III. Die Werke des Marquis de Sade.
Reading edition
„Justine“ und „Juliette“.
1. Geschichte der Entstehung.
Die Hauptwerke des Marquis de Sade, denen er seine „herostratische Unsterblichkeit“ dankt, wie Eulenburg sagt, und denen wir eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen haben, sind die „Justine“ und „Juliette“, anfangs getrennt veröffentlicht, später vereinigt unter dem Titel „La nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu suivi de l’Histoire de Juliette, sa sœur, ou les Prospérités du vice“, Hollande (Paris, Bertrandet?) 1797 10 Bände in 18o, davon 4 der „Justine“, 6 der „Juliette“ angehörend. Selbst die Titel sind, wie Nodier (a. a. O.) sagt „obscön geworden“.
Der Entwurf der „Justine“ reicht in die Gefängniszeit des Marquis de Sade zurück. Nach der „Biographie universelle“ verfasste er „Aline et Valcour“ und die „Justine“ in der Bastille. Nachdem er 1790 seine Freiheit erlangt hatte, erschienen im Jahre 1791 zwei Ausgaben der „Justine“, die eine mit einem Titelbild von Chéry, die zweite schon vergrösserte mit einem solchen von Texier und 12 obscönen Bildern. Die dritte Auflage im Jahre 1792 wurde von Cazin gedruckt[573] und ist noch cynischer als die beiden ersten, da z. B. Bressac seine Greuelthaten an der Mutter statt wie früher an der Tante verübt. Eine vierte Ausgabe erschien 1794.
Die „Juliette“ erschien zum ersten Male im Jahre 1796. Alle diese Angaben sind für das Studium des Marquis de Sade entbehrlich, da die grosse vereinigte Ausgabe der „Justine“ und „Juliette“ im Jahre 1797 nicht nur die verbreitetste geworden ist, sondern auch diejenige ist, in welcher die Ideen des Verfassers bis zu den äussersten Konsequenzen entwickelt werden, diejenige also, auf welche allein man sich beziehen kann. In dieser Gesamtausgabe umfasst die „Histoire de Justine ou les malheurs de la Vertu par le Marquis de Sade“ (En Hollande 1797) vier Bände, die „Histoire de Juliette ou les prospérités du vice par le Marquis de Sade“ (En Hollande 1797), sechs Bände. Die „Justine“ enthält 40, die „Juliette“ 60 obscöne Abbildungen, zu denen noch 4 Titelbilder kommen, so dass es im Ganzen 104 Abbildungen sind. Als Motto für beide Werke ist der den Inhalt richtig bezeichnende Spruch gewählt:
On n’est point criminel pour faire la peinture Des bizarres penchants qu’inspire la nature.
Es wird berichtet, dass diese Ausgabe in einem Keller gedruckt wurde.[574]
2. Die Vorrede.
Sie befindet sich im ersten Bande der „Justine.“ Sie führt aus, dass die Conception des Werkes ins Jahr 1788 fällt, dass der Autor verstorben sei und ein ungetreuer Freund, dem das Manuscript schon zu Lebzeiten desselben anvertraut war, mehrere schlechte Ausgaben des Werkes veranstaltet habe. Die vorliegende sei ein getreuer Abdruck des Originals. Die kühnen Gedanken in demselben würden ja in einem „philosophischen Jahrhundert“ keinen Anstoss erregen, und der Schriftsteller, dem alle „Zustände der Seele“ zur Verfügung ständen, dürfe von allen möglichen Situationen und cynischen Gemälden Gebrauch machen. „Nur die Dummen nehmen daran Anstoss. Die wahre Tugend erschrickt nicht über die Gemälde des Lasters. Sie findet in ihnen nur eine weitere Förderung. Man wird vielleicht gegen dieses Werk schreien. Aber wer wird schreien? Die Wüstlinge, wie ehemals die Heuchler gegen den ‚Tartuffe‘ schrieen. Kein Buch wird eine lebhaftere Erwartung erwecken und das Interesse so anhaltend fesseln. In keinem sind die Herzensregungen der Lüstlinge geschickter dargestellt und die Einfälle ihrer Phantasie so lebenswahr ausgeführt. Nirgendwo ist geschrieben, was man hier lesen wird. Haben wir daher nicht Grund zu glauben, dass dies Werk bis in die fernste Zukunft dauern wird? Die Tugend selbst, müsste sie auch einen Augenblick zittern, muss vielleicht einmal ihre Thränen vergessen, aus Stolz, in Frankreich ein so pikantes Werk zu besitzen, in dem die cynischste Sprache mit dem stärksten und kühnsten System, den unsittlichsten und gottlosesten Ideen verbunden ist.“
Man sieht, dass der Marquis de Sade selbst von der Einzigartigkeit seines Werkes überzeugt war und ausspricht, dass er mit Bewusstsein alle ähnlichen Werke an Cynismus überbieten wollte. Gehen wir nun dazu über, uns mit dem Inhalt der „Justine“ und „Juliette“ bekannt zu machen. Wir sind dabei um so ausführlicher, als in deutscher Sprache keine zuverlässige Analyse des Sade’schen Hauptwerkes existiert, dass vielmehr, trotzdem so viel davon gesprochen wird, zu den bestunbekannten Dingen gehört.[575]
3. Analyse der „Justine“.
Es sind die „Malheurs de la vertu“, die in der „Justine“ geschildert werden. Die Tugend, verkörpert durch die Titelheldin Justine, gerät immer ins Unglück und wird vom Laster und vom Bösen erwürgt. Das ist die Fabel des Romans. —
Justine und Juliette sind die Töchter eines sehr reichen Pariser Bankiers, die bis zum 14. und 15. Lebensjahre in einem berühmten Kloster von Paris erzogen werden. Durch den plötzlichen Bankerott des Vaters, dem sein Tod und der der Mutter nach kurzer Zeit folgt, werden sie genötigt, das Kloster zu verlassen und, da sie mittellos sind, sich selbst den Lebensunterhalt zu verschaffen.
Juliette, die Aeltere, „lebhaft, leichtsinnig, boshaft, mutwillig und sehr hübsch“, freut sich der goldenen Freiheit. Justine, die Jüngere, 14 Jahre alt, naiver und interessanter als ihre Schwester, eine zärtliche, zur Melancholie und Phantasterei geneigte Natur, empfindet weit mehr ihr beklagenswertes Geschick. Juliette sucht sie zu trösten durch den Hinweis auf die Freuden sexueller Erregungen und zeigt ihr, wie sie durch ihre körperliche Schönheit reich und glücklich werden könne. Ihre Vorschläge werden aber von der tugendhaften Justine mit Entrüstung zurückgewiesen, worauf sich Beide von einander trennen, um sich später unter eigentümlichen Umständen wieder zu treffen.
Zunächst wird also das Schicksal der tugendhaften Justine erzählt. Diese wendet sich in ihrer Verlassenheit an die früheren Bekannten ihrer Eltern, wird aber schnöde abgewiesen. Ein Pfarrer versucht sogar, sie zu verführen. Schliesslich kommt sie zu einem Grosskaufmann Dubourg, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder zum Weinen zu bringen, und der natürlich infolgedessen über die weinend ihre Klagen vorbringende Justine sehr entzückt ist. Als sie aber im Laufe des Gespräches seinen sexuellen Gelüsten einen heftigen Widerstand entgegensetzt, wird sie von ihm hinausgeworfen. Inzwischen hat eine gewisse Madame Desroches, bei der Justine abgestiegen ist, in deren Abwesenheit ihre Kommode geöffnet und Justines geringe Habseligkeiten gestohlen, sodass das arme Mädchen ganz in die Hände dieser Megäre geliefert ist. Letztere macht Justine mit einer Demimondaine, Madame Delmonse, bekannt, welche ihr eine grosse Rede über die Vorteile und die Freuden der Prostitution hält. (Justine I, 28 ff.). „Man fordert nicht die Tugend von uns, sondern nur deren Maske“. Daher „bin ich (Delmonse) eine Hure wie Messalina; man hält mich aber für so keusch wie Lucretia. Ich bin Atheistin wie Vanini; man hält mich für so fromm wie die heilige Therese. Ich bin falsch wie Tiberius; man hält mich für so freimütig wie Sokrates. Man glaubt, ich sei nüchtern wie Diogenes; aber Apicius war weniger unmässig als ich es bin. Ich bete alle diese Laster an und verabscheue alle Tugenden. Aber wenn Du meinen Gatten, meine Familie fragtest, würden sie sagen: Delmonse ist ein Engel!“
Justine wird nun von beiden Frauen zusammen zu verführen gesucht und schliesslich dem alten Dubourg wieder zugeführt, dem sie aber wiederum Widerstand leistet. Man lockt sie dann in das Haus der Delmonse, wo Dubourg später zum dritten Male sein Heil versuchen soll und wo Justine zunächst die tribadischen Attacken der geilen Delmonse abzuwehren hat. Endlich kommt der alte, impotente Dubourg an, wird zunächst von der Delmonse, die ihm die Testes mit einer scharfen Flüssigkeit einreibt und ihn eine wunderbare Bouillon trinken lässt, gehörig präpariert. Im kritischen Moment entwischt Justine zum dritten Male, indem sie unter das Bett kriecht. Der arme Dubourg ist wiederum betrogen, und man schwört dem widerspenstigen Mädchen schlimme Rache. Delmonse beschuldigt Justine, ihr eine goldene Uhr gestohlen zu haben, und so wird die Unglückliche ins Gefängnis geschickt.
Hier macht sie die Bekanntschaft einer gewissen Dubois, die alle möglichen schändlichen Verbrechen begangen hat. Sie und Justine werden zum Tode verurteilt. Die Dubois legt Feuer im Gefängnisse an, bei dem 60 Personen verbrennen. Justine und Dubois entfliehen und gesellen sich zu einer Räuber- und Wildererbande im Walde von Bondy. Als Justine sich weigert, ihrer Gefährtin weiter auf der Bahn des Verbrechens zu folgen, wird sie durch Todesdrohungen dazu gezwungen und muss Zeugin und Gehilfin einer wilden Orgie der vier Männer mit der Dubois sein: Der Bruder der Dubois, Cœur-de-Fer, hält nach derselben eine grosse Lobrede auf die Paederastie, die besonders bei Beichtvätern beliebt sei. (Justine I, 88–99.) Nach verschiedenen Schandthaten dieser Bande entflieht Justine mit einem Kaufmann Saint-Florent, den sie vor der Erschiessung gerettet hat, und der sich als ihr Onkel zu erkennen giebt. Sie steigen in einem Gasthause ab. Bald zeigt sich, dass die arme Justine vom Regen in die Traufe gekommen ist. Dieser Saint-Florent enthüllt sich als ein bösartiger Lüstling. Schon im Hotel schleicht er herbei, um Justine bei der Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses zu beobachten. Bei anbrechender Nacht verlassen sie das Städtchen und kommen in einen Wald. Hier versetzt Saint-Florent ihr plötzlich einen Schlag mit dem Stocke, so dass sie ohnmächtig hinfällt, befriedigt seine Lüste an ihr und lässt sie in einem traurigen Zustande und bewusstlos liegen. Beim Erwachen kann nur das Gebet die unglückliche Justine trösten. Sie hat sich bei Tagesanbruch versteckt, da sie das Wiederkommen des elenden Saint-Florent fürchtet, und wird so unfreiwillige Zeugin einer paederastischen Szene zwischen einem jungen Edelmann, Herrn de Bressac, und dessen 20 Jahre älteren Lakaien Jasmin. Justine wird von ihnen entdeckt, an einen Baum gebunden, aber wieder befreit und der Mutter des Herrn de Bressac als Kammerzofe zugeführt. Madame de Bressac ist eine Frau von strengster Tugend, die ihren Sohn sehr karg hält. Daher herrscht zwischen diesen Beiden ein sehr schlechtes Einvernehmen. Frau von Bressac sucht Justine in Paris zu rehabilitieren. Die Delmonse ist aber nach Amerika ausgewandert, so dass die Sache nicht aufgeklärt wird. Merkwürdiger Weise wird Justine von einer heftigen Leidenschaft für den vollkommen degenerierten und im höchsten Grade misogynen Bressac ergriffen. Dieser benutzt die Annäherung Justinens nur dazu, um sie mit seinen lasterhaften Grundsätzen bekannt zu machen und ihren Charakter zu verderben. Auch veranstaltet er in ihrer Gegenwart eine sexuelle Orgie, bei der er die eigene Mutter vergewaltigt. Er kündigt darauf Justine an, dass er seine Mutter beseitigen wolle, die ihm schon längst im Wege sei. Das Entsetzliche geschieht dann auch inmitten wildester Ausschweifungen. Justine, die sich geweigert hat, an dem Morde teilzunehmen, soll ebenfalls getötet werden, entflieht aber nach dem Städtchen Saint-Marcel in ein Haus, das eine von einem gewissen Rodin geleitete Schule sein soll. Dieser empfängt die nunmehr 17jährige Justine sehr freundlich und macht sie mit seiner Tochter Rosalie bekannt. Rodin ist 36 Jahre alt, von Beruf ein Chirurg und wohnt mit seiner 30jährigen Schwester Coelestine zusammen. Letztere ist eine Tribade, und ein ebensolches erotisches Scheusal wie ihr Bruder. Ausserdem befindet sich noch die 19jährige Gouvernante Martha im Hause. Rodin hat eine Pension und Schule für beide Geschlechter, 100 Knaben und 100 Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren. Hässliche Kinder werden nicht aufgenommen. Rodin unterrichtet die Knaben, Coelestine die Mädchen. Kein fremder Lehrer wird zugelassen, damit die Geheimnisse des Hauses gewahrt werden können. Gleich in den ersten Tagen beobachtet Justine mit Rosalie das geheime Treiben der Geschwister. Rodin scheint Saint-Florent’s Neigungen zu teilen, er beobachtet von einem Nebengelass aus Justine, die sich in einem cabinet d’aisance aufhält, et defaecatione filiae delectatur. Da im weiteren Verlaufe ihres Aufenthaltes in diesem Hause der Wollust Justine den Anerbietungen der Geschwister hartnäckig widersteht und schliesslich mit Rosalie zu entfliehen sucht, beschliesst Rodin, Beide mit Hilfe eines Kollegen Rombeau zu ermorden, nachdem man sie vorher zu physiologischen Experimenten benutzt habe. Zuerst wird an Rosalie unter schrecklichen Orgien die — Sectio caesarea ausgeführt. Justine aber kommt glücklich mit einer Brandmarkung davon und wird fortgejagt.
Auf der Flucht gelangt sie in die Nähe von Sens. Als sie in der Abenddämmerung am Ufer eines Teiches sitzt, hört und sieht sie, wie ein kleines Kind ins Wasser geworfen wird. Sie rettet dasselbe, wird aber von dem Mörder, einem Herrn von Bandole, dabei überrascht. Er giebt das Kind sofort wieder demselben Schicksal preis und führt Justine mit sich auf sein Schloss. Dieses Ungeheuer lebt einsam in seinem entlegenen Schlosse. Er hat die Manie, jedes Weib nur einmal zu missbrauchen und sie dabei sofort zu schwängern. Die Kinder werden bis zum Alter von 18 Monaten von ihm erzogen und dann in den Teich geworfen. Augenblicklich hat er 30 Mädchen in seinem Schlosse. Er ist Antialkoholist und Vegetarier und hält auch die Mädchen zu einer knappen Kost an, damit sie Kinder bekommen. Auch bindet er sie ante coitum auf eine Maschine, und lässt sie nachher 9 Tage im Bette liegen, Kopf niedrig und Füsse hoch. Das sind seine conceptionsbefördernden Mittel. Er wohnt dann dem Gebärakt bei, was ihm stets besonderen Genuss bereitet, und führt selbst allerlei Operationen dabei aus, u. a. die Sectio caesarea. Justine wird, gerade als an ihr die Reihe ist, von Cœur-de-Fer befreit, den sie ins Schloss einlässt, und der ihr die Freiheit giebt.
