Zweiter Teil / Ehrgeiz
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Erstes Kapitel Der Gregorianische Lobgesang wird noch einmal angestimmt. Linde fällt in Verdacht, Geheimnisse zu haben. Eine Prozession führt zu keinen andern Einsichten als in das Wesen der Unwissenheit

Inzwischen fand unter der Anführung des Dechanten die alljährliche Herbstprozession auf den Kalvarienberg statt. Man betrachtete sie als einen Erntedankgang, aber sie stammte unter allerlei Umbildungen aus einem früheren Jahrtausend, und gelehrte Leute, zu denen auch der Dechant gehörte, wußten, daß sie ursprünglich im Land der Wotanseiche mit dem herbstlichen Lichtwechsel zu tun gehabt hatte. Früher war der Festtag im Monat festgelegen, aber in Anbetracht des unsicheren Wetters hatte der Dechant den Gang unter der Billigung seiner Behörden auf den Sonntag vor dem Vollmond gelegt, da dort nach der Erfahrung von alters her noch am sichersten gutes Wetter angetroffen werden konnte. Bisher war ihm auch noch keine Prozession verregnet.
Aber mit dieser hatte es seine besondre Bewandtnis. Nicht als ob einer sternenhellen Nacht niederträchtig ein trüber Morgen gefolgt wäre. Die Frühstunden brachen vielmehr in tiefer und reiner Bläue aus der Himmelshöhe herein, nachdem nur einmal der Morgennebel gehörig in der Tiefe verarbeitet war. Auch an den Hausgenossen ereignete sich, nach den Seltsamkeiten jenes Abschiedsmorgens, keine neue Überraschung. Zwar hüteten noch die beiden Frauen das Bett, jede das ihre, aber Brigitt ging es weiter nicht bedenklich, obwohl schmerzhaft genug, und die Tante hatte sogar angezeigt, daß sie heute zum Mittagessen zum erstenmal wieder aufstehen werde. Der Dechant betrachtete diese Meldung sogar mit besonders zufriedenen Blicken, nicht weil sie ihm wieder die anregende Tischgesellschaft der großstädtischen Verwandten versprach, sondern weil er sie für eine Voranzeige ihrer endlich in nähere Sicht gerückten Abreise hielt. Obwohl sie bei seinen Krankenbesuchen religiöse, sogar katholische, Lektüre in ihren Händen sehen lassen und mit ihm ebensolche Gespräche geführt hatte, für eine protestantische Rationalistin sogar ordentlich einsichtige, und obwohl sie von ihm verschiedentlich auf weichen und zugänglichen Stimmungen betroffen worden war, so hatte es ihm doch nicht gelingen wollen, Vertrauen zu ihr zu fassen. Auch nahm er ihr ernstlich übel, daß sie das Liebesglück der jungen Leute zu stören versucht hatte, und wenn er auch lange nicht alles wußte, so war schon dies genug, um ihm mit einiger Deutlichkeit zu zeigen, daß ihre Wirkung auf die Geselligkeit der Menschen, jedenfalls seines Hauses, sich seit zehn Jahren nicht verändert hatte.
Von Seite der Tante erwartete er also in nächster Zeit nur Erfreuliches. Was Linde anging, so war sie neuerlich etwas blaß und sah mitgenommen aus; er setzte den Zustand auf Rechnung der Sorge um ihren entfernten Geliebten, und außerdem hatten ihr die letzten Wochen bei ihrem Eigensinn, keine Hilfskraft zu nehmen, Tag für Tag ein sicheres Übermaß von Geschäften im Haus und um die beiden Kranken gebracht, von dem es ein Wunder schien, daß sie es bei ihrer zarten Konstitution noch so lange zu treiben wußte. Der Dechant selber war dabei mit ihr längst nicht mehr auf seine Rechnung gekommen, da sie für ihn wenig oder keine Zeit hatte, und so versprach er sich von der bevorstehenden Abreise der Tante auch für das Mädchen etwas. Er stand so lebhaft unter dem Gefühl dieser angenehmen Aussicht, daß sie ihn noch viel sonntäglicher stimmte, als er's ohnehin schon war, und während er sich in seinem schönen alten Mahagonischlafzimmer rasierte und ankleidete, summte er nach so langer Zeit zum erstenmal wieder den Gregorianischen Lobgesang. Darauf zog er ein Paar festere Schuhe an, da er doch einen Gang über Land vorhatte, tat einen letzten Blick in den Spiegel, setzte das schwarze Pfaffenmützchen auf, freute sich noch einmal, wie still und gediegen das Morgenlicht auf den Formen des polierten Mahagoniholzes spielte, und stieg dann mit dankbaren Gefühlen nicht nur für die Jahresernte, sondern auch für die seines bisherigen Lebens die Treppe hinunter, um sich zum Frühstückstisch zu begeben, von Bob, der schon eine Weile eifrig an der Tür gekratzt hatte, freudig begleitet.
Dort hatte Linde schon alles hergerichtet. Auf der goldenen Maserung der Birkenmöbel lachte die offene Sonne. Die blauen Sessel mit den weißen Nägeln leuchteten erfreut auf, als ihr Herr eintrat. Die edlen Formen des Gläserschranks belebten sich unter seinen Blicken. Violette und blaue Astern standen in Vasen oder als lebende Pflanzen in Töpfen auf guten Plätzen. Bemerkte er noch die weißen angenehmen Mullgardinen, so fand er, daß nachgerade in dem Zimmer ebensoviel von Lindes Wesen sich aussprach als von seinem. Just trat sie auch wie eine kleine Siederei mit dampfenden Kesseln und Kannen durch die Tür, klar und entschieden in aller Arbeit und Plackerei, der sie sich eigenwillig unterzog, und mit hellem Morgengruß auf Stirn und Lippen.
»Nun, da bist du ja, du unverbesserliche Unruhe«, begrüßte er sie nicht durchaus mißfällig. »Was hast du denn schon wieder um halb sieben heute früh im Haus herumzuwirtschaften gehabt?«
Linde lachte eine Spur. »Warum schläfst du nicht, anstatt mir aufzupassen?« sagte sie freundlich aber ein wenig betreten. »Ich bin doch so leise bei dir vorbeigegangen. Daß die Dielen knarren, dafür kann ich freilich nichts, soviel ich mich darüber ärgere.«
»Sieh nur zu, daß du bei diesem Betrieb übrigbleibst!« versetzte der Dechant ernster. »Hast du dafür gestern in alle Nacht hineingearbeitet, daß du nicht einmal den Sonntag mit einer christenmäßigen Beschaulichkeit beginnen kannst?«
»Wenn du soviel redest, Onkel, so wirst du zu spät zum Hochamt kommen«, erwiderte sie bescheidentlich ablenkend. »Vergiß auch nicht, daß du vorher ordentlich essen mußt. Willst du zuerst Brot mit Käse und dann mit Wurst oder umgekehrt?«
Er wollte es umgekehrt, und sie richtete ihm alles geschickt und sorglich her, goß ihm Kaffee ein und begann derweilen von ihrer Patientin zu berichten, nämlich von Brigitt, der es heute erträglich ging, da sie fieberfrei war. Die Tante hatte sich ihrerseits eine berufsmäßige Pflegerin kommen lassen, ein Weib zwischen dreißig und vierzig, nicht vom allerbesten Ruf und mit einem ziemlich üblen Mann behaftet, aber die einzige in ihrem Fach und besonders von den protestantischen Familien, die sich nicht gern der Nonnen aus dem Kloster bedienen mochten, in den vorkommenden Notfällen zugezogen. Nun hatte man sie schon um die drei Wochen schmutzig, unverschämt und ewig spionierend ungern ertragen, ohne gegen ihre Tyrannei etwas Wirksames unternehmen zu können, da sie an der Tante einen Rückhalt zu haben schien. Das bequeme Leben, das ihr diese im Haus machte, war auffällig. Daß sie als einzige Person Butter und belegte Brote zu jeder Tageszeit haben mußte, mochte noch hingehen, aber sie hielt ihr auch jede gröbere Arbeit fern, die ausnahmslos Linde zufiel. Da sie außerdem noch Anspruch auf Lindes Sekretärdienste machte — sie diktierte ihr eine Reihe literarischer und gedankenreicher Briefe an großstädtische Freunde —, so wußte der Dechant wohl, warum er nichts mehr von dieser hatte, und warum sie mit Nachtstunden verlorene Tagesstunden ersetzen mußte, aber er wußte nicht, welchen Narren die Tante an dem unerquicklichen Weibsstück gefressen hatte, daß sie es so verwöhnte.
Übrigens trat gleich darauf dieses selber im Eßzimmer auf, um die gute Morgenstimmung doch in etwas zu stören, und zwar durch ein Ei vom Frühstück der Tante, das schlecht sein sollte. Linde roch und konnte nichts daran finden, sagte übrigens gehalten, daß sie für heute kein anderes im Haus habe, da Eier jetzt schwer zu bekommen seien, und die Pflegerin ging ab mit dem Ei, das sie nachher mit Genuß selber aß, und mit einer unverschämten Glosse über die Hausordnung, gegen die nichts zu sagen war, wenn man sich nicht in einen endlosen Zank verwickeln wollte. Beim Hinausgehen klemmte sie noch den nicht ganz saubern blauen Rock zwischen die Tür, die sie noch einmal aufstieß und dann offen hinter sich stehen ließ, während sie schimpfend die Treppe hinaufstieg.
Mit diesem rostigen Nadelöhr und dem zugehörigen schlechten Faden schlug sie dann die besondere Bewandtnis zur Naht, von der schon die Rede war. Eben bemerkte der Dechant halb verdrossen und halb verwundert, daß die Person ein ganz hübsches Weib sein könnte, wenn sie nur etwas ordentlicher leben wollte, als die Hausglocke schrill anklang, Bob wuffend vom Fensterbrett herunterfuhr und Linde, die sich gerade vom Schließen der Tür wieder gesetzt hatte, von neuem aufstehen mußte. Gleich darauf ertönte draußen die krähende Stimme eines betrunkenen Menschen und die abwehrende Lindes, von der andern eifrig überschrien, die nun schon im Haus zu sein schien, und über allem der zornige Alarm des Hundes, mit dem sich der Besucher ebenfalls auseinandersetzte. Der Dechant erhob sich, um selber zum Rechten zu sehen. Im Hausgang stieß er mit einem Menschen zusammen, der durch seinen Atem wie durch unmißverständliche Worte und Gebärden das erschreckte Mädchen vor sich her trieb und überaus unternehmungslustig nach dem Pfaffen verlangte. Beim Licht der offenen Küchentür war es der stadtbekannte liederliche Ehemann der Pflegerin. Streng nach seinem Begehr gefragt, blieb er dabei, daß er den Pfaffen sprechen wolle, und erst, als ihm bedeutet wurde, daß hier kein Pfaffe sei, aber draußen viel frische Luft, begann er sich den Mann im dunklen Hausflur näher anzusehen und fand, daß es der Pfaffe selber sei, obwohl er eigentlich von vornherein nichts anderes erwarten konnte. Da begann er gewaltig herauszurücken. Er war gar kein so übler Schlag Mensch, ordentlich gewachsen und nicht eben dumm aussehend, aber unsäglich verkommen und verhetzt.
»Sehen Sie mal an, Sie sind ja — ja der Pfaffe selber!« rief er, ganz überrascht von dem Glückszufall und immer in der Tiefe gegen Bob kämpfend, vor dem er sich zu besorgen schien. »Hören Sie mal, Sie Herr Pfaffe, ich — ich glaube nicht an Sie. Es gibt keine Pfaffen. Tja. Nicht die kleinsten Pfaffen gibt es für einen gebildeten Weltbürger. Denn wenn es den kleinsten Pfaffen gäbe, so stände ich doch nicht hier und sagte: ›Es gibt keinen Pfaffen, nicht einmal den allerwinzigsten!‹ An Ihren Hund glaube ich, der hat mich ins Bein gebissen. Das ist eine Belialswirtschaft hier! Weg! Aber wenn Sie ein Pfaffe sein wollen und erlauben in Ihrem ei—eigenen Haus so — so unsaubere — so anstößige Dinge — so — solche Unzucht, was? Und Mord und Totschlag und Blutvergießen! — Befehlen Sie mal Ihrem Hündchen, sonst muß ich ihm zu meinem Bedauern die Schnauze zertreten. — Tja, was glauben Sie denn? Wenn ich nicht ein Lu—Lungenleiden hätte, so wäre ich doch auch ein He—Held draußen im Schützengraben. Aber wir haben den na—nationalen Auftrag, im Land die Sittlichkeit aufrechtzuerhalten. Mittels moralischer Kontributionen an der fehlbaren Bourgeoisie. Sobald wieder Frieden ist, sollen Sie einmal sehen, wie da aufgeräumt wird mit der Bourgeoisie. Bringen Sie gefälligst in Anschlag, daß ich ein gebildeter Ma—Mann bin, der bessere Tage gesehen hat. Und daß ich nicht umsonst hier vor Ihnen stehe. Und dann sagen Sie mir, Sie Herr römischer Pfaffe, warum liegt denn die feine Dame droben im Be—Bett? Ihre — geehrte Frau Verwandte? Haben Sie sich nie gesagt, daß das meinem Geist zu denken geben muß? Was?«
Der Dechant hatte ihm bisher mit groß aufsehenden Blick zugehört, während seine Miene zugleich einen stark nach innen gekehrten Zug annahm und die Zornader an seiner Stirn schwoll.
