II. Das Leben des Marquis de Sade.
Reading edition
Die Vorfahren.
1. Petrarca’s Laura.
Era ’l giorno ch’al sol si scoloraro Per la pietà del suo Fattore i rai, Quand’ i’ fui preso, e non me ne guardai, Che i be’ vostr’ occhi, Donna, mi legaro. Es war der Tag, da um des Heilands Wunden Die Sonne einen Trauerflor getragen, Als ich in Amor’s Fesseln ward geschlagen, Von Deinen schönen Augen überwunden.
Wer kennt sie nicht, die berühmten Verse des berühmtesten Sonettes von Francesco Petrarca, zum Preise der ersten Begegnung mit seiner Laura, der Madonna Laura, der Vielgeliebten? Jener Laura, der wir die duftigsten Blüten der Liebespoesie in der schönsten Sprache der Welt verdanken. Wie kommt sie, diese Himmelserscheinung, dieses Symbol der zartesten Gefühle in ein Buch über den Marquis de Sade? Jene Laura, die Petrarca an dem denkwürdigen Montag der heiligen Woche des Jahres 1327 (6. April) in der Kirche Santa Chiara zu Avignon zum ersten Male erblickte, eine Tochter des Syndikus von Avignon, Ritter Audibert de Noves, war die Gemahlin eines Hugo de Sade, des Stammvaters der Familie de Sade.[477] So hat ein „grausamer Witz der Litteraturgeschichte die Objektivation selbstlosester, fast unirdischer Liebessehnsucht und den litterarischen Hauptvertreter unerhörtester erotischer Ausschweifung und Verirrung in derselben Familie zu greller Kontrastwirkung vereinigt.“[478] Am Anfange Himmelglanz, am Ende Finsternis der Hölle. Voilà, voilà, en effet, de tristes et amères leçons d’égalité![479] In allen guten und bösen Stunden des Hauses derer de Sade blieb Laura der Schutzengel derselben und vereint mit Petrarca, dem göttlichen Sänger, Gegenstand einer hingebenden Verehrung. Sie war nach Janin die „weisse Dame“ des Hauses de Sade, der Ruhm und Stolz desselben. Sehnsüchtig blickten alle Sprösslinge dieser edlen provençalischen Familie immerdar nach dem stillen und sonnigen Thal von Vaucluse, einst verherrlicht durch die goldenen Lieder eines Dichters von Gottes Gnaden. Ihm, Petrarca, ewig Ruhm und Dank! Selbst der Marquis de Sade, dem nichts mehr heilig ist, neigt sich vor ihm, von dem der Glanz seines Hauses ausging, dem „aimable chanteur de Vaucluse.“ (Juliette IV, 131.)
2. Die übrigen Vorfahren.
Hugo de Sade, der Gatte Laura’s, der Stammvater der Familie, genannt „der Alte“, hinterliess mehrere Söhne, von denen Paul de Sade Erzbischof von Marseille wurde und der Vertraute der Königin Jolande von Aragonien. Er starb 1433 und vermachte seine Güter der Kathedrale von Marseille.
Hugo oder Hugonin de Sade, der dritte Sohn des ersten Hugo de Sade und der schönen Laura war der Stammvater der drei Zweige des Hauses, der von Mazan, Eiguières und Tarascon.
Sein ältester Sohn Jean de Sade war ein gelehrter Jurist, der von Ludwig II., König von Anjou, zum ersten Präsidenten des ersten Parlaments der Provence ernannt wurde, während sein Bruder Elzéar de Sade, Grosskanzler des Gegenpapstes Benedikt XIII., dem Kaiser Sigismund so grosse Dienste erwies, dass es ihm gestattet wurde, in sein Wappen den kaiserlichen Adler aufzunehmen, der noch heute dasselbe schmückt.
Pierre de Sade, vom Zweige d’Eiguières oder Tarascon, war der erste Landvogt von Marseille (1565 bis 1568). Er reinigte die Stadt von allen schlechten Elementen.
Jean Baptiste de Sade, Bischof von Cavaillon seit 1665, schrieb „Réflexions chrétiennes sur les psaumes pénitentiaux“. (Avignon 1698). Er starb am 21. Dezember 1707.
Joseph de Sade, Seigneur d’Eiguières, geboren 1684, focht 1713 bei Landau und Friedberg, wurde im Jahre 1716 Ritter des Malteserordens, nahm als Oberst 1736 bis 1745 an den Feldzügen in Böhmen, am Rhein und in Flandern teil. 1746 zum Gouverneur von Antibes ernannt, wurde er hier von den Oesterreichern, Sardiniern und der englischen Flotte belagert. Im Jahre 1747 Feldmarschall, starb er den 29. Januar 1761.
Hippolyte de Sade, dem Voltaire zu seiner Hochzeit am 12. November 1733 ein Gedicht schickte, das der Empfänger sofort in demselben Versmass erwiderte,[480] war Marineoffizier, wurde Geschwaderchef (1776) und zeichnete sich in der Seeschlacht bei Onessant (1778) aus. Er starb vor Cadix im Jahre 1788.
Jacques François Paul Alphonse de Sade, der Onkel unseres Marquis de Sade, hat auf diesen den grössten Einfluss ausgeübt und muss deshalb ausführlicher behandelt werden. Er wurde im Jahre 1705 geboren als der dritte Sohn von Gaspar François de Sade und widmete sich dem Studium der Theologie, wurde Generalvikar der Erzbischöfe von Toulouse und Narbonne (1735), hielt sich lange Jahre in Paris auf, wo er „sehr profane und glückliche Tage“ an der Seite der schönen Madame de la Popelinière, der Geliebten des Marschalls von Sachsen verlebte. Er war ein eleganter Schriftsteller, ein geistvoller Mann, der sich „allen frivolen Genüssen des 18. Jahrhunderts“ hingab,[481] um zur rechten Zeit dem „Skepticismus, den wenig verhüllten Grazien, dem guten Geschmack und Luxus von Paris“ Valet zu sagen und sich in die ländliche Einsamkeit im Thale von Vaucluse zurückzuziehen, wo er sein Leben fortan verbrachte, nicht in strenger Askese und unfruchtbarer Reue über die bewegte Vergangenheit, sondern in dem Cultus, den er dem guten Genius seines Hauses weihte. Die schöne Laura wurde für François de Sade der ganze Inhalt seines Lebens. Hier in Saumane schrieb er jenes Werk über Petrarca und seine Laura, welches noch heute durch die Sorgfalt der Untersuchungen und die Mitteilung zahlreicher merkwürdiger Details aus dem Leben der Beiden jedem Petrarca-Forscher unentbehrlich ist: die „Mémoires sur la vie de François Pétrarque“ (Amsterdam 1764, 3 Bände). Ferner gab er eine vorzügliche Uebersetzung der Werke des Dichters heraus, und endlich die nicht minder inhaltreichen und für die Geschichte des 14. Jahrhunderts wichtigen „Remarques sur les premiers poètes français et les troubadours“. Er starb den 31. Dezember 1778.
Wenn man von einer „hereditären Belastung“ des Marquis de Sade sprechen will, so kann man nur an diesen Oheim denken. Denn es ist häufig, dass der Neffe die Eigenschaften des Onkels und nicht die des Vaters erbt. Hierzu kommt, dass der Oheim eine Zeit lang die Erziehung des Neffen leitete. Jedenfalls teilte der Letztere, allerdings in potenziertem Masse, die Neigungen des Oheims einerseits zu Frivolität und zu einem galanten Leben, andererseits zur Schriftstellerei. Auch der Marquis de Sade war ein Bibliophile. Und wenn der Oheim nur in der Jugend der Liebe huldigte, so machte der Neffe die Wollust in Theorie und Praxis zu seiner Lebensaufgabe.
Der Vater des Marquis de Sade, der Graf Jean Baptiste François Joseph de Sade wurde im Jahre 1700 geboren, schlug die militärische Laufbahn ein, um dann im Jahre 1730 als Gesandter nach Russland und 1733 nach London zu gehen. Er verschwägerte sich mit den Bourbonen durch seine Verheiratung mit Marie Eléonore de Maillé, der Nichte des Kardinals Richelieu, Hofdame der Prinzessin Condé. Auch der grosse Condé hatte eine Maillé geheiratet. Der Comte de Sade wurde 1738 zum Generallieutenant für Bresse, Bugey und Valromey ernannt, kaufte das Landgut Montreuil bei Versailles, wo er als Privatmann lebte und eifrig die Abtei Saint-Victor besuchte, die auch in den Romanen seines Sohnes vorkommt. Er starb am 24. Januar 1767 und hinterliess mehrere Manuscripte von Anekdoten, moralischen und philosophischen Gedanken, sowie eine grosse Korrespondenz über den Krieg in den Jahren 1741–1746.
Gleich hier gedenken wir eines Sohnes des Marquis de Sade, der sich als Schriftsteller und Mensch einen geachteten Namen erworben hat. Das ist Louis-Marie de Sade, der älteste Sohn, geboren 1764 zu Paris. Er hatte zu Pathen den Prinzen Condé und die Prinzessin Conti, wurde Offizier, als welcher er einem Menschen mit eigner Gefahr das Leben rettete, wanderte beim Beginne der Revolution aus und kam Ende 1794 nach Paris zurück, wo er Anfangs als Graveur thätig war. Er schrieb dann eine auf gründlichen Forschungen beruhende „Histoire de la nation française“ (Paris 1805) und wurde Mitglied der „Académie celtique“, trat später wieder ins Heer ein, kämpfte bei Jena, wurde in der Schlacht bei Friedland verwundet und am 9. Juni 1809 von Briganten in Otranto ermordet.[482]
3. Die Kindheit des Marquis de Sade.
Der zweite Juni des Jahres 1740 war der Tag, an welchem einer der merkwürdigsten Menschen des 18. Jahrhunderts, ja der modernen Menschheit überhaupt, das Licht der Welt erblickte. Es war im Hause des grossen Condé, wo Donatien Alphonse François, Marquis[483] de Sade geboren wurde: der Philosoph des Lasters, der „professeur de crime“, wie ihn Michelet und nach ihm Taine genannt haben. Als 4jähriges Kind kam er zu seiner Grossmutter nach Avignon, in die sonnige Provence, einige Jahre darauf in die Abtei Ebreuil zu seinem Oheim, der ihn mit Sorgfalt erzog und ihm den ersten Unterricht erteilte, bis er im Jahre 1750 im Collège Louis-le-Grand in der Rue Saint-Jacques in Paris untergebracht wurde. Dieses Unterrichtsinstitut galt für das beste in Frankreich und gewährte seinen Schülern die Möglichkeit einer gründlichen und vielseitigen Ausbildung. Sie mussten öffentliche Vorträge halten, Theaterstücke aufführen, Disputationen veranstalten u. s. w. Man nahm mehr Rücksicht auf den Geist als auf den Körper, der sich zudem bei der sehr häufigen Anwendung der Prügelstrafe nicht besonders wohl fühlen konnte.[484]
Auf jene Periode beziehen sich verschiedene Schilderungen der Persönlichkeit des Knaben Sade, die alle wenig verbürgt sind. Nach Uzanne[485] war er zu dieser Zeit ein „anbetungswürdiger Jüngling, mit zartem, blassem Gesicht, aus dem zwei grosse schwarze Augen hervorleuchteten.“ Aber schon war um sein ganzes Wesen eine Atmosphäre des Lasters verbreitet, die seine Umgebung mit ihrem giftigen Hauche verpestete und um so gefährlicher war, als das Kind eine unwillkürliche Sympathie durch eine fast „weibliche Anmut“ einflösste. Lacroix verleiht ihm eine „zierliche Figur, blaue Augen und blonde, schön frisierte Haare.“[486] Ein deutscher Autor ergeht sich in folgenden Phantasien: „Der junge Vicomte war von so aussergewöhnlicher Schönheit, dass alle Damen, die ihn erblickten, selbst als er noch ein Knabe war, stehen blieben, um ihn zu bewundern. Mit seinem reizenden Aeussern verband er eine natürliche Anmut in allen seinen Bewegungen und sein Organ war so wohlklingend, dass schon seine Stimme allen Frauen ins Innerste ihres Herzens dringen musste. Sein Vater liess ihn stets nach der neusten Mode gekleidet einhergehen, und die damalige Rococotracht hob die glänzende Erscheinung des jungen Mannes noch mehr hervor. Wer weiss, ob der Verfasser der Justine und Juliette unter anderen Verhältnissen ein solcher Ausbund von Verruchtheit geworden und ob er den Damen so sehr aufgefallen wäre in der geschmacklosen Tracht unseres Zeitalters.“[487]
Richtig ist wohl nur, dass der Marquis de Sade wenigstens als Jüngling eine angenehme Erscheinung war. Leider existiert kein authentisches Porträt von ihm. In einem um 1840 veröffentlichten kleinen Werke „Les fous célèbres“ findet sich eine sehr schlechte Lithographie, die den Marquis de Sade darstellen soll, aber ein blosses Phantasieprodukt ist. Zwei weitere Porträts wurden in Brüssel zu Tage gefördert. Das eine, sehr schlecht ausgeführte, befindet sich in einem ovalen Rahmen und soll aus der Sammlung des Herrn de la Porte stammen.[488] Das andere, sehr gute Bild, stellt den Marquis von Dämonen umgeben dar, die ihm ins Ohr blasen, trägt die Bezeichnung „H. Biberstein sc.“ und soll aus der Sammlung eines Herrn H*** in Paris stammen.[489] Es existieren auch lithographische Nachbildungen desselben, von denen der Verfasser der Recension der ersten Auflage des vorliegenden Werkes in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (1900 Nr. 2/3 S. 122) eine sah.
