Dritter Teil / Die letzten Dinge
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Erstes Kapitel Das überirdische Wintergewitter. Die Herzenskälte fährt fort, Unheil anzurichten. Linde stürzt in die letzten Dinge. Die letzte Ölung

Die Tante, die in der letzten Endes doch ziemlich geheimnisvollen Krankheit des jungen Mädchens ein neues Hindernis für ihre Abreise fand, übernahm nach solchen Vorspielen vollständig die Pflege, ohne von jemand einen Widerspruch zu erfahren, wenn auch der Dechant jetzt nicht mehr so überzeugend dafür sprach. Bevor sie wußte, welche Wendung es mit den vorliegenden Dingen und jenen andern, die dahinter lauerten, schließlich nahm, war es ihr unmöglich, den Platz zu räumen. Ihre Zentralweisheit, von der sie alle andern Erkenntnisse und Schlüsse ableitete, bestand in dem Grundsatz, daß sie, ohne dieses Mädchens sozusagen körperlich versichert zu sein, sich auf nichts verlassen konnte, nicht einmal auf seine Krankheit, die sie für gar keine rechte Krankheit hielt, sondern mehr für einen Eigensinn oder eine Finte, zumal auch der Kreisphysikus noch gar nichts von einem wirklichen Ernst wissen wollte, jedenfalls solange das Fieberthermometer keine höheren Temperaturen zeigte. Daß achtunddreißig Grad für einen Organismus unter Umständen soviel bedeuten konnten wie neununddreißig oder vierzig für einen andern, das war diesem selbstvergnügten Bauerndoktor noch nicht aufgegangen, und wenn die Tante auch sonst mancherlei an ihm auszusetzen hatte, so war sie jedenfalls im Glauben an die Zahl und das Meßgerät jeder Art — ausgenommen das kirchliche — mit ihm durchaus einig.
Das Pflegeamt verwaltete sie unerbittlich nach allen ihr bekannten Grundsätzen der modernen Krankenpflege. Die Fenster wurden bei jedem Wetter weit und lange geöffnet, weil das fortgeschrittene Heilverfahren Licht und Luft verlange. Es wurde viel Durchzug erregt, weil er die Atmosphäre reinige und die Bakterien hinausfege, und was die paar Unbequemlichkeiten anging, die die Patientin zu ertragen hatte, so wünschte ihr die Tante, einmal in die ganz modernen Kliniken und Spitäler hineinzusehen, um zu erfahren, wie man heutzutage mit Kranken und Frischoperierten umgehe. Früher beim tiefen Stand der Medizin seien Krankheiten mit einigem Recht als Unglücksfälle betrachtet worden, denen sich die allgemeine Teilnahme zugewendet hätte, freilich auch ohne etwas zu helfen. Heutzutage bedeute eine Krankheit nichts als einen Fall, den die Medizin geschäftsmäßig in die Hand nehme, um ihn zu erledigen, so wie es der Fall und die Medizin verlange, nicht wie es der wehleidige Patient und der noch wehleidigere Angehörige etwa wünsche. Zu bemitleiden gebe es dabei nichts, weil jeder Patient bei der glänzend entwickelten Wissenschaft sofort in die ideale Lage versetzt werde, und das ganz automatisch, ohne wie früher von den religiös fanatisierten Heilzauberern erst nach seiner Schuld gefragt zu werden und dann nach seinem Glauben. Daß man heute auch ohne den mindesten Glauben des Patienten heilen könne, ja gegen seinen Willen, zum Beispiel bei todesschuldigen Verbrechern, das bedeute den wahren Triumph der modernen Wissenschaft.
Alle diese Ausführungen machte sie in einem leicht überlegenen weltmännischen Ton, ohne sich auf eine Miene oder auf Worte weiter einzulassen. Wenn es in Lindes Zimmer wieder warm war, so setzte sie sich hinein und schrieb Briefe oder las moderne Literatur. In der Folge geriet sie auf die Idee, dem Mädchen vorzulesen, damit es auch erfahre, was draußen gedacht und geschrieben werde, zumal der Mensch nie empfänglicher sei für neue und tiefe Eindrücke als in Krankheitsperioden. So hörte Linde von ihrer dünnen, singenden Stimme und ihrem unteilnehmenden Tonfall vorgetragen allerlei Novitäten oder auch Ausgrabungen, weltläufige Romankapitel, kultivierte Novellen, witzige Enthüllungen über den Wert von Moral und Religion, kaltherzige, ausgerechnete Sketches allerneuster Prägung, mit einem Wort alle jene wichtigen Nichtigkeiten und »gerade jetzt fortgeschrittensten« Wahrheits- und Kunstleistungen, mit denen Weiber wie sie und Männer, die ihnen glichen, die eigene Phantasielosigkeit unterhielten und den stets leeren Kropf füllten, um in der Gesellschaft eines Winters den Inhalt als Bildung mit Ansehen zu leeren, indes die verworrene kleine Welt für noch fortgeschrittenere Sketches und noch mutigere Enthüllungen unermüdlich tätig blieb.
Die Sachen waren dem einfachen Gefühl und dem geraden Sinn des Mädchens unendlich verwirrend und quälend, und schließlich taten diese Lesestunden ebensoviel zu Lindes fortdauernder Ermüdung und Entkräftung wie das Fieber, indem sie ihr neben dem körperlichen noch ein geistiges erzeugten. Diese künstlerisch und wissenschaftlich maskierten Frivolitäten, Lügenhaftigkeiten und Verstandslaster wirkten so ernüchternd und niederschmetternd auf ihren Glauben an die Güte und den Edelmut aller Menschen und auf ihre kindliche Vorstellung von der Steigerung der Tugend mit dem Bildungsgrad, daß sie sich vor Ratlosigkeit nicht zu helfen wußte und sich zum Sterben verödet und verwüstet der Gegend zuwarf, in der sie sonst ihren Gott fand, um dort dieselbe Öde und Wüste zu finden. Liebe, Freundschaft, Vertrauen, Frömmigkeit, Glauben, Achtung vor dem Menschen, Hingebung ans Vaterland, Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen: das waren ihr alles Sicherheiten des Lebens, von Gott aus seinem unendlichen Sein den Menschen für ihr zeitliches verliehen als wirksames Abbild seiner höchsten Wesenhaftigkeit und seiner höchsten Weisheit, Sinn von seinem Sinn, Tatsache von seinen Tatsachen, Wahrheit von seiner Wahrheit. So lebte in ihr dieselbe einfache und gläubige Weltstimmung, die sie in der Art deutscher Männer mit Andacht verehrte, und die ihr auch überall als die Art des Volkes entgegentrat, wo das Volk sich selbst darstellte. Dagegen die schadenfrohe Unterstreichung der menschlichen Not und Armut, die spitzfindig-schlaue Auslegung der göttlichen Gebote anstatt der würdigen Unterordnung unter sie, alle überklugen Wenn und kränklich unreifen Aber und die eitle Hervorkehrung der eigenen Entartung und Häßlichkeit waren Züge am Menschen, die sie nicht einmal begriff; sie erfüllten sie nur mit einem leidenden Grauen vor der gespenstischen Unwesentlichkeit eines solchen Treibens und mit einem Mitleid, das stark mit Abwehr versetzt war.
Aber mehr noch als die vorgetragenen Sachen selber fürchtete Linde bald den selbstgerechten, wohlbelehrten Tonfall der Vorlesenden und die banalen und dürren Nutzanwendungen, die sie nachher aus dem Gelesenen zog. Die bizarren oder leeren Figuren der literarischen Phantasie gingen in ihre Fieberträume ein und trieben dort ihren peinigenden Spuk selbständig handelnd fort, aber die traurigen Behauptungen der Tante über Gott und Welt verdichteten sich ebendort zu einer grauenhaften Gestalt der Verwandten, die sie nun auch in deren Abwesenheit als ihre Stellvertreterin weiter verfolgte. Durch viele Stunden der Nacht und des Tages vermochte sie sich aus dem niederziehenden Gestrüpp des Fiebers nicht loszuwinden, eilig und angstvoll immer bestrebt, der unvermeidlichen Gestalt zu entfliehen, und stets von neuen Phrasen oder Romanfiguren aufgehalten und von schamlosen Handlungen in eine andere Richtung geschreckt, wo sie die gleichen Hindernisse und nur durch andere Laster einen Ausweg vorgespiegelt fand, stets unentrinnbar die Stimme oder Erscheinung hinter sich. Die fieberfreien Zeiten lag sie dann müde und abgehetzt und sehr blaß zwischen ihren Kissen mit der flehenden Bitte in den Augen, sie allein zu lassen und ihr Ruhe und Erholung zu gönnen. Aber wenn eben ihre Gedanken sich leise auf die eigenen Wege davonheben wollten, wo auf den Wiesen links und rechts ihr Glaube herzlich blühte und sie hoffen konnte, dem Sinn ihres Lebens zu begegnen, erklang wieder der Unsinn und begann der aufgeklärte Aberglaube seinen Tanz um sie. Manchmal traf alles im gleichen Augenblick und an demselben Ort zusammen, der Widersinn der gehörten und der gehäufte Unsinn der gleichzeitig geträumten Phrasen, die Ereignisse der Lektüre und die fiebrige Übersetzung in die Wahnvorstellung, die unerbittliche Stimme der Vorleserin und die eintönigen Androhungen der Verfolgerin, und über allem marterte sie gesteigert die hoffnungslose Hast, sich aus dem Fieber und dem vernichtenden Doppelzustand zu befreien.