»Es ist gut, daß jedenfalls Ihre Bildung festgestellt ist«, sagte er ruhig, wenn auch mit drohendem Unterton. »Mehr ist für den Augenblick wohl nicht nötig. Wenn Sie morgen noch den Schwung in sich verspüren sollten, dies Gespräch fortzusetzen, so kommen Sie wieder, aber in nüchternem Zustand; es soll Ihnen dann nicht an Auskunft fehlen!«
»In — in nüchternem Zustand?« stotterte der Mensch verblüfft: »Ich bin in nü—nüchternem Zustand, sogar in einem sehr gebildeten nü—nüchternen Zustand, wenn Sie gestatten. Wenn Sie ihn aber noch nüchterner wollten, so müßte ich sagen: ›Wie — wie soll ich dann das Geschäft der moralischen Kontribution an der hiesigen Bourgeoisie ausüben?‹ Dazu muß ein gebildeter Mann schon etwas angetrunken sein, wie Sie leicht begreifen werden. Aber es ist gut; Sie wollen Zeit, um sich zu bedenken. Ich werde morgen wiederkommen. Aber in nü—nüchternem Zustand, Sie römisch-katholischer Spaßmacher? Wissen Sie die Geschichte von der Thronbest—besteigung des Kaisers, als der Kaiser gesagt hatte: ›Und daß ich das halten werde, glaube ich, schwöre ich!‹ Und als er das gesagt hatte also, und der Wilhelm Lehmann hatte nicht verstanden, denn er war taub auf dem linken Ellbogen, Sie Spaßmacher, Sie! Ich könnte mich schief lachen über Sie! Nüchtern soll ich Ihnen kommen? Psch — hihi! Aber wissen Sie, was der Fritz Schulze dann sagte, als der Wilhelm Lehmann mit seinem tauben linken Ellbogen nicht verstanden hatte? ›Dann zieh dir det nächste Mal den Rock aus, du Affe, damit du besser hören kannst. Er hat jesacht: Und daß ich det halten werde, det jloobe ich schwerlich!‹ Wie haben Sie gesagt? Nüchtern soll ich Ihnen kommen? Sie, ich will Ihnen was sagen: Das glaube ich schwerlich! Jawohl, ich gehorche Ihrem sanften Druck nach der Türe. Ich warne Sie freundschaftlich davor, mich als einen gemeinen Verbrecher zu betrachten! Aber wenn Sie skandalöse Dinge im Haus geschehen lassen, Hochzeitsnächte ohne den Segen Gottes und Blutbäder, und wer weiß was sonst noch: ach Sie Spaßmacher, und da soll ich Ihnen nüchtern kommen? Daß Ihnen der Nabel abdorre! Morgen um zehn Uhr vormittags bin ich wieder hier.«
Weiter mit sich selber redend und mit den Händen fechtend, stolperte er über die Schwelle und aus dem Haus. Als er sich umdrehte, um noch einmal auf die Nüchternheit zurückzukommen, schlug schon die Tür ins Schloß. Er machte eine tief grüßende Bewegung gegen sie und torkelte plaudernd davon, und alles in allem erweckte er den Eindruck eines ausnehmend glücklichen und harmlosen Menschen.
Der Dechant fühlte von dieser Stimmung nichts an sich. Als er mit schwer denkender Stirn ins Eßzimmer trat und sein Blick Linde suchte, fand er sie blaß mit aufgestütztem Kopf am Tisch sitzen. Seinen Augen zu begegnen vermied sie. Sie starrte mit einem verständnislosen Gesichtsausdruck vor sich hin, und in ihrer Haltung war etwas, was ihn für sie leiden und auf eine gewisse männliche Art betreten machte. Unwillkürlich fiel ihm ein, daß sie seit Heinzens Abreise nicht mehr zur Beichte gewesen war. Schließlich wurde ihm ihr Anblick beschwerlich, und er trat ans Fenster, um einige Augenblicke auf den Platz hinauszusehen. Dann erinnerte er sich an die Pflegerin, wandte sich ins Zimmer zurück und ging nach dem Hausflur, wo er ihren Namen rief. Als sie nicht antwortete, stieg er die Treppe hinauf, um sie zu suchen. Er fand sie in ihrem Zimmer, wo sie sich stellte, als ob sie mit Ordnen beschäftigt sei. Sie blickte ihm scheinbar verwundert und unwirsch entgegen, und er sah ihr an, daß sie um alles wußte.
»Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, warum ich Sie suche«, bemerkte er, nachdem sie den Blick unsicher von ihm abgezogen hatte. »Sie standen ja wohl über der Treppe und machten Ihrem Mann Zeichen. Sehen Sie zu, daß ich Sie bei meiner Rückkehr von der Prozession nicht mehr hier vorfinde.«
Sie antwortete nur mit einem Achselzucken, indem sie ihm den Rücken drehte. Er zog die Tür zu und stieg langsam die Treppe wieder hinunter. Drunten fand er Linde in der gleichen Haltung wie vorher. Er konnte es nicht verhindern, daß ihm ein fremdes, leise erkältendes Gefühl von Mißtrauen durch die Seele ging.
»Hat dich denn der Betrunkene so sehr erschreckt?« fragte er endlich immer noch nicht ohne Güte, aber mit beschatteter; er legte ihr die Hand auf den Scheitel und bog ihr den Kopf leicht zurück, eine Liebkosung, die er gern brauchte, weil es ihn immer freute, ihr reines und offenes Gesicht mit den stillen Augen und dem feinen Mund unter seinem Blick aufgeschlagen wie ein schön gedrucktes Brevier beschaulich zu lesen. Jetzt war es nicht offen, oder es hatte sich verblättert. Die Augen sahen ihn zwar an, aber ohne Ausdruck und Mut. Und der Mund blieb geschlossen; sie hatte ihm auf seine Frage nichts zu antworten, nichts Wichtiges und nichts Unwichtiges. »Kind, hast du mir etwas — anzuvertrauen?« fragte er noch. Sie ließ den Blick nicht sinken; es fehlte ihr ebenso an Freiheit, ihn wegzunehmen, wie an Mut, seinem von innen heraus mit Festigkeit zu begegnen. Schließlich ließ er sie. Indem er sich zu seinem erkalteten Kaffee setzte, geschah es mit einem Gefühl väterlicher Betroffenheit; beinahe war er ratlos. Sie schenkte ihm eine frische Tasse voll, legte ihm auch noch vor, alles mit sozusagen verlorenen, hilflosen Bewegungen und mit gewohnheitsmäßig offener aber leerer Gebärde. Er genoß nicht mehr viel, schob schließlich das Ganze von sich und stand auf; es wurde auch Zeit, daß er in die Kirche kam. Gern hätte er ihr, von der ihn ja noch nichts Handgreifliches trennte, ein gutes und entlastendes Wort zurückgelassen, aber er vermochte keins zu finden, das ihm zugleich entgegenkommend und würdig schien. »Sie sieht doch aus wie eine Schuldige!« fuhr es ihm wieder ganz unwillkürlich durch den Kopf. Darüber erschreckt und besorgt zwang er sich doch noch zu einigen gleichgültigen Worten.
»Frau Kienold« — das war die Pflegerin — »wird im Laufe des Vormittags das Haus verlassen. Nun, darüber reden wir noch. — Ich denke um ein Uhr zurück zu sein.« Sie nickte stumm. »Auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen.«
Während der Dechant zur Sakristei ging, begann seine Erinnerung lebendig zu werden. Es begegneten ihm festlich gekleidete Kirchgänger, die ihn ehrfürchtig grüßten; er antwortete gedankenabwesend. Verfolgte er die Zeit von der Abreise seines Neffen zurück bis zu dessen Ankunft, so fand er alles einfach, klar und verständlich. Der Morgen der Abreise hatte ihm schon damals zu denken gegeben; heute gewannen ihm noch einige Wahrnehmungen während der vorvergangenen Nacht an Bedeutung. Zuerst etwa eine Viertelstunde nach Mitternacht glaubte er etwas schwere, ungleiche Schritte den Korridor hinuntergehen zu hören, die nach seiner Meinung von der Magd herrührten. Etwas später war es ihm, als vernehme er das heftige Geflüster oder Geraune einer erregten Person, und zwar wiederum Brigitts, worauf nacheinander aus der Gegend von Heinzens Zimmer zwei Personen weggingen, die eine nach dem Zimmer der Tante, wo die Tür hörbar ins Schloß fiel, die andere etwas später und viel langsamer nach der Treppe zur Mansarde, deren Stufen dann unter ihr deutlich knarrten. Nachher spielten sich in Brigitts Zimmer, das über seinem lag, die bekannten Nachtgeräusche ab.
Darauf morgens um vier Uhr weckte ihn aus einem seltsam unruhigen Schlaf eine männliche Stimme, die ihm mit halb unterdrücktem Klang zu sagen schien: »Gute Nacht, mein Liebling!« Aber die Worte waren noch in seinen Schlaf gefallen, so daß er nicht sicher wußte, ob er sie nicht bloß geträumt habe. Das Geräusch einer Tür dagegen, und zwar deutlich derjenigen des Soldaten, vernahm er dann in vollkommen wachem Zustand. Nun hatte er sich vor dem Einschlafen, unwillkürlich beunruhigt von den vernommenen Geräuschen, noch Gedanken gemacht über das Liebesverhältnis der jungen Leute zueinander, und den gehörten Ausruf konnte er sich als Traumvorgang sehr leicht erklären. Wie ein körperlicher Schlag hatte es ihn jedoch am andern Morgen getroffen, als er von Heinzens Tür schräg über den Korridor und den Teppich eine Blutspur zur Tür der Tante gehen sah, nicht sofort in der dunklen Frühe, sondern nachdem Heinz schon fort und es Tag geworden war. Später fand er Linde darüber, diesen blutigen Pfad mit Wasser und Bürste auszutilgen; obwohl er nicht mit ihr darüber sprach, merkte er doch, daß auch sie davon betroffen war, und wenn während der nächsten Tage die Rede auf die Tante kam, so zeigten ihre Züge immer eine gewisse Verwirrung und innere Not, die erst nach dem Eintreffen der ersten Feldpostbriefe sich langsam zu lösen schienen.
Bei diesen Ereignissen und Resultaten war zwar nun genug Geheimnis und Unruhe, aber das Mädchen hatte er bisher im Licht herwärts derselben unbeteiligt auf seiner Seite stehen sehen, die Beteiligten im Dunkel drüben und die Magd ungewiß dazwischen hin und her fackelnd. Heute zum erstenmal erfuhr vor seinen Augen dies Verhältnis eine grundsätzliche Veränderung. Linde rückte plötzlich zu den andern in die Dunkelheit, und hatte er bisher geglaubt, mit der Entfernung der störenden einen Person die ganze äußerlich haftende Hausfrage loszuwerden, so bemerkte er heute zu seinem erkältenden Unbehagen, daß die Frage ihm ziemlich tief im eigenen Fleisch saß.
Unterdessen war er aber in der Sakristei mit den Meßgewändern bekleidet, und da ihn darauf fürs erste die Vorgänge des Gottesdienstes in Anspruch nahmen, kam er mit seinen Erwägungen nicht weiter. Indem er das heilige Gerät ergriff und den Opfergang zum Hochaltar antrat, fühlte er sich im höchsten Symbol ebenso erfaßt und ergriffen wie die ganze auf die Knie niederfallende Gemeinde, deren Mittler mit Gott er in dieser Stunde war. Die wiedererstandene Orgel brauste ihn begrüßend auf und dämpfte ihren Ton, das heilige Gleichnis bedenkend, scheu zum ehrfürchtigen Gesang. Der Weihrauch strömte in dichten Wolken aus den geschwungenen und leise klirrenden Gefäßen der Meßknaben. Das Glöckchen ertönte gebieterisch durch den hohen Raum, und die Hände der Gemeinde regten sich fromm zum Zeichen des Kreuzes. Jetzt sah er keine Gerüste und keine Baugeschäfte mehr; in seiner priesterlich erregten Phantasie spürte er nur noch hinter sich seine trübe Gemeinde und ahnte er vor sich die klare Gottheit, und jetzt wie immer überfiel ihn angesichts der hohen dunkelleuchtenden Fenster des Chors die Anschauung, daß wie durch diese das Tageslicht in den Dom durch seine dunkelleuchtende Seele das Licht der Ewigkeit gedämpft in das versammelte Dasein der Gemeinde falle. Er erfüllte durchaus jeden Satz seiner lateinischen liturgischen Feier mit Leben und priesterlicher Leidenschaft zur stets neuen verwunderten Ergriffenheit seiner Vikare, die ihm still dienten.
Heute ragte zum erstenmal wieder über dem Hochaltar das gewaltige, kühne Kruzifix aus dem Mittelalter, das der Dechant gegen die Begehrlichkeit der Museumsleitungen und den mittelbaren Druck der Regierungsorgane so zäh als erfolgreich verteidigt hatte, und blickte aus seiner furchtbaren Stimmung von Leiden erschüttert und durch Leiden erschütternd auf die Gemeinde und den Priester herab, und das Kyrie des Dechanten hatte lange nicht mehr soviel gegenständliche Wucht der Wirklichkeit entfesselt wie heute unter dieser alten wild-großen Darstellung des dämonischsten und zugleich heiligsten Menschen. Zum Gott in diesem brauste dann wieder desto schimmernder das Gloria der Orgel auf, immer von der tiefen, betrachtenden Stimme des Dechanten unterbrochen und neu erregt. Sein Credo aber erdröhnte von den unwandelbaren Fundamenten seiner christlichen Sicherheit mit männlich reifer Kraft voll und unwidersprechlich, so daß seine gläubige Stimme den ganzen tiefen Raum organisch füllte und jeden, auch den unbelebten Gegenstand darin im Gedanken an seinen Schöpfer auf einen Augenblick lebendig bewegte. Lebendiger bewegte und tiefer füllte er noch die bereiten Seelen mit dem Gedanken an den Erlöser, der für sie geboren, gemartert, getötet und wieder erweckt wurde. Im Wort von der heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche baute sich dann menschlich erkennbar die gotische Architektur des christlichen Bewußtseins über jedem Herzen als Gewißheit des Lebens und des Sterbens irdisch-himmlisch auf, und jedes Herz war solchermaßen gefaßt und stark gemacht zum strengen Erlebnis des Opfers, der durch die Gnade Gottes und den Glauben des katholischen Menschen ewig wiederholten Inkarnation jenes höchsten Wunders am Kreuz. In der bang ergriffenen Stille der knienden Gemeinde und dem unerbittlichen Laut der dreimal schrillenden Glocken starb jedes fromme Herz den Tod des Erlösers nach, während jede Hand, ihre Menschlichkeit bekennend, an Brust und Busen schlug. Erlöst und erneuert atmeten sodann Seelen und Lichter auf, während die Glöckchen das Zeichen der Wiedererhebung der Leiber gaben, der Priester vor dem Altar das Dankgebet anstimmte und die Orgel mit leisem Singen einfiel.
Bald darauf begannen die Glocken zu läuten, womit Stadt und Land der Auszug der Prozession aus dem Dom verkündet wurde. Nach vollbrachtem Dank erfaßte der Dechant das Allerheiligste und wandte sich damit erneut der Gemeinde zu, um nun über die Stufen des Altars hinabsteigend durch den Mittelgang den Dom der Länge nach zu durchschreiten, gefolgt von seinen beiden Gehilfen und von den Ministranten. Vor dem Portal stand ihm der Traghimmel bereit, unter den er feierlich trat, indessen die Orgel mit vollem Ton ins Geläute fiel, die Flügel des Portals sich weit auftaten und das freie Tageslicht breit in den von Weihrauchgewölk und Kerzenschein erfüllten Raum hereinflutete. Hinter den Ministranten setzten sich die Kinder an, die Mädchen in weißen Kleidern, aber darunter mit warmen Unterröcken und Tüchern so wohlversehen, daß sie sich mit einiger Mühe darin regten, dann die Blechmusik, darauf die Männer und endlich die Frauen, zuletzt die alten, auch diese vorsorglich eingepackt. Das Fest war dieses Jahr spät in den Monat gefallen; die Sonne schien zwar ungehindert, aber dazwischen regte sich ein frischer Wind von den Bergen. Aus andern Gegenden Deutschlands waren bereits Nachtfröste gemeldet.
