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Der Dechant von Gottesbüren

Zweiter Teil / Ehrgeiz (continued 2)

Reading edition

Eine Weile horchten die Frauen stumm auf das einsame Geräusch, Linde mit den Gedanken bei dem entfernten Freund, die Tante sich zum beabsichtigten Gefecht rüstend. Schließlich räusperte sie sich.

»Warum ißt du nicht?«

»Mir ist heute nicht ganz gut«, erwiderte Linde einfach. »Ich will ein wenig fasten.«

»Heinz schreibt, er hätte dir geraten, den Ort zu wechseln, und ich solle ihm dabei helfen. Ich werde ihm natürlich nicht helfen, sondern denke, daß du hierbleiben wirst.«

»Warum denkst du das?« fragte Linde, auf eine Feindseligkeit gefaßt.

»Ich könnte sagen, weil der Dechant dich braucht, und hätte sonst gar nichts nötig«, erwiderte sie singend und etwas von oben herab. »Aber es wäre nur halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, daß du die Nachsicht deines Onkels nötiger brauchst als er deine Dienste. Es haben jetzt nicht alle Leute soviel Gutmütigkeit, ein kränkliches und nicht übermäßig tüchtiges junges Mädchen um einiger Nettigkeiten willen zu unterhalten. Du hast immer noch nicht begriffen, daß wir Krieg führen, und was das in seinem ganzen Umfang bedeutet: Krieg! Nun, manchen hat Gott ihren sanften Egoismus gegeben, daß sie sich leichter haben, aber sie sollten wenigstens begreifen, daß andere das Leben nicht so leicht finden, und ihre Haltung danach einrichten. Mir scheint deine christliche Selbstgenügsamkeit etwas billig, und es wäre gut, wenn du dich bemühtest, wieder etwas mehr zum allgemeinen Leben beizutragen.«

»Insofern wäre es vielleicht doch besser, auf eine Zeitlang den Ort zu wechseln, da ich dir hier soviel Anstoß gebe«, meinte Linde.

»Insofern wäre es besser, deine Tonart zu wechseln«, versetzte die Tante schärfer. »Ich bewundere nichts an dir als die Stirn, die du nach allen Vorgängen noch hast.«

»Von was für Vorgängen sprichst du?« begehrte Linde aufhorchend zu wissen, während auf ihren Wangen eine leise Röte erschien. Die Tante lächelte.

»Viel Sicherheit tönt nicht aus deiner Frage«, spottete sie. »Obwohl ich immer fand, daß Personen deines Schlages überraschend dickfellig sind. Ich besitze ja wirklich kein Bedürfnis, von dir um Verzeihung gebeten zu werden; solche frommen Scherze liegen mir gar nicht. Aber es hätte für dich gesprochen, wenn du während der langen Zeit meines Hierseins einmal Gelegenheit genommen hättest, eine begangene kindliche Niedertracht ins gleiche zu bringen. Auf deinen Charakter hab' ich mich nie verstanden.«

»Wenn du keine Bitte um Verzeihung erwartest, was verstehst du dann darunter, etwas ins gleiche zu bringen?«

Die Tante bemerkte mit Ärger die Herausforderung in dieser Frage. Einen Moment stutzte sie sogar darüber. »Oh, ganz einfach und von Mensch zu Mensch«, brach sie dann mit einem etwas unangenehmen Lachen los. »Ganz natürlich! Es ist nicht die mindeste Übernatürlichkeit dabei. Wir sind nur gewöhnliche Weltmenschen, aber wir halten auf gute Sitten, obwohl wir manchmal auch höhere Ideen hätten. Man kann ja Kindereien begehen aus Dummheit, aus Bosheit, ja aus Bequemlichkeit; du siehst, es fehlt mir nicht an Toleranz. Aber wenn man ältere Personen in Mitleidenschaft gezogen und sogar menschliche Verhältnisse auf lange hinaus verdorben hat, und man fängt dann einen frommen Wandel an, so glaubte ich bisher, dergleichen beginne damit, daß man zuerst seine persönlichen Verhältnisse ordnet auch mit solchen Personen, die man nicht besonders gut leiden kann, trotz aller Heiligkeit. Abneigungsmotive sollen ja sonst bei wirklich frommen Menschen nicht mehr wirksam sein. Aber vielleicht bist du noch eine sehr grüne Heilige, und dann muß man dir manches nachsehen. Nun, ich in meinem Teil stehe auf dem Standpunkt, daß ich mein Verhalten zu dir ganz von deinem Verhalten zu mir abhängig mache. Du kannst mich so erleben und kannst mich anders erleben. Das wollte ich dir schon lange einmal sagen. Richte dich also danach. Auf schöne Worte gebe ich aber nichts; damit bin ich schon lange nicht mehr zu fangen.«

Linde saß nun wieder mitten im gerechten Zorn. »Hattest du etwa das Gefühl, daß es mir darauf ankomme, dich mit irgend etwas zu fangen?«

»Ich brauche dir über meine Gefühle ja wohl nicht Rechenschaft zu geben«, achselzuckte die Tante etwas dürr und erhob sich. »Wenn dir daran liegt, sie kennenzulernen, so mußt du dir, wie schon gesagt, einen andern Umgangston dafür aussuchen.«

»Den Ton in diesem Haus gibst ja gegenwärtig du an«, bemerkte Linde.

Die Frau zog die Augenbrauen in die Höhe. »Sehr nett«, anerkannte sie hochmütig. »Aber ich werde nicht mit dir zanken, meine Liebe. In einem so vertraulichen Verhältnis stehen wir ja nicht zueinander.«

»Das war auch immer meine Auffassung!« bestätigte das Mädchen ernst. Der Tante fiel der schwermütige Gesichtsausdruck auf, mit dem sie diese Worte sprach, und er gab ihr nachher noch zu denken. Für jetzt erwiderte sie lächelnd und mit vorgeschobenem Kinn:

»Wie du meinst, mein Kind. Dann gehst du aber etwas unbequemen Zeiten entgegen.«

»Ich bin davon noch nicht ganz überzeugt«, sagte Linde um einen Schein blasser und bitterlich ihren Blick festhaltend. »Ich denke, wenn du dagegen bist, daß ich den Platz hier verlasse, so will das heißen, daß du ihn bald räumen willst.«

Der Hieb saß. Die Frau, die sich schon zum Gehen gewandt hatte, fuhr getroffen herum und tat beinahe unbewußt einige Schritte zum Mädchen zurück, das noch auf seinem Stuhl saß. »Ich bin dir immerhin verbunden, daß du endlich dein wahres Gesicht zeigst«, erklärte sie, nun ebenfalls mit zitternder Stimme, aber vor Wut und ein wenig zischend, sosehr sie sich auch Gewalt antat. »Mein Kindchen, um eine solche Haltung mit Erfolg durchführen zu können, bist du ein bißchen zu provinzlerisch, und dazu hast du schließlich auch nicht den sittlichen Standpunkt. Zum Glück stehen noch Mächte und Personen hinter uns, die dir Autoritäten bedeuten, und bei denen dir an deinem guten Ruf etwas gelegen ist. Nein, meine Liebe, ich werde den Platz zunächst noch nicht räumen; darüber beruhige dich nur. Es liegt mir im Gegenteil daran, ihn noch länger mit dir zu teilen. Hast du mir sonst noch einen zartfühlenden Vorschlag zu machen? Es scheint nicht. Nun, ich stehe dir ja jederzeit zur Verfügung.«

Nach diesen Worten ging sie ziemlich rasch ab, solchermaßen das letzte behaltend. Linde erhob sich wenig später müde und unter einem großen innern Schweigen, um ihre Tagesgeschäfte fortzusetzen. Nachdem sie in den untern Räumen fertig war, stieg sie zum Dechanten hinauf, um zu hören, was er ihr zu sagen hatte.

Über den Dechanten hatte in jener Zeit die Kunstleidenschaft vollständig die Herrschaft gewonnen. Die Stunden, die er nicht auf dem Bauplatz verbrachte, wozu ihm die Kirche jetzt ganz geworden war, steckte er in seinem Museum oder im Arbeitszimmer über alten Chroniken und über seiner neuen, zusammenfassenden, von der gegenwärtig eben die ersten Kapitel wurden. Anders als kunsthistorisch beschäftigt sah man ihn überhaupt nicht mehr im Dom. Die gottesdienstlichen Handlungen samt der Beichte und der Predigt überließ er unbeschränkt seinen Hilfsgeistlichen, die erstere, weil ihm die Stimmung dazu fehlte, die letztere, weil ihm die Vorbereitung zuviel Zeit weggenommen hätte, denn er besaß bereits einen auf den Termin festgelegten Vertrag mit einem Verleger. Gegenwärtig wurden die photographischen Aufnahmen gemacht, mit denen nachher das gelehrte Werk ebenso anschaulich unter- und überbaut als kurzweilig geschmückt werden sollte. Der Dechant lebte ständig in einer gewissen geistigen, aber nicht geistlichen Erregung, und für alle nicht kunstgeschichtlichen Verhältnisse und Beziehungen seines Lebens verlor er in zunehmendem Maß die Aufmerksamkeit und den Sinn. Außerdem spannte ihn ein Ereignis, von dem noch die Rede sein wird. Er lebte abwesend, wühlend und in einem ständig seine Glut steigernden Vorfeuer des weltlich-wissenschaftlichen Ehrgeizes nach Erfolg und Ruhm. Das war auch mit ein Grund, warum die Tante in ihrer Hauspolitik schließlich von ihm unbehelligt blieb; jetzt schob er alles auf und hinter sich, was an ihn sonst noch Ansprüche stellte, und zwar nicht lässig und lahm, sondern mit heftig entschiedenen Bewegungen und stets reizbarer, leidenschaftlicher Abwehrgebärde.

In diese Stimmung hinein hatte ihn diesen Morgen ein Schreiben des Erzbischofs getroffen. Es beschäftigte sich mit seiner Kirchenrenovation, über die er einige grundsätzliche Bedenken äußerte. »Wir haben es gutgeheißen«, stand darin, »daß Du nebenbei einige Gelegenheit benutztest, um das eine oder andere alte Gerät wieder ans Licht zu bringen, was Dir denn auch vielfach gelungen ist. Du weißt, daß Wir von vornherein keinen sehr großen Nachdruck auf diese Möglichkeit legten, von der Wir nur als Gelegenheit sprachen. Wir meinten daher auch keineswegs, daß, wie es seither immer mehr den Anschein gewonnen hat, Du das ganze Werk auf eine Liebhaberei und auf eine Leidenschaft einstellen würdest, die weniger Gott und der Gemeinde dienen als der weltlichen Wissenschaft. Laß Du die Kunstgeschichte denen, die diesen Zweig von vornherein für sich gewählt haben. Du hast, soviel Wir wissen, den Dienst Gottes an der Seele der Menschen für Dich gewählt. Die Klagen über Deine so ungebührlich in die Länge gezogene Kirchenrenovation mehren sich. Ich weiß, daß Du in einseitigem Eifer mit der weltlichen Behörde Abmachungen trafst, die den Termin der Wiedereinweihung Deines Domes um Monate hinausgeschoben haben. Darüber wirst Du Dich noch besonders vor Uns zu verantworten haben. Die Gemeinde kniet im Maurerstaub. Die heiligen Geräte und Symbole der Jetztzeit liegen im Schuppen, während Du alte ausgräbst, und die Gläubigen sehen auf eine zerstörte Stätte, auf Attrappen aus unbemaltem Karton und auf rohe Gerüste, die längst wieder aus der Kirche sein sollten. Wir wollen daher, daß Du am nächsten Montag Dich bei Uns einfindest, um Uns Rechenschaft über den Stand der Dinge zu geben und Unsern endgültigen und unwidersprechlichen Entschluß über die weitere Führung jener Geschäfte zu erfahren. Wir werden dann auch noch andere Fragen zu besprechen haben, die Dein persönliches Leben und Deine Hausordnung angehen, und die ebenfalls Unser lebhaftes Bedenken erregen. Sieh zu, daß Du über alles befriedigende Auskünfte geben kannst, die Wir Uns gerade von Dir herzlich wünschen. Inzwischen empfange Unsern Segen.«

Vom Segen spürte er diesmal nicht viel, sosehr er den alten Herrn bisher verehrt hatte; er steckte jetzt voll weltlich erregter Ströme, die einem solchen frommen Einfluß widerstrebten. Heftiger brandeten sie freilich an dem unerwartet entgegengestellten Hindernis auf, und der Unmut dieses Sohnes der Kirche über die vorgesetzte väterliche Gewalt war nicht klein, aber sofort stark von schlechtem Gewissen bestritten. Nun wäre die Erregung in solchem Umfang trotzdem nicht ganz zu verstehen und würfe ein schlechtes Licht auf den Charakter des Dechanten, wenn man nicht erführe, daß er gerade diese Tage über eine alte Handschrift geraten war, die alle seine Leidenschaften aus dem Grund neu aufregte. Denn in dieser Handschrift stand klipp und klar, daß unter dem Boden des Chores, da, wo in der darunterliegenden Krypta alle Traggewölbe nach dem Mittelpfeiler zusammenlaufen, in diese Vereinigung zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges ein Kasten mit goldenen Geräten, die schon in der Handschrift als alt bezeichnet wurden, versenkt worden sei. Mit dieser Nachricht erklärte sich dem Dechanten erstens auf einen Schlag die auffällige Armut des alten, vielverehrten Gotteshauses an goldenen Geräten und an Edelsteinen, an denen viel jüngere und weniger berühmte Dome unverhältnismäßig reicher waren, zweitens der Umstand, daß er nirgends auf einen Hinweis über den Verbleib der unzweifelhaft vorhanden gewesenen Votivgaben gestoßen war, und drittens weckten sie in dem einfach lebenden und persönlich so anspruchslosen Mann urplötzlich einen rechten Heißhunger, eine geistige Wolfsgier nach kirchlichem Besitz, Gold und Edelgestein, Reichtum und schwerer Pracht, daß er seit den Tagen, die er mit diesen schwülen Vorstellungen im Kopf herumlief, sich selber nicht mehr kannte. So gut ihm die Armut und Einfachheit seines Domes bisher gefallen hatten, so ehrgeizig wild, um nicht zu sagen: verwildert, umflogen nun seine Gedanken die Stelle im Chor, in welcher ein solcher Glanz verborgen war. Durch die Hebung des Schatzes konnte womöglich sein Dom von einem Tag auf den andern alle übrigen an Besitz und geschichtlicher Bedeutung überstrahlen, abgesehen von dem Ruhm, den ihm die Tat persönlich einbringen mußte.

