I. Das Zeitalter des Marquis de Sade. (continued 3)
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Die „Juliette“ wird gleich eröffnet mit der Beschreibung der wollüstigsten tribadischen Szenen zwischen den Nonnen des Klosters Panthémont (Juliette I, 43 ff.); Mondor ergötzt sich an einer ihm vorgeführten lesbischen Liebesszene (Juliette I, 283). Ein ausgezeichneter Typus einer Tribade wird in der von einem glühenden Männerhasse erfüllten Clairwil gezeichnet (Juliette II, 106), die dann gleich mit Juliette und vier anderen Frauen eine Orgie veranstaltet (Juliette II, 138–150 auch III, 157.) Die höchste tribadische Kunst findet sich in Bologna (Juliette III, 306 ff.). Die Prinzessin Borghese (Juliette IV, 100 ff.), die Königin Karoline von Neapel (Juliette V, 259, VI, 12 ff.) sind Tribaden. Sehr zahlreiche Anhänger hat diese Spezialität der Liebe in Venedig (Juliette VI, 156 ff.).
In „Justine“ kommen ebenfalls, wenn auch nicht so häufig, lesbische Szenen vor, z. B. zwischen Dorothée und Madame Gernande (Justine III, 284); Séraphine ist eine Verehrerin der sapphischen Kunst (Justine IV, 116).
Auch an Andeutungen zu einer Erklärung der Tribadie lässt es Sade nicht fehlen. Eine tribadische Orgie zwischen Juliette und der Durand betrifft eine junge und alte Frau, welche letztere im Herbst ihres Lebens wohl keine Männer mehr anlockt und daher gern geneigt ist, als Surrogat die Liebe beim gleichen Geschlecht zu suchen (Juliette III, 60–64). Vielleicht prädestinierte sie aber auch ihre „lange Clitoris“ zu diesem Geschicke. Wenigstens hebt Sade bei einer anderen Tribade Madame de Volmar (Juliette I, 34) dies ausdrücklich hervor. Diese, erst 20 Jahre alt, ist „die wollüstigste Gefährtin der Delbène und hat eine ‚clitoris de trois pouces‘, wodurch sie befähigt wird, die Rolle eines Mannes und Paederasten zu spielen.[287] Solch ein Weib mit männlichen Allüren ist auch die venezianische Tribade Zatta (Juliette VI, 194). Sade behauptet, dass fast alle Tribaden die Praktik der Paedicatio übten. Denn mit den Leidenschaften der Männer hätten sie auch deren Raffinements sich angeeignet und „comme celui de la sodomie[288] est le plus délicat de tous, il est tout simple qu’elles en composent un de leurs plus divins plaisirs“. (Justine I, 253).
Eine grosse von 30 Hofdamen ausgeführte Tribadenszene beschreibt auch Mirabeau in „Ma conversion“.[289]
Die Schilderungen dieser Autoren, denen sich noch Diderot mit seiner „Nonne“ und zahlreiche Andere anreihen liessen, haben die Wirklichkeit nicht überboten. Mairobert hat nämlich in seinem „Espion anglais“ mehrere hochinteressante Dokumente beigebracht, welche uns einen überraschenden Einblick in das Treiben und die Organisation der Pariser Tribaden des 18. Jahrhunderts gewähren. Es ist die schon öfter erwähnte „Confession d’une jeune fille“, welcher wir hier folgen[290] und welche uns ein lebensvolles Bild der Mysterien der berüchtigten „Secte Anandryne“ entrollt, welche im „Tempel der Vesta“ ihre Orgien feierte.
Ein junges Mädchen aus dem Dorfe Villiers-le-Bel, Tochter eines Bauern, war von der Madame Gourdan für ihr Bordell eingefangen worden. Eines Tages traf der Vater sie als Dirne bei den Tuilerien. Es kam zu einem grossen öffentlichen Skandale. Die Tochter war aber bereits für die königliche Akademie der Musik verpflichtet worden, so dass der Vater unverrichteter Sache heimkehren musste. Ausserdem war sie schwanger. Mairobert, der dem Auftritte beiwohnte, liess sich von dem Mädchen, die sich Mademoiselle Sapho nannte, ihre Lebensgeschichte erzählen. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, dass Mairobert, als königlicher Censor in alle Geheimnisse der Pariser Gesellschaft eingeweiht, in die „Confession d’une jeune fille“ seine eigenen Erfahrungen verwebt hat. Auf jeden Fall stellt diese seltsame Beichte einen der allerwichtigsten Beiträge zur Kultur und Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts dar, dem wir daher eine ausführliche Besprechung widmen.
Von Jugend auf war Sapho zur Koketterie geneigt, putzsüchtig, eitel, faul und vergnügungssüchtig, kurz sie besass alle Anlagen, um eine Dirne zu werden. Mit 15 Jahren war sie bereits sehr lasciv, so dass sie sich in ihrer Nacktheit selbst bewunderte und den Spiegel häufig benutzte,[291] wobei sie sich selbst am ganzen Körper liebkoste. „Je caressais ma gorge, mes fesses, mon ventre; je jouais avec le poil noir qui ombrageait déjà le sanctuaire de l’amour;[292] j’en chatouillais légèrement l’entrée. Cependant je sentais en cette partie un feu dévorant; je me frottais avec délice contre les corps durs; contre une petite sœur que j’avais.“ Dieses Geständnis ist sehr lehrreich und beweist, wie so häufig eine sexuelle Perversität zu Stande kommt. Nehmen wir an, Sapho wäre nicht von der Gourdan entführt worden, wäre weiter so streng von ihren Eltern im Hause gehalten worden, ohne Gelegenheit zum Verkehr mit einem Manne zu finden, so ist es klar, dass eine solche zügellose und feurige Natur ganz von selbst auf den Weg der Tribadie gedrängt worden wäre, indem sie sich immer mehr an ihre Schwester gewöhnt hätte, und schliesslich dieser Umgang ihr ein Bedürfnis geworden wäre. Die Gewohnheit, das Erworbensein der conträrsexuellen Gefühle spielt die Hauptrolle. Wir betrachten die Heredität sehr skeptisch.
Eines Tages wurde Sapho bei diesen Manipulationen von ihrer Mutter überrascht und sehr hart bestraft, so dass sie beschloss, aus dem Elternhause zu entfliehen. Wie wir früher erwähnten, hatte Madame Gourdan eine Filiale ihres Pariser Bordells in Villiers-le-Bel, deren Insassinnen Sapho oft schön geschmückt, lachend, singend und tanzend im Dorfe umhergehen sah. Sie beschloss, dorthin zu gehen, wurde natürlich mit Freuden aufgenommen und von der Gourdan nach Paris gebracht, wo sie zunächst bei einem Helfershelfer, einem Gardisten, untergebracht wurde, dessen Frau die erste Prostituierung der Gourdan’schen Novizen besorgen musste. Nachdem dieselbe aber eine genaue Inspektion des Mädchens vorgenommen hatte, verzichtete sie auf ihr gewöhnliches Vorhaben und richtete folgenden charakteristischen Brief an die Gourdan[293]:
„Sie haben ein Peru in diesem Kinde gefunden; sie ist bei meiner Ehre ‚pucelle‘, wenn sie nicht ‚vierge‘ ist. Aber sie hat clitoridem diabolicam. Sie wird sich daher mehr für Frauen als für Männer eignen. Unsere renommierten Tribaden müssen Ihnen diese Acquisition mit Gold aufwiegen.“
Von dieser Entdeckung benachrichtigte die Gourdan sofort Madame de Furiel, eine der berühmtesten Tribaden von Paris, durch den folgenden Brief:
„Madame,
ich habe für Sie ein Königs- oder vielmehr ein Königinnenstück entdeckt — für diejenigen wenigstens ist es das, die Ihren depravierten Geschmack haben — denn ich kann eine meinen Neigungen ganz entgegengesetzte Leidenschaft nicht anders beurteilen. Aber ich kenne Ihre Freigebigkeit, die mich veranlasst, meine Rigorosität etwas zurückzuhalten, und benachrichtige Sie, dass ich zu Ihren Diensten pulcherrimam clitoridem von Frankreich halte, eine Jungfrau von höchstens 15 Jahren. Probieren Sie dieselbe (essayez-la) und ich bin überzeugt, dass Sie mir nicht dankbar genug sein können. Andernfalls senden Sie mir dieselbe zurück, vorausgesetzt, dass Sie ihr nicht zu viel angethan haben. Es wird immer noch eine ausgezeichnete Jungfrauenschaft für die besten Feinschmecker sein.
Verbleibe in Hochachtung u. s. w.
Ihre Gourdan.“
Das Geschäft kam zu Stande, und Sapho wurde für 100 Louisdors an die Furiel verkauft.
Es folgt nun eine Schilderung des üppigen Hauses der Madame de Furiel. Zuerst musste Sapho ein Bad nehmen, erhielt ein opulentes Souper und musste dann schlafen gehen. Am folgenden Morgen untersuchte zunächst der Zahnarzt der Furiel Saphos Mund, brachte die Zähne in Ordnung, reinigte sie und gab ihr ein aromatisches Mundwasser. Dann erfolgte wieder ein Bad, sorgfältiges Beschneiden der Nägel an Händen und Füssen und Entfernen der Hühneraugen und — überflüssigen Haare; Kämmen der Haare. Zwei junge Gartenmädchen reinigten ihr alle Körperöffnungen, aures, anum, vulvam,[294] massierten voluptueusement alle Gelenke nach Art der „Germanen“, um sie biegsamer zu machen. Darauf begoss man sie mit wohlriechenden Essenzen in grossen Mengen, frisierte sie mit einem sehr lockeren Chignon, dessen Locken auf Schultern und Busen wallten und steckte ihr Blumen ins Haar. Ein Hemd à la tribade, d. h. vorn und hinten offen (vom Gürtel an bis unten) und mit Bändern geschmückt, ein Mieder um die Brust und ein „Intime“ d. h. ein aus Mousselinstoffen bestehender Unterrock, der sich eng an den Körper anschmiegte, darüber eine rotseidene Polonaise bildeten ihre neue Kleidung. So wurde sie zu Madame de Furiel geführt.
Madame de Furiel empfing sie, auf einem Sopha ruhend. Sie war eine Frau von 30 bis 32 Jahren, brünett mit sehr schwarzen Brauen, etwas beleibt und etwas Männliches (hommasse) in ihrem ganzen Habitus darbietend. Doch geberdete sie sich als die zärtliche „Mama“, die nur „ein wenig Liebe“ beanspruchte, zeigte ihr das Symbol der Tribadie, zwei mit einander schnäbelnde Tauben. Elle darde sa langue dans la bouche, bewunderte die mammas duras, marmoreas und fragte, ob man ihr schon einmal das Gesäss gegeisselt habe. Das könne Niemand so gut wie sie. Nates levissime flagellavit quod maximam dedit voluptatem filiae. Defigit illa postremum in cunnum oculus. „O clitoridem pulcherrimam magna voce clamat, qua Sappho ipsa non habuit pulchriorem. Eris mihi Sappho.“ Et per duas horas artifex filiae fuit Veneris novae.
Nach zweistündiger Einweihung Sapho’s in die Mysterien der lesbischen Liebe, rief Madame de Furiel zwei Kammerfrauen, von denen sie Beide gewaschen und parfümiert wurden, um sich dann bei einem deliciösen Souper zu erholen, bei welchem die Furiel Sapho Aufklärungen über die Tribadie in Paris gab, die als „Secte Anandryne“ organisiert im „Tempel der Vesta“ ihre geheimen Feste feierte. Nicht jede Frau erhielt Zutritt. Es gab Proben für die, welche den Eintritt wünschten. Besonders jene für verheiratete Frauen waren sehr streng und von zehn bestand dieselben nur eine. Man schloss die Betreffende in ein Boudoir ein, in dem sich eine Statue des Priapus „dans toute son énergie“ befand. Ausserdem erblickte man verschiedene Gruppen sich paarender Männer und Frauen in den obscönsten Stellungen. Die Wandfresken stellten dieselben Bilder dar. Zahlreiche Nachbildungen männlicher Glieder reizten die Sinne; Bücher und Bilder obscönen Inhalts lagen auf einem Tische. Am Fusse der Statue befand sich ein Feuer, das durch sehr leicht verbrennbare Stoffe unterhalten werden musste, so dass die „postulante“ immerwährend Acht darauf haben musste und genötigt war, von diesen Materialien ununterbrochen etwas hineinzuwerfen; vergass sie dieses nur einige Minuten, indem sie beim Anschauen so vieler Gegenstände der männlichen Wollust ihrer Phantasie das kleinste Spiel einräumte, so erlosch das Feuer und gab den Beweis ihrer Zerstreuung und Schwäche. Diese Prüfungen dauerten drei Tage und an jedem Tage drei Stunden.
Nach dieser Erzählung versprach Madame de Furiel unserer Sapho schöne Kleider, Hüte, Diamanten, Kleinodien, Theater, Promenaden, Unterricht im Lesen, Schreiben, Tanzen und Singen, wenn sie ihr treu die Liebe bewahren wolle und nie mit Männern verkehren werde. Dazu erklärte sich Sapho bereit.
Darauf begann am anderen Tag die grosse Metamorphose. Wäscherinnen, Modistinnen, Toilettenverkäuferinnen kamen und versorgten Sapho mit allem Comfort, worauf sie in die Oper geführt und von den übrigen Tribaden lebhaft bewundert wurde. Die Männer aber sagten in den Corridoren: „Die Furiel hat frisches Fleisch; wirklich ganz neues; welch ein Jammer, dass es in so schlechte Hände fällt.“
Am folgenden Tage geschah die Einführung der Sapho in die Mysterien der anandrynischen Sekte mit grosser Feierlichkeit und merkwürdigen Ceremonien. In der Mitte des „Tempels der Vesta“ befand sich ein Saal von runder Form, der durch eine Glasdecke von oben und von den Seiten Licht empfing. Eine kleine Statue der Vesta befand sich im Saale. Die Göttin war dargestellt, als ob sie, die Füsse auf einen Globus gestützt, majestätisch in die Versammlung herabstiege, um ihr zu präsidieren. Sie schwebte ganz in der Luft, ohne dass dies Wunder die Eingeweihten überraschte.[295]
Um dieses Heiligtum der Göttin zog sich ein schmaler Korridor, in dem 2 Tribaden während der Versammlung auf und ab gingen und alle Zugänge bewachten. Dem aus zwei Flügelthüren bestehenden Eingang gegenüber befand sich eine schwarze Marmortafel mit goldenen Versen, zu beiden Seiten Altäre mit dem vestalischen Feuer. Neben dem vornehmsten Altar stand die Büste der Sappho, der Schutzheiligen des Tempels, der ältesten und berühmtesten Tribade; neben dem anderen Altar die von Houdon angefertigte Büste der Mademoiselle (alias Chevalier) d’Eon, der „berühmtesten neueren Tribade“.[296] Rund umher an der Wand standen die Büsten der von Sappho besungenen griechischen Tribaden, der Thelesyle, Amythone, Kydno, Megare, Pyrrhine, Andromeda, Cyrine u. s. w. In der Mitte des Saales stand ein grosses Ruhelager von mehr rundlicher Form, auf dem die Präsidentin und ihre Schülerin ruhten. Ringsherum sassen nach türkischer Sitte auf kleinen viereckigen Fusspolstern die einzelnen tribadischen Paare „les jambes entrelacées, chaque couple composée d’une mère et d’une novice“, oder nach mystischer Terminologie eine „Incuba“ und eine „Succuba“. Die Wände des Saales waren mit hundert Reliefs geschmückt, welche die verschiedenen geheimen Teile des Weibes darstellten, wie sie in dem „Tableau de l’amour conjugal“[297], in Buffon’s „Histoire naturelle“ und bei den „geschicktesten“ Anatomen abgebildet waren.
