KAPITEL XV. SCHLUSS.
Reading edition
Nicht Jeremias Klagereden, sondern Esras Taten haben das Judentum erhalten.
Tänzer.
Nietzsche drückte sich einst drastisch aus: „Wenn die Statistik nichts anderes könne als zu beweisen, dass es Gesetze in der Geschichte gäbe, dann hole die Masse und die Statistik der Teufel.” Mit ihm will ich nicht rechten. Aber mit denen, die überall eine Moral angeklebt haben möchten oder gar mit denen, die immer von einer glücklichen Zukunft träumen.
Von jedem Arzt, der am Krankenlager die Diagnose stellt, verlangt man eine Therapie. Vom Tode gezeichnete Kranke wollen noch Genesungstropfen. Die Natur hat deshalb die Euphorie vorgesehen, die den Absterbenden in eine gehobene Stimmung versetzt, ihnen ein Traumbild von Gesundheit und Genesung vorgaukelt.
So lange das Gesetz von Ursache und Wirkung unerbittliche Wahrheit bleibt, hofft nur der Einfältige auf Zufälliges. Zufälligkeit ist das, was wir nicht zu erklären verstehen. Aber der Weg von der Fülle der Fruchtbarkeit zur Kinderarmut, von der Inzucht zur Vermischung, von dem märtyrerfreudigen Sich-hingeben an die Gemeinschaft zum feigen Verleugnen und willenlosesten Fahrenlassen sind Symptome und Stigmata eines großen Prozesses, dessen Stationen wir überblickten, deren Triebkräfte, Hebel und Gewalten wir befunden haben. Die Emanzipation hat die Schleusen geöffnet und den Strom der neuen Ideale in das Ghetto hineingelassen; das moderne Wirtschaftsleben, das Zeitalter des werbenden Kapitals, der Fabriken und der Technik haben ökonomische Umwälzungen bedingt. Sollen weitere Veränderungen, neue Wirtschaftsprobleme, politische Einflüsse, geistige Vorstellungen und soziale Umwallungen ein Nichts bedeuten?
Gewiß! Wenn sich aber auch von Grund auf das Bild der deutschen Judenheit ändert. Nehmt der ökonomischen Schwere den ganzen Druck (und nicht ein Gramm weniger) und kümmert euch (nicht wie impotente Moralisten) um den starken Trieb der Menschen.
Gebt aber auch der Masse, die sich national und religiös entkleidet hat, keine neuen Surrogate, harmlosen Ersatz, Kinkerlitzchen und Firlefanz. Bringt ihr hebräische Sprache und Kultur, eigene Sitte und Gesetz und zwingt den letzten, dessen kollektives Interesse erlöschen könnte, mit fester Hand, daß er sich nicht entwinden kann, in ein marschfähiges Ganze. Genug der frommen Ermahnungen und des tatenlosen Hoffens. Das Uebel (sit venia verbo) ist viel zu fest mit der ganzen Kultur verankert, als daß man es mit Reden oder Schriften ändern könnte.
Der Appell an den Idealismus in Ehren: Hat nicht das offizielle Judentum auch im vorigen Jahrhundert für die altjüdischen Ideale gekämpft? Gab es nicht ein Heer von Vorständen, Rabbinern, Lehrern, Schriftstellern, die für die Erhaltung und Erneuerung tagtäglich warben? Hat nicht die Pogromgefahr Tausende aufgeschreckt, die ihr Sein längst vergessen hatten? Hat aber das Leben nicht stärker gewirkt und selbst die Orthodoxie von der Frühehe verjagt? Gut, weckt mit Posaunen die Hunderttausende aus der Apathie und Lethargie, erfüllt sie mit neuem religiösen und nationalen Willen. Vor allem schafft ein gesundes Volkstum, Möglichkeiten normalen Liebeslebens, ökonomische Grundlagen, kurz reformiert an Haupt und Gliedern, werdet Juden wie die der früheren Zeiten, modelt eine neue Welt in die opponierende Umwelt, macht ein neues Volk mit neuen oder alten Gesetzen — wo ihr könnt!