Nach ihm ist dies Bild ein Phantasieprodukt aus viel späterer Zeit.
In welcher geistigen Verfassung der Marquis de Sade das Collège Louis-le-Grand verlassen hat, wissen wir ebenfalls nicht. Nach jenem deutschen Autor, der das Leben Sade’s mit kühner Phantasie aus seinen Büchern construiert, war „der junge Mann seit frühester Kindheit ein Bücherwurm und gründete sich so zu sagen ein eigenes philosophisches System auf ausgebreiteter epikuräischer Basis. Neben seinen Schulstudien lag er den schönen Künsten ob; er war ein tüchtiger Musiker, gewandter Tänzer, Fechter und versuchte sich auch in Bildhauerei. Er brachte ganze Tage in den Gemäldegallerien, namentlich in jenen des Louvre, von Fontainebleau und Versailles zu, wodurch sein künstlerischer Geschmack immer mehr ausgebildet wurde.“ Dass Sade die Musik sehr liebte, bestätigt Paul Lacroix[490], und dass er die Gemäldegallerien besuchte, bestätigt die Beschreibung der Gemäldesammlung in Florenz (Juliette IV, 19 ff.).
Janin meint, dass Sade schon als ein „Fanatiker des Lasters“ die Schule verlassen habe, in demselben Jahre (1754) als Maximilian de Robespierre in dieselbe eintrat.[491]
4. Die Jugendzeit.
Nach dem Austritt aus dem Gymnasium trat der Marquis de Sade in das Regiment der Chevaux-Legers ein, wurde dann Unterlieutenant beim Königsregiment, Lieutenant bei den Carabiniers und zuletzt Capitän in einem Kavallerieregiment, bei welchem er den siebenjährigen Krieg in Deutschland mitmachte. Er soll nach Lacroix[492] erst im Jahre 1766 nach Paris zurückgekehrt sein, wo sein Vater, der ihm „mehrere Jugendthorheiten“ zum Vorwurf machte, ihn zu verheiraten suchte. Marciat[493] hat nachgewiesen, dass Sade bereits im Jahre 1763 wieder in Paris war. In der im Mai 1880 in Paris verkauften Autographensammlung von Michelet aus Bordeaux, befand sich ein Brief des Marquis de Sade, datiert Vincennes den 2. November 1763, in dem als der Tag seiner Heirat der 17. Mai 1763 angegeben wird. Auch spricht nach Marciat für dieses Jahr der Umstand, dass der älteste Sohn des Marquis, Louis-Marie de Sade im Jahre 1783 Lieutenant im Regiment Soubise wurde. Wenn dieser erst 1767 geboren wäre, so würde er mit 16 Jahren Lieutenant gewesen sein. Die Rückkehr des Marquis de Sade und seine Heirat fand also im Jahre 1763 statt.
Die Geschichte dieser Heirat ist von dem Bibliophilen Jacob nach den Mitteilungen eines Zeitgenossen, des Herrn Lefébure sehr ausführlich erzählt worden.[494] Marciat ist geneigt, derselben vom psychologischen Standpunkte aus einen grossen Wert beizumessen, da sie die Erklärung für die moralische Entartung (déviation) des Marquis de Sade liefere. Wir können dem nicht beistimmen. Mag auch jenes Ereignis, das wir gleich darstellen werden, irgend einen Einfluss in dieser Beziehung auf Sade ausgeübt haben: seine sittliche Depravation war schon vorher da. Als er nach Paris zurückkehrte, warf der Vater ihm bereits einige „Jugendthorheiten“ vor. Niemand hat bisher daran gedacht, dass der Marquis de Sade den ganzen 7jährigen Krieg mitgemacht hat und ganz sicher teilnahm an jener „schrecklichen Entsittlichung, welche durch die Anwesenheit des französischen Heeres“ in Deutschland gepflanzt und genährt wurde[495] und deren auch Casanova in seinen Memoiren gedenkt. Der Vater wollte ferner den Sohn verheiraten, um ihn aus seinem lasterhaften Leben herauszureissen, wie doch deutlich aus allen Berichten hervorgeht. Wenn Eulenburg[496] meint, dass sich bei de Sade die „krankhafte Veränderung“ im Alter von 26 Jahren äusserte, so ist das auch nicht ganz zutreffend, da er schon, wie wir sehen werden, im Jahre 1763, wegen mehrerer „débauches“, die also nicht so ganz harmlos gewesen sein müssen, ins Gefängnis kam. Wir dürfen annehmen, dass die Neigung zu sexuellen Ausschweifungen bei Sade durch das Kriegsleben erweckt worden ist und durch das tausendfältig gegebene Beispiel gefördert wurde, ohne dass wir nötig haben, an das plötzliche Auftreten eines krankhaften Geisteszustandes zu denken.
Herr von Montreuil, Präsident der „Cour des aides“, der durch eine langjährige Freundschaft mit dem Vater des Marquis de Sade verbunden war, hatte zwei Töchter im Alter von 20 und 13 Jahren, beide gleich hübsch und wohl erzogen, aber in Hinsicht auf Charakter und äussere Figur verschieden. Die Aeltere, eine Brünette mit schwarzem Haar und dunklen Augen, war eine grosse majestätische Erscheinung, sehr fromm, ohne „Herzenswärme“ (?). Die Jüngere, eine blauäugige Blondine, trotz ihrer Jugend schon von gereiftem Aussehen, war sehr intelligent, von „himmlischer Milde und Anmut“ dabei aber eine leidenschaftliche Natur.
Es war zwischen den Vätern vereinbart worden, dass der Marquis de Sade die ältere Tochter heiraten sollte. Ein merkwürdiges Geschick fügte es, dass dieser bei seinem ersten Besuche im Hause des Präsidenten Montreuil nur die jüngere Tochter antraf, da die ältere krank war. Er verliebte sich sofort leidenschaftlich in die erstere, die den Musikenthusiasten besonders durch ihren schönen Gesang und ihr wunderbares Harfenspiel für sich einnahm. Als Sade bei einem zweiten Besuche die ältere Schwester kennen lernte, fühlte er gegen dieselbe nur Abneigung und erklärte, dass er die jüngere heiraten wolle. Hierzu verweigerte der Präsident seine Zustimmung, und so liess der Comte de Sade seinen Sohn wählen zwischen Unterwerfung unter seinen Willen und einer sofortigen Abreise zur Armee mit der Aussicht auf Enterbung und Verstossung. So wurde der Marquis, dessen Appell an das Herz der Mutter der beiden Mädchen nur eine „kalte und heroische Erwiderung“ fand, gezwungen, die ältere Tochter zu heiraten. Schon damals erwiderte die Jüngere die Liebe de Sade’s und hatte vergeblich durch Bitten und Thränen das Herz ihrer Eltern zu erweichen gesucht. Lacroix legt ausführlich dar, wie Sade nur mit dem Gedanken des sofortigen Ehebruchs mit der Jüngeren die ihm unsympathische ältere Schwester geheiratet habe und vielleicht schon damals mit der zweiten Schwester im Einverständnis war. Frau von Montreuil, die vom Anfang an die Natur ihres Schwiegersohnes durchschaute, brachte ihre jüngere Tochter in ein Kloster, um einem drohenden Skandal vorzubeugen.
Es bleibe dahingestellt, ob diese Geschichte die Hauptursache der Demoralisation des Marquis de Sade gewesen ist, wie Marciat annimmt. Sicher erklärt sie die Ehefeindlichkeit, welche uns in allen Schriften Sade’s entgegentritt. Dass allerdings seine Frau, der Lacroix die Wärme des Herzens fehlen lässt, ihm dazu keinerlei Veranlassung gab, haben die soeben von Paul Ginisty veröffentlichten „Lettres inédites de la Marquise de Sade“ gezeigt, die für die Geschichte dieser Ehe und für das Verständnis des Charakters des Marquis de Sade sehr lehrreich sind.[497] Sie offenbart sich in diesen Briefen als eine selbstlose, treue, ihrem Gatten mit leidenschaftlicher Liebe zugethane Seele, die selbst dann nicht aufhört mit heisser Sehnsucht an ihn zu denken, für ihn zu sorgen und zu beten, wenn er — wie dies gewöhnlich geschah — diese Liebe mit rohen, unedlen Worten und gemeinen Verdächtigungen erwiderte. Diese Frau, die Zeugin des lasterhaften Lebens ihres Gatten, der dadurch hervorgerufenen grossen Skandale, hörte niemals auf, ihn zärtlich zu lieben, war ihm bei der Flucht aus dem Gefängnisse behilflich und erwies ihm in seinem Gefängnisleben tausend Dienste, die nur eine hingebende Liebe erweisen kann. Das deutet wirklich darauf hin, dass der Marquis de Sade etwas von dem an sich hatte, was er selbst als die „Wonne des Lasters“ bezeichnet und was alle Frauen unwiderstehlich anzog. Wie er selbst diese Liebe lohnte, hat Ginisty ausführlich dargestellt. Wir teilen nur eine Probe mit. Einmal schreibt ihm seine Frau: „Du musst die Welt besser kennen als ich. Thue, was Du willst. Ich will nur das Hörrohr für Deine Befehle sein. Du weisst, dass Du auf mich als Deine beste und zärtlichste Freundin rechnen kannst.“ Sade schrieb an den Rand dieses Briefes: „Kann man so unverschämt lügen?“[498]
Bei dem Verhältnisse zwischen den beiden Ehegatten darf es nicht Wunder nehmen, dass der Marquis de Sade, nachdem er vergeblich den Aufenthaltsort des jüngeren Fräulein von Montreuil zu erkunden gesucht hatte, sich nach Lacroix[499] schon im ersten Jahre seiner Ehe in den Strudel wilder Ausschweifungen stürzte, seine Gesundheit und seine Reichtümer mit Hilfe der berüchtigsten Roués seiner Zeit vergeudete, und die „Koryphäe der parfümierten Orgien“ des Herzogs von Fronsac und des Prinzen Lamballe wurde, aber es auch nicht verschmähte, sich mit Lakaien zu widerlichen Saturnalien zu vereinigen. Eingeweiht in die „Geheimnisse der petites maisons und der Bordelle“ suchte er seine Gefährten in dem Ersinnen neuer raffinierter Lüste zu übertreffen. Das war jene Zeit, in welcher ein deutscher Autor den Marquis de Sade zum Arrangeur der Orgien des Hirschparks macht,[500] was historisch nicht festgestellt, aber glaubwürdig sein kann. Schon wenige Monate nach seiner Heirat wurde Sade, der erst 23 Jahre zählte, in Vincennes eingekerkert, weil er in einer „petite maison“ grosse Excesse begangen hatte. Hier benahm er sich sehr zurückhaltend und ruhig und fügte sich ohne Murren in die Tagesordnung des Gefängnisses, bat nur, ihm seinen Kammerdiener zu lassen und bisweilen den Genuss frischer Luft zu vergönnen. In einem Briefe vom 2. November bittet er, dass man seiner Frau von seiner Verhaftung Nachricht gebe, aber den Grund derselben verschweige, und wünscht einen Priester zu sehen. Er schliesst mit den Worten: „So unglücklich ich bin, beklage ich mich nicht über mein Schicksal; denn ich verdiene die göttliche Strafe; meine Fehler bereuen, meine Irrtümer verabscheuen, soll meine einzige Beschäftigung sein.“[501] Schon damals muss er ein obscönes Buch geschrieben haben. Denn in diesem Briefe spricht er von dem Datum des „unglückseligen Buches“, das erst aus dem Juni stamme, während er sich am 17. Mai verheiratet habe. Auch habe er erst im Juni jenes genannte Haus aufgesucht. Darauf habe er sich drei Monate auf dem Lande aufgehalten und sei acht Tage nach seiner Rückkehr verhaftet worden. Welche seiner Schriften de Sade hier im Auge hat, ist vorläufig noch nicht festzustellen. Wenn Cabanès (a. a. O. Seite 262) meint, dass die „Justine“ gemeint sei, so ist das eben mit dem bis heute vorliegenden litterarischen und archivalischen Material nicht zu beweisen. Indessen geht doch aus dem vorliegenden wichtigen Briefe mit aller Sicherheit hervor, dass Sade frühzeitig, schon mit 23 Jahren, anfing, pornographische Schriften zu verfassen.
