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Der Dechant von Gottesbüren

Dritter Teil / Die letzten Dinge (continued 2)

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Darauf übernahm der Dechant wieder die Wache bei der Sterbenden. Die Morgensonne lag gnadenreich und hoffnungsvoll in ihren Fenstern, indessen der Föhn von außen daran rüttelte und die Amsel im Garten kühnlicher zu singen anhob. Er trat ans Fenster und sah sie ganz oben auf dem Bergamottenbaum sitzen, in dem ihn Linde im Herbst mit der Nachricht von der Ankunft des Leutnants überrascht hatte. Er erinnerte sich Bobs, der eifrig vorausgelaufen war, und der ganzen hellen Stunde, seufzte tief auf und wandte sich ab, wieder der Kranken zu. Brigitt hatte gebeten, sie wegen des Frühstücks zu rufen, wenn Linde erwacht sei; bisher war es noch nicht geschehen. Vor Sorge kam sie selber wieder sehen und fand sie, wie sie während ihrer ganzen Wache gelegen hatte, mit geschlossenen Augen kaum atmend unbeweglich in ihrem Kissen; nur daß sie jetzt durch den geöffneten Mund atmete. Brigitts bange Frage, ob das nun wohl zum Guten oder zum Schlimmen sei, versuchte der Dechant zu beruhigen, aber er selber machte sich auf das Ende gefaßt, und sie sah ihm wohl an, was er dachte. Indessen hieß er sie sich erkundigen, ob sie der Frau Professor, die abreisen wolle, packen helfen könne, und wies sie an, lieber die Hausarbeit dafür liegenzulassen. Einem überraschten und forschenden Blick der alten Seele wich er aus, doch kannte sie seine Gesichter gut genug, um zu merken, was der Auftrag zu bedeuten habe, und ihr Herz schwoll ihr in allem Leid hoch auf vor Dankgefühl, unter dem einen bittern Verlust wenigstens ihren Herrn wieder zurückkehren zu sehen. Sie nickte zwei-, dreimal zustimmend, nahm ihm erregt und ehrfürchtig ein Stäubchen von der Soutane und lief dann plötzlich davon.

Gleich darauf kam der Arzt, um zu sehen und zu hören. Auf den neuesten Bericht machte er ein etwas dummes Gesicht, fand dann, daß man die Kranke wegen der Nahrungsaufnahme wecken müsse, da sie sonst zu schwach würde, und beendete den angestellten Versuch mit der Erkenntnis, daß sie bewußtlos sei. Er schüttelte den Kopf, murmelte etwas von geheimnisvollem Patienten und begann sich dann unvermittelt und beinahe bitter über Lindes Verstocktheit zu beklagen. Nach seiner Meinung müsse sie unbedingt Schmerzen und Krämpfe haben, der Henker möge wissen, warum sie sie verleugne. Als ob es sich um ein Liebesgeheimnis handle und nicht um eine Krankheit! Was man ihr nicht auf den Kopf beweisen könne, das sei nicht aus ihr herauszubringen, da müsse man schon ein Zauberer und Prophet sein, um ein richtiges Krankheitsbild zu bekommen. Wenn ihn einer frage, was mit dem Frauenzimmer los sei, so könne er nur sagen, daß er keine Ahnung habe. Na, man solle sich mal aufs Schlimmste gefaßt machen und das Beste tun, das rate er immer bei bedenklichen Krisen. Der Teufel möge es wissen, wiederholte er ärgerlich: gerade als ob die Krankheit eine Kapitalanlage wäre, aus der sie Zinsen zöge, oder ein gutes Geschäft, von dem sie die Konkurrenz fernhalten wolle. Dann verschrieb er im Zorn etwas, was kein Mensch lesen konnte, und fuhr ab. Draußen hörte ihn der Dechant noch zu Brigitt etwas von Nahrung einflößen sagen, aber vorsichtig, in ganz kleinen Quantitäten, damit nichts in die Luftröhre komme. Gleich darauf trat sie wieder ein und meldete, daß Frau Professor sich zu Bett gelegt habe, doch hoffe sie am Nachmittag wieder aufzustehen.

Dasselbe hofften der Dechant und Brigitt, die stillschweigend der Ansicht waren, daß ihr die heutige Aussprache auf die Nerven gefallen sei. Aber sie stand auch im Verlauf des Nachmittags nicht auf; am Abend meldete das Thermometer sogar Fieber, und in der Nacht überfiel sie ein so heftiges Erbrechen, daß sie etwas blutigen Schaum mit erbrach, nachher überhaupt nur noch Schleim und Blutschaum. Sie ächzte sehr, und die Glieder zitterten ihr, daß sie nichts anfassen konnte. Als der Kreisphysikus am andern Morgen kam, sprach er von möglicher Infektion im Verlauf der aufopfernden Pflege, Überanstrengung und einigen andern Dingen, glaubte aber übrigens doch nur an influenzöse Basis und verschrieb Diät und Ruhe.

Im Lauf des Vormittags traf dann ein Telegramm von Heinz und mit dem Abendzug er selber ein, etwas abgemagert und blaß und mit dem Arm in der Schlinge.

Drittes Kapitel Heinz muß mit seinem Blut besiegeln, daß er kein Held mehr sein will

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Des Leutnants Schicksale, soweit sie nicht aus seinen Briefen schon sichtbar wurden, bestanden seit jener Engländernacht äußerlich in den nervenzerrüttenden oder abstumpfenden Vorgängen des Schützengrabenkrieges und in periodischen dumpfen oder ausschweifenden Abwechslungen während der Zeiten der Reservestellung in den Dörfern und Städten hinter der Front. Mit Engländern hatte er's nach jenem letzten, furchtbaren Kampf nicht mehr zu tun bekommen; beim nächsten Vormarsch war sein Truppenteil gegen Franzosen und dann der Reihe nach gegen Turkos, Zuaven, Senegalneger, Marokkaner und Südfranzosen eingesetzt worden. In der letzten Zeit lag er einem Pariser Regiment gegenüber, das nach allgemeiner Bestätigung sehr mutig arbeitete; es war ein gefährlicher Gegner, der die größte Wachsamkeit und Aufopferung nötig machte, Fähigkeiten, an denen es andrerseits wieder im deutschen Truppenteil nicht mangelte. Die frischen Mannschaften, mit denen die damals beinahe aufgeriebenen Kompagnien neu aufgefüllt wurden, brachten nicht nur die hohen kriegerischen Eigenschaften ihrer Stämme mit, sondern übernahmen auch besinnungslos den besonderen Geist des Regiments, und so fanden die Pariser viel saure Arbeit, aber wenig Feste. Es gab genug junge Kräfte, die tatenlustig Heinzens frühere kühne Regsamkeit aufgegriffen, wo er sie hatte liegenlassen, und die jetzt ebenso von sich reden machten, wie ehedem von ihm geredet worden war. Er seinerseits ließ es in dem selbstbestimmten Umfang seiner Tätigkeit an keiner Aufmerksamkeit und strengen Pflichterfüllung fehlen. Dazu fand man ihn als »alten Krieger« im Besitz beider Eiserner Kreuze und von Orden, die sich infolge jener Kämpfe noch um einen vermehrt hatten, und wußte obendrein, daß er aus den gleichen Ursachen sehr früh zum Oberleutnant aufgerückt war. So besaß er bei den Jungen durchaus das Ansehen einer Respektsperson, und da er einen ziemlichen Befehlsbereich — neuerlich, solange der Hauptmann beurlaubt war, einen Kompagnieabschnitt — unter sich hatte, so verlangte auch niemand heldenhafte Ausfahrten von ihm, sondern man war es zufrieden, daß er die Verteidigung umsichtig und furchtlos führte und die Heldengänge den Jungen überließ. Seine Kameraden kannten ihn als vorsichtig, immer etwas zurückhaltend und stets um eine Spur lieber zum Abwarten geneigt als zum Zugreifen, und bei den Vorgesetzten hatte er die Geltung eines etwas schwerblütigen und pessimistischen aber talentvollen und durchaus verläßlichen Offiziers, bei dem eine Truppe gut aufgehoben war, und um den man sich weiter keine Sorge zu machen brauchte.

