IV. Theorie und Geschichte des Sadismus.
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1. Wollust und Grausamkeit.
Der sehr bekannte Zusammenhang zwischen Wollust und Grausamkeit ist nach dem Marquis de Sade kein unmittelbarer. Zuerst ist die Wollust da. Diese erstickt zunächst das Mitleid im Menschen, macht das Herz hart und gefühllos. (Juliette I, 148.) Zugleich aber bedarf der in der Wollust ganz aufgehende Mensch immer stärkerer Reize, um befriedigt zu werden. Die Nervenmasse muss durch einen sehr starken Schlag aufgerüttelt und erschüttert werden. Es ist aber unzweifelhaft, dass der Schmerz die Nerven heftiger angreift, als die Freude und daher dieselben lebhafter erregt. Der Schmerz Anderer erzeugt in dem Wüstling eine angenehme Empfindung. Die Natur spricht uns niemals von Anderen, sondern nur von uns. Es giebt nichts Egoistischeres als ihre Stimme. Sie preist uns das Suchen der Lust an, und es ist ihr einerlei, ob dies Anderen angenehm ist oder nicht.
Dieses Gefühl des Vergnügens an Grausamkeit, welches bei dem Wollüstigen, dessen Herz hart geworden ist, besonders hervortritt, ist ein angebornes. Das Kind zerbricht sein Spielzeug, beisst in die Brust seiner Säugamme, erdrosselt den Vogel. Die Grausamkeit ist keine Folge der Entartung, da sie bei wilden Völkern besonders hervortritt. Sie ist nichts anderes als die Energie des Mannes, den Civilisation noch nicht verdorben hat, also eher eine Tugend als ein Laster.
Die Grausamkeit der Frauen ist viel intensiver als diejenige der Männer, eine Folge der grösseren Energie und Empfindlichkeit ihrer Organe. Die überspannte Einbildungskraft macht sie wütend und verbrecherisch. Wollt Ihr sie kennen lernen? Kündigt ihnen ein grausames Schauspiel an, ein Duell, eine Hinrichtung, einen Brand, eine Schlacht, einen Gladiatorenkampf, und Ihr werdet sehen, wie sie herzuströmen. Weitere Beweise für die wollüstige Grausamkeit der Weiber liefert ihre Vorliebe für den Giftmord und die Flagellation.
Unser Nervensystem ist einmal so wunderbar eingerichtet, dass uns Verzerrungen, Zuckungen, Blutvergiessen aufregt, mithin angenehm ist. Sogar Personen, die beim Anblick des Blutes, einerlei ob es ihr eigenes oder das einer fremden Person ist, in Ohnmacht fallen, fühlen dies. Es ist nämlich erwiesen, dass eine Ohnmacht die höchste Potenz der Wollust ist (Phil. dans le Boudoir I, 148–158, Juliette II, 94–102.)
2. Anthropophagie und Hypochorematophilie.
Das Menschenfleisch ist für den Wüstling die beste Nahrung, da es die Bildung eines reichlichen und guten Sperma befördert und für schnellen Ersatz des verlorenen sorgt. Wer einmal diese süsse Speise genossen hat, kann von ihr nicht mehr lassen. Dagegen ist Brot die unverdaulichste und ungesündeste Nahrung, welche erschlafft und den Körper zerrüttet. Daher füttern Tyrannen ihr sklavisches Volk mit Wasser und Brot (Juliette II, 323 ff.). Auch Minski schreibt dem Genusse von Menschenfleisch eine aussergewöhnliche Kraft zu (Juliette III, 313).
Eng verbunden mit dieser Anthroprophagie ist der Anblick, die Aneignung und der Genuss abgetrennter Körperteile, eine Art von anthropophagischem Fetischismus. So werden die Gesässe der bei den Orgien getöteten Personen abgeschnitten und zum Zwecke wollüstiger Erregung aufgehängt (Juliette II, 231)[613]. Die Silvia zerreisst die Genitalien ihrer Opfer mit den Zähnen und isst sie (Juliette VI, 235). Ebenso benutzt Clairwil das abgeschnittene Membrum des Mönches Claude zu wollüstigen Zwecken (Juliette III, 101) und erklärt, dass sie semper penem videat, den sie, nisi habeat in cunno vel ano, doch so sehr in ihrer Phantasie habe, dass sie glaubt, dass man ihn nach ihrem Tode wirklich in ihrem Gehirne finden wird! (Juliette III, 154.) Dieses anthropophagische Weib trinkt das Blut und isst die Testikel der von ihr getöteten Knaben (Juliette III, 72). Auch reisst sie das Herz derselben heraus und gebraucht es als Phallus (Juliette III, 252)[614]. Auch Minski, die Räuber des Brisa-Testa, Cornaro sind Anthropophagen (Juliette III, 313; V, 206; VI, 204).
