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Die Klerisei

Viertes Buch.

Arthur Luther translation

Erstes Kapitel.

»Das Leben ist zu Ende, das Erdenwallen beginnt,« hatte Tuberozow im letzten Augenblick vor seiner Abreise gesagt. Dann war das Dreigespann den Berg hinaufgesaust und hatte ihn den Blicken der Seinigen entzogen.

Die Leute, die ihm das Geleit gegeben, blieben noch eine Zeitlang, bis endlich ein jeder seines Weges ging. Die Nacht brach herein, alle Pforten und Pförtchen wurden verschlossen und verriegelt und der Mond konnte aus seiner blauen Höhe auf dem vereinsamten Pfarrhofe nur noch die ebenfalls vereinsamte Natalia Nikolajewna erblicken.

Sie beeilte sich nicht, ins Haus zurückzugehen, sondern saß weinend auf der Veranda, von der ihr Mann vor kurzem heruntergestiegen war. Schluchzend drückte sie ihren kleinen Kopf gegen das Geländer, – ach, sie hatte keinen Freund, keinen Tröster! Doch nein! Ein Freund war da, ein treuer, zuverlässiger Freund …

Plötzlich wurde das Pförtchen weit aufgerissen und vor die weinende Alte trat der Diakon Achilla. Er war barhäuptig, in einem kurzen dicken Leibrock und weiten Hosen und mit mehreren Säcken beladen. Hinter sich zog er zwei Pferde, deren jedes ein großes schweres Bündel auf dem Rücken trug. Natalia Nikolajewna sah schweigend zu, wie Achilla die Pferde in den Hof führte, sie von ihrer Last befreite, und wieder zum Pförtchen ging, das er mit der Energie eines sorgsamen Hausvaters verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte.

»Diakon! Du kommst zu mir!« rief Natalia Nikolajewna, welche seine Absicht begriffen hatte.

»Ja, du leidende Mutter, ich bin gekommen, dich zu behüten.«

Sie umarmten und küßten sich, und Natalia Nikolajewna begab sich in ihr Schlafzimmer, um dort weiter zu wachen, Achilla aber brachte seine Pferde in die Scheune, breitete dann eine Filzdecke auf der Veranda aus, streckte sich lang auf derselben aus und vertiefte sich in den Anblick des Sternenhimmels. Während der ganzen Nacht schlief er nicht. Er dachte nur daran, wie er seinem Justizminister helfen könnte. Das war etwas anderes, als den Warnawka verprügeln! Hier war Verstand nötig. Aber was kann der Verstand allein, wenn ihm keine äußere Gewalt zur Seite steht? Ja, hätte man, wie es in dem Märchen erzählt wird, einen Zaubermantel oder Siebenmeilenstiefel. Oder eine Tarnkappe! Dann würde er gewußt haben, was er zu tun hätte! So aber, so! Der Diakon wußte sich absolut keinen Rat, und dennoch mußte etwas unternommen werden.

Als Achillas Gedanken beim Zaubermantel und bei der Tarnkappe angelangt waren, da kam es dem an keinerlei sophistische Grübeleien Gewohnten vor, als fiele eine kaum noch zu tragende, schwere Last ihm von der Seele, er atmete auf und flog selbst auf dem Zaubermantel in die Ferne hinaus. Unsichtbar trat er in den Siebenmeilenstiefeln und mit der Tarnkappe zu dem einen und dem andern der hohen Würdenträger, zu denen er ohne Zaubermittel nicht hoffen konnte zu gelangen. Er weckte sie durch einen sanften Rippenstoß aus dem Schlaf und sagte: »Tut dem Pfarrer Sawelij kein Leid an. Ihr werdet's sonst, wenn es zu spät ist, zu bereuen haben.«

Als die hohen Herren die Stimme des Unsichtbaren vernahmen, warfen sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her, sprangen plötzlich auf, liefen hinaus und schrien: »Um Gottes willen, nehmt euch des Pfarrers Sawelij an!« … Aber das alles läßt sich in unseren Tagen nur mit Hilfe von Siebenmeilenstiefeln und einer Tarnkappe erreichen, und es war gut, daß Achilla rechtzeitig daran gedacht und sich damit versehen hatte. Dank ihnen allein konnte der Diakon in seiner gelben Nankingkutte in einen strahlenden Palast dringen, dessen Glanz ihn so unerträglich blendete, daß er selbst nicht froh war, sich dort hineingewagt zu haben. Die Stätte, welche er vorher besucht hatte, hätte schließlich wohl auch genügt, aber die Siebenmeilenstiefel waren in Schuß gekommen und hatten ihn an einen Ort gebracht, wo er infolge der blendenden Helle kaum etwas unterscheiden konnte, so daß er Sawelij und seine Mission am Ende ganz vergaß und nur noch dachte, wie er wieder fortkommen könnte. Die geschwinden Stiefel aber trugen ihn immer höher und höher hinauf, und das Zauberwort, das ihnen Halt gebieten konnte, hatte er vergessen …

»Ich verbrenne, bei Gott, ich verbrenne!« schrie der Diakon und versuchte sich hinter einem vor ihm auftauchenden kleinen Schattenfleckchen zu verbergen, – als ihm zu seiner Verwunderung aus diesem Fleckchen die sanfte Stimme des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch entgegentönte.

»Hört doch auf, Vater Diakon, im Schlaf zu schreien, daß Ihr verbrennt! Allenfalls vor Scham müßten wir alle verbrennen!« sprach der Zwerg, das Gesicht des Diakons durch seine kleine Gestalt vor der Sonne schützend.

Achilla sprang auf, stürzte zur Wasserbütte und leerte zweimal hintereinander den großen eisernen Schöpfkrug.

»Von was für einer Scham redest du da, Nikola?« fragte er, seine Locken mit Wasser anfeuchtend.

»Ei, wo ist unser Propst? He?«

»Der Propst, Freund Nikolaurus, ist futsch. Gestern haben sie ihn weggeschafft.«

»Was heißt das – ›futsch‹, mein Herr? Wir müssen ihn freibekommen!«

»Liebster, ich hab' die ganze Nacht darüber gegrübelt, aber ich kriege nichts raus.«

»Das ist es eben. Einen Stein ins Wasser werfen kann jeder, – aber ihn zurückbekommen?«

Und Nikolai Afanasjewitsch wackelte auf seinen knarrenden Stiefelchen in das Zimmer der Pröpstin, hielt sich hier einen Augenblick auf und bat dann den Diakon, ihn zu begleiten. Beide begaben sich erst zum Polizeichef und nachher zum Richter. Mit beiden hatte der Zwerg eine lange Beratung, aber weder der eine noch der andere konnte ihm etwas Tröstliches sagen.

»Das einzige, was ich tun kann,« sagte plötzlich der Richter, »ist, an den Staatsanwalt in der Gouvernementsstadt zu schreiben. Er ist ein Studiengenosse von mir und wird sicher gern bereit sein, irgend etwas für den Propst zu tun.«

Der Vorschlag fand lebhaften Beifall beim Polizeichef. Nikolai Afanasjewitsch dachte anders darüber, hielt es aber für unangebracht, zu widersprechen.

Nun fragte sich's, wie man den Brief an seine Adresse gelangen ließ? Die nächste Post ging erst in zwei Tagen, eine Estafette schien beiden Beamten zu pomphaft, zudem konnte die Postmeisterin, die Freundin Termosesows, den alle nach den von Achilla gemachten Angaben für den eigentlichen Denunzianten hielten, diesem Ehrenmann mit derselben Estafette Nachricht geben.

Als er von dieser Schwierigkeit vernahm, erklärte der Diakon, er würde schon alles regeln; wenn der Brief nur fertig sei, setze er seinen Kopf zum Pfande, daß er sich morgen in den Händen des Adressaten befinde.