Über die Dinge in der Heimat war er fortlaufend gut unterrichtet, aber je länger, je ausschließlicher durch die Tante anstatt durch seine wahre Freundin, die immer schweigsamer wurde. Sein Einfluß auf die Entwicklungen nahm im gleichen Maß ab; sie beeinflußten ihn. Er sah auch ziemlich deutlich ein, daß er sein Schicksal aus der Hand verloren habe und in einer manchmal beunruhigenden Weise geschoben und Zielen zugestoßen wurde, über die er sich in Arbeit und Inanspruchgenommenheit durch seinen neuen Dienst lange nicht genügend Rechenschaft geben konnte. Er vermochte naturgemäß nur noch zu sehen, was man ihm zeigte. Da die alte Freundin sich zurückzog und die neue sich immer mehr in den Vordergrund schob, so dachte er, sich langsam gegen jene verstimmend, mehr an die neue und an ihre Kapitalien und Beziehungen. Etwas mußte ja nach dem Krieg im Frieden mit ihm geschehen. Da ihm aber ganz die geistige Freiheit abging, darüber nachzudenken, so war er es auf lange Strecken zufrieden, daß jemand anderer für ihn dachte, während er kämpfte, beaufsichtigte, Meldungen gab und Befehle entgegennahm. Trieb ihn nicht schon in der Nacht ein Alarm aus seinem Unterstand, so erhob er sich morgens mit schweren Gliedern und dumpfem Kopf von seinem Lager, erinnerte sich an den herrschenden Zustand und seine Obliegenheiten, und dann begann wieder die krachende und feuerspeiende und so eintönige als gefahrvolle Mühle des Tages. Abends spät sank er müde und ohne jeden Gedanken hin und schlief sofort ein. Die wenigen Ruhepausen waren mit Essen oder mit denselben ewig gleichen Gesprächen und Witzen ausgefüllt, die ebenso ewig gleich von einer Meldung, einem Befehl, einem höheren Besuch zur Inspizierung oder einer feindlichen Unternehmung unterbrochen wurden. Das übrige war für ihn Rauchen, Warten, Handeln, in Untätigkeit zurücksinken, sich wieder aufraffen, um sich über dies oder jenes Ereignis Rechenschaft zu geben, einen zweckmäßigen Entschluß fassen, das Nötige anordnen und dann von neuem warten, brüten, gleichgültige Worte wechseln, Verwundete vorbeitragen sehen, Munition anfordern, die Abgänge melden, Diensttagebuch führen, das Wasser aus den Gräben schaffen lassen, den Schlamm durch die Einführung von Steinen und Brettern bekämpfen, in nassen Kleidern frieren, gelegentlich hungern und immer weiter warten, warten, warten! Zum Lesen hatte er weder Zeit noch, wenn sich wirklich eine Stunde dafür fand, Lust. Was in der Heimat gedacht und geschaffen wurde, erfuhr er nicht. Die kulturpolitischen Gespräche seiner jungen Offiziere oder gebildeten Mannschaften blieben ihm gleichgültig, und er nahm kaum Anteil daran. Er stand oft durch viele Tage unter einem gleichmäßigen seelischen Druck, unter einer geistigen Verödung, die ihn stumpf leiden machte, ohne daß er durch das Bewußtsein darüber Herr wurde. Der Zustand ließ nach, verstärkte sich, ging und kam wieder, und Heinz handelte dabei auf weite Strecken wie eine aufgezogene Mechanik. Er ging halb bewußtlos mit Denkformen um, wandte Erfahrungen andrer Leute an, und wenn er einmal ins Bewußtsein seiner Lage auftauchte, so geschah es mit einer Regung der Ungeduld über ihre Unübersichtlichkeit, und tat er irgend etwas, nur um damit für diesmal wieder fertig zu sein, und zwar immer das Nächstliegende. Auf diese Weise, und weil sich Linde stets weiter aus seinem Blickfeld zurückzog, kam seine Antwort auf das drängende Entweder-Oder der Tante zustande, die dann Linde zur Auflösung der Verlobung veranlaßte. Er nahm auch dies Ereignis dumpf und bedrückt wie ein Gefangener zur Kenntnis und antwortete automatisch. Der neue philosophisch tröstende Brief seiner künftigen Braut brachte ihn wieder halb zum Bewußtsein, und so antwortete er unwirsch und von der Verwirrtheit der Dinge tief verdrossen. Vielleicht hatte er wirklich nicht genug Zeit gehabt, sich von den Schrecken jenes Kampfes mit den Engländern zu erholen, und war in einem unwiederhergestellten körperlichen Zustand in neue Schrecken gegangen. Sein Vorsatz, künftig nur das Unerläßliche zu tun, deutet nach dieser Richtung; daß dabei immer noch soviel Tüchtiges und Ganzes herauskam, spricht nur für den Wert und die bedeutende Gesamtanlage seiner Natur.

Inzwischen kam seine Verwundung, und damit hatte es einen sehr organischen und einfachen Zusammenhang. Während er damals trotz, oder, wie die Verhältnisse lagen, wegen seines unbegrenzten Heldentums unverwundet geblieben war, ereilte ihn diesmal wegen seines begrenzten das französische Bajonett. Die gegenüberliegenden Franzosen, leidenschaftliche Sucher der großen und Genies der kleinen Vorteile, hatten neuerlich angefangen, sich mit vermehrtem Eifer auf diese zu werfen, um jenen schrittweise näher zu rücken. Tag und Nacht arbeiteten die Mineure, und das Gefühl der Unsicherheit nahm außerordentlich überhand. Kaum war hier ein Minengang abgefangen, so meldeten die Horchposten das verräterische scharrende Geräusch an einer andern Stelle. Heldenhafte und erbitterte Kämpfe spielten sich geheim ab, auf die keine Sonne und kein Stern blickte, und bei denen der Ringer auf Leben und Tod auch das Bewußtsein entbehren mußte, wenigstens in Gemeinschaft von Kameraden zu bluten; sein Minenstollen wurde zugleich sein Grab. In der Luft kreisten zu jeder Tageszeit die behenden Flugzeuge des genialsten Dämons, machten photographische Aufnahmen, warfen Bomben, verfolgten und wurden verfolgt. Und unaufhörlich sprangen von der Erde die schwarzen Fontänen der Granateinschläge auf. In diesen Einschlägen verwickelte sich Heinzens Schicksal.