Kannibalische Gelüste gehörten nach Bettelheim offenbar zu dem Bestand der Racheschwüre des 18. Jahrhunderts. Der Herzog von Chaulnes, der wegen einer Liebesaffäre mit Beaumarchais in Streit geriet, übrigens bei anderer Gelegenheit seine eigene Mutter aufs gröblichste beschimpfte, brüllte mit entsetzlicher Stimme: „Ich werde diesen Beaumarchais töten, und wenn ich ihm erst den Degen in den Leib gerannt und das Herz mit den Zähnen ausgerissen haben werde, mag diese Mesuard sehen, was aus ihr wird.“ In der ersten Fassung des Goethe’schen „Clavigo“ heisst es ebenfalls:
„Meine Zähne gelüstet’s nach seinem Fleische, meinen Gaumen nach seinem Blute u. s. w.“[615]
Die Hypochorematophilie[616] spielt ebenfalls bei Sade eine grosse Rolle. Saint-Florent und Rodin finden grosse Befriedigung in der Beobachtung des Aktes der Defaecation (Justine I, 136 und 304). Mondor, Saint-Fond und viele andere sind Kotfresser. Der Gatte der St.-Ange lässt sich in os defaecieren. (Phil. dans le Boud. I, 92.) Dass auch diese liebliche Eigenschaft nicht vielleicht etwas Erbliches ist, sondern von abgelebten Wüstlingen, wie ja z. B. der 66jährige Mondor einer ist, als letztes Reizmittel in Anwendung gezogen wird, kann man aus den mehr als merkwürdigen Worten der Juliette schliessen. Sie sagt: „Man täuscht sich im allgemeinen über die Entleerungen des caput mortuum unserer Verdauungsorgane. Sie sind nicht ungesund, sondern sogar sehr angenehm. Es wohnt in ihnen derselbe Spiritus rector wie in allen übrigen Körperbestandteilen. An nichts gewöhnt man sich so leicht als an den Geruch des Kotes. Ihn zu essen, ist deliciös! C’est absolument la saveur piquante de l’olive. Man muss allerdings zuerst ein wenig die Imagination nach dieser Richtung hin beeinflussen! Aber wenn man so weit ist, so ist es ein höchst wonnevoller und aufregender Genuss.“ (Juliette I, 289.) Die sexuelle Hypochorematophilie hat mit dem Kotschmieren der Geisteskranken nichts zu thun. Ja, gerade diese seltsame und ekelerregende Monomanie bildet den besten Beweis für unsere Anschauung, dass alle diese Dinge bei Geistesgesunden vorkommen können, wie ja auch aus den Ausführungen Sades hervorgeht. Nach Taxil bilden die „stercoraires“, wie man sie nennt, nicht mehr eine Ausnahmeerscheinung. „In den öffentlichen Häusern sind zu diesem Zwecke besondere Vorrichtungen getroffen, und gesunde junge Leute wiederholen aus Nachahmungstrieb die krankhaften Handlungen schwachsinniger Subjekte, die einst durch ihr unmässiges Leben sich berühmt gemacht hatten.“[617]
3. Weitere sexualpathologische Typen bei Sade.
Schon vor R. v. Krafft-Ebing gebührt ohne Zweifel dem Marquis de Sade das Verdienst, fast alle sexualpathologischen Typen, die es giebt, in seinen Romanen zusammengestellt zu haben. Es ist kein Zweifel, dass diese grosse Mannigfaltigkeit der von ihm geschilderten sexuellen Perversionen, die genaue Individualisierung der einzelnen Typen auf der aus dem Leben schöpfenden Beobachtung beruht.
Sämtliche Sinne dienen bei Sade der Erregung sexueller Gefühle. Beginnen wir mit dem Gehör. Es giebt auch einen Wort-Sadismus! Es ist nach Dolmancé angenehm und aufregend, stark tönende Worte von unflätiger Bedeutung im Rausche der Wollust auszusprechen, weil sie die Einbildungskraft steigern. Man spare sie also nicht; sondern variire sie ins Unendliche, damit sie um so mehr Skandal erregen. Es verursacht eine ganz eigene Wonne, wenn man in Gegenwart tugendhafter Leute sich durch Fluchen Luft machen kann, wenn man sie zu demoralisieren vermag, zu ähnlichen Aeusserungen verführt und, wenn sie nicht gutwillig hören wollen, sie fasst und zwingt, es zu thun. (Phil. dans le Boud. I, 146–147.) So ruft Madame St.-Ange inmitten einer Orgie erfreut aus: Comme tu blasphêmes, mon ami, und schreit bei derselben Gelegenheit der stummen Eugenie zu: Jure donc, petite putain, jure donc! (Phil. dans le Boud. I, 125 und 129.)
Das Gesicht nimmt ebenfalls Teil an dem sexuellen Genusse. Alberti liebt es, schwarze Frauen neben weissen zu sehen, weil dieser Contrast ihn besonders ergötzt. (Juliette VI, 238.) Grosser Wert wird auf die zweckentsprechende Drapierung der Zimmer gelegt, damit alles dazu beitrage, den Genuss zu erhöhen (Juliette II, 231). Die „Voyeurs“ sind ebenfalls zahlreich vertreten. Saint-Fond besitzt wie kein anderer „die Kunst, seine Leidenschaften durch eine industriöse Abstinenz aufzustacheln“ und sieht daher eine Zeit lang dem Coitus anderer zu. (Juliette II, 185.) Auch Raimondi ist ein solcher Voyeur, der mit dem blossen Zusehen sich begnügt. (Juliette VI, 150.)
Der Geruchssinn wird zunächst durch die mannigfaltigsten Parfüms, deren sich die Weiber bedienen, erregt. In der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ werden alle Teilnehmer der Orgien von jungen Mädchen und Knaben gereinigt und parfümiert (Juliette III, 30)[618]. Das Beriechen der weiblichen Achseln kommt öfter vor (z. B. Juliette III, 54), ebenso der Faeces (ibidem). Ein Bischof lässt sich auf die Nase urinieren (Juliette III, 51).[619]
Der Geschmack findet auch sein Recht. Nicht nur die Faeces sind deliciös, auch Sperma und Urin werden verschlungen (Juliette I, 172). Die „Lécheurs“ und „Gamahucheurs“ gehören ebenfalls zu dieser Kategorie (z. B. Juliette III, 55; VI, 152), sowie die zahlreichen tribadischen Cunnilinguae. Insbesondere ist Dolmancé nach dieser Richtung hin sehr thätig.
Der Tastsinn wird fast stets zuerst als Vorbereitungsmittel zu einer Orgie benutzt, indem man ihm durch „tâter“ und „claquer“ der verschiedenen Körperteile, insbesondere der Nates, eine Befriedigung verschafft.