Nun bewegte sich der Zug unter dem vollen Glockengeläut und dem ersten Choral der Blechmusik vom Dom über den Platz, dann durch eine alte Bürgergasse nach der Hauptstraße, diese hinunter über den Markt mit dem bunten Brunnen und den schönen, phantasiereichen Fachwerkbauten, etwas steiler abwärts zum Fluß und dort über die ehrwürdige, steinerne Brücke dem jenseitigen Uferweg nach dem Kalvarienberg zu. Von Zeit zu Zeit dröhnte ein Böllerschuß aus einem der schwebenden Stadtgärten, die farbig herüberleuchteten. Die Glocken läuteten volltönig weiter. In gleichmäßigen Zeitabständen klang von der Blechmusik eine Strophe des Chorals dazwischen, der auf einer eigenartigen altkirchlichen Melodie ging. Schon bauten sich drüben die Gassenzüge der Stadt mit allen Mauern und Wachttürmen, Treppen, Toren, Birken und Obstgärten frei zum klingenden Dom auf, über sich den blauen Himmel, zu Füßen den geruhigen Fluß, und das Ganze heimatlich eingesäumt von einem Kranz herbstlicher Berge und Wälder. Die nächste Erhebung jenseits des Tales war der Kalvarienberg, und er trug auch von allen den buntesten und schwermütigsten Wald. Eine Viertelstunde führte der Weg dem Fluß nach; beim breiten Wehr bog er nach links ab. Die Kirchenfahnen wehten rein und fromm im Wind. Die Kreuze schimmerten sehr hell in der gütigen Herbstsonne, und ihr Silber oder Gold stand nicht vertraulich, doch freundlich zu allen Gegenständen der offenen Welt Gottes und geheim lebendig zu ihren Farben und ihrem Licht.
Dem Dechanten, der, einmal die Augen hebend, des Domes und daneben seines Hauses ansichtig wurde, fiel wieder das Geheimnis auf die Seele, das sich darin drohend eingenistet hatte. Während hinter ihm das ziehende Volk abwechselnd eine Strophe des Chorals sang oder die hochsinnigen Stationen des Rosenkranzes betete, bald sich seinem himmlischen Vater im Paternoster zuwendend, bald der Heiligsten Mutter in der engelmündigen Begrüßung, begannen seine Gedanken von neuem jene Ereignisse zu umschweben. Er fand seit dem letzten Hinsehen ihre Gebärde noch befremdender geworden; besonders mit Sorge erfüllte ihn das Verhalten der beiden Liebenden am andern Morgen. Sie hatten einander mit Blicken betrachtet nicht anders als Jungverheiratete. Sie lächelten und schwiegen, standen eins im andern versunken herum, und anstatt des Trennungswehs, das er von ihnen erwartet hatte, zeigten sie seit dem letzten Abend einen Stimmungsumschwung, dem notwendig ein in ihren Augen grundsätzliches Ereignis vorausgegangen sein mußte.
Dann begannen die großen Überraschungen des Morgens zunächst mit dem Umstand, daß die Tante nicht zum Frühstück erschien und Linde, die sie holen wollte, mit einer Art von wissender Miene den Bescheid brachte, sie habe sich eingeriegelt und gebe keine Antwort. Der Dechant fragte, ob sie gesagt habe, daß Heinz fort müsse; sie meinte, das wisse jene doch. Als er sie noch einmal hinaufschicken wollte, um zu erfahren, ob die Tante etwa krank sei, machte sie Umstände. Mehr als klopfen und rufen könne sie doch nicht; wenn eins nicht antworten wolle, so sei ihm nicht weiter zu helfen. Der Dechant horchte verwundert auf. Warum denn in Gottes Namen solle sie nicht antworten wollen? Darauf gab Linde keine Auskunft. Schließlich stieg er selber hinauf, um mit dem gleichen Ergebnis herunterzukommen. Nach einer ganz seinerseitigen Besprechung mit den jungen Leuten wurde er unruhig, und als sie auch nach dem Frühstück nicht antwortete, befahl er Brigitt zum Schlosser. Sie murrte, sie habe keine Zeit; wer denn dem Soldaten den Reiseproviant rüsten solle. Die Frau Professor schlucke ja schachtelweise Schlafmittel; vielleicht wirkten die noch. Es brauchte am Ende ein ernstliches Machtwort, damit die alte Person aus dem Haus kam; als er ihr nachblickte, bemerkte er dann freilich, daß sie sehr übel ging, und er dachte, daß sie vielleicht deshalb so wenig Lust bezeigt habe. Zu alldem blickten die Kinder überraschend selbstverständlich und einmütig drein, und so, daß ihnen jedermann ansehen konnte, wie gut sie ohne den Abschiedsgruß der Tante weiterzuleben hofften. Nun, dann kam der Schlosser und brach die Tür auf mit dem Erfolg, daß man die Tante bewußtlos in ihrem Blut liegend fand. Das war kein kleiner Schreck, wenigstens für den Hausherrn. Die jungen Leute erschraken zwar auch etwas mit, aber mehr sozusagen aus allgemeinen Gründen, und die Magd, wie es schien, gar nicht, sie sah sogar aus, als ob sie alles schon gewußt hätte. Da er aber die Magd im allgemeinen und ihre Gefühle für die fremde Frau im besonderen hinlänglich kannte, so brachte er sich wohl darüber auf, daß sie nicht einmal ordentlich mit anfassen zu wollen schien, als es darum ging, die Bewußtlose zu Bett zu bringen — sie war auf dem Teppich zusammengebrochen — aber sonst fiel ihm zu jener Stunde noch nichts weiter ein.
Inzwischen lief der Schlosser zum Arzt, unter dessen Händen endlich die Kranke erwachte. Ihre erste Handlung war, daß sie außer diesem alle Personen hinausschickte; was sie dann mit dem Arzt allein sprach, erfuhr niemand. Inzwischen wurde sie verbunden, und nach einer Stunde kam die fremde Pflegerin ins Haus. Der Arzt war noch nicht mit der Tante fertig, so begann Brigitt zu schlottern und mit wachen Augen zu phantasieren; als sie sich zu Bett zu schleppen versuchte, blieb sie unterwegs auf der Treppe liegen, und dort fand sie Linde laut predigend und von einem mageren Fasan erzählend, dem sie mit der Geflügelschere beigekommen sei. Darüber erschreckte sie sich nun viel heftiger. Sie rief in der ersten Aufwallung nicht etwa den Dechanten, sondern Heinz, und mit dessen Hilfe brachte sie den alten Menschen unter Dach und unter die Bettdecke. Der Arzt fragte nachher lachend, ob das nun so weitergehen solle. Was Brigitt anging, so sah es ihm nach Nervenfieber aus, und er verordnete Eis. Es war alles in allem ein verhetzter, regenkalter, unwirtlicher Morgen gewesen, nur nicht für den Liebesverein. Die jungen Leute machten den Eindruck, als hätten sie die Sonne für sich gepachtet; wenigstens schien sie ihnen wie den transparenten Kürbisköpfen aus Augen, Mund und Nase, und alle Erregung störte ihnen nicht eine innerliche Heimlichkeit und Gewißheit, die sie sich überall neu bestätigten, wo sie einander vor die Augen kamen. Schließlich war der Dechant nur froh, als es für den Soldaten endlich Zeit war, zur Bahn zu gehen. Begleiten konnte ihn niemand. Der Dechant hieß ihn mit Gott gehen. Wie aber in der letzten Sekunde die Liebenden dann noch einmal aneinanderhingen und sich küßten, das ging ziemlich weit über Freundschaftsbezeigungen und sogar über bräutliche Liebesweise hinaus. Er erklärte sich diese Leidenschaftlichkeit lange mit den Schrecken des Krieges, in die das Mädchen den Soldaten wieder hineingehen sah, aber er stand noch heute unter dem beinahe körperlichen Eindruck, den ihm der Anblick gemacht hatte, und er konnte das Mädchen die nächsten Tage nicht ohne eine gewisse Scheu ansehen.
Die Voraussage des Arztes bestätigte sich; Brigitt hatte ein tüchtiges Nervenfieber durchzumachen, währenddessen sie sich auffallend mit der Klingse herumschlug und ewig nicht von einer gewissen Geflügelschere loskam. Fragte man sie aber danach, so wurde sie geheimnisvoll und fing an, Kochrezepte auszukramen, die meisten über Fasanen. Im Verlauf der Krankheit stellte sich auch noch ein Gelenkrheumatismus ein, so daß der alte Mensch genug zu schaffen hatte und der junge, der ihn pflegte, auch, nämlich Linde. Von der Tante erfuhr man weniger und nur, was sie wollte. Sie erklärte nach einigen Tagen vollständiger Abschließung von der Hausgemeinde, daß sie gestrauchelt und in eine Scherbe von der Glocke der Nachttischlampe, die mitgestürzt sei, gefallen sein müsse. Wirklich hatte man solche Scherben an jenem Morgen vom Boden aufgelesen, und alles schien eigentlich hinlänglich erklärt. Trotzdem spürte er, daß ihn aus den Vorgängen Geheimnisse anstarrten und ihm drohten. »Unwissenheit ist stets ein würdeloser Zustand!« dachte er unbehaglich. »Sie steht gleich neben der Unreinlichkeit.« Währenddessen sang unter dem Vorantritt der Musik die Gemeinde die Strophe: »In deiner heiligen Huld ertrinkt nun unsre Schuld. Es enden alle Pfade im Abendrot der Gnade! So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir!« Berührt hörte er auf diesen Text, der ihm in seiner mystischen Selbstherrlichkeit immer zu denken gegeben hatte, und auf die nächsten fünf Minuten vergaß er seine Fragen über die des tiefsinnigen alten Liedes.
Darauf näherte man sich dem bunten Waldrand und der ersten Passionsstation. Unter einer uralten Buche stand ein steinernes Kreuz und eine kleine Kapelle mit der Darstellung des betenden und kämpfenden Erlösers im Garten Gethsemane. Dort hielt er eine kurze Andacht, worauf der Zug wieder weiterging, zuerst auf einem etwas ausgefahrenen Waldweg an der Flanke des Hügels aufwärts und dann mit einer scharfen Kehre nach der waldfreien Kuppe, wo nun einem Feldweg nach von hundert zu hundert Metern die anderen Kapellen standen, fast alle unter wilden Apfelbäumen; jede enthielt ein Bild vom Leidensweg des Herrn, und vor jeder machte der Dechant einen kurzen, ehrfürchtigen Aufenthalt. Zuletzt auf der Höhe der Kuppe kam man zu einem alten Friedhof mit einer kleinen, ebenfalls alten und schon etwas verwitterten Kirche, das Ganze umstanden von einem Kranz gewaltiger hundertjähriger Buchen, die hier an Stelle einer Orgel aus sehr vollen Registern im Wind rauschten. Darunter lagen in Reihen die alten und die neuen Toten und warteten auf die Auferstehung des Fleisches. In die Kirche zog der Dechant mit seinem heiligen Gerät ein, das er dort auf den Altar stellte, unter den Klängen der Musik, die in der morschen Totenkirche wunderlich von den Wänden und der hölzernen Decke hallte. Währenddessen hatte sich die Mehrzahl der Gemeinde draußen um die aufgeschlagene Freikanzel aufgestellt, die der Dechant kurz darauf betrat, um den Leuten eine gedrängte und seltene Erntepredigt zu halten.
Zuerst verwies er auf die abgeernteten Felder hier oben auf dem Hügel und drunten im Tal — man sah sie zu beiden Seiten des Flusses erdbraun und frisch bestellt in der Sonne ruhend liegen und darüber auf ihrem Berg die alte Hessenstadt mit dem ehrwürdigen Dom — darauf auf die kleineren Felder des Kirchhofs, auf denen noch die letzten Blumen der Liebe blühten, und endlich auf die großen draußen in Frankreich und Rußland, wo der Tod die Ernte hielt, aber nicht behielt, denn er mußte alles bis zum letzten Hälmchen dem Schöpfer in die Scheunen der Ewigkeit einliefern; dort wurde der Segen nach seinem Willen von der Spreu befreit und in die Äcker der Unendlichkeit noch einmal ausgesät, um nun zu weisen, was darin steckte. »Und ihr könnt mir glauben, daß Gott eine schlechte Ernte nicht weniger fürchtet als wir«, sagte er. »Denn wie unser Glück und unsre Kraft ist sein Glück und seine Kraft von einer Jahresernte abhängig. Eine gute Ernte macht ihn froh und reich, eine schlechte schwach und arm. Wie habt ihr vorhin gesungen? ›So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir!‹ Wer das bedenkt und begreift, dem wird Gott unentbehrlich, und der wird Gott unentbehrlich. Habt ihr schon darüber nachgedacht, wer Gott ist? Vielleicht. Aber ihr wißt es nicht. Ich weiß es auch nicht. Seit tausend Jahren predigen und singen wir von Gott und kennen ihn nicht. Wir wissen nur, daß er unser Gericht sein wird. Und sicher werden wir seine Ernte sein. Aber wer er ist, dies schreckliche Geheimnis, meine Freunde, wird sich erst dort klären. Und erst dort wird sich auch in vollem Umfang das schreckliche Geheimnis klären, wer wir sind. Es kann sein, daß wir uns voreinander entsetzen und unsern Anblick nicht ertragen! Es kann auch sein, daß wir einander liebend in die Arme stürzen, durch Ewigkeiten und Unendlichkeiten unaussprechlich beglückt stürzen, weil wir grenzenlos sein und nach dem letzten Ende keins mehr finden werden. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir! Singt diesen Vers zu Hause euch noch oft vor und bedenkt ihn noch öfter. Er kann euch sehr frei und übermütig machen, nämlich in Gott.