Eine solche auf Bildung zielende Unternehmung der Tante fiel auf einen der späteren Februarnachmittage. Die Tante hatte sich bereits Licht angesteckt. Sie saß in einiger Helligkeit beim Fenster am Tisch, während Linde mehr im Hintergrund im Halbdunkel lag. Nach einer kurzen Winterzeit herrschte wieder der Föhn in der Luft. Es regnete in den frischen Schnee hinein, und laue und kalte Windströmungen erregten eine solche atmosphärische Spannung, daß auch die Gesunden eine schwer erträgliche Unruhe befiel, geschweige die Kranken. Obwohl Linde von der grauschwarzen Wand aus Dunst und Strichregen, die im Süden und Westen beinahe unverrückbar stand, nichts sah, fühlte sie sie doch, und unter der erregenden Einwirkung des Föhns sah sie in ihrem schwachen Zwielicht außerordentlich leidend aus. Ihre Augen glänzten fieberig und sozusagen transparent. Ihre Haut schien durchsichtig, und in den von Natur freundlichen Ausdruck ihrer stillen Züge hatte sich längst eine tiefe Melancholie eingenistet. Ihre Hände tasteten unruhig auf der Bettdecke hin und her. Ihr Mund stand wie nach Kühlung verlangend offen, und sie litt an Durst. Doch hatte sie es immer noch nicht dazu gebracht, daß ihre Krankheit außer Brigitt von jemand im Haus ernst genommen wurde.
Die Tante las aus einem ganz auf verstandesmäßiger Nervenspannung aufgebauten allerneuesten Roman, dessen Figuren schon an sich wie Ausbrütungen eines fiebernden Hirnes wirkten, und dessen Vorgänge unheimlich und wühlend aus kranken Gründen aufbrachen, um ebensolchen zuzutaumeln, während ein schmerzlich überwacher Geist glossierend über dem Ganzen schwebte wie eine unfaßliche Lästerung des Lebens und Gottes. Ab und zu prellte ein Regenschauer an die Fenster. Der Föhn heulte und wimmerte um alle feststehenden Körper und rüttelte an den beweglichen.
»Bist du nun dem Gedanken des Autors gefolgt?« fragte die Tante, als sie endlich das Buch sinken ließ. »Hast du begriffen, was er will?«
»Ja, ja!« sagte Linde hastig, während sie in der Phantasie über treibende Eisschollen sprang, hinter sich die furchtbare Gestalt, vor sich in Kähnen maskierte Figuren von übler Bedeutung, die nach ihr griffen, und jeden Augenblick von einer Eisscholle ins Wasser abgleitend, stürzend, sich wieder aufraffend und von neuem stürzend. »Ich weiß! Man soll nicht mehr so alles glauben, weil — weil ja doch alles anders ist —«
»Auch das«, gab nachsichtig lächelnd die Sprecherin am Fenster zu; die geäußerte Erkenntnis hatte den Inhalt ihrer gestrigen Belehrung gebildet. »Obwohl diesmal von etwas anderem die Rede war. Du hast wieder nicht aufgepaßt. Wenn man so viel Mühe an deine Bildung wendet, so solltest du dich ein bißchen anstrengen. Du kannst nicht wissen, ob das bequeme Leben hier immer dauern wird, und mancher hat einen Halt verloren, auf den er sich bereits verlassen zu können glaubte. Freundschaft geht nach der Nützlichkeit, und die hat ihre Phasen wie alles. Und die Liebe ist nichts als ein sinnlicher Reiz aus körperlichem Wohlgefallen. Entferne den Liebenden, und er hört nach einiger Zeit auf zu lieben, weil ihm andere mehr einleuchten, die jetzt um ihn sind. Oder es kann auch sein, daß ein glänzenderer Gegenstand in der Ferne seine Augen auf sich zieht. Wovon willst du leben, wenn der Dechant aus der katholischen Kirche austritt und nur seiner Kunstliebhaberei nachgeht? Auf deine Frömmigkeit werden dir die Leute nichts halten, wenn du mit leeren Händen zu ihnen kommst. Jeder will nehmen, keiner geben. Für dich wär's am besten, du gingst in ein Kloster. Auch das ist ja ein Schwindel, wie das ganze römische Räderwerk. Eine verkriecht sich mit ihren unreinen Gedanken, ihrer Faulheit oder Schlechtigkeit und ist nun eine Braut Christi. Aber wenigstens hat sie zu essen und ein Dach überm Kopf. Du glaubst, Gott herrscht in der Welt, aber die Gemeinheit herrscht; die Natur verlangt ihre Rechte. Das ist der Grund, warum die Dichter Poesie machen. Zum Beispiel dieser da verdient ein Vermögen mit seinem Buch, weil es über der Wirklichkeit schwebt und die Gemeinheit in poetisches Grauen auflöst. Dichter haben die Wollust des Schmerzes. Jeder hat seine Wollust. Junge Mädchen haben die Wollust der Heuchelei, solange sie keine andere haben können. Es wird immer gut sein, den Dingen ins Gesicht zu sehen. Ich hoffe, daß du jetzt begriffen hast?«
Linde warf sich erregt herum, weil eine Hand aus dem Kahn nach ihr griff und eine viehische Stimme schrie: »Wir wollen das Nönnchen hereinholen, damit man ihm einmal ins Gesicht sehen kann. Höchstens gibt es eine Wollust des Schmerzes, oder auch eine andere.« Dann hörte sie die Tante fragen: »Ich hoffe, daß du jetzt begriffen hast?« und sie strengte ihren schmerzenden Kopf furchtbar an, um sich zu erinnern, während die Fiebergestalt hinter ihr drohte: »Die Natur verlangt ihre Rechte. Die Linke verlangt sie auch.« Gerade daß sie die Linke auch verlangte, war die entsetzlichste Drohung, sie begriff sehr wohl, daß sie dann vollkommen verloren war, und lief, was sie konnte, um zwischen der Gestalt und den Kähnen durchzukommen. Darauf erinnerte sie sich, daß sie etwas antworten sollte, und nahm sich wieder zusammen, obwohl sie an allen Gliedern zitterte. »Damit die Poesie nicht in der Welt ausstirbt!« sagte sie endlich gehetzt. »Und damit die Gemeinheit sich in poetisches Grauen auflöst.« Aber eben brach sie wieder zwischen die Schollen ein, und wenn nicht ein Mensch mit einem Bocksgesicht sie festgehalten hätte, so wäre sie unter den Kahn geraten. Sie lächelte ihm dankbar zu, erschüttert vor der natürlichen, wenn auch rohen Güte, die sich in seinen Zügen ausdrückte, aber zugleich entsetzt von seiner tierischen Begehrlichkeit. Wimmernd riß sie sich aufs neue los, um die Jagd fortzusetzen. Jemand legte ihr die Hand auf den Mund und zog sie rückwärts. Die Stimme hinter ihr sagte mit schauerlicher Bedeutung: »Die Dirnen sind gegenwärtig sehr rar; sie haben die Schamlosigkeit, sich zu verbergen.« Der Ausspruch stand in Zusammenhang mit irgendeiner schlimmen Schuld, die auf Lindes Gewissen lastete, und von der die Verfolgerin wußte. »Ja, ja, es wird noch eine Revolution geben!« rief Linde aus, indem sie sich die Hand entwand und sich nach Atem ringend im Bett aufrichtete. Noch im Verhallen hörte sie, was in Wirklichkeit gesprochen worden war.