Aus der bunten Fülle der übrigen sexuellen Perversitäten, die ja zum grössten Teile bereits erwähnt wurden, heben wir nur die bemerkenswertesten heraus. — Den Exhibitionismus predigt Dolmancé, indem er Eugenie dazu anhält, schamlos ihre Reize vor aller Welt zu enthüllen, die Kleider aufzuheben u. s. w. (Phil. dans le Boud. I, 147.) Saint-Fond empfiehlt sogar Männern und Frauen Kleider, welche die Geschlechtsteile und das Gesäss freilassen (Juliette II, 197). Die Befriedigung grausamer Gelüste findet auf die verschiedenste Weise statt: durch Köpfen, Vierteilen, Rädern, Feuer, Zerschmettern zwischen zwei Platten, wilde Tiere, Erhängen, Kreuzigung u. s. w. Dorval lässt eine Schein-Hinrichtung vollziehen (Juliette I, 225–230). Ein Anderer wieder empfindet es als besonderen Genuss, an sich selbst eine solche Schein-Hinrichtung vornehmen zu lassen, eine Art von symbolischem Masochismus. Auch die Folter wird in Anwendung gezogen (Juliette III, 65), und Juliette zersticht ihre Opfer mit Nadeln (Juliette II, 285). Die aktive und passive Flagellation kommt ungemein häufig vor, sogar in einem eignen „Saal der Geisselung“ (Juliette III, 65). Zu diesen grausamen Gelüsten gehört auch die Monomanie des Venaesecierens und der Incisionen (Justine III, 223).
Die Zoophilie wird von Sade als sexuelles Raffinement hochgepriesen. „Der Truthahn ist deliciös, aber man muss ihm den Hals im Augenblick der Krisis abschneiden. Le resserrement de son boyau vous comble alors la volupté“ (Juliette I, 333). Der Truthahn vereinigt sich im vierten Bande der Juliette mit einem Affen, einer Ziege und einer Dogge, um die sexuellen Feinschmecker zu ergötzen. (Juliette IV, 262.)
Ferdinand von Neapel ist Nekrophile, er befriedigt sich an der Leiche eines Pagen. (Juliette V, 263.) Sogar die Statuenschändung wird erwähnt. Ein Page befriedigt sich im Louvre an der Venus Kallipyge. (Juliette I, 333.)
Endlich erhöht die Verwirklichung bizarrer Einfälle den sexuellen Genuss. Belmor bindet seine Opfer fest (Juliette III, 163), der König von Sardinien liebt das Klystieren (ib. III, 294), das auch noch an einer anderen Stelle als besonderes Reizmittel vorkommt (III, 54), Vespoli liebt besonders Irrsinnige (Jul. V, 345), ein venezianischer Prokurator Menstruierende (ib. VI, 147), ein Dritter die Depilation der Genitalien (Jul. II, 59), ein Vierter steckt brennende Lichter in die Körperöffnungen (Jul. II, 22), Delbène giebt sich auf den Särgen früherer Opfer hin (Jul. I, 172) u. s. w. u. s. w.
Seltsame Naturerzeugnisse und Naturerscheinungen dienen der Wollust. Ein Eunuch, ein Zwerg und ein Hermaphrodit liefern auserlesene Genüsse (Juliette IV, 262). Der Anblick grosser Brände erregt die Sinne. (ib. IV, 258.) Der Ausbruch des Aetna (Justine III, 67), des Vesuvs (Jul. VI, 35), der Sturm auf offenem Meere (Juliette VI, 269) verschaffen sexuelle Genüsse.
Auch geschichtliche Erinnerungen werden im selben Sinne verwertet. Man ahmt die Thaten des Tiberius, des Nero und der Theodora nach (Juliette V, 362; VI, 319 und 341); man feiert Orgien auf den historisch denkwürdigen Stätten von Pompeji und Herculanum (Jul. V, 340–341), im Venustempel zu Bajae (ib. V, 294) u. s. w.
4. Versuch einer Aufstellung von erotischen Individualitäten.
Sehr bemerkenswert in psychiatrischer und anthropologischer Beziehung ist der Versuch des Marquis de Sade, die einzelnen Neigungen der Personen in seinen Romanen aus ihrer körperlichen Beschaffenheit abzuleiten. Als Beispiel geben wir die Schilderung des Geschwisterpaares Rodin und Coelestine.
„Rodin war ein Mann von 36 Jahren, brünett, mit dichten Augenbrauen, lebhaftem Auge, heroischer Miene, hohem Wuchs. Sein ganzes Wesen atmete Gesundheit, aber gleichzeitig Wollust. Membrum erectum valde durum erat.“ (Justine I, 252.)
Noch interessanter ist die Beschreibung des Mannweibes Coelestine. „Coelestine, die 30jährige Schwester Rodin’s, war gross, mager, wohl gewachsen, hatte die ausdrucksvollsten Augen und die allersinnlichste Physiognomie. Sie war brünett, sehr behaart, hatte clitoridem perlongam, anum virilem, wenig Busen, ein leidenschaftliches Temperament, viel Boshaftigkeit und Wollust. Sie besass „tous les goûts‘, besonders die Vorliebe für Frauen und gab sich den Männer nur als Pathica hin“. (Justine I, 253.)
Wie man sieht, schildert der Marquis de Sade die Coelestine als sehr behaart. Genau dieselbe Eigenschaft legt Tardieu den erotisch besonders stark veranlagten Frauen bei. Auch er spricht von einer „abondance du système pileux“, ferner von dem besonderen Glanze der Augen, dem wollüstigen Blicke (flamme brûlante du regard), den dicken roten Lippen und einer auffälligen starken Entwickelung der Brüste und Geschlechtsteile. Der von Satyriasis ergriffene Mann zeichnet sich nach Tardieu durch einen starren, gierigen Blick aus, hat blutunterlaufene Augen, einen wollüstigen Mund, blasse Gesichtsfarbe, indecente Manieren und nimmt eine herausfordernde Haltung an.[620]