Die Aufnahme unserer Sapho gestaltete sich folgendermassen: Alle Tribaden sassen auf ihren Plätzen, in ihren Festkleidern. Die „Mütter“ trugen eine rote Levite mit blauem Gürtel, die Novizen eine weisse Levite und einen roten Gürtel, Jacke und Hemd, mit vorn offenen oder ganz empor geschlagenen Unterröcken. Als Sapho eintrat, erblickte sie zuerst das heilige Feuer das auf einer goldenen Pfanne mit lebhafter und aromatisch duftender Flamme brannte und durch Hineinwerfen gepulverter Substanzen fortwährend von zwei Tribaden unterhalten wurde. Sapho musste sich zu den Füssen der Präsidentin Mademoiselle Raucourt, einer berühmten Schauspielerin der Comédie Française, niederlassen, und ihre „Mutter“, Madame Furiel sagte: „Schöne Präsidentin und Ihr, liebe Gefährtinnen, hier ist eine ‚postulante‘: Sie scheint alle verlangten Eigenschaften zu haben. Sie hat niemals mit einem Manne verkehrt, ist wunderbar schön gebaut, und hat bei den ‚Versuchen‘, die ich mit ihr angestellt habe, viel Feuer und Eifer gezeigt. Ich bitte Euch, dass sie unter dem Namen ‚Sapho‘ bei uns zugelassen werde.“ Nach dieser Rede mussten sich beide zusammen zurückziehen. Kurz darauf meldete eine der Wächterinnen der Sapho, dass sie einstimmig zur Probe zugelassen worden sei, und entkleidete sie vollständig, gab ihr ein Paar weiche Pantoffeln, hüllte sie in einen lichten Mantel und führte sie in die Versammlung zurück. Hier wurde sie auf den von der Präsidentin verlassenen Sitz geführt, gänzlich entblösst und von allen anwesenden Tribaden genau daraufhin untersucht,[298] wie viele von den auf der Marmortafel aufgezeichneten dreissig Reizen des Weibes sie besässe. Hierbei las eine der ältesten Tribaden die folgende französische Uebersetzung eines alten lateinischen Gedichtes vor.[299]
Que celles prétendant à l’honneur d’être belle, De reproduire en soi le superbe modèle. D’Hélène qui jadis embrasa l’univers, Etale en sa faveur trente charmes divers! Que la couvrant trois fois chacun par intervalle Et le blanc et le noir et le rouge mêlés Offrent autant de fois aux yeux émerveillés, D’une même couleur la nuance inégale. Puisque neuf fois envers ce chef d’œuvre d’amour La nature prodigue, avare tour à tour, Dans l’extrême opposé, d’une main toujours sûre De ses dimensions lui trace la mesure: Trois petits riens encore, elle aura dans ses traits, D’un ensemble divin les contrastes parfaits. Que ses cheveux soient blonds, ses dents comme l’ivoire, Que sa peau d’un lys pure surpasse la fraicheur, Tel que l’œil, les sureils, mais de couleur plus noire, Que son poil des entours relève la blancheur. Qu’elle ait l’ongle, la joue et la lèvre vermeille. La chevelure longue et la taille et la main, Ses dents, ses pieds soient courts ainsi que son oreille. Elevé soit son front, étendu soit son sein: Que la nymphe surtout aux fesses rebondies, Présente aux amateurs formes bien arrondies: Qu’u la chute des reins, l’amant sans la blesser, Puisse de ses deux mains fortement l’enlacer, Que sa bouche mignonne et d’augure infaillible, Annonce du plaisir l’accès étroit pénible. Que l’anus, que la vulve et le ventre assortis, Soient doucement gonflés et jamais applatis. Un petit nez plaît fort, une tête petite. Un tétin repoussant le baiser qu’il invite; Cheveux fins, lèvre mince, et doigts fort délicats Complettant ce beau tout qu’on ne rencontre pas.[300]
Von diesen Reizen brauchte die zur Aufnahme bestimmte aber nur etwas mehr als die Hälfte zu besitzen, um aufgenommen zu werden, d. h. mindestens sechzehn. Jedes Tribadenpaar stimmte ab und sagte seine Meinung der Präsidentin ins Ohr. Diese zählte und verkündete das Resultat. Alle stimmten für die Aufnahme unserer Novize. Dieser Beschluss wurde dann durch einen „baiser à la florentine“ bekräftigt, worauf Sapho als Tribade gekleidet ward und vor der Präsidentin einen Eid ablegen musste, nie mit Männern zu verkehren und nie die Mysterien der Versammlung zu verraten. Hierauf wurde auf jede Hälfte eines goldenen Ringes von Madame Furiel und der Sapho ihr Name eingeritzt. Dann hielt die Präsidentin, Mademoiselle Raucourt eine Aufnahmerede,[301] deren Inhalt in Kürze angegeben werde.
„Femmes, recevez-moi dans votre sein, je suis digne de vous“. Diese Worte stehen in dem 2ten „Lettre aux femmes“ der Mlle. d’Eon. Diese d’Eon ist das Muster einer Tribade die überall dem männlichen Geschlechte Widerstand geleistet hat. Ihr Ausspruch kann als Motto der Rede gelten.
Zunächst verbreitete sich die Raucourt über den Ursprung der „Secte anandryne“. Schon Lykurg habe zu Sparta eine Tribadenschule eingerichtet. Die Nonnenklöster im modernen Europa, eine Emanation des Collegiums der Vestalinnen, verkörperten das beständige Priestertum der Tribadie, wenn auch nur als ein schwaches Abbild der wahren lesbischen Liebe wegen des Gemisches von „pratiques minutieuses et de formules puériles.“
Weiter wird nur allzu wahr ausgeführt, wie ein junges Mädchen überall Gelegenheit findet, ihren wollüstigen Kitzel zu befriedigen, viel eher als ein Mann. „Elle les trouve dans presque tout ce qui l’environne, dans les instruments de ses travaux, dans les utensiles de sa chambre, dans ceux de sa toilette, dans ses promenades et jusque dans les comestibles.“ Dann helfe man sich gegenseitig und werde einander unentbehrlich,[302] und das neue Leben triumphiere über alle Eitelkeiten dieses Jahrhunderts. Die Busskleider verwandeln sich in Kleider der Lust. Die Tage der allgemeinen Geisselung würden zu Orgien; denn die Flagellation sei ein mächtiges Reizmittel der Wollust. So wird man im Kloster Tribade.
Ueberallhin muss nun die Tribade den Kultus der Vesta bringen und eifrig Propaganda für denselben machen. Die Raucourt nennt jetzt die bekanntesten Tribaden: die Herzogin von Urbsrex, die Marquise de Terracenès, Madame de Furiel (die Beschützerin unserer Sapho und Gemahlin des Generalprocurators); die Marquise de Téchul[303] (die sich als Kammerfrau, Coiffeuse, Köchin verkleidete, um ihre Zwecke bei den Gegenständen ihrer Liebe zu erreichen), Mademoiselle Clairon (berühmte Schauspielerin des Théâtre Français), die Schauspielerin Arnould, die deutsche Tribade Sonck (unterhalten von einem Bruder des preussischen Königs).
Als Novize wird Mlle Julie, eine junge Tribade, erwähnt, die von der Arnould und der Raucourt in die lesbische Liebeskunst eingeweiht wurde. Zum Schluss verherrlichte die Rednerin die Freuden der Tribadie. Der Genuss zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern ist flüchtig, kurz und illusorisch. Nur der zwischen Frauen ist wahr, rein und dauerhaft und hinterlässt keine Reue. Sind Defloration, Schwangerschaft und Geburt ein Genuss?
Die Tribadie gewährt nur reine, immer herrlicher werdende Freuden. Den Mann schwächen die Ausschweifungen mit zunehmendem Alter. Bei der Tribade wächst die Nymphomanie mit dem Alter. Sie wird aus einer Succuba zu einer Incuba d. h. activ. Sie bildet selbst neue Schülerinnen aus.
„Die Tribadie hinterlässt keine Reue und ist die ‚sauve garde‘ unserer jungen Mädchen und Witwen, sie vermehrt unsere Reize, erhält sie länger, ist der Trost unseres Alters, wenn kein Mann uns mehr will, eine wirkliche Rose ohne Dornen durch das ganze Leben.“
Nach dieser effektvollen Rede[304] liess man das heilige Feuer ausgehen und begab sich zum Bankett ins Vestibül, wobei die „feinsten Weine“, besonders griechische getrunken, heitere und sehr wollüstige Lieder gesungen wurden, meist aus den Werken der Sappho. Als alle berauscht waren und ihre Leidenschaft nicht mehr zügeln konnten, wurde das Feuer im Sanctuarium wieder angezündet, die Wächterinnen wurden wieder aufgestellt, und eine wilde Orgie nahm ihren Anfang. „Ce sénat auguste, sagt ein berühmter Schriftsteller, est composé des Tribades les plus renommées, et c’est dans ces assemblées que se passent des horreurs que l’écrivain le moins délicat ne peut citer sans rougir.“[305] Die Teilnehmerinnen erröteten jedenfalls nicht, und den beiden Heldinnen, welche am längsten die „Liebesstürme“ ausgehalten hatten, winkte als Belohnung eine goldene Medaille mit dem Bilde der Vesta und den Bildern und Namen der beiden Heldinnen. Das waren an diesem Tage Madame de Furiel und Sapho.[306]
Fräulein Raucourt,[307] die Präsidentin dieser etwas sehr emanzipierten Versammlung, wusste das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Sie verliess den Marquis de Bièvre, dessen Maitresse sie gewesen war, um fortan sich ganz ihrem tribadischen Leben zu widmen. Aber nicht ohne sich vorher eine Rente von 12000 Livres zusichern zu lassen. Dieser Seigneur machte darüber einen Calembour, indem er seine ehemalige Freundin als „l’ingrate Amaranthe“ (l’ingrate à ma rente) bezeichnete.
Eine französische Zeitschrift teilt den folgenden hochinteressanten sapphischen Brief der Raucourt mit, der ebenfalls dazu beiträgt, die Mitteilungen des „Espion Anglais“ als vollkommen glaubwürdig erscheinen zu lassen:
„An Madame de Ponty, Schloss La Chapelle-Saint-Mesmier, bei Orléans.
Brüssel, 21. Messidor. Sonntag, 10. Juli.
Wie mein Herz Dir dankt, meine Liebe, für Deinen schönen Brief vom fünften! Wie ich denselben nötig hatte, um mich von der Aufregung zu erholen, die mir Dein letzter verursacht hatte! Ich werde Dir niemals den Zustand schildern können, in den er mich versetzt hatte, die Gedanken, die er in mir hervorrief. Welch’ seltsames Ding ist doch das menschliche Herz! Ich würde verzweifeln, wenn Du Dich so sehr vergnügtest, dass Du meine Abwesenheit gar nicht bemerktest, und doch, wenn Du mir sagst dass Du Dich langweilst, dass Du traurig bist, so würde ich mich so sehr darüber grämen und beunruhigen, dass ich alles verlassen und mich in die Eilpost werfen würde, um Dich wieder aufzusuchen. Ja meine Henriette, ich fühle mich dessen fähig; für mich ist das einzige unmögliche Ding: ohne Deine Liebe zu leben. — Ich bin entzückt, dass das Badezimmer und Deine Boudoirs nach englischer Art Dir gefallen; sie sind von mir für Dich eingerichtet worden, und ich darf wohl hoffen, dass Du, wenn Du sie benutzest, an diejenige denken wirst, welche die Arbeiten leitete. Du hast mir nicht gesagt, ob Du mit den Blumenvasen zufrieden bist, unglücklicher Weise giebt es augenblicklich keine mehr. Lass Nelken auf dem Markte kaufen, es können gewöhnliche sein. Wir brauchen sie für die Boudoirs. — Ich bin überrascht, dass Du Mme. Dugazon nicht gesehen hast; sie sollte zwei Tage nach mir abreisen, wie mir Labuxière sagte. Riboutet hatte mir versprochen, dass seine Frau Dich bald besuchen würde. Aber ich wünsche, dass alle diese Zerstreuungen, für die ich gesorgt habe, Dir unbefriedigend erscheinen, und dass Du meiner inständigen Bitte nachkommst und mich besuchst. Ich versichere Dich, dass Du es nicht bereuen wirst. Von allen Ländern, die wir zusammen bereist haben, giebt es nicht eines, welches so vortreffliche Spaziergänge hat wie dieses; dies ist auch mein einziges Vergnügen. Ich ermüde meinen Körper, um meine Gedanken zu zerstreuen, immer wenden sie sich trotzdem zu Dir; dann krampft sich mein Herz zusammen; und alle meine Freuden sind in der Vergangenheit und in der Zukunft. Ich habe indessen gestern grosse Abenteuer erlebt. Ich habe Dir erzählt, dass Barras mich mehrere Male besucht hat; gestern hatte er mich zu Tische geladen. Ich war dort, ebenso Talma und seine Frau. Wir waren in guter Gesellschaft. Nach dem Essen fuhr er mit mir in einer Kalesche in der Force spazieren. In meinem Leben habe ich so etwas Schönes nicht gesehen. Wie ich Dich herbeiwünschte! Um 9 Uhr kehrte ich zurück und machte Toilette, um bei dem Praefekten zu soupiren, dessen Frau mich eingeladen hatte. Der Garten war illuminirt, es waren 60 Personen dort, unter ihnen wenigstens 20 Frauen, alle vortrefflich gekleidet, und mehr als die Hälfte sehr hübsch..... Oh, sage mir aufrichtig in Deiner Antwort, ob Dich meine Briefe nicht langweilen. Es ist mein einziger Genuss, mich in Gedanken zu Dir zu versetzen. Es ist mir als ob ich mit Dir spräche, wenn ich Dir schreibe, und wenn ich mir diese Illusion mache, habe ich täglich eine Stunde des Glückes. Gute Nacht, meine theure, vielgeliebte Henriette; denn ich schreibe Dir nächtlicher Weile. Ich komme gerade von einem Spaziergange mit Mlle Mars zurück, die von den Schönheiten dieses Landes entzückt ist. Bei jedem Schritt sagten wir alle Beide: Wenn Mme de Ponty hier wäre, würde sie das reizend finden. Du, immer Du, kann das anders sein, da Du ja mein einziger Gedanke bist? Noch einmal eine gute Nacht der Gefährtin, welche sich mein Herz erwählt hat. Es ist so voll von ihr, dass ich hoffe, dass ein tröstender Traum mich an ihre Seite, in ihre Arme trägt. Henriette! noch vierzehn Tag! und heute ist erst der sechste meiner Enthaltsamkeit.. Es ist zum Sterben.“[308]
Auch einige witzige Verse über diese berühmteste Tribade haben sich erhalten:[309]
Pour te fêter, belle Raucourt, Que n’ai-je obtenu la puissance De changer vingt fois en un jour Et de sexe et de jouissance! Qui, je voudrais, pour t’exprimer Jusqu’à quel degré tu m’es chère, Etre jeune homme pour t’aimer, Et jeune fille pour te plaire.
Wer war aber die Mlle. d’Eon, deren Büste im Tribadenheiligtum der „Secte Anandryne“ aufgestellt war? Die Geschichte dieses Fräuleins d’Eon bildet eines der merkwürdigsten kulturgeschichtlichen Vorkommnisse, dessen wir kurz gedenken wollen.
