I. Das Zeitalter des Marquis de Sade. (continued 4)
Reading edition
Madame du Hausset erzählt in ihren Memoiren, dass man sogar während der Hinrichtung spielte.[406] Ja, man that noch Schlimmeres. Casanova, der einer von den Ausländern war, welche der Execution beiwohnten, berichtet über eine Szene, welche eine schauerliche Illustration zu der Lehre Sade’s ist, dass die Qualen eines Anderen die eigne Wollust aufstacheln. Casanova erzählt: „Am 28. März, dem Tage des Märtyrertums von Damiens, holte ich die Damen schon früh bei der Lambertini ab, und da der Wagen uns kaum fassen konnte, nahm ich ohne Schwierigkeit meine reizende Freundin auf den Schoss und wir begaben uns so nach dem Grèveplatze. Die drei Damen drängten sich zusammen, so viel sie vermochten und nahmen die erste Reihe an dem Fenster ein; sie bückten sich dabei und stützten sich auf die Arme, um uns nicht zu verhindern, über ihre Köpfe hinwegzusehen. Das Fenster hatte drei Stufen oder Tritte, und die Damen standen auf dem zweiten. Um über sie wegsehen zu können, mussten wir uns auf dieselbe Stufe stellen; denn auf dar ersten würden wir sie überragt haben. Nicht ohne Grund gebe ich meinen Lesern diese näheren Umstände an. Denn sonst würde es schwer sein, die Details zu erraten, die ich ihnen verschweigen muss.
„Wir besassen die Ausdauer, vier Stunden bei diesem abscheulichen Schauspiel zu verharren. Die Hinrichtung des Damiens ist zu bekannt, als dass ich davon zu sprechen brauchte; zunächst, weil die Schilderung zu lang sein würde, und dann, weil solche Greuelthaten die Natur empören. Während der Hinrichtung dieses Opfers der Jesuiten[407] musste ich die Augen abwenden und mir die Ohren zuhalten, wenn ich das herzzerreissende Geschrei hörte, als er nur noch seinen halben Körper hatte; aber die Lambertini und die dicke Alte machten nicht die geringste Bewegung; war das eine Wirkung der Grausamkeit ihres Herzens? Ich musste mich stellen, als glaubte ich ihnen, indem sie mir sagten, der Abscheu den ihnen das Attentat dieses Ungeheuers einflösste, hätte sie gehindert, das Mitleid zu fühlen, welches notwendiger Weise der Anblick der unerhörten Qualen, denen man ihn unterwarf, erregen musste. Die Thatsache ist, dass Tiretta die fromme Alte während der Zeit der Hinrichtung auf eine eigentümliche Weise beschäftigt hielt. Vielleicht war das auch die Ursache, dass diese tugendhafte Dame keine Bewegung machte und auch den Kopf nicht umdrehte. Da er sehr nahe hinter ihr stand, hatte er die Vorsicht gebraucht, ihr Kleid in die Höhe zu schlagen, um nicht die Füsse darauf zu setzen. Das war ohne Zweifel in der Ordnung; allein als ich eine unwillkürliche Bewegung nach der Seite machte, bemerkte ich, dass Tiretta die Vorsicht zu weit getrieben hatte.“[408]
Jeder Commentar zu der Erzählung Casanova’s ist überflüssig. Dass es sich nicht um einen momentanen Anfall von Satyriasis gehandelt, sondern um eine die einzelnen Phasen der grauenvollen Hinrichtung begleitende und durch sie hervorgerufene wollüstige Ekstase, geht mit aller Evidenz daraus hervor, dass diese scheusslichen sexuellen Manöver zwei Stunden lang dauerten, wie Casanova ausdrücklich hervorhebt.[409] „Die Handlung wurde wiederholt und ohne einen Widerstand.“
Dass Ludwig XV. den Gesandten mit grossem Behagen alle Einzelheiten dieser Execution mitteilte, wird nicht Wunder nehmen.[410] Auch die Hinrichtung des Giftmischers Desrues, der am 6. Mai 1772 gerädert und dann noch lebend verbrannt wurde, lockte eine grosse Zuschauermenge an, „spectateurs distingués ont désiré jouir de cet épouvantable spectacle“, und die Zimmer auf dem Grèveplatze wurden „sehr teuer vermietet.“[411]
Die Revolution fand also ein auf Hinrichtungen wohl dressiertes Publikum vor. Wir betonen nochmals, dass Sade alle Greuel der Schreckenszeit mit erlebt hat, da er 1790 freigelassen wurde und nur von Dezember 1793 bis zum 10. Thermidor (28. Juli) 1794 wieder im Gefängnis sass. Gleich die ersten Vorläufer der Septembermorde, die Erstürmung der Bastille (14. Juli 1789), der Zug nach Versailles (5. Oktober 1789), die blutigen Ereignisse in Avignon in den Jahren 1790 und 1791, lassen erkennen, welche Rolle die Frauen bei den Hinrichtungen und Morden spielen würden, und dass keineswegs den französischen Frauen des Volkes der Blutdurst und die Grausamkeit eigentümlich war. In Avignon war der Streit zwischen den päpstlichen Aristokraten und dem patriotischen Volke aufs heftigste entbrannt. Schon Anfang 1790 forderte der „päpstliche Galgen“ seine Opfer, um bald nach Ankunft des berüchtigten Jourdan von dem „patriotischen“ Galgen abgelöst zu werden. Am 14. September 1791 wurde Avignon dem französischen Reich einverleibt und eine Regierung von „sechs leitenden Patrioten“ eingesetzt. Am 16. Oktober 1791 begab sich einer derselben, l’Escuyer in die Cordelierskirche, um dort die Päpstlichen zusammen zu treffen und „ein Wort der Ermahnung zu ihnen zu sprechen“. Die Antwort darauf war „ein kreischendes Geheul der aristokratisch-päpstlichen Andächtigen, worunter viele Weiber waren. Ein tausendstimmiges drohendes Geschrei, das, da l’Escuyer nicht floh, zum tausendhändigen Drängen und Stossen wurde, zum tausendfüssigen Treten, mit Niederfallen und Getretenwerden, mit dem Stechen von Nadeln, Scheren und anderen weiblichen zugespitzten Instrumenten. Grässlich zu sehen, wo rund herum die alten Toten und Petrarcas Laura schlafen, der Hochaltar und brennende Kerzen und die Jungfrau darauf herniederblicken; die Jungfrau ganz ohne Thränen und von der natürlichen Farbe des Steins. — l’Escuyers Freunde stürzen wie Hiobsboten zu Jourdan und der Nationalmacht. Aber der schwerfällige Jourdan will sich vorerst der Stadtthore bemächtigen, eilt nicht so dreifach schnell, als er könnte, und als man in der Cordelierskirche anlangte, ist sie still und leer; l’Escuyer, ganz allein, liegt da am Fusse des Hochaltars, in seinem Blute schwimmend, von Scheren zerstochen, unter die Füsse getreten, massakriert. Seufzt noch einmal dumpf und haucht sein elendes Leben für immer aus.“[412] Nun folgte das schreckliche Strafgericht, welches unter dem Namen des „Eisturms“ von Avignon für immer einen traurigen Ruhm erlangt hat. Männliche und weibliche Aristokraten wurden ins Schloss geschleppt und in unterirdische Kerker am Rhonefluss geworfen. Neben diesen Verliessen befand sich die „Glacière“ (auch „Trouillas“ oder „Pressoir“ genannt), der berüchtigte „Eisturm“, ein „lieu de mort, lieu de supplice“, die grosse Totenkammer, in welche früher die Opfer der Inquisition lebend hinabgeworfen wurden, mitten unter Skelette, wo man sie verhungern liess. Wieder sah dieser entsetzliche „Eisturm“ Thaten, „für die die Sprache keine Namen besitzt.“ — Undurchdringliches Dunkel und Schatten entsetzlicher Grausamkeit umhüllen diese Schlosskerker, diesen Glacièreturm. Nur dies ist klar, dass viele eintraten, wenige zurückgekehrt sind. Als am 15. Novbr. 1791 der General Choisi in Avignon einrückte und Jourdan absetzte, da fand man im Eisturme „hundertdreissig Leichname von Männern und Weibern, ja selbst Kindern (denn die zitternde Mutter, hastig hingeschleppt, konnte ihr Kind nicht verlassen) lagen aufgehäuft in jener Glacière, faulend unter Fäulnis, zum Entsetzen aller Welt.“
Unverkennbar hat der Marquis de Sade diesen Eisturm von Avignon, der alten Heimat seines Geschlechtes, diese unterirdischen Gewölbe mit ihren Skeletten in dem von Skeletten erfüllten unterirdischen Gewölbe des Schlosses von Roland geschildert, in welches dieser seine Opfer schleppt. So wird auch Justine in diesen von Toten bewohnten unterirdischen Abgrund hinabgestossen und ihrem Schicksal überlassen (Justine IV, 176, 221).