Die Schwierigkeit dabei war aber die, daß der Architekt ein bedenkliches Gesicht machte, nicht über die Urkunde, an die glaubte er ebenso wie der Dechant, aber über die technische Ausführung der Hebung. Er wollte sie nicht wagen ohne eine ausgiebige Stützung des Gewölbes, und zwar des ganzen, da man nie wissen konnte, welche Überraschungen man mit einer alten Krypta erlebte, wenn man sich mit ihrer Struktur einließ. Der Bau war im ganzen nicht mehr sehr kernig und hing hauptsächlich durch sich selber zusammen; ein Turm war schon vor dreißig Jahren eingestürzt, und ein Eingriff wie der beabsichtigte war ein Unternehmen von ernstlicher Tragweite an Mitteln, Zeit und Geld. Anstatt eines günstigen Zufalls nun, der dem Dechanten weitergeholfen hätte, kam dieser Brief des Erzbischofs seiner Leidenschaft außerordentlich unerwünscht in die Quere, und wenn es ihm nicht gelang, den hohen Herrn am Montag für die Ausgrabung zu gewinnen, so wußte er nicht, was weiter werden sollte. Indessen glaubte er im letzten Grund nicht, daß der Erzbischof auch unter diesen Umständen an seinem Einspruch festhalten würde, und nötigenfalls ließ sich vielleicht zwischen ihm und der weltlichen Behörde ein Abkommen zustande bringen, nachdem er sich noch ein bißchen länger geduldete und die weltliche Behörde einige Arbeiter mehr stellte.

Für diese Angelegenheit rüstete er sich also mit einigem Mut, für die auferlegte Rechtfertigung mit Ergebenheit, zum voraus wissend, daß er sie nicht zum besten bestehen werde, und was den letzten Satz des Hirtenbriefes nicht an die Herde, sondern an den zweifelhaften Unterhirten anging, der sich mit dessen privaten und häuslichen Angelegenheiten befaßte, so sah er sich zu seinem tief betroffenen Verdruß nun doch genötigt, zwischen allen Geheimnissen einen Austrag zu suchen, denn das Geraune oder Geschwätz, wenn es kein Geschrei war — er wußte ja nicht mehr, was in der Gemeinde vorging —, hatte offenbar bereits den Weg ins erzbischöfliche Palais gefunden und kam ihm von dort in der Form einer sehr ernsten Drohung und einer Vorladung zurück. Er mußte also über diese Dinge zumindest Bescheid wissen, und das war der äußere Grund, warum er Linde zu sich befohlen hatte. Die innere Veranlassung besaß er schon lange.

»Setze dich, Linde«, sagte er nicht ungütig zum Mädchen, als es eingetreten war, und wies ihm einen Stuhl an. »Du kommst nicht zu oft dazu. Warum nimmst du nicht wieder einmal dein Mittel ein? Mir scheint, daß du's brauchen könntest. Am besten wäre gewesen, du hättest damals eine Aushilfsköchin angestellt, als ich's dich hieß. Nun, wie du willst. Hoffentlich geht's mit der Brigitt bald wieder aufwärts. Wie war die Nacht?«

Linde gab Auskunft und wartete wieder. »Hm!« machte der Dechant und ging nachdenkend und mit seiner Verstimmung kämpfend einige Male auf dem Teppich vor dem Bücherregal auf und ab. »Deshalb habe ich dich übrigens nicht herbestellt. Du hast mir vor einiger Zeit eine Auskunft verweigert, du weißt welche, du hast sie sowenig vergessen wie ich. Es brauchte weiter nichts dahinter zu stehen; eine Störung in den innerlichen Beziehungen, sonst nichts. Vom übrigen, dachte ich, werde das Haus von selber rein werden. Nun, derlei Angelegenheiten haben die Eigenschaft, daß sie um sich greifen wie Petroleumflecken. Wo sie hindringen, verbreiten sie üble Gerüche und verraten, daß etwas nicht in Ordnung ist. Heute stellt der Erzbischof dieselben Fragen an mich, die ich damals an dich stellte. So weit haben wir das gebracht, daß man uns von außen ins Haus greifen kann. Du bist mir immer noch die nächste, mit der ich über diese Dinge reden mag. Ich gebe dir jetzt Gelegenheit, unser Vertrauensverhältnis wiederherzustellen. Benütze sie, Kind. Was ist jene Nacht um die Tante vorgegangen?«

Nun war für Linde der Augenblick der Rache da, ganz ungesucht zu benützen und mit dem besten Gewissen zur allgemeinen Befreiung zu wenden. Sie mußte freilich bedenken, ob es möglich sein werde, das Geheimnis der Frau preiszugeben, ohne das eigene zu gefährden, aber sie bedachte es nicht, sondern sagte nach kurzem Zögern: »Ich weiß es nicht!«, ohne eine einzige egoistische Nutzanwendung angestellt zu haben. Aber weil ihr einmal die Triebkraft ihrer Handlungen aus zwei Quellen flossen, der Liebe und der Feindschaft, so erkannte sie neben ihren innersten Gründen der Vornehmheit gleichzeitig einen äußern, der ebenfalls zu einem innern wurde: sie durfte nicht dazu beitragen, die Tante von hier zu vertreiben, denn aus der fortdauernden körperlichen Gegenwart der bittern Frau gewann Linde etwas wie ein Sicherheitsgefühl dafür, daß mit ihrer schwebenden Liebesmöglichkeit — die Liebe selber hing für diesen Frühling erfroren am Baum — keine eingreifende Veränderung geschah. Solange sie um Heinzens Geschick sozusagen unter seinen Augen mit der Feindin kämpfen durfte, solange konnte er weder ihr noch sich selber ganz verlorengehen. Nebenher fand sie freilich ihre Gewissenslage gegenüber dem wohlmeinenden Mann und der geistlichen Person fortgesetzt ungünstig.

»Hm!« machte der Dechant, wieder enttäuscht. »Ich hoffe, daß dich kein unangebrachtes Feingefühl hemmt.«

»Mich — hemmt kein Feingefühl«, sagte sie und glaubte es selber.

»So weißt du auch nicht, was es mit der Geflügelschere der Magd auf sich hat und mit ihrem Nervenfieber? Dergleichen kommt nicht vom Kuchenbacken an eine sonst so robuste Person. Sicher hat sie dir Mitteilungen gemacht! Ihr seid ja wie Mutter und Tochter.«

»Ich weiß — nichts«, erwiderte Linde mit Anstrengung. »Die Geflügelschere hat sie wohl zuletzt in der Hand gehabt.« Und auf die vorige Frage zurückkommend, sagte sie noch: »Die Tante spricht ja selber von der Lampenglocke.«

Von ihren etwas eintönigen Ableuchtungen gereizt, trat der Dechant ihr ungeduldig näher. »Das ist nicht die Miene, mit der man Wahrheit spricht«, bemerkte er bewegt. »Es fällt mir schwer, dir geradezu ins Gesicht zu sagen, daß du lügst, aber du solltest bedenken, daß ich dich von Kind auf kenne. Nach der Blutspur werde ich dich nun gar nicht fragen; du wirst mir antworten, daß die Tante Hilfe haben wollte. Aber warum fand ich dich am Prozessionsmorgen, als der Betrunkene dagewesen war, so vollständig erschüttert und niedergebrochen? Das sage mir. Darüber mußt du Bescheid wissen.«

Gequält ließ sie ihn wieder einen Augenblick auf Antwort warten. »Ich — erschreckte mich über den Menschen«, sagte sie dann tonlos und wartete weiter, sie wußte nicht worauf.

Ihm schlug das Herz vor Unmut, und der Blick trübte sich ihm, was bei ihm stets mit großen Gemütserregungen verbunden war. Rasch trat er vollends auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Scheitel und bog ihr mit einer innerlich heftigen, doch nicht unzarten Bewegung den Kopf zurück. »Linde«, sagte er leise, beinahe knurrend: »Linde, du weißt, daß ich dich in der Beichte fragen kann! Willst du's darauf ankommen lassen?« Aber als sie ihm nur mit abgewandtem Blick das blasse Gesicht wies und mit festgeschlossenen Lippen schwieg, ließ er ihren Kopf schwer verdrossen fahren und wandte sich, um seine ruhelose Wanderung wieder aufzunehmen. »Es ist gut, du kannst gehen«, sagte er endlich, nachdem er sich wieder gefaßt hatte, mit einer Stimme, die sie noch nicht aufgab, aber die ihr tief erzürnt drohte. »Ich werde die Wahrheit ja von andern Personen im Haus erfahren, aber es wird dir nicht zugut kommen, daß ich zu ihnen gehen muß.«

Linde erhob sich mit einem Seufzer, stand noch einen Augenblick schweigend mit düsterm Blick und verließ dann langsam und unter einem Frostschauer das Zimmer. Draußen fiel sie nach der schlaflosen Nacht und den Erregungen des Morgens eine solche Schwäche an, daß sie zuerst ihr Zimmer aufsuchte, um sich ein wenig auf dem Bett auszuruhen. Sie sank sofort in eine fieberige Bewußtlosigkeit, aber nicht ganz, sondern ein wenig wache Qual blieb immer noch vorhanden. Aus der gewollten Viertelstunde wurden zwei und mehr, so mühselig sie auch um die Herrschaft über ihre Glieder kämpfte. Endlich, als die Tante sie lange nirgends mehr gesehen hatte und auch nicht in der Küche fand, obwohl es ihr längst Zeit zum Kochen schien, ging sie sie suchen und fand sie, wo und wie sie zu finden war. Da sie auch auf kalte und spöttische Worte sich diesmal nicht aufraffte, hieß sie sie mehr, als daß sie ihr erbarmend half, sich vollends zu Bett zu legen. Sie war heute zum erstenmal in diesem Zimmer, das mit einigen Abwandlungen aussah wie überall die Kammer eines gedankenreichen, warmherzigen und reinlichen Mädchens. Alles blickte ihr von Wänden, Tisch und Kommode freundlich und geordnet entgegen. Vor dem kleinen Altärchen der Mutter Gottes standen farbige Strohblumen still und liebreich, und ebenso standen sie vor einem Bild des Leutnants auf der Kommode nicht zum Vergnügen der Tante, und indem sie sich daran erinnerte, was in diesem Zimmer sich gegen ihre Wünsche zugetragen hatte, überfiel sie ein ärgerlicher Verdruß, den sie schwer verbarg. Unterdessen sagte sie singend und unteilnehmend: »Dann sieh nur, daß du morgen wieder zu brauchen bist!« und verließ sie, ohne nach einem Wunsch gefragt zu haben.

Von Lindes Zimmer weg stieg sie in die Küche hinunter, um zu sehen, was zu tun sei. Kochen war nun gerade die Angelegenheit, von der sie am wenigsten verstand. Außerdem wäre es zu einem richtigen Mittagessen zu spät gewesen. So fand sie zu ihrem und zum Glück des Dechanten einen Teller kalte Kartoffeln, die sie briet, und ein Töpfchen mit ebensolchem Kohl von gestern, den sie aufwärmte. Der Dechant fand das Glück jedoch nicht übermäßig, und er aß mit geringer Begeisterung. Da er nun außerdem dem Weib, um das sich soviel Dunkelheit und gefährlicher Schein zusammenzog, am Tisch allein gegenübersaß, war ihm auch innerlich nicht wohl, und flogen seine Gedanken wie Schwalben, denen man das Haus zerstört hat, irrend und unermüdlich um sein zerstörtes. Sie beobachtete ihn eine geraume Weile; schließlich fand sie es für gut, das Wort an ihn zu richten.

»Du bist heute schlechter Laune, mein Freund«, redete sie ihn leicht lächelnd an. »Ich glaube, daß du diesen Morgen üble Post bekommen hast. Darf man nichts davon hören? Es wird ja doch mit dem Kirchenbau zusammenhängen, mit dem dein ganzes Wohl und Weh verknüpft ist. Ist dir wieder ein Vorgesetzter in den Weg gefahren?«

Der Dechant zuckte die Schultern. »Es ist die alte Leier«, sagte er unlustig. »Den Leuten dauert alles zu lang; sie glauben, ein Münster bessert sich in einem Tag aus wie ein Ziegenstall.«

»Mit dem Unterschied, daß unter einem Ziegenstall keine besonders wertvollen Geräte gefunden werden«, meinte sie mit leichter Laune. »Mein Freund, man muß nicht mit Leuten über Dinge disputieren, die sie nicht verstehen. Wer etwas durchführen wollte, hat es noch allemal allein schaffen müssen.«

»Ja, wenn die verschiedenen Instanzen nicht wären«, brach er los; ihre Anteilnahme löste ihm die Sprache wie Malzzucker den Husten, und so kam er, ob er wollte oder nicht, auf seine alte Chronik und den Schatz im Chor zu sprechen. »Gut, wenn ich davon nichts wüßte, so möchte doch jeder zu seinem Recht kommen. Aber zu denken, daß wir das Chor schon vorgehabt haben und vielleicht nur zehn Zentimeter mit der Spitzhacke von dem Gewölbe entfernt waren —!« Er schlug sich leidenschaftlich mit der flachen Hand vor den Kopf, ohne zu vollenden.

»Nun, und wer steht dir im Weg zu diesem Schatz?« fragte sie.

»Der Erzbischof!« achselzuckte er lakonisch; sie hörte, daß hier vor seinem Zorn eine Barre über dem Weg lag, und hielt es für gut, sie zu achten.

»Er wird dir schon nicht die Handschrift in Luft auflösen«, sagte sie tröstend.

»Das ist's ja«, zweifelte er trübe. »Wird er was darauf geben? Um einer alten Handschrift willen, die nicht einmal beglaubigt ist, darf er nicht einen solchen Aufwand an Zeit und Mitteln neuerlich zulassen.«

»Wird das einen so großen Aufwand geben?« erkundigte sie sich. Er erklärte es ihr.