Der Chevalier d’Eon[310] war ein talentvoller burgundischer Landjunker, der sich in Paris zum Doktor der Rechte, Censor, litterarischen Dilettanten, vor Allem aber zum Liebling hochadliger Familien emporgearbeitet hatte. Er galt als findiger Kopf. Den entscheidenden Umschwung seines Geschickes führte aber seine eigentümliche, frauenhaft zarte Erscheinung herbei. Als Ludwig XV. kurz vor dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges einen geheimen Agenten Douglas nach Petersburg schickte, gesellte man diesem d’Eon bei, der — auf Wunsch Conti’s oder des Königs Frauentracht anlegte und in dieser Verkleidung wirklich bei Hof Eingang gewann, der Kaiserin eigenhändige Briefe Ludwigs XV. in die Hände spielte, das Wohlgefallen der Czarin erregte und sich so als geheimer diplomatischer Agent grosse Verdienste um sein Vaterland erwarb. Später, nach Ablegung seiner Frauentracht, machte er den siebenjährigen Krieg mit, ging dann wieder als geheimer Agent nach London, welche Rolle er jedoch als Mann durchführte. Hier geriet er aber mit dem französischen Gesandten Guerchy in Zwist. Es kam soweit, dass d’Eon drohte, alle in seinem Besitze befindlichen geheimen Papiere der englischen Regierung auszuliefern. Es gelang jedoch Ludwig XV. den Chevalier vorläufig durch eine Rente von 12000 Livres zu beschwichtigen, und damit dieser sich gegen seine Feinde schützen könne, riet der König ihm in einem unter dem 4. Oktober 1763 geschriebenen Briefe, dass er wieder Frauenkleider anlegen solle, was aber d’Eon noch nicht befolgte. Nach dem Tode des Königs wiederholte d’Eon seine Drohungen, als er Gefahr lief seine Rente zu verlieren. Nun taucht eine neue Person in dieser Komödie auf. Das war kein Geringerer als der Autor der „Hochzeit des Figaro“, Beaumarchais, der als Abgesandter König Ludwig’s XVI. nach London ging, um d’Eon zur Auslieferung der Geheimpapiere zu bewegen. Schon scheint die Rückkehr d’Eons gesichert, die Auslieferung der Papiere unmittelbar bevorzustehen, da erklärt der Sohn des ehemaligen französischen Gesandten Guerchy, dass er das Andenken des Vaters an diesem Nichtswürdigen rächen würde, wann und wo er es immer wagen sollte, sich in seinem Vaterlande zu zeigen.
Bei diesem precären Stand der Sache kam ein sinnreicher Kopf — wahrscheinlich Beaumarchais selbst, — auf den Einfall, alle Schwierigkeiten in der Art zu heben, dass man d’Eon zu der öffentlichen Erklärung vermöchte: er sei überhaupt kein Mann, sondern ein — Weib. Alle Weiterungen wären damit auf einen Schlag beseitigt: alle Vergehen wider die Beamten-Disciplin, alle litterarischen Anfeindungen Guerchy’s würden dadurch als Unarten einer in ihrer Eitelkeit verletzten Frau entschuldbar und jede Forderung von Genugthuung als Narretei erscheinen. In den Friedens-Unterhandlungen Beaumarchais’ war es mithin der erste und der entscheidende Punkt, d’Eon zu der unumwundenen, feierlichen Versicherung zu bestimmen, er sei seit jeher ein Weiblein gewesen, das nur durch wunderbare Schicksalsfügung sich alle Zeit als Mann im Leben umgethan habe.[311]
So kam am 25. August 1775 der folgende seltsame Vertrag zu Stande, ein Unicum in der Weltgeschichte:
„Wir Endesgefertigte, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais einerseits (mit besonderer Vollmacht des Königs von Frankreich ddo. 25. August 1775 beglaubigt, welche dem Chevalier d’Eon vorgewiesen und abschriftlich dem gegenwärtigen Protokolle angeschlossen wurde) und
Fräulein Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Beaumont, grossjährig, vormals Dragonerhauptmann, Ritter des königlichen Ludwigsordens, Adjutant des Marschalls und des Grafen von Broglie, vordem Doctor des kanonischen und des bürgerlichen Rechtes, Advokat am Parlament von Paris, königlicher Censor für belletristische und historische Werke, mit dem Chevalier Douglas nach Russland entsendet, um die Annäherung beider Höfe herbeizuführen, französischer Botschaftssekretär des bevollmächtigten Ministers am russischen Hofe, Marquis l’Hôpital, Gesandtschaftssekretär des Herzogs von Nivernais etc. andererseits — sind über folgende Vertrags-Bestimmungen einig geworden:
Art. I. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der politischen Papiere.)
Art. II. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der Correspondenz d’Eons.)
Art. III. Verpflichtet sich d’Eon, Guerchy’s Andenken und Familie fortan in Frieden zu lassen.
Art, IV. Und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen den Streitteilen aufgerichtet werde, fordere ich im Namen Sr. Majestät, dass die Verkleidung, welche bis zu diesem Tage die Person eines Mädchens fälschlich in Gestalt eines Chevalier d’Eon hat erscheinen lassen, völlig aufhöre. Und ohne weiter Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Baumont einen Vorwurf aus dieser Veränderung ihres Standes und Geschlechtes zu machen, deren Schuld einzig und allein ihre Eltern trifft: ja, indem wir dem tapferen und kraftvollen Betragen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, das sie stets in der Tracht ihrer Wahl (habits d’adoption) bewährt hat, verlange ich unbedingt, dass zur Behebung aller Zweifel über ihr Geschlecht, welches bis heute unerschöpflichen Anlass zu Gerede, unziemlichen Wetten und schlechten Spässen gegeben, die sich immerfort erneuern könnten, vor Allem in Frankreich: verlange ich also, dass das Phantom eines Chevalier d’Eon völlig verschwinde und eine öffentliche unzweideutige Erklärung über das wahrhaftige Geschlecht von Charles Geneviève etc. d’Eon vor ihrer Ankunft in Frankreich und vor der Wiederaufnahme ihrer Mädchenkleider diese Frage für alle Welt endgiltig zur Entscheidung bringe. Fräulein d’Eon kann sich heute diesem Begehren um so weniger verschliessen[312], als sie durch dessen Erfüllung in den Augen beider Geschlechter, welche sie gleicherweise durch ihre Lebensführung, ihren Mut und ihre Talente geehrt hat, nur desto interessanter erscheinen wird. Unter diesen Bedingungen werde ich ihr urkundlich freies Geleit zusichern, kraft dessen sie nach Frankreich gehen und daselbst unter dem besonderen Schutz Sr. Majestät verweilen kann; und nicht blos Schirm und Sicherheit wird ihr der König zu Teil werden lassen, er hat auch die Güte, die Jahrespension von 12000 Livres, welche ihr der verstorbene Herrscher im Jahre 1766 bewilligt hat, in einen Leibrentenvertrag auf die gleiche Summe umzuwandeln.“
d’Eon verpflichtete sich zur Annahme all dieser Bedingungen, erhob aber noch Anspruch auf allerlei grosse und kleine Vorteile und Ehrenrechte. So wünschte er auf den Frauenkleidern das Ludwigskreuz tragen zu dürfen. Weiter einen ansehnlichen Geldbetrag zur Anschaffung von — Mädchenwäsche und Frauenkleidern.
Endlich war alles geordnet und der ehemalige Dragonerkapitän galt in ganz Frankreich — mit Ausnahme der Eingeweihten — als Mädchen.[313] Daher die Büste, welche ihm seine „Geschlechtsgenossinnen“ im „Tempel der Vesta“ errichteten. Casanova erklärt geradezu: „Der König wusste und hat es stets gewusst, dass er (d’Eon) eine Frau sei, und der ganze Streit, den dieser falsche Chevalier mit dem Bureau der auswärtigen Angelegenheiten hatte, war eine Posse, welche der König bis zu Ende spielen liess, um sich dadurch zu unterhalten.“[314]
Louvet de Couvray lässt seinen „Faublas“ dieselbe Metamorphose vom Manne zum Weibe durchmachen. Nur dass dieser Chevalier sich stets zur rechten Zeit und am rechten Orte als Mann, ja allzumännlich — enthüllt.
Dass zur Zeit der Revolution die Viragines, die Weiber mit männlichen Allüren, immer mehr hervortraten, haben wir schon früher erwähnt. Sade hat mehrere solche Typen geschildert.
Wie die Tribadie im vorigen Jahrhundert beurteilt wurde, erhellt aus einer Bemerkung des Grafen von Tilly über die lesbische Freundin eines Mädchens, das er zu heiraten wünschte: „J’avoue, que c’est un genre de rivalité, qui ne me donne aucune humeur; au contraire, cela m’amuse et j’ai l’immoralité, d’en rire.“[315]
18. Die Paederastie.
Der Marquis de Sade singt das Lied der Paederastie in allen Tonarten. Wohl der vollendetste und konsequenteste Paederast ist Dolmancé in der „Philosophie dans le Boudoir“. „Es giebt, sagt Dolmancé, keinen Genuss in der Welt, der diesem vorzuziehen wäre. Je l’adore dans l’un et l’autre sexe. Mais le c.. d’un jeune garçon me donne encore plus de volupté que celui d’une fille.“ (Philosophie dans le Boudoir I. 99). Er beschreibt ausführlich die Freuden dieses Lasters und betont vor allem, dass es die Schwängerung mit absoluter Sicherheit verhindere (ib. I. 104). Obgleich Dolmancé sich mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühlt, verschmäht er gelegentlich nicht paedicationem mulieris, und übernimmt es gern, Eugenie mit diesem „Vergnügen“ bekannt zu machen. Dagegen ist Bressac, den Justine im Verkehr mit seinem Lakaien überrascht (Justine I. 145) ein durchweg homosexuell veranlagter Jüngling, der einen angeborenen Hass gegen das weibliche Geschlecht empfindet, welches er das „infame“ nennt. Er ist, soweit wir uns erinnern, der einzige Typus mit hereditärer sexueller Inversion, den de Sade gezeichnet hat. Alle übrigen haben die sexuellen Perversitäten während des Lebens allmählig erworben. Wir sind überzeugt, dass Sade, der sich überall als ein genauer Kenner sexualpathologischer Persönlichkeiten und Neigungen erweist, hier nach der Wirklichkeit schildert. So ist es im Leben. Der Urning durch Heredität ist die Ausnahme, der Urning durch Verführung, durch lasterhafte Entartung, last not least durch Geisteskrankheit, ist die Regel. — Bressac entwickelt (Justine I. 162–164) die Theorie, dass der Pathicus, der er ist, von Natur ein ganz anderer Mensch sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für angeboren, beruhend auf einer „construction toute différente“. Es wäre eine „stupidité“, sie zu bestrafen! Dolmancé dagegen giebt eine Erklärung der Paederastie, die wohl für die meisten Urninge als Beweggrund zutreffen dürfte. „Ah! sacredieu, si son intention (de la nature) n’était pas que nous f.... des culs, aurait-elle aussi justement proportionné leur orifice à nos membres; cet orifice n’est-il pas rond comme eux, quel être assez ennemi du bon sens peut imaginer qu’un trou ovale puisse avoir été créé par la nature pour des membres ronds. Ses intentions se lisent dans cette difformité.“ (Ph. d. l. B. I. 176). —
Selbst die Tribaden fröhnen bei Sade der griechischen Liebe, sei es mit künstlichen Instrumenten, sive auxilio clitoridis. — Die Verbreitung dieses Lasters wird als eine sehr grosse geschildert. Die Duvergier erzählt, wie sehr gesucht und wie gut bezahlt jetzt die Paederastie werde. „Les cons ne valent plus rien, ma fille, on est en las, personne n’en veut (Jul. I. 234).“ Demgemäss wird manchmal der „coniste“ mit offenbarer Verachtung gegenüber dem „bougre“[316] behandelt. (Juliette III, 54). „Venus hat mehr als einen Tempel auf Cythera“, sagt Juliette (II, 18) und erzählt auch, dass „le cul est bien recherché en Italie (III, 290).“
Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Paederastie immer mehr Anhänger in Frankreich gefunden. Mirabeau versichert, dass während der Regierung Heinrich’s III. „les hommes se provoquaient mutuellement sous les portiques du Louvre“, und dass unter Ludwig XIV. die Paederastie ihre bestimmten Gesetze und Organisationen hatte.[317] Heinrich III. war selbst homosexuell gewesen. Heinrich IV. „trat zwar wieder sehr dagegen auf, konnte es aber nicht hindern, dass später unter Ludwig XIII. der homosexuelle Geschlechtsverkehr, den man auf Italien glaubte zurückführen zu müssen, wieder am Hofe ausgeübt wurde. Philipp von Orléans, Bruder Ludwigs XIV., wurde homosexuell, und es ist bekannt, in wie unglücklicher Ehe durch Philipp’s Vorliebe für Männer seine Frau, die deutsche Fürstentochter Elisabeth Charlotte von der Pfalz, oft ‚Lieselotte‘ genannt, mit ihm lebte. Was Ludwig XIV. anbetrifft, so wird berichtet, dass verderbte Männer, die in seiner Umgebung vor seiner Grossjährigkeit lebten, versuchten, seinen Trieb umzuwandeln, um ihn ohne Vermittelung einer Maitresse beherrschen zu können. Der junge König soll allerdings bald eine Abneigung gegen jene Männer gefasst haben, die in dieser Weise ihn zu beeinflussen suchten. Der Kammerdiener des Königs, Pierre de la Porte, berichtet in seinen Memoiren sogar von einem Fall, wo der Kardinal Mazarin im Jahre 1652 nach einem Diner, das der damals 15jährige König bei ihm einnahm, mit ihm geschlechtlich verkehrt habe. Doch ist die Sache nicht aufgeklärt und wird wohl auch niemals ganz aufgeklärt werden.“[318]
In einem alten Werke „La France Galante“ (1695), welches den zweiten Teil der „Histoire amoureuse des Gaules“ des Grafen von Bussy-Rabutin bildet, befindet sich ein Kapitel „La France devenue italienne“, in dem über einen Paederasten-Club berichtet wird, den der Herzog von Grammont, der Malteserritter de Tilladet, Manicamp, der Marquis de Biran als „Grosspriore“ begründet hatten. Alle Mitglieder wurden untersucht „pour voir si toutes les parties de leurs corps étaient saines, afin qu’ils pussent supporter les austérités“. Enthaltsamkeit vom Weibe war streng vorgeschrieben. Jedes Mitglied musste Sich den „rigueurs du Noviciat, qui durerait jusques à ce que la barbe fut venue au menton“ unterwerfen. Wenn einer der „Brüder“ sich verheiratete, musste er die Erklärung abgeben, dass dies wegen der Regelung seiner Vermögensverhältnisse geschehe, oder weil ihn seine Eltern dazu gezwungen hätten oder weil er einen Erben hinterlassen müsse. Zugleich musste er schwören, niemals seine Frau zu lieben, und nur so lange bei ihr zu schlafen, bis er einen Sohn bekäme. Er bedurfte für dieses Beisammensein noch einer besonderen Erlaubnis, die ihm nur einmal wöchentlich gewährt wurde. Man teilte die Brüder in vier Klassen, damit jeder Grossprior einen wie den anderen besitzen konnte. Diejenigen, welche in den Orden eintreten wollten, wurden nach der Reihe von den vier Grossprioren erprobt. Strenges Stillschweigen über die Vorgänge in diesem Paederastenklub war geboten, nur diejenigen, die der Neigung zur griechischen Liebe verdächtig waren, durften mit Vorsicht eingeweiht werden. Die paederastischen Orgien fanden in einem Landhause statt. Die Teilnehmer trugen bei denselben zwischen Rock und Hemd ein Kreuz, auf welchem in Relief ein Mann dargestellt war, der eine Frau mit Füssen trat! Der Klub bestand nicht lange, da ein königlicher Prinz sich ihm anschloss, und der König ihn auflöste, wobei der Prinz an dem Teil gezüchtigt ward, durch den er gesündigt hatte.[319]
Wenn Bouchard von den Pagen des Herzogs von Orléans berichtet, dass dieser „cour était extrêment impie et débauchée, surtout pour les garçons. M. d’Orléans défendait à ses pages de se besonger ni branler la pique; leur donnant au reste congé de voir les femmes tant qu’ils voudraient, et quelquefois venant de nuit heurter à la porte de leur chambre, avec cinq ou six garces, qu’ils enfermaient avec eux une heure à deux“,[320] so sind wir geneigt, diese homosexuellen Neigungen der Knaben weniger auf ein noch „undifferenziertes Geschlechtsgefühl“ zurückzuführen, wie Havelock Ellis und Symonds annehmen, als auf das ihnen am Hofe dieses Herzogs von Orléans gegebene Beispiel und auf direkte Verführung. Und wenn Elisabeth Charlotte von der Pfalz über eben diesen Herzog von Orléans schreibt: „Monsieur denkt an nichts, als was seiner Buben Bestes ist, fragt sonst nach nichts; das Bedientenpack ist überall Herr und Meister“,[321] so möchten wir Bouchard’s obige Angaben einigermassen bezweifeln.