5. Sorgfalt im Arrangement obscöner Gruppen.
Da an den Orgien in den Romanen des Marquis de Sade stets zahlreiche Personen teilnehmen, so erwächst den Leitern derselben eine besondere Aufgabe und auch ein sexueller Genuss daraus, jeder einzelnen Person ihre Rolle vorzuschreiben, die von ihr einzunehmende Stellung und die auszuführenden sexuellen Handlungen vorherzubestimmen. Delbène sagt: Bringen wir ein wenig Ordnung in unsere Vergnügungen. Man geniesst dieselben besser, indem man sie vorher fixirt (Juliette I, 6). Auch die Tribade Zanetti ist sehr erfahren in der Bildung solcher obscöner Gruppen (Juliette VI, 160). In der „Philosophie dans le Boudoir“, diesem Lehrbuche des Sexualgenusses, werden natürlich der Schülerin Eugenie von Madame St.-Ange und insbesondere von Dolmancé diese Arrangements ausführlich eröffnet. Madame de St.-Ange führt dann Eugenie in eine Nische, deren Wände aus Spiegelglas bestehen und die „die verschiedenen Stellungen tausendfach wiederholen und so die eigenen Genüsse den Augen der auf einer Ottomane sich ihnen Hingebenden recht deutlich machen, da kein Körperteil auf diese Weise verborgen bleibt. So erblicken die Liebenden lauter ähnliche Gruppen und Nachahmer ihrer eigenen Vergnügungen, lauter wunderbare Gemälde, der Wollust.“ (Philosophie dans le Boudoir I, 40.) Ein ganz besonderes Stück ist die „Cavalcade“, welche der lebenslustige Mönch Clément in der „Justine“ ausführen lässt. Dabei dienen zwei auf allen Vieren kriechende Mädchen als Pferde. (Justine II, 201.) Aehnliche obscöne Arrangements kehren fast auf jeder Seite der „Justine“ und „Juliette“ wieder.
6. Das Mysterium des Lasters.
Delbène sagt: Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das einzige Glück unseres Lebens sind (Juliette I, 25). Man muss sie nur mit einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird. Dieses Mysterium ist zugleich ein besonderer Reiz. Juliette wundert sich über das Schweigen und die Ruhe bei der grossen Orgie in der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ und zieht daraus den Schluss, dass der Mensch nichts in der Welt so sehr achte, wie seine Leidenschaften. (Jul. III, 53.) Darum finden alle Orgien an dunklen, abgelegenen Orten statt, in einsamen Schlössern, in Höhlen, unterirdischen Gewölben, im Walde, im Gebirge, am und auf dem Meere, in Folterkammern und Hinrichtungssälen. Daher wird der Anthropophage Minski zum „Einsiedler der Apenninen“, der in einem wohlbefestigten Hause auf der Insel eines Teiches lebt (Juliette III, 313). Für Dolmancé giebt es gewisse Dinge, die „absolut des Schleiers bedürfen“ und die er selbst vor den Augen der würdigen Madame St.-Ange verbirgt (Philosophie dans le Boudoir II, 153).
7. Die Lüge als Begleiterin sexueller Perversion.
Die Lüge ist zu allen Zeiten die stete Begleiterin der Prostitution und der geschlechtlichen Ausschweifungen jeder Art gewesen. Man darf mit Recht behaupten, dass jeder Wollüstige ein Lügner ist, und dass man sich auf die Angaben eines Wüstlings niemals verlassen darf. „Die Sucht zu lügen, sagt Parent-Duchatelet, ist bei den öffentlichen Mädchen allgemein und ein Kind der immer falschen Stellung, des peinlichen Zustandes, worin sie leben, der Meinung, die man, wie sie wissen, von ihnen hegt... Man muss daher bei Benutzung ihrer Aussagen sehr vorsichtig sein“.[621] Ein anderer ausgezeichneter Kenner der Prostitution äussert sich noch schärfer: „Die Prostituierte lügt aus Hang zur Lüge, und zwar nicht nur bei vollkommen gleichgiltigen Dingen, nach denen sie gefragt wird, sie lügt selbst dort, wo es leicht ist, sie der Unwahrheit zu überführen, sie lügt ohne Rücksicht darauf, ob sie Jemandem dadurch Schaden zufügt, ja sie thut es unter Umständen selbst zu ihrem eigenen Nachteil“.[622]
Fast alle Helden und Heldinnen der Sade’schen Romane lügen. Die Lüge ist als eine Bedingung der Aufnahme in den Club der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ vorgeschrieben, und es wird denn auch bei der grossen Orgie dieses Clubs furchtbar gelogen (Juliette III, 59). Allen diesen Wüstlingen gewährt die Lüge sogar einen sexuellen Genuss. Zwar rühmt sich Dolmancé seiner Wahrheitsliebe, die aber mit Recht sofort von der des Lasters der Lüge überaus kundigen Madame St.-Ange bezweifelt wird, worauf Dolmancé lustig erwidert: „Ja wohl, ein wenig falsch und lügenhaft! Das muss doch in der heutigen Gesellschaft sein, in der man mit Leuten zusammen lebt, die uns ihre Laster verbergen und nur ihre Tugenden zeigen. Es wäre gefährlich, freimütig zu sein. Denn dann würde man ihnen gegenüber im Nachteil sein. Die Heuchelei und die Lüge sind uns von der Gesellschaft auferlegt worden. Niemand ist so verderbt wie ich. Und doch halten mich alle für anständig“. (Philosophie dans le Boudoir II, S. 7–8.) Die Delmonse proklamiert ebenfalls die Lüge als die Beschützerin der Wollust (Justine I, 28–29).
