KAPITEL II. ÜBERBLICK ÜBER DIE GESCHICHTE DER JUDEN IN DEUTSCHLAND.
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Ich war immer bestrebt, die Sitten der Juden, dieses klugen Volkes, zu bessern, ohne ihnen je etwas zu leide zu tun. Das wäre auch unchristlich gehandelt, denn das Judentum bildet die lebende Zeugenschaft des Christentums. Sollten die Juden aussterben, so bin ich überzeugt, dass dies für den Fortbestand des Christentums eine ungünstige Prognose wäre. Bismarck im Gespräch mit Dr. Kepes.
Die Juden des frühen Mittelalters erfreuten sich im fränkischen und burgundischen Reiche aller Freiheiten. Sie waren dort in jeder Beziehung unbeschränkt, hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit, besassen eigene Schiffe auf den Flüssen Galliens und auf dem Meere, durften Grundbesitz erwerben, wirkten als Aerzte und kämpften als Krieger; mit den Christen lebten sie auf gutem Fuße, daß selbst Ehen zwischen beiden Parteien vorkamen. Ihre eigentümlichen Speisevorschriften boten den ersten äußeren Anlaß zu Differenzen, indem es christliche Geistliche für unwürdig befanden, wenn Juden bei christlichen Gastmählern sich gewisser Speisen enthielten, während Christen bei jüdischen Mählern dies nicht taten. Mehrere Konzilien verboten daher (seit 465) den Geistlichen mit Juden zu speisen: aber sie fanden keinen Gehorsam. Selbst als sich Chlodwig zur römisch-katholischen Kirche bekannte, trat noch keine Benachteiligung der Juden ein. Erst als der den germanischen Völkern neue Glaube größere Fortschritte machte und die Geistlichkeit mächtig wurde, setzte man Einschränkungen der Juden durch (507 Verbot des Besuches der jüdischen Gastmähler, 533 der Eheschließung mit Juden usw.) Von der Lage der Juden unter Karl dem Großen schreibt z. B. Otto Henne v. Rhyn, ein gewiß unvoreingenommener Historiker:
„Dieser von religiöser Beschränktheit freie und mit den grössten Verdiensten um die Kultur begabte grosse Herrscher sah in den Juden, welche bereits den Welthandel in der Hand hatten, nicht zu unterschätzende finanzielle Stützen seiner Macht. Er liess gebildete Juden aus Italien nach Deutschland kommen, die Kalonymos aus Lucca, um auf ihre roheren dort lebenden Glaubensgenossen günstig einzuwirken. Gewiss lebten damals schon seit langem Juden in Deutschland, wenn auch verschiedene Angaben über ihre vorchristliche Einwanderung zu dem Zwecke erfunden sind, um nachzuweisen, dass sie an der Hinrichtung Jesu unschuldig wären und um sie hierdurch gegen Verfolgungen zu schützen!”
Karl der Große, der einen jüdischen Leibarzt hatte, (Zedekias,) räumte den Juden gleiche Rechte mit den Christen ein, ebenso wie sein Sohn Ludwig, dessen Liebling, der Geistliche Bodo, zum Judentum übertrat (ein Beweis, daß das Judentum nicht gering geschätzt wurde). Erst der Uebertritt des Kaplans Wecelinus zum Judentum am Anfang des XI. Jahrhunderts und dessen Angriff auf das Christentum brachten Kaiser Heinrich II., der mehr Mönch als Monarch war, in das Lager der sich mehrenden Judengegner und inhibierten das friedliche Zusammenleben von Juden und Christen. Hatten diese nach der Historia Francorum noch im Jahre 585 in Orleans dem König in hebräischer Sprache Huldigungslieder gesungen, so treffen wir zum Ausgang dieser Periode jüdische Minnesänger in deutscher Sprache, deren bekanntester Jud Süßkind von Trimberg gewesen sein mochte, von dem uns die Münchener Staatsbibliothek Lieder aufbewahrte. Der Regensburger Jude Liwa unternahm im 13. Jahrhundert die Uebersetzung der Geschichte des König David.