Jedenfalls rettete sich der Cultus der Paederastie am französischen Hofe auch ins 18. Jahrhundert hinüber. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn Ludwig XV., dieser geile Lüstling, nicht auch an der Paedicatio und anderen homosexuellen Praktiken Gefallen gefunden hätte. So wird berichtet, dass er amico clunes nudatas monstravit, quas tamquam deae jussit hominem genubus flexis deosculando adorare.[322] Allerdings wurden noch 1750 zwei Paederasten in Paris lebendig verbrannt.[323]
Die Revolutionszeit brachte auch dieses Laster zur höchsten Blüte. Der auf die Paederastie sich beziehenden Abbildungen haben wir schon oben gedacht. Aus dem Jahre 1798 berichtet Dupin, der Regierungscommissar des Seinedepartements: „Seit einiger Zeit verbreitet sich eine noch schändlichere Art von Unzucht. Die Berichte von Polizeiagenten über die Paederastie häufen sich in schreckenerregender Weise. — Die Sodomiterei und die sapphische Liebe treten mit derselben Frechheit auf, wie die Prostitution und machen beklagenswerte Fortschritte.“[324]
In seiner im Jahre 1789 erschienenen Schrift „Dom B... aux Etats-généraux, ou doléances du portier des Chartreux“ sagt Rétif de la Bretonne in der Vorrede, dass „die Paederastie die Bestialität und andere Formen der Unzucht schon seit fünf oder sechs Generationen Frankreich erniedrigen“.[325]
Rétif sieht in der allzugrossen Aehnlichkeit der männlichen und weiblichen Kleidung bei den Griechen und Römern die Ursache für die grosse Verbreitung homosexueller Neigungen. Er fordert deshalb, dass auch jetzt noch die Kleidung der Geschlechter möglichst differenziert werde.[326]
Auffällig ist allerdings, dass im vorigen Jahrhundert die Zeit der grössten Ausbreitung der sokratischen Liebe mit dem Auftreten der Moden à la grecque zusammenfiel, wodurch offenbar ein Beweis für den starken Einfluss der Mode auf diese Verhältnisse geliefert wird.
19. Flagellation und Aderlass.
Die Flagellation, dieses mächtige Hilfsmittel der Wollust, hat der Marquis de Sade ausgiebig in seinen Werken verwendet. Wir erwähnen nur die grossen Flagellationsszenen in der „Justine“ und „Juliette“ (Justine III, 129; Juliette II, 138–150 zwischen Frauen; Juliette V, 335). Juliette besuchte im Auftrage der Duvergier mit drei jungen Modistinnen den Herzog Dendemar in St. Maur, dessen sexuelle Monomanie darin besteht, junge Mädchen (und zwar selten Prostituierte) bis aufs Blut zu geisseln, wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlte. (Juliette I, 344 ff.).
Der Marquis de Sade hat auch auf diesem Gebiete litterarische Studien gemacht. Er verweist auf die zu seiner Zeit bedeutendsten Schriften über den Flagellantismus von Meibom und Boileau (Juliette V, 169). Diese Studien haben ihn belehrt, dass zu allen Zeiten die Männer es gewesen sind, welche bei der Flagellation die aktive Rolle übernahmen. Er wundert sich deshalb, dass bei der natürlichen Grausamkeit des Weibes dieses der aktiven Geisselung so wenig Geschmack abgewonnen habe (?)[327], und er lässt durch den Mund des Dolmancé die Hoffnung aussprechen, dass die Frauen auch dieser Spezialität bis zu dem „point où je le désire“ ausbilden möchten (Phil. dans le Boud. I. 157).
Interessante Einzelheiten über die Flagellation im 18. Jahrhundert teilt Cooper mit[328]. Voltaire erwähnt die Rute oft in seinen Schriften, namentlich, wenn er die Jesuiten damit lächerlich machen kann. Auch in den Memoiren jener Zeit wird die Rutenstrafe häufig erwähnt.
Die Schläge wurden schon an ganz kleine Kinder ausgeteilt, da die Bonnen behaupteten, dass dadurch Muskulatur und Haut „gestärkt“ würden. In allen französischen Klosterschulen war die Rutenstrafe für junge Mädchen etwas gebräuchliches, wie dies ja auch natürlich ist bei dem Flagellantismus, der unter den Nonnen herrschte. „Die heiligen Schwestern straften mit Entzücken ihre Schülerinnen auf dieselbe Weise, wie die heiligen Väter ihre Beichtkinder zu absolvieren pflegten.“
Während der Schreckenszeit lauerten die Tricoteusen den Nonnen auf, um sie schimpflich auszupeitschen. Bekannt ist der tragische Fall der Théroigne de Méricourt, die auf der Terrasse „Des Feuillants“ öffentlich von einer Bande von Weibern ausgepeitscht wurde und darüber den Verstand verlor. Auch nach dem Sturze Robespierre’s wurden von den Anti-Terroristen junge Mädchen auf der Strasse entblösst und gegeisselt.
Es soll sogar kurz vor der Schreckensherrschaft ein „Rutenklub“ bestanden haben, dessen weibliche Mitglieder sich „gegenseitig mit entzückender Eleganz die Rute gaben.“ Viele vornehme Damen gehörten zu diesem Klub, über dessen sexuelle Tendenzen wohl kein Zweifel bestehen kann.
Ueber Jean Jacques Rousseau’s Vorliebe für diese Art geschlechtlicher Erregung ist schon so viel geschrieben worden, dass wir darauf verzichten, die Geschichte seiner Züchtigung durch Mademoiselle Lambercier nochmals ausführlich darzustellen und auf R. v. Krafft-Ebing verweisen[329]. Die französische Litteratur des letzten Jahrhunderts ist nach Cooper reich an Geschichten von Prügelstrafen, die namentlich bei dem schönen Geschlecht grossen Anklang fanden. Ueber einige causes célèbres dieser Art berichtet ebenfalls Cooper.
England ist bekanntlich heute das klassische Land des sexuellen Flagellantismus, und seine berühmteste Geisslerin war Theresa Berkley in London, Charlotte-Street 28, welche in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts sich grossen Ruhm und ein Vermögen durch ihre Kunst erwarb. Sie besass zahllose rutenartige Instrumente mit allen möglichen Reizvorrichtungen zur Erregung und Erhöhung der Wollust. „Thus, at her shop, whoever went with plenty of money, could be birched, whipped, fustigated, scourged, needle-pricked, half-hung, holly-brushed, furse-brushed, butcher-brushed, stinging-nettled, curry-combed, phlebotomized and tortured till he had a belly full.“[330] Auch hielt sie für die Ausübung der aktiven Flagellation Dirnen, u. a. eine Negerin und eine Zigeunerin. Sie erfand eine Maschine, auf der die Männer festgebunden wurden und die eine sehr sinnreich-wollüstige Einrichtung hatte. „There is a print in Mrs. Berkley’s memoirs, representing a man upon it quite naked. A woman is sitting in a chair exactly under it, with her bosom, belly and bush exposed: she is manualizing his embolon, whilst Mrs. Berkley is birching his posteriors. The female acting as frictrix, was intended for Fisher, a fine, tall, dark haired girl, all must remember who visited Charlotte Street at that day, as well as the good humoured blonde, Willis; the plump, tight, frisky and merry arsed Thurlow. Grenville with the enormous bubbies; Bentinc, with breadth of hip and splendour of buttock; Olive, the gipsy, whose brown skin, wicked black eye, and medicean form would melt an anchorite; the mild and amiable Palmer with luxuriant and well fledged wount, from whose tufted honors many a noble lord has stolen a sprig; and Pryce, the pleasing and complaisant, who, if birch was a question, could both give and take.“[331] Die Berkley starb im September 1836, nachdem sie von 1828 bis 1836 über 10000 Pfund Sterling erworben hatte. Ihre Korrespondenz, die Dr. Vance, ihr Testamentsvollstrecker aufbewahrte, enthielt Briefe von Personen beiderlei Geschlechts aus den höchsten Kreisen und wurde vernichtet.
Wir geben diesen kleinen Excurs, weil wir das Institut der Frau Berkley in den neueren Werken über Flagellantismus und auch sonst nicht erwähnt fanden, und dieses Curiosum um so eher für Forscher auf diesem Gebiete von Interesse sein wird, als auch in den Romanen des Marquis de Sade ganz ähnliche Maschinen vorkommen, auf denen die Opfer festgebunden werden. Wir bemerken gleich an dieser Stelle, dass wir auf die höchst interessante Geschichte des englischen Flagellantismus ausführlicher in demjenigen der folgenden Bände zurückkommen, in welchem wir das Geschlechtsleben in England, vorzüglich in London untersuchen, das manche aus dem englischen Wesen sich ergebenden Eigentümlichkeiten darbietet.[332]
Anhangsweise sei noch einer Rolle gedacht, welche der Aderlass bei Sade spielt. Im dritten Bande der „Justine“ (S. 223 ff.) tritt ein Graf Gernande auf, der sich nur dadurch sexuelle Befriedigung verschaffen kann, dass er die Frauen zur Ader lässt, nachdem er dieselben hat reichlich essen lassen. Sade verfehlt nicht, solche Szenen darzustellen. Besonders schauerlich ist die, bei welcher der Graf seine eigene Frau venaeseciert und sich an der Bewusstlosen geschlechtlich befriedigt (Justine III, 253).
Der Aderlass war ja im 18. Jahrhundert eine auch von Laien ausgeführte Operation. Brissaud erzählt, dass in den Klöstern die Regel des Aderlasses in gewissen Perioden bestand. Bei den Karthäusern z. B. fünfmal, bei den Praemonstratensern einmal jährlich. Die Feste Sanct Valentin und St. Mathias wurden durch besonderes Blutvergiessen gefeiert:
Seigneur du jour Saint Valentin Fait le sang net soir et matin Et la saignée du jour devant Garde des fièvres en tout l’an.
Raulin pflegte die so häufige Hysterie der Frauen durch Aderlässe zu heilen,[333] ganz wie man nach dem Vorschlage von Dyes u. A. in unseren Tagen die Chlorose durch Venaesectionen zu bessern glaubt. Vielleicht kehren auch für uns die blutsaugerischen Zeiten eines Broussais und Bouillaud mit ihren „saignées coup sur coup“ wieder. Dann können wir auch wieder „sexuelle Venaesectionen“ erleben. Brierre de Boismont berichtet über einen Mann, der seiner Geliebten an den Genitalien und dem After Blutegel ansetzen oder einen Aderlass machen liess, wobei er sich in den gemeinsten Schimpfreden erging. Sobald er Blut sah, steigerte sich seine sexuelle Erregung aufs höchste, und er befriedigte dieselbe an dieser Person.[334]
Wir zweifeln nicht daran, dass dieser Mensch die „Justine“ gelesen und einfach die Handlungen des Grafen Gernande nachgeahmt hat. Später werden wir noch mehrere solche Beispiele offenbarer Nachahmungen einzelner Vorkommnisse in Sade’s Romanen bringen.
20. Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv- und Geheimmittel im 18. Jahrhundert.
Den „Sexualmitteln“ (im weitesten Sinne) widmet Sade in seinen Werken eine besondere Aufmerksamkeit. Gerade hier lässt sich wieder recht deutlich machen, wie sehr er nach Vorbildern gearbeitet hat, und wie dadurch seinen Schilderungen ein eigentümlicher sittengeschichtlicher Wert zukommt.
Es ist kein Wunder, dass die durch häufige und unnatürliche Ausschweifungen entnervten Wüstlinge bei Sade künstlicher Anregung und sexueller Stimulantien in hohem Masse bedürfen. So ist denn auch kein Mangel an den verschiedensten Aphrodisiaca zur Belebung der entschwundenen Kräfte dieser ausgemergelten Individuen. Die Delmonse reibt dem impotenten Grosskaufmann Dubourg die Hoden mit einer Flüssigkeit ein. Darauf muss dieser Unglückselige noch eine Bouillon „composé d’aromates et d’épins“ einnehmen. (Justine I, 62). Cornaro lässt sich die Testes mit Branntwein einreiben (Juliette VI, 223). Die Durand reibt nicht die Hoden, sondern das Glied selbst mit einer „anregenden“ Flüssigkeit ein.[335] Im fünften Bande der Juliette (Seite 330) werden „stimulierende Flüssigkeiten mit Jasmingeruch“ auf die Teilnehmer der Orgie gespritzt. — Neben diesen äusserlichen Aphrodisiaca kennt Sade auch innerliche. Juliette gebraucht als solche Wein und Liqueure, Opium[336] und andere „Aphrodisiaca, die in Italien öffentlich verkauft werden.“ (Juliette IV, 104). Die Durand betreibt einen Handel mit Aphrodisiacis und Antiaphrodisiacis (Juliette III, 229).
Wir haben schon oben (S. 127 ff.) mitgeteilt, dass das Bordell der Madame Gourdan reichlich mit sexuellen Stimulantien versehen war. Dort wurden auch die „Pastilles à la Richelieu“ erwähnt. Da dieselben gerade in Beziehung auf den Marquis de Sade von Wichtigkeit sind und ihr Hauptbestandteil, die Canthariden nach Binz eine „berüchtigte Rolle im Frankreich des vorigen Jahrhunderts spielten“[337], so mag vielleicht ein Wort über diese cantharidenhaltigen Reizmittel hier am Platze sein. Bis schon von Dioscurides (Materia medica Lib. II. Cap. 65) erwähnten Canthariden gelten seit langer Zeit als ein sexuelles Stimulans. Soll doch schon der römische Dichter Lucretius infolge des Genusses eines cantharidenhaltigen Aphrodisiacums gestorben sein. Ambroise Paré berichtet über mehrere derartige Todesfälle. Zu Paré’s Zeit war der Gebrauch der Pastillen oder Bonbons in Frankreich Mode geworden. Die Heimat dieser aphrodisisch wirkenden Bonbons war Italien, von wo besonders Catharina von Medici dieselben in Frankreich einführte. Am Hofe Heinrich’s III. und Karl’s IX., fanden dieselben reichliche Verwendung. Im 18. Jahrhundert war es besonders der Herzog von Richelieu, der von diesen so unschuldig aussehenden Bonbons bei seinen Liebesabenteuern ausgiebigen Gebrauch machte. Seine Propaganda für die nach ihm benannten Pastillen hatte zur Folge, dass dieselben in den letzten Regierungsjahren Ludwig’s XV. Mode wurden[338]. Gerade in diese Zeit fällt die Affäre des Marquis de Sade in Marseille, bei der diese Bonbons eine fatale Rolle spielten. Auch die „Tablettes secrètes de Magnanimité“ der Madame Du Barry, das „Poudre de joie“, die „Seragliopastillen“ waren höchst wahrscheinlich cantharidenhaltig.