Sie gerät nun in eine Benediktiner-Abtei, Sainte-Marie-des-Bois, dessen Prior Severino, ein Verwandter des Papstes, sich als gefährlicher Wüstling und Paederast entpuppt, der mit den nicht weniger ausschweifenden Mönchen in unterirdischen Sälen teuflische Orgien feiert. Zwei „Serails“ von Knaben und Mädchen sind im Kloster, die von einer Messalina namens Victorine beaufsichtigt werden. Bei den nun geschilderten Ausschweifungen sind die verschiedensten sexualpathologischen Typen vertreten. Einer sucht seine Befriedigung darin, Frauen zu ohrfeigen, ein Anderer liebt besonders Menstruirende, ein dritter den Geruch der Achseln. Der Mönch Jérôme sagt: „Ich möchte sie (die Frauen) verschlingen, ich möchte sie lebend essen, ich habe lange keine Frau gegessen und ihr Blut geschlürft.“ Justine, die mit einem jungen Mädchen Omphale Freundschaft geschlossen hat, wird von dieser mit den geradezu raffinierten Einrichtungen dieses klösterlichen Bordelles, mit den darin geltenden Vorschriften und den Strafen gegen das Uebertreten derselben bekannt gemacht. Die Mönche vollziehen die Todesstrafe in Form des Röstens, Kochens, Räderns, Vierteilens, Zerstückelns und Totpeitschens. Zwischen den zahlreichen Orgien werden grosse Reden zur Rechtfertigung derselben gehalten, so von Clément. Der scheussliche Jérôme erzählt seine lange wollustreiche und bluttriefende Lebensgeschichte. Im Beginn seiner Thätigkeit hat es ihm nach der Verführung seiner eigenen Schwester besonderes Vergnügen bereitet, Schwestern durch ihre Brüder verführen zu lassen. Er ist auch im Jahre 1760 in Deutschland gewesen und hat in Paderborn und Berlin seine Schandthaten verübt[576]. Dann geht er nach Sizilien, wo die Giftmischerei in höchster Blüte steht und die Geistlichen das verderbteste Leben führen. Er wird mit dem Chemiker Almani bekannt, der ein grosser Liebhaber von Ziegen ist, und bei dem der Ausbruch des Aetna einen sexuellen Orgasmus auslöst. Mit Hülfe einer gewissen Clementia verübt Jérôme dann die Greuelthaten eines Gilles de Retz. Von Sizilien geht Jérôme nach Tunis und kehrt darauf nach Frankreich zurück, wo er, bevor er ins Kloster kommt, in Marseille Gelegenheit hat, die dortige Corruption zu studieren.
Diese Erzählung begeistert die Mönche zur Hinrichtung einiger Mädchen. Auch Justine soll, als ihr einziger Beschützer Severino, der zum Ordensgeneral der Benediktiner ernannt wird, das Kloster verlässt, an die Reihe kommen. Doch gelingt ihr die Flucht. Sie trifft unterwegs Dorothée d’Esterval, eine abgefeimte Heuchlerin, die Gattin des Besitzers einer einsam gelegenen Herberge, der alle seine Gäste ausplündert und bestialisch ermordet. Dorothée lebt, wie sie sagt, mit ihrem Manne in sehr schlechtem Einvernehmen und bittet Justine, mit ihr zu gehen. Justine ist aber wieder einmal in eine Falle gegangen. Dieser d’Esterval, der stets seinen Opfern das an ihnen zu begehende Verbrechen vorher verkündet, braucht nämlich jedes Mal nach vollbrachter That eine Frau, die ihm die eigene Gattin besorgen muss, die übrigens ebenso verderbt ist, wie ihr Mann. Justine soll ihren und seinen Lüsten dienen und ausserdem die Reisenden anlocken und umgarnen. Mehrere solche Greuelszenen werden geschildert. Eines Tages kommt ein alter Bekannter Justinens, Herr de Bressac, der ein Verwandter d’Estervals ist. Sie begeben sich alle vier zu dem Grafen Gernande, ebenfalls einem Verwandten. Dieser ist ein Vielfrass und Säufer und befriedigt seine Blutgier durch Aderlässe und Incisionen an seinen Frauen, deren er bereits die sechste besitzt. Solche Szenen werden in schauerlichster Weise vorgeführt, während Dorothée später die Madame Gernande zu tribadischen Manövern verführt. Dann repräsentiert sich in der Familie Verneuil, ein neuer Zweig der würdigen Verwandtschaft. Herr de Verneuil kommt mit seiner Frau, seinem Sohne Viktor, seiner Tochter Cécile und Gefolge an. Der alte Verneuil betreibt auch eine besondere Spezialität des sexuellen Genusses. Er bezahlt reiche Frauen und bestiehlt arme! Er veranstaltet alsbald eine Orgie auf einer „Ottomane sacrée“, über der ein Bild Gottes hängt, das Veranlassung zu schrecklichen Gotteslästerungen giebt. Nach mehreren ähnlichen Szenen, wobei Justine einmal in einen tiefen Brunnen fällt, aber wieder herausgezogen wird, und Bressac grosse Reden gegen die Unsterblichkeit der Seele hält, werden die Tochter und die Frau Verneuils getötet. Justine entflieht nach Lyon, trifft dort Saint-Florent wieder, dessen Spezialität die Verführung von Jungfrauen bildet, die er sofort durch einen Mädchenhändler verkaufen lässt. Justine soll Gehilfin bei seinen Schandthaten werden, weigert sich aber und wird von ihm eingesperrt und muss den von Saint-Florent ausgespuckten Speichel auflecken. Nach der unerlässlichen Orgie wird Justine freigelassen und begegnet ausserhalb Lyons einer Bettlerin, die um Geld bittet und dann Justine die Börse raubt. Beim Verfolgen gerät Justine in die Höhle einer Bettlerbande, bei deren geschlechtlichen Ausschweifungen der Paederast und Jesuit Gareau und die Tribade Séraphine, deren Geschichte ganz weitläufig erzählt wird, als Hauptpersonen thätig sind. Justine entkommt auch aus dieser Verbrecherhöhle, findet einen von zwei Cavalieren halbtot geschlagenen Mann namens Roland, dem sie ihre Hilfe angedeihen lässt. Dieser Roland ist das Haupt einer Falschmünzerbande und haust auf einem hoch oben im Gebirge gelegenen Schlosse. Er ist natürlich ebenfalls ein gefährlicher Wüstling, wie die arme Justine, die er mit auf sein Schloss gelockt hat, bald erfährt. In einem unterirdischen Gewölbe seines Schlosses, wo zahlreiche Skelette, Waffen aller Art, kirchliche Geräte, Krucifixe, Kerzen u. s. w. sich befinden, betreibt dieses Scheusal als sexuellen Sport das „jeu de coupe-corde“, das Erhängen seiner weiblichen Opfer, da dies ein unsäglich wollüstiger Tod sei, wie Roland an sich selbst öfters erprobt hat und Justinen demonstriert, die ihn aber zur rechten Zeit wieder abschneiden muss. Schliesslich wird Justine von Roland in einen mit Toten gefüllten Abgrund hinabgestossen, aus dem sie am folgenden Tage, da er das Schloss verlässt, von seinem menschlicheren Nachfolger Deville gerettet wird. Eines Tages wird die ganze Falschmünzerbande verhaftet, nach Grenoble gebracht und zum Galgen verurteilt. Justine wird aber durch die aufopfernde Thätigkeit eines Herrn S... (Sade?), Advokaten am Gerichtshofe in Grenoble, befreit, der auch eine Sammlung für sie veranstaltet.
In einem Gasthofe zu Grenoble trifft Justine die inzwischen zur Baronin avancierte Dubois wieder, ihre einstige Gefährtin im Gefängnis zu Paris, die sich bei ihr mit einer „Dissertation philosophique“ einführt und sie zur Beraubung eines jungen Kaufmanns zu verleiten sucht. Justine verrät diesem die Pläne der Dubois, aber zu spät. Denn er ist bereits von der den Verrat ahnenden Dubois vergiftet worden. Justine wird auf der Landstrasse von drei Männern überfallen, die sie in ein Landhaus des Erzbischofs von Grenoble führen, in dem die rachedurstige Dubois als Aufseherin fungiert. Dieser Erzbischof ist natürlich auch ein Ausbund von Lasterhaftigkeit und Grausamkeit; ein „Faun aus der Fabel“, ein Monomane des Köpfens. Er hat sich einen eigenen „Hinrichtungssaal“ eingerichtet[577], in dem vor den Augen der schaudernden Justine ein Mädchen Eulalie archiepiscopo eam paedicante geköpft wird. Justine entflieht, wird aber von der Dubois wieder eingefangen, als Brandstifterin und Mörderin denunziert, und ins Lyoner Gefängnis eingeliefert, von wo sie nächtlicher Weile durch den wieder einmal auftauchenden Saint-Florent einem der Richter, Cardoville, zugeführt wird. In dessen Schlosse feiert eine Gesellschaft von Anthropophagen ihre Orgien, unter Assistenz von 12 Negern. Justine wird eine Zeit lang aufs Rad geflochten. Sodann machen zwei Mädchen an ihr die Operation der Infibulation. Dann muss sie Spiessruten laufen. Danach legen sich sämtliche Teilnehmer auf ein mit eisernen Stacheln besetztes Kreuz, das die Wollust unermesslich reizt und zu wilden Ausbrüchen derselben Veranlassung giebt. Danach wird Justine ins Gefängnis zurückgeführt und vom Gericht unter dem Präsidium des Wüstlings Cardoville zum Feuertode verurteilt. Doch lässt sie der Gefängniswärter, für den sie aber vorher einen Diebstahl begehen muss, entschlüpfen.
Auf ihrer Wanderung bemerkt sie gegen Abend eine elegante Dame mit vier Herren. Es ist ihre Schwester Juliette. Bei der Erkennungsszene ruft Juliette aus: „O Kleinmütige, höre auf, Dich zu wundern. Ich hatte Dir alles das vorausgesagt. Ich habe den Weg des Lasters eingeschlagen und auf ihm nur Rosen gefunden. Du warst weniger Philosophin, und Deine verwünschten Vorurteile liessen Dich Chimären träumen. Du siehst, wohin sie Dich gebracht haben.“ Justine wird mit Kleidern und Nahrung versehen, und einer der Cavaliere sagt, auf sie deutend: „Oui, voilà bien ici les Malheurs de la Vertu!“ Und auf Juliette zeigend: „Et là, là, mes amis, les Prospérités du Vice!“
Am anderen Tage kündigt Juliette an, dass sie ihrer Schwester ihre eigene Geschichte erzählen will. „Sie, Noirceuil und Chabert, die Sie alles wissen, brauchen nicht zuzuhören. Gehen Sie einige Tage aufs Land. Aber Sie, Marquis, und Sie, Chevalier, Sie müssen zuhören; um sich von der Wahrheit der Worte Chaberts und Noirceuils’s zu überzeugen, dass es keine extravagantere Frau giebt als mich.“ Man geht in einen Salon des Schlosses, setzt sich auf Canapés. Justine nimmt auf einem Stuhle Platz, und Juliette fängt an zu erzählen.
4. Analyse der „Juliette“.
Das „Glück des Lasters“ bildet das Thema der sechsbändigen „Juliette“, die in der Gesamtausgabe von 1797 als eine Fortsetzung und Ergänzung der „Justine“ erscheint und den Triumph des Lasters in wahrhaft infernalischen Bildern schildert.
Justine und Juliette werden, wie schon erwähnt, im Kloster Panthémont erzogen, aus dem die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris“ seit vielen Jahren hervorgegangen sind. Seit fünf Jahren ist Madame Delbène die Aebtissin dieses Klosters, eine 80jährige Tribade, die Juliette und ihre 15jährige, später in ein Bordell übertretende Freundin Euphrosine in die Geheimnisse der lesbischen Liebe einweiht. Sie besitzt „le tempérament le plus actif“, 60000 Livres Rente und ist von einer „deliciösen Perversität“. Sie entwickelt vor jungen Mädchen von 8 bis 15 Jahren ihr materialistisches und antimoralisches System der Philosophie, hat Holbach und La Mettrie studiert, definiert das Gewissen als ein „Vorurteil, das durch die Erziehung eingepflanzt wird“, spricht von Nerven- und Elektricitätsfluida, objektiven Existenzen, von Gott, der Seele u. s. w. Sie inszeniert grosse Tribadenszenen, an denen die 20jährige Madame de Volmar, „die wollüstige Gefährtin Delbène’s“, ein richtiges Mannweib, die 17jährige Saint-Elme, die 13- und 18jährigen Elisabeth und Flavie, sowie Juliette teilnehmen. Alle gelten in der Welt als schamhaft und bescheiden. Hier sind sie von einer „energischen Indecenz“. Dabei wird die Virginität ängstlich behütet. Später wird aber Juliette von Delbène vermittelst eines Godmiché defloriert, und danach steigt die ganze Gesellschaft nachts durch ein Grab in der Kirche in die Katakomben des Klosters hinab. In diesen befindet sich ein niedriger mit Luftlöchern versehener, künstlerisch ausgestatteter Saal, in dem die 10jährige Laurette ihrer Defloration harrt neben zwei Mönchen, dem 30jährigen Abbé Ducroz, Grossvikar des Erzbischofs von Paris, der besonders mit der Aufsicht über das Kloster Panthémont betraut ist, und dem 36jährigen Pater Télème, einem Franziskaner und Beichtvater der Novizen und Pensionärinnen des Klosters. Mit cynischer Offenheit erklärt die Delbène der erstaunten Juliette, dass man sich hier mit den Priestern zum Zwecke sexueller Ausschweifungen und Grausamkeiten (horreurs, atrocités), versammle, möglichst fern von der Oberwelt. Hier werden die grossen „Verbrechen“ begangen. Bei den nun folgenden Orgien spielt die natürliche und künstliche Paedicatio inter mulieres et viros eine grosse Rolle; sie wird besonders den unverheirateten Mädchen empfohlen mit der Begründung: point d’enfants, presque jamais de maladies, et des plaisirs mille fois plus doux. Juliette muss die auf einem Tische festgeschnallte Laurette deflorieren, worauf ein opulentes Mahl mit den feinsten Weinen in einem Nebengemach aufgetragen wird, bei dem die arme Laurette bedienen muss und alle Personen nackt am Tische sitzen. Die Volmar manustuprat monachos über einer Punschbowle, in die Juliette mingit, worauf die andern Frauen aus derselben trinken. Dann kehrt man in den Saal zurück, und Delbène giebt sich auf dem Sarge einer von ihr ermordeten Nonne hin. Plötzlich werden dann durch den Flug einer Nachteule die Lichter verlöscht, und die Orgie hat ein Ende.
Nach dem Bankerott und Tode ihrer Eltern wird Juliette von der Delbène sofort entlassen und ihr der Rat erteilt, in das Bordell einer gewissen Duvergier einzutreten, wo auch ihre Freundin Euphrosine sich befindet. Juliette befolgt den Rat und trennt sich von ihrer Schwester Justine.