»Mit den nötigen Leuten wäre alles zu leisten, aber die kosten auch wieder Geld, und ich bin zu Ende. Ob wenigstens die Regierung auf die Handschrift sich bewegt, ist mehr als fraglich, ohne Beziehungen, wie ich dastehe. Wäre sie mir doch ein Vierteljahr früher in die Hände gekommen. Ist aber das Haus einmal geweiht, so kann ich überhaupt an nichts mehr denken.«

»Das heißt«, warf sie lächelnd ein: »Du wirst an gar nichts anderes mehr denken als an den vergrabenen Schatz. Aber wie wäre es, wenn wir die Sache in der Stille miteinander machten? Wieviel brauchst du denn? Fünftausend? Zehntausend? Ich stehe dir vollständig zur Verfügung. Du wirst doch keine unüberwindliche Abneigung gegen protestantisches Geld haben?«

Aber der Dechant schien eine zu haben. »Liebe Malva«, sagte er erkältet und spröde abspringend: »Das ist gutgemeint, und ich danke dir, aber darüber können wir nicht reden. Ich habe ohnehin schon genug Geschrei um mich.«

Sie merkte, daß sie sich wieder zu weit vorgewagt hatte, und schwieg ein Weilchen. Dann versuchte sie, der Sache von einer andern Seite beizukommen. »Sieh mal«, sagte sie endlich, »du solltest mir nicht die einzige Gelegenheit verwehren, die lange Gastfreundschaft, die ich hier genieße, durch einen kleinen Dienst ein bißchen auszugleichen. Du wirst mich nämlich noch nicht ganz bald wieder loswerden, außer wenn du aggressiv gegen mich vorgehst. Die kleine Stadt und das stille Haus mit seiner saubern und einfachen Atmosphäre tun mir wohl. Ich habe nicht die beste Zeit hinter mir. Davon sprachen wir noch nicht. Du weißt vielleicht noch, wie äußerlich und verhastet du mich von Anfang fandest. Es war etwas Aufgelöstes und Zielloses in mir. Gott, dieser Krieg mit seinen Aufregungen! Dann die Prozesse um den wissenschaftlichen Nachlaß meines Mannes, bei denen beinahe jede menschliche Gemeinheit wenigstens einmal irgendwo durchschlug. Degoutant ist die Eitelkeit und Perfidie in dieser wissenschaftlichen Republik. Nachher das ungeregelte Leben mit Schauspielern und Literaten, durchdisputierte und -gerauchte Nächte auf Diwans oder auf Teppichen am Boden — wild, selbstbetäubend — alles um die Öde des Lebens zu füllen, während da draußen das Große vor sich ging. Nun, ich will dich nicht mit Einzelheiten beschweren. Genug, von dieser Unruhe — vielleicht war's auch eine Hysterie, die in der Zeit lag — davon habe ich hier schon vieles verloren. Inzwischen wird meine kleine Villa fertig werden; in die Großstadt zurückzugehen hätte ich jetzt einen Schauder. Bist du also nicht durchaus gegen mich eingenommen — ich bin ja nicht immer ein bequemer und vergnügter Mensch —, so möchte ich bei dir erst ganz zum innern Gleichmut kommen, bevor ich mich wieder weiter hinaus wage. Ich bin immer noch nicht gewisse quälende und verfolgende Traumgesichte los. Manchmal ist's mir, als ob ich über Kellern mit Leichen lebte. Aber reden wir nicht weiter davon. Du hast also gewissermaßen eine Mission an mir. Und nun also, wie gesagt, wäre ich dir geradezu dankbar, wenn du mir Gelegenheit gäbest, auch dir in einem dir wichtigen und wertvollen Handel zu helfen. Ich müßte sogar sagen, daß es mir nicht möglich wäre, länger hier zu sein, wenn du mich daran verhindertest. Das Leben ist doch ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.«

Der Dechant war mit einiger Verwunderung in den Augen diesen Ausführungen gefolgt, und die vertraulichen Eröffnungen machten immerhin einen gewissen Eindruck auf ihn, wenn auch keinen durchaus angenehmen. »Du kannst natürlich bei uns bleiben, solange du dir einen inneren Vorteil davon versprichst«, sagte er, über Widerstände zustimmend. »Ich wußte nicht, daß dein Besuch bei uns etwas wie eine Flucht vor der Welt darstellt. Und da auch Linde gegenwärtig nicht zum besten im Stand ist, so kann es nichts schaden, wenn sonst noch jemand sich um das Haus kümmert. Darin würde ich schon Vergeltung genug sehen. — Was dann das andere angeht, darüber können wir ja noch reden«, schloß er, froh, mit einem guten Abgang den Tisch aufheben zu können.

Im Lauf des Nachmittags zeigte er ihr aber immerhin die alte Chronik, da sie darum bat, und die Pläne des Münsters und ging sogar mit ihr in die Kirche hinüber, um die Anstalt am Platz zu betrachten. Er konnte gar nicht recht hinsehen vor Herzweh und Leidenschaft, indessen die Klingse allerlei Interessiertes und sogar Gescheites über die Sache vorbrachte und jedenfalls in aller Zurückhaltung ganz seine Partei war. Das tat ihm dann doch wieder wohl, und er begann heimlich mit schwach gelichtetem Mißtrauen nach den fünf- oder zehntausend Mark zu schielen, aber doch immer noch mit Mißtrauen.

In der Zeit — es ging wohl an die zwei Stunden — lagen die beiden Patienten mutterseelallein im Haus und konnte mit ihnen passieren, was wollte. Brigitt hatte richtig nichts zu essen bekommen, und der Dechant dachte vor lauter ungehobenen Schätzen auch nicht an sie. Über Lindes Zustand besaß sie Nachricht. Das Mädchen hatte sich trotz aller Schwäche einmal hergeschleppt, um zu sehen, ob sie auch zum Ihren gekommen sei. Brigitt log: ja, und trieb nur erschreckt, daß Linde wieder ins Bett kam. Unterdessen litt sie erheblichen Hunger.

Als man ins Haus zurückkehrte, erinnerte er sich ihrer, aber nicht wegen ihres leiblichen Wohls, sondern wegen des bischöflichen Sendschreibens. Bald darauf trat er durch ihre Tür. Sie dachte, er wolle sie nur so wieder einmal besuchen, und war sehr erfreut.

Die Eingangsfragen des Dechanten nach ihrem Befinden beantwortete sie mit einer dankbarlich stolzen Miene, denn wenn ihr Herr sie mit einem Besuch bedachte, so befand sie sich wohl. Darauf kam sie mit einer ernstlich besorgten auf das Mädchen zu sprechen, und er wurde schweigsam. Als er darauf seinem Ziel näherrückte, wurde sie schweigsam. Schließlich schwiegen sie beide, sie mit peinlich verschlossenen Zügen, denn sie dachte an Lindes Verbot, wenn sie auch in Angst gehorchte, er mit ratlosen und erbitterten, denn jetzt blieb ihm nur noch die Tante übrig oder vor dem Erzbischof das Bekenntnis, daß er nicht wisse, was in seinem Haus vor sich gehe, abgesehen von einer Verschwörung gegen seine Person, deren Grund oder Absicht er aber ebenfalls nicht kannte. Still, doch unbehaglich grollend verließ er endlich die Magd, die in Kummer über die notgedrungene Verschweigung zurückblieb, außerdem selber ein bißchen grollend über seine ablehnende Haltung, als sie ihm von Lindes Zustand gesprochen hatte. Fehlte es ihrem Leib daher noch bis abends, wo ihr die Tante durch ein fremdes Kind ein bißchen Essen hinaufschickte, durchaus an Nahrung, so hatte ihr Geist dafür mehr als genug, wenn sie an die drei Hausgenossen dachte, an jeden mit den zugehörigen Gefühlen. Zum Glück hatte ihr Linde heute früh das ungebärdige Wesen gebrochen, so daß ihr Herz einen geduldigen und ziemlich treuen Takt schlug. Früh nach dem Nachtessen, von dem sie wenig aus der Hand der Feindin genoß, schlief sie ein; als sie nachts doch einmal von ihrem Herzen erwachte, fand sie Linde neben sich.

Der Dechant beschloß, die Tante aus diesem Spiel zu lassen. Er sah Linde, die am nächsten Tag ihren gewohnten Wandel fortsetzte, wenn auch trotz ihres Ruhetages unerquickt, durch den Schluß der Woche stets ergrimmter zu. Am Sonnabendvormittag stellte er sie im Hausgang oben. »Ich erwarte dich morgen zur Beichte«, sagte er fremd und leidend, blickte ihr noch einmal beunruhigt ins blasse Gesicht und ging dann mit raschen Schritten nach seinem Arbeitszimmer. Er hatte vor, die Predigt zu machen, die er morgen zur Abwechslung wieder halten wollte, weil er sich dazu aufgeregt fühlte. Aber es wollte ihm heute kein Satz gelingen, so nahe ihm das Material dafür — er dachte über die Krankheit der falschen Leidenschaft zu reden — zur Hand lag, nicht nur in der Person seiner Nichte, sondern viel näher in der eigenen, aber davon war ihm zur Zeit nichts bewußt. Fünf Blätter ballte er ärgerlich zusammen und warf sie in den Papierkorb, bis eines auch noch vielgeflickt und verschmiert zu den andern kam. Als er fertig war, wußte er durchaus nicht mehr, wie der Eingang lautete, und beim Nachlesen bemerkte er, daß dieser nicht im geringsten zum Schluß stimmte. Gereizt und in ziemlich unfrommer Stimmung erschien er zum Mittagessen, das ihm denn auch nicht bekam. Es befielen ihn bald nachher Magenschmerzen, und er mußte Pfefferminztee bekommen; als der nicht half, rüstete ihm Linde eine heiße Leibflasche, die etwas Linderung brachte. Insofern hatte Linde ihre eigene Magenschwäche nicht gestohlen; sie lag in der ganzen Familie. Auf den Nachmittagstee verzichtete er, und zum Abend genoß er nur zwei Stückchen Zwieback, obwohl es Heringe mit Kartoffeln gab, die er sonst zärtlich liebte. Auch dies schrieb er dem Mädchen auf die Rechnung. Er konnte es vor Groll fast nicht ansehen, obwohl es immer noch viel lieblicher dasaß als die Tante, mit der er im wohlgebildeten Hin und Her der Unterhaltung in aller Verstimmung höflich die Blicke kreuzte. Zeitig nach einem verpfuschten Tag zog er sich zurück und konnte beinahe nicht schlafen vor Erregung und vor Herzspannen auf den Morgen.

Fünftes Kapitel Der Beichtgang. Ein alter Prozeß wird wieder betrachtet. Der Gerichtstag

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Als Linde am Sonntagmorgen zur Beichte ging, stand Bob umsonst erwartend und mit kurzen, anfragenden Bewegungen seines Schwanzes da, ob er mit dürfe. »Aber mein armes Kind, du bist doch ein Heidenseelchen«, sagte sie und streichelte ihm den dunklen, ausdrucksvollen Kopf. »Wie willst du denn mit Frauchen beten gehen? — Das Auge ist heute wieder schlimm; wir müssen's nachher ein wenig waschen. — Und dann riecht sein Fell wieder nach Mäusen, und das ist immer das schönste an ihm!« schloß sie plötzlich leidenschaftlich, drückte ihn rasch an sich und ging aus dem Vorgarten, während er ihr mit seinem gesunden Auge ernst und denkend nachblickte. Darauf führte er, irgendwie heimlich von ihr erregt, plötzlich die vordere Streckung aus, nachher die hintere, um noch eine ganze Weile unmutig herumzustreichen.

Linde war die Nacht wieder spät zu Bett gekommen. Über dem Schreiben an Heinz und dem Denken an ihn war ihr die Zeit nicht eben glücklich aber schnell vergangen, und schließlich hatte sie ihr doch etwas wie eine Befriedigung zurückgelassen, denn es war ihr gelungen, ihm in freien und lebendigen Worten zu sagen, warum sie dableiben müsse, wo sie war, aber das Beste von allem hatte sie unter die Zeilen versteckt wie die Mutter die Ostereier unter die Buchsbaumhecken im Garten; dort konnte er suchen, wenn seine Sehnsucht am grünen ordentlichen Buchs noch nicht satt wurde. Indessen hatte er der Klingse erst neulich angedeutet, welche Art es mit seiner Unersättlichkeit auf sich habe, und zwischen den Zeilen las er jetzt mehr bei ihr als bei seiner wahren Geliebten. Daß er dabei immer tiefer ins Hungern geriet, bemerkte er halb und halb, und er gab ganz dem Mädchen die Schuld daran, weil es ihn am richtigen Zugreifen hindert.

Nachdem Linde den Brief in den Kasten geworfen hatte, trat sie in den Dom. Der Beichtstuhl des Dechanten stand vorn im Schiff, linker Hand vom Hochaltar. Sie kniete lange auf der andern Seite vor dem einzigen Nebenaltar, den seine Altertumswut der Gemeinde gelassen hatte. Sie betete nicht und dachte auch nicht an weltliche Angelegenheiten, nicht einmal mehr an ihren Geliebten; sie war nur allein mit ihrer unbeschrienen Stunde, ihrem Gefühl von sich und mit der Heiligkeit des Ortes. Über diesem Ausruhen in Gott und im Anschauen der warmen, fromm belebten Kerzenflammen, der Blumen und der heiligen Figuren auf dem Altarbild versäumte sie beinahe die Zeit.

Der Dechant erwartete sie mit ebensoviel Ungeduld als Furcht, seitdem er sie hatte durch die Kirche gehen sehen. Es würde ihn schwer betroffen haben, wenn sie nicht gekommen wäre. Nun sie gesammelt geradeaus zu ihm kam, wünschte er beinahe, sie wäre weggeblieben, und nur die Hoffnung, daß sie wirklich zum Beichten bereit sei, verhinderte ihn daran, ihr zu sagen, daß sie in Gottes heiligem Namen wieder gehen solle, ehe sie diesen gelästert habe. Die formalen Eingangsfragen stellte er mit Mühe und die nach ihrer Mitwisserschaft an fremden Vergehungen beklommen und ohne Hoffnung; sie beantwortete sie ruhig und still vertieft mit bescheidener Stimme und mit hingegebener Gebärde, die ihn doch wieder etwas an sie glauben machen wollte. Als er aber zur Hauptsache kam und sie ernst, doch nicht unväterlich auf eine eigene Verfehlung zum erstenmal geradeheraus ansprach, zögerte sie wieder einen Moment, während ihm das große Herz vor Angst klopfte; dann erklärte sie fest, wenn auch mit derselben milden Stimme und der gleichen ehrfürchtigen Haltung, daß sie sich keiner Verfehlung bewußt sei. Sie war einmal unweigerlich entschlossen, das Geschick ihres Liebsten, das sie in bekannter großherziger Weise auf sich genommen hatte, als eine nicht durch menschliche Gespräche zu verwirrende Angelegenheit zwischen ihm, ihr und Gott zu betrachten und zu erhalten. An diesem Priester hinderte sie, daß er zugleich ein Mensch war; sie hätte einen Erzengel gebraucht, und es war noch sehr die Frage, ob sie diesem gebeichtet hätte. Darum lehnte sie auch des Dechanten dringende Aufforderung, ihr Geheimnis der unpersönlichen Kirche Gottes zur Beurteilung und Absolution zu übergeben, still und streng ab, denn die Kirche, was sie davon begriff, stand auf persönlichen Menschen. Sie kniete da mit blassen, ernsten Zügen, die neuerlich viel bisher verborgen gewesene Lieblichkeiten ergreifend zeigten, und verweigerte in völliger Gefaßtheit, so daß er die seine darüber verlor. Einige Augenblicke schwieg und überlegte er, einen geistlichen Zornanfall schwer niederkämpfend. Endlich sagte er noch ganz darin lodernd und rauchend wie in einem feurigen Busch: »Die Kirche hat Macht, zu lösen und zu binden. Sie löst und bindet dich zugleich. Sie stellt dich auf dein Gewissen, wohin du dich selber gestellt hast. Der Weg zur heiligen Kommunion steht dir frei, aber auf deine Verantwortung. Geh in Gott, wenn du's vermagst.«

Was ihn am heftigsten erschütterte, war die Erfahrung, daß ein Sakrament, das er bisher für eine unbedingte Macht gehalten hatte, die er nur im vollen Ernst zu handhaben brauchte, um ihrer sozusagen automatischen Wirkung gewiß zu sein, ihm in einem ernsthaften Fall wie eine schlechte menschliche Waffe in der Hand splitterte und wirkungslos am seelischen Gegner zerbrach. Das bestürzte ihn geradezu und griff ihm als Schreck an seine apostolische Grundlage, wo wie der Staub beim Erdbeben sich in geheimer Regung der Zweifel vom Boden löste und in Schleiern aufzuwallen begann. Inzwischen kniete Linde noch ein Weilchen betend und in sich gekehrt, wie ihm, der sie mit brennenden Blicken beobachtete, schien. Dann erhob sie sich, um langsam, aber mit gewissen, sicheren Schritten die Kirche zu verlassen. Zur Kommunion trat sie nicht an, und sie hatte auch nicht die Absicht dazu gehabt. Sie wollte ihm nur zu Willen sein, soweit sie das vermochte; darüber hinaus ging sie den selbstherrlich betretenen eigenen Heilsweg weiter, in ihrem Herzen nicht weniger katholisch als zuvor und jedem freien, heiligen Symbol leidenschaftlich zugetan. Er seinerseits, als er die ganze Reihe der Kommunikanten versehen und sie nicht darunter erblickt hatte, atmete auf wie nach einer glücklich überstandenen großen Gefahr, aber nicht im Gefühl, daß damit etwas gewonnen sei. Der Abgrund, der einige Augenblicke sie und ihn hinabzureißen gedroht hatte, drohte weiter, nämlich die finstere Erscheinung ihrer Schuld, von der er jetzt fest überzeugt war. Als er das Mädchen beim Mittagessen nach vollbrachter Predigt wiedersah, schien es ihm fremd und unheimlich wie eine Kranke, die eine Gehirnentzündung zwar mit dem Leben überstanden, aber darüber die Gnade der Vernunft verloren hat.

