← Table of contents
Die Klerisei

Drittes Buch.

Arthur Luther translation

Erstes Kapitel.

Als Termosesow und seine Genossen beim Polizeichef erschienen, hatte Tuberozow schon eine Stunde abseits von den übrigen Gästen mit dem Adelsmarschall Tuganow geplaudert. Der alte Propst brachte dem vornehmen Gaste wieder all die Klagen vor, welche wir in seinem Tagebuche gelesen haben, – und erhielt die alten Scherzworte zur Antwort.

»Was soll aus dieser Zerrüttung noch werden?« fragte der Propst und runzelte die Brauen. Der Adelsmarschall aber erwiderte ihm lachend:

»Wer kann wissen, was noch werden wird, mein Lieber?«

»Ohne Ideale, ohne Glauben, ohne Achtung vor den Taten der großen Vorfahren … Das … das muß Rußland zugrunde richten.«

»Nun, wenn es zugrunde gehen soll, wird es eben zugrunde gehen,« sagte Tuganow gleichgültig und stand auf. »Aber weißt du, – gehen wir wieder zu den Gästen. Unser Gespräch führt doch zu nichts. Du bist ein Maniak.«

Der Propst trat einen Schritt zurück und sagte gekränkt:

»Wieso bin ich ein Maniak?«

»Was drängst du dich den Leuten auf und läßt niemand seine Ruhe? Ideal! Glauben! Was soll man tun, guter Freund, wenn die Zeit dafür vorüber ist?«

Tuberozow lächelte, seufzte leise und antwortete, nicht die Zeit des Glaubens und der Ideale sei vorüber, sondern die Zeit der Worte.

»Nun, so vollbringe Taten, Freund.«

»Auch Taten sind noch nicht genug.«

»Was brauchen wir denn?«

»Großtaten.«

»So vollbringe Großtaten. Aber in welcher Art?«

»Im Geiste der Kraft, im Wehen des Sturmes. Daß die, so das Feuer löschen wollen, selber von der Flamme ergriffen werden.«

»Ja, ja, du willst wieder streiten. Halt lieber Frieden, Vater.«

»Parmen Nikolajewitsch, ich höre so viel von diesem Frieden reden. Aber wie soll man Frieden schließen mit einem, der gar nicht um Pardon bittet? So ein Frieden taugt nicht viel, und unsere Altvordern sagten nicht umsonst: ›Eh du den Gevatter nicht verprügelt hast, kannst du ihm keinen Friedenstrunk reichen‹.«

»Ohne Prügel geht's bei ihm nicht.«

»Gewiß nicht, Freund.«

»Du bist noch der richtige Seminarist.«

»Ich will auch gar nicht den großen Herrn spielen.«

»Sag mal, willst du durchaus leiden? Das tut man nicht einer Kleinigkeit wegen. Spare deine Kräfte für eine bessere Sache.«

»Sparsame Leute gibt es ohne mich genug. Ich muß meine Pflicht erfüllen.«

»Der letzte wäre ich, der dich abhielte, deine Pflicht zu erfüllen, wie dein Gewissen sie dir vorschreibt. Geh hin und versuch es, die Schamlosen zu beschämen. Wenn du es kannst, heißest du Hans. Aber jetzt laß uns zu den Gastgebern gehen. Ich muß bald fort.«

Der Propst folgte ihm. Er versuchte sich zusammenzunehmen, war aber sehr entmutigt. Er hatte etwas ganz anderes von dieser Zusammenkunft erwartet, ohne sich wohl selbst sagen zu können, was eigentlich.

Zweites Kapitel.

Die beiden alten Herren saßen schon in dem kleinen Wohnzimmer, als die Hausfrau Warnawa und Termosesow hineinführte. Die Mehrzahl der andern Gäste befand sich im Saal. Man plauderte, spielte Klavier und versuchte zu singen. Die Biziukina, welche sich sonst überall zu Hause fühlte, hatte nicht den Mut, ihren Kavalieren ins Wohnzimmer zu folgen; da ihr andererseits die Gesellschaft der Damen nicht sympathisch war, nahm sie nahe der Tür Platz.

Das Wohnzimmer war ein schmaler Raum. Auf dem Sofa vor dem Tisch saßen Tuganow und Tuberozow, während der sanfte Benefaktow, Darjanow und der Kreisadelsmarschall Plodomasow auf Stühlen Platz genommen hatten. Achilla stand hinter einem leeren Sessel und stützte die Hand auf die Lehne. Die Biziukina bemerkte, wie Termosesow das Zimmer betrat, sich höchst ehrerbietig verneigte, und – was wohl keiner für möglich gehalten hatte – plötzlich auf Tuberozow zuschritt und um seinen Segen bat. Am meisten erstaunt darüber war wohl Vater Sawelij selbst. Er wußte im ersten Augenblick nicht recht, was er tun sollte, und als er dem Gast den erbetenen Segen erteilte, sah man ihm die Verwirrung deutlich an. Als Termosesow aber seine Hand küssen wollte, verlor der Propst so vollkommen die Fassung, daß er mit einer schnellen, energischen Bewegung Termosesows Hand nach unten zog und so fest drückte und schüttelte, als wäre es die Hand seines besten Freundes.

Termosesow bat auch Zacharia um seinen Segen, und der sanfte Benefaktow erwies sich diesmal findiger als Tuberozow. Er erteilte dem Gast nicht nur den Segen, sondern schob auch ganz ungeniert sein gelbes Händchen an den Mund des Abenteurers.

Einmal im Zuge, ging Termosesow nun noch auf Achilla zu, um sich von ihm auch segnen zu lassen. Aber dieser machte einen gewandten Kratzfuß und meinte:

»Ich bin bloß Diakon.«

Hierauf drückten sie einander die Hände und Achilla lud Termosesow ein, es sich in dem Lehnsessel, hinter dem er stand, bequem zu machen. Termosesow jedoch lehnte diese Ehre höflich ab und setzte sich auf den zunächst stehenden Stuhl, während Prepotenskij, den hergebrachten Anschauungen seiner »Richtung« treu bleibend, sich möglichst weit entfernte, um gegenüber der weitgeöffneten Saaltür Platz zu nehmen.

Hiermit wollte er erstens andeuten, daß er mit der Gesellschaft im Wohnzimmer nichts gemein habe, und dann konnte er von seinem Platz aus die Biziukina sehen, welche alles hören sollte, was er sagte. Der Lehrer empfand die dringende Notwendigkeit, sein Ansehen wieder zu heben, welches durch das Erscheinen Termosesows stark beeinträchtigt worden war, und wartete auf eine günstige Gelegenheit, Streit vom Zaun zu brechen und der Biziukina, wenn auch nicht die Überlegenheit seines Geistes, so doch wenigstens die Reinheit seiner Überzeugung zu beweisen. Und da derjenige, welcher Streit sucht, in jedem Wort einen willkommenen Anlaß erblickt, so brauchte Warnawa auch nicht lange in Schweigen zu verharren.

Drittes Kapitel.

Beim Eintreten der neuen Gäste erzählte der Adelsmarschall Plodomasow dem Propst gerade von den jüngsten Reformen im Kirchenwesen.

»Seine Eminenz ist ein Mann von großen Geistesgaben,« meinte der Propst.

»Und auch ein großer Humorist,« bemerkte Tuganow. »Wir haben hier einen ungeheuer arroganten Gendarmenoffizier, der sich einbildet, alles zu können.«

»Das ist immer so, die Gendarmen können alles,« fiel Prepotenskij ein, ohne daß man auf ihn achtete.

»Dieses Herrchen hatte in Erfahrung gebracht,« fuhr Tuganow fort, »daß bei unserm Bischof noch nie jemand zu Mittag gespeist hätte, – und wettete im Klub mit dem Polizeimeister, er werde schon mal bei dem Alten essen. Ausgerechnet muß der Bischof Wind davon bekommen.«

»O weh, o weh!« sagte Zacharia gedehnt.

»Besagter Kavallerist macht also Seiner Eminenz seinen Besuch am frühem Morgen und geht einfach nicht fort. Als es bereits sechs Uhr vorüber ist, kann er's natürlich vor Hunger nicht mehr aushalten und will sich verabschieden. Aber der schweigsame Bischof, der ihm die ganze Zeit zugehört hatte, ohne selbst zu reden, meinte sehr freundlich: ›Wollen Sie nicht zum Essen bleiben?‹ Na, denkt er, die Wette ist gewonnen! Aber der Bischof ließ ihn noch eine Stunde hungern, ehe es zu Tische geht.«

»Das war doch unnütz,« warf Zacharia ein, »ganz unnütz.«

»Warten Sie nur. Sie treten also ins Eßzimmer ein. Der Bischof bleibt vor dem Gottesbilde stehen und beginnt zu beten, – ein Gebet, dann noch eins, und ein drittes. – Es vergeht wieder eine ganze Stunde und der hungrige Gast ist fast dem Verenden nahe. ›So, nun kann das Essen aufgetragen werden,‹ sagt Eminenz endlich. Und zwei winzige Teller mit Erbsensuppe und Zwieback werden gebracht. Als sie verzehrt sind, erhebt sich der Bischof wieder und sagt: ›Danken wir jetzt dem Herrn, der uns gesättigt hat.‹ Das ward dem Kriegsmann denn doch zu viel, und während der Bischof betete, schlich er sich unbemerkt aus dem Zimmer. Der Alte erzählte es mir gestern: ›Dieser Geist läßt sich durch nichts austreiben, es sei denn durch Beten und Fasten,‹ schloß er.«

»Er ist ein Mann von Geist und von feinem und angenehmem Benehmen,« sagte Tuberozow, dem diese Anekdötchen wenig Freude zu machen schienen.

»Ja, aber er klagt und jammert auch, es gäbe keine Leute. ›Wir fahren über ein tiefes Meer,‹ sagt er, ›auf schwankem Schiff mit trunkenen Matrosen. Gott bewahre uns vor einem Sturm.‹«

»Ein bitteres Wort,« warf Tuberozow ein.

»Übrigens,« begann Tuganow von neuem, »meinte er, Euere Stadt mache ihm keine Sorgen. ›Ich habe dort zwei Popen,‹ bemerkte er, ›der eine ist klug und der andere fromm.‹«

»Der Kluge ist Vater Sawelij,« bestätigte Zacharia.

»Wieso meint Ihr, daß gerade Vater Sawelij der Kluge sei?«

»Weil … weil er weise ist,« erwiderte Zacharia verlegen.

»Und Vater Zacharia ist in die zweite Reihe gerückt,« fiel der Diakon ein.

Tuberozow sah mit einem mißbilligenden Kopfschütteln zu ihm hinüber.

Um seine Taktlosigkeit wieder gut zu machen, fuhr Achilla schnell fort:

»Seine Eminenz haben den Vater Zacharia fromm genannt, weil sich noch nie jemand über den Vater Zacharia beschwerte.«

»Ja, beschwert hat sich noch niemand,« seufzte Zacharia.

»Der Vater Sawelij aber ist ein unruhiger Kopf,« scherzte Tuganow.

Dieser Augenblick erschien dem Lehrer willkommen, und er warf schnell ein, die unruhigen Köpfe unter der Geistlichkeit seien die Denunzianten; das religiöse Gewissen aber müsse frei sein. Unvorsichtigerweise antwortete Tuganow darauf, Gewissensfreiheit sei allerdings notwendig und es sei sehr zu bedauern, daß man sie in Rußland noch nicht habe.

»Ja, und unsere arme Kirche wird deshalb von allen Seiten mit unverdienten Vorwürfen überschüttet,« fügte Tuberozow hinzu.

»Worüber habt Ihr Euch denn zu beklagen?« fiel ihm Prepotenskij lebhaft ins Wort.

»Wir beklagen uns über die Unduldsamkeit,« erwiderte Tuberozow trocken.

»Ihr leidet darunter ja nicht.«

»O doch. Bitter leiden wir. Ihr predigt laut und frei, den Glauben solle man abschaffen, und es geschieht euch nichts dafür. Wenn aber wir auch nur ganz leise sagen, es wäre besser, eure Lehren würden nicht überall verkündigt, so …«

»Ach – so meint Ihr das!« unterbrach ihn der Lehrer. »Ihr wollt gegen uns hetzen, damit man uns den Garaus macht.«

»Nein, Ihr wollt uns den Garaus machen.«

Prepotenskij wußte nicht, was er antworten sollte. Leugnen wollte er es nicht, fürchtete sich jedoch, es einfach zuzugeben. Tuganow half ihm aus der Schwierigkeit und erklärte, der Vater Propst sei nur ungehalten darüber, daß es Leute gebe, die es sich zur Aufgabe machten, schlichte Herzen um ihren Glauben zu bringen.

»Am meisten aber bekümmert mich, daß es ihnen gelingt, weil man ihnen Vorschub leistet.«

Prepotenskij lächelte.

»Es gelingt,« sagte er, »weil der Glaube ein Luxus ist, der dem Volk sehr teuer zu stehen kommt.«

»Wohl nicht teurer als der Suff,« sagte Tuganow kühl.

»Ja, aber die neuen Menschen,« – fing der Lehrer wieder an.

»Taugen nichts, und eben deshalb ist der Teufel los.«

»Weil die Spione ihnen ins Handwerk pfuschen.«

»Ach wo! Einfach Halunken sind es.«

»Halunken?«

»Jawohl. Immer noch, wenn es irgendwo eine Gärung gegeben hat, haben sich zu guter Letzt Halunken der Bewegung bemächtigt, weil sich im Trüben gut fischen läßt. Da hat man sich bei uns so lange mit diesen … Nihilisten – so heißen sie doch wohl – geplagt. Erst schlug sich die Regierung mit ihnen herum, Gesellschaft und Presse sind heute noch nicht mit ihnen fertig geworden, – Schluß mit ihnen machen werden aber die Halunken, die sich ihnen zum Schein anschließen, um ihnen später den Hals umzudrehen, und dann kommt die große Wendung der Dinge.«

Prepotenskij warf einen ängstlichen Blick auf die Biziukina. Es verwirrte ihn, daß Tuganow seine kühnen Tiraden so einfach in nichts auflöste, wie der Frühlingsnebel die Schneeflecken auf dem Felde verschlingt. Warnawa suchte Hilfe und wandte seine Blicke deshalb Termosesow zu, welcher aber nicht zu ihm hinüberschaute. Der Diakon Achilla, der schon lange vergeblich versuchte, dem Lehrer durch Zeichen zu verstehen zu geben, daß er schweigen solle, rief jetzt laut:

»Halt den Mund, Warnawa Wasiljewitsch, es ist langweilig!«

Der Lehrer geriet in Wut, besonders als auch Tuganow sich von ihm abgewandt hatte. Er wollte deshalb die Bombe zum Platzen bringen.