Nach der Massakrierung der unglücklichen Schweizer am 10. August 1792, von der Carlyle sagt, dass „wenige Fälle in der Geschichte der Blutbäder furchtbarer“ seien, und dass die alte „deutsche Biederkeit und Tapferkeit“ in den für den König todesmutig kämpfenden Schweizern sich wieder gezeigt habe, kam jene Septemberwelt „dunkel, voll Nebel, wie eine Lappländer Hexenmitternacht“; vom Sonntag dem 2. September 1792 nachmittags bis zum Donnerstag, 6. September 1792 abends folgen nacheinander „hundert Stunden, die man der Bartholomäusmordnacht, den Armagnacmetzeleien, der Sicilianischen Vesper oder dem Allerschrecklichsten in den Annalen dieser Welt an die Seite stellen muss. Schrecklich ist die Stunde, ruft Carlyle aus, wenn die Seele des Menschen in ihrem Wahnsinn alle Schranken und Gesetze durchbricht und zeigt, welche Höhlen und Tiefen in ihr liegen! Aus ihrem unterirdischen Kerker sind nun Nacht und Orkus ausgebrochen hier in diesem Paris, wie wir sagten, wie es schon lange prophezeit war; grässlich, verworren, peinlich anzusehen, und doch kann man, ja man sollte wirklich nicht es jemals vergessen“.[413]
Priester, Aristokraten, Schweizer wurden aus den Gefängnissen hervorgeholt und auf der Strasse von der wütenden Volksmenge in Stücke gehauen. Allen voran die rasenden Weiber! „Und es bildet sich ein hoher Haufen von Leichen, und die Gassen strömen von Blut.“ Dazu das Geheul der Mörder mit den schweiss- und bluttriefenden Gesichtern, das noch grausamere Wutgeschrei der Weiber. „Und unter diese Menschen wird nackt ein Mitmensch geschleudert!“ Einer um den andern wurde niedergemacht, die Säbel müssen frisch geschliffen werden, die Mörder erfrischen sich aus Weinkrügen. Fort und fort dauert die Schlächterei, das laute Geheul wurde zum tiefen Knurren. Der Prinzessin Lamballe wird der schöne Kopf mit der Axt gespalten und vom Rumpfe getrennt. Ihr schöner Leib wird in Stücke gehauen, unter „Schändlichkeiten, obscönen Greueln von Schnurrbart — grands-lèvres, die die Menschheit gern für unglaublich hielte“. Schweigen wir über alles Weitere, von Jourgniac’s 38stündiger Todesangst[414], von Matons Erlebnissen vor seiner „Résurrection“[415] und von dem Dritten im Bunde, dem armen Abbé Sicard.[416] Diese drei könnten wir hören in „wunderbarer Trilogie oder dreifachem Selbstgespräch, womit sie gleichzeitig ihre Nachtgedanken, während ihrer schrecklichen Nachtwachen, für uns hörbar machten.“ Die drei könnten wir hören, aber „die anderen Tausendundneunundachtzig, worunter Zweihundertzwei Priester, die ebenfalls ihre Nachtgedanken hatten, bleiben unhörbar für immer in schwarzem Tode erstickt.“[417]
Nunmehr beginnt die Guillotine[418] ihr Werk. Wie sie es gethan hat in den Jahren 93 und 94, darüber möge man das ergreifende Kapitel bei Carlyle nachlesen[419]. Aber über den Schrecken erhoben sich noch die „grands terroristes“, die grossen Schreckensmänner, Gestalten der Hölle, die Fouché, Collot, Couthon in Lyon, die Saint-André in Brest, die Maiquet in Orange, Lebon (der Namensvetter eines modernen ebenso scheusslichen Lebon) in Arras und Carrier in Nantes, diese „Weltwunder“ (nach Carlyle) schwelgen in „Strömen sich ergiessenden Todes“, sie schwelgen aber auch wie die Gestalten des Marquis de Sade in — Wollust.
Schon Brunet hat den grössten der grossen Terroristen, Jean Baptiste Carrier als einen derjenigen bezeichnet, die Sade als Vorbild für die blutigen Schilderungen in seinen Romanen gedient haben und ohne welche „letztere nicht diesen wilden Charakter gehabt haben würden“[420].
Neuere Forschungen, insbesondere die Schrift des Grafen Fleury[421] haben dies vollauf bestätigt. Carrier war ein Schlächter und Henker aus Wollust. Er errichtete in Nantes ein „Serail“, in dem er mit seiner Geliebten und Oberaufseherin Caron sich den widerlichsten Orgien hingab. Er „stürzte sich in die Wollust hinein, ohne Sättigung zu finden.“ Il faudrait un volume, pour rappeler les orgies auxquelles présida le représentant. Er liess schöne Frauen, nachdem er sie genossen hatte, ertränken. In seinem Serail an der Barrière de Richebourg in Nantes verbrachte er, wie es in einem Briefe Julliens an Robespierre heisst, seine Nächte mit „frechen Sultaninnen und niedrigen Schmeichlern, die ihm als Eunuchen dienten, während die Caron diese Orgien leitete.“ Nachdem in Nantes guillotiniert worden war, bis „des Scharfrichter todmüde hinsank“, füsilierte man in der Ebene von Saint-Maure „Kinder und Weiber mit Kindern an der Brust“ bei hundertundzwanzig, und Männer bei vierhundert, bis man auch dessen müde ward und zu den „Noyades“, den Ersäufungen griff, die „berüchtigt geworden sind für alle Zeiten.“
In flachen Fahrzeugen, sogenannten „gabares“ fuhr man hinaus im Dunkel der Nacht. Neunzig Priester sind auf dem Schiffe, das plötzlich auf ein gegebenes Zeichen versinkt. „Das Urteil der Deportation“, schreibt Carrier, „wurde senkrecht vollstreckt“. (Déportation verticale). Bald folgte eine zweite Noyade von 138 Personen. Und dann griff man zu Schiffen mit aufklappbaren Böden, die sich öffneten, und wenn in der Todesangst die Unglücklichen ihre Finger durch die Luken steckten, liess der scheussliche Grandmaison, der Helfershelfer Carrier’s, die Finger abhauen![422] Man warf auch die Opfer mit gebundenen Händen ins Wasser, ergoss einen beständigen Bleihagel über die Flussstelle, bis der letzte mit dem Wasser Kämpfende untergegangen war. Viele Zeugen versichern, dass man oft die Frauen vollständig nackt auszog, dass man kleine Kinder hineinwarf, deren jammernden Müttern erwidert wurde: „Wölflein, die zu Wölfen heranwachsen werden.“ Weiber und Männer werden zusammengebunden und hineingeworfen. Das sind die „republikanischen Hochzeiten“ (mariages républicains), ebenso berühmt für alle Zeit. Und als der Strom die Leichen wieder zurückwälzt, als Raben und Wölfe sich gierig auf die am Flussufer liegenden Cadaver stürzen, da ruft Carrier aus: „Quel torrent révolutionnaire!“ Es ist Nacht. Da verlässt dieser Nero der Revolution sein Serail, begleitet von seinen Dirnen und Cumpanen „en joyeuse compagnie.“ Sie schauen dem grässlichen Schauspiele zu, und dann „la noyade faite, il passait les nuits en orgies bacchiques avec des femmes et ses ‚roués‘ ordinaires.“ So meldet die Geschichte. Auch dass es 25 Noyaden waren, und dass im ganzen 4860 Menschen ertränkt wurden, darunter viele Kinder unter 15 Jahren.[423] Es geschah in der Dunkelheit, aber es „wird einst am Sonnenlicht untersucht und nicht vergessen werden Jahrhunderte lang.“ (Carlyle).