8. Sade’s Ansicht über die Natur der sexuellen Entartung.
Die Mehrzahl der von Sade geschilderten sexuell perversen Persönlichkeiten fröhnt diesen Lastern aus Angewöhnung; die meisten Lüstlinge sind erst allmählig durch Erfahrung und aus Raffinement zu diesen verschiedenen Arten unnatürlicher Wollust gekommen. Auch ist ja die Tendenz der ganzen „Philosophie dans le Boudoir“ darauf gerichtet, die junge Eugenie allmählig mit allen Lastern, auch den conträrsexualen Genüssen bekannt zu machen, und Sade schildert mit richtiger Erkenntnis, wie diese Novize der Wollust alle Lehren begierig in sich aufnimmt und praktisch nachahmt. Dolmancé sagt, dass die Einbildungskraft der Stachel des Vergnügens sei und immer neue Arten der geschlechtlichen Befriedigung erfinde. (Phil. dans le Boud. I, 104.) Und nach Madame St.-Ange ist die Einbildungskraft die „capricieuse portière de notre esprit“, Feindin aller Regel, Anbeterin der Unordnung (ib. S. 105). Nach der sehr gelehrigen Eugenie muss man der Imagination freien Lauf lassen in Bezug auf die unnatürlichen Dinge. Dann vergrössert sich der Genuss nach dem Massstabe des „Weges, den der Kopf gemacht hat“ (ib. S. 109). Sehr drastisch schildert Dolmancé, wie die jungen Mädchen zuerst Widerwillen gegen die Paedicatio empfinden, dann immer mehr Geschmack daran bekommen und schliesslich diese Art der sexuellen Befriedigung allen anderen vorziehen (ib. S. 131). Dolmancé selbst, dieser cynische Apostel der Paederastie, bekennt sehr freimütig den Grund, weshalb er Paedico geworden ist. Dieser Grund ist, wie wir schon früher sahen, ein rein — anatomischer (ib. S. 176). Der Chemiker Almani, ein Zoophile, ist durch das „Studium der Natur“ ein sexuell Perverser geworden (Justine III, 67).
Nur an zwei Stellen haben wir eine Andeutung der hereditären Natur der conträren Sexualempfindung gefunden. Clément erklärt, dass die sexuelle Perversion des Menschen eine Funktion seiner Organe sei. Daher ist der sexuell perverse Mensch ein Kranker, er ist „wie eine hysterische Frau.“ Man kann ihn ebenso wenig bestrafen, wie man einen anderen Kranken bestraft. Denn er ist nicht Herr seiner selbst. Er ist zu beklagen, aber nicht zu tadeln. Und wenn die Anatomie noch mehr vervollkommnet sein wird, wird man leicht den Zusammenhang zwischen der Organisation des Menschen und den Leidenschaften nachweisen. Was wird aus den Gesetzen, der Moral, der Religion, dem Galgen, dem Paradiese, den Göttern und der Hölle werden, wenn man gezeigt haben wird, dass ein bestimmter Lauf einer Flüssigkeit, eine bestimmte Art von Fasern, ein bestimmter Grad von „Schärfe“ im Blute oder den tierischen Geistern genügen, um aus einem Menschen ein Objekt der Strafe und Belohnung zu machen. (Justine II, 212–213.) Ebenso meint Bressac, dass der Pathicus von Natur ein Anderer sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für angeboren und Folge einer „ganz verschiedenen Struktur“. Es wäre eine Dummheit, sie zu bestrafen (Justine I, 162 bis 164).
9. Unsere Definition des Sadismus.
Wir fassen den Begriff „Sadismus“ bedeutend weiter, als dies bisher geschehen ist. Sehen wir uns also zunächst die Definitionen desselben bei anderen Autoren an.
Lacassagne erklärt den Sadismus für einen „Geisteszustand“, bei welchem der Sexualtrieb erregt oder befriedigt wird unter dem Einflusse des Zerstörungstriebes.[623]
Nach R. v. Krafft-Ebing ist der Sadismus jene Form der Perversion der Vita sexualis, bei welcher die Person einen sexuellen Genuss darin findet, Anderen Schmerz zuzufügen und auf Andere Gewalt auszuüben. Er stellt dem Sadismus den Masochismus (nach dem Schriftsteller Sacher-Masoch) gegenüber, die mit Wollust betonte Vorstellung, von einem Anderen herrisch behandelt, gedemütigt und misshandelt zu werden.[624] Er betrachtet Masochismus und Sadismus als die „Grundformen psychosexualer Perversion, die auf dem ganzen Gebiete der Verirrungen des Geschlechtstriebes an den verschiedensten Stellen zu Tage treten können.“[625]
Demgegenüber macht v. Schrenck-Notzing geltend, dass zunächst der Unterschied der aktiven und passiven Rolle in den Romanen des Marquis de Sade und von Sacher-Masoch nicht so scharf durchgeführt sei, wie dies v. Krafft-Ebing annimmt. Zudem kämen beide Formen der Perversion oft bei demselben Individuum vor. Er ordnete also beide Begriffe einem einzigen höheren Begriffe, der Algolagnie (von ἄλγος = Schmerz und λάγνος = geschlechtlich erregt) und bezeichnet den Sadismus als aktive Algolagnie, den Masochismus als passive Algolagnie. Es giebt aber nach diesem Autor noch andere Formen der Algolagnie: die onanistische Algolagnie (Selbstverstümmelung, Autoflagellantismus), die visuelle Algolagnie (geschlechtliche Erregung beim Anblick von Prügelszenen), zoophile und bestiale Algolagnie, nekrophile Algolagnie, endlich die ideelle oder symbolische Algolagnie, bei welcher „der Schmerz ohne jede Nebenbedeutung und phantastische Ausschmückung um seiner selbst willen eine Rolle spielt, ohne Rücksicht auf aktive oder passive Bethätigung.“[626]
Thoinot giebt folgende Definition des Sadismus: „Sadismus ist die Perversion des Sexuallebens, bei welcher der Betreffende sexuellen Genuss darin findet, Schmerzen von sehr verschiedenen Graden einem Anderen zuzufügen, sei es, dass er selbst sie zufügt, oder zufügen lässt oder, ohne dass er der Urheber derselben ist, dabei zuschaut. Diese leidende Person muss immer ein menschliches Wesen sein.“[627]
Thoinot und von Schrenck-Notzing stimmen darin überein, dass die Verbindung von Grausamkeit und Wollust der höhere Begriff ist, dem die anderen untergeordnet werden müssen, dass also der Masochismus nicht etwas Besonderes neben dem Sadismus darstellt, sondern wie dieser eine Form der Algolagnie ist. Unzweifelhaft hat aber Thoinot Unrecht, dass er den Begriff Sadismus (welches Wort er für Algolagnie setzt) nur menschlichen Wesen gegenüber angewendet wissen will.