Vom Kloster kommt also Juliette ins Bordell, wo sie allerlei Abenteuer erlebt. Die einsame Lage dieses Bordells haben wir bereits geschildert (S. 135). Juliette verkehrt hier mit Prinzen, Edelleuten, reichen Bürgern u. s. w., ist bald als Hofdame, bald als Grisette, bald als „Poissarde“ gekleidet und kommt allen möglichen Gelüsten entgegen. Sie schliesst Freundschaft mit Fatime, einer 16jährigen Prostituierten, deren Spezialität das Bestehlen ihrer Kunden ist, wozu einer der berühmtesten Diebe von Paris, Dorval, sie angeleitet hat, der sich durch seine Spione über alle in Paris ankommenden Fremden unterrichten, diese durch Dirnen verführen und berauben lässt, wobei er heimlich zuschaut, unter starker sexueller Erregung. Er besitzt bereits 30 Häuser. Eines Tages müssen Juliette und Fatime zwei ehrliche Deutsche Scheffner und Conrad, bestehlen, nachdem sie dieselben durch Weine berauscht haben. Diese werden dann nackt in einer finsteren Strasse ausgesetzt. Dorval, dessen sexuelle Perversität der cunnilingus post coitum alterius viri ist, entwickelt in einer langen Rede seine Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls, dieser „pierre angulaire de la société.“ Darauf lässt er Fatime und Juliette in eine dunkle Folterkammer werfen, wo er sie durch zwei Knechte entkleiden lässt und dann unter ungeheurer erotischer Erregung seinerseits ihnen das Todesurteil verkündet, das an dem bereitstehenden Galgen vollzogen werden soll. Es wird dann an Beiden eine Scheinhinrichtung vollzogen. Dorval befriedigt seine Lust an den Scheintoten, die darauf nackt in einem Wagen zur Duvergier zurückgebracht werden.
Hierauf wird Juliette zu dem Erzbischof von Lyon in die Abtei von Saint-Victor in Paris geschickt. Dieser Gotteshirte paedicat eam unter Assistenz einer gewissen Lacroix und wird zum Schluss von einer dritten Frau mit Ruthen gepeitscht.
Nachdem Juliette glücklich der Gefahr der Ansteckung durch einen mit schwerer Syphilis behafteten Mann entgangen ist, der besonders durch den Gedanken ergötzt wird, seine Schönen zu infizieren, macht sie die Bekanntschaft eines gewissen Noirceuil, eines reichen Wüstlings und grandiosen Bösewichts. Dieser empfindet das absonderliche Bedürfniss, dass seine Frauen — er besitzt deren bereits die 18te — Zeuginnen aller seiner Ausschweifungen und ihm sogar dabei behilflich sein müssen. Ausserdem begehrt er nur Jungfern. Zwei nackte Knaben müssen während dieser Orgien seine eigene Frau schlagen und stechen. Diese muss dann ebenfalls in adamitischer Tracht bei dem der Orgie folgenden Mahl Noirceuil und seine Maitressen bedienen.
Noirceuil macht der Juliette ein überraschendes Geständnis: „Ich habe Ihren Vater wohl gekannt. Ich bin nämlich der Urheber seines Bankerotts. Ich habe ihn ruiniert. Ich verfügte einen Augenblick über sein ganzes Vermögen, konnte es verdoppeln, oder es in meine Hände übergehen lassen! Consequent meinen Principien habe ich mich ihm vorgezogen. Er ist im Ruin gestorben, und ich habe 300000 Livres Rente. Nach diesem Geständnis müsste ich nun eigentlich das Unglück gut machen, in das ich Sie gestürzt habe. Aber das wäre eine Tugend. Ich werde das nicht tun; denn ich verabscheue die Tugend zu sehr. Dies richtet unübersteigliche Schranken zwischen uns auf. Ich kann Sie nicht wiedersehen.“ — Nach dieser gemütlichen Auseinandersetzung des Verderbers ihres Vaters bricht Juliette in ein Jubelgeschrei aus: „Schrecklicher Mensch, wie sehr ich auch das Opfer Deiner Laster bin, ich liebe dieselben! Ja, ich bete Deine Grundsätze an.“ — „O, Juliette, wenn Du alles wüsstest!“ — „Lass mich alles erfahren!“ — „Dein Vater, Deine Mutter!“ — „Was denn?“ — „Ihre Existenz konnte mich verraten... Ich musste sie opfern; ich habe sie kurz hintereinander durch ein Gift umgebracht, das ich ihnen beim Souper in meinem Hause ins Essen mischte.“ Nach dieser schrecklichen Enthüllung ruft Juliette: „Ungeheuer, Du machst mich schaudern, aber ich liebe Dich!...“ „Den Henker Deiner Familie?“ — „Was macht das? Ich urteile über alles ‚par les sensations‘. Die von Dir Gemordeten haben mir keine solchen Sensationen erregt, aber Dein Geständnis, dass Du ihr Mörder bist, entflammt mich, und erregt meine Geschlechtslust.“ Die Idee, de devenir la putain du bourreau de tous ses parents, verursacht ihr höchste Wonne. Noirceuil, hoch erfreut, eine solche Gesinnungsgenossin gefunden zu haben, behält sie bei sich in seinem Hause. Sie besucht aber immer noch das Bordell der Duvergier. Diese hält auch ein Absteigequartier für vornehme, sich prostituierende Damen und junge Mädchen, die alle mit einem mehr oder weniger hohen Grade von Nymphomanie behaftet sind und ihr Leben teils in der Predigt und Messe, teils im Bordell verbringen. Darunter befinden sich wieder verschiedene sexualpathologische Typen. Die Herzogin von Saint-Fal, die Tochter eines Parlamentsrates, verkauft gern ihre „pucelage antiphysique“ und eine Frau liebt nur den Umgang mit Priestern.[578] Noirceuil bekommt jeden Abend von der Duvergier eine Jungfrau geliefert, die in Gegenwart Juliettens, der beiden Knaben und seiner Gattin ein Opfer seiner Lüste wird. Einmal lässt die Duvergier Juliette und sechs andere Mädchen an einer Orgie bei einem Millionär Mondor teilnehmen. Mondor, ein decrepider Greis von 66 Jahren, bedarf endloser Vorbereitungen, um sein Ziel zu erreichen. Er muss durch eine tribadische Szene der sechs Mädchen, durch künstliche Paedicatio und durch defaecatio in os potent gemacht werden ad paedicationem. Juliette stiehlt diesem erotischen Scheusal 60000 Fr., findet aber bei ihrer Rückkehr nach dem Hause Noirceuil, dass sie dort gleichfalls bestohlen worden ist und zwar von Noirceuil selber, der aber Juliettens Kammermädchen Gode anschuldigt und ins Gefängnis Bicêtre werfen lässt, nicht ohne vorher diese Heldenthat durch eine Orgie gefeiert zu haben und nicht ohne nachher einen grossen Vortrag über das Verbrechen und dessen Nützlichkeit zu halten. — Juliette trifft sich dann im Auftrage der Duvergier mit drei jungen Modistinnen im Café de la Port Saint-Antoine, um zu einem Herzog Dendemar in St.-Maur zu fahren, dessen Manie die Flagellation von Mädchen, am liebsten von nicht prostituierten ist, wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlt. Auch lacerat digitis cunnum, bindet um Juliettens Leib einen Dornenkranz, giesst brennendes Oel über die nackten Leiber der vier Mädchen. Juliette bestiehlt ihn ebenfalls um eine grosse Summe, trennt sich dann endgültig von der Duvergier und lebt ein Jahr im Hause Noirceuils, ab und zu auf eigene Abenteuer ausgehend, bis Lubin, der Kammerdiener des von ihr bestohlenen Herzogs Dendemar sie eines Tages sieht, sie überfallen und gefangen setzen lässt. Sie wird aber von Noirceuil durch Vermittelung des Staatsministers Saint-Fond befreit und veranlasst, dass eine ihrer Begleiterinnen zu dem Herzog Dendemar als die Diebin denunciert wird, worauf sich Noirceuil und Juliette an dem Gedanken wollüstig berauschen, dass nun die unschuldige Minette wegen des ihr aufgebürdeten Diebstahls gehängt werden wird. Noirceuil teilt Juliette mit, dass sein Freund Saint-Fond aus Freude über ihr Verbrechertalent ihr eine sehr bedeutende Summe schenkt. Darauf begeben sie sich zu einem Souper bei diesem Minister.
Saint-Fond ist ein Mann von 50 Jahren, ein falscher und grausamer Wüstling, Verräter und Dieb. Er hat zahlreiche „lettres de cachet“ angefertigt, und mehr als 20000 Menschen schmachten auf seine Veranlassung in den königlichen Festungen, von denen, wie er sagt, „nicht ein einziger schuldig ist.“ Der erste Parlamentspräsident d’Albert ist ebenfalls beim Souper anwesend. Ausserdem Madame Noirceuil, vier Jungfrauen und Juliette. Sechs nackte als Frauen frisierte Knaben servieren. Jeder der drei Wüstlinge hat also je zwei Knaben zu seiner Verfügung. d’Albert verspricht Julietten einen Sicherheitsbrief, der sie gegen jede gerichtliche Verfolgung, für welches Verbrechen es auch sei, schütze, und Saint-Fond sichert ihr das gleiche zu, verlangt aber, stets von ihr mit der gebührenden Hochachtung behandelt zu werden und stets von ihr mit dem seinem Reichtum und Range gebührenden Titel „Monseigneur“ angeredet zu werden. Er gehört zu den wenigen „Genossen“, die wie die Gestirne am Firmament die Welt erleuchten, ohne jemals zu ihr herabzusteigen, kurz, er leidet an Grössenwahn und dünkt sich mehr zu sein als der König. Er hasst die ganze Welt ausser Noirceuil, d’Albert und einigen Anderen. In sexueller Beziehung non amat anum nisi sordidum, faeces edit atque ejaculatio ejus maximo fit cum delirio. Dabei wird er als der Typus eines schönen, kraftvollen und gesunden Menschen beschrieben. Er ist Alkoholist. Im Verlauf der nun folgenden Orgie wird die Frau des Noirceuil auf schreckliche Weise getötet. Man reibt ihr den ganzen Körper mit Spiritus ein, steckt brennende Lichter in omnia orifica corporis, so dass sie am ganzen Leibe verbrannt wird und vergiftet sie schliesslich, wobei unter dem Jauchzen des Gatten Noirceuil die übrigen Anwesenden dem Todeskampfe zuschauen. Juliette wird dann von dem Minister Saint-Fond zur Arrangeurin seiner geheimen Orgien bestimmt, richtet sich mit seinem Gelde ein grosses Hôtel in der Rue du Faubourg Saint-Honoré ein, erwirbt ein hübsches Landgut oberhalb von Sceaux, eine sehr wollüstig eingerichtete „petite maison“ an der Barrière Blanche, das für die Soupers seiner Excellenz bestimmt ist. Sie wird als 17jährige Schönheit in die sie bewundernde Gesellschaft eingeführt, hat vier Kammerfrauen, eine Vorleserin, zwei Nachtwärterinnen, eine Haushälterin, einen Coiffeur, einen Koch, zwei Dienerinnen, drei Equipagen, zehn Pferde, zwei Kutscher, vier Lakaien und zwölf — Tribaden zu ihrer Verfügung. Ausserdem setzt sie der Minister, der Giftmord im Grossen betreibt, an die Spitze des „Departements der Vergiftungen“. Er setzt ihr die Notwendigkeit auseinander, in der sich oft der Staat befindet, irgend eine unbequeme Persönlichkeit zu beseitigen. Juliette soll diese Leute vergiften und für jeden Mord 30000 Francs bekommen. Es sind wohl fünfzig in jedem Jahr. Das macht für sie eine Rente von 1500000 Francs. Die Opfer der geheimen Orgien — denn man tötet gewöhnlich drei Mädchen bei jedem Souper — es giebt zwei Soupers in der Woche — werden das Stück mit 20000 Francs bezahlt. Juliette erhält also 12000 Livres Rente aus ihren persönlichen Einkünften, eine monatliche Pension von Noirceuil, eine Million von Saint-Fond für die allgemeinen Kosten der Soupers, die Anweisungen auf 20 oder 30000 Francs für jedes Opfer, im ganzen jährlich 6734000 Francs. Saint-Fond fügt noch 210000 „Livres de menus plaisirs“ hinzu. Er kann dies ja mit Leichtigkeit thun, da es nicht sein Geld ist, sondern das des Staates, den er ausplündert.
Die Amüsements bei den „petits soupers“ und in den wollüstigen Boudoirs der Barrière-Blanche beginnen nunmehr und werden von Juliette in der vortrefflichsten Weise geleitet. Saint-Fond, der zu diesen Vergnügungen auch einen königlichen Prinzen zugezogen hat, lässt durch Juliette seinen eigenen Vater vergiften, führt dann zusammen mit Noirceuil seine Tochter, mit der er längst im Incest lebt, zu dem Sterbenden und ante oculos ejus eam paedicat. Dasselbe thut Noirceuil. Welch ein Genuss für Saint-Fond! Er ruft triumphierend aus: „Je parricidais, j’incestais, j’assassinais, je prostituais, je sodomisais!“ Hierauf folgt ein luxuriöses Mahl, bei dem kleine Mädchen brennende Lichter ano inseruntur, so dass sie schliesslich verbrannt werden. Andere Mädchen werden auf den Bratspiess gesteckt und lebendig geröstet. Juliette wünscht noch eine jüngere Freundin und in Grausamkeiten erfinderische Gehilfin, worauf man sie mit Lady Clairwil, einer kalten, herzlosen englischen Schönheit bekannt macht. Diese, den Freuden der Tafel bis zum Uebermass huldigende Gourmande, ist leidenschaftliche Tribade und Männerfeindin. Sie verübt nur gegen Männer ihre Grausamkeiten. Sie liebt passive und aktive Flagellation in gleicher Weise, was sie gleich bei einer tribadischen Orgie mit Juliette und vier anderen Frauen beweist. Zum Ueberfluss engagiert Saint-Fond noch den Henker von Nantes, Delcour, zur Vollziehung der geheimen Hinrichtungen. Der Gedanke, mit einem veritablen Henker zusammen zu sein, erregt in Juliette die höchste Wollust. Sie lässt sich von Delcour, der ausführt, dass besonders die Libertinage zur Grausamkeit und zum Verbrechen führe, flagellieren und zugleich mulier ei cunnilingum facere debet. Darauf werden unter Assistenz von Clairwil und Delcour die entsetzlichsten Grausamkeiten verübt. Cloris, ein Verwandter Saint-Fond’s, dem dieser seine ganze Carrière verdankt, wird gerade deswegen zum Opfer ausersehen, zumal da seine Frau und Tochter dem begehrlichen Ansinnen des Saint-Fond nicht nachgegeben haben. Dieser hat die beiden Frauen bei der Königin Marie-Antoinette verleumdet, die ihm drei Millionen (!) für ihre Ermordung zur Verfügung stellt. Nachdem die ganze Familie in die Falle gelockt ist, wird sie zunächst gezwungen, die scheusslichsten Arten von Incest mit einander zu begehen. Dann werden Vater, Mutter und Kinder, einer nach dem anderen, hingemordet. Recht langsam muss der Henker Delcour der Tochter des Cloris den Hals abschneiden, damit Saint-Fond als ihr Paedico maximam habeat voluptatem. Juliette hat einen Saal schwarz drapieren lassen, in dessen zahlreichen Nischen sich puellae nudae befinden. Die Köpfe der Getöteten werden dort aufgehängt, um später der Königin gebracht zu werden. Ausserdem befestigt man an den Wänden die — Nates! Zahlreiche Folterinstrumente werden herangeschleppt. Ein Mädchen Fulvie wird gerädert. Anderen werden die Augen ausgestochen, die Glieder zerbrochen. Ein Jüngling wird in einen hohlen, innen mit scharfen Klingen besetzten Cylinder, den ein Folterknecht wie eine Kaffeemühle dreht, in kleine Stücke zerschnitten.