Abends, als es schon dunkelte, erschien vor dem Hause des Vaters Zacharia ein riesiger schwarzer Reiter, klopfte sacht ans Fenster und rief den »sanften Popen« beim Namen.

Zacharia öffnete das Fenster und fragte, als er den Reiter erblickte:

»Bist du es, der da als Schreckgespenst kommt?«

»Pst … Ruhe und Schweigen tun not!« antwortete der Reiter geheimnisvoll und suchte sein ungeduldiges Roß durch kräftigen Schenkeldruck ruhig zu halten.

Zacharia sah sich nach allen Seiten um – Straße und Ufer waren menschenleer – und flüsterte:

»Wohin willst du und was beabsichtigst du?«

»Ich kann Euch nichts mitteilen, denn ich habe mein Wort gegeben,« antwortete der Reiter mit derselben geheimnisvollen Miene wie vorhin. »Ich bitte Euch nur, sucht mich morgen nicht und fragt nicht nach dem Zweck meines Ritts … Doch, ob ich auch mein Wort gegeben, ich will's Euch allegorisch sagen:

Nordwärts zieht's den Kosaken hin Und nicht nach Ruhe steht sein Sinn,

in der Mütze aber hab' ich

Ein Schreiben an den Zaren Peter Über den Hetman, den Verräter …

Habt Ihr verstanden?«

»Nichts hab' ich verstanden.«

»So muß es auch bei einer richtigen Allegorie sein.«

Der Reiter schlug sich mit der Faust gegen die Brust und sagte:

»Das eine sollt Ihr noch wissen, Vater Zacharia, daß der Reiter kein Kosak ist, sondern der Diakon Achilla, und daß mein Herz die Kränkung nicht dulden mag, mein Verstand aber kein Mittel findet, ihm zu helfen.«

Nach diesen Worten ließ der Diakon seinem Pferde die Zügel fahren, drückte es mit den Knien zusammen und ritt nicht, sondern flog davon, so daß seine Locken, die langen Enden und weiten Ärmel seiner Kutte, der Schweif und die Mähne des Pferdes wild flatternd vom dunkelblauen Hintergrund des nächtlichen Himmels abstachen.

Zweites Kapitel.

Nikolai Afanasjewitsch hatte mit Recht nicht viel von dem Brief erwartet, mit dem der Diakon davongeritten war. Achilla blieb eine ganze Woche fort, und als er gesenkten Hauptes auf mattem Pferde heimkam, berichtete er, daß er mit seinem Briefe nichts ausgerichtet habe und auch nichts habe ausrichten können.

»Warum denn das?« fragte man ihn.

»Sehr einfach! Weil der Vater Sawelij selbst zu mir sagte: ›Laß ab, mein Lieber, wir Geistlichen haben keinen, der sich unser annimmt. Bitte alle, daß sie mir den Gefallen tun, sich nicht für mich zu verwenden.‹«

Und der Diakon wollte darüber weiter gar nicht reden.

Viel lieber erzählte Achilla, wie er den Propst angetroffen und was dieser in der einen Woche erlebt hatte.

»Der Bischof«, so berichtete er, »ist gar nicht so böse auf ihn, ja eigentlich überhaupt nicht erzürnt, er hat ihn bloß aus Politik der Marter überantwortet, um es mit der weltlichen Obrigkeit nicht zu verderben. Deswegen allein wurde der Vater Sawelij in die Stadt geholt. Jawohl! Und der Vater Sawelij könnte die ganze Schuld von sich abwälzen und zu uns zurückkommen, denn der Bischof hält es insgeheim mit ihm … Jawohl! Gleich am nächsten Tage wurde ihm eine geheime Mitteilung vom Bischof, daß er zum Herrn Gouverneur gehen solle und um Entschuldigung bitten … Jawohl! Aber der Vater Sawelij hat in seiner Hartnäckigkeit sehr schroff darauf geantwortet: ›Ich bin mir keiner Schuld bewußt, kann also auch nicht um Vergebung bitten!‹ Dadurch hat er nun auch den Bischof aufgebracht. Jawohl! Aber auch jetzt war der Zorn nicht groß, denn den Beschluß des Konsistoriums, eine Untersuchung wegen jener Predigt einzuleiten, hat er mit einem großen blauen X durchstrichen und alle Gemüter im stillen beruhigt, indem er den Vater Sawelij dem niedern Klerus am Bischofshofe zuzählen ließ. Jawohl!«

»Und Vater Sawelij dient jetzt?« fragte Zacharia.

»Jawohl! Er liest die Hora und die Parömie, aber seinen Sinn ändert er nicht, und auf die politische Frage der Eminenz: ›Worin hast du dich vergangen?‹ – antwortete er noch politischer, als hätte er die Frage nicht verstanden: ›In diesem Leibrock, hohe Eminenz!‹ – und hat sich dadurch nur geschadet. Jawohl!«

»A–a–ach!« rief Zacharia und schüttelte verzweifelt den kleinen Kopf, sich die Ohren mit den Händchen zuhaltend.

»Er hat sich bei einem Gendarmenwachtmeister in der Klostervorstadt ein gelbes Stübchen für zweiundeinenhalben Silberrubel monatlich gemietet und läuft jeden Morgen mit seinem Krug an den Fluß hinunter nach Wasser. Aber Gesicht und Gestalt sind sehr spitz geworden, und er läßt Euch sagen, Natalia Nikolajewna, Ihr möchtet recht bald zu ihm kommen.«

»Morgen noch reise ich hin,« antwortete die Pröpstin weinend.

»So, das wären sämtliche Neuigkeiten. Der Staatsanwalt aber, dem ich den Brief brachte, sagte nur: ›Die ganze Sache geht mich gar nichts an, ihr habt eure eigene Obrigkeit.‹ Er hat mir auch keinen Brief mitgegeben, sondern nur schön grüßen lassen. Nehmen Sie also, bitte, hiermit seinen Gruß entgegen, wenn Ihnen was dran liegt. Und noch einen Gruß an Sie alle habe ich, vom Herrn Termosesow. Ich traf ihn in der Stadt; er kam in einem feinen Wagen vorbeigefahren und rief, wie er mich sah: ›Warte mal ein wenig hier vor dem Tor, Diakon, ich bring dir gleich etwas. Eure Postmeisterin nebst Töchtern hat mir bei meiner Abreise ihr Stammbuch aufgehalst. Ich sollte ihr da ein paar Verse hineinschreiben. Ich hab's versehentlich mitgenommen, und nun weiß ich nicht, wie ich's ihr zurückschicken soll. Sei so gut und nimm's mit!‹ Ich denke mir: Hol dich dieser und jener! Gib her, sag' ich, um ihn loszuwerden. Hier ist es!«

Der Diakon holte aus der Tasche seines Leibrocks ein dünnes Büchlein mit bunten Blättern und las vor:

»Auf das letzte Blatt Papier Schreibe ich der Zeilen vier, Voller Ehrfurcht, meine Damen … Wohl bekomm's in Teufels Namen!

Damit bezeugt er Euch seine Ehrfurcht, – nehmt sie also hin als den Lohn, der Euch gebührt.«

Und Achilla warf das Album mit der Ehrfurchtsbezeigung Termosesows auf den Tisch und begab sich in den Pferdestall, um sich dort nach den Reisestrapazen auszuschlafen.

Am Tage darauf reiste Natalia Nikolajewna zu ihrem Gatten, und der Diakon blieb allein in dem Hause des Verbannten zurück.

Drittes Kapitel.

