KAPITEL IV. DAS WANDERUNGSPROBLEM.
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„Es ist klar, dass in dem beständigen Wechsel, dem die Judenschaft ausgesetzt war, nicht die behaglich bodenständigen, sondern die rastlos nomadialen Elemente diejenigen waren, die sich am widerstandsfähigsten erhielten, und darum überlebten.”
Werner Sombart.
Die deutsche Judenheit saß vor einem Jahrhundert in einer Unzahl kleiner, aber in sich geschlossener Judengemeinden des Elsaß, in Unterfranken, im Schwabenländchen und am gesegneten Rhein. Wir trafen Judendörfer in den drei Hessen; sporadisch finden wir jüdische Siedelungen in Thüringen, Westfalen, im Hannoverschen und insbesondere im Badischen. Die Stärke dieser Gemeinschaften trat zurück gegen die Bedeutung der Kolonien in der Ostmark, aus der immer wieder neue Ströme von jüdischen Menschen hervorbrachen, und seit Jahrhunderten die westlichen Gemeinden mit frischen jüdischen Impulsen versahen. Berlin, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts 3000 Juden aufwies, maß sich mit Kempen, Lissa u. a. jüdischen Gemeinden. Die Assimilation in Berlin war solange von sekundärer Bedeutung, als es hundert andere große Gemeinden gab, in denen man von der Assimilation kaum den Namen kannte. Die Kleinstadt, in der die jüdische Bevölkerung dominierte, war für die Juden von dreierlei Bedeutung:
1. Sie bot eine gleichmäßige soziale Verteilung auf verschiedene Berufe.
2. Die Nähe der Natur und das einfache Leben brachten hygienisch bessere Verhältnisse mit als das aufreibende Milieu der Großstadt.
3. Vom jüdischen Gesichtspunkt. Hier entfaltete sich ein ausgesprochenes jüdisches Leben. Hier wurden die Sabbathe gehalten, die Feste bildeten den Kulminationspunkt des Jahres, die Lebenshaltung war eine selbstverständlich rituelle. Taufen, Mischehen waren ebensolche Unmöglichkeiten, als sie in der Großstadt Selbstverständlichkeiten geworden sind.
Wie stark die Judenheit im Osten an kleinen Orten gewesen ist, läßt ein Vergleich beobachten. Es waren
in18171905
Judeninsges. Einw.in % d. B.Judenin % d. B.
1) Fordon[12] 1290 1972 65,41816,5
2) Kempen[13]24064588 52,473911,5
3) Schwersenz10911974 55,52086,6
4) Cchodziesen9061706 51,53004,7
5) Zempelbg.11602304 50,739320,3
6) Wreschen12102414 50,13866,6
7) Märkisch Friedland 11512301 502009,4
8) Hohensalza17843804 46,9 11575
9) Grätz14552983 48,82504,4
10) Lissa36447934 46196??6,2
11) Filehne12312788 44,2378
12) Zülz10502433 43,380,3
13) Kurnick7741809 42,81084,3
Erst die Ziffern des Jahres 1920 werden die volle Umgruppierung der Juden ergeben, wie sie das Beispiel des Ortes Zülz angibt. Auch ohne die Abtretung der Posenschen Provinzen an Polen wäre das ursprünglich unerschöpfliche Reservoir der deutschen Juden zum Versiegen gekommen. Noch im Jahre 1880 finden wir 100 000 Juden in den drei Ostprovinzen. 1910 gerade die Hälfte, sodaß ihr Anteil rasch verkümmert ist. Zwischen 1900 und 1910 verminderte sich z. B. die Judenheit in
Kempen um 320 Juden
Lissa„359 „
Krotoschin „200 „
Samter „50 „
So rasch löste sich die preußische Ostjudenheit auf. Ihre ehemals gesunde gewerbliche Struktur beschreibt N. M. Gelber an den westpreußischen Städten des XVIII. Jahrhunderts: „Durchschnittlich finden wir in den (s. Zeitschr. f. St. d. J. 9. Jahrg. Nr. 4) genannten Ortschaften 3-10 Brauereipächter, 2-6 Krämer, 1-10 Schneider, 1-3 Fleischer, 1-15 Kürschner, 1-4 Glaser, Barbiere usw. Es scheint, daß das jüdische Proletariat sehr stark vertreten war.”