Nach einigen Tagen werden Clairwil und Juliette von Verwandten des ermordeten Cloris überfallen, aber durch Saint-Fond befreit, wobei Clairwil und Juliette in coitu zwei Männer erschiessen. Saint-Fond erdrosselt in derselben Situation ein Mädchen. Faustine und Felicitas, Dormon und Delnos, die beiden Schwestern der Frau Cloris und ihre Verlobten, werden nach einem „enormen Diner“ geopfert. Dormon wird „in einem Augenblick“ geknebelt, die Clairwil zerfleischt ihn mit den Zähnen, worauf er von zwei alten Weibern aufs Rad geflochten wird. Faustine, die mit den Haaren an der Decke aufgehängt ist, stirbt vor Schreck. Delnos wird von Juliette mit Nadeln zerstochen[579], Felicitas wird lebend „gepfählt“. Clairwil lässt den noch lebenden Delnos wie „Jésus, ce plat coquin de Galilée“, kreuzigen. Zum Schluss wird ein natürlicher Sohn des Saint-Fond, der Marquis de Rose vergiftet. Ebenso lässt Saint-Fond die Mutter des Marquis umbringen, um sich in den Besitz ihres grossen Vermögens zu setzen.
Auch auf ihrem Landgut verübt Juliette Greuelthaten. So fährt sie eines Tages in der Umgebung von Sceaux spazieren, kommt an die Hütte eines braven Bauern, der über den Besuch einer „so grossen Dame“ ganz ausser sich gerät. Sie lobt die Reinlichkeit und Ordnung in dem Häuschen, die heiteren Mienen der Kinder, das anständige Verhalten der Familie und — benutzt einen Augenblick der Abwesenheit des armen Mannes, um Feuer anzulegen. Dieser findet bei seiner Rückkehr die Hütte in Flammen, die Kinder lebendig verbrannt, da Juliette Sorge getragen hat, alle Ausgänge verschliessen zu lassen. Sie amüsiert sich über den Schmerz des Unglücklichen und eilt dann nach Paris, um ihr Heldenstück der Lady Clairwil zu erzählen. Diese runzelt beim Anhören der Geschichte die Stirne wie ein Institutsprofessor. Denn es fehlt noch etwas. Man hätte den Bauern selbst als Brandstifter anzeigen müssen, damit er gehängt oder gerädert worden wäre!
Diese vortreffliche Lehrerin führt Juliette, um deren mangelhafte Erziehung zu vollenden, in die „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ ein, deren Haus sich in einer Vorstadt von Paris befindet. Die Einrichtung desselben ist bereits beschrieben worden (S. 137). Nach Vorlesung der 45 Statuten, aus denen hervorgeht, dass nur die grössten Verbrecher und Lüstlinge in diese ehrenwerte Gesellschaft aufgenommen werden, wird Juliette aufgenommen, und unerhörte erotische Ausschweifungen folgen, an denen wiederum die Geistlichkeit sehr stark beteiligt ist. Episcopus in nasum suum mingi imperat. Femina ad feminae alterius mammam defaecat. Julia clysteribus excitatur. Ein Mann lässt sich eine grosse Zahl von Nadeln in die testes et nates stossen. Ein Anderer per duas horas lingit os, oculos, aures, nares, spatia interdigitalia pedum, anum. Senex devorat faecem filiae, quam paedicat. Depilat alter cunnum filiae lingua lambens anum. Clairwil trinkt das Blut eines von ihr getöteten Knaben und edit testes. In vier Sälen für „Masturbation, Geisselung, Folter und Hinrichtungen“ werden diese scheusslichen Wollustorgien gefeiert und die grässlichsten Inceste begangen. An bombastischen Reden über die Herrlichkeit des Lasters fehlt es ebenfalls nicht, und man ist im Zweifel, wer das meiste Vergnügen hat, der „coniste“, der „bougre“, der „masturbateur“ oder der „f...... en bouche“!
Aber weder Saint-Fond, noch Noirceuil, weder ihr halbes Dutzend Lakaien, das aus den stärksten Kerlen ausgewählt ist, noch ihre zwölf Tribaden, noch Clairwil, die alle zusammen aufwiegt, weder die zahllosen männlichen und weiblichen Opfer, die Soupers und die Harems der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“, können dem unersättlichen Temperament unserer Heldin Genüge leisten. Sie braucht noch allerlei sonstige Zerstreuungen. Clairwil und Juliette gehen bei dem Karmelitermönch Claude zur Beichte, bei welcher Gelegenheit sie entdecken, dass dieser wunderbare Mann drei — Testikel hat und er ihnen gesteht, dass er seinen Klosterbrüdern als Pathicus diene und auch ein grosser Atheist sei. An der Barrière de Vaugirard hat dieser Diener Gottes ein kleines Separatlogis, in dem die beiden Freundinnen gute Weine, mollige (mœlleux) Sophas und eine ausgewählte pornographische Bibliothek finden, ausserdem Godmichés, Condome und „Martinets“. Aber lange soll die Freude des braven Mönches nicht dauern. Er wird eines Tages von den Beiden in einen Hinterhalt gelockt und ablatione membri virilis facta, das Clairwil als Godmiché benutzt, getötet.
Kurz darauf präsentiert sich bei Juliette ein gewisser Bernole, ein schmutziges und zerlumptes Individuum und erklärt ihr wichtige Enthüllungen machen zu wollen. Sie erfährt, dass der reiche Banquier, dessen Tochter sie zu sein glaubt und der als ihr angeblicher Vater durch Noirceuil ruiniert wurde, ihr Vater nur kraft des juristischen Grundsatzes sei: Pater is est, quem nuptiae demonstrant. Bernole ist ihr wirklicher Vater und liefert ihr den Beweis dafür. Alsbald keimt der Gedanke eines Incestes mit diesem Elenden in der zartfühlenden jungen Dame auf. Sie realisiert diese Idee und lässt sich absichtlich von ihrem eigenen Vater schwängern, den sie dann in Gegenwart der sich an ihr sexuell bethätigenden Noirceuil, Saint-Fond und Clairwil erschiesst! Sie übernimmt dann die Erziehung der Tochter Saint-Fond’s, die Noirceuils Frau werden soll, aber, wie wir wissen, bereits von ihrem eigenen Vater in alle sexuellen Geheimnisse eingeweiht ist, trotzdem von Juliette darin noch „vervollkommnet“ wird. Sie muss einer Orgie in dem Karmeliterkloster beiwohnen, bei der zwei „Satansmessen“ gelesen werden. Von dem Grafen Belmor, dessen Bekanntschaft sie durch Noirceuil machen, können Beide viel lernen. Er hat die Manie, kleine Knaben auf den Schultern einer schönen Frau festbinden zu lassen, sie bis aufs Blut zu flagellieren und dann anum pueri ex quo sanguis decurrit usque ad anum feminae lingua lambere. Vor allem aber ist er ein vorzüglicher Statistiker der Wollust und hat ausgerechnet, dass ein Wüstling leicht im Laufe eines Jahres 300 Kinder verderben kann; das macht in 30 Jahren 9000. Und wenn jedes verderbte Kind ihm nur zum vierten Teil nachahmt, was mehr als wahrscheinlich ist, und jede Generation nach 30 Jahren ebenso handelt, so wird jener Wüstling nach zwei Menschenaltern 9 Millionen Lasterhafte um sich sehen!
Juliette, die sich von einem berühmten Accoucheur ihr im Incest empfangenes Kind hat abtreiben lassen, besucht mit Clairwil die im Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin und Kartenlegerin Durand, die nur wahrsagen kann, nachdem sie das Blut der betreffenden Person hat fliessen sehen. Sie prophezeit, dass Clairwil nicht länger als fünf Jahre leben wird, und dass Juliette ins Unglück gerät, sobald sie aufhört, lasterhaft zu sein. Nach einem hysterischen Anfalle dieser blutdürstigen Giftmischerin werden Clairwil und Juliette in die Geheimnisse der Giftmischerei eingeweiht, und mehrere Vergiftungen werden ausgeführt, die von den Messalinen bejubelt und durch anthropophagische und fetischistische Excesse gewürzt werden. (Clairwil cor pueri eripit et vaginae inserit.)
So vergehen zwei Jahre, in denen Juliette ganz vertiert und nur noch an den seltsamsten und aussergewöhnlichsten Genüssen Geschmack findet. Sie ist bald 22 Jahre alt. Da teilt ihr Saint-Fond in einer vertraulichen Unterhaltung einen wahrhaft infernalischen Plan mit. Er will Frankreich entvölkern und zwei Drittel der Einwohner verhungern lassen! Dies macht selbst die hartgesottene Juliette schaudern. Saint-Fond bemerkt es und zieht sich wütend zurück. Juliette empfängt von Noirceuil ein Billet mit der Mitteilung, dass Saint-Fond sie wegen ihres „Rückfalles in die Tugend“ zu verderben trachte und dass sie daher so schnell wie möglich Paris verlassen möge. So verlässt sie Hals über Kopf das Haus Saint-Fond’s und ruft bei der Flucht aus: „O verhängnisvolle Tugend! Du hast mich wieder einmal einen Augenblick getäuscht! Jetzt fürchte ich aber nicht mehr, dass man mich nochmals zu den Füssen Deiner schändlichen Altäre finden wird. Ersticken wir die Tugend für immer. Sie ist nur dazu da, um den Menschen zu verderben. Und das grösste Unglück, das einem in dieser ganz verderbten Welt zustossen kann, ist das, sich allein vor dieser allgemeinen Corruption schützen zu wollen!“ Sie begiebt sich, nachdem sie 1500 Livres, ihre Diamanten und Kleinodien, sowie ihre „geschickteste“ Tribade als Kammerfrau mitgenommen hat nach Angers, wo sie ein Bordell im Stil der Duvergier eröffnet, bald den Adel der Provinz bei sich versammelt und viele Liebhaber findet. Der reiche vierzigjährige Graf von Lorsange, der über eine jährliche Rente von 50000 Livres verfügt, heiratet sie, nachdem sie ihm unter scheinheiligen Thränen ihr ganzes früheres Leben enthüllt hat. In einem tugendreichen Vortrage, der dem Redner selbst Thränen entlockt, sucht der treuherzige Graf die büssende Magdalena in ihrer neuen Tugendhaftigkeit zu befestigen. Aber diese „hübsche kleine Rede“ hat Juliette keineswegs überzeugt. Nachdem sie eine Zeit lang das ihr allerdings neue eheliche Leben ertragen hat, siegt ihre „Vernunft“ über „Vorurteil und Aberglauben“. Sie versüsst sich die zwei mit dem „harmlosen“ Manne verlebten „monotonen“ Jahre durch heimliche Excesse, besonders durch tribadische Genüsse, bis sie bei einer Messe den famosen Abbé Chabert, eines der früheren Mitglieder der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ trifft. Jetzt beginnt die alte Herrlichkeit wieder. Feste und Orgien werden gefeiert, obgleich Juliette die Zeit findet, einem Töchterchen das Leben zu geben, um „das Vermögen des Mannes sich zu sichern“. Doch fängt dessen Existenz schon an, sie zu genieren, und als sie nun gar erfährt, dass Saint-Fond ihr nachstellt, beschliesst sie, Frankreich zu verlassen, vergiftet ihren Mann, der in den Armen des Heuchlers Chabert stirbt und seine Witwe als Besitzerin von 50000 Livres Rente zurücklässt. Versehen mit vielen Empfehlungsbriefen des Abbé geht Juliette nach Italien und lässt ihre Tochter bei Chabert zurück.
Wie wohl fühlt sie sich in der Heimat eines Nero und einer Messalina! Sie will das Land nicht als einfache Reisende kennen lernen, sondern ihr Plan geht dahin, als „berühmte Courtisane“ zu reisen und sich überall als solche anzukündigen. So kommt sie zuerst nach Turin, der „regelmässigsten und langweiligsten“ Stadt Italiens, wo ihr das fromme abergläubische Volk, das wenig Sinn für Vergnügungen hat, gar nicht gefällt. Sofort nach ihrer Ankunft lässt sie die Signora Diana, die berühmteste „appareilleuse“ der Stadt benachrichtigen, dass eine junge und hübsche Französin zu „vermieten“ sei. Alsbald kommen Grafen, Herzöge, Marquis u. s. w. in hellen Scharen zu der Abenteurerin gewallfahrtet. Denn wie der Herzog von Chablais sagt, bei dessen Soupers Juliette glänzt, es ist „die Geschichte aller Französinnen: ihr Wuchs und ihre Haut sind entzückend. Es giebt hier so etwas nicht.“ Auch der König von Sardinien lässt nicht auf sich warten, dessen Manie das — Klystieren ist. Juliette sagt dem „Kaiser der Murmeltiere“ einige Wahrheiten über Savoyen. Von einem gewissen Sbrigani, einer Molière’schen Figur, lernt sie die Geheimnisse des Falschspielens kennen und nimmt dann in einer von ihr errichteten Spielhölle den Grafen und Marquis fabelhafte Summen ab. Sbrigani soll sie als Gatte auf ihrer weiteren Reise begleiten. Sie gelangen zunächst nach Alessandria, wo ein reicher Herzog ausgeplündert wird und ihnen die Kleinstaaterei Italiens bei der Flucht vortrefflich zustatten kommt. In Bologna finden sie die tribadische Kunst aufs höchste entwickelt und beteiligen sich an einer derartigen Orgie in einem Nonnenkloster. Die Reise über die Apenninen verschafft ihnen die Bekanntschaft mit einem sieben Fuss drei Zoll hohen Riesen und anthropophagischen Ungeheuer. Minski — so heisst das Scheusal — lebt als „Eremit des Apennin“ in einem befestigten Hause auf der Insel eines Teiches. Die Stühle in diesem Hause sind aus menschlichen Knochen angefertigt; das Haus selbst ist voll von Skeletten. In unterirdischen Kellern sind die zur Verspeisung bestimmten Opfer eingesperrt. Minski stammt aus dem Grossfürstentum Moskau, hat grosse Reisen gemacht, um die „Unzucht und die Verbrechen auf der ganzen Erde zu studieren und nachzuahmen“. Er hat sich jetzt in die Einsamkeit zurückgezogen, um im Verborgenen seinen verbrecherischen Gelüsten freien Lauf zu lassen. Er ist hauptsächlich Menschenfresser und schreibt dieser lieblichen Gewohnheit seine aussergewöhnliche Kraft zu. Er lauert den Reisenden auf, die dann später als Braten und Ragoûts auf seinem Tische serviert werden. Auch Juliette, ihre Kammerfrau und Sbrigani sollen diesem Schicksale nicht entgehen. Aber vorher macht er ihnen die Honneurs in seiner Wohnung und zeigt ihnen die sehr bevölkerten Harems, die Keller mit ungeheuren Schätzen. Bethört durch die Liebenswürdigkeit Juliettens verspricht er ihr schliesslich, sie am Leben zu lassen; wenn sie niemals einen Fluchtversuch machen werde. Nun giebt es jeden Tag eine neue Unterhaltung. Zunächst geht es zu Tische. Minski, ein extremer Alkoholist, trinkt 60 Flaschen Wein! Man isst an „lebenden Tafeln!“ Eine Reihe nackter Frauen, eine an die andere gedrückt, mit gebeugtem Rücken, unbeweglich, bilden die „Tafel“, auf welcher die Lakaien servieren. Kein Tischtuch ist nötig bei diesen schönen „croupes satinées“. Man trocknet sich die Finger an den wehenden Haaren der Frauen. Die Speisen sind vorzüglich. Juliette fragt nach dem Genusse eines besonders wohlschmeckenden Ragoûts, was es sei. Sie findet nicht heraus, ob es Rind- oder Kalbfleisch, Wildpret oder Geflügel ist. „Es ist Ihre Kammerfrau“, antwortet das Ungeheuer mit einem liebenswürdigen Lächeln. Die arme Tribade und treue Gefährtin ihrer Herrin ist in ein Ragoût verwandelt worden! Hiernach zeigt dieser charmante Menschenfresser seinen Gästen eine Menagerie wilder Tiere, lässt einige Frauen aus dem Harem holen und zwischen die Löwen und Tiger werfen. Das grösste Wunder aber ist eine Maschine, die 16 Menschen auf einmal erhängt, erdolcht und enthauptet. Das alles ist zwar recht amüsant, und Minski verspricht ihnen für die nächsten Tage noch mehr Ueberraschungen, aber Juliette traut der Sache nicht. Auch Sbrigani teilt ihre Befürchtungen. Sie beschliessen zu entfliehen. Sie mischt dem Menschenfresser Strammonium in die Chokolade aber nur soviel, dass er betäubt wird, denn „ein solches Scheusal darf man nicht töten“. Sie raubt aus seinen Schränken alle Schätze und nimmt zwei Frauen, Elise und Raymonde, mit. So kommen sie, beladen mit Bergen von Gold und Silber, nach Florenz.