Und merkwürdig! Spricht nicht auch dieser „grand terroriste“ in seinem Briefe an den Convent vom 8. Frimaire 1793 ganz wie Sade und mit ebendemselben Ausdruck, den dieser so oft gebraucht davon, dass „nach der Aufrichtung des Apostolates der Vernunft inmitten der Revolution alle Vorurteile, aller Aberglauben und Fanatismus verschwinden werden vor dem ‚flambeau de la philosophie‘.“ Ist das ein Zufall?[424]
In Lyon, wo Collot-d’Herbois haust, „fliessen die Gossen auf der Place des Terreaux rot; es trägt die Rhône zerstückelte Körper auf ihren Wellen dahin. Zweihundertundneun Verurteilte werden über den Fluss geführt, um auf der Brotteaux-Promenade mit Musketen und Kanonen in Masse erschossen zu werden“. Es wird „eine Schlächterei, zu grässlich, um sie in Worten zu schildern, so grässlich, dass sogar die Nationalgarden beim Feuern das Gesicht abwenden.“[425]
Man darf sagen, dass es keine Zeit gegeben hat, in der das Morden so zur Gewohnheit geworden wäre, wie in diesen Jahren von 1792 bis 1794. Es bildeten sich, gleichsam als Konkurrenten der Guillotine, Mordbanden wie die berüchtigten „Jehus“ und die Sonnenbanden, welche im Süden Frankreichs den „weissen Schrecken“ verbreiteten. Die Zahl der Menschen, die gemordet wurden in jener Zeit, sei es durch die Guillotine, sei es auf andere Weise, war Legion. Vom Könige und der Königin bis hinab zum Schuster Simon mussten sie alle dahin. Und wahr wurde auch das Wort des düsteren Saint-Just, dass „für Revolutionäre es keine Ruhe gäbe als im Grabe.“ Die Revolution verschlang, wie Saturn, ihre eigenen Kinder (Verguiaud).
In den Gefängnissen wurden gefangene Frauen von den Kerkermeistern vergewaltigt (Madame Roland in ihren Memoiren); aus den Haaren guillotinierter Frauen würden blonde Perrücken verfertigt, und in Meudon war nach Montgaillard eine „Gerberei von menschlichen Häuten, solcher Häute der Guillotinierten, die des Schindens wert schienen, und woraus ein ganz gutes Waschleder gemacht wurde, zu Hosen und anderem Gebrauch. Die Haut der Männer übertraf das Gemsleder an Zähigkeit, die Haut der Weiber war fast zu gar nichts gut, da sie zu weich war im Gewebe.“[426]
Doch bald ist das Ende des Schreckens nahe. Noch einmal erhebt er sich im Prairial des Jahres 1794 und in den ersten neun Tagen des Thermidor zu furchtbarer Grösse. 1400 Personen wurden in einem Monat guillotiniert. Wer kann ohne Zittern das Verzeichnis der zahllosen Namen, der unglücklichen Opfer der Thermidortage lesen, wie es Houssaye in erschütternd dramatischer Darstellung mitteilt.[427] Unter ihnen glänzt ein Name (7. Thermidor) ganz besonders: André Chénier.
La sainte guillotine va tous les jours!
Und endlich kommt jener neunte Thermidor, der das Ende der Schreckensherrschaft bringt mit dem Sturze des gewaltigen Robespierre, jener Tag, dem Marie-Joseph Chénier in der wunderbaren „Hymne du 9 thermidor“ begeistert zujauchzt:
Salut, neuf thermidor, jour de la délivrance: Tu vins purifier un sol ensanglanté: Pour la seconde fois tu fis luire a la France Les rayons de la Liberté!
25. Ethnologische und historische Vorbilder.
Der Marquis de Sade war ein scharfer Beobachter. Ausserdem hatte er während seines Gefängnislebens die Kenntnis der zeitgenössischen Litteratur sich in einem grossen Umfange zu eigen gemacht. Es ist daher kein Wunder, dass wir die Spuren beider Eigenschaften in seinen Werken antreffen. Was uns am charakteristischsten erscheint, ist die grosse Rolle, welche bei Sade die Ethnologie spielt. Auch das ist kein Zufall. Die ersten Anfänge der Völkerkunde gehören dem 18. Jahrhundert und speziell Frankreich an, wo J. F. Lafitau im Jahre 1724 das erste bedeutende Werk dieser Art in seinen „Mœurs des Sauvages américains comparées aux mœurs des premiers temps“ veröffentlichte,[428] über das sich Voltaire in einer Schrift von ähnlicher Art sehr anerkennend äussert. („Essai sur les mœurs et l’esprit des nations“ 1756). Weiter förderten dieses grosse Interesse an der Kenntnis wilder Völker die zahlreichen Reiseexpeditionen hervorragender französischer Gelehrter im 18. Jahrhundert. Wir nennen nur die bekannten Namen eines Bouguer, La Condamine, Bougainville, La Pérouse, Marchand, d’Auteroche, Duhalde, Charlevoix, Savary, Le Vaillant, Volney, Dumont. Man fing an — zwar noch in roher und primitiver Weise — die Sitten und Gewohnheiten der einzelnen Völker zu vergleichen und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu studieren. Dabei gefiel man sich in einer gewissen Verherrlichung der europäischen Civilisation. Die Wilden waren noch nicht die „besseren Menschen“ unseres Seume. Lafitau schreibt: „Ich habe mit grosser Betrübnis in den meisten Berichten gelesen, dass diejenigen, welche über die Sitten wilder Völker geschrieben haben, sie uns geschildert haben als Menschen, welche kein irgendwie religiöses Gefühl besitzen, keine Kenntnis einer Gottheit, keine Persönlichkeit, der sie irgend welchen Kultus widmen, wie Menschen, welche weder Gesetze, noch eine Obrigkeit, noch irgend eine Form der Regierung haben, mit einem Worte als Menschen, welche von Menschen ungefähr nichts haben als nur die Gestalt. Man hat sich gewöhnt, eine Vorstellung von den Wilden zu entwerfen, welche sie nicht von den Tieren unterscheidet.“[429]
Diese Beurteilungsweise wilder Völker findet man auch bei Sade. Er rechtfertigt durch die Laster und Grausamkeiten, welche man bei ihnen findet, diejenigen seiner Zeit. So zählt er alle die Völker auf, welche sich durch grosse Schamlosigkeit auszeichnen, um dadurch der von ihm gepredigten Unzucht eine feste Unterlage zu geben. (Juliette I, 122–28). James Cook hat in der Südsee überall die Paederastie verbreitet gefunden. Folglich ist dieselbe gut. („Philosophie dans le Boudoir“ I, 201). Ja, wenn man mit einem Ballon den Mond erreichen könnte, würde man sie dort ebenfalls finden, da sie allen Menschen im Naturzustande eigentümlich ist. Die Grausamkeit der Frauen ist in der ganzen Welt eine und dieselbe. Zingua, Königin von Angola (ein mit Vorliebe von Sade immer und immer wieder genanntes Scheusal), die „grausamste aller Frauen“ opferte ihre Geliebten nach dem Genusse, liess Krieger mit einander kämpfen und gab sich dem Sieger hin, und liess in einem grossen Mörser alle vor dem dreissigsten Jahre geschwängerten Frauen zerstampfen. (Phil. dans le Boud. I, 156). Zoë, die Gemahlin eines chinesischen Kaisers, fand das grösste Vergnügen daran, Verbrecher vor ihren Augen hinrichten zu lassen, und liess Sklaven opfern, während sie dabei mit ihrem Gatten der Liebe pflegte. Je grösser die Grausamkeiten waren, um so grösser war ihre Wollust. Sie erfand jene hohe Erzsäule, in der man den Delinquenten lebendig röstete (ibidem). Theodora amüsierte sich bei der Castration von Männern. (Ib. S. 157.) Auch erzählt Sade öfter die bekannte Geschichte des Amerigo Vespucci (den er freilich nicht nennt), dass die Frauen von Florida ihren Männern kleine giftige Insekten ans Glied setzten, die durch ihren Stich dasselbe anschwellen liessen, und neben heftigem Schmerz und Geschwürsbildung auch eine unersättliche Libido verursachten. (Phil. dans le Boud. I, 157).