Viertes Kapitel.

Prepotenskij sprang von seinem Platz auf und lief auf Tuganow zu, der sich wieder mit dem Propst unterhielt.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche … Aber ich … ich stehe für die Freiheit.«

»Ich auch,« sagte Tuganow und neigte sich wieder zum Propst.

»Lassen Sie mich doch ausreden!« rief der Lehrer.

Nun wandte sich Tuganow ihm zu.

»Wissen Sie, daß die Freiheit nicht gegeben wird, sondern genommen?« fragte Warnawa.

»Nun und –?«

»Wer soll sie denn nehmen, wenn die neuen Menschen nichts taugen?«

»Die Entwicklung der Dinge wird sie nehmen.«

»Also wird sie doch genommen und nicht gegeben. Ich habe recht. Ich sagte es: sie wird genommen werden.«

»Das sagt man dir doch auch!« rief ihm Achilla zu.

»Aber das ist doch meine Meinung: sie wird genommen werden!«

»Hat denn jemand etwas anderes gesagt? Parmen Semenowitsch spricht ja die ganze Zeit davon,« unterstützte plötzlich Termosesow den Diakon und suchte dabei den Namen Tuganows möglichst deutlich und im herzlichsten Ton auszusprechen.

»Für mich wird's aber Zeit,« sagte Tuganow leise und erhob sich, um in den Saal zu gehen, aber der Lehrer überfiel ihn von neuem.

»Noch ein Wort,« drängte er. »Mir scheint, es ist Ihnen unangenehm, daß jetzt alle gleich sind.«

»Nein, es tut mir leid, daß nicht alle gleich sind.«

Prepotenskij stockte einen Augenblick. Dann sprach er:

»Das ist doch eine Tatsache, alle müssen gleich sein.«

»Parmen Semenowitsch sagt Ihnen das ja: alle müssen gleich sein,« mischte sich nun Termosesow hinein, der neben Tuganow getreten war und den Lehrer von ihm fortzudrängen sich bemühte.

»Aber erlauben Sie,« – er suchte von der andern Seite heranzukommen, wo ihm aber Achilla den Weg vertrat.

»Laß doch,« sagte er, »du redest doch bloß dummes Zeug.«

»Erlauben Sie, seien Sie so gut,« wehrte sich Prepotenskij und versuchte nun einen Frontangriff. »Ich meine bloß: Ihnen gefällt es wohl in England, weil da die Lords sind … Sie sind unzufrieden, daß die Standesprivilegien aufgehoben sind?«

»Sind sie das?«

»Geh weg, du weißt nichts,« stieß Achilla den Lehrer zur Seite, aber dieser lief noch einmal um Tuganow herum und versuchte einen zweiten Frontangriff.

»Über jedes Ding kann man verschiedene Meinungen haben.«

»Was wollen Sie eigentlich von mir?« rief Tuganow lachend.

»Ich meine, man kann verschieden urteilen.«

»Bloß, daß ein Urteil vernünftig ist und das andere dumm,« mischte sich Termosesow wieder hinein.

»Sagen wir lieber: gerecht und ungerecht,« bemerkte Tuganow in versöhnlichem Tone.

»Auch Gott kennt nur eine Wahrheit,« rief der Diakon.

»Zwischen zwei Punkten kann man nur eine gerade Linie ziehen,« sagte Termosesow.

Prepotenskij geriet außer sich.

»Was ist denn das? So kann man ja gar nicht reden!« rief er. »Ich bin allein unter lauter Kriechern und Heuchlern. Da habt ihr leichtes Spiel. Ich weiß nur eines: ich achte nichts Althergebrachtes.«

»Das eben ist althergebracht. Wann hat man bei uns je Achtung vor der Geschichte gehabt?«

»Weißt du was? Sei jetzt ganz still, du Schaf,« sagte Achilla in freundschaftlichstem Tone. Die Biziukina wandte sich verächtlich vom Lehrer ab, Termosesow versuchte noch einmal, ihn zur Seite zu schieben und trat ihm dabei auf den Fuß, so daß der Lehrer, der sich in der Aufregung leicht versprach, laut aufschrie:

»Au! Sie haben mir auf mein liebstes Hühnerauge getreten!«

Das »liebste Hühnerauge« rief ein schallendes Gelächter hervor, während dessen sich Tuganow von der Hausfrau verabschiedete.

Schellen erklangen und ein Sechsgespann frischer Postpferde fuhr den Tuganowschen Reisewagen vor das Haus. Wenn Prepotenskij sich noch rehabilitieren wollte, mußte es sofort geschehen, hastig riß er sich von Achilla und Termosesow los, die ihn festhalten wollten, und hüpfte auf seinem »liebsten Hühnerauge« zu Tuganow, indem er rief:

»Und ich werde doch immer weiter gegen den Adel und für das Naturrecht kämpfen.«

Tuganow drehte sich in der Tür um und sagte zu Warnawa:

»Die natürlichste Lebensform ist doch … das Leben der Pferde da, die mich gleich fortschaffen sollen. Aber sehn Sie, man spannt sie vor den Wagen, damit sie einen Edelmann ziehen.«

»Und wird sie unterwegs noch mit der Peitsche bearbeiten, daß sie fixer vorwärts kommen,« fiel der Diakon ein.

»Das Vieh wird immer geschlagen,« pflichtete Termosesow ihm bei.

»Wieder fallen alle über einen her!« schrie der Lehrer, »aber ich lasse nicht ab!«

»Dann bist du also ein Stänker,« sagte Achilla.

»Du rufst den Abgrund gegen den Abgrund auf,« bemerkte Zacharia.

»Wißt Ihr denn, was das heißt: der Abgrund ruft den Abgrund herbei?« erwiderte Warnawa voller Wut. »Das heißt: ein Pope ladet den andern zu Besuch!«

Diese Äußerung erregte ein helles Gelächter, das durch den Saal ertönte. Nur Tuberozow zog die Brauen zornig zusammen, riß krampfhaft an dem Bande seines Brustkreuzes und ging in das Wohnzimmer zurück.

»Der Alte ist ganz zum Maniak geworden,« sagte Tuganow, ihm nachblickend.

»Leider Gottes. Er liest die Zeitungen und regt sich auf und klagt und seufzt und kann über nichts mehr ruhig sprechen,« antwortete Darjanow.

»Er hört uns,« flüsterte Achilla leise.

Sawelij hatte wirklich alles gehört …

Warnawa fühlte sich wieder. Er glaubte durch seinen Witz mit dem Abgrund seine Chancen bedeutend gebessert zu haben, und das gab ihm den Mut, dem Propst ganz unvermittelt nachzulaufen, ihn am Ärmel zu fassen und zu sagen:

»Ich möchte Euch etwas fragen: vorgestern war ich in der Kirche und hörte, wie ein Priester plötzlich das Wort ›Schafskopf‹ aussprach. Was hat der Klerus zu singen, wenn der Priester ›Schafskopf‹ ruft?«

»Der Klerus singt dreimal: ›Ist der Lehrer Prepotenskij‹,« erwiderte Sawelij.

Ob dieser unerwarteten Antwort waren alle einen Augenblick ganz verblüfft und brachen gleich darauf in ein dröhnendes Gelächter aus.

Prepotenskij hatte das Spiel verloren.

Fünftes Kapitel.

Je tiefer der Stern des Lehrers sank, desto höher stieg derjenige Termosesows. Spielend gewann er die Gunst der gesamten Weiblichkeit; der Frau Postmeisterin machte er geradezu den Hof, und zwar in einer Weise, die dem Lehrer aufs äußerste mißfiel; denn Termosesow huldigte ihr nicht als Dame, sondern gewissermaßen als Vertreterin der Staatsgewalt.

Beim Abendessen ließ Termosesow die Damen mehr oder weniger im Stich und hielt sich an die Herren. Mit jedem stieß er an und leerte dabei eine recht beträchtliche Zahl Gläser, ohne daß irgendeine Wirkung zu bemerken gewesen wäre. Schnell war er gut Freund mit Achilla, Darjanow und Vater Zacharia. Auch Tuberozow redete er wiederholt an, aber der Alte zeigte sich sehr wenig entgegenkommend. Dafür begann Achilla, nach einem etwa halbstündigen Gespräch, zur nicht geringen Verwunderung der Anwesenden, den Petersburger Gast plötzlich zu duzen, drückte ihm die Hand, küßte seine wulstige Lippe und verlieh ihm sogar Kosenamen.

»Bei Gott, dieses Termoseslein ist ein Mordskerl,« predigte der Diakon. »Haben wir zwei es dem Lehrer nicht fein gegeben? Nicht? Nein, Bruder Termosesselchen, du darfst nicht fort von hier. Was hast du in Petersburg zu suchen? Hier können wir zwei beide im Winter Füchse fangen. Das ist ein Hauptspaß, Brüderlein. Nicht?«

»Freilich, freilich,« antwortete Termosesow und begann nun seinerseits den Diakon zu preisen und nannte auch ihn einen Mordskerl. Und dann küßten die beiden Mordskerle sich wieder.

Als das Fest sich zu seinem Ende neigte und Zacharia und Tuberozow schon heimgehen wollten, hielt Termosesow den Diakon am Ärmel zurück und sagte: »Du hast doch keine Eile?«

»Eigentlich nicht,« antwortete Achilla.

»Dann warte noch etwas, wir gehen zusammen.«

Achilla erklärte sich bereit und Termosesow schlug noch ein Tänzchen vor. Er tanzte zuerst mit der Postmeisterin, dann mit ihren Töchtern, dann mit noch zwei oder drei andern Damen, und zu allerletzt mit der Biziukina. Dann aber kriegte er den Diakon zu fassen, drehte ihn im Walzertakt ein paarmal herum und führte, als er ihn, wie eine Dame, an seinen Platz gebracht hatte, seine Hand an die Lippen, küßte aber die eigene.

Achilla, der darauf nicht im mindesten gefaßt war, geriet in Verlegenheit und riß seine Hand hastig zurück, Termosesow jedoch lachte unbändig und sagte:

»Hast du dir wirklich eingebildet, ich würde deine Kutschertatze küssen?«

Der Diakon war gekränkt und dachte: ›Am Ende hätt' ich mich lieber nicht mit dem Kerl einlassen sollen.‹ Aber da man sich gleich darauf auf den Heimweg machte, so schloß er sich der Gesellschaft an. Die Familie des Postmeisters, der Diakon, Warnawa, Termosesow und Madame Biziukina gingen zusammen. Erst wurde die Frau Postmeisterin mit ihren Töchtern nach Hause gebracht, und bei dieser Gelegenheit hörte Achilla, wie sie beim Abschied zu Termosesow sagte:

»Ich hoffe, wir sehen uns häufiger.«

»Daran zweifle ich keinen Augenblick,« antwortete Termosesow und fügte noch hinzu: »Sie fanden es so hübsch, daß der Polizeichef sein Wohnzimmer mit den Bildnissen der ganzen kaiserlichen Familie geschmückt hat?«

»Ja, ich wünsche sie mir schon so lange.«

»Diesen Wunsch kann ich Ihnen morgen erfüllen.«

Und damit trennten sie sich.

Sechstes Kapitel.

Kaum hatte man sich von der Postmeisterin verabschiedet, so erklärte Termosesow, es müßten unbedingt alle noch einen Augenblick mit ihm bei der Biziukina vorsprechen.

»Du gestattest es doch?« fragte er, halb zu ihr gewendet.

Es schien ihr nicht sehr angenehm, aber sie sagte trotzdem ja.

»Irgendein Gesöff wird sich bei dir wohl finden?«

Daria Nikolajewna wurde verlegen. Gerade heute hatte sie vergessen, Wein holen zu lassen, und erinnerte sich auch, daß man heute mittag die letzte Flasche Xeres so gut wie leer getrunken hatte. Termosesow bemerkte ihre Verlegenheit und sagte:

»Na, Bier wird es doch wenigstens geben?«

»Bier ist da.«

»Das wußte ich. Bier haben die von der Akzise immer. Hast du auch Meth?«

»Ja.«

»Das ist ja famos! Nun, meine Herrschaften, wir haben Bier und Meth, und da braue ich euch ein Blachdnublach zusammen, daß ihr …« Termosesow küßte seine Finger und beschloß: »daß ihr zum Schluß die eigene Zunge mit verschlucken sollt.«

»Was ist das für ein Blech und Blech?« fragte Achilla.

»Nicht Blech und Blech, sondern Blachdnublach – ein Getränk aus Bier und Meth. Vorwärts!« Und er zog Achilla am Ärmel.

»Warte doch,« widersetzte sich der Diakon. »Was ist denn das für ein Blech und Blech? Bei Begräbnissen trinkt man es und nennt es ›Biermeth‹.«

»Ich sage dir aber, es ist kein Biermeth, sondern Blachdnublach. Vorwärts!«

»Nein, warte!« protestierte der Diakon wieder. »Ich kenne diesen Biermeth … Eins, zwei, drei, liegt man da wie ein Klotz. Ich trink' das Zeug nicht.«

»Ich sag' dir doch, es gibt Blachdnublach und nicht Biermeth!«

»Und doch sollten wir's heut nicht mehr trinken,« antwortete der Diakon. »Sonst gibt's morgen einen wüsten Brummschädel.«

Prepotenskij war derselben Ansicht, aber keiner von beiden besaß Charakterfestigkeit genug, seine Meinung durchzusetzen, und so blieb Termosesow schließlich Sieger und schleppte sie in die Wohnung der Biziukina. Sein Plan war, das Gesöff in der Laube einzunehmen, und so wurden alsbald eine Unmenge Bier- und Methflaschen nebst dem dazu gehörigen Imbiß dorthin gebracht, und Termosesow begann sofort mit der Bereitung des Blachdnublach.

Warnawa Prepotenskij hatte sich neben Termosesow gesetzt. Der Lehrer wollte den Gast sofort zur Rede stellen, weshalb er vor Tuganow so gekatzbuckelt und ihn bei seinen Angriffen gegen ihn, Warnawa, unterstützt hatte.