Hier errichten sie eine Spielhölle, verbunden mit einem Bordell und einer Giftbude. Geld haben sie zwar nicht nötig, aber es macht ihnen Vergnügen, die Welt zu sehen, die Familiengeheimnisse zu erfahren, Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. In Florenz herrscht der Bruder der Marie-Antoinette, Leopold, Grossherzog von Toscana, bei dem „toute la morgue allemande éclate“. Bald werden Juliette und ihr Begleiter zu einer Orgie, die der Grossherzog und sein Beichtvater in Pratolino veranstalten und bei der Juliette sehr hochmütig als „Französin“ auftritt, eingeladen. Leopold, dieser „grand successeur de la première putain de France“ betreibt als Sport die künstliche Herbeiführung des Abortus der von ihm geschwängerten Frauen. Heute aber hat er etwas ganz Besonderes darzubieten. Er bewirtet Juliette mit einer Aufführung von Enthauptungen mit Musikbegleitung! Die Köpfe fallen nach dem Takte und à la ritournelle!
Interessant ist die Beobachtung Juliettens, dass in Florenz die Männer sich wie die Frauen und die Frauen wie die Männer kleiden und daher nirgends so viel Neigung zum gleichen Geschlecht vorhanden ist wie dort. Die Prostituierten leben in einem besonderen Stadtviertel. Tizians „Venus“ in den Uffizien veranlasst einen Excurs über die obscönen Darstellungen in der Malerei, wobei die „Venus von Medici“, der „Hermaphrodit“, „Caligula caressant sa sœur“ erwähnt werden.
Nachdem unsere Abenteurer noch eine tribadische Mutter und Tochter ermordet haben, kommen sie nach Rom, wo sie, mit reichlichen Empfehlungen versehen, bald die vornehmsten Beziehungen anknüpfen, Zutritt in alle Paläste finden und besonders die Gunst der tribadischen Prinzessin Olympia Borghese, der Kardinäle Albani und Bernis und des Herzogs von Grillo gewinnen und mit diesen alsbald sich den gewöhnlichen Ausschweifungen hingeben. Bernis dichtet in cynischer Selbstironie eine die Kaste der Jesuiten geisselnde Paraphrase der „Ode auf dem Priapus“. Die Borghese vergiftet ihren Vater und Juliette die Herzogin von Grillo. Beide beobachten in einem Bordell, wie Priester, Mönche, Abbés u. s. w. sich dort einschleichen. Dann kommt die Borghese auf die Idee, alle Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten von Rom in Brand zu stecken. Sie will dieselbe durch den Polizeidirektor Ghigi und den Grafen Bracciani, den ersten Physiker Europa’s, ausführen lassen. Ghigi lässt besonders gern die Menschen aufhängen, da er als Zuschauer gerade dadurch sexuell erregt wird, und führt auf Verlangen Juliettens und der Borghese eine solche Szene vor. Bracciani, dieser grosse Physiker, tötet durch einen „künstlichen Blitz“ ein Mädchen. Endlich werden die 37 Hospitäler Roms angezündet, wobei mehr als 20000 Menschen umkommen, und Olympia und Juliette in grösster sexueller Erregung zuschauen. Der Brand dauert acht Tage. Bei einer Orgie im Hause der Borghese erscheinen als Festteilnehmer ein Eunuch, ein Hermaphrodit, ein Zwerg, eine Frau von 80 Jahren, ein kleiner Knabe von 4 Jahren, eine grosse Dogge, eine Ziege[580], ein Affe und ein Truthahn! Bracciani nimmt sich des Truthahns an, dem die Borghese im Moment der Ejaculatio viri den Hals abschneidet. Die alte Frau hat natürlich in ihrem langen Leben viele Sünden begangen. Dafür wird sie zum Feuertode verurteilt und sofort auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt.
Juliette wird darauf dem Papste Pius VI. vorgestellt, den sie mit seinem früheren Namen Braschi nennt und dem sie eine derbe Predigt über den kirchlichen Aberglauben und die Unzucht der Päpste hält, was Pius VI., der selbst als schrecklicher Atheist und als ein geschlechtliches Ungeheuer geschildert wird, mit grossem Beifall aufnimmt. Bisweilen versucht er zwar, sie zu unterbrechen, wird aber durch ein: „Schweig, alter Affe!“ eingeschüchtert und ruft nach Beendigung dieser Rede aus: „O Juliette, man hat mir zwar gesagt, dass Du Geist hättest. Aber so viel hätte ich nicht erwartet. Ein solcher Grad von Hochflug der Ideen ist sehr selten bei einer Frau.“ Ein solches Weib möchte natürlich der heilige Vater gern besitzen. Juliette stellt ihm für ihre Hingabe die unwürdigsten Bedingungen, lässt sich dann von ihm den Vatikan und seine Gärten zeigen, wobei sie sehr cynische Bemerkungen macht. Die Zusammenkunft endet mit einer sehr intimen Szene, die auch dem Papste Anlass giebt, seine materialistischen und gotteslästerlichen Maximen zu entwickeln.[581] Beim nächsten Male wird eine grosse Orgie in der Peterskirche gefeiert. Der Papst celebriert selbst mehrere Satansmessen, an deren Schlusse einige Menschen getötet werden. Juliette siedelt nunmehr in das Schlafgemach des heiligen Vaters über und benutzt die Gelegenheit einer in der grossen Gallerie stattfindenden sexuellen Unterhaltung, um den Papst zu bestehlen. Hierauf reist sie mit Empfehlungen an die königliche Familie nach Neapel ab. Unterwegs wird sie von den Räubern des berüchtigten Brisa-Testa überfallen, auf dessen Schloss geführt und mit ihren Begleitern in einem dunklen Verliess eingesperrt. Sie hören von der blutdürstigen Frau des Räuberhauptmanns sprechen, der sie geopfert werden sollen. Juliette erkennt in derselben ihre alte Freundin Clairwil wieder, die eine Schwester des Brisa-Testa ist, aber mit diesem im Incest lebt. Brisa-Testa erzählt seine lange Lebensgeschichte, die ihn nach England, Schweden, Russland, Sibirien und der Türkei geführt hat. Er schildert die perversen Neigungen und Grausamkeiten der Kaiserin Katharina II., die sich im Winterpalais tribadischen Genüssen hingiebt, wobei sie die Knute weidlich gebraucht. Nach verschiedenen Vergnügungen bei den Räubern, die ebenfalls den Genuss von Menschenfleisch lieben, bricht Juliette mit Clairwil nach Neapel auf. Sie wird von König Ferdinand in Portici empfangen, hält ihm einen hochweisen politischen Vortrag über das Königreich Neapel und dessen Zustände, über die sittliche Verkommenheit der Bevölkerung, dieser „halbspanischen“ Nation,[582] und würzt ihre Rede mit heftigen Ausfällen gegen die Schwägerin des Königs, Marie-Antoinette. Die Königin Charlotte (Karoline) von Neapel ist eine leidenschaftliche Tribade, deren Reize „d’après nature“ Juliette gleich bei der ersten Bekanntschaft kennen lernt, bei der es zu einer tribadischen Szene zwischen den beiden kommt und der Godmiché sowie die defaecatio ad os eine Rolle spielen. Ferdinand ist Nekrophile. Paedicat cadaver eines von ihm erdrosselten Pagen. Die herrlichen Umgebungen Neapels, die aber auch die Erinnerungen an die Greuel Nero’s wachrufen, werden durch Orgien am Cap Misenum, in Puzzoli, in den Ruinen der Insel Procida, auf Ischia und Niceta entweiht. Im Venustempel zu Bajae geben sich Clairwil, Juliette und Olympia Borghese gemeinen Fischern hin, um dann zu vornehmeren Genüssen beim Prinzen von Francavilla, einem vollendeten Paederasten, zurückzukehren. — Er veranstaltet ein üppiges Gartenfest, wo herrliche Pavillons, wollüstig ausgestattete Kioske, stimulierende Flüssigkeiten, Massenflagellationen und — automatisch wirkende Phallusmaschinerien die Sinne erhitzen, und die Königin Karoline „trunken von Wollust und sehr erregt durch Weine und Liköre“ bacchantisch wütet. — Bei einem Besuch des Antikenmuseums in Portici sehen unsere Reisenden ein Gemälde, das einen Satyr mit einer Ziege in Verkehr zeigt, welcher Akt nach dem den Führer spielenden König Ferdinand noch heute in Italien oft ausgeführt werde.[583] Die Ruinen von Herculanum und Pompeji dienen als Stätten der Lust. Vespoli, der Beichtvater des Königs und Leiter seiner Orgien, hat in Salerno ein Haus für geheime Hinrichtungen und Folterungen eingerichtet. Er findet hauptsächlich Genuss an der Kreuzigung und an der sexuellen Befriedigung mit — Irrsinnigen! In Paestum wohnen die drei teuflischen Weiber bei einer tugendhaften Witwe, die drei junge unschuldige Töchter hat. Natürlich werden alle vergewaltigt und getötet genitalibus laceratis. Sorrent, Castellamare und die blaue Grotte werden dann besucht. Und auf Capri ahmt man die Thaten des ehemaligen Bewohners der Insel, des Kaisers Tiberius, nach. Man kehrt gerade zur rechten Zeit nach Neapel zurück, um ein grosses Volksfest mitzufeiern, bei dem es wild hergeht und 400 Personen getötet werden. Karoline und Juliette schmieden ein Complott gegen den König Ferdinand, das durch den folgenden von der Königin unterschriebenen Kontrakt gekennzeichnet wird: „Ich werde meinem Gatten alle Schätze stehlen und sie derjenigen geben, die mir das Gift liefern wird, das notwendig ist, um ihn in die andere Welt zu befördern“. Dieser Vertrag wird durch eine tribadische Szene besiegelt. Der nichts ahnende König erfreut Juliette noch durch zwei besonders seltene Darbietungen. Er lässt zwei Frauen auf eiserne Platten binden und diese mit solcher Gewalt auf einander stossen, dass die beiden Körper zerquetscht werden. Das Merkwürdigste aber ist das „Theater der Grausamkeiten“, dessen Aufführungen etwas ungewöhnlicher Art sind. Hinrichtungen und wieder Hinrichtungen! Das ist das beständige Programm der Vorstellungen. Jeder Eingeladene hat seine eigene Loge, in der sieben Gemälde mit sieben verschiedenen Arten von Hinrichtungen hängen: Feuer, Peitschung, Strick, Rad, Pfählung, Enthauptung, Zerstückelung. Ferner befinden sich in der Loge 50 Porträts von Frauen, Männern und Kindern. Jedem Porträt und jeder Art der Hinrichtung entspricht ein Apparat, den man durch einen Druck auf einen Knopf in Gang setzt, nachdem der Maschinist durch den Glockenton benachrichtigt worden ist. Erster Glockenton: Bezeichnung des Opfers, welches alsbald auf der Bühne erscheint. Zweiter Glockenton: Bezeichnung der Hinrichtung, welche alsbald von vier Henkern, „nackt und schön wie Mars“ vollzogen wird. O, das ist unerhört, das ist herrlich! Die Eingeladenen geben sich alle Mühe die amüsantesten Combinationen zu finden, und bei dieser einen „Vorstellung“ werden 1176 Personen vom Leben zum Tode gebracht. Der Autor versichert, dass das alles ganz genau so zugegangen sei und, wenn wir die Vorstellung gesehen hätten, wir sie nicht treuer hätten beschreiben können! Dieses Schauspiel begeistert Juliette und Clairwil zu einem besonders pikanten Verbrechen. Sie schwören ihrer treuen Begleiterin Olympia Borghese Verderben. Auf einer Spazierfahrt, die sie auf den Gipfel des Vesuv führt, stürzen sich die Beiden auf die ahnungslose Olympia, entkleiden sie und werfen sie in den Krater hinein, worauf sich ihre sexuelle Erregung in einer tribadischen Orgie Luft macht. Bei dieser erfolgt ein Ausbruch des Vesuv! „Ah, Olympia verlangt ihre Kleider!“ ruft die cynische Juliette, die sie ihr auch, aber erst, nachdem sie alle Wertgegenstände herausgenommen hat, hinunterwirft. — Inzwischen hat die Königin Karoline die Millionen des Königs bei Juliette in Sicherheit gebracht und will mit ihr nach Ermordung des Königs nach Frankreich entfliehen. Juliette denunciert sie aber bei Ferdinand, der die Königin einkerkern lässt, während die Anstifterin des Complotts mit allen Schätzen entflieht.
Clairwil und Juliette treffen die Giftmischerin Durand wieder, die aber Clairwil hasst und Juliette überredet, sie zu vergiften, indem sie ihr vorspiegelt, dass Clairwil ihr nach dem Leben trachte. Nach der Ermordung sagt die Durand kaltblütig: „Ich habe Dich belogen. Sie dachte nicht daran, Dich umzubringen. Aber ihre Zeit war um. Sie musste sterben.“ Der Vorfall wird bald über einigen ingeniösen Unterhaltungen mit Matrosen, denen die Beiden sich nächtlicherweile im Hafen von Ancona hingeben, vergessen. Sie kommen dazu, wie der Kaufmann Cordelli in einer Kirche den Leichnam seiner eigenen Tochter schändet. Dieses blutdürstige Scheusal besitzt ein „Schloss am Meer“, aus dem er seine Opfer ins Meer stürzen lässt, oder sie auch wie die unglückliche Raymonde in einen Schlangenkäfig sperrt, wo sie von den Schlangen gefressen werden. Aber er treibts nicht mehr lange. Die Durand und Juliette vergiften ihn und seine Genossen und bemächtigen sich seiner ungeheuren Reichtümer.