»Nur die Dirnen sind wahr. Die Schamlosigkeit hat nichts zu verbergen. — Revolution wird es schon nicht geben, mein Kind«, fuhr dann die lehrhafte Stimme fort. »Dafür sind die Menschen bereits zu sehr ans Wohlleben gewöhnt. An die Wahrheit sind sie weniger gewöhnt. Die Wahrheit ist ja immer mehr für die andern. Du machst auch keinen übertriebenen Gebrauch von ihr. Ich glaube zum Beispiel nicht, daß du dein Geheimnis gebeichtet hast, obwohl es nach eurer Auffassung eine Sünde darstellt. Nicht, als ob der Onkel mir etwas davon gesagt hätte, aber man hört doch so, was er von dir weiß, und was er nicht weiß. Schließlich zeigst du uns einen Zustand, in dem man sich sonst Rechenschaft über gewisse sogenannte letzte Dinge gibt. Obwohl ich glaube, daß du reichlich spielst.«
Linde hatte sich ermüdet in ihre Kissen fallen lassen, um sofort wieder in ihren marternden Doppelzustand zu versinken. Sie hörte, wie die Stimme der Tante von ihren Geheimnissen und von der Beichte sprach, und obwohl sie lange nicht alles begriff, quälte es sie doch unendlich. Gleichzeitig rief die Verfolgerin hinter ihr: »Mit dir ist's Matthäi am letzten. Mache deine Rechnung. Übermäßig schlau bist du ja nicht, so wirst du wohl draufgehen in deinen jungen Jahren.« Nach Erbarmen suchend, sah sie sich zwischen den Kähnen um, ob sie nicht unter den fratzenhaften Insassen ein menschliches Gesicht erblickte. Plötzlich bemerkte sie ihren Liebsten, der mit einer Katze auf dem Schoß lächelnd dasaß und sich eine Zigarette anzündete. Als er sah, daß sie nach ihm blickte, bog er sich zur Seite und versteckte sich hinter einem Menschen, der aussah wie ein Leichenbegleiter. Zwar ging der auf ihre Bitte weg, aber nun verkroch er sich hinter den Mann, der ihnen damals die Äpfel geschenkt hatte. Wie auch der zur Seite trat, war Heinz überhaupt verschwunden. »Suche ihn nur«, lachte die Gestalt hinter ihr. »Der sitzt bei mir zu Hause am Tisch und sortiert goldne Ringe!« Indem kam sie wieder zu sich und hörte eben noch die letzten Worte mit einem dumpf dröhnenden Geräusch gegen die Wände ihres Zimmers schlagen. »Es donnert ja!« rief sie halb erstickt und warf sich mit erschreckten Augen nach der Tante herum, wie um ihre Meinung darüber zu hören. Wirklich zog ein Gewitter über die verschneite Landschaft herauf; der ferne Donner war die erste Ankündigung gewesen. Die Klingse lächelte wieder.
»Ich habe keine Ursache, mich davor zu fürchten«, sagte sie gleichgültig. »Da ich mit Gott weiter nicht stehe, so ist es mir ganz uninteressant, ob es donnert oder nicht. Du solltest versuchen, dich auch zu dieser Unabhängigkeit durchzuarbeiten. Wir würden uns viel besser verständigen können, wenn du etwas von deinem Aberglauben abgäbest. Was hast du nun von allen übersinnlichen Vorstellungen? So, wie du's jetzt treibst, richtest du dich zugrund und bringst dich obendrein immer mehr in ein falsches Licht. Sieh mal, früher als Kind, da warst du mir nur manchmal unangenehm. Inzwischen hast du's verstanden, mir beschwerlich zu werden. Ich muß mich oft dagegen wehren, in dir das lästigste und widerstrebendste Geschöpf zu erblicken, das ich mir denken kann, und eine solche Beobachtung an sich selber macht kein reifer Mensch zu seinem Vergnügen. Du kannst dir denken, daß niemand einen Geschmack daran findet, dich zu bekämpfen, aber man wird sich ebenso ungern von einem subalternen jungen Wesen ins Unrecht setzen lassen. Auch das öffentliche Leben wird sich nicht von dir ins Unrecht setzen lassen; es wird aber in seinen Antworten bedeutend grausamer sein als wir. Nun, du wirst nach dieser Krankheit in keinem Fall auf den alten Punkt zurückkehren. Ich möchte dir nur noch sagen, daß ich dir ebenso gern zu deinem Fortkommen in der Welt behilflich sein werde, wenn du etwa Wert darauf legst. — Es gibt ein richtiges Gewitter. Wie verrückt! In dieser Jahreszeit! Das Donnern ist nicht nach meinem Geschmack; ich pflege dabei stets Musik zu machen. Brauchst du noch etwas? Du kannst ja klingeln. Ich gehe jetzt nach unten.«
Unter den letzten Worten hatte sie sich bereits erhoben. Nun verließ sie das Zimmer, indem sie die Tischlampe löschte, etwas atmosphärisch beunruhigt, aber sonst in ihrem gewohnten kühlen und unverbindlichen Aussehen. Linde hörte unter aller Fiebernot aus dem Nachhall des Donners eine Stimme, merkwürdigerweise die des Dechanten, die sagte: »Sie redet doch wie gedruckt!« Das Wort stammte aus einer Zeit, in der er sich noch zu seiner Nichte über die großstädtische Verwandte ausgelassen hatte, und es traf den Nagel auf den Kopf, denn unter allen geäußerten Weisheiten war kaum eine laut geworden, die nicht aus einem Buch oder einer Zeitschrift gezogen war. Ihre ganze Bildung und ihr Bewußtsein als modern fortgeschrittener Mensch war Niederschlag aus Büchern und Zeitschriften. Sogar die Meinung, daß Linde ihren Lebenskonflikt durch die Entscheidung Welt oder Kloster lösen müsse, hatte sie aus einer neuerlichen Lektüre. Sie trieb damit das bekannte Spiel der Kinder, die die gummierte Bildchen in ihre Hefte abziehen und sich einbilden, daß sie große Künstler seien. Ihrerseits hielt sie sich für eine große Lebenskünstlerin.
Nun lag da Linde unter dem leisen Schüttern des Donners und dem Schein der Blitze, der vom Schnee bleich zurückgeworfen wurde, und wunderte sich über den menschlichen Zuspruch ihrer Feindin und darüber, daß sie auf einmal ins Kloster sollte. Sie setzte sich wieder im Bett aufrecht, um sich leichter den Delirien des Fiebers zu entwinden. Die Donnerschläge hatten einen dumpfen, erstickten Klang, und bald nahmen auch die Blitze ein solches Licht an, weil es während des Gewitters zu schneien begann. Gleichzeitig drang die Dunkelheit der Dämmerung zu, und alles in allem erlebten die Menschen eine so seltsame und erregende Abendstunde, daß sie an tausend Dinge und Nichtdinge dachten, die ihnen sonst selten einfielen, und wenn es einem Mann, etwa dem Dechanten, möglich gewesen wäre, das Unfaßbare in der Atmosphäre und in den Seelen zu fassen, so hätte er eine heilig betroffene Frömmigkeit gestaltet, wie sie seit den ersten Tagen des Christentums alle hundert Jahre einmal eine Gemeinde ergriff. Aber er war jetzt nicht der erweckte Mann, der dazu eine Berufung in sich finden konnte, und die heilsame Stunde fand nur Verwunderung und etwas abergläubische Furcht.
Linde saß und horchte lange auf den überirdischen Gang dieses Gewitters, und erblühte in jedem Blitz als eine Lilie der scheuesten Andacht. Ihr Kopf freilich war ihr so schwer, daß sie ihn mit Mühe aufrecht hielt, und er ihr doch immer wieder vor die Brust oder auf die Schulter sank. Aber diese frühe Jahrespredigt Gottes erschreckte sie nicht etwa. Abgesehen davon, daß Linde nach wenig in dieser Zeit so lechzte wie nach Einsamkeit, um ihre innere Verstörtheit wieder zu sammeln und ihre bestürzte Welt in der Stille neu zu schaffen, so war sie nichts oder beinahe nichts mehr von der kleinen spinösen Heiligen, als die ihre Tante sie immer noch betrachtete. Die Stimme Gottes war ihr willkommen in ihrem reinen und großartigen Naturlaut, der die Brust erschütterte und die innere Anschauung von der Bedrücktheit befreite. Dazwischen überfiel sie zwar immer wieder eine Fieberphantasie, der ein Schwindel folgte oder eine halbe Bewußtlosigkeit; dann fand sie sich erwachend auf dem Kissen liegen, aber zu ihrer Befriedigung hielt das Gewitter an, und die Zustände konnten also nicht lange gedauert haben. Im nächsten Augenblick raffte sie sich wieder auf, und für eine Minute oder zwei sank das dumpfe und quälende Fiebergrauen unter sie und stieg ihr Geist blaß und müde, aber mit liebender Reinheit einsam aus dem Abgrund auf, um die Quelle aller Not ihres Leibes und der Seele zu suchen und das Gestirn, aus dem ihr solche bittere Traurigkeit aufs Herz tropfte. Sie fand den Quell in dem untröstlichen Brief ihres einstigen Geliebten, den sie schon mit so vielen heimlichen Tränen beweint hatte, und das Gestirn erschien ihr nun zum erstenmal ganz klar aus dem Nebel ihrer Verwirrung heraustretend als der Gedanke an den Tod, geweckt von den Worten der Tante und in enger Verbindung mit allem, was auf der Erde süß ist und zum Bleiben lockt, was sie, kaum besessen, schon verloren hatte und doch mit allen Kräften ihres sehnsüchtigen Herzen zurückwünschte.