Die Posener Kammer erfaßte Gewerbetreibende im Jahre 1797
jüdisch christlich
Schneider923676
Schlosser238638
Schankwirte und Brenner 811048
Barbiere47163
Musikanten26126
Bäcker51607
Ebenso stark waren die Juden unter den Goldschmieden, Buchbindern, Posamentieren, Mützenmachern, Knopfmachern und in anderen Gewerben vertreten. Der Einfluß der körperlichen Arbeit, das Leben in der kleinen Stadt und auf dem Dorfe brachte sie in persönlichen Konnex mit der Mutter Erde. Sowohl im Osten wie auch in Süddeutschland besaßen viele dörfische Juden Land. Mit der Abwanderung vom Land geht proportional ein Absinken der in der Landwirtschaft beschäftigten Juden vor sich. Die Verknüpfung der Juden mit dem Grund und Boden wurde gerade zu Beginn des XIX. Jahrhunderts stärker, als ihnen der Ankauf gesetzlich gestattet wurde. Häufig bestellten Handwerker und Händler, die mit Vieh, Pferden, Getreide und mit Waren einen Teil ihres Lebensunterhaltes sich erwarben, ihren Hof und ihr Feld und gewannen ihren Eigenbedarf, ihr Brot und die Kartoffeln, Milch und Eier sich selbst. —
Berechnungen haben ergeben, daß der deutsche Osten 1/4 Million Juden auswandern ließ, von denen wir ungefähr allein 100000 in Berlin wiederfinden. Die Politik Deutschlands ist oft ohne Verstand gemacht worden. Es wurde aber wenigstens Politik — wenn auch schlechte — gemacht. Die Judenpolitik fara da sé. Was kümmerte irgend einen Minister das jüdische Ostmarkenproblem. Mochte das gesunde Volksleben der Juden in der Ostmark ersterben, die deutschen Interessen dabei einen empfindlichen Schlag erleiden: Haß macht blind. — Für die Oeffentlichkeit und für die Gesamtheit der Juden selbst existierte keine jüdische Frage.
Vor vielen Jahren fand die Renegatin Fanny Lewald, die Vielgelesene, in ihrer Lebensgeschichte die beherzten Worte:
„In Frankreich und wohin die französische Herrschaft sich ausbreitete, waren die Juden emanzipiert. In Preussen lastete Unfreiheit und Verspottung auf ihnen. Es ist also natürlich, dass in jener Zeit sich in vielen Juden die Frage regte, ob Freiheit unter einem fremden Herrscher nicht der Knechtschaft unter einem heimischen Fürstenbauer vorzuziehen sei? Und es ist nach meiner Meinung nie genug gewürdigt worden, wie gross die Selbstverleugnung und die Vaterlandsliebe der Juden gewesen ist, welche sich im Jahre 1813 als Freiwillige den Kämpfen gegen Frankreich angeschlossen haben, um einem Lande seine Freiheit wieder erobern zu helfen, welches ihnen keine Freiheit, wohl aber Kränkungen und Beschränkungen aller Art dafür zum Lohne bot.”
Trotzdem ergab die Zählung in der Provinz Posen
Juden mit deutscher polnischer Muttersprache
anno 190035011176
19053003670
19102644422
Der Rückgang der Juden im Osten stellte somit einen Verlust für den deutschen Volksteil dar. Swart, einer der besten Kenner dieser Frage betont: „Die Juden haben in der Provinz Posen überall die deutsche Muttersprache und gehören kulturell und politisch zu den Deutschen ...” „Solange die Juden”, schrieb Leo Wegener, „einen großen Teil der städtischen Bevölkerung ausmachten, waren sie nicht nur in den Zweigen des Handels, sondern auch in denen des Handwerks zu finden und ließen kein polnisches Handwerk aufkommen”. Bernhard unterstrich die Bedeutung des jüdischen Elements für die Loyalität der Ostprovinzen und spricht den Auswanderern einen proletarischen Charakter zu, da sie meist ein Handwerk erlernt hätten. An einer anderen Stelle nennt Bernhard die in den letzten 20 Jahren emporgekommenen Organisationsformen der Polen, die Banken, Einkaufs-, Verkaufsgenossenschaften, Berufsvereine die Mittel, die ein polnisches Gemeinwesen schufen und zur Ertötung des deutschen und jüdischen Einflusses führten. Sogar die amtliche Denkschrift „20 Jahre deutsche Kulturarbeit” bringt den Rückgang des Deutschtums ausschliesslich mit der Abwanderung der Juden zusammen und in der im Auftrag des Vereins zur Sozialpolitik gefertigten Studie steht der vom Bürgermeister Zitzlaff von Marienwerder formulierte Satz: „Man kann über den nationalen Wert der Juden denken wie man will, jedenfalls ist die Abwanderung als Verlust auf deutscher Seite zu buchen.”
