er gab dem Revieraufseher ein Zeichen, worauf dieser sofort die Feuerspritze aus dem Schuppen zog, mit dem Schlauch auf den Zaun kletterte und einen Strahl eiskalten Wassers über die Menge ergoß. Hiermit war das Signal zu einem wilden Tohuwabohu gegeben. Die Menge fuhr zurück, schrie, pfiff, lachte, dann aber wurden die heiteren Gesichter plötzlich ganz ernst, die Leute bissen die Zähne zusammen und drängten von neuem vorwärts. Das kalte Sturzbad hatte seine Schrecken verloren, die Tür krachte, Steine flogen ins Fenster, der Aufseher wurde an den Beinen vom Zaun heruntergerissen, die Menge bemächtigte sich der Spritze und besprengte nun den Aufseher vor den Augen seiner Vorgesetzten. Der Polizeichef und die Honoratioren stürzten in die innern Gemächer und schlossen die Türen hinter sich zu, der Hauptmann Powerdownia aber, der ihnen nicht so schnell hatte folgen können, rannte in der Kanzlei hin und her und schrie:
»Meine Herren! Keine Furcht! Gott mit uns! Wer Waffen hat … rettet euch!«
Sein Blick fiel auf den geöffneten Aktenschrank, er sprang geschwind hinein und schlug die Tür hinter sich zu, durch die zerschlagenen Fensterscheiben aber kamen immer mehr Steine geflogen, und der Teufel selbst schrie laut auf vor Entsetzen und Verzweiflung.
Siebzehntes Kapitel.
Der Augenblick war kritisch. Er harrte seines Helden, und dieser kam. Die Pelze, mit denen der von allen vergessene Diakon Achilla bedeckt war, gerieten in Bewegung, sie fielen zu Boden, und er selbst, barfuß, im kurzen und engen Soldatenhemd, stürzte auf das Wesen los, das man noch jüngst für den Teufel gehalten hatte, und begann es heftig zu schütteln.
»Zieh dich aus!« kommandierte er, »zieh dich aus und zeige, wer du bist, oder ich reiße dir das alles samt deinem eigenen Fell vom Leibe!«
Ein kurzer Moment – und der Teufel war verschwunden. An seiner Statt zeigte sich den erstaunten Augen des Diakons der frosterstarrte Kleinbürger Danilka.
Achilla riß ihn ans Fenster, steckte den Kopf durch die zerbrochene Scheibe hinaus und rief:
»Ruhe, ihr Schafsköpfe! Das ist Danilka, der sich als Teufel verkleidet hatte! Schaut her!«
Und der Diakon hob den blaugefrorenen Danilka in die Höhe und warf zu gleicher Zeit seine Teufelsausrüstung Stück für Stück auf die Straße hinab:
»Da habt ihr seine Klauen! Und seine Hörner! Und den übrigen Kram! Und jetzt paßt auf: ich will ihn verhören.«
Und der Diakon drehte den Danilka so herum, daß dieser ihm ins Gesicht sehen mußte, und fragte ihn mit ungeheuchelter Freundlichkeit:
»Warum hast du dich so scheußlich verkleidet, du Narr?«
»Vor Hunger,« flüsterte der Kleinbürger.
Achilla rief es dem Volke zu und fuhr dann mit seiner gewaltigen Donnerstimme fort:
»Und jetzt, ihr braven Christenleute, begebt euch nach Hause, denn wenn die hohe Obrigkeit wieder Mut faßt, läßt sie – was Gott verhüten möge – gleich schießen.«
Lachend ging das Volk auseinander.
Achtzehntes Kapitel.
Wirklich hatte die Obrigkeit »Mut« gefaßt, kam wieder aus ihrem Schlupfwinkel heraus und begann Ordnung zu stiften.
Der nasse und kaum noch schnaufende Danilka wurde in einen trockenen Arrestantenkittel gesteckt, und das peinliche Verhör begann. Er gestand, daß er, von Hunger und Frost geplagt, von allen wegen seines liederlichen Lebenswandels gemieden, lange Zeit obdachlos umhergeirrt sei, bis ihm der Gedanke gekommen sei, sich als Teufel zu verkleiden. Auf diese Weise habe er den Leuten bei Nacht Angst eingejagt, gemaust, was ihm irgendwie unter die Finger gekommen sei, es den Juden verschachert und davon gelebt. Achilla hörte aufmerksam zu. Als das Verhör beendet war, sah er immer noch Danilka an und bemerkte plötzlich, wie die Gestalt des Kommissars vor seinen Blicken sich bald ganz hoch emporhob, bald tief senkte. Achilla zwinkerte ein paarmal mit den Augen, denn ein neues Schauspiel begann: Danilka glänzte jetzt wie blankes Gold, dann wie weißes Silber, dann wieder schien er ganz in Flammen zu stehen, daß einem die Augen schmerzten, wenn man ihn betrachtete, dann erlosch er mit einemmal und war fort. Und er war doch da! Diesem kaleidoskopartigen Wechsel der Erscheinungen zu folgen war eine unerträgliche Marter; schloß man aber die Augen, so wurde es noch bunter und tat erst recht weh.