Die Canthariden sind ein gefährliches Mittel, da sie sehr leicht Entzündung der Niere, der Blase und der Harnröhre hervorrufen. Die durch sie erzeugten Erectionen kommen durch die entzündliche Reizung der Harnröhren- und Harnblasenschleimhaut auf reflectorischem Wege zu Stande. Eine Steigerung der Sexualität kann höchstens im Anfange der Wirkung beobachtet werden.[339]
Die Kosmetik erfreute sich ebenfalls im vorigen Jahrhundert einer besonderen Pflege. Auf diesem Gebiete gelangte der Charlatanismus zur höchsten Blüte. Und es waren oft wunderliche Blüten. So erhielt im Jahre 1769 eine Gesellschaft das Privilegium, an beiden Seiten des Pont-Neuf Vermietungsstände für Sonnenschirme zu errichten, damit die für den zarten Teint ihrer Haut besorgten Personen sich gegen die Sonnenstrahlen durch diese Schirme schützend, die Brücke überschreiten könnten[340]. Die Schönheitsmittel wurden so wahllos und in solchen Mengen angewendet, dass Casanova gewiss Recht hatte, wenn er — der von Zeit zu Zeit gern den Charlatan spielte — der Herzogin von Chartres, die an Acne des Gesichtes litt, die Anwendung kosmetischer Mittel verbot. Er verschrieb ihr milde Abführmittel — was gewiss sehr zweckmässig war — und die Waschung mit Wegebreitwasser[341], welches im vorigen Jahrhundert bei Hautentzündungen vielfache Verwendung fand.
Als Enthaarungsmittel erwähnt der Marquis de Sade das Rusma, das „dépilatoire turc, connue sous le nom de rusma“, das er in einer Anmerkung als „pierre minérale, atramentaire“ bezeichnet und aus Galatien stammen lässt. (Justine III, 120.) Das Rusma ist ein altes und sehr beliebtes orientalisches Enthaarungsmittel. Die „Pasta depilatoria“ oder „Rusma Turcorum“ (oder „Nurék Persarum“) wird hergestellt aus 2 Teilen Auripigment, 15 Teilen Calcaria viva und 2½ Teilen Weizenmehl. Das ist die Vorschrift von J. J. Plenck, einem berühmten Dermatologen des 18. Jahrhunderts.[342] Zu bemerken ist noch an dieser Stelle das grosse Interesse, welches der Marquis de Sade allen Gegenständen der Medicin und Anthropologie entgegenbringt. Er suchte sich darüber in allen ihm zugänglichen wissenschaftlichen Werken seiner Zeit zu unterrichten. Später werden wir noch erwähnen, dass seine Frau ihn während seines Aufenthaltes im Gefängnis stets mit Büchern versorgen musste. Dieser Gefängnisaufenthalt war wohl erst die Veranlassung, dass Sade sich über die mannigfaltigsten Dinge zu belehren suchte.
Eine merkwürdige Eigentümlichkeit des 18. Jahrhunderts waren die sogenannten falschen Jungfrauschaften, deren grosse Häufigkeit ausdrücklich hervorgehoben wird.[343] Man suchte durch adstringierende Mittel die Reste des Jungfernhäutchens künstlich wieder zusammenzubringen, überhaupt den Introitus vaginae zu verengern. Dieses Bestreben blickt gerade in Frankreich auf eine lange Geschichte zurück. In dem 13. Kapitel der Chirurgie des am Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts lebenden französischen Arztes Heinrich de Mondeville, dessen für die Kulturgeschichte Frankreichs eine reiche Ausbeute liefernden Schriften von J. Pagel im Urtext zum ersten Male herausgegeben wurden, findet sich folgende Anweisung zur Vortäuschung der Jungfrauschaft[344]: „Die Geschlechtsteile bedürfen einer doppelten Pflege: innen und aussen. Die innere Pflege haben Huren nötig, die in ihrem Geschäfte erprobt sind (antiquae), von ihnen insonderheit die, welche naturgemäss eine weite oder infolge des häufigen Coitus schlüpfrige und weiche Vulva haben, um denen, die mit ihnen zusammenliegen, als Jungfern oder doch wenigstens nicht als öffentliche Dirnen zu erscheinen. Zu dieser Pflege nehmen auch Mädchen, die nicht verheiratet, aber unseligerweise defloriert sind, ihre Zuflucht, um als unverfälschte Jungfern dazustehen, wenn es dazu kommt, sich mit dem von ihnen Erangelten im Ehebette zu vereinigen. Ihren Zweck suchen sie auf folgende Weise zu erreichen. Zu Pulver gestossenes Glas bringen sie in dem Augenblicke, wo es zu dem Coitus gehen soll, in die Vulva; die Folge davon ist, dass sie selbst und die Rute dessen, der mit ihnen den Coitus vollzieht, beblutet erscheint. Sonst bringe man in die Scheide Drachenblut und lege darüber Werg und Charpie, beides befeuchtet mit Regenwasser, in dem adstringirende Pflanzen, wie Rosen, Anthera, Sumach, Blutwegerich und dergl. abgekocht sind, oder man setze Blutegel an. Dabei aber sei man vorsichtig, dass sie nicht hineinschlüpfen. Sind diese entfernt, entstehen Schorfs an den Seitenwänden der Vulva. Diese reissen beim Coitus auf. Es fliesst Blut und man besudelt sich damit. Auch nehme man ein Stück Schwamm, benetze es mit beliebigem Blut oder fülle eine Fischblase mit Blut, bringe sie hinein und wasche noch die Vulva aussen mit dem Safte von der grossen Schwarzwurz“[345]. Derartige Praktiken waren im 18. Jahrhundert wieder an der Tagesordnung. Wir haben oben über das „Jungfrauenwasser“ der Madame Gourdan berichtet. Auch Sade kennt verschiedene Mittel zur Wiederherstellung der pucelage. Delbène rühmt ihre „pommade“, mit der sie die eben deflorierte Laurette wieder reparieren will (Juliette I, 171) und giebt der demselben Schicksal verfallenen Juliette eine „Myrthenextraktpomade“, mit der dieselbe sich 9 Tage lang einreiben soll, um am zehnten wieder eine Jungfrau zu sein (Juliette I, 179). Auch die Duvergier benutzt eine ähnliche Jungfrauensalbe. (Juliette I, 187).[346]
Ueberhaupt war diese ganze Zeit, ein volles Saeculum, die „goldene Zeit für alle Toilettenkünste und es ist merkwürdig, dass die Schminke und alle hierher gehörigen Utensilien herrschen konnten, obwohl gerade damals die Frische des Teints, der ‚Teint de couvent‘ so ausserordentlich geschätzt und begehrt war“[347]. Es gab damals Hunderte von Pasten, von Essenzen, von Schönheitswässern und Schönheitspflästerchen. Besonders wichtig waren die Schminken, vor allem das Rot, „Le grand point est d’avoir un rouge, qui dise quelque chose.“ Für den Wert, den die Frauen auf das Schminken legten, zeugt folgende von Mercier erzählte Anekdote aus der Schreckenszeit.[348]
(Die Marquise klingelt)
Marton
Gnädige Frau —
Marquise
Marton ich stehe auf —
Marton
Hier bin ich, gnädige Frau —
Marquise
Mein Kind, was giebt’s Neues?
Marton
Gnädige Frau, man spricht von einem Aufstand der diesen Morgen losbrechen soll —
Marquise
Warum nicht gar?
Marton
Man spricht von Plünderung, von Zerstörung, von Weiberraub, ja sogar —
Marquise
Weiberraub ja sogar — ei, Kind, du scherzest - Himmel, wenn man —
Marton
Ach! ich habe überall gehört, dass die Ungeheuer die Frauen töten werden, und man sagt, dass diejenigen, die ihnen gefallen, als unglückliche Opfer ihrer Lüste —
Marquise (sehr lebhaft).
Ich zittre — Marton — kleide mich doch an — Marton — mein Rot! geschwind mein Rot! Himmel! wie ich aussehe — bleich — niedergeschlagen — ich sehe scheusslich aus — sie werden mich töten!.... —
Die Männer trieben die gleichen Toilettenkunststücke, schminkten sich ebenfalls, vergossen „künstliche Thränen“ und enthaarten auf Verlangen der Geliebten den ganzen Körper. „C’est ainsi que M. le duc d’Orléans au témoignage de M. d. Valencay qui lui donna le chemise, se présenta dans le lit de Mme. de Montesson“[349]. Eine grosse Errungenschaft des 18. Jahrhunderts auf kosmetischem Gebiete war das Bad. Die Badeeinrichtungen bildeten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts einen mit grossem Luxus ausgestatteten Bestandteil vornehmer Häuser und wurden hauptsächlich zu kosmetischen Bädern benutzt. Die Heldinnen Sade’s steigen ebenfalls nach vollbrachtem Tages- oder Nachtwerk ins Bad.
Die Schriften des Marquis de Sade gewähren uns ein erschreckendes Bild von der Häufigkeit der auch einen gewissen Zusammenhang mit der Kosmetik aufweisenden Abortiv- und Praeventivmittel im 18. Jahrhunderte. Jene Zeit brachte die Verhältnise hervor, welche zu der gegenwärtigen Abnahme der Bevölkerungsziffer in Frankreich geführt haben. Aus Galliot’s Statistik, die mit dem Jahre 1789 beginnt, kann man die grosse Ausdehnung der Fruchtabtreibung in Frankreich entnehmen. Er schliesst seine Resultate mit den Worten: „On se plaint de tous côtés, en France, de la décroissance de la population. On a fait récemment de nombréuses lois pour protéger l’enfant; nous venons à notre tour demander une protection pour le foetus.“[350] Das vorige Jahrhundert kannte denn auch bereits alle Mittel, welche noch heute angewendet werden, um die Conception zu verhindern oder die Abtreibung der Frucht zu bewirken. Höchst charakteristisch ist jene Stelle in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo Madame de St.-Ange auf eine Frage Eugeniens die anticonceptionellen Mittel aufzählt (Philosophie dans le Boudoir I, 99) und neben „éponges“, die sich die Frauen in die Vagina einführen und „condomes“, deren sich die Männer bedienen, als ein vorzügliches Mittel auch die Paedicatio empfiehlt, die am besten den malthusianischen Ideen des Jahrhunderts entspreche. Ist aber das „Unglück“ geschehen, so wissen die Helden und Heldinnen Sade’s Mittel und Wege, um die Frucht im Mutterleibe zu töten. Sade erwähnt die Sabina als ein vortreffliches Abortivum. (Juliette III, 204). Aber ein noch sicheres und gefahrloseres Mittel als Sabina, das zudem „den Magen nicht angreift“ ist dasjenige, welches die von ihrem Vater schwangere Juliette anwendet. Sie lässt sich nämlich von einem berühmten Accoucheur eine viermonatliche Frucht vermittelst einer Nadel abtreiben. (Juliette III, 212). Die Durand verkauft Emmenagoga m diesem Zwecke (Juliette III, 229).
Als letzter Gruppe von sexuellen Mitteln gedenken wir noch der antivenerischen Geheimmittel, mit welchen das Frankreich des vorigen Jahrhunderts in grosser Zahl überschwemmt wurde. Denn trotz aller Ausschweifungen in Venere war die Furcht vor der Syphilis sehr gross, und die Charlatane fanden ein nur zu williges Publikum für ihre Betrügereien. Wir wissen nicht, ob der Plan für ein Bordell mit der Aufschrift: „Du plaisir pour de l’or et santé garantie“[351] zur Ausführung gekommen ist Jedenfalls war die Vorsicht in dieser Beziehung gewiss gerechtfertigt. Casanova hatte es sich zum Prinzip gemacht, niemals in einem fremden Bette zu schlafen.[352] Juliette untersucht ihre Kunden stets genau auf syphilitische Symptome hin. Ein Mann, der mit schwerer Syphilis behaftet ist und der daher als Spezialität seiner Wollust diejenige gewählt hat, die von ihm gebrauchten Weiber anzustecken, wäre beinahe der Juliette gefährlich geworden. (Juliette I, 238–240). Im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 98) wird erzählt, wie ein Mann seinen Rivalen aus Rache syphilitisch infizierte damit dieser die Krankheit der früheren Geliebten mitteile. Eine ganz ähnliche Idee führt Sade am Ende der „Philosophie dans le Boudoir“ aus. Dort lässt man einen syphilitischen Knecht holen, der vor den Augen der triumphierenden Scheusale die unglückliche Madame de Mistival infizieren muss, wonach Dolmancé ausruft: Parbleu, voici une inoculation, comme Tronchin n’en fit de ses jours. (Philosophie dans le Boudoir II, 183–184).
Medicamentöse Schutzmittel gegen Syphilis wurden vorzüglich in den Gewölben des Palais-Royal angepriesen. Es gab auch Manche, die ohne Scheu dieselben in Flugschriften bekannt machten und ihre Betrügerei durch Anschläge an den Mauern, durch Verteilung von Karten oder Zetteln auf der Strasse feilboten.[353]
Wir haben früher schon den Charlatan Agirony und das „Spezificum des Doktor Préval“ erwähnt. Der Letztere ist wohl der berüchtigste Charlatan des 18. Jahrhunderts gewesen, dessen Persönlichkeit um so mehr Interesse erweckt, als Guilbert de Préval derjenige war, welcher Rétif de la Bretonne in die Geheimnisse der Pariser Prostitution und die „Artes amandi“ des Palais-Royal einweihte, ein Mensch, der nur im schmutzigsten Sumpfe sich wohl fühlte.[354] Die Geschichte dieses Erzcharlatans wird im „Espion anglais“ ausführlich erzählt.[355]
Préval studierte seit 1746 in Caën, wo er dann eine umfangreiche Praxis ausübte, machte später noch anatomische Studien zu Paris und promovierte dort im Jahre 1750. Er beschäftigte sich nunmehr 20 Jahre mit der Therapie der Syphilis und entdeckte nach Ablauf dieser Zeit ein „unfehlbares Specificum“ gegen diese Krankheit, mit welchem er mehr wie 8000 (!) Menschen heilte. Das Mittel besass übrigens die Kraft, auch alle übrigen „Haut- und Blutkrankheiten“ zu heilen. Selbst bis „nach Indien, Amerika und — Martinique“ drang der Ruf dieses Mittels wo es „Pians und Scorbut“ zur Heilung brachte. Gleichzeitig war dieses Mittel, eine sogenannte „eau fondante“[356], ein zuverlässiges Vorbeugungsmittel der Syphilis. Endlich diente es sogar, wie das heutige Tuberkulin bei Tuberkulose, zur Diagnose der Syphilis, wozu es z. B. Madame Gourdan benutze. Die Ankündigung dieses Mittels machte ausserordentliches Aufsehen und „brachte alle Köpfe der jungen damals am alten Hofe befindlichen Wüstlinge in Aufruhr.“[357] Man liess den Herrn Préval kommen, überhäufte ihn mit Schmeicheleien, wie sie kaum dem Entdecker einer neuen Welt zu Teil geworden wären, verlangte aber, dass er selbst in Gegenwart von Zeugen den nötigen Versuch machen sollte, die Wirksamkeit des von ihm angegebenen Mittels zu beweisen. Préval ging darauf ein. Im Juni 1772 geschah das Unglaubliche. In Gegenwart vornehmer Herren vollzog unser Charlatan an einer exquisit inficierten Dirne, die im Spital der barmherzigen Schwestern behandelt wurde, einen Coitus, nachdem er zuvor sein berühmtes Mittel eingenommen hatte.[358] Er blieb gesund, wobei aber nicht mitgeteilt wird, ob eine frühere, doch sehr wahrscheinliche Syphilis dieses Lebemannes Ursache dieser Immunität war. Parent-Duchatelet[359] „könnte noch die Zeugen dieser merkwürdigen Szene nennen“, allein der Rang, den sie im Staate einnahmen, „befahl ihm Stillschweigen.“
Wir befinden uns nicht mehr in dieser Lage und nennen die Namen. Es waren der Herzog von Chartres, der Graf de la Marche, der Marschall Richelieu, der Herzog von Nivernois und andere „Cavaliere“. Auch der Herzog von Zweibrücken liess ähnliche Versuche anstellen, die günstig ausfielen. Préval wurde vom Pariser Magistrat aufgefordert, die Syphilitischen im Bicêtre mit seinem Mittel zu behandeln. Es wurden ihm zu diesem Zweck 6 Männer und 4 Frauen zugewiesen. Von diesen Dingen bekam die medizinische Fakultät Kenntnis und trat zu einer merkwürdigen Sitzung am 8. August 1772 zusammen, in der Préval aus der Liste ihrer Mitglieder gestrichen wurde, mit 154 gegen 6 Stimmen. Er fing darauf mit der Fakultät einen Prozess an und verklagte dieselbe vor dem Pariser Parlament. Nachdem dieses im Jahre 1777 den Beschluss der Fakultät aufgehoben hatte, wurde derselbe nach neuerlicher Weigerung der letzteren am 13. August 1777 bestätigt und Préval ausserdem noch zu einer Geldstrafe von 3000 Francs verurteilt.