Ein jüdischer Autor (Kassel) führt die Ursache weiter aus: „Wurden die Juden heute verhöhnt, so wurden sie morgen abgestoßen. Bei dem Hin- und Herstoßen wurden die Juden jedoch wirr- und planlos, was sich durch den Mangel an jeder Organisation unter ihnen schließlich bis in die heutige Zeit hinein fühlbar machte. Hinzu kam, daß die Juden den christlich deutschen Kulturträgern eine billige Gelegenheit boten, den Aerger über das Mißglücken aller anti-polnischen Maßregeln an einem geduldigen Prügelknaben auszulassen ...” Lautete die Losung für die Ostjuden „Auswandern und Aussterben”,[14] so ist jetzt die Frage gelöst. Die letzten Reste der ostdeutschen Juden strömen im Jahre 1920 nach Berlin und von einigen Nachzüglern abgesehen, existieren im Osten nur noch Trümmer von kleinen Siedelungen. Mit der antisemitischen Politik hat Preußen die Juden zwar aus dem Osten vertrieben, selbst aber dazu beigetragen, das Polentum zu stärken und ihren Abfall begünstigt.[15]
Ebenso bedeutsam ist die Verstädtichung, die Ueberführung der Dorf- und Kleinstadtjuden in die Großstädte. Viele Ziffern illustrieren diese Umstellung. Es waren z. B. in Preußen in Orten mit weniger als 20000 Einwohnern Juden:
1895190019101920
16010614173611788180000??
in % d. Juden
42,236,128,418??
dagegen in Großstädten:
164110193204247518300000??
in %43,249,359,572,0??
Mindestens 3/4 der preußischen Juden dürften 1920 in den Großstädten leben, wahrscheinlich 50% allein in Berlin, das 1910 schon über 1/3 beherbergte.
Das Tempo, in dem sich dieser Umzug vollzieht, ist Expreßzugsgeschwindigkeit. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung bleibt die Masse der ländlichen Bevölkerung ungefähr konstant, die kleinen Orte vermehren sich, wenn auch der größte Teil der Volksvermehrung den Hauptstädten zugute kommt. Man kann aber nicht von einer Dezimierung des flachen Landes und der Kleinstadt sprechen. Bei den Juden entstand aber eine Auflösung der Dorfgemeinden und der Landstädte. Allein in der kurzen Frist von 5 Jahren änderte sich die Bevölkerungszahl der Juden in
1900 1905
(Westpreußen): Zempelburg 792393
(Posen): Schrimm593396
(Brandenburg): Landsberg568479
In Bayern waren in unmittelbaren, d. h. größeren Städten Juden
1875 1900 1905 1920
in % 31,6506070?
auf dem Lande
1840189519051920
51097 24065 15053 10000?
in % d. J.
86,241,827,218?