Weit davon entfernt, sterben zu wollen, weil der Geliebte sich von ihr entfernt hatte, wußte sie von keinem andern Trieb, als ein neues Leben, das sie durch ihn entdeckt hatte, fortzusetzen, schon deshalb, weil nur der Lebende von Hoffnung weiß. Das Fieber war ihre ganze Not, und ohne diese neue Krankheit, so dachte sie, stände sie auf einem ganz andern Fleck und wäre der vorübergehenden Bestürzung viel rascher Herr geworden. Sie mußte siegreich hindurch und wieder gesund werden, und zwar bald, um die zerrissenen Fäden frisch aufzunehmen, um den Raum zwischen ihm und ihr nicht zerfallen zu lassen und die Zeit, die stehenbleibend verdorren wollte, durch die selbstlose Entfaltung ihrer Seele zum Weiterblühen zu zwingen. Darin lag der Sinn ihrer heldenhaften Gegenwehr, wie jetzt der Panik, die mit jeder Minute oder halben Minute mehr Gewalt über ihr junges Herz bekam. Denn nun vielleicht sterben zu müssen, den Atem auszuhauchen, tot zu sein und im Grab fern von allem Leben zu zerfallen: diese Vorstellung traf sie so furchtbar, daß sie im ersten jähen Schreck bis in die Herzkammer erkaltete und ihr auf einen Moment der ganze weite Weltlauf stehenblieb. Im nächsten schrie ihr Herz leidenschaftlich auf, und warf sich ihre verängstigte Seele ungestüm Freiheit fordernd gegen ihr Gefängnis, den armen Leib, ohne zu bedenken, daß diese Freiheit ja eben ihre Auflösung bedeutete. Als sie's bei einem Blitzstrahl einsah, erkannte sie auch die furchtbare Verlassenheit alles Fleisches unterm Schweigen Gottes, und jetzt war es das tief verletzte Leibesgefühl, das aufbrandend vom erschütterten Geist Zusicherungen verlangte, die er nicht zu geben hatte. Und plötzlich wurde ihr klar, daß sie in jedem Fall verloren war, eben weil sie lebte, durch die Tatsache ihrer Geburt unweigerlich eingestellt in den Kreislauf der Vergänglichkeit und der Verwesung.
Nun fiel doch unter dem bleich zuckenden Gewitterschein und dem Rollen des Donners die Einsamkeit in das Leben der Kranken ein. Das vom Schneefall wie von unhörbarem Schluchzen erfüllte Gefangenenlicht der Dämmerung löste ihren ganzen sittlichen Besitz auf und vernichtete die plötzlich gegenstandlos gewordene Selbstachtung, womit sie jedem Grauen und jedem wilden Urgefühl ausgeliefert war. Ächzend und mit einem vergeblichen Versuch, um Hilfe zu klingeln, weil ein Rest von Scham sie daran verhinderte, die Tante zu dieser Niederlage herbeizurufen, warf sie sich wieder hin, und mit verhülltem Gesicht und Gehör, am ganzen Leib zitternd, erlitt sie das Weh dieser Stunde zu Ende, indessen die Figuren des Fiebers sich wieder fratzenhaft über sie machten und die Gestalt hinter ihr, mit einem goldenen Armband wie mit höchster Gewalt angetan, die Hand hob und laut durch den Raum rief: »Da ist sie jetzt! Sie hat Gott verlassen, darum verließ sie der Soldat.« Zu gleicher Zeit ging fern am Horizont Christus vorbei mit dem heiligen Kreuz auf der Schulter, das er nun nach einer andern Weltgegend trug, ohne einen Blick auf ihre Not zu wenden. Mit vielfach erhöhter Angst nahm sie ihre ziellose Flucht über die treibenden Schollen von neuem auf, bis endlich ein erlösender Blutsturz der ganzen Grausamkeit ein Ende machte und sie bewußtlos unter den letzten zuckenden Scheinen des abziehenden Gewitters liegenließ.
Inzwischen kam die Magd von einem Ausgang nach Hause, völlig verschneit und von dem Naturereignis wie alle Welt erregt, und sah von der Straße aus Lindes Fenster dunkel. »Als ob ein Totes dahinter läge!« dachte sie erschreckt, und dann zornig: »Bei einem solchen Wetter lassen sie sie allein liegen!« Hastig trat sie ins Haus, stellte schnell ihren Korb weg — den Schnee hatte sie schon draußen abgeschüttelt — und stieg rasch die Treppe nach Lindes Kammer hinauf. Nachdem sie an der Tür einen Augenblick gehorcht hatte, drückte sie sachte die Klinke herab, öffnete etwas und fragte dann mit ganz zarter Stimme: »Kindchen, schläfst du?« Da sie keine Antwort hörte und auch keine Atemzüge vernahm, trat sie auf den Zehenspitzen ein und schlich zum Bett vor. Gleichzeitig fuhr ziemlich in der Nähe wie ein Nachzügler ein letzter Blitzstrahl herab und übergoß den blutigen Schauplatz und die bleiche Kranke, die in einem Versuch, sich aufzurichten, nach vorn seitlich auf den Bettrand gesunken war, mit beinahe taghellem Licht. Mit einem Blick übersah Brigitt alles, die leblos überhängende Hand, die bläulichen Blässen des Gesichts, den herabgesunkenen Unterkiefer, die tief eingefallenen geschlossenen Augen. Ohne Zeit mit Wehklagen zu verlieren, lief sie eilig, noch unterm Nachrollen des Donners, um zunächst den Dechanten aufzujagen, denn nach ihrer Meinung lag Linde im Sterben. Er folgte ihr betroffen und konnte am Ort nach seiner Erfahrung mit Sterbenden auch nichts anderes sagen. Brigitt hatte das elektrische Licht angedreht, das den ganzen untröstlichen Zustand mit übermäßiger Deutlichkeit zeigte. Noch war Atem in dem Körper, doch wollte sich das Bewußtsein trotz einiger rasch versuchten Mittel ungern wieder einstellen; als es endlich doch zurückkehrte, schien es nur noch ein sehr dürftiges Flämmchen. Da entschloß sich der Dechant zur letzten Ölung, und indem er die Kranke der Magd überließ, entfernte er sich schnell und bestürzt, um alles Nötige zu veranlassen.
Unter dem hohen Ernst des Augenblicks eilig dahinschreitend, suchte sich der Dechant nach so langer Zeit zum erstenmal wieder die Lage des jungen Mädchens zu vergegenwärtigen, dem er durch vielleicht sehr schwere Wochen seine Großmut und die Kräfte seiner väterlichen Liebe entzogen hatte. Mit der Klarheit des Blitzes und der Eindrucksfähigkeit des Donners erkannte er urplötzlich in anklagender Deutlichkeit, was er bisher immer als dumpf beunruhigendes Gefühl verdrossen beiseitegeschoben hatte: die weite, trostlose Einsamkeit, die Linde in diesem Haus und in dieser Gesellschaft erduldet haben mußte, und vielleicht ein nie wieder gutzumachendes Unrecht, das sie still und bescheiden bis in diese Minute ertrug. Zwar im nächsten Moment wurde das natürliche Empfinden schon wieder heftig bestritten von seiner verletzten männlichen und priesterlichen Eitelkeit und von den Schuldbeweisen, die sich in seiner Vorstellung gegen Linde nachgerade zu einem festen System von Tatsachen aufgebaut hatten, aber nun forderte ihn die Pflicht, und schon trat er bei dem Küster ein, um Geläut und Geleit zu befehlen. Indem er darauf die widerspruchsvolle und gar nicht göttlich gefaßte Brust mit den symbolischen Gewändern bedeckte, wandelte ihn wieder als ein tiefer Verdruß die Unentschiedenheit seines geistlichen Zustandes an, und ganz seltsam überkam ihn eine Sehnsucht nach Lindes einfacher Gottes- und Lebensfrömmigkeit. Indessen sah er, daß auch dies nur ein Symbol sei, daß die Wahrheit viel tiefer und schwieriger liege, und rüstete er sich ebenso ratlos als eigensinnig, mit der Sterbenden die letzte Unterhaltung zu führen, denn angesichts des Todes und der letzten Dinge mußten sich nach seiner Meinung die geheimsten Türen auftun.