A. Eulenburg hat wohl noch vor von Schrenck-Notzing darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff der Algolagnie, den er durch die Worte Lagnänomanie (= Sadismus) und Machlänomanie (= Masochismus) ersetzt, sehr viele Ab- und Unterarten umfasst. Auch er betont, dass „sich das nämliche Individuum abwechselnd aktiv und passiv verhalten, und aus Beidem geschlechtliche Erregung und Befriedigung schöpfen kann.“ Ferner erinnert Eulenburg an die Mittelformen, wobei „das Individuum zum Behufe geschlechtlicher Erregung weder selbst gewaltsame Handlungen vornimmt noch solche erduldet — wohl aber dergleichen von Anderen provociert, sie mit ansieht und durch den Anblick, oder unter Umständen schon durch die blosse Vorstellung des Anblicks in die gewünschte Befriedigung versetzt wird.“ Also eine Art von ideeller oder illusionärer Lagnänomanie und Machlänomanie. Ferner ist die Begehung grausamer Akte gegen Tiere in Betracht zu ziehen. Schliesslich erklärt Eulenburg das Beobachtungsmaterial für „noch bei Weitem nicht abgeschlossen“.[628]
Es handelt sich nun unseres Erachtens darum, eine allgemeine und für alle Fälle zutreffende Definition des Sadismus zu finden, die kurz und prägnant den Grundton der Sade’schen Werke ausdrückt und unter die sich alle Formen der passiven und aktiven Algolagnie der Zoo- und Nekrophilie, der symbolischen Algolagnie u. s. w. unterordnen lassen. Bedenkt man, dass in den Werken des Marquis de Sade auch alle wirklichen und ideellen destruktiven Vorgänge in der lebenden und toten Natur als Ursachen sexueller Erregung und Befriedigung betrachtet werden, wie Mord, Folter, Nekrophilie, Zoophilie, aber auch Ausbrüche von Vulkanen, Schiffbrüche, Feuersbrünste, Diebstähle u. s. w., so wird man den typischen Sadismus folgendermassen definieren:
Der Sadismus ist die absichtlich gesuchte oder zufällig dargebotene Verbindung der geschlechtlichen Erregung und des Geschlechtsgenusses mit dem wirklichen oder auch nur symbolischen (ideellen, illusionären) Eintreten furchtbarer und erschreckender Ereignisse, destruktiver Vorgänge und Handlungen, welche Leben, Gesundheit und Eigentum des Menschen und der übrigen lebenden Wesen bedrohen oder vernichten und die Continuität toter Gegenstände bedrohen und aufheben, wobei der aus diesen Vorgängen einen geschlechtlichen Genuss schöpfende Mensch selbst ihr direkter Urheber sein kann, oder sie durch Andere herbeiführen lässt, oder blosser Zuschauer bei denselben ist, oder endlich freiwillig oder unfreiwillig ein Angriffsobjekt dieser Vorgänge ist.
Uns scheint, dass diese Definition dem Wortsadismus ebenso gerecht wird wie dem Lustmorde, der Folter und der Freude an zerstörenden Ereignissen.
10. Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben und seinen Schriften.
Die wichtigste Frage ist die: War der Marquis de Sade geisteskrank oder nicht?
Heute, wo die hereditäre und krankhafte Natur der sogenannten conträren Sexualempfindung so sehr betont und energisch die Aufhebung des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches verlangt wird, ist man nur zu leicht geneigt, jede schwerere sexuelle Perversion als Zeichen einer Geisteskrankheit zu deuten. Demgegenüber betonen wir als unsere feste, aus kulturhistorischen Studien und Erfahrungen des modernen Lebens geschöpfte Ueberzeugung, dass wir die Mehrzahl der sexuellen perversen Personen für geistig gesund halten und ihre Perversion auf Verführung und geschlechtliche Ueberreizung zurückführen. Die Anschauungen v. Krafft-Ebing’s, der die hereditäre Natur vieler sexueller Perversionen vertritt, werden gegenüber den durchaus berechtigten Ausführungen v. Schrenck-Notzing’s, der die Erziehung, occasionelle Momente, wie Verführung u. dgl. m. verantwortlich macht, immer mehr an Boden verlieren, wie weitere Studien erweisen werden. Selbst von Krafft-Ebing sagt einmal (Arch. f. Psychiatrie Bd. VII, S. 304): „Wer Tardieus bekannte Studie, Caspers gerichtsärztliche Werke, Legrand du Saulles Mitteilungen in den Annales médico-psychologiques, März 1876, gelesen hat, wird zugeben müssen, dass die greulichsten geschlechtlichen Verirrungen mit geistiger Gesundheit verträglich sind.“ Es geht daraus, wie Moll richtig bemerkt, hervor, dass Krafft-Ebing selbst die greulichsten geschlechtlichen Perversitäten an sich nicht als Beweis einer Geisteskrankheit ansieht.[629]
Was speziell den Sadismus betrifft, so bemerkt auch Eulenburg, ein Anhänger der Aufhebung des § 175, dass „bei weitem nicht alle, namentlich aktiven Algolagnisten als geisteskrank im engeren Sinne zu betrachten seien. Gewiss sind es die ‚schweren‘ und ‚schwersten‘ unter ihnen, die eigentlichen sexualen Verbrecher, Lustmörder u. s. w. wohl ausnahmslos, obgleich man auch von ihnen mehrere als geistesgesund hingerichtet hat (was ich übrigens nicht als ein Unglück, noch weniger als einen Justizmord ansehen möchte).“[630]