[430] So bringt Sade für alle Laster ethnologische Beispiele in Fülle bei, für Giftmord, Prostitution, Anthropophagie, sexuelle Entartungen, Malthusianismus, Atheismus u. s. w. Die Bibel liefert ihm viel Material. Dann kommen die Lappen, die Afrikaner, die Asiaten, die Türken, die Chinesen, Angola, die Neger der Pfefferküste. Er kennt alles. Er citiert Cook’s Reisen, Paw’s „Recherches sur les Indiens, Egyptiens, Arméniens“ (Anthropophagie), die „Coutumes de tous les peuples“. Er weiss, dass es in Lappland, in der Tartarei, in Amerika eine „Ehre ist, seine Frau zu prostituieren“, dass die Illyrier besondere Wollustorgien feiern in grosser Versammlung, dass der Ehebruch bei den Griechen florierte, und die Römer sich ihre eignen Frauen unter einander liehen; dass seine geliebte Zingua ein Gesetz erliess, das die „vulgivaguibilité“ der Weiber vorschrieb. Sparta, Formosa, Otaheiti, Cambodja, China, Japan, Pegu, Cucuana, Riogabar, Schottland, die Balearen, die Massageten liefern ihm eine Menge von überzeugenden Beispielen für die Richtigkeit seiner Lehren. Aus Peloutier’s berühmter „Geschichte der Celten“ (Berlin 1754) beweist er, dass das von Roland geübte „jeu de coupe-corde“, das Hängen aus Wollust, schon von den Celten geübt wurde (Justine IV, 201) und versteigt sich sogar an dieser Stelle zu folgendem charakteristischen halb wahren Ausspruch: „Fast alle Ausschweifungen, die in der ‚Justine‘ beschrieben wurden, waren früher ein Teil religiöser Ceremonien und wurden von unseren Vorfahren geübt wie z. B. die Flagellation.“ Für die Geisselung beruft er sich auch noch auf das seither oft citierte Werk von Brantôme, wobei er ausnahmsweise aufs genaueste die von ihm benutzte Ausgabe angiebt: Brantôme „Vies des Dames galantes“ Tome I. édition de Londres 1666. (Juliette II, 133).
Alle bizarren Ideen, alle merkwürdigen Einfälle berüchtigter erotischer Scheusale verwertet Sade. So erklärt Noirceuil, dass er zweimal an einem Tage heiraten will, und zwar um 10 Uhr früh als Frau verkleidet einen Mann, um 12 Uhr als Mann einen Knaben, der als Frau verkleidet ist. Juliette dagegen will in derselben Kirche zu derselben Zeit als Mann verkleidet eine Tribade heiraten, die als Frau verkleidet ist und eine andere Tribade, die als Mann verkleidet ist. So übertrifft er durch diese vierfache Verbindung Nero, der den Tigellinus als Frau und den Sporus als Mann heiratete. (Juliette VI, 319). Juliette, die im Nachahmungstalent nicht hinter Noirceuil zurückbleiben will, macht ein Stückchen der Kaiserin Theodora nach. Sie streut sich Gerstenkörner auf die Geschlechtsteile und lässt sich dieselben von Gänsen aufpicken, was ihr eine unendliche Wonne bereitet (Juliette IV, 341).
Ueberaus häufig citirt Sade den berüchtigten Marschall Gilles Laval de Retz (Rais — z. B. Justine II, 171); Philosophie dans le Boudoir I, 153 — über den Bossard und de Maulle eine ausgezeichnete Monographie geliefert haben.[431] Dieser „Ritter Blaubart“, ein Mann von schöner, eleganter Erscheinung und grosser Gelehrsamkeit, verlässt im 27. Jahre „den Hof, die bisherige, erfolggekrönte militärische Laufbahn, verstösst Weib und Kind, verschwindet auf seinem einsamen Schlosse, treibt unsinnige Verschwendung, ergiebt sich mystischen Studien, Teufelsbeschwörungen und Aehnlichem, verfällt dann sexuellen Ausschweifungen, wird Paederast, Kinderräuber, Mörder, Sadist, Leichenschänder u. s. w.“[432]. Dieses Ungeheuer lockte nach und nach 140 Kinder in sein Schloss, wo sie in scheusslicher Weise ermordet wurden. Das Opfer wurde niedergeworfen, entweder durch einen Knecht oder durch Gilles de Retz selber, der Hals abgeschnitten, wobei Gilles den Anblick des zuckenden Körpers wollüstig genoss. Dann schnitt er die Extremitäten ab, öffnete Brust oder Bauch und riss die Eingeweide heraus. Bisweilen setzte er sich auf den Körper des Opfers, um den Todeskampf zu fühlen, „plus content de jouir des tortures, des larmes, de l’effroi et du sang que de tout autre plaisir“. Auch köpfte er den Leichnam, nahm den Kopf in die Hände, betrachtete ihn mit wollüstigen Blicken und küsste ihn leidenschaftlich.[433] Der vom Beichtvater des Marschalls aufgezeichneten Beichte entnehmen wir noch die folgenden Details: „Egidius de Rays, sponte dixit, quamplures pueros in magno numero, cujus amplius non est certus, cepisse et capi fecisse, ipsosque pueros occidisse et occidi fecisse, seque cum ipsis vicium et peccatum sodomiticum commisisse,.. tam ante quam post mortem ipsorum et in ipsa morte damnabiliter... cum quibus etiam languentibus vicium sodomiticum committebat et exercebat mode supra dicto.“ Gilles pflegte oft zu seinen Komplizen zu sagen: „Niemand auf der Welt versteht oder könnte auch nur verstehen, was ich in meinem Leben gethan habe. Es giebt Niemanden, der es thun könnte.“ Mit ähnlichem Stolze sprechen die Helden Sade’s über ihre Unthaten. Schon Eulenburg hat hervorgehoben, dass der Marquis de Sade nicht nur dem Marschall Retz an „verschiedenen Stellen von ‚Justine et Juliette‘ begeisterte Nachrufe widmet“, sondern dass er ihm auch „würdige Genossen“ giebt, u. a. in jenem Jérôme (Bd. 3 der Justine), der als Schlossherr in Sicilien durch seine Agentin Clementia überall Kinder aufgreifen und ankaufen lässt, um sie ganz im Stile des Gilles de Rais zu Tode zu martern.[434]
Das eigene Zeitalter des Marquis de Sade war aber überreich an einer Fülle ähnlicher Gestalten! Sade schildert, wenn er auch auf ethnologische Vorbilder und Persönlichkeiten einer fernen Vergangenheit zur Ergänzung des von ihm gezeichneten Sittenbildes zurückgreift, immer doch noch mehr seine eigene Zeit mit all ihren wilden Trieben, ihrer Wollust und ihrem Blutdurst. „Wie viele geheime, privilegierte Verbrecher“, sagt J. Michelet, „gab es, die man nicht zu verfolgen wagte! Die Mächtigen oder die durch Mächtige Geschützten überliessen sich entsetzlichen Phantasien, die sie oft zum Morde führten“.[435] Michelet erzählt, dass ein Parlamentsrat ein junges Mädchen grausam misshandelte und darauf vergewaltigte. Er tötete seinen Kutscher, der sein Komplize war. Später, als die Sache doch ruchbar wurde, sich selbst.