Im Verlauf dieses Essens brachte die Tante, die jetzt allerlei neue Regsamkeit entfaltete, die Unterhaltung auf Familienzerwürfnisse und was damit zusammenhängt oder dabei in die Brüche geht und kam auf diesem Weg, worauf die ganze Anstalt angelegt war, auf ihr eigenes mit diesem Haus zu sprechen, leicht und lächelnd, wie man lange verwundene und beinahe ganze vergessene Vorkommnisse behandelt, die inzwischen Gesprächsstoffe geworden sind.

»Ja, was ist eigentlich seither aus dem mysteriösen Buch geworden?« fragte sie wie aus einem frischen Einfall heraus. »Hat es sich inzwischen irgendwo gefunden?«

Der Dechant verneinte, und sie fuhr im gleichen angeregten Ton weiter.

»Tolle und eigenwillige Tage waren das eigentlich. Wir waren alle jung und rigoros. Mit der Zeit geht man mit seinen Freundschaften sparsamer um, und daß Menschen einander im wahren Wert entdecken, dazu gehören auch Gelegenheiten. Ich bin ja überzeugt, daß die Kinder mit dem Buch zu tun hatten. Sie waren in jedem Fall Racker, wie übrigens alle echten Kinder. Man muß Kinder nie mit den gewöhnlichen moralischen Maßstäben messen. Daß sie nicht von besonderer Liebe zu mir besessen waren, das haben sie ja reichlich und stets unmißverständlich manifestiert; Linde legte sogar meinen Namen ab. Es ist nichts so amüsant als ein großer Zank, wenn er vorbei ist. Sieht man zurück, so haben sich fast immer alle blamiert und ihre übelsten Seiten aufgedeckt, die sie sonst sehr sorgfältig verbergen. Aber ich meine, Linde könnte uns jetzt schon verraten, wo sie mit dem Buch geblieben ist. Die Verheerungen, die sie angerichtet hat, sind ja inzwischen repariert, und die Heimlichkeit hat keinen Sinn mehr. Wo ist das Buch, mein Kind?«

Der Dechant horchte einigermaßen überrascht von den neuen Ausblicken auf einen alten Prozeß auf und war sofort davon überzeugt, daß seine Schwägerin ihre Gründe habe, sich in dieser Weise hören zu lassen. Schon ordnete er das Vernommene in das neue Charakterbild seiner Nichte ein und fand, daß alles genau zu den übrigen Tatsachen paßte. Daß Linde dann unbewegt mit feindlicher Miene sagte, sie habe das Buch nicht, schien ihm nur programmatische Bedeutung zu haben, indem sie damit ihr System der Heimlichkeiten und Ableugnungen fortsetzte. Die Tante lachte.

»Das will ich schon glauben, daß du es nicht in der Tasche mit dir herumführst. Aber wo ist's hingekommen? Sicher habt ihr's verkauft, um Konfekt und Feuerwerk dafür zu erstehen. Man wird euch heute doch nichts mehr nachtragen; das wäre geradezu töricht, ebenso wie die fortgesetzte Geheimniskrämerei eurerseits. Daß du aber mit dem Buch nichts zu tun gehabt habest, das wirst du jetzt ja wohl selber nicht mehr behaupten wollen.«

Nun lag Linde nichts mehr an diesem alten kindlichen Symbol, das durch ein neues, reifes längs ersetzt war, und wenn der Teufel in eigener Person gekommen wäre, um sie danach zu fragen, so hätte sie's einfach zugestanden, selbst auf die Gefahr hin, dafür geradeswegs in die Hölle fahren zu müssen. Auch dem Dechanten hätte sie auf eine gute, unherrische Frage bescheiden und offen Auskunft gegeben, aber in diese hochmütig falsche Physiognomie war es ihr schlechterdings unmöglich. »Ich kann dir den Gefallen tun oder nicht tun«, sagte sie, ihren geheim drohenden Blick feindlich aushaltend. »Du scheinst dir etwas davon zu versprechen. Gut, wir haben das Buch weggeschafft. Inwiefern bist du jetzt besser daran?«

»Du willst also noch heute den Anschein erwecken, daß ich damals die Schuldige war?« entgegnete die Tante etwas schrill. »Solch ein Widersinn! Wenn sich hier jemand etwas verspricht, so scheinst doch du es zu sein, meine Liebe. Aber ich fürchte, du wirst dich am Ende verrechnet haben. Das Leben geht weiter, gutes Kind.«

»Dann weiß ich nicht, was du willst«, versetzte Linde unbewegt. »Ohnehin vermengst du die Dinge. Ich habe nicht gesagt, daß ich in dem Menschen, der das Buch genommen hat, auch den wirklich Schuldigen erblicke. Das kann doch gut wieder eine Sache für sich sein. Warum läßt dich die Geschichte nicht ruhen? Wenn ich jemand nach dem Ganzen stehe, so kann ich doch meinetwegen auch noch ein Buch entwendet haben. Was liegt also daran!«

Beinahe verlor die Klingse ihre vielberühmte gute Haltung in allen Lebenslagen.

»Das Mädchen ist doch wirklich sonderbar!« sagte sie zum Dechanten gewendet mit einem etwas dünnen Lächeln, das er nicht erwiderte. »Wem willst du denn nach dem Ganzen stehen, du Kücken?« wandte sie sich mißtönig auflachend wieder an Linde. »Ich glaube, du solltest etwas niederschlagende Mittel einnehmen. Ich habe dich nachgerade im Verdacht, daß du in deiner ständigen Erkältung immer mit einem leisen Fieber herumläufst. Willst du dich nicht in ärztliche Behandlung geben?«

»Vielleicht«, sagte Linde, ihren falschen Ton kurz abweisend, und erhob sich, um das Geschirr abzuräumen und den Nachtisch aufzutragen. Die Tante sah ein, daß sie es nachgerade mit einer nicht ungefährlichen Gegnerin zu tun hatte, und über ihre herausfordernde Haltung machte sie sich ernsthaft Gedanken, weil sie nicht wußte, wozu sie dadurch unter Umständen verlockt werden konnte. Sie beschloß, solche Angriffe in Gegenwart des Dechanten künftig lieber zu unterlassen und sich auf scheinbar harmlosere Anlässe zu verlegen, bei denen sie zustechen konnte, ohne dem Mädchen Gelegenheit zu größeren Gegenschlägen zu geben.

Nach dem Essen wurden der Dechant und die Klingse in seinem Zimmer, wo sie ihn jetzt manchmal ein bißchen besuchte, bei einer Tasse Kaffee über Lindes Fall noch vollständig einig. Linde zog es vor, gleich ihr Geschirr zu waschen, um nachher eine erlaubte Sonntagsruhestunde zu haben, die sie wohl brauchen konnte. Der Dechant war der Meinung der Tante, daß die Kinder mit dem Buch zu schaffen gehabt hätten, und daß das herausfordernde Scheinbekenntnis auf Wahrheit beruhe. Unterdessen wurde ihm das Verlangen nach dem seltenen und kostbaren Stück wieder rege, und als am Ende die Klingse eine Haussuchung bei dem Mädchen vorschlug, fiel die Anregung nicht ganz auf unfruchtbaren Boden. Seine Bedenken widerlegte sie leichthin. Manchmal müsse im Interesse des Ganzen die höhere Autorität durchgreifen, zumal das Mädchen ein unberechenbarer Kopf sei und von selber aus der Affäre niemals herausfinden werde. Außerdem wisse man doch auch nicht, welche Motive es über dem Buch so festhielten. Soviel sie wisse, enthalte es etwas drastische Illustrationen zu den angeblichen Schönheiten der christlichen Kirche, in Wahrheit der berühmten Sulamith, und zu dem Liebesverkehr zwischen ihr und Salomo. Der Dechant sei überhaupt zu tadeln, daß er solche Spezialitäten nicht sorgfältiger unterbringe; man könne nun nicht wissen, was das Buch sonst noch alles verschuldet habe. Der Dechant suchte sich ihrer etwas kahlen Bewertung des sanktionierten Buches zu erwehren, aber in der Anwendung auf das Mädchen schlug sie durch, und die Haussuchung wurde beschlossen; der Dechant erteilte der Tante den formellen Auftrag dazu.

Mit diesem Beschluß besserte er freilich nichts an der Beklommenheit, mit welcher er der morgigen Audienz beim Erzbischof entgegensah. Die Tante versuchte noch einmal vorsichtig, ihren lackledernen Schuh auch auf diesen Weg nach Canossa zu setzen, aber sie merkte, daß der Boden für sie Glatteis war, und zog den Fuß unauffällig zurück. Für den Rest des Abends wünschte er dann allein zu sein und brachte es auch zustande, ohne viel Vergnügen davon zu haben. Die Nacht schlief er nicht, und am andern Morgen saß er schweigend wie ein Grab im Abteil zweiter Klasse und fuhr zum Gerichtstag.

Der Anfang der geistlichen Unterhaltung wickelte sich genau so ab, wie er erwartete, der Fortgang nicht nach Wunsch, und der Schluß nahm eine strenge, überraschende Wendung. Ihn empfing ein hoher Greis in der schwarzen Soutane, mit wenig äußeren Abzeichen der Würde, dagegen, wie ihm schien, seit dem letzten Sehen noch vermehrten innern. Er wurde sitzen geheißen, und so begann das Verhör. Gegen die vernachlässigte Gemeindepflege und die vielen ausgefallenen Predigt- und Beichthandlungen konnte er sich nicht verteidigen; dafür nahm er gefaßt und düster einen wohlverdienten ernstlichen Verweis hin. Über die Ursache und Quelle aller dieser geistlichen Verdrießlichkeiten, die Kirchenrenovation, wurden dann die sehr ernsthaften Männer miteinander einig, das heißt, der Dechant wurde mit dem Erzbischof im Prinzip einig, daß diese ärgerliche Kirchenstörung jetzt ein Ende haben müsse. Der Erzbischof, eine freie, männliche Gestalt von bedeutender Eindrucksfähigkeit, erklärte sich noch des näheren dazu.

»Habe ich dich zum Kunst- und Totengräber der Gemeinde bestellt oder zum obersten Seelsorger? Hast du eine unüberwindliche Leidenschaft, zu graben, so grabe in deiner Gemeinde, aber nicht nach Kunst, sondern nach der göttlichen Natur, und nicht nach toten Dingen, sondern nach lebendigen Seelen. Dagegen wirst du genug Kunst und noch viel mehr herzliche Natur und Frömmigkeit brauchen, um die frühere Willigkeit und den verlorenen Kirchensinn deiner verwilderten Gemeinde wiederherzustellen. Du hast eine murrende und aufsässige Parochie, die dich denunziert, und eine solche Verfassung ist der rechte Boden für sittliche Verwahrlosung und für jede unbotmäßige und auflösende Anregung von außen. Die Altertumskunde steht auf keinem ausgesetzten Posten, aber deine Gemeinde. Als ich dich darauf setzte, versprach ich mir von deinen mystischen Kräften eine Erweckung der Seelen zu Gott und eine Erregung Gottes für deine Seelen, aber ich bemerke, daß du die Seelen, anstatt sie zu erwecken, verdrießest, und Gott ist nicht durch deinen großen Glauben erregt, sondern durch dein eigenwilliges und ungefaßtes Treiben gestört. Von der Fürstlichkeit deiner Mission zwischen Gott und deiner Gemeinde gibst du der Welt wenig Begriff. Wie soll die Welt glauben, wenn du ihr nicht Gott erscheinen läßt? Und wie soll Gott erscheinen, wenn du nicht täglich neu sein Schöpfer bist? Willst du aber Kunstgeschichte erscheinen lassen, so bewirb dich um einen Lehrstuhl. Du bewarbst dich um einen Auftrag der Ewigkeit, als du die Weihen nahmst, und hast bisher noch keine gegenteilige Erklärung getan. Das unendliche Wesen, das die Welt erfüllt, hat kein Interesse an alten oder neuen Kreuzen, Monstranzen und Meßgewändern, sondern an frommen und ergriffenen Seelen und am Glück seiner Erscheinung in der Zeitlichkeit. Wenn es nicht durch unsre erleuchtete Zeugungs- und Zeugenkraft in der Gemeinde erscheinen kann, durch welches Medium soll es dann erscheinen? Die Welt ist roh und zynisch, und das menschliche Hirn ist dumpf und eng. Mit diesen verhindernden und gottfeindlichen Eigenschaften hängst du durch deine Eitelkeit zusammen. Du bist der Ewigkeit zugewandt, oder du bist der Welt zugewandt. Steckte in dir nichts als ein beschlagener Pfaffe, von denen alle Wege wimmeln, so möchtest du auch noch laufen. Aber von dir will ich mystische Entfaltung sehen, und darum befehle ich dir durchaus: Laß diese Liebhaberei, die dich zur Liebe unfruchtbar macht! Sieh zu, daß du mir nicht länger deine Gemeinde im Glauben störst und Gott in der Erscheinung verhinderst. Du läufst Gefahr, zwischen diesen beiden Mächten vernichtet oder versteinert zu werden, aber ich würde nicht so lange zusehen.«