Vielleicht hat Marciat Recht mit der Annahme, dass dieser an den Gouverneur des Gefängnisses gerichtete Brief von einer heuchlerischen Gesinnung eingegeben worden sei, vielleicht aber auch liegt hier eine der bei sexuell ausschweifenden Menschen so häufig vorkommenden religiösen Anwandlungen vor. Es hat sich noch ein kleines Billet an den Gefängnispriester Griffet vom 4. November 1763 erhalten (veröffentlicht im „Amateur d’Autographes“ 1866 und bei Cabanès). Es heisst in demselben: „Wir haben einen neuen Gefangenen in Vincennes, welcher einen Beichtvater zu sprechen wünscht und sicherlich Ihre Dienste nöthig hat, obgleich er nicht krank ist. Es ist der Marquis de Sade, ein junger Mann von 22 Jahren. Ich bitte Sie, ihn sobald wie möglich zu besuchen, und wenn Sie mit ihm gesprochen haben, so werden Sie mir einen Gefallen thun, wenn Sie bei mir vorsprechen.“[502]
5. Das Gefängnisleben des Mannes.
Aehnlich einem neueren französischen Dichter, Paul Verlaine, hat der Marquis de Sade, nachdem er ins Mannesalter eingetreten war, einen grosses Teil seines Lebens in Gefängnissen zugebracht.[503] Wenn man den letzten Aufenthalt in Charenton hinzurechnet, hat er im ganzen 27 Jahre in 11 Gefängnissen verbracht: von diesen 27 Jahren fallen 14 Jahre in sein Mannes-, 13 Jahre in sein Greisenalter. In der Einsamkeit des Kerkers verarbeitete er den Stoff zu seinen Werken, was bei deren späterer Beurteilung berücksichtigt werden muss. Das ganze Mannesalter des Marquis de Sade können wir als ein Gefängnisleben mit Unterbrechungen bezeichnen, das reich ist an dramatischen Vorgängen, die seinen Namen schnell berühmt machten, wenn auch dieser Ruhm ein sehr trauriger war. Gleich die Veranlassung zu seiner zweiten Einkerkerung war ein von den Zeitgenossen vielfach besprochener Vorgang. Es war
1. Die Affäre Keller (3. April 1768).
Wir besitzen über diese Affäre verschiedene Nachrichten. Die wichtigste ist die der Madame du Deffand in einem nur 10 Tage nach dem Ereignis geschriebenen Briefe an Horace Walpole, den englischen Dichter und Staatsmann.[504] Sie schreibt in demselben: „Hier haben Sie eine tragische und sehr sonderbare Geschichte! — Ein gewisser Comte de Sade, Neffe des Abbé und Petrarcaforschers, begegnete am Osterdienstag einer grossen, wohlgewachsenen Frau von 30 Jahren, die ihn um ein Almosen bat. Er fragte sie lange aus, bezeigte ihr viel Interesse, schlug ihr vor, sie aus ihrem Elend zu befreien und zur Aufseherin seiner ‚petite maison‘ in der Nähe von Paris zu machen. Die Frau nahm dies an, wurde auf den folgenden Tag hinbestellt. Als sie erschien, zeigte ihr der Marquis alle Zimmer und Winkel des Hauses und führte sie zuletzt in eine Dachkammer, wo er sich mit ihr einschloss und ihr befahl, sich vollständig zu entkleiden. Sie warf sich ihm zu Füssen und bat ihn, sie zu schonen, da sie eine anständige Frau sei. Er bedrohte sie mit einer Pistole, die er aus der Tasche zog, und befahl ihr zu gehorchen, was sie sofort that. Dann band er ihr die Hände zusammen und peitschte sie grausam. Als sie über und über mit Blut bedeckt war, zog er einen Topf mit Salbe aus seinem Rocke hervor, bestrich die Wunden damit und liess sie liegen. Ich weiss nicht, ob er ihr zu trinken und zu essen gab. Jedenfalls sah er sie erst am folgenden Morgen wieder, untersuchte ihre Wunden und sah, dass die Salbe die erwartete Wirkung gehabt hatte. Dann nahm er ein Messer und machte ihr am ganzen Körper Einschnitte damit, bestrich wiederum mit der Salbe die blutenden Stellen und ging fort. Es gelang der Unglücklichen, ihre Bande zu zerreissen und sich durchs Fenster auf die Strasse zu retten. Man weiss nicht, ob sie sich beim Hinunterspringen verletzt hat. Es entstand ein grosser Auflauf. Der Polizeileutnant wurde von dem Falle benachrichtigt. Man verhaftete Herrn de Sade. Er ist, wie man sagt, im Schlosse von Saumur untergebracht. Man weiss nicht, was aus der Sache werden wird, und ob man sich mit dieser Strafe begnügen wird, was wohl der Fall sein könnte, da er zu den Leuten von Stand und Ansehen gehört. Man sagt, dass das Motiv dieser abscheulichen Handlung der Wunsch gewesen sei, die Brauchbarkeit der Salbe festzustellen. — Das ist die Tragödie, die Sie etwas unterhalten mag.“ Am folgenden Tage (13. April) schreibt Madame Du Deffand: „Seit gestern kenne ich die weiteren Folgen der Affäre des Herrn de Sade. Das Dorf, in dem sein ‚kleines Haus‘ sich befindet, ist Arcueil. Er peitschte und zerschnitt die Unglückliche am selben Tage und goss ihr „Balsam“ auf die Wunden und Striemen. Dann band er ihr die Hände los, hüllte sie ein und legte sie in ein gutes Bett. Kaum war sie allein, so bediente sie sich ihrer Arme und ihrer Decken, um sich durchs Fenster zu retten. Der Richter von Arcueil riet ihr, ihre Klagen beim Generalprokurator und dem Polizeilieutenant vorzubringen. Letzterer liess Sade verhaften, der sich mit grosser Frechheit seines Verbrechens als einer sehr edlen Handlung rühmte, da er dem Publikum die wunderbare Wirkung einer Salbe offenbart habe, die auf der Stelle alle Wunden heile. Sie hat von der weiteren Verfolgung des Attentäters Abstand genommen, wahrscheinlich nach Zahlung einer Geldsumme an sie. So wird er wohl nicht ins Gefängnis kommen.“ Diesen Bericht müssen wir, weil er unmittelbar nach dem Ereignis niedergeschrieben wurde und die Marquise Du Deffand, wie der zweite Brief beweist, genau informiert war, als den glaubwürdigsten bezeichnen. Die anderen Erzählungen dieses merkwürdigen Vorfalles weichen so sehr von einander ab, dass Marciat mit Recht daraus schliesst, dass das eigentliche Attentat auf die Keller eher dadurch verdunkelt als aufgeklärt wird. — Jules Janin[505] erzählt, dass der Marquis de Sade in Arcueil eine in einem grossen Garten, zwischen Bäumen sehr versteckt gelegene petite maison besessen habe, wo er oft seine Orgien feierte. Das Haus war mit doppelten Fensterläden versehen und innen ausgepolstert (matellassée), so dass man von draussen nichts hören konnte. An einem Osterabend, den 3. April 1768, hatte ihm sein Kammerdiener und Vertrauter zwei gemeine Freudenmädchen zugeführt, und der Marquis selbst, als er sich zu dem nächtlichen Feste nach Arcueil begab, war einer armen Frau, Rosa Keller, Witwe eines gewissen Valentin begegnet, die wohl als Prostituierte ihr Brot suchte. Sade redete sie an, versprach ihr ein Souper und ein Nachtlager, that sehr sanft und zärtlich, so dass sie mit ihm in einen Fiaker stieg und nach Arcueil fuhr. Der Marquis führte sie in den zweiten Stock seines abgelegenen, spärlich erleuchteten Hauses, wo die beiden mit Blumen bekränzten Dirnen halbtrunken an reichbesetzter Tafel sassen. Hier wurde sie geknebelt, vollständig entkleidet, von den beiden Männern bis aufs Blut gepeitscht, bis die Unglückliche „nur noch eine einzige Wunde war“, worauf die Orgie mit den beiden Freudenmädchen begann. — Dann folgt die Schilderung der Flucht der Keller, des Auflaufs, der Verhaftung der Uebelthäter, welche man sinnlos betrunken inmitten von „Wein und Blut“ auffand.
Diese Darstellung giebt auch Eulenburg[506] und findet darin jene „eigentümliche Form der Kombination von Wollust und Grausamkeit, die freilich nicht völlig demjenigen entspricht, wofür man den Ausdruck ‚Sadismus‘ im engeren Sinne geprägt hat, insofern die Vornahme grausamer Handlungen dabei nicht als Selbstzweck, sondern wesentlich als präparatorischer Akt, als Stimulans der Wollustbefriedigung zu dienen bestimmt ist: denn die Peitschung der Rosa Keller hatte allem Anschein nach den Zweck, de Sade zum Verkehr mit den beiden Mädchen in „Stimmung“ zu bringen“.
Lacroix berichtet in seiner Abhandlung vom Jahre 1837 nur[507], dass die Keller gepeitscht wurde unter obscönen Umständen, welche Madame Du Deffand in ihren Briefen an Horace Walpole nickt zu schildern wagte, welche aber die „prüdesten Frauen sich erzählen liessen, ohne zu erröten, zu der Zeit als diese Affäre so viel Staub aufwirbelte“. Später, im Jahre 1845, fügte er hinzu, dass man der Keller mit einem Messer Einschnitte in die Haut machte und die Hautlappen mit spanischem Wachs wieder zusammenklebte.[508]
Rétif de la Bretonne, der den Marquis de Sade seit 1768 kannte, giebt in den „Nuits de Paris“ (194ste Nacht S. 2569) wiederum eine ganz andere Darstellung der Geschichte der „femme vivante disséquée.“ Nachdem der Marquis de Sade die Keller auf der Place des Victoires getroffen hatte, führte er sie mit sich in sein Haus, liess sie dort in einen „Anatomiesaal“ eintreten, in dem eine grosse Zahl von Menschen versammelt war, um der Vivisection der Keller zuzuschauen. „Was will diese Unglückliche auf der Erde?“, sagte der Marquis mit ernstem Tone. „Sie taugt zu nichts, und soll uns daher dazu dienen, in die Geheimnisse der menschlichen Structur einzudringen“. Man band sie auf dem Sectionstische fest; der Marquis als Prosector untersuchte alle Teile ihres Körpers und verkündete mit lauter Stimme die Resultate vorher, welche die Section ergeben würde. Als die Frau laut schrie, zog die Gesellschaft sich zurück, um vor dem Beginne der Section die Bedienten zu entfernen. Es gelang inzwischen der allein Gelassenen, sich aus ihren Fesseln zu befreien und durchs Fenster zu entfliehen. Draussen erzählte sie, dass in dem Saale drei Leichen gelegen hätten, eine nur noch aus Knochen bestehend, eine zweite geöffnet und in einem grossen Fasse versteckt, und die letzte (eines Mannes) ganz frisch.