Der Küster schwatzte vieles über das Gewitter und wo es eingeschlagen habe, welche alten Leute sich an ähnliche Anormalitäten erinnerten, und daß es einen Nachwinter bedeute; er hörte nur mit halbem Ohr. Als dann die Glocke vom Turm erklang und er mit dem Allerheiligsten den Gang antrat, war er immer noch nicht im höchsten Wesen gefaßt, aber doch in den Gewalten und Bedeutungen, mit denen ihn die Kirche versehen hatte, und die von seiner persönlichen Würdigkeit oder Unwürdigkeit nicht beeinflußt werden konnten. Sie waren mehr als das Menschliche, das ihnen als Träger diente; aber sie waren niemals mehr als die lebendige Seele des Priesters, wenn sie ihnen in Gott geweckt ein persönliches und geheimnisvolles Leben verlieh. Inzwischen kämpfte sein eigenes abseits, und so näherte sich durch den leise nachhaltenden Schneefall einem einsamen kranken Mädchen ein einsames Allerheiligstes. Auch das Glöckchen in der Hand des Begleiters tönte mit einem verirrten und verlassenen Klang über den Domplatz, auf den mit wenigen erleuchteten Fenstern die Bürgerhäuser und hoch im Schneetreiben dunkelnd die alten, strengen Türme herabsahen. Doch indem er dann in sein Haus trat und die Treppe hinanstieg, versank ihm auch die letzte Selbstheit, denn bereits kam ihm mit schwereren Drohungen aus Lindes Zimmer die fremde Atmosphäre des Todes entgegen, jenes besondere weite Schweigen, das jeden Zweifel eisig durchdringt und Kaiser ist, wo es auftritt.
Er kannte diese Atmosphäre von vielen hundert Sterbegängen, doch war es das erstemal, daß er einem so nahen Anverwandten beim Austritt aus der Welt helfen sollte — sein Vater war sehr früh und seine Mutter überraschend in der Ferne ohne ihn gestorben —, und um sein Herz schwoll eine Bangigkeit auf, wie er sie bisher noch nie empfunden hatte. Der Klang seiner Schritte droben auf der Diele und der Ton des Glöckchens erschienen ihm wie Todesurteile für die Kranke, und der Duft des Weihrauchs, den die Zugluft in blassen Streifen durch den Korridor wehte, legte sich ihm schwer und ahnungsvoll auf die Seele. Als er die stille, dunkle Tür erblickte, hinter der er das junge Leben mit dem Tod ringen wußte, schien es ihm auf einen Moment ganz unmöglich, in dieser Bedeutung und mit diesem Auftrag durch sie einzutreten. Indessen erklang das Glöckchen des Begleiters wieder, und sie öffnete sich so bereitwillig und demütig vor ihm, daß er abermals erschrak und er die alte Person, die ehrfürchtig daneben in die Knie sank, sekundenlang bestürzt ansah.
Mit dem nächsten Blick fiel ihm das traurige Bild der jungen Kranken in die Augen, die im blütenweiß bezogenen Bett sehr blaß dalag und eben mit einer überraschten Bewegung das Gesicht nach ihm wandte. Sie schien voll bei Bewußtsein und sogar wieder Herrin ihrer Glieder, denn beinahe zugleich richtete sie sich hastig in die Höhe, um mit einer aufgestützten Hand sitzend ihm entgegenzusehen; die andere tastete blind und unbewußt und mit unruhigen Bewegungen an dem gekräuselten Besatz ihres Nachthemdes auf und ab, und in ihren Augen malte sich das ganze furchtbare Grauen, das ihre Jugend vor dem nahenden Aufzug empfinden mußte. So erwartete sie bis auf die irrende Hand vollkommen bewegungslos das Zeichen, dessen Begleiterscheinungen durch ihr Gehör, ihr Gesicht und bereits auch durch ihren Geruch erschütternd auf ihre Seele einstürmten, dieselbe Seele, die sich eben still und dankbar zum Weiterleben aufgerafft hatte. Sie vergaß, sich zu bekreuzigen, und alles erschien ihr wie ein grandioser, heiliger, aber vernichtender Traum, der sie mit überlegener Schnelligkeit gefangennahm und sie ganz in seine überirdische Stimmung schlug, indem er ihre weltliche zerstörte. Von einem Lichtreiz getroffen, wandte sie flüchtig die Augen zur Seite und bemerkte in dem Weihrauchnebel, der bereits das Zimmer zu erfüllen begann, brennende Kerzen. Noch einmal schimmerte ihr Stübchen mit allen vertrauten Gegenständen irdisch auf; dann verblaßte es und versank. Die kniende Gestalt an der Tür erhob sich schattenhaft und schwankte still schluchzend hinaus, die Tür hinter sich zuziehend, und während sich Linde zitternd in ihr Kissen zurücklegte, verlor sie auch sich selber aus dem Gefühl, wuchs der fromm-schauerliche Auftritt des Todes von allen Seiten riesengroß neben ihr auf, mit den endgültigen Gebärden eines Domgewölbes über ihrem versunkenen Leben zusammenschlagend.
Die Anschauung eines hochgewölbten Domraumes hielt ihr Geist als einzig faßbaren Begriff lange fest und suchte ihn zu betrachten und mit sich selber in Beziehung zu bringen. Bekannt und zugleich beklemmend fremd schimmerten die Lichter, wallte und duftete der Weihrauch und schwebte die sprechende Stimme des Dechanten in dem weiten Raum. Sie sprach Worte und Rhythmen, die ihre Ohren noch nie vernommen hatten, in einem Klang, der ihren ertrinkenden Lebensfunken immer wieder kämpfend aufzucken machte. Ihr Kopf war ganz klar und fieberfrei, nur befangen und voll ungewohnter Erscheinungen. Einmal hörte sie das Sterbeglöckchen vom Turm klingen. Dann bellte irgendwo ein Hund, und sie dachte flüchtig an Bob. Darauf herrschte wieder nur die einsame, tiefe Stimme des Dechanten in dem umgebenden hohen Schweigen und der ergriffene Tonfall seiner Sterbebegrüßung. Linde hörte ihm zu wie durch Ewigkeiten, obwohl es bloß nach Minuten dauerte, treu und still und in seiner neuerwachten väterlichen Innerlichkeit sich heimlich von ihrer Panik sammelnd. Die Stimme war voll Sorge, Liebe und Schmerz, und was Linde davon nicht sofort klar zum Erlebnis zu bringen vermochte, das zog ihr doch hoffend in die verstörten Herzkammern, wohin sich ihr armes Erdengefühl erkaltet geflüchtet hatte, und bewirkte dort wieder einige geheime Regung. Indem begann auch ihr Blick schüchtern aus seinem Grab nach seinem Blick aufzusteigen, glühte aber an dem allerheiligsten Zeichen geängstigt auf und flüchtete sich zu den frommen Lichtern, um auch von dort neuerschreckt abzuirren und wieder in Grauen zu versinken und im weiteren in eine Betäubung, die nahe an Bewußtlosigkeit grenzte, so voll dunkel drängender Vorstellungen und dumpf dahintreibender Empfindungen sie auch war.