Wenn man auch dem Beschlusse der Fakultät als solchem zustimmen kann, so ist doch die Begründung desselben sehr fragwürdiger Natur. An einer Stelle derselben heisst es nämlich: „Es wäre Sache der Moral, zu prüfen, bis zu welchem Punkte eine Erfindung erlaubt sein könne, welche kein anderes Ziel habe, als den natürlichen Reiz des Lasters noch durch den der Straflosigkeit zu verstärken. Wir wissen oder glauben es doch zum mindesten, dass ein Schutzmittel gegen die in Rede stehende Krankheit eine Liederlichkeit veranlassen würde, wodurch die Bevölkerung und bürgerliche Ordnung, wir könnten auch hinzusetzen, die Reinheit der Sitten leiden müssten.“ Schon Girtanner, der sich in seinem Werke überall als einen rigorosen Moralisten erweist, bemerkt dazu: „Der Erfinder eines solchen Mittels, verdiente nicht Verachtung, sondern den Dank des menschlichen Geschlechts, weil dadurch, in kurzer Zeit, die Lustseuche ganz von der Erde vertilgt werden müsste. Und welcher Menschenfreund wünscht nicht, dass es möglich wäre, eine so glückliche Revolution zu bewirken!“[360] Parent-Duchatelet, der diesem Gutachten der Pariser medizinischen Fakultät ein enthusiastisches Lob zollt, wird von Proksch mit Recht getadelt.[361] Denn man kann das Laster verdammen, ohne der Menschheit die Schutzmittel vor Krankheiten zu entziehen, und wenn die Furcht vor Krankheiten der einzige Beweggrund der Tugendhaftigkeit sein soll, dann dürfen wir diese Tugend nicht allzuhoch einschätzen.
Das Hauptschutzmittel gegen die venerischen Ansteckungen war im 18. Jahrhundert wie — heute: der Condom. Wir haben bereits mehrere Male auf den weit verbreiteten Gebrauch dieses Praeservativs hingewiesen, von dem in jedem Bordell, ein „ganzes Arsenal“ vorhanden war. Auch die alleinwohnenden Prostituirten betrieben den Verkauf dieser „redingotes d’Angleterre“. Als Casanova in Marseille ankam und nach seiner Gewohnheit die erste Erholung von den Reisestrapazen bei einer Dirne suchte, wobei er seine Furcht vor Ansteckung äusserte, bot ihm das Mädchen „englische Hüllen“ an, welche „Beruhigung gewähren“. Aber er mochte sie nicht, da sie „von zu geringer Qualität waren.“ Darauf offerierte die Schöne „feinere zu drei Francs das Stück“, welche „die Händlerin nur dutzendweise verkaufte“ worauf Casanova sich bereit erklärte, das ganze Dutzend zu nehmen und sich zu diesem Behufe ein paar Specimina von einer kleinen 15jährigen Dienerin „anpassen“ liess.[362]
Der Condom wurde von dem unter Karl II. lebenden Londoner Arzt Dr. Conton erfunden, ist daher eigentlich „Contom“ zu nennen. Nach der Angabe dieses Arztes wurde diese zum Bedecken des männlichen Gliedes vor dem Beischlaf bestimmte Hülle aus den Blinddärmen der Lämmer bereitet. Zu diesem Behufe ward das entsprechende Darmstück in gehöriger Länge aus den geschlachteten Lämmern herausgeschnitten, getrocknet und dann durch Reiben mit einem feinen Oele und Kleien schlapp, weich und geschmeidig gemacht.[363]
Proksch macht über die weitere Geschichte und Beurteilung dieser Erfindung sehr interessante Mitteilungen und constatiert, dass in der Neuzeit „das hypermoralische Toben gegen den Condom“ beinahe ganz aufgehört hat. Die Aerzte erkennen den hohen Wert der Condome als Mittel zur Verhütung der venerischen Krankheiten fast einstimmig an. „Die meiste Anerkennung der Schutzkraft der Condome kam, freilich wider Willen, von einer Seite, von welcher man es gar nicht vermutet hätte.“ Im Jahre 1826 erschien nämlich ein päpstliches Breve (Leo XII.), welches diese Erfindung verdammte, „weil sie die Anordnungen der Vorsehung hindert, welche die Geschöpfe an dem Gliede strafen wollte, mit dem es gesündigt.“ Proksch übt an diesem Breve eine vernichtende Kritik, auf die wir den Leser verweisen. — „Die Condome aus Blinddärmen der Lämmer, aus Fischblasen und Goldschlägerhäutchen sind weniger zuverlässig, da diese tierischen Membranen sehr bald vertrocknen, brüchig und rissig werden, von kleinen Insekten an- oder durchfressen werden, und zudem fast gar keine Dehnbarkeit im trockenen Zustande besitzen, sodass sie bei einer geringen Gewaltanwendung entzwei gehen können.“[364] Proksch, dieser ernsthafte und gelehrte Forscher auf dem Gebiete der venerischen Krankheiten, hat aber durch sehr exakte Versuche nachgewiesen, dass die Condome aus Kautschuk die sichersten Schutzmittel gegen alle durch naturgemässen Beischlaf erworbenen venerischen Krankheiten sind.[365] Die moralischen Einwände, welche man gegen den Gebrauch dieser Condome erhoben hat, sind nicht stichhaltig für denjenigen, der weiss, dass Alles in der Welt gemissbraucht werden kann, und dass das gesellschaftliche Wohl höher gestellt werden muss als die Bedenken des Einzelnen. Alle diese Einwürfe hat Proksch im humansten Sinne widerlegt. Der Arzt, der die Gesundheit des einzelnen Menschen, der Familie und der ganzen Gesellschaft zu schützen berufen ist, kann nicht den Standpunkt eines Theologen einnehmen, der sich, wie wir zugeben, auch vertheidigen lässt. Er muss auch einen Missbrauch seiner Ratschläge von sich abweisen, der ihm doch gewiss nicht zur Last fällt. „Sollte durch den Condom einer jeden erdenklichen Unreinlichkeit und dem triefenden Schmutz einerseits und andrerseits den hirnverbrannten Einfällen eines jeden Wüstlings Rechnung getragen werden, dann müsste er freilich nicht nur die Geschlechtsteile, sondern auch den ganzen Körper überziehen.“ (Proksch.)
Endlich kommen wir zu einer letzten Gruppe von Aphrodisiaca. Das sind die Surrogate des Mannes, wie wir sie nennen möchten, die künstlichen Apparate, welche der Frau die Abwesenheit des Mannes ersetzen sollen, vor allem die ledernen Phalli oder Godmichés, die „Consolateurs“, wie sie bei der Gourdan heissen die „bijoux indiscrets“, „bijoux de religieuse“ (englisch: Dildo, indiscreet toy; italienisch: Cazzo, Parapilla), deren Gebrauch aus dem Culte des Priapus entsprungen ist.[366] Diese schon seit dem Altertume[367] in Gebrauch befindlichen künstlichen Phalli erlangten im 18. Jahrhundert wieder eine weite Verbreitung, nicht blos in Frankreich[368], sondern auch in Deutschland, wo sie von den vornehmen Damen als „Samthanse“ bezeichnet wurden.[369] Sade beschreibt sogar automatisch wirkende Godmichés (Juliette V 328), sowie kunstvoll mit verschiedenen scharfen Spitzen versehene Instrumente, wie sie z. B. die Tribade Zatta gebraucht (Juliette VI 124). Wie wir auf einer Abbildung in der „Philosophie dans le Boudoir“ (Band II, 31) ersehen, waren die Godmichés des vorigen Jahrhunderts ähnlich konstruiert wie diejenigen, welche noch heute in Frankreich Verwendung finden, und welche Garnier folgendermassen beschreibt:[370] „On en fabrique ici (à Paris) en caoutchouc rouge durci, parfaitement imités, que l’on vend secrètement à des adresses connues de toutes les intéressées. Le mécanisme en est des plus ingénieux. Ils se gonflent à volonté et du lait ou tout autre liquide, placé à l’intérieur, s’échauffant au contact du vagin, s’échappe et se répand au moment psychologique, pour rendre l’illusion plus complète.“[371] Diese Dinge wurden übrigens nicht blos im Amor lesbicus gebraucht, sondern sogar auch zwischen Mann und Frau, w. z. B. Madame de St. Ange es zur Paedicatio des Dolmancé benutzt (Philosophie dans le Boudoir II, 31).
Garnier meint, dass die sogenannten „japanischen Kugeln“, welche in Japan, China und Indien seit alter Zeit von wollüstigen Frauen benutzt wurden, erst seit 1819 nach Europa gelangt und damals zuerst im „Dictionnaire des sciences médicales“ beschrieben worden seien.[372] Das ist ganz unrichtig. Wie wir oben (S. 130) zeigten, waren diese „pommes d’amour“ schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich bekannt.
21. Gastronomie und Alkoholismus im 18. Jahrhundert.
„Sine Baccho et Cerere friget Venus“. Gut Essen und gut Trinken sind auch Aphrodisiaca, die nicht zu verachten sind. Dies weiss der Marquis de Sade ganz genau. Gleich im Anfang der Juliette ruft Delbène nach einer Orgie aus: „Déjeunons, mes amies, restaurons nous; lorsqu’on a beaucoup déchargé il faut réparer ce qu’on a perdu.“ (Juliette I, 10). „Nur viel essen macht tüchtig zur physischen Liebe“ sagt Noirceuil (Juliette II, 72). Die „diners énormes“ sind daher recht häufig in Sade’s Romanen (Juliette II, 268). Clairwil ist ebenso „capriciös in den Ausschweifungen der Tafel wie in denen des Bettes, in beiden gleich bizarr und unmässig, nährt sich nur von Geflügel und Wildpret, trinkt Zucker- und Eiswasser, viel Liqueur und Kaffee. Elle mangeait excessivement.“ (Juliette II, 151).
„Trinken wir, sagt Rodin, ich liebe es, mich durch einen tüchtigen Trunk auf die Freuden der Liebe vorzubereiten“ (Justine I, 332). Ambroise sagt bezeichnend: „Die Kräfte, welche Bacchus der Venus leiht, kommen immer der letzteren zu Gute“ (Justine III, 126). Zu der fürchterlichen Orgie beim Minister Saint-Fond präparieren sich die Teilnehmer durch die „ausgesuchtesten Weine und die opulentesten Speisen“ (Juliette II, 15), und auch während der Orgien lässt man sich zu den Unmässigkeiten des Comus und der Cypris durch „fremde Weine elektrisieren“ (Juliette III, 62). Juliette und die Königin Karoline von Neapel trinken zwischen den Liebesszenen zwei Flaschen Champagner (Juliette IV, 18), was die Tribade Zanetti damit begründet, dass man „trinken muss après avoir f....“ (Juliette VI, 161). Ein entsetzlicher Vielfrass und Vielsaufer ist der Graf Gernande, der nach der kategorischen Erklärung: „Die Unmässigkeit ist meine Gottheit, ihr Bild steht in meinem Tempel neben dem der Venus“ und nach dem Vorbilde des von ihm zitierten „Gastmahl Trimalchio’s“ 12 Flaschen Wein verschiedener Sorten, 2 Flaschen Liqueur, 1 Flasche Rum, 2 Gläser Punsch und 10 Tassen Kaffee trinkt (!!), bevor er sich an die Freuden der Liebe macht (Justine III, 231–232).
Das 18. Jahrhundert war „in Wahrheit das Jahrhundert der grossen Küche und der grossen Köche“ (le siècle de la grande cuisine et des grands cuisiniers).[373] Jedermann war in jener Zeit „Gourmand“, vorzüglich in der Aristokratie, wo man „so vortreffliche Mahle zu bereiten wusste.“ Die Indigestion war oft die „Strafe der grossen Esser“. Der Feldzug des Prinzen Soubise in Deutschland wurde bekannter „durch seine opulenten Diners als durch seine Siege“. Der Prinz liebte eine besonders raffiniert zubereitete Omelette, die 100 Thaler kostete.[374] Voltaire sprach sich sehr scharf gegen die überhandnehmenden gastronomischen Ausschweifungen aus,[375] die nach seiner Ansicht den Geist ruinierten. Die alkoholischen Exzesse, welche unter der Regentschaft fast jeden Abend im Palais-Royal stattgefunden hatten,[376] bürgerten sich unter der Regierung Ludwigs XVI. wieder ein. Die Weine aller Länder wurden gepflegt und eingeführt und in regelmässiger Ordnung beim Mahle gegeben, so der Madeira, der „den Laufgraben eröffnete, die französischen Weine, welche die Gänge unter sich teilten und die spanischen und Kapweine, welche das Werk krönten“.[377] Nach Brillat-Savarin waren die Chevaliers und die Abbés die grössten Feinschmecker. Die „déjeuners littéraires et philosophiques“ wurden Mode, die aber, wie Paul Lacroix bemerkt, ebenso sehr der Gastronomie gewidmet waren.[378]
Präsident Henault, der intime Freund der Madame Du Deffand, war bekannt durch seine vortrefflichen Diners. Voltaire redet ihn einmal an:
Henault, fameux par vos soupers!