Den Parisern kam es darauf an, sich näher an den deutschen Schützengraben heranzuarbeiten, um beim nächsten Sturm einen kürzeren Sprung zu haben. Ob der Schuß bei der schweren Artillerie bestellt war oder nicht, jedenfalls schlug eines Nachmittags eine großkalibrige Granate genau in der Mitte zwischen beiden Linien in den Boden und warf einen ungeheuren Trichter aus. Der Staub und Rauch der Explosion lag noch in der Luft, da sah man schon einen Trupp Franzosen in voller Schnelligkeit herzulaufen, um sich in den Trichter zu werfen und den herwärtigen Rand zu besetzen. Sie hatten auch gleich ein Maschinengewehr mit, das in unglaublicher Schnelligkeit aufgestellt und schußbereit gemacht wurde; schon drohte die Mündung gegen die deutsche Linie, bereit, augenblicklich Blei und Stahl zu speien, sobald sich aus dem diesseitigen Graben etwas regte. Die kurze kriegerische Entfaltung hatte im deutschen Schützengraben allgemein imponiert, aber es dachte niemand daran, daß die verwegenen Burschen längere Zeit in dem Loch würden bleiben können außer tot, und eine Empfindung wie Bedauern klang aus den wenigen wortkargen Bemerkungen, die dazu gemacht wurden. Wie man sie heraustreiben oder darin mit den Nägeln des Todes festnageln sollte, darüber machte man sich weiter keine Gedanken; das war die Sache der Gefechtsleitung.

Die Gefechtsleitung war in diesem Fall Heinz. Er beobachtete mit düsterm Blick und starkem Unlustgefühl den ganzen erfinderischen Vorgang und war sich auch nicht über seine Tragweite im unklaren. Sein Graben bildete den Flankenteil einer vorspringenden Feldbastion; was ihm geschah, das geschah der ganzen Stellung, und es war nicht gut, daß die Franzosen in dem Trichter saßen. Er ließ die kühnen Männer unter gesammeltes Feuer nehmen, richtete seine Maschinengewehre auf sie und verschoß ziemlich viel Munition, obwohl er sparen sollte, ohne etwas Sichtbares auszurichten. Das feindliche Maschinengewehr vollends schwieg sich tückisch aus; es wartete eine andre Gelegenheit ab, um seine kostbare und abgezählte Munition an den Mann oder die Männer zu bringen. Einige Soldaten und Unteroffiziere, die schon an andern Plätzen erfahren hatten, was Krieg ist, erwarteten nun einen Aufruf von Freiwilligen, um das Nest auszuheben und selber zu besetzen, aber es kam kein Aufruf.

Dieser Zustand blieb etwa eine halbe Stunde so im Unentschiedenen schweben, als in einiger Entfernung von der ersten eine zweite schwere Granate einschlug, und zwar vor dem linken Flügel der Kompagnie, wo die Stellung an einen Steinbruch stieß. Die Leute eröffneten ungeheißen ein eifriges Feuer in den Pulverrauch hinein, aber als der Erdregen sich niedergeschlagen hatte, saß ein Trupp Franzosen auch im neuen Trichter; diese hatten sogar zwei Maschinengewehre mit. Auf dem Weg dazu lagen einige Tote und Schwerverwundete, aber das Loch schien dennoch stark besetzt zu sein; sie hatten also mit Abgang von vornherein gerechnet. Es erhob sich für die nächste Zeit wieder eine wütende Schießerei, an der sich aber die Männer in den Erdlöchern nur mit wenigen günstigen Schüssen beteiligten. Auch diese Maschinengewehre schwiegen und warteten. Nach einiger Zeit sah man am Auffliegen von Erde, daß zuerst im einen, dann auch im andern Trichter geschaufelt wurde, und zwar in der Richtung gegeneinander.

Heinz beobachtete und wartete, er wußte nicht, worauf. Schließlich stellte er das Feuer ab, um für die größern Vorgänge, die sich aus diesen kleinen entwickeln mußten, die Munitionsbestände zu sparen, gerade wie die Männer in den Trichtern, obwohl er fühlte, daß ihm ein andres Verfahren zukam. Es ist nie ganz aufgeklärt worden, aus welchen Beweggründen an diesem unglücklichen Tag Heinz handelte oder nicht handelte; das meiste erklärten sich seine Vorgesetzten schließlich wohlwollend mit seiner zu großen Jugend für die Verantwortung, die auf ihm lag. Was er dumpf und von seiner Unbeweglichkeit gepeinigt erwartete, das geschah. Mit großer, beinahe tollkühner Genauigkeit placierte die französische schwere Artillerie einen dritten Treffer zwischen die ersten beiden, worauf sich alles programmgemäß wiederholte, nur daß diesmal bei den Deutschen kein Schuß losging, zur großen Verblüffung der Pariser. Auch hier bemerkte man nach der Klärung der Luft eine Gruppe Schützen und schon arbeitende Pioniere nebst zwei Maschinengewehren. Der Grund, warum diesmal niemand geschossen hatte, lag darin, daß nun die meisten vermuteten, Heinz habe es auf eine mehr summarische Aktion abgesehen und wolle dafür vielleicht die Nacht abwarten; möglicherweise hatte man für den Zweck Verstärkungen zu gewärtigen. So war man denn im deutschen Graben getrost und rüstete sich auf die Dunkelheit, und den kecken Parisern wollte niemand weiter gram sein, zumal man sie am andern Morgen gefangen wegzuführen gedachte, versteht sich, wer den Spaß mit dem Leben überdauerte.

Aber es gibt im Frieden wie im Feld eine Art von seelischer Wetterkunde, eine hellseherische Witterung von der Dichtigkeit oder Flauheit einer moralischen Luft. Die Kommandanten des Gegengrabens fühlten flaue Luft von den Deutschen herüberwehen. Aus den Mitteilungen der Gefangenen ergab sich nachher für die deutsche Oberleitung etwas folgendes Entwicklungsbild. Den Parisern hatte das ganz unerwartete Verhalten der Deutschen lebhaft zu reden gegeben. Entweder, sagte man, seien sie schlecht kommandiert, und dann mußte man rasch zugreifen, oder sie planten eine eigene Unternehmung, dann mußte man ihnen zuvorkommen. Schließlich wurden die Kommandanten einig, daß es an der Führung fehlen müsse; es sprachen für diese Auffassung eine gewisse Reihe kleiner, aber belegender Tatsachen. Man verständigte sich mit der Brigade, und diese benachrichtigte die Artillerie, die plötzlich den deutschen Graben unter Präzisionsfeuer und nachher noch eine halbe Stunde unter Trommelfeuer setzte. Neue Schwärme kamen hinter diesem eisernen und feurigen Vorhang aus dem französischen Graben heraus, warfen sich zwischen die Trichter hin und gruben sich eilig oberflächlich ein. Kaum war der letzte Schuß der Artillerie gefallen, so schnellten sie mit großer Behendigkeit vom Boden auf und stürmten auf den deutschen Graben los.