Ein Tag verging wie der andere. Die Stadt unterhielt sich mit Neuigkeiten, die mit unserer Geschichte nichts zu tun haben. Tuberozow blieb in Acht und Bann und seine Freunde schienen sich vollständig damit beruhigt zu haben, daß »hier nichts zu machen« wäre. Die Feinde des Propstes zeigten sich etwas besser als die Freunde: wenigstens einige von ihnen hatten ihn nicht vergessen. Für ihn setzte sich zum Beispiel die feine Frau Postmeisterin ein, die Termosesow die ihr angetane schwere Beleidigung nicht vergessen konnte und noch weniger geneigt war, der Gesellschaft ihre Schadenfreude zu verzeihen. Sie wollte ihr vielmehr zeigen, daß sie allein feinfühliger, klüger, weitsichtiger, ja auch ehrlicher sei, als sie alle.

Dazu bot sich ihr nun eine Gelegenheit, die sie wiederum sehr fein und boshaft auszunutzen wußte. Sie beschloß, die Gesellschaft durch unerhörten Glanz zu blenden und ihre Autorität in den Augen der biedern Stargoroder auf eine bisher nie dagewesene Höhe zu heben.

Etwa sechs Werst von der Stadt entfernt hatte eine Petersburger Dame, Frau Mordokonaki, ihren Sommeraufenthalt auf einem wunderschönen Landgut. Der alte Mann dieser jungen und sehr hübschen Frau hatte, als er noch Branntweinpächter war, bei einer der Postmeisterstöchter Pate gestanden. Das schien nun der Frau Postmeisterin eine völlig genügende Veranlassung, die junge Gattin des alten Mordokonaki zum Namenstag des Patenkindes ihres Mannes einzuladen, und bei der Gelegenheit wollte sie die Bitte aussprechen, die bekannte Philantropin und Freundin der Kirche möge sich doch des verfolgten Tuberozow annehmen.

Das war nicht übel ausgedacht. Die junge und fabelhaft reiche »Wohltäterin« hatte Einfluß in der Residenz und genoß bei den Gewalthabern im Gouvernement hohe Achtung. Jedenfalls hätte sie, wenn sie wollte, für den gemaßregelten Propst mehr tun können, als sonst jemand. Ob sie es aber wollte? Darum eben sollte die ganze Gesellschaft sie bitten.

Die Dame langweilte sich in ihrer Einsamkeit und nahm daher die Einladung der Postmeisterin dankend an. Die giftige Frau Postmeisterin triumphierte. Sie zweifelte nun nicht mehr, daß sie die Honoratioren der Stadt durch ihr unerwartetes Eintreten für den alten Tuberozow verblüffen werde, und daß infolgedessen alle sich notgedrungen ihr anschließen würden, gleichsam als Chorus, als zweite Garnitur.

Die Postmeisterin schwelgte in solcherlei süßen Träumen, – bis endlich der Tag ihrer Erfüllung gekommen war.

Viertes Kapitel.

Die Hausfrau begrüßte die Gäste und war glückselig, als sie merkte, daß keiner sich mit ernsten Gedanken trug, daß das Schicksal des verbannten Priesters längst niemanden mehr beschäftigte.

Die Gäste waren sämtlich in fröhlichster Stimmung. Als erster erschien der »Kreiskommandant«, Invalidenhauptmann Powerdownia, ein rothaariger Offizier mit großen runden Augen, der sich vom Proviantschreiber hinaufgedient hatte.

Die große, üppige Madame Mordokonaki überstrahlte die ganze Gesellschaft und alles wirkte neben ihr matt und unbedeutend. Sogar Daria Biziukina schien ganz klein geworden. Die Hausfrau floß über von Schmeichelreden, führte dem Gast die interessantesten Leute zu und bat den Hauptmann Powerdownia und den Lehrer Warnawa Prepotenskij, die Dame aufs beste zu unterhalten. Leute, die sich zur Unterhaltung mit der Petersburgerin nicht eigneten, wurden beiseite geschafft, wie der Bürgermeister, welcher die Gewohnheit hatte, im Gespräch oftmals die Redensart anzuwenden: »Da spuck mir einer ins Maul«, sowie ein alter Major, der im Kaukasus gedient und die Veranlassung zur Entstehung des schönen Vergleichs gegeben hatte: »Dumm wie ein kaukasischer Major«, und schließlich der Diakon Achilla. Diese drei Personen waren sehr glücklich in einer kühlen Kammer untergebracht, wo die Weine und kalten Speisen bereitstanden. Sie waren über ihre Verbannung keineswegs betrübt. Ganz ungeniert und in nächster Nähe der Speisen führten sie äußerst lebhafte Gespräche und philosophierten sogar. Der Major wollte wissen, »woher die Frechheit komme«, und erklärte sie daraus, daß die Menschen heutzutage sehr verwöhnt seien – was er durch eine ganze Menge von Argumenten zu beweisen suchte. Achilla aber wollte so viele Gründe nicht gelten lassen und sagte, die Frechheit hätte zwei Ursachen: »den Zorn und noch häufiger den Wein.«

Der Major dachte nach und meinte dann, es gebe allerdings eine Frechheit, die vom Wein komme.

»Glauben Sie mir, es ist so,« meinte der Diakon und leerte ein großes Glas Likör. »Ich kann mich selbst als Beispiel anführen. Im Dusel bin ich ein sehr netter Kerl, denn ich werde weder wild, noch habe ich böse Gedanken; aber, meine lieben Freunde, ich prahle im Dusel nur zu gerne. Bei Gott! Und nicht, daß ich irgendeine Absicht damit verfolge, nein, es ist, als ob meine Natur es verlangte.«

Der Bürgermeister und der Major lachten.

»Wahrhaftig!« fuhr der Diakon fort. »Ich fange zum Beispiel an zu erzählen, die Gemeinde habe sich an den Bischof gewandt mit der Bitte, mich zum Pfarrer zu ordinieren, was ich selber nicht mal wünsche; oder ein andermal behaupte ich, die Kaufmannschaft des Gouvernements petitioniere um meine Ernennung zum Protodiakon; oder …« Der Diakon sah sich ängstlich um und fuhr dann im Flüstertone fort: »Einmal platzte ich heraus, ich wäre in jungen Jahren mit der Tochter des Konsistorialsekretärs verlobt gewesen! Also, ich sag' Ihnen, ich hätte mich am liebsten umgebracht, als man mir später von dieser meiner bodenlosen Frechheit erzählte.«

»Wenn der Sekretär das erfahren hätte, hätte es schlimm werden können,« bemerkte der Major.

»Und wie schlimm! Ganz scheußlich!« bestätigte der Diakon und kippte noch ein Gläschen.

»Na, wenn wir schon mal davon reden, will ich Ihnen noch etwas erzählen.« Und seine Stimme noch mehr dämpfend, fuhr er fort: »Ich bin durch diese meine Flunkerei einmal schon in eine so üble Lage gekommen, daß ich aufs Haar einer öffentlichen Exekution unterworfen worden wäre. Haben Sie nichts davon gehört?«

»Nein, absolut nichts.«

»Es war eine ganz böse Sache. Man hätte mich einfach henken können – auf Grund des ersten Paragraphen im Gesetz!«

»Unmöglich!« rief der Major, ganz aufgeregt.

»Warum unmöglich? Es hätte ganz leicht geschehen können, wenn ein guter Mensch mich nicht gerettet hätte.«

»So erzählt uns doch die Geschichte, Vater Diakon!«

»Ja, sofort, ich will nur noch erst ein Schnäpschen nehmen.«

Achilla leerte noch ein Gläschen und begann den Bericht über sein Verbrechen gegen den ersten Gesetzesparagraphen.

Fünftes Kapitel.