Ueber den Geisteszustand des Marquis de Sade, der bekanntlich von Royer-Collard für gesund erklärt wurde, haben sich in diesem Jahre zwei Aerzte geäussert, Dr. Marciat in Lyon und Professor A. Eulenburg in Berlin. Der letztere hervorragende Neurologe hat ohne Zweifel das eingehendere und scharfsinnigere Gutachten über Sade geliefert. Er kommt zu dem Schlusse, dass „auch die Irrenärzte unserer Zeit der Mehrzahl nach sich kaum in der Lage befunden haben würden, de Sade vor dem Strafrichter für geisteskrank und ‚der freien Willensbestimmung beraubt‘ zu erklären und ihn der unzweifelhaften gerichtlichen Verurteilung damit zu entziehen.“[631] Marciat kommt zu einem ähnlichen Resultat. Der Marquis de Sade war „nicht geisteskrank im genauen Sinne des Wortes“. Höchstens könnte man an moral insanity denken, aber nur im Hinblick auf die Hauptwerke. Aber „man muss sich erinnern, dass Mirabeau, Musset und viele Andere auch sehr schlüpfrige Bücher veröffentlicht haben.“[632]
Die Annahme einer „moral insanity“ (folie morale), die Marciat eventuell zulassen würde, hat Eulenburg (a. a. O. S. 514) bereits zurückgewiesen, da es eine Form der Seelenstörung, die sich „lediglich durch eine krankhafte Umwandlung, eine Perversion der natürlichen sittlichen Antriebe und Gefühle und durch eine daraus entspringende Neigung zu unsittlichen Handlungen, ohne sonstige Störungen der Intelligenz charakterisierte“, nicht giebt, vielmehr „immer und überall die auf angeborener Anlage beruhende Abschwächung der Intelligenz neben der Gefühlsstörung hervortritt und dass es sich demnach um Fälle angeborenen Schwachsinns, meist auf degenerativer Grundlage handelt“ (a. a. O. S. 514).
Wir glauben, dass speziell bei Sade jene Form der Entartung in Betracht kommen könnte, welche Kraepelin als „impulsives Irresein“ bezeichnet. Es sind „alle jene Formen des Entartungsirreseins, denen die Entwickelung krankhafter Neigungen und Triebe eigentümlich ist.“ Dieselben können entweder dauernd den Willen beherrschen oder nur zeitweise, in einzelnen Anwandlungen, hervortreten. Der Kranke handelt dabei ohne klaren Beweggrund. So tragen seine Willensäusserungen vielfach den Stempel des Unvorbedachten und Zwecklosen, Widersinnigen. Gerade auf dem Gebiete des impulsiven Irreseins „tritt uns am deutlichsten die häufige Verbindung krankhafter Antriebe mit dem Geschlechtstriebe entgegen.“ Die geistige Begabung braucht keine schärfer hervortretenden Störungen aufzuweisen. Doch ist in schweren Fällen meist Schwachsinn vorhanden. In allen Fällen findet sich eine gewisse Beschränktheit, Zerfahrenheit, Verschwommenheit, eine haltlose Schwäche des Charakters, kindischer Eigensinn, Menschenscheu, Roheit. Das impulsive Irresein tritt besonders in den Entwickelungsjahren hervor und zeitigt auch später meist periodische Krankheitserscheinungen. Man soll aber nach Kraepelin das Bestehen des impulsiven Irreseins nur dort annehmen, wo wirklich der triebartige Ursprung des Handelns ohne klares vernünftiges Ziel hervortritt und wo auch im übrigen Bereiche des Seelenlebens die Anzeichen einer krankhaften Veranlagung erkennbar sind. Kraepelin lässt die Möglichkeit zu, dass plötzliche Antriebe von unbezwinglicher Stärke im Zustande geistiger Gesundheit bei den „heissblütigen Völkern des Südens“ häufiger sind als bei uns, und daher die „forza irresistibile“ des italienischen und spanischen Gesetzbuches vielleicht eine Berechtigung habe.[633]
Nach diesen orientierenden Vorbemerkungen gehen wir daran, das Leben und die Werke des Marquis de Sade mit der Absicht zu untersuchen, daraus Schlüsse auf seinen Geisteszustand zu ziehen. Wir können nur wenige sichere Anhaltspunkte aus seinem Leben verwerten.
1. Sade war ein Provenzale und besass als solcher das südlich heisse Blut und die Leidenschaftlichkeit seiner Landsleute.
2. In Beziehung auf die Heredität ist wenig nachweisbar. Doch ist wahrscheinlich, dass Sade die Neigung zum galanten Leben und zur Schriftstellerei von seinem Oheim geerbt hat. Wie wir jetzt wissen, schrieb de Sade schon mit 23 Jahren ein obscönes Buch. Es geschah dies nach der Rückkehr aus dem Kriege.
3. Ueber Sade’s Leben in der Kindheit liegen keine verlässlichen Beobachtungen vor.
4. Bemerkenswert ist, dass Sade mit 17 Jahren, also im Beginn der Pubertät, in den Krieg zog und sechs Jahre lang fern von Haus und Familie weilte. Es ist mit Sicherheit festgestellt, dass während der Kriegszeit unter dem Einflusse der unerhörten sittlichen Corruption in der französischen Armee auch die Ausschweifungen des Marquis de Sade ihren Anfang nahmen.
5. Die unglückliche Ehe spielt nicht die Rolle im Leben Sade’s, welche Marciat ihr zuschreibt.
6. Es ist jetzt genau festgestellt, dass der Marquis de Sade bei den beiden grossen Skandalaffären seine Opfer nicht erheblich verletzt oder gar getötet hat.
7. Es ist sicher, dass der langjährige Aufenthalt im Gefängnisse eine körperliche und psychische Schädigung auf Sade ausgeübt hat. (S. oben S. 324.)
8. Dass Sade eine starke geschlechtliche Erregbarkeit besass, geht aus der Beobachtung des Freundes von Brierre de Boismont hervor.
9. Sehr bemerkenswert erscheinen einige geistige Eigentümlichkeiten, die während des Gefängnislebens Sades’s hervortreten: das Misstrauen, die Lügenhaftigkeit, die wilden Zornesausbrüche bei den Besuchen seiner Frau.