Nach dieser ernsten Zusprache wäre dem Dechanten eigentlich nichts anderes übriggeblieben, als sein Herz vollkommen zu geben oder vollkommen zurückzunehmen. Er tat immer noch keines von beiden, sondern war zwar zum ersteren grundsätzlich bereit, suchte sich aber vorher den Gewölbeschatz aus dem Dreißigjährigen Krieg zu retten, was jeder vernünftige Mensch an seiner Stelle getan haben würde. Und zwar versuchte er in aller Bescheidenheit den Gegenbeweis gegen die Behauptung zu erbringen, daß das höchste Wesen kein Interesse an Kreuzen und Geräten habe, besonders an solchen, die durch Alter und Geschichte geheiligt seien. Sobald es feststehe, daß die Kirche Gottes Offenbarung in der Endlichkeit sei, stehe es auch fest, daß diese Kirche Symbole und Mittel der Veranschaulichung brauche, und daß darunter jene die zweckmäßigsten seien, die den frommen Grundgedanken am frömmsten und am nächsten beim Grund erfaßten und ausdrückten. Diese Nähe könne sich dokumentieren sittlich und zeitlich, sittlich durch das augenblickliche starke Erleben, das aber jetzt ganz fehle, zeitlich durch das Herkommen aus stark erlebenden Epochen, wie die frühen Zeiten des Christentums und das Mittelalter welche gewesen seien. Solche Symbole könnten darum niemals tote Geräte sein, weil sie ihr Leben in sich trügen, das sie offenbarten ebenso durch die Erscheinung in der Wahrnehmbarkeit wie jedes Sein. Darum stehe er auf dem Standpunkt, die Aufdeckung solcher alten Formen der Frömmigkeit für ein verdienstliches Werk zu halten, weil eine Ergriffenheit immer die andere wecke, und zwar eben durch das sinnenfällige Erlebnis, welches sich dann in der Seele zum übersinnlichen umsetze. Den deutschen Katholizismus zum Beispiel aus der formalen Verflachung und Vergröberung aufzuschrecken oder herauszulocken, in die ihn der im Grund ganz weltliche und phantasielose jesuitische Barock gebracht habe, der jetzt überall herrsche, bedeute ihm eine Tat und eine Erweckung. Die großen Epochen der deutschen Kirche seien unter den Zeichen der Gotik gegangen, und eben diese innigen und ergreifenden Gestaltungen einer verlorengegangenen deutschen Gefühlsweise seien es, die er als Anschauungsmittel nicht nur der gedankenlosen modernen Kirchenindustrie entgegenhalten wolle, sondern auch dem romanisierten und ausländischen, undeutschen Kirchenstil im katholischen Deutschland. Was der Mensch sehe, das erlebe er. Erblicke er überall banale, leere, barocke Formen, pathetische, inhaltlose Heiligenbilder, Industriekreuze und Industriemonstranzen, -Leuchter, -Fahnen, -Weihrauchfässer und -Meßgewänder, so müsse auch das Erleben danach sein, das davon durch die Sinne in die Seelen eingehe, denn in der Kirche erblickten die Leute mit Recht das Vorbild und die große Erzieherin. Mit einem Wort, er sprach sich zu guten Quellen durch und wurde so geistig frei und eifrig, wie er nicht gedacht hatte, daß es ihm heute gelingen würde. Er machte sogar dem hohen Herrn nun einen gewissen Eindruck, so daß er anfing, aufmerksamer hinzuhören. Der Erzbischof war zwar zu alt geworden, um noch auf Worte viel zu geben, aber auch erfahren genug, um zu spüren, wo hinter ihnen ein Leben stand, und auf nichts so erpicht wie auf dieses. Der erweckte nationale Ton, der aus den Darlegungen des Dechanten klang, die Anrufung der gotisch-deutschen Kindlichkeit gegenüber der jesuitischen-barocken Altklugheit berührten ihn in einer Tiefe, wo während des langen schweren Krieges viele deutsche Menschen leidend und wach geworden waren. Als sich dann aber die Beweisführung wieder dem Kunsttrödel und im weiteren der alten Handschrift und dem Gewölbeschatz zuwandte, kehrte sich der Greis mit einer enttäuschten und etwas müden Bewegung von ihm ab.

»Woher nimmst du nur das viele Geld, das du in diese Liebhaberei steckst?« fragte er, um zunächst nur seinen Verdruß zu überwinden, aber mit einem immerhin so hörbaren unmutigen Ton, daß der Dechant, der nicht den Dom, aber das ganze darin errichtete Tabernakel seiner Ruhmsucht schon wanken sah, eilig mit Stützen herzusprang, nämlich mit dem Interesse, das seine Bemühungen schon in weiten Kreisen gezogen hätten, mit der indirekten geistlichen Wirkung auf Gesellschaftsschichten, die sonst der Kirche, besonders der katholischen, fernständen — er dachte an die Klingse —, und mit dem dorther rührenden neuerlichen Hilfeangebot, alles in allem diplomatisch ganz brauchbare Argumente, nur daß sie auf den Erzbischof nicht wirkten oder dann höchstens verdrießlich.

»Sprichst du von der Verjesuitung der Kirche und bist selber ein Jesuit?« fuhr er ihn an, während seine deutschen blauen Augen ihn unter den weißen Brauen hervor erzürnt anloderten. »Und willst du es unternehmen, die Kirche mit einem so unsauberen und eitlen Besen zu kehren? Mein Sohn, deine Reden von der Kindlichkeit der deutschen Gotik und der innigen deutschen Seele scheinen mir zur Zeit noch blauer Dunst, den du Gott, uns und deiner Seele vorzumachen strebst, um deiner weltlichen Leidenschaft zu frönen. Deine ›interessierten Kreise‹ lassen mich ganz gleichgültig, und was deine Bemühungen angeht, so untersage ich dir, im Chor oder sonstwo in der Kirche auch nur einen Stein umzuwenden. Die Renovation ist das Werk der weltlichen Behörde; ich will nicht, daß du dich im mindesten weiterhin dareinmengst. Um noch auf deine vorigen klugen Beweisführungen zurückzukommen: was war zuerst da, ein erstes Äußeres oder ein erstes Inneres?«

»Unzweifelhaft ein erstes Inneres«, antwortete der Dechant ungern und verstimmt.

»Es ist gut. Vergiß das nicht wieder, dann wird es dir nicht zu schwer fallen, den vergrabenen Kirchenschatz zu vergessen. — Ich erhalte Mitteilungen über dein häusliches Leben oder das Leben der andern in deinem Haus, die mir zweifelhaft erscheinen lassen, ob du deine Angelegenheit noch so in der Hand hast, wie ich es bei einem katholischen Geistlichen voraussetzen muß. Was ist das für eine Frau, die unter deinem Dach wohnt?«

Der Dechant sagte, daß sie die Witwe seines Stiefbruders, des Professors Klinger, sei, die in seinem Haus Heilung von einem Gemütsleiden suche. Wenigstens äußere sie sich in diesem Sinn.

»Hm. Was hat das mit den Geschichten auf sich, die um diese Frau gehen? Man erzählt sich von blutigen Ereignissen, an denen nach allem, was man hört, etwas sein muß. Das übrige ist zu abenteuerlich, als daß ich es anführen will. Was ist in Wirklichkeit vorgefallen?«

»Eminenz«, sagte der Dechant, während ihn sein ganzer menschlich-geistlicher Bankrott wieder anrannte: »Eminenz — ich weiß es nicht.«

Der Erzbischof zog betroffen die Brauen hoch. »Du weißt es nicht?« sagte er verwundert. »Du weißt nicht, was in deinem Haus geschehen ist? — Nun, dann bist du ein ebenso schlechter und blinder Hausvater, wie du ein Seelensorger scheinst. Ich glaube, daß deine ganze Aufmerksamkeit um den Gegenstand deiner Leidenschaft versammelt ist, und so bietest du das für einen höheren katholischen Geistlichen nicht eben würdige Bild eines balzenden Auerhahns.« Er betrachtete ihn einige Sekunden mit sichtbarem Zorn. »Hattest du denn keine Mittel, diese Geheimnisse in Erfahrung zu bringen? Oder hast du dich überhaupt nicht um sie gekümmert vor lauter Antiquitäten?«

Der Dechant berichtete in großen Zügen den Hergang seiner vergeblichen Bemühungen, hinter das Geheimnis zu kommen.

»Und die Beichte hat auch versagt?« fragte der Erzbischof.

Der Dechant bejahte, und der alte Mann schien einen Moment zu stutzen.

»Nun, ein Sakrament ist in der Hand eines Priesters, wozu es der Priester macht«, sagte er dann ernst. »Sei heilig, und deine Sakramente werden's auch sein. Sei eitel, und deine Sakramente sind's mit dir. Sieh zu, daß diese Frau bald wieder aus deinem Haus kommt. Und laß mich in einem Monat hören, wie es bei dir aussieht.«

Damit war der Dechant entlassen.

Sechstes Kapitel Die weltliche Versuchung tritt an den Dechanten heran. Linde muß sich ein peinliches Verfahren gefallen lassen. Eine Geburtstagsüberraschung. Die Weihnachtsfeier

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War der Dechant mit dem Schweigen eines Grabes hinausgegangen, so kam er vollkommen abgründig zurück. Der Tante meldete er ziemlich lakonisch den Erfolg der Audienz, und die Klingse sah ein, daß ihr ungefähr soviel mehr erlaubt war zu sagen, als er mit seinen Äußerungen hinter dem Erlaubten zurückblieb. So sagte sie denn, und es war allerlei Kahles und Abschätziges über die Weltfremdheit eines Kirchenfürsten dabei, und was sich sonst so mit guten Gründen unverfänglich noch zwischen die beiden Männer werfen ließ. Es tönte ihm lange nicht alles gut, dafür hatte er zuviel Ehrfurcht vor wirklicher Größe im Leib, aber es fiel ihm doch auch schwer, ihr geradehin unrecht zu geben. Einem gewissen Gedankengang, den sie heute zum erstenmal offener vor ihm ausbreitete, hörte er zwar schweigend, aber nicht unaufmerksam zu. Sie riet ihm, der Kirche sein Amt zur Verfügung zu stellen und sich ganz der wissenschaftlichen Karriere zuzuwenden, wenn er denn doch einmal seine Hauptbefriedigung auf diesem Gebiet finde. Sie könne ihm sagen, daß es ihm gar nicht so sehr an Konnexionen fehle, wenn er nur seinen Hang zur Selbstherrlichkeit aufgeben wolle. Zum genannten Ziel ständen ihm bei den einschlägigen Leuten viele, wenn nicht alle Wege offen. Längst sei man auf seine Tätigkeit aufmerksam geworden, und seine Publikationen hätten Eindruck gemacht. Dazu komme, daß er nicht als Fanatiker bekannt sei und man immer gern die Gelegenheit wahrnehme, der katholischen Kirche oder dem Ultramontanismus ohne Beschwerden eine Reverenz zu erweisen. Er solle sich darüber einmal klarwerden; was sie könne, das wolle sie ihm sehr gern vorarbeiten, und sie glaube, daß es nicht ganz unwesentlich sein werde.

Zu diesen Ausführungen sagte er also nicht viel, aber sie merkte wohl, daß sie ihm zu denken gaben, und war dann klug genug, ihm das übrige allein zur Weiterentwicklung zu überlassen. Dagegen nahm sie sich vor, gleich einmal einen ersten Fühler nach jenen Regionen auszustrecken. Ihren zweiten Vorschlag jedoch, sich ganz einfach über den Kopf des Erzbischofs hinweg mit der weltlichen Behörde ins Einvernehmen zu setzen oder noch besser die Nachgrabung mannhaft auf die eigene Kappe zu nehmen, indem er die Sorge um Gewinn oder Verlust ihr überlasse, das heißt, ihr den Verlust, während ihm in jedem Fall der Gewinn zufalle: diese Versuchung wies er kurz und bündig ab. Inzwischen erwürgte er beinahe an dem Verbot, und überfiel ihn jedesmal eine innere Tobsucht, wenn er durch die Kirche ging und sein Blick ins Chor fiel, dessen frisch gelegte, glatte, saubere Steinplatten solche Schätze bedeckten.

Übrigens kamen in dem Brief, den die Klingse nachher an einen großstädtischen Freund schrieb, folgende Sätze vor:

»Sie werden sich wundern, daß ich mir so lange in einem hessischen Kleinstädtchen gefalle. Aber erstens ist mein Schwager eine sehr bedeutende katholische Persönlichkeit, und die Gelegenheit, in das großartige Räderwerk der katholischen Kirche hineinzusehen, soll sich unsereins nicht entgehen lassen, denn was wissen wir lutherisches Volk von Rom. Es laufen hier schon allerlei Fäden zusammen, wie Sie sich denken können. Es ist die bekannte historische Stelle, wo jene germanische Eiche geschlagen wurde. Dann, wie Sie mich kennen, werden Sie auch begreifen, wenn ich unermüdliche Schrittmacherin des männlichen Talentes eine Gelegenheit nicht umgehen kann, meinem Schwager in einer schwierigen Zeit etwas beizustehen. So ganz kann ja auch ein katholischer Geistlicher nicht auf die spezifischen Fähigkeiten der Frau verzichten, wenn er vorwärtskommen will, und zu leicht verfallen diese Herren in den kleinen Verhältnissen, bevor sie auf große Plätze kommen, der Liebhaberei, den Gefahren des bekannten deutschen Gemütes. Er ist etwas metaphysisch versponnen, was der Sage nach nicht einmal einem kirchlichen Karrierejäger zuträglich sein soll, obwohl, ebenfalls der Sage nach, in der Kirche das Übersinnliche, die Kraft des Gemüts das A und O aller Spekulation bildet. (Sie schrieb diese Buchstaben griechisch, ohne Griechisch zu können.) Nun vollends bei einem Menschen, dem möglicherweise ein großer Weg in der Gelehrtenrepublik beschieden ist. Sie wissen ja genügend von den kunsthistorischen Studien des seltsamen Mannes und haben mir selber zu mehreren Malen etwas sehr Gutes darüber gesagt. Nun scheint es, daß er sich mit dem Gedanken trägt, die geistliche Laufbahn mit der weltlichen zu vertauschen. In Frage käme wohl ein kunsthistorischer Lehrstuhl, zu dem nach meiner Meinung die Qualifikation wohl erbracht wäre. Ich möchte, daß ihm in dieser Krise Förderung von außen entgegenkäme, und Sie habe ich dazu besonders designiert. Recherchieren Sie einmal beim Ministerium; Sie haben ja die offenen Wege dazu. Wenn Sie ernsthaft rekommandieren, so wird man sich dort nicht verschließen. Und dann wäre es sehr nett von Ihnen, wenn Sie einmal herüberführen, um sich die geleistete Arbeit an Ort und Stelle anzusehen. Ich befehle es Ihnen nicht geradezu, aber Gehorsam würde sehr guten Eindruck machen.