»Das kam alles daher,« fing der Diakon an, »daß ich vor Ostern nach der Gouvernementsstadt fuhr – mit zwei Pferden. Eins war meines und das andere gehörte dem Subdiakon Serioga. Wir hatten sie beide vor einen Wagen gespannt. Serioga wollte seine Kinder aus der Stadt abholen, und was ich da zu suchen hatte, das mag der Teufel wissen. Ich wollte wohl ein paar gute Bekannte wiedersehen. Als wir nun vor die Stadt kamen, sahen wir, daß die Brücke fort war und eine Fähre die Leute hinüberschaffte. Am Ufer herrschte ein fürchterliches Gedränge; Kopf an Kopf standen die Menschen da; im Zollhäuschen aber hatte ein Soldat einen Branntweinausschank. Na, da die Reihe an uns noch nicht so bald kommen konnte, gingen wir hinein und tranken ein jeder zwei Gläschen, uns zu erwärmen. Auch hier war alles voll von Leuten: Mönche und Fuhrleute und Soldaten und Beamte – das sind die allerschlimmsten – und auch einige Amtsbrüder. Es fanden sich auch ein paar Bekannte aus unserer Gegend, und so mußte man, anläßlich des frohen Wiedersehens, gleich noch zwei Gläschen kippen. Ein Schreiber, ein ungeheuer freches Maul, fing an, uns aufzuziehen. Ich sagte ihm: ›Geh hin, wo du hergekommen bist. Du gehörst nicht zu uns.‹ Darauf er: ›Ich bin ein Offizier meines Kaisers!‹ Und ich: ›Ich selbst bin so gut wie ein Stabsoffizier, mein Bester!‹ – ›Stabsoffizier‹, sagt er drauf, ›ist der Pope, du bist aber sein Untergebener.‹ Da sage ich, vor dem Throne Gottes stünde ich allerdings unter dem Popen meinem Amte nach, in der Politik aber seien wir beide gleich. Da ging der Streit los. Ich wurde immer hitziger, infolge der vielen Gläschen, und rief schließlich: ›Du Tintenseele, was verstehst denn du davon? Du kannst doch die Heilige Schrift gar nicht verstehen, denn du hast keine Gedärme im Kopf. Sag doch mal, hat je ein Pope auf dem Zarenthron gesessen?‹ ›Nein,‹ sagt er. ›Na also! Ein Diakon aber ist Zar gewesen und hat die Krone auf dem Haupt getragen!‹ – ›Wer war denn das?‹ fragt er. ›Wann ist das gewesen?‹ – ›Ja, wann? Ich bin kein Arithmetikus und hab' die Jahreszahlen nicht alle im Kopf, aber nimm mal ein Buch zur Hand und lies nach, was Grigorij Otrepiew war, bevor er als Demetrius Zar wurde, dann wirst du sehen, was ein Diakon wert ist.‹ – ›Nu ja,‹ sagt er, ›das war Otrepiew, aber du, du bist eben kein Otrepiew!‹ – Besoffen, wie ich bin, platz ich auf einmal los: ›Woher kannst du denn das wissen? Vielleicht bin ich noch viel mehr? Der sah dem Demetrius ähnlich, und ich habe vielleicht ein Gesicht wie irgendein Franziskus Venezianus oder ein Mahmud und werde auch König!‹ Kaum hatt' ich das gesagt, meine Lieben, so erhebt dieser verfluchte Federfuchser ein Geschrei, ruft Zeugen auf, bringt die Sache zu Papier. Man packte mich, band mich, setzte mich in einen Wagen, gab mir einen Polizisten mit und schaffte mich in die Stadt. Na und dann – Gott schenke ihm Gesundheit und langes Leben und nach dem Tode die ewige Seligkeit – dem Gendarmenoberst Albert Kasimirowitsch, der damals an der Spitze der Geheimpolizei stand! Am Morgen ließ er mich zu sich kommen, rief seine Frau herbei und sagte: ›Da, sieh mal, Herzchen, so sieht ein Thronprätendent aus.‹ Und dann lachte er mich noch tüchtig aus und ließ mich laufen. ›Geh nur, Vater Mahmud,‹ sagte er, ›und in Zukunft zähle die Gläser, die du leerst.‹ Gott schenke ihm ein langes Leben!« wiederholte der Diakon noch einmal und hob sein Glas. »Ich will auch heut noch auf sein Wohl trinken!«

»Da seid Ihr noch glücklich aus der Klemme gekommen,« sagte der Major langsam.

»Und ob! Ich sag's ja: der Pole ist ein guter Kerl. Der Pole liebt die Regierung nicht, und wo es gegen sie geht, ist er immer nachsichtig.«

Gegen Mitternacht wurde die Unterhaltung der drei Einsiedler unterbrochen; denn die Stunde war gekommen, in der auch sie sich der Gesellschaft anschließen durften: man bat sie zu Tische.

Sechstes Kapitel.

Das Fest sollte jetzt seinen Höhepunkt erreichen.

Kaum hatten alle Platz genommen, so sprang auch schon der Hauptmann Powerdownia wieder auf und apostrophierte die Petersburger Dame folgendermaßen:

»Die uns gesandt ein gütiger Himmel, Du Holde, Schöne! Dich grüßen aus dem irdischen Gewimmel Meiner Leier Töne! Steig hernieder zu uns aus des Äthers Bläue Und laß dich's nicht verdrießen Von dieses Festes Gaben zu genießen, Die wir dir spenden in Begeisterung und Treue!«

Die Aristokratin aus dem Geschlecht der Branntweinpächter hörte dem Dichter mit lieblichem Erröten zu und empfing aus seinen Händen ein Blättchen, auf dem, nicht ganz orthographisch, aber mit kunstreichen Schnörkeln, das Gedicht verewigt war.

Die Hausfrau war entzückt, aber die Gäste waren sowohl über das Gedicht, als auch über die Wahl des Augenblicks für seinen Vortrag sehr verschiedener Meinung.

Doch wie dem auch sei, die ganze Gesellschaft wurde ungemein lustig, was der Postmeisterin gar nicht recht paßte. Man redete so laut und lebhaft durcheinander, daß es der Hausfrau unmöglich wurde, eine etwa eintretende Pause zu benutzen, um an den verbannten Propst zu erinnern. Die Petersburgerin schien sich übrigens sehr gut zu unterhalten. Sie wisse gar nicht, meinte sie zur Postmeisterin, wie sie ihr danken solle für das Vergnügen, das ihre Gäste ihr verschafft, und wenn ihr etwas leid tue, so sei es nur der Umstand, den Diakon und den Hauptmann Powerdownia erst so spät kennen gelernt zu haben. Als Powerdownia dieses Urteil hörte, sprang er auf und machte der Dame eine tiefe Verbeugung. Auch der Diakon nahm das Lob nicht gleichgültig hin: er gab Prepotenskij einen Rippenstoß und sagte:

»Siehst du wohl, du Schafskopf, wie hoch man uns schätzt! Von dir sagt keiner was.«

»Selber Schafskopf!« erwiderte der geärgerte Lehrer ebenso leise.

Powerdownia sann einen Augenblick nach, dann packte er den Diakon fest am Arm, stand mit ihm zusammen auf und sagte in beider Namen:

»Wir wollen heilig dein Gedächtnis ehren, Und sollten Jahre vorübergehen. O lichter Geist, laß dich erflehen: Woll unserer Bitte Erhörung gewähren!«

Hierauf setzten sie sich wieder unter donnerndem Applaus.