Durch das Abfluten der Dorfjuden sollte man meinen, würde sich die Zahl der Juden in den Städten vermehren; dem ist aber nicht so. Es gab zu Beginn unseres Jahrhunderts über 70 Städte in Preußen, die mehr als 500 Juden zählten. Von diesen verloren 1900-1910 an Juden:
1. Hohensalza440
2. Gnesen391
3. Posen382
4. Lissa359
5. Stettin371
6. Gleiwitz298
7. Beuthen204
8. Krotoschin ca. 200
9. Ratibor187
10. Oppeln161
11. Altona182
12. Glogau147
13. Schneidemühl155
14. Thorn161
15. Rogasen150
16. Breslau144
17. Danzig170
18. Bromberg170
19. Liegnitz132
20. Memel114
4518
21. Frankfurt O.121
22. Tilsit102
23. Stolp98
24. Ostrowo78
25. Mülheim41
26. Görlitz41
27. Krefeld67
28. Trier72
29. Graudenz113
30. Magdeburg82
31. Kreuznach54
32. Samter50
33. Schönlanke50
34. Halberstadt28
35. Hanau20
36. Hildesheim20
37. Königshütte24
38. Aachen17
39. Bochum10
40. Eschwege13
1101
Außerdem schieden aus der Reihe der Großgemeinden mit über 500 jüdischen Gemeindemitgliedern aus im Jahre 1905 resp. 1910: 41. Czarnikau, 42. Rawitsch, 43. Myslowitz, 44. Coblenz, 45. St. Johann, 46. Zempelburg, 47. Krotoschin, 48. Landsberg a. W. Ueber 500 Juden hatten neu 1900/10 nur vier Orte (also nur die Hälfte der Ausfallenden), Hagen, Zabrze, Marburg, Kattowitz. Insgesamt nahmen in ihrer absoluten Zahl ca. 24 Großgemeinden Preußens in ihrer Bevölkerung zu und in 48 — das ist die doppelte Zahl — ging die jüdische Einwohnerschaft zurück. Die Zersetzung der kleinen Gemeinden hier anzuführen, ist leider zur Zeit wegen Platzmangels unmöglich.
Es handelt sich um die Großgemeinden. Wir finden die niedergehenden jüdischen Großgemeinden in Städten mit über 100000 Einwohnern, wie Danzig, Stettin, Posen, Krefeld, Altona, sodann von bedeutenden Industriezentren Beuthen, Bochum, Königshütte, Magdeburg, Görlitz, Mülheim und Breslau, das Zentrum der schlesischen Juden. Insgesamt verloren in nur 10 Jahren allein 40 der judenreichsten Städte über 6000 ihrer Seelen.
Nun sollte man in den restlichen 24 Städten einen großen Zuwanderungsgewinn vermuten, der die Juden über ihr Verhältnis stärkte; das gerade Gegenteil ist richtig. Trotz des Zuzugs vom Lande, der Kleinstadt, der zu erwartenden eigenen Vermehrung und der ausländischen Einwanderung, ist auch hier ein relativer Rückgang der Juden in der Bevölkerung eingetreten.
Es waren Juden unter 100 der Bevölkerung in
1900 1910
1. Frankfurt a. M. 7,66,3
2. Köln2,62,4
3. Königsberg2,11,9
4. Wiesbaden3,52,5
5. Kassel2,31,8
6. Essen1,10,9
7. Dortmund1,41,2
8. Bonn1,71,4
9. Münster0,80,7
10. Duisburg0,90,7
11. Gelsenkirchen2,20,7
12. Bielefeld1,31,1
13. Emden4,63,5
14. Erfurt0,80,7
15. Kattowitz7,16,9
16. Hannover1,91,7
17. Hagen
18. Zabrze
19. Marburg2,552,37
20. Düsseldorf1,14[16]1,11
Bei einer Reihe von ihnen zeigt sich in 10 Jahren eine relative Abnahme der jüdischen Bevölkerung von 20-40%. Handelt es sich auch stellenweise um Orte, die durch Eingemeindung rasch anschwellen, die Tatsache bleibt dieselbe. Die kolossale Abnahme der Landbevölkerung hat zu keiner Vermehrung des jüdischen Anteils in den Städten geführt. Nur ein Ort in Preußen konnte sich von 1900 bis 1910 den gleichen prozentualen Stand der Juden wahren. Nämlich München-Gladbach 1900 und 1910 = 1,26 %.
Eine relative Zunahme finden wir in zwei Orten, in Fulda und Elberfeld, und selbst bei diesen beiden Orten ist der prozentuale Zuwachs minimal.
Fulda1900:1910 4,0:4,25 % der Bevölkerung
Elberfeld „ : „1,06 : 1,13 %„„
Wir haben bis jetzt der Entwicklung von Groß-Berlin noch nicht gedacht. Die verschiedenen Vororte von Berlin bilden bekanntlich mit der alten Hauptstadt längst ein organisches Ganze. Groß-Berlin insgesamt zählte[17] im Jahre 1900 4,35% Juden und 1910 nur noch 4,05% oder um ca. 7,5% weniger.
