ZWEITER TEIL URKUNDEN ZUR LEBENSGESCHICHTE DES GRAFEN SAINT-GERMAIN (continued 3)
Reading edition
Indessen war Ihre Majestät bei meinem Bericht über Ihren Brief und über meine Antwort anderer Meinung. Der Schluß meines Berichtes lautete:
„Damit habe ich ihre großen Pläne weder verworfen noch gebilligt. Möglicherweise befinden sich unter der großen Zahl von Geheimmitteln, deren Ausbeutung so glänzende Erfolge verspricht, auch ein paar recht brauchbare. Möglicherweise löst sich aber auch alles in Dunst auf. Auf jeden Fall wäre es angezeigt, wenn Eure Majestät den Inhalt meines Berichtes geheim halten wollten; denn im ersteren Falle würde Saint-Germain zu sehr eine Entlarvung fürchten, und im zweiten Falle müßte man die Schwachheit der Regierung, die sich von einem Schwindler anführen ließ, mit einem Schleier zudecken[371].“
Das war mein Standpunkt im ganzen Verlauf unseres Schriftwechsels. Obwohl er auf Sie scheinbar keinen Eindruck gemacht hat, habe ich Ihnen lediglich aus Rücksicht und Freundschaft nicht mitgeteilt, welches die Worte Ihrer Majestät über meinen Bericht waren. Ich teile sie Ihnen hierdurch im größten Vertrauen mit:
„Ich bin völlig überzeugt, daß das von Ihnen entworfene Bild mehr zutrifft als das Cobenzl’sche, und daß diese Torheit geheim gehalten werden muß. Ich wünschte, der Minister wäre von ihr geheilt[372].“
Die Torheit ist also begangen, und die arme Frau Nettine, die ich von Herzen bedauere, schwebt in großer Gefahr, die ganze Zeche zu bezahlen. Wie ist es möglich, daß sie diesem Elenden auf seine schönen Augen hin 81720 Gulden vorschießen konnte? Wie konnten Sie Ihrerseits zusehen, daß er 12280 Gulden bloß für Reisen und Verpflegung vertan hat[373]? Wie konnte man sich abgesehen von alledem auf eine Ausgabe von 99935 Gulden[374] einlassen, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel oder Rohstoffe für Ihre Fabriken angeschafft sind, ja ohne von dem Betrüger die Geheimnisse erfahren zu haben, die scheinbar noch am meisten versprechen? Sie sind seiner sicher, sagen Sie. Jawohl, so sicher, daß ich mich nicht wundern würde, wenn er mit allem, um was er Sie geprellt hat, eines schönen Morgens das Weite suchte und Sie mit all Ihren Reichtümern und Ihren vier- bis fünfhundertprozentigen Gewinnen sitzen ließe!
Doch nach allem, was ich Ihnen darüber schon geschrieben habe, ist jede weitere Aussprache zwecklos. Ihre Berechnungen kommen mir vor wie die eines Handwerkers, der sich sagt: „Ein Gehilfe bringt mir täglich ¼ Gulden ein; ich will also 400 annehmen; das macht 100 Gulden pro Tag“. Aber wird man ihm auch soviel Arbeit liefern, daß er vierhundert Gehilfen beschäftigen kann? Werden Sie soviel Absatz für Ihre ganz gewöhnlichen gefärbten Stoffe finden, daß Sie dabei oft Ihre 4-500 Prozent verdienen, daß Sie auch nur die bisherigen Unkosten decken? Hat man den Bedarf an gefärbten Stoffen im Inland berechnet? Denn an das Ausland ist nicht zu denken, weder an England noch an Frankreich, Holland, Italien, Deutschland usw.
Aber sei dem, wie ihm wolle, ich werde Ihrer Majestät über alles genauen Bericht erstatten und dabei zu folgenden Schlußfolgerungen kommen:
1. Die Fabriken eignen sich nicht zu Staatsbetrieben, weder der Sache nach noch im Hinblick auf das Einzelne und die Verwaltungskosten.
2. Sollte trotz allem, was ich dagegen angeführt habe, die Herstellung oder Ausbeutung von Surmonts Geheimverfahren einen Ertrag abwerfen, so hat Frau Nettine den allerersten Anspruch darauf.
3. Somit kann man ihr nicht den Schutz und die Erleichterungen abschlagen, die sie bei der Regierung beantragen wird, zumal es Regierungsgrundsatz ist, den Manufakturen jede Förderung zu gewähren, die mit der Verfassung des Landes vereinbar ist.
Ich hoffe, daß Ihre Majestät diese Schlußfolgerungen gutheißen wird, kann mich aber nicht dafür verbürgen. Inzwischen geben bereits meine früheren Briefe E. E. die erforderlichen Richtlinien.
Kaunitz an Maria Theresia
Wien, 21. Juli 1763.
Eure Kaiserliche Majestät werden sich erinnern, daß ich am 22. April d. J.[375] einen Bericht des Grafen Cobenzl über die Riesengewinne vorgelegt habe, die er sich von den Geheimverfahren in der Färberei und mehreren anderen Handelsartikeln verspricht, die eine eigenartige Persönlichkeit, früher als Graf Saint-Germain bekannt, zu besitzen vorgibt.
Kaunitz wiederholt den Inhalt des Berichts von Cobenzl vom 8. und seiner Antwort vom 19. April[376].

Staatskanzler Graf Kaunitz
Stich von Pazzi
E. M. haben meine Auffassung der Sache und meine Weisungen an den Grafen Cobenzl gebilligt. Die großen Projekte dieses Ministers sind Ihnen selbst als eine Torheit erschienen, die geheim gehalten werden müsse, und von der E. M. ihn geheilt zu sehen wünschten.
Was mir Graf Cobenzl seither über seinen Wundermann wie über dessen Projekte berichtete, hat meine anfängliche Auffassung nur zu sehr bestätigt. Je verdächtiger also die Sache wurde, desto mehr war ich darauf bedacht, die Interessen E. M. sicherzustellen, und das ist mir, glaube ich, auch gelungen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, daß Frau Nettine bereits fast 200000 Gulden Vorschüsse für die Fabriken in Tournai gezahlt hat[377], die von Graf Cobenzl auf Drängen Surmonts angelegt worden sind.
Ehe ich jedoch auf diese Anlagen und ihre Bestimmung näher eingehe, muß ich E. M. über die schwankenden Angaben des Grafen Cobenzl, über die Persönlichkeit und die Reichtümer ihres Begründers berichten.
Zuerst sprach der Minister von diesen Reichtümern in einem Tone, der jeden Zweifel ausschließen mußte. Trotzdem zweifelte ich und ersuchte den Grafen Cobenzl um Angabe, welche Gewißheit er über diese angeblichen Reichtümer hätte und welcher Art sie wären, ob sie in Geld, Wertpapieren, Landbesitz oder Handelseffekten beständen. Auch teilte ich ihm Anekdoten mit, aus denen hervorging, daß dieser Mann in Frankreich gleichfalls mit seinen Reichtümern geprahlt hatte und in seiner Dreistigkeit so weit gegangen war, vom Grafen Saint-Florentin ein Landgut im Werte von 1800000 Livres in aller Form zu kaufen, daß aber an den Zahltagen die versprochenen Rückstände und Wechselbriefe nicht eintrafen und daß der Käufer Frankreich verlassen mußte[378].
Auf das alles antwortete mir der Minister am 28. April[379], Surmont hätte das Gut Ubbergen in Holland gekauft, es zu zwei Dritteln bezahlt und den Namen dieses Gutes angenommen. Außerdem besäße er Wertsachen, die er bei Frau Nettine hinterlegen werde, und der Mann, der sie in Seeland verpfändet hätte, schätze ihren Wert auf über eine Million. Wie Graf Cobenzl zugab, spräche Surmont viel von seinen Reichtümern. Doch wiederholte er, er müsse sehr reich sein; denn überall, wo er sich aufgehalten, hätte er fabelhafte Geschenke gemacht und viel ausgegeben, ohne irgendwo Schulden zu hinterlassen[380].
Von dem Gutskaufe vom Grafen Saint-Florentin wußte der Minister nichts. Im übrigen suchte er meine anderen Einwände über Surmonts Charakter und Leben mit dem Hinweis zu entkräften, daß dieser Mann nichts von uns verlangte, und daß er ihm seine Geheimmittel aus Freundschaft überlassen wollte; somit müßten uns seine persönlichen Eigenschaften einerlei sein, wenn man nur in den Besitz seiner Geheimmittel käme.
Diese Aufklärungen vermochten die Eindrücke nicht zu verwischen, die ich aus den sonstigen Nachrichten von diesem Manne gewonnen hatte. Welche Vorstellung könnte man sich auch von den Reichtümern eines Unbekannten machen, dessen Wertsachen verpfändet sind und dessen Grundbesitz nicht bezahlt ist? Ich machte den Grafen Cobenzl am 10. Mai[381] auf diese Widersprüche aufmerksam und verhehlte ihm angesichts der Abenteuer Surmonts in Frankreich meine Befürchtung nicht, er möchte in einer Grenzstadt wie Tournai, wo Graf Cobenzl die Fabrik anlegen wollte, nicht allzu sicher sein.
Der Minister antwortete mir auf alle diese Bedenken nur mit der Versicherung, Frau Nettine hätte bei einer Reise nach Paris nichts Nachteiliges über Surmont erfahren und sich durch ihre Schwiegersöhne vergewissert, daß wir bei keiner einzigen Unternehmung Widerstand zu befürchten hätten[382].
Das fortdauernde Vertrauen, das Frau Nettine auf diesen Mann nach Befragung ihrer Schwiegersöhne in Paris setzte, begann meine Zweifel zu zerstreuen. Ich verhehlte dies dem Grafen Cobenzl in meinem Briefe vom 31. Mai nicht. Als aber ein paar Tage darauf die Proben von Surmonts Kunst eintrafen, sah ich deutlich, daß er es verstanden hatte, über die Tatsächlichkeit seiner Geheimmittel ebenso zu täuschen wie über seine persönlichen Verhältnisse. Auch rühmte sich Graf Cobenzl in seinem Briefe vom 9. Juni nicht mehr, diese Geheimmittel aus Freundschaft zu erhalten. Er meldete schon damals, sie würden teuer sein, und am 25. Juni änderte er seine Sprache über Surmonts Reichtümer und Charakter völlig. Ich lege diesen Bericht nebst allen Anlagen[383] bei. Wie er gestand, hatte er sich durch einen Nimweger Kaufmann und Geschäftsfreund Surmonts nach dessen Reichtümern und besonders nach den Wertsachen erkundigt und erfahren, daß diese mindestens eine Million wert seien. Da er trotzdem ohne Geld war und seine Wertsachen nach Tournai kommen lassen wollte, hatte Frau Nettine ihm 81720 Gulden vorgeschossen. Weiterhin aber hätte man gesehen, daß der Nimweger Kaufmann im Einverständnis mit ihm war, daß nur sehr geringe Wertsachen nach Brüssel gekommen waren, und daß die in Holland zurückgebliebenen nur aus Gemälden bestanden, die zwar Surmont sehr hoch schätzte, die aber sehr wenig wert zu sein schienen. Zudem hatte sich herausgestellt, daß er verschuldet war, von seinen holländischen Gläubigern gedrängt wurde und in seinen Privatverhältnissen keine Ordnung und Sparsamkeit walten ließ. Trotzdem erschien er dem Grafen Cobenzl noch immer als Besitzer wunderbarer Geheimnisse. Zugleich klagte dieser über seine Launen und sein wunderliches Wesen.
Das alles steht in schroffem Gegensatz zu den ersten Berichten des Ministers über seine Redlichkeit, seine schlichten Sitten und seine Reichtümer. Ich begreife nicht, wie man sich so lange hat täuschen lassen können, während ich bei den ersten Nachrichten aus Brüssel alles aufgeboten habe, um den Grafen Cobenzl vor der Redegabe und der eigentümlichen Begabung dieses Schwindlers zu warnen, das Vertrauen auch der Ungläubigsten zu gewinnen. Ich wies ihn namentlich auf Surmonts Abenteuer in Frankreich hin und sagte ihm wörtlich, dieser hätte es dort verstanden, alle, die an seiner Freigebigkeit und an den von ihm verheißenen Wundern teil zu haben hofften, in einer Art von Ehrfurcht zu halten, so daß sie sogar auf das Recht des Zweifels verzichteten. Trotz meiner Warnung ist es ihm nur zu gut gelungen, den Grafen Cobenzl und die Familie Nettine ebenso zu beeinflussen, wie es bei einem Teil des französischen Ministeriums eine Zeitlang der Fall war.
Nach den Vorschüssen und den großen Ausgaben zu urteilen, die lediglich für seine Person erfolgt sind und die sich bereits auf 94000 Gulden belaufen[384], muß die Begeisterung in Brüssel sogar noch weiter gegangen sein als in Paris. Offenbar hat Graf Cobenzl, als er hinter Surmonts Fehler kam, sich für befähigt gehalten, seine Talente nutzbar zu machen, ohne seine Betrügereien fürchten zu müssen; denn auf meine Verdachtsgründe entgegnete er immer wieder: Was liegt uns an seinen Fehlern, wenn wir nur seine Geheimmittel besitzen?
Diese Denkweise hätte berechtigt erscheinen können, hätte man die Tatsächlichkeit seiner angeblichen Geheimmittel und die Riesengewinne aus ihnen vorher genau festgestellt. Aber zu einer Zeit, wo es noch fraglich ist, ob man den von einem Abenteurer versprochenen Wundern Glauben schenken soll, gebietet die Vorsicht, seine Sitten, seinen Charakter, seine Privatverhältnisse, seine früheren Abenteuer usw. stark in Betracht zu ziehen. Das alles aber spricht durchaus gegen den angeblichen Grafen Surmont und wäre allein genug, um seine Projekte abzulehnen.
Kaunitz prüft die Vorschläge von Cobenzl für Übernahme der Manufakturen in Staatsbetrieb und kommt zu ihrer Verwerfung, da sie den verheißenen Gewinn nicht einbringen würden. Die eingesandten Proben seien minderwertig und trotz des niedrigen Preises keine großen Umsätze zu erwarten. Zu Cobenzls Bericht vom 25. Juni übergehend, bemängelt Kaunitz die Unsicherheit der Unterlagen, bei den Farben überdies das Fehlen von Blau und Grün.
Wenn die neuen Manufakturen in Tournai schon aus sachlichen Gründen nicht für uns in Frage kommen, so erst recht nicht wegen der großen, bereits entstandenen Kosten und der kostspieligen Verwaltung, die sie nach Angabe des Grafen Cobenzl erfordern. Wie schon oben betont, hat Frau Nettine Surmont bereits 94000 Gulden vorgeschossen oder für ihn ausgelegt, ohne daß es bisher gelungen wäre, die Geheimverfahren aus ihm herauszulocken, die scheinbar noch am meisten versprechen. Die Ausgaben für die Fabrikanlagen belaufen sich bereits auf 99935 Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel oder Rohstoffe angeschafft wären oder daß man das Geringste für Beschaffung von Arbeitern ausgegeben hätte. Zudem spricht aus allen diesen Ausgaben eine Verschwendung, die keine günstigen Schlüsse auf die künftigen laufenden Ausgaben erlaubt.