Sade erwähnt sehr häufig den Grafen Charolais (z. B. Philosophie dans le Boudoir I, 153, II, 131), der „Morde aus Wollust begangen habe“. Dieser Graf von Charolais (1700–1760) „düsteren Angedenkens“ verband nach Moreau den empörendsten Cynismus mit einer kaum fassbaren Wildheit. Er liebte, Blut bei seinen Orgien fliessen zu sehen und richtete die ihm zugeführten Courtisanen in grausamer Weise zu. „Inmitten seiner Ausschweifungen mit seinen Maitressen war ihm nichts angenehmer, als mit seiner Flinte Dachdecker oder Passanten zu erschiessen“.[436] Das Herabrollen der Leichen vom Dache bereitete ihm ein unendliches Vergnügen.[437] Auch der Abbé de Beauffremont soll die Menschen von den Dächern heruntergeschossen haben.[438] Sade hat ebenfalls diese eigenartige Monomanie in das Register seiner sexuellen Perversionen aufgenommen. Juliette erschiesst ihren Vater, während sie sich mit einem anderen Manne geschlechtlich befriedigt, um den Genuss zu erhöhen (Juliette III, 115).
Nach Michelet (a. a. O.) liebte dieser Charolais das schöne Geschlecht nur „im blutigen Zustande“. Sein Vater, der Prinz von Condé, hatte schon ein Vergnügen daran gefunden, Menschen zu vergiften, so z. B. den Dichter Santeul, und hatte auf seine beiden Söhne, den Herzog von Bourgogne und den Grafen Charolais diese perversen Neigungen vererbt. Beide bedienten sich als einer Helfershelferin bei ihren Orgien der Madame de Prie. Eines Tages erschien, wie Michelet erzählt, bei derselben eine Madame de Saint-S., die alsbald von den sauberen Herren Prinzen nackt ausgezogen wurde, et Charolais la roula dans une serviette. Trotz dieses Erlebnisses liess sich die Unglückliche noch einmal in das Haus der de Prie locken und wurde diesmal „wie ein Hühnchen gebraten“. Von ihren schweren äusseren und inneren Brandwunden erholte sie sich erst nach mehreren Jahren. Ausdrücklich erwähnt Michelet, dass der Herzog von Bourgogne diese grausame Idee hatte. Sollte dieses Scheusal nicht in dem Herzog Dendemar in der „Juliette“ geschildert sein, der die nackten Leiber von vier Freudenmädchen mit brennendem Oel begiesst (Juliette I, 352)? Es ist doch sehr wahrscheinlich.
Ganz unverkennbar ist dagegen die folgende Uebereinstimmung und Entlehnung. Die Goncourts erzählen von dem Herzog von Richelieu, dem Helden der berüchtigten Pastillen, dass es ihm ein besonderes Vergnügen bereitete, die von ihm gequälten Menschen weinen zu sehen.[439] Bei Sade (Justine I, 14) kommt ein Grosskaufmann Dubourg vor, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder und Mädchen weinen zu machen.
Der berüchtigte Anthropophage Blaize Ferrage, genannt Seyé, scheint ebenfalls dem Marquis de Sade als Vorbild gedient zu haben. Dieser Mensch „hauste 1779 und 1780 in den französischen Gebirgsabhängen der Pyrenäen“ tötete Männer, Frauen und besonders junge Mädchen; Männer ass er nur aus Hunger, hingegen benutzte er die Frauen vor dem Morde zu sexuellen Genüssen, und es wurde berichtet, dass er besonders an Kindern seine Wollust auf die brutalste Weise befriedigte. Am 12. Dezember 1782 zum Tode durch das Rad verurteilt, wurde er, erst 25 Jahre alt, schon am folgenden Tage hingerichtet.[440] Sade schildert ebenfalls einen solchen Anthropophagen, der wie Ferrage im Gebirge sein Wesen treibt. Das ist Minski, der „Eremit der Apenninen“ (Juliette III, 313).
Brunet erwähnt noch mehrere sadistische Typen des 18. Jahrhunderts.[441] Ein vornehmer Pole, Verfasser verschiedener historischer Werke, der Graf von Potocki, soll Missethaten „dans le genre de ceux du marquis de Sade“ begangen haben und infolgedessen aus seinem Vaterlande verbannt worden sein. In Lyon waren vor der Revolution die Sitten so verderbt, dass zahlreiche sadistische Attentate sich ereigneten, und Michelet mit Recht in seiner „Geschichte der französischen Revolution“ behauptet, dass „nicht ohne Grund ein nur zu berühmter Schriftsteller mehrere Episoden eines verabscheuungswürdigen Romans in Lyon sich abspielen lasse“.
Wir können diese Bemerkung Brunet’s noch durch eine merkwürdige Stelle bei Sade bekräftigen. Im vierten Bande der „Justine“ entflieht die Titelheldin nach Lyon, wo sie einen gewissen Saint-Florent wiedertrifft, der die von ihm deflorierten jungen Mädchen sofort durch einen Mädchenhändler verkaufen lässt. An dieser Stelle sagt Sade ausdrücklich, dass dieser Mädchenhändler von Lyon eine historische Persönlichkeit sei. Es sei keine Fabel (Justine IV, 64–71).
Jean Paul Marat, auf den der Marquis de Sade am 29. September 1793 eine noch erhaltene emphatische Gedenkrede hielt, dieser ohne Zweifel Blutdürstigste unter den grossen Revolutionären, wird dem Marquis manche Ideen, die wir in dessen Romanen finden, eingegeben haben. Er „geberdete sich wie ein Trunkener, der sich im Blute berauscht hat und von dem Dunst des vergossenen Blutes zu immer rasenderer Gier gereizt wird.“ Vor allem riet er in seinem „Ami du peuple“ die grossen Massenmorde an und forderte immer wieder zu deren Wiederholung auf.[442] Wir werden die Pläne derartiger Massenmorde mehr als einmal in den Romanen des Marquis de Sade antreffen.
Sonderbar ist die Behauptung des oben erwähnten phantasievollen deutschen Autors, dass „Justine“ und „Juliette“ „eigentlich nichts als eine Autobiographie des Marquis de Sade“ seien, dass Justine identisch sei mit der Mademoiselle Aroût, Juliette mit der Gräfin de Bray.[443]
Ebenso merkwürdig ist, dass der Geschmack an menschlichen Excrementen, der in Sade’s Romanen eine so grosse Rolle spielt und der ja auch heute noch als besonderes psychopathologisches Phaenomen vorkommt, auch historisch in einer eigentümlichen Weise belegt werden kann. Unter Ludwig XIV. trug der Intendant Bullion immer eine goldene Dose bei sich, die, statt mit Tabak, mit menschlichen Faeces gefüllt war![444] In einer obscönen Schrift „Merdiana, ou Manuel des chieurs“[445] ist ein Mann dargestellt, wie er „tabak à la rose“ fabriciert.