Aber wir wollen zu den großen Erntefeldern in Frankreich und Rußland zurückkehren. Es ist die Frage aufgeworfen: Hat Gott diesen Krieg gewollt, oder hat er ihn zugelassen? Meine Freunde, wer von euch in seiner Ernte einen Apfel fände, wie das eine Frage ist, der würde wenig Freude daran haben. Wollen wir ein Gewitter? Manchmal wünschen wir eins, und dann kommt's, oder es kommt nicht. Lassen wir's zu, wenn es kommt? Wir könnten's nicht abhalten, wenn wir schon wollten. Glaubt ihr denn, Gott sei allmächtiger als wir? Wenn ihr's glaubt, warum sündigt ihr dann noch? Wenn ihr's aber nicht glaubt, warum seid ihr nicht stolzer? Wenn der Frühling mit Stürmen und Gewitterregen kommt, was tut ihr? Ihr bestellt euren Boden. Das Wetter ist da, und ihr seht, daß eine Ernte daraus wird. Denkt nicht, daß Gott ein schlechterer Landwirt sei als ihr! Glaubt nicht, daß es für ihn nicht auch gutes Wetter und schlechtes Wetter gebe! Vielleicht ist ein großer Krieg für ihn ein fruchtbarer Sommer. Ist er für uns nicht auch einer? Wofür führen wir eigentlich diesen Krieg? Was wollen wir kriegen? Meine Freunde, wenn wir nicht in diesem Krieg Gott und unsre Seele kriegen, so verlieren wir den Krieg! Was glaubt ihr aber, wofür Gott in den Krieg ging? Um uns zu strafen? Kann ich mit einem Hagelschlag, in den ich gehe, meine Kinder strafen? Ich könnte mir's einbilden, aber es wäre keine sehr großartige Einbildung. Er ging in den Krieg um seine Ernte. Er sucht uns auf jede Weise und in jedem Wetter zu kriegen, weil er's ohne uns nicht machen kann, kein Jahr, keinen Monat, keinen Tag. Er hat mehr Leidenschaft als wir; das unterscheidet ihn von uns. Er ist immer, was wir sind, wenn wir in einer heftigen Liebe liegen. Darum, wenn nun einer von euch kommt und fragt: ›Was soll ich mit diesem Krieg?‹, dem bin ich um keine Antwort verlegen. Ich sage ihm, verhalte dich dazu wie Gott, nur von der andern Seite. Hänge dein ganzes Herz daran mit aller Leidenschaft, als ob er deine Liebste wäre. Versteh mich recht, du sollst nicht dein Herz an die Zöpfe und Zähne deiner Liebsten hängen, das wäre eine Erbärmlichkeit gegen dich, denn du bist unsterblich, und ein Unrecht gegen sie, denn sie ist sterblich.
Was aber Gottes nächste Ernte angeht, um die kümmern wir uns nicht! Grundsätzlich nicht. Das ist seine Sache. Wir kümmern uns nur um unsre demütige Leidenschaft, daß sie die rechte Farbe hat, um unsern heiligen Zorn, daß er immer heiß und gerecht brennt, und um unsere Frömmigkeit, daß wir weiterhin die Herzen damit bewegen. Ich sage euch, Gott wird sich ebenso in Leidenschaft, Frömmigkeit und Zorn um uns bekümmern, denn wir sind seine Ernte. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir! Wir singen jetzt diese Strophe noch einmal miteinander.«
Das war die Bergpredigt, die nachher soviel von sich reden machte, und die ihn angesichts der schweigenden Gräber, der brausenden Bäume und des weiten, hellen deutschen Landes geradeso überfallen hatte, wie er die Gemeinde damit überfiel. Seine Hilfspfarrer, die ihn bei allen Aussetzungen, die sie an ihm machen mußten, aufrichtig liebten, taten in der Folge, was sie konnten mit Auslegen und Deuten, bis er wenig oder nichts anderes gesagt hatte, als was die Kirche schon seit tausend Jahren sagte, und was alle andern auch sagten. Aber jedenfalls hatte er sich seine innere Spannung und seine Erregung vom Herzen gesprochen, wenigstens für jetzt und hier.
An die Predigt schloß sich eine kleine Frühstückspause an, in welcher jeder seinen mitgebrachten bescheidenen Mundvorrat verzehrte. Der Dechant legte es der Gemeinde ans Herz, ihre Papiere wieder einzustecken, als ob sie Banknoten wären, um nicht den geweihten Platz durch ihr Nachgelassenes zu verunzieren. Er trat fragend und hörend zu dieser und jener Gruppe, eine Unternehmung, über die sich jedermann baß verwunderte, denn er war in den letzten Zeitläuften nicht mehr oft unter den Leuten zu sehen. Wenn er nicht zwischen dem Mauerschutt steckte, so saß er in seinem Arbeitszimmer, und die Seelsorge hatte er beinahe ganz auf seine Gehilfen abgeschoben. Wer etwas von ihm wollte, mußte ihn ausdrücklich erst auftreiben und hatte dann noch leicht an seiner Ungeduld zu leiden oder an seiner menschlichen Teilnahmlosigkeit. So war er nach und nach aus einem Bruder oder Vater zu einem großen Tier geworden. Wo er hinkam, da hörten denn auch die Leute auf zu essen, machten Reverenzen, wenn sie standen, und erhoben sich eilfertig, wenn sie saßen, und andere als ehrfürchtige oder scheue Antworten bekam er nirgends zu hören.
Zweites Kapitel Die Tante wird geschröpft. Die Herzenskälte bereitet Unheil vor. Die Unwissenheit fährt fort, im Haus eine Rolle zu spielen

Inzwischen machte die Tante ihre Ankündigung wahr und stand zum erstenmal wieder auf; die Prozession hatte sie bereits bei fortgeschrittener Toilette betroffen. Sie war etwas blaß und litt noch an ihren Nerven, so machte der fromme Aufzug eine gewisse Wirkung auf sie, wie ja Genesende für rührende oder feierliche Eindrücke überhaupt empfänglich sind. Sie hielt sich freilich für »religiös beeindruckt« und machte sich über ihre »Ergriffenheit« allerlei schöne und literarische Gedanken, worin das liebe Volk und die deutsche Seele hauptsächlich auftraten, aber Gott und die kühnen Wahrheiten der christlichen Lehre nur nebensächlich. Eben hatte sie festgestellt, daß religiöse Stimmung und »rationalistische« Lebensauffassung sich gar nicht widersprächen, weil sich diese ja auch zum Beispiel mit Lyrik und Musik und mit dem Traumtanz vertrügen, also ebenfalls mystischen Stimmungen, und sie war im besten Zug, noch eine ganze Reihe wohlunterrichteter Feststellungen zu machen und sich noch an viele andere, die sie gelesen hatte, zu erinnern, als die Pflegerin hereintrat und die Neuigkeiten des Morgens brachte, und zwar so mürrisch, wie sie sie noch nicht gesehen hatte.
»Hier sind die Briefe und Zeitungen«, warf sie hin, ihr die Post reichend. »Und dann wollte ich sagen, daß ich jetzt gehe. Ich habe von diesem Haus genug.«
»Wieso?« fragte die Klingse verwundert. »Ich habe Ihnen ja noch nicht gesagt, daß ich Sie entbehren kann. Warten Sie doch, bis ich Sie entlasse.«
»Was ist da viel zu warten? Bin ich nicht mein freier Herr? Sehen Sie, daß ich meinen Lohn kriege. In einer halben Stunde will ich heraus sein.«
Über diese patzige Antwort mit Recht etwas geärgert, meinte die Klingse: »Nun, das ist vielleicht süddeutsch.« Daneben bemerkte sie mit Mißfallen, wie rasch ihre Nerven in Schwingung gerieten. »Hier hat man ja über viele Dinge andere Begriffe. Wir sind nicht gewöhnt, daß eine Krankenwärterin mitten aus der Pflege davonläuft.«
Natürlich begann sich die Pflegerin nun auch zu ärgern. »Die Pflege, was die Pflege ist, die ist fertig«, sagte sie, indem sie zum erstenmal nun auch gegen ihre Patientin unverschämt wurde. »Wenn Sie mehr wollen, so müssen Sie sich eine Maniküre bestellen. Sonst gehen Sie vielleicht in ein Sanatorium; dort ist alles los.«
»Sie überlassen das wohl mir!« bat sich die Klingse aus. »Was ist das für ein Ton? Sagen Sie, was ich Ihnen schuldig bin, und dann wird es mir auch lieb sein, wenn ich Sie nicht länger sehen muß!«
»Mir kann man hier nicht großartig kommen«, erwiderte die Person mit einer vielsagenden Kopfbewegung. »Unsereins sieht doch, was in einem Haus los ist. Ich kann die Leute hier nicht besonders leiden; der Pfaffe hat mir sogar heute früh die Tür gewiesen, weil mein Alter besoffen hereinstolperte und Krawall machte. Aber bessere Säfte haben Sie schon. Soviel war in den drei Wochen zu riechen, besonders als Ihre Wunde noch offen war. Was für eine Wunde war denn das, wenn man fragen darf? Das mit dem Scherben von der Lampenglocke machen Sie ja mir nicht weis. Wissen Sie was? Ich glaube an die Geflügelschere der verrückten alten Magd, mit der sie das Haus vollschreit; ich hab' mir sie daraufhin angesehen. Dann hab' ich mir doch auch die Blutspur im Gang angesehen; sie kam von dem Zimmer, in dem der Leutnant die letzte Nacht geschlafen hat — oder auch nicht geschlafen, was geht's mich an. Man soll also keine großen Worte an mich hinreden. Oder meinen Sie, ich sehe nicht, was Sie dem Mädchen zu schaffen machen? Es wird die Magd aufgestiftet haben. Schön, ich hätte sie auch aufgestiftet. Mir haben Sie gute Tage gemacht. Warum? Sie dachten, ich werde Ihre Partei nehmen. So geschwind nimmt unsereins nicht Partei. Meine Taxe ist fünf Mark den Tag. Vier ganze Nachtwachen zu zwanzig und sechs zu zehn. Macht zusammen zweihundertundfünfzig Mark. Die Taxe nämlich.«
Die Klingse spannte ihre Augenbrauen sehr hoch. »Soll das ein Erpressungsversuch sein?« fragte sie etwas schrill. »Dann hätten Sie sich in mir verrechnet.«
»Ich habe Ihnen die Taxe gesagt. Über Versuche unterhalten wir uns nicht.«
Noch einen Moment behielt die Genesende den erhabenen Schein bei, dann fühlte sie sich unter dem kalten und teilnahmlosen Blick des Weibes von einer menschlichen Schwäche angewandelt, in deren Verlauf sich alles zur Zufriedenheit der Pflegerin abwickelte, und zwar unter vollkommenem Schweigen. Der Klingse freilich zitterten die Hände vor Erregung und Ärger, und zum Schluß konnte sie sich doch nicht enthalten, noch einen großen Abschluß zu versuchen.
»Ich hätte Sie gegen den Herrn Dechanten im andern Fall verteidigt, daß Sie noch länger bleiben konnten, denn eine so gute Stelle werden Sie nicht jeden Monat bekommen. Aber bei dieser Aufführung ist mir die Lust dazu natürlich vergangen.«
»Schon gut«, meinte die Person kurz und strich ihr Geld ein. »Wenn Sie wieder Bedarf bekommen. Wünsche bald vollständige Wiederherstellung.« Damit ging sie. Ihr Handkoffer stand schon gepackt vor der Tür. Unten an der Treppe begegnete ihr Linde.
»Gehen Sie denn schon, Frau Kienold?« fragte sie bedrückt. »Wollen Sie nicht vorher etwas essen?«
»Kann mir selber Essen kochen«, erwiderte die Gefragte übellaunig. »Sie bilden sich wohl ein, daß man nichts zu tun hat, als auf Ihren Fraß zu warten. So schlecht wie bei Ihnen habe ich lange nicht mehr gegessen, das muß ich schon sagen, und so elenden Kaffee habe ich überhaupt noch nie getrunken. Es ist eine Schande, daß man so was einer Krankenpflegerin zu bieten wagt. Aber das ist wohl katholisch.« Sie überflog sie mit einem mißfälligen Blick. »Es hat's nicht jede so bequem, eine Wache vor die Tür zu stellen, wenn sie mit einem Offizier Abschied feiert«, sagte sie dann anzüglich. »Aber eine Person, die Augen und Ohren hat wie ich, hätte ich etwas mehr traktiert an Ihrer Stelle. Nun, das wird sich alles noch lernen; ich habe auch gelernt. Mahlzeit.«
Es wäre ihr sehr schwer geworden, bei ihrem Abzug ihrem Ruf etwas nachzugeben, und sie tat sich darum diesen Zwang auch nicht an. Linde dagegen, die von den Menschen immer mehr Gutes als Übles erwartete, sah sie mit Bestürzung ziehen. Sie machte zum erstenmal in ihrem Leben die traurige Erfahrung, daß es kein unbedingtes Geheimnis gibt, denn es finden sich immer Leute, die es wittern oder es aus gewissen Naturschlüssen voraussetzen, weil es wenigstens als Möglichkeit in der Luft liegt. Doppelt schwer zu ertragen schien es ihr, ihrem reinen Besitz so entstellt und durch die Gemeinheit verzerrt zu begegnen, und über allem stand sie unerwartet vor der Frage, wie sie sowohl der Entwertung als der Entdeckung überhaupt entgegentreten wolle, denn sie begriff wohl, daß ihre ganze Würde und der sittliche Wert des Erlebnisses davon abhingen, ob sie Herrin und Verwalterin des Geheimnisses blieb, oder ob es zum kurzweiligen Histörchen geworden in der Leute Mäuler und als Vergehen zur Aburteilung kam.
Sie war noch auf keinen Entschluß gestoßen, als die Tante in einem weißen Kimono langsam und blaß die Treppe herabstieg. Sie sah sich mit den Blicken einer Genesenden großäugig nach allen Seiten um, aber zu gespannt, um beschaulich zu sein. Lindes teilnehmend gütige Frage nach ihrem Ergehen wies sie ab und fand dafür, daß im Haus keine gute Luft herrsche, und daß allgemeiner Durchzug gemacht werden müsse. Mit der Gelegenheit könne Linde ihr Zimmer einmal gründlich vornehmen, das es schon lange nötig habe; mit Reinlichkeit und Akkuratesse sei sie nicht gerade inkommodiert worden, obwohl diese heute zum ersten Erfordernis der Krankenpflege gehörten, aber hier gehe nun einmal alles mehr provinzmäßig zu. Auch Eier gehörten zur Krankenpflege; ob sich Linde inzwischen welche verschafft habe, damit sie wenigstens zum zweiten Frühstück eines bekommen könne? Linde bot etwas Schinken an, aber die Tante dankte; wenn sie Eier wünsche, so wünsche sie nicht Schinken. Ob im Salon geheizt sei? Linde verneinte; sie habe das Eßzimmer geheizt, das gegen Süden liege. Die Tante lachte geärgert. Sie wolle aber nicht im Eßzimmer sitzen, sondern im Salon; wozu sei ein Salon denn da? Bürgerliche Hausordnungen seien die irrationellste Sache von der Welt; sie werde nie dahinterkommen, warum zum Beispiel hier immer zuerst das Speisezimmer aufgeräumt werden müsse, sogar dann, wenn eine Kranke zum erstenmal wieder aufstehe und Bequemlichkeit verlange. Mit leicht geröteten Wangen entgegnete Linde, daß sonst die Wohnstube zuerst aufgeräumt werde und sie gerade heute die Ausnahme gemacht habe, weil sie gedacht habe, daß ein Genesender die Sonne suche; an Bequemlichkeit werde es ihr nicht im Eßzimmer fehlen, da sie den alten Lehnstuhl zum Fenster gerückt habe.