Allein für Surmonts Unterhalt und seine Reisen sind 12280 Gulden verausgabt. Ein Wohnhaus für ihn in Tournai ist für 13500 Gulden gekauft worden, und die verschiedenen nicht näher belegten Auslagen des Kaufmanns Rasse, der einer der Direktoren werden soll, belaufen sich auf 5300 Gulden[385]. Der vom Grafen Cobenzl entworfene Verwaltungsplan zeigt keine größere Sparsamkeit. Die Gehälter für die beiden Direktoren und die übrigen Angestellten betragen 8000 Gulden jährlich[386]. Außerdem schlägt der Minister vor, den Sohn der Frau Nettine, dem Surmont allein seine Geheimverfahren anvertraut hat, zum Generaldirektor des ganzen neuen Unternehmens zu ernennen und ihn lediglich Sr. Kgl. Hoheit und der Oberaufsicht des Ministers zu unterstellen. Ferner meint er, daß der Staatsrat Walckiers zum Königlichen Kommissar bei diesem Unternehmen bestellt, dessen Leitung mit der der Lotterie verbunden werden und daß E. M. dem jungen Nettine aus dem Gewinn ein festes Gehalt oder einen Gewinnanteil gewähren könnte.
Zugleich übersendet mir Graf Cobenzl den vorläufig mit Surmont abgeschlossenen Vertrag[387], wonach dieser für Lebenszeit an den in Frage stehenden Unternehmungen zur Hälfte beteiligt wird, die ihm vorgeschossenen Summen von seinem Gewinnanteil abgezogen werden und Surmont sich seinerseits verpflichtet, die Herstellungsart von Blau und Grün, die Verfeinerung der Öle, das Krempeln des Leders für die Hutfabrik oder zu jedem anderen ihm bekannten Gebrauch, sowie jedes andere Geheimmittel oder Verfahren anzugeben, durch das die Manufakturen zur größten Vollendung gebracht werden können.
Surmont hat es also nicht nur verstanden, eine Summe von fast 100000 Gulden herauszuschlagen, deren Rückzahlung auf einem zum mindesten sehr zweifelhaften, wo nicht gänzlich hinfälligen Gewinn beruht, sondern er hat sich auch die Möglichkeit weiterer Gewinne aus seinen angeblichen Geheimverfahren gesichert; denn er hat sich die anscheinend wichtigsten vorbehalten und wird sie sich zweifellos teuer bezahlen lassen. Außerdem verspricht er, etwas zu lehren, was er nach eigenem Geständnis selbst noch nicht versteht, nämlich die Herstellung des Blaus. Es kann sich dabei nur um die Herstellung ohne Cochenille handeln; denn von etwas anderem war nie die Rede. Nun schreibt mir Graf Cobenzl am 27. Mai ausdrücklich, Surmont kenne diese Herstellungsart nicht und hoffe nur, ein Verfahren zu finden, das diese teure Zutat unnötig macht. Nicht anders dürfte es mit dem Grün stehen, das er herstellen zu können behauptet, aber von dem der Minister noch nie eine Probe zu sehen bekommen hat[388]. Von diesen zwei Farben ist denn auch, wie oben gesagt, in der Aufstellung der Preise der neuen Farben nirgends die Rede.
Das alles tritt zu den Gründen, die von einem Unternehmen auf Staatskosten abraten. Trotzdem hält Graf Cobenzl dies für das Zweckmäßigste. Er will, falls E. M. darauf eingehen, der Frau Nettine ihre Vorschüsse für die genannten Unternehmungen in Höhe von 193935 Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig mit 4 Prozent verzinsen und sie aus den Überschüssen allmählich zurückzahlen.
Dabei versichert er mir immer wieder, falls E. M. den Betrieb der Surmont’schen Fabriken nicht auf Staatskosten übernehmen wollten, würde Frau Nettine ihn gern auf eigene Rechnung übernehmen. Außerdem erklärt er mir, in der ganzen Sache mit Zustimmung Sr. Kgl. Hoheit gehandelt zu haben, und bittet mich, ihm die Allerhöchste Entscheidung E. M. darüber kundzugeben.
Aus allem Gesagten geht hervor:
1. Graf Cobenzl, Frau Nettine, ihre Familie sowie alle, die an dem lächerlichen Mysterium der angeblichen Geheimmittel dieses Abenteurers beteiligt sind, haben sich derart hereinlegen lassen, daß sie Vorschüsse und Auslagen in Höhe von fast 100000 Gulden nur für seine Person und auf Rechnung seiner ungeheuren Reichtümer gemacht haben, die sich, wie sie heute zugeben, auf Nichtigkeiten beschränken und sich vielmehr in Schulden verwandelt haben, die sicherlich aus ähnlichen Schwindeleien wie die in Brüssel verübten herrühren.
2. Nachdem sie sich so gröblich über den Charakter dieses Gauners getäuscht haben, trotzdem sie seine Geschichte und seine Abenteuer kannten, geben sie uns das Recht, ihrem Urteil über die Geheimmittel zu mißtrauen, die er ihnen so teuer aufgeschwindelt hat. Dies berechtigte Mißtrauen wird bestärkt durch die Abweisungen, die Surmont in Frankreich, in Holland, in England und überall erfahren hat, wo er seine kümmerlichen Geheimmittel wie bei uns angepriesen haben wird. Ich hätte mir also alle Vergleichungen, Berechnungen, Proben und Prüfungen ersparen können.
Aus ihnen hat sich ergeben:
3. Die gefärbten Seiden- und Wollstoffe bieten dem Publikum durchaus nichts Neues und können daher die Vorteile der Neuheit und des Monopols nicht beanspruchen. Sie bieten selbst in den bekannten Farben nichts Hervorragendes und sind bei weitem nicht in allen Farbgattungen vorhanden. Schon die Wiener gefärbten Stoffe übertreffen in dieser Farbenskala die seinen; um wieviel weniger könnten sie sich also gegenüber den englischen, französischen und holländischen behaupten!
4. Somit beruhen alle ihre Erwartungen nur auf dem Absatz in den Niederlanden. Aber sie haben dessen Umfang nicht berechnen können oder wollen, obgleich dies der einzige feste Anhaltspunkt wäre, um die Höhe der Einnahmen zu berechnen und ihr die Kosten gegenüberzustellen. Denn ohne einen solchen vorherigen Anschlag kann, ja muß es geschehen, daß sie bei dem überstürzt und höchst unbesonnen begonnenen Großbetrieb in einem Monat mehr Stoffe färben, als die einheimischen Fabriken in einem Jahre verbrauchen können.
5. Günstigsten Falls, d. h. wenn man den ganzen inneren Markt versorgen könnte, wäre das Unternehmen moralisch unrecht und politisch verkehrt. Unrecht, denn man brächte alle Privatfärbereien mit Güte oder mit Gewalt an den Bettelstab. Mit Güte, wenn man sie durch den billigen Preis überflügelte; mit Gewalt, wenn man zur Billigkeit noch das Monopol fügte. Politisch wäre das Unternehmen verkehrt; denn selbst bei der Annahme, man könnte alle Privatindustrieen verstaatlichen — was der täglichen Erfahrung völlig widerspricht —, wären diese Industrieen in Privathänden für den Staat weit wertvoller als beim Staatsbetriebe. Denn im ersten Falle begünstigen sie den Bevölkerungszuwachs, spornen den Wetteifer an, vermehren die Umlaufskanäle, setzen den einheimischen Handel in Nahrung, vervielfältigen seine Werte und unterstützen die Landwirtschaft und die Landesverteidigung. Beim Staatsbetriebe dagegen fallen durch die Zusammenfassung alle diese günstigen Faktoren fort; der Unterhalt von tausend Familien wird von hundert Angestellten und Arbeitern verzehrt, und hundert Menschen verarmen, um einen einzigen zu bereichern. Ein derartiges Unternehmen würde den Untertanen E. M. also keineswegs nützlich sein, wie man dreist behauptet hat, sondern sie zugrunde richten. Sie würden sich mit Recht laut beklagen, und wir zögen uns die bittersten Beschwerden und Klagen der Stände auf den Hals. Sind dies aber im günstigsten Falle die notwendigen Folgen eines solchen Unternehmens, dann kann man unmöglich mit dem Grafen Cobenzl in der Billigkeit allein das Mittel sehen, um den ganzen Verbrauch der Niederlande an gefärbten Stoffen an sich zu reißen. Damit sinken alle seine Erwartungen in Nichts zusammen, und es bleibt ihm nichts als die Reue, so große Opfer gebracht zu haben. Und tatsächlich hat Cobenzl unrecht; denn er hat nicht bewiesen, daß es möglich ist, die Privatindustrie mit allen ihren Hilfsquellen auszuschalten und ihr für alle Zeit die Kenntnis des Geheimverfahrens zu entziehen, das nach Aussage der Frau Nettine ziemlich leicht zu erraten ist. Ebensowenig hat er schließlich bewiesen, daß es möglich ist, die Privatindustrie durch Schönheit und Güte der Farben und durch Billigkeit des Preises zu übertreffen, wenn sie erst einmal nach seinem Geheimverfahren arbeitet.
Aus meiner Darlegung ergibt sich ferner:
6. Daß die Gewinne aus der Gerberei heute von den einheimischen Gerbern gemacht werden, und daß Graf Cobenzl diese Gewinne durch Surmonts Geheimverfahren nur zu vergrößern hofft. Dabei verdient die Gerberei unter den angeblichen Geheimverfahren noch am meisten Beachtung, und gerade darüber wissen sie noch am wenigsten; denn alle ihre positiven Angaben beschränken sich auf das Gewicht der heute von unseren Gerbern verarbeiteten und verkauften Felle. Ebensogut könnte man sagen: Es gibt in den Niederlanden 10000 Schuhmacher; jeder verdient täglich soundsoviel. Man braucht also nur alle Stiefel und Schuhe, die diese Schuhmacher anfertigen, auf Rechnung des Staates herzustellen und hat allein den ganzen Gewinn davon. Wenn man so weiter fortfährt, alle Gewerbe an sich reißt und sie selbst ausübt, und angenommen, es gelingt, so muß man E. M. neue Untertanen verschaffen, die soviel Geld haben, um alle diese Waren zu kaufen; denn die Ihren wären zugrunde gerichtet und verarmt. Daß bei der Gerberei Geld zu verdienen ist, wußten wir ohnehin. Daß aber der Staat diesen Gewerbszweig auch noch an sich reißen müsse, das sollte man nicht vorschlagen, ohne vorher deutlich nachzuweisen, was für wirkliche und neue Vorteile für die Bevölkerung daraus entspringen.
Für die Hutfabrik gilt genau das gleiche.
7. Surmont hat ihnen ebensowenig das Geheimverfahren angegeben, durch das gewöhnliche Öle geruchlos gemacht und derart verfeinert werden, daß sie einen Ersatz für das feine Provenceröl bilden. Dieser Artikel wäre der einzige, der den Staatsfinanzen ohne Schaden für die einheimische Industrie und den einheimischen Handel die größten Einkünfte verschaffen könnte; denn es gibt noch nirgends eine derartige Fabrik, die Rohstoffe hätten wir in den Niederlanden, und somit würden neue Werte geschaffen. Aber die Ankündigung dieses Geheimverfahrens ähnelt der uns gegebenen über die Verwandlung von Eisen in ein goldartiges Metall. Beides ist gleich unwahrscheinlich; denn schon das Geheimverfahren zur Verfeinerung von Ölen in der angegebenen Weise wäre Surmont in Holland und England zu jedem von ihm geforderten Preise abgekauft worden.
8. Die uns vorgeschlagene Verwaltung ist ebensowenig sparsam, wie das Benehmen gegen Surmont von Anfang an bis auf diesen Tag klug war. Sie würde sieben bis acht Werkstätten zu verwalten haben, deren jede die ganze Tatkraft und Wachsamkeit, den ganzen Fleiß und die ganze Sparsamkeit mehrerer sehr erfahrener Geschäftsleute in Anspruch nähme. Das Verwaltungsbüro allein würde 8000 Gulden jährlich kosten. Fast ebensoviel würden die Zinsen für die bereits so leichtfertig ausgegebenen Summen erfordern. Dabei ist noch kein Pfennig inbegriffen für die Löhne eines Schwarmes von Arbeitern und für die Beschaffung von Rohstoffen.
Aus all diesen Schlußfolgerungen ergibt sich als offenkundig und unbedingt notwendig, daß diese gewagten Unternehmungen weder der Sache nach noch in ihrer Verwaltung und in ihrem Betrieb den Staatsfinanzen entsprechen. Da jedoch Frau Nettine aus eigener Tasche den unsinnigen Vorschuß von fast 200000 Gulden gemacht hat und sie diese Fabriken auch übernehmen will, so ist es recht und billig, daß E. M. sie ihr überlassen und gleichzeitig Ihre Regierung beauftragen, ihr alle Erleichterungen und Vergünstigungen zu gewähren, die sich mit der Wohlfahrt der Staatsfinanzen und der Landesverfassung vereinbaren lassen.
Eigenhändiges Marginal Maria Theresias
Placet. Ich billige alle Vorschläge des Kanzlers.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 22. Juli 1763.
Seit dem Erlaß E. E. vom 5. ist von der Sache in Tournai nicht mehr die Rede. Ich war Zeuge davon, daß Herr Bürgermeister Hasselaar[389] über unseren Mann sehr günstig gesprochen hat, aber von der Anlage einer Manufaktur war zwischen ihnen nie die Rede.
Maria Theresia an Prinz Karl von Lothringen
Wien, 24. Juli 1763.
Mein Hof- und Staatskanzler hat mir über seinen ganzen Schriftwechsel mit dem Grafen Cobenzl betreffs der angeblichen Geheimmittel für Fabriken und Manufakturen berichtet, die ein gewisser Surmont besitzen will, sowie über die Manufaktur, die Graf Cobenzl infolgedessen mit Genehmigung Eurer Hoheit in Tournai bereits eingerichtet hat[390]. Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß wir das Ganze aufs unparteiischste und gewissenhafteste haben prüfen lassen, und daß sich daraus ergeben hat, daß diese Manufaktur weder in der Sache noch ihrer Verwaltung nach meinem königlichen Dienst entspricht und bei einem Staatsbetrieb — falls er überhaupt Erfolg hat — eine große Zahl meiner getreuen Untertanen zugrunde richten würde. Ich trete also dem bei, was mein Hof- und Staatskanzler dem Grafen Cobenzl hierüber schon mitgeteilt hat[391], und lehne den Gedanken völlig ab, das fragliche Unternehmen auf Rechnung des Staates betreiben zu lassen. Auch soll der Staat für die bereits erfolgten Ausgaben in keiner Weise herangezogen werden.
Da jedoch die Witwe Nettine, die für das neue Unternehmen schon beträchtliche Vorschüsse gezahlt hat, es auf eigene Rechnung übernehmen will, so ermächtige ich Eure Hoheit, ihr zu diesem Zweck die nötige Genehmigung zu geben und ihr alle Erleichterungen und Vergünstigungen zu gewähren, die sich mit der Wohlfahrt meiner Finanzen und der Verfassung meiner belgischen Provinzen vereinbaren lassen.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 2. August 1763.
Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von Surmont und hoffe, daß Frau Nettine ihre großen Vorschüsse wieder herauswirtschaften wird. Sicherlich steckt in seinem Geheimverfahren etwas Gutes; zum mindesten ist dies bei der Hutfabrikation und Gerberei anerkannt, und alle unsere Seiden- und Tuchhändler finden die gefärbten Stoffe wunderbar. Se. Kgl. Hoheit wird die diesbezüglichen Befehle Ihrer Majestät[392] mit größter Genauigkeit ausführen.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 14. August 1763.
Ich verstehe nicht recht, was die Wendung in Ihrem Berichte vom 2. bedeutet: „Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von Surmont.“ Geht er freiwillig oder jagt man ihn endlich fort? Im ersteren Falle dürfte er wohl nicht nur das Geld der von mir aufrichtig bedauerten Frau Nettine mitnehmen, sondern auch die freie Verfügung über seine schönen Geheimmittel behalten. Im zweiten Fall wird man ihm hoffentlich noch das Geheimnis der Verfeinerung von Ölen entlockt haben. Offen gestanden, Herr Graf, könnte ich mir noch heute kein Bild machen, hätte ich nicht schon in meiner ersten Antwort[393] die Begeisterung unterstrichen, mit der dieser Schwindler Sie alle erfüllt hat, ganz ähnlich, wie es ihm auch in Frankreich geglückt ist. Aber zu etwas sind schlimme Erfahrungen doch gut, und ich hoffe, in Zukunft wird man bei Ihnen auf der Hut sein, und die Abenteurer werden kein gewonnenes Spiel haben.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 23. August 1763.
Herr von Surmont ist nicht ausgewiesen worden. Aber in Erwartung der Entscheidung, ob Ihre Majestät die Manufaktur selbst übernehmen oder an Frau Nettine weitergeben will, hatte diese ihren Sohn in Tournai gelassen, um alle Geheimverfahren des Herrn von Surmont kennen zu lernen. Da man nun von ihm alles erfahren hatte, was er wußte, und seine Anwesenheit nicht mehr nötig war, habe ich ihm nach Eintreffen der Allerhöchsten Befehle geschrieben, Ihre Majestät wolle von seinen Geheimverfahren nichts wissen. Zugleich hat Nettine ihm eröffnet, daß seine Mutter sie als Deckung für ihre Vorschüsse behielte, daß sie ihm aber weitere Vorschüsse nicht machen wolle. Darauf hat er sich sofort zur Abreise entschlossen, wobei er erklärte, das Ganze im Laufe weniger Monate zurückzuzahlen. Andernfalls könne man seine Geheimverfahren benutzen, und falls man irgendeiner Aufklärung bedürfe, sei er bereit, sie zu geben, wo immer er sich auch befinde. Er ist nach Lüttich abgereist und wird sich wohl nach Karlsruhe zum Markgrafen von Baden-Durlach[394] wenden. Frau Nettine hofft noch, wenigstens einen Teil ihrer Vorschüsse zurückzubekommen.
Man muß den Mann gesehen haben, um unsere Leichtgläubigkeit zu entschuldigen. Auch die vor uns auf ihn Hereingefallenen können uns teilweise entschuldigen, aber sicherlich haben wir die Erfahrung gemacht, daß der Mensch durch etwas betrogen werden kann, was er sieht und mit Händen greift.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 3. September 1763.
Der Fall Surmont ist für mich erledigt. Ich wünschte, daß das, was er in Brüssel getan hat und tun ließ, sich so leicht wieder gutmachen ließe, daß ich es vergessen kann.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 2. Oktober 1763.
Ich erhalte von nirgendswoher Nachricht, was aus Herrn von Saint-Germain geworden ist. Die in Tournai begründete Manufaktur beginnt sich zu entwickeln; ich glaube bestimmt, Frau Nettine wird dabei auf ihre Rechnung oder wenigstens auf ihre Kosten kommen.
II Aus den „Erinnerungen“ des Grafen Philipp Cobenzl[395]
Gegen Mitte Juni schickte mein Oheim mich nach Tournai, um für ein paar Tage das Benehmen eines berüchtigten Abenteurers zu überwachen[396], auf den mein Oheim, Frau von Nettine und viele andere gründlich hereingefallen waren. Dieser Mann war in Brüssel unter dem Namen eines Grafen Surmont aufgetreten, nachdem er sich anderswo Graf Saint-Germain genannt hatte. Er führte sich bei meinem Oheim in sehr geheimnisvoller Weise durch ein paar Empfehlungsbriefe, ich weiß nicht von wem, ein. Tagsüber ging er nie aus, und zur Zwiesprache mit meinem Oheim stellte er sich nur in vorgerückter Nachtstunde ein. Er erbot sich, mittels seiner angeblichen Geheimverfahren dem Hof große Dienste zu leisten. U. a. handelte es sich um ein Metall, das zwar kein Gold war, aber Farbe, Gewicht und Hämmerbarkeit des Goldes und somit alle Vorzüge desselben besaß. Er hatte, wie er sagte, hervorragende Kenntnisse in der Färberei und konnte Leder, Wolle und Seide sehr billig die glänzendsten Farben geben. Er wollte die feinsten Hüte zu billigerem Preise herstellen, als sonst die Anfertigung der gröbsten Hüte kostete. Fleckige Diamanten wußte er von ihren auffälligsten Flecken zu befreien. Er stellte Arzeneien gegen alle Krankheiten her und besaß Mittel zur unberechenbaren Verlängerung des Lebens. Alle Wissenschaften, von denen man sprach, beherrschte er im höchsten Maße. War von Musik die Rede, so sprach er als Meister davon, setzte sich ans Klavier und trug eigene Kompositionen vor. Sprach man von Malerei, so behauptete er, im Besitz einer hervorragenden Gemäldesammlung zu sein, sagte aber nicht, wo sie war. Welches seine Heimat sei, sagte er nicht, aber er sprach sehr gut Französisch, Italienisch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch. Wie alt er war, sagte er nicht; anscheinend zählte er 50 Jahre, aber er sagte, das Menschenleben ließe sich unglaublich verlängern, und er sprach von Ereignissen, die um Jahrhunderte zurücklagen, und deren Augenzeuge er gewesen war.
Er redete wenig und so, daß man mehr erriet als begriff. Durch diese Art von Marktschreierei hatte der gewandte Mann das Vertrauen meines Oheims zu gewinnen verstanden, der mehr als einen Vorteil für den Staat aus einem Teil seiner Geheimmittel zu ziehen hoffte, indem er in Tournai eine Färberei, eine Papierfabrik und eine Werkstätte zur Herstellung des kostbaren Metalls einrichtete. Bestochen hatten meinen Oheim sehr schöne Proben aller dieser Dinge, die der Abenteurer ihm vorlegte, mit der Behauptung, er wolle ihm alle seine Geheimnisse nur aus reiner Freundschaft abtreten; denn er besäße alles, was er wünschte, und hätte nichts nötig. Um meinen Oheim davon zu überzeugen, sagte Graf Surmont eines Tages, als von Malerei die Rede war und mein Oheim äußerte, nur sehr wenige Privatleute könnten sich rühmen, einen echten Raffael zu besitzen, das träfe zwar zu, aber in seiner Sammlung fehlte es nicht daran, und zum Beweis dafür kam vierzehn Tage bis drei Wochen später ein Gemälde an, das Herr von Surmont meinem Oheim als aus seiner Sammlung stammend schenkte, und ein paar Künstler der Stadt, Kenner oder nicht, denen mein Oheim dies Bild zeigte, erklärten es für ein Original Raffaels. Surmont wollte es jedoch nicht zurücknehmen und bat ihn, es als Zeichen seiner Freundschaft zu behalten.
Ein andermal zeigte er meinem Oheim einen großen Solitär mit einem Flecken und sagte, er werde ihn in wenigen Tagen tadellos machen. Tatsächlich brachte er ihm nach ein paar Tagen einen Solitär vom gleichen Schnitt, der tadellos und ohne Flecken war, mit der Versicherung, es sei der gleiche Stein. Als mein Oheim ihn genau geprüft und bewundert hatte, wollte er ihm den Stein zurückgeben, aber jener nahm ihn nicht an und beteuerte, er hätte Diamanten genug, mit denen er nichts anzufangen wisse, und mein Oheim möchte diesen als Erinnerung an ihn behalten. Mein Oheim, der keine Geschenke annehmen wollte, wehrte sich lange dagegen und gab erst nach, als Surmont ihm drohte, Brüssel sofort mit all seinen Geheimmitteln zu verlassen, wenn mein Oheim durch das Ausschlagen dieser Kleinigkeit bewiese, daß er seinen Worten nicht traute.
Es wurde also beschlossen, alle obengenannten Unternehmungen in Tournai zu begründen, und zwar auf Verlangen des Urhebers sogleich in großem Stil. Zunächst mußten Häuser gekauft und teils neu gebaut, sowie alle möglichen Materialien nach einer Liste Surmonts beschafft werden, der die Ausführung mit Hilfe einer Summe unternahm, die man ihm zu diesem Zweck vorschießen mußte. Frau von Nettine übernahm ein paar Aktien, mein Oheim desgleichen; der Rest wurde auf Staatskosten übernommen. Surmont war hierauf nach Tournai gereist, um Hand ans Werk zu legen; ein paar Monate später wurde ich hingesandt, um zu sehen, wie die Dinge standen. Ich blieb vierzehn Tage dort und ließ meinen Mann tags und nachts nicht aus den Augen. Aus meinem nach meiner Rückkehr erstatteten Bericht ergab sich, daß gar nichts geschehen war, und daß alle diesem Manne vorgeschossenen Summen verschwunden waren. Kurz darauf verschwand er selbst, und man mußte sogar noch zahlreiche Schulden bezahlen, die er unter Mißbrauch der ihm leider erteilten Vollmachten gemacht hatte. Später erfuhr man, daß dieser Mann unter verschiedenen Namen schon ähnliche Streiche in anderen Ländern gespielt hatte. Ich weiß nicht, wohin er sich nach Verlassen der Niederlande begab. Mehrere Jahre später hörte ich, er sei in Hamburg, wo er auch starb[397], ohne daß jemand erfahren hätte, woher er stammte noch wovon er lebte.
III Aus Casanovas „Memoiren“[398]
Am nächsten Tage kam ich (aus Dünkirchen) in Tournai an. Als ich ein paar Stallknechte auf schönen Pferden reiten sah, fragte ich sie aus Neugier, wem sie gehörten.
„Dem Grafen Saint-Germain, dem Adepten, der seit einem Monat hier ist und niemals ausgeht.“
Diese Antwort bewog mich, ihn zu besuchen. Kaum im Gasthof angelangt, schrieb ich an ihn und fragte ihn, wann ich ihn aufsuchen dürfte. Nachstehend seine Antwort, die ich mir aufgehoben habe:
„Infolge meiner Beschäftigung kann ich niemand empfangen. Doch Sie machen eine Ausnahme. Kommen Sie, wann es Ihnen paßt; man wird Sie in mein Zimmer führen. Sie brauchen weder meinen noch Ihren Namen zu nennen. Ich biete Ihnen nicht die Hälfte meines Mittagessens an, denn meine Nahrung eignet sich für niemand, am wenigsten für Sie, wenn Sie noch Ihren alten Appetit haben.“
Ich ging um neun Uhr hin und fand ihn mit einem zwei Zoll langen Stoppelbart. Er hatte eine Anzahl Retorten voller Flüssigkeiten im Zimmer. Einige machten einen chemischen Prozeß durch; sie lagen auf Sand bei natürlicher Wärme. Wie er mir sagte, arbeitete er zu seiner Kurzweil an der Herstellung von Farben und richtete eine Hutfabrik ein, um dem Grafen Cobenzl, dem Minister Maria Theresias in Brüssel, gefällig zu sein. Der Graf hätte ihm nur 105000 Gulden gegeben, die aber nicht hinreichten, doch er würde das Weitere hinzulegen[399]. Dann sprachen wir von Frau von Urfé.
„Sie hat sich durch eine zu starke Dosis von Universalmedizin vergiftet“[400], sagte er. „Ihr Testament beweist, daß sie sich für schwanger hielt. Sie hätte es sein können, wenn sie mich um Rat gefragt hätte. Das Unternehmen ist sehr schwierig, aber ganz sicher, obgleich die Wissenschaft das Geschlecht des Kindes noch nicht zu bestimmen vermag.“
Als er hörte, an welcher Krankheit ich litt[401], beschwor er mich, drei Tage in Tournai zu bleiben. In dieser Zeit wollte er alle meine Drüsenschwellungen beseitigen und mir dann fünfzehn Pillen verschreiben, die ich in fünfzehn Tagen einnehmen sollte und die mich ganz wiederherstellen würden. Er zeigte mir seine „Lebenskraft“, die er „Atoëter“ nannte, eine weiße Flüssigkeit in einem festverschlossenen Fläschchen. Diese Flüssigkeit, sagte er, sei der Universalgeist der Natur; der Beweis dafür sei, daß der Geist sofort das Fläschchen verließe, wenn man das Wachs ganz leicht mit einer Nadel durchbohrte. Ich bat ihn, mir das Experiment zu zeigen. Er gab mir das Fläschchen und eine Nadel. Ich stach leicht in das Wachs, und in der Tat wurde das Fläschchen ganz leer.
„Herrlich!“ sagte ich. „Aber was ist der Zweck davon?“
„Das kann ich Ihnen nicht verraten: es ist mein Geheimnis.“
Wie gewöhnlich hatte er den Ehrgeiz, mich in Verwunderung zu setzen, und so fragte er mich, ob ich kleines Geld bei mir hätte. Ich zog ein paar Münzen hervor und legte sie auf den Tisch. Ohne mir zu sagen, was er vorhätte, stand er auf, legte eine glühende Kohle auf eine Metallplatte, bat mich um ein Zwölfsousstück, das unter den Münzen lag, legte ein schwarzes Körnchen darauf und das Geldstück auf die Kohle und blies sie mit einem gläsernen Blasrohr an. Binnen zwei Minuten war es glühend.
„Warten Sie, bis es abgekühlt ist“, sagte der Alchimist. Es war in einer Minute geschehen. „Nehmen Sie es mit,“ fügte er hinzu, „denn es gehört Ihnen.“
Ich nahm es: es war Gold. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß er die Münze vertauscht und mir eine andere gegeben hatte, die er zweifellos vorher blank geputzt hatte. Ich wollte ihm keine Vorwürfe machen. Damit er aber nicht glaubte, er hätte mich zum besten gehabt, sagte ich: „Das ist wunderbar, Graf. Das nächste Mal aber müssen Sie, um ganz sicher zu sein, daß Sie auch den schärfsten Beobachter verblüffen, ihm vorher sagen, welche Verwandlung Sie vorhaben. Dann kann er sich die Münze ansehen, bevor Sie diese auf die glühende Kohle legen.“
„Wer an meiner Wissenschaft zweifeln kann, ist unwert, mit mir zu sprechen“, entgegnete der Schwindler.
Dies anmaßliche Benehmen kennzeichnete ihn; es war mir indes nichts Neues. Das war das letztemal, daß ich den berühmten und gelehrten Betrüger sah; vor sechs bis sieben Jahren ist er in Schleswig gestorben[402]. Sein Geldstück war lauteres Gold. Zwei Monate darauf, in Berlin, überließ ich es Mylord Keith[403], der sich neugierig darauf zeigte.
SAINT-GERMAIN IN ANSBACH (1774–1776)
„Aufschlüsse über den Wundermann, Marquis Saint-Germain, und sein Aufenthalt in Ansbach, von einem Augenzeugen“[404]
Dieser sonderbare Mann, der zu seiner Zeit manches unverdiente Aufsehen erregte, lebte verschiedene Jahre in dem Fürstentume Ansbach, ohne daß man nur von weitem ahnen konnte, er sei der rätselhafte Abenteurer, von dem man so manche wunderbare Sagen verbreitete.

Alexander, Markgraf von Ansbach und Bayreuth
Stich von Daniel Berger
Es war im Jahre 1774, als dem nun verstorbenen Herrn Markgrafen von Brandenburg Karl Alexander[405] angezeigt wurde, daß sich zu Schwabach ein Fremder aufhalte, der sich für einen russischen Offizier ausgebe, sehr eingezogen lebe, zugleich aber manche Handlungen der Wohltätigkeit ausübe. Der damals noch zwischen Rußland und der Pforte obwaltende Krieg[406] und die Anwesenheit der russischen Flotte in dem Archipelago erregten die Vermutung, daß das russische Gouvernement vielleicht einen vertrauten Menschen nach Franken geschickt habe, um ohne Aufsehen die über Italien gehende Korrespondenz zu besorgen. Und der ebenso gütige als menschenfreundliche Fürst gab den Befehl, diesem Fremden insolange den ruhigen Aufenthalt zu gestatten, als er der Polizei keine Veranlassung geben würde, ihn näher zu beobachten.
Einige Zeit nachher meldete der reformierte Geistliche zu Schwabach, Herr Dejan, daß der Fremde, der seit seiner Anwesenheit daselbst bloß mit ihm und dem damaligen Stadtvogt Greiner Umgang gepflogen habe, sehr wünsche, dem Herrn Markgrafen, wenn es ohne Aufsehen geschehen könne, vor seiner Abreise aus der Gegend aufzuwarten und ihm für den so liberal gewährten Schutz zu danken. Dieser Wunsch wurde ihm gewährt, und der Markgraf sah ihn zum erstenmal im Winter abends bei der berühmten Schauspielerin Clairon[407], die zu eben dieser Zeit sich zu Ansbach befand.
Der Fremde schien damals ein Mann zwischen 60 und 70 Jahren zu sein, von mittlerer Größe, mehr hager als stark, der seine grauen Haare unter einer Perücke verbarg und vollkommen einem gewöhnlichen alten Italiener gleich sah. Sein Anzug war so einfach als möglich; sein Ansehen verkündigte nichts Außerordentliches.
Nachdem er dem Markgrafen in französischer Sprache (der Akzent verriet einen Italiener) für die Erlaubnis gedankt hatte, sich in seinen Landen ungestört aufhalten zu dürfen, sagte er ihm viel Schönes über seine Regierung, sprach über große Reisen, die er gemacht hatte, und endigte damit, zu versichern, daß er zu Bezeugung seiner Dankbarkeit dem Markgrafen Geheimnisse anvertrauen wolle, welche geeignet seien, das Glück und den Wohlstand seines Landes zu befördern. Natürlich mußten Äußerungen dieser Art Aufmerksamkeit erregen, die bald aufs höchste gespannt wurde, als er eine Menge sehr schöne Steine vorzeigte, die man für Diamanten ansehen konnte, und die, wenn sie echt waren, von ungeheurem Wert sein mußten.
Der Markgraf lud ihn nun ein, auf das Frühjahr nach Triesdorf, dem Sommeraufenthalt des Fürsten, zu kommen, und Graf Tzarogy[408] — denn unter diesem Namen hatte er sich vorstellen lassen — nahm diese Einladung unter der Bedingung an, wenn man ihm gestatten wolle, dort nach seiner eigenen Weise, ganz unbemerkt und in der Stille leben zu dürfen.
Zu Triesdorf wurde er in die unteren Zimmer des Schlosses logiert, dessen oberen Teil Mademoiselle Clairon bewohnte. Der Markgraf und dessen Gemahlin wohnten im Falkenhause. Er hatte keinen Bedienten, speisete nur auf seinem Zimmer, das er selten verließ, und dies so einfach als möglich. Seine Bedürfnisse waren mehr als eingeschränkt. Er vermied allen Umgang, und nur die Abendstunden brachte er in der Gesellschaft der Mademoiselle Clairon, des Markgrafen und derjenigen Personen, die dieser Herr gern um sich haben mochte, zu. Man konnte ihn nicht bewegen, an der fürstlichen Tafel zu speisen, und nur einige Male sah er die Frau Markgräfin, die auch begierig war, den sonderbaren Menschen kennen zu lernen.
In Gesprächen war er äußerst unterhaltend, verriet viele Welt- und Menschenkenntnis und ließ hier und da einige mysteriöse Reden fallen, von denen er ebenso geschickt abzuspringen und den Discours auf andere Gegenstände zu lenken wußte, wenn man etwas Näheres zu wissen verlangte. Vorzüglich sprach er gerne von den Jahren seiner Kindheit und von seiner Mutter, die er nie ohne scheinbare Rührung und bisweilen mit Tränen in den Augen nannte. Ihm zu glauben, hatte er fürstliche Erziehung genossen.
Er war absprechend, aber nie unhöflich. Daß er, wie der sonst so wahrheitsliebende Baron Gleichen sagte, „zu Triesdorf nach Belieben gehauset, daß er den Markgrafen wie einen Schulknaben behandelt[409]“, ist weder wahr noch wahrscheinlich. So leutselig der Markgraf in dem gesellschaftlichen Umgange war, so gut wußte dieser Fürst die Achtung zu behaupten, die man seiner Geburt, seinem Range und seinen guten moralischen Eigenschaften schuldig war. Er würde es nicht gelitten haben, daß man ihm beföhle; viel weniger würde er dies einem Unbekannten übersehen haben.
Womit sich dieser Sonderling den ganzen Tag über beschäftiget, war schwer zu bestimmen. Er hatte keine Bücher bei sich als eine verschmutzte Ausgabe von dem „Pastor fido“[410]. Man wurde selten bei ihm vorgelassen, und dann fand man ihn meistenteils den Kopf in ein schwarzes Tuch gehüllt. Seine vorzüglichste Beschäftigung mag wohl in Bereitung allerlei Farben bestanden haben; denn die Fenster seines in den Garten hinausgehenden Zimmers waren so mit Farben allerlei Art überschmiert, daß man nicht durchsehen konnte. Bald nach seiner Ankunft zu Triesdorf fing er an, dem Markgrafen Anweisung zu verschiedenen Zubereitungen zu geben, die den Grund zu einträglichen Fabriken legen sollten. Unter diesen zeichneten sich vorzüglich allerlei Arten von Saffian, Korduan und Juchten aus, die aus dem schlechtesten Schafleder hervorgebracht werden sollten, die Zubereitung des schönsten türkischen Garns usw.
Der Markgraf ließ die Rezepte durch den Verfasser dieser Beiträge aufnehmen, und nun ging man an die Versuche selbst, die nach seinem Verlangen mit dem größten Geheimnis angestellt werden sollten. In einem besonders dazu bereiteten Laboratorio wurde die Arbeit angefangen, und die Versuche wurden bei verschlossenen Türen angestellt.
Lebhaft erinnert sich noch nach so manchen Jahren der Verfasser der lustigen Auftritte dieser Versuche, und wie oft und herzlich er mit dem Markgrafen darüber gelacht, den Fürsten und seinen Vertrauten in einer Werkstatt zum Gerber und Färber umgeformt zu sehen. Man wollte alles versuchen und das Gute behalten. Allein die Hoffnung sank bald unter näherer Prüfung. Schon hatte man mit leichter Mühe und geringen Kosten den schönsten Korduan hervorgebracht, und in der Freude seines Herzens ließ sich der Verfasser Schuhe daraus verfertigen, die sehr gut ausfielen, aber in den ersten 24 Stunden in Stücken zersprangen. So unhaltbar war das türkische Garn, und so war es mit mehreren Artikeln. Tzarogy schob, wenn man ihn zu Rate zog, die Schuld auf fehlerhafte Manipulation, die doch sicher in den Ingredienzien lag, deren man sich bediente. Er versprach von Zeit zu Zeit, selbst die Hand anzulegen, um die wahren Vorteile zu zeigen, und so vergingen einige Wochen, während welcher der Unbekannte abwechselnd sich zu Triesdorf und Schwabach aufhielt. War er zu Schwabach, so schrieb er oft an den Markgrafen und an den Verfasser, schickte immer neue Proben von zubereitetem Leder, von gefärbter Seide und Tüchern ein, wovon der Verfasser noch eine ganze Schachtel voll besitzt. Die Proben waren meistenteils mit Tzarogys eigener Hand überschrieben, z. B. auf Lederproben:
„Völlig unbekannte Lederarten; man zerschneide sie und wird die Haltbarkeit merken.“
„Sehr billige Lederarten, die ganz allein ohne den geringsten Kunstgriff aus Abfällen hergestellt werden, die zur Bereitung von Häuten nicht mehr verwendbar sind.“
Auf gefärbte Tuchmuster: „Bei allen diesen Farbproben läßt sich immer größere Schönheit, Feinheit und Haltbarkeit erzielen, ich glaube bis ins Grenzenlose. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur das Schwarz dieser Musterkarte mit den am letzten Dienstag eingesandten zu vergleichen. Dann wird man den Unterschied sehen; man kann noch viel weiter gehen.“
Auf einem anderen Muster: „Dies kostbare Schwarz ist ohne Vitriol, ohne Galläpfel und ohne Sieden erzielt. Es verschießt nie und wird aus feinem Russisch Blau hergestellt. Dies unvergleichliche Gelb wird in lauterem, kristallklarem, kristallreinem Wasser eingefärbt.“ Und dergleichen mehr.
So erhielt er die Aufmerksamkeit und die Hoffnung, daß doch vielleicht unter so vielen vorgelegten Proben sich einige nützliche, bisher unbekannte Gegenstände finden dürften.
Einstmals zeigte Tzarogy dem Markgrafen an, daß er einen Kurier von dem eben aus Italien zurückkehrenden Grafen Alexis Orlow[411] mit der dringenden Einladung erhalten habe, ihn zu Nürnberg auf seiner Durchreise zu besuchen. Er schlug zugleich dem Markgrafen vor, diese Gelegenheit zu benutzen, um den Helden von Tschesme kennen zu lernen. Der Vorschlag wurde angenommen, und der Verfasser begleitete den Markgrafen nach Nürnberg, wo der Graf Alexis Orlow bereits angekommen war.
Orlow kam dem Grafen Tzarogy, der nun zum ersten Mal in russischer Generalsuniform einher trat, mit offenen Armen entgegen, hieß ihn mehrere Male „caro padre“, „caro amico“ usw. Er empfing den Markgrafen mit ausgezeichneter Höflichkeit und dankte ihm vielmals für den Schutz, den er seinem würdigen Freunde gegönnt habe. Und bei dieser Gelegenheit fiel diejenige Äußerung vor, die der Baron Gleichen dem Fürsten Grégoire Orlow (den der Markgraf nie gesehen) zuschreibt[412], eine Äußerung, aus der man schließen mußte, daß Tzarogy eine große Rolle bei der Revolution von Anno 1762 in Rußland gespielt habe.
Man speiste bei dem Grafen Orlow zu Mittag. Die Unterhaltung war äußerst interessant. Man sprach viel von dem Feldzuge im Archipelago, noch mehr aber von nützlichen Erfindungen. Unter andern zeigte Orlow dem Markgrafen ein Stück unverbrennbares Holz, das nach angestellter Probe, als es angezündet wurde, weder Flammen noch Kohlen gab, sondern bloß, nachdem es wie ein Schwamm aufgeschwollen war, in eine leichte Asche zerfiel.
Nach der Tafel führte Orlow den Grafen Tzarogy in ein Nebenzimmer, in welchem sie eine geraume Zeit beisammen blieben. Der Verfasser, der an dem Fenster sich befand, unter welchem die Wagen des Grafen Orlow standen, bemerkte, daß einer von den Leuten des Grafen einen Wagen aufschloß und aus dem Sitzkästchen einen großen Beutel von rotem Leder herausnahm und in das Zimmer hinauftrug.
Man beurlaubte sich in einiger Zeit, und auf der Rückreise hatte Tzarogy alle Taschen voll venetianische Zechinen, mit denen er auf eine nachlässige Art zu spielen schien. Daß dieser Mann zuvor kein Geld hatte, wußte man ganz sicher, weil man auf alles, was ihn betraf, aufmerksam war.
Der Frau Markgräfin brachte er im Namen des Grafen Orlow eine schöne, silberne, auf den Sieg von Tschesme geschlagene Medaille. Nach der Zurückkunft zeigte er zum erstenmal sein unter kaiserlich großem Siegel ausgefertigtes Patent als russischer General, und in der Folge vertraute er dem Markgrafen, daß der Name Tzarogy ein zersetzter, angenommener Name sei, daß er eigentlich Rakoczy heiße und als letzter Sprosse von dem unter Kaiser Leopold geächteten Siebenbürgischen Fürsten Rakoczy[413] abstamme.
Alle diese Umstände zusammen genommen vermehrten die Neugierde, welche aber bald nachher auf eine, diesem sonderbaren Manne nicht sehr günstige Art gestillt wurde.
Der Markgraf reiste im Jahre 1775, begleitet von dem Verfasser dieser Bemerkungen, nach Italien. Zu Neapel erfuhr man, daß der letzte Abkömmling des Rakoczyschen Hauses, das sich dort ansässig gemacht hatte, schon längstens verstorben und von diesem Namen nichts mehr übrig sei[414]. Zu Livorno hörte man bei dem englischen Konsul Sir John Dick, daß der Unbekannte kein anderer als der berüchtigte Graf Saint-Germain sei, daß er in Italien die Bekanntschaft des Fürsten Grégoire Orlow und seines Bruders Alexis gemacht und das Vertrauen dieser Herren sich in einem hohen Grade zu erwerben gewußt habe.
Aus einer anderen, nicht minder glaubhaften Quelle brachte man in Erfahrung, daß er aus Sankt Germano, einer kleinen Stadt in Savoyen, gebürtig sei, woselbst sein Vater, der sich Rotondo genannt, Gefälleinnehmer gewesen und bei einem beträchtlichen Vermögen in ziemlichem Ansehen gestanden habe. Dieser habe seinem Sohn eine sehr gute Erziehung gegeben, sei aber nachher in Verfall geraten und wegen übler Verwaltung seines Dienstes entsetzt worden. Um den Unannehmlichkeiten zu entgehen, welche das Schicksal des Vaters dem Sohne hätte zuziehen können, habe dieser seinen Namen mit dem Namen seiner Vaterstadt vertauscht und sich Saint-Germain geschrieben. Von dieser Zeit an sei er als Abenteurer in der Welt herumgezogen, habe sich zu Paris und London Saint-Germain, zu Venedig Conte de Belle mare[415], zu Pisa Chevalier Schöning, zu Mailand Chevalier Welldone und zu Genua Soltikow genannt und könne damals ungefähr 75 Jahre alt gewesen sein.
Natürlich mußten Entdeckungen dieser Art den Markgrafen gegen einen Mann aufbringen, der auch ihn mystifizieren wollte, und der ihn über seine Herkunft und mehrere andere Dinge auf eine so unverschämte Art belogen hatte. Er gab also nach seiner im Jahr 1776 erfolgten Zurückkunft dem Verfasser dieses den Auftrag, sich nach Schwabach zu begeben, den Abenteurer über alle diese von ihm erfahrenen Nachrichten zur Rede zu setzen und ihm das Mißfallen des Fürsten über den Mißbrauch, den er von seiner Güte gemacht, zu erkennen zu geben, zugleich ihm zu bedeuten, daß er sich nicht mehr vor ihm sehen zu lassen und die Briefe zurückzugeben habe, die ihm der Markgraf von Zeit zu Zeit geschrieben. Im Fall er diese Briefe unverweigerlich zurückgeben würde, sollte ihm erlaubt sein, solange er wolle und solange er sich ruhig verhalte, zu Schwabach zu bleiben; im entgegengesetzten Fall aber sollte er arretiert, seine Papiere ihm abgenommen und er über die Grenze gebracht werden.
Bei seiner Ankunft zu Schwabach traf der Verfasser dieses den Grafen Saint-Germain zu Bette liegend an; denn trotz seines Pochens auf seine Gesundheit und sein hohes Alter hatte er oft Anfälle von Gicht.
Er gestand auf den ihm gemachten Vorhalt, den er sehr gelassen anzuhören schien, daß er alle oben bemerkten Namen, bis auf den von Soltikow, von Zeit zu Zeit angenommen habe; daß er aber allenthalben unter diesen Namen als ein Mann von Ehre bekannt sei, und daß, wenn ein Verleumder sich etwa erlauben sollte, ihm schlechte Handlungen aufzubürden, er bereit sei, sich auf eine genügende Art auszuweisen, sobald er wisse, wessen man ihn beschuldige und wer der Ankläger sei, der gegen ihn aufzutreten gedenke. Er fürchte keine Verfolgungen als diejenigen, welchen ihn sein Name aussetzen könne. Er behauptete standhaft, dem Markgrafen keine Unwahrheit in Ansehung seines Namens und seiner Familie gesagt zu haben. Die Beweise seiner Herkunft befänden sich aber in den Händen einer Person, von der er abhängig sei; eine Abhängigkeit, die ihm in dem Laufe seines Lebens die größeste Verfolgung zugezogen. Eben diese Verfolgungen und Attentate, wie er sich ausdrückte, hätten ihn verhindert, die großen Kenntnisse, die er besitze, werktätig zu benutzen. Er habe sich dieserhalben an einen Ort zurückgezogen, in dem er unbekannt und unbemerkt leben zu können geglaubt. Jetzt sei der Augenblick gekommen, in welchem er das, was er versprochen, in das Werk setzen könne und werde, wenn man ihn nicht selbst daran hindere.
Auf die Frage: warum er den Markgrafen nicht von den verschiedenen Namen praeveniert habe, unter denen er in so manchen Staaten und Städten aufgetreten, erwiderte er, daß er dieses nicht für nötig gefunden habe, weil er geglaubt, daß man ihn, da er nie etwas von dem Markgrafen verlangt, da er niemand beleidigt oder in Schaden gesetzt habe, nicht hiernach, sondern nach seinen Handlungen beurteilen würde. Niemals sei es ihm beigegangen, das Vertrauen des Markgrafen zu mißbrauchen; er habe seinen wahren Namen angegeben; in kurzer Zeit würden seine Handlungen keinen Zweifel über seine Denkungsart hinterlassen, und dann würde er Proben seiner Herkunft vorlegen können. Die ungünstige Meinung, die man dem Markgrafen gegen ihn beigebracht habe, falle ihm sehr empfindlich. Er werde aber, falls man das, was jetzt vorgehe, heimlich halten wolle, fortfahren, seine Versprechungen zu erfüllen und den Markgrafen dadurch zwingen, ihm seine Achtung wieder zu schenken; im Gegenteil werde er sich genötigt sehen, das Land zu verlassen.
In dem weiteren Verfolg dieser Unterredung äußerte er, daß er die erste Bekanntschaft des Grafen Orlow zu Venedig gemacht habe. Das Patent, das er von ihm erhalten, und das er bei dieser Gelegenheit nochmals vorzeigte, war von dem Grafen zu Pisa ausgefertigt und auf den Chevalier Welldone verlautend. Auch erwähnte er hierbei des Vertrauens, mit welchem ihn Ludwig XV. beehrt, der ihn in den 1760er Jahren zur Einleitung einer Friedensunterhandlung mit England heimlich gebraucht. Seine genaue Bekanntschaft mit dem Maréchal von Belle-Isle habe ihm aber den Haß des Grafen Choiseul zugezogen, der nach England geschrieben und seine Verhaftung von dem Minister Pitt verlangt. Der König habe ihn hierauf von dem ihm bevorstehenden Schicksal unterrichtet und ihm den Rat gegeben, nicht wieder nach Frankreich zu kommen[416].
Diese Anekdote stimmt also mit demjenigen, was Baron Gleichen in seinen Mémoires erwähnt[417], vollkommen überein, und noch weit stärker wird sie durch dasjenige bestätiget, was Friedrich II. in seinen Oeuvres posthumes, tome IV, page 73 anführt[418]. (Der König bezeichnet ihn hier als einen Menschen, den man nie habe enträtseln können.)
Die Briefe des Markgrafen gab er mit scheinbarer Rührung bis auf einen einzigen zurück, den er, wie er sagte, dem Grafen Orlow mitgeteilt habe.
Nach diesem Vorgang blieb er noch einige Zeit ganz still in Schwabach, von wo aus er über Dresden, Leipzig und Hamburg sich nach Eckernförde im Schleswigschen verfügte und daselbst zu Anfang des Jahres 1780[419] an einem Schlagfluß, der ihm gleich die Zunge lähmte, wahrscheinlich in einem Alter von etlichen 80 Jahren seine abenteuerliche Laufbahn beschloß.
Sonderbar ist sie genug, diese Laufbahn. Es bleibt sonderbar, daß ein Mann, der sich in seinem ganzen Leben unter so verschiedenen Namen in der großen und kleinen Welt herumgetrieben, nie dem Richter oder der Polizei in die Hände gefallen. Unstreitig verstand er die Kunst, die Neigung der Menschen zum Wunderbaren zu benutzen und zu unterhalten, und wie oft mag er Veranlassung gefunden haben, mit Figaro auszurufen: „O, que les gens d’esprit sont bêtes[420]!“
Daß er große chemische Kenntnisse besessen, davon kann sich der Verfasser dieser Beiträge nicht überzeugen. Seine Präparate fielen in die Augen, allein es waren lauter Versuche im Kleinen; zu den Fertigungen und Zubereitungen von Leder kamen ätzende Sachen, als Vitriolspiritus, Vitriolöl u. dgl. Dies beweisen die Muster, die noch übrig sind und wovon, wie es der Augenschein gibt, das Papier, in das sie gewickelt waren, zerfressen worden. Nie hat er, solange er in Schwabach war, irgendeinen Artikel ins Große gefertigt. Die oben bemerkten Steine, deren auch Baron Gleichen gedenkt[421], waren zwar schön und würden vielleicht, unter echten Schmuck gefaßt, selbst das Auge eines Kenners getäuscht haben; aber es waren keine Edelsteine. Sie widerstanden der Feile nicht, und ebensowenig hatten sie das Gewicht echter Steine. Saint-Germain selbst hat sie nie für Brillanten ausgegeben. Der Verfasser besitzt noch einen dieser Steine und ein Stück von der Masse, aus der sie vermutlich gefertigt worden. Das Similor, das Saint-Germain als eine wichtige Erfindung ausgab, verlor in kurzer Zeit seinen Glanz und wurde so schwarz wie das schlechteste Messing. Eine Fabrik von diesem Metall, die zu L. errichtet worden, fiel nach kurzer Zeit.
Unter den Proben seiner geheimen Künste zeigte er einst ein großes Taschenmesser, wovon die Hälfte wie Blei biegsam, die andere aber unbiegsam und hartes Eisen war. Er wollte dadurch einen Beweis des Geheimnisses geben, das er besitze, das Eisen so biegsam und ductile[422] wie Blei zu machen, ohne daß es dadurch etwas von seinen übrigen Eigenschaften verliere. Diese Erfindung wäre nun freilich von bedeutendem Nutzen gewesen, allein man konnte ihn nie bewegen, den Versuch im Großen zu machen.
Seine chemischen Kenntnisse waren allem Anschein nach empyrisch. Der nun verstorbene Stadtvogt Greiner zu Schwabach, ein Mann von vielen Kenntnissen, besonders im technischen Fache, versicherte mehrmals, bei seinen Unterhaltungen mit Saint-Germain auch nicht die geringsten theoretischen Kenntnisse entdeckt zu haben.
Besonders rühmte der Marquis sich, medizinische Kenntnisse zu besitzen und durch diese zu einem hohen Alter gelangt zu sein. Seine Vorschriften bestanden besonders in einer strengen Diät[423] und dem Gebrauche eines Tees, den er Thée de Russie oder Acqua benedetta[424] nannte. Von dieser Wunderarznei erhielt der Markgraf die Abschrift des Rezepts von dem oben benannten englischen Konsul zu Livorno. Sie wurde auf der russischen Flotte im Archipelago gebraucht, um die Gesundheit der Equipage[425] unter jenem heißen Himmelsstriche zu erhalten.
Was für Ressourcen Saint-Germain gehabt haben möge, um die nötigen Ausgaben seiner Existenz zu bestreiten; dürfte schwer zu erraten sein. Verfasser dieses vermutet, er habe des Geheimnis besessen, Diamanten von Flecken zu reinigen, die man bisweilen in solchen antrifft und wodurch ihr Wert ansehnlich verringert wird. Doch ist dieses eine bloße Vermutung.
Lieblos würde es sein, diesen Mann für einen Betrüger zu erklären. Hierzu gehören Beweise, und diese hat man nicht. Solange er im Verhältnisse mit dem Markgrafen stand, hat er nie etwas begehrt, nie etwas von dem mindesten Wert erhalten, nie sich in etwas gemischt, das ihn nicht anging. Bei seiner äußerst einfachen Lebensart waren seine Bedürfnisse sehr eingeschränkt. Hatte er Geld, so teilte er’s den Armen mit. Daß er irgendwo Schulden hinterlassen, ist nicht bekannt; doch hat der Verfasser lang nachher erfahren, daß er in den letzten Zeiten seines Aufenthalts in Schwabach einen Baron von L. zu Spekulationen verleitet, die ihn um manche tausend Gulden ärmer gemacht haben. Da aber diese Sache nicht zur Klage kam, so scheint kein Betrug dabei untergelaufen zu sein. Unerklärbar bleibt es immer, durch welche Mittel dieser Abenteurer, besonders in großen Städten wie Paris und London, auf eine anständige Art leben und in der großen Welt den Zutritt bei höheren Ständen finden konnte.
Sein in jüngeren Jahren gefertigtes Porträt fand der Markgraf in Paris bei Madame d’Urfé oder Rochefoucauld[426]; er brachte eine Kopie davon zurück, und diese befindet sich noch zu Triesdorf in den Zimmern, die Saint-Germain einst bewohnte.
SAINT-GERMAIN IN LEIPZIG UND DRESDEN (1776–1777)
I Aus den Tagebüchern des Grafen Lehndorff[427]
2. Mai 1777.
Ich treibe mich in Leipzig viel auf der Messe herum und besuche den Kupferstecher Bause und den Maler Graff[428].
Von da begebe ich mich zu dem merkwürdigsten Mann im heutigen Europa, dem Grafen Saint-Germain, der unter diesem Namen seit 50 Jahren bekannt ist, gegenwärtig aber den Namen Welldone angenommen hat, was im Englischen Wohltäter bedeutet. Von diesem Menschen behauptet man, er habe schon zur Zeit Christi gelebt. Er selbst sagt das zwar nicht, er gibt aber zu verstehen, daß er schon lange gelebt habe und nicht glaube, sterben zu müssen, und daß die Menschen, wenn sie seiner Lebensweise folgen würden, zum mindesten ein hohes Alter frei von allen Gebrechen erreichen könnten. Es steht fest, daß er selbst eine strenge Diät befolgt. Er befleißigt sich großer Mäßigkeit, trinkt nur Wasser, niemals jungen Wein und nimmt nur einmal am Tage ein leichtes Mahl ein[429]. Seine Unterhaltung ist interessant. Er predigt immer die Tugend, die Mäßigung, die Wohltätigkeit und zeigt diese Eigenschaften an sich selbst. Man kann ihm nicht die geringste anstößige Handlung vorwerfen. Er soll nicht mehr so reich sein, wie es früher den Anschein hatte. In Frankreich, in England und in Venedig gab er jährlich 6000 Dukaten aus, ohne daß man wußte, woher das Geld kam. Hier in Leipzig, sagt man, mangele es ihm an Geld, ohne daß er jedoch jemand darum angegangen hätte; statt dessen soll er aber eine Menge Diamanten besitzen.
Sein Gesichtsausdruck ist außerordentlich geistvoll. Er spricht begeisternd und treffend, liebt aber Widerspruch nicht. Er behauptet, auf dem Gesicht lesen zu können, ob jemand befähigt sei, ihn zu verstehen oder nicht. Im letzteren Fall mag er die Person nicht wiedersehen.
Was mich anbetrifft, so habe ich ihm mit großem Vergnügen zugehört. Er schien mir viel Freundschaft entgegenzubringen, so daß ich ihn in 3 Tagen wohl 24 Stunden gesehen und gehört habe. Er ist sehr fesselnd.
Man dichtet ihm übrigens vieles an, was er gar nicht gesagt hat. Einige glauben, er sei ein portugiesischer Jude; andere schätzen sein Leben auf ein paar Jahrhunderte und nehmen an, er sei irgendein entthronter Fürst. Man beschuldigt ihn, daß er die Leute glauben machen wolle, er sei der dritte Sohn des Fürsten Rakoczy[430].
Er hält sich für einen großen Physiker. Vor allem ist er Arzt und spricht viel von seinem köstlichen Pulver, das man wie Tee trinke. Ich ließ mir eine Tasse davon geben. Es schmeckte nach Anis und führte etwas ab. Unaufhörlich predigt er vom richtigen Gleichgewicht zwischen Leib und Seele. Wenn man das genau beobachte, so könne, meint er, die Lebensmaschine niemals in Unordnung geraten.
Seit meiner frühesten Jugend hatte ich von dem Manne immer reden hören, und nun bin ich entzückt, ihn hier zu treffen. Vor mehr als 30 Jahren schon erzählte man mir, wie er bei der Aufführung der „Mariamne“ in Paris, der er mit mehreren Damen in einer Loge dort beiwohnte, sehr gerührt wurde und sagte: „Ich muß es sein; denn ich habe diese liebenswürdige Fürstin gut gekannt.“ Man unterbrach ihn mit der kurzen Frage: „Sie haben also auch Jesus Christus gekannt?“ — „Nur zu gut! ich war damals ein ganz junger Mensch, als er die Geschichte im Tempel hatte, und sagte ihm sogleich: „Lieber Freund, das wird schlecht ablaufen!“[431] Mir hat er dergleichen nicht vorgeschwatzt, doch schien er mir überzeugt zu sein, daß er nicht eines natürlichen Todes sterben werde.
II Aus dem Briefwechsel Friedrichs des Großen mit Prinz Heinrich, der Prinzessin Wilhelmine von Oranien und Alvensleben
Alvensleben[432] an König Friedrich
Dresden, 10. März 1777.
Der berüchtigte Saint-Germain, der in verschiedenen Ländern auch unter dem Namen eines Marquis von Belmar oder eines Herrn Castelane[433] aufgetreten ist, befindet sich seit Oktober unter dem Namen eines Herrn von Welldone in Leipzig. Was mich zur Erwähnung dieses Mannes bestimmt, ist, daß man öffentlich erzählt, er sei von E. M. mehrfach mit Briefen beehrt worden. Aus diesem Grunde dürfte der seltsame Mann, der für E. M. sonst wenig zu bedeuten hat, Ihre Aufmerksamkeit erregen.
König Friedrich an Alvensleben
Potsdam, 15. März 1777.
Versuchen Sie auch zu ermitteln und teilen Sie mir sofort mit, in welcher Absicht der von Ihnen erwähnte Saint-Germain nach Leipzig gekommen ist. Sie werden es leicht durch Kaufleute erfahren, die Beziehungen zu Leipzig haben.
König Friedrich an die Prinzessin Wilhelmine von Oranien[434]
Potsdam, 17. März 1777.
Man droht uns hier mit dem Erscheinen eines berühmten Abenteurers, eines gewissen Saint-Germain, der sich in Frankreich und England aufgehalten hat und von dem man Wunderdinge erzählt. Ich mag dies Volk nicht; es hinterläßt gewöhnlich unangenehme Spuren an der Stätte seines Wirkens. Indes, er ist noch nicht angekommen.
Alvensleben an König Friedrich
Dresden, 24. März 1777.
Der berüchtigte Saint-Germain ist noch immer unter dem Namen Welldone in Leipzig. Ich habe viele Tatsachen und Anekdoten über diesen seltsamen Mann gesammelt, aber das alles ist augenblicklich noch so unzusammenhängend, daß ich es E. M. nicht zu berichten wage, ohne mich lächerlich zu machen. Ich werde mir jedoch alle Mühe geben, Näheres über ihn zu erfahren, und ich verfolge ihn so genau, daß ich hoffe, E. M. Befehle bald erfüllen zu können. Sicher ist, daß er in engen Beziehungen zum Grafen Alexis Orlow steht, daß dieser ihm Briefe an seinen Bruder, den Fürsten[435], gegeben hat; denn damals beabsichtigte er, nach Rußland zu gehen. In diesen Briefen bat Orlow seinen Bruder, ihn wie seinen Busenfreund zu behandeln, da er ihn als einen der achtbarsten Menschen der Welt erkannt habe.
Bevor er nach Leipzig kam, hat er ein volles Jahr in Nürnberg, Schwabach und im Ansbachischen zugebracht[436]. Aus allem, was jetzt über ihn geredet wird, geht hervor, daß er ein äußerst geistvoller und kenntnisreicher Mann ist, der die Menschen kennt, mit denen er spricht, und der seine Reden dem Geist und der Auffassung eines jeden anzupassen versteht.
Der Zweck seines Aufenthaltes in Leipzig ist noch unbekannt; denn alles, was man sich darüber erzählt, ist mehr als unwahrscheinlich.
Dresden, 28. März 1777.
Der berüchtigte Saint-Germain weilt noch immer in Leipzig. Er wird sogar noch während der Messe dort bleiben, aber nicht hierher kommen, obgleich er mehrfach dazu aufgefordert ist. Er wollte dem Magistrat von Leipzig mehrere Projekte vorlegen, man ist aber nicht darauf eingegangen. Obgleich es ihm nicht eigentlich schlecht geht, wird ihm das Geld gegenwärtig knapp. Und doch: als Graf Marcolini eigens zu seinem Besuche nach Leipzig kam und ihm Belohnungen versprach, falls er dem Staate durch Mitteilung seiner Geheimmittel einen wesentlichen Dienst leistete, hat er ihm geantwortet, man irre sich sehr, wenn man dergleichen bei ihm annähme; sein einziges Ziel sei, die Menschheit zu beglücken, und gelänge ihm das, so fühle er sich hinreichend belohnt[437]. Wie man zugibt, hat er in Leipzig nichts getan, was diesen Grundsätzen widerspräche, allerdings auch nichts, was sie bestätigte.
König Friedrich an Alvensleben
Potsdam, 29. März 1777.
An Saint-Germain nehme ich aus bloßer Neugier Anteil. Nur aus diesem Grunde erwarte ich Ihren Bericht über das, was Sie noch von ihm erfahren sollten. Angesichts seiner alten Beziehungen zum Grafen Orlow wäre es wohl möglich, daß er auf den Einfall kommt, seinen Freund während der schönen Jahreszeit in Rußland zu besuchen.
König Friedrich an die Prinzessin Wilhelmine von Oranien
Potsdam, 30. März 1777.
Der Saint-Germain, von dem ich Dir neulich schrieb, ist noch in Leipzig. Wie ich höre, will er nach Petersburg. Wäre der alte Narr gescheit, er wartete in Florenz ruhig den Tod ab, statt sein altes Gerippe am Ufer des Eismeers spazieren zu führen.
Alvensleben an König Friedrich
Dresden, 25. Juni 1777.
Da ich erwartete, daß der unter dem Namen Saint-Germain bekannte Graf Welldone dies Land verlassen und nicht mehr von sich reden machen würde, habe ich ihn in meinen letzten Berichten nicht mehr erwähnt. Da er sich jedoch schon über fünf Wochen dauernd hier aufhält und die Absicht geäußert hat, nach Berlin zu reisen, habe ich erneut auf ihn achtgegeben und mich nach Kräften bemüht, ihn auszuforschen. Das ist mir um so lieber, als er mir vor einigen Tagen sagte, er wolle sich unmittelbar an E. M. wenden. Vielleicht wird er mir noch heute einen Brief für E. M. zusenden, in dem er sich auf Geheimmittel bezieht, die nach seiner Behauptung ans Wunderbare grenzen. Sein Plan und E. M. Wunsch, Näheres von ihm zu erfahren, entschuldigen mich vielleicht, wenn ich allzusehr auf Einzelheiten eingehe, um nach meiner schwachen Einsicht ein Charakterbild dieses angeblichen Wundermannes zu entwerfen.
Seine Äußerungen über seine Persönlichkeit, die ich selbst gehört habe, sind voller Eitelkeit und Hochmut. Verschiedene Unterhaltungen, die ich mit ihm hatte, seine Komplimente, die er urteilslos und wahllos an jeden verschwendet, und die lebhaften, ernstlichen Debatten, in die er sich leicht einläßt, bestimmen mich zu folgendem Urteil. Er ist ein hochbegabter Mann mit sehr regem Geiste, aber völlig urteilslos, und seinen eigenartigen Ruf hat er nur durch die niedrigste und gemeinste Schmeichelei erlangt, deren ein Mensch fähig ist, sowie durch seine hervorragende Redegabe, zumal wenn man sich durch den Eifer und die Begeisterung hinreißen läßt, mit der er sich auszudrücken versteht und die auf schwache Gemüter stets Eindruck macht. Dazu ist seine Redeweise mit allerlei oberflächlichen Kenntnissen und Tatsachen verbrämt, die er auf seinen Reisen gesammelt hat. Da sie aber in einem so wenig klaren Kopfe wie dem seinen schlecht geordnet sind, wird daraus ein dauerndes wirres Gerede, sobald er aus seinem Hohlkopf neue Gedanken entwickeln will. Maßlose Eitelkeit ist die Triebfeder, die den ganzen Mechanismus in Bewegung setzt, und diese Eitelkeit muß volle Befriedigung finden, wenn er von jüdischer Abstammung ist, wie die Leute behaupten, die ihn am besten zu kennen glauben. Denn es ist sicher erwiesen, daß er lediglich wegen seiner Gauklerkünste Eingang in die Häuser der Großen findet und von vielen mit stummer Bewunderung, die an Verehrung grenzt, als ein neuer Prophet angesehen wird.
Sein Alter — er ist nahezu 70 Jahre — und seine zahlreichen Reisen, die er in Europa, an den Küsten Afrikas, in Ägypten und Kleinasien gemacht haben will, haben seinen Kopf mit zahlreichen Anekdoten und vielen, vielleicht sehr oberflächlichen Handelsprojekten erfüllt. Dadurch ist er auch in Gesellschaft anregend und unterhaltend, solange er bloß erzählt. Sobald er aber eigene Gedanken entwickeln will, zeigt sich seine ganze Schwäche. Denn dann gerät er mit dem gesunden Verstand und mit den klar bewiesenen Grundbegriffen in Widerstreit. Aber wehe dem, der ihm zu widersprechen wagt! Dann kennt er keine Grenzen mehr, speit Feuer und Flamme und redet mit einer Begeisterung, daß man Angst bekommen könnte. Ja, dann geht er so weit, Bannflüche gegen jeden Zweifler an seinem System zu schleudern, obwohl dies System sich selbst widerlegt und in Widersprüche verwickelt. Wenn aber trotzdem jemand den Mut hat, ihm die Stirn zu bieten, nicht an seine Lehren zu glauben und sie mit Gründen zu bekämpfen, erwählt er das klügere Teil und schweigt still.
Wer ihn so reden hört, ist stets geneigt, sich für seinen engsten Vertrauten zu halten. Allerdings fühlt man sich etwas gedemütigt, wenn man bemerkt, daß die Zahl seiner Vertrauten mit der Zahl seiner Bekannten in gleichem Maße wächst. Seine Schmeichelei erschöpft alles, was die ausschweifendste Phantasie zu ersinnen vermag. Ich sah Leute darüber erröten, die sonst nicht gerade an Bescheidenheit leiden. Um E. M. nicht durch Wiederholung all seiner platten Schmeicheleien zu ermüden, will ich als einziges Beispiel dafür anführen, daß er mir vertraulich versichert hat, ich spräche wie eine Perle des Orients, ein Ausdruck, den er besonders betonte.
Er spricht fließend französisch, aber Kenner versichern, daß er dabei viele fremdartige Wendungen einfließen läßt. Auch beweisen zahlreiche Briefe, die er an hiesige Damen gerichtet hat, daß er die Gabe hat, Ausdrücke zu prägen, die der Französischen Akademie gewiß noch unbekannt sind.
Er nennt sich Fürst Rakoczy, und zum Beweise seines besonderen Vertrauens sagte er mir noch, er hätte zwei Brüder[438], die aber so niedrig dächten und so wenig hohen Sinn hätten, daß sie sich ihrem elenden Lose unterwürfen. Er dagegen habe zu einer gewissen Zeit den Namen Saint-Germain angenommen, das bedeute: „der Heilige der Brüder“.
Wie er sagt, hat er fünfzehn Jahre lang einen Franzosen namens Boissy in Indien und China auf seine Kosten gehalten, um sich durch ihn alle Stoffe und Kenntnisse zu verschaffen, deren er bedurfte.
Er verachtet alle Ärzte, Arzneien und Hausmittel; trotzdem vertreibt er ein Pulver, von dem er Wunderdinge erzählt, und er selbst duftet wie eine wandelnde Apotheke.
Er hat mir eine Liste seiner Geheimmittel[439] gezeigt, aber ich sah sie nur einen Augenblick. Sie umfaßt über zwanzig Punkte, läßt sich jedoch, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, auf folgende zusammenziehen:
1. Färben von Häuten in den kräftigsten Farben.
2. Herstellung aller möglichen Farben, besonders von Weiß, in vorzüglicher Art.
3. Veredlung der minderwertigsten Häute, selbst der Schaffelle, so daß sie dreißig Jahre lang als Hängeriemen für Kutschwagen zu brauchen sind.
4. Ein Ersatzstoff für Cochenillefarbe.
5. Bleichen der Leinwand in kürzester Zeit und besser als in den Niederlanden, doch ohne den Stoff anzugreifen.
6. Veredlung von Seidenstoffen und Färbung mit den schönsten Farben.
7. Herstellung eines Lebenselixiers.
Diese Geheimmittel bestimmt er für die russische Zarin[440], für die er eine ganz besondere Zuneigung hegt. Doch sollen sie nach seiner Behauptung als Grundlage für den Handelsverkehr zwischen Sachsen und Rußland und für ihre gegenseitige politische Verbindung dienen. Beide Länder sollen durch diese Erwerbung zu vollkommenem Glück und zum Überfluß gelangen, sodaß sie sich gegenseitig nicht mehr entbehren und ohne einander nicht glücklich werden können. Gegenwärtig ist er jedoch mit Sachsen und mit dem Empfang, den er hier gefunden hat, unzufrieden, und so scheint es, als ob die Staaten E. M. an Stelle von Sachsen treten sollen, nicht bloß, um ihr Glück zu begründen, sondern auch, um das bestehende Bündnis zwischen Preußen und Rußland[441] zur Notwendigkeit zu machen und auf ewig zu besiegeln. Ich nehme an, daß dies der Hauptinhalt seines Briefes und seines Planes ist, wenigstens nach einigen Äußerungen zu schließen, die er mir darüber gemacht hat. Er ist sogar fest entschlossen, Sachsen als zu kleinen Schauplatz für einen so großen Geist wie den seinen zu verlassen, aber trotzdem wird er einige Menschen glücklich machen, die ihm als getreue Apostel anhängen. Nach seiner Behauptung hat diese Fülle von Geheimmitteln ihm Millionen gekostet, doch soll das Land, das er mit diesen Gaben beschenkt, aus ihrem Gebrauch jährlich mindestens 12 Millionen netto gewinnen, wobei er hinzufügte: „Das habe ich mir nicht erst seit gestern ausgerechnet.“ Und da er über so große Reichtümer verfügt, könne kein Herrscher ihn belohnen noch ihm ein Los bereiten, das ihn zu reizen vermöge, da er selbst ein Fürst sei.
Ich wagte ihm drei Fragen zu stellen, mit denen ich ihn in die Enge zu treiben glaubte, aber er hat sich als geschickter Gaukler aus der Klemme gezogen. Zunächst fragte ich ihn, warum er seine Blicke gerade auf Rußland gerichtet habe, um es zu beglücken, da er mir doch früher gestanden habe, er besäße ein Buch, in das er fünf Herrscher und Fürsten eingetragen habe, die er bewundere und denen er besonders zugetan sei, nämlich E. M., die Zarin von Rußland, den Kaiser[442], den König von Sardinien[443] und den Markgrafen von Baden[444]. Zweitens, warum er so spät auf seine Weltbeglückungspläne käme, da er ja so hochherzige und menschenfreundliche Gesinnungen zur Schau trüge. Drittens, ob er sein langes Leben tatsächlich der Wirkung des Lebenselixiers verdanke.
Bei jeder dieser Fragen näherte er sich mir mit geheimnisvoller Miene und versicherte mir, er müsse mir ein großes Geheimnis enthüllen. Im Grunde sagte er mir aber weiter nichts als große Worte und schwatzte so unzusammenhängendes Zeug, daß es unmöglich wäre, den Inhalt kurz anzugeben noch zu begreifen, wieso ich daraus die erwünschten Erklärungen entnehmen sollte. Nur über die letzte Frage konnte ich einigen Aufschluß erlangen. Ich hatte nämlich betont, daß, wenn sein angebliches Geheimmittel dazu verleiten könnte, an die Berichte über sein hohes Alter zu glauben, mich eine Bemerkung von ihm, die er kurz vorher gemacht hatte, daran fast irremachen könne. Denn als ich an dem besonderen Vergnügen gezweifelt hatte, das er beim Lesen von Swifts[445] Werken empfände, wofern er nicht die kleinsten Einzelheiten jener Zeit kenne, da habe er mir erwidert, er kenne sie aus sehr ausführlichen zeitgenössischen Schilderungen, die er sich zu verschaffen gewußt habe. Das wäre doch unnütz gewesen, wenn er zu jener Zeit gelebt hätte. Darauf entgegnete er nur: Diese Bemerkung widerspräche seinem Geheimmittel nicht; denn es sei sehr möglich, daß er damals für zehn bis fünfzehn Jahre zurückgezogen in einem anderen Lande gelebt hätte, z. B. in Portugal; somit müsse er sich an die Berichte von anderen halten. Zudem wäre es öffentlich bekannt, daß er oft für Jahre verschwunden gewesen sei, ohne daß man seinen Wohnsitz gekannt hätte.
Aus diesen Antworten ersehen E. M., daß er zwar nicht unumwunden ja sagte, aber doch durchblicken ließ, daß er sein Alter auf Jahrhunderte berechnet.
Oft sagte er: „Ich halte die Natur in meinen Händen, und wie Gott die Welt geschaffen hat, kann auch ich alles, was ich will, aus dem Nichts hervorzaubern.“
Eines Tages, als ich mit ihm von dem Posten des Generalkontrolleurs[446] sprach, den er, wie man sagte, erhalten sollte, versicherte er mir, er hätte diese Stellung nicht ausschlagen können, da sie ihm nie angeboten worden sei. Allerdings hätte man im Kronrat offen gesagt, zum Generalkontrolleur wäre ein Kopf wie der seine nötig. Das träfe auch zu, obgleich er als Fürst weit entfernt sei, eine Stellung anzunehmen, die von Gesindel und von Habenichtsen bekleidet worden sei.
Außer den schon aufgeführten Geheimmitteln schreibt man ihm im Publikum noch die Kunst zu, Kapwein herzustellen und Metalle und Steine zu veredeln.
Da ich mich für verpflichtet hielt, den Charakter eines Mannes, der sich an E. M. persönlich wenden will, genau zu schildern, und mir dies nicht möglich schien, ohne auf Einzelheiten einzugehen, hoffe ich auf E. M. gnädige Nachsicht, wenn ich die Grenzen überschritten habe, die die kostbare Zeit E. M. mir sonst bei meinen Berichten ziehen muß.
Nachschrift I
In diesem Augenblick bringt Graf Welldone mir persönlich die genaue Aufstellung der Geheimmittel, über die er mit E. M. selbst zu reden wünscht, um sie darauf zum Wohl Ihrer Staaten ans Licht bringen zu können. Die beifolgende Aufstellung ist von seiner eigenen Hand. Er hat sie mir für E. M. übergeben, nebst einigen auf seine Geheimmittel bezüglichen Proben. Er hat keinen Brief geschrieben, wie ich annahm, denn er befürchtete, daß die Einzelheiten, auf die er eingehen müßte, zu lang wären, und er wollte lieber in einigen Tagen selbst nach Potsdam reisen, um E. M. seine Künste zu unterbreiten, obwohl ich ihm klarzumachen suchte, daß er besser täte, hier E. M. Antwort abzuwarten.
Das Geheimmittel, über das er keine Auskunft geben will[447], betrifft die Veredlung von Edelsteinen. Allein durch diesen Gewerbszweig will er stündlich Millionenverdienste herbeiführen. Ich wiederhole lediglich, was er gesagt hat.
Nachschrift II
Obgleich Graf Welldone mir keinen Brief an E. M. in Aussicht gestellt hat, sendet er mir eben das beifolgende Kuvert, das wie ein Brief aussieht[448].
Neue Physik in Anwendung auf mehrere Handelsartikel, die ebenso wichtig wie neu sind[449]
1. Verfahren, das allen Sorten von Häuten und Leder eine bisher unbekannte Festigkeit, Güte, Schönheit, Haltbarkeit usw. gibt und besonders den Schaffellen einen wirklichen, sehr beträchtlichen Wert verleiht.
2. Verfahren zur Veredlung von Wolle, durch das diese weit mehr Haltbarkeit, Feinheit, Güte usw. erhält.
3. Verfahren zur äußersten, vollständigen Bleichung von Leinwand, Hanf, Flachs und deren Gespinsten, durchaus besser als in Harlem in Holland, ein Verfahren, das die Stoffe nicht wie dort angreift und nur kurze Zeit beansprucht.
4. Verfahren zum Waschen von Seide, durch welche die italienische Seide den allerschönsten Seiden der Welt überlegen, glänzender und stärker wird.
5. Verfahren zur Veredlung von Angoraziegenfellen, so daß man aus ihnen vorzügliche, glänzende Kamelotts herstellen kann, die nicht reißen, wie die früheren, weil das Fell bei diesem Verfahren fast seidenweich wird.
6. Verfahren zur vollständigen Bleichung und größeren Haltbarkeit von Leinwand und Baumwollgespinsten.
7. Verfahren zum Färben von Häuten und Leder in Blau, Grün, Schwarz, echtem Purpurrot, echtem Violett und feinem Grau von ganz außerordentlicher Schönheit und Güte.
8. Herstellung von unveränderlichen Malfarben in Gelb, Rot, Blau, Grün, Purpur, Violett usw. von vollendeter Schönheit und Güte.
9. Herstellung von Deckweiß in einer alle Begriffe übersteigender Güte. Die Farbe, die man umsonst zu allen Zeiten gesucht hat, bleibt stets weiß, verbindet sich mit allen guten Farben, denen man sie beimischt, verschönert und erhält sie. Kurz, dies Weiß ist ein wahres Wunder.
10. Herstellung von schwarzem Leder mit sehr reiner und sehr schöner Farbe aus Russisch Blau ohne irgendeinen anderen Zusatz. Das ergibt ein unnachahmliches schwarzes Leder von hervorragender Schönheit und Güte.
11. Herstellung von Leinwand und Hanfgespinsten in unvergleichlich reinem und glänzendem Gelb, das sich mit Seifenwasser waschen läßt und in der Luft nicht verschießt, in mehreren Schattierungen.
12. Herstellung von Baumwolltuchen und Gespinsten von vorzüglichem Gelb in mehreren Schattierungen, gut waschbar und in der Luft nicht verschießend.
13. Herstellung von Leinwand in feinem Grau, mit Seifenwasser waschbar und nicht verschießend.
14. Herstellung von Baumwollstoffen und Gespinsten in feinem Grau, mit Seifenwasser waschbar und nicht verschießend.
15. Herstellung von Leinwand, Leinen- und Hanfgespinsten in echtem Purpur, echtem Violett, echtem Rot usw., gut waschbar und durchaus nicht verschießend, in mehreren Schattierungen.
16. Herstellung von sehr feinen, sehr schönen, sehr haltbaren und ganz neuen Seidengeweben.
17. Herstellung von bunter Leinwand in ganz neuen und feinen Farben, namentlich in Grau und Schattierungen, die weder durch Säuren, noch Luft, noch Seifenwasser ausbleichen.
18. Herstellung von Silbertressen, mindestens ein Drittel billiger und viel weißer, glänzender und dauerhafter als die schönsten Lyoner Tressen.
19. Verschiedene Verfahren bei Edelmetallen, d. h. ohne Gold und Silber, die von großem Nutzen und großer Ersparnis sind und sicherlich das Erstaunen jedes guten Chemikers bilden werden, auch die ungeheuren, verderblichen Luxusausgaben verringern.
20. Herstellung eines ganz neuen Metalls, dessen Eigenschaften höchst überraschend sind.
21. Verschiedene Verfahren bei kostbaren Gegenständen, die völlig unmöglich erscheinen und sämtlich auf Verringerung der ungeheuren Luxusausgaben hinauslaufen.
22. Herstellung von Papier, Federn, Elfenbein, Knochen und gefärbtem Holz in prachtvollen, feinen und sehr schönen Farben.
23. Gute und heilsame physikalische Verfahren bei verschiedenen Weinen.
24. Herstellung von Rossoli-Likör aus Fruchtkernen usw. von vortrefflicher Qualität und zu sehr billigem Preis.
25. Herstellung anderer nützlicher Dinge, über die ich schweige.
26. Vorbeugungsmittel gegen Krankheiten und Unpäßlichkeiten aller Art usw.
27. Richtige Purgiermittel, die dem Körper nur schädliche Stoffe entziehen. Nota bene.
28. Echte, sichere und wohltuende kosmetische Mittel.
29. Hochfeines Olivenöl, in 12 Stunden in Deutschland hergestellt.
Was die Landwirtschaft usw. betrifft, bleibt für später vorbehalten.
L. P. T. C. von Welldone.
Über einen weiteren Punkt kann hier aus mancherlei Gründen nichts gesagt werden. Er bleibt vorbehalten usw.
Die Ausführung dieses neuen Handelsplanes kann der Staatskunst zu höchstem Nutzen gereichen und eine ganz unlösliche Verbindung zwischen gewissen Großmächten herbeiführen.
von Welldone.

Schreiben Saint-Germains an Friedrich den Großen
Saint-Germain an König Friedrich[450]
Dresden, 25. Juni 1777.
Sire. Von sich selbst anders zu reden als durch Taten, ist durchaus unpassend, wenn man das Glück hat, sich an einen so großen König zu wenden. Eure Majestät werden mir also die Befehle schicken, mit denen Sie mich zu beehren geruhen.
Eurer Majestät
untertänigster und gehorsamster Diener Graf von Welldone.
König Friedrich an Alvensleben
Potsdam, 30. Juni 1777.
Ich halte es nicht für angezeigt, dem Herrn Saint-Germain auf seinen Brief unmittelbar zu antworten. Ich ermächtige Sie daher, ihm von mir zu sagen, es stände ihm frei, hierher zu kommen, ihn aber zugleich darauf aufmerksam zu machen, man sei hier sehr ungläubig und glaubte im allgemeinen nur an Dinge, die sich handgreiflich beweisen lassen. Somit täte er gut, sich selbst zu fragen, ob er gewillt ist, seine Wissenschaft und seine Geheimmittel vorzuführen. Sonst würde er hier seine Zeit gewiß verlieren, während er sie anderswo vielleicht nützlicher anwenden könnte.
König Friedrich an die Prinzessin Wilhelmine von Oranien
(Potsdam) 30. Juni 1777.
Man droht uns mit dem Erscheinen eines Abenteurers namens Saint-Germain, der mit Projekten, alchimistischen Rezepten, medizinischen Geheimmitteln und Rezepten für den Stein der Weisen durch die Welt zieht. Ich bezweifle, daß er hier sein Glück macht.
König Friedrich an Prinz Heinrich[451]
(Potsdam) 2. Juli 1777.
Der berüchtigte Abenteurer Saint-Germain kommt hierher, um uns in seine Obhut zu nehmen. Er will unser Einkommen um 6 Millionen bereichern. Aber ich glaube, kein Mensch möchte sein Gehalt auf diese Einnahmequelle angewiesen sehen.
(Potsdam) 9. Juli 1777.
Saint-Germain ist noch nicht angelangt. Vielleicht besinnt er sich; denn ich habe ihn vor dem hier herrschenden Unglauben warnen lassen. Anbei eine Denkschrift über seine Kunstfertigkeiten, die er mir gesandt hat[452]. Könnte er Gold machen, so hätte er sich selbst damit versorgt, aber diesen alten Köder wagt er nicht auszuwerfen. Für uns besteht die einzige Kunst des Goldmachens in der Hebung von Landwirtschaft und Handel, aber auch damit kommt man nicht weit; denn die Ein- und Ausfuhrstoffe sind durch unsere Erzeugnisse und unseren Bedarf bedingt. Somit ist es klar, daß wir es bei den jetzigen Verhältnissen nicht so weit bringen werden wie Krösus und Montezuma. Man kann sehr glücklich sein, ohne von Gold zu strotzen; Seelenruhe und Frohsinn sind mehr wert als alle Schätze Perus.
Prinz Heinrich an König Friedrich
Rheinsberg, 15. Juli 1777.
Ich danke Dir, lieber Bruder, für die mir freundlich übersandte Denkschrift mit den Wundern, die Saint-Germain zu vollbringen weiß. Allerdings verheißt er viel; aber er weiß auch viel, muß umfassende Studien getrieben haben und hat stets für einen Wundermann gegolten. Daher ist wohl möglich, daß er das Geheimnis besitzt, gewisse Stoffe auszunutzen und zu vervollkommnen. Ein Versuch mit zwei bis drei von ihm vorgeschlagenen Gegenständen kann keine großen Kosten verursachen und würde, wenn er glückt, immerhin einen beträchtlichen Gewinn eintragen, zwar nicht die Schätze eines Krösus oder Montezuma, aber man kann reich, ja riesig reich sein, ohne sich mit ihnen vergleichen zu können. Den Maßstab für den Reichtum bilden die eigenen Bedürfnisse. Wer sein Genügen findet, büßt nichts von der Heiterkeit und dem Frieden seiner Seele ein, ja, er steigert sie noch, wenn er das Los der Unglücklichen und Bedürftigen zu erleichtern versteht.
III Aus den Briefen des Kurfürsten Maximilian III. Joseph von Bayern (1727-1777)
Kurfürst Maximilian an seine Schwester, die Kurfürstin-Witwe Maria Antonia von Sachsen[453]
München, 27. März 1777.
Man sagt, bei Euch hielte sich ein Mensch auf, der 200 Jahre alt ist. Schreibe mir doch, was ist wahres daran.
München, 10. April 1777.
Wenn dieser Saint-Germain wirklich 200 Jahre zählt, ohne daß er danach aussieht, so ist er zweifellos ein Adept.
IV Aus dem Briefwechsel des Prinzen Friedrich August von Braunschweig[454]
Dubosc[455] an Prinz Friedrich August
Leipzig, 15. März 1777.
Im Besitz des huldvollen Schreibens Eurer Hoheit[456] hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als dem angeblichen Grafen Saint-Germain den Brief[456] zu senden, mit dessen Übermittlung Eure Hoheit mich beauftragt hatten. Ich habe der Sendung eine sehr dringende Aufforderung beigefügt, gemäß den Wünschen Eurer Hoheit seine Abreise nach Berlin nicht aufzuschieben. Ich hätte ihm das mündlich und nicht schriftlich sagen müssen, aber wir haben uns entzweit, weil ich ihm gegenüber Mißtrauen für angezeigt hielt.
Nachstehend eine kurze Darstellung unserer flüchtigen Beziehungen. Nach einem rätselhaften Aufenthalt von etwa drei Monaten kam der jetzige Graf Saint-Germain, der damals unter dem Namen Graf Welldone bekannt war und geflissentlich durchblicken ließ, daß dies nur ein Deckname für seinen wirklichen Namen Fürst Rakoczy sei, auf den Einfall, sich mit mir anzufreunden. Ich gestehe, daß ich aus Mißtrauen über diesen Annäherungsversuch nicht so geschmeichelt war, wie ich es hätte sein sollen. Wurde er doch von einem Manne von Stand gemacht, der angeblich das höchste Wissen besaß und nach seiner Versicherung nur zur Bereicherung und Beglückung der Menschheit lebte. Heftig kämpfte in mir meine Abneigung mit dem heißen Wunsche, meine Einsicht zu vergrößern und zu berichtigen.