Nach dieser Erzählung scheint Rosa Keller das Opfer einer indecenten und abscheulichen Mystification geworden zu sein. Cabanès hat von Jemandem, der „über den Marquis einen ganzen Dossier von Originalakten in den Händen hat“, die Mitteilung erhalten, dass in dieser Affäre die Dinge sich viel einfacher abgespielt hätten. Rosa Keller sei, erschreckt durch den Anblick der sie umgebenden Gegenstände, ohne weiteres in adamitischem Costüme zum Fenster hinausgesprungen, und auf der Strasse von Polizisten zur nächsten Wache gebracht worden.[509]
Endlich existiert noch eine Erzählung von Brierre de Boismont[510], die Marciat auf die Affäre Keller bezieht, die wir aber für einen besonderen Fall halten. Brierre de Boismont erfuhr den Inhalt dieser Geschichte von einem Freunde, der den Marquis de Sade persönlich gekannt hatte und von diesem erzählte, dass bei einem Gespräche über galante Abenteuer „seine Augen blutig unterliefen und einen finsteren und grausamen Ausdruck angenommen hätten“.
Dieser zweite Fall wird folgendermassen erzählt. Wenige Jahre vor der Revolution hörten Passanten in einer einsamen Strasse von Paris aus dem Parterre eines Hauses ein schwaches Wimmern hervortönen. Sie drangen durch eine kleine Thür ins Haus ein und fanden in einer Kammer eine splitternackte junge Frau, weiss wie Wachs, auf einem Tische festgebunden. Das Blut strömte aus zwei Aderlasseinschnitten an den Armen; die Brüste waren leicht aufgeschnitten und entleerten Flüssigkeit. Die Geschlechtsteile, an denen man mehrere Incisionen gemacht hatte, waren „in Blut gebadet“. Nachdem sich die Unglückliche von der grossen Erschöpfung erholt hatte, erzählte sie, dass sie durch den berüchtigten Marquis de Sade in dieses Haus gelockt worden sei. Nach beendigtem Souper habe er sie durch seine Leute ergreifen, entkleiden und auf dem Tische festbinden lassen. Ein Mann öffnete ihr die Adern mit einer Lancette und brachte ihr zahlreiche Incisionen am Körper bei. Darauf zogen sich alle Uebrigen zurück, und der Marquis befriedigte an ihr seine geschlechtliche Lust. Er wollte ihr, wie er sagte, nichts übles anthun; aber als sie unaufhörlich schrie, erhob er sich brüsk und ging zu seinen Leuten.[511] Nach Brierre de Boismont wurde diese Affäre unterdrückt, nachdem die Betreffende eine Geldentschädigung bekommen hatte.
Auch die Affäre Keller verlief für den Marquis de Sade sehr glimpflich. Er wurde zuerst in dem Schlosse von Saumur, dann in der Feste Pierre-Encise in Lyon eingesperrt, aber nach 6 Wochen freigelassen, nachdem Rosa Keller ein Schmerzensgeld von 100 Louisdors bekommen hatte.
Er setzte darauf sein ausschweifendes Leben in den niederen Sphären der Schauspieler- und Schriftstellerwelt fort, verkehrte mit Leuten von allerschlechtestem Rufe, umgab sich mit Dirnen und liess allen perversen Neigungen freien Lauf. Herr von Montreuil erwirkte schliesslich eine polizeiliche Verbannung des Marquis de Sade auf sein Schloss La Coste in der Provence, wo er an der Seite einer Schauspielerin (wahrscheinlich der Beauvoisin vom Théâtre-Français) den dort ansässigen Adel mit seinen Lastern bekannt machte. Seine Frau, die ihn um die Erlaubnis gebeten hatte, auf das Schloss Saumane zu kommen, um in seiner Nähe zu sein, beging die Unklugheit, ihm die Mitankunft ihrer eben aus dem Kloster entlassenen Schwester anzukündigen. Sade, den die Begierde nach dem Besitze dieser Schwester nicht verlassen hatte, heuchelte dennoch vor seiner Frau Gleichgültigkeit gegen dieselbe. Aber beim ersten Alleinsein mit der Geliebten fiel er ihr zu Füssen, schwur, nur sie geliebt zu haben, und dass alle seine Vergehen die Folgen dieser unglücklichen Liebe gewesen seien. Er drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn er nicht erhört werde, und erriet aus den Blicken des schweigenden jungen Mädchens, dass er Erhörung finden werde. So fasste er nach Lacroix den Plan, eine besondere Missethat zu begehen, seiner Schwägerin einen Selbstmord vorzuspiegeln, und sie dadurch zur Flucht mit ihm zu bestimmen.[512] Die Ausführung dieses Planes ist in der Geschichte berühmt geworden als
2. Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie).
Bachaumont’s geheime Memoiren bringen unter dem 25. Juli 1772 den folgenden Bericht: „Man schreibt aus Marseille, dass der Graf de Sade, der im Jahre 1768 soviel Aufsehen durch seine Verbrechen an einer Dirne machte, an der er angeblich ein neues örtliches Heilmittel erproben wollte, soeben hier ein zuerst amüsantes, später aber durch seine Folgen schreckliches Schauspiel veranstaltet hat. Er gab einen Ball, zu dem er viele Leute eingeladen hatte, und beim Dessert verteilte er sehr schöne Chocoladepastillen, von denen viele Leute assen. Denselben waren gepulverte spanische Fliegen beigemischt. Man kennt die Wirkung dieses Mittels. Alle, die davon gegessen hatten, wurden von einer schamlosen Brunst ergriffen und begingen die tollsten Liebesexcesse. Das Fest artete zu einer wilden altrömischen Orgie aus. Die keuschesten Frauen konnten der Mutterwut nicht widerstehen, welche sie verzehrte. Der Marquis de Sade missbrauchte seine Schwägerin, mit der er dann entfloh, um der ihm drohenden Todesstrafe zu entgehen. Mehrere Personen starben an den Folgen der Exzesse, andere sind noch sehr krank.“[513]
Diese Darstellung ist offenbar übertrieben. Nach Lacroix,[514] der die Mitteilung von einem glaubwürdigen Augenzeugen hat, begab sich der Marquis de Sade mit seinem Diener nach Marseille. Er hatte sich mit Cantharidenbonbons versehen, die er in einem öffentlichen Hause verteilte. Eine Dirne sprang aus dem Fenster und verletzte sich tötlich. Die anderen gaben sich halbnackt den infamsten Ausschweifungen hin, selbst vor dem alsbald in Menge herbeieilenden Volke. Zwei Mädchen starben an den Folgen der Vergiftung und der im Tumult erlittenen Verletzungen. Sade liess sich von einem Parlamentsrat einen Brief mit der Ankündigung des ihm bevorstehenden Urteils schicken, zeigte diesen Brief seiner Schwägerin, nannte sich ein Ungeheuer und drohte, sich zu töten. Fräulein von Montreuil beschwor ihn, zu fliehen, und er bewog sie, ihn zu begleiten. So fuhren sie nach einer Stunde davon.
Nach der „Biographie universelle“ ist auch diese Erzählung unrichtig, da überhaupt Niemand gestorben sei, sondern einige Personen nur „leicht belästigt“ wurden.
Rétif de la Bretonne verlegt den Ort der Handlung nach Paris in den Faubourg Saint-Honoré. Hier sind es Bauern und Bäuerinnen, welche die verhängnisvollen Bonbons essen. Wichtig ist, dass Rétif, der stets einen glühenden Hass gegen den Marquis de Sade gehegt hat, Niemanden an den Folgen dieser Orgie sterben lässt.[515]
Danach ist mit Sicherheit anzunehmen, dass dieser Skandal nicht zu Todesfällen geführt hat. Marseille sah auch gewiss öfter derartige Scenen, da das extravagante Leben in dieser Stadt unter dem ancien régime öfter hervorgehoben wird.[516]
Vor einigen Monaten hat Dr. Cabanès in seiner Studie über den Marquis de Sade ein neues, hochwichtiges Dokument über die Marseiller Affäre ans Licht gezogen. Es ist ein in dem Archiv der Auswärtigen Angelegenheiten aufbewahrtes Mémoire, welches den Titel trägt: „Darstellung der Thatsachen und kurzer Bericht über den Process, gegen welchen der Marquis de Sade und seine Familie Einspruch erheben.“ Nach diesem Bericht weilte der Marquis de Sade im Juni 1772 mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern auf seinem Gute in der Provence und unternahm Ende des Monats eine Reise nach Marseille, um dort von Paris angekommenes Gepäck in Empfang zu nehmen. Er besuchte während seines Aufenthaltes am 21. Juni 1772 mehrere öffentliche Mädchen und kehrte darauf in vollster Seelenruhe auf sein Gut zurück, ohne zu ahnen, dass man eine strafrechtliche Verfolgung gegen ihn einleitete. Drei Tage nach seiner Abreise wurde er vor dem Landgerichte in Marseille als des versuchten Giftmordes verdächtig angeklagt. Das Dienstmädchen einer Prostituierten, zugleich Teilnehmerin an deren Ausschweifungen, sagte aus, dass ihre Herrin seit einigen Tagen von heftigen inneren Schmerzen und Erbrechen heimgesucht würde, welcher Zustand nach dem Genuss einiger ihr von einem fremden Besucher angebotenen Pastillen eingetreten sei. Der Richter begab sich in die Wohnung der Dirne. Ein zweites Freudenmädchen berichtete, dass ein Mann, von dem man ihr gesagt habe, dass es der Marquis de Sade sei, sie besucht habe und ihr gleich den übrigen im Zimmer versammelten Mädchen verzuckerten Anis angeboten habe. Eine von ihnen habe nicht davon gegessen. Die übrigen seien davon „belästigt“ worden. Man fand bei gerichtlicher Haussuchung in dem erwähnten Zimmer noch zwei solche Anis-Bonbons, deren chemische Untersuchung durch zwei Gerichtschemiker die Abwesenheit jeder Art von Gift oder reizender Substanz ergab. Im Verlaufe der weiteren Untersuchung beschuldigte eine von den Prostituierten, welche alle in demselben Zimmer gewesen waren, den Marquis und seinen Bedienten eines widernatürlichen Verbrechens. Alle diese Zeugenaussagen wurden während der Abwesenheit des Angeklagten entgegengenommen. Die Familie desselben führt in dem Mémoire Klage darüber, dass in diesem Prozesse so viele offenbare Verletzungen des Rechts vorgekommen seien, weist auf das Gutachten der Chemiker hin, sowie auf die Unschuldserklärung, welche zwei der angeblich vergifteten Mädchen dem Marquis in einer Aussage vom 8. August 1772 hätten zu Teil werden lassen. Trotzdem habe sowohl der Gerichtshof in Marseille, wie derjenige in Aix in gesetzwidrig beschleunigtem Verfahren den Marquis zu einer so schweren und schimpflichen Strafe verurteilt, nur infolge der Aussage von Prostituierten, einer Menschenklasse, deren Lügenhaftigkeit so bekannt sei. Gegen diese Rechtsverletzung erhebe die Familie energischen Protest. (Cabanès a. a. O. S. 266–272.) Jedenfalls besitzen wir in diesem wichtigen Dokumente die ersten authentischen Nachrichten über die geheimnisvolle Bonbons-Affäre, deren Harmlosigkeit dadurch wohl aufs evidenteste bewiesen wird. Auch die übrigen Aussagen der Prostituierten müssen mit der grössten Vorsicht aufgenommen werden. So bleibt das einzig wirklich Thatsächliche in der so berühmten Affäre der Besuch eines oder mehrerer Marseiller Bordelle durch den Marquis de Sade und die Verteilung unschuldiger Bonbons an die Freudenmädchen.