Verschiedene erlassene Gesetze und Aufzeichnungen versuchen die Vermischung mit der übrigen Bevölkerung aufzuhalten und beweisen diese Epoche als Zeit der Assimilation, die durch die Kreuzzüge unterbrochen wird. In ihrer Folge führen die absolute Abschließung der Juden in eigene Stadtbezirke, (in die „Ghetti”), die besondere Bekleidung (der Judenhut und der gelbe Judenfleck) und andere Maßregeln eine scharfe Absonderung der Juden kulturell, beruflich und territorial herbei. Die Hauptmasse der Juden aus Deutschland wurde nach Polen abgedrängt, wo sie die deutsche Mundart, die sie aus dem Rheinland mit sich nahmen, zum Jüdisch-Deutsch entwickelten. Bevölkerungspolitisch interessant ist die Bemerkung eines Berichterstatters (zitiert bei J. Elbogen, Bevölkerungspolitik im alten Judentum, Gemeindeblatt d. J. Gem. Berlin, 12. März 1920,) daß es damals in Polen keine armen unverheirateten Mädchen unter 18 Jahren gab. In Deutschland wird es ähnlich gewesen sein. Die von hier zurücksickernden Elemente verstärkten die in Deutschland von Ort zu Ort vertriebenen Juden und gaben ihnen das Jüdisch-Deutsch, das wir als die Sprache der deutschen Judengemeinden von ca 1400-1800 antreffen. Die Memoiren des Ascher Levy und der Glückel von Hameln, die jüdischen Privatbriefe aus den Jahren 1619 u. a. beleuchten die Verhältnisse jener Zeiten.
Die deutsche Judenheit wurde mit wenig Ausnahmen bis an das Ende des 18. Jahrhunderts von der jüdischen Kultur beherrscht. Sie ging auf im Studium hebräischer Schriftwerke und nahm den stärksten Anteil an allen Ideen und Vorgängen des Lebens des jüdischen Volkes. Die Hoffnung auf den Messias, die insbesondere in den Zeiten nach dem Friedenschluß zu Münster die Juden erschütterte, hat sie noch lange Zeit später (siehe auch Jakob Wassermanns Juden von Zirndorf) aufs lebhafteste erregt. Wirtschaftlich befaßten sich die Juden ausschließlich mit dem Handel. Im eigenen Kreis richteten sie sich nach ihren eigenen Gesetzen. Der Schulchan-Aruch, das bürgerliche Gesetzbuch der Juden, hatte über alle seine Macht und wer Mitglied der Gemeinde sein wollte, mußte auch sein privates Leben dem jüdischen Gesetz anpassen. Die Macht ihrer religiösen Gemeinschaft und ihrer Organisation war eine so straffe, daß sich Absplitternde nur schwer im Leben zurecht fanden. Der persönliche Zusammenhang, der kleine Spielraum, den das Ghetto ließ, förderte den Einfluß aller Vorstellungen, aller Volkssitten und Gebräuche. Es darf uns daher nicht verwundern, daß alle religiösen Forderungen bei der seelischen Primitivität, insbesondere des Sexuallebens ein überaus ursprüngliches und naturwüchsiges Darin-Aufgehen fanden, so daß gleich beim Eintritt der ersten Reife Knaben mit kindlichen Mädchen verheiratet wurden. Dem Ablauf der Fruchtbarkeit fiel niemand in den Arm und diese möglichst starke Vermehrung war gewissermaßen eine Notwendigkeit. Die ständigen Massakers und die Volkstaufen, die Ghettoluft mit ihren Miasmen, mit den häufigen Todesfällen an Typhus, Fleckfieber, an Pocken, Pest, Cholera, an Influenza und an anderen Infektionskrankheiten verlangten eine möglichst starke Vermehrung, da nur durch diese die Erhaltung der Art gewährleistet werden konnte. Die Ziffern Hanauer's über die Sterblichkeit der Frankfurter Juden, erschienen mir früher unwahrscheinlich groß. Sie sind aber durch die unsäglich ungesunden, unhygienischen Verhältnisse der mittelalterlichen Stadt erklärlich, von denen unter anderem Gottstein nachwies, daß die Bevölkerung der Städte in wenigen Generationen ausstarb und daß die Existenz einer Einwohnerschaft nur durch den Zuzug vom Lande gesichert wurde. Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich, daß die Zahl der Juden in der ganzen Welt zum Ausgang des Mittelalters mit nur einer halben Million veranschlagt, während sie heute mit ungefähr 14 Millionen gemessen wird.[7]
Das Ende des 18. Jahrhunderts stand wesentlich unter dem Einfluß der französischen Philosophen und Staatsräte, unter den Maßnahmen der aufgeklärten Fürsten, Friedrich II. und Joseph II., und der Gedankenwelt eines Lessing und Schillers.