Rétif beschreibt in den „Nuits de Paris“ ein solches „Souper célèbre bei Grimod de la Reynière fils“[379] und berichtete über mehrere „pikante“ Soupers, denen er beiwohnte u. a. bei dem Charlatan Guilbert de Préval, wo der Dichter Robé seine cynischen Poeme vorlas, bei Herrn de Morfontaine und beim Grafen de Gémonville.[380] Ganz wie heute nahmen schon im 18. Jahrhundert die Lebemänner mit ihren „Freundinnen“ ein „vorbereitendes“ Souper ein. Casanova schildert ein solches Souper in Marseille.[381]
Wie in der Schreckenszeit die alkoholischen Ausschweifungen zur Verwilderung der Massen erheblich beitrugen, schildert Reichardt[382]. „Der sehr besonnene und von jeder Uebertreibung entfernte Geschichtschreiber fügt der Darstellung von den blutigen Septembertagen, indem er von den von Wut, Blut und Branntwein trunkenen, gedungenen Mördern spricht, die mit Säbel und Beil, mit Piken, Bajonetten und Kolben unter Anstimmung des Marseiller Marsches ihre Landsleute und Mitbürger wie Feinde, wie wilde Tiere mordeten, folgende Note hinzu: Es ist unwiderleglich dargetan, dass die Getränke, welche man den gedungenen Mördern reichte, mit einem besonderen Mittel vermischt waren, welches eine schreckliche Wut erzeugte, und diejenigen, die es verschluckten, gar nicht wieder zur vernünftigen Besinnung kommen liess. Ein Lastträger, der zum Morden im Kloster Saint-Firmin gedungen war, sagte: Sie haben mir dort was Rechtes zu trinken gegeben. Aber ich habe dafür auch ein tüchtig Stück Arbeit vollbracht, mehr als zwanzig Priester hab’ ich für mein Teil allein umgebracht. (Histoire de la Révolution de France par deux amis de la liberté)“.
Merkwürdig ist, dass der Marquis de Sade in seinen Romanen bereits den Typus des Vegetarianers und des Antialkoholisten gezeichnet hat. Der erste Codex des modernen Vegetarianismus war bekanntlich J. Newtons’s Schrift „Return to nature or defence of vegetable regime“, die 1811 in London erschien. Sade führt in Bandole einen typischen Vegetarianer und Antialkoholisten vor, der allerdings diese Enthaltsamkeit aus sexuellen Gründen übte. Er isst wenig, und nur Vegetabilien, trinkt nur Wasser. Ja, dieser Bandole ist bereits ein Vorläufer von Leopold Schenk. Zwar entwickelt er keine vollständige „Theorie Schenk“, aber er nimmt an, dass die Frau nur dann geschwängert wird, wenn sie eine gesunde und leichte Nahrung geniesst. Auch Zamé in „Aline et Valcour“ ist enragierter Vegetarianer, der sich des Fleischgenusses „par humanité et par régime“ enthält. Und er weist mit Stolz darauf hin, dass die Bewohner seiner Insel, die sich nur von Früchten ernähren, sich einer kräftigen Gesundheit erfreuen. Die jungen Leute sind stark und fruchtbar, der Geist gesund und frisch. Ihr Leben verlängert sich weit über das gewöhnliche Ziel hinaus, und sie werden durchaus glücklich.[383]
22. Diebstahl und Räuberwesen.
Die Tatsache, dass Prostitution und Verbrechen unzertrennlich mit einander verknüpft sind, tritt uns auch in den Romanen des Marquis de Sade deutlich entgegen. Fatime, die 16jährige Freundin Juliettens, übt das Bestehlen ihrer Kunden als „Spezialität“ zu der einer der „berühmtesten Diebe“ der Vorstadt La Vilette, Dorval, sie angeleitet hat. (Juliette II, 193). Dieser wird durch seine Spione über alle in Paris ankommenden Fremden unterrichtet, die er dann durch seine Dirnen verführen und berauben lässt. Er empfindet einen besonderen sexuellen Genuss, wenn er bei der Ausführung solcher Diebstähle zugegen sein kann. Seine Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls werden wir später besprechen. — Die Hauptleidenschaft der venezianischen Tribade Zanetti ist ebenfalls der Diebstahl. Derartige Persönlichkeiten, für die der Diebstahl eine Wonne ist, kommen noch mehrere vor.[384]
Ungeheuerlich war ja die Geldgier im Frankreich des 18. Jahrhunderts, was die Zeugnisse aller Zeitgenossen beweisen. Rameau’s Neffe erklärt: „Es giebt kein Vaterland mehr; von einem Pol zum andern sehe ich nur Tyrannen und Sklaven; man mag sich stellen wie man will, man entehrt sich, wenn man nicht reich ist. Gold ist Alles und das übrige ohne Gold ist nichts. Sobald ich einen Louisdor besitze, stelle ich mich vor meinen Knaben hin, ziehe das Goldstück aus meiner Tasche, zeige es ihm mit Verwunderung, hebe die Augen gen Himmel und küsse das Geld“. Graf Tilly sagt in seinen Memoiren: „C’était connaître un siècle dont le devise pourrait être: laissons là les parchemins: nous parlerons un autre jour de vos vertus. Montrez moi de l’or“. Das Geld ist der „universelle Motor“ dieser Zeit geworden, wie Madame du Hausset sagt[385]. Die Räuber und Diebe, von denen es auch in Sade’s Romanen wimmelt, bildeten die wirksame Staffage der Revolutionszeit und waren im engsten Bunde mit der Prostitution in der Hauptstadt und in den Provinzen[386]. Seit 1789 nahmen Diebstahl, Raub und Mord einen immer steigenden Aufschwung und blieben fast während der ganzen Revolutionszeit an der Tagesordnung. Schon in der ersten Hälfte des Jahres 1792 waren in Paris „nächtliche Diebstähle und Morde zahlreicher als gewöhnlich“ geworden, so dass die Massnahmen der Wachsamkeit verschärft und vervielfältigt, die Gefängnisse und deren Dienstmannschaften vermehrt werden mussten. Der 10. Aug. und die Septembertage gaben beiden Arten des Verbrechens einen entsetzlichen Impuls. Die Schreckenszeit war begreiflicherweise nur dazu angethan, die Verbrechen noch häufiger und die Bestrafung noch seltener zu machen. Morde wurden ohne alle Scheu, Einbrüche und Diebstähle jeder Art mit der grössten Frechheit ausgeführt. Aus der Umgegend strömten immer neue „Schwärme von Spitzbuben“ nach Paris, die hier „in den zahllosen Freudenmädchen willkommene Hehlerinnen und Helferinnen fanden!“[387] Zugleich klagte man über den Mangel an Sicherheit auf den Landstrassen. Unter anderem wurden die Umgebungen von Mitry im Departement der Seine und Marne auf das Unverschämteste von Räuberbanden beunruhigt, die alles plünderten, was ihnen aufstiess und sogar durch öffentliche Anschläge zum Eintritt in ihre Reihen einluden, indem sie jedem neuen Genossen 50 Livres für den Tag in Aussicht stellten! In den ersten Monaten des Jahres 1796 gestaltete sich der Zustand in Paris zu einem geradezu unerträglichen. Die Verbrechen vermehrten sich dermassen, dass „tagtäglich Diebstähle und Morde begangen wurden“. Das Publikum erklärte laut, dass „die Ziffer der Spitzbuben und Betrüger diejenige der ehrbaren Leute überstiege“. Zu Anfang dieses Jahres lagerten zahlreiche Räuberbanden um Paris. Eine Menge von Raub- und Mordthaten, nicht selten mit „unerhörter Grausamkeit ausgeführt“ verbreiteten Angst und Schrecken. Ein gewisser Bourdroux war besonders berüchtigt als Führer einer solchen Bande. Die Ueberfälle von Seiten der Räuberbanden „geschahen meist mit unerhörter Keckheit, die Häuser wurden förmlich erstürmt, die Insassen sämtlich auf grässliche Weise ermordet, und dann erst die Plünderung vollzogen“.[388]
Als Gründe dieser trostlosen verbrecherischen Zustände von Paris und Umgegend bezeichnete damals ein offizieller Bericht: die Entartung der Sitten; die Fülle öffentlicher, den Lustbarkeiten und der Liederlichkeit gewidmeter Orte; die Schlupfwinkel der Prostitution, zumal die der niedrigsten Klasse, deren Inhaberinnen meist mit den Banden der Spitzbuben und Gauner in Verbindung ständen, und deren Besucher ausgeraubt und dann selbst zu Diebstahl und Raub angelernt würden; ferner die zahlreichen Volksbälle, die ebenfalls Schulen der Faulheit, der Liederlichkeit und des Gaunertums seien; die Spielhäuser.[389]
In der Bevölkerung wurde jeder Sinn für die öffentlichen Interessen durch die Unsicherheit der örtlichen und privaten erstickt; alle Unterhaltung drehte sich nur um die neuesten Raub- und Mordfälle. Die Straflosigkeit der Verbrechen „reizte zur Nachahmung des bösen Beispiels oder zerstörte alle Begriffe von Recht und Unrecht, von Sein und Haben, von Mein und Dein. In dem Meere der allgemeinen Verderbnis ging jeder Anflug von Schuldbewusstsein zu Grunde“. Die Advokaten machten sich aus Eitelkeit und Schönrednerei zu Verfechtern des Lasters und des Verbrechens. „Der Pranger war ein Triumph“. Weiber benahmen sich am Pranger gegen „alle Zuschauenden oder Vorübergehenden nicht nur in ihren Zurufen, sondern auch in ihren Gebärden und Handlungen so überaus schamlos, frech und gemein, dass man schliesslich anordnen musste: allen ausgestellten Weibern die Hände und die Röcke festzubinden!“ Schmidt betont besonders die „grauenhafte Thatsache“, dass selbst von vielen Leitern der Revolution ein Teil der blutigen und unblutigen Formen des Verbrechens öffentlich gelehrt und empfohlen, der andere heimlich geübt und geduldet wurde. „Gäbe es eine vollständige Statistik der Verbrechen in Frankreich, während der Revolutionszeit: man würde sicher nach allen Richtungen hin zu schaudererregenden Ziffern kommen.“[390]
Nach dieser Schilderung wird man die Häufigkeit der Diebstähle und Räubereien in Sades Romanen verstehen.
23. Der Giftmord.
Auch der Giftmord schleicht im Gefolge der Prostitution und sexueller Ausschweifungen. Schon im alten Rom war der Dirnenstadtteil Suburra zugleich der Aufenthaltsort der Giftmischerinnen und Gifthändlerinnen. Und es ist kein Zufall, dass berüchtigte Giftmischerinnen, wie die Brinvilliers und die Voisin geschlechtlich ausschweifende Weiber waren. Sade, mit seiner feinen Kenntnis aller Verhältnisse des menschlichen Geschlechtslebens, hat diesen Zusammenhang durchaus erfasst und in der Schilderung seiner Typen zum Ausdruck gebracht. Höchst anschaulich malt er die Wonne und die Wollust der Giftmischerei aus, die eine ungeheuere sexuelle Befriedigung gewährt. (Juliette III, 214.) Auch ist der Giftmord wegen seiner Unauffälligkeit den anderen Arten der Tötung vorzuziehen. Verneuil sagt: „Kein gewaltsamer Akt! Der Tod überrascht unter Deinen Augen die betreffende Person, ohne Lärm, ohne Skandal, kaum dass Du es merkst. O Justine! Justine! es ist eine herrliche Sache, das Gift! wie viel Dienste hat es schon geleistet! wie viel Leute bereichert, von wie viel unnützen Wesen die Welt befreit!“ (Justine III, 335). Die im Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin Durand ist ein erotisches Scheusal par excellence. (Juliette III, 220 ff.) Sade hat sie deutlich als krankhaft entartete Persönlichkeit geschildert. Er führt uns einen hysterischen Anfall der Durand vor, die mit ihrer kalten, berechnenden Grausamkeit, mit ihrem cynischen Atheismus, mit ihrer kolossalen sexuellen Erregbarkeit das Bild der klassischen Giftmörderin bietet. Sie besitzt einen ganzen Garten mit Giftpflanzen und eine grosse Zahl fertiger Gifte, Emmenagoga, Aphrodisiaca und Antiaphrodisiaca. Ihre Hauptgifte waren das „poudre du crapaud verdier“, mit dem ein Mädchen in coitu vergiftet wird, damit seine krampfhaften Zuckungen dem Coitirenden den höchsten Grad der Wollust bereiten, die „chair calcinee de l’engri, espèce de tigre d’Ethiopie“, mit der ein junger Mann aus der Welt geschafft wird, das „Königsgift“ (poison royal), durch welches nach Sade unter Ludwig XV. viele Mitglieder der königlichen Familie vergiftet wurden. Ferner vergiftete Nadeln und Pfeile, verschiedene Schlangengifte („Cucurucu“, „Kokol“, „Polpoch“, „Aimorrhois“). Auch der Minister Saint-Fond betreibt Giftmord im Grossen, ebenso Noirceuil, der der Brinvilliers einen Lobhymnus singt (Juliette II, 31 und 85).
Juliette vergiftet ihren Mann, den Grafen Lorsange mit dem „poison royal“ und mischt dem Ungeheuer und Menschenfresser Minski Strammonium in die Chokolade (Juliette III, 285 und IV, 15). Als die Durand und Juliette in Venedig ein Bordell errichten, bildet der Handel mit Giften eine willkommene Nebeneinnahme für sie (Juliette VI, 251).
Seit dem 17. Jahrhundert, wo unter der Regierung Ludwig’s XIV. eine wahre „Epidemie von Giftmischerei“ besonders unter den aristokratischen Frauen auftrat, hatte sich der Giftmord gewissermassen in diesem Lande eingebürgert. Zu jener Zeit versorgte der berüchtigte Abbé Guibourg, der Veranstalter von „Satansmessen“, die ganze Aristokratie mit Giften und Liebesphiltren.[391] Der Giftmord nahm so überhand, dass der König am 7. April 1679 ein besonderes Tribunal, die „Chambre royale de l’arsénale“ oder „Chambre ardente“ errichten musste, die ausschliesslich sich mit Giftmordprozessen beschäftigen sollte. Am bekanntesten ist die Giftmischerin Marie Madeleine Marquise de Brinvilliers, die auch der Marquis de Sade sehr häufig erwähnt.[392] Es ist interessant, dass dieses teuflische Weib, wie sich aus einer unter ihren Papieren aufgefundenen Autobiographie ergab, von frühester Jugend an in sexuellen Ausschweifungen geradezu Exorbitantes leistete. Eine unersättliche Geschlechtslust erfüllte sie durch ihr ganzes Leben. Dies war offenbar das Primäre. Die eigene Wollust und Geschlechtsgier, welche eigentlich nichts weiter ist, als ein potenzierter Egoismus, macht zuerst gefühllos gegen das Geschick und die Leiden Anderer. Diese Hartherzigkeit wandelt sich bei weiterem Fortschreiten der sexuellen Entartung in Grausamkeit und Mordlust um. So geschah es auch in diesem Falle. Erst nach längeren Ausschweifungen lernte die Brinvilliers von ihrem Geliebten de Sainte-Croix die Giftmischerei kennen, die sie dann mit einer wahren Wollust betrieb. Sie vergiftete ihren Vater, ihre zwei Brüder, ihre Schwestern und zahlreiche andere Personen. Nach Entdeckung ihrer Missethaten wurde sie am 16. Juli 1676 enthauptet; ihre Leiche nachher verbrannt und die Asche in alle Winde zerstreut, so dass, wie Madame de Sévigné in ihren Briefen erzählt, „ganz Paris Gefahr lief, Atome der kleinen Frau einzuatmen und dadurch von gleichem Vergiftungstriebe infiziert zu werden.“[393]
In der That trat diese Infektion ein. Die Giftmorde mehrten sich in erschreckender Weise und gaben zu der Errichtung der oben erwähnten Kammer Veranlassung. Die geschlechtlich ebenfalls sehr aktive Voisin, die Vigouroux, des Œillets, Delagragne sind die berühmtesten Giftmischerinnen des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurde dies Treiben, wenn auch in etwas geringerem Masse, fortgesetzt. Die bekanntesten Giftmischer sind Desrues und seine Frau, die sich um jeden Preis bereichern wollten und daher zur Vergiftung der ihnen im Wege stehenden Personen griffen.[394] Sade, der alle ihm naheliegenden Vorbilder benutzt hat, lässt auch diesen Desrues zusammen mit dem grossen Räuber Cartouche als Henker bei einer Orgie fungieren, oder vielmehr durch Noirceuil zwei Männern diese berüchtigten Namen beilegen (Juliette VI, 323). Ebenso erzählt Rétif de la Bretonne im vierten Bande der „Année des dames nationales“ (S. 1166 ff.) die Affaire Desrues.