Esten, Irländer, und Litauer sind zu neuem nationalen Bewußtsein erweckt worden. Ihnen kam die Einheit und die Kraft des eigenen Grund und Bodens zustatten, Sprache, Sitte und Kultur, politische und wirtschaftliche Interessen, Einflüsse und Beengungen. Andere untergehende Völker fanden nicht mehr den Weg zum Leben. So die Indianer, die aus ihren alten Lebensbedingungen verdrängt, ihrer früheren Kultur entwurzelt, der modernen Civilisation kein Paroli bieten können. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Analogie ihres Schicksals mit dem der Westjuden darzulegen, aber eines gehört festgehalten. Die Indianer haben keine Kulturwerte geschaffen, der Welt keine Bibel, keine Sabbathruhe, kein Recht des Fremden und keinen Menschlichkeitsgedanken gegeben.
„Ein Volk, das von Moses bis zu den Propheten, bis Hillel und Jesus von Nazareth, von Spinoza bis Mendelssohn und Heinrich Heine bis Karl Marx und Lombroso, mit soviel Wirklichkeit und Glanz dem menschlichen Geist und der Civilisation diente, hat seine letzten Worte noch nicht gesprochen,” glaubte bereits 1911 A. Valensis in den „Dokumente des Fortschrittes” profezeihen zu können. Und weiter heisst es dort: „Auf dem Boden seiner Väter physisch neugeboren und der Verwirklichung eines alten durch die soziale Gerechtigkeit verjüngten Ideals nachstrebend, wird es der Menschheit ohne Zweifel eines Tages um so schönere und eigenartigere Früchte bieten, als sie auf den gesegneten Feldern der Freiheit gereift werden.”
Heine meinte, Gott verläßt überhaupt kein Volk, und wenn ein Volk aus Ermüdung oder Faulheit einschläft, so bestelle er ihm seine Wecker, die verborgen in irgend einer Abgeschiedenheit ihre aufrüttelnde Stunde erwarten.
Und wirklich, in den Jahren, in denen die Zersetzung das europäische Judentum erfaßte, entstand eine nationale Bewegung, welche die Juden von den Einwirkungen der europäischen Einflüsse befreien, die normale soziale Struktur und die jüdische Kultur im Lande der Väter erneuern und dort die sichernde Erhaltung der jüdischen Art bewerkstelligen will.
Und ein gesundes jüdisches Volk wird werden, allerdings abseits von den Trümmern dieser Judenheit und diese Judenheit verachtend;
Diese Pseudojudenheit mit ihrer unjüdischen Politik, mit dem Bruderkrieg aller gegen alle: der Unzahl der religiösen Richtungen, der Nationalen, der Fremdgebürtigen. —
Diese absterbende Judenheit mit unverbesserlichem, fast verbrecherischem Optimismus jener wie im Morphiumrausch Delirirenden oder der im praktischen Pessimismus und im Zynismus Frohlockenden, die rasch das sinkende Schiff verlassen. —
Diese demoralisierte Judenheit, deren Mitläufer im Indifferentismus nur den Sinn auf das eigene Wohl, den Beruf und die Genüsse des Lebens gerichtet haben.
Wie im Jahrmarktstrubel treiben unverständige Millionäre, schwerfälliger Mittelstand, flatterhafte Juden in Ghettofurcht, Angst vor Pogromen, das ganze Unglück einer anormalen Geschichte und eines unnatürlichen Lebens.
Und so bleibt das unglückliche Häuflein der deutschen Juden, schaffenslustig und wissensdurstig, von Erfolgen gesegnet und von Neid und Mißgunst verfolgt. Und ihrem Tun und Leben scheint die alte verklärende Sonne, unbekümmert um die Frage: Ob ihre Gemeinschaft erfolgreich dieses Jahrtausend durchsegeln wird zum sicheren Port, oder ob es wie ein Wrack auf hohem Meer nach vielen glücklichen und schweren Fahrten, von allen Wellen und Winden getrieben, zuletzt ziel- und zwecklos umher gepeitscht, sich mühselig über Wasser hält bis die Fluten über dem lecken Schiff zusammenschlagen.[34].....