Heinz hatte auch diese Entwicklung vorausgesehen, aber jetzt war es schon zu spät für irgendwelche Gegenbewegungen; seine Leute wären unter dem Feuer der vorgebrachten Maschinengewehre nur dem offenen Tod ins Haus gelaufen, ohne das geringste auszurichten.

Den Parisern glückte es nun freilich nicht so schnell, wie sie gerechnet hatten. Die erste Sturmwelle, oder was davon nach vorne kam, mußte vor den Drahthindernissen liegenbleiben. Die Pariser taten es weiterfeuernd und mit erbitterter Zähigkeit in Erwartung der Unterstützung. Inzwischen hatten sich die Trichter und die Zwischenstellungen neu angefüllt und wieder geleert, aber auch die zweite und dritte Welle kam nicht zum Ziel, doch bildete sich aus allem Getröpfel etwas wie eine Rinne oder eine allervorderste Angriffslinie dicht vor den deutschen Gewehren, und jetzt begannen auch die fünf Maschinengewehre zu spielen, die von den tollkühnen Männern aus den Trichtern herausgeschafft und auf dem Feld frei aufgestellt worden waren.

Unter allem schweren Verdruß bemerkte Heinz den großen Unterschied zwischen dem damaligen englischen Angriff und dem heutigen französischen. Die Engländer führten ihren Krieg als sportliche und brutale Einzelleistung, während die Franzosen als ausgemachte Gesellschaftsmenschen geschickt und oft dämonisch fein einander in die Hände arbeiteten und in der Mechanik einer gemeinsamen Unternehmung von keinem Volk der Erde übertroffen wurden. Es war ihm später nicht einmal möglich, alle Einzelvorgänge sich zu vergegenwärtigen, durch die sie ihn überrascht, unterlaufen, festgenagelt und gelähmt hatten, um dann mit einem wütenden Gesamtschwung den entscheidenden Vorstoß anzusetzen. Den ließ er freilich nicht untätig über sich ergehen, aber auch nicht tätig genug. Er fragte zwar nicht danach, ob er sich aussetzte oder nicht, war da, war dort, schrie Anordnungen durch den höllischen Lärm der Handgranaten, schickte Leute auf entblößte Stellen, jagte Leichtverwundete auf ihre Posten zurück, schoß auch den einen oder andern eindringenden Franzosen mit seinem Revolver nieder und machte durchaus den Eindruck eines tätigen, umsichtigen und aufopfernden Truppenführers. Aber als sein vorderstes Maschinengewehr, um das sich der Kampf schließlich zuspitzte, den letzten Mann verlor und nur noch allein starr geradeaus feuerte, bis das Band abgelaufen war, um dann plötzlich zu verstummen, sprang er nicht helfend ein, obwohl er der Nächste dazu war und mit der Mechanik umzugehen wußte, sondern indem er den unheimlichen Vorgang irgendwie gespenstisch berührt beobachtete, sprach eine Stimme zu ihm: »Jetzt ist's um alle geschehen!« und kam eine solche unerträgliche Trübung über seinen Geist, daß er auf einen Moment daran dachte, sich das Leben zu nehmen. Er sah noch, wie ein junger Offizier im Stahlhelm elastisch neben dem Maschinengewehr in den Graben sprang, nach links und rechts je eine Handgranate schleuderte und dann mit schnell gezogenem Revolver auf ihn zulief. Aber gleichzeitig empfing Heinz einen Stoß von hinten in die Schulter, der ihn vornüber zu Boden warf und ihm sehr wahrscheinlich das Leben rettete. Wie sich nachher zeigte, stammte er von einem französischen Bajonett. Der Stich war ihm über dem Schulterblatt in den Rücken und unter dem Schlüsselbein aus der Brust gedrungen. Was weiter geschah, wußte er nicht, weil er ohnmächtig wurde.

Die Pariser wurden nun trotz dieses Erfolges nicht warm in dem deutschen Graben. Sie hatten kaum Zeit, die unverwundeten Gefangenen und die marschfähigen Verwundeten wegzuführen, so setzte schon die Gegenaktion aus den flankierenden deutschen Nachbargräben ein; das Vorgelände wurde für französische Unterstützungen durch Artilleriefeuer gesperrt und die fremde Besatzung von beiden Seiten Mann für Mann aufgerieben, bis sich die letzten sechs ergaben, auch schon reichlich blutend und mit leeren Gewehrläufen. Die aufgehenden Sterne fanden die Deutschen wieder im Besitz des Grabens und Heinz zur ersten Not verbunden auf dem Weg zum Etappenlazarett. Seine Lunge war nicht verletzt, dagegen hatte er während der Rückeroberung des Grabens noch ein deutsches Gewehrgeschoß in den Oberarm bekommen, mit dem zweiten glücklichen Umstand, daß der Knochen nicht getroffen war. Die Trübung seines Geistes hatte sich nicht gelichtet, sondern war noch schwerer und qualmiger geworden. Sie hielt auch die nächsten Tage noch an und machte ihn wortkarg und finster. Dazu erfüllte ihn eine unerklärliche Unruhe, die ihn im Schlaf schreien und aus wirren Träumen auffahren ließ und sich im Wachen als unaufhörlicher Drang äußerte, irgend etwas zu tun, anzuordnen, einzuschreiten, zur Ruhe zu bringen. Der Oberstabsarzt sagte lächelnd zu ihm, für ihn sei es auch Zeit gewesen, daß er einmal verwundet worden sei, aber etwas weniger hätte hingereicht. Heinz verstand ihn nicht und maß den lächelnden Mann mit einem feindlichen Blick. Aber indem ihm mit fortschreitender Ablösung von der kriegerischen Spannung seine bürgerlichen Verhältnisse wieder nähertraten, warf sich seine verdrossene Unruhe auf diese, und in der Meinung, sich Befreiung zu verschaffen, schrieb er jenen Brief an den Dechanten, worin er seine bevorstehende Ankunft und die beabsichtigte Verlobung mit der Tante anzeigte. Daß beides zusammen eine unbegreifliche Roheit ergeben mußte, fühlte er dunkel und geplagt, aber es war ihm unmöglich, sich der Zwangsvorstellung zu entziehen. Nur ahnungsweise war ihm bewußt, daß er mit der Roheit sich selber an den Leib wollte, und gar nicht, daß seine Seele an die Verlobung im letzten Grund nicht glaubte.

Nach zwei Tagen bekam er die Depesche des Dechanten: »Wenn du Linde am Leben treffen willst, komm baldmöglich.« Sie bestürzte ihn kaum und bestätigte ihn nur, er wußte nicht worin. Indessen machten sich die Ärzte ernsthaft Sorge um seinen Gemütszustand, und die Reiseerlaubnis zu einer Sterbenden bekam er daher nur mit Mühe und erst, als sie sahen, daß sie mit der Verweigerung die Sache noch schlimmer machten.

Viertes Kapitel Die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Ein Nachtgespräch. Linde mahnt ihre Hausgenossen zu ihrem Sterben. Vor dem Dechanten reißt der letzte Vorhang

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Als Brigitt auf das Läuten der Glocke die Haustür aufmachte und Lindes gewesenen Geliebten draußen erblickte, brach sie, keines Wortes mächtig, augenblicklich in Tränen aus. Die Frage, ob Linde noch lebe, beantwortete sie mit einem heiseren Krächzen und wiederholtem Kopfnicken. Darauf führte sie ihn blind und taub vor Leid zum Dechanten.