Aber zum größten Erstaunen Prepotenskijs schien Termosesow nicht die geringste Lust zu haben, mit ihm zu plaudern, denn statt der erwarteten freundlichen Antwort kam es schroff und ungeduldig von seinen Lippen:

»Wir sind alle gleich: Kleinbürger, Adel und niederes Volk. Lassen Sie mich mit Ihrer Politik in Frieden, ich will jetzt trinken.«

»Aber Sie müssen doch zugeben, daß Leute mit Besinarmildung etwas Besseres sind, als …« stammelte Warnawa verwirrt.

»Da haben wir's!« unterbrach ihn Termosesow. »Erst das liebste Hühnerauge, und jetzt die Besinarmildung! Der richtige Cicero!«

»Das passiert ihm oft, wenn er aufgeregt ist. Er will ein Wort sagen und es kommt ein anderes heraus,« trat Achilla für Prepotenskij ein und erzählte, wie der Lehrer infolge dieses Defekts einmal beinahe um den Verkehr in einem sehr feinen Hause gekommen wäre. »Er hatte zu der Wirtin sagen wollen: ›Matrona Iwanowna, darf ich noch um ein Zitronenscheibchen bitten?‹ – und sagte statt dessen: ›Zitrona Iwanowna, bitte noch ein Matronenscheibchen!‹ was die Dame natürlich als Beleidigung auffaßte.«

Termosesow wollte sich ausschütten vor Lachen, faßte aber plötzlich Warnawas Hand, beugte sich zu ihm herab und flüsterte ihm ins Ohr:

»Geh sofort und schreib mir auf, was die Pfaffen und Edelleute heut geredet haben. Ich meine das von der Gewissensfreiheit und der Unduldsamkeit … Mit einem Wort: alles, alles …«

»Wozu denn?« fragte der Lehrer erstaunt.

»Das geht dich nichts an. Geh nur und schreib's auf. Du wirst später schon sehen, wozu. Wir unterschreiben es und schicken es an die richtige Adresse.«

»Was? Was wollen Sie tun?« rief Prepotenskij laut und fuchtelte erregt mit den Armen. »Eine Denunziation! Um nichts in der Welt!«

»Aber du haßt sie doch!«

»Nun und?«

»So schneid ihnen doch die Kehle durch, wenn du sie haßt.«

»Ja gewiß, schneiden will ich schon, aber ich bin kein Lump, der eine Denunziation …«

»Dann raus mit dir!« unterbrach ihn Termosesow und stieß ihn gegen die Tür.

»Aha! Raus?! So hab' ich Sie doch richtig erkannt! Sie halten's mit Achilla!«

»Raus, sage ich!«

»Ja, ja! Erst fordert Ihr mich zum Blachdnublach auf und dann …«

»Da hast du dein Blachdnublach!« antwortete Termosesow und gab dem Lehrer einen kräftigen Stoß in den Nacken, so daß er zur Tür hinausflog. Dann schob er den Riegel vor.

Achilla, der diesen Auftritt mit angesehen hatte, stand verwirrt auf und nahm seinen Hut.

»Wo willst du hin?« fragte Termosesow, sich wieder an den Tisch setzend.

»Ich bitte um Entschuldigung, ich muß nach Hause.«

»Trink doch erst dein Blachdnublach aus.«

»Nein, mag es zum Teufel gehn, ich will nicht mehr. Leben Sie wohl. Ich habe die Ehre.«

Er reichte Termosesow die Hand. Dieser nahm sie aber nicht, sondern riß dem Diakon den Hut fort, warf ihn unter seinen Stuhl und befahl:

»Setz dich!«

»Ich will nicht,« erwiderte Achilla.

»Setz dich, sag' ich dir!« schrie Termosesow noch lauter und riß ihn so heftig am Arm, daß er auf die Bank niederfiel.

»Willst du Pfarrer werden?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich dessen weder wert noch fähig bin.«

»Aber der Propst kränkt dich doch?«

»Nein, das tut er nicht.«

»Er soll dir doch mal einen Stock weggenommen haben.«

»Was ist denn dabei?«

»Und einen Dummkopf hat er dich genannt?«

»Ich weiß nicht, vielleicht hat er mich auch mal so genannt.«

»Wollen wir ihn für seine heutigen Reden denunzieren?«

»Wa–a–a–as?«

»Das!!«

Termosesow bückte sich, holte Achillas Hut unter dem Stuhl hervor und warf ihn vor die Schwelle.

»Du bist eine Petersburger Kanaille,« sagte der Diakon und bückte sich nach dem Hute. In diesem Augenblick aber traf ihn ein dröhnender Schlag in den Nacken und er lag mit der Nase im Sande des Gartenweges, wohin ihm sein Hut alsbald nachgeflogen kam und wo ein paar Schritte weiter auch der Lehrer hockte. Der Diakon begriff erst gar nicht, wie das gekommen war, aber als er Termosesow in der Tür stehen und ihm mit einem Spaten drohen sah, wurde es ihm klar, warum der Schlag so schwer gewesen war und eine so breite Fläche getroffen hatte. Er sagte:

»Das nennt sich also Blachdnublach. Danke für freundliche Belehrung.«

Hierauf wandte er sich zum Lehrer:

»Nun? Gehen wir heim, lieber Freund?«

»Ich kann nicht,« sagte Warnawa.

»Warum nicht?«

»Ich bin voll blauer Flecke und der Wopf tut mir keh.«

»Laß den Wopf nur keh tun, das geht vorüber. Komm nach Hause. Ich begleite dich.« Und mitleidig half der Diakon dem Lehrer auf und führte ihn zum Gartentor hinaus.

Siebentes Kapitel.

Aufs äußerste erregt und verstört kam der Propst heim. Da das Fest beim Polizeichef so lange dauerte, hatte die daheimgebliebene Natalia Nikolajewna, wider ihre sonstige Gewohnheit, die Heimkehr ihres Gatten nicht abgewartet und sich zu Bett gelegt, die Tür nach ihrem Schlafzimmer aber offen gelassen. Sie wollte durchaus aufwachen, wenn ihr Mann zurückkehrte.

Tuberozow wußte, was die offene Türe zu bedeuten hatte und rief beim Eintreten seine Frau beim Namen. Sie erwachte und erwiderte seinen Gruß.

»Du schläfst nicht?«

»Nein, Liebster, Sawelij Jefimytsch, ich schlafe nicht.«

»Das ist gut, ich möchte mit dir reden.«

Der Alte setzte sich auf den Bettrand und erzählte seiner Gattin das Gespräch mit dem Adelsmarschall und beklagte sich, wie gleichgültig alle sich zu der immer mehr in Rußland aufkommenden Anschauung verhalten, daß sich ein gebildeter Mensch des Glaubens schämen müsse. Er drückte ihr seine Befürchtungen aus, daß die guten Sitten und die hohen Ideale in Verfall geraten könnten, ja müßten.

Natalia Nikolajewna unterbrach ihn mit keiner Silbe, denn er sprach mit einem Freimut, wie er ihn sonst nirgendwo hätte zum Ausdruck bringen dürfen.

»Und denke dir, Natascha!« schloß er, als er bemerkte, daß der Morgen graute und sein Kanarienvögelchen, eben erwacht, den Schnabel zu wetzen begann. »Denke dir, meine liebe Alte, daß er, der Tuganow, keines meiner Worte widerlegen konnte, daß er mir in allem recht gab, daß er selbst zugestand, wir stünden, wie die selige Marfa Andrejewna mal sagte, gleich Schnepfen im Sumpf. Der Schwanz ist zu lang und der Schnabel ist zu lang, und so wackeln wir hin und her: ziehen wir den Schnabel heraus, bleibt der Schwanz stecken; ziehen wir den Schwanz heraus, steckt der Schnabel im Sumpf. Das alles gab er zu, aber von der seelischen Erregung, die man in einer solchen Lage doch empfinden müßte, ließ er nichts merken … O diese entsetzliche Gleichgültigkeit!«

Natalia Nikolajewna schwieg.

»Zu guter Letzt nannte er mich noch einen Maniak! Sage bitte selbst, wieso und warum verdiene ich diesen Namen?« Sawelij dämpfte die Stimme. »Mich nennt er einen Maniak, und er selbst sagt … Ich meinte: alles, worauf ich hingewiesen hätte, seien vielleicht Kleinigkeiten, aber trotzdem so bezeichnend für den in unserer Gesellschaft herrschenden Geist, und wenn wir jetzt mit diesen Kleinigkeiten nicht fertig würden, wie sollen es unsere Machthaber werden, nachdem alles erst mal großgewachsen ist! Er antwortete mir in seinem mir so verhaßten spöttischen Tone, den wir Russen so gern anschlagen, mit einer Anekdote, die sehr gut paßte und die ich aus Rücksicht auf mein Amt nur dir allein erzählen kann: Ein Offizier kam einst in ein Quartier, wo er im Nebenzimmer ein wunderschönes Mädchen entdeckte. Er war von ihr so entzückt, daß er, wie das im Regiment Brauch ist, seinen Burschen rief und ihn fragte: ›Wie könnte ich wohl die Bekanntschaft dieser Schönen machen?‹ Der Bursche überlegte, und da er im Begriff war, Kohlen in den Samowar zu legen, rief er plötzlich: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Der Offizier sprang auf und stürzte in das Zimmer seiner Nachbarin: ›Meine Gnädige, hier bei Ihnen riecht es nach Rauch. Ich komme, Sie und Ihre Schönheit aus dem Feuer zu retten!‹ Auf diese Weise machte er die gewünschte Bekanntschaft. Der Bursche aber erhielt ein Geldgeschenk und einen Schnaps. Als der Frauenjäger nach einiger Zeit in ein neues Quartier kam, wo er ebenfalls eine schöne Dame entdeckte, jedoch nicht nebenan, sondern im gegenüberliegenden Hause, – sagte er wieder zu seinem Burschen: ›Verhilf mir zu ihrer Bekanntschaft!‹ Der aber wußte nichts anderes zu antworten, als sein altes ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Da erkannte der Offizier, daß er sich zu Unrecht auf den Verstand seines Helfershelfers verlassen hatte und die erwünschte Bekanntschaft durch ihn nicht machen konnte. Jetzt merke, was das für ein Gleichnis ergibt: bei uns geziemt es sich für einen aufgeklärten Mann, daß er ungläubig sei, seines Vaterlandes spotte, die Menschen verachte, die Heiligkeit der Familienbande nicht gelten lasse, in seinen Mitteln nicht wählerisch sei; jene Schöne jedoch, die äußere Zivilisation, haben wir leicht gewonnen; allein jetzt gilt es, eine andere Schöne kennen zu lernen, jetzt, wo wir geistige Selbständigkeit zeigen sollen, … aber da sitzt die Schöne drüben am Fenster, und die Frage ist, wie kriegen wir sie? Da sehnen wir uns wohl und seufzen: ›Ach, wie könnten wir am leichtesten ihre Bekanntschaft machen?‹ Aber der ungeschickte Bursche weiß darauf nichts zu sagen, als: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Doch was nützt es uns, wenn es nach Rauch riecht?«

»Ja,« sagte Natalia Nikolajewna und seufzte.

»Das ist es eben! Begreifst du es auch? Wer ist denn nun der Maniak? Ich, der ich alles klar sehe und mich deswegen beunruhige, oder jene, denen es ebenso klar ist, die sich aber den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen: ›Wir kommen noch so durch, und hinterher mag's gehn, wie es will!‹ Heißt das nicht: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Nicht wahr, meine Liebe?«

»Ja, Liebster, das Mädel stellt wohl den Samowar auf,« sagte Natalia Nikolajewna mit schläfriger Stimme.

Da begriff Tuberozow, daß er die ganze Zeit in die Luft gesprochen hatte, die keine Ohren für ihn hatte, und er senkte lächelnd sein weißhaariges Haupt.

Er gedachte der Worte, die einst die verstorbene Bojarin Marfa Plodomasowa zu ihm gesprochen: »Und bist du denn nicht einsam? Was sagt denn das, daß du eine gute Frau hast, die dich liebt? Was dich quält, wird sie doch nicht verstehen. Und so ist jeder, der weiter sieht als sein Bruder, einsam inmitten der Seinigen.«

»Ja, einsam, unsagbar einsam!« flüsterte der Alte. »Und es ist am stärksten zu fühlen, wenn man am innigsten verlangt, es nicht zu sein; denn … mag ich nun ein Maniak sein oder nicht … ich habe beschlossen, das nicht länger zu dulden, und was ich beschlossen, das vollbringe ich auch.« Leise stand der Alte vom Bette auf, um die Schlafende nicht zu stören, segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes, stopfte dann seine Pfeife und ging in den Hof hinaus, um sich vor dem Hause niederzusetzen.

Achtes Kapitel.

Tief in Gedanken versunken saß der alte Mann. Die dünnen Tabakswölkchen, die sich von seinem weißen Schnurrbart lösten und in der Luft zerflatterten, glänzten bernsteinfarbig im Lichte der aufgehenden Sonne. Die Hühner flogen von ihren Stangen herunter, kamen aus dem Stall, schüttelten sich und strichen ihr Gefieder. Jetzt klang von der Brücke die Lindenholzflöte des Hirten herüber, am Ufer klirrten die leeren Eimer, mit denen ein barfüßiges Weib nach Wasser ging; überall hörte man die Kühe brüllen, und die eigene Dienstmagd des Propstes kam gähnend, das Zeichen des Kreuzes über dem weitaufgerissenen Munde machend, aus dem Stall und trieb die Kuh mit einer Gerte vor sich her. Drinnen am Fenster sang der Kanarienvogel aus voller Kehle.

Im vollen Glanze war der junge Tag erschienen.

Vom Dom her ertönte der erste Glockenschlag.

Vor dem Pförtchen erschien eine junge Zigeunerin mit einem Kinde an der Brust, einem zweiten auf dem Rücken und dreien, die sich an ihre zerlumpten Kleider klammerten.

»Gib mir was, frommer Vater, gib mir was, du Glücklicher, Segensreicher!« bettelte sie den Propst an.

»Was soll ich dir geben, du Unglückliche, Ungesegnete? Meine Frau schläft, und ich habe kein Geld bei mir.«

»Gib mir etwas, was du nicht brauchst, dafür soll dir Ehre und Glück werden.«

»Was brauche ich denn nicht? Halt! du hast recht gesprochen! Ich hab' hier etwas, was ich nicht brauche!«

Und Tuberozow ging ins Zimmer und brachte seine sämtlichen Pfeifen heraus, den perlengestickten Tabaksbeutel und die Blechschachtel, in welche er die Asche zu schütten pflegte. Alles gab er der Zigeunerin und sagte:

»Da, du Zigeunerweib, bring das deinem Mann, ihm steht es besser zu.«

Natalia Nikolajewna schlief noch immer. Der Propst schrieb sich die Schuld zu, weil er sie durch seine lange Abwesenheit und seine Reden am Einschlafen gehindert hatte. Zwar hatte sie ihm nicht zugehört, aber ihre Ruhe hatte er doch gestört.