Insbesondere wurde durch die Erschütterungen der französischen Revolution in den Beziehungen der Menschen zu einander eine ungeahnte Umwälzung hervorgebracht, die die starken Scheidewände zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung niederriß. Mendelssohn und seine Nachfolger drängten die ausschließliche Beschäftigung der Juden mit ihrer Nationalliteratur zurück, bekämpften die Erhaltung der eigenen Mundart und sorgten für die Eingliederung der Juden in alle deutsche Kulturkreise. Die Zeit der deutschen Erneuerung unter Stein und Hardenberg, die französische Verwaltung in Westdeutschland wie die Freiheitskriege, bedingten eine politische Befreiung des jüdischen Elementes. Aber erst die Revolution von 1848 und letztmalig die Reformen der 60er Jahre verhießen den Juden offiziell alle Rechte, wenn auch viele nur auf dem Papier standen. Gleichwohl, der deutsche Jude fand Wege zum Eintritt in die Oeffentlichkeit, in die Umgebung. Die ausschließlich jüdischen Interessensphären wurden gesprengt. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Ideen der Umwelt lockten den Juden zur Anteilnahme. Die jüdische Nationalität erfuhr mit ihrer ausgeprägten völkischen Religionsverfassung eine Umänderung zu einer Religionsgemeinschaft. An die Stelle bindender Gesetze traten verstandesmäßig gehaltene, allgemeine ethische Prinzipien. Eine nie gekannte Verwirrung über das Wesen der jüdischen Religion setzte ein. Hundertfach schillerte die jüdische Religion. Sabbathheiligung, Speisegesetze, viele der Feste und Feiern verloren an Glanz und Macht über die Seelen des Volkes. Und auch die Richtlinien der Theologen, Rabbiner und Vorkämpfer eines liberalen Judentums konnten den religiösen Bau nicht neu verankern. Als Gemeingut aller, als bindendes Band blieb eine an fast keine Form gebundene Weltanschauung, eine theistische Ueberzeugung, wie wir sie bei ganz liberalen Christen und in Kreisen der ethischen Kultur finden. Gegen diese rationalistischen Juden traten die gesetzestreuen immer mehr in den Hintergrund. Wohl erzeugte der in den 80er Jahren einsetzende Antisemitismus einen neuen Zusammenschluß vieler freisinnigen Elemente. Er ist der Vater fast aller modernen jüdischen Organisationen und verhalf letzten Endes der national-jüdischen Bewegung zur Blüte. Außerdem belebten die Eigenheit der jüdischen Namen und die religiöse Katasterbildung, wie sie der deutsche Staat bis vor kurzem liebte, die Erinnerung an das Vaterhaus und die alten Sitten! Die aktivierenden Kräfte, welche das Fortbestehen der jüdischen Eigenart förderten, beruhen hauptsächlich in:
1. Der Tatsache eines unterschiedlichen Typus, welche das Aufgehen der Juden rein körperlich in ihrer Umgebung erschwert.
2. Der Erziehung in der Ideenwelt der jüdischen Religion, die Heranwachsende mit den Gefühlen der Beharrung ausfüllte.
3. In der Einwirkung des Elternhauses und der Literaturerzeugnisse, welche eine gewisse historische Kenntnis und eine seelische Gebundenheit ans Judentum verursacht; endlich des Einflusses der Organisationen, welche die Individuen und die Vereine an die Gemeinschaft ketten.
4. In den Ausstrahlungen des familiären Zusammenhanges, der aus der Inzucht entspringt, die es als selbstverständlich erscheinen läßt, daß Ehen nur unter den Söhnen und Töchtern Israels geschlossen werden.
Die Entkleidung der jüdischen Religion von vielem ihrer Eigenart, die Aufgabe der jüdischen Schulen, das Eindrängen in andere Kreise sind unbewußte Empfindungen und Tendenzen, welche das Assimilationsbegehren stärken. Anderseits führt Beharrungsgefühl, religiös und nationales Empfinden zum Judentum zurück. Dieser Kampf um die Erhaltung der Eigenart drückt der deutschen Judenheit den Stempel auf, er läßt sich in nuce in vielen der Geschehnisse als die eigentliche Triebfeder erweisen; oft nur erahnen.
Die Abkehr von dem naiven Typus des Judentums, vom religiös verankerten Volkstum[8] zu einer losen Glaubensgemeinschaft, die ihre nationalen Wünsche und Interessen nicht mehr in der eigenen Mitte zu finden und zu lösen wünscht, hat die Judenheit Deutschlands in eine neue Situation gebracht. Die deutschen Juden unterstehen in ihrer Majorität nicht mehr den alten Sexual- und Lebensgesetzen des Judentums, sondern den Einflüssen, welche die allgemeinen Verhältnisse Deutschlands bedingen, vermehrt oder vermindert durch retardierende jüdische Momente. Unter diesen Gesichtspunkten ist auch ihre Entwicklung zu betrachten. —