Aber auch in diesem Zustand verharrte sie nicht lange. Sie erwachte wieder an der Stimme des Dechanten, die jetzt aus großer menschlicher Nähe dringend ihr Gehör suchte, während sie seine Hand auf ihrer fühlte und aufblickend sich dicht unter seinen ernst bewegten Augen fand. Eine Zeitlang sah und hörte sie nur, ohne zu verstehen. Endlich begriff sie, daß er von ihrem Leben und Tod und von ihrer unsterblichen Seele sprach. Er gebrauchte zarte und doch zugleich mächtige Ausdrücke für das, was er fühlte und wollte, Ausdrücke, wie sie sie von ihm lange nicht mehr vernommen hatte, und aus denen eine Anteilnahme an ihrem Dasein leuchtete, die sie vollständig erloschen glaubte. Dann schien er an Geschehnisse und Vorgänge zu erinnern, von denen sie zuerst das Gefühl hatte, daß sie ein ganzes Leben zurücklägen, und daß sie ihr nie wieder ganz lebendig werden würden. Aber unversehens wurden sie's dennoch, und je näher er nun nach ihrem Geheimnis vorstieß, desto lebhafter kam ihr wieder in aller Schwäche zum Bewußtsein, daß es eins war. Und dann begann ihr zum erstenmal seit der Erkenntnis vom Untergang ihres irdischen Seins die sichere Überlegenheit ihres geistigen Besitzes aufzugehen und des kühnen, unabhängigen Sinnes, in welchem sie es unter allen Rückschlägen weiter verwaltete. Daraus trat deutlich wie ein Erzengel eine gewisse scheue, heilige Feindschaft gegen die rohe Unruhe der Welt hervor. Eine fromme Abneigung gegen die grobe Wirkung ihrer Organe warf sie vollends in sich selber zurück und gab ihr in großer Bescheidenheit doch eine Stellung jener äußerlichen Welt gegenüber, die sie für alle Vorstöße, auch die des Dechanten, beinahe unerreichbar machten.
»Mein Kind! Mein Kind!« schloß der Dechant ergriffen: »Der davonzieht, der leistet nicht das schwerste Stück, sondern das leichteste, wenn er mit offenen Händen zieht. Bekenne und heilige deine Sünden; sie sind die Stufen, auf denen wir zur Unseligkeit oder zur ewigen Seligkeit steigen. Laß keine Bettler und Gläubiger unbefriedigt hinter dir. Mache deinen Frieden mit Gott und uns, und dann fahre in des ganzen Himmels Wohlgefallen! Unsre Sehnsucht nach deiner Erleuchtung wird dich begleiten!«
Er schwieg, beinahe erschöpft von der Kraftanstrengung, die ihn in diesem Fall die Ausübung seines Amtes kostete und das stumme Ringen seiner fordernden Seele mit ihrer abwehrenden. Er sah alt und eingefallen aus, und um seinen Mund prägten sich sehr tiefe Züge des Mannesleids aus. Seine Hand auf der ihren lag heiß und zitterte leise. Sein ganzes Leben stand in seinen Augen, aber da es von dem ihren abhängig war, so fand Linde es nicht königlich, wie es seiner Sendung entsprochen hätte, sondern in große kämpfende Teile zerrissen. Was sie für ihn empfand, das war vor allem Mitleid, aber während sie für ihn litt, stieg ihr auch alles Leiden auf, das er ihr geschaffen hatte, und erschüttert, wenn auch mit schwacher Stimme und zitterndem Herzen, brach sie aus:
»Ich gehe mit ganz leeren Händen von euch. Ich habe euch nichts genommen. So laßt mich in Frieden gehen. Ich liebe euch. Ich segne euch. Ich werde vor Gottes Thron für euch beten! Habe ich denn nicht alles weggeschenkt? Ich dachte es wiederzugewinnen, das ist wahr. Ich werde es vielleicht im Himmel zurückbekommen. Gott muß zwischen uns allen richten.«
Mit einem Schluchzen der Schwäche brach sie ab, und auch der Dechant vermochte nicht gleich wieder zu sprechen. Endlich sagte er erschüttert:
»Gott wird uns nicht allein richten, sondern er wird jedes durch das andere richten. Mich durch dich und sich selber durch uns. Seine Seligkeit wird mit der unsern steigen und fallen. Hast du alles weggegeben, so wirst du alles wieder empfangen. Ich glaube dir, wenn auch dieser Glaube mich zu deinem Schuldner macht. Gott helfe mir abzahlen; es ist eine hohe Summe, wie ich fürchte. Aber warum hast du nicht deine redliche Beichte durch die Kommunion bestätigt? Heiliger Himmel, vor welchem Unrecht hättest du mich bewahren können!«
Über ihr blasses Gesicht ging ein zartes und himmlisch freundliches Lächeln. Sie wollte sagen: »Kein Unrecht!« aber eine Herzschwäche befiel sie, und statt dessen sagte sie mit wegsinkendem Blick und dem vorletzten Funken der verlöschenden Kraft:
»Ich — will kommunizieren!«
Er empfing die Willenserklärung wie ein Urteil, während die kühle Klarheit dieser wenigen Worte sich ihm augenblicklich mitteilte, und zwar als eine Aufwallung des Schrecks, nicht als ein Gefühl der Befreiung. Seiner nicht wieder gutzumachenden Schuld tief und schmerzvoll bewußt, faßte er erneut nach ihrer erkaltenden Hand, und während er sich in der weiten Welt hoffnungslos vereinsamen sah, bat er mit rauher Stimme vor Leid und Reue:
»Wir sind sterbliche Menschen und wissen nichts trotz aller Eitelkeit. Du bist jetzt mehr als wir alle. Verzeih uns, was wir dir angetan haben! Wir haben die christliche Demut und die Liebe ganz vergessen, und so hat uns der Friede Gottes vergessen!«
Das vorige Lächeln kehrte noch einmal in ihr Gesicht zurück, aber blasser und müder, um nach den ersten Worten gleich zu verlöschen.
»Ich habe — nichts zu verzeihen!« sagte sie kaum hörbar. »Verzeiht mir. Ich muß — sterben. Gott sei uns allen gnädig!«
Mit einem erstickenden Laut der Klage verstummte sie. Darauf begann sie zu beten, um nicht in seiner Kümmernis unterzugehen, und er eilte, ihr die letzte Wegzehrung zu reichen. Sie empfing seine Worte und Handlungen in hoher Schwäche, aber in voller Gegenwart des reisefertigen Geistes, und während er aus der Finsternis ihrer Todesversunkenheit den ersten Stern ihrer Ewigkeit schon aufglänzen sah, gab er ihr den Leib des Herrn auf den Weg zur Herrlichkeit des Herrn mit. Heftig, ja herrisch gegen sein Weinen ankämpfend schritt er zur letzten Ölung. Er bekreuzigte sich und salbte ihr mit dem heiligen Chrisma Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände, jene Augen, die eine Zeitlang an der Wohlgestalt des Soldaten so freundliches Gefallen fanden, die Ohren, die einst so innig beglückt seinen Liebesreden lauschten, den Mund, der unter seinen Küssen seine fromme Kühle in ebenso frommes irdisches Feuer wandelte, die Hände, die eine Nacht lang gläubig seine beseligende Gegenwart hielten, und die Nase, mit der sie seine sinnlichen Düfte und erschauernd ihre eigenen atmete. So an Haupt und Händen entsündigt hieß er sie ergriffen ziehen. Voller Liebe betete er, daß sie mit ebenso geheiligtem und reinem Herzen sich von der trüben Anziehungskraft der Erde zu lösen vermöge, denn über ihr Herz, das fühlte er nach wie vor betroffen, besaß er keine Macht mehr.
So hatte er alles in allem wohl einen Blick in den dunklen Spiegel getan, aber seine Seele blieb unerleuchtet. So heimatlos wie zuvor, nur mit schwererer Schuld beladen, verließ er die Kranke. Die Kerzen brannten unruhig und trübe. Draußen kniete schluchzend die Magd. Das Glöckchen des Begleiters läutete ihm suchend voraus. Und noch lange lag auf seinem Weg hinter ihm der leere und erkaltete Duft des Weihrauchs.
Zweites Kapitel Der Prediger Salomo. Der Versucher tritt in neuer Gestalt auf. Die Austreibung

Noch während der Dechant das Haus verließ, trat die Tante aus der Tür des Salons und sah den letzten Schein des Auftritts. Sie hatte das Glöckchen des Küsters für die Hausglocke gehalten und war aufgestanden, um nachzusehen, warum die Magd nicht öffne. Zuerst machte sie eine Bewegung, als ob sie dem Dechanten nachgehen wolle, dann ließ sie es und wandte sich mit leicht verzogenen Lippen dem Treppenhaus zu. Etwas rascher als sonst stieg sie die Stufen nach dem oberen Stockwerk hinauf, befremdet und widerwillig den Weihrauch atmend, der nun alle Räume des Hauses erfüllte. Als sie die Tür zu Lindes Zimmer öffnete, fand sie die Magd darin. Brigitt wandte sich ihr entgegen mit einer Miene und einem Blick, die sie jetzt nicht zu mißachten wagte. In diesem Moment war nichts mehr vom Dienstboten an ihr, sondern ihre Haltung zeigte die natürliche Größe und Unerbittlichkeit des Menschen, der gerade ein ungeheures Leid in der tiefsten Erschütterung der Ehrfurcht erlebt. Die Klingse stand eine Weile prüfend und erwägend nur in der Tür, kaum daß sie einen Blick nach dem Bett zu tun vermochte, das von Weihrauchwolken wie von Engelscharen umwallt war, und zog sich dann zurück, mit vorgeschobenem Kinn und bereits lebhaft denkend, und der erhobenen Nase widersprach durchaus der beunruhigte Blick und die scharfe Falte zwischen den dichten Augenbrauen.