26. Italienische Zustände im 18. Jahrhundert.
Im Jahre 1772, nach der Marseiller Skandalaffäre, entfloh der Marquis de Sade mit seiner Schwägerin nach Italien, wo er sich 5 bis 6 Jahre aufhielt. Die Frucht dieses Aufenthaltes war die Schilderung der italienischen Zustände, die mehr als drei Bände der „Juliette“ in Anspruch nimmt. (Vom Ende des dritten Bandes bis zum Ende des sechsten Bandes.) Er selbst macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er Italien aus eigener Anschauung kenne, indem er sagt (Juliette III, 290): „Diejenigen, welche mich kennen, wissen, dass ich Italien mit einer sehr hübschen Frau durchreist habe, dass ich ‚par unique principe de philosophie lubrique‘, diese Frau dem Grossherzog von Toskana, dem Papste, der Prinzessin Borghese, dem König und der Königin von Neapel vorgestellt habe. Sie dürfen also überzeugt sein, dass alles, was die ‚partie voluptueuse‘ betrifft, exakt ist, dass ich thatsächlich die wirklichen Sitten der erwähnten Persönlichkeiten geschildert habe. Wären die Leser Augenzeugen der Szenen gewesen, sie hätten sie auch nicht aufrichtiger und getreuer beschreiben können. Auch in Betreff der Reiseschilderungen darf der Leser versichert sein, dass ich mich der grössten Genauigkeit befleissigt habe.“ Trotz dieser Versicherung kommen in Sade’s Erzählung sehr viele Ungeheuerlichkeiten und Uebertreibungen vor, wie wir bei der späteren Analyse der „Juliette“ sehen werden. Aber ein Kern von Wahrheit ist auch hier nachweisbar, bestimmte von Sade geschilderte Verhältnisse sind wieder auffindbar, so dass wir auf die italienischen Zustände im 18. Jahrhundert einen kurzen Blick werfen wollen.
Italien ist ja ohne Zweifel die Pflanzschule der echt modernen, raffinierten Unzucht, die, nebenbei bemerkt, stets am besten in den spezifisch katholischen Ländern, an den Stätten der Askese und des Coelibats gediehen ist. Brauchen wir an Pietro Aretino, an Papst Alexander VI., an Lucrecia und Cesare Borgia, an Giulio Romano und Augusto und Annibale Carracci, diese grossen Praktiker und Künstler der Wollust zu erinnern? Wie unschuldig und naiv muten uns dagegen die Liebesabenteuer in Boccaccio’s „Decamerone“ an! Freilich, damals gab es auch noch keine Jesuiten. Die Renaissance und der Jesuitismus bezeichnen eine neue Epoche in dem Geschlechtsleben Italiens, die vielleicht die reichsten kulturhistorischen Beziehungen aller Art aufweist und von uns in einer der folgenden Studien einer genauen Untersuchung unterzogen werden wird. Hier berühren wir kurz die Verhältnisse des 18. Jahrhunderts.
Der Marquis de Sade schildert die Verbreitung der Prostitution in Italien als eine geradezu ungeheuerliche. Alle Städte, die Juliette besucht, wimmeln von Dirnen aus hohem und niederem Stande, die besonders bei den grossen mit Ausschweifungen verbundenen Festen in den Häusern des Adels ihre Reize glänzen liessen und sich im allgemeinen eines hohen Ansehens erfreuten. Sade berichtet denn auch häufig über solche Dirnentriumphe. Nach den Glossatoren des Papstrechtes war ja der Begriff einer „Hure“ sehr weit gefasst. Nur diejenige könne man eine wahre Hure nennen, die 23000 Mal — gesündigt habe![446] Casanova fand die Gärten des Grafen Friedrich Borromeo auf den „borromeischen Inseln“ angefüllt mit „einem Schwarm junger Schönheiten“. Der venetianische Gesandte in Turin hielt bei sich offene Tafel, und man „betete hier öffentlich das schöne Geschlecht an“. — Bologna, dessen sittliche Corruption auch von Sade geschildert wird (Juliette III, 306), wimmelte von „singenden und tanzenden Nymphen“[447]. Besonders ausgeartet war das Geschlechtsleben in Venedig, von dem der Marquis de Sade schreckliche Dinge erzählt (Juliette IV, S. 144 ff.). Die Courtisane, schon seit Jahrhunderten „die Pest welscher Städte“, wurde in Venedig vergöttert. Wo bot aber auch ein Ort in der Welt, „so reizende Verlockung und Sinnengenuss jeder Art? Wo war die Ehe der Intrigue zugänglicher als in der Stadt, wo die Sitte des Cicisbeats die Strenge der Pflicht längst zu einem lächerlichen Vorurteil gestempelt? Wo waren die Courtisanen schönere, gebildetere und vollkommenere Priesterinnen Cytherens? Wo bot die Licenz adliger Jungfrauenklöster, die Prostitution der Vestalinnen, einen feineren Reiz für sinnliche Romantik, erhöht durch Gefahr, als zu Marano und San Giorgio? Wo gewährte der Carneval und die Maskenfreiheit, mitten in lauen, schmeichelnden Sommernächten, so mühelos die entzückendsten Abenteuer? Wo gab es ausgesuchtere Tafelfreuden und köstlicheren heisseren Wein bei Orgien im Geschmacke des klassischen Altertums? Wo prachtvollere Opern, entzückendere Stimmen, nacktere Terpsichoren, pikantere Festlichkeiten? Wo konnte der adlige Hang zum Glücksspiele in volleren Goldhaufen sich sättigen? Nach Venedig ging daher der erste Zug aller vornehmen Lüstlinge; verdorben, ärmer an Glücksgütern und an Lebenskraft, selten mit Reue, kehrten sie heim, nachdem jedes Einzelnen Sünde die Sündhaftigkeit der Stadt gesteigert hatte. Diese Bedeutung Venedigs, als der Metropole der raffinierten Freiheit des Sinnengenusses, geht aus der geheimen Geschichte und den Memoiren der Fürsten und Vornehmen hervor. Nur ein bestimmt ausgesprochener Zweck führte alle nach der Stadt der Lagunen.“[448] Infolge dessen erfreuten sich in der Republik Venedig die Prostituierten des ganz besonderen Schutzes der Regierung und waren sogar der einzige erlaubte Gegenstand des sonst durch die Gesetze streng verpönten Luxus der Nobili.[449] Montesquieu schreibt: „In Venedig zwingen die Gesetze die Adeligen zu einer bescheidenen Lebensweise. Sie sind so an Sparsamkeit gewöhnt, dass nur die Buhlerinnen sie dazu vermögen können, Geld auszugeben. Man bedient sich dieses Wegs, um die Betriebsamkeit zu befördern: die verächtlichsten Weibespersonen verschwenden dort ohne Gefahr, während ihre Liebhaber das armseligste Leben von der Welt führen.“[450] Casanova berichtet interessante Einzelheiten über das Leben und Treiben der Venetianischen Dirnen um 1750, speziell der berühmten Courtisane Juliette. Sade erzählt (Juliette VI, 147) von den Besuchen eines alten Prokurators im Bordell der Durand. Bei Casanova kommen ebenfalls die galanten Abenteuer des Prokurators Bragadin vor.[451]
Italien ist das gelobte Land der Paederastie, noch heute. Drastisch sagt der Marquis de Sade, in diesem Punkte gewiss ein richtiger Beobachter: „Le cul est bien recherché en Italie“. (Juliette III, 290.) Das ist ein Erbteil aus Griechenland und Rom. Und jeder, der von Liebe zu den klassischen Studien und antiker Kunst leidenschaftlich ergriffen, den Boden Italiens betrat, war dieser Gefahr ausgesetzt, wie das Beispiel unseres J. J. Winckelmann beweist. Schon Dante erwähnt im 15. und 16. Gesange des „Inferno“, die grosse Verbreitung der Männerliebe in Italien.[452] Papst Sixtus IV. (1471 bis 1484) huldigte in ausgedehntem Masse der Paederastie und soll seine Ganymede zu Kardinälen erhoben haben. Einige Kardinäle baten den Papst, in der heissen Jahreszeit Paederastie treiben zu dürfen, worauf der Papst die Erlaubnis hierzu erteilt haben soll. Auf Sixtus IV. fand der folgende obscöne Vers Anwendung:
Roma quod inverso delectaretur amore Nomen ab inverso nomine fecit Amor.