24. Mord und Hinrichtungen.
Des Marquis de Sade Werke triefen von Blut wie sein Jahrhundert. Das ist es, was ihren unseligen Ruf begründet hat. Keiner hat vor ihm und nach ihm mit so grässlicher Wahrheit jene verhängnisvolle Kombination geschildert, die er unermüdlich und mit einer eisernen Konsequenz in seinen Büchern walten lässt; die Kombination des Jahrhunderts: Wollust und Blut! Er hat sein Jahrhundert aufs Papier gebracht! Deshalb wirken seine Schriften so verderblich, deshalb grinst uns aus ihnen eine Welt der Hölle an. Denn der Schrecken verging, alle wirklichen Qualen jener Zeit sind dahin und die ungeheuren Ströme von Blut in die dunkle Erde hinabgeflossen, die sie mitleidig aufnahm. Aber in Sade’s Werken lebt jener Schrecken noch, da wird er vielleicht für ewige Zeit bis zur Vernichtung der Welt leben: „Justine“ und „Juliette“ sind die wirklichen Reste einer grausen Zeit. Leichengeruch weht uns aus ihnen an, und die mordende Wollust des 18. Jahrhunderts wird wieder lebendig. Wir sind in Sodom.
Konnte dies ein Mensch ersinnen und erdenken? Nein! Auch hier ist es das Gemälde der Zeit. Wir wollen Sade Gerechtigkeit widerfahren lassen. Und das können wir nur, indem wir ihn erkennen. Denn die Erkenntnis ist das Höchste in der Welt. Sie allein führt zur Gerechtigkeit, nicht das blosse dumpfe Gefühl, welches sich von solchem Graus mit Abscheu abwendet. Schon Jules Janin sagte, dass der Marquis de Sade ein Objekt der „histoire naturelle“ sei, dass man über ihn schreiben müsse, wie man die Monographie des Skorpions oder der Kröte schreibt.[395] Nur die kalte wissenschaftliche Analyse kann das Wesen dieses Mannes erleuchten und das endgiltige Urteil über ihn feststellen. Nur sie hat ein Recht zu diesem Urteil.
Sehen wir zu, ob dieses Jahrhundert der Wollust nicht auch eines der unerhörtesten Grausamkeit, der unmenschlichsten Mordlust gewesen ist!
Die Hinrichtungen waren im 18. Jahrhundert öffentlich. Wirkte vor der Revolution die Grausamkeit derselben depravierend auf die Zuschauer, so wirkte während der Revolution die Massenhaftigkeit der Enthauptungen vielleicht noch verderblicher. Mit Recht erklärte der edle Beccaria in seiner klassischen Schrift „Ueber Verbrechen und Strafen“, die jeder Menschenfreund gelesen haben sollte, dass die Hinrichtungen, für den grössten Teil der Zuschauer zu einem Schauspiel werden und die Menschen grausam machen.[396] Das französische Volk, von Natur zur Grausamkeit geneigt, war dieser Gefahr in höherem Grade ausgesetzt als jedes andere. Die grossen Geister jener Zeit erkannten dies wohl. So verdammt Montesquieu im „Esprit des lois“ die Foltern und die schrecklichen Martern bei der Hinrichtung, und Voltaire hörte niemals auf, gegen diese Unmenschlichkeiten zu protestieren.
Bis zur Revolution waren in Frankreich als Arten der Todesstrafen hauptsächlich die Vierteilung, das Rad und der Galgen gebräuchlich. Die mildere Enthauptung wurde so selten ausgeübt, dass sie sogar von den Henkern „verlernt“ wurde, wie die Hinrichtung des Grafen de Lally im Jahre 1766 bewies.[397] Die gewöhnliche Weise der Hinrichtung war das Rad, das denn auch bei Sade öfter vorkommt. Der unglückliche Delinquent wurde auf „einem Wagenrade ausgestreckt.“ Der Henker zerbrach ihm mit einer schweren eisernen Stange die Knochen der oberen und unteren Extremitäten, und verfuhr dabei mit grosser Geschicklichkeit, um sich den Beifall der Zuschauer (les suffrages des spectateurs) zu erwerben.[398] Sodann wurde der Delinquent in die Speichen des Rades geflochten und sterbend zur Schau gestellt.
Die Strafe des Galgens ist bekannt. Die Vierteilung werden wir bei der schauerlichen Hinrichtung des Damiens kennen lernen.
Eine grosse Hinrichtung war immer, besonders in Paris, „eine Art von Fest für das Volk“, das sich sehr begierig zeigte, ihr beizuwohnen und genau alle Einzelheiten derselben zu sehen. Meist fanden diese Executionen auf der Place de Grève statt. Die berühmtesten waren die des Strassenräubers Cartouche und seiner Bande (27. November 1721), des Räubers Nivet und seiner Complicen (1729) durch das Rad, des Deschauffonis, der erst erdrosselt, dann verbrannt wurde (1733), der Gattenmörderin Lescombat durch den Galgen (1755), des Damiens durch Vierteilung (1757), des Giftmörders Desrues und seiner Frau durch das Rad (1777). Strassenrufer verkündigten Tag und Stunde der Hinrichtung und verkauften das gedruckte Urteil. Eine „ungeheure Menschenmenge versammelte sich auf dem Executionsplatze“. In dieser tumultuösen und oft leidenschaftlich erregten Menge waren die Frauen und Kinder nicht die am wenigsten Ungeduldigen. Jede folgte „avec ardeur“ allen Peripetien der Hinrichtung, die oft länger als eine Stunde dauerte. Der Scharfrichter, umgeben von seinen Knechten, trug die Miene eines Seigneur inmitten seiner Bedienten zur Schau, war frisiert, gepudert, ausgesucht vornehm in weisse Seide gekleidet und blickte stolz umher. Das Volk verlor keine seiner Bewegungen aus den Augen. Der Verurteilte bekam es zu merken ob das Volk guter oder schlechter Laune war, da man ihn je nachdem bald mit Beifalls- und Mitleidsrufen, bald mit Schimpf- und Zornesrufen überschüttete.[399]
Die grässlichste Hinrichtung, die vielleicht jemals vollzogen worden ist, war die des unglücklichen Robert François Damiens, der am 5. Januar 1757 einen Mordversuch auf den König Ludwig XV. machte und dafür am 28. März dieses Jahres unter entsetzlichen Martern vom Leben zum Tode gebracht wurde. Thomas Carlyle, dieser, was den Ausdruck des Affects betrifft, ohne Zweifel grösste Geschichtschreiber der grossen Revolution, bricht angesichts der blutigen Greuel der Schreckenszeit in den Ruf aus: „Ach diese ewigen Sterne, blicken sie nicht hernieder, wie glänzende von Thränen unsterblichen Mitleids perlende Augen, voll Mitleid über der Menschen Los!“[400] Uns scheint, dass tausend Hinrichtungen mit der Guillotine nicht die eine furchtbare Exekution des armen Damiens aufwiegen können, die wirklich gen Himmel schreit und das Mitleid der Sterne anruft, dass diese Schandtat des ancien régime selbst durch die während der Revolution geflossenen Ströme von Blut kaum gelöscht worden ist. Und wenn wir nun die Einzelheiten derselben vernehmen, dann wird uns ein Blick in die Grausamkeit der französischen Volksseele eröffnet, der mit einem Schlage die Werke eines Marquis de Sade begreiflich macht und den wollüstigen Blutdurst der Revolution vorherahnen lässt.
Ueber die Hinrichtung des Damiens besitzen wir den Bericht eines Augenzeugen, dem wir in der Hauptsache folgen.[401]
An Damiens wurde dasselbe Urteil vollstreckt wie an dem Mörder Heinrich’s IV., François Ravaillac, am 27. Mai 1610. Er (Damiens) wurde zunächst am Morgen des 28. März 1757 gefoltert, wobei ihm mit glühenden Zangen Brüste, Arme, Schenkel und Waden aufgerissen und in die Wunden geschmolzenes Blei, siedendes Oel, brennendes Pech mit Wachs und Schwefel vermischt, gegossen wurden. Gegen drei Uhr Nachmittags wurde der Unglückliche dann zuerst nach Notre-Dame und darauf zum Grève-Platze geführt. Alle Strassen, die er dorthin passieren musste, waren von einer dichten Menschenmenge (monde affreux) besetzt, die „weder Hass noch Mitleid“ bezeugte. Charles Monselet berichtet: „Wohin auch der Blick sich wendete, überall bemerkte er nur die Menge, immer wieder die Menge. Die Menge unter der Arkade Saint-Jean! Die Menge in den ersten Häusern der Rue de la Mortellerie! Die Menge in der Rue de la Vannerie! Die Menge in der Rue de la Tannerie! Die Menge an der Kreuzung der Rue de l’Epine und der Rue de Mouton! Die Menge an allen Ausgängen des Platzes. Auf dem Platze selbst eine compakte Menge, bestehend aus allen möglichen Elementen, aber vor allem aus dem Pöbel. In den Fenstern eine geschmückte, kokette Menge; vornehme Herren und grosse Damen, grosse Damen besonders, die mit dem Fächer spielten und ihre Riechfläschchen im Fall einer Ohnmacht bereit hielten.“[402] Um 4½ Uhr nahm dann jenes grässliche Schauspiel seinen Anfang, dessen blosse Schilderung uns — wir wollen dies nicht verschweigen — noch heute Thränen des Mitleids und des Wehs über die unsäglichen Leiden eines längst in Staub Zerfallenen entlockt hat.
In der Mitte des Platzes war eine niedrige Plattform errichtet, auf welcher der Unglückliche, der weder Furcht noch Erstaunen zeigte, sondern nur den Wunsch bekundete, schnell zu sterben, von den sechs Henkern mit eisernen Ringen festgebunden wurde, so dass der Rumpf vollkommen fixiert war. Darauf fesselte man ihm die rechte Hand und liess sie in einem schwefligen Feuer verbrennen, wobei der Bejammernswerte ein entsetzliches Geschrei erhob. Man sah (nach Monselet), während die Hand verbrannt wurde, die Haare des Unglücklichen sich auf dem Kopfe steil emporrichten! Darauf zwickte man wieder den Körper mit glühenden Zangen und riss ihm Fleischstücke aus der Brust und an anderen Stellen aus, goss dann flüssiges Blei und kochendes Oel in die frischen Wunden, was, wie es in den „Mémoires“ von Richelieu heisst, die Luft auf dem ganzen Grève-Platze durch den entsetzlichen Gestank verpestete. Nunmehr befestigte man um Oberarme und Oberschenkel, um Hand- und Fussgelenke grosse Taue, die mit dem Geschirr von vier Pferden verbunden wurden, welche an den vier Ecken der Plattform standen. Dann trieb man diese Pferde an, die so den Delinquenten zerreissen sollten. Allein diese waren nicht gewohnt, solche Henkersdienste zu tun. Mehr als eine Stunde hieb man auf sie ein, ohne dass es ihnen gelang, eine der Extremitäten abzureissen. Nur die gellenden Schmerzensschreie unterrichteten die „nombre prodigieux de spectateurs“ von den unerhörten Qualen, die hier ein menschliches Wesen erdulden musste. Man spannte sechs Pferde vor, die alle zugleich in Bewegung gesetzt wurden. Das Geschrei des Damiens steigerte sich zu einem wahnsinnigen Gebrüll. „So kräftig war dieser Mensch.“ Wieder blieb der Erfolg aus. Endlich bekamen die Henker von den Richtern die Erlaubnis, das grauenvolle Werk durch Einschneiden der Gelenke zu erleichtern. Zuerst durchtrennte man die Hüftgelenke. Der Unglückliche „hob noch den Kopf, um zu sehen was man mit ihm machte,“ schrie aber nicht, sondern drehte oft den Kopf nach dem ihm entgegengehaltenen Kruzifix, das er küsste, während zwei Beichtväter auf ihn einsprachen. Endlich nach 1½ Stunden dieser „Leiden ohne Beispiel“, wurde der linke Schenkel zuerst abgerissen. Das Volk klatschte in die Hände! Der Delinquent hatte sich bis jetzt nur „neugierig und gleichgültig“ gezeigt. Als aber der andere Schenkel weggerissen wurde, fing er wieder an zu schreien.[403] Nachdem man die Schultergelenke durchgehauen hatte, wurde zuerst der rechte Arm abgetrennt. Das Geschrei des Unseligen wurde schwächer, und der Kopf begann zu wackeln. Erst beim Abreissen des linken Armes fiel derselbe hintenüber. So war nur der zuckende Rumpf übrig, der noch lebte und ein Kopf, dessen Haare plötzlich weiss geworden waren. Er lebte noch! Während man die Haare abschnitt und die vier Gliedmassen sammelte, stürzten die Beichtväter zu ihm. Aber Henri Sanson (der Scharfrichter) hielt sie zurück, indem er ihnen mitteilte, dass Damiens soeben den letzten Seufzer ausgehaucht habe. „Die Wahrheit ist“, schreibt der zuverlässige Bretonne, „dass ich noch den Rumpf sich drehen und den Unterkiefer, wie wenn er spräche, sich hin und herbewegen sah.“ Dieser Rumpf atmete noch! Seine Augen wandten sich noch gegen die Umstehenden. Man berichtet nicht, ob das Volk noch zum zweiten Male in die Hände klatschte. Sicher ist, dass während der Dauer der ganzen Hinrichtung Niemand daran dachte, seinen Platz zu verlassen, weder in den Fenstern noch auf der Strasse. Die Reste des Märtyrers wurden auf einem Scheiterhaufen verbrannt, und die Asche in die vier Winde zerstreut.[404] „Dies war das Ende jenes Unglücklichen, der — man möge es glauben — die grössten Qualen erlitt, die jemals ein Mensch erlitten hat, was die Dauer derselben anbetrifft.“ So schliesst der Herzog von Croy, ein Augenzeuge, seinen Bericht, den wir fast wörtlich übersetzt haben. Und Monselet ruft aus: „Dass man mir nicht mehr von der Anmut und dem Leichtsinn des achtzehnten Jahrhunderts spricht! Dieses rosige Jahrhundert ist für ewig befleckt mit dem Blute des Damiens!“ Noch einige andere Nachrichten von Augenzeugen teilen wir mit, die jenem Bilde des Jammers eine infernalische Ruchlosigkeit zur Seite stellen, wie sie selbst ein Sade kaum hat schildern können. Und man denke sich, dass das, was wir berichten, wirklich geschah! Ein ganzes Volk berauscht sich vier Stunden hindurch an den entsetzlichsten Qualen, welche die Welt jemals gesehen hat!
„Der Zusammenfluss von Menschen in Paris an diesem Tage war unbeschreiblich. Die Bewohner der benachbarten Dörfer und der entfernten Provinzen, sogar Ausländer waren herbeigekommen wie zu der glänzendsten Lustbarkeit. Nicht allein die Fenster nach dem Gerichtsplatz zu, sondern auch die Dachfenster und Bodenluken wurden mit einem rasenden Preise bezahlt. Kopf an Kopf war auf den Dächern zu sehen. Am meisten erstaunte man über die hitzige Begierde der Frauenzimmer, die sonst so gefühlvoll, so mitleidig sind, diesem grässlichen Schauspiel nachzugehen, sich daran zu weiden, und es mit aller seiner Schrecklichkeit bis ans Ende thränenlos und ohne Rührung zu betrachten, während alle Mannspersonen schauderten und ihr Gesicht wegwandten.“[405]