Auch dem Dechanten wurde das Sprechen zunächst sauer, als er so abgemagert und mit unreinem Blick den Freund seiner Linde vor sich stehen sah. »Grüß dich Gott, Heinz«. sagte er ernst. »Wie geht's dir? Bist du schwerverwundet? Setz dich; die Reise wird dich ermüdet haben. Kommst du in einem Zug aus dem Lazarett?«

Heinz gab mit kurzen Worten Auskunft und fragte dann nach Linde, während sein Herz, nach langer Zeit zum erstenmal wieder, bei diesem Namen sich dumpf regte und in seinem düster verhängten Blick auf Sekunden etwas aufschimmerte wie ein vorbeischwebender Engelsflügel, aber nur auf Sekunden. Die lebendige Regung des Herzens hielt jedoch an; es war eine erste Regung zur Auferstehung. Der Dechant allerdings wollte diesem heimgekehrten Sohn kein Kalb schlachten.

»Ich dachte, du würdest zuerst nach Tante Malva fragen«, erwiderte er nicht ohne Bitterkeit. »Sage mir doch, wie ist es möglich, daß eine Seele, die du geordnet und geheiligt hier forttrugst, in kurzer Zeit so unendlich verwildern und verrohen konnte? Oder warst du schon nicht mehr geheiligt, als du gingst? Was soll ich mit dieser Verlobungsvoranzeige? Ich habe deinen Brief nicht verstanden und werde ihn nie verstehen, und er hat mir schlaflose Nächte gemacht. Zuerst wollte ich dich dringend ersuchen, das Fest woanders zu feiern, und das tue ich auch jetzt. Aber darüber hinaus sagte ich mir, daß es nötig sei, dich reden zu hören. So rede, sieh deine ehemalige Geliebte, schlafe einmal unter meinem Dach, wenn du kannst, und geh morgen wieder. Aber zuerst rede. Hast du dich schon in jener Nacht mit Tante Malva, deiner jetzigen Verlobten, vergangen? Hat sie dich verführt, indem sie deine Sinnlichkeit ausnutzte? Und ist diese Verlobung eine physische Folge davon, wovor Gott sein möge? Ich bitte dich, sprich jetzt Wahrheit; unser ganzes Verhältnis hängt daran und vielleicht auch deine ganze Zukunft.«

Heinz hatte dem Dechanten eine Zeitlang mit einer halb geweckten Aufmerksamkeit ins Gesicht gesehen. Nun schaute er düster vor sich hin und beschäftigte sich unruhig mit dem Eindruck, den ihm der Geistliche machte, und mit der neuen sittlichen Entschiedenheit, um nicht zu sagen: Leidgröße, die von seinem Blick und von seinen Worten ausging. So hatte ihm sein Oheim vielleicht nur noch in seiner frühesten Jugend imponiert, und es gab ihm zu denken, daß nun zum erstenmal wieder sich dieser weite und bedeutungsvolle Abstand zwischen seiner eigenen sittlichen Alterslage und der des vorgerückten Mannes auftat. Indessen beantwortete er die gestellten Fragen beinahe mechanisch.

»Ich habe nichts mit Tante Malva zu tun gehabt«, sagte er. »Unsre Beziehungen haben sich erst seither angeknüpft. Ist in jener Nacht etwas geschehen, so war sie jedenfalls nicht daran beteiligt.«

»Es ist schon etwas, daß wenigstens deine Beteiligung feststeht«, bemerkte der Dechant mit großem Blick. »Wer kommt noch in Betracht?« Aber Heinz antwortete auf diese Frage nicht, und eine Zeitlang ging der Dechant denkend vor seinen Büchergestellen auf und ab. »Tante Malva machte mir einige Mitteilungen, die seltsam klingen«, hob er darauf widerstrebend von neuem an. »Sie erzählt, daß ihr gewisse Vorgänge aufgefallen seien und sie sich in der Folge davon nach deinem Zimmer begeben habe, um sich zu vergewissern. Sie habe dein Zimmer leer und dein Bett unberührt gefunden. Kann sie das nach der Wahrheit behauptet haben?«

Heinz hob etwas überrascht das Gesicht, doch nicht betroffen, dazu war er jetzt noch zu schwer zu bewegen. »Linde hat also nichts gebeichtet!« ging es ihm verwundert durch den Kopf; der Verwunderung folgte eine unbestimmte, hoch mit Trübsinn beschwerte vergrößerte Anschauung von ihrem Wesen. »Ich weiß nicht, was Tante Malva getan und gesehen hat«, sagte er dann, wieder mit einem Anflug von Unlust. »Darüber muß sie sich selber verantworten.« Er ließ den Kopf grübelnd wieder sinken.

»Du mißverstehst mich, Heinz!« mahnte der Dechant eindringlich. »Wer sich jetzt verantworten muß, das bist du, und es handelt sich hier nicht um die Tante Malva, sondern um deine Menschlichkeit, die bitterlich in Frage steht. Das ist für uns der einzige Sinn ihrer Mitteilung.« Er stieß auf einen neuen Gedanken und ging ihm zögernd nach. »Warst du — jene Nacht in der Stadt?«

Heinz bedachte sich einen Moment, dann sagte er mit dem Ausdruck von Geplagtheit: »Ja, ich war in der Stadt. Ich — hielt das alles nicht aus, ich mußte mich betrinken. Das möchte ich am liebsten auch jetzt. Ich habe mich seither oft betrunken. Aber lassen wir das; kann ich jetzt Linde sehen?«

»Tante Malva ist ebenfalls krank«, erwiderte der Dechant etwas erkältet. »Willst du nicht deine Verlobte zuerst sehen? Sie würde es vermerken, wenn du die andere vor ihr besuchtest.«

Heinz erhob sich langsam, mit einer müden Bewegung. »Ich bitte dich, Onkel, quäle mich jetzt nicht«, sagte er etwas kahl. »Halte dich an keine Worte und an keine vergangenen Dinge, sondern an das, was ich jetzt tue. Wenn du mich nicht hinführen willst, so gehe ich allein.« Indessen blieb er unschlüssig stehen, weil ihm an diesem Wort etwas nicht in Ordnung schien.