»Siehst du wohl? Und du weißt wieder nichts zu sagen,« wandte sich Achilla vorwurfsvoll an den Lehrer. Powerdownia aber war schon wieder aufgesprungen und redete die Hausfrau also an:

»Du bist genannt Matrona Und aller Frauen Krona! Hurra!«

»O dieser Hauptmann! Er ist die Seele der Gesellschaft,« meinte die Postmeisterin geschmeichelt.

»Und du bringst immer noch nichts fertig,« ließ der Diakon dem Warnawa keine Ruhe.

»Wollen wir alle Verse deklamieren!«

»Ja, alle! Der Polizeichef muß anfangen!«

»Warum nicht? Ich will's gerne versuchen!« sagte der Polizeichef. »Ganz ungeniert: wer nichts weiß, braucht nicht mitzumachen.«

»Anfangen! Fix, Herr Rittmeister! Was soll das? Anfangen!«

Der Rittmeister Porochontzew stand auf, hob sein Glas bis zur Höhe seines Gesichtes, sah durch den Wein gegen das Licht und fing an:

»Als der Despot entsagte seinem Thron, Um so durch abgefeimte Lügen Sein Opfer, Rußland, in den Schlaf zu wiegen, Und es alsdann noch schlimmer zu bedrohn, – Da ließ die Freiheit ihre Stimm' erschallen, Und hätte Rußland drauf gehört, Ihm wär' ein neuer Tag beschert, Die Fesseln wären abgefallen. Doch gleich dem Diebe, den der Morgen schreckt, Hast schmählich du dich vor dem Freund versteckt! Der rief: Der Juden Greueltaten, Der schnöde Abfall der Uniaten, Und alle Sünden der Sarmaten, – Es komme alles auf mein Haupt, Ich trag' es ohne viel Bedenken, Könnt' ich dem Volk der Russen wieder schenken Die Freiheit, die man ihm geraubt! Hurra!«

»Alle tragen etwas vor, nur du nicht,« fing der Diakon, sich an Prepotenskij wendend, wieder an.

»Nein, Freundchen, sag was du willst, – wenn du trinkst und nichts vorzutragen weißt, dann bist du kein Mensch, sondern bloß eine Bütte voll Wein.«

»Laßt mich mit Eurer Bütte in Frieden! Ihr seid selbst eine!« antwortete der Lehrer.

»Wa–a–as?!« schrie Achilla gekränkt. »Ich eine Bütte? Und das wagst du mir ins Gesicht zu sagen! Ich eine Bütte?«

»Ja, natürlich!«

»Wa–a–as?!«

»Ihr könnt ja selber nichts vortragen!«

»Ich nichts vortragen? O du dreifacher Dummkopf! Wenn ich bloß will, so trage ich dir so etwas vor, daß du aufspringen und mir stehend zuhören mußt!«

»Na, versucht es doch mal!«

»Gleich werd ich's auch, damit du dich überzeugst, daß ich tatsächlich auch den Oberkiefer bewegen kann!«

Mit diesen Worten erhob sich Achilla, sah die ganze Gesellschaft mit weitaufgerissenen Augen an, richtete den Blick schließlich starr auf ein Salzfaß, das in der Mitte des Tisches stand, und fing mit seinem tiefen weichen Baß an:

»Ein geru–u–u–hig und friedli–i–i–ch Leben, Gesu–u–undheit und Wo–o–ohlergehen … und heilsa–a–ames Wirken und Scha–a–a–ffen … und Sieg über die Feinde …« usw. usw.

Achillas Stimme griff immer höher, Stirne, Kinnbacken, Schläfe, die ganze obere Hälfte seines breiten Gesichtes waren mit Schweiß bedeckt und glühten in feurigem Rot; die Augen krochen aus ihren Höhlen, auf den Wangen und an den Mundwinkeln zeigten sich weiße Flecke, der Mund war weit aufgerissen wie eine Trompete und mit Dröhnen und Krachen entstieg ihm das »Heil und Segen«, das alle unbelebten Wesen im Hause erzittern machte und die Lebendigen zwang, sich von den Plätzen zu erheben und, ohne die erstaunten Augen von dem geöffneten Munde des Diakons zu wenden, gleich nachdem der letzte Ton verklungen, im Chor einzufallen: »Heil und Segen! Heil und Se–e–egen!«

Warnawa allein wollte bei seiner Beschäftigung bleiben und gemächlich weiteressen, aber Achilla riß ihn mit Gewalt in die Höhe und sang, ihn fest am Arm haltend: »Heil und Se–e–e–gen! Heil und Se–e–e–egen!«

Der Bürgermeister gab seinem Nachbar eine blaue Fünfrubelnote, die er dem Diakon weitergeben sollte.

»Was heißt denn das?« fragte Achilla.

»Der ganzen Verwaltung. Sing noch ›der ganzen Verwaltung und dem christlichen Heer‹,« bat der Bürgermeister.

Der Diakon steckte die Note in die Tasche und stimmte nochmals an:

»Und der ganzen Verwaltung und dem chri–i–istlichen Hee–e–e–ere Heil und Se–e–e–gen!«

Hier übertraf Achilla sich selbst, und als er schloß, wagten nur noch der Vater Zacharia, der an die Stimme des Diakons gewöhnt war, und der Bürgermeister einzufallen: alle übrigen Gäste waren auf ihre Stühle gesunken und hielten sich an den Lehnen, dem Tisch oder ihren Nachbarn fest.

Der Diakon war höchst befriedigt.

»Sie haben einen wunderbaren Baß,« sagte die Petersburger Dame, die zuerst wieder zu sich gekommen war.

»Ach Gott, es war ja nicht deswegen, ich wollte nur zeigen, daß ich kein Feigling bin und sehr gut etwas vortragen kann.«

»Schau, schau, wer ist denn hier feige?« mischte sich Zacharia ins Gespräch.

»Vor allem Ihr selber, Vater Zacharia! Ihr könnt ja nicht mal mit den Vorgesetzten richtig sprechen: Ihr fangt gleich an zu stottern.«

»Das ist wahr,« bestätigte Zacharia, »ich komme leicht ins Stottern, wenn ich mit einem Vorgesetzten rede. Aber du? Du hast gar keinen Respekt vor Höherstehenden?«

»Ich? Mir ist's ganz gleich, ob ich mit dem Bischof selber oder mit einem einfachen Manne rede! Der Bischof sagt zu mir: ›So und so, mein Bester,‹ – und ich antworte ihm gerade so: ›Ganz recht, so und so, Eure Eminenz!‹ Weiter nichts.«

»Ist das wahr, Vater Zacharia?« fragte der Arzt, der dem Diakon gern etwas am Zeuge flicken wollte.

»Er flunkert,« sagte Benefaktow mit der größten Seelenruhe, ohne seine sanften Augen vom Diakon zu wenden.

»Er knickt auch vor dem Bischof zusammen?«

»Allerdings.«

»Nie und nimmer! So was kommt bei mir nicht vor!« rief der Diakon, sich in die Brust werfend. »Wie wäre das auch möglich? Wollte ich mich um alle kümmern, ich wüßte nicht, wo ich hin sollte. Was hat denn der Bischof so viel zu bedeuten, wenn ich jetzt Tag für Tag von einer Person beobachtet werde, die viel mehr zu sagen hat, als so ein Bischof!«

»Du meinst wohl mich?« sagte der Arzt.

»Wie sollte ich denn darauf kommen? Nein, dich meine ich nicht.«

»Wen denn sonst?«

»Hast du die neuesten Zeitungen gelesen?«

»Was hat denn drin gestanden?« fragte die Petersburger Dame, die sich wie ein Kind amüsierte.