Der Tante fehlte beinahe jede ursprüngliche Seelenwitterung, und auf diesem Gebiet war sie ganz hilflos. Aber es fehlte ihr nicht an einem gewissen Polizeischarfsinn, und was sie nicht selber errechnete, das wandte sie aus ihren literarischen Gleichungen und aus ihrer wissenschaftlichen Lektüre an. Die Liebe gehörte ihr im Grund zur Gattung der Gemütskrankheiten, wie auch Aufwallungen der Vaterlandsliebe und der Religiosität. Diese Liebespsychose der jungen Leute beurteilte sie nun so, daß es für sie, die Gesunde und Kühle, in den Augen des Liebenden nicht günstig wirken konnte, wenn das Mädchen gerade jetzt in dieser kritischen Wendung das Zeitliche segnete und in der Verklärung nicht des Himmels, aber in die des schmerzlich ergriffenen und aufgewühlten Liebenden einging. Von den »noch nicht durch Verstand vernichteten unreifen Gefühlsabhängigkeiten« des »trotz allem poetisch veranlagten« jungen Menschen konnte sie nur eine sehnsuchtsvolle und leidenschaftliche Schwenkung von ihr, der überlegenen Frau, weg dem entschwindenden Schatten nach erwarten. Sie durfte nicht hoffen, daß sie noch die sinnliche Überzeugungskraft und den Trostreiz ausstrahlen werde, um die moralische Verwicklung rasch in ihm zu besiegen, so rasch, daß der Sieg ohne Übersetzung geradehin ihr zugut kam. Es lag nach keiner Richtung in ihrem Interesse und hatte nie darin gelegen, daß die Rivalin von der Erde verschwand. In ihrem Interesse lag bloß die Erniedrigung und Entwertung des verehrten Bildes in der Betrachtung des Leutnants; während sie aber ihr Verfahren der letzten Zeit überprüfte, fand sie, daß sie dieser Erkenntnis lange nicht so aufmerksam nach gehandelt habe, als sie jetzt wünschte, daß es geschehen sei. Sie bemerkte mit Unbehagen, daß sie sich bei aller Kälte von ihrem Haß doch auf ganze Strecken beinahe aufsichtslos hatte führen lassen. So hätte sie als überlegene Person, als die sie sich selber gern betrachtete, in keinem Fall das ebenso hinfällige wie hinterhältige Persönchen im Gewitter allein lassen dürfen, sondern hätte alles daransetzen müssen, die unzuverlässige Gegnerin über den Naturschrecken hinwegzulügen und sie so gleichzeitig in der Hand zu behalten. Statt dessen hatte diese die Gelegenheit benützt, ihrer Wächterin zu entwischen, und jetzt konnte niemand wissen, was weiter kommen würde.
So war sie aus schwerwiegenden Ursachen außerordentlich unzufrieden mit sich selber. Heimlich erregt und bereits auf der ersten Stufe einer trüben Lebensverdrossenheit ging sie auf ihr Zimmer. Pessimistisch grübelnd saß sie lange am Ofen in ihrem Lehnstuhl und sah dem enttäuschenden Vorbeimarsch der Ereignisse und Gestalten der letzten Zeit zu, die ihr die Fehler in ihrer Rechnung aufdeckten und sie sogar bereits ahnen ließen, daß die ganze Rechnung als solche falsch angelegt war und auf ganz irrigen Voraussetzungen beruhte. Indessen faßte sie sich achselzuckend und wurde mit sich selber insoweit einig, daß man jetzt eben abwarten müsse. Es war nicht gesagt, daß das Mädchen wirklich sterben und dann auch gleich der Soldat dazukommen würde, und sollte ihn ein Zufall oder bei der Verzögerung des Hinscheids ein Telegramm des Dechanten herführen, so stand es auch nirgends geschrieben, daß die ganze »rührende Chose« andere Empfindungen in ihm anregen werde als Bedauern und etwas reputierliches Mitleid. Seine letzten Briefe hatten nicht eben sentimental geklungen, und eine Karriere blieb auf alle Fälle eine Karriere. Trotz allem fühlte sie sich bei der Aussicht eines Wiedersehens zwischen den beiden Jugendfreunden keineswegs sicher, da sie auch nicht wissen konnte, was ihm das Mädchen über sie, die Rivalin, für Eröffnungen machen würde, und für das beste hielt sie es, ein Wiedersehen auf alle Fälle zu verhindern. Das geeignetste Mittel dazu schien ihr, jetzt stracks auf ihr Ziel loszugehen und die Kriegstrauung zu veranlassen. So setzte sie sich an ihren Tisch, um Heinz zu schreiben, daß er unbedingt suchen müsse, sofort Urlaub zu bekommen, da sie sich mit ihm in Köln zu treffen wünschte. Sie nahm sich vor, ihm dasselbe noch zu telegraphieren. Außerdem wollte sie sich jetzt endlich aus diesem Kampf mit den »übersinnlichen Kräften«, der nachgerade zur »Manie«, zu einer Art von fixer Idee ausgeartet war, losreißen, ihre Koffer packen und von morgen an wieder die freie Frau sein, die sie vordem gewesen war. Mochte der Dechant römischer Pfaffe bleiben oder Kunstpfaffe werden — das konnte ihr wirklich gleichgültig sein. Die Hauptsache war, daß sie sich nun von allen kränklichen Einflüssen befreite und wieder zu handeln begann.
Gedankenvoll, zu Taten entschlossen und mit Nerven, die beinahe zum Zerreißen gespannt waren, erschien sie endlich zum Nachtessen. Dort empfing sie, noch bevor sie ihrerseits irgendeine Absicht anzuzeigen vermochte, zwei Nachrichten, von denen die eine sie vor eine ganz neue Lage stellte. Die erste unterrichtete sie auf ihre Frage, daß jedenfalls bis jetzt das Mädchen noch lebte, und die zweite teilte ihr mit, daß der Dechant von Heinz einen Brief bekommen hatte, worin er schrieb, daß er verwundet sei und, sobald der Arzt ihm die Reise freigebe, auf Urlaub kommen werde. Was für eine Verwundung es war, schien nicht gesagt zu sein, und was darüber hinaus wirklich noch gesagt war, das verschwieg der Dechant, so aufmerksam und prüfend er sie übrigens daraufhin ansah. Heinz hatte noch geschrieben, daß er beabsichtige, sich mit Frau Malva Klinger zu verloben und auch gleich kriegstrauen zu lassen, wenn er alles so finde, wie es den Anschein habe. Er für seinen Teil glaube nicht mehr an Ideale, und man werde ihn auch nicht so rasch wieder glauben machen. Die schönsten Worte trögen am meisten, und es sei nirgends eine größere Leere als hinter hingebenden Blicken. Man werde ihn in Zukunft sich an das Reale halten sehen. »Als ob er sich bisher an viel anderes gehalten hätte!« dachte der Dechant unwillig verwundert, während er sich an jene unglückliche Reihe von lauten und schiefen Ankündigungen erinnerte. Aber im übrigen glaubte er jetzt, durch den Brief im Übermaß belehrt, mit sich im reinen zu sein über die Verteilung von Schuld und Unschuld an diesem Platz, und was seine Schwägerin anging, so erwog er den Gedanken, ob es nicht richtig wäre, wenn er sie jetzt ersuchte, ein Haus zu verlassen, worin sie sich so vielfach zur Geltung gebracht hatte. Doch war ihm aus ihrem Verhalten noch nicht das sichere Gefühl geworden, daß sie von diesen neuesten Dingen grundsätzlich wußte; die Verwundung jedenfalls war ihr neu, und ihre hastige Frage nach dem Lazarett des Soldaten ließ ihm einige Hoffnung, abgesehen von dem Umstand, daß er ihm, dem Oheim, den ersten Brief nach der tödlichen Erfahrung geschrieben hatte, und nicht der Tante, freilich auch nicht Linde. So gestand er sich, daß er im ganzen großen wenig von den Dingen wußte. Unterdessen überhörte er auch ihre zweite Frage nach dem Lazarett, in welchem Heinz liege, und nachdem er noch eine Weile in zunehmender Scham mit seinem neuen Widerwillen gegen diese Frau gekämpft hatte, erhob er sich und überließ ihr den Tisch.