Die jüdischen Gemeinden in Deutschland haben sich somit relativ überall und selbst in den Großstädten und Industriecentren vermindert. Hier sank durchschnittlich der jüdische Anteil um 25%. In der Hälfte der Groß-Gemeinden trat auch eine absolute Abnahme der Bevölkerung ein, so daß ein Teil von ihnen zur baldigen Bedeutungslosigkeit verurteilt ist. Dieser Prozess ist keine auf Preußen beschränkte Erscheinung. Wir finden analoge Verhältnisse in den übrigen deutschen Staaten:
in Hessen: Mainz 3104 (1900) 2906 (1910)
im Elsaß: Mülhausen 2466„2287„
in Braunschweig: Braunschweig: 861„720„
In Bayern hatten eine Abnahme
Fürth3017 auf 2826
Würzburg2567„2514
Kaiserslautern 741„726
Landau874„785
Regensburg571„493
Speyer520„478
Bamberg blieb seit 1880 stationär.
Die Volksverschiebung und Konglomeration gibt die Entwicklung der einzelnen Provinzen wieder: Es hatten Juden
1880 1910
Ostpreußen1821813027
Westpreußen2654713954
Pommern138868862
Posen5660326512
Schlesien5268244985
Schleswig-Holst. 35223343
Sachsen67007833
Hannover1479015545
Westfalen1881021036
Hessen-Nassau4131651781
Rheinland4369457287
Berlin und Brandenburg 66245 151298
Die Provinzen Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen, Schlesien und Schleswig verloren seit 1880 bis 1910 somit neben ihrem Geburtenüberschuß an ihrer absoluten Ziffer den dritten Teil (= 60000 Juden). Auf der anderen Seite hatten die übrigen Provinzen einen Gewinn von 113000, der sich in folgender Weise verteilte:
Berlin-Brandenburg gewann 85000 Juden,[18] die Rheinlande 14500, Hessen-Nassau über 10000, Westfalen 2000, Sachsen und Hannover je 1000.
Damit beteiligten sich an der Volksvermehrung der deutschen Juden Berlin mit 75 %, die Rheinlande mit 13 %, Westfalen, Sachsen und Hannover mit etwas über 3 %.
Wohnten von hundert preußischen Juden 1880 noch 46% im Osten, so waren es 1910 25,8 %. (Im Jahre 1817 wurden im damaligen Preußen 127345 Juden angetroffen, von denen 41 % = 52568 allein in Posen ansässig waren, gegenüber 6 % im Jahre 1910).
Die Zunahme betrug
in 1905 gegen 1900 1910 gegen 1905
Hessen Nassau 19111675
Rheinland31571879
Davon gewann Köln (in den Rheinlanden) 1900 auf 1905 allein 1300 Juden, Frankfurt in derselben Zeit 1500. Auch diese Provinzialstatistik zeigt, daß die Zunahme der Juden nur die bekannten Immigrationspunkte der Ostjuden berührt.
Von den 150000 Juden in Brandenburg und Berlin wohnten 144000 in Groß-Berlin, somit ebenso viele Juden in Berlin, als in folgenden Provinzen zusammen: nämlich in Posen, Westpreußen, Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Schleswig-Holstein, Sachsen und Hannover. Eine Volkszählung um 1920 wird durch die erneute Umgruppierung und bei der Zunahme für Berlin hierfür ebensoviel Juden ergeben, wie für das übrige ganze Preußen. Nehmen wir die zehn größten Judengemeinden Preußens zu Berlin, so umfassen die paar Gemeinden über 2/3 aller Juden Preußens! —
Auch für die Bevölkerung existiert das Großstadtproblem. Gleichwohl verfügt Deutschland über eine bedeutende sich gleich bleibende Landbevölkerung, die ihren Geburtenüberschuß auf kleine und Großstädte verteilt. Immerhin nehmen im Reiche kleinere und größere Orte an Bevölkerung zu. Das jüdische Problem kann aber in ihren Tendenzen soziologisch in die Worte gekleidet werden, daß es sich um eine völlige Entvölkerung des Landes und um eine Volkswanderung in wenige Hauptstädte, insbesondere Berlin, handelt.
„Der nivellierende und teilweise abstumpfende Einfluss,” schreibt Paul Drey am Schlüsse seiner „Juden in Stadt und Land,” Berlin 1906, „städtischen Lebens macht sich aber in der ganzen Lebenshaltung auch in religiösen Anschauungen geltend. Mit den bewegenden Ideen der modernen Kultur und durch die Besserung der wirtschaftlichen Lage schwinden manche mitgebrachten religiösen Vorstellungen, vollzieht sich langsam eine Entfremdung gegenüber dem ererbten Bekenntnis.”