Er ging in den Stall und gab seinen zwei kleinen braunen Pferden selbst die doppelte Portion Hafer. Dann wollte er leise über den Hof ins Haus, als er plötzlich den Botengänger des Akziseeinnehmers Biziukin durch das Pförtchen kommen sah, welcher ein Buch unter dem Arm hatte.

Der Propst nahm das Buch, schlug es auf und wurde ganz rot im Gesicht. Im Buch lag ein Schreiben mit folgender Aufschrift: »An den Propst des Stargoroder Kirchspiels, Oberpfarrer Sawelij Tuberkulow.« Das Wort »Tuberkulow« war flüchtig durchstrichen und darüber geschrieben »Tuberozow«.

»Es wird um sofortige Empfangsbestätigung gebeten,« sagte der Bote.

»Wer hat drum gebeten?«

»Der Sekretär des angereisten Beamten.«

»Der kann warten.«

Der Propst fühlte, daß die Sache nicht so harmlos war. Er merkte, daß man ihn herausfordern wollte und auch schon ein Mittel gefunden hatte, ihm beizukommen.

»Was kann das sein? Es ist noch so früh … Sie scheinen die Nacht nicht geschlafen zu haben, nur um eine Gemeinheit auszuhecken … ja, Leute, die nichts zu tun haben!«

Mit solchen Gedanken beschäftigt, trat Tuberozow in sein vom Sonnenglanz durchflutetes Wohnzimmer, setzte seine große silbergefaßte Brille auf und öffnete den interessanten Brief.

Neuntes Kapitel.

Das fatale Schreiben war ein höchst formloses Dokument, in jenen unangenehmen, vieldeutigen Ausdrücken abgefaßt, an denen die Kanzleisprache so reich ist. Es stellte an den Propst Tuberozow »konfidentiell« das Ersuchen oder die Forderung, beim Regierungsbeamten Bornowolokow zu erscheinen »zwecks Abgabe näherer Erklärungen über einige wichtige Punkte, sowie auch über das anstößige und unpassende Betragen des Diakons Achilla Desnitzyn.«

»Ei zum Donnerwetter, sollte das nicht ein dummer Scherz sein? … Wollen sie sich jetzt auf diese Weise über mich lustig machen?! Aber nein, das ist kein Scherz! Da steht's: Tuberkulow … Mein Name ist in der offenkundigen Absicht, mich zu kränken, so verdreht worden. Und dann: »das anstößige und unpassende Betragen des Diakons Achilla.« Was bedeutet das alles, wo will man hinaus? Um ihnen den Spaß zu verderben und keinen Fehler zu begehen, wollen wir uns an die Methode des Abwartens halten, die einzig richtige in unklaren Fällen.«

Der Propst nahm die Feder und schrieb unter das formlose Dokument: »Der Propst Tuberozow hält sich, da er über die Vollmachten der ihn zu sich auffordernden Person nicht unterrichtet ist, nicht für verpflichtet, der Aufforderung Folge leisten zu müssen.«

Darauf legte er das Blatt in denselben Umschlag, in dem er es erhalten hatte, und schrieb quer über die Adresse: »Zurück an den, dessen Titel und Würden ich nicht kenne.«

Nachdem er das Paket wieder in das Quittungsbuch gelegt hatte, ging er hinaus und gab es dem Boten. Dem langen Subdiakon Pawliukan, der inzwischen gekommen war, befahl er, den Wagen zu schmieren und in einer Stunde zu einer Fahrt ins Kirchspiel bereit zu sein. Dann schickte er die Magd nach dem Diakon Achilla.

Unterdessen war Natalia Nikolajewna aufgestanden und machte sich, nachdem sie sich mehrmals bei ihrem Gatten wegen ihres gestrigen Einschlafens entschuldigt hatte, eifrig daran, sein Reiseköfferchen zu packen. Höchst erstaunt war sie aber, als er auf ihre Frage, wohin sie den Tabak legen solle, kurz antwortete, er habe das Rauchen aufgegeben, und sich dann gleich dem eben eingetretenen Diakon zuwandte.

»Ich muß gleich eine Amtsreise machen und habe dich kommen lassen, um dich noch einmal zu warnen,« begann er, doch Achilla unterbrach ihn sofort.

»Schönsten Dank, Vater Propst, aber ich bin schon gewarnt.«

»Das hat nicht viel zu sagen und macht mir keine Sorge. Jedenfalls bitte ich dich nur, wenigstens in meiner Abwesenheit etwas solider zu sein.«

»Ja, Vater Propst, jetzt … Auch wenn Ihr kein Wort gesagt hättet, es ist doch schon alles aus.«

Tuberozow blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einem scharfen, durchdringenden Blick an. Gestalt und Gesicht des Diakons sahen nicht gerade vorteilhaft aus. Die dichten, natürlichen Locken machten den Eindruck einer schief aufgesetzten Perücke: die rechte Seite der Stirn war viel zu weit entblößt, die linke fast bis zum Auge verdeckt.

Der Propst dachte nach, was denn wohl noch mit dem unvorsichtigen Diakon geschehen sein mochte, dieser aber sagte, die Augen starr auf den Hut gerichtet, den er in der Hand hin- und herdrehte:

»Ich habe schon gestern, Vater Propst … gleich nachdem ich von der Biziukinschen heimgekommen war … denn wir waren alle vom Polizeichef noch dorthin gegangen … zu meiner Bedienerin gesagt: ›Nein,‹ sagt' ich, ›Esperance, der Vater Sawelij hat recht: der Starke rühme sich nicht seiner Kraft und baue nicht auf seine Macht.‹«

Statt ihm zu antworten, ging der Propst auf den Diakon zu und strich die Haare zurück, welche die linke Seite seines Gesichtes so übermäßig bedeckten.

»Nein, Vater Sawelij, hier ist nichts, aber da,« sagte Achilla leise und schob die Hand des Propstes auf seinen Nacken.

»Schäme dich, Diakon,« sagte Tuberozow.

»Es tut auch weh, Vater Propst,« sagte Achilla, sich an die Brust schlagend, und fing bitterlich zu weinen an. »Dafür werde ich mich nun täglich und stündlich martern.«

Tuberozow schüttete keinen Tropfen mehr in diesen Leidenstrank des armen Achilla. Im Gegenteil. Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer und sagte dann, den Diakon am Arme fassend:

»Weißt du noch, wie du mir Vorwürfe machtest wegen der Pfeife?«

»Verzeiht.«

»Nicht doch, ich bin dir dankbar dafür, und wenn ich im Rauchen auch nichts besonders Schlechtes sehe und diese Gewohnheit gehabt habe, so habe ich doch heute, um dem Gerede ein Ende zu machen, davon abgelassen und alle meine Pfeifen einem Zigeuner geschenkt.«

»Einem Zigeuner!« rief der Diakon mit strahlendem Gesicht.

»Ja. Es kann dir übrigens gleich sein, wem ich sie gegeben habe; gib aber auch du deine Wildheit irgend jemandem. Du bist kein Jüngling mehr, sondern bald fünfzig, und du bist auch kein Kosak, denn du trägst die Kutte. Und jetzt sage ich dir noch einmal Lebewohl, denn ich muß fahren.«

Zehntes Kapitel.

Im Biziukinschen Hause ließ sich der neue Tag wenig freundlich an: die gnädige Frau vermißte ein kostbares Brillantenkollier, das sie gestern abend getragen hatte und das heute nirgends zu finden war. Die ganze Dienerschaft war auf den Beinen, und die Herrschaft ebenfalls. Man suchte das Verlorene in der Laube und im ganzen Hause, aber es war und blieb verschwunden.

Bornowolokow hatte mit der Revision angefangen, und auch Termosesow war ungeheuer beschäftigt. Zunächst nahm er aus seiner Photographiensammlung einige Bildnisse der kaiserlichen Familie, dann schrieb er einen Brief an einen Petersburger Freund, der in Wirklichkeit gar nicht vorhanden war. Er schilderte die Schönheit der Natur, die gelbrosa Färbung der Wolken, sprach von seiner Freundschaft mit Bornowolokow und seinen Aussichten auf eine glänzende Beamtenlaufbahn und auf eine Erbschaft im Gouvernement Samara. Zum Schluß entwarf er eine flüchtige Skizze der gestrigen Gesellschaft, wobei er die Stargoroder Herrschaften schonungslos kritisierte und nur hinsichtlich der Postmeisterin eine Ausnahme machte. »Diese Frau,« schrieb er, »ist es durchaus wert, daß man etwas bei ihr verweilt. Stelle dir vor, ich spüre hier so etwas wie Schicksalsgewalt; ich sah sie und wurde sofort von einer Art Sohnesgefühl zu ihr erfaßt. Ich sag' dir, wenn es ihr einfallen würde, mich auspeitschen zu lassen, ich würde ihr dankbar die Hand küssen. Doch – ich weiß selber noch nicht, wie das enden wird, denn sie hat zwei Töchter. Die eine ist ganz die Mutter, die andere verspricht ebenfalls so schön zu werden. Wer vermöchte zu sagen, Freund, warum das unerforschliche Geschick mich der Familie dieser hochgeachteten Frau zugeführt hat? Vielleicht werde auch ich demnächst singen müssen: ›O goldne Freiheit, lebe wohl!‹«

Nachdem Termosesow den Brief an einen Herrn Nikolai Iwanowitsch Iwanow adressiert hatte, preßte er das versiegelte Kuvert zwischen zwei Fingern fest zusammen, überzeugte sich, daß man auf diese Weise seine ganze Charakteristik der Frau Postmeisterin durchlesen konnte, räusperte sich und sagte: »Na, nun wollen wir mal sehen, ob Prepotenskij gestern die Wahrheit gesagt hat, daß sie die Briefe aufmacht! Tut sie das, so bin ich fein heraus.«

Er nahm den Brief und die Bilder und begab sich auf das Postamt. Außer diesem Brief hatte er noch ein Schriftstück in der Tasche, das er in derselben frühen Morgenstunde abgefaßt hatte, als er die Aufforderung an Tuberozow schickte. Es lautete folgendermaßen:

»Das Komplott der demokratischen Sozialisten, die sich hinter der Larve des Patriotismus verbergen, macht sich überall bemerkbar. Hier setzt es sich aus äußerst verschiedenartigen Elementen zusammen, und das Schädlichste dabei ist, daß die Geistlichkeit bereits in hohem Maße daran beteiligt ist – was äußerst gefährlich ist, da sie dem Volke sehr nahesteht. Die Resultate der traurigen liberalen Duldsamkeit treten hier besonders kraß und zahlreich zutage.

Der Stargoroder Propst Sawelij Tuberozow, der schon mehr als einmal die Aufmerksamkeit der Behörden durch seinen wilden und frechen Charakter und durch seine schlechte Gesinnung auf sich gelenkt hat, wurde bereits mehrmals für sein unzulässiges Betragen gemaßregelt, ohne daß es auf ihn Eindruck gemacht zu haben scheint, denn er ist von revolutionären Tendenzen ganz durchdrungen.

Ich wage es nicht zu entscheiden, wieweit er den Absichten der Regierung Schaden bringen könne, allein nach meiner Ansicht ist dieser Schaden unermeßlich groß. Der Propst Tuberozow genießt hohes Ansehen in der ganzen Stadt, und ist ein Mann von großem Verstande und von einer Kühnheit, die dank der jahrelangen Nachsicht seiner Vorgesetzten heute vor nichts mehr zurückschreckt. Alles, was ein Mensch wie er tut, sollte von Rechts wegen unter strengster Kontrolle stehen. Er jedoch redet was er will, ohne sich den geringsten Zwang anzutun, und genießt dabei noch das Vorrecht, öffentlich in der Kirche sprechen zu dürfen.

Dieses geistliche, dem Volke so nahestehende Element scheint aber auch noch mit dem flachen Lande, d. h. mit dem grundbesitzenden Adel Fühlung zu suchen. So genießt dieser verdächtige Propst Tuberozow anscheinend die Gunst und den Schutz des Adelsmarschalls Tuganow, dessen Persönlichkeit und Anschauungen Ihnen ja wohlbekannt sind. Herr Tuganow, der hier an einer Abendgesellschaft im Hause des Polizeichefs teilnahm, meinte u. a.: ›man lasse die Sonne nicht auf die Erde scheinen‹ – wobei unter der ›Sonne‹ zweifellos der Monarch zu verstehen ist, und unter der ›Erde‹ das Volk. Wer aber sich vor die Sonne stellt, ist nicht schwer zu erraten. Ja, er hat es sogar selbst klar ausgesprochen, als er dann noch bemerkte, er sei ein Mann der Scholle, der Gouverneur dagegen nur ›ein Kalif für eine Stunde‹. Als ein hiesiger Lehrer, Prepotenskij, ein ganz dummer, aber politisch durchaus unbescholtener Mensch, ihm sagte, wir alle könnten nicht sagen, wie und von wem Rußland regiert werde, antwortete er mit zynischer Frechheit: ›Ich halte mich in diesem Falle an die Worte des Grafen Panin aus der Zeit Katharinas, der zu sagen pflegte, Rußland werde durch die Gnade Gottes und die Dummheit des Volkes regiert.‹ Auf all das habe ich die Ehre, Eure Exzellenz aufmerksam zu machen und halte es für meine Pflicht, vor Eurer Exzellenz die unschätzbaren Dienste des mich begleitenden Kanzleibeamten Ismail Petrowitsch Termosesow nachdrücklich zu betonen. Seiner feinen Beobachtungsgabe, sowie seiner Fähigkeit, in alle Schichten der Gesellschaft einzudringen, verdanke ich eine Menge wertvoller Informationen, und ich wage es, den Gedanken auszusprechen, daß, wenn die Obrigkeit diesem begabten Manne einen selbständigen Beobachtungsposten anvertrauen wollte, er dem Staate von unermeßlichem Nutzen sein könnte.«

Dieses Blatt in der Tasche ging Termosesow seines Weges und fragte sich: »Wird diese Kanaille von Bornowolokow das wohl unterschreiben? Ach was, – wenn man ihn nur ordentlich drückt, unterschreibt er alles.«

Elftes Kapitel.