10. Nach dem Austritt aus dem Gefängnisse scheint der Marquis de Sade solche Eigenschaften weniger gezeigt zu haben und sogar durch die Rettung seiner Schwiegereltern zu bekunden, dass sein sittliches Gefühl nicht ganz erstorben war.
Betrachten wir nunmehr die Werke des Marquis de Sade, so ergiebt sich Folgendes:
11. Erstaunlich und schon von Eulenburg hervorgehoben ist der blosse Umfang der Hauptwerke und das „Mass der damit geleisteten geistigen und der rein mechanischen Arbeit.“
12. Die überaus zahlreichen, geschickt aneinander geknüpften Details, die raffiniert durchgeführte allmähliche Steigerung und fast nie versagende Treue der Erinnerung und Rückbeziehung zeugen von einer grossen geistigen Kraft.
13. Die Verschiedenheit der Schriften lässt deutlich den Einfluss der Zeit und des Milieu erkennen.
14. Mit Recht haben Michelet und nach ihm Taine („Les origines de la France contemporaine“, Paris 1885, Bd. III, S. 307) den Marquis de Sade als den „Professeur du crime“ bezeichnet. Er ist der Theoretiker des Lasters, insofern er nach eigener Lektüre und Beobachtung alle geschichtlich nachweisbaren und zu seiner Zeit sich ereignenden Anomalien des Geschlechtslebens in seinen Hauptwerken mit unleugbarem Scharfsinn beschrieben und zusammengestellt hat. Was R. v. Krafft-Ebing in Form einer wissenschaftlichen Monographie gethan hat, das hat schon hundert Jahre früher der Marquis de Sade in Form eines Romans geleistet.
15. Hierdurch gewinnen seine Hauptwerke einen kulturhistorischen und zeitgeschichtlichen Wert, indem sie alle Phasen, Nüancen und Eigentümlichkeiten des französischen Geschlechtslebens im Frankreich des ancien régime und der grossen Revolution, erkennen lassen, wie wir im ersten Teile dieses Werkes nachgewiesen haben.
16. Die von Sade vorgetragene Theorie des Lasters ist ein Produkt der Revolution und findet in dieser zahlreiche Analogien.
17. In Werken, die früher und später fallen als „Justine et Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“, hat Sade durchaus moralische Ansichten entwickelt.
18. Auch in den berüchtigten Hauptwerken finden sich zahlreiche Andeutungen, dass Sade in ihnen vorzüglich Tendenzschriften gegen das ancien régime erblickte.
19. Es darf daher nicht ohne weiteres aus dem Inhalt dieser Schriften auf den Charakter des Verfassers geschlossen werden, zumal da häufig genug das Verbrechen als Laster gebrandmarkt wird und auch andere scheinbare Inkonsequenzen — beruhigende Wirkung des Gebets (Justine I, 141 ff.), Glaube an Unsterblichkeit (Juliette II, 287), Ueberdruss an Ausschweifungen (Juliette III, 283–284) — vorkommen.
20. Sade zeigt in allen Werken eine ausgebreitete Belesenheit in der zeitgenössischen philosophischen und wissenschaftlichen Litteratur.
21. Als philosophischer Denker ist er jedoch mehr als mittelmässig. Seine Philosophie ist eklektischer Mischmasch. Seine Beweisführung besteht aus sinnlosen Tautologien und noch sinnloseren Anticipationen.
Nach diesen Ausführungen lautet unser Urteil: Der Marquis de Sade war nicht geisteskrank. Er war eine vielleicht durch Heredität neuropathische Persönlichkeit, die, inmitten eines verhängnisvollen Milieu, frühzeitig auf die Bahn des Lasters geriet und wie so viele Zeitgenossen durch Verführung und Gewöhnung sexuell pervers wurde, deren hohe geistige Begabung zweifellos durch eine langjährige Gefängnishaft eminent geschädigt wurde, so dass besonders in den philosophischen Deduktionen seiner Hauptwerke ein gewisser Grad von geistiger Schwäche deutlich hervortritt, während dies in den realen Schilderungen, die mit unleugbarer Beobachtungsgabe ein Gemälde der Zeit entwerfen, viel weniger sichtbar ist. Wir haben im ersten Teile den engen Zusammenhang des Inhalts von Sade’s berüchtigten Hauptwerken mit der Kultur seines Zeitalters zur Genüge nachgewiesen. Die grosse Kluft, die zwischen Sade als Persönlichkeit und Sade als Schriftsteller liegt, wird dadurch zum Teil überbrückt. Um die Brücke ganz herzustellen, genügt es, daran zu erinnern, dass die Einbildungskraft sexuell perverser Personen fast stets ungeheuerliche Blüten treibt. „Zahlreiche Patienten dieser Art, Conträrsexuale, Masturbanten und besonders Algolagnisten wurden enttäuscht, sobald sie die Produkte ihrer Einbildungskraft zu realisieren versuchten. Sie erleben sozusagen in ihren traumhaften Schwärmereien sexuelle Orgien, und werden durch die Wirklichkeit ernüchtert.“[634] Da es nicht erwiesen ist, dass der Marquis de Sade die Thaten eines Gilles de Retz, mit dem wir ihn als Menschen nicht so ohne weiteres vergleichen möchten, wie Eulenburg dies thut, oder diejenigen eines Charolais ausgeführt hat, so muss vorläufig die hier gegebene Erklärung des geistigen Zustandes Sade’s, die sich im ganzen mit der Eulenburg’schen deckt, als die einzige mögliche angesehen werden, da wir die allerdings verdächtigen plötzlichen Zornesausbrüche als Ausfluss jener oben erwähnten „forza irresistibile“ betrachten, und die Periodicität der Erscheinungen, die an das wirkliche Vorhandensein eines impulsiven Irreseins denken lassen könnte, doch zu wenig ausgesprochen ist.[635]