»Es ist schon gut«, machte die Tante abwinkend. »Du brauchst dich nicht zu erklären; du hast ja immer die besten Intentionen gehabt, wenn es etwas zu monieren gibt. Das ist man gewöhnt. Mache jetzt nur Durchzug im Haus, damit die stickige Luft hinauskommt; es ist ja hier nicht zu atmen. Mein Zimmer laß ordentlich durchlüften. Hole mir vorher von oben das Buch, das auf meinem Nachttisch liegt, und bringe mir's in Gottes Namen ins Eßzimmer. Daß ihr auf dem Land diese Angst vor frischer Luft habt. Aber bei dem versteckten Leben, das ihr führt, ist das ja schließlich kein Wunder.«
Linde ging das Buch holen und brachte es mit verschlossenem Gesicht; wer sie kannte, der wußte, daß sie zürnte.
»Hast du auch die Brille? Du weißt, daß ich ohne Brille nicht lesen kann. Ich finde dich nicht übertrieben aufmerksam. Du sprachst damals im Roten Kreuz so vieles von den herzlichen Beziehungen zu den Kranken und Verwundeten. Vielleicht erstrecken sich die mehr auf das männliche Geschlecht. Mir in meinem Teil ist Exaktheit lieber. Bringe mir auch mein Plaid mit.«
Linde holte schweigend auch die Brille und das Plaid.
»Es wäre nötig, daß der ganze Boden in meiner Stube endlich einmal aufgewaschen würde«, bemerkte die Tante noch mit zuckenden Nerven und in einem solchen Zustand von Erregtheit, daß Linde sich innerlich über sie entsetzte. »Ich wollte die Pflegerin heute ausnahmsweise damit beauftragen, weil ich aufstand und ich sie solange nicht brauchte, aber da man in diesem Haus über mich weggreift, so kann ich dir nicht helfen. Diese Tannenböden und Fugen entwickeln bei der mangelhaften Sorgfalt nämlich einen Staub, daß bei jedem Tritt eine Wolke aufsteigt und sich dann natürlich auf den Kranken legt. Ich habe ständig Schmerzen in den Bronchien und Hustenreiz. Besonders unter den Möbeln muß naß aufgenommen werden. Du hast ja wohl noch soviel Zeit; die Prozession soll nicht vor zwei zurück sein.«
Anstatt zu lesen, saß sie jedoch leise fröstelnd in der Sonne und begann zu überlegen. An eine Abreise konnte sie zunächst wegen ihres Zustandes noch nicht denken, und außerdem war es ihrem Ehrgeiz unmöglich, sich vorzustellen, daß sie den Platz verlassen würde, ohne eine Genugtuung von den hiesigen Menschen und Verhältnissen genommen zu haben. Sie war beleidigt, erbittert, verletzt, nicht nur körperlich, geschwächt und aufgebracht, und ihre Fassung war die Frucht von Anstrengungen, die mehr Kraft auffraßen, als ihr blutarmer Körper vorläufig von Tag zu Tag herstellte. Bisher hatte sie nur gelegen, gewartet, gehorcht, gespäht, wenn ihr jemand von den Hausleuten vor die Augen kam, ihre Schmerzen ertragen und in schlaflosen Stundenreihen sich fruchtlos und aufreibend mit den Vorgängen jener Nacht und allen Möglichkeiten, die sich daraus ableiten konnten, herumgeschlagen. Nach ihren ersten Auskünften über die Ursachen des Unglücks war zwar keine Frage mehr an sie gekommen, auch nicht die, vor welcher sie besonders auf der Lauer lag: die Frage nach der Blutspur. Inzwischen wurde es nicht nur peinlicher, sie noch zu stellen, sondern hatten sich auch Antworten für sie gefunden; es war wohl nichts natürlicher, als daß sie in ihrem Zustand Hilfe holen wollte. Auf einen offenen Skandal, dachte sie, werde es ohnehin niemand ankommen lassen wollen. Fortdauernde Sorge bereitete ihr die Magd, die nach ihrer Wiedererkräftigung aus religiösem Bedürfnis ihre ganze feine Rechnung über den Haufen rennen konnte, und zwar trotz ihrer rheumatischen Knochen. Sicher schien es der Klingse freilich nicht, denn wenn nicht alles täuschte, so sollte der Kranken eigentlich nach dem Attentat eine gewisse Scheu zurückgeblieben sein, die sie der ersten Wiederbegegnung mit der Feindin ebenso beklommen und ängstlich entgegensehen lassen mußte, wie die Klingse erregt und unfrei sich selber auf dies Ereignis gefaßt machte. Indessen versuchte sie sich damit zu beruhigen, daß es bis dahin noch Weile habe. Sollte die Magd plappern, so konnte sie sagen: allerdings, sie habe nach gewissen Geräuschen draußen sehen wollen und sei ganz plötzlich von dem alten Menschen, wohl im ersten Stadium der Krankheit, überfallen worden. Damit war das meiste abgeschnitten, und das andere blieb als Drohung für das Mädchen unausgesprochen in der Luft hängen. Und übrigens, so dachte sie, kam alles darauf an, zu sorgen, daß ihre wahren Pläne undurchsichtig blieben.
Diese Pläne hingen eng zusammen mit dem seltsamen Gedankenaustausch, der eben zwischen ihr und Heinz angehoben hatte. Sein erster Brief war von ihr mit tiefer und hilfloser Erregung entgegengenommen und wider den eigenen Wunsch, eigentlich nur aus Schwäche und Haltlosigkeit, gelesen worden. Die Kenntnisnahme hatte sie dann auf bittere Weise erheitert, weil Heinz sich auf Linde als Anregerin des »Schrittes«, wie er seinen Brief bezeichnenderweise nannte, ausdrücklich berief. Aber der ganze Vorfall war ihr doch zugekommen wie das Brettchen dem Schiffbrüchigen, und sie war nicht die Frau, die sich an dergleichen nicht eifrig und geschickt anklammerte. Das Anklammern war so recht ihre Kunst; sie glich darin jenen Brackwassertierchen, die man auf ganze Bündel von Hälmchen und Zweigen verankert findet, in ihrem Fall anerkannte Einrichtungen und persönliche Handlungen, Künste, Wissenschaften, Bäder und Bücher, und ihr Brackwasser war die gebildete Gesellschaft. Seit jenem Brief, den sie mit großer Mühe selber beantwortet hatte, fühlte sie in sich eine stille, lauernde Aufmerksamkeit, eine Behutsamkeit des geistigen Schrittes, die nun für die nächste Zeit keine, auch nicht die kleinste Veränderung ihrer äußeren Lage erlaubte, und das war ihr andrer Grund, warum sie an die Abreise zunächst nicht denken konnte. Bevor sie wußte, was aus der neuen Möglichkeit ungefähr werden wollte, schien es ihr nötig, auch äußerlich in den Umständen zu bleiben, in denen er sie kennengelernt hatte und ihr — das war der richtige Ausdruck — verschuldet worden war. Denn das hatte sie sofort herausgemerkt: seine Briefe diktierte das schlechte Gewissen, die Unsicherheit über seine moralische Lage, die unbefriedigte sinnliche Begehrlichkeit seiner Jungemannsnatur. Da war ein Erlebnis ungenossen geblieben, sogar ein außerordentliches; wie konnte er dabei beruhigt sein! Wie man weiß, hatte sie mit diesen Berechnungen leider recht. So verzweifelt ihr vorher ihre Umstände geschienen hatten, so interessant kamen sie ihr jetzt vor, und manchmal spiegelten ihr ihr Ehrgeiz und die blassen, dünnen Träume ihres Blutes für alle ausgestandene Schmach ein reiches Maß von Genugtuung und sogar eine Art von fraulichem Spätglück vor; aber in diese Träume sah sie noch sehr zweifelnd und dürr hinein, und sie war noch nicht so weit, daß ein längeres Verweilen dabei ihr ungestörtes Vergnügen bereitet hätte.
Über dem Denken und Erwägen sprang einmal unerwartet die Tür vom Wohnzimmer auf und kam Bob, der seinen Lieblingsplatz am Fenster aufsuchen wollte, hinter seiner schwarzen Nase her ins Eßzimmer. Sie erschrak zuerst heftig über die unerwartete Erscheinung, dann ärgerte sie sich über den kalten Luftzug, der aus dem ungeheizten Nebenzimmer durch die offen stehende Tür hereinströmte.
»Mußt du stupide Kreatur denn eine Tür immer wagenbreit aufstoßen, wenn du irgendwo hereinkommst?« schalt sie aufgebracht. »Nun soll ich wahrhaftig deinetwegen aufstehen und schließen. Aber ich werde dir deine wahre Stellung gegenüber den Menschen noch anweisen.« Bob hatte, als er ihrer ansichtig wurde, sofort die Ohren zurückgelegt und war unschlüssig stehengeblieben. Als sie sich nun erhob, duckte er sich etwas und stieß ein leises, unbehagliches Knurren aus. Darüber noch mehr erschreckt als empört, blieb auch sie stehen und fixierte ihn unruhig, während sie es durchaus für möglich hielt, daß er auf sie loszugehen beabsichtige. Aber seine brave Seele dachte nicht daran, sondern nachdem er sich den Achtungsabstand erknurrt hatte, drehte er sich langsam um und ging hinaus, froh, diese unerwünschte Gesellschaft verlassen zu können. Die Klingse jedoch, der die Knie vor Erregung wieder zitterten, setzte sich in ihren Stuhl zurück und verließ ihn zunächst auch nicht mehr, obwohl sie sich über den kalten Luftzug erbitterte. Nachdem sie dann doch wieder soviel Kraft gesammelt hatte, bekümmerte sie sich nicht so sehr um die Schließung dieser Tür als um die Öffnung der anderen im Haus. Wie sie richtig vermutete, war der befohlene Durchzug nicht gemacht worden, und um ihren Willen zu bekommen, machte sie ihn selber. Sie öffnete alle Türen samt der Haustür, dazu die Fenster, wo sie sie erreichen konnte, und dann stieg sie die Treppe hinauf, um auch dort für Lüftung zu sorgen. Zuletzt tat sie die Tür zu ihrem Zimmer auf, wo sie Linde immerhin dabei fand, mit dem Lumpen um den langen Schrupper den Boden unter dem Bett aufzuwaschen. Als sie eintrat, flogen vom Durchzug die Vorhänge weit ins Zimmer herein, denn es wehte, wie schon gesagt, eine frische Brise von den Bergen, aber das war es gerade, was sie wünschte. Daß Linde von Arbeit und Eile — sie hatte sonst noch genug Geschäfte an den Fingern hängen, und das Essen wartete — erhitzt war, regte sie weiter nicht zum Nachdenken an. Linde durchschauerte es auf dem Fleck von dem kalten Zug, aber auch sie achtete nicht darauf, sondern machte nur, daß sie fertig wurde.
»Die Fenster könnten ebenfalls gewaschen werden«, sagte die Tante noch, indem sie sich mit einem befriedigten Blick zurückzog. »Sie sind wirklich nicht mehr zu rein. Und oben über den Vorhängen fliegt Spinnweb.«
Linde besorgte das Zimmer fertig und machte nachher gefaßt die Fenster und Türen wieder zu, wie die Tante sie ungehalten aufgerissen hatte. Zu einer grundsätzlichen Erkältung hatte sie aber inzwischen genug Gelegenheit gehabt und sie, wie sich später herausstellte, nicht versäumt. Die offene Haustür war unterdessen von Bob benutzt worden, der sich draußen einen Platz in der Sonne suchte. Dort lag er verdrießlich und etwas erregt mit dem Kopf zwischen den Vorderpfoten und lauerte mit dem einen Auge auf fremde Hunde, aber es kamen keine.
Was Linde anging, so befand sie sich längst nicht mehr in guten Gesundheitsumständen. Sie litt viel an Magenbeschwerden, und eine genauere Untersuchung würde ergeben haben, daß sie unterernährt war, noch ganz abgesehen von der Überanstrengung ihrer feingliedrigen Konstitution durch übermäßige Arbeit und ihres Nervensystems durch Nachtwachen bei der kranken Magd oder über ihrem Liebesgeheimnis und ihrer Sorge um den fernen Freund. Die letzten Wochen waren ihr vergangen mit Fegen und Scheuern, Zimmeraufräumen, Kochen, Wassertragen, Waschen, Bügeln, und Gott wußte, was sonst noch alles. Den ganzen Tag hatte sie die Hände voll, wurde sie verlangt bald in den Krankenzimmern, bald vom Dechanten, bald von Leuten, die mit ihr zu unterhandeln hatten, plagte sie sich mit einem unbeweglichen, schweren Menschen, abgesehen von der Herbstarbeit in Garten und Keller und der Einmacherei, die auch getan sein wollte. Die Tante hatte ihr beizeiten vor Augen gehalten, wie unrecht und beschämend es wäre, dem Dechanten noch ein Weib ins Haus zu ziehen, nachdem schon viere darin lägen oder herumliefen. Wenn sie wieder auf sein würde, wollte sie selber mit angreifen, solange müsse Linde allein zustande kommen, zumal sie ein junger Mensch sei, der sich auch einmal etwas zumuten könne.
So mutete sie sich denn zu und war weder kleinlich noch ängstlich; sie hätte nur gern etwas frohere Beweggründe gehabt, der Tante zu Willen zu sein. Hatte diese früher gestört, so herrschte sie jetzt, mehr, als sie zunächst selber wußte, alles kraft des unausgesprochenen, drohend schwebenden Geheimnisses, von dem zwar das Mädchen die tatsächliche Seite besaß, das aber die Tante rücksichtsloser handhabte, so daß sie die Wirkung davon ausübte. Manche Leute haben ein besondres Geschick darin, einen andern »etwas spüren zu lassen« und ihn aus der Sicherheit des Herzens zu schrecken, ohne ihrerseits aus dem Hinterhalt zu treten, aber die rechten Künstler sind die, die auch noch faßbare Ergebnisse herauszuziehen wissen, während sie still und tückisch fortfahren, hinter dem Busch zu halten. Ein solcher verängstigter, unerfahrener Mensch gibt dann willig alles dran, nur um sein bestes Gut vor Entweihung und seinen Talisman vor Entkräftung zu bewahren. Dazu kam noch als weiterer moralischer Druck, daß Linde, wie gesagt, an einen Selbstmordversuch der Tante glaubte, wodurch eine Strenge und eine Verantwortung mehr auf ihre Liebe gelegt waren.
Nun hatte sie kaum die Kocherei weiter in Gang gebracht, so stieg sie heute schon zum zehntenmal nach oben unters Dach, um nach der kranken Magd zu sehen. Brigitt war jetzt fieberfrei und sah aus müden und alten Augen sehr schweigsam in den neugeschenkten Tag, dem sie offenbar noch nicht viel Freudigkeit entgegenbrachte, denn zunächst machte ihr der Anfall von Gelenkrheumatismus zu schaffen, und anstatt sich dem so nötigen Genesungsschlummer hingeben zu dürfen, litt sie an Schlaflosigkeit. Das bedeutete für Linde wieder Nachtwachen, besonders wegen der Herznot, die den geschwächten alten Menschen sehr ängstigte und mitnahm und ihn zunächst noch auf absehbare Zeit nicht vom Boden aufkommen ließ. Linde konnte sich eigentlich nie länger als auf eine Viertelstunde von der Kranken entfernen, und auch dies tat sie noch unter ständiger Unruhe. Ihre letzte Nacht war mittelmäßig gewesen, doch brachte dann der Morgen zwei Stunden leichten Schlaf, aus dem sie eben vorhin das Getöse eines im Durchzug zugeschmetterten Fensters aufgeschreckt hatte, dem noch drunten im Haus eine Tür gefolgt war.