Sie reisen nach Venedig, wo sie ein Bordell im Stile der Madame Gourdan errichten, das sich eines eifrigen Besuchs von Seiten der vornehmen Welt zu erfreuen hat und wiederum Veranlassung zur Schilderung sexualpathologischer Typen giebt. Zuerst erscheint ein alter Prokurator von St.-Marcus, dessen Passion menstruirende Mädchen sind. Aber es darf nie dasselbe sein. Raimondi ist ein exquisiter „Voyeur“. Der Dritte ist ein „Lécheur“. Der Vierte bringt stets zwei Negerinnen mit, da er die Contrastwirkung liebt. Der Fünfte lässt sich anbinden und eine „Scheinhinrichtung“ an sich vollziehen. Der französische Gesandte stürzt Mädchen in einen flammenden Abgrund. Auch die Tribaden Venedigs erscheinen auf der Bildfläche. Die Zanetti sucht ihre Opfer in Kirchen und ist sehr erfahren in der „Bildung obscöner Gruppen“. Sie leidet an Kleptomanie. Ihr Geliebter ist Moberti, das Oberhaupt einer eleganten Verbrecherbande, der wie seine Freundin conträrsexual ist. Dieses Mannes grösster Kummer ist, dass es keinen Gott giebt und er ihn daher nicht beschimpfen kann. Eines Tages verwandelt sich der zärtliche Liebhaber in einen wilden Tiger. Er lässt sich nämlich im Bordell der Durand mit einem Tigerfell bekleiden und tötet durch seine „Bisse und Tatzen“ die Zanetti. — Eine zweite Tribade ist Signora Zatta, in ihren Allüren ganz Mann. Sie hat einen kunstvollen Phallus construirt, der mit Spitzen für mehrere orificia corporis versehen ist. — Ganz eigentümliche Gewohnheiten hat ein gewisser Cornaro. Er befriedigt sich an kleinen Knaben, aber nur, wenn deren — Mutter und Tante zugegen sind. Er giebt ein „anthropophagisches Souper“, bei dem die Durand, Juliette und Laurentia, die „verderbteste, lascivste und geistreichste Frau von ganz Italien“ zugegen sind. Neger und Negerinnen, Flagellanten, alte Weiber, kleine Knaben und Mädchen assistieren bei den nach dem Souper verübten Grausamkeiten, die Cornaro zu dem Ausruf begeistern: „Combien la nature corrompue est belle dans ses détails!“ — Silvia, eine vornehme Dame, angefeuert durch die sechste Satire des Juvenal, prostituirt sich wie Messalina im Bordell der Durand et dentibus lacerat genitalia. Ber Senator Beanchi bringt seine seit langem gehegte fixe Idee zur Ausführung, seine beiden Nichten zu prostituiren. — Alberti untersucht seine Opfer wie „Pferde“, hat es besonders auf gravide Frauen abgesehen, die er langsam zu Tode martert, indem er ihnen allmählich die Nahrung entzieht. — Der Senator Contanini bringt seine Tochter ins Bordell und gebraucht sie. Man spiegelt ihm später ihren Tod vor, um sie als Prostituirte auszubilden. Auch mit Giften und Wahrsagekünsten machen Juliette und die Durand gute Geschäfte. Sie werden von Zeno, dem Kanzler der Republik, zu einer Orgie geladen und geniessen mit Venetianerinnen bei einer Gondelfahrt die Freuden der lesbischen Liebe, die noch erhöht werden durch einen Sturm, der auf offenem Meere ausbricht. Juliette muss in dem Palais einer vornehmen Venetianerin deren Sohn und Tochter verführen. Auch der Rat der Zehn stellt sich ein.
Schliesslich nimmt aber die Herrlichkeit ein Ende. Das Bordell wird aufgehoben; das Vermögen der Durand und Juliettens konfisciert. Juliette geht nach Lyon, von wo sie Noirceuil über ihre bevorstehende Rückkehr nach Paris benachrichtigt und dem Abbé Chabert mitteilt, dass er ihre nun schon sieben Jahre alte Tochter Marianne ebenfalls nach Paris bringe, damit sie dort zur „Verbrecherin“ erzogen werde. Die Freude des Wiedersehens mit Noirceuil ist gross. Dieser hält gleich eine seiner grossen Reden und sagt, dass Juliette ihn noch tausend Mal schlechter wieder fände, als sie ihn verlassen habe. Er hat inzwischen auch Saint-Fond umgebracht. Sie feiern dann ihr Wiedersehen mit einem Morde. Juliette richtet sich in Paris ein Bordell ein, für Männer und Frauen, für welches sechs Kupplerinnen die Waren herbeischaffen. Juliette und Noirceuil schwelgen in wahrhaft grandiosen Ausschweifungen, in denen sie den Kaiser Nero und die Kaiserin Theodora zu übertreffen suchen. Noirceuil heiratet in einer Kirche unter Gebet, Segen und mit Zeugen seine beiden Söhne, Juliette ihre Tochter und ein von ihr verführtes Fräulein Fontanges! Die Freuden dieser in der Weltgeschichte einzigen Ehen dauern nicht lange. Bei einer Orgie, die Desrues und Cartouche als Henker mit ihrer Gegenwart beehren, werden die Söhne Noirceuils und Mademoiselle Fontanges unter grässlichen Foltern ermordet. Juliettens Tochter wird ins Feuer geworfen!
Hier endet Juliette ihre Erzählung vor den staunenden Zuhörern, nachdem sie noch hinzugefügt hat, dass sie in dem Dorfe, wo das Landgut Noirceuil’s liegt und wo das Wiedersehen mit Justine stattgefunden hat, alle Brunnen vergiftet und so den Tod sämtlicher Bauern herbeigeführt habe. Juliette schliesst ihren langen Bericht mit einer glühenden Apotheose des Lasters. Das ist die glückliche Lage, in der Ihr mich jetzt seht, meine Freunde! Ich gestehe es, ich liebe das Verbrechen leidenschaftlich. Dieses allein reizt meine Sinne, und ich werde seine Grundsätze bis zum letzten Tage meines Lebens verkünden. Frei von jeder religiösen Furcht, erhaben über die Gesetze durch meine Verschwiegenheit und meine Reichtümer, möchte ich die göttliche oder menschliche Gewalt kennen lernen, die mir meine Wünsche verbieten könnte. Die Vergangenheit ermutigt mich; die Gegenwart elektrisiert mich; ich fürchte wenig die Zukunft und hoffe, dass der Rest meines Lebens die Ausschweifungen meiner Jugend bei weitem noch übertreffen wird. Die Natur hat die Menschen dazu geschaffen, damit sie sich über alles auf der Erde amüsieren. Das ist ihr höchstes Gesetz und wird immer dasjenige meines Herzens sein. Um so schlimmer für die Opfer, die es geben muss. Alles würde im Universum zu Grunde gehen ohne die erhabenen Gesetze des Gleichgewichtes. Nur durch Frevelthaten erhält sich die Natur und erobert die ihr von der Tugend entrissenen Rechte wieder. Wir gehorchen ihr also, indem wir uns dem Bösen überliefern. Ein Widerstand wäre das einzige Verbrechen, das sie niemals verzeihen darf. O meine Freunde, überzeugen wir uns von diesen Grundsätzen, aus deren Verwirklichung alle Quellen des menschlichen Glückes entspringen.“
Mehr als einmal hat Justine während dieser langen Erzählung geweint. Nicht so der Chevalier und der Marquis. Nach der Rückkehr Noirceuils und Chaberts wird die Opferung dieser unverbesserlichen „Tugendhaften“ beschlossen. Im letzten Augenblick aber schlägt Noirceuil einen Schicksalsspruch vor, da eben ein heftiges Gewitter heraufzieht. Man bringt Justine ins Freie. Und siehe da! sie wird auf der Stelle vom Blitz erschlagen. Darob begeisterter Jubel der Genossen des Lasters. Die Natur hat gesprochen. Das Laster ist des Menschen einziges Glück. Während sie noch an der Leiche der unglücklichen Justine ihre Greuel verüben, erscheint plötzlich die Durand wieder auf der Bildfläche. Sie hat einen grossen Teil des in Venedig konfiszierten Vermögens gerettet. Zum Schluss wird Noirceuil zum Minister ernannt, Chabert wird Erzbischof, der Marquis wird Gesandter in Konstantinopel und der Chevalier bekommt eine Rente von 400000 Livres. Juliette und die Durand folgen ihrem geliebten Noirceuil zu neuen Herrlichkeiten, bis nach zehn Jahren glänzender Erfolge des Lasters Juliette stirbt.
„Wer einmal meine Geschichte schreibt“, hat sie ausgerufen, „der betitle sie: Die Wonne des Lasters!“
5. Die „Philosophie dans le Boudoir“.
Die „Philosophie dans le Boudoir ou les instituteurs immoraux“ erschien zum ersten Male 1795 als „Ouvrage posthume par l’auteur de Justine“ in 2 Bänden mit 5 Bildern, zum zweiten Male 1805 in 2 Bänden mit 10 Bildern und seitdem öfter.
Das Werk ist eine Nachahmung der „Education de Laure“ von Mirabeau und zum Teil auch der „Aloysia Sigaea“ des Nicolas Chorier. Das Hauptthema: die Erziehung eines jungen Mädchens zum Laster wird in Form von Dialogen und langen lehrhaften Vorträgen erörtert, die nur ab und zu von praktischen Ausführungen der gepredigten Ausschweifungen unterbrochen werden. Die Handlung tritt zurück hinter den theoretischen Erörterungen.
Charakteristisch für den Ton des Ganzen ist die Vorrede an die Wüstlinge: „Wüstlinge jeden Alters und beiderlei Geschlechts! Nur Euch widme ich dieses Werk; nährt Euch mit dessen Grundsätzen, die Euren Leidenschaften günstig sind. Diese Leidenschaften, von welchen Euch kleinliche und kalte Moralisten zurückschrecken, sind nichts weiter als Mittel, welche die Natur anwendet, um den Menschen ihre Zwecke in Beziehung auf ihn zukommen und sie ihn erkennen zu lassen; hört nur auf diese wonnigen Leidenschaften, ihr Organ ist das einzige, welches Euch zum Glück zu leiten im Stande ist.
„Schlüpfrige Weiber, deren Modell die wollüstige Saint-Ange sein möge, verachtet, ihrem Beispiele folgend, Alles, was mit den göttlichen Gesetzen des Vergnügens im Widerspruch steht und was das ganze Leben in Fesseln hält.
„Junge Mädchen, die Ihr lange in widersinniger Sklaverei gehalten worden seid, welche von einer phantastischen Tugend und ekelhaften Moral erfunden, Euch nur gefährlich werden muss, ahmt das Beispiel der glühenden Eugenie nach; reisset nieder und tretet mit Füssen, wie sie es thut, alle lächerlichen Lehren, die Euch von einfältigen Eltern eingeprägt wurden.
„Und Ihr liebenswürdige Wüstlinge, die Ihr seit Eurer Jugend keine anderen Zügel kanntet, als diejenigen, mit welchen Euch Eure Begierden leiten, anerkennt keine anderen Gesetze als Eure Launen; möge Euch der Cyniker Dolmancé zum Beispiel dienen! Geht so weit wie er, damit, wenn Ihr die ganze Bahn durchlaufen, welche von der Wollust mit Blumen bestreut, sich Euren Blicken darbietet, Ihr Euch überzeugt, dass es nur eine Lebensschule giebt, in welcher Ihr den Horizont Eures Geschmackes und Eurer Phantasien ausdehnen möget, dass man nur dann, wenn man seinem Genusse Alles opfert, seinen Lebenszweck erfüllt, dass endlich der Mensch, welcher diese sonst so traurige Welt bewohnt, nur auf diese Weise aus den Dornen des Lebens Rosen zu pflücken vermag.“
Skizzieren wir in aller Kürze die dürftige Handlung des Stückes. Im ersten Gespräch treten Madame de St.-Ange und ihr Bruder, der Chevalier de Mirvel auf. Die Erstere ist ein Juliette-Typus, die alles, was mit ihr in Berührung kommt, vergiftet. Ihr Bruder dagegen ist mehr receptiv und tritt in dem Buche hinter der kraftvolleren Individualität des Dolmancé zurück. Dieser ist ein im Laster consequenter Cyniker, der mit seiner geistreichen Sophistik stets die ganze Situation beherrscht. Er ist nach Mirvels Beschreibung durch seinen frühbegonnenen lasterhaften Lebenswandel hart geworden und besitzt anstatt des Herzens nur tierische Begierden. Er ist Paederast und hört nicht auf, in Apologien dieses Lasters zu schwelgen.
Eugenie von Mistival ist ein junges Mädchen, deren Mutter eine Betschwester ist und deren Vater ein Verhältnis mit Madame de St.-Ange unterhält. Letztere hat ihr schon einen theoretischen Unterricht im Laster erteilt, ihr alle Lehren der Religion und der reinen Moral ausgeredet und sie so umgarnt, dass Eugenie sich ganz ihrer Leitung anvertrauen will. So soll sie denn heute — die ganze Handlung spielt sich im Laufe eines einzigen Tages ab — in die Mysterien des Venusdienstes und — Sodoms eingeweiht werden. Eugenie kommt und verrät ihre wahre Natur sofort durch das Bekenntnis, dass sie ihre Mutter, diese alte Betschwester, hasse. Dolmancé erscheint als Letzter und nunmehr wird Eugenie, die errötend im Anfange Scham heuchelt, zuerst über die Anatomie und Physiologie der männlichen und weiblichen Genitalien cum demonstratione[584] belehrt und empfängt darauf in den Künsten der „amour physique“ und „antiphysique“ Unterricht. Später werden zu dem praktischen Unterricht auch der Chevalier und ein Gärtnerbursche und Idiot Augustin zugezogen, so dass Eugenie das Arrangement obscöner Gruppen kennen lernt. Gegen Abend, als Eugenie sich bereits in das grausamste erotische Scheusal verwandelt hat, kommt ihre Mutter, Madame de Mistival gerade zur rechten Zeit. Unter den Augen der jauchzenden Tochter wird sie scheusslich vergewaltigt, von einem Knecht Lapierre syphilitisch infiziert, und bevor man zu Tische geht, muss Eugenie an ihrer Mutter die Infibulation vollziehen.
Dies der Gang der Handlung. Mehr als Dreiviertel des Buches werden durch lehrhafte Excurse ausgefüllt.
6. Die übrigen Werke des Marquis de Sade.
„Justine“, „Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“ sind die Werke, denen der Marquis de Sade seinen herostratischen Ruhm verdankt. Alle übrigen zahlreichen Schriften desselben sind milde und erträglich im Vergleich mit den eben genannten. Marciat nennt deshalb die in ihnen zum Ausdruck kommenden Ideen den „petit sadisme“, den „kleinen Sadismus“.[585]
„Aline et Valcour ou le Roman philosophique, écrit à la Bastille un an avant la Révolution“, erschien zuerst 1793 in 4 Bänden, später im Jahre 1795. Girouard wurde 1792 mit dem Drucke dieses Werkes von Sade beauftragt. Der Drucker wurde aber in eine royalistische Verschwörung verwickelt, verhaftet und guillotiniert. Inzwischen war der Roman heimlich gedruckt worden, und erschien 1793 unter der Firma der Frau Girouard’s. Er fand wenig Käufer. 1795 wurden Exemplare mit neuem Titel in den Handel gebracht. In demselben Jahre erwarb der Buchhändler Maradan die Restexemplare, änderte nur Titel und Titelbild, und brachte das Werk so in den Handel.[586] Es ist, wie Marciat richtig vermutet, unzweifelhaft ein Vorbild der „Justine et Juliette“, da es fast dieselben Charaktere schildert. Valcour, ein tugendhafter junger Mann liebt Aline, die edle Tochter der edlen Frau des grausamen und lasterhaften Präsidenten de Blamont. Dieser möchte seine Tochter gern an den alten Wüstling Dolbourg verheiraten, zumal da er schon früher die tugendhafte Sophie, die er für seine Tochter hält, diesem alten Freunde als Maitresse ausgeliefert hat. Er will, wenn dieser Heiratsplan gelungen ist, dem Dolbourg seine Frau zur Geliebten geben, um von ihm dessen Frau, also seine Tochter, in gleicher Eigenschaft zurückzuerhalten. Der Plan misslingt. Aline tötet sich. Madame de Blamont wird auf Befehl des Gatten vergiftet. Valcour geht ins Kloster, Dolbourg wird tugendhaft, und der Präsident muss fliehen. In Rosa und Leonore sind zwei lasterhafte weibliche Personen geschildert. Leonore, die überall Glück hat, erscheint als Pendant zu Juliette. Auch an sonstigen interessanten Persönlichkeiten ist das Werk reich. Bis auf die Vergiftung und einige Flagellationsszenen enthält „Aline et Valcour“ keine Schilderungen von Grausamkeiten.[587]
Quérard meint, dass der Autor als Valcour sich selbst geschildert habe und bisweilen dort seine eigene Geschichte erzähle.[588]
Die „Crimes de l’Amour ou le Délice des passions; Nouvelles héroiques et tragiques, précédé d’une Idée sur les Romans“ Paris 1800, sind eine Sammlung romantischer Erzählungen wie z. B. „Juliette et Raunai“, „Clarisse“, „Laurence et Antonio“, „Eugène de Franval“ u. s. w., in denen der Kampf zwischen Laster und Tugend geschildert wird. Gewöhnlich aber siegt die Tugend. Der Marquis de Sade handelt über diese Sammlung in seiner polemischen Schrift gegen Villeterque.[589]
Als Vorrede zu den „Crimes de l’Amour“ schrieb Sade die „Idée sur les Romans“, eine nicht ungeschickte Uebersicht über die Romanschriftstellerei des 18. Jahrhunderts, eingeleitet durch eine historische Skizze der Entwickelung des Romans, den er als „Gemälde der Sitten des Jahrhunderts“ definiert, das in gewissem Sinne die Geschichte ersetzen müsse. Nur ein Menschenkenner kann einen guten Roman schreiben. Diese Menschenkenntnis erwirbt man durch Unglück oder Reisen. Am Schlusse weist er die Vorwürfe, die man ihm über die cynische Ausdrucksweise in „Aline et Valcour“ gemacht hat, als ungerechtfertigt zurück. Man muss das Laster zeigen, damit es verabscheut werde. Die gefährlichsten Werke sind die, welche es verschönern und in glänzenden Farben schildern. Nein, es muss in seiner ganzen Nacktheit vor Augen stehen, damit es in seinem wahren Wesen erkannt und gemieden werde.