Termosesow gab seinen Brief auf und ging dann sofort zur Frau Postmeisterin. Die Begrüßung war sehr freundschaftlich. Er küßte ihre Hand, sie gab ihm einen Schmatz auf die Stirn und dankte ihm für die Ehre seines Besuchs.

»O bitte, ich muß Ihnen danken,« erwiderte Termosesow. »Es war ja so entsetzlich langweilig. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich immer mit Angst und Grauen denken mußte: wo bin ich? unter was für Leuten?«

»Ja, ich sagte schon gestern zu meinen Töchtern: Unser Petersburger Gast muß sich wohl köstlich amüsieren.«

»Ach, gar zu schlimm wollen wir es auch nicht machen. Ich diene ja nicht um des Mammons willen, sondern um das Land kennen zu lernen.«

»Dann finden Sie bei uns eine Unmenge Beobachtungsstoff.«

»Ganz recht – Beobachtungsstoff! Aber da hab' ich Ihnen mit Ihrer Erlaubnis die Bilder mitgebracht, von denen wir gestern sprachen. Gestatten Sie mir, sie aufzuhängen.«

Die Postmeisterin wußte gar nicht, wie sie ihm danken sollte.

»Ich will mich mit Vergnügen dieser Arbeit unterziehen, bis Ihre Fräulein Töchter erscheinen … Ich darf doch hoffen, sie zu sehen?«

Die Postmeisterin erwiderte, die Mädchen seien noch nicht angezogen, da sie in der Wirtschaft zu tun hätten, kämen aber trotzdem bald.

»Ach, ich bitte Sie darum, ich bitte sehr!« flehte Termosesow, und als die geschmeichelte Hausfrau das Zimmer verlassen hatte, begann er die Kaiserbildnisse an der Wand zu befestigen. Die Nägel dazu hatte er mitgebracht.

Die Toilette der jungen Damen nahm fast eine Stunde in Anspruch, und in dieser ganzen Zeit ließ sich auch die Postmeisterin nicht sehen.

»Das ist ein gutes Zeichen!« dachte Termosesow. »Gewiß studiert sie mein Opus.«

Endlich erschienen die Töchter in Begleitung ihrer Mutter. Termosesow maß die Postmeisterin mit einem schnellen, durchdringenden Blick. Sie strahlte vor Wonne und Begeisterung.

»Das Fischlein hat angebissen!« schloß er und verzehnfachte seine Liebenswürdigkeit. Um aber seiner Sache ganz sicher zu sein, fing er wieder von Literatur und von seinen Reiseskizzen an zu reden.

»Porträts! Um Gottes willen mehr Porträts! Mehr Naturstudien!« bat die Postmeisterin.

»Ja, eigentlich habe ich schon die ganze hiesige Gesellschaft porträtiert und – entschuldigen Sie – auch Ihrer und Ihrer Fräulein Töchter Erwähnung getan … Wissen Sie, so ganz flüchtig … Wenn ich meinen Brief zurückbekommen könnte, den ich eben aufgegeben habe …«

»Ach nein, wozu denn?« rief die Postmeisterin errötend.

»Angebissen, angebissen!« frohlockte Termosesow, und bestand darauf, den Damen vorzulesen, was er über sie geschrieben hatte. Eine Zeitlang hörte man im Zimmer nichts als: »Ach, wozu denn lesen, wir glauben Ihnen auch so!« und: »Ja, warum denn nicht lesen? Wodurch habe ich denn so großes Zutrauen verdient?«

Termosesows Einwände wirkten zu verführerisch auf die Neugier der Mädchen. Bald erbot sich die eine, bald die andere, ins Bureau zum Vater zu laufen und den interessanten Brief des Gastes zu bringen.

Vergebens suchte die Mutter sie durch Worte und Zeichen zurückzuhalten, die Mädchen verstanden sie nicht und gaben keine Ruhe. Termosesow dagegen hatte alles ausgezeichnet verstanden: der Brief befand sich in den Händen der Hausfrau, es galt jetzt nur noch, sie zur Rückgabe zu zwingen und sie dadurch selbst völlig in die Hände zu bekommen.

Ohne viel Bedenken sprang Termosesow von seinem Platz auf und stürzte diensteifrig, der Zurufe der Damen, die ihn zurückhalten wollten, nicht achtend, nach dem Postbureau: er sei, rief er, selbst nicht mehr imstande, sich den Genuß zu versagen, den Damen die bescheidene Darstellung seiner tiefen Bewunderung für sie vorzutragen.

Keine Bitten konnten ihn bewegen, von seinem Vorhaben abzustehen. – Aber auf dem Bureau war kein Brief zu finden.

Zwölftes Kapitel.

Termosesow machte ein sehr verlegenes Gesicht, als er zu den Damen zurückkehrte. Ihre Verwirrung aber war noch viel größer. Die Mädchen sprangen auf und liefen hinaus, um ihre Tränen zu verbergen, die infolge der ihnen von der Mutter gehaltenen Pauke reichlich flossen. Die Postmeisterin selbst blieb als Opferlamm im Salon.

Termosesow stellte sich schweigend vor sie hin und lächelte.

»Ich sehe Sie an,« sagte die Dame geziert, »und schäme mich.«

»Sie haben den Brief?«

»Die Versuchung war zu groß. Hier ist er.«

Termosesow nahm das versiegelte Kuvert aus ihrer Hand.

»Ich schäme mich ganz entsetzlich … aber was soll ich machen … ich bin ein Weib …«

»Ach, lassen Sie doch! Ein Weib! Um so besser, daß Sie ein Weib sind! Das Weib ist ein viel besserer Freund als der Mann und ich bin ein so vertrauensseliger Narr, daß ich wirklich warme aufrichtige Freundschaft … ich meine, weibliche Freundschaft sehr nötig habe! Jetzt habe ich mich an Herrn Bornowolokow angeschlossen … Wir sind schon lange Freunde und er ist auch jetzt mehr mein Freund als mein Vorgesetzter … wenigstens scheint es mir …«

»Ja, ich sehe, ich sehe, Sie sind sehr treuherzig und vertrauensselig!«

»Ich bin einfach ein Narr in dieser Beziehung! Ein völliger Narr! Ein kleines Kind kann mich nasführen!«

»Das ist aber nicht gut, gar nicht gut!«

»Was kann ich gegen meine Natur? Jemand, der meine Freundschaft mit Bornowolokow genau beobachtet hatte, sagte mir einmal: ›Paß auf, Ismail Petrowitsch, du bist zu leichtgläubig! Baue nicht zu sehr auf diese hinterlistige Freundschaft! Bornowolokow zeigt hinter deinem Rücken ein ganz anderes Gesicht, als du zu sehen gewohnt bist!‹ … Aber ich kann nicht anders – ich muß ihm glauben!«

»Warum tun Sie es?«

»Gott, ich bin nun mal so! … Ja, wenn man mir Beweise vorlegte! Wenn ich hören könnte, wie er in meiner Abwesenheit von mir spricht! Wenn ich einen Brief von ihm sehen könnte! Den Freundesdienst würde ich mein Leben lang nicht vergessen!«

Die Postmeisterin bedauerte, daß sie diesen hinterlistigen Bornowolokow nie zu Gesicht bekommen habe, und fragte, ob Termosesow vielleicht eine Photographie des Verräters besäße?

»Leider nicht. Aber einen Brief von ihm. Hier, sehen Sie seine Handschrift.«

Und er zeigte ihr einen Fetzen Papier von Bornowolokows Hand beschrieben. Beim Fortgehen ließ er ihn wie von ungefähr auf dem Tische liegen.

Dreizehntes Kapitel.

Diese zweite Angel war noch glücklicher ausgeworfen als die erste. Gegen Abend, als Termosesow mit Bornowolokow und Biziukin beim Kaffee saß, kam ein Postbote mit dem Auftrage, Ismail Petrowitsch sofort zur Frau Postmeisterin zu bitten.

»Ach richtig! Ich hatte versprochen, heute einen Ausflug mit ihr zu machen! Wie konnte ich das nur vergessen!« sagte Termosesow und entfernte sich mit dem Boten.

Er traf die Postmeisterin im Salon allein. Sie drückte ihm die Hand, schloß die Tür und nahm schweigend einen Brief aus der Tasche, welchen sie ihm reichte.

»Lesen Sie, es stört uns hier niemand.«

Termosesow las den Brief, in dem sich Bornowolokow bei seiner Petersburger Kusine Nina bitter über sein Geschick beklagte, welches ihn in Moskau mit Termosesow zusammengeführt hatte. Er nannte ihn einen »ausgemachten Lumpen und Halunken« und bat die Kusine, »mit allen Mitteln und unter Heranziehung all ihrer ausgezeichneten Verbindungen darauf hinzuwirken, daß dieser gemeine Kerl eine gute Stelle in Polen oder in Petersburg erhalte, sonst könne er, weil er über alle alten Dummheiten unterrichtet sei, das entsetzlichste Unheil anstiften.«

»Haben Sie Ihren Freund nun erkannt?« fragte die Postmeisterin.

»Das hätte ich nicht erwartet! Gott strafe mich, – das nicht!« sagte Termosesow, indem er seinen Kopf schüttelte und seufzte.

»Behalten Sie den Brief und vernichten Sie ihn,« sagte die Postmeisterin.

»Vernichten? Warum? Nein, ich vernichte ihn nicht! Mag er an seine Adresse gelangen, – aber eine Abschrift möchte ich haben. Gestatten Sie mir, sie zu nehmen.«

Termosesow hatte sofort begriffen, daß der Brief für seine Ehre zwar wenig schmeichelhaft war, aber sehr vorteilhaft, weil man ihm angesichts seiner Gefährlichkeit ganz sicher eine sehr gute Anstellung verschaffen würde.

Mit der Abschrift steckte er auch das Original zu sich und ging heim.

Das Ehepaar Biziukin war bereits zu Bett gegangen, und Bornowolokow saß allein und schrieb.

»Immer fleißig, Eure Durchlaucht? Schon wieder bei der Schreiberei?« sagte Termosesow heiter.

Ein kurzes kaltes »Ja« war die Antwort.

»Da wird wohl wieder irgendeine Gemeinheit verfaßt?«

Bornowolokow fuhr zusammen.

»Na also!« sagte Termosesow gelangweilt, schloß plötzlich die Tür ab und steckte den Schlüssel in die Tasche.

Bornowolokow sprang auf und versuchte schnell das Blatt, an dem er geschrieben hatte, zu zerreißen.

Vierzehntes Kapitel.

»Gott, was Sie sich aufregen!« lachte Termosesow. »Ich schloß die Tür nur, um mich mit Ihnen gemütlich und ungestört unterhalten zu können, und Sie reißen gleich Ihr ganzes Geistesprodukt in Fetzen.«

Bornowolokow setzte sich wieder.

»Unterzeichnen Sie dieses Papier. Aber bitte schön – nicht zerreißen!«

Damit legte Termosesow ihm jenes formlose Skriptum vor, in dem er Wahrheit und Dichtung über Tuberozow und Tuganow zusammengebraut und sich selbst so glänzend attestiert hatte.

Bornowolokow las es ruhig von Anfang bis zu Ende.

»Nun?« fragte Termosesow, als er sah, daß er mit dem Lesen fertig war, »wollen Sie unterschreiben oder nicht?«

»Ich könnte Ihnen sagen, daß ich erstaunt bin, aber …«

»Ich habe Ihnen das Staunen schon abgewöhnt! Das weiß ich sehr gut, und auch bei Ihnen wundere ich mich über nichts mehr!«

Damit reichte er Bornowolokow die Abschrift des Briefes an die Kusine Nina und fügte hinzu:

»Das Original habe ich auch.«

»Sie haben es? Wie konnten Sie sich unterstehen?«

»Wie konnten Sie sich unterstehen? Und das nennt sich Freund und Bruder! Da will man gemeinschaftlich ganz Rußland auf den Kopf stellen – und dann kommt so ein liebenswürdiges Attest! Nein, mein Lieber, das geht nicht. Da werden Sie mir ein ganz anderes Zeugnis ausstellen müssen.«

Bornowolokow sprang auf und fing an im Zimmer hin und her zu laufen.

»Nehmen Sie nur wieder Platz, das Rennen nützt Ihnen gar nichts,« meinte Termosesow. »Wir wollen uns doch friedlich auseinandersetzen. Sie wissen, wohin ich Sie mit diesem Brieflein, mit dem Hinweise darauf, daß Ihre werte Vergangenheit nicht so ganz sauber ist, expedieren kann? Da holt Sie kein Polack und keine Kusine heraus!«

Bornowolokow schlug sich ungeduldig auf die Schenkel und rief:

»Wie konnten Sie meinen Brief stehlen, wenn ich ihn selbst in den Kasten geworfen hatte?«

»Raten Sie! Wie ich's fertig gekriegt habe, ist meine Sache, Ihnen aber sag' ich nun zum letztenmal: unterschreiben Sie! Auf das erste Blatt setzen Sie Ihren Vor- und Familiennamen, Amt und Rang, und auf dem zweiten bestätigen Sie die Richtigkeit der Abschrift und fügen dann noch zwei Worte hinzu, die ich Ihnen diktieren werde.«

»Sie … Sie wollen mir diktieren?«

»Allerdings. Ich diktiere, Sie schreiben und dann geben Sie mir tausend Rubel Reugeld.«

»Reugeld?! Wofür?«

»Dafür, daß Sie dann Ruhe vor mir haben.«

»Ich habe nicht so viel.«

»Mir genügt ein Schuldschein. Hundert bis hundertfünfzig in bar, das übrige hat Zeit … Aber lange mit Ihnen diskutieren tue ich nicht. Wollen Sie, so ist's recht; wollen Sie nicht, so ist mir's auch recht. In diesem Fall habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

»Ich will unterschreiben!« sagte Bornowolokow kurz.

»Bitte …«

Termosesow wischte die Feder an seinem Rockschoß ab, tauchte sie ein und reichte sie Bornowolokow.

»Was soll ich schreiben?«

Termosesow räusperte sich und diktierte:

»Der Hundsfott Termosesow …«

Bornowolokow stutzte und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

»Wollen Sie wirklich, daß ich diese Worte schreibe?«

»Selbstverständlich. Schreiben Sie nur: ›Der Hundsfott Termosesow‹.«

»Danke ergebenst. Bitte, weiter.«

Fünfzehntes Kapitel.