Der Dechant übereilte sich auch nicht. »Du siehst offenbar selber ein«, bemerkte er, nachdem er ihm Zeit gelassen hatte, »daß dies nicht die Tonart ist, in der du in diesem Haus und in dieser Stunde mit Erfolg auftreten kannst. Du wirst auch nicht mit Dingen, die du jetzt tust, andere so rasch wieder gutmachen können, die du früher getan hast. Wie es scheint, hast du im Feld draußen allmählich vergessen, daß du nicht beziehungslos in der sittlichen Welt stehst, und daß es noch Menschen gibt, die sich mit dir auseinanderzusetzen haben. Aber ich denke, daß dir vielleicht vor allem ein Augenmaß not tut. Es ist gut; komm denn sehen, was dir vom nächsten Anblick als Anteil zufällt.«

Mit diesen Worten ging er ihm an die Tür voraus, öffnete, ließ ihn an sich vorbei in den Korridor treten und führte ihn dann ins Sterbezimmer. Das erste, was Heinz in die Augen fiel, war die brennende Kerze vor dem Bild der Mutter Gottes, die Brigitt für die Kranke gestiftet hatte; eine Schwesterkerze brannte gleichfalls in der Kirche neben dem Altar, um Gott durch die fromme Flamme an die Fürbitte zu erinnern, die Brigitt Tag und Nacht für die abscheidende Seele tat. Das Licht machte ihn auf den Schlag einsam und klagte ihn an. Hier war alles Liebe und Sorge um ein gekränktes junges Leben, während er kam, um zu sehen, was er angerichtet hatte. Mit schauernder Kühle berührte ihn die tiefe Verwandlung dieses Zimmers, worin er eine Nacht lang Liebender und Beglückter gewesen war, und indem er endlich der Sterbenden näher trat, geschah es mit einer Beklommenheit, die er noch vor keiner Schlacht empfunden hatte, und mit einer geradezu bestürzenden Ahnung von den Gewalten, die nicht von dieser Welt waren, und die an Bedeutung und Machtmitteln jede sinnliche Erscheinung unendlich drohend übertrafen. Nicht als ob an dem sterbenden jungen Mädchen irgendwelche überirdischen Zeichen hervorgetreten wären, sondern es lag recht irdisch arm und abgezehrt auf seinem weißen Kissen, noch viel mehr bekümmernd als rührend in seiner Hinfälligkeit, die dunkelblonden Zöpfe verloren neben sich, die durchsichtigen Hände kalt und schon gestorben auf der Bettdecke, die Augen tief eingesunken und geschlossen und den Mund kaum atmend offen, mit gesprungenen Lippen und scharfen Linien auf den Wangen hinunter, die sie etwas alt machten. Nur auf der Stirn und dem Scheitel war eine Helligkeit beisammen, die auch den fremden Betrachter überrascht hätte, und die immer wieder wie lockend die Blicke des Soldaten auf sich zog, wenn ihm das Anschauen der andern Zeichen gar zu grausam die Kehle zusammenschnürte.

Als er sich bis unter die Haarwurzeln mit dieser jammervollen Wirklichkeit erfüllt hatte, ohne noch den Sinn für das Geheimnis darin finden zu können, wandte er sich seufzend ab und verließ, beinahe ohne es zu wissen, mit dem Dechanten den Raum; erst beim Gehen bemerkte er, daß Brigitt auch da war.

Den Rest des Abends verbrachten die Männer ziemlich schweigsam miteinander, zuerst bei Tisch und dann wieder an Lindes Bett. Zwei oder dreimal tat der Dechant eine Frage, nach seiner Verwundung, nach dem Stand der Dinge draußen im Feld, und ob er nicht müde sei und schlafen gehen wolle? Die ersten beiden beantwortete Heinz, die letzte nicht, und der Dechant wartete auch nicht darauf. Von den nächsten Angelegenheiten war nicht mehr die Rede; die gleiche Scheu hielt den Dechanten ab, davon zu sprechen, und den Soldaten, danach zu fragen. Nur einmal, nach einem langen Schweigen, brach Heinz die Stille, indem er sich mit einer Stimme, die ihm selber fern und fremd klang, erkundigte: »Hat — Linde nichts für mich — hinterlassen?« Den Oheim vermochte er dabei nicht anzusehen, sondern er blickte starr auf die Sterbende.

Er mußte sich etwas mit der Auskunft gedulden. »Da du dich danach erkundigst«, sagte der Dechant endlich, und Heinz hörte, wie widerwillig der gebeugte Mann antwortete: »Sie läßt dir sagen, du sollst — Tante Malva nicht heiraten. Es würde dein Unglück sein. — Aber vielleicht irrt sie sich darin«, setzte er zweifelnd hinzu. »Die Umstände sind verschieden, unter denen die Menschen ein Glück finden.« Nicht fähig, die Nähe dieses unglückseligen jungen Menschen länger auszuhalten, stand er auf und trat ans Fenster, wo er lange stand und in die Nacht hinaussah.

Auch diese Bewegung verstand Heinz. Nach einer weitern halben Stunde erhob auch er sich. »Ich will jetzt zu Bett gehen«, sagte er mit einem letzten Blick auf die ehemalige Geliebte. »Wenn — etwas Besonderes geschieht, so klopfe mir bitte. Gute Nacht.«

»Gute Nacht«, erwiderte, nicht nur körperlich abgewendet, der Dechant, und Heinz ging tiefer vereinsamt hinaus.

Er legte sich angekleidet aufs Bett, ohne zu schlafen, doch auch ohne viel zu denken; dafür war es bei ihm immer noch nicht Zeit. Seine wenigen Gedanken waren seltsamerweise bei seiner Mutter, an die ihn einige Züge in Lindes Gesicht erinnert hatten, seine Sinne bei dieser, seine Gefühle tief unter ihm in seinen Wurzeln, und sein Bewußtsein schwebte unbeheimatet und ohne Auftrag über seinem stillstehenden Leben im Leeren. Seine Wunden schmerzten, und eigentlich hätte er frisch verbunden werden müssen. Sein Herz klopfte schwer und wie unter einer Last von Steinen. Ab und zu suchte sich ein Gesicht aus seinem Dunkel zu lösen, aber es kam nicht aus einer gewissen schmerzlichen Gleichgültigkeit frei, die es festhielt, und sank trauernd zurück. So vergingen ihm die Viertelstunden; er hörte sie wehend im Föhn vom benachbarten Turm schlagen.

Aber aus dieser unnatürlichen Ruhe löste sich in der Tiefe eine zuckende Willensregung, ein dunkles scheues Wirkliches, das peinigte und sich aus der Unbewußtheit schmerzend ins Bewußtsein hindurchbohrte. Etwas stand ihm noch bevor! Ein Letztes mußte noch getan sein, wenn alles getan und gelitten, wenn alles erfüllt sein sollte. Er wußte gut, daß kein äußerer Zwang ihn veranlassen konnte, der Mahnung zu gehorchen, aber ebenso klar wurde ihm, daß er in jedem Fall gehorchen mußte, wenn er aus allem Tod sein junges Leben retten wollte, nicht sein äußeres, das war gesichert, aber sein inneres, das noch unter der ganzen Bedrohung des sittlichen Untergangs stand. Beschmutzt und erniedrigt, wie er sich fühlte, sah er sich vor der Notwendigkeit, noch einmal mit vollem Wissen in den Bannkreis jener unheimlichen Gewalt zu treten, die ihn verdorben und beinahe vernichtet hatte, indem sie seine niedern Instinkte entfesselte. Das alles wäre ihm aber nicht geschehen, wie er sich ganz ehrlich sagte, wenn er keine niedern Instinkte besessen hätte, und in dieser Erkenntnis lag unter aller Niederlage bereits ein Fortschritt, wenn er sie auch nicht als solchen empfand, sondern zunächst als Leiden und Urteil. Doch war es dieselbe männliche Ehrlichkeit, die ihm den Wahlspruch eingab: »Jetzt los davon oder ganz in den Schmutz!« An der Ausdeutung des Gefühls war freilich sein jüngster Fatalismus noch zu großen Teilen tätig, und sie bewies seine kindlich rohe Ungeübtheit im Umgang mit sittlichen Forderungen. Unruhig, voll düsterer Vorgefühle und freudlos kahler Erwartungen erhob er sich endlich, richtete den zerschossenen Arm in die Binde ein und verließ nach einem letzten grübelnden Aufenthalt am Fenster das Zimmer.