»Auf Befehl des Oberhofpredigers Baschanow ist der kaiserliche Kirchenmusikdirektor auf Reisen geschickt worden, um in ganz Rußland Bässe für die Hofkapelle Seiner Majestät anzuwerben. Er steht im Range eines Generals und hat eine Unmenge Orden. Der Bischof ist nichts neben ihm, denn bei Seiner Majestät ist ja schon der Kutscher, der auf dem Bock sitzt, Oberst. Na, also dieser Musikmeister reist nun unerkannt, als ganz einfacher Mann gekleidet, damit die Bässe sich in seiner Gegenwart nicht absichtlich anstrengen, denn er will wissen, was sie für gewöhnlich zu leisten imstande sind.«

Der Diakon wußte nicht, was er weiter sagen sollte, aber der Arzt ließ nicht locker.

»Nun, und was weiter?«

»Was weiter? Der Herr Musikdirektor befindet sich jetzt schon vier Wochen hier in der Stadt. Merkst du was? Ich sehe ihn jeden Sonntag in seinem blauen Rock unter den Kleinbürgern in der Kirche stehen. Er ist meinetwegen da, aber wie verhalte ich mich dazu? Ein anderer würde sich rein die Beine ausreißen, um dem kaiserlichen Abgesandten zu gefallen, würde ihn zu sich einladen, ihm Schnaps und Tee vorsetzen, – nicht wahr? Aber ich tue nichts dergleichen. Mag er zehnmal kaiserlicher Musikus sein, mir ist's ganz wurst! Ich halte mich ans Gesetz. Du hast mir nach dem Gesetz zu handeln, mein Lieber, und magst du das nicht, dann adieu! Glückliche Heimreise!«

»Das ist natürlich alles Schwindel?« wandte sich der Arzt an Zacharia.

»Schwindel,« erwiderte dieser seelenruhig. »Er hat ein wenig über den Durst getrunken, da hören wir bis morgen kein wahres Wort mehr. Er wird jetzt ohne Ende phantasieren und großtun.«

Achilla war trotzdem gekränkt. Es schien ihm, als glaubte man jetzt auch nicht mehr, daß er kein Feigling sei; was ihm unerträglich war. Daher fing er wieder von seiner Tapferkeit an zu sprechen und wollte sofort auf die schwerste Probe gestellt sein.

»Ich will allen beweisen, daß ich hier der Tapferste bin, und ich werde es!«

»Prahlt lieber nicht damit, Vater Diakon,« sagte der Major. »Manchmal wird auch der Tapferste von Angst gepackt, und der Feigling leistet, was keiner von ihm erwartet hätte.«

»Da pfeif' ich drauf! Los!«

»Ja, was soll denn eigentlich losgehen? Ich will Euch lieber ein Beispiel vorführen.«

»Auch gut! Nur immer zu!«

Siebentes Kapitel.

»Als ich aus dem Kaukasus nach Rußland zurückversetzt wurde,« fing der Major an, »hatten wir einen Oberst, der ein urfideler Herr und ein ausgezeichneter Soldat war. Er besaß sogar einen goldenen Ehrensäbel. Unter ihm machte ich anno Achtundvierzig den ungarischen Feldzug mit. In einer Nacht mußten damals Freiwillige vorgeschickt werden, als wir gerade beim Wein saßen. Der Oberst fragte: ›Wieviel haben sich denn gemeldet?‹ ›Hundertzehn,‹ antwortet der Adjutant. ›Oho!‹ meinte der Oberst und legte die Karten hin, denn man hatte sich eben ans Preferance gemacht. ›Das ist ein bißchen viel. Sind gar keine Hasenfüße drunter?‹ – ›Nein,‹ erwiderte der Adjutant. ›Na,‹ meint der Oberst, ›trommeln Sie mal die Kerls zusammen.‹ Das geschieht. ›Nun,‹ fängt der Oberst an, ›machen wir mal die Probe. Wer ist der Tapferste? Wer gilt als Obmann?‹ Man nennt ihm irgendeinen Iwanow oder Sergejew. ›Schafft ihn mir her! Bist du der Obmann?‹ – ›Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren!‹ – ›Bist du nicht feige?‹ – ›Nein, Euer Hochwohlgeboren!‹ – ›Nicht ein bißchen?‹ – ›Ganz und gar nicht, Euer Hochwohlgeboren!‹ – ›Wirklich nicht?‹ – ›Nein.‹ – ›Nun, wenn du nicht feige bist, so zupf' mich am Bart!‹ Der Soldat steht da und rührt sich nicht und wagt's nicht. Man ruft einen zweiten, – dieselbe Geschichte! Einen dritten, vierten, fünften, zehnten – keiner wagt's. Alle erwiesen sie sich als Feiglinge.«

»Ach, hol ihn dieser und jener! Das war ein Spaß!« rief Achilla hocherfreut. »Wenn du nicht feige bist, ei, so zupf' mich am Bart! Ha–ha–ha! Das ist famos! Hauptmann, alter Freund, laß dich mal vom Lehrer Warnawa am Bart zupfen!«

»Mit Vergnügen,« sagte der Hauptmann.

Prepotenskij weigerte sich, aber da fing man so bösartig über seine Feigheit zu spotten an, daß er ja sagen mußte.

Achilla stellte einen Stuhl in die Mitte des Zimmers, der Hauptmann Powerdownia setzte sich drauf und stemmte die Arme in die Hüften.

Um ihn herum standen der Polizeichef, Zacharia, der Bürgermeister und der Major.

Der Lehrer pustete, krümmte und schüttelte sich, schlug bald die Augen schüchtern nieder und riß sie bald weit auf, machte einen Schritt vorwärts und trat wieder zurück.

»Also du bist doch ein Feigling,« sagte Achilla, »aber denke mal nach, Schafskopf: wovor fürchtest du dich denn eigentlich? Es ist ja zum Lachen!«

Warnawa dachte nach, wurde aber davon nur noch schwächer. Powerdownia jedoch saß da wie ein Götzenbild, fühlte sich als »Seele der Gesellschaft« und freute sich über die neue Überraschung, die er im Schilde führte.

»Du bist ein Feigling, mein Bester, ein ganz elender Feigling!« flüsterte Achilla dem Lehrer ins Ohr.

»Das geht doch nicht, die Gäste warten,« bemerkte der Major.

Prepotenskij zeigte mit dem Finger auf den Polizeichef und sagte: »Ich will lieber Woin Wasiljewitsch am Bart zupfen.«

»Nein, mich sollst du zupfen,« erklärte der Hauptmann mit sehr ernstem Gesicht.

»Feigling, Feigling,« flüstert es wieder von allen Seiten. Warnawa hört es, kalter Schweiß läuft ihm übers Gesicht, es kribbelt ihn am ganzen Körper; die Angst packt ihn, wie eine unerträgliche, lähmende, quälende Krankheit, sein Ausdruck bekommt etwas Starres, Schreckliches.

Achilla, der ihn genau beobachtete, hatte das zuerst bemerkt. Als er die Augen des Lehrers aufflammen sah, gab er dem Polizeichef ein Zeichen, etwas zur Seite zu treten, den Vater Zacharia aber nahm er ganz einfach beim Ärmel, zog ihn zurück und sagte:

»Steht nicht so dicht bei ihm, Vater Zacharia. Seht Ihr nicht? Er träumt!«

Warnawa tat einen Schritt vorwärts. Noch einen zweiten. Die zitternde Hand des Feiglings gerät in Bewegung, sie hebt sich langsam, bewegt sich vorwärts, – aber nicht nach dem Barte des Hauptmanns, sondern geradewegs nach dem Gesichte des Polizeichefs.

»Der Teufel mag wissen, was in dem Kerl vorgeht!« rief Achilla und winkte dem Polizeichef noch einmal zu. Geh lieber fort, sollte das heißen, siehst du nicht, daß der Mann von Sinnen ist?