Sie sehen nun also, was für Interessen das sind, die mich über die Entbehrungen trösten, die einer verwöhnten Großstädterin immerhin bemerkbar werden. Aber nebenbei ist das ein so entzückendes, originelles Städtchen, ein so bezauberndes historisches Denkmal der alten, gemütvollen deutschen Seele, die, ach, so irrationell ist, daß man sich daran nicht leicht satt sehen kann. Jeden Tag ist es wieder neu. Außerdem ist es einfach eine Fundgrube für historische Studien, denen ich mich ergeben habe, eine ganz glänzende, einzigartige Gelegenheit, den charaktervollen Baustil einer vergangenen Zeit und eines rein erhaltenen erdenstarken, ursprünglichen Volkes zu studieren. Sie werden wieder sagen, daß die Kunstbegeisterung mit mir durchgehe, und daß ich die Menschen als Volk überschätze. Aber was wollen Sie? So ist man einmal geartet. Armseliger Volksfreund, den ein paar Fehler abschrecken! Und das Volk ist doch der Nährboden! Es enttäuscht nie! Das merken Sie sich nur, Sie kleiner Zyniker. Hier ist Gefühl, Kraft, Übersinnlichkeit und sind innere Mächte fortwährend an der Arbeit. Was wissen wir vom Volk!«

Was sodann das erzbischöfliche Gebot der Hausreinigung anging, so verharrte der Dechant ihm gegenüber vorläufig in einer verstockten und leidenden Regungslosigkeit. Abgesehen davon, daß die Tante jetzt in manchen ihm wichtigen Angelegenheiten seine einzige Mitwisserin geworden war, so hatte er sich auch sonst vielfach an sie gewöhnt, und war sie ihm in einer Reihe von Dienstleistungen, in denen sie nun doch Lindes Stelle vertrat, scheinbar unentbehrlich geworden. Freilich störte ihn in dem neuen Vertrauensverhältnis eine innere Unbehaglichkeit, die mit der Ermahnung des Kirchenfürsten wie mit einem Sonnenspiegel in der Hand vor ihm stand und ihn jedesmal in die Augen traf, wenn er sie eben mit einem offeneren Blick auf die neue Hausfreundin richten wollte, so daß er auch auf dieser Seite zu keiner Ruhe kam. Wie das Essen, so hörte allmählich das Leben auf, ein Genuß für ihn zu sein. Die Geschichte des Domes starrte ihn neuerlich an wie ein Klavier ohne Seiten und Tasten, und er brachte durch Wochen keine Zeile mehr zustande. Sogar das Museum verlor seinen heimlichen Glanz vor dem unheimlichen, den der Phantasieschatz in seinem Hirn ausstrahlte; die schönen alten gotischen Sachen rückten ihm fern wie auf höheren Befehl und sahen ihn von weitem fragend und ein bißchen befremdet an. Den anbefohlenen Bericht nach einem Monat blieb er weniger aus Trotz als aus Ratlosigkeit schuldig, unbeweglich den Maßnahmen entgegensehend, die der Erzbischof weiter gegen ihn verfügen werde. Aber er verfügte nichts, vor allem, weil er wußte, daß solche Entwicklungen nicht auf Befehl marschieren; es hätte ihn vielmehr befremdet, vom Dechanten per Ultimo pünktlich die erste Rate seiner Bekehrung zu empfangen. Der Dechant seinerseits bemerkte mit einer trüben Verwunderung, daß er vorläufig in Ruhe gelassen wurde.

In der Zeit ging die Haussuchung bei Linde vor sich. Die Klingse übereilte sich nicht damit, sondern nahm sich eine Woche Zeit, bis der Dechant selber danach fragte. Dann ging sie mit seinem vollen zeitlichen Wissen daran. Das Hohelied fand sie nicht, dagegen hübsche und ordentlich zusammengelegte Mädchenwäsche, einige stille Bücher, darunter Calderons »Ein Leben, ein Traum«, eine kleine Ausgabe von Schillers Werken und ein schönes Legendenbuch der hauptsächlichsten Heiligen. Ferner fand sie, was sie ungern entdeckte: die Liebesschriftstellerei des Soldaten an Linde. Sie warf diese Literatur eines Gestorbenen innerlich erregt aus ihrem pietätvollen Begräbnis, einem Ebenholzkästchen mit Silberbeschlägen, konnte aber dann doch nicht dem schmerzenden Drang widerstehen, einen Blick hineinzutun. So las sie mit geröteten Wangen und raschem Puls und Atem einige Seiten aus seinen ersten Feldbriefen, die noch seine kindliche Seele und sein reines sinnliches Feuer enthielten. »Geliebtes einziges Mädchen!« stand auf der einen. »Das vergess' ich Dir meiner Lebtage nicht! Du weißt, daß mir die Frau nicht fremd war, aber das, Du wahrhaftige Schönheit und Güte, das gibt es auf der Erde einmal in Dir und nicht wieder. Ich weiß nicht, ich muß ganz verwandelt sein. Manchmal meine ich, ich müsse Dir gleichen. In meinen Händen habe ich ein Gefühl, als seien es die Deinen, und als würde ich nie wieder eine Niedrigkeit damit begehen, nicht einmal eine Gewöhnlichkeit. An Dir ist ja alles so ungewöhnlich und unsagbar vornehm in aller Leidenschaft der Liebe. Ich hätte niemals erwartet, daß soviel Weibs in Dir steckt. Glaube nicht, daß ich der Narr bin, der so was jemals vergißt und aus den Händen läßt. Dafür ist schon meine Habsucht zu groß, meine männliche Gier nach Erlebnis und dem Außerordentlichen. In Dir sind ja Welten von Überraschungen, Wohlgerüche, die in Wolken aus Dir aufsteigen. Ich rieche noch völlig nach Dir. Nein, nein, Du Weib aller Weiber, wo ein Mann einmal in einen solchen heißen Strudel des Frauenlebens hineingeraten ist, der doch so kristallen und rosenrein und blumenbunt — Was sind Worte! Hätt' ich Dich wieder in den Armen! Ach du mein Gott, was sind alle Gewitter der Schlacht und des Todes gegen diesen Lebensorkan!« Soweit las sie, um dann mit einer erbitterten Aufwallung plötzlich die »ganze idiotische Schreiberei« wegzupacken, das meiste in die Schachtel zurück und den ärgerlichen Rest, den sie nachher noch bemerkte, in irgendeine Schublade. So verschaffte ihr das Unternehmen doch nur einen gewissen Triumph, nämlich einen gallenbittern und ganz in Haß bebenden. Sie gab sich keine Mühe, Spuren verwischen zu wollen, sondern hinterließ das Zimmer in dem Zustand, in den sie es gebracht hatte, die Wäsche verwühlt und zerknittert, das Bett aufgerissen und durcheinandergeworfen, Schranktüren und Schubladen offen, Bilder umgestürzt und Bücher heruntergeworfen, das alles aber nicht aus bewußter verletzender Absicht und vorgefaßter Berechnung, sondern aus einer nervösen Hast, die einem hysterischen Anfall glich, im Bestreben, möglichst bald wieder aus einer Atmosphäre herauszukommen, in der sie wieder alles mögliche erlebt hatte, nur keinen moralischen Sieg. Um sich von ihrem Anfall zu sammeln, brauchte sie außerdem nachher auf ihrem Zimmer eine ganze Reihe von vernunftmäßigen Erwägungen und sogar einige Mixturen, Kölnisches Wasser und eine Stunde unbewegliches Liegen auf ihrem Langstuhl, und zum Essen erschien sie immer noch unruhig und reizbar genug.

Linde erschien bleich und mit dunklen, stillen Augen, ohne sich eine Mädchenblöße zu geben, denn im Leid besaß sie nun schon Erfahrung.

»Man ist heute in meinem Zimmer gewesen«, sagte sie, als auch der Dechant da war, mit beherrschter Stimme. »Meine Sachen sind alle untereinander gebracht. Kann mir jemand sagen, was das zu bedeuten hat?«

Die Tante wechselte einen Blick mit dem Dechanten. »Du nimmst also ohne weiteres an, daß jemand von uns daran beteiligt war?« fragte sie mit einiger Spitze zurück. »Sieh mal an, was für ein feinfühliger Mensch du bist, und was für ein reines Gewissen du hast!«

»Ein Verbrecher hätte sich anders bewegt«, entgegnete sie kurz und angewidert von ihrer Verstellung; auch dem Dechanten war sie unangenehm. »Er hätte meine Uhr und meine Ringe mitgenommen.« Sie schien das Thema fallen lassen zu wollen, aber die Haltung des Mädchens reizte die Tante so auf, daß sie gegen ihre Absicht schneidend versetzte:

»Und was hat man dir so mitgenommen?«

»Mir fehlen Briefe im Kasten«, antwortete Linde, indem sie ihrer Gegnerin in die Augen sah.

Einen Moment betrachtete die Frau das Mädchen, verblüfft von dieser Tollkühnheit, dann lachte sie amüsiert und ohne jeden Mißklang auf, so daß der Dechant, der selber einen Moment gestutzt hatte, ihr glaubte und sich gegen Linde wandte.

»Wenn du schon solche Maßnahmen gegen dich nötig machst«, sagte er unwillig, »so solltest du mit deinen Äußerungen in diesem Haus doppelt vorsichtig sein, denn wegen besonderer Wahrheitsliebe stehst du gegenwärtig nicht im Vordergrund der Aufmerksamkeit. Die Briefe, wenn sie dir wirklich an einem Ort fehlen, werden an einem andern zum Vorschein kommen, wenn du suchst. Dagegen wirst du die Tante wegen dieser Geschmacklosigkeit um Verzeihung bitten, und zwar sofort.«

Die Angelegenheit hatte dieser aber nicht erst jetzt eine unerwünschte Wendung genommen, und sie legte sich abwehrend ins Mittel.

»Laß nur, Klemens«, sagte sie weise und welterfahren. »Bei solchen erzwungenen Versöhnungsszenen kommt nie etwas heraus; keinesfalls sind sie nach meinem Geschmack. Die Briefe werden in eine Schublade geraten sein, und die ganze Bagatelle lohnt nicht die Worte. Inzwischen muß sie erfahren, worum es sich überhaupt handelt. Meine Liebe« — wandte sie sich, jetzt wieder erhaben singend, an Linde —, »der Onkel hat mich beauftragt, wegen des Buches in deinem Zimmer Haussuchung zu halten. Hast du noch weitere Beschwerden, so wende dich bitte an ihn. Ich darf mich wohl nach erfülltem Auftrag aus der Angelegenheit zurückziehen.«

So hatte sie sich nicht nur wiederhergestellt, sondern noch auf ein vornehmes Piedestal gebracht, und dem Dechanten erschien es zum erstenmal, daß dies Weib wirklich weltmännische Lebensart besitze. Er richtete unwillkürlich sein weiteres Verhalten danach ein, und sie bemerkte, daß sie Eindruck gemacht hatte. Da er ja ohnehin immer öfter in sehr verschwiegener Erwägung nach der großen Welt ausblickte, wo nach vielen glaubwürdigen Autoren Freiheit und Glück herrschen, so gewann sie ihm als deren Vertreterin eine ganz besondere Bedeutung, die jetzt immer mehr in den Vordergrund seiner Betrachtung trat; er ließ sie in der letzten Zeit freier und breiter zum Sprechen kommen, froh, daß er in der Hauptsache schweigen durfte, und sie war beflissen, vor seinem schwermütig wühlenden Blick das Gespinst des geselligen Lebens und der ungehemmten Personalmöglichkeiten auszubreiten, von denen ihm, wie er selber dachte, zur Zeit das strengste Gegenteil zugemessen schien. Doch gelang es ihr nicht, die steckengebliebene Geschichte des Domes durch ihren Einfluß wieder in Gang zu bringen, sowenig wie sein ganzes steckengebliebenes Leben, das unruhig vor dem Hindernis stand und dunkel strudelnd und seine Überschwemmungstrümmer im Kreis treibend seine Wassermarke höher schob.

Im Dezember näher bei Sankt Niklaus als bei Weihnachten hatte Linde ihren Geburtstag. Sie bekam vom Dechanten ein paar neue Schuhe und Briefpapier. Sein Glückwunsch lautete nur ihre Gesundheit betreffend klar, sonst hielt er sich in mehr ausweichenden Wendungen und deutete höchstens an, daß man sich von ihr etwas mehr Glück wünschen möchte, aber die Aussichten dazu Gott anheimstellen müsse. Die Tante schenkte ihr eine zu elegante, verschließbare und »diebessichere« Kassette mit Geheimschloß und Metallbändern, das Ganze mit einem etwas maliziösen Lächeln und mit dem Wunsch, daß sie im neuen Jahr viele recht angenehme Briefe darin unterzubringen haben werde. Von Heinz war pünktlich einer eingetroffen, doch ohne besonders angenehm zu sein. Er wünschte in freundlicher und teilnehmender Weise für das neue Jahr eine bessere Gesundheit und berichtete übrigens wieder von harten Kämpfen, alles ein wenig enttäuschend und geschäftsmäßig. Die große freudige Geburtstagsüberraschung wurde nicht von diesen Hauptpersonen, sondern von der Magd ins Werk gesetzt und zu einer Tageszeit, als Linde schon keine mehr erwartete.

Sie bestand darin, daß Brigitt am Nachmittag, als das Haus still war, zum erstenmal sich wieder aus dem Bett herauswand, sich warm anzog und hinunterkroch, um zu sehen, ob es auch einigermaßen geburtstagsmäßig im Haus zugehe; für ihre Person hatte sie nichts davon bemerkt, und die Unruhe ließ sie nicht länger im Bett. Sie fand eine sauber aufgeräumte aber ganz gleichgültige und kalte Küche, eine leere Speisekammer und so werktägliche, unfestliche Verhältnisse, daß ihr vor Zorn das Salzwasser in die Augen sprang. Dabei blieb sie freilich nicht stehen, sondern sie gab nicht eher nach, als bis sie durch anhaltendes Fechten und Winken ein Kind ins Haus zog, das sie dann auf Einkäufe schickte zum Bäcker nach Semmeln und Kuchen und zum Gärtner nach einer blühenden Pflanze und mit dem Auftrag, noch ein zweites Kind unverweilt zu ihr zu beordern. Das schickte sie um Butter und Eier, Schinken, einem Hühnchen oder zwei und was ihr sonst einfiel und nötig schien, mit einem ganzen langen Zettel zu ihrem besonderen Freund Felge, und zwar zu Arnold Felge in der Oberstadt, denn es gab im ganzen Ort wenigstens zwanzig dieses Namens, allein vier Metzger. Dieser Arnold Franz besaß besondere Verbindungen und Vorratskammern, auf die er für seine bessern Kunden zurückgriff, und es gab beinahe nichts, was er nicht herbeizuschaffen vermochte in kürzester oder etwas längerer Frist, nie in langer. Da Brigitts Zettel mit den Worten schloß: »Oder was Sie sonst haben, denn es ist der Geburtstag des Fräuleins Linde!«, so erschien in kurzer Zeit nicht nur das Kind, sondern in seiner Begleitung der sichere Bote des Herrn Arnold Franz Felge, von der Magd schon an der Tür abgefangen, weil sie keinen Glockenlärm wollte, und samt Bob, der keine Boten und Briefträger leiden konnte, zur größten Lautlosigkeit beschworen. Er brachte kein Hühnchen, aber eine schöne Ente, ließ übrigens die Wahl zwischen diesem oder einem Hasen, der auch im Korb lag — Brigitt nahm beide —, und alles übrige war in wünschenswerter Menge und Qualität vorhanden. Die Rechnung blieb sie vorläufig schuldig, aber nicht das Trinkgeld, und da das andere Kind schon früher zurückgekommen war, so konnte sie in vollkommener Ungestörtheit ihre geheimen Geschäfte betreiben.