Der Sekretär stand hinter dem Stuhle Bornowolokows und blickte über seine Schulter, während er weiterdiktierte: »Der Hundsfott Termosesow ist auf eine ebenso unbegreifliche wie geniale Weise in den Besitz meines eigenhändigen Briefes an Sie gelangt, in welchem ich so unvorsichtig war, alles das zu schreiben, was Sie auf diesem Blatte von der Hand eben dieses Halunken Termosesow geschrieben lesen.«

»Schluß?«

»Nein, noch etwas. Bitte, schreiben Sie: ›Wie er sich den Brief hat verschaffen können, den ich persönlich zur Post brachte, vermag ich nicht zu ergründen. Die Tatsache aber mag Ihnen ein Beweis für die Kühnheit und Gewandtheit dieses Lumpen sein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mir keine Ruhe zu lassen und mich so lange zu schikanieren, bis Sie ihm einen einträglichen Posten verschafft haben. Ich beschwöre Sie deshalb um unser beider Wohlergehen willen, für ihn selbst das Unmögliche möglich zu machen. Im anderen Falle droht er damit, alles aufzudecken, was wir in der Zeit unserer revolutionären Dummheiten begangen haben.‹«

»Kann der letzte Satz nicht geändert werden?«

»Nein. Ich bin wie Pilatus: was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.«

Bornowolokow schrieb das Bekenntnis seiner Schmach zu Ende und schob das Papier weg.

»Nun haben Sie hier noch den Bericht über die Geistlichkeit und die gefährliche Stimmung in der Gesellschaft zu unterzeichnen.«

Bornowolokow nahm die Feder wieder, las das Schriftstück noch einmal durch, überlegte und sagte:

»Was haben diese Leute, Tuberozow und Tuganow, Ihnen eigentlich getan?«

»Nicht das geringste.«

»Vielleicht sind es ausgezeichnete Menschen.«

»Sehr möglich.«

»Warum verleumden Sie sie denn? Was hier steht, ist doch Verleumdung?«

»Nicht durchweg, nur ein wenig.«

»Ja, wozu dies alles?«

»Was soll ich machen? Ich muß zeigen, was ich kann. Ihr Blaublütigen habt Onkel und Tanten, die sich für Euch bemühen, Parvenüs wie wir müssen alles selber machen.«

Bornowolokow seufzte und unterschrieb.

Termosesow steckte die Denunziation ein.

»Jetzt wäre noch das Dritte zu erledigen,« fuhr er fort, »dann setze ich meinen Hut auf und sage Adieu. Hier ist ein Wechselformular. Es lautet auf achthundert Rubel. Zweihundert erbitte ich mir in bar.«

Bornowolokow saß mit aufgestützten Armen da und betrachtete Termosesow schweigend.

»Nun? Sie haben sich wohl in die Zunge gebissen?«

»Nein, ich bewundere Sie bloß.«

»Bitte sehr. Ich bin so, wie das Leben mich gemacht hat. Aber jetzt unterschreiben Sie den Wechsel und geben Sie mir das Geld.«

»Wofür, Herr Termosesow, wofür?«

»Wofür?! Für Ihre einstigen geheimen Vergnügungen in stillen Nächten im heiligen Moskau und im sündhaften Petersburg; für Ihre Unterhaltungen, Pläne, Schriftstücke, für alle die schönen Stunden, an die ich in meinen Taschen und in meinem Kopf genug Erinnerungen behalten habe, um Ihre ganze Karriere vernichten zu können.«

Bornowolokow unterschrieb den Wechsel und warf das Geld hin.

»Verbindlichsten Dank,« sagte Termosesow, indem er Wechsel und Geld einsteckte, »es freut mich sehr, daß es ohne Feilschen abgegangen ist.«

»Was wäre dann geschehen?«

»Dann hätte ich das Doppelte verlangt.«

Nachdem er alle Dokumente beisammen hatte, suchte Termosesow seine Mütze. »Ich werde draußen im Wagen schlafen,« sagte er, »hier ist es zu schwül für zwei.«

»Wollen Sie mir nicht erst meinen Brief wiedergeben?«

»Fällt mir gar nicht ein. So war es nicht gemeint.«

»Ja, wozu brauchen Sie ihn noch?«

Termosesow lachte.

»Wollen Sie noch Geld dafür haben?«

»Nein, ich bin nicht habgierig, ich habe genug.«

»Pfui, was sind Sie für ein …«

»Vieh, wollen Sie sagen? Bitte, bitte, genieren Sie sich nicht. Ich höre nicht hin und gehe schlafen.«

»So beantworten Sie mir wenigstens noch nur eine Frage: wo sind die verschwundenen Brillanten der Biziukina?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Sie … Sie waren doch irgendwo mit ihr … in einer Laube, – nicht wahr?«

»Was ist denn dabei? Es waren auch noch andere Leute da: der Lehrer und der Diakon.«

»Gewiß. Aber sagen Sie mir wenigstens, – sind diese Brillanten nicht irgendwo unter meine Sachen gesteckt?«

»Wie kann ich das wissen?«

»O Gott! Dieser Mensch macht mich wahnsinnig!« rief Bornowolokow in höchster Erregung.

»Noch eins,« flüsterte Termosesow und drückte Bornowolokows Arm fest zusammen. »Daß Sie sich's nicht einfallen lassen, Ihren Kusinen vorzuflunkern … denn die Briefe wurden nicht nur von mir gelesen.«

Sechzehntes Kapitel.

Die verschwundenen Brillanten der Biziukina, das Blachdnublach, die Niederlage Achillas und Prepotenskijs, die Liebelei mit Daria Nikolajewna und die Eroberung der Postmeisterin, endlich die Mattsetzung Bornowolokows, – alle diese Ereignisse, die sich in knapp vierundzwanzig Stunden abgespielt hatten, waren Termosesow selbst ein wenig zu Kopf gestiegen. Er fühlte ein unüberwindliches Verlangen nach Schlaf und streckte sich auf dem Heu des Wagens aus, wo er sofort einschlief und erst sehr spät am Morgen wieder erwachte. Die kühle Scheune, welche Termosesow zu seinem Schlafgemach gewählt hatte, blieb geschlossen und Ismail Petrowitsch rekelte sich noch lange nach dem Erwachen auf seinem Lager, kratzte sich die Fußsohlen und dachte nach.

Seine Gedanken waren insofern bemerkenswert, als das Vergangene und Geschehene für sie absolut nicht vorhanden war; ebensowenig beschäftigten sie sich mit einer der neuen Personen, gegen die Termosesow mit so kühner Ungeniertheit vorgegangen war. So seltsam das auch klingen mag, – Termosesow besaß wirklich eine gewisse Harmlosigkeit, die sich mit einer maßlosen sittlichen Laxheit und Frechheit und einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegen alle Menschen und ihr Urteil paarte. Er dachte nie daran, daß die Person, mit der er im Augenblick zu tun hatte, schon früher existiert hätte, ehe sie ihm in den Weg gekommen, und daß sie auch weiterhin existieren wolle; daß sie infolgedessen auch ihr eigenes Verhältnis zur Vergangenheit und ihre eigenen Zukunftsaussichten habe. Ihm kam es so vor, als tauchten die Menschen vor ihm auf wie Wasserblasen oder Pilze, nur für den Moment, wo er sie zu Gesicht bekam, und darum glaubte er über sie völlig nach Belieben verfügen und sie ausbeuten zu dürfen, was er denn auch in der unverschämtesten Weise tat. Hatte er aber erreicht, was er wollte, so vergaß er den andern bald ganz und gar. In seiner zynischen Redeweise drückte er das ganz naiv aus: »Wenn ich jemanden gekränkt habe, bin ich später nie böse auf ihn.« Und so war es auch. Wenn jetzt plötzlich Achilla oder Prepotenskij zu ihm in die Scheune gekommen wären, so hätte er sie ganz freundschaftlich angeredet, ohne auch nur im geringsten an die gestrigen Ereignisse zu denken. Als er auf Bornowolokow, den er längst vergessen hatte, stieß, packte er ihn: »An dem bleib' ich hängen!« meinte er. Und blieb an ihm hängen. Als er die Biziukina traf, kam's ihm in den Sinn, ihr den Hof zu machen – und er machte ihr den Hof. Als er – der Teufel mag wissen, zu welchem Zweck – ihr seine höhere politische Weisheit beibrachte, kam ihm der Gedanke, sich ihre Brillanten anzueignen, und alsbald ward dieser Gedanke ausgeführt. Dabei wurden die Brillanten so schlau versteckt, daß, falls die Biziukins es zu einer Haussuchung hätten kommen lassen, sie sich natürlich nicht bei Termosesow, sondern bei Bornowolokow gefunden hätten, der diese Kostbarkeiten fast am eigenen Leibe trug: Termosesow hatte sie nämlich in das Futter seines Mantels eingenäht. Die Person des Propstes Tuberozow beschäftigte die Gedanken Termosesows überhaupt nicht; als die Biziukina über ihn zu klagen begann, versprach er leichtfertig, den Alten aus dem Wege zu räumen, – und dann erst kam ihm die Idee, Tuberozow als Beweisobjekt für seine »Beobachtungsgabe« zu benutzen. Jetzt aber hätte keine Gewalt der Erde ihn mehr von dem hartnäckigen Streben nach Verwirklichung dieses Planes abbringen können.

Hätte der alte Propst dies gewußt, er würde die ihm zugedachte Rolle als bitterste Kränkung empfunden haben. Allein er hatte keinerlei Ahnung von dem, was ihm bevorstand, und fuhr auf seinem Klapperwagen von Dorf zu Dorf, von Kirche zu Kirche, durchwanderte weite Waldstrecken zu Fuß, ruhte auf Wiesen und an Feldrainen und schöpfte neue Kraft aus der Berührung mit der Mutter Natur.

In der Stadt aber war inzwischen, dank den unermüdlichen Bemühungen Termosesows, die Schlinge schon ausgelegt. Die Beschwerde des Kleinbürger Danilka war den Instanzenweg gegangen, eine Bagatelle war zu einer Angelegenheit geworden, die auf gesetzlichem Wege entschieden werden mußte.

Siebzehntes Kapitel.

Die aufregenden Berichte vom Mißgeschick des Diakons Achilla und davon, daß man auch ihn, den Propst selbst, in diese nichtige Sache verwickelt hatte, trafen den Vater Sawelij in einem weit abgelegenen Kirchdorf, von dem er wenigstens zwei Tage zu reisen hatte, bis er die Stadt erreichte.

Es war unerträglich heiß. Vom letzten Dorf, in dem Tuberozow übernachtet hatte, waren es noch etwa fünfzig Werst bis zur Stadt. Der Propst war ziemlich spät ausgefahren und hatte noch kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als die Hitze so groß wurde, daß Tuberozow seine armen, von Schweiß und Schaum triefenden braunen Pferdchen gar nicht mehr ansehen mochte. Er beschloß deshalb, noch einmal Halt zu machen, um die Tiere zu füttern und sie ausruhen zu lassen. Aber keine Herberge wollte er aufsuchen: er erinnerte sich eines wunderschönen Plätzchens am Waldrand, der sogenannten »Zaunkönigshöhe«, dorthin zog es ihn, um in der Kühle zu rasten.

Von dem weiten flachen Abhang, der sich hier niedersenkt, erblickt man auf einer Entfernung von mehr als zwanzig Werst die goldenen Kuppeln der städtischen Kirchen, während der jahrhundertealte Wald sich im Rücken endlos hinzieht. Tiefe Stille und Ruhe herrschen hier.

Von der Glut ermattet, hatte Tuberozow eben den Wagen verlassen, als ihn ein ungemein wohliges Gefühl übermannte. Trotz der ringsum herrschenden Hitze strömte das dichte dunkelblaue junge Eichengehölz eine belebende Kühle aus. An den elastischen, wie in grünes Wachs getauchten Blättern der Jungeichen war kein Stäubchen zu entdecken. Überall warme, weiche, beruhigende Farben. Unter den bunten krausen Blättern des Farnkrautes guckt die leuchtendrote Wolfsbeere hervor. Von der Sonne vergoldet, reckt sich ein trockener Haselstrauch in die Luft, und auf dunkelbraunem Torfboden erheben sich ganze Pilzfamilien, zwischen denen rote Steinbeeren wie Korallen glänzen.

Während Pawliukan, in Unterwäsche und Weste, die erhitzten Pferde ausspannte und umherführte, ging der Propst ein wenig im Walde spazieren. Er holte sich aus dem Wagen einen kleinen Teppich und trug ihn zu einer grünen Vertiefung, aus der lärmend und schäumend eine Quelle sprang. Hier wusch er sich mit dem frischen Wasser und streckte sich zur Ruhe auf dem Teppich aus. Das gleichmäßige Murmeln des Baches und die Kühle umwehten wohltuend das von der Hitze ganz benommene Haupt des Alten, und ohne es selbst zu merken, war er wider seinen Willen eingeschlafen. Der Schlaf war stärker, er warf ihn nieder und hielt ihn fest. Er wollte dem Pawliukan etwas sagen, aber der Schlaf hielt ihm mit weicher Hand den Mund zu.

Der Traumgott hatte den Propst so in seiner Gewalt, daß Pawliukan ihn vergebens an den Schultern rüttelte, um ihn zum Essen einer vorzüglichen Grütze aus Buchweizen und frischen Pilzen aufzufordern. Tuberozow blinzelte nur mit den Augen: »Iß, mein Lieber, ich schlafe so süß,« – und lag alsbald in noch tieferem Schlummer.

So verzehrte Pawliukan sein Mittagessen allein und folgte dann dem Beispiel seines Vorgesetzten. Auch die Pferde wurden still, ließen die Köpfe hängen und schlummerten ein.

Ringsum schien alles in einem Zauberschlaf zu liegen. Eine so tiefe Stille herrschte, daß ein Hase, der aus der Waldestiefe hinausgesprungen kam und sich, leise mit dem Schnurrbart wackelnd, auf die Hinterbeine setzte, plötzlich ganz verlegen wurde und mit weit zurückgeworfenen Ohren eiligst wieder im Walde verschwand.

Tuberozow ertappte sich beim Erwachen dabei, daß seine Lippen mit großer Anstrengung die Worte »guten Tag« herausbrachten – allem Anschein nach als Erwiderung auf einen Gruß.