»Ist's heut so windig?« fragte sie mit müder Stimme das eintretende Mädchen. »Es sieht draußen so warm aus.«
»Hat dich das Fenster geweckt?« fragte Linde mit geheimen Unmut zurück. »Ich hab's nicht aufgemacht, Brigitt.«
»Wer denn?« wunderte sich die Haushälterin. »Hast du jemand zur Hilfe eingestellt? Das wäre gut, Linde.«
»Nein, ich habe niemand eingestellt. Aber die Tante ist heute zum erstenmal aufgestanden und hat gefunden, daß im Haus schlechte Luft herrsche.«
»So, ist sie wieder auf?« Und nach einem kleinen bitteren Schweigen sagte sie noch: »Ich liege nun so weiter. Ich dachte immer: ›Welche wird die Geschwindere sein?‹ Sie war die Geschwindere. — Aber es ist gut, so wird sie bald abziehen.«
Linde hatte sich für ein paar Minuten auf den Stuhl beim Fenster gesetzt.
»Die Pflegerin ist nun auch aus dem Haus«, berichtete sie, nur um etwas zu sagen.
»Siehst du?« griff Brigitt eifrig auf. »Dann geht sie auch bald, sonst hätte sie die Kienold nicht entlassen.«
Linde erwiderte nichts darauf, und eine Weile war es still in dem kleinen, sonnigen Zimmer. Auch hier hatte Linde für weiße Vorhänge gesorgt, und auf dem Tisch stand ebenfalls in einer Vase ein Strauß Astern. Vor dem Fenster hatte Brigitt dann noch einen ganzen kleinen Garten hängen, von dem aber nun das meiste verblüht war. Ein »fleißiges Lieschen« wimmelte mit seinen kleinen roten Blümchen zwar noch ganz uneingeschüchtert im Wind; aber die Geranie wehrte sich bereits in ernsterer Stimmung gegen den kränkenden Einfluß des Spätherbstes, und ein Nelkenstock verrichtete seine letzten Taten. An den Scheiben wumste eine dicke, pelzige Winterfliege herum. Draußen riefen ein paar Meisen. Endlich nahm Brigitt aus ihren trüben Gedanken wieder das Wort.
»Sag mal, Linde — mir ist doch so im Kopf, als hätt' ich recht phantasiert«, hob sie behutsam an. »Was hab' ich denn so geschwatzt, hm? Ober hab' ich nichts geschwatzt?«
»Und ob du geschwatzt hast«, versetzte Linde. »Sogar gepredigt hast du wie ein Kapuziner. Man konnte es manchmal im ganzen Haus hören. Aber es kam nicht viel dabei heraus. Immer hattest du es mit einer Geflügelschere zu schaffen und mit einem mageren Fasan. Wenn man aber auf dich einging und etwas fragte — der Onkel versuchte es ein paarmal —, so wurdest du ganz geheimnisvoll und fingst an, Kochrezepte auszukramen. So gut du sonst kochst, so möchte ich doch niemand raten, sich danach zu richten. Ich glaube, nicht einmal Bob würde es nehmen.«
»So, so, von einer Geflügelschere — sag mal, wo ist sie eigentlich hingekommen, die Geflügelschere«, platzte sie plötzlich heraus. »Ich meine, wie — wie ich darauf gekommen sein mag«, suchte sie erschreckt zu verbessern. »Etwas muß doch damit sein.«
»Ach, das weißt du noch?« wunderte sich Linde. »Du hast sie auf dein Zimmer geschleppt. Man fand sie auf dem Tisch. Ich habe sie dann heruntergenommen und versorgt. Der Kreisphysikus sagt, das kommt oft vor, daß sich eins so an Nebendinge hängt mit seinen Phantasien.«
»Sie haben darüber gesprochen miteinander, die Männer?«
»Nun ja, warum sollten sie nicht. Sie haben sogar viel darüber gelacht, das heißt der Kreisphysikus. Der Onkel hat nicht gelacht, der sah immer sehr ernst drein; ich glaube, er hatte große Sorge um dich. — Ist dir etwas, Brigitt?«
»Nein, gar nicht. Nur die — Geflügelschere. Weißt du, solche Phantasien — sie laufen einem noch eine Zeitlang nach. — Wie sieht sie denn aus — die Klingse mein' ich. Und was war denn überhaupt los mit ihr?«
Linde zögerte einen Augenblick. »Sie sagt, daß sie beim Straucheln, während sie zu Bett wollte, die Nachtlampe vom Tisch gerissen habe und dann in eine Scherbe gefallen sei. Es scheint, daß sie viel Blut verloren hat. Man fand sie am andern Morgen ohnmächtig auf ihrem Teppich. Jetzt ist sie noch sehr nervös und bleichsüchtig.«
»In — in ihrem Zimmer drin ist das passiert?« fragte Brigitt unter schwer niedergehaltener Erregung. »Und beim Ausziehen? Hm! Mir war doch, ich hätte sie so um ein Uhr herum droben gehört und — sogar gesehen.«
»Du hast sie gesehen?« horchte Linde auf. »Das muß ich dem Onkel berichten. Es scheint, daß sie draußen Hilfe holen wollte. Wir haben nämlich eine Blutspur nachher gefunden, die fast bis an Heinzens Tür lief.«
»So, so, hat man die gefunden? Ich wollte sagen, ist das so zugegangen? Dann hat Heinz sie wohl nicht klopfen gehört, und sie ist umgekehrt. Wenn sie jetzt nur nicht sagt, daß er gar nicht im Zimmer — du, wird dir nicht was überlaufen oder anbrennen in der Küche?«
»Ich werde sehen gehen«, sagte Linde, tief mit Rot übergossen, und erhob sich. »Kann ich dir irgend etwas tun?«
»Nein, mir ist ganz gut. Die — Prozessionsmusik heut früh hat mir wohlgetan. Wie spät ist's? Ich denke, sie werden bald zurückkommen.«
Linde gab die Zeit an und ging, und Brigitt blieb erregt und mit sich unzufrieden allein zurück. »Ich bin noch ganz blödsinnig«, brummte sie verdrießlich. »Ich hab' mich fast immerzu verraten und zum Schluß das Mädchen erröten gemacht. Wer seine fünf Sinne nicht beisammen hat, muß das Maul halten und mit dem Ausfragen warten, bis er wieder klar denken kann.« Inzwischen verhehlte sie sich nicht ein deutliches Gefühl der Erleichterung über die immerhin eingebrachten Auskünfte, und nachdem sie so lange in einem übel schaukelnden kleinen Schiffchen zwischen Wind und Wellen der Ungewißheit getrieben hatte, war sie endlich in ihr richtiges und wirkliches Bett zu liegen gekommen, das auf seinem gehörigen Platz stand, und von dem aus man die Dinge wieder mehr verwalten und bearbeiten konnte. Sie sah, daß die Klingse bisher geschwiegen hatte, und schloß daraus, daß sie den Vorfall weder für sich als siegreich abgelaufen betrachtete noch von einer polizeilichen oder auch häuslichen Anzeige sich etwas versprach. Linde wußte überhaupt nichts, und der Dechant, der, wie es schien, immerhin um die Sache herumgetastet hatte, mußte notwendig um Lindes willen weiter in seiner Unwissenheit erhalten bleiben. Soviel schien für jetzt klar, und mehr brauchte es nicht. Wenn dann einmal die Feindin aus dem Haus und die Kriegstrauung — hoffentlich! — vorüber war, konnte man ja mit den wirklichen Tatsachen herausrücken. Etwas zu schaffen gab ihr die Frage nach der Beichte, aber bis dahin hatte es noch Zeit; bevor sie wieder kirchfähig war, erwartete niemand eine von ihr. Das noch bleibende leise Gefühl der Beunruhigung legte sie zu den anderen Ungewißheiten, die auch nach der heutigen Vergewisserung noch übriggeblieben waren.
Sie hatte sich schon vorher von Linde einen Fensterflügel öffnen lassen, um die Prozession von möglichst weither zu hören, wenn sie dem Fluß nach zurückkam. Eben trug ihr der Wind wieder die ersten fliegenden Klänge der Musik zu, und sie faltete fromm die verkrümmten Hände, um in Gedanken mitzusingen. Nachher holte sie sich unter Mühe und Schmerzen den Rosenkranz herbei und begann demütig zu beten aus einem leise tragenden Dankgefühl heraus, weil nun alles sich so zum Guten wendete, die Feindin bald abreiste und für die restierenden Umstände eine freundliche und treue Entwicklung bevorstand. Darüber schlief sie sogar ein, überhörte auch das neuerliche Kommen ihrer Pflegerin und erwachte erst wieder, als die Prozession das Städtchen heraufzog und die Musik dröhnend allenthalben aus den engen Gassen hervorbrach. Da ging es schon gegen ein Uhr und kam Linde mit dem Krankensüppchen.
Drittes Kapitel Das Unheil spinnt sich an. Man wehrt sich gegen Übergriffe, wobei die Tante gegen den Dechanten und Linde über die Magd siegt. Dann siegt Linde auch noch über ihre Körperschwäche

Es geschah an jenem Sonntag noch mancherlei im Haus des Dechanten, was des Erzählens wert wäre, wie denn in Gottes Augen, durch die die erweckten Priester und Dichter ein wenig mit sehen, nichts von allem ohne Bedeutung und ewigen Schein ist, was von Menschen getan, gesprochen und gedacht wird bei Tag und bei Nacht. Das hauptsächlichste von allem war ein Blick, den der Dechant von der Prozession mitbrachte, mit dem er seine Nichte beim ersten Wiedersehen noch einmal voll und tief erfaßte, unter dem sie von neuem die Augen niederschlug und sozusagen ihr Visier schloß, und den er schweigend durch viele Tage hindurch, denn er war ein guter Schmoller, in gleicher Erwägung und gleicher ernsten Drohung mit sich herumführte, wenigstens begegnete sie ihm überall, wo sie dem Dechanten begegnete. Die Tante war, als sie die Prozession die Stadt herauf spielen und singen hörte, aufgestanden und nach ihrem Zimmer gegangen, um sich vollends anzuziehen. Als der Dechant eintrat, fand er sie bereits in ganzer Toilette lächelnd seiner warten. Er begrüßte sie in aller Luftfrische, die er mitbrachte, und beglückwünschte sie zu ihrer Wiederherstellung, was sie dankend entgegennahm.
»Und du, mein Freund?« fragte sie anteilnehmend. »Hast du einen schönen Morgen gehabt? Ich habe euch beinahe ein bißchen beneidet. Wenn man von solchen Empfindungen als ›beinahe‹ spricht, so heißt das bekanntlich immer ›ganz‹. Du kannst dir etwas darauf zugute tun, daß du einer ausgemachten Rationalistin und Protestantin solche Geständnisse abnötigst. Die Magd ist noch immer krank, höre ich. Das tut mir leid für Linde! Nun, dafür fange ich nun langsam an, im Haus bemerkbar zu werden. Ich denke, wir werden ganz ordentlich miteinander das Pensum deiner unersetzlichen Kraft aufarbeiten. Linde ist ein bißchen blaß geworden die Zeit, findest du nicht auch? Das wird sich jetzt bald geben. Ich bin ordentlich gerührt, daß ich wieder in diesem altmodischen Speisezimmer sitzen kann. Wie ich die Sachen so gewissermaßen neu vor die Augen bekomme, geht mir doch allerlei Schönheit an ihnen auf, sogar das Irrationelle daran kann ich schon — fast mit deinen Augen sehen. Nun, da kommt die Suppe. Essen wir also.«
Sie ließ sich nicht weiter davon anfechten, daß der Dechant auf zwanzig von ihren Worten kaum eines erwiderte. Dagegen betrat sie unauffällig und gewandt jeden Strich Boden, den Linde beim Dechanten verlor. Je weniger er mit dem Mädchen sprach, desto mehr unterhielt er sich notwendig mit der Schwägerin, und seine natürliche Offenheit, die er dem Mädchen entzog, kam, wenn auch sehr abgekühlt, unwillkürlich jener zu. Sie war weder die Frau, noch befand sie sich in der Lage, gefundenes Gut von diesem Wert nicht aufzunehmen und sorgfältig zu pflegen. Der Dechant freilich blieb unter ihren behutsamen Griffen ein ziemlich sprödes Material, das leicht splitterte. Das erfuhr sie am gleichen Mittag. Er klagte beiläufig darüber, daß sich bei ihm die Schreiberei so hoch aufgehäuft habe, und gab zu erkennen, daß sie ihm lästig war, weil sie ihn von seiner gegenwärtigen Haupt- und Lieblingsarbeit, der Geschichte des Domes, abzog.
»Nun, was das angeht«, meinte die Klingse, »das soll dir keine übermäßigen Sorgen machen. Ich bin ja jetzt wieder disponibel und will dir gern als Sekretärin dienen, da doch Linde keine Zeit für dich hat. Sage mir, wann ich morgen antreten soll.«
»Ich denke«, erwiderte der Dechant ablehnend, »daß du morgen zunächst noch fortfahren willst, deine dünne Krankenhaut wieder in ein richtiges Alltagsfell zurückzuverwandeln, das einen Landregen und auch — einen Eisenbahnstoß verträgt. Ansprüche wollen wir hier auf dich weiter nicht machen, sondern« — er neigte sich ihr höflich zu — »lieber Ansprüchen von deiner Seite zur Verfügung stehen.«
Linde, die auf seine Antwort mit einiger Spannung gewartet hatte, atmete heimlich auf, und die Tante fand es für besser, auf dem Thema nicht zu bestehen, sondern brachte ruhig über den Korb hinwegsteigend ein anderes vor. Später bemerkte Linde nebenbei, wenn jetzt die Tante ihre Post wieder selber erledigen könne, so werde sie schon Zeit finden, dem Onkel bei der seinen zu helfen, aber darauf sagte er überhaupt nichts. Aus allem ging hervor, daß er sich zwischen den beiden Frauen einen ziemlich genauen Standpunkt gewählt hatte, den er aber auf die Dauer kaum halten konnte. Die Klingse ihrerseits bemerkte, daß es besser sein werde, diesem Mann nicht durch Verkündigungen Anlässe zu Regierungshandlungen zu verschaffen, sondern mehr in der Stille wirkend aufzutreten und sich ganz unauffällig da und dort auf seinem Weg finden zu lassen.