Er war sicher, daß die schlaflose Frau ihn erwartete, fand auch die Tür offen und sie bei einem Nachtlicht wachend, und zwar im Lehnstuhl neben dem geheizten Ofen mit einem Buch in der Hand, doch nicht lesend, blaß, verfallen, alt, mit ungewöhnlich großen, vor Angst geweiteten Augen, deren Blick ihm verschärft und spähend entgegenflog, um auf einen Moment sich klammernd an ihn zu halten und dann enttäuscht und fremd erkältet von ihm abzugleiten. Heinz stand wortlos im Zimmer und sah sie an mit einem Ausdruck, als ob er daran zweifle, daß sie wirklich jene elegante und gefährliche Frau sei, die ihm aus der Ferne so zu schaffen gemacht hatte. Eine Zeitlang herrschte vollkommene Stille, bis ihr sein Blick peinlich wurde und sie den ihren, der ruhelos zwischen den Dingen in der Stube hin und her ging, nach einem Stuhl wandte, auf den sie zugleich mit der schmalen Hand deutete: »Setz dich, Heinz.« Er gehorchte, während sich in ihm eine unsägliche Befremdung über sich, sie, die Menschen und das ganze Leben ausbreitete. Lust, Gier, Besitz, Geltung, so dünkte ihn —, was war das alles gegen ein reines Bewußtsein von sich selber und das Gefühl der Einheit mit jenen treuen und redlichen Seelentrieben, aus denen die Menschheit ihre eigentliche Schönheit und ihren tiefsten Wert gewinnt. »Ich bin krank«, sagte die Frau wie erklärend. »Es wird aber vorübergehen.« Er nickte, unfähig, ein Wort zu sprechen. Was sich jetzt am Anblick ihres Elends in ihm erregte, das war die schwere Empfindung des Mitschuldigen, die ihn ergriff und erschütterte, ihn, den in aller Schuld beinahe Erfrorenen, und die unter der Erstarrung der Gegenwart den heißen Quell der Erkenntnis befreite, so daß sein winterliches Leben heimlich erregt wieder in Fluß kam, sich stoßend und brechend zwischen Eisschollen, Schmutz und entsetzlichen Versteinerungen, aber doch wieder bewegt, doch wieder einem irdischen Vorgang ähnlich.

»Ich — dachte nicht, daß wir uns — unter solchen Umständen — wiedersehen würden«, brachte er endlich stockend heraus, verstummte aber sofort, weil ihm wie eine Faust das Schluchzen nach der Kehle fuhr. Dazu quälten ihn seine Verletzungen, und er brauchte sein ganzes männliches Schamgefühl, um vor ihr seine äußere Fassung zu behaupten.

Sie hörte alles. Zuerst saß sie noch eine Zeitlang mit zusammengepreßten Lippen und unruhig denkend wieder den Blick zwischen den Gegenständen ihres Zimmers umherführend. Endlich begann sie zu reden.

»Nun, mein Freund, so weit hätten wir's also gebracht miteinander«, sagte sie, ihm das kranke Gesicht flüchtig zuwendend, um dann wieder unbehaglich dahin und dorthin zu blicken, als ob sie etwas suchte. »Du hättest früher kommen müssen, wenn dein Besuch für mich irgendeinen Wert haben sollte. Was willst du hier bei mir, nachdem du zuerst bei ihr warst? Und was hat es für einen Sinn, daß du dich wie einen Glückbringer ausführlich hier im Haus annonciertest, nachdem doch nun jeder, auch sie, seinen Fußtritt von dir besitzt? Daß du dem Dechanten deine bevorstehende Verlobung mit mir anzeigst, mich im dunkeln läßt und in einer Reise zu ihr gehst? Du bist ein seltsamer Mensch! Ein ganz seltsamer und unberechenbarer Mensch! — Nun, mache dir nur keine Gedanken darüber, und vor allem erspare dir alle Gewissensbisse meinetwegen. Ich habe keine Lust, auch noch an dir zugrunde zu gehen. Das Mädchen hast du aus dem Leben getrieben. Wozu? Müßt ihr jetzt um jeden Preis vernichten? — Morgen werde ich dies unheimliche Haus verlassen, halb Spital, halb Irrenanstalt, halb Leichenhalle. Lebt sie denn noch? Hm, einen Augenblick sah es aus, als ob sie mich infiziert hätte. Ich hatte einen ganz rätselhaften Magenanfall. Das Volk würde sagen, sie wollte mich nachholen. Man erliegt aber übersinnlichen Ansteckungen nicht so rasch.« — Sie verstummte unter einem Kälteschauer und schwieg eine Weile innerlich zitternd ohne ein Mittel, sich gegen ihr Leiden zu wehren, und hilflos Auge in Auge mit ihrer Altersangst. — »Was sonst?« fuhr sie dann dünn und skeptisch fort, wie bisher ruhelos das Zimmer absuchend. »Jetzt sitzt dir das Schluchzen in der Kehle und bist du ganz Reue und Todesgefühl. In vier Wochen könnte ich wieder auf dich zu rechnen anfangen, aber du bist mir zu kostspielig. Ich bin schließlich doch nicht mehr jung genug, um mir einen solchen Sport zu leisten. Das Seelenleben wirst du dir doch nie abgewöhnen, und daran wird deine Weltmannschaft immer wieder scheitern. — Weißt du eigentlich, warum ich überhaupt in dies Haus kam, nach allem, was geschehen war? Ich bin auf Jugend hungrig, und Linde schrieb mir in jenem Brief, daß du auch da seist. Von dir hatte ich aber schon eine ganz bestimmte Witterung; die Aussicht reizte mich. — Ich glaube, ich habe dich wirklich geliebt. Ich habe Hoffnungen und Träume auf dein Leben gebaut. Ich wollte dich kapitalisieren. Ich wollte dir das Außerordentliche sein, das dich zum freien Mann machte und dir eine große Karriere verschaffte. Ich verdanke dir eine der bittersten Erfahrungen meines Lebens; das ist auch etwas. Nun, es wird sich wieder ausheilen. — Man wird hier in den nächsten Tagen deinen Glauben wiederherstellen. Du wirst erschüttert und ›erweckt‹ ins neue Leben gehen. Ich werde in mein altes zurückkehren. Noch eines will ich dir sagen — aber hat es nicht geklopft? Es ist dir wohl unangenehm, wenn ich eintreten lasse? Obwohl wir ja nicht aussehen, als ob wir ungern gestört würden. Herein!«