»Wen begrüße ich da? Wer war hier bei mir?« fragte er sich, den Schlaf abschüttelnd. Und es wollte ihn bedünken, als hätte soeben jemand neben ihm gestanden, kühl und still, in einem Gewande von der Farbe einer reifenden Pflaume … So deutlich empfand er alles, daß er sich schnell, auf den Ellbogen gestützt, aufrichtete, aber nur den schlafenden Pawliukan, seine braunen Pferde und den Wagen sah. Der langen Ruhe satt, suchte das Seitenpferd sich den Halfter vom Kopfe zu streifen. Es trat zur Seite, warf sich nieder, wälzte sich im Grase, stand wieder auf und reckte witternd den Hals. Tuberozow war noch immer im Halbschlaf. Das Pferd ging weiter, bückte sich nach dem dichten Grase am Waldrand und biß die Spitze eines jungen Eichbäumchens ab. Endlich kam es bis zu dem mit wildem Klee bewachsenen Grenzpfad und zog die warme Luft ein. Sawelij sah immer noch vor sich hin und konnte seinen Zustand nicht begreifen. Es war weder Schlaf noch Wachen. Die Feuchtigkeit seines Ruheplatzes schien ihn betäubt zu haben; ihm war, als wogten Dämpfe in seinem Kopf. Er rieb sich die Augen und blickte in die Höhe: droben im Blauen über seinem Kopfe schwebte ein Rabe. Oder war es ein Geier? Nein, es mußte ein Rabe sein. Er hielt sich fester und zog weitere Kreise … Jetzt kam es von oben herab wie eine hingeworfene Handvoll Erbsen: ku–urlu. So schreit nur ein Rabe. Wonach mag er spähen? Was will er? Vielleicht ist er des Kreisens müde und möchte von dem Wasser unten trinken. Tuberozow kam eine Legende in den Sinn, die sich auf diese Quelle bezog. Sie sollte einen wunderbaren Ursprung haben. Das reine durchsichtige Becken der Quelle glich einer in die Erde gegrabenen Schale von Kristall, welche einem Blitzstrahl ihre Entstehung verdankte, der vom Himmel kam und tief in das Innere der Erde drang. Gerade an der Stelle, wo vor sehr, sehr langer Zeit ein vom Kampf ermatteter russischer Held hingesunken sein sollte, den eine gewaltige Übermacht der Ungläubigen von allen Seiten umzingelte. Rettung schien für den Ritter, der allein war, ganz unmöglich. Er flehte zum Heilande, daß er ihn vor schimpflicher Gefangennahme bewahre. In demselben Augenblick, so berichtet die Sage, zückte aus völlig klarem Himmel ein Blitzstrahl nieder und sprang wieder in die Höhe. Ein Donnerschlag folgte, so gewaltig, daß die Rosse der Tataren in die Knie sanken und ihre Reiter abwarfen. Als sie sich erhoben, war der Ritter verschwunden. An der Stelle aber, an welcher er sich eben noch befunden, stieg, schäumend und wie tausend Diamanten glitzernd, ein mächtiger Strahl kalten Quellwassers in die Höhe; in wildem Zorn peitschte er die Wände des Erdkessels und als silbernes Bächlein floß er weiter über die grüne Wiesenfläche.

Ein Wunder dünkt diese Quelle allen und das Volk behauptet, ihrem Wasser sei eine Zauberkraft eigen, die selbst die Tiere und die Vögel kennen. Alle wissen das, allen ist es bekannt, denn alle fühlen hier die immerwährende geheimnisvolle Gegenwart des entrückten Glaubenskämpen. Hier tut der Glaube Wunder und darum ist alles hier so mächtig und so stark, vom Gipfel der hundertjährigen Eiche bis zum Pilz, der sich zwischen ihren Wurzeln verbirgt. Sogar das scheinbar ganz Abgestorbene wird hier wieder lebendig: Da steht der dünne, vertrocknete Haselstrauch; er ist vom Blitz gestreift, aber auf der Rinde, dicht über der Wurzel, bemerkt man, wie mit grünem Wachs aufgestrichen, ein »Peterskreuz«, und von hier wird bald ein neues Leben ausgehen … Ja, die Gewitter sollen hier böse sein, heißt es.

»Freilich, freilich, es gibt bekanntlich solche Gegenden mit außerordentlich starker elektrischer Spannung,« dachte Tuberozow, und es kam ihm vor, als bewegten sich die grauen Haare auf seinem Kopfe. Kaum war er aufgestanden, so erblickte er nur wenige Schritte entfernt ein kleines blaßgelbes Wölkchen, dessen Umrisse sich fortwährend veränderten, während es langsam den Grenzpfad entlang kroch, auf dem sich das freigekommene Pferd herumtrieb. Es schien direkt auf das Pferd loszusteuern. Aber als es bis zu ihm gekommen war, fing es plötzlich zu hüpfen an, wirbelte empor und zerflatterte, wie der Rauch aus einem Kanonenrohr. Das Pferd schnaufte wild und stürmte, kaum den Boden berührend, angsterfüllt vorwärts.

Tuberozow sprang hastig auf, weckte Pawliukan, half ihm auf das andere Pferd klettern und schickte ihn dem Flüchtling nach, von dem schon jede Spur verschwunden war.

»Beeil dich, hol es ein,« sagte Sawelij zum Subdiakon und warf einen Blick auf seine silberne Uhr: es war etwas über drei Uhr nachmittags.

Der Alte setzte sich barhäuptig in den Schatten, gähnte und fuhr plötzlich zusammen, da er in der Ferne ein schweres Dröhnen vernommen zu haben glaubte.

»Was ist das? Ein Gewitter?«

Er stand wieder auf, ging an den Waldrand hinaus und sah, daß von Osten her wirklich eine dunkle Wolke heraufzog. Das Gewitter überraschte ihn ganz allein.

Noch ein Schlag! Das Feld wogte heftiger und kalt wehte es darüber hin.

An die schwarze Wolke, welche den Osten ganz bedeckte, rückten von unten her kleinere Wolkenballen heran, gleichsam von ihr heraufgezogen wie Kulissen. Ab und zu brach eine Flamme zwischen ihnen durch. So überschaut ein Zauberkünstler, der eine schauerliche Vorstellung geben will, mit der Laterne in der Hand, noch einmal die dunkle Bühne, bevor er alle Lichter anzündet und den Vorhang hochzieht. Die schwarze Wolke kroch weiter und je näher sie rückte, desto undurchdringlicher schien sie. Vielleicht läßt der liebe Gott sie vorüberziehen? Vielleicht entlädt sie sich irgendwo weiter draußen? Doch nein! Schon zuckt über ihren oberen Rand leise ein feuriger Streif und Blitze flimmern und flackern plötzlich leuchtend durch die ganze finstere Masse. Die Sonne ist nicht mehr zu sehen: Wolken haben ihre Scheibe bedeckt, ihre langen, degenartigen Strahlen zucken noch einmal hell auf, um dann auch zu verschwinden. Ein Wirbelwind erhebt sich pfeifend und dröhnend. Wie Fahnen flattern die Wolken. Über das reifende Roggenfeld laufen weiße Flecken wild hin und her. Einer scheint unmittelbar vom Himmel herabzufallen, ein anderer setzt sich dick und breit hin. Plötzlich laufen beide auf einander los, fließen in eins zusammen und verschwinden. Am Feldrain schüttelt der Wind die Ähren so seltsam, daß man meinen könnte, es wäre nicht der Wind, sondern ein lebendes Wesen hätte sich am Boden versteckt und treibe wütend seinen Unfug. Der Wald ist voll Lärm. Eine Zickzacklinie flammt über dem Walde auf; eine andere zuckt hoch über den Wipfeln, und dann wird es still … ganz still! … Kein Blitz, kein Wind: alles ist wie gebannt. Das ist die Stille vor dem Sturm: alles, was noch nicht Zeit gehabt hat, sich vor dem Unwetter zu verstecken, sucht diesen letzten stillen Augenblick noch auszunutzen: ein paar Bienen fliegen an Tuberozow vorüber, es ist, als flögen sie nicht, sondern als würden sie von einem Windstoß fortgerissen. Aus dem dunklen Gesträuch, das jetzt ganz schwarz erscheint, hüpfen ein paar erschrockene Hasen heraus und legen sich in eine Furche. Über das Gras, das bei der Beleuchtung grau wie Asphalt aussieht, rollt ein silberner Knäuel und verschwindet unter der Erde. Es war ein Igel. Alles verbirgt sich, so gut es kann. Da als letzter stürzt sich auch der Rabe, welcher vorhin so hoch schwebte, die Flügel hart an den Rücken gedrückt, hinab auf den Wipfel eines hohen Eichbaums, wo man ihn jetzt schwerfällig rascheln hört.

Achtzehntes Kapitel.

Tuberozow war nicht furchtsam, aber sehr nervös, und solche Menschen werden bei starken elektrischen Entladungen von einer unwillkürlichen und unbezwinglichen Unruhe befallen. Diese Unruhe verspürte auch er, als er sich umschaute und überlegte, wo er wohl am besten vor dem Gewitter, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstand, geschützt wäre.

Seine erste Bewegung war, nach seinem Wagen zu laufen, einzusteigen und sich zuzudecken; aber kaum hatte er hier Platz genommen, so begann es im Walde zu knarren und zu krachen, und der Wagen wurde hin und her geschüttelt, wie eine Kinderwiege. Auf diesen Unterschlupf war also kein Verlaß: der Wagen konnte sehr leicht umgeworfen werden und ihn erdrücken.

Tuberozow sprang wieder hinaus und lief ins Kornfeld. Der Wirbelwind packte ihn bald von vorn, bald von der Seite, zwang ihn, stehen zu bleiben, riß ihn an den Schößen zurück, pfiff, trompetete, winselte und brüllte ihm in die Ohren.

Tuberozow lief wieder zur Quelle. Aber in dem Kristallbecken herrschte eine noch größere Unruhe: das Wasser brauste und kochte, und durch die Kreise, die es bildete, schien ein in der Tiefe verborgenes Wesen sich emporarbeiten zu wollen. Plötzlich flammte es über der dunkeln, bleiernen Wassermasse blutigrot auf. Es war ein Blitzschlag, aber was für ein seltsamer Schlag! Wie ein Pfeil fuhr er, in zweimaligem Zickzack gebrochen, von oben herab, spiegelte sich im Wasser wider und wirbelte im selben Augenblick, ebenso gezackt, wieder zum Himmel empor, als hätten Himmel und Erde einen feurigen Gruß getauscht. Ein knatternder Schlag folgte, als stürzten sämtliche Dachplatten von einem Hause herab, und eine gewaltige Wolke von Wasserstaub und Schaum sprudelte springbrunnenartig aus der Quelle empor.

Tuberozow legte die Hände vor das Gesicht, sank auf ein Knie und befahl Seele und Leben dem Allmächtigen. Jetzt brach auf den Feldern und im Walde eine jener Gewitterkanonaden los, welche dem Menschen seine völlige Hilflosigkeit gegenüber den Naturgewalten so besonders klar vor Augen führen. Blitze flammten auf. Krachend folgte Schlag auf Schlag. Mit einem Male sah Tuberozow, wie auf den dunklen Eichenstamm vor ihm gleich einer trüben Lampe schimmernd eine Kugel zuschwebte. Mitten im Gezweig des Baumes leuchtete der Funke plötzlich in blendendem Lichte auf, wuchs zu einem großen Klumpen und zerstob. Ein furchtbares Getöse erschütterte die Luft, dem alten Manne ging der Atem aus, um seine Finger und Zehen drehten sich glühende Ringe, der Körper reckte sich krampfhaft empor, knickte zusammen und fiel hin …

Ein Bewußtsein erfüllte ihn noch: daß alles zusammenbrach. Daß das Ende nahe! Weiter konnte er nichts denken … Als er zu sich kam, wußte er nicht, wieviel Zeit seit dem Augenblick vergangen war, da der Schlag ihn getroffen, und wie lange er bewußtlos gelegen hatte. Er hörte nur noch ein letztes, dumpfes, langsames Rollen weit droben, – dann trat völlige Ruhe ein. Das Wetter zog ab. Sawelij hob den Kopf, blickte um sich und bemerkte in seiner nächsten Nähe auf dem Boden etwas Riesiges, Unförmiges. Es war ein Haufen Zweige, der Wipfel des gewaltigen Eichbaums. Wie mit einem Messer war der Baum dicht über der Wurzel abgeschnitten und lag auf der Erde. Aus seinem Gezweig, das sich mit den Kornähren des Feldes mischte, erklang das widerliche Kreischen des Raben, der mit dem Baum gestürzt war. Ein schwerer Ast hatte ihn an die Erde gedrückt, und nun riß er seinen purpurroten Rachen weit auf, zuckte in Krämpfen und schrie verzweifelt.

Angewidert durch dies Schauspiel sprang Tuberozow mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit zur Seite, als wäre er nicht siebzig Jahre alt, sondern siebzehn.

Neunzehntes Kapitel.

Das Gewitter hatte sich ebenso schnell verzogen, wie es gekommen war. An Stelle der schwarzen Wolke hob sich vom blauen Grunde ein rosiger Streifen ab. Auf dem nassen Hafersack, der auf dem Bock des Wagens lag, saßen schon fröhlich zwitschernde Spatzen und zogen frech nasse Körner durch die Löcher der feuchten Leinewand. Der Wald wurde wieder lebendig. Irgendwoher kam ein leises, einschmeichelndes Pfeifen, und auf den Rain ließ sich laut girrend ein Taubenpärchen herab. Das Weibchen streckte seinen Flügel über dem Boden aus, strich ihn mit seinem roten Pfötchen und richtete ihn segelartig empor, um sich vor dem Freunde zu verbergen. Der Tauber blies den Kropf auf, machte eine tiefe Verbeugung und sagte gefühlvoll: »Nur du!« Auf diese Begrüßung folgten Küsse, und fieberhaft bebten die Flügel im dichten Gewirr der Wermutstauden. Das Leben nahm wieder seinen Lauf. Pferdegetrappel ertönte in nächster Nähe: Pawliukan kam zurück. Er ritt auf dem einen Pferde und führte das andere am Zügel.

»Nun, lebt Ihr noch, Vater!« rief er lustig, auf den Wagen zureitend und absteigend. »Ich eilte, was ich konnte, daß Ihr nicht allein vom Unwetter überrascht würdet, aber wie der Donner plötzlich so dreinfuhr, da bin ich, müßt Ihr wissen, vom Pferde runter einfach platt auf den Boden gefallen … Und hier hat's ja den Eichbaum abgeschnitten!«

»Ja, mein Freund, das hat es. Aber laß uns nun anspannen und fahren.«

»Gott, muß das eine Gewalt gewesen sein!«

»Ja, Freund, aber fahren wir.«

»Es weht jetzt so ein frischer Wind, da wird sich's herrlich fahren.«

»Ja, herrlich, aber spann nur schnell an.«

Und Tuberozow machte sich in seiner Ungeduld selbst an die Arbeit.