Sixtus war grausam und fand Gefallen am Ansehen blutiger Schauspiele. Sein angeblicher Neffe Pietro Riario, wahrscheinlich aber sein Sohn, lebte inter scorta atque exoletos adolescentes, und war ebenfalls Paederast. Michel Angelo soll der Knabenliebe gefröhnt haben.[453] Der Maler Giovanni Antonio Razzi (1479–1564) bekam wegen dieser Neigungen den Beinamen il Sodoma.[454] Papst Julius III. (1550–1555) ist ebenfalls hier zu nennen. „Dans le conclave même, il pratiquait l’acte de sodomie avec les jeunes pages attachés à son service, et loin d’en faire un mystère, il affectait de se laisser surprendre en flagrant délit par ses collègues.“[455]
Im 18. Jahrhundert war die Paederastie in Italien an der Tagesordnung. Man konnte sogar Gefahr laufen, von Paederasten vergewaltigt zu werden. Casanova erzählt einen solchen Ueberfall, den ein Mann auf ihn machte. Ebenso von einem Knaben Petronius, der als ein gewerbsmässiger Prostituierter in Ancona thätig war. Der Kardinal Brancaforte, einer der grössten Wüstlinge der Welt, der nach Casanova „nicht aus den Bordellen herauskam“, war der Paederastie sehr verdächtig. Als bei Gelegenheit seines Aufenthaltes in Paris eine junge Paduanerin ihm in der Beichte gestand, dass ihr Mann sich bei ihr gewisse Freiheiten herausgenommen hätte, die durch den Ehecodex streng verboten würden, fesselte der üppige Kardinal sein Beichtkind sehr lange an diesen kitzlichen Gegenstand. Ehe er ihr die Absolution erteilte, wollte er die genauesten Umstände erfahren. Bei jeder Mitteilung wurde er von Begierde verzehrt und rief aus: „Es ist ungeheuer! — Es ist monströs! — Ach, meine Teure, Sie haben eine abscheuliche Sünde begangen, aber es ist eine sehr hübsche Sache.“[456] Noch eine andere ähnliche Anekdote wird von Casanova mitgeteilt.
Noch heute ist die männliche Prostitution in Italien so öffentlich wie in keinem anderen Lande. In Neapel „bieten sich abends auf der Via Toledo junge Männer dem Vorübergehenden an, und die Zwischenhändler preisen dort nicht nur ihre weibliche, sondern auch die männliche Ware an.“ Moll, der dies mitteilt, meint auch, dass in Italien die Homosexualität stets etwas mehr hervortrat als in andern Ländern Europas. J. L. Casper berichtet 1854, dass in Neapel und Sicilien dem Reisenden am hellen Tage von auf den Strassen lungernden Kupplern un bellissimo ragazza schamlos angeboten wurde, wenn man ihre Anträge, Weiber betreffend, zurückwies.[457]
Dass der italienische Klerus des 18. Jahrhunderts einen grossen Anteil an diesen sexuellen Ausschweifungen hatte, brauchen wir wohl nicht weiter anzuführen. Dafür spricht schon die geradezu ungeheuerliche Zahl der Geistlichen jeder Art, die im ganzen Lande verbreitet waren. Gorani, dessen mit Recht berühmte Memoiren wir mit grossem Vergnügen gelesen haben und dessen Glaubwürdigkeit durch neuere Forschungen noch mehr bekräftigt worden ist, berichtet, dass das Königreich Neapel ohne Sicilien unter 480000 Einwohnern etwa 60000 Mönche, 3000 Laienbrüder und 22000 Nonnen zählte. Dieser Klerus war von einer „unglaublichen Ignoranz“, von einer ungeheuerlichen „débauche crapuleuse“. Seine Sitten seien noch verderbter als die der Mönche aller übrigen katholischen Länder. „Mord, Schändung und Gift sind ihnen vertraut.“ Gorani berichtet über verschiedene haarsträubende Verbrechen von Priestern. Die Nonnenklöster seien Schauplätze der wüstesten Orgien. Dabei war der Klerus so reich, dass er fast ein Drittel aller Güter im Lande besass.[458] Die Geistlichen gaben denn auch in der Liebe den Ton an. Das war seit Boccaccio’s Zeiten nicht anders geworden. Casanova berichtet darüber aus dem 18. Jahrhundert allerlei Ergötzliches. So z. B. führt ihn ein Mönch in Chiozza in ein Bordell, wo er freilich das Unglück hat, sich zu inficieren. Als Casanova noch selbst als Geistlicher mit einem Franziskaner auf der Wanderschaft war, wurden sie von zwei nymphomanischen Megären überfallen. Man muss also damals gerade den Geistlichen allerlei zugetraut haben.[459] Das scheussliche Unwesen der Castraten für geistliche Zwecke ist ein weiterer Beweis für die tiefe Depravation des italienischen Klerus.
Zoophilie und Sodomie waren ebenfalls seit jeher in Italien mehr verbreitet als in einem andern Lande. Der Marquis de Sade lässt denn auch bei einer Orgie im Hause der Prinzessin Borghese einen Truthahn, eine grosse Dogge, einen Affen und eine Ziege als maîtres de plaisir aufmarschieren! (Juliette IV, 262). Noch heutzutage sollen nach Metzger die Ziegenhirten in Sicilien im allgemeinen Ruf stehen, dass sie sich mit ihren Ziegen abgeben.[460] Der Kardinal Bellarmin trieb seit 1624 mit Weibern verbotenen Umgang und hatte noch nebenher „vier schöne Ziegen auf der Streu.“[461]
Einzelne von Sade erwähnte italienische Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts bedürfen noch besonderer Erwähnung. Im fünften Bande der „Juliette“ wird ein üppiges Gartenfest beim Fürsten von Francavilla geschildert (S. 326 ff.). Diese Gartenfeste bei den neapolitanischen Granden sind historisch. Casanova berichtet ebenfalls, dass Francavilla, „ein entschiedener Epikuräer, voll Geist, Anmut und Unverschämtheit“, im Jahre 1770 ein glänzendes Fest für alle Fremden gab. Er liess seine jungen und schönen Pagen beim Schwimmkampfe im Wasser „erotische Verschlingungen“ ausführen, bei denen sich „die Damen sehr gut unterhielten“[462]. Der bei Sade (Juliette IV, 156 u. ö.) erwähnte Kardinal Bernis wird auch von Casanova als sehr unheilig geschildert.
Leopold I. von Toskana, der „grand successeur de la première putain de France“ (Juliette IV, 36) soll nach Sade ebenfalls ein erotisches Scheusal gewesen sein. Hierbei hat wohl der Hass gegen das Haus Oesterreich ein Wort mitgeredet. Casanova, der ein fesselndes Bild von dem Abenteurerleben in Florenz entwirft, sagt über Leopold aus, dass er „eine entschiedene Leidenschaft für das Geld und die Weiber hegte.“[463] Besonderes Interesse beanspruchen die Schilderungen des Papstes Pius VI. und der Königin Karoline von Neapel bei Sade.
1. Papst Pius VI.
Dieser Papst war nach Sade (Juliette IV, 268) ein grosser Lüstling, dem Juliette eine lange Rede über die Zuchtlosigkeit der Päpste aller Zeiten hält (IV, 270 ff.), wobei sie ihn mit „alter Affe“ anredet (IV, 285). Nachher muss dann auch Seine Heiligkeit eine ebenso lange Rede halten an deren Schlusse dieser Wahrheitsapostel den Mord für die „einfachste und legitimste Handlung auf der Welt“ erklärt (IV, 370) und in seinen nunmehr geschilderten Orgien hinter dieser Versicherung nicht zurückbleibt (V, 1 ff.).