Der Marquis de Sade wurde vom Parlament in Aix am 11. September 1772, ebenso wie sein Kammerdiener, wegen Sodomie und Vergiftung in contumaciam zum Tode verurteilt. Die Härte dieses Urteils wird auf den Kanzler Maupeou zurückgeführt, der ein Exempel statuieren wollte.[517] Uebrigens wurde dasselbe nach sechs Jahren, am 30. Juni 1778, aufgehoben und der Marquis nur zu einer Geldstrafe von 50 Francs verurteilt, oder sogar nach der „Biographie des Contemporains“ zu einer Ermahnung durch den ersten Präsidenten des Gerichtshofes.
Er war inzwischen mit seiner Schwägerin nach Italien geflohen, wo er mit ihr ein stilles und züchtiges Leben führte, bis sie ihm nach kurzer, heftiger Krankheit durch einen plötzlichen Tod entrissen wurde, und er nach dem Hinscheiden seines guten Engels wieder in die alten Ausschweifungen zurückfiel.[518] Er wurde dann in Piemont verhaftet und am 8. Dezember 1772 im Fort Miolans festgesetzt. Seine Familie wandte sich durch Vermittelung des Grafen Marmora, Gesandter des Königs von Sardinien in Paris, an den Grafen de la Tour, Generalkommandant von Savoyen, und liess ihn bitten, den Namen des Gefangenen geheim zu halten, ihn als Graf de Mazan zu bezeichnen, ihm seine Effekten zu lassen, da ein so lebhafter Geist nicht ohne Beschäftigung existieren könne. Nur seine Papiere, Manuscripte und Briefe möge man seiner Familie zustellen. Man entsprach diesen Wünschen. de la Tour berichtet, dass Sade zwei Zimmer bekam, welche von einem Tapezierer aus Chambéry vortrefflich möbliert worden waren. de Sade hatte durch ein Schriftstück vom 9. Dezember 1772 versprochen, keinen Fluchtversuch zu machen. Am 8. Januar 1773 erkrankte er, man liess eines Arzt rufen, seine Gattin beschwor in zahlreichen Briefen den Festungskommandanten de Launay, ihrem Gatten doch alle mögliche Pflege angedeihen zu lassen, und bereitete damals schon die Flucht des Marquis vor, sodass Marmora in einem Briefe vom 1. März 1773 de la Tour bitten musste, für strengere Bewachung de Sade’s Sorge zu tragen und seine Frau von ihm fernzuhalten. Trotzdem gelang es dem Marquis, die Wachsamkeit de Launay’s einzuschläfern, der über die angebliche Reue und Harmlosigkeit desselben an de la Tour in mehreren Briefen berichtet, und so wurde es der Marquise leicht, mit Hülfe von 15 entschlossenen Männern in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1773 die Flucht ihres Gatten zu bewerkstelligen. Der bekannte de Sougy („Baron de l’Allée“) war sein Fluchtgenosse. Sie gingen nach Genf, von dort nach Italien.[519] de Sade liess dem Gouverneur, Herrn de Launay, einen ironischen Brief zurück, traf in Italien seine Frau, deren Gesellschaft er indessen bald mit der einer Maitresse vertauschte. Letztere, nicht seine Schwägerin, wie Eulenburg annimmt[520], ist das Vorbild der Juliette. Im Jahre 1777 kehrte er nach Frankreich zurück[521], wo seine Frau und Schwiegermutter sich bemühten, seine Rehabilitation durchzusetzen, wie aus den unter No. 1741 und 1472 im auswärtigen Archiv aufbewahrten und von Cabanès veröffentlichten Gesuchen hervorgeht (Cabanès a. a. O. S. 282 bis 284). Doch war dies vergeblich.
3. Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille.
Nach kurzem Aufenthalt in der Provence, wo er wieder ein wüstes Leben führte, wurde Sade verhaftet, nach Paris geführt und im Hauptturm der Festung Vincennes eingekerkert. In einem Briefe an den Gouverneur von Vincennes fleht er diesen an, ihm das Wiedersehen mit seiner Frau zu gestatten.[522] Jedenfalls setzte er sich wieder mit ihr in Verbindung, wie aus der von Ginisty mitgeteilten Korrespondenz hervorgeht[523], und es gelang ihren Bemühungen, eine Revision des Urteils durchzusetzen. Sade wurde nach Aix gebracht, wo ihn der Advokat Siméon glänzend verteidigte und unter dem 30. Juni 1778 die Annullirung des Urteils erwirkte. Aber durch den Einfluss der Präsidentin Montreuil, die mit Recht Sade’s Freiheit mehr fürchtete als seine Gefangenschaft, wurde der Beschluss rückgängig gemacht und er nach Vincennes überführt. Den Transport leitete der uns wohl bekannte Polizeiinspektor Marais. Es gelang dem Marquis, bei einem Aufenthalt in Lambesc, am 5. Juli 1778, wieder mit Hülfe seiner Frau zu entfliehen. Ginisty teilt den interessanten Polizeibericht über diese sehr romantische Flucht ausführlich mit.[524] Er wurde aber bald darauf (7. September) von Marais auf seinem Schlosse Lacoste entdeckt und diesmal ohne Zwischenfall nach Vincennes zurückgebracht, von wo er im Jahre 1784 in die Bastille überführt wurde. Am Vorabend des 14. Juli 1789 nach Charenton gebracht, soll er nach Lacroix am Tage der Erstürmung der Bastille, und der wohl richtigeren Angabe der „Biographie universelle“ aber erst am 29. März 1790 durch Dekret der constituierenden Versammlung befreit worden sein.
Von 1777 bis 1790, in der Blüte des Mannesalters, sass also der Marquis de Sade im Gefängnis. Es ist kein Zweifel, dass hier die ersten Entwürfe zu seinen berüchtigten Werken entstanden, und es dürfte daher eine etwas eingehendere Schilderung jener Zeit von Nutzen sein.
In Vincennes wurde er während der ersten Jahre in eine feuchte, kalte Kammer eingesperrt, die keinerlei Möbel enthielt ausser einem Bette, das er selbst in Ordnung zu bringen hatte. Sein Essen bekam er durch ein Guckloch. Schreibzeug und Bücher wurden ihm vorenthalten. Dies empfand er besonders schmerzlich, wie drei kleine auf der Auktion Fossé d’Arcosse im Jahre 1861 unter No. 1003 verkaufte Autographen beweisen, wo er einmal sagt: „sans air, ni lettre, ni encre, ni quoi que ce soit au monde“, ein anderes Mal: „une heure de promenade et permission d’écrire, une seule fois par semaine.“[525]
Seine Frau, die mit unerschütterlicher Liebe an ihm hing, schickte ihm Bücher, Schreibutensilien und andere von ihm verlangte Dinge, sogar Kölnisches Wasser[526]. Sie erhielt auch später die Erlaubnis, ihn zu besuchen. Aber jeder Besuch gestaltete sich zu einem Skandale. Man musste die Marquise vor der Wut und den Zornesausbrüchen ihres Gatten schützen. Am 25. September 1782 untersagte infolgedessen der Polizeileutnant Le Noir diese Besuche. Erst am 13. Juli 1786 durfte sie den persönlichen Verkehr mit dem Marquis wieder aufnehmen. Indessen waren stets andere Personen dabei anwesend, um die Marquise gegen die Gewaltthätigkeiten ihres cynischen und rohen Gatten zu schützen.[527] Sade heuchelte dann Liebe, um in seinen Briefen die treue Gattin wieder mit ungerechtfertigten Vorwürfen und schändlichen Beleidigungen zu überschütten.
Marciat findet in dem Leben des Marquis de Sade vor seiner Einkerkerung einen Hang zur Grausamkeit, eine Verachtung der Frau, eine unzähmbare Geschlechtslust und schliesst mit Recht, dass auf einen solchen Menschen, der zudem sich seinen Wollustkumpanen an Intelligenz überlegen zeigt, eine 13jährige Einkerkerung vom 38. bis zum 51. Lebensjahre, die ihm jede Befriedigung seines heftigen Geschlechtstriebes unmöglich machte, eine schwere psychische Schädigung ausüben müsse. Dafür spricht auch die krankhaft gesteigerte Reizbarkeit, das unendliche Misstrauen, welches sich in den von Ginisty veröffentlichten Briefen an seine Gattin ausspricht. Interessant ist, dass er zu den Briefen seiner Frau die unflätigsten Randbemerkungen machte, und hinter allen Handlungen der Gattin sexuelle Motive wittert. Ebenso sind die rohen Zornesausbrüche bei Besuchen derselben charakteristisch. Den Einfluss der Gefangenschaft als eines „mächtigen Factors zur Erzeugung von Seelenstörungen“ schildert Schüle in ausgezeichneter Weise.[528] „Ungleich rascher, als unter den Bedingungen des freien Lebens, vollzieht sich durch die Schändlichkeiten der Einzelhaft der Uebergang in geistige Schwäche.“ In der Einsamkeit der Zelle konnte die Phantasie Sade’s sich ungezügelt in Bildern der Wollust und Grausamkeit ergehen. Ersatz für die ihm mit einem Male für lange Jahre abgeschnittene reale Befriedigung übermässigen Geschlechtstriebes konnte er nur in ungeheuerlichen, die Wirklichkeit überbietenden Phantasien finden. Und sobald er die Erlaubnis zur Lectüre von Büchern bekam, suchte er nach dem treffenden Ausspruch der „Biographie universelle“ in der Vergangenheit und Gegenwart die Beispiele und Vorbilder für seine lasterhaften Anschauungen, die er dann in Gestalt von zahllosen Manuscripten niederlegte. Auch diese Graphomanie scheint uns das Bild einer gewissen geistigen Schwäche, die in dieser Zeit sich bei Sade ausprägte, zu vervollständigen. Er wurde im Gefängnis der sehr fruchtbare Schriftsteller, als welchen wir ihn später kennen lernen werden. Er las unendlich viele Bücher, ohne deren Inhalt gehörig zu verdauen; er lernte aus ihnen nur ein oberflächliches Raisonnement, während zahlreiche einzelne Beobachtungen einen mehr als gewöhnlichen Scharfblick erkennen lassen. Er war wie so viele sexuell sehr veranlagte Naturen gross in der Analyse aller Dinge, die mit dem Geschlechtsleben zusammenhängen, aber klein in der allgemeinen Synthese, dem wahrhaft philosophischen Denken. Leider sind die während der Gefangenschaft verfassten Tagebücher Sade’s von 1777 bis 1798 in 13 Heften, von denen sich 11 noch vorfanden, verbrannt worden, so dass uns dadurch ein wichtiges Hülfsmittel zur Erkenntnis seines geistigen Zustandes verloren gegangen ist. Er hatte in den Tagebüchern alles vermerkt, was er während dieser 13 Jahre „gesagt, gethan, gehört, gelesen, geschrieben, gefühlt oder gedacht hatte.“ (Biographie universelle.)[529] So sind nur noch seine Werke zur Beurteilung seiner psychischen Persönlichkeit übrig geblieben.