Heinz hatte sich schon erhoben. »Linde wird sterben«, sagte er tonlos. »Ich hatte gebeten, mich zu rufen.« Doch zögerte er unter ihrem Blick, in welchem ein kaltes und zugleich unruhig fürchtendes Licht aufging. Dieser Blick widerlegte alle ihre vernünftig kühlen Ausführungen, und Heinz sah, daß auf seinem Grund die Angst vor dieser Sterbenacht lauerte. Er machte eine verlorene und halb unbewußte Bewegung nach der Tür. »Ich muß gehen!« erklärte er widerstandslos. »Ich — kann dir auch nichts sagen. Da muß sich nun jedes selber weiterhelfen.« Indem klopfte es zum zweitenmal dringlicher, und er öffnete, immer noch nicht fähig, den Blick von ihrem fahlen, zuckenden Gesicht zu lösen. Eine Weile wartete er, daß jemand eintrete oder spreche, um ihn aus diesem Bann zu befrein. Als sich nichts regte und ihn das erste Grauen von hinten beschlich, wandte er den Kopf herum und bemerkte, daß der Vorplatz leer war. »Es hat doch zum zweitenmal geklopft!« sagte er befremdet, während er einen bereits erregten Blick nach der Tante ins Zimmer zurückwarf, unter dem sie bis auf die Lippen hinein grau wurde. Unwillkürlich beugte sie sich vor, als ob sie einen Versuch machen wollte, ihn zurückzuhalten. Noch kämpfte er einen letzten Kampf zwischen ihrer verzweifelnden Angst und dem Trieb, der ihn zum Sterbezimmer fortdrängte. Sie verfolgte jede seiner kleinsten Regungen überwachsam mit den Blicken, aber nach einem allerletzten Zaudern angesichts ihrer Einsamkeit, die er überall im Dunkel lauern sah, bereit, sich wieder auf sie zu stürzen, ergab er sich aufatmend seinem Trieb und ging, während er schon die erbitterte Stille, die er hinter sich im Halbdunkel ließ, körperlich als Furchtempfindung im Rücken spürte.

Als er aber mit schnellerem Schritt in das Sterbezimmer trat, fand er den Oheim vor Müdigkeit schlummernd im Lehnstuhl sitzen; er hatte den Platz überhaupt nicht verlassen und Heinz also auch nicht gerufen. Jedoch gleich darauf trat Brigitt ein, ebenfalls von einem Klopfen gerufen, beinahe aufgelöst vor Schreck, weil auch sie niemand vor ihrer Tür gefunden hatte, und sichtlich beruhigt darüber, Heinz bei Linde zu finden.

Linde verharrte noch in ihrer vorigen Lage, aber es war eine geheime Unruhe in sie gekommen, Ihre Lider zitterten, und die Augäpfel bewegten sich darunter. Der Mund schloß sich und öffnete sich wieder; ihr Gesichtsausdruck war gequält, und die Leidenslinien neben der Nase herunter vertieften sich. Die Hände griffen auf der Bettdecke umher, und ihr Atem ging schneller. Niemand zweifelte daran, daß der Todeskampf eingesetzt habe. Der Puls, der manchmal kaum mehr zu merken gewesen war, regte sich. Sie wendete den Kopf nach der einen Seite und dann nach der andern, als ob sie einem Schmerz ausweichen wollte. Dazwischen stockte dann plötzlich der Atem wieder, während sie gleichzeitig die Brust aufbäumte, als ob sie schreien wollte. Gegen drei Uhr begann sie leise zu wimmern, und einige Male gab sie halb gesprochene Laute von sich, als ob sie jemand um Erbarmen flehte. Dann ertönte plötzlich jener langgezogene, jammervolle Schrei, der die Männer bis ins Blut erbleichen machte und die alte Magd fassungslos vor ihrem Bett niederwarf. Auch die einsame Frau vernahm ihn in ihrem Zimmer zu ihrem namenlosen Grauen. Aber darauf geschah das Unerwartete. Plötzlich öffnete die Sterbende die Augen mit einem ganz vollen, bewußten Blick, mit dem sie nacheinander die Anwesenden ansah und schließlich nachdenkend und wie fragend an der Gestalt des Soldaten haftenblieb. Ihn schüttelte das Elend bis ins Mark, aber er hielt ihr stand, um sie nicht zu verwirren, so gefährlich er selber verwirrt war. Es konnte niemand mit Bestimmtheit sagen, daß sie ihn erkannte, wenigstens gab sie's durch kein Zeichen kund, sondern mit diesem unverwandten, fragenden Blick sank sie nach einer Minute oder zweien in ihre Bewußtlosigkeit unter, ebenso unerwartet, wie sie daraus aufgetaucht war.

Bald setzte der Todeskampf frisch ein. Sie wimmerte noch viel, flehte um Gnade, schrie zu verschiedenen Malen, aber nicht mehr so laut und lange, wie das erstemal, bäumte sich und warf sich so heftig, daß sie gehalten werden mußte, aber gegen fünf Uhr ließ die Kraft und damit der Kampf nach, und um halb sechs stieß sie den letzten Schrei aus, kurz darauf auch den letzten Seufzer. Als die Frühglocke zu läuten begann, war alles geschehen.

Nachdem aber diese verklungen war und der Dechant dachte, man habe nun alles überstanden, warf Brigitt noch einmal einen Ast ins Feuer, daß es von neuem hoch aufflammte. Vom Schluchzen und Beten an Lindes Bett auftaumelnd, erblickte sie den bleichen Soldaten, den Mittelsmann des ganzen Unglücks, und ihr altes Herz stieg ihr mächtig an gegen ihn. »Und du?« schrie und weinte sie ihn an. »Wie ist dir jetzt mit deinem schwarzen Herzen? Hast jetzt die zweite Nacht in ihrem Zimmer verbracht! Die dritte wartet auf dich in der Ewigkeit!« Mit diesen Worten wankte sie hinaus, um ihr schweres heutiges Tagewerk zu beginnen.

Der Dechant, von dem Wort tief betroffen, wandte einen Blick auf den jungen Menschen, dessen Miene und Haltung es grenzenlos bestätigten. Sie drückten in aller männlichen Erschütterung noch viel mehr aus, Gefühle und Regungen, die ihm den Soldaten zum erstenmal wieder menschlich näherbrachten, aber inzwischen brach ihm vor dem Geheimnis dieser wunderbaren Verstorbenen auch die letzte Stützmauer seiner rechtgläubig-religiösen Welt ein. Denn indem er bedachte, wie selbstherrlich Linde durch die Sterbesakramente in den Tod gegangen war, mußte er entweder den Glauben an ihre göttlich geführte Menschlichkeit oder an sein so logisch aufgeführtes Gebäude der Gotteserkenntnis aufgeben. Augenblicklich stürzte und barst es in seiner Seele, ohne daß er in der Geschwindigkeit wußte, was da unterging. Noch eben hatte er mystisch gewaltige Spekulationen angestellt über das Wesen, das im Anfang war, und das bei Gott war, und über den Gott, der im Wesen, vom gläubigen Menschen gesprochen, ist oder nicht ist. Nun erkannte er, daß er in der Rechnung das Wesen des hoheitsvoll liebenden Menschen und seine Abgründe nicht eingestellt hatte, daß alles noch viel gewaltiger und mystischer und daß auch jene Erkenntnis weder das letzte Wort über Gottes Wesen ist noch genug Raum enthält, um die Wesenhaftigkeit der menschlichen Seele zu fassen.

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