Endlich erwähnen wir noch das Pamphlet, welches Sade die Ungnade Napoléon’s zuzog. „Zoloé et ses deux acolytes“ erschien 1800 in Paris. Zoloé ist Josephine de Beauharnais, die Gattin Bonaparte’s. Sie wird als eine lascive, geldgierige Amerikanerin geschildert. Ihre Freundin Laureda (Madame Tallien), eine Spanierin, ist „ganz Feuer und ganz Liebe“, sehr reich und kann daher alle ihre perversen Gelüste befriedigen. Sie und Volsange (Mad. Visconti) nehmen mit Zoloé an den Orgien mit ausschweifenden Wüstlingen Teil. Unter den letzteren erkennt man Bonaparte in dem Baron d’Orsec und Barras in dem Vicomte de Sabar. Ein Wort allein würde genügt haben, wie Cabanès sagt, um den Verfasser zu enthüllen. Das ist das Wort „Tugend“ (Les malheurs de la vertu). Er erklärt in „Zoloé“: „Qu’on se rappelle que nous parlons en historien. Ce n’est pas notre faute si nos tableaux sont chargés des couleurs de l’immoralité, de la perfidie et de l’intrigue. Nous avons peint les hommes d’un siècle qui n’est plus. Puisse celui-ce en produire de meilleurs et prêter à nos pinceaux les charmes de la vertu!“
Von den Komödien des Marquis de Sade sind nur „Oxtiern ou les Malheurs du libertinage“ Versailles 1800, in der die Wonne des Verbrechens gerühmt wird, und „Julia, ou le Mariage sans femme“ (Manuscript), eine Verherrlichung der Paederastie, erwähnenswert.
7. Charakter der Werke des Marquis de Sade.
Von den berüchtigten Hauptwerken des Marquis de Sade gilt, was Macaulay von den „Denkwürdigkeiten“ des Dr. Burney sagt. Es ist kein Vergnügen, sie zu lesen, sondern eine Aufgabe. Wer sich überzeugen will, eine wie trostlose geistige und körperliche Oede die ausschliessliche Beschäftigung mit dem rein Geschlechtlichen im Menschen hervorbringt, der lese die Werke des Marquis de Sade. Man wird dies aus der blossen Analyse, die wir von „Justine“ und „Juliette“ gegeben haben, entnehmen können. Und dann hat Sade das gethan, was Fritz Friedmann in seiner lesenswerten Studie über „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der Bühne“ als eine „litterarische Sünde“ bezeichnet[590]: er hat das kalte und nackte Verbrechen zum Ausgangs- und Kernpunkt der Handlung gemacht! Diese Verbindung des Geschlechtlichen mit Verbrechen und destruktiven Vorgängen aller Art muss um so furchtbarer wirken, als sie durch eine Einbildungskraft ohnegleichen tausendfach variirt wird. Schon Janin hat erkannt, dass de Sade die „unermüdlichste Einbildungskraft besass, die vielleicht jemals die Welt in Schrecken gesetzt hat.“[591] So allein konnte ein pornographisches Riesenwerk von zehn Bänden entstehen, das „durch den blossen Umfang und das Maass der damit geleisteten geistigen und rein mechanischen Arbeit unwillkürlich imponierend wirkt“[592]. Diese enorme Einbildungskraft spricht sich nach Eulenburg ferner aus in dem „bizarren Entwurf dieser ungeheuerlichen, langgedehnten, vielgliedrigen Komposition und seiner bis ins Einzelne gehenden Ausgestaltung mit all ihren fast unentwirrbaren Fäden, mit der Unzahl der nacheinander auftretenden Personen, mit der sehr raffiniert durchgeführten allmählichen Steigerung und mit der fast nie versagenden Treue der Erinnerung und Rückbeziehung!“ Dazu kommt der Grundton der Sade’schen Werke, den Juliette als „corruption réfléchie“ (Juliette IV, 87) bezeichnet, die endlosen, immer wiederkehrenden, immer dasselbe wiederholenden philosophischen Discussionen und Dialoge.
Endlich, um das abschreckende Bild zu vollenden, die wahrhaft ungeheuerlichen Behauptungen und Uebertreibungen, stupide Hyperbeln einer ausschweifenden Phantasie. Minski trinkt 60 Flaschen Wein auf einmal (Juliette III, 332); der Karmelitermönch Claude hat drei Testikel (Juliette III, 77); im „Theater der Grausamkeiten“ zu Neapel werden 1176 Menschen auf ein Mal getötet (Juliette VI, 22–26) u. s. w. u. s. w. Nicht selten sind auch, wie sich bei einem solchen Graphomanen erwarten lässt, grobe chronologische und geographische Irrtümer. So lässt er Moses die Geschichte Loths während der Gefangenschaft der Juden zu Babylon schreiben (Philosophie dans le Boudoir I, 195) und Pompeji und Herculanum in Griechenland liegen (ib. 196), u. a. m.[593]
Mögen also auch die Werke des Marquis de Sade in kulturhistorischer und allgemein menschlicher Beziehung sehr wichtig und lehrreich sein, wie wir glauben, so wirkt entschieden ihre äussere Form abstossend. Die Geistesöde und sinnlosen Tautologien in den Hauptschriften müssen auf ein schwaches Gehirn, welches sich nicht zu kulturhistorischer Betrachtung und wissenschaftlicher Analyse erheben kann, eine verderbliche Wirkung ausüben, wie schon Janin erkannt hat, wenn er in beredten Worten diese Wirkung an einem Beispiel veranschaulicht. Weniger gefährlich sind die den Werken beigegebenen obscönen Bilder. Nach Renouvier sollen die berühmten Künstler Chéry und Carrée die Zeichnungen zu diesem „Werke eines Maniakus geliefert haben, das die Zeit der Freiheit beschmutzt hat“.[594] Wir haben die Originalzeichnungen, welche noch in dem Besitze eines Pariser Bibliophilen existieren sollen,[595] nicht gesehen, und können also nicht beurteilen, ob diese den Angaben Renouviers entsprechen. Nach den der „Justine et Juliette“ beigegebenen 104 Stichen können wir nur dem Urteil beistimmen, welches der geistreiche Eulenburg über diese Bilder gefällt hat: „Ganz abgesehen von der Schauerlichkeit des Dargestellten ist der künstlerische Wert dieser Illustrationen überaus gering. Grobe Fehler der Zeichnung, der Perspektive, gänzlicher Mangel an Individualisierung, dürftige, fast ärmliche Erfassung der Szenerie frappieren bei der Mehrzahl der Bilder, denen man höchstens die kompositionelle Treue in Anlehnungen an die oft recht komplizierten Gruppenbeschreibungen des Textes als ein immerhin zweifelhaftes Verdienst zusprechen könnte. Hier hätte es, wenn schon Derartiges gewagt werden sollte, der entfesselten und vor nichts zurückschaudernden Phantasie bedurft, mit der ein Doré die Gestalten von Dantes Inferno nachzuschaffen gewusst hat.“[596] Etwas besser ausgeführt sind die zehn Lithographien in der „Philosophie dans le boudoir“ in der uns vorliegenden Ausgabe von 1805. Uebrigens zeichnen sich auch andere pornographische Werke des 18. Jahrhunderts durch schlechte Bilder aus wie z. B. Mirabeau’s „Ma conversion“. Die Neuzeit leistet dank ihrer verbesserten Technik darin leider mehr.
8. Die Philosophie des Marquis de Sade.
Der Marquis ist der erste und einzige uns bekannte Philosoph des Lasters. Vergeblich wird man bei modernen Philosophen wie Stirner und Nietzsche, die doch auch mit Nachdruck den Egoismus, die „Herrenmoral“ und andere hyperindividualistische Ideen predigen, jene — wir möchten es so nennen — „Vergeistigung“ des nackten, gemeinen, teuflischen Verbrechens finden wie bei Sade.
Noch ein anderer Gesichtspunkt macht die Werke des Marquis de Sade für den Culturhistoriker, Arzt, Juristen, Nationalökonomen und Ethiker zu einer wahren Fundgrube des Wissens und der Erkenntnis. Diese Werke sind vor allem lehrreich dadurch, dass sie zeigen, was alles im Leben mit dem Geschlechtstriebe zusammenhängt, der, wie der Marquis de Sade mit unleugbarem Scharfsinn erklärt hat, fast alle menschlichen Verhältnisse in irgend einer Weise beeinflusst. Jeder, der die soziologische Bedeutung der Liebe untersuchen will, muss die Hauptwerke des Marquis de Sade gelesen haben. Nicht neben dem Hunger, sondern mehr als der Hunger regiert die Liebe die Welt!
Das an sich grässliche Gemälde der körperlichen Ausschweifungen in den Romanen des Marquis de Sade soll durch eine gewisse geistige Tünche verschönert werden, in Gestalt der in denselben Schriften in grosser Ausführlichkeit entwickelten philosophischen Betrachtungen. In ihnen offenbart sich ebenfalls jene Gewohnheit der Franzosen, wie d’Alembert sagt, „die nichtswürdigsten Dinge ernsthaft zu behandeln.“ Delbène meint: „Man muss die Erregungen nicht nur empfinden, sondern auch analysieren. Es ist bisweilen ebenso süss, davon sprechen zu hören als sie selbst zu geniessen. Und wenn man den Genuss nicht mehr haben kann, ist es göttlich, über ihn zu sprechen.“ (Juliette I, 105.) Jérôme sagt, dass die in Sicilien gefeierten Orgien nur durch philosophische Discussionen unterbrochen wurden, und man nicht eher neue Grausamkeiten beging, bevor man sie nicht dadurch „legitimiert“ hatte (Juliette III, 45). Diese theoretischen Wollustgemälde sind auch nötig zur „Entwickelung der Seele“ (Justine IV, 173).
Gerade diese philosophischen Erörterungen beweisen, dass „wir es bei de Sade nicht mit dem ersten besten pornographischen Autor gewöhnlichen Schlages zu thun haben, sondern dass es sich hier um eine ganz ungewöhnliche und litterarische Erscheinung, um eine direkt aus dem Urquell des Bösen schöpfende antimoralische Kraft handelt“[597]. Daher wird ein kurzer Blick auf das philosophische System des Marquis de Sade gerechtfertigt sein.
Alle Anschauungen Sade’s entspringen, wie dies nicht anders zu erwarten ist, aus seinem mit Consequenz durchgeführten Materialismus. Er vergöttert die Natur, die er stets als das gute Prinzip der ihr feindlichen Tugend gegenüberstellt. Das Weltall wird durch seine eigene Kraft bewegt, und seine ewigen der Natur inhaerenten Gesetze genügen, um ohne eine „erste Ursache“ alles, was wir sehen, hervorzubringen. Die beständige Bewegung der Materie erklärt alles. Wozu brauchen wir einen Beweger (moteur) für das, was immer in Bewegung ist? Das Weltall ist eine Versammlung von verschiedenen Wesen, die wechselseitig und succesive auf einander wirken und gegenwirken. Nirgends ist eine Grenze. Ueberall ist ein continuierlicher Uebergang von einem Zustande zu einem andern in Beziehung auf die Einzelwesen, die nach einander verschiedene neue Formen annehmen. (Juliette I, 72–73.)
Bewegung und Stoss der materiellen Moleküle erklären alle körperlichen und geistigen Erscheinungen. Die Seele muss daher als „aktives“ und als „denkendes“ Prinzip materiell sein. Als aktives Prinzip ist sie teilbar. Denn „das Herz schlägt noch, nachdem es aus dem Körper herausgenommen worden ist.“ Alles, was teilbar ist, ist aber Materie. — Ferner ist das Materie, was Fährlichkeiten unterliegt (périclite). Der „Geist“ könnte nicht gefährdet sein. Die Seele folgt aber den Eindrücken des Körpers, ist schwach in der Jugend, niedergedrückt im Alter, unterliegt also allen Gefahren des Körpers, ist also = Materie. (Juliette I, 86.) Noch leichter macht sich Bressac die Beweisführung. Als der Körper der toten Frau des Grafen Gernande noch eine zuckende Bewegung macht, ruft er entzückt aus: „Seht Ihr, dass die Materie zu ihrer Bewegung keine Seele braucht!“ (Justine IV, 40.)
Die Unsterblichkeit der Seele ist daher natürlich eine Chimäre. Dieses blödsinnige Dogma hat die Menschen zu Narren, Heuchlern, Bösewichtern gemacht und „schwarzgallige“ Individuen gezüchtet. Nur dort ist Tugend, wo man die Unsterblichkeit nicht kennt. Juliette erlaubt sich gegenüber der Delbène die schüchterne Frage, ob der Gedanke der Unsterblichkeit nicht tröstlich für manche Unglückliche sei. Delbène antwortet, dass man seine Wünsche nicht zum Massstabe der Wahrheit nehmen dürfte. „Habe Mut, glaube an das allgemeine Gesetz, füge Dich mit Resignation in den Gedanken, dass Du in den Schoss der Natur zurückkehrst, um in anderen Formen wieder aus ihm hervorzugehen. Ein ewiger Lorbeer wächst auf dem Grabe Virgil’s, und es ist besser, für immer vernichtet zu werden, als in der sogenannten Hölle zu brennen“. „Aber“, fragt Juliette angsterfüllt, „was wird aus mir werden? Diese ewige Vernichtung erschreckt mich, diese Dunkelheit macht mich schaudern.“ — „Was warst Du vorher, vor Deiner Geburt? Dasselbe wirst Du wieder werden. Genossest Du damals? Nein. Aber littest Du? Nein. Welches Wesen würde nicht alle Genüsse opfern für die Gewissheit, nie wieder Schmerzen zu leiden!“ (Juliette I, 83–85.)[598]
Uebrigens sind diese Doctrinen von der Seele nicht die einzigen, die man als Materialist haben kann. Die Durand behauptet z. B., dass die Seele ein Feuer sei, das nach dem Tode erlösche und seine Stoffe in die Weltmaterie übergehen lässt (Juliette III, 247). Und der Bösewicht Saint-Fond konstruiert die Welt aus „molécules malfaisantes“, aus „bösen Elementen“. Er sieht daher im Universum nur die Schlechtigkeit, das Uebel, die Unordnung und das Verbrechen. Das Böse existierte vor Erschaffung der Welt und wird nachher existieren. Warum ist das Alter schlechter als die Jugend, verderbter und entarteter? Weil die bösen Elemente in den Busen der „molécules malfaisantes“ zurückzukehren sich anschicken. Saint-Fond glaubt daher, dass das Böse den Menschen nach dem Tode erwarte, also an eine ewige Hölle. Wer auf der Erde böse gewesen ist, dem wird die Vereinigung mit dem „Bösen“ leicht werden. Die Tugendhaften werden grosse Qualen dabei leiden. Giebt es aber eine Hölle, dann ist der Gedanke an den Himmel nicht fern. Thatsächlich glaubt Saint-Fond an das Jenseits, an Belohnungen und Strafen. Um nun zu verhindern, dass seine Opfer in den Himmel kommen, schliesst er sich mit ihnen auf eine geheimnisvolle Weise ein und lässt sie mit ihrem Blute auf einem Stück Papier ihre Seele dem Teufel verschreiben, quam chartam membro suo ano eorum inserit, wobei die Betreffenden schrecklich gefoltert werden. (Juliette II, 287, 341.) Clairwil dagegen erklärt die Hölle für eine Erfindung der Priester. (Juliette II, 292 ff.)