In wenigen Minuten waren die im Regen gebadeten Pferde angespannt, und der Wagen des Propstes sauste dahin, fröhlich in den zahllosen Lachen des furchenreichen Landweges plätschernd.

Die Luft war wunderbar frisch und rein. Ein warmes Licht lag über der Landschaft. Leichter Dampf stieg von den Feldern auf. Es roch nach feuchten Haselzweigen. Tuberozow fühlte sich in seinem Wägelchen so wohl wie seit langem nicht. Er zog immer wieder tief Atem und freute sich, daß er es so leicht konnte. Er kam sich vor wie ein Adler, dem neue Flügel gewachsen waren.

Vor der Stadt begrüßte ihn helles Glockengeläute, das die Andächtigen zum Vespergottesdienste rief.

Zwanzigstes Kapitel.

Der Wagen Tuberozows rollte in den Hof.

»Ach Gott, Vater Sawelij, wie hab' ich mich um dich gebangt!« schrie Natalia Nikolajewna und stürzte ihrem Gatten entgegen. »Das furchtbare Gewitter, – und du warst ganz allein, mein Herz!«

»Ja, Liebste, ich war nur einen Schritt vom Tode entfernt.«

Und der Propst erzählte seiner Frau alles, was er an der Quelle erlebt hatte, und fügte hinzu, daß er von nun an gleichsam ein zweites Leben lebe, nicht mehr sein eigenes, sondern das eines andern. Es sei ihm dies eine Lehre und zugleich ein Vorwurf, nie an die Vergänglichkeit und Nichtigkeit seines kurzen Lebens gedacht zu haben.

Natalia Nikolajewna zwinkerte nur mit den Äuglein und sagte seufzend:

»Willst du jetzt nicht etwas essen?« – Und als der Gatte daraufhin nur verneinend den Kopf schüttelte, fragte sie, ob er Durst habe.

»Durst?« wiederholte Sawelij. »Ja, ich dürste.«

»Willst du Tee?«

Der Propst lächelte, küßte seine Frau auf den Scheitel und sagte:

»Nein, mich dürstet nach Wahrheit.«

»Ei was! Dank sei deinem Gotte! Alles, was du tust, ist gut.«

»Schon recht, schon recht, – aber jetzt will ich mich waschen. Und du erzählst mir indes, was sie hier mit dem Diakon anstellen.«

Und der Propst trat vor das glänzende kupferne Waschgerät und wusch sich, und Natalia Nikolajewna berichtete ihm alles, was sie von Achilla wußte, und zog daraus den Schluß, es werde damit nichts anderes bezweckt, als ihm, ihrem Manne, etwas Böses anzutun.

Der Propst schwieg. Als er seine Toilette beendet hatte, nahm er Hut und Stab und begab sich zur Kirche, wo der Vespergottesdienst bereits begonnen hatte.

Fünf Minuten später stand er im Altarraum seitwärts vom Opfertisch am Fenster und schrieb etwas auf ein Blatt Papier, welches er gegen das schräge, von der untergehenden Sonne hell beleuchtete Fensterbrett stützte. Was mag er da schreiben? Wir können es über seine Hand hinweg ganz gut lesen. Folgendes stand auf dem an den Polizeichef Porochontzew adressierten Blatte: »Da ich die Absicht habe, morgen anläßlich des hohen Festtages eine feierliche Messe in der Domkirche abzuhalten, so erachte ich es für meine Pflicht, Euer Hochwohlgeboren davon in Kenntnis zu setzen, und knüpfe daran die ergebenste Bitte, heute noch rechtzeitig allen Beamten davon schriftlich, gegen Empfangsbestätigung, Mitteilung zu machen, damit dieselben in der Kirche erscheinen können. Insonderheit bitte ich dieses denjenigen Herren Beamten zu empfehlen, die am meisten dazu neigen, diese ihre Pflicht zu vernachlässigen, denn ich bin entschlossen, über das schlechte Beispiel, das sie damit geben, der Obrigkeit unverzüglich Bericht zu erstatten. Den Empfang dieses Schreibens bitte ich Euer Hochwohlgeboren mir gütigst bestätigen zu wollen.«

Der Propst ließ sich das Botenbuch bringen, setzte eine Nummer auf sein Schreiben, trug es eigenhändig ins Buch ein und schickte den Glöckner damit zu Porochontzew.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Die Nacht, welche diesem Abend im Hause Sawelijs folgte, erinnert uns an jene, da wir den Alten über seinem Tagebuche sahen: er war ebenso allein in seiner Stube, ging ebenso auf und ab, setzte sich ebenso hin, schrieb und sann nach, – aber sein Buch lag diesmal nicht vor ihm. Auf dem Tisch, an den er immer wieder herantrat, lag ein kleines doppelt gefaltetes Blättchen, und auf dieses Blättchen setzte er in winziger, aber doch deutlich lesbarer Schrift folgende fragmentarische Notizen:

»Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne.«

»Übliche Einleitung: meine gestrige Lage während des Gewitters. Der Rabe: wie er sich vor dem Unwetter in der mächtigen Eiche verbergen wollte und den Tod dort fand, wo er Rettung gesucht hatte.

Wie lehrreich mir das Beispiel dieses Raben scheint. Ist das Heil dort, wo wir es wähnen, die Not dort, wo wir sie fürchten?

Unser maßloses Grübeln, das die Vernunft zu seinem Sklaven macht. Die Gelehrsamkeit, welche die Möglichkeit einer Erkenntnis des bisher Unfaßbaren leugnet.

Die Unvollkommenheit und die Unsicherheit unseres Wissens von der Seele. Das mangelnde Verständnis für die Natur des Menschen und die daraus folgende leidenschaftslose Gleichgültigkeit gegen Gut und Böse und die falsche Beurteilung menschlicher Handlungen: Rechtfertigung des nicht zu Rechtfertigenden und Verurteilung des Lobenswerten. Verdient Moses, der den Ägypter schlug, vom verkehrten Standpunkt gewisser Liberaler, die das heiße Vaterlandsgefühl verwerfen, nicht Tadel? Verdient Judas der Verräter vom Standpunkt der ›blind im Gesetz Ruhenden‹ nicht Lob, da er doch ›das Gesetz eingehalten‹, als er seinen Meister verriet, den die Machthaber verfolgten? (Innozenz von Cherson und seine Auslegung.) Auch unsere Tage sind reich an Verführung: Vorwürfe gegen jene, die den Listen der heimlichen Feinde des Staates nicht gleichgültig gegenüberstehen können. Der große Verlust der Sorge um das Heil des Vaterlandes und als letztes Beispiel die Nachlässigkeit in der Erfüllung der Gebetspflichten an den großen Festtagen des Volkes, die zur bloßen Formalität geworden sind.

Auslegung der Worte: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige‹ in dem Sinne, ›daß wir ein geruhig und stilles Leben führen mögen‹ (St. Paulus). Welchen Wert hat ein solches Leben? Beispiel: Rehabeam nach Salomo, umringt von Freunden und Gespielen, die vor sein Antlitz treten und ihm arglistig vorstellen, daß die Last des Volkes erleichtern eine Erniedrigung seiner eigenen königlichen Würde bedeute, – und wie er infolge ihres Rates die Not Israels vergrößerte.

›Mein Vater hatte ein schweres Joch auf euch gelegt; ich aber will zu eurer Last noch zulegen‹ (1. Kön. 11, 12). Das Unglück, das dadurch entstand und die Teilung des Reiches.

Hieraus geht klar hervor, daß wir wünschen und beten müssen, daß das Herz des Herrschers sich in niemandes Händen befinde, es sei denn in den Händen Gottes.

Wir aber achten in unserer Sündhaftigkeit dieser Sorge nicht, und wenn ich an einem solchen Tage das Gotteshaus nicht leer sehe, so weiß ich erst gar nicht, wie ich das deuten soll! Ich suche nach Gründen und sehe, daß sich dieses einzig durch die Angst vor meiner Drohung erklären läßt, und daraus schließe ich, daß alle diese Beter ungetreue und faule Knechte sind, und daß ihr Gebet kein Gebet ist, sondern ein Schacher, ein Schacher im Tempel, angesichts dessen unser Herr und Heiland Jesus Christus nicht nur in seinem göttlichen Geiste ergrimmte, sondern auch eine Geißel nahm und sie aus dem Tempel vertrieb.

Seinem göttlichen Beispiele folgend, tadle und verurteile ich diesen Gewissensschacher, den ich im Gotteshause vor mir sehe. Der Kirche ist das Gebet solcher Mietlinge ein Greuel. Vielleicht sollte auch ich eine Geißel ergreifen und die Krämer hinaustreiben, die sich heut in diesem Tempel breit machen, auf daß kein treues Herz Ärgernis nehme an ihrer Arglist … Doch mag mein Wort ihnen als Geißel dienen. Mag lieber das Gotteshaus leer stehen, mich soll das nicht irren: ich will auf meinem Haupte den Leib und das Blut meines Herrn in die Wüste tragen und vor den wilden Steinen im Meßgewande singen: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne,‹ – auf daß Rußland in Ewigkeit erhalten bleibe, dem Du wohlgetan zu allen Zeiten!

Schlußwort: Laß, o Herr und Schöpfer, unser Land nicht zum Gespötte der Fremden werden, um der Arglist seiner gewissenlosen und ungetreuen Diener willen!«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Das war der Entwurf zu einer Predigt, die Sawelij am folgenden Tage zu halten beabsichtigte und auch wirklich vor der versammelten Beamtenschaft hielt, – um damit nicht nur seiner Tätigkeit als Prediger, sondern auch seiner ganzen Amtstätigkeit ein jähes Ende zu bereiten.

Die Intelligenz von Stargorod war der Meinung, es sei keine Predigt, sondern ein Aufruf zur Revolution, und wenn der Propst weiterhin so reden würde, werde sich bald kein Beamter auch nur auf der Straße zeigen dürfen. Sogar die besten Freunde Sawelijs warfen ihm unvorsichtige Aufhetzung der Leidenschaften des Pöbels vor. Eine Ausnahme machten nur die beiden Fremden: Bornowolokow und Termosesow. Sie hatten die Predigt ebenfalls angehört, aber nichts dazu gesagt und keinerlei Verstimmung gezeigt. Im Gegenteil, als sie aus der Kirche kamen, war Termosesow mit gefalteten Händen auf Bornowolokow zugegangen und hatte mit freudestrahlendem Gesicht gesagt: »Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren.«

»Was soll das heißen?« fragte der Vorgesetzte.

»Das soll heißen, daß ich Sie verlasse. Leben Sie wohl und lassen Sie sich's gut gehen, aber erweisen Sie mir noch einen letzten Liebesdienst: melden Sie der Obrigkeit, der Pope, über den Sie schon einmal berichteten, hätte heute, aller Ehrfurcht bar, die einem so hohen Festtage geziemte, eine äußerst empörende Rede gehalten, über welche der von Ihnen eigens dazu abdelegierte Sekretär Termosesow die Ehre haben werde, persönlich eingehend Bericht zu erstatten.«

»Hol Sie der Teufel! Schreiben Sie's auf, ich will's unterzeichnen.«

Die Freunde wollten sich eben voneinander verabschieden, als der Kleinbürger Danilka, bleich und entsetzt, von Wasser triefend, in zerfetztem Hemde hineingestürzt kam, Bornowolokow zu Füßen fiel und jammerte:

»Gnädiger Herr, schicken Sie mich fort, soweit Sie wollen, – aber hier kann ich nicht bleiben! Sie stehen alle am Ufer und jeder will mir in die Fresse fahren!«

Und Danilka erzählte, man hätte schon gedroht, ihn totzuschlagen, weil er sich über den Propst beschwert hätte, – und zum Beweis zeigte er sein nasses und zerrissenes Gewand; das Volk hätte ihn eben von der Brücke in den Fluß geworfen.

»Famos! Aufruhr und Empörung!« rief Termosesow freudig und setzte, mitten im Zimmer stehend, seine Mütze auf. »Sehn Sie, so macht man's!« fügte er zu Bornowolokow gewandt hinzu.

Und dann reiste er ab. Unmittelbar darauf verließ auch Bornowolokow die Stadt in entgegengesetzter Richtung, um anderweitig für Ordnung und Gesetzlichkeit zu wirken.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Schon fing man in Stargorod an, Tuberozows Predigt zu vergessen, als gegen Abend des dritten Tages ein Postkarren zwei eigentümliche Gäste in die Stadt brachte: einen langen hageren Polizeiwachtmeister und einen dicken Konsistorialbeamten, rund und schwammig, wie ein Bauernpfannkuchen, mit einem winzigen Knöpfchen als Nase.

Es waren die Sendboten, die nach Sawelijs Seele kamen: Unter ihrer Obhut sollte der Propst in die Gouvernementsstadt gebracht werden. In einer halben Stunde wußte es die ganze Stadt. Vor dem Hause Tuberozows stand bald eine große Menschenmenge, und nach einer Stunde ging die Tür des Hauses auf, aus der Vater Sawelij völlig reisefertig heraustrat. Natalia Nikolajewna ging neben ihm, ihr Taubenköpfchen an seinen Ellbogen drückend.

Sie hatten sich gegenseitig zu beruhigen gewußt und jetzt offenbarte auch nicht eine Träne ihre etwaige Schwäche.

Das Volk, das auf den Propst gewartet hatte, drängte lärmend vorwärts. Tuberozow nahm den Hut ab und verneigte sich tief nach allen Seiten.

Der Lärm verstummte; vielen traten die Tränen in die Augen und alle bekreuzigten sich.

Der mit drei Pferden bespannte Postwagen, welcher bisher, auf Befehl des zartfühlenden Polizeichefs, hinter dem Hause verborgen gestanden hatte, fuhr vor.

Der Propst setzte den Fuß auf den Tritt und faßte mit der Hand die Lehne des Wagensitzes. In diesem Augenblick griff ihn der Wachtmeister unter den Ellbogen und der Konsistorialbeamte zog ihn an der andern Hand empor … Von Ekel erfaßt fuhr der Alte zusammen. Sein Kopf begann heftig zu wackeln wie der einer Puppe, die eine Drahtfeder im Halse hat.

Natalia Nikolajewna trat neben ihren Mann, faßte seine Hand und flüsterte: »Schone dein Leben, Liebster!«

Tuberozow sah sie an und erwiderte:

»Sei unbesorgt. Das Leben ist schon zu Ende. Jetzt beginnt das Erdenwallen.«

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings