ERSTER TEIL ALLGEMEINE DARSTELLUNGEN, ANEKDOTEN UND FÄLSCHUNGEN
Reading edition
AUS DEN „ERINNERUNGEN“ DES BARONS VON GLEICHEN[27]
Bei meiner Rückkehr nach Paris im Jahre 1759[28] besuchte ich die Witwe des Chevalier Lambert, eine alte Bekannte. Nach mir sah ich einen mittelgroßen, sehr stämmigen Mann eintreten, der mit gesuchter, prächtiger Einfachheit gekleidet war. Er warf Hut und Degen auf das Bett der Hausfrau, setzte sich auf einen Lehnstuhl am Kamin und unterbrach den gerade redenden Herrn mit den Worten: „Sie wissen nicht, was Sie reden. Für diese Frage bin ich allein zuständig. Ich habe sie erschöpft, so gut wie die Musik, die ich aufgegeben habe, weil ich bis zur äußersten Grenze gelangt war.“
Erstaunt fragte ich meinen Nachbar, wer dieser Mann sei, und ich erfuhr, daß es der berühmte Saint-Germain war, der die seltensten Geheimnisse besaß, dem der König[29] eine Wohnung im Schloß Chambord eingeräumt hatte, der in Versailles ganze Abende mit Seiner Majestät und Frau von Pompadour verbrachte und dem alle Welt nachlief, wenn er nach Paris kam. Frau Lambert lud mich zum Essen für den nächsten Tag ein und setzte mit triumphierender Miene hinzu, ich würde mit Herrn von Saint-Germain speisen, der, nebenbei gesagt, einer ihrer Töchter den Hof machte und in ihrem Hause wohnte.
Die Dreistigkeit des Mannes hielt mich bei diesem Diner lange in respektvollem Schweigen. Schließlich wagte ich ein paar Bemerkungen über die Malerei und verbreitete mich über Verschiedenes, was ich in Italien gesehen. Ich hatte das Glück, Gnade vor den Augen von Saint-Germain zu finden. „Ich bin mit Ihnen zufrieden,“ sagte er zu mir, „und Sie verdienen, daß ich Ihnen alsbald ein Dutzend Gemälde zeige, dergleichen Sie in Italien nicht gesehen haben.“ In der Tat hielt er fast Wort; denn die Bilder, die er mir zeigte, trugen sämtlich ein Gepräge von Eigenart oder Vollendung, das sie anziehender machte, als manche klassischen Werke, insbesondere eine Heilige Familie von Murillo, die an Schönheit dem Raffael in Versailles gleichkam.
Aber er zeigte mir noch ganz andere Dinge: eine Menge Edelsteine, insbesondere farbige Diamanten von erstaunlicher Größe und Vollendung. Ich glaubte, die Schätze von Aladins Wunderlampe zu sehen. Unter anderem sah ich einen Opal von ungeheuerlicher Größe und einen eigroßen weißen Saphir, der alle Edelsteine, die ich daneben hielt, durch seinen Glanz überstrahlte. Ich wage mich als einen Juwelenkenner zu rühmen und kann versichern, daß das Auge nichts zu entdecken vermochte, was einen Zweifel an der Echtheit dieser Steine hätte begründen können, zumal sie ungefaßt waren.
Ich blieb bis Mitternacht bei ihm und verließ ihn als sein getreuer Anhänger. Sechs Monate lang folgte ich ihm mit der unterwürfigsten Beharrlichkeit, und ich habe nichts von ihm gelernt als die Praktiken und die Eigenart des Scharlatanismus. Kein Mensch besaß wie er die Gabe, die Neugier zu stacheln und die Leichtgläubigkeit auszunutzen. Er wußte seine Wundergeschichten je nach dem Maße der Empfänglichkeit seiner Zuhörer abzustimmen. Erzählte er einem Dummkopf eine Begebenheit aus der Zeit Karls V., so vertraute er ihm offen an, daß er dabeigewesen sei. Sprach er mit einem etwas weniger Leichtgläubigen, so schilderte er bloß die kleinsten Umstände, Miene und Gebärde der Sprechenden, ja selbst das Zimmer und den Fleck, an dem sie standen, mit allen Einzelheiten und einer Lebendigkeit, daß man den Eindruck erhielt, einen wirklichen Augenzeugen des Vorgangs zu hören. Bisweilen, wenn er eine Rede Franz’ I. oder Heinrichs VIII.[30] wiedergab, spielte er den Zerstreuten und sagte: „Der König wandte sich an mich —“, verbesserte sich aber rasch und fuhr, wie ein Mann, der sich verschnappt hat, hastig fort: „wandte sich an den und den Herzog.“
Im allgemeinen kannte er die Geschichte bis ins kleinste. Er hatte sich Bilder und Szenen zurechtgelegt und sprach von den fernsten Zeiten mit solcher Natürlichkeit, wie kaum ein Zeitgenosse von der jüngsten Gegenwart.
„Die dummen Pariser“, sagte er eines Tages zu mir, „glauben, daß ich 500 Jahre alt sei, und ich bestärkte sie in dieser Annahme; denn ich sehe, daß ihnen das viel Spaß macht. Ich bin freilich ungleich älter als ich aussehe,“ setzte er hinzu, denn auch mich wünschte er bis zu einem gewissen Grade irrezuführen. Aber die Pariser waren nicht nur so dumm, ihm ein mehrhundertjähriges Alter zuzuschreiben, sie machten ihn sogar zum Zeitgenossen Christi, und zwar aus folgendem Anlaß.
In Paris lebte ein kurzweiliger Mann, den man Mylord Gower nannte, weil er die Engländer hervorragend nachmachte. Nachdem die Regierung ihn im Siebenjährigen Kriege als Spion beim englischen Heere verwandt hatte, wurde er zum Spielzeug einiger Leute am Hofe, die die einfältigen Pariser zum besten haben wollten. Man steckte ihn in die verschiedensten Kostüme und ließ ihn alle möglichen Menschen kopieren. So wurde dieser Mylord Gower im Marais[31] als Herr von Saint-Germain eingeführt, um die Neugier der Damen und Maulaffen dieser Stadtgegend zu befriedigen, die sich leichter nasführen lassen als die Leute in der Gegend des Palais Royal. Auf diesem Schauplatz erlaubte sich unser falscher Adept seine Rolle zu spielen. Anfangs übertrieb er nur wenig. Als er jedoch sah, daß man alles bewundernd aufnahm, griff er von einem Jahrhundert aufs andere bis auf Jesus Christus zurück. Von ihm sprach er mit solcher Vertrautheit, als wäre er sein Freund gewesen. „Ich habe ihn sehr gut gekannt,“ sagte er. „Er war der beste Mensch auf Erden, aber romantisch veranlagt und unbesonnen; ich habe ihm oft gesagt, er würde ein schlimmes Ende nehmen.“ Dann ging unser Schauspieler auf die Dienste ein, die er ihm durch Vermittlung der Frau des Pilatus zu leisten versuchte, in deren Haus er täglich verkehrte. Er behauptete, die heilige Jungfrau, die heilige Elisabeth[32], ja selbst deren alte Mutter, die heilige Anna[33], gut gekannt zu haben. „Der“, sagte er, „habe ich nach ihrem Tode einen großen Dienst geleistet. Ohne mich wäre sie nie heilig gesprochen worden. Zu ihrem Glück war ich beim Konzil zu Nicäa[34], und da ich mehrere der dort versammelten Bischöfe kannte, bat ich so innig und stellte ihnen so oft vor, eine wie brave Frau sie gewesen sei und wie wenig es ihnen kostete, so daß sie dann auch wirklich heilig gesprochen wurde.“ Diese abgeschmackte Posse wurde in Paris ziemlich ernsthaft weitererzählt und trug Herrn von Saint-Germain den Ruf ein, im Besitz eines Lebenselixiers zu sein, das ihn verjüngte und unsterblich machte. Daraus entstand die Schnurre von der alten Kammerfrau einer Dame, die eine Phiole dieser göttlichen Flüssigkeit heimlich bewahrte. Die alte Kammerfrau grub sie aus und trank so viel davon, daß sie immer jünger und schließlich zum kleinen Kinde wurde.
Obwohl alle diese Fabeln und mehrere Anekdoten über Saint-Germains Alter weder Glauben noch Beachtung bei vernünftigen Menschen verdienen, so bleibt immerhin wunderbar, was mir zahlreiche glaubwürdige Personen über seine lange Lebensdauer und die fast unbegreifliche Unveränderlichkeit seines Äußeren bestätigt haben. So hörte ich Rameau[35] und die alte Verwandte eines französischen Botschafters in Venedig[36] versichern, als sie Saint-Germain dort 1710 kennen lernten, habe er wie ein Fünfzigjähriger ausgesehen. Im Jahre 1759 schien er 60 Jahre alt zu sein, und damals erneuerte Morin, mein späterer Gesandtschaftssekretär, für dessen Wahrhaftigkeit ich einstehe, in meinem Hause die Bekanntschaft mit ihm, die er 1739 auf einer Reise in Holland gemacht hatte, und war baß erstaunt, daß er nicht um ein Jahr älter aussah. Alle Personen, die ihn danach bis zu seinem Tode kennen gelernt haben — der, wenn ich nicht irre, 1780 in Schleswig[37] stattfand — und die ich über sein vermeintliches Alter befragte, haben mir stets geantwortet, er mache den Eindruck eines guterhaltenen Sechzigers. Ein Mann von 50 Jahren ist also im Zeitraum von 70 Jahren nur um 10 Jahre gealtert — das scheint mir das Außerordentlichste und Bemerkenswerteste an seiner Geschichte.
Er besaß mehrere chemische Geheimmittel, besonders zur Herstellung von Farben und Färbstoffen und einer Art von Similor von seltener Schönheit. Vielleicht hat er auch die erwähnten Edelsteine, deren Echtheit nur durch die Probe mit der Feile widerlegt werden könnte, selbst angefertigt. Aber von einer Universalmedizin habe ich ihn nie reden hören.
Er lebte sehr mäßig, trank nie beim Essen, purgierte sich mit selbstbereiteten Sennesblättern und gab seinen Freunden keinen anderen Rat, wenn sie ihn fragten, was sie tun müßten, um lange zu leben. Überhaupt pries er nie wie andere Scharlatane übernatürliche Kenntnisse an.
Seine Philosophie war die des Lukrez: er sprach mit geheimnisvoller Begeisterung von den Tiefen der Natur und eröffnete der Phantasie unbestimmte, dunkle und unendliche Ausblicke auf die Art seines Wissens, seine Reichtümer und seine vornehme Abkunft. Gern erzählte er Züge aus seiner Kindheit und schilderte sich selbst, wie er mit zahlreichem Gefolge auf prächtigen Terrassen in einem herrlichen Klima lustwandelte, gleich als wäre er der Erbe eines Königs von Granada zur Zeit der Mauren gewesen. Allerdings hat kein Mensch, keine Polizei je herausbekommen, wer er war und woher er stammte.
Er sprach fließend Deutsch und Englisch. Französisch sprach er mit piemontesischem Akzent, Italienisch ausgezeichnet, aber besonders Spanisch und Portugiesisch ohne den geringsten Akzent.
Wie ich hörte, hat er neben mehreren deutschen, italienischen und russischen Namen, unter denen man ihn in verschiedenen Ländern glänzen sah, in früherer Zeit auch den eines Marquis von Montferrat getragen. Wie ich mich entsinne, sagte mir der alte Baron Stosch[38], er hätte in Florenz zur Zeit des Regenten[39] einen Marquis von Montferrat gekannt, der für einen natürlichen Sohn der Witwe Karls II.[40], die sich nach Bayonne zurückgezogen hatte, und eines Madrider Bankiers galt.
Saint-Germain verkehrte im Hause des Herzogs von Choiseul[41] und war dort gern gesehen. Wir waren daher sehr erstaunt, als dieser Minister seiner Gattin gegenüber eine sehr ausfallende Bemerkung über ihn machte. Er fragte sie plötzlich, warum sie nichts trinke, und als sie antwortete, sie wende gleich mir mit Erfolg die Lebensdiät Saint-Germains an, entgegnete Choiseul: „Der Baron, der, soviel ich weiß, eine besondere Vorliebe für Abenteurer hat, ist sein eigener Herr und kann leben, wie er will. Ihnen aber, Madame, deren Gesundheit mir kostbar ist, verbiete ich, die Narrheiten eines so zweideutigen Menschen nachzuahmen.“ Um dem peinlich werdenden Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte der Komtur von Solar[42] den Herzog von Choiseul, ob die Regierung wirklich die Herkunft eines Mannes nicht kenne, der in Frankreich auf so vornehmem Fuße lebe. „Gewiß kennen wir sie,“ versetzte Choiseul (aber er log), „er ist der Sohn eines portugiesischen Juden, der die Leichtgläubigkeit des Hofes und der Stadt zum besten hat. Seltsam,“ fuhr er, sich erhitzend, fort, „daß man erlaubt, daß der König oft fast allein mit einem solchen Menschen ist, während er nur von Garden umgeben ausgeht, als ob die Welt von Mördern wimmelte.“ Dieser Zornesausbruch kam von seiner Eifersucht auf den Marschall Belle-Isle[43], dem Saint-Germain sich mit Leib und Seele verschrieben hatte: ihm hatte er den Plan und das Modell der berühmten Flachboote gegeben, mit denen eine Landung in England[44] gemacht werden sollte.
Die Folgen dieser Feindschaft und der Argwohn Choiseuls kamen wenige Monate später zum Ausbruch[45]. Der Marschall spann immerfort Ränke zur Herbeiführung eines Sonderfriedens mit Preußen und zum Bruch des Allianzsystems zwischen Österreich und Frankreich, mit dem der Herzog von Choiseul stand und fiel. Ludwig XV. und Frau von Pompadour wünschten diesen Sonderfrieden, Saint-Germain redete ihnen ein, ihn zum Prinzen Ludwig von Braunschweig nach dem Haag zu schicken, dessen Busenfreund er sich nannte. Er versprach, auf diesem Wege erfolgreiche Verhandlungen anzuknüpfen, deren Vorteile er durch seine Beredsamkeit ins hellste Licht setzte.
Der Marschall setzte die Instruktionen auf, und der König übergab sie ihm persönlich mit einer Chiffre für Saint-Germain, der, im Haag angelangt, sich berufen fühlte, die Rolle des Gesandten zu spielen. Infolge seiner Indiskretion kam d’Affry, damals Botschafter im Haag[46], hinter das Geheimnis dieser Sendung und schickte einen Kurier an Choiseul, bei dem er sich heftig beschwerte, daß er einem alten Freund seines Vaters und der Würde eines Botschafters den Schimpf antäte, durch einen obskuren Ausländer Friedensverhandlungen unter seinen Augen anzuknüpfen, ohne ihn überhaupt davon in Kenntnis zu setzen.
Choiseul schickte den Kurier sofort zurück und befahl d’Affry, mit aller denkbaren Energie von den Generalstaaten die Auslieferung Saint-Germains zu fordern. Danach sollte er ihn, an Händen und Füßen gefesselt, in die Bastille einliefern. Am nächsten Tage verlas Choiseul im Kronrat d’Affrys Bericht und seine Antwort darauf. Dann blickte er im Kreise herum stolz auf seine Kollegen, heftete seine Blicke abwechselnd auf den König und Belle-Isle und schloß: „Wenn ich mir nicht die Zeit genommen habe, die Befehle des Königs einzuholen, so geschah es in der Überzeugung, daß hier niemand so dreist wäre, ohne Wissen des Ministers des Auswärtigen Eurer Majestät Friedensverhandlungen zu führen!“ Er wußte, daß der König den Grundsatz aufgestellt und stets beobachtet hatte, kein Minister dürfte sich in die Geschäfte eines anderen einmischen. So kam es, wie er vorausgesehen hatte: der König senkte schuldbewußt die Blicke, der Marschall wagte kein Wort, und Choiseuls Schritt wurde gebilligt. Aber Saint-Germain entwischte ihm. Die Generalstaaten beteuerten ihre Willfährigkeit und schickten ein großes Aufgebot zur Verhaftung Saint-Germains. Der aber war heimlich gewarnt und entfloh nach England.
Aus einigen Nachrichten glaube ich zu entnehmen, daß er bald wieder abreiste und nach St. Petersburg ging. Dann tauchte er in Dresden, Venedig und Mailand auf, verhandelte mit den dortigen Regierungen, um ihnen Geheimnisse der Färberei zu verkaufen und Fabriken zu begründen. Er machte damals den Eindruck eines Glücksritters und wurde in einer kleinen Stadt in Piemont wegen eines verfallenen Wechsels verhaftet. Doch er zeigte dem Inhaber für über 100000 Taler Wertsachen, bezahlte auf der Stelle, behandelte den Bürgermeister dieser Stadt als Kaffern und wurde unter den ehrerbietigsten Entschuldigungen freigelassen.
Im Jahre 1770 tauchte er in Livorno auf, mit russischem Namen und in Generalsuniform. Graf Alexei Orlow[47] behandelte ihn mit einer Auszeichnung, die der stolze und hochfahrende Mann sonst niemandem bezeigte. Das muß in engem Zusammenhang mit einer Bemerkung seines Bruders, des Fürsten Gregor Orlow, gegenüber dem Markgrafen von Ansbach stehen. Saint-Germain hatte sich einige Jahre darauf bei diesem niedergelassen[48] und ihn bestimmt, den berühmten Günstling Katharinas II. bei seiner Durchreise in Nürnberg zu besuchen[49]. Da sagte Orlow ganz leise zum Markgrafen über Saint-Germain, den er aufs feierlichste begrüßte: „Dieser Mann hat eine große Rolle bei unserer Revolution gespielt.“
Er wohnte in Triesdorf und hauste dort nach Belieben mit einer Herrenfrechheit, die ihm ausgezeichnet stand. Den Markgrafen behandelte er wie einen Schulknaben. Stellte ihm dieser bescheidene Fragen über seine Wissenschaft, so antwortete er: „Sie sind zu jung, um Ihnen dergleichen zu sagen.“ Um sich an diesem kleinen Hofe noch mehr in Respekt zu setzen, zeigte er von Zeit zu Zeit Briefe Friedrichs des Großen. „Kennen Sie diese Hand und dies Siegel?“ fragte er den Markgrafen, indem er ihm den Brief in seinem Umschlag zeigte. „Ja, es ist das kleine Siegel des Königs.“ — „Wohlan, was drin steht, sollen Sie nie erfahren.“ Damit steckte er den Brief wieder ein.
Der Markgraf behauptet, er habe sich überzeugt, daß Saint-Germains Edelsteine falsch waren: es sei ihm gelungen, durch seinen Juwelier einen Diamanten heimlich mit der Feile prüfen zu lassen, als der Stein der im Bette liegenden Markgräfin[50] gezeigt wurde; denn Saint-Germain paßte scharf auf seine Steine auf und ließ sie nicht aus den Augen.
Schließlich starb der außerordentliche Mann bei Schleswig beim Prinzen Karl von Hessen, den er vollständig bestrickt und zu Spekulationen veranlaßt hatte, die jedoch fehlschlugen. In seinem letzten Lebensjahre ließ er sich nur von Frauen bedienen, die ihn pflegten und ihn wie einen zweiten Salomo verhätschelten. Nach allmählichem Kräfteverfall starb er in ihren Armen.
Umsonst gaben sich die Freunde, die Bedienten und selbst die Brüder des Prinzen[51] alle Mühe, ihm das Geheimnis seiner Herkunft zu entlocken. Da der Prinz aber alle Papiere Saint-Germains erbte[52] und alle Briefe erhielt, die nach seinem Tode eintrafen, muß er mehr darüber wissen als wir, die wahrscheinlich nie mehr erfahren werden. Ein so seltsames Dunkel ist seiner Gestalt würdig.
AUS DEM „TAGEBUCH EINES WELTKINDES“ VON GRAF LAMBERG[53]
Eine seltsame Erscheinung ist der Marquis von Aymar oder Belmar, bekannt unter dem Namen Saint-Germain. Er wohnt seit einiger Zeit in Venedig, wo er hundert Frauen, die ihm eine Äbtissin verschafft, mit Versuchen zum Bleichen des Flachses beschäftigt, dem er das Aussehen von italienischer Rohseide gibt.
Er glaubt 350 Jahre alt zu sein, und wohl um nicht zu arg zu übertreiben, behauptet er, den Thamas Chouli-Kan in Persien[54] gekannt zu haben.
Als der Herzog von York[55] nach Venedig kam, beanspruchte er beim Senat den Vorrang vor diesem. Als Grund gab er an, man wisse wohl, wer der Herzog von York sei, kenne aber noch nicht den Titel des Marquis von Belmar.
Er besitzt einen Verjüngungsbalsam: eine alte Frau, die sich zu stark damit einrieb, wurde wieder zum Embryo. Einem seiner Freunde gab er eine Haarwickel und diesem zahlte ein Bankier, der den Marquis nicht kannte, auf Sicht 200 Dukaten in bar.
Ich fragte ihn, ob er nach Frankreich zurückkehre. Er versicherte mir mit überzeugter Miene, daß die Flasche (mit Lebenselixier), die den König in seinem jetzigen Gesundheitszustand erhalte, zu Ende ginge. Infolgedessen werde er mit einem glänzenden Streich wieder auf der Bühne erscheinen und sein Name werde in ganz Europa bekannt werden.
Er soll in Peking gewesen sein, ohne sich irgendeinen Namen beizulegen; als die Polizei ihn drängte, seinen Namen zu nennen, entschuldigte er sich damit, er wisse selbst nicht, wie er heiße. „In Venedig“, sagte er, „nennt man mich den Herrn ‚Was geht’s dich an’, in Hamburg: ‚Mein Herr’, in Rom: ‚Monsignor’, in Wien: ‚Pst’. In Neapel pfeift man nach mir, in Paris beäugt man mich, und auf dieses Zeichen spreche ich gern jeden an, der mich anschaut. Mein Name kann Ihnen, meine Herren Mandarinen, also gleichgültig sein. Solange ich bei Ihnen lebe, werde ich mich wie der Träger eines erlauchten Namens benehmen. Ob ich Erbse oder Bohne, Piso[56] oder Cicero heiße, mein Name muß Ihnen gleichgültig sein.“ Selbst in Venedig erhält er Briefe, auf denen bloß „Venedig“ steht. Der Rest ist freigelassen, und sein Sekretär verlangt auf der Post einfach Briefe ohne jede Anschrift.
Der König (von Frankreich) gab ihm beim Tode des Marschalls von Sachsen[57] das Schloß Chambord und umarmte ihn, als er ihn verließ. Saint-Germain verkehrte in allen vornehmen Häusern und wurde sogar mit Auszeichnung empfangen. Er ging oft zur Fürstin von Anhalt-Zerbst[58], der Mutter der jetzigen Zarin. „Ich muß“, sagte er zu ihr, „recht gern bei Ihnen sein, um zu vergessen, daß mein Wagen seit zwei Stunden auf mich wartet, um mich nach Versailles zu bringen.“
Übrigens weiß niemand, wer dieser seltsame Mann ist. Man hält ihn für einen Portugiesen. Er besitzt tausend Talente, die bei einem einzigen Menschen selten vereint sind. Er spielt hervorragend Violine, aber hinter einem Wandschirm; dann glaubt man fünf bis sechs Instrumente zugleich zu hören.
Er spricht viel und gut. Jeden redet er mit so passenden Fragen an, daß es anfangs überrascht. In einer Art von Stammbuch, in dem Unterschriften mehrerer Berühmtheiten stehen, zeigte er mir eine lateinische Eintragung meines Ahnherrn Kaspar Felix, der 1686 starb, mit seinem Wappen und der folgenden Beischrift: „Lingua mea calamus scribae velociter scribentis. Ps. 44, Vers 2“[59]. Die Tinte und selbst das Papier waren sehr verblaßt und nachgedunkelt und schienen mir alt. Das Datum ist 1678. Eine andere Eintragung von Michel Montaigne[60] ist vom Jahre 1580: „Kein Mensch ist so bieder, daß er wohl nicht zehnmal den Galgen verdient, auch wenn er alle seine Handlungen und Gedanken der Prüfung der Gesetze unterwirft. Und doch wäre es sehr schade und ungerecht, einen solchen zu bestrafen und zu hängen.“
Ich schließe aus alledem, daß es ebenso leicht ist, zwei gleiche Handschriften herzustellen, wie zwei ganz ähnlich aussehende Menschen zu finden. Le Vayer[61] gibt Beispiele an, aus denen man folgern könnte, daß es vorzeiten ein Verdienst war, Handschriften nachmachen zu können ...
Die beiden genannten Eintragungen könnten das Alter des Marquis bestätigen, spräche die menschliche Natur nicht dagegen. Von welchem Zeitalter er auch spricht, man trifft selten auf einen Irrtum. Er erwähnt sehr zurückliegende Daten am rechten Ort und spielt sich dabei keineswegs auf. Er ist ein seltener, überraschender Mann, und was einem Spaß macht: er hält der Kritik stand. Mit großer Überredungsgabe verbindet er eine ungewöhnliche Gelehrsamkeit und das umfassendste Gedächtnis, obgleich es örtlich beschränkt ist. Er behauptet, Wildmann die Kunst gelehrt zu haben, Bienen zu zähmen und den Schlangen Sinn für Musik und Gesang beizubringen. Da beides auf feststehenden Tatsachen beruht, gibt es der Eigenart des Marquis kein anderes Gepräge als das der Neuheit, die er oft anderen anerkannten Vorzügen vorzieht.
Ich habe einen sehr fesselnden Brief abgeschrieben, den er mir 1773 aus Mantua sandte.
Schreiben von Saint-Germain an Lamberg
„Ich sah ihn (Wildmann) im Haag, als ich dort verhaftet wurde[62]. Bevor ich meinen Degen abgab, bestand ich darauf, d’Affry, den französischen Botschafter bei den Generalstaaten, zu sprechen. Ich wurde in meinem Wagen hingebracht, in Begleitung des Offiziers, der mich zu bewachen hatte. Der Gesandte empfing mich, als ob er überrascht sei, mich zu sehen; bald aber gebot er dem Wächter, sich zurückzuziehen und vor allem den Herren Bürgermeistern zu melden, daß ich die Protektion des Königs besäße und somit unter dem Schutz Sr. Majestät stände, solange ich in Holland bliebe. Ich glaubte, dem Offizier einen Diamanten von reinstem Wasser und von, wenn ich so sagen darf, ungewöhnlichem Karat anbieten zu sollen, aber er lehnte ihn ab, und da all mein Zureden fruchtlos blieb, zerschlug ich den Stein mit einem großen Hammer in mehrere Stücke, die die Lakaien zu ihrem Profit auflasen. Der Verlust des Diamanten, der in Brasilien und im Reiche des Mogul als solcher anerkannt worden, war mir indes nicht gleichgültig, zumal seine Herstellung mir unendliche Mühe gekostet hatte. Graf Zobor, der Kammerherr des verstorbenen Kaisers[63] (ein unvergeßlicher Fürst durch seine erhabenen Eigenschaften wie durch den Schutz, den er den Künsten gewährte), hat Diamanten mit mir gemacht[64]. Prinz T.... hat vor etwa sechs Jahren einen von mir hergestellten für 5500 Louisdors gekauft und ihn dann mit 1000 Dukaten Gewinn an einen reichen Narren verkauft. Man muß in der Tat ein König oder ein Narr sein, sagte der Graf von Barre, um für einen Diamanten erhebliche Summen auszugeben. Da die Narren im Schachspiel[65] übrigens den Königen am nächsten stehen, so verletzt das griechische Sprichwort: Βασιλεῦς ἤ Ὄνος (König oder Esel) und das andere: Aut regem aut fatuum nasci oportet[66] keinen Menschen. Frau von S... hatte einen vom gleichen bläulichen Wasser und ebenso schlecht geschnitten wie jener; in der Fassung sah er wie ein großer böhmischer Stein mit mattem Schliff aus.
„Nun, mein Herr, ein Mann wie ich ist bei der Wahl seiner Mittel sehr oft in Verlegenheit, und wenn es zutrifft, daß die Narren oder die Könige die einzigen sind, denen man einen großen Diamanten anbieten kann, so verdiente ich die Ablehnung des Offiziers; das Unrecht war ganz auf meiner Seite. Übrigens ist der Mensch geneigt, bei den Kunstfertigkeiten oft gewisse Leistungen, die allein auf Rechnung des Künstlers kommen, der Natur zuzuschreiben. Ein Pott, ein Marggraf, ein Rouelle[67] verkünden von ihrem Dreifuß, daß niemand Diamanten gemacht hat, weil sie die Gründe nicht kennen, die dem Gelingen entgegenstehen. Wenn alle diese Herren (ihre Zahl ist groß) die Menschen mehr studieren wollten als die Bücher, so würden sie bei ihnen Geheimnisse entdecken, die sie in der „Goldenen Kette Homers“ und dem großen und kleinen „Albertus“, in dem geheimnisreichen Band „Picatrix“[68] usw. nicht finden. Die großen Entdeckungen werden nur dem zuteil, der reist.
„Ich verdanke die Entdeckung des Schmelzens der Edelsteine der zweiten Reise nach Indien, die ich 1755 mit dem Oberst Clive[69] unter dem Befehl des Vizeadmirals Watson[70] machte. Auf meiner ersten Fahrt hatte ich nur sehr geringe Kenntnisse über dies wunderbare Geheimnis erworben. Alle meine Versuche in Wien, in Paris, in London galten nur als Proben; den Stein der Weisen zu finden, war mir in der genannten Zeit beschieden.

Max Joseph Graf v. Lamberg
Stich von Maag
„Aus guten Gründen gab ich mich bei dem Geschwader nur als Graf C...z aus. Überall, wo wir landeten, genoß ich die gleichen Auszeichnungen wie der Admiral. Ohne mich nach meinem Vaterlande zu fragen, erzählte der Nabob von Baba mir nur von England. Ich entsinne mich, mit welchem Vergnügen er meiner Beschreibung vom Pferderennen zu Newmarket zuhörte. Ich erzählte ihm, daß ein berühmtes Pferd namens Eclipse schneller sei als der Wind, und ich log nicht; denn angenommen, daß dies Pferd in einer Minute eine englische Meile lief, d. h. 82½ Fuß in der Sekunde, könnte man, selbst wenn es diesen rasenden Lauf nur ein bis zwei Minuten aushielt, ohne Gefahr begründeten Widerspruchs behaupten, daß ein solches Pferd vor dem Winde herlief; denn dessen größte Geschwindigkeit beträgt 85 Fuß im freien Raum, und ein Schiff, das auch nur ein Drittel seines Anpralls aushielte, würde 6 (französische) Meilen in der Stunde vorwärts getrieben werden, was der größten bekannten Fahrtgeschwindigkeit entspricht.
„Der Nabob schlug mir vor, ihm meinen Sohn, den ich mithatte, dazulassen. Er nannte ihn seinen Lord Bute[71], nach dem Muster seiner Höflinge, die sämtlich englische Namen trugen. Dieser Nabob hatte unter seinen Kindern einen Prinzen von Wales, einen Herzog von Glocester, einen Herzog von Cumberland usw. Als Watson ihn besuchte, erkundigte er sich nach dem Befinden des Königs Georg, und als er erfuhr, daß dieser einen Sohn verloren hatte[72], rief er seufzend aus: „Auch ich habe meinen Prinzen von Wales verloren!“
Der Marquis Belmar.“
Eine Gabe, die Herr von Belmar allein besitzt und die in den Familien gelernt und gepflegt zu werden verdiente, ist, mit beiden Händen zugleich zu schreiben. Ich diktierte ihm etwa zwanzig Verse aus „Zaïre“[73], die er auf zwei Blättern Papier in denselben Schriftzügen zugleich schrieb. „Ich tauge nicht viel,“ sagte er zu mir, „aber Sie werden zugeben, daß ich meinen Sekretär ganz umsonst ernähre. Die Fortschritte in den Kunstfertigkeiten sind langsam; man beginnt mit Versuchen und gelangt schließlich zu einem festen System.“
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Am Schluß berichtigt Lamberg die Angabe der in Florenz erscheinenden Zeitung „Le notizie del mondo“, die im Juli 1770 unter der Rubrik „Nachrichten aus der Welt“ die Mitteilung gebracht hatte:
„Tunis, Juli 1770. Der kaiserliche Kammerherr Graf Maximilian Lamberg hat der Insel Korsika einen Besuch abgestattet, um verschiedene Forschungen anzustellen. Er weilt hier seit Ende Juni in Gesellschaft des Herrn von Saint-Germain, der in Europa wegen seiner umfassenden politischen und philosophischen Kenntnisse berühmt ist[74].“
Lamberg dementiert diese Nachricht mit dem Hinweise, daß ihn die Zeitung zum Reisegefährten Saint-Germains in Afrika mache, „zu einer Zeit, wo Herr von Belmar aus Genua an einen Freund in Livorno schrieb, er wolle nach Wien gehen, um den Prinzen Ferdinand von Lobkowitz[75] wiederzusehen, dessen Bekanntschaft er 1745 in London gemacht hatte.“
Schreiben des Grafen Lamberg an Opiz[76]
„Herr von Saint-Germain hat ziemlich lange in Paris gelebt und das allgemeine Gespräch gebildet. Er behauptete tatsächlich, vierhundert Jahre alt zu sein. Ich war sehr gespannt, ihn zu sehen. Eines Tages traf ich ihn bei der verstorbenen Prinzessin von Talmond. Ich fühlte ihm auf den Zahn und hörte ihm aufmerksam zu. Er schien mir sehr kenntnisreich und sehr unterhaltend. Abends erzählte ich von der zufälligen Begegnung in einem Hause, wo ich zur Nacht speiste. Ich sagte, ich hätte den berühmten Grafen von Saint-Germain gesehen. Man fragte mich, ob er wirklich 400 Jahre alt sei, wie er behaupte. Ich entgegnete kalt: „Ich glaube, er übertreibt. Er sieht nicht älter aus als 200 Jahre.“ Im übrigen empfiehlt sich dieser berühmte Abenteurer, der einen guten Teil seines Lebens mit der Leichtgläubigkeit der Menschen gespielt zu haben scheint, durch seine Kenntnisse und Talente. Die Eigenartigkeit ist durchaus nicht sein einziger Vorzug; man täte ihm Unrecht mit der Annahme, daß sein Ruf nur darauf beruht. Seine Reisen und Forschungen würden eigenartiges und nützliches Material für einen Schriftsteller liefern, der über sichere Nachrichten verfügt.“
Aus Lambergs „Kritischen, moralischen und politischen Briefen“[77]
Cagliostro[78] ist undurchdringlich und ebenso eigenartig wie der Graf von Saint-Germain, dessen Schüler er sein soll, wenn er auch seinem Meister an Talenten und Genie weit nachsteht. Dieser verdankte seine Berühmtheit seinem Wissen; jener verdankt sie dem Glück und dem Ränkespiel: Mundus vult decipi[79].
Epigramm des Grafen Lamberg auf Saint-Germain[80]
Dreihundert Jahre bin ich für die Welt. Zweihundert zähle ich für meine Freunde. Beim Trinken bin ich fünfzig Jahre alt. Bei Iris sind es fünfundzwanzig bloß. Ich bin zwar nicht Fortunas Feind in allem, Doch macht sie mich zu ihrem Spielball nicht: Ich selber war’s, der stets mit ihr gespielt.
Grabschrift Saint-Germains auf den Grafen Lamberg[81]
Um einen Weltmann traure, braver Bürger, Der Gottes Freund, Freund von Gesetz und Recht, Des Kaisers Freund und auch des Nächsten war. Lamberg starb arm, doch unverdienstlich nicht. Er ward es satt, lichtscheuer Dummheit Licht Zu bringen, doch das Schicksal war gerecht: Der Nachwelt weiht es seinen teuren Namen, Den siechen Leib den Würmern, und sein Herz Dem Vaterland, der Freundschaft seine Seele, Den Musen aber seinen hohen Geist.
Zur Kritik Lambergs
Der brandenburgische Forscher Moehsen schreibt im Anschluß an Lamberg in seinen „Beiträgen zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg“, S. 22 (Berlin und Leipzig 1783):
„So hat auch in unseren Tagen der berühmte Marquis Belmar oder Graf Saint-Germain von der außerordentlichen Kraft eines solchen Verjüngungsbalsams eine große Erfahrung durch einen Apostolischen K. K. Kammerherrn bekannt werden lassen. Eine alte Dame hatte sich zu stark damit gerieben und sahe sich in kurzer Zeit in den Zustand eines Embryons versetzt, und man kann sich vorstellen, wie künstlich und beschwerlich es dem Herrn Grafen geworden, wenn er sie wieder zur Welt bringen und aufpäppeln müssen.“
AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN“ DER GRÄFIN GENLIS[82]
Ich komme nun zu einer seltsamen Persönlichkeit, die ich länger als ein halbes Jahr fast täglich gesehen habe. Das war der berühmte Schwindler Graf Saint-Germain. Er sah damals höchstens wie ein Fünfundvierzigjähriger aus, aber nach dem Zeugnis von Leuten, die ihn 30 bis 35 Jahre vorher gesehen, war er sicherlich weit älter.
Er war nicht ganz mittelgroß, gut gewachsen und hatte einen sehr leichten Gang. Seine Haare waren schwarz, seine Haut stark gebräunt, sein Gesichtsausdruck sehr geistreich, seine Züge ziemlich regelmäßig. Er sprach fließend Französisch, ohne eine Spur von Akzent, ebenso Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.
Er war ein hervorragender Musiker, begleitete auf dem Klavier aus dem Kopfe alles, was man sang, und mit solcher Vollendung, daß Philidor[83] darüber erstaunt war, ebenso über sein Präludieren.
Er war ein guter Physiker und ein großer Chemiker. Mein Vater, der das wohl beurteilen konnte, bewunderte seine Kenntnisse auf diesem Gebiet sehr. Er malte auch in Öl, freilich nicht hervorragend, aber doch nett. Er hatte ein Geheimverfahren für wirklich prachtvolle Farben, durch das seine Bilder hervorragend ausfielen. Er malte im Stil der Historienmalerei; seine Frauengestalten waren stets mit Juwelen geschmückt. Für diese Schmuckstücke benutzte er seine Farben, und seine Smaragde, Saphire, Rubinen usw. hatten wirklich die Leuchtkraft, den Wiederschein und Glanz der wirklichen Steine. Latour, Vanloo[84] und andere Maler besichtigten seine Gemälde und bewunderten aufs höchste den erstaunlichen Kunstgriff dieser leuchtenden Farben, die allerdings den Nachteil hatten, die Gesichter auszulöschen und ihre Naturwahrheit durch ihre überraschende Täuschung zu zerstören. Aber für die Ornamentalmalerei hätten diese seltsamen Farben von großem Nutzen sein können, hätte Saint-Germain das Verfahren nicht geheim gehalten.
Im Gespräch war er belehrend und unterhaltend. Er war viel gereist und beherrschte die neuere Geschichte mit erstaunlicher Kenntnis der Einzelheiten. Man sagte daher, er spräche von längst verstorbenen Personen, als hätte er mit ihnen gelebt. Aber ich habe dergleichen aus seinem Munde nie gehört.
Er zeigte die besten Grundsätze, erfüllte gewissenhaft alle äußeren Pflichten der Religion, war sehr wohltätig und, wie allgemein zugegeben wurde, von größter Sittenreinheit. Kurz, in seinem Benehmen wie in seinen Reden war alles gesetzt und moralisch.
Dieser Mann erschien außergewöhnlich durch seine Talente, seine umfassenden Kenntnisse und alles, was persönliche Achtung verschafft — Wissen, vornehmes, gesetztes Wesen, lauteren Wandel, Wohlstand und Wohltätigkeit. Trotzdem war er ein Schwindler oder doch ein halber Narr, der sich Maßloses auf seine paar besonderen Geheimmittel einbildete, die ihm eine kräftige Gesundheit und ein längeres Leben als das des Durchschnitts der Menschen verschafft hatten. Ich bin überzeugt, und mein Vater glaubte es fest, daß Saint-Germain, der damals höchstens 45 Jahre alt schien, mindestens 90 alt war. Triebe der Mensch nicht Mißbrauch mit allem, so würde er insgemein noch zu höheren Jahren kommen; Beispiele dafür sind vorhanden. Ohne unsere Leidenschaften und unsere Unmäßigkeit würden wir 100 Jahre alt werden und bei sehr hohem Alter 150 bis 160 Jahre. Dann stände man mit 90 Jahren in der Kraft eines Vierzig- bis Fünfzigjährigen. Somit hat meine Annahme über Saint-Germain nichts Ungereimtes, vorausgesetzt, daß er mit Hilfe der Chemie die Bereitung eines Trankes oder einer Flüssigkeit gefunden hätte, die seinem Temperament entsprach. Auch ohne an den Stein der Weisen zu glauben, könnte man annehmen, daß er damals viel älter war, als ich hier voraussetze.
In den ersten vier Monaten unseres vertrauten Umgangs tat Herr von Saint-Germain keine maßlose Äußerung, ja nicht mal eine ungewöhnliche. In seinem Wesen lag etwas so Gesetztes und Achtenswertes, daß meine Mutter ihn gar nicht über die Seltsamkeiten, die man von ihm behauptete, zu fragen wagte. Eines Abends jedoch, als er mich beim Vortrag mehrerer italienischen Arien nach dem Gehör begleitet hatte, sagte er zu mir, ich würde in vier bis fünf Jahren eine sehr schöne Stimme haben. „Und wenn Sie siebzehn bis achtzehn Jahre alt sind,“ setzte er hinzu, „würden Sie dann nicht gern in diesem Alter bleiben, wenigstens für eine lange Reihe von Jahren?“ Ich wäre entzückt darüber, entgegnete ich. „Wohlan!“ fuhr er tiefernst fort, „das verspreche ich Ihnen.“ Und sofort ging er auf andere Dinge über.

Frau von Genlis
Steindruck von Henry Meyer
Diese paar Worte ermutigten meine Mutter, ihn kurz darauf zu fragen, ob er wirklich aus Deutschland stamme. Da schüttelte er geheimnisvoll den Kopf und versetzte mit einem tiefen Seufzer: „Alles, was ich Ihnen über meine Herkunft sagen kann, ist, daß ich mit sieben Jahren in Begleitung meines Gouverneurs durch die Wälder irrte und daß auf meinen Kopf ein Preis gesetzt war!“ Bei diesen Worten schauderte ich, denn die Ehrlichkeit dieser großen Offenbarung stand für mich außer Zweifel. „Am Tage vor meiner Flucht“, fuhr Saint-Germain fort, „befestigte meine Mutter, die ich nicht wiedersehen sollte, ihr Bild an meinem Arme.“
„Ach Gott!“ rief ich aus. Bei diesem Ausruf blickte Saint-Germain mich an und schien gerührt, weil er meine Augen voller Tränen sah.
„Ich will es Ihnen zeigen“, sagte er.
Damit schlug er seinen Ärmel zurück und zeigte ein Armband mit schöner Emailmalerei, das eine bildschöne Frau darstellte. Ich betrachtete es mit tiefer Bewegung. Saint-Germain sagte nichts weiter und ging auf ein anderes Thema über.
Als er fort war, machte sich meine Mutter zu meinem großen Kummer über seine „Ächtung“ und seine „Königin-Mutter“ lustig; denn der Preis, der mit sieben Jahren auf seinen Kopf gesetzt war, die Flucht in die Wälder mit seinem Gouverneur ließen durchblicken, daß er der Sohn eines entthronten Herrschers war. Ich glaubte an diesen Königsroman und wollte daran glauben, so daß die Scherze meiner Mutter mich sehr verdrossen. Seit jenem Tage sagte Saint-Germain nichts Bemerkenswertes mehr in dieser Hinsicht; er sprach nur noch von Musik, Kunst und Merkwürdigkeiten, die er auf seinen Reisen gesehen.
Er brachte mir jedesmal ausgezeichnete Bonbons in Fruchtform mit, die er, wie er versicherte, selbst gemacht hatte. Von allen seinen Talenten war mir dies nicht das unliebste. Er gab mir auch eine sehr merkwürdige Bonbonniere, deren Deckel er angefertigt hatte. Die Schachtel war aus schwarzem Perlmutter und sehr groß. Der Deckel war mit einem weit kleineren Achat verziert. Stellte man die Schachtel ans Feuer und nahm sie gleich darauf wieder fort, so sah man den Achat nicht mehr, sondern an seiner Stelle eine hübsche Miniatur, die eine Schäferin mit einem Blumenkorb darstellte. Diese Figur blieb so lange, bis die Schachtel wieder erwärmt wurde; dann erschien der Achat wieder und verdeckte die Darstellung. Das wäre ein reizendes Mittel, ein Bild zu verbergen. Ich habe seitdem eine Zusammensetzung entdeckt, mit der ich alle möglichen Steine, selbst durchsichtige Achate, täuschend ähnlich nachahme. Durch diese Erfindung habe ich den Kunstgriff von Saint-Germains Schachtel erraten.
Um mit meinen Erinnerungen über den seltsamen Mann zu schließen, muß ich sagen, daß ich 15 bis 16 Jahre später bei der Durchreise durch Siena in Italien erfuhr, daß er in dieser Stadt wohnte und daß man ihn nicht für älter als 50 Jahre hielte. 16 bis 17 Jahre darauf, als ich in Holstein war, hörte ich vom Prinzen von Hessen, dem Schwager des Königs von Dänemark und Schwiegervater des (heute regierenden) Kronprinzen[85], daß Saint-Germain ein halbes Jahr vor meiner Reise nach Holstein bei ihm gestorben sei. Der Prinz ging auf alle meine Fragen über den berühmten Mann ein. Wie er mir sagte, sah er zur Zeit seines Todes weder alt noch gebrechlich aus; nur schien er von einer unbezwinglichen Trübsal verzehrt. Der Prinz hatte ihm in seinem Schloß eine Wohnung angewiesen und machte mit ihm chemische Experimente. Saint-Germain war nicht als armer Mann zu ihm gekommen, doch ohne Begleitung und ohne glänzendes Auftreten. Er besaß noch mehrere schöne Diamanten. Er starb an Auszehrung, und zwar unter Zeichen furchtbarer Todesangst. Selbst sein Verstand war getrübt. Zwei Monate vor seinem Tode war er ganz geistesgestört. Alles an ihm deutete auf ein gequältes Gewissen hin, das sein Inneres in ungeheuren Aufruhr versetzte. Diese Erzählung betrübte mich; ich hatte noch immer viel für diesen seltsamen Mann übrig.
AUS GROSLEYS „NACHGELASSENEN SCHRIFTEN“[86]
Unter den Flüchtlingen, die Holland aufnimmt, gibt es Leute, deren fabelhafte Abenteuer unaufklärbar sind und bleiben. Im Jahre 1758 kam aus Frankreich nach Utrecht eine Frau von 36 Jahren, die durch Ton, Wesen und Benehmen eine gute Erziehung, ja vielleicht vornehme Herkunft verriet. Daran änderte sich nichts in den vier Jahren, die sie in einem Zimmer des Gasthofes, in dem ich wohnte, verbrachte. Sie hatte keine Bekannten und keinen Verkehr nach auswärts, außer daß sie vierteljährlich eine sehr anständige Rente erhielt. Umsonst hatte sie die besorgte Neugier des Wirtes erregt, der nach ihrem Fortgehen vergeblich seine Nachforschungen fortsetzte. Er schien noch voller Bewunderung für die Frömmigkeit und unveränderliche Sanftmut der „schönen Dame“, die er im Verdacht hatte, mit einem berühmten Abenteurer in Verbindung zu stehen: dem sogenannten Grafen Saint-Germain, der in Holland glänzend auftrat, mit allen europäischen Herrschern in Briefwechsel zu stehen behauptete, sich ein Alter von 74 Jahren beilegte, obwohl er erst ein Fünfziger zu sein schien, und den Stein der Weisen zu besitzen vorgab.
Seit zehn Jahren war die „schöne Dame“ von Utrecht nach Amsterdam übergesiedelt, und da ihre Rente ausblieb, hatte sie eine Stelle in einer alten Wohltätigkeitsanstalt der französischen Kirche erhalten. Sie bildet noch heute die Erbauung dieser Anstalt durch ihre Sanftmut und Frömmigkeit und alle christlichen und menschlichen Tugenden. Hätte ich Holland über Amsterdam statt über Utrecht verlassen, so hätte ich durch gründliche Nachforschungen vielleicht alles herausgebracht, was von ihr zu erfahren war.
Das Ergebnis meiner Nachforschungen über den Grafen Saint-Germain, dessen Geschichte mit der ihren verknüpft war, bilden folgende Einzelheiten, die ein Engländer seinen Landsleuten im London Chronicle vom 5. Juni 1760 zum besten gegeben hat. Der Graf Saint-Germain hatte Paris auf höheren Befehl verlassen und war nach London gegangen[87], wo er die öffentliche Aufmerksamkeit bald erregte und sie so lange fesselte, bis er nach den nordischen Ländern spurlos verschwand. Nachfolgend die wörtliche Übersetzung jenes Zeitungsartikels.
Der London Chronicle
vom 5. Juni 1760
„Welche Gründe den geheimnisvollen Fremdling hierher geführt haben, ist völlig unbekannt, ebenso weshalb der Hof solches Aufheben von ihm gemacht hat. Sein rätselhaftes Leben und die seltsamen Dinge, die von ihm erzählt werden, geben seinen gewöhnlichsten Handlungen, deren Schauplatz ganz Europa ist, etwas Besonderes.
„Die ehrenvollen Titel, mit denen er sich schmückt, verdankt er weder seiner Geburt noch irgendwelcher Fürstengunst. Selbst sein Name ist ein Geheimnis, das bei seinem Tode noch mehr Verwunderung erregen wird als alle wunderbaren Ereignisse seines Lebens. Sein jetziger Name ist angenommen.
„Das Wort „Unbekannter“, mit dem man ihn bezeichnet, ist zu schwach; die Bezeichnung „Abenteurer“ und „Glücksritter“ aber gehen von niedrigen Voraussetzungen aus, die nicht seinem Wandel entsprechen. Sie träfen nur zu, wenn man damit einen Mann — ich möchte fast sagen, einen vornehmen Mann — bezeichnete, der viel ausgibt und von niemandem abhängt, dessen Einnahmequellen unbekannt sind, der aber die der Gauner verschmäht, und dem von keinem Menschen und nirgendwo nachgesagt werden kann, daß er ihn benachteiligt hätte.
„Unsere Kenntnis über sein Vaterland ist ebenso gering wie über seine Herkunft. Die gewagtesten Vermutungen füllen die Lücken aus, und auf dieser Grundlage hat niedrige Gesinnung, die überall etwas Schlechtes annimmt und sieht, Geschichten erfunden, die ebenso lächerlich wie für ihren Helden entehrend sind. Es wäre aber recht und billig, mit dem Urteil zurückzuhalten, bevor man ihn kennt, und Menschenpflicht wäre es, diese widersinnigen, haltlosen Geschichten nicht kritiklos hinzunehmen. Beschränkt man sich auf das, was bekannt ist, so erscheint er nur als ein Unbekannter, dem niemand etwas vorzuwerfen hat und dem Mittel unbekannten Ursprungs zur Verfügung stehen, um in dieser Weise seit geraumer Zeit aufzutreten. Vor Jahren tauchte er in England auf[88]. Seitdem hat er die größten europäischen Höfe mit dem glänzenden Gefolge eines vornehmen Fremden besucht.
„Gil Blas’ Meister[89] hatte stets Geld, ohne daß man wußte, woher. Das trifft auch auf unseren Unbekannten zu. Sein Wandel ist unter den heikelsten Umständen beobachtet und verfolgt worden, und er hat sich als harmlos und geregelt erwiesen. Zwischen dem Romanhelden und dem unseren besteht nur der Unterschied, daß er alle seine Schätze in winzigem Umfange von unbekannter Form mit sich zu führen scheint. Man könnte den Vergleich mit der Phiole der Alchimisten ziehen, die die Grundstoffe enthält, mit denen sie alle ihre Operationen vornehmen. Nie hat man vor seiner Haustür Tonnen voll Silber abladen sehen, deren er doch bedurft hätte, um ein so großes Haus zu führen.
„Geschickt erfaßt er die Lieblingsneigung jeder Nation, bei derer sich zeigt; dadurch hat er sich überall anziehend und angenehm zu machen gewußt. Bei seiner ersten Reise nach England fand er eine große Vorliebe für Musik vor und entzückte uns durch sein Geigenspiel. Seine Begabung für dies Instrument ist so hervorragend, daß man mit einem unserer Dichter sagen könnte, er sei mit der Violine in der Hand geboren. Italien fand ihn seinen Virtuosen ebenbürtig, ebenso seinen feinsten Kennern der alten und neueren Kunst. Deutschland stellte ihn auf die gleiche Stufe mit seinen geübtesten Chemikern.
„Bei seinen umfangreichen und mannigfaltigen Kenntnissen bildete es eine besondere Empfehlung, daß er sich niemals mit einer anderen Kunst beschäftigt zu haben schien als eben der, in der er hervorragen wollte. So trat er in der Musik als ausübender Künstler wie als Komponist stets mit der gleichen Virtuosität und dem gleichen Erfolg auf, und seine Unterhaltung drehte sich stets um diese Kunst, der er tausend bildliche Ausdrücke entlehnte.
„Aus Deutschland brachte er nach Frankreich den Ruf eines perfekten Alchimisten mit, der den Stein der Weisen und die Universalmedizin besaß. Er sollte Gold machen können, eine Behauptung, die sein glänzendes Auftreten und seine Ausgaben zu rechtfertigen schienen. Die Sache kam selbst dem Minister zu Ohren, der lächelnd sagte, er werde schon herauskriegen, aus welcher Mine er sein Gold bezöge. Doch vergebens stellte er die genauesten Nachforschungen über das Papiergeld und die Wechselbriefe an, in denen er jene Mine erblickte. Während dieser zweijährigen Nachforschungen lebte Saint-Germain wie gewöhnlich, bezahlte überall in klingender Münze, ohne daß man entdecken konnte, daß ein Wechselbrief für ihn nach Frankreich gelangt wäre. Dadurch wurden die Gerüchte bestärkt, er sei im Besitz des Steines der Weisen, und man schrieb ihm nun auch ein Allheilmittel, selbst ein Elixier gegen das Altwerden und seine Folgen zu.
„Eine vornehme Dame wollte die Probe machen. Als gefallsüchtige Frau sah sie mit Schmerz, daß die Jahre ihre Züge zu entstellen begannen. Sie geht zu dem Fremdling und sagt: „Herr Graf, was ich Ihnen sagen werde, wird Ihnen vielleicht etwas wunderlich erscheinen. Aber Sie sind die Gefälligkeit selbst; darum zur Sache. Wie man sagt, besitzen Sie noch etwas Besseres als das Geheimnis, Gold zu machen: die Gabe, die Gebrechen des Alters zu heilen, ja ihnen vorzubeugen. Noch bin ich von ihnen verschont, doch die Jahre gehen hin, und ich möchte nicht warten, bis ich es nötig habe. Reden Sie frei heraus: besitzen Sie diese Art Medizin? Wollen Sie sie mir geben, und unter welchen Bedingungen?“
„Der Unbekannte hüllte sich in geheimnisvolle Zurückhaltung und sagte nur, wer solche Geheimnisse besäße, vermiede es, daß man davon erführe. „Das weiß ich wohl“, entgegnete die Fragerin und versprach ihm Geheimhaltung. Da sagt er zu, und am nächsten Tage bringt er ihr ein Fläschchen von 4 bis 5 Löffeln Inhalt und verordnet ihr, von diesem Elixier zehn Tropfen beim ersten Mondviertel und beim Vollmond zu nehmen. Das Mittel sei ganz harmlos, aber äußerst kostbar, und wenn es vergeudet werde, ließe es sich vielleicht nicht erneuern.
„Die Dame schloß das Fläschchen in Gegenwart ihrer Kammerfrauen ein. Sei es nun, um ihre Schwachheit zu verbergen oder die Neugier ihrer Kammerfrauen abzulenken, sie sagte ihnen, es sei ein Kolikmittel. Am selben Abend bekommt die erste Kammerfrau heftiges Leibschneiden. Sie geht an das Fläschchen, öffnet es, hält es an die Nase, kostet es, und da sie den Geschmack ebenso köstlich findet wie den Duft, trinkt sie es aus. Das Mittel wirkt ebenso rasch wie sicher. Die Flüssigkeit war wasserhell. Um ihren Diebstahl zu verbergen, füllt sie das Fläschchen mit gewöhnlichem Wasser, in der Hoffnung, daß ihre Herrin nicht so bald Gebrauch davon machen werde; dann sinkt sie in tiefen Schlaf.
„Gegen Morgen kommt ihre Herrin nach Hause, geht in ihr Zimmer, ruft ihre Kammerfrauen zum Auskleiden und blickt die an, die das Fläschchen ausgetrunken hat. „Was machen Sie hier bei mir?“ fragt sie. „Woher kommen Sie?“ Die Gefragte macht statt jeder Antwort eine tiefe Verbeugung. „Nun, was wollen Sie hier?“ fährt die Herrin ärgerlich fort. „Ich habe Sie nicht bestellt. Gehen Sie fort.“ — „Die Gnädige behandelt mich ungewöhnlich streng“, versetzt die Gescholtene. „Ich habe nie meine Pflicht versäumt. Leider war ich eingeschlafen, aber ist das etwas so Schlimmes?“ — „Wollen Sie mir was vormachen?“ entgegnet die Dame. „Ich kenne Sie nicht und habe Sie noch nie gesehen. Ich habe kein so junges Ding in meinem Dienst.“ — Damit klingelt sie und ruft nach Radegonde (so hieß die Kammerfrau, die das Fläschchen ausgetrunken hatte). „Aber hier bin ich ja, gnädige Frau!“ ruft sie aus. „Erkennen Sie mich nicht mehr?“ Sie blickt in den Spiegel und sieht zu ihrer größten Überraschung, daß sie wie ein sechzehnjähriges Mädchen aussieht, obwohl sie 45 Jahre alt ist.
„Ganz Frankreich hat bei diesem seltsamen Ereignis ein Wunder ausgeschrieen. Aber der Fremde war verschwunden, und die unglückliche Dame sah sich dazu verdammt, eine alte Frau zu werden.
„So erzählt man sich die Geschichte in Paris und wird sie wohl noch mehrere Menschenalter erzählen. Hatte der Inhalt des Fläschchens die Fünfundvierzigjährige zur Sechzehnjährigen gemacht? War diese Metamorphose nicht von dem Grafen ins Werk gesetzt? Ich vermag es nicht zu entscheiden.“
Wägt man die Einzelheiten, wie sie London Chronicle angibt, so wird man sie nicht sowohl als Nachrichten über den Grafen Saint-Germain, als vielmehr als Nachrichten von ihm ansehen, die er der englischen Zeitung mitgeteilt hatte, um Nachforschungen zu vereiteln und die für seine Rolle nötige Illusion aufrechtzuerhalten. Diese Rolle war zweifellos die eines Spions in höherem Auftrage, dem seine Auftraggeber die Mittel gaben, durch sein glänzendes Auftreten und seine hohen Ausgaben zu imponieren, wozu dann noch die großen Talente des Grafen traten, die alle zusammengenommen das ausmachten, was die Italiener un gran furbo nennen.
Herr de l’Épine Danican hatte sich ihm während seines Aufenthalts in Frankreich angeschlossen und sich seine sehr ausgedehnten metallurgischen Kenntnisse zunutze gemacht, um die bisher unbekannten Bergwerke in der unteren Bretagne auszubeuten. Derselbe Danican wollte den Grafen von Saint-Germain in einem gut aussehenden Manne wiedererkennen, der zeitlebens im Zuchthause von Brest eingekerkert war, weil er bei Hofe zur Zeit des Attentats[90] auf den König eine Schmähschrift geschrieben hatte, derentwegen er auf Befehl des Ministers lebenslänglich eingekerkert wurde, ein Befehl, den seine Nachfolger bestätigt oder nicht widerrufen haben.
Dieser Mann, den ich 1776 in dem genannten Zuchthause sah, war von guter Figur, imponierendem Äußern und ehrwürdigem Alter. Seine Zelle stieß an einen der Säle des Zuchthauses. Er bekam sein Essen vom Tische des Zuchthausdirektors, ging täglich zur Messe, kommunizierte jeden Sonntag und nannte sich Ludwig von Bourbon. Die Fürsten und Minister, die seitdem nach Brest kamen, haben ihn dort gesehen und gesprochen. In den Denkwürdigkeiten zur Geschichte dieses Jahrhunderts wird er als Doppelgänger des Mannes mit der eisernen Maske[91] dastehen. —
Drei Jahre nach der Niederschrift des Vorstehenden sagte mir ein Holländer, es sei in Holland bekannt, daß der Graf Saint-Germain der Sohn einer zu Anfang dieses Jahrhunderts nach Bayonne geflüchteten Fürstin[92] und eines Juden aus Bordeaux sei. Bei der Rückkehr in die Heimat wurde sie von einem Großwürdenträger des Hofes ihres Gemahls mit einer Ansprache vorgestellt, die des Lobes von ihr voll war. Der Marchese del Carpio, der mit ihrem Empfange betraut war, trat auf den Redner zu, und statt jeder Antwort sagte er ihm leise ins Ohr: „Ist sie in anderen Umständen?“
ANEKDOTEN
I
König Friedrich der Große liebte nach der Überlieferung seines Kammerhusaren Schöning[93] folgende Anekdote zu erzählen: „Der bekannte Graf Saint-Germain gab vor, daß er über 2000 Jahre alt sei und sich unter anderem viel im Gelobten Lande aufgehalten habe. ‚Sie müssen also Herrn Jesus Christus gesehen haben?’ frug ihn jemand. — ‚Ich habe ihn wohl gekannt. Man konnte sehr gut mit ihm auskommen. Aber seit der Geschichte mit dem Tempel hatte ich ihn aus den Augen verloren.’ Dieser wandte sich darauf an Saint-Germains Bedienten, um zu sehen, ob der auch so gut wie sein Herr lügen könnte: ‚Ist es denn wahr, lieber Freund, daß Ihr Herr so alt ist?’ — ‚Ach, mein Herr, das kann ich Ihnen nicht sagen; denn ich bin erst 300 Jahre in seinen Diensten.’“
II
Der französische Geschäftsträger in Petersburg, Chevalier Corberon, erzählt in seinen Aufzeichnungen[94] unter dem 30. März 1776 von einer Unterhaltung mit einem Kaufmann Pictet aus Genf:
„Die Rede kam auf den Grafen von Saint-Germain, den Pictet kannte. Ihm hat er Dinge über seine Familie erzählt, ebenso dem Marquis du Gouffier[95] über die seine. Pictet hält ihn für einen großen Chemiker und glaubt, daß er ein Geheimmittel besitzt, um einen fleckigen Diamanten tadellos zu machen. Und zwar glaubt er das, weil Pictets Schwiegervater, der Steinschleifer Magnan, alle Diamanten mit irgendwelchen Fehlern beiseite legte und sagte, dies geschähe für den Grafen Saint-Germain.“
III
Graf Lehndorff (1727-1811), der ehemalige Kammerherr der Gemahlin Friedrichs des Großen[96], berichtet im Februar 1776 über eine Unterredung mit dem Malteserritter, Graf Sagramoso, der Gesandter in Warschau war:
„Er hat den berüchtigten Grafen Saint-Germain sehr gut gekannt, der sich für ewig ausgibt, und mir von ihm die folgende Anekdote erzählt: Bei einer Aufführung des Trauerspiels ‚Mariamne’[97] erklärte er, er sei doppelt davon gerührt, da er diese liebenswürdige Fürstin sehr gut gekannt habe. Eine anwesende Dame, die ihn in Verlegenheit setzen wollte, nahm darauf das Wort und sagte zu ihm: ‚Dann haben Sie auch wohl unseren Herrn Jesus Christus gekannt?’ — ‚Ob ich ihn gekannt habe!’ erwiderte er; ‚so gut, daß ich ihm sagte, als er jene Geschichte im Tempel hatte: Lieber Freund, das kann nicht gut enden.’“
IV
Madame Campan, Kammerfrau der Königin Marie Antoinette, berichtet in den „Anekdoten über die Regierung Ludwigs XV.“[98] von einer Frau von Marchais:
„Sie behielt im höchsten Alter das schönste Haar. Angeblich hatte ihr der berüchtigte Graf Saint-Germain, der am Hofe Ludwigs XV. als hochberühmter Alchimist auftrat, ein Elixier gegeben, das die Haare erhielt und sie vor dem Ergrauen bewahrte.“
V
Der weimarische Legationsrat Friedrich Johann Justin Bertuch (1747-1822) erzählt in seiner Verdeutschung der Schrift: „Cagliostro in Warschau“, S. 28 Anmerkung (Straßburg 1786) vom Grafen Saint-Germain:
Sein sogenannter Kammerdiener war ihm heimlich durchgegangen und hatte ihm das Rezept zu seinem Wunderpulver gestohlen. Man bringt ihm die Nachricht, daß der Kerl sich irgendwo etabliert habe und damit kurieren wolle, und sagt ihm, es müsse ihm doch höchst unangenehm sein, sein arcanum auf diese Art gemißbraucht zu sehen. — „Nichts weniger!“ antwortet Saint-Germain darauf, „ich werde machen, daß es in des Kerls Händen nicht wirkt!“
VI
Graf Mirabeau (1749-1791), der berühmte französische Schriftsteller und Politiker, schreibt in seinem Werke „De la monarchie prussienne sous Frédéric le Grand“, Bd. 5, S. 69 (London 1788):
Saint-Germain, der von einem Grafen Lamberg in seinem „Tagebuch eines Weltkindes“ angekündigt worden war[99], hatte Jahrtausende gelebt. Er hatte einen Tee entdeckt, vor dem alle Krankheiten verschwanden. Er machte im Handumdrehen faustgroße Diamanten. Er schloß sich eng an den Prinzen Karl von Hessen an und vergaß, wie seine Vorgänger, nicht zu sterben.

Elisabeth von Ansbach und Bayreuth (Lady Craven)
Stich von Friedr. Wilh. Nettling
AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN“ DER LADY CRAVEN[100]
Ein anderer Wundermann war Saint-Germain, der am Hofe Ludwigs XV. eine Rolle spielte und hier, wie auf seinen Reisen, von der Leichtgläubigkeit der Menschen Vorteil zog. Der Graf von Lamberg[101] war sein Johannes gewesen und hatte ihn feierlich verkündet. Dieser Graf von Saint-Germain hatte mehrere tausend Jahre gelebt und mit den ausgezeichnetsten historischen Personen aller Jahrhunderte genauen Umgang gepflogen; denn er war im Besitz eines Tees, der alle Krankheiten vertrieb und ein wahres Kraut gegen den Tod war. Nur zu seiner Unterhaltung machte er Diamanten von unermeßlicher Größe. Als ein Unsterblicher nahm er nie leibliche Nahrung zu sich. Wenn er bei den Großen zur Tafel geladen worden, berührte er kein Brot, kein Fleisch, setzte kein Glas an seine Lippen, sondern begnügte sich, der Gesellschaft aus dem Schatz seiner tausendjährigen Erfahrung allerlei lehrreiche Geschichten zu erzählen. Mit Cäsar hatte er sich oft über die Mittel unterhalten, der in Verfall geratenen römischen Republik durch eine monarchische Verfassung ein neues, frisches Leben zu geben. Cäsar hatte darüber ganz eigene Ideen gehabt, die durch Unterhaltungen mit den Druiden in Britannien[102] in ihm geweckt worden. Einer von diesen Druiden sei sogar Privatsekretär bei Cäsar gewesen, und Saint-Germain hätte von ihm über den alten Zustand von Britannien viel Interessantes erfahren. Den Apostel Petrus hatte der Graf sehr genau gekannt und ihm oft freundschaftlich geraten, seine Heftigkeit zu mäßigen. Johannes sei ein schlanker, hübscher Mann gewesen, von sanftem Charakter und etwas zum Mystizismus geneigt; er habe seine Schriften dem Saint-Germain vor der Bekanntmachung mitgeteilt, der auch einige dunkle Stellen korrigiert habe.
Solche und ähnliche Geschichten erzählte der Graf mit der größten Ernsthaftigkeit, und gelehrte Männer hatten dabei nicht selten Gelegenheit, seine historischen Kenntnisse zu bewundern.
Er gesellte sich zuletzt zu dem Prinzen Karl von Hessen, dem er den Kopf verdrehte. Am Ende aber wurde dieser Unsterbliche des Lebens müde und starb wie jeder andere gewöhnliche Mensch, und wie alle seine Vorgänger auch getan haben.
AUS DEN „ERINNERUNGEN“ DER MARQUISE VON CRÉQUY[103]
Die Marquise von Urfé[104] trachtete immerfort nach dem Pulver zur Verwandlung von Kupfer in Gold und arbeitete Tag und Nacht, um sich ein Lebenselixier herzustellen. Sie verließ ihr Laboratorium kaum noch und gewährte nur wenigen Zutritt dazu. Ihr Verkehr beschränkte sich auf Adepten und Rosenkreuzer[105]; sie ging nur noch mit Öfen, Retorten und Destillierkolben um. Vier Jahre lang arbeitete sie mit dem angeblichen Grafen von Saint-Germain an Kabbala und dem Stein der Weisen, was ihr 100000 Taler gekostet hat ...
Der Graf von Saint-Germain war ein Zeitgenosse Christi, des Kaisers Tiberius und des Vierfürsten Herodes von Galiläa, von dem er eine dicke braune Haarsträhne besaß. Er kannte Pontius Pilatus aus Jerusalem und aus Grenoble, seinem späteren Exil, aber dieser Mann war ein solcher Tropf, daß er vor Bekanntwerden der Evangelien nur eine undeutliche Erinnerung an Christus hatte ...
Eines Tages besuchte ich Frau von Urfé in Gesellschaft der Gräfin von Brionne. Obwohl die Alchimistin kaum noch Besuche annahm, wurde die Toreinfahrt beim Anblick meiner Livree geöffnet, und wir gingen hinauf. Man führte uns ohne Anmeldung zu ihr, wie es in diesem geheimnisvollen Hause Brauch war, und wir fanden die Marquise — es war im Juli — bei einem starken Kaminfeuer sitzend. Ihr gegenüber saß ein Mann, der wie zu Olims Zeiten gekleidet war. Auf dem Kopfe trug er eine große betreßte Kappe. Beim Erscheinen der Gräfin nahm er sie weder ab, noch stand er auf. Sie war darob sehr betroffen.
„Ich habe gestern einen Brief von Herrn von Créquy-Canaples erhalten“, sagte die Marquise von Urfé zu mir. „Er klagt, daß er in den Hundstagen im Artois friert.“ Teilnehmend setzte sie hinzu: „Er ist offenbar nicht mehr klar im Kopfe.“
„Bei Gott!“ rief der Herr laut und barsch, „ich weiß, woher das kommt! Ich kannte den alten Kardinal de Créquy[106]. Ich habe ihn während der ersten Tagung des Konzils von Trient[107] oft gesehen. Er redete da nichts als dummes Zeug. Ich kann Ihnen versichern, daß er völlig überspannt war. Damals war er Bischof von Rennes.“
Ich erriet, daß ich Herrn von Saint-Germain vor mir hatte, dessen Aufschneidereien und die Geschichten, die man davon erzählte, mich stets geärgert hatten. Ich wandte mich mit offener, harmloser Miene an ihn und sagte:
„Sie meinen wohl: Bischof von Nantes?“
„Nein, Madame, Bischof von Rennes, Rennes in der Bretagne. Ich weiß sehr wohl, was ich sage und von wem ich rede!“
„Mein Herr,“ entgegnete ich etwas von oben herab und mit herausfordernder Lustigkeit, „Sie wissen offenbar nicht, mit wem Sie reden.“
„Madame!“ rief er mit Donnerstimme und warf mir wütende Blicke zu.
„Regen Sie sich doch nicht auf, mein Herr“, versetzte ich. „Und da Sie so vieles wissen, sagen Sie mir doch gütigst, wie ich heiße.“
„Unter anderem“, rief er im Ton eines Hierophanten, „tragen Sie einen Namen, dessen Wurzel kufisch, hebräisch und samaritanisch ist, einen gesegneten, sieghaften Namen, aber blutbedeckt, seines Glanzes beraubt und verderblich!“
„Ach!“ unterbrach ich ihn mit vorwurfsvoller, verletzter Miene, „ein durchaus kufischer und vor allem verderblicher Name! Dem werde ich gewiß nicht beistimmen!“
„Wie haben Sie nur erraten, daß sie Viktoria heißt?“ fragte ihn Frau von Urfé mit zärtlich bewunderndem Blick.
„Es wäre mir lieber gewesen,“ fuhr ich etwas frostig fort, „wenn der Herr uns gesagt hätte, daß ich die Marquise von Créquy bin. Der Kardinal von Créquy“, setzte ich hinzu, „ist nie etwas anderes gewesen als Bischof von Nantes und Amiens, Erzbischof von Tyrus und Patriarch von Alexandria. Auch das Beiwort alt trifft auf ihn nicht zu, denn er starb mit 45 Jahren an der Pest, und was das dumme Zeug anlangt, das er bei der ersten Tagung des Konzils von Trient im Jahre 1545 geredet haben soll, so darf man ihm keinen allzu schweren Vorwurf daraus machen, denn er war damals erst fünf bis sechs Jahre alt ...“
„Madame, Sie beleidigen mich!“
„Nein, mein Herr, ich gebe Ihnen bloß eine Antwort, und ich beleidige Sie so wenig damit wie die Wahrheit.“
„Ich wette um 10000 Louisdors.“
„Mein Herr, ich lebe vom Ertrag meiner Landgüter und habe nicht 10000 Louisdors zu verwetten.“
„Dann wette ich um 100 Louisdors.“
„Lassen Sie es dabei bewenden“, entgegnete ich ihm in gebieterischem Tone, so daß er seine Schwindeleien und Grobheiten herunterschlucken mußte. „Nur Engländer oder Lakaien können eine Dame mit ‚Ich wette! Ich wette!’ herausfordern. Und auch nur, wenn sie keine triftigen Gründe haben.“
Frau von Urfé, die ich dabei anblickte, schien mir lächerlich verwirrt. Sie bat mich, weder zu Hause noch sonstwo darüber zu reden; denn sie fürchtete sich vor dem Kardinal Fleury[108], der kein Freund der Schwindler war, und das versprach ich ihr gern. Die Folge war, daß die Tür ihres Laboratoriums mir nur noch halb geöffnet wurde, und auch nur, wenn sie allein war.
Der Baron von Breteuil hatte als Minister des Königlichen Hauses[109] in den Archiven ausfindig gemacht, daß der angebliche Graf von Saint-Germain der Sohn eines jüdischen Arztes aus Straßburg war und eigentlich Daniel Wolf hieß. Er war 1704 geboren, damals also 68 Jahre alt, während er sich als Mann von 1814 Jahren ausgab — dank einem Lebenselixier, dessen Rezept er angeblich einer ihm sehr gewogenen Königin von Judäa verdankte. Mit 68 Jahren sah er aus wie ein Mann in diesem Alter, der sich kräftiger Gesundheit erfreut. Er hielt sich gerade und hatte einen raschen Gang, sprach bestimmt und gut, wenn auch mit leichtem Elsässer Akzent. Sein Blick war fest, ja frech, seine Haut weiß und glänzend, sein weißes Haar voll, sein Bart üppig, desgleichen die Augenbrauen. Frau von Urfé pflegte deshalb zu sagen, er gleiche Gottvater[110] ...
Eine andere kräftige Abfuhr, die viel von sich reden machte und recht amüsant war, erfuhr Saint-Germain durch den Grafen von Chastellux in einer Gesellschaft bei Herrn Le Normand d’Étioles[111]. Saint-Germain hatte sich nach den Tischgästen erkundigt und sich besonders über Herrn von Chastellux Rat geholt, Bücher gelesen und sich schnell so auf sein Thema vorbereitet. Als der Graf von Chastellux gemeldet wurde, eilte er auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ein Nachkomme des Marschalls von Chastellux[112] sei, der im 14. Jahrhundert Statthalter der Normandie war. Herr von Chastellux entgegnete, er glaubte sein Nachkomme im siebenten Grade zu sein.
„Ihr erlauchter Ahn war ein Held,“ versetzte Saint-Germain. „Der König[113] bezahlte für ihn im Jahre 1418 2500 Livres Lösegeld. Ich werde mich zeitlebens erinnern, daß ich ihn als Schirmherrn des Domkapitels und Ehrendomherrn der Kathedrale von Auxerre im Chor sitzen sah. Zu dem Zweck trug er ein Chorhemd über seinem Harnisch, einen Chorherrenmantel darüber und den Marschallstab von Frankreich in der Hand. Seine ehrwürdige Mutter, Alix von Bourbon-Montpeyroux[114], war die leibliche Nichte seines Vaters. Ja, Herr Graf, dieser ehrwürdige Marschall, Ihr Vorfahr, war mein Busenfreund, und seinen ältesten Sohn liebte ich wie meinen Augapfel. Sie wissen? Sein ältester Sohn, Johann III. von Beauvoir, Herr von Chastellux und Vicomte von Avallon, der die Tochter des Herrn von Aulnery geheiratet hatte. Ich sehe sie vor mir und versichere Ihnen, sie war im Jahre 1493 eine reizende Frau! Der junge Mann hatte nur einen Fehler, er war verschwenderisch wie ein Landsknecht, und wenn er in Ihren Wäldern von Coulanges und Baserne die hohen Bäume abholzen ließ, war sein Vater wütend auf ihn. Ja, der alte Marschall war knauserig! Ich entsinne mich: eines Tages zu Ostern wollte er seine Familie und seine Leute weiter fasten lassen, weil in seiner Küche eine große Menge Fische übrig geblieben war, die er zur Fastenwoche hatte fischen lassen.“
„Verzeihen Sie, Sie verwechseln den Großvater mit dem Enkel“, entgegnete Graf Chastellux mit vornehmer Höflichkeit und größter Kaltblütigkeit. „Der Marschall war von prachtvoller Freigebigkeit. Philipp II. von Chastellux, sein Enkel, galt für — sparsam.“
Nun gab es einen chronologischen Disput und beiderseitige Zitate; der Abenteurer brauste auf, aber die Diskussion fiel durchaus zugunsten des Grafen von Chastellux und der Freigebigkeit seines Vorfahren, des Marschalls, aus. Man ließ zwei alte Bücher aus der Bibliothek holen und brachte zwei alte Spottverse von Alain Chartier und Saint-Gelais[115], die 92 Jahre auseinanderlagen, zum Beweise bei. Somit war erwiesen, daß der Graf von Saint-Germain nur ein ungeschickter und schlecht unterrichteter Schwindler war.
Eine andere schöne Geschichte ist die des Prinzen von Craon, den Saint-Germain nicht von Angesicht kannte und der eines Tages im Hotel Uzès in eine große Gesellschaft hineinplatzte, wo besagter Saint-Germain seine Flausen gerade zum besten gab und man ihm mit offenem Munde zuhörte. Es war von Nicolas Flamel[116] und seiner Frau Perronelle, ihrem Lebenselixier und ihrem sympathischen Pulver die Rede.
„Mein Gott!“ rief der Prinz von Craon, „wissen Sie denn nicht, was eben bei der Gräfin von Sennecterre geschehen ist?“
„Was denn? Was denn?“ fragte Saint-Germain, der ihr für bare 200 Louisdors ein Fläschchen seines Elixiers „überlassen“ hatte.
„Denken Sie nur, mein Herr,“ entgegnete jener, „der Herr Graf Saint-Germain, ein guter Bekannter der Gräfin Sennecterre, hat ihr aus Großmut ein Fläschchen ätherischer Flüssigkeit geschenkt, das sie verjüngen sollte, wenn sie einen Tropfen mit 50 Jahren, zwei nach vollendeten 60 Jahren, vier mit 90 Jahren und so fort nahm. Sie wollte ihrem Gatten, der erst 71 Jahre alt ist, die Sache verheimlichen. Offenbar findet sie ihn noch zu jung.“
„Keine spitzen Bemerkungen! Bitte zur Sache!“ rief die Herzogin von Uzès, die vor Ungeduld und Besorgnis umkam, da sie dasselbe Mittel eingenommen hatte.
„Frau von Sennecterre hatte ihr kostbares Fläschchen einem Fräulein Jacoby anvertraut, einer alten, biederen und sorgsamen Person. Gestern ging Frau von Sennecterre auf einen Ball, und als sie um 5 Uhr morgens zurückkommt — wen findet sie da, meine Damen? Ein kleines Mädchen von sieben bis acht Jahren, das auf allen Möbeln herumkletterte und wie ein Zicklein durch die Zimmer hüpfte. ‚Aber was ist denn das für ein dreistes kleines Ding, das da herumspringt? Wo sind meine Kammerfrauen?’ — ‚Wie, Frau Gräfin,’ erwiderte das Mädchen mit heller, kecker, kichernder Stimme, ‚Sie erkennen Fräulein Jacoby nicht, die Sie seit Ihrem vierten Jahre erzogen hat? Das ist doch arg!’ — ‚Aber wie ist denn das möglich?’ — ‚Ach Gott, ich hatte Leibweh und wollte von dem Wasser des Herrn von Saint-Germain trinken. Es hat mich so prächtig kuriert! Und doch hab’ ich nur ein Schlückchen getrunken.’ — ‚Das war wohl das mindeste, daß Sie mir ein paar Tropfen in dem Fläschchen übrig ließen’, sagte Frau von Sennecterre mit kaum verhehltem Ärger. ‚Schicken Sie mir wenigstens die Julie zum Auskleiden. Wo ist denn Julie?’ — ‚Da, Frau Gräfin’, sagte ihre alte Erzieherin und lachte wie närrisch. Damit wies sie auf ein kleines Kind von höchstens sechs bis acht Wochen, das auf dem Teppich saß und am Daumen lutschte. ‚Das ist Julie. Sie hat alles ausgetrunken, Frau Gräfin, und nun ist sie so verjüngt, daß man sie kaum mehr sieht.’“
„Ich versichere Ihnen,“ fuhr der Prinz von Craon mit unerschütterlichem Ernst fort, „man muß bei der Verabreichung des Lebenselixiers sehr vorsichtig sein. Herr von Saint-Germain bringt uns in Gefahr, wieder zu Kindern zu werden, und hat man Prozesse zu führen oder Töchter zu verheiraten, so ist es nicht immer angebracht, zum Sabberlatz und Gängelband zurückzukehren. Also man kann nicht vorsichtig genug sein.“
Herr von Saint-Germain hatte sich aus dem Staube gemacht, sobald er merkte, daß der Prinz von Craon ihn zum besten hielt. Seitdem machte sich jedermann über Saint-Germain lustig.
AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN ZUR GESCHICHTE DES GRAFEN CAGLIOSTRO“[117]
Cagliostros Besuch bei Saint-Germain
Eine Satire
Sie (das Ehepaar Cagliostro) gehen nach Wien. Im Adel, in der Geistlichkeit und im Kaufmannsstand herrschte solche Unzufriedenheit, daß sie gleich weiterfahren und nach Holstein reisen. Dort hatte der berüchtigte Graf Saint-Germain sein Tabernakel errichtet[118]. Dieser große Mann genoß seit mehreren Jahren die Wonnen der Unsterblichkeit und bildete friedlich das Glück dreier Personen, die ihn mit Champagner und Ungarwein tränkten — zum Dank für den Goldstrom, den er in ihr Land geleitet hatte.
Graf Cagliostro bat ihn um eine Geheimaudienz, um sich vor dem Gott der Gläubigen niederzuwerfen. Saint-Germain gab ihm 2 Uhr nachts an.
Als der Augenblick nahte, legten er und seine Frau eine weiße Tunika an, die ein aurorafarbener Gürtel zusammenhielt und stellten sich so im Schlosse ein. Die Zugbrücke senkte sich, ein sieben Fuß großer Mann in langem grauen Gewand führt sie in einen schlecht erleuchteten Saal. Plötzlich öffnet sich eine große Flügeltür, und ein von tausend Kerzen strahlender Tempel blendet ihre Blicke. Auf einem Altar saß der Graf; zu seinen Füßen hielten zwei Ministranten goldene Schalen, aus denen süße, sanfte Wohlgerüche emporquollen. Auf der Brust trug der Gott eine Diamantplatte von fast unerträglichem Glanze. Eine große, weiße, durchsichtige Gestalt hielt in ihren Händen eine Schale, auf der „Elixier der Unsterblichkeit“ stand. Etwas weiter erblickte man einen riesigen Spiegel, vor dem eine majestätische Gestalt auf und ab ging. Über dem Spiegel stand geschrieben: „Zuflucht der irrenden Seelen.“
Düsteres Schweigen herrschte in dem heiligen Bezirk. Eine namenlose Stimme rief: „Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was wollt Ihr?“
Da warf sich der Graf Cagliostro nebst der Marquise zu Boden, und nach ziemlich langem Schweigen stammelte er:
„Ich komme, den Gott der Gläubigen, den Sohn der Natur, den Vater der Wahrheit anzurufen. Ich komme, ihn um eins der vierzehntausendsiebenhundert Geheimnisse zu bitten, die er im Busen trägt. Ich komme, um sein Knecht, sein Apostel, sein Märtyrer zu werden.“
Der Gott gab keine Antwort. Doch nach ziemlich langem Schweigen erklang eine Stimme: „Was will Deine Gefährtin?“
Sie antwortete: „Gehorchen und dienen.“
Da folgte Finsternis auf die Nacht, Lärm auf die Stille, Furcht auf Vertrauen, Verwirrung auf Hoffnung, und eine schrille Stimme sagte drohend: „Wehe dem, der die Prüfungen nicht erträgt!“
Der Graf und die Marquise wurden getrennt. Sie sah sich in ein Gemach eingeschlossen mit einem bleichen, hageren, Fratzen schneidenden Manne. Er erzählt ihr von seinem Glück auf Erden, seinen Schätzen, verliest ihr Briefe der größten Herrscher, und in plötzlicher Wendung fordert er ihr schließlich die Diamanten ab, die ihre Stirn schmücken. Entzückt, sie so leichten Kaufes los zu sein, entledigt sie sich ihrer schleunigst.
Auf diesen ersten Prüfer folgte ein Mann in sehr unanständiger Kleidung. „Bedenken Sie, Frau,“ sagte er, „daß Sie Ihre Blicke stets auf mein Antlitz richten müssen.“ Der Mann war sehr schön und hatte die ausdrucksvollsten Augen. Alles war gefährlich: ihn anzuhören, ihn anzusehen oder die Blicke zu senken.
Nach dieser peinlichen Viertelstunde kam eine Alte und sprach: „Ich allein kann Ihre Tugend erkennen. Die Prüfung, die Sie bestanden haben, besteht in der Feststellung, wie weit Ihre Sinne den Reizen kecker Jugend widerstehen können.“
„Tun Sie, was Ihres Amtes ist“, sagte die Marquise.
Die Alte tat es und übergab ihr dann ein Pergament; es war ein Patent des Widerstandes. Dann führte sie sie in einen großen Keller. Dort sah sie angekettete Männer, Frauen, die bis aufs Blut gepeitscht wurden, Scharfrichter, die Köpfe abschlugen, Menschen, die aus Giftbechern den Tod trinken mußten, glühende Eisen, Galgen mit Schandaufschriften. „Das“, sagte die Alte, „sind die Märtyrer unserer Kunst. So lohnen die Menschen, deren Glück wir uns weihen, unsere Gaben und unseren Eifer.“
Die Marquise blickte ruhigen Auges die traurigen Opfer der angeblichen menschlichen Gerechtigkeit an und verriet nicht die geringste Bewegung.
Die Prüfungen des Grafen waren anderer Art. Man versuchte ihn durch Lobsprüche zu ködern, zeigte ihm sein Weib in den Armen eines liebenswürdigen Mannes, um zu sehen, ob er aus Eifersucht in die lächerlichen Wallungen verfallen werde, die das Hirn der Ehemänner umnebeln. Schließlich las man ihm einen Abschnitt aus dem berühmten Buche der Zukunft vor, das die ihm bevorstehenden Verfolgungen enthielt.
Nach dieser Zeremonie wurden sie in den Tempel zurückgeführt. Dort erklärte man ihnen, sie sollten zu den göttlichen Mysterien Zutritt erhalten, sobald die Wölbung von ihren Gelübden widerhallte. Ein Mann in langem, unter dem Arm gerafften Mantel ergriff das Wort und hielt diese Rede, die jeder Adept behalten muß, ohne sie niederschreiben zu dürfen:
„Wisset, das große Geheimnis unserer Kunst ist, die Menschen zu regieren, und das einzige Mittel ist, nie die Wahrheit zu sagen. Richtet euch nie nach den Regeln des gesunden Verstandes; sprecht der Vernunft Hohn und bringt tapfer den größten Blödsinn zutage. Wenn ihr fühlt, daß diese großen Grundsätze nachlassen, so zieht euch zurück, geht in euch und durchwandert die Welt. Da werdet ihr sehen, daß der größte Blödsinn Anbetung findet. Die Torheiten kehren unter verschiedenen Namen wieder, aber sie sind ewig. Das Grab des heiligen Medardus[119] hat den Schatten des heiligen Petrus ersetzt, Mesmers[120] Zauberkasten den Teich des nazarenischen Philosophen[121]. Gedenkt, daß die erste Triebfeder der Natur, der Staatskunst, der Gesellschaft die Fortzeugung ist, daß das Hirngespinst der Sterblichen die Unsterblichkeit und die Kenntnis der Zukunft ist, selbst wenn sie die Gegenwart nicht kennen, daß sie Geist sein wollen, wo doch sie selbst und alles, was sie umgibt, Stoff ist.“
Nach dieser Ansprache verneigte sich der Redner vor dem Gott der Gläubigen und verschwand. Dann traten zwei junge Mädchen vor und entkleideten den Grafen, während drei junge Männer bei der Marquise die gleiche Zeremonie erfüllten. Als sie im Naturzustand waren, sprach die schon vernommene Stimme: „Nun wird dem einen die kostbare Gabe der Kraft und der anderen die noch köstlichere der Schönheit verliehen.“
Im selben Augenblick packte der sieben Fuß große Mann die Marquise an einem Beine, gebot ihr, ihre Hand auf seine Nase zu legen, und trug sie vor den Gott der Gläubigen. Der bedeckte ihren schönen Leib mit Wohlgerüchen und salbte ihr mit rosenfarbenem Öl die Partie zwischen den Lippen, die Rosenknospen ihres Busens, den Nabel und die Schenkel. Dann flüsterte er ihr etwas ins Ohr, und der sieben Fuß große Mann trug sie in eine anstoßende Kapelle.
„Hier werdet Ihr die Weihe vollenden,“ sprach er, „und unsere heiligen Mysterien mit dem großen Werk der Natur krönen. Indes stehen Euch die Mittel frei, und sofern unser beider Wesen sich verschmelzen und Zuflucht in dieser Kapelle finden kann, braucht Ihr Euch nicht den gewöhnlichen Formen zu unterwerfen.“

De l’Ami des Humains reconnoisses les traits, Tous ses jours sont marqués de nouveaux bienfaits, Il prolonge la Vie, il secourt l’indigence, Le plaisir d’être utile est seul la récompense.
Cagliostro
Stich von Charles Guérin
„Als ich den Fuß in diesen hehren Bezirk setzte,“ entgegnete die Marquise, „habe ich jeglichen Willen abgelegt. Wenn Ihr aber wollt, daß die Begierde dem Opfer vorangeht und es herbeiführt, so laßt mich ein Weilchen zu Atem kommen und sagt mir, unter wessen Messer ich fallen soll?“
„Gern,“ sprach er, „obwohl dies eigentlich nicht der Augenblick zu langem Gerede ist. Von zartester Jugend auf zu Großem berufen, habe ich mich bemüht, zu erkennen, worin der wahre Ruhm besteht. Die Staatskunst dünkte mich nur eine Kunst des Betruges, die Kriegskunst nur die Kunst des Mordens, die Philosophie nur ein dünkelhafter Wahn, Unsinn zu reden, die Naturwissenschaft nur ein schöner Traum über die Natur und ein fortwährendes Irren des Menschen in unbekannten Ländern, die Theologie nur eine Kenntnis des Elends, zu dem der menschliche Hochmut führt, die Geschichte nur ein trauriges, eintöniges Studium von Verirrungen und Niedertrachten. Daraus schloß ich, daß der Staatsmann nur ein geschickter Lügner ist, der Kriegsheld ein erhabener Narr, der Philosoph ein Sonderling, der Naturforscher ein beklagenswerter Blinder, der Theologe ein Lehrer des Fanatismus und der Geschichtschreiber ein Wortkrämer. Ich hörte vom Gott dieses Tempels sprechen; ich schüttete in seinen Busen meinen Kummer, meine Zweifel, meine Wünsche aus. Er bemächtigte sich meiner Seele, bildete sie und ließ mir alle Dinge in neuem Lichte erscheinen. Fortan begann ich in der Zukunft zu lesen, und diese so beschränkte, so enge, so öde Welt weitete sich. Ich lebte nicht nur mit den Gegenwärtigen, sondern auch mit den Toten. Da ich jung und leidenschaftlich war, brachte er mich mit den schönsten Frauen des Altertums zusammen. Ich lebte mit Aspasia, mit Leontion[122], mit Sappho, Faustina[123], Semiramis und Irene[124], von denen man so viel gesprochen hat. Ich fand es sehr hold, alles zu wissen, ohne etwas zu lernen, über die Schätze der Welt zu verfügen, ohne die Könige darum anzubetteln, den Elementen zu gebieten, statt den Menschen. Der Himmel schuf mich freigebig, jetzt kann ich meine Neigung befriedigen: alles, was mich umgibt, ist reich. Dieser Augenblick beweist das eben Gesagte. Ihr seid zweifellos eines der schönsten Weiber auf Erden, ich halte Euch in meinen Armen, und wenn Ihr darauf achtgeben wollt, werdet Ihr merken, daß die Wollust, auf die bei gewöhnlichen Sterblichen Ermattung folgt, ebenso unsterblich ist wie der Gott, der mir diese Gabe verlieh.“
Hier unterbrach sich der Redner, in der Annahme, auch einmal etwas beweisen zu müssen und den Glauben der Eingeweihten nicht auf eine zu harte Probe zu stellen. Er bewies also die Macht des ihn beseelenden Gottes mit unwiderstehlicher Tatkraft.
Mittlerweile wurde der Graf Cagliostro in ein anderes Mysterium eingeweiht. Man gab ihm zu bedenken, daß die angenehmsten Dinge keine Eintönigkeit ertrügen, daß das gebildeteste Volk der Welt die Griechen, der weiseste Sterbliche Sokrates gewesen sei, daß der liebenswürdigste Mann Alkibiades geheißen habe, daß das frömmste Volk die Italiener seien und daß er in seiner bevorstehenden Laufbahn jene Gefügigkeit haben müsse, die sich allen Gelüsten hingibt. Es war Antinous, der so den Demosthenes spielte. Der Graf unterwarf sich und wurde wie Cäsar behandelt.
Nachdem man sich wieder angekleidet, beschloß ein prächtiges Mahl die Zeremonie. Im Laufe des Festes erfuhren sie, daß das Lebenselixier nur aus Tokaier bestand, der je nach Bedarf rot oder grün gefärbt sei, daß sie Leute von Geist fliehen, verabscheuen und verleumden, Dummköpfe umschmeicheln, lieben und verblenden müßten, daß sie geheimnisvoll verbreiten sollten, Saint-Germain sei 500 Jahre alt, daß sie Gold und Tee machen und vor allem die Leute anführen sollten.
Mit diesen Weisungen reisten die etwas ausgerenkte Marquise und der etwas beschädigte Graf nach Petersburg, wo sie sich als Heilkünstler ausgaben.
Charakteristik des Grafen Saint-Germain[125]
Der vor einigen Jahren verstorbene und schon vergessene Graf Saint-Germain war ein ernsthafter Narr. Er besaß wenig Geist, einige chemische Kenntnisse, war für einen Schwindler nicht unverschämt genug, für einen Fanatiker nicht beredt genug und besaß nicht die Verführungskunst, um Halbwissende zu bestechen. In Chambéry bot er dem Marschall von Bellegarde seine Chemie an. Sie begannen zu schmelzen, doch der Schmelztiegel lieferte einen Stoff, der zwar Farbe und Gewicht, nicht aber die Dehnbarkeit des Goldes besaß. Diese Versuche fanden auf einem Landgute statt, wo der Graf binnen sieben Monaten dreimal Vater wurde. Das Geld schmolz zusammen, er hatte überall Schulden, und man riet ihm, abzureisen. In Paris das gleiche Spiel. Er hatte sich mit einem berühmten Gauner zusammengetan, einem früheren Spion des Marschalls Belle-Isle[126], der sich seitdem nach Bercy[127] zurückgezogen hatte, wo er das Ludwigskreuz auf einem zerlumpten Anzug und das Henkermal auf dem Rücken trug. Sie machten zusammen Vitriolöl. Das war der Vorwand zum Goldmachen. Sie verzankten und schlugen sich. Der Graf zog den kürzeren und verließ eine Stadt, die ihre Arme allen Betrügern öffnet.
Kritik der „Charakteristik“ von Meister[128]
November 1785.
Diese Schilderung ist in vieler Hinsicht falsch. Der Graf von Saint-Germain machte auf alle, die ihn kennen lernten, den Eindruck eines sehr geistvollen Mannes. Er besaß jene natürliche Beredtsamkeit, die mehr als alles andere besticht. Er besaß so große Kenntnisse in der Chemie und Geschichte wie wenige. Er besaß die Gabe, das Gespräch auf die bedeutsamsten Ereignisse der alten Geschichte zu bringen und von ihnen zu erzählen wie von einer Tagesneuigkeit, mit den gleichen Einzelheiten, in der gleichen fesselnden Art und mit der gleichen Lebhaftigkeit.
Saint-Germain und Cagliostro[129]
„Ungeachtet aller seiner Talente und Geistesgaben verließ diesen Wundermann (Saint-Germain) sein Hang zum Wunderbaren nie, und er wußte davon gar klüglich Nutzen zu ziehen; denn seine sogenannten arcana verkaufte er sehr teuer. Übrigens wurde er Stifter geheimer Gesellschaften und initiierte mit vielem Gepränge und Aufwand. Selbst den bekannten Abenteurer Cagliostro soll er in einen solchen mystischen Isisorden aufgenommen haben, und man muß gestehen, daß (die Gelehrsamkeit ausgenommen) Saint-Germain an ihm ein seinen geheimen Absichten vollkommen entsprechendes Mitglied fand.“
GRAF SAINT-GERMAIN[130]
Hat der Graf Saint-Germain, der so kräftig beschützt worden ist, etwas anderes getan, als Guillaume Postel[131] nachzuahmen, der den Sparren hatte, sich für älter auszugeben, als er war? Um seinen Bekannten etwas vorzumachen, schminkte er sich, färbte sich die Haare schwarz und nannte sich demgemäß Postellus restitutus. Wie seine Nachfolger versicherte Postel, der Engel Resiel hätte ihm göttliche Geheimnisse offenbart. Was sagen heute die zurückhaltendsten Biographen von ihm? „Er hätte den Wissenschaften zur Zierde gereicht, hätte er nicht infolge seiner Vertiefung in die Rabbiner und der Beobachtung der Gestirne den Kopf verloren“ ...
Nachdem Saint-Germain in dreißig Städten Ärgernis erregt und zweihundert Neulinge in der Chemie angeführt hat, trifft er einen freigebigen und feinfühligen Großen[132] und nimmt sich vor, seine Gaukeleien mit ihm zu beschließen. Er sagt folgendes zu ihm: „Seit fast 80 Jahren (er war damals 77 Jahre alt) suche ich einen Menschen, einen Menschen, den ich zum auserwählten Gefäß machen kann, das den himmlischen Tau aufnimmt, den ich im Gelobten Lande gesammelt habe. Er darf nichts wissen und muß zu allem befähigt sein. An Stelle der alten Kenntnisse muß ich seinen Geist mit neuem Wissen erfüllen. Licht und Finsternis, Reines und Unreines, Gott und Mensch können nicht beieinander wohnen. Ich selbst kenne Sie wenig, aber ich weiß viel von Ihnen durch die, welche Sie nicht kennen, aber eines Tages kennen werden. In Ihre reine Seele hat der Himmel die Keime aller guten Eigenschaften gelegt; lassen Sie mich sie entwickeln! Werden Sie das himmlische Behältnis für die überirdischen Wahrheiten. Sie sind zum Herrscher über große Reiche bestimmt oder werden dazu berufen werden. Schenken Sie Ihre Fürsorge und Ihren Geist den Menschen, aber widmen Sie Ihre Zeit und Ihr Forschen dem höchsten Meister. Im Alter von 27 Jahren werden Sie binnen wenigen Monaten 90 Jahre alt sein. Ich werde für Sie sorgen, wirken, schaffen. Als Wunder für die übrige Menschheit werden Sie doch in Gottes Augen nichts tun, wenn Sie sich begnügen, das Licht eines Planeten zu sein. Als Träger der erstaunlichsten Geheimnisse können Sie dem Lauf der Gestirne Halt gebieten und in Ihren Händen das Schicksal von großen Reichen halten. Aber das Wissen ist nur dann ein Schatz, wenn der, welcher es lehrt, auch die Anwendung überwacht.“
Erstaunt, ein Genie zu sein, entzückt, ein Wunderwesen zu werden, außer sich bei dem Gedanken, daß er Europa regieren wird, schlägt der Große die Augen nieder, wirft sich zu Boden und steht wieder auf, um ein des Wundermannes würdiges Schloß zu erbauen. Als dieser gut untergebracht war, begannen die Zurüstungen, und der große Tag wurde festgesetzt. Welche Geheimnisse sah man nun erblühen? Die Kunst, dem Kupfer mehr Glanz und Biegsamkeit zu geben, die Kunst, Edelsteine von Flecken zu befreien, zwei Wunder, die drei deutsche Chemiker in ihren gelehrten Vorträgen gelehrt haben. Was sah man weiter? Ein Purgiermittel, das jeder Apotheker herstellt und dem Volke verkauft, eine Menge von Flüssigkeiten, deren geheimes Herstellungsverfahren schon mehrere Fabrikanten in Frankreich und Italien gekauft hatten. Im übrigen bewegten sich die Gestirne wie vorher, Europa erfuhr keinerlei Umwälzung, und selbst das kleinste Ländchen lehnte die ihm zugedachte politische Medizin hartnäckig ab. Man lebte jahrelang von Versprechungen; nichts ereignete sich; man ertappte den Gott sogar bei sehr menschlichen Verrichtungen. Nie wurden die Augen aufgetan; und noch beim Begräbnis des Propheten glaubte man an seine wunderbare Himmelfahrt.
Charakteristik des Grafen Saint-Germain
(von dem anonymen Übersetzer)
Saint-Germain, Welldone, oder unter was für mehr Namen er hier und dort gewallet haben mag, war unleugbar ein Scharlatan, nachdem er lange genug Aventurier gewesen war. Von einem Manne, der sich so weit und breit in der Welt herumgetrieben hat, ist es höchstwahrscheinlich, daß er auch mit einer oder mehr geheimen Gesellschaften in Bündnis getreten sei. Aber Schwärmer war er gewiß nicht, am wenigsten ein religiöser. Eben den hellen Kopf, den man in des Grafen von Lambergs „Mondain“[133] an Saint-Germain wahrnimmt, behielt er bis an sein Ende. Als ein Mensch, der mit aufmerksamen Augen und Ohren die Welt durchreiset war, ein gutes Gedächtnis und die Gabe eines interessanten Vortrags hatte, war er ein guter Gesellschafter und unterhaltender Tischgenosse, dessen Anekdotenvorrat unerschöpflich schien. Und Tischgenossen von guter Unterhaltung (ich rede ganz ernsthaft) sind seltener und gesuchter als die von bloß gutem Appetit. Aber Saint-Germain hatte auf seinen Reisen nicht bloß nach Anekdoten gehascht; er hatte außer einigen andern, vielleicht zweideutigeren, auch wirklich nützliche Arcana gesammelt, die ihn einem wohltätigen Patrioten eines Landes, das rohe Produkte ausführt und solche verarbeitet von Fremden wiederkauft, weil es ihm noch an Manufakturen und Fabriken fehlt, sehr willkommen machen mußten, und die ihm auch wirklich an manchem Orte eine beneidete, gute Aufnahme erwarben. Freilich mochte er oft mehr von sich erwarten lassen, als er zu leisten imstande war. Aber kann ein Mann, der gut gekleidet, mit einigen kostbaren Nippes in Gesellschaften erscheint, dafür, wenn man ihn für reicher hält, als er wirklich ist? Oder ist es meine Pflicht, jedermann, von dem ich nichts borgen will, den genauen Zustand meines Vermögens anzugeben? Was hat man nicht alles von Wunderessenzen, die Menschen zu verjüngen, von Universalarzneien gegen alle Krankheiten und Tod, ja von dem mehr als Methusalemischen Alter dieses sonderbaren Abenteurers, das er sich beilegen sollte, erzählt und fast allgemein geglaubt! Aber ist ein Märchen deswegen auch schon wahr, weil man es allgemein erzählt und fast durchgängig glaubt? Daß mich der Himmel davor behüte, der Verteidiger oder Lobredner irgendeines Scharlatans zu werden! Ich gestehe vielmehr offenherzig, daß ich jeden Geheimniskrämer wegen verbotener Absicht auf anderer Beutel in Verdacht habe. Aber es tut mir weh, wenn ich sehe, daß man einen Namen wie Saint-Germain, ohne irgendeinen ersichtlichen Zusammenhang mit der Materie, mit Gewalt herbeizieht (denn von Scharlatans ist ja nicht die Rede, sondern von einer für die bürgerliche Gesellschaft höchst schädlichen, theosophisch-magischen und nach Universalmonarchie strebenden Sekte[134]), um durch den Beisatz: „der so kräftig beschützt worden“, ein falsches Licht auf eine Person zu werfen, die, wenn sie auch aller öffentlichen, der Ordnung der Staaten gemäß, Respekt fordernden Würden entkleidet wäre, durch ihre höchst edle Art zu denken und zu handeln die Verehrung und selbst Liebe aller rechtschaffenen Menschen verdient.
Es tut mir weh, zu sehen, daß sich ein Mann es anmaßet, die Menschheit gegen eine geheime Sekte, die er weder zu nennen noch deutlich zu bezeichnen wagt, zu warnen, der sich solche mutwillige (wer einigermaßen starke Ausdrücke liebte, würde sagen: pasquillenhafte) Ausfälle auf wirklich edle Menschen erlaubt und also dadurch, daß er mit solchen Stellen, wie diese und einige andere in seinem Buche, tiefen Unwillen erweckt, seine Absicht verdächtig, seine mit unterlaufenden Wahrheiten zweifelhaft macht und sonach das, was er sonst Gutes gewirkt haben könnte, vereitelt.
Kritik der „Charakteristik“[135]
Rezensent stößt hier auf eine Note, wo der Übersetzer dem Verfasser wirklich unrecht tut. Der Verfasser vergleicht nämlich den berüchtigten Saint-Germain mit einem älteren Narren und bedient sich bei dieser Gelegenheit der Worte: „Saint-Germain, der so kräftig beschützt worden ist.“ Dies bringt den Übersetzer in eine Wärme, welche sich die meisten Leser schwerlich werden erklären können. Dabei verteidigt er den Saint-Germain, nennt ihn einen hellen Kopf und möchte die Leser gern überreden, daß er gar der Mann nicht gewesen sei, den man in eine solche Parallele stellen sollte. Rezensent, der Gelegenheit gehabt hat, von dem Manne, dessen sich hier der Übersetzer so warm annimmt, sehr authentische Nachrichten zu erhalten, muß hier aber demselben widersprechen.
Saint-Germain war nichts weniger als ein heller Kopf, wie schon der einzige Umstand beweisen kann, daß er noch auf seinem Totenbette verjüngt zu werden hoffte und andern versicherte, daß das, was Auflösung war, Vorbereitung zu seiner bevorstehenden Verjüngung sei.
Andere Umstände läßt Rezensent hier unberührt, weil sie nicht hierher gehören. Besser hätte indessen der Übersetzer getan, er hätte seine Note zu Saint-Germains Rechtfertigung weggelassen; denn sie erregt auch gegen seine Aufrichtigkeit nicht unbegründeten Verdacht.