Von Interesse ist, dass der Marquis de Sade, wie es scheint, im Gefängnis auch eine Correspondenz mit seinen Maitressen unterhielt. Im April 1864 wurde bei der von Charavay veranstalteten Auktion der litterarischen Schätze des Grafen H. de M. ein Brief von 2 Seiten gezeigt, den eine Maitresse am 18. September 1778 an den Marquis de Sade geschrieben hatte, und der von diesem mit Randbemerkungen versehen war.[530]
Dass die Gefangenschaft das Geistesleben oft nach der sexuellen Richtung hin ablenkt, beweist auch das Beispiel des grossen Mirabeau, der zu gleicher Zeit wie Sade in Vincennes interniert war und hier seine obscönen Bücher schrieb.
Ein merkwürdiger Brief Mirabeau’s über dieses Zusammensein mit dem Marquis de Sade hat sich erhalten, der gerade nicht für freundschaftliche Beziehungen der Beiden spricht.[531] „Herr de Sade“, so heisst es in diesem Briefe, „hat gestern die Festung in Aufruhr versetzt und mir ohne die geringste Provokation meinerseits die infamsten Gemeinheiten gesagt. Ich würde von Herrn de Rougemont (dem Gouverneur) begünstigt, und damit ich spazieren gehen könne, verweigere man ihm die Erlaubnis dazu. Er bat mich um Angabe meines Namens, damit er mir nach seiner Freilassung die Ohren abschneiden könne. Ich verlor die Geduld und sagte ihm: Mein Name ist der eines Ehrenmannes, der niemals Frauen zerstückelt und eingesperrt hat, der Ihnen diesen Namen mit dem Stocke auf den Rücken schreiben wird. — Er schwieg und wagte seitdem nicht mehr, den Mund zu öffnen. Es ist schlimm in demselben Hause mit einem solchen Monstrum zu wohnen“.
6. Teilnahme an der Revolution und litterarische Tätigkeit.
Die ersten Szenen der Revolution spielten sich vor dem Gefängnis des Marquis de Sade ab, der ihr von vornherein viele Sympathien entgegenbrachte. Im Juni 1789 verzeichnet das Register der Bastille, dass er „die Wachen vor seiner Thür und am Fuss des Thurmes überwältigen wollte“, dass man ihn aber in sein Zimmer zurücktrieb, „indem man ihm einen Flintenlauf ein wenig nahe zeigte.“ Er setzte sich am 2. Juli 1789 vor der Erstürmung der Bastille mit Hilfe eines Sprachrohres mit den Passanten der rue Saint-Antoine in Verbindung und lockte durch sein fürchterliches Schimpfen auf den Gouverneur der Bastille, de Launay, eine grosse Menschenmenge an, die mit ihren Beifallsäusserungen nicht zurückhielt. Dieser Vorfall hatte zur Folge, dass der Marquis de Sade am 4. Juli nach Charenton gebracht wurde und also den am 14. Juli 1789 unternommenen Sturm auf die Bastille nicht mit erlebte.[532] Aus Charenton wurde er am 29. März 1790 durch den Beschluss der constituierenden Versammlung entlassen.[533] Seine erste Handlung war das Betreiben der Scheidung von seiner Frau.[534] Auch sonst wurde er seiner Familie entfremdet, da seine Söhne beim Beginne der Revolution auswanderten. Nach Lacroix nahm er sich eine Maitresse, die in seinem Hause die Honneurs machte. Er wohnte zuerst in der Rue Pot-de-Fer, nahe bei Saint-Sulpice, später in der Rue Neuve-des-Mathurins, Chaussée d’Antin No. 20.[535] Er soll dort den Politikern ausgezeichnete Diners und Soupers gegeben und besonders den Grafen Clermont-Tonnerre als gleichgesinnten Lebemann ins Herz geschlossen haben. Dies ist insofern wenig wahrscheinlich, als der Marquis de Sade durch die Revolution alle seine Güter verlor und in eine traurige materielle Lage geriet. Cabanès bemerkt noch nach einer Notiz im „Amateur d’Autographes“ (1864 S. 105 bis 106): „Il avait pris, pour sa maison, une jeune femme, plus gracieuse que belle qu’il nommait sa Justine tout bas et son amie tout haut. Cette femme se distinguait par la décence de sa tenue et l’élégance de ses manières aristocratiques. On disait en effet, que c’était la fille d’un noble exilé; mais une tristesse indélébile se peignait sur son visage pâle, lorsqu’elle faisait les honneurs de ces réunions, ou l’on parlait de tout, excepté de politique, et toujours avec convenance et réserve. On jouait quelquefois la comédie, et le marquis excellait dans les rôles d’amoureux, qu’il choisissait d’habitude; il était plein de noblesse dans son maintien et de sensibilité dans son jeu; Molé avait été son maître.“ Auf der oben erwähnten, durch Charavay veranstalteten Auction im Jahre 1864 figurierte ein an den Repräsentanten Rabaut Saint-Etienne gerichteter, mit einer Empfehlung von Ant. de Bernard-Saint-Afriques versehener Brief vom 8. Ventôse des Jahres III, in welchem der Marquis de Sade um eine Stelle als Bibliothekar oder als Museumsconservator bittet, da er vollständig mittellos geworden sei, nachdem sein litterarischer Besitz bei dem Sturm auf die Bastille verloren gegangen, und seine Güter durch die Briganten von Marseille konfisziert worden seien.[536] Die „Isographie des hommes célèbres ou Collection de fac-simile“ (1823–1824, 4 Bde.) enthält einen Brief Sade’s vom 10. Pluviôse des Jahres VI, der sich im Besitz des Herrn de la Porte befindet, und in dem er um baldmöglichste Einsendung des Honorars für ein Gedicht bittet und die Uebersendung einer von ihm verfassten Komödie ankündigt, in der er selbst die Rolle des Fabricius gespielt habe und wieder spielen wolle.[537] Bald nach seiner Entlassung aus Charenton fing er an, zahlreiche Komödien zu schreiben, diese an die verschiedenen, damals zahlreich wie Pilze hervorschiessenden Theater zu verkaufen und selbst für einige Louisdors eine Rolle darin zu spielen.[538] In den Archiven des Théâtre-Français befinden sich mehrere Briefe des Marquis de Sade an die Direktion der Comédie Française aus den Jahren 1790 bis 1793, auf die O. Uzanne durch François Coppée und Georges Monval aufmerksam gemacht wurde, und die er in seiner Schrift über Sade veröffentlicht hat.[539] Der Marquis bittet darin um die Annahme verschiedener von ihm verfasster Theaterstücke zur Aufführung. Nur ein einziges von Sade’s zahlreichen dramatischen Produkten fand Beifall. Es war dies „Oxtiern ou les Malheurs du libertinage“, das in den ersten Tagen des November 1791 mit Erfolg im Molière-Theater gespielt wurde.[540] Jedenfalls gehörte auch Sade nach Uzanne zu den zahlreichen „auteurs dramatiques monomanes“ der Revolutionszeit.
Während der Revolutionszeit erschienen nun nacheinander die berüchtigten Hauptwerke des Marquis de Sade, seine obscönen Romane, die seinen herostratischen Ruhm begründet haben. Ein Jahr nach seiner Freilassung, im Jahre 1791 erschien die „Justine“, die offenbar zum grössten Teile noch im Gefängnis abgefasst worden ist und in dieser ersten Auflage nur obscön ist, ohne die blutigen Details der späteren, und besonders der letzten Auflage des Jahres 1797. Mit Recht vermutet Marciat, dass der Einfluss des Milieu, der gewaltigen Ereignisse der Revolutionszeit, diese späteren Veränderungen hervorgerufen habe.[541] Ein ebenfalls noch in der Bastille entworfener Roman, auf dessen Titel es ausdrücklich heisst: écrit à la Bastille un an avant la Révolution, ist „Aline et Valcour“, der im Jahre 1793 erschien. Dann folgten 1795 die „Philosophie dans le Boudoir“ und 1797 als Gipfel und Krönung die gemeinschaftliche Ausgabe der „Justine“ und der „Juliette“.[542] Bis 1801, dem Jahre seiner neuen Verhaftung dauerte die sehr fruchtbare Schriftstellerei des Marquis de Sade, die wir später zu würdigen haben. Man kann sagen, dass seine Werke im Gefängnis concipiert, in der Revolution ausgeführt und nach den äusseren Eindrücken derselben verändert wurden.
Man hat viel Aufhebens davon gemacht, dass der Marquis de Sade zeitweise die Urheberschaft seiner Werke geleugnet hat. So schreibt er in einem Briefe vom 24. Fructidor 1795 (Auction Font... 1861): „Es wird in Paris ein scheussliches Werk verbreitet mit dem Titel ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘. Vor mehr als 2 Jahren habe ich einen Roman ‚Aline et Valcour ou le Roman philosophique‘ veröffentlicht. Zum Unglück für mich hat der schändliche Autor der ‚Justine‘ mir eine Situation gestohlen, die er aber auf die gemeinste Weise durch Obscönitäten verunstaltet hat.“[543] Auch in seiner „Idée sur les romans“ protestiert er gegen seine angebliche Urheberschaft von „Justine“ und „Juliette.“[544] Ebenso in einer Streitschrift gegen einen gewissen Villeterque.[545] Marciat macht darauf aufmerksam, dass die letztere Schrift in das Jahr 1800 fällt, in welchem Sade schon von der Gefahr der Verhaftung bedroht wurde und dass daher seine Versicherungen, nicht der Verfasser solcher Werke zu sein, wohl angebracht waren. Uebrigens waren derartige Ableugnungen nach Marciat bei den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts etwas sehr Gewöhnliches, z. B. bei Voltaire und Mirabeau. Und man kann Sade daraus keinen besonderen Vorwurf machen. Jedenfalls scheint er in Privatunterhaltungen die Wahrheit nicht verschwiegen zu haben, und es ist ganz sicher, dass er jedem der fünf Direktoren eine Luxusausgabe der 10bändigen „Justine“ und „Juliette“ überreicht hat, die man nach dem „Intermédiaire des Chercheurs et des Curieux“ in einzelnen Exemplaren wieder entdeckt hat.[546]
Ueber das Privatleben des Marquis de Sade während der Revolutionszeit sind wir im ganzen nur dürftig unterrichtet. Man kann eigentlich nur aus seinem früheren Verhalten schliessen, dass er sein ehemaliges lasterhaftes Leben wieder aufgenommen hat. Als der Marquis de Sade im Jahre 1801 aufs Neue verhaftet wurde, fand man sein Schlafzimmer mit grossen Bildern ausgeschmückt, welche die „hauptsächlichen Obscönitäten des Romans ‚Justine‘ darstellen.“[547] Cabanès berichtet — freilich ohne Quellenangabe — dass, als die aufrührerischen Bauern 1790 de Sade’s Schloss Lacoste zerstörten, man in diesem Schlosse Marterinstrumente gefunden habe, die von ihm bei seinen Orgien benutzt worden seien. Auch existierte in diesem Schlosse der berühmte „Klystier-Saal“ (Salle des Clystères), in dem ein Maler von Talent die Wände mit Klystierspritzen und menschlichen Figuren bedeckt hatte, welche letzteren eine Menge von ebenfalls gemalten menschlichen Rückseiten durch Klystiere erfrischten! (??)[548] Rétif de la Bretonne, der die Affäre Keller und den Marseiller Skandal nach Paris in die Revolutionszeit verlegt, erzählt noch mehrere derartige Geschichten, deren Glaubwürdigkeit in keiner Weise feststeht, wenn ihnen auch etwas Wahres zu Grunde liegen mag. So erzählt er in den „Nuits de Paris“ (155te Nacht „Nefanda“): „Am selben Abend sah ich eine andere Hochzeit. Der Graf de S..., ein grausamer Wüstling, wollte sich an der Tochter eines Sattlers rächen, die er nicht hatte verführen können. Er hatte alles so hergerichtet, dass er sich nicht kompromittieren konnte. Als es ihm gelungen war... Virum trium luparum connubio adjungere coëgit, coram alligata uxore, quae quandoque virgis caedebatur ...“[549]
Eine andere Geschichte Rétifs, in der Sade unter dem Namen Bénavent vorkommt, erzählt von drei Schwestern, die der Marquis zur Befriedigung seiner Lüste benutzte, indem er zwei in einen Käfig sperrte und singen liess, die dritte in einem Zimmer, dessen Wände Spiegel waren, nackt in ein Bad steigen liess, während er selbst sich mit seiner Maitresse der Wollust hingab.[550] Der Bibliophile Jacob hält es für zweifellos, dass Rétif den Marquis de Sade persönlich gekannt und wahrscheinlich einen Zwist mit ihm gehabt hat, der seinen Hass erklärt.