Unsere erste Zusammenkunft begann mit Lobeserhebungen über seine Talente und gewaltigen Leistungen in der Chemie, über die große Rolle, die er in Rußland gespielt hätte, über seine Teilnahme am Krieg im Archipel[457] (den er aber gar nicht mitgemacht hat), über seinen Beruf der Menschheitsbeglückung, über die Millionen, die er für Wohltaten ausgegeben hätte. Schließlich wandte er sich meiner Person zu, rühmte meine Kenntnisse, meine Rechtschaffenheit und viele andere Vorzüge. Höchst sonderbar! Woher wußte er das wohl? Denn er kannte mich ja gar nicht, und ich selbst erkannte mich in diesem Charakterbild nicht wieder. Darauf zeigte er mir Seidenstoffe in allen möglichen Farben, gewöhnliches Leder, aus dem Maroquin oder feines Leder von verschiedener Farbe gemacht, grobes Leinen, das in spanische Leinwand umgearbeitet war. Er sprach von seinem Geheimverfahren zur Verbesserung von Edelsteinen und von anderen unwichtigeren Geheimmitteln.
Als ich ihn verließ, war ich überrascht von seiner Zungenfertigkeit und Überredungskunst, aber keineswegs überzeugt. Wir sahen uns noch mehrere Male; jede Sitzung dauerte sieben Stunden. Ich hatte Zeit genug, um meine Zweifel zu bestärken; ich überzeugte mich, daß er keineswegs ein Adept war. Ich sah in ihm nur einen geistvollen Mann, der viel gelesen, gesehen und versucht hat, einen Mann, der ein paar Geheimmittel und verschiedene chemische Kenntnisse besaß, ohne deswegen ein methodischer Forscher geworden zu sein, kurz einen Mann ohne festes System. Ich erkannte, daß er nichts weniger als Theosoph war, daß er weit entfernt war, das unendliche All in der Gesamtheit der einzelnen Teile zu sehen oder einen rechten Begriff von der schöpferischen Ursache aus der Analyse der Schöpfung zu gewinnen.
Es schien mir, daß ein Mann, der nur auf der Welt ist, um sie zu beglücken und Schätze auszuteilen, nicht in die Lage kommen kann noch darf, daß es ihm an allem fehlt und daß er keinen Groschen hat. Ich gebe zu, daß ein Adept in der bescheidensten Weise auftreten kann, aber er ist nie in dringender Notlage; er prahlt nie mit seiner Einsicht noch seiner Herkunft. Er ist, was er sein soll: schlicht, offen und ehrlich.
Mein Roman endete schließlich, wie ich es voraussah. Er borgte mich in Erwartung seiner Reichtümer an, ich hielt es aber nicht für angezeigt, ihm etwas zu leihen. Damit endeten unsere Beziehungen.
Ich stellte bei ihm mehrere Widersprüche fest und noch mehr Lügen. Jemand verlangte von ihm 4000 Gulden zurück, die er in Schwabach oder Umgegend aus der Zeit seines dortigen Aufenthaltes noch schuldig ist. Er machte ihm weis, daß er sie aus dem Erlös eines Wechselbriefes von 4000 Rubeln bezahlen würde, den er mir zum Verkauf übergeben hätte. Diese Lüge hat er sich in der Zeit geleistet, wo er mich beschwor, ihm durch ein Darlehen aus der Verlegenheit zu helfen.
Kann ein Weiser lügen? Gegenwärtig soll es mit seinen Finanzen besser stehen; er hat einen Leichtgläubigeren gefunden, mit dem er beim Goldmachen ist.
Ich hoffe, Eure Hoheit werden diese vielen Worte entschuldigen, aber ich glaubte, Ihnen meine Ansicht über diesen Sonderling nicht verhehlen zu sollen.
Nachschrift. Soeben übersendet mir Saint-Germain den beifolgenden Brief für Eure Hoheit[458].
Bischoffwerder[459] an Prinz Friedrich August
Elsterwerda, 25. März 1777.
Ich gestehe, daß ich zu wenig aufgeklärt bin, um ein Urteil über einen Mann wie Herrn von Saint-Germain zu haben. Aber ich will Ihnen gehorchen und Ihnen frei meine Gedanken über den Brief des Bruders Dubosc[460] und den des Grafen Welldone[458] aussprechen.
Obwohl man von jenem sagen kann: Ecce vere Israelita, in quo dolus non est[461], glaube ich doch (aus Erfahrung), daß er in seinem Urteil über sehr achtbare Personen recht vorschnell ist. Der Vorwurf einer Lüge bedarf stichhaltiger Beweise; zudem muß er wissen, daß die größten Kenntnisse mit Armut sehr wohl vereinbar, ja bisweilen (durch das Gesetz) von ihr nicht zu trennen sind. Man kann ungeheure Schätze austeilen und doch davor zurückscheuen, eine sehr mäßige Summe aus Laune auszugeben. Der Bruder Dubosc muß aus den Berichten aller, die Herrn von Saint-Germain seit lange kennen, doch wohl wissen, daß er oft in die Lage gekommen ist, sich Geld zu borgen, aber daß er es durch Anweisung beträchtlicher Summen stets ehrlich zurückgezahlt hat. Kurz, es macht den Eindruck, als ob der Bruder Dubosc durch das Darlehnsgesuch des Grafen von Welldone verblüfft worden ist und in diesem Augenblick alles in falschem Licht gesehen hat.
Andrerseits ist der Brief des Grafen Welldone nicht anders, als man von einem Kenner des T[462] erwarten kann. Ich sehe daher nicht die mindeste Gefahr darin, daß Sie seine Bekanntschaft machen, zumal wenn Sie, wie ich überzeugt bin, nichts verlangen, was mit der Moral und mit dem Berufe[463], zu dem er sich in seinem Briefe bekennt, nicht völlig im Einklang steht, und wenn Sie die Anknüpfung besonderer Beziehungen bis zu dem Zeitpunkt hinausschieben werden, den er Ihnen angibt und den die Guten zum Ruhm Gottes herbeiwünschen.
Frölich[464] an Prinz Friedrich August
Görlitz, 28. März 1777.
Von Saint-Germain werden Ihro Durchlaucht in der Maurerei keine Aufschlüsse bekommen. Dieser Mann ist in Leipzig eine geraume Zeit unter dem Namen Sieur Welldone gewesen. Ich habe bei Dubosc mit ihm gegessen. Ich kenne ihn sehr speziell. Dieser Sieur Welldone ist kein Maurer; er ist auch kein Magus, auch kein Theosoph. Seine Rolle wird in Leipzig traurig ablaufen, wenn er nicht einen gutherzigen Freund kürzlich gefunden, der ihm Geld vorschießt. Ich melde solches Ihrer Durchlaucht als Maurer, damit (er), wenn er nach Berlin kommt, sich nicht auf eben diese Weise zu remboursieren sucht.
Dubosc an Prinz Friedrich August
Leipzig, 2. April 1777.
Da Eure Hoheit anscheinend Interesse an dem angeblichen Grafen Saint-Germain nehmen und ihn sogar mit der Einladung nach Berlin beehrt haben, halte ich mich für verpflichtet, Eurer Hoheit zu berichten, was nach und nach über die Vorgeschichte dieses rätselhaften Mannes zutage kommt. Wie man sagt, ist er in Frankreich geboren, von niederer Herkunft und soll ein Handwerk gelernt haben. Folgendes weiß ich aber positiv von einem meiner Freunde, einem verdienstvollen Mann, einem Schweizer Offizier, Namens Hotz, der als Oberstleutnant in der Garde des russischen Großfürsten steht[465] und zur Zeit in Familienangelegenheiten hier weilt. Wie er mir versichert, hat er unseren Saint-Germain unterwegs in Rußland getroffen, wie er traurig zu Fuß des Weges zog. Wegen eines Fußschadens schleppte er sich nur mühsam weiter. Voll Mitleid ließ ihn der Offizier in seinen Wagen steigen. Er muß in Moskau oder Umgegend ein Fabrikunternehmen gehabt haben, das aber nicht gehen wollte. Er hatte das Glück, den Grafen Orlow[466] kennen zu lernen, mit dem er eine Weile chemische Versuche anstellte, aber schließlich hatte der Graf diese fruchtlose und kostspielige Arbeit satt und entließ ihn. Von den Wohltaten dieses Herrn hat er lange Zeit sein Leben gefristet. Seitdem hat er sich in mehreren Gegenden Deutschlands herumgetrieben, wie die Schulden beweisen, die er namentlich in der Gegend von Schwabach gemacht hat. Hier ging sogar ein von ihm ausgestellter und nicht bezahlter Wechselbrief eines Ansbacher Juden in Höhe von 20000 Gulden ein.
Gegenwärtig erfahre ich, daß er den Brief Eurer Hoheit[467] überall herumzeigt und zum Lesen gibt. Er erzählt jedermann, man bestürme ihn allerorten, zu kommen und der Welt seine erhabenen Kenntnisse nicht vorzuenthalten. So spielt er einen gegen den anderen aus. Verzeihen Eure Hoheit, daß ich solche Geschichten berichte. Aber sie tragen dazu bei, den Betrüger zu entlarven. Ich wollte schließen, vergaß aber noch eine bezeichnende Anekdote. Gestern war ich in einem Hause, in dem ein Ring gezeigt wurde, den er einem seiner hiesigen Beschützer geschenkt hat. Es war ein ziemlich großer gelber Stein, der Feuer besaß. Als er ihn verschenkte, betonte er, daß es ein gelber Diamant sei, und schätzte ihn auf mindestens 1000 Taler. Ein anwesender Juwelier und großer Kenner prüfte den Ring und sagte: „Ei gewiß, dieser Stein kann wohl acht Groschen wert sein.“ Das scheint mir ein recht charakteristischer Zug für ihn.
Bischoffwerder an Prinz Friedrich August
5. April 1777.
Alles, was ich bezüglich des Grafen Welldone hinzufügen kann, ist, daß er nicht P[rior] Cler[icorum] ist, und daß ich Ihnen trotz der Beweise seines Wissens nicht anraten möchte, ihm Briefe zu schreiben, die nicht öffentlich gezeigt werden können. Eine kurze Unterredung mit den Maurern, die ich in Leipzig antreffen werde, soll dies Geheimnis lichten.
Dubosc an Prinz Friedrich August
Leipzig, 12. April 1777.
Auf Befehl Eurer Hoheit will ich mit dem angeblichen Saint-Germain sprechen. Hoffentlich macht meine Vorhaltung mehr Eindruck, als ich erwarte. Der Mann weiß sich nicht besser ins Licht zu setzen, als dadurch, daß er mit geheimnisvoller Miene Briefe vorzeigt, deren Inhalt einen hohen Begriff von ihm geben kann. Derart gelingt es ihm, für einen Wundermann zu gelten.
Hat man recht viele Anekdoten aus seinem Leben gehört und vergleicht man sie miteinander, so kommt man allmählich hinter seine Schliche. Ich möchte jetzt wetten, daß er jüdischer Abstammung ist. Er ist eine Weile in einer Kattunfabrik in Moskau gewesen, weil er Farben herstellt, worin er nach seiner Behauptung große Kenntnisse besitzt. Da er sich dort nicht zu halten vermochte, scheint das Gegenteil bewiesen. Hält man diesen Umstand mit der Zeit seiner Reise nach Rußland zusammen, so ergibt sich, daß es derselbe Fremde ist, mit dem einer meiner Freunde[468], ein höchst kenntnisreicher Mann, die Reise nach Moskau teilweise gemacht hat. Das stimmt sowohl mit der Zeit, wie mit den Talenten, deren er sich rühmte, und der Schilderung, die mein Freund von ihm gemacht hat. Hier erzählt er immerfort, er sei am russischen Hofe wohlbekannt und sehr beliebt und habe dort eine große Rolle gespielt. Das alles beweist zum mindesten, daß er stark aufschneidet.
Gestern unterhielt ich mich sehr lange mit einem meiner Freunde, einem großen Steinschneider, der auf alles, was darauf Bezug hat, sehr erpicht ist. Er kennt unseren Sonderling gut, weiß über ihn Bescheid und hat sich nach seinem Geheimverfahren zur Herstellung wie zur Verbesserung von Edelsteinen erkundigt. Wie er mir beteuerte, kann Saint-Germain keine Edelsteine herstellen noch fehlerhafte Diamanten verbessern und vervollkommnen. Das Verfahren, dessen er sich rühmt, kann sich höchstens auf Topase oder Halbedelsteine beziehen; er hat einen Versuch mit braunen Topasen gemacht, und zwar mit Erfolg; sie sind ganz weiß geworden. Mein Freund hat den Versuch mit Diamanten mehrfach wiederholt, aber vergeblich; das Mittel blieb völlig wirkungslos.
Die einzigen Steine, die Saint-Germain besitzt und die er sehr hoch veranschlagt, stammen aus einem Bergwerk, das er in Rußland entdeckt hat und das er nach seiner Behauptung ausbeuten darf. Er macht erstaunlichen Lärm darüber und möchte den Leuten weismachen, daß sich daraus ein sehr ertragreicher Handelszweig machen ließe. Man hat ihm jedoch bewiesen, daß dazu keine Aussicht ist; denn diese Steine bestehen aus einer Kristallart, die zwar sehr hart ist, aber weit unter den Topasen steht, da sie weder deren Schönheit noch Glanz haben. Sie sind wie die Kieselsteine, die man bei uns und anderswo findet.
Es ist sehr wohl möglich, daß Herr von Sagramoso[469] ihn in Florenz, Pisa und Venedig gesehen hat, denn er hat sich tatsächlich in Italien herumgetrieben. Aber bei aller schuldigen Hochachtung vor der Einsicht des Herrn von Sagramoso kann ich nicht so günstig von ihm denken wie dieser. Sonst müßte er sich seither gewaltig verändert haben. Aber warum soll ein Mensch sich zum Schlechteren verändern? Auf diese Weise behauptet man weder seinen Ruf noch erwirbt man Anhänger. Ich bleibe also bei meiner Ansicht: Er ist einschmeichelnd, geschmeidig, er redet allen nach dem Munde, aber wehe dem, der auf ihn hereinfällt! Graf Orlow kann ein Lied davon singen[470]. Ob Saint-Germain schon einmal in Dresden war, bezweifle ich; niemand hat ihn dort gesehen. Er redet von so vielen Städten, aber von Dresden sagt er kein Wort. Auch hier muß ich mich über Herrn von Sagramoso wundern.
Saint-Germain ist noch hier; er hat sich nicht gerührt. Graf Marcolini, der eigens hergekommen ist, um mit ihm zu sprechen und ihn nach Dresden mitzunehmen[471], falls er mit ihm zufrieden wäre, ist schleunigst wieder abgereist und hat ihn hier gelassen. Das beweist nicht gerade, daß er befriedigt war. Trotzdem muß Herr von Sagramoso, der den Grafen Marcolini begleitete, von Saint-Germain eine hohe Meinung gehabt haben. Dieser lebt hier weiter im Dunkeln und macht einige Bekanntschaften, aber es dauert nie lange; man überwirft sich sehr bald mit ihm.