Nach dem Vorgange Holbach’s, der jede religiöse Regung als geistige Verirrung bezeichnete, wird Sade nicht müde, über die Begriffe „Gott“ und „Religion“ die Schale seines Spottes auszugiessen. Sein Atheismus geberdet sich „in konsequenter Weise zugleich als fanatischer Misotheismus, der von dem bekannten Worte: ‚si Dieu n’existait pas, il faudrait l’inventer‘, nur Gebrauch zu machen scheint, um diesen eigens dazu erfundenen Gott blasphemisch zu beschimpfen und zu verhöhnen.“[599] Die Idee einer solchen Chimäre und die Aufrichtung eines solchen Monstrums ist das einzige Unrecht, das Delbène den Menschen nicht verzeihen kann. „Mein Blut kocht bei seinem Namen selbst. Ich glaube um mich die zitternden Schatten aller Unglücklichen zu sehen, welche dieser abscheuliche Aberglaube auf der Erde geopfert hat.“ Sie erinnert an die Unthaten des Klerikalismus und der Inquisition. Würde sie heute leben, sie würde gewiss die auch im Namen dieses klerikalen Gottes erfolgte Folterung des unglücklichen Dreyfus nicht vergessen haben. Delbène unterzieht hierauf die verschiedenen Gottestheorien einer Kritik. Die Juden sprechen zwar von einem Gotte, aber sie erklären diesen Begriff nicht und reden nur in kindlichen Allegorien von ihm. Die Bibel ist von verschiedenen Menschen und „dummen Charlatans“ lange nach Moses geschrieben worden. Dieser behauptet, die Gesetze von Gott selbst empfangen zu haben. Ist diese Vorliebe Gottes für ein kleines unwissendes Volk nicht lächerlich? Die in der Bibel erzählten Wunder werden von keinem Historiker berichtet. Und wie hat dieser Gott die Juden behandelt! Wie hat er sie in alle Welt zerstreut als das odium generis humani. Bei den Juden darf man Gott nicht suchen. Da ist er nur ein „fantôme dégoûtant“. Aber vielleicht bei den Christen? Doch hier findet Delbène noch grössere Absurditäten. Jesus ist nach ihr entschieden schlauer als Moses. Dieser lässt das Wunder durch Gott geschehen. Jener macht es selbst! La religion prouve le prophète, et le prophète la religion.
Da also weder durch das Judentum noch durch das Christentum die Existenz Gottes bewiesen wird, so müssen wir uns an unsere eigene Vernunft halten. Diese ist aber bei Mensch und Tier das Resultat des gröbsten Mechanismus. Erinnert man sich der Dinge als abwesender Objekte, so ist das Gedächtnis, Erinnerung. Erinnert man sich ihrer, ohne dass man von ihrer Abwesenheit unterrichtet ist, also sie als wirklich vorhandene Objekte ansieht, so ist das Einbildung, und diese Einbildung ist die wahre Ursache aller unserer Irrtümer. Die Imagination besteht aus „objektiven Ideen“, die uns nichts Wirkliches anzeigen, und die Erinnerung besteht aus „reellen Ideen“, die uns wirklich existierende Dinge anzeigen. Gott ist nun das Produkt der Imagination, der „erschöpften Einbildungskraft“ derer, die zu träge sind, um die lange Reihe der Ursachen und Wirkungen zu durchdenken und mit einem kühnen Salto mortale zu einer letzten Ursache greifen, deren Wirkung alle anderen Ursachen sind, die selbst aber keine Ursache mehr hat. Das ist Gott. Die „dumme Chimäre“ einer „débile imagination“, die nur eine „idée objective“ ohne reale Existenz zu denken vermag. Gott ist ein „Vampyr“, der das Blut der Menschen aussaugt. (Juliette I, 49–62.) In Wirklichkeit kann Gott gar nicht existieren, da die ewig wirkende Natur in fortwährender Bewegung sich befindet, sie aber diese Kraft nur aus sich selber besitzt, nicht aber vom Schöpfer zum Geschenk erhalten haben kann. Denn dann müsste man an das Vorhandensein eines trägen Wesens glauben, das, nachdem es seine Arbeit gethan, in Nichtsthun dahinlebt. Ein solches Wesen wäre aber lächerlich wegen seiner Ueberflüssigkeit. Denn es hätte nur so lange gewirkt, bis es erschaffen, dann aber hätte es während Jahrtausenden ruhen müssen. (Philosophie dans le Boudoir I, 56). Wenn die Materie nach Begriffen, die uns unbekannt sind, wirkt, wenn die Bewegung der Materie inhaerent ist, wenn nur sie allein im Stande ist, nach Massgabe ihrer Kraft zu schaffen, hervorzubringen, zu erhalten und fortzuführen, wie wir dies in dem unseren Sinnen fassbaren Universum erblicken, in welchem wir eine Unzahl von Weltkörpern um und über uns sehen, deren Anblick uns überrascht, deren gleichmässiger, geregelter Gang uns mit Bewunderung und Staunen erfüllt, wozu brauchen wir dann noch einen fremden, ausserhalb des Universums stehenden Faktor, da die bewegende und schaffende Kraft sich schon in der Natur selbst befindet? Diese Natur ist aber an und für sich nichts anderes als eine wirkende Materie (ib. I, 58). Nach allem dem ist dieser Gott ein launenhaftes Wesen, welches das von ihm geschaffene Geschöpf dem Verderben weiht. Wie fürchterlich, welch ein Ungeheuer ist ein solcher Gott! Gegen ihn müssten wir uns empören. Nicht zufrieden mit einer so grossen Aufgabe, ertränkt er den Menschen, um ihn zu bekehren, er verbrennt, er verflucht ihn, er ändert nichts daran, dieser hohe Gott, ja, er duldet ein noch viel mächtigeres Wesen neben sich, indem er das Reich Satans aufrecht erhält, welcher seinem Erschaffer zu trotzen vermag, der im Stande ist, die Geschöpfe, die sich Gott auserkoren, zu verderben und zu verführen. Denn nichts vermag die Energie Satans über uns zu besiegen. So hat ihn die Religion geschaffen, samt seinem einzigen Sohne, den er vom Himmel herabgeschickt und in einen sterblichen weiblichen Leib bannt. Man wäre geneigt, zu glauben, dieser Sohn Gottes müsste die Erde inmitten eines Engelchores, beleuchtet von glänzenden Strahlen betreten. Aber nein, er wird von einer sündhaften Jüdin in einem Stalle geboren. Wird uns seine ehrenvolle Sendung vor dem ewigen Tode retten? Folgen wir ihm, sehen wir, was er thut, hören wir, was er spricht! Welche erhabene Mission vollführt er? Welches Geheimnis offenbart er uns? Welche Lehre predigt er uns? Durch welche That lässt er uns seine Grösse erkennen? Wir sehen vor allem eine unbekannte Kindheit, einige Dienste, die er den jüdischen Priestern des Tempels von Jerusalem leistet, dann ein 15jähriges Verschwinden, während welcher Zeit er sich vom alten ägyptischen Kultus vergiften lässt, den er nach Judäa bringt. Er geht so weit, sich für einen Sohn Gottes zu erklären, der dem Vater an Macht gleich ist; er verbindet mit diesem Bündnis die Erschaffung eines dritten Wesens, des heiligen Geistes, indem er uns glauben machen will, diese drei Personen seien nur eine. Er sagt, er habe eine menschliche Form angenommen, um uns zu retten. Der sublime Geist musste also Materie, Fleisch werden und setzt die einfältige Welt durch seine Wunder in Erstaunen. Während eines Abendmahles betrunkener Menschen verwandelt er Wasser in Wein. Er speist in einer Wüste einige Faseler mit den von ihm verborgen gehaltenen Lebensmitteln. Einer von seinen Genossen spielt den Toten, um sich von ihm erwecken zu lassen. Er besteigt in Gegenwart zweier oder dreier seiner Freunde einen Berg und führt hier ungeschickte Taschenspielerkunststücke aus, deren sich jetzt ein Tausendkünstler schämen müsste. Dabei aber verflucht er alle, die ihm nicht glauben wollen, und verspricht den Gläubigen das Himmelreich. Er hinterlässt nichts Geschriebenes, spricht sehr wenig und tut noch weniger. Dennoch bringt er durch seine aufrührerischen Reden die Behörden auf und wird endlich gekreuzigt. In seinen letzten Augenblicken verspricht er seinen Gläubigen, zu erscheinen, so oft sie ihn anrufen, um sich von ihnen — essen zu lassen. Er lässt sich also hinrichten, ohne dass sein Herr Papa (Monsieur son papa), dieser erhabene Gott, auch nur das Geringste thäte, um ihn von dem schimpflichen Tode zu retten. Seine Anhänger versammeln sich jetzt und sagen, die Menschheit sei verloren, wenn sie dieselbe durch einen auffallenden Handstreich nicht retteten. Lasst uns die Grabwächter einschläfern, stehlen wir den Leichnam, verkünden wir seine Auferstehung! Dies ist ein sicheres Mittel, um an dieses Wunder glauben zu machen; es soll uns dazu helfen, die neue Lehre zu verbreiten. Der Streich gelingt. Alle Einfältigen, die Weiber und Kinder faseln von einem geschehenen Wunder und dennoch will in dieser mit dem Blute Gottes getränkten Stadt niemand an diesen Gott glauben. Nicht ein Mensch lässt sich bekehren. Man veröffentlicht das Leben Jesu. Dieser schale Roman findet Menschen, die ihn für Wahrheit halten. Seine Apostel legen ihrem selbsterschaffenen Erlöser Worte in den Mund, an die er niemals gedacht hat. Einige überspannte Maximen werden zur Basis ihrer Moral gemacht, und da man dies alles Bettlern verkündet, so wird die Liebe des Nächsten und Wohlthätigkeit zur ersten Tugend erhoben. Verschiedene bizarre Ceremonien werden unter der Benennung „Sakramente“ eingeführt, unter welchen die unsinnigste die ist, dass ein sündenbelasteter Priester mittelst einiger Worte, eines Galimathias, ein Stück Brod in den Leib Jesu verwandelt. (Philosophie dans le Boudoir I, 60–64.) — Man darf sich nicht wundern, wenn nach diesen Anschauungen der Marquis de Sade oft die Heiligenschändung für ein Pflichtgebot erklärt und in scharfen Ausdrücken gegen Reliquien, Heiligenbilder, Crucifixe u. s. w. wettert und z. B. Dolmancé sagen lässt, dass es sein grösstes Vergnügen sei, Gott zu beschimpfen, gegen dieses Phantom unflätige Worte auszustossen. Dieser möchte gern eine Art ausfindig machen, um diese dégoûtante chimère noch mehr zu insultieren, und ist wie Moberti böse darüber, dass es gar keinen Gott giebt, so dass er in solchen Augenblicken seine Existenz herbeiwünscht (Philosophie dans le Boudoir I, 125–126).
Von diesen theoretischen Maximen gelangt der Marquis de Sade zur Begründung einer praktischen Lebensphilosophie, eben der „Philosophie des Lasters.“
Um den Triumph des Lasters in der menschlichen Gesellschaft zu verwirklichen, muss eine zweckentsprechende Paedagogik gehandhabt werden. Der Marquis de Sade hat richtig erkannt, dass die Jugend verderben gleichbedeutend ist mit der Untergrabung aller Sittlichkeit überhaupt. Diese Jugend, von der Alexander von Humboldt in seinen unvergleichlichen Briefen an den König Friedrich Wilhelm IV. sagt, dass sie das „unzerstörbare uralte sich immer erneuernde Institut der Menschheit“ sei[600], die muss man nach Sade für sich gewinnen. „C’est dans la jeunesse qu’il faut s’occuper de détruire avec énergie les préjugés inculqués dès l’enfance.“ (Juliette IV 134.) So hat denn Sade in der „Philosophie dans le Boudoir“ gewissermassen einen Leitfaden der Erziehung zum Laster nach dem Vorbilde von Mirabeau’s „Education de Laure“ geschaffen, in dem er seine theoretischen Grundsätze entwickelt und ihre praktische Anwendung in der Verführung und Demoralisierung eines jungen Mädchens zeigt. — Die Erziehung muss alle unsinnigen Religionslehren verbannen, durch welche die „jungen Organe“ der Kinder nur ermüdet werden und an deren Stelle den Unterricht in den „sozialen Grundsätzen“ einführen. Auch sollen sie in den schwer zu lösenden Fragen der Naturkunde unterrichtet werden. Wenn es aber Jemand versuchen sollte, religiösen Firlefanz einschmuggeln zu wollen, so soll er als ein Verbrecher behandelt werden. (Phil. dans le Boud. II, 62 ff.) Sade hat richtig erkannt, dass die Gewohnheit in der Erziehung alles macht. Daher soll auch das Laster dem jugendlichen Menschen zu einer Gewohnheit gemacht werden. Denn diese hebt alle lästigen Gewissensbisse auf. „Also sei so oft als möglich lasterhaft! Dann wird das Laster allmählich zu einem wollüstigen Kitzel, den man nicht mehr entbehren kann. Das Laster muss eine Tugend werden! Und die Tugend ein Laster! Dann wird sich ein neues Weltall vor Deinen Blicken aufthun, ein verzehrendes und wollüstiges Feuer wird Deine Nerven durchglühen; es wird die ‚elektrische Flüssigkeit‘ entflammen, in welcher das Prinzip des Lebens sich befindet. Jeden Tag entwirfst Du neue ruchlose Pläne und siehst in allen Wesen die Opfer Deiner perversen Gelüste. So gelangst Du auf einem mit Blumen bekränzten Wege zu den letzten Excessen der Unnatur. Nie darfst Du auf diesem Wege Halt machen, zögern und zurückweichen, weil Dir sonst der höchste Genuss für immer verloren geht. Vor allem nimm Dich vor der Religion in Acht, deren gefährliche Einflüsterungen Dich vom guten Wege abhalten, die der Hydra gleicht, deren Kopfe wiederwachsen, so oft man sie abschlägt.“ Diese Worte ruft Delbène der 14jährigen Juliette zu. (Juliette I, 27–30.) Diese selbst wiederum erzieht später die Tochter Saint-Fond’s, ihre eigene Tochter und Fräulein Fontanges in ähnlichen Grundsätzen, deren verderbliche Wirkungen in der bereits oben erwähnten Statistik des Grafen Belmor zur Anschauung gebracht werden.