In diesem selben Augenblick jedoch hatte Prepotenskij, die Augen zugekniffen, ganz von ferne den Schnurrbart Powerdownias gestreift: sofort stieß der Hauptmann ein grimmiges Knurren aus und fing dann an laut zu bellen.

Das war dem armen Warnawa zu viel. Er schrie wild auf, stürzte sich wie ein Panther auf den Polizeichef und schlug sinnlos um sich.

Hierauf war niemand gefaßt. Der Effekt war großartig. Die umgestürzte Lampe, das aufflammende Petroleum, die wild flüchtenden Gäste, das Entsetzen des Polizeichefs, das Geheul Warnawas, der in einem Winkel sich mit wütenden Schlägen vor dem Gespenst, das ihn packen wollte, zu schützen suchte, alles machte eine Fortsetzung des Festes unmöglich.

Die Petersburger Dame verabschiedete sich, und Prepotenskij, der alle Ein- und Ausgänge im Hause des Postmeisters sehr gut kannte, benutzte diesen Augenblick, um in den Korridor und ins Bureau zu schlüpfen, wo er sich hinter einen Schrank verkroch …

Achtes Kapitel.

Die Frau Postmeisterin hatte ihre Nachtjacke angezogen und ging erregt in ihrem Zimmer auf und nieder. Ihre Gedanken beschäftigten sich unablässig mit der einen Frage: Wer war an dem gräßlichen Vorfall schuld? Wer hatte diesen Spaß angezettelt?

»Der Spaß war ja an sich nicht mal so übel,« dachte sie, »aber wer hat den Prepotenskij eingeladen? Nein, auch das ist nicht so wichtig … aber wer hat mich mit ihm bekannt gemacht? Wer denn anders, als mein Herr Gemahl! Eines Tages kam er: ›Hier, bitte, stelle ich dir Warnawa Wasiljewitsch vor!‹ Na warte nur, ich will dir den Warnawa Wasiljewitsch schon eintränken … Aber wo ist denn mein Mann?« fragte sie sich und sah sich im Zimmer um. »Schläft er schon? Er kann schlafen, nachdem so etwas geschehen! … Nein, das geht nicht,« erklärte die Postmeisterin kategorisch und stürzte ungeduldig in den Saal, wo ihr Gatte zu schlafen pflegte, wenn er wegen irgendwelcher Familienzwistigkeiten aus dem ehelichen Schlafgemach verbannt wurde. Aber zu ihrer nicht geringen Verwunderung fand die Dame ihren Gatten hier nicht.

»Aha, er versteckt sich vor mir. Er liegt jetzt auf dem Sofa im Bureau und schnarcht … Ich will dich schnarchen lehren.«

Und die Frau Postmeisterin begab sich nach dem Bureau.

Ihre Vermutung war richtig: der Postmeister schlief tatsächlich im Bureau, aber darin irrte sie, daß sie ihn auf dem Sofa zu finden meinte. In Wirklichkeit lag er auf dem Tische. Auf dem Sofa aber schlief Prepotenskij, der nach allem, was vorgefallen war, nicht nach Hause zu gehen wagte, weil er fürchtete, Achilla könnte ihm an irgendeiner Straßenecke auflauern. Deshalb hatte er den Postmeister um Erlaubnis gebeten, seiner Sicherheit wegen im Hause übernachten zu dürfen. Der Postmeister war um so lieber damit einverstanden, als er die Erregung seiner Frau sehr wohl bemerkt hatte und es auch ihm vorteilhaft erschien, unter diesen Umständen noch jemand in seiner Nähe zu haben. Darum stellte er dem Lehrer das Sofa im Bureau zur Verfügung und machte es sich selbst auf dem großen Tisch bequem, an dem sonst die Briefe sortiert wurden.

Die Tür aus dem Korridor in das Bureau, in dem beide schliefen, war geschlossen. Das brachte die energische Dame erst recht auf, denn nach ihrem Hausgesetz durfte keine einzige Innentür ohne ihre Genehmigung geschlossen werden, und im Bureau fühlte sie sich ebenso als Herrin, wie in ihrem Schlafgemach!

Die Postmeisterin kochte vor Wut. Sie griff noch einmal nach der Tür, sie ging nicht auf. Wohl knackte der Haken, aber er saß fest. Und dabei hörte sie drinnen ganz deutlich zwei Menschen atmen. Zwei! Man male sich das Entsetzen der Ehefrau bei dieser plötzlichen Entdeckung aus!

In ihren geheiligten Rechten als Gattin und Herrin des Hauses gekränkt, rannte sie wieder durch den Korridor zurück, stürzte in die Küche, geradewegs auf den Tisch los. Wühlte lange im Dunkeln in der Schublade herum, in der es von Schwaben wimmelte, bis sie endlich gefunden hatte, was sie brauchte: Ein Messer!

Die ungeheure Spannung, die diese Zeile entfesselt, zwingt uns, hier haltzumachen, um dem Leser Zeit zu geben, sich auf das Fürchterliche vorzubereiten, das nun kommen soll.

Neuntes Kapitel.

Vor Erregung am ganzen Leibe zitternd, das riesige Küchenmesser in der Hand, den rechten Ärmel der Nachtjacke hinaufgeschoben, ging die Postmeisterin direkt auf die Tür zum Bureau los und legte das Ohr noch einmal an den Spalt. Es war kein Zweifel möglich: das unselige Paar lag im süßesten Schlaf; man hörte ganz deutlich, wie das eine stärkere Wesen tiefe Kehllaute von sich gab, während das andere, zartere, sich auf ein ganz sanftes Pfeifen beschränkte.

Die Postmeisterin steckte das Messer in den Türspalt, schob den Haken zurück und die leichte Tür ging mit leisem Knarren auf.

Es war noch früh am Morgen, kaum hoben sich die Fenster durch ihr mattes Grau von der Finsternis ab, doch das geübte Auge der Postmeisterin erkannte sowohl den Tisch mit der Postwage, als auch den zweiten langen Tisch in der Ecke und das Sofa.

Mit der linken Hand sich an der Wand entlang tastend, bewegte sich die zürnende Dame direkt auf das Sofa zu und erreichte ohne besondere Schwierigkeiten den Schnarcher, der mit tief herabhängendem Kopfe ganz am Rande lag. Er hatte nichts gehört, und als die Postmeisterin vor ihn hintrat, schien er sogar mit ganz besonderem Eifer und Genuß in den lieblichsten Säuseltönen zu schwelgen, als ob er ahnte, daß die Sache bald ein Ende haben werde und daß es ihm heute nicht mehr vergönnt sein werde, sich diesem Vergnügen hinzugeben.

So kam es denn auch.

Noch war der Schläfer mit seiner letzten Fioritur nicht ganz fertig, als die Linke der Frau Postmeisterin ihn kräftig an den Haaren emporriß und die Rechte, nachdem sie das Messer fallen gelassen, ihm eine schallende Ohrfeige verabfolgte.

»Mmmm … Warum denn? Warum?« brummte der Erwachende, aber statt einer Antwort erhielt er eine zweite Ohrfeige, dann eine dritte, eine fünfte, zehnte, eine immer kräftiger und dröhnender als die andere.

»Au, au, au,« schrie er und versuchte vergeblich, den aus der Finsternis auf ihn herabhagelnden Backpfeifen auszuweichen, bis diese plötzlich durch ein weniger lautes, aber nicht minder schmerzhaftes Zausen und Schütteln ersetzt wurden.

»Herzchen! Was tust du denn, Herzchen! Das bin ja gar nicht ich! Das ist doch Warnawa Wasiljewitsch!« kam vom Tische her die Stimme des aufgeschreckten Postmeisters.