Besonders bemerkenswert ist die politische Thätigkeit des Marquis de Sade während der französischen Revolution. Er hatte mit dem ihm eigenen Scharfblick das Kommen dieser Revolution vorausgesehen. So sagt er in „Aline et Valcour“ (II, S. 448), welcher Roman 1788 in der Bastille geschrieben wurde: „Eine grosse Revolution wird im Vaterlande vorbereitet; die Verbrechen unserer Herrscher, ihre Grausamkeiten, Ausschweifungen und Narrheiten sind Frankreich zum Ueberdruss geworden; es hat den Despotismus satt und ist im Begriff, seine Fesseln zu zerbrechen.“ In der Einsamkeit der Zelle war er dahin gelangt, seinerseits die revolutionären Grundsätze, vor allem den Kampf gegen Gott, Königtum und Priestertum systematisch in seinen Schriften zu entwickeln. Das „Opfer der Bastille“ nahm denn auch lebhaften Anteil an den Ereignissen der Revolution und gerirte sich als einen begeisterten Anhänger der Schreckensmänner. Seiner Freundschaft mit Clermont-Tonnerre haben wir schon gedacht. Er wurde Sekretär der Sektion der „Pikenmänner“ (Section des Piques), auch genannt die Sektion der Place Vendôme oder die Sektion des Robespierre. „In den Unruhen des 2. September, wo jedermann zu Hause blieb, glaubte er sich am sichersten im Schosse seiner Sektion aufgehoben. So verliess er seine Wohnung in der Rue Neuve-des-Mathurins und begab sich am Abend zu den Kapuzinern am Vendômeplatze. Die Freunde Robespierre’s waren nicht dort, sondern im Jakobinerklub. Sade war nur als ein Mann bekannt, der unter dem ancien régime im Gefängnis gewesen war. Er hatte ein feines und sanftes Gesicht, war blond, schon ein wenig kahlköpfig und grauhaarig. ‚Wollen Sie unser Sekretär sein? — Gern?‘ Er nahm die Feder.“[551] — Er hielt sich aber, eingedenk seiner Vergangenheit, in bescheidener Zurückhaltung und spielte in seiner Sektion die Rolle des Philanthropen, verwendete seine ganze Zeit auf das Studium der Verhältnisse in den Hospitälern, über welche er gute Berichte lieferte.
Sade war ein begeisterter Bewunderer des blutdürstigen Marat, auf den er nach dessen Ermordung durch Charlotte Corday die noch erhaltene Gedächtnisrede hielt, die von revolutionären Phrasen erfüllt ist, und in der er die „heilige und göttliche Freiheit“ als einzige Göttin der Franzosen feiert (29. Sep. 1793).[552] Unter ein Bild Marat’s schrieb er die Verse:
Du vrai républicain unique et chère idole, De ta perte, Marat, ton image console. Qui chérit un grand homme adopte ses vertus, Les cendres de Scévole ont fait naître Brutus.[553]
Uebereinstimmend wird aber berichtet, dass insgeheim der Marquis de Sade von den Mitgliedern der Sektion, sowie von den übrigen Revolutionären verachtet und gehasst wurde. In der berühmten „Liste des ci-devant nobles“ von Jacques Dulaure, die im Jahre 1791 erschien, findet sich ein heftiger Artikel gegen unsern Marquis de Sade (Biographie universelle)[554]. Nach Cabanès behielt er den Titel „Marquis“ sogar bei, und „man kann sagen, dass das der einzige Marquis war, den man unter der Herrschaft von Robespierre und Fouquier-Tinville bestehen liess.“ (Cabanès a. a. O. S. 289) Er war vielleicht gar nicht Republikaner aus politischer Ueberzeugung, sondern kämpfte gegen Recht und Gesetz überhaupt nur unter dem Einflusse der von ihm gebildeten „théorie du libertinage.“ Er war der Philosoph des Lasters, aber kein leidenschaftlicher Politiker. In der Theorie absoluter Bösewicht, war er in Wirklichkeit recht sanftmütig, vorsichtig und voll von Tugendphrasen.[555] Das konnte den grossen Terroristen wenig passen. Eine schöne Handlung, die uns den Marquis de Sade menschlich näher bringt, gab ihnen den Vorwand, gegen ihn vorzugehen. Er hatte durch seine Fürsprache seine Schwiegereltern, obgleich sie ihm stets feindlich gesinnt gewesen waren, vom Schaffot gerettet,[556] und wurde daher als ein „Gemässigter“ verdächtigt und am 6. Dez. 1793 auf Befehl des „Comité de la Sureté générale“ verhaftet und nacheinander in die Gefängnisse des Madelonnettes, des Carmes und Picpus gebracht, erlangte aber am 9. Thermidor 1794 durch Rovère seine Freiheit wieder, dem er sein Landgut La Coste verkaufte und so in den Besitz einiger Geldmittel gelangte.
Sade lebte nunmehr zurückgezogen ganz seiner schriftstellerischen Thätigkeit, der unter dem Direktorium weniger Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Wir erwähnten schon, dass er jedem der fünf Direktoren ein Exemplar der Prachtausgabe seiner „Justine“ überreichte, über deren Verbleib, besonders was das Exemplar des Barras anbetrifft, man genaue Nachrichten hat.[557] Ueberhaupt wurden damals die berüchtigten Hauptwerke des Marquis de Sade ganz öffentlich verkauft. Sie waren bei allen Buchhändlern zu haben und waren in den Katalogen angeführt. Ein grosser Kapitalist unterstützte den Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte, und hatte Anteil am Gewinne. Dies dauerte bis zum Jahre 1801. (Biographie universelle). Im Thermidor des vorhergehenden Jahres (Jahr VIII) hatte der Marquis de Sade einen Roman „Zoloë et ses deux acolytes“ veröffentlicht, der nichts anderes war als ein heftiges Pamphlet gegen Joséphine de Beauharnais (Zoloë), die Damen Tallien (Laurenda) und Visconti (Volsange), gegen Bonaparte (Baron d’Orsec), Barras (Vicomte de Sabar), einen Senator (Fessinot) u. s. w., welche Persönlichkeiten in einer „petite maison“ sich der schändlichsten Unzucht hingeben.
Wegen dieses Pasquills wurde Sade am 15. Ventôse des Jahres IX (5. März 1801) verhaftet. Ein Bericht des Polizeipräfekten an den Polizeiminister vom 21. Fructidor des Jahres XII giebt Auskunft über diese Verhaftung.[558] Er enthält viele Unrichtigkeiten, z. B. gleich im Anfang die, dass der Marquis im Begriff gewesen wäre, die „Juliette“ zu publizieren, die doch bereits mehrere Jahre vorher erschienen war. Sade wurde nach diesem Bericht ohne rechtsgiltiges Urteil zunächst ins Gefängnis Sainte-Pélagie gebracht, da eine Gerichtsverhandlung „einen zu grossen Skandal erregt haben würde“ und auch die gerichtlichen Strafen „ungenügend und keineswegs den Delikten angemessen gewesen sein würden“. Der Präfekt erzählt dann weiter, dass Sade in Sainte-Pélagie die jungen Leute zu unsittlichen Handlungen verführt habe und er infolgedessen nach Bicêtre überführt worden sei. „Dieser unverbesserliche Mensch war in einem Zustande ‚beständigen wollüstigen Wahnsinns‘ (démence libertine).“ Auf Betreiben seiner Familie wurde er dann am 26. April 1803 nach Charenton gebracht. (Cabanès, S. 301.) Alle seine Manuscripte und Bücher waren wiederholt confisciert worden.
Aulard hat in einem Artikel „La Liberté individuelle sous Napoléon Ier“ (Revue du Palais, August 1897) auf die Häufigkeit der willkürlichen Verhaftungen und Einsperrungen ohne rechtsgiltiges Urteil unter dem Konsulat und ersten Kaiserreich aufmerksam gemacht. Es scheint, dass man öfter unliebsame Persönlichkeiten für irrsinnig erklärte und in Charenton unterbrachte. So wurde der Dichter Th. Desorgues, der ein Chanson gegen Napoleon mit dem Refrain:
Oui, le grand Napoléon Est un grand caméléon
verfasst hatte, in Charenton interniert, wo er 1803 starb. Das gleiche Schicksal traf den Forstmeister de Laage, sowie den Abbé Fournier. Beide wurden in Bicêtre eingesperrt. (Cabanès S. 294–295). Bei Sade hatte man ausserdem noch den bequemen Vorwand, dass man den Verfasser so vieler obscöner Bücher unschädlich machen müsse, obgleich Marciat mit Recht bemerkt, dass ohne das Pamphlet gegen Bonaparte diese Bücher wohl nicht den Anstoss zu seiner Verhaftung gegeben haben würden. Sade, der wiederholt gegen dieselbe protestierte, hielt es deshalb für geraten, in seinen verschiedenen Briefen aus Sainte-Pélagie die Urheberschaft der „Justine“ u. a. abzuleugnen.[559]
Ueber den Aufenthalt des Marquis de Sade im Irrenhaus zu Charenton besitzen wir mancherlei interessante Nachrichten. Vor allem ist merkwürdig ein Gutachten des berühmten Irrenarztes Royer-Collard[560] über den Marquis aus dem Jahre 1808, das wir vollständig mitteilen.
Paris, den 2. August 1808.
Der Chefarzt des Hospizes zu Charenton an Seine Excellenz den Senator und Polizeiminister.
Gnädiger Herr,
Ich habe die Ehre, an die Autorität Eurer Exzellenz zu appellieren, in einer Angelegenheit, die ebenso meine amtliche Thätigkeit angeht, wie die gute Ordnung in dem Hause, dessen ärztlicher Dienst mir anvertraut ist.
In Charenton befindet sich ein Mann, den seine kühne Immoralität unglücklicherweise zu berühmt gemacht hat, und dessen Anwesenheit die schwersten Unzuträglichkeiten nach sich zieht. Ich spreche von dem Autor des schändlichen Romans „Justine“. Dieser Mann ist nicht geisteskrank. Sein einziges Delirium ist das des Lasters, und dieses kann nicht in einer Irrenanstalt beseitigt werden. Er muss der strengsten Isolierung unterworfen werden, um andere vor seinen Ausbrüchen zu schützen und um ihn selbst von allen Gegenständen zu trennen, die seine hässliche Leidenschaft mehren könnten. Nun erfüllt das Haus Charenton keine dieser Bedingungen. Herr de Sade geniesst hier eine zu grosse Freiheit. Er kann mit einer grossen Zahl von Kranken und Rekonvalescenten beiderlei Geschlechts verkehren, sie bei sich empfangen oder sie in ihren Zimmern besuchen. Er hat die Erlaubnis, im Park spazieren zu gehen und trifft dort ebenfalls oft Kranke. Er predigt einigen seine schreckliche Lehre und leiht ihnen Bücher. Endlich geht das Gerücht im Hause, dass er mit einer Frau zusammen lebt, die für seine Tochter gilt.
Das ist noch nicht alles. Man ist so unvorsichtig gewesen, in der Anstalt ein Theater einzurichten, um die Irren Komödie spielen zu lassen, und hat nicht die unheilvolle Wirkung einer solchen tumultuösen Veranstaltung auf die Phantasie bedacht. Herr de Sade ist der Direktor dieses Theaters. Er giebt die Stücke an, verteilt die Rollen und leitet die Wiederholungen. Er unterrichtet die Schauspieler und Schauspielerinnen in der Deklamation und bildet sie in der grossen Bühnenkunst aus. Am Tage der öffentlichen Vorstellungen verfügt er stets über eine gewisse Zahl von Eintrittsbillets und macht inmitten seiner Gehilfen die Honneurs im Saale.