Auch kein orthodoxer Jude kann bestreiten, daß das großstädtische Wirtschaftsleben der stärkste Feind der Sabbathheiligung ist, daß die breiten Massen in ihrer jüdischen Lebensweise durch die Einflüsse der Großstädte einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt sind. Wir wollen die allgemeinen Nachteile und die Schädigungen für das Judentum sondern und auseinanderhalten. Die allgemeinen Großstadtprobleme sind in der medizinischen und nationalökonomischen Literatur häufig behandelt. O. Amon und Roese haben der Großstadtbevölkerung nachgesagt, daß sie rasch ausstirbt. Roese hat den Beweis an Dresden erbracht, Stubenluft, Alkoholismus, kalkarme Nahrung sind die Totengräber. Ich selbst konnte in meinem „sterilen Berlin” die gewaltige Ehe- bezw. Kinderlosigkeit und Kinderarmut der Großstadtbevölkerung in ihrer noch nicht abgeschlossenen Entwicklung darlegen. Woltman hat auf die Bedeutung der Reservekräfte hingewiesen, die in gesunder Lebensanschauung und Lebensführung auf dem Lande gelegen sind. Dade hat den minder physiologischen Wert der Berliner Bevölkerung aufgedeckt. Ferner sei an die Westergaardschen Spezialuntersuchungen erinnert. Nur großzügiges Erfassen kann diese volksgesundheitlichen Schädigungen feststellen und ihre Wurzeln bloßlegen (Gesetz von Ursache und Wirkung); denn die Völker verfaulen, wie Dode meint, ohne daß sie es merken.
Napoleone Colajanni hat in seinem Werke Latini e Anglosassoni gezeigt, daß der Verfall der Nationen begann, ehe er nach außen deutlich wurde. Dem moralischen Rückgang soll der geistige und wissenschaftliche folgen.
Die Generation, die heute in den Städten wohnt, ist größtenteils noch auf dem Lande geboren, zum mindesten stammen die Eltern oder Großeltern vom Dorfe. Der Jude des platten Landes war ein Muster an Einfachheit. Sein Leben war ein natürliches, von keinerlei „Ueberkultur” beleckt. Tätigkeit und Aufenthalt brachten die Ausübung rein physischer Arbeit mit sich. Der einfache, religiöse, mäßige Jude stellte ein Kapitel „Volksgesundheit” dar.
Daß ihre ersten Nachkommen noch von deren zähen Lebenskraft zehren, erscheint selbstverständlich. Die Urwüchsigkeit kann sich aber erschöpfen. Die Geschichte gibt Beweise des Niederganges tüchtiger Rassen. An den Adelsgeschlechtern der ganzen Kulturwelt ist nachgewiesen, daß nur das Einströmen bislang Namenloser die Kaste vor dem Verfall bewahrt hat.
Die Schattenseiten der Großstädte gelangen bei der Mehrzahl der preußischen Juden vorerst noch nicht voll zur Erscheinung. Erst in der Descendenz der Zugewanderten machen sich die Einflüsse der großstädtischen Sitten und Verhältnisse frei geltend. Ist nun der Zug nach Berlin nur eine vorübergehende Erscheinung und ein durch Zufälligkeiten bedingtes Ereignis, das morgen einem plötzlichen Abbruch unterliegt? Es gehört ein großer Mangel an sozialem Verständnis dazu, diese organische, zu einem Orkan anwachsende Volksbewegung für eine Zufälligkeit zu halten. Diese Verschiebung in den Wohnsitzen der Juden in Deutschland bedingen hauptsächlich folgende Ursachen:
Im jüdischen Volkscharakter liegt das Streben nach Geselligkeit. Wie ein Schmetterling, der um das Licht herumflattert, so sucht der Jude mit seinem sensitiven nervösen Charakter die Reize der Großstadt. Ihn locken die Stätten der materiellen und geistigen Genüsse. Der geistige und ökonomische Aufstieg der ersten Emigranten wirkt anreizend auf die zurückbleibenden.