Vor allem verwendete sie viel Aufmerksamkeit darauf, daß Linde immer fern vom Dechanten vollauf beschäftigt war, da ihr an einem verständnisvollen Beisammensein der beiden wenig liegen konnte; von der bereits bestehenden Verstimmung zwischen ihnen hatte sie zunächst noch keinen Wind. Es fiel ihr nicht eben schwer, denn mit dem Wetterumschlag verschlimmerte sich der Zustand der Magd wieder und machte vermehrte Pflege nötig. Nebenher schickte sie sich an, versprochenermaßen in der Wirtschaft mit einzugreifen, das heißt, sie übernahm die Obliegenheiten der Dame des Hauses vornehmlich in der Verwaltung des Dechanten und überließ alle wirkliche Arbeit der Nichte, die sie leise aber unerbittlich kommandierte. Sie kümmerte sich persönlich um die Versorgung des Hausherrn und um seine Socken und Hemden und ließ sich sogar dazu herbei, in den ersteren die Löcher zu stopfen. Und während er ihre Fleischbrühe trank, fing er in einiger Einsamkeit an, sich darüber zu beunruhigen, daß noch immer nichts von ihrer Abreise verlautete. Da er jetzt niemand mehr hatte, mit dem er ohne Umstände darüber reden konnte, so stellte sich als nächste und sehr männliche Folge davon schlechte Laune bei ihm ein. So schmollte er sozusagen auf beiden Mundwinkeln, und jedenfalls fand man ihn diese Zeit nicht sehr gesprächig. Daß sich die Tante immer zu feineren Teilen wie Gold in den Danziger Schnaps ins Hauswesen mischte, konnte er nicht verhindern. Wenn ihm auch nicht schien, als ob es dadurch an Wert und Reiz gewänne, so mußte er doch ihre Sachlichkeit und Unaufdringlichkeit anerkennen, aber gerade mit diesen Vorzügen machte sie ihn immer öfter stutzen.
In jener Zeit schlug sich Linde bereits mit einer beginnenden Krankheit herum, die sie sich im Durchzug der Tante zugezogen hatte, hustete, fröstelte, ertrug tagelang, ohne etwas davon zu sagen, ihre Kopfschmerzen und eine bleierne Gliederschwere, Müdigkeit, Erbrechen und auch gelegentliche Magenkrämpfe. Leider steckte sie die Magd mit ihrem Schnupfen an, die ihn am wenigsten brauchen konnte, aber dafür wachte sie auch nächtelang bei ihr und plackte sich mit ihrem unbehilflichen Körper wie ein ganz Gesundes, und darüber hinaus fehlte es ihr nie an einem freundlichen Wort, an einem Trost oder an der rechten gemütsfesten Heimweisung einer Klage Brigitts über die viele Mühe und Arbeit, die sie mit ihrer unnützen alten Person verursachte. Es war nicht immer leicht, mit dem verdrießlichen und mißtrauisch gewordenen Menschen fertig zu werden. Ihren Schnupfen ertrug sie christlich, aber den des Mädchens beschrie sie laut. Darüber hinaus brachte sie sich über die Leute auf, die Linde in diesem Zustand herumlaufen und arbeiten ließen. Sie wollte den Dechanten darüber zur Rede stellen, aber der Dechant ließ sich selten mehr bei ihr sehen. »Warum kommt der Dechant nicht mehr? Warum zieht man keine Hilfe ins Haus? Und warum reist die Klingse immer noch nicht ab?« Diese Fragen stellte sie nachgerade täglich mindestens sechsmal, ohne von Linde eine andere Antwort darauf zu bekommen als ein Achselzucken oder eine Vertröstung. Dann schien es ihr, daß auch Linde anfange, ihrer überdrüssig zu werden, daß ihre Liebe nachlasse, und daß sie sie mit vorwurfsvollen Blicken betrachte.
Neuerlich begann sie wieder mit geschärften Ohren und Augen aus ihrem Bett nach Zeichen auszuspähen, die ihr verrieten, daß sich die Hausgenossen, wenigstens der Dechant und die Klingse, über ihre Untat ausgesprochen und geeinigt hätten, und daß sie bereits in ihren Augen als Verurteilte, in denen Lindes mindestens als Unglückliche gelte. Diese Annahme war ihr dann entsetzlich bitter, da sie für ihre Tat, mochte sie nun christlich sein oder nicht, wenigstens Verständnis und Gegenliebe verdient haben wollte, wenn sie nicht zu bescheiden gewesen wäre, auch nur in Gedanken einen Lohn zu beanspruchen. Dann warf sie wieder auflodernd wie ein brennender Wald ihre ganze Liebe auf das junge Mädchen, setzte es testamentarisch zu ihrer Erbin ein, trieb eine geradezu unchristliche Abgötterei mit ihm unter strengem Ausschluß aller andern Sterblichen und beobachtete mit hilfloser Angst, wie Lindes Wangen blasser und ihre Augen trüber wurden, und wie sich in ihrem Lächeln eine sichere Trauer einnistete, womit sie aller Welt etwas Gutes und Schönes zu versprechen schien, nur sich selber nicht. Ihre zarten, feinen Hände waren rot und verarbeitet. Brigitt küßte erbarmungsvoll jeden neuen Schnitt und jede Brandblase. Wenn Linde, wie es gerade in der letzten Zeit häufiger vorkam, still und müde vor sich hinblickte, so kochte der alte Mensch gallig auf; verfiel sie aber einmal in ihre frühere Art, zu scherzen und zu plaudern, so hörte Brigitt gerührt und ungläubig zu, fest davon überzeugt, daß das Mädchen trotzdem schwerkrank sei und ins Bett gehöre. Zu sehr Partei, um eine gute Partie zu sein, gab sie nicht gerade die geeignete Kammerfrau ab für ihre verlassene und verstörte Prinzessin, denn inzwischen begann der briefliche Verkehr zwischen Heinz und der Tante jene überraschende Wendung zu nehmen und kam für Linde die Zeit heran, in der sie eigentlich der Weisheit einer Mutter bedurft hätte.
Auch von diesen Entwicklungen fühlte ihr der treue Mensch das Hauptsächliche ab. Wenn dort alles gut gestanden hätte, so wäre an Linde über aller Müdigkeit ein anderes Licht zu sehen gewesen; darüber kannte sie sich nun schon aus. Als sie endlich den Geduldsfaden verlor, begann sie zuerst allgemeine Bemerkungen in die Unterhaltung zu streuen von den Offiziers im besonderen und den heutigen jungen Männern im allgemeinen, nur um zu hören, wie das aus ihrem Wald zurückhallte. Aber es hallte gar nicht, weder lang noch kurz, auch nicht, wenn eben ein Brief von Heinz gekommen war. Brigitt wußte, daß er mit der Klingse ebenfalls in Verbindung stand, und das übrige dachte sie sich, da sie im Verlauf ihres Dienstlebens bei einem vielgesuchten und vielverlassenen Geistlichen zur Pessimistin geworden war. So schien es nun, als ob alles umsonst gewesen sei, daß sie sich um einen undankbaren Burschen und luftigen Wicht zur Attentäterin gemacht und ihr Gewissen mit Protestantenblut besudelt habe, und am Ende war ihr Mitleid mit sich selber beinahe ebenso groß wie das mit Linde, größer als beides der Zorn auf die menschliche Natur, am größten die brennende und nagende Ungeduld, Klarheit zu bekommen, damit man unter Umständen wieder etwas unternehmen konnte. Denn an allem gab sie unerbittlich der Klingse die Schuld, und wenn es im mindesten gefährlich stand, so sollte sie das Ganze bezahlen, indem sie mit Schande aus dem Haus fuhr und Heinz von ihr, Brigitt, alles schwarz auf weiß zu lesen bekam. Blieb bloß noch die Frage übrig, ob sie alter Topf mit dieser Einsicht über dem Feuer ihres Verdrusses anbrennen oder überlaufen wollte; da sie nie zu den kargen Köchinnen gehört hatte, lief sie über.
Es war nach einer Nacht voll ärgerlicher und aufreibender Schmerzen — sie hatte auch einige Herzanfälle gebracht — und ebensolcher Betrachtungen. Die Magd atmete noch rasch und erzürnt, während Linde übermüdet im alten Lehnstuhl saß und in einem trüben Halbschlaf vor sich hindämmerte. Die Zeit ging gegen vier Uhr; um diese Stunde trat gewöhnlich die Erleichterung ein. Auf dem Nachttisch brannte mit kleiner Flamme unter dem Schirm das Lämpchen. Eine Motte umschwirrte es, von zwei sonst sehr eifrigen Mottenjägerinnen nicht beachtet. Linde sah eben ihren Geliebten, der auf einen Engländer zielte, abdrückte und sich lachend umdrehte mit der Bemerkung: »So, den hat's!« Drüben flogen zwei arme Hände auf, genau so, wie er's damals beschrieben hatte, und ihr war furchtbar weh ums Herz für den Engländer und für Heinz. Da wurde plötzlich Brigitts erboste Stimme neben ihr laut.
»Wie ist denn das jetzt mit ihm? Mit dem Soldaten? Dem Offizierchen? Warum kriegt man davon gar nichts zu hören? Ich bin überzeugt, dem Bob erzählst du; mich schweigst du an, daß mir alle Glieder knacken. Sonst hieß es, man vertritt Mutterstelle an dir. Jetzt liegt die Brigitt im Bett, gleich ist's aus mit der Mutterstelle, und man ist ein alter Besen, um den sich keiner mehr kümmert. Denn was weiß die Brigitt, nicht? Sie kann noch einigermaßen Knödel kochen, aber sie ins Vertrauen ziehen — da sei Gott vor. Als ob die Brigitt lange wartete, bis man sie erst ins Vertrauen zieht. Du, ich hab' auch meine Geheimnisse, und könnt' ich noch gehen, so hätt' ich viel mehr. Was meinst du denn, warum ich im Bett liege? Hab Nervenfieber bekommen. Schön, Nervenfieber bekommt man vom Kuchenbacken. Verachtet nur die alte Brigitt. Daß ihr mich überhaupt hier behaltet. Im Krankenhaus wäre ich doch noch viel weiter vom Geschütz. Bringt mich doch fort, damit es hier vollends drunter und drüber gehen kann! Und damit ich vor Denken und Grübeln noch ganz verrückt werde. Du, wie steht das mit dem Soldaten? Sei gut zu einem alten kranken Menschen, der dir redlich gedient hat. Gott wird dir's vergelten. Schreibt er dir fleißig? Und schreibt er nett? — Hm! Ich dachte, du seist gut aufgehoben. Du seist an den Mann gekommen! Ich bin ein altes Mensch und hab' geheult vor Freude. War meine letzte Freude für lange Zeit. Ich sage dir, Mädchen, laß mich nicht so daliegen und betteln. Ich bring's fertig und krieche aus dem Bett und fall' dir zu Füßen. Wie steht's mit dem Soldaten, du? Wann ist Kriegstrauung?«
Sie machte Miene, sich zu erheben, und Linde fuhr aus ihrer Verwirrung auf. »Brigitt, wirst du liegenbleiben!« schrie sie die Kranke erschreckt an. Die Magd, die ihren in Scham brennenden Blick bemerkte, ließ sich einigermaßen eingeschüchtert ins Kissen zurückfallen, aber aus ihren bleichen, unzufriedenen Zügen flackerte gereizt die aufsässige Forderung weiter.
Auch Linde war eine gute Schmollerin und durch den frühen Tod ihrer Eltern, besonders ihrer Mutter, an Einsamkeit und Selbstverantwortung gewöhnt. Es fiel ihr schon schwer, Erfahrungen, die in Familien aufgewachsene Menschen ganz leichthin mit andern bereden, preiszugeben, geschweige persönliche Angelegenheiten von dieser Tragweite, und so hatte sie immer einen schwierigen Stand zwischen ihrer Selbstherrlichkeit und ihrer überstrengen Keuschheit. Indessen kratzte Bob an der Tür, weil er reden gehört hatte und notwendig überall dabeisein mußte, wenn etwas Grundsätzliches verhandelt wurde, und Linde stand auf, um ihm zu öffnen. Er dankte ihr durch ein kurzes heftiges Wimmeln seines Schwanzstummels und ging dann schnaubend zu Brigitts Bett, an dem er sich einmal hin und einmal her rieb, um sich endlich mit einem Seufzer auf die Vorlage niederzulassen.
»Was soll denn stehen, Brigitt?« antwortete das Mädchen endlich, seine Aufwallung niederkämpfend. »Und wer wird jetzt an Kriegstrauung denken? Du weißt, daß er regelmäßig schreibt; es wird ihm oft schwer genug fallen bei dem Leben, das er führen muß. Plage doch nicht dich und andere mit Grillen.«
»Es ist schon gut«, nickte die Magd, die mit ihren tiefliegenden dunklen Augen jede Regung in ihrem Gesicht verfolgte. »Aber er schreibt auch der andern. Wenn er das ließe, so würde es ihm gleich viel weniger schwerfallen, dir auch einmal einen Brief extra zu schreiben. — Viel Lustiges scheint nicht eben in seinen Briefen zu stehen. Ich wette, daß die Klingse an ihren mehr Spaß hat.«
»Wir wollen dies Gespräch lassen«, sagte Linde beklommen. Und dann scheinbar heiterer: »Du hast's nun einmal gegen die Tante; da wird man dir ohnehin keine andere Ansicht beibringen.«
»Nein, das wird man auch nicht«, fuhr die Magd, wieder hitzig werdend, von neuem auf. »Sie ist ein Laster und bleibt eins, höre auf mich. Hat sie etwa besonders viel Glück in dies Haus gebracht? Was aber deinen Offizier angeht, so kann sich der einmal vor den Schädel schlagen; ich weiß, warum ich das sage. Ist das Dankbarkeit und Charaktergröße?«
»Brigitt, willst du mich mit Gewalt böse machen?« warnte Linde und war es schon halb, ganz in Glut getaucht. »Es gibt dir niemand das Recht, so zu sprechen.«
»Das Recht? Es gibt mir niemand das Recht? Mein Kindchen, das Recht habe ich mir längst selber gegeben. Laß dir das gesagt sein. Und das Gespräch wollen wir gar nicht lassen. Im Gegenteil. Du willst mich aufs trockene setzen; also steht es liederlich. Das ist doch einfach; man muß dich nur ansehen. Aber das soll sie mir büßen. Alles Übel kommt von ihr. Warum geht sie immer noch nicht? Weil sie hier ihre Absichten verfolgt, weiß Gott, welche. Sie schleicht und schweigt und spinnt derweil des Teufels Garn. Oh, nur einen einzigen Tag möchte ich wieder einmal unten im Haus sein, um zu sehen, was da geht.«
Für eine Weile verstummte sie wühlend, und Linde hatte keinen Grund, sie zu stören. Bob legte den Kopf zwischen die Pfoten, weil er glaubte, das Gespräch sei jetzt zu Ende. Auch Linde war bereits dieser Meinung, als die Magd plötzlich wieder anfing.