So kam es, daß Linde, als sie wieder im Haus unten erschien, um den Nachmittagskaffee zu rüsten, den Tisch festlich hergerichtet fand, ihren Platz mit Efeu aus dem Garten phantasievoll und reichlich bekränzt und durch zwei dunkelblühende Alpenveilchen ausgezeichnet, außerdem durch einen schönen, braunen Napfkuchen von nicht geringem Umfang, den das Kind beim dritten Bäcker, bei dem es anfragte, glücklich aufgetrieben hatte, auch den bekränzt, und zwar mit Immergrün aus Brigitts eigenem Stubengewächs, das ihr Linde solange treulich gepflegt hatte. In der Küche stand die Magd selber in der wohlbekannten blauen Schürze vor dem Herd, in dem ein wildes Feuer brannte, auf dem Milch und Kaffee und für Linde Schokolade kochte, und wo Brigitt außerdem gerade beschäftigt war, eines jener Hausgebäcke aus Weißmehl, Butter, Eiern und Zucker herzurichten, die in jeder Landschaft einen andern knusprigen Namen tragen und überall von Geburtstagen und Liebesbeweisen unzertrennlich sind. Brigitt hatte im Sinn gehabt, Linde gehörig wegen der puritanischen Geburtstagsküche abzukanzeln, und Linde wollte dasselbe der leichtsinnigen und tollköpfigen Magd gegenüber, aber beiden kam das Weinen eher, zuerst dem alten Mädchen und dann dem jungen mit zwei sehr nassen Augen vor Rührung. Aber mitten aus dem Gefühlserguß fuhr Brigitt furios auf, weil ihr das Backwerk wieder einfiel, das die Aufsicht noch weniger entbehren konnte als eine Kinderschule oder ein hessisches Pfarrhaus. Sie setzte also das Fräulein rücksichtslos ab und begann wieder mehr Rührung in der Pfanne zu bewirken. In das werdende Backwerk fielen immer dick und emsig ihre Tränen, und durch die des zusehenden Mädchens brach ein beglücktes Lachen, weil ihm die Komik aller Umstände aufging. Nach einem unwirschen Aufblick lachte auch die Magd mit, und im weitern schwang sie die Pfanne mit einer Verwegenheit herum, als ob sie nicht gegen das sechzigste Jahr liefe, sondern im zwanzigsten einem Feuerwehrball zu. Nebenher fing freilich dennoch die liebevolle Abkanzlung an, und da keins dem andern etwas schuldig zu bleiben brauchte, die Magd aber mit ihrem Durchgriff wesentlich und überzeugend im Vorteil war, so kam man zu keinem unliebenswürdigen Verständnis.

Vom Lärm angelockt und auch vom Duft, der sich nun schon festlich im Haus verbreitete, erschienen nacheinander vorzeitig die Klingse und der Dechant. Die erstere nahm schweigend mit zusammengepreßten Lippen Kenntnis davon, daß die Feindin wieder auf dem Plan sei, und schob sich etwas blaß und mit vorgestrecktem Kinn langsamer aus der Küche, als sie hereingetreten war. Bob verharrte in der Zeit knurrend vor dem Herd, den er gegen jede Anfechtung durch unbeliebte Personen zu verteidigen entschlossen schien. Wer ihn näher kannte als die Klingse, wußte außerdem, daß ihn die lang entbehrte Anwesenheit der Magd in der Küche leidenschaftlich erregte, nicht als Freßmöglichkeit, sondern als seelisches Erlebnis. Die Magd ihrerseits machte den Eindruck, als ob sie den kurzen Besuch nicht bemerkt hätte, aber Linde sah wohl die Röte, die ihr in die Augen stieg, und für die nächste Zeit war sie schweigsam, während ihre Bewegungen einen ingrimmigen, heftigen Charakter annahmen. Nachher trat weniger unliebsam und respektvoll begrüßt der Dechant auf, bekam aber immerhin das Ergebnis der Wallung in einer gedrängten, trotz des Gemurres wohlverständlichen Ansprache entgegenzunehmen, die den unfestlichen Feiertag zum Thema hatte. Er verteidigte sich damit, daß Linde ja selber das Küchenregiment führe, und sie schwieg, weil sie wußte, daß es die Klingse führte wie jedes andere, und weil sie für heute keinen Verdruß wollte. Nachher gab sie besser aufgeräumt Auskunft über ihr Befinden. Sie wolle jetzt wieder langsam ins Geschirr fahren, möge der Arzt nun reden oder singen. Wenn man auf so einen Kreispfiffikus hören wolle, so könne man im Bett liegen, bis man von selber verfaule und nicht einmal mehr das Sterben nötig habe. Aber das heiße um die Auferstehung kommen, die man nur durch das rechte christliche Verscheiden erwerbe, und so ziehe sie es vor, christlich zu leben und christlich mit Tod abzugehen.

Der Dechant setzte sich nach langer Zeit zum erstenmal wieder mit etwas erheiterter Stirn zu Tisch, und da die Magd diesmal nicht nur den Eß-, sondern auch den Gesprächsstoff lieferte, zumal der Dechant aus ihrer langen Geschichte in seinem Dienst hundert eigenartige Episoden und charakterfeste Züge wußte, so verging eine Teestunde einmal heiterer, als man's sonst gewohnt war, wenigstens zwischen dem Dechanten und Linde, die für diesen Gesprächsstoff seine eigentliche Zuhörerin war, während die Tante eher im Dunkel saß und wenig unterhaltend aussah. Davon merkte er aber nicht viel, weil der Mitteilende gern wie Mörikes Schönheit »in ihm selber selig« ist; war er nicht selig, so war er doch erleichtert, und das kann für einen Hochbeschwerten unter Umständen dasselbe bedeuten. Die gute Stimmung dauerte auch noch über das Abendessen, zu welchem die Ente in ihrem letzten Kleid auftrat, goldgelb und mit Äpfeln gefüllt, ein rechter Vogel, um vergnügliche Laune zu machen, und zwar ganz ohne jede ergreifende Singstimme. Linde verwaltete und verteilte ihren vergänglichen Leib, gab den andern viel und behielt für sich wenig, und der Dechant, der nun doch noch eine Flasche Wein aus dem Keller geholt hatte, fand heute abend das Gemüt zu einem zweiten, etwas herzlicheren Geburtstagsspruch. Auch Brigitt mußte hereinkommen und mit anstoßen; sie tat es nur mit Linde und dem Dechanten, mit diesem ehrerbietig, mit jener zärtlich und mit nassen Augen wegen Lindes leidwissenden. Etwas später stieg sie unter Lindes Hilfe müde und voll süßen Weins, sie hatte den ihren gegen die Säure gezuckert, auf ihre Kammer und schlief wie ein heimgekehrter Wallfahrer befriedigt und siegreich ein.

Für diese Woche hielt sie es noch mit dem Nachmittagsturnus, und der Arzt wollte weiter nicht mehr dagegen sein, als er sah, wie es mit dem eigenwilligen Patienten wirklich einen guten Weg nahm. Aber er war dafür bekannt, daß er keinen Kranken unter zwei Monaten aus dem Bett ließ; hatten es die Nieren nicht mehr nötig, so konnte es doch den Nerven nicht schaden, und es schadete ihnen meistens auch nicht. Die nächste Woche stand sie zum Kochen auf. Die folgende war Weihnachten, und da trieb es Brigitt wie immer. Zu den Bäckereien ging ihr Linde zwar noch zur Hand, aber nur geduldet; dafür nutzte Brigitt die Gelegenheit wieder gewaltig aus, weil sie heimlich hoffte, daß der Soldat auf Urlaub kommen könnte. Allein er kam nicht.

Nebenher hatte Linde zur richtigen Zeit die Hände frei bekommen für die kleine Weihnachtsfeier, die sie jährlich mit einem gewissen Kreis von bedürftigen Kindern im Pfarrhaus zum Heiligen Abend abhielt. Es pflegte dabei viel weniger hoch als freundlich herzugehen, entsprechend dem freundlichen und trostvollen Ergebnis, das an diesem Tag die ganze Christenheit feiert. Die Kinder sangen etwa ein paar Lieder. Linde las ihnen die Weihnachtsgeschichte vor. Das übrige tat der Baum mit seinen Lichtern und seiner ganzen freudenreichen Erscheinung. Zum Schluß bekam jedes ein kleines Geschenk, ein Paar Strümpfe, wollene Handschuhe, ein Mützchen oder eine hübsche Schürze, wie es sich traf, oder wovon Linde gerade wußte, daß es not tat. Zum Zweck steckte der Dechant sonst zu Sankt Niklaus ein Goldstück in Lindes Schuh vor der Tür, immer in den rechten; dies Jahr war er leer geblieben. Nun, es war auch ohnehin allerlei von ihrem Eigenen dazugeflossen, so mochte heuer noch ein bißchen mehr fließen. Brigitt buk auf den Tag, was sie konnte, knetete Teig, walzte ihn aus, stach wie im Turnier Sterne und Kreuze, Herzen und Halbmonde, damit nach alter Übung bei dem Notwendigen sich auch etwas Angenehmes finde.

Als die Tante von den Zurüstungen und ihrem Zweck Wind bekam, setzte sie sich hin und schrieb ein paar Bestellzettel an ihre großstädtischen Lieferanten. Nach einigen Tagen kamen Pakete und Kisten für sie an, für die sie ganz sehenswerte Schecks ausfüllte. Brigitt mußte ihr die Kisten öffnen und die Pakete aufschnüren, und am Heiligen Abend, als Linde beinahe mit allem fertig und in der Vorerwartung warm und beglückt war, erschien sie mit Armen voll Kleidungsstücken, Wollsachen, Spielzeug, Büchern und Eßwaren. »Du gestattest wohl, daß ich auch etwas beisteuere«, sagte sie norddeutsch singend und steckte das Kinn vor. »Wo kann ich ablegen? Vielleicht bist du so liebenswürdig und nimmst mir ab?« Linde war wie vom Schlag gerührt, denn an eine Friedensstörung hatte sie heute am allerwenigsten gedacht. Es war ihr klar, daß es das Weib darauf abgestellt hatte, sie mit seinen großstädtischen Geschenken an die Wand zu drücken und dem bescheidenen Fest den rechten modernen Schwung zu geben.

»Der Stuhl dort ist noch frei«, entgegnete sie kurz, indem sie mit ein paar Blicken den ganzen pompösen Bettel überflog, den die Klingse daherschleppte, alles ohne eine Hand für oder gegen sie zu regen. Die Klingse legte auf dem Stuhl ab und wandte sich zunächst dem Baum zu, den sie ganz hübsch und kleinbürgerlich fand, und dem Geschenktisch, den sie lächelnd musterte. »Du mußt mir dann sagen, wie ich in jedem Fall zweckmäßig ergänzen kann«, meinte sie. »Du hast ja doch wohl deine Geschenke individuell angepaßt.« Linde antwortete nicht, und die Tante verschwand zunächst noch einmal, um ebenso hoch beladen wie vorhin wieder unter der Tür zu erscheinen. Sie hatte sich selber einen weitern Platz zum Ablegen frei gemacht; indessen hatte sie auch aufgehört zu lächeln. »So, und nun wollen wir sehen«, sagte sie darauf. »Wo hast du die Plätze für Mädchen und die für Jungens?«

»Das ist wohl nicht so schwer herauszufinden«, erwiderte Linde, die jetzt finster und feindlich an der Wand neben dem hohen Spiegel stand. »Die Mädchenschürzen sind nicht für Buben und die Bubenmützen nicht für Mädchen.«

Etwas gereizt fuhr die Tante nach ihr herum, dann schien sie sich aber zu fassen. Und nachdem sie das Mädchen einen Moment schweigend fixiert hatte, sagte sie hochmütig: »Ich werde mich von deinem Prinzessinnentum nicht beirren lassen. Dafür müßte mehr hinter dir stecken als etwas wurmige Tugend und Tücke. Ich finde, daß du die Dünkelhaftigkeit zu weit treibst. In diesem Fall hast du froh zu sein, daß dein Bettelvölkchen zu ein paar anständigen Kleidungsstücken kommt; mit deinen selbstgerechten Lümpchen wird's nicht weit laufen.«

»Lumpen«, erwiderte Linde leise, um ihren Abscheu zu verbergen, aber die Tante merkte ihn dennoch: »Lumpen sind Dinge, die sich jeder nach Belieben kommen lassen und kaufen kann, wenn er das Geld dazu hat.«

»Wenn du nur endlich deinen hungerleiderischen Provinzhochmut aufgeben wolltest!« zischte die erboste Frau. »Was willst du denn machen, wenn dein Liebster dir vor der Nase weg eine andere heiratet?«

Linde zuckte leicht zusammen. »Heinz bedauern!« erwiderte sie langsam und mit einem Unterton, der die Tante lange nicht so befriedigte, wie sie sich's von diesem Augenblick versprochen hatte. Etwas ernüchtert wandte sie sich zu ihrem Geschäft zurück.

»Wie alt ist dieser Junge?« fragte sie. Und Linde gab Auskunft: »Acht Jahre.« Die Klingse legte einen norwegischen weißen Sweater zum baumwollenen grauen Mützchen. Das folgende Mädchen war zwölf Jahre alt und bekam drei Hemden mit Achselschluß und gesticktem Einsatz, seine vierzehnjährige Schwester eine zurückgesetzte englische Bluse. Linde sah voraus, daß man morgen im Städtchen mit Fingern auf die Kinder zeigen würde, die von ihr beschenkt herumliefen und nicht wußten, wie ihnen geschah, und sie taten ihr zum voraus leid, weil sie sie liebhatte. Zum Schluß verfeuerte die Klingse auch noch ihre Kuchenpakete und Spielzeuge, und sah der Weihnachtstisch aus wie eine Jahrmarktbude; Linde war jetzt neugierig, wie die alten, einfachen Weihnachtslieder und die stille, reine Evangeliengeschichte dazu klingen würden.

Darauf war es wie jedes Jahr. Die Kinder schoben sich unten durch die Haustür herein mit saubern Schuhen und geputzten Nasen und vor lauter Vornehmheit über ihre eigenen Füße stolpernd, aber noch mehr aus Angst vor der Magd, die ihnen gewaltig aufpaßte, so herzlich sie sich für sie geplagt hatte, und dem Hund, der jeden Ankömmling einzeln und eingehend beroch. Die letzten, die hereintröpfelten, sahen schon von unten die ersten Lichter am Baum brennen, sogar durch die zugezogenen Vorhänge; die ersten bemerkten dasselbe durch das unverstopfte Schlüsselloch. Darauf läutete das Glöckchen, ging die Tür zum Bescherungszimmer auf und begann sich die Kinderrotte über die Schwelle zu schieben. Mit den Mädchen ging es noch; die waren neugierig und zutraulich. Aber was ein rechter Junge ist, der hat schon nicht mehr das reine Gewissen wie im Mutterleib und ist vorerst von einer würdevollen Mischung aus Welterfahrung, Mißtrauen und Tölpelhaftigkeit sehr erfüllt; jedenfalls im Beginn einer zivilisierten und gesellschaftlich mehr gemischten Angelegenheit beherrscht diese verzwickte Stimmung sein Benehmen durchaus. So drückten sich die Herren Buben zunächst eher verdrießlich scheinend an der Tür herum und blinzelten erwägend in die Lichter des Christbaums, und je älter einer war, desto tiefer versenkte er die Hände in den Hosensäcken und duckte er den Kopf zwischen die Schultern.