Seit Jahrtausenden hat der Jude eine Vorliebe für geistige Beschäftigung. Bei keinem anderen Volk wurde das Studium so kultiviert und hochgehalten. Die Universität, hohe Schulen, die Akademien ziehen die Schüler und ebenfalls die um ihr Fortkommen besorgten Familien an.
Der Kaufmann findet das vielfältigste Betätigungsfeld in der Großstadt. Mit Recht führt der stellungslose Kaufmann dorthin, wo er überhaupt leichter (und als Jude besonders) Arbeit findet.
Da der Jude seltener Grund und Boden besitzt, und, wo es der Fall ist, mit ihm nicht sehr lange verwoben ist, so löst er sich von seiner Heimat leichter wie der bodenständige deutsche Bauer[19]. Umsomehr als der Jude erst seit 100 Jahren Land erwerben durfte und gerade in dieser Zeit die ausländischen Agrar-Produkte die Arbeit der deutschen Landwirte unterboten. Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft sah wenig rosig aus. Selbst die Nachkommen der alt eingesessenen Bauern, die nichts anderes gesehen und gelernt hatten, wandten sich anderen Berufen zu. Und nur aus Sport oder Liebhaberei steckten einige Reiche neues Geld in Grund und Boden. Trotz der kolossalen Volksvermehrung Deutschlands nahm die Landwirtschaft nicht zu. Und auch vom goldenen Boden des Handwerkerstandes war kein Schimmer. Die, welche die Berufsumschichtung der Juden mit zu geringen Mitteln ohne staatliches Verständnis und Hilfe betrieben, erlitten Schiffbruch. Nicht nur aus seelischen Einstellungen mußte der Jude sein Fortkommen im aufblühenden Handel suchen. Es wäre daher ein Wunder, wenn die Berufsstellung der Juden sich anders eingestellt hätte, als wir sie historisch erfassen.
In der Großstadt verschwindet der Jude. Der antisemitische Geist der Kleinstadt kann ihm hier nichts anhaben, im Gegenteil, in Berlin z. B. gilt sogar der Jude etwas. Eine Zurücksetzung im öffentlichen Leben, insbesondere in den großen kaufmännischen Organisationsformen, ist hier weniger zu spüren als in der Kleinstadt, in der der Jude immer um seine Anerkennung ringen muß. Eine Reihe von ähnlichen und prädisponierenden Momenten, die Herrschaft des demokratischen und sozialistischen Gedankens in der Großstadt gegenüber der konservativ-klerikalen Cliquenherrschaft, gegenüber den fühlbaren Einflüssen des Junkertums auf dem Lande und vieles andere lassen den Prozeß, der einmal in Fluß gekommen ist, nicht so rasch mehr zum Stillstand kommen. Wo so viele psychologische, ökonomische und soziale Einflüsse am Werk sind, versagen Ermahnungen und Appelle, sowie Beschwörungen. Wir müssen den zurückgebliebenen Teil in der Provinz mit einer Gesellschaft vergleichen, die sich in Liquidation befindet.
So lange Berlin nur einen Teil der Juden und zwar einen kleinen darstellte, hatte es schon eine über ihre Größe bedeutsame Beeinflussung auf die Entwicklung der deutschen Juden ausgeübt. Sobald es an Zahl die übrigen deutschen Juden überholt haben wird, werden die Vorgänge in Berlin umsomehr bewußt und unbewußt die kleinstädtischen Verhältnisse im Berliner Geist beeinflussen. Dieses Abfärben großstädtischen Geistes und großstädtischer Sitten läßt sich schon heute nachweisen.
Bei den bekannten Wechsel-Wirkungen zwischen Berlin und der Provinz, die bei den Juden besonders erstarkt sind, bleibt es nicht nur bei der Nachahmung der Mode, bei der Aufnahme großstädtischer Lektüre und bei dem Anschluß an die Organisationsformen, welche hier das Licht der Welt erblicken, sondern tausend Imponderabilien, die den äußeren Erscheinungsformen anhaften, werden mit übernommen und bestimmen auch das „dabei” der Kleinstadt und so wird der Provinzjude gewissermaßen nur noch ein Vorposten der Gemeinde Groß-Berlin. Wenn wir mit der Geschichte Berlins die Geschichte vorerst der Hälfte der preußischen Juden schreiben, so ist das nur mathematisch richtig.