»Wenn man so viel Dreck am Stecken hat!« rief sie verwundert und erbost aus. »Es kostet mich doch ein Wort, und es ist aus mit ihr! Aber sie hält mich wohl auch schon für tot oder blödsinnig geworden. Über diese Sache laß du dir nur keine grauen Haare wachsen, Kindchen; darüber hat die Brigitt zufällig etwas zu sagen. Ich garantiere dir dafür, daß sie in zweimal vierundzwanzig Stunden aus dem Haus ist.«
»Ich weiß«, versetzte Linde bedrückt, »daß du Geheimnisse hast. Aber ich will sie nicht kennenlernen. Laß du jetzt die Hand aus den Dingen. Ein Übel erzeugt nur immer ein anderes.«
»Du weißt?« zweifelte Brigitt sehr. »Woher weißt denn du? Und was weißt du?«
»Ich weiß seit dem Prozessionssonntag.«
»Seit meinem Geschwätz von der Geflügelschere und so weiter«, nickte die Magd. »Nun, ich hab' mir das auch gleich selber gesagt, aber ich hielt die Unsicherheit nicht mehr aus. Wie jetzt auch wieder.« Sie sah das Mädchen mit einem spähenden Blick an. »Schließlich, was nützt das alles«, fuhr sie unaufhaltsam getrieben fort. »Kindchen — sie war selbe Nacht im Zimmer des Leutnants. An der Tür attrappierte ich sie. Wenn das der Dechant erfährt, so fliegt sie. Augenblicklich. Und wenn Heinz erfährt, wie eine Magd seine feine Dame ausgezahlt hat, so wird ihn das nicht sehr hochmütig auf sie machen.«
Linde erbleichte auf eine erschreckende Weise; aber anstatt ohnmächtig vom Stuhl zu sinken, richtete sie sich stolz und erzürnt auf, und ihre Augen funkelten vor verhaltener Entrüstung. »Brigitt«, rief sie mit bebender Stimme: »Wenn du willst, daß ich dir in meinem Leben noch ein gutes Wort gebe, so hüte dich, an diese Dinge künftig auch nur mit einem Blick zu rühren. Du bist hier die Haushälterin und sonst nur, was man aus dir freiwillig macht. Ich verbiete dir, dich noch in irgend etwas zu mengen, was hier vorgeht oder damit zusammenhängt. Die Tante ist unsre Verwandte und unser Gast, solang es ihr gefällt. Und ich bin alt genug, mein Leben selber zu betreiben. Du hast dich hier in deinem Bett in Hirngespinste verwickelt und meinst, das, was du weißt, sei alles, was man wissen könne, willst klüger sein als Gott und behender als das Schicksal. Ich weiß, daß du alles von Herzen gut meinst, und das ist das einzige Versöhnliche und Schöne daran. Aber man darf auch aus Gutmeinen nicht in anderer Menschen Dinge hineingreifen und sie mit ihren Geheimnissen beschämen.«
Brigitt traute unter dieser Standrede ihren Ohren und nachher noch lange ihren Augen nicht, bis sie sich allmählich mit Wasser füllten; als sie dann endlich die Zunge wieder zum Reden fand, wurde ein ungeschlachtes und herzbrechendes Weinen daraus, das Linde mächtig ans Herz griff, leider auch der Magd selber, so daß der Anlaß völlig in Vergessenheit geriet und alle Aufmerksamkeit der Folge zugewendet werden mußte. Nun, sie überstand auch den zweiten Schreck, kam nachher noch einmal ins Weinen, dann ins Klagen und Beteuern, obwohl ihr Linde schon alles zum voraus zugegeben hatte, hörte diese mit redlicher Inbrunst trösten und gut zureden, und wenn sie am Ende nicht vom Fleck weg beruhigt einschlief, so lag sie jedenfalls tränenmüde und ihrer schmerzhaften Überspanntheit ledig still mit geschlossenen Augen da, bereits in Lindes Ratschluß ergeben, obgleich noch nicht ohne wahres Vertrauen und innerlich über die herrische Zurechtweisung noch ein wenig nachschluchzend.
Hatte Linde noch auf ein Stündchen Morgenschlummer gehofft, so sah sie sich durch eine nervöse Erregung, die sich nachher in äußerlichen Frost umsetzte, darum gebracht. Immer stand ihr die schweigend drohende Verwandte vor Augen. Wenn sich die Tante aussprach und ihre Gesinnung äußerte, so konnte sie wenigstens ertragen werden, aber gegen ihr Schweigen gab es keine Mittel, weder tätige noch leidende. Die Zeit war längst vorbei, in welcher Linde mit ihrem Mitleid für sie gekämpft hatte, und auch die folgende, in der sie es bereute, ihm so weitherzig nachgegeben zu haben. Sie hätte sich vielleicht zugestehen können, daß ihre Sache verloren sei, aber es gab zwei bewußte Empfindungen, die es nicht litten: ihr Stolz und ihre Einsamkeit in der Welt. Darüber hinaus waren freilich noch einige weniger bewußte aber ursprünglichere wirksam, die Sehnsucht nach dem eigenen Frauentum, die Hoffnung auf das Wunder »Dennoch« und nicht zuletzt der Glaube an das geistige Teil in Heinz, von dem sie nie Verrat erleben würde, was auch sonst geschehen mochte. Mit diesen fünf Engeln durfte sie gegen zwei Dämonen — das Weib und den Dämon in ihm selber — noch für eine Zeit durchzukommen hoffen, und inzwischen stießen ihr wohl Hilfsvölker zu, von denen heute noch nichts zu sehen war, die sie aber bereits glaubte marschieren zu hören.
Nachdem sie sich so bis gegen Morgen mit ihrem innern und äußern Zustand leidlich obsiegend beholfen hatte, die letzte Stunde noch auf ihrem Bett, und eben aufstehen wollte, um ihren überfrühen Tag zu beginnen, ereilte sie ganz unversehens ein Blutsturz, kein sehr schwerer, doch da sie ohnehin nicht mehr viel Kräfte zuzusetzen hatte, so sank sie zitternd ins Bett zurück, wo sie dann wie ein Stein in Schlaf oder in Bewußtlosigkeit fiel. Etwas später als sonst war sie aber noch vor dem Hellwerden wieder bei der Hand. Von dem Vorfall erfuhr niemand etwas, und von der Versäumnis hatte sie durch erhöhte Ansprüche an ihre Leistungsfähigkeit bis zum Frühstück bereits wieder einiges eingebracht. Wenn sie Ansprüche an sich selber stellte, so blieben sie selten unerfüllt.
Viertes Kapitel Es kommen erregende Briefe, und alles geht an Linde hinaus; sie wird von der Tante angefochten und vom Dechanten zur Beichte vorgeladen, nachdem der Dechant vom Erzbischof zur Verantwortung vorgeladen wurde

Es gibt Tage, die besonders mit Ereignissen geladen scheinen, von denen wie die Kirschen des Pagen Seydlitz immer eins das andere nach sich zieht. Zum Frühstück, das man elektrisch beleuchten mußte, weil draußen nun aus einem schweren, tiefen Spätnovemberhimmel der Regen troff, brachte der Postbote drei Briefe, die alle naß geworden waren, erstlich den bekannten des Leutnants an Linde, worin er ihr vorschlug, auf eine Zeit das Haus zu verlassen, zweitens einen ebenfalls vom Leutnant an die Tante und dann noch einen an den Dechanten, von dem nachher die Rede sein wird.
In dem Brief an die Tante gab sich Heinz zum erstenmal in gewissen verschleierten Wendungen, die sonst nicht seine Art waren, Rechenschaft über schwebende Fragen oder solche, die ihm mit der Zeit diesen herausfordernden Charakter angenommen hatten, ungewissen Aussichten, die noch keins von beiden bisher berufen mochte, obwohl sie schon seit geraumer Zeit zwischen ihnen standen. Nachdem er dann noch dies und das von der Sehnsucht und Unersättlichkeit des Mannes, in welche Regung er nachgerade viel Einblick zu haben glaubte, so scheinbar »objektiv« als heimlich erregt und erregend geschrieben hatte, teilte er ihr den Vorschlag an Linde mit und bat sie, ihm darin zu helfen.
»Ich kann verstehen«, hieß es da wörtlich, »daß Du bei den letzten schweren, wie Du schreibst, beinahe vernichtenden Erfahrungen in der Großstadt die Ruhe und Geborgenheit des Pfarrhauses und der kleinen Verhältnisse noch brauchst, und wenn ich zurückdenke, so machtest Du auch mir einen etwas aufgelösten und ziellosen Eindruck, an dem heutigen gemessen. Daß Du bei Lindes Überbürdung mit dem häuslichen Kleinkram, wozu sie immer sehr geneigt hat, dem Dechanten viel sein kannst, sehe ich auch ein. Er wird mit der Zeit deinen weltmännischen und großzügigen Einfluß sehr schätzen lernen; vielleicht wirst du unermüdliche Schrittmacherin der männlichen Talente sogar anfeuernd und fördernd auf ihn wirken und ihn aus seiner Theologie herauslocken. Das wäre freilich ein großer Triumph deines Rationalismus. Bei alledem stört mich nur die Vorstellung, das Mädchen neben dir im Haus zu wissen. Es ist wie ein Stilfehler, der mich innerlich unfrei macht und mir, wie du vielleicht begreifst, nicht sehr erwünscht sein kann. Also hilf mir bitte in dieser — ich möchte sagen: Korrektur des dortigen Bildes.« Und so weiter.
Nun wußte sie sofort, warum die Vorstellung ihn unfrei machte, und was für eine Vorstellung das überhaupt war. Der letzte Grund seiner Unlustgefühle bestand in der Achtung, die er nach wie vor auch bei scheinbar schwindender Liebe der jungen Respektsperson und seinem Verhältnis zu ihr darbrachte. So glaubte sie zwar, daß in der Entfernung sein Liebesgefühl abgenommen habe, zumal es durch sie bestritten wurde, aber sie glaubte nicht an eine Erschütterung der Liebesgrundlage, vielmehr war sie vorläufig davon überzeugt, daß alles neu da sein werde, sobald die jungen Menschen einander wieder zu sehen bekämen, und dies, obwohl der heutige Brief des Leutnants ohne jede Gewaltsamkeit und Selbsttäuschung, denn sie hatte ihn nicht erwartet, als Heiratsbetrachtung ausgelegt werden konnte, und zwar mit ihr, Malva Klinger. Sie lächelte viel mehr erwägend als spöttisch, während sie ihre Rivalin mit einem Blick streifte. Ihr war zuviel bekannt von den unfruchtbaren Qualen der Sehnsucht, den ziehenden Leeren der Einsamkeit und den kalten Schrecken des unerbittlich anrückenden Alters, als daß sie ein solches Angebot nicht sehr sorgfältig bedacht hätte, zumal in einem Fall wie dem vorliegenden, wo sie längst liebte und für ihr Gefühl nicht wenig gelitten und geduldet hatte. Ein Entschluß jedenfalls stand ihr sofort fest, noch während sie den Brief zusammenfaltete und wieder in den Umschlag steckte: sie würde Heinz nicht bei der Entfernung des Mädchens helfen, da sie alles Interesse daran hatte, Linde in dem »störenden Verhältnis« zu erhalten und ihn in seiner »unerwünschten Unfreiheit«. Wenn sie Aussicht besaß, die Liebesgrundlage zu erschüttern, so war es durch die Pflege dieses wertkränkenden Umstandes, und obendrein gewann sie darin — durch sein Leiden an den Dingen — in Tiefen Gewalt über ihn, die ihr sonst nicht zugänglich geworden wären.
Die Stimmung, die sie aus diesem ganzen Tatbestand zog, empfand sie sofort als vermehrte Lebenssicherheit und als Geneigtheit zu vorsichtiger Unternehmung. Vorläufig wußte sie noch nicht, was in ihr größer war, die Liebesbeziehung zu Heinz oder die Haßbeziehung zum Mädchen. Zwischen ihr und Linde, so kam es ihr manchmal zu ihrer peinlichen Verwunderung vor, schwebte vielleicht mehr als nur eine Reihe von Zufällen und Anlässen, bei denen sie einander hassen und fürchten gelernt hatten, sie verband unter Umständen eine Feindschaft von Anbeginn, die ihren Austrag verlangte und ihr Opfer wollte. Möglicherweise bedeutete die Liebe zu demselben Mann nur ein Symbol, dann freilich ein sehr bedeutsames und unausweichliches. Inzwischen beschloß sie, gleich nachher mit der Feindin in dieser Richtung ein Vorpostengefecht herbeizuführen.
Unterdessen hatte auch der Dechant seine Morgenlektüre beendigt, und sie war von einer Qualität, daß sie ihm die aufmerksam auf die heutige Leistung gesammelte Stimmung, mit der er zum Frühstück erschienen war, von Grund auf störte, ja in der Folge davon verspürte er sogar Lust, den andern ihre friedliche zu verderben. Indem er sie aber der Reihe nach betrachtete, fand er nur sehr schwache Spuren davon an ihnen, und bemerkte er weiterdenkend, daß der Friede in seinem Haus überhaupt eine fragliche Ware geworden sei. Die Tante lebte zwar mit ihren Büchern und ihrer ausgebreiteten Korrespondenz ihren gewohnten weltläufigen Stil weiter und hatte sich nachgerade so geschickt ins gestörte Hauswesen eingefügt, daß sie manchmal geradezu unentbehrlich schien. Andererseits hatte sie ihn bis auf diesen Tag schon zu allerlei widerstrebenden Freundlichkeiten halb verführt und halb gezwungen, und während er sich daran erinnerte, wandte er den Blick unbehaglich zu Linde. Die hatte schmale Wangen und dunkel unterstrichene Augen, und es fehlte ihr weder an Güte noch an strengen Lieblichkeiten, aber am rechten glücklichen Jugendlicht, obwohl sie eben einen Liebesbrief aus der Hand gelegt hatte. Es brauchte manchmal nicht viel, daß er sie freundlich zwang, eine Hilfskraft ins Haus zu nehmen, aber es brauchte doch noch etwas, nämlich daß von den beiden zähen Schmollern einer dem andern einen Vorsprung ließ. In der Zeit beruhigte er sich damit, daß ihr ja die Tante einen großen Teil der Arbeit abnehme. Jetzt saß sie freilich da und rührte traurig sinnend in ihrem Kaffee, ohne etwas zu genießen, und mit einem verdrossenen und heimlich aufgebrachten Blick erhob er sich so plötzlich und ungeduldig, daß beide Frauen fragend die Augen nach ihm wandten. Aber er hielt sich nicht mit Erklärungen auf; bloß an der Tür drehte er sich noch halb um und sagte: »Komm dann nachher einmal zu mir herauf, Linde; ich habe mit dir zu sprechen.« Bald darauf hörten sie ihn mit unruhigen Schritten in seinem Zimmer auf und ab gehen.