War Pius VI. ein solcher Mensch? Dies kann nur zum Teil bejaht werden.
Pius VI. (1775–1798), vorher Giovanni Angelo, Graf Braschi, war einer der schönsten Männer seiner Zeit, „hochgewachsen, von edlem Aussehen, blühender Gesichtsfarbe“. Er trug sein päpstliches Gewand mit einer Art von Koketterie und trug vor allem seine schönen — Beine zur Schau, indem er stets sein langes Gewand an der einen Seite etwas aufhob, so dass wenigstens ein Bein sichtbar war, auch legte er grosses Gewicht auf eine schöne Frisur. Diese Eitelkeit geisselte das folgende Distichon:
Aspice, Roma, Pium. Pius! haud est: aspice mimum. Luxuriante coma, luxuriante pede.
Er liess sich denn auch von der Geistlichkeit und den Gläubigen gehörig anbeten, mit einer „vénération stupide“, der aber manchmal ein ironischer Beigeschmack nicht fehlte. Seine Ausfahrten geschahen mit ungeheuerem Gepränge. Draussen war Pius ein Gott, im Vatican ein vielfach verspotteter Mensch. Zeigte er sich auf der Strasse, so riefen die Frauen: Quanto è bello, quanto è bello! Und man behauptete, dass Pius sich dadurch mehr geschmeichelt gefühlt habe als durch die Huldigung der Kardinäle. Der Kardinal Bernis nannte ihn ein lebhaftes Kind, das man immer bewachen müsse.[464] Auch Coletta schildert diesen Papst als einen „bildschönen Mann“, von grosser Liebe zum Putze und weibischen Eigenschaften.[465] Er war im Gegensatz zu seinem Vorgänger Clemens XIV. den Jesuiten zugeneigt.[466] Was sein Verhalten in geschlechtlicher Beziehung betrifft, so begünstigte er nach Casanova (Bd. XVII, S. 169) die Prostitution, hielt nach Gorani selbst viele Maitressen und trieb sogar Incest mit einer natürlichen Tochter.[467] Bourgoing dagegen findet ihn in sexueller Hinsicht ganz rein und sagt, dass Pius VI. seine Zeit zwischen den religiösen Pflichten, seinem Cabinet, Museum und der vatikanischen Bibliothek teilte.[468]
2. Die Königin Karoline von Neapel.
Die Königin Karoline von Neapel schildert der Marquis de Sade als vollendete Tribade (Juliette V, 258), und beschreibt ihre Reize „nach der Natur“. Sie sowohl, wie ihr Gemahl, der König Ferdinand IV., zeichnen sich durch einen hohen Grad von wollüstiger Grausamkeit aus, die sich in verschiedenen von Sade geschilderten wilden Ausbrüchen äussert, so z. B. bei dem grossen neapolitanischen Volksfeste, bei dem 400 Personen getötet werden. (Juliette VI, 1.)[469]
Hier hat der Marquis de Sade wirklich durchaus „nach der Natur“ geschildert. Man darf sagen, dass von Helfert’s Aufsehen erregender Versuch einer Ehrenrettung der Königin Karoline von Neapel[470] vollständig misslungen ist, wie die bündige Widerlegung der Helfert’schen Ausführungen durch Moritz Brosch wohl definitiv dargethan hat.[471] Danach bestehen die von Gorani, Coletta und vielen anderen dargebotenen Enthüllungen über die Sittenlosigkeit der Königin Karoline zu Recht.
Coletta sagt von ihr, dass sie „mehr als eine Leidenschaft besass, rachsüchtig und hochfahrend war und durch eine glühende Wollust verblendet wurde“.[472]
Gorani, der den Stoff zu seinem berühmten Werke in den Jahren 1779 bis 1780 und 1789 bis 1790 sammelte, richtete seine Angriffe besonders gegen die neapolitanischen Zustände, denen wohl das bekannte Motto seiner Memoiren gilt:
Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes, Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes. Je vais le déchirer....
Karoline ist die „österreichische Megäre“, die die ganze Wollust einer Messalina mit den unnatürlichen Gelüsten einer Sappho verbinde. Sie gab sich ohne Wahl und ohne Scham den verächtlichsten und verworfensten Männern hin und unterhielt mit ihrem Minister Acton eine Liaison. Dieses „unique monstre de cette espèce“ tötete alle ihre Kinder oder machte sie krank. Einmal schrie ihr Gemahl Ferdinand ihr durch’s Schlüsselloch zu: „Ce n’est point une reine, une épouse, une mère, que l’Autriche nous a’donnée, c’est une furie, une mégère, une Messaline qu’elle a vomie dans sa colère et lancée parmi nous“.[473]
Besonders berüchtigt wurde Karolinen’s Verhältnis zu der berühmten Lady Emma Hamilton, der Geliebten Nelson’s. Coletta’s Urteil über diese tribadische Liaison der Beiden ist von allen gewissenhaften Forschern bestätigt worden: „Nella reggia, nei teatri, al publico passeggio Emma sedeva al fianco della regina; e spesso, ne’ penetrali della casa, la mensa, il bagno il letto si godevan communi. Emma era bellezza per tutte le lascivie“.[474]
Die von Sade beschriebene Orgie in den Ruinen von Herculanum und Pompeji (Juliette V, 340 ff.) ist wohl in Wirklichkeit öfter gefeiert worden. Denn im Jahre 1798 wurde zu Ehren Nelson’s an diesen Stätten ein solches üppiges Fest veranstaltet.
Auch der grosse Massenmord, von dem Sade spricht, ist historisch. Am 18. Oktober 1794 gab es einen grossen, mutwillig hervorgerufenen Strassenkampf in Neapel, bei dem 30 Menschen getötet und viele verwundet wurden.
Alle übrigen neapolitanischen Zustände erscheinen in der Wirklichkeit ebenso schlimm, wie sie in der „Juliette“ dargestellt werden. Nach Gorani soll die römische Kaiserzeit keine solche Sittenverderbnis gesehen haben, wie diejenige am Hofe von Neapel, keine solche Messalina, wie die Königin Karoline. Nelson sagte von Neapel: „Von den Frauen ist nicht eine tugendhaft, von den Männern ist nicht ein einziger, der nicht an den Galgen oder auf die Galeere gehörte.“[475] Ja, nach Gorani muss Neapel lauter Gestalten aus den Romanen des Marquis de Sade enthalten haben. Der Neapolitaner sei von Natur böse, überlege sich mit kaltem Blute die Verbrechen, die er begehen wolle, und füge denselben noch tausend Grausamkeiten hinzu. 30000 Menschen trieben sich obdachlos umher. Die Zahl der Gefangenen sei ausserordentlich gross. Die Frauen liessen ihre Geliebten durch Spione bewachen, während sie selbst treulos seien. Die öffentlichen Mädchen seien sehr schön, wohnten aber schlecht. Die schönsten seien Ausländerinnen, die eingeborenen Frauen seien hässlich und unreinlich, aber „très ardentes pour le plaisir“. Der ungeheuer grosse Mund derselben komme von dem vielen Reden und Gesticulieren, so dass ein hübscher kleiner Mund eine Rarität sei.
König Ferdinand IV. von Neapel war nach Gorani ein Lüstling von grausamem Herzen, dessen Passion es war, Kaninchen, Hunde, Katzen und zuletzt Menschen zu quälen und zu töten, daneben zahlreiche Liebesverhältnisse zu unterhalten, während Acton und die Königin Karoline ohne ihn ihre nächtlichen Orgien veranstalteten.[476]
Wir sehen, dass auch hier der Marquis de Sade wiederum die Wirklichkeit ziemlich getreu abkonterfeit hat, und dass seine Werke daher einen hohen kulturhistorischen Wert besitzen, den wir in diesem ersten Abschnitt zur Genüge nachgewiesen zu haben glauben.