Zugleich ist er der Gelegenheitsdichter. Beim Feste des Direktors zum Beispiel, verfasst er entweder ein allegorisches Stück zu dessen Ehren oder wenigstens einige Couplets zu seinem Lobe.
Ich brauche Eurer Excellenz das Skandalöse eines derartigen Vorkommnisses nicht näher zu begründen, sowie die Gefahren aller Art, welche sich daraus ergeben. Wenn die Oeffentlichkeit diese Dinge erführe, welche Ansichten würde man über eine Anstalt bekommen, in welcher so seltsame Missbräuche geduldet werden? Wie verträgt sich eine sittliche Behandlung der Geisteskranken mit demselben? Werden die Kranken, welche täglich mit diesem schrecklichen Manne in Berührung kommen, nicht unaufhörlich durch seine Verderbtheit infiziert, und genügt die blosse Idee seiner Gegenwart in diesem Hause nicht, um die Phantasie selbst derjenigen aufzuregen, die ihn nicht sehen?
Ich hoffe, dass Eure Excellenz diese Gründe gewichtig genug finden wird, um einen anderen Internirungsort als Charenton für Herrn de Sade anzuordnen. Ein Verbot, dass er nicht mehr mit den Irren verkehren soll, würde nichts fruchten und nur vorübergehend Besserung herbeiführen. Ich verlange nicht, dass man ihn nach Bicêtre zurückschicke, wo er früher war, aber ich kann nicht umhin, Eurer Excellenz vorzustellen, dass eine „maison de santé“ oder ein festes Schloss für ihn besser passen würde als eine Anstalt, in der zahlreiche Kranke behandelt werden, und wo eine beständige Ueberwachung und die hingebendste moralische Aufsicht nötig ist.
Royer-Collard, D. M.[561]
Dieser Bericht hatte keinen Erfolg. Der Marquis de Sade blieb in Charenton. Es ist sogar die Vermutung gerechtfertigt, dass er den dortigen Aufenthalt dem Gefängnisse, vielleicht auch der Freiheit vorzog. Nach der „Biographie universelle“ war er der besondere Günstling des Direktors von Charenton, des Abbé Coulmier. Dadurch würden die grossen Freiheiten, die er sich gestatten durfte, die Rolle als Theaterdirektor u. s. w. verständlich werden. Er hatte also Ursache, die Bemühungen des Dr. Royer-Collard, ihn aus der Anstalt zu entfernen, zu hintertreiben, wovon die folgende merkwürdige Adresse zeugt[562]:
„Frau Delphine de T... beehrt sich Seiner Excellenz Herrn Fouché (dem Polizeiminister) die Petitionen zu schicken, von denen sie heute morgen mit ihm sprach. Die erste ist für Herrn de Sade und bittet darum, dass man möglichst baldige Anordnungen für das definitive Bleiben des Herrn de Sade in Charenton treffe, wo er sich seit 8 Jahren befindet und die Pflege hat, die sein Befinden erfordert. Seine Vorgesetzten sind mit seinem Betragen durchaus zufrieden.
Frau von T... fügt ihrer Petition ein ärztliches Zeugnis bei, welches bestätigt, dass der Zustand des Herrn de Sade sein Verbleiben in Charenton notwendig macht.
Sie dankt von neuem Seiner Excellenz für den gütigen Empfang von heute Morgen.“
Vielleicht ist Sade selbst, wie Marciat vermutet[563], der Anstifter dieser Petition gewesen, und vielleicht erklärt sich ein Teil der Anklagen von Royer-Collard aus einer Meinungsverschiedenheit, wenn nicht Rivalität zwischen dem Arzte und dem Direktor der Anstalt. Dieser, der Abbé Coulmier, war nach der „Biographie universelle“ ein Mann von sehr leichtfertigen Sitten. Royer-Collard’s wiederholte Klagen über das Theaterspielen in Charenton hatten endlich das Verbot desselben zur Folge. Aber an seine Stelle traten Konzerte und Bälle! Royer-Collard erlangte endlich am 6. Mai 1813 auch das Verbot dieser einer Irrenanstalt wenig angemessenen Unterhaltungen.[564]
Die „Revue anecdotique“ hat zwei auf die Thätigkeit des Marquis de Sade als Theaterregisseur sich beziehende Dokumente veröffentlicht.[565]
Seine Graphomanie trieb Sade bei jeder Gelegenheit zu dichterischen Ergüssen. Besonders liebte er das „couplet laudatif“. So verfasste er zahlreiche anonyme Couplets zu Ehren des Cardinals Maury, Erzbischofs von Paris, die am 6. Oktober 1812 in der „maison de santé“ bei Charenton gesungen wurden, von deren Geringwertigkeit eins Zeugnis ablegen möge:
Semblable au fils de l’Eternel Par une bonté peu commune, Sous l’apparence d’un mortel Venant consoler l’infortune, Votre âme, pleine de grandeur, Toujours ferme, toujours égale, Sous la pourpre pontificale Ne dédaigne point le malheur.[566]
Ueber den Eindruck der Persönlichkeit des Marquis de Sade während seines Aufenthaltes in Charenton liegen mehrere, aber wenig beglaubigte Nachrichten vor. Janin schildert recht lebhaft den corrumpierenden Einfluss, den Sade in der Irrenanstalt ausübte, sowie die zärtliche Sympathie, die er „jungen und hübschen Frauen“ einflösste.[567] Lacroix erzählt[568]: „Ich habe oft achtungswerte Personen gefragt, von denen einige noch, mehr als 80jährig, leben, und von ihnen mit einer indiscreten Neugierde merkwürdige Enthüllungen über den Marquis de Sade verlangt, und war nicht wenig erstaunt, dass diese Personen, die durch ihre Moral, ihre Stellung und ehrenwerten Antecedentien vor jedem Verdacht geschützt sind, keinerlei Widerwillen dagegen empfanden, sich an den Autor der ‚Justine‘ zu erinnern und von ihm als einem „aimable mauvais sujet“ zu sprechen.“ Charles Nodier, der den Marquis de Sade einmal flüchtig sah, erinnert sich nur, dass er „höflich war bis zur Unterwürfigkeit, feierlich bis zur Salbung (onction) und dass er respectvoll von allem sprach, was Respect verdient.“ Dabei war er „enorm fett“, so dass seine Bewegungen durch diese Körperfülle gehindert wurden und ein Rest von „Grazie und Eleganz“, der sich in seinem ganzen Wesen aussprach, nicht recht zur Geltung kam. Seine müden Augen leuchteten plötzlich auf.[569] Nach der „Biographie universelle“ bewahrte Sade bis zu seinem Tode seine schmutzigen Gewohnheiten. Wenn er im Hofe promenierte, zeichnete er obscöne Figuren in den Sand, besuchte man ihn, so war sein erstes Wort eine Zote; dabei war seine Stimme sanft. Er hatte schöne weisse Haare, eine liebenswürdige Miene und war von ausgesuchter Höflichkeit. Er war ein robuster Greis ohne jede Schwäche.
7. Der Tod.
Der Marquis de Sade starb 74 Jahre alt, am 2. Dezember des Jahres 1814, 10 Uhr abends, sanft, ruhig, an den Folgen einer längeren Krankheit, die indessen seine Rüstigkeit nicht beeinträchtigt hatte. Ueber diese Krankheit berichtet de Sade schon in einem Briefe vom 17. Juni 1808 an den Kaiser Napoléon. Der Brief ist gegenwärtig im Besitze des Herrn Noël Charavay, der Cabanès die Einsicht und den Abdruck (Cabanès a. a. O. S. 312) gestattete. de Sade beklagt sich in demselben bitterlich darüber, dass er seit 20 Jahren in drei verschiedenen Gefängnissen das unglücklichste Leben führe. Er sei 70 Jahre alt, fast blind, von der Gicht heimgesucht (der Krankheit aller Lebemänner) und von heftigen Brust- und Magenschmerzen, die ihn schrecklich peinigten. Das könne durch die Zeugnisse der Aerzte von Charenton bestätigt werden. Er flehe daher Seine Majestät an, ihm endlich die Freiheit zu geben. — Eine von Dr. Ramon, dem Arzte de Sade’s, aufgezeichnete Notiz besagt, dass der Marquis an „Lungenanschoppung infolge von Asthma“ gestorben sei. In den Archiven von Charenton findet sich ein Bericht über den Tod des Marquis de Sade an den Generaldirektor der Polizei, in dem es heisst, dass seine Gesundheit seit einiger Zeit sich zusehends verschlechtert habe. Er sei aber noch zwei Tage vor seinem Tode umhergegangen. Das Ende selbst sei schnell eingetreten, im Beginne eines „adynamischen und ganggränösen Fiebers“. Interessant ist die weitere Mitteilung, dass, da der Sohn Armand de Sade anwesend sei, die Behörde es wohl nicht nötig haben werde, Vorsichtsmassregeln zu ergreifen, da der Sohn selbst gewiss etwaige „gefährliche Papiere“ seines Vaters vernichten würde. (Cabanès a. a. O. S. 311–312). Am Abend vorher hatte er noch diese Papiere in Ordnung gebracht. Kaum war er tot, als sich „die Schüler Gall’s auf seinen Schädel stürzten, als auf eine unschätzbare Beute, die ihnen mit einem Schlage das Geheimnis der seltsamsten menschlichen Organisation enthüllen würde, von der man jemals hatte sprechen hören. Dieser Schädel glich allen Greisenschädeln. Es war eine merkwürdige Mischung von Lastern und Tugenden, von Wohlthun und Verbrechen, von Hass und Liebe. Er war klein, wohl geformt. Man könnte ihn für den Schädel einer Frau halten, an dem die Organe der mütterlichen Zärtlichkeit (!) ebenso entwickelt sind, wie an dem Kopfe der Héloïse ‚ce modèle de tendresse et d’amour‘.“[570]
Nach seinem Tode fand man das folgende Testament, das Jules Janin zuerst veröffentlicht hat:[571]
„Ich verbiete, dass mein Körper unter irgend einem Vorwande geöffnet werde, ich verlange aufs dringendste, dass er 48 Stunden in dem Zimmer, in dem ich sterben werde, liegen bleibe, in einem Holzsarge, der erst nach Ablauf dieser Zeit zugemacht werden soll. Dann soll ein Bote zu dem Holzhändler Lenormand in Versailles, Boulevard de l’Egalité No. 101, geschickt werden, damit er selbst mit einem Wagen komme und meine Leiche unter seiner Begleitung auf diesem Wagen in das Gehölz auf meinem Landgute Malmaison, Gemeinde Maucé nahe bei Epernon, gebracht werde, wo sie ohne jede Ceremonie in dem ersten Gebüsche bestattet werden soll, das sich rechts in dem Gehölze findet, wenn man durch die grosse Allée von der Seite des alten Schlosses hineintritt. Die Grube soll durch den Pächter von Malmaison unter der Aufsicht des Herrn Lenormand geschaufelt werden, der nicht vor vollendeter Bestattung fortgehen soll. Bei dieser Ceremonie können diejenigen meiner Verwandten oder Freunde zugegen sein, die mir dieses letzte Zeichen ihrer Liebe geben wollen. Das Terrain soll bepflanzt werden, damit die Spuren meines Grabes von der Erdoberfläche verschwinden, wie ich hoffe, dass mein Andenken in der Erinnerung der Menschen ausgelöscht werden wird.
Geschrieben zu Charenton-Saint-Maurice, im Zustand der Vernunft und Gesundheit, am 30. Januar 1806.
D.-A.-F. Sade.“[572]
Marciat meint, dass dieses Testament den Marquis de Sade am Ende seines Lebens noch als denjenigen zeige, der er während seines ganzen Lebens war: als einen vollkommenen Atheisten.