Aber die frommen Geister, die mit gütigen Herzen im Baum schwebten und ihnen die schon prosaischen Augen und die abwartenden Mienen beglänzten, weckten und lockten auch rasch das Träumerische in ihren Seelen, die darum, weil sie's enthielten, nicht weniger männlich waren, sondern mehr, obwohl sie's anders glaubten. Eine Zeitlang verscheuchte sie noch die fremde Dame, die vornehm in einem Lehnstuhl saß und sie mit falscher Teilnahme, wie sie sofort witterten, und herrischen Augen musterte; aber dann begann ihnen der Duft von Lebkuchen und Hausgebäck in die Nasen zu steigen, und darüber vergaßen sie auch die Großstädterin. Den Mädchen machte diese weniger zu schaffen, obwohl auch sie sie als störend empfanden. Indessen klang das alte, selige Weihnachtslied unter Lindes Händen vom Klavier auf, und unter dem Vortritt der Mädchen ließen auch die Buben sich zu einigem Gesang herbei, der sich bis zum Schluß der letzten Strophe ganz ordentlich steigerte, einesteils aus Wirkung von innen heraus, anderseits von außen herein, denn auf der langen Tafel lag diesmal nicht wenig. Vorher hatten sie noch die schöne Evangeliengeschichte mit anzuhören, die sie zwar schon kannten, von denen ihnen aber doch manches heute wieder plausibel und vielversprechend vorkam, besonders ihre drei Glanzpunkte, nämlich daß jedermann in seine Stadt ging, um sich vom Kaiser Augustus schätzen zu lassen, dann daß das Kindchen in eine Windel gewickelt und in eine Krippe gelegt wurde, und endlich daß die Engel nach dem Gesang wieder gen Himmel fuhren; dies sahen sie sogar am deutlichsten und leuchtete ihnen am meisten ein, weil sie gewöhnt waren, nach dem Singen auch immer abzufahren.

Nach dem zweiten Lied durften sie dem Geschenktisch näher treten und hörten sie von Linde, daß die schönsten Sachen von der Frau Professor Klinger kämen, die da säße, und der sie nachher dafür danken müßten. Linde war jetzt wieder ganz frei und in ihrem Element sicher, und es gewährte ihr eine besondere Genugtuung, daß sie der Feindin nicht das mindeste schuldig zu bleiben brauchte. Die Mädchen ergriffen von ihren teuren Geschenken sofort und ohne Hemmungen Besitz, aber die Buben, die von übler Nachrede und von der Unrätlichkeit, durch irgend etwas Besonderes in der Welt aufzufallen, bereits genügend Bescheid wußten, hielten sich mehr an die gewohnten Gaben, die auch besser in ihre etwas nüchterne Stimmung paßten. Das meiste Mißtrauen erregte das elegante und »fortgeschrittene« moderne Spielzeug, Gedächtnis- und Geduldsübungen, Lehrspiele, Erziehungsspiele, Diabolo, das in den Großstädten längst aus der Mode war, Rollschuhe veralteter Konstruktion, die sie auch mit der neuesten auf ihrem Wackensteinpflaster nicht brauchen konnten, gesittete Kartenspiele, Kinderkrockets aus zurückgesetzten Beständen und was sonst so die großstädtische Unternehmung gern aufs Land abschiebt, um es noch an den Mann zu bringen, wobei zu bemerken ist, daß die Klingse sehr wohl wußte, was vollgültige Marken waren und was nicht; sie war nicht etwa übertölpelt worden.

Zur Geschenkbesichtigung hatte sie sich erhoben, um von Gruppe zu Gruppe gehend einige Anweisungen über den Gebrauch der Dinge zu erteilen, die mit Befremdung über den norddeutschen Dialekt und mit Unglauben über den Inhalt entgegengenommen wurden, denn sie sah den Kindern nicht aus, als ob sie in ihrem Leben jemals gespielt hätte. Linde allerdings wußte weiter auch nicht Bescheid darüber, doch fühlten ihr die Kinder ab, daß sie wenig begeistert war, und aus ihren innerlich vornehmen Bemühungen, ihnen die Ware mund- und handgerecht zu machen, witterten sie nur die Verdächtigkeit des Umstands, daß sie das überhaupt für nötig hielt. Nebenbei sah sie, daß die prachtvollen wollenen Stücke auch nicht wenig Baumwollenes an sich hatten und übrigens durch teilweise schon deutliche Vergilbungen ihren Charakter als Ladenhüter ohne übertriebene Scheu anzeigten. Die Klingse gehörte zu jenen Wohltäterinnen, die für ihre Betriebsamkeit sehr sorgfältige Verbindungen mit allerlei Ramschgeschäften und Saisonausverkäufen unterhalten, und denen für sich nicht bald etwas gediegen und frisch genug scheint, aber für andere immer rasch.

Indessen kam auch diese Feier zu ihrem Ende. Die Kinder sangen noch ein Schlußlied und konnten abziehen. Eins nach dem andern bedankte sich gebräuchlicherweise mit dem Respekt oder der Verehrung, die man vor ihr hatte, bei Linde und mit angemessen erzeigtem Vergnügen. Um die Dame aus Norddeutschland bemühte sich weiter niemand. Nur zwei oder drei magere, bleiche Dinger, die durch eine besondere Bettelhaftigkeit bekannt waren, näherten sich ihr untertänig und mit dem früh entblößten Blick der jugendlichen Verdorbenheit; die Klingse konnte sicher sein, nächstens von deren Eltern einen ausführlichen Bericht über das herrschende Elend zu bekommen und, wenn der nicht half, auf der Straße angesprochen zu werden. Sie sah von ihrem Erfolg wenig entzückt aus und mit kalten Augen zu, wie sich alle Köpfe blond und dunkel um Linde wie um einen leibhaftig herabgestiegenen Engel drängten, dem sie in ihrem weißen Kleid den Abend auch mehr glich als der irdischen Rivalin einer so vielvermögenden Weltdame.

»Es hätte dir angestanden, die Kinder auch zu mir zu schicken«, sagte sie nachher mit mißfälliger Schärfe aus ihrem Lehnstuhl heraus, wohinein sie sich vor Verdruß wieder geworfen hatte. »Sie können nichts für ihre plebejischen Gewohnheiten, aber für dich als Erzieherin ist es kennzeichnend, daß du sie benutzt, um einen billigen Triumph zu feiern!«

»Was willst du? Du hörtest selber, daß ich sie angewiesen habe!« entgegnete Linde versöhnlich, vor allem bestrebt, sich ihre gute Stimmung nicht verderben zu lassen. »Übrigens bin ich nicht die Erzieherin der Kinder, sondern die Freundin.«

Mit diesen Worten ließ sie sie sitzen, zumal auch der Baum gelöscht war, und ging zu Brigitt in die Küche hinunter, die sie wegen ihres weißen Kleides mit Gebrumm, aber wegen der heitern Augen erfreut empfing, denn diese zeigte sie in der letzten Zeit nicht mehr oft. »Die Rangen haben mir doch wieder die Treppe versaut«, sagte sie kopfschüttelnd. »Aber der Karpfen ist schön heuer.« Das war ebenfalls keine übelklingende Weihnachtsbotschaft, wenn auch nicht gerade ein Engel sie sang, aber der fromme Fisch wurde auch keineswegs von lauter Engeln verspeist, sondern es half daran alles in allem ein halber oder sterblicher wenig, eine Art vom Gegenteil mehr und ein dunkel belebter geistlicher Adam mit Hingabe und heute zum Frieden gestimmt. Leider kam er nicht dazu, obwohl ihn die Engel gerade wieder vernehmlich aus der Höhe riefen; es fehlte zur Zeit Gott noch zu merklich an Ehre und daher dem Adam an Wohlgefallen. Die Tante gab die Vorgänge der Kinderfeier, nun bereits ins Anekdotische verkleidet, mit Laune zum besten, aber mit säuerlicher, und der Dechant fand auch, daß Linde die Jugend besser zum Danken hätte anhalten müssen. Linde schwieg, wieder um einen Breitegrad vereinsamt, doch fortgesetzt darauf gesammelt, ihr eigenes Christgeschenk in der Seele unzerstört über den Abend zu retten. Sie rettete damit den Abend, weil sie heute mit der Gutmütigkeit des Dechanten rechnen durfte.

Siebentes Kapitel Linde erkrankt infolge eines üblen Briefwechsels ernstlich

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Noch am selben Abend schrieb die Tante an Heinz einen Brief, der ihn vor eine vorläufige Entscheidung stellte, nur der Form nach unvermittelt, denn der Sache nach hatte er ihr ja schon längst vorgebaut.

»Mein lieber Junge«, so lautete dies Schreiben, »es scheint mir nun Zeit, daß wir uns endlich über gewisse Dinge klarwerden. Du schriebst einmal, Du seist ein deutscher Offizier, und mir gabst du das Epitheton einer großen Frau. Well. Aber diese Charaktere haben ihre Tragweite. Ich werde als große Frau kaum weibchenhaft Bewegungen inszenieren, die einmal der Mann auslösen muß. Du als Mann, der zu leben weiß, wirst anderseits nicht schriftliche und prinzipielle Erklärungen loslassen wollen, denen keine Wirklichkeit auf dem Fuß folgen kann. Das sehe ich ein. Warten wir also ab, bis Du wieder Urlaub bekommst. Inzwischen würde ich Dich freilich gern in einiger männlichen Freiheit sehen, unbehängt mit heimatlichen Sentimentalitäten und verblichenen Kinderspielen, die Dich als deutschen Offizier nicht absolut gut kleiden. Ich denke, daß Du mich verstehst, da Du weder dumm noch in hypertrophem Maß idealistisch veranlagt bist. Wir sind Realisten des Lebens, mein Freund. Hast Du ein Interesse daran, mir in der Gestalt und dem moralischen Milieu zu erscheinen, worin ich Dich zu sehen wünsche, so ziehe die Konsequenzen daraus. Und bedenke das eine: Poesie ist immer für money zu haben. Da ich nicht liebe, Geschäftliches und Gefühlvolles zu vermengen, so halte ich mit andern Elogen zurück, die mir immer naheliegen, wenn ich an Dich denke. Mit den herzlichsten Wünschen für Dein weiteres Wohlergehen Malva.«

Drei Tage nach Weihnachten traf schon die Antwort des Soldaten ein. Sie hatte folgenden Wortlaut:

»Liebe Malva, ich weiß Deine Trennung von Geschäftlichem und Gefühlvollem zu schätzen und folge Dir auf diesem Weg, zumal uns hier draußen überhaupt nicht mehr besonders gefühlvoll zumut ist, jedenfalls nicht mir. Um die andern kümmere ich mich eigentlich zuwenig, um genau für ihre Stimmung einstehen zu können. Es ist auch ganz meine Meinung, daß wir uns nicht mit theoretischen Erklärungen unterhalten; wir sind Menschen der harten Wirklichkeit. Was die anhängenden heimatlichen Sentimentalitäten angeht, so trifft auf sie der Ausdruck verblichen wohl richtig zu. Indessen solltest Du mir's nicht übel anschreiben, daß mich etwas wie Achtung vor Deinem ganzen Geschlecht hindert, wenigstens sehr bald mit rauher Hand durchzugreifen. Etwas anderes ist es aber nicht als Achtung vor Deinem Geschlecht. Wenn Du Mittel und Wege finden kannst, so prüfe mich darauf. Ich stelle Dir alles frei. Hier draußen fehlt uns auch die schonende Form für dergleichen Notwendigkeiten. Die Faust ist kriegsgewohnt, und in der ewigen Schießerei geht einem schließlich die geistige Beweglichkeit verloren. Ich bitte Dich nur, was Du tust, so tue es schonend, was ich aber bei Deinem vornehmen Sinn, den Du überall bekundest, gar nicht besonders zu bemerken brauchte. Das ist's ja eben, was mich so mit Dir verbindet, nicht nur Deine äußere Eleganz, sondern auch Deine innere, Deine absolute seelische Sauberkeit und der große Zug Deines Wesens bei aller weiblichen Feingliedrigkeit. Nun bin ich doch in Elogen verfallen. Hier geht's wie immer, nämlich dreckig, aber ich bin noch gesund, und die feindliche Erde sah bis jetzt kein Blut von mir. Leb wohl, Du hohe Frau, ich muß noch sehr wachsen, um an Dich heranzureichen. Herzlich Dein Heinz.«

Als die Klingse diesen Brief gelesen hatte — es war beim Nachmittagstee —, war sie nicht lange im Zweifel darüber, was nun zu geschehen habe. Wie sie ihn von den Augen sinken ließ, noch in den letzten Erwägungen darüber, reichte sie ihn Linde über den runden Tisch.

»Der Brief geht diesmal dich mit an«, sagte sie kühl und ein bißchen singend. »Es ist besser, du liest ihn selber, als daß ich dir ein Exzerpt daraus gebe.« Darauf wandte sie sich leicht angeregt an den Dechanten. »Ich finde, daß Heinz so außerordentlich viel reifer geworden ist, seitdem er hier war, sozusagen moderner. Es ist ein männlicher, berechnender Zug in seinem Wesen erschienen, während er früher etwas knabenhaft für sein Alter in den Tag hineinlebte. Ich liebe es nicht, wenn ein Mann seine Fähigkeiten herumliegen läßt und metaphysischen Vorstellungen nachhängt, anstatt seine Erfolge zu betreiben.«

»Nun, ich kann nicht eben sagen, daß ich an Heinz viel Metaphysik bemerkt hätte«, erwiderte er etwas trocken. »Er scheint mir im Gegenteil ein junger Mann, der sich mit auffallend wenig Übersinnlichkeit herumzuschlagen hat, und der ausgezeichnet in euren modernen Tag paßt oder in das, was ihr so nennt. Mir ist immer noch nicht ganz klar, daß die rechte Modernität vornehmlich im Seelenschwund zu bestehen habe.«

Sie zog die Brauen ein wenig hoch. »Ich dachte doch, wir beide seien über diese Frage im Prinzip einig«, sagte sie lächelnd und bedeutsam. »Sie ist ja auch aus der Geschichte leicht zu beantworten. Als die Deutschen metaphysisch und romantisch lebten, waren sie arme Teufel und wurden unterdrückt. Als sie mit der Metaphysik und der Romantik aufräumten und reale Erfolge anzustreben begannen, kamen sie zu Ruhm und Reichtum. Ohne die französische Aufklärung und die geschäftliche Lebensauffassung der Engländer gäbe es aber keine Industrie und keine wirtschaftliche Expansion. Was Wunder, daß die jungen Leute von den irrationalen Kräften nichts wissen wollen und den persönlichen Erfolgen nachgehen. Sagt, was ihr wollt, das Geld herrscht heute beinahe unbeschränkt und wird morgen absolut herrschen. Was ist das für ein Unsinn, daß ihr gegen England Krieg führt; England ist unbesieglich und könnte euch zu noch ganz anderen Erfolgen helfen. Was könnte Rußland werden, wenn es den westeuropäischen Händlerlehren Eingang verschaffte und sie zur Herrschaft brächte. Aber gerade dort gehört der Mystizismus zum guten Ton. Es ist daher begreiflich, daß unsere Jugend ihre Vorbilder nicht dort sucht, sondern allen asiatischen angeblich gesteigerten Vorstellungen den Rücken wendet. Das kann ich jedem Mann raten, der etwas aus sich machen will.«

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