Die Postmeisterin hielt verblüfft ein, ließ die Mähne Warnawas los, schrie laut auf: »Was machst du mit mir, du Ungeheuer!« – und stürzte sich auf ihren Gatten.

»Ja, ja, das bin ich,« hörte Warnawa den Postmeister rufen, und ohne etwas zu begreifen – außer der Notwendigkeit, sich eiligst aus dem Staube zu machen – sprang er vom Sofa auf und rannte, wie er war, in Unterhosen und Strümpfen, durch die glücklich gefundene Tür auf die Straße hinaus.

Er war gründlich verdroschen worden, und als er sich das Gesicht mit dem Ärmel wischte, bemerkte er, daß seine Nase blutete.

In demselben Augenblick ging die Tür leise auf und seine Kleider fielen vor ihm hin. Er bückte sich, um sie aufzuheben, als eine Minute später auch die Stiefel über den Zaun geflogen kamen.

Warnawa setzte sich auf den Boden und zog die Stiefel an, fuhr, so gut es ging, in Hosen und Rock und trottete nach Hause.

Eine Woche darauf verließ der Lehrer Prepotenskij mit einem Urlaubschein und einigen wenigen Spargroschen in der Tasche die Stadt. Die Ursache dieser plötzlichen Flucht war und blieb für alle ein ewiges Geheimnis.

Zehntes Kapitel.

An demselben Tage, wo es in Stargorod so lustig herging, spielte sich weit draußen in dem gelben Stübchen des verbannten Propstes eine Szene anderer Art ab. Natalia Nikolajewna bereitete sich zum Sterben.

Gewissenhaft und sparsam, wie sie war, hatte die Pröpstin während der ganzen Zeit ihres Aufenthaltes bei ihrem gemaßregelten Gatten sich ohne Bedienung beholfen und allerlei Arbeit auf sich genommen, an die sie nicht gewohnt war und die ihre Kräfte weit überstieg. Als sie bei dem letzten Fünfundzwanzigrubelschein in ihrer Schachtel angelangt war, erschrak sie, daß sie bald ganz ohne Geld sein würde, und beschloß, ihren Hauswirt, den Gendarm, zu bitten, ihnen die Miete zu stunden, bis der Propst wieder begnadigt sei. Der Gendarm ging darauf ein, Natalia Nikolajewna aber hielt das vor ihrem Gatten streng geheim und suchte auf jede Weise das Geld beim Hauswirt abzuverdienen: sie grub mit seiner Magd Kartoffeln, hackte Kohl und spülte ihre Wäsche selbst im Fluß.

Jedoch das war zu viel für ihre Jahre und ihre schwache Gesundheit. Sie erkrankte und mußte das Bett hüten.

Der Propst machte ihr Vorwürfe wegen ihrer übergroßen Sorgsamkeit.

»Du glaubst, du hilfst mir,« sagte er, »aber als ich hörte, was du getan hast, verdoppelte das meine Qualen.«

»Vergib,« flüsterte Natalia Nikolajewna.

»Was heißt: vergib? Vergib du mir,« antwortete der Propst und faßte ihre Hand, die er leidenschaftlich küßte. »Ich habe dich mit meiner starren Unbotmäßigkeit so weit gebracht, aber wenn du willst … sage nur ein Wort und ich gehe und demütige mich dir zuliebe.«

»Was fällt dir ein? Nie werde ich dieses Wort sagen! Soll ich deine Lehrmeisterin sein, der du alles weißt und alles zum Rechten wendest?«

»Um meiner Ehre willen muß ich dieses tragen, Liebste.«

»Und Gott möge dir helfen, an mich aber sollst du nicht denken.«

Der Propst küßte noch einmal die Hände seiner Frau und ging an sein Tagewerk, Natalia Nikolajewna aber wickelte sich in ihre Decke und schlief ein. Und da sah sie im Traum den Diakon Achilla, der zu ihr ins Zimmer trat und sprach: »Warum betet Ihr denn nicht, daß der Vater Sawelij sein Leid leichter trage?« – »Wie denn?« fragt Natalia Nikolajewna, »lehre mich, wie ich zu beten habe.« – »Nun,« antwortet Achilla, »Ihr sollt bloß sagen: Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst.« – »Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst,« wiederholte Natalia Nikolajewna andächtig, und plötzlich war ihr, als nähme der Diakon sie auf seine Arme und trüge sie in das Allerheiligste, – der Raum war unendlich groß: Säule reihte sich an Säule, und der Altar reckte sich bis zum Himmel empor und flammte in tausend hellen Lichtern; hinter ihnen aber, von wo sie gekommen waren, schien alles winzig klein, so klein, daß sie gelacht hätte, wenn es sie nicht beunruhigt hätte, daß sie doch ein Weib sei, das Allerheiligste also gar nicht betreten dürfe. »Bist du bei Sinnen, Diakon!« sagte sie zu Achilla, »man wird dich deines Amtes entsetzen, wenn man erfährt, daß du eine Frau ins Allerheiligste getragen hast.« Er aber erwiderte: »Ihr seid keine Frau, sondern eine Kraft!« Und mit einem Male war Achilla und das Allerheiligste und der Altar und die Lichter – alles, alles verschwunden, und Natalia Nikolajewna schlief nicht mehr, sondern wunderte sich nur, warum alles um sie herum immer noch so klein aussah: der Samowar da drüben war gar kein richtiger Samowar, sondern ein Spielzeug, und die Teekanne darauf war nur eine Eierschale …

In diesem Augenblick kam Tuberozow aus dem Kloster zurück und fing an, freundlich zu ihr zu sprechen, sie aber wehrte mit beiden Händen ab.

»Still,« sagte sie, »still: ich muß ja bald sterben.«

Der Propst blickte sie ganz erstaunt an.

»Was fällt dir ein, Natascha? Gott behüte uns in Gnaden!«

»Nein, Liebster, ich muß sterben. Ich lebe nur noch halb.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Wer mir's gesagt hat? Ich sehe alles nur halb.«

Der Arzt kam, fühlte den Puls, besah die Zunge und sagte: »Nichts Besonderes, Erkältung und Übermüdung.«

Tuberozow wollte ihm sagen, daß die Kranke alles nur halb sehe, aber er genierte sich.

»Du hast sehr recht getan, es ihm nicht zu sagen,« meinte Natalia Nikolajewna, als er es ihr erzählte.

»Siehst du wirklich alle Gegenstände nur halb?«

»Ja! Ist das droben am Himmel der Mond?«

»Freilich ist es der Mond, der auf uns zwei Alte durchs Fenster herabschaut!«

»Und mir erscheint er wie ein Fischauge.«

»Das kommt dir nur so vor, Natascha.«

»Nein, es ist wirklich so, Vater Sawelij.«

Um seine Frau von ihrem Irrtum zu überzeugen, nahm Tuberozow den verhängnisvollen Fünfundzwanzigrubelschein aus der Schachtel und zeigte ihn ihr.

»Nun sag mal, was ist das?«

»Zwölf und ein halber Rubel,« erwiderte Natalia Nikolajewna sanft.

Tuberozow erschrak. Das war ihm unbegreiflich. Natalia Nikolajewna aber faßte lächelnd seine Hand und flüsterte, indem sie die Augen schloß:

»Du scherzest und ich scherze auch. Ich habe wohl gesehen, daß das unser Schein war. Aber alles sieht winzig klein aus. Doch sobald ich die Augen zumache, seh' ich alles groß, riesengroß. Alle wachsen: du und Nikolai Afanasjewitsch, unser Freund, und der liebe Diakon Achilla, und Vater Zacharia … Mir ist so wohl, so wohl, weckt mich nicht.«

Und Natalia Nikolajewna entschlief für immer.

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