Auf sie selber wirkte die Nachricht von der Verwundung und dem in Aussicht stehenden Urlaub, wie immer ein Blitz wirkt, ob erwartet oder unerwartet. »Er hat dem Dechanten geschrieben und nicht mir?« fuhr es ihr kalt befremdend durch den Kopf. Dann mit einer spähenden Hoffnung: »Aber vielleicht ist sein Brief an mich hängengeblieben und kommt nach!« Daß sie auf ihre Frage nach Heinzens Lazarett ohne Antwort blieb, zeigte ihr ihre ganze neuerliche Hilflosigkeit in diesem Haus. Ihr kühn gefaßter Plan, die Sterbenden hier sich selber zu überlassen, war schon gegenstandslos geworden, denn wo sollte sie jetzt den Soldaten finden? Nun hieß es von neuem: warten und sich gedulden. »Bereit sein ist alles!« dachte sie literarisch. Aber die Blicke, mit denen sie dem schweigsamen Dechanten folgte, waren bitter und feindselig, und ihre Miene war aufgebracht. So hatte auch sie aus dem Gewitter noch ihren Nachzügler erhalten.
Der Kranken selber fiel gegen alles Erwarten nach den Schrecken der heutigen Schneedämmerung und nach dieser leise bewegten Nacht, die sie doch ohne besondere Ereignisse verbrachte, ein stiller, milder Frühlingstag zu, in dem sogar die ersten Amselrufe erklangen trotz der Prophetie des Küsters von einem Nachwinter. Sie genoß ihn und noch einen folgenden und einen dritten blaß und schon sehr fern. Die Nachricht von Heinz erfuhr sie durch Brigitt; sie gab keine Zeichen von Erregung, höchstens daß sie ihr eine leise Steigerung des Fiebers verursachte, aber es war nicht mehr quälend, sondern gestaltenlos und reiner Zustand. Ob sie Heinz erwartete oder nur noch ihren baldigen Hingang, konnte niemand mit Sicherheit von ihr sagen.
Die große Änderung im Verhältnis des Dechanten zu ihr zeigte sich zunächst in dem Zustand, daß er sich mit Brigitt in die Wachen bei ihr teilte. Er übernahm außer den Stunden des Vormittags die erste Nachthälfte bis um ein oder zwei Uhr, Brigitt versah sie die übrige Zeit. Die Tante hatten sie ohne viel Worte ausgeschaltet, und die wenigen, die der Dechant aus dem Anlaß zu ihr zu reden hatte, waren kühl und merklich fremd. Zwischen ihm und Brigitt war die Anordnung weiter kein Gesprächsthema gewesen, aber sie bildete unausgesprochen eine erste Wiederverständigung zwischen der alten treuen Seele und ihrem Herrn, wenn auch der neue Verkehr auf dieser schwebenden Brücke zunächst noch recht sparsam und vorsichtig hinüber- und herüberging. Die Verwandte betreffend barg sich der Dechant vor einer unliebsamen Notwendigkeit noch einmal in der Erwartung, daß sie doch wohl jetzt die Folgerungen ziehen und gehen werde, wo sie so deutlich sah, wie überflüssig und entsetzlich fremd in dem ganzen strengen Vorgang sie war. Die Menschen machen immer die gleichen Rechenfehler, und zwar die ihnen eigentümlichen.
So stand das Leben in dem nun sehr stillen Pfarrhaus völlig unter dem Zeichen der Sammlung und Erwartung. Brigitt benutzte die erste Schwächung in dem Einfluß, den die Tante auf das Hauswesen ausübte, um zur früheren, ihrer Pflicht und der Gesundheit des Herrn angemessenern Lebensweise zurückzukehren; außer ihrem eigenen Tod hätte sie an diesem Handstreich unter den herrschenden Umständen keine Gewalt der Welt verhindern können. Sie richtete mit den verschiedenen Lieferanten die alten Gewohnheiten wieder ein und genoß so unter allem Kummer um das Kind doch eine oder zwei Stunden der Befriedigung. Als das aber getan war, wandte sie sich wieder mit allen Gedanken und Empfindungen der Kranken zu, für die sie noch einen Vormittagsgang in den Dom machte, wo sie an demselben Fleck, auf dem Linde damals vor der Beichte gekniet hatte, lange um deren Genesung oder seligen Hingang betete. Auf dem Heimweg stieß sie mit dem Kreisphysikus zusammen, der auch zum Pfarrhaus wollte. Er fragte nach den Ereignissen der Nacht und der Temperatur und fand alles ausgezeichnet. Am Krankenbett verstärkte sich ihm dieser vorteilhafte Eindruck noch. Obendrein bekam er endlich einmal den Dechanten selber zu fassen, von dem es ihn schon lange verdroß, daß er seiner medizinischen Person so wenig Ehre antat. Also benützte er die Gelegenheit, seinen geistlichen Hochmut mit einem scharfsinnig und launig zusammengefaßten Vortrag über die ganze Krankheitsgeschichte zu bekämpfen, zumal diese Krankheitsgeschichte jetzt »lächerlich deutlich wie ein aufgeschlagenes Kinderbilderbuch« vor seinen Augen dalag. Diesem Natürchen habe er nämlich wirklich mit List und Geduld seine letzten Geheimnisse abgeluchst, richtig abgeluchst. Ach du lieber Gott, der Arzt, der sich nicht mit der Geschicklichkeit eines Marders zwischen dem Tod und dem Patienten hinzuschleichen wisse, der solle sich nur lieber gleich um einen Lehrstuhl an der Universität bewerben. Er gehöre ja gar nicht zu jenen Angstdoktoren, die sich von jedem Schwindsüchtchen oder Karzinömchen ins Bockshorn jagen ließen. Was sei denn dabei, wenn jemand nun wirklich einen kleinen Magenkrebs habe? Es gebe wirklich schlimmere Dinge. Neulich sei doch ein Junge zu ihm gekommen, der sei in eine Sense gefallen und habe sein Gedärmchen in der Hand vor sich her getragen. Eine außerordentlich einfache Sache. Er habe ihn auf einen Stuhl sitzen und warten heißen, bis er mit seinem Kaffee zustande gekommen sei, denn an der Tatsache habe er ja auch nichts mehr ändern können. Das sei die Natur. Er wünsche sich nur einmal den Dechanten unter die Finger zu bekommen mit einer ordentlichen Pneumonie oder dergleichen, da sollte er einmal den wahren Arzt kennenlernen. Dies Natürchen da, das sei ja zum Lachen. Gucke so vergnügt und schlau aus seinen Kissen heraus und besinne sich gerade auf neue Finten und Hasensprünge. Nur nicht verblüffen lassen. Oberster Grundsatz: Glaube nichts, bevor du's siehst. Die Theologie lehre das Gegenteil, dafür sei sie auch die Theologie. »Nur so weiter, du kleines heiliges Satänchen. Liegst jetzt ordentlich fest auf dem Rücken. Hat dir schon lange einmal gefehlt, damit du deine Wirtschaft wieder sanierst. Hast verteufelt schlecht Haus gehalten. Hut ab vor der Natur. Vor einem Vierteljahr kommst du mir nicht aus dem Bett heraus. Sie kann jetzt ein bißchen gehacktes rohes Fleisch kriegen. Auch Zwieback, damit sie die Zähnchen nicht verliert. Hab' lange nicht einen solchen witzigen Fall gehabt. Der reine Humor. Na, Gott befohlen. Morgen wieder. Habe die Ehre.«
Mit diesen Worten hob er sich auf, griff zu Stock und Hut, die er auf Lindes Bettdecke gelegt hatte, und verabschiedete sich vom Dechanten. Der hatte zu dem ganzen vergnügten Vortrag sehr wenig gesagt und endlich überhaupt nicht mehr hingehört, und der Kreisphysikus verließ das Haus im ganzen großen doch etwas unbefriedigt von dem Eindruck, den er auf den Geistlichen gemacht hatte.
Während der Kreisphysikus sich höchstens auf die hippokratischen Züge des leiblichen Patienten und da nicht immer verstand, besaß der Dechant eine große Erfahrung in der Todesmiene der Seele, weil er nicht nur mit den Augen sah, sondern mit dem Geist. Es wäre ihm nie möglich gewesen, an einem Sterbebett anders als mit allen priesterlich geweihten Kräften seines naturstarken Herzens anwesend zu sein, und so lange war er immer ganz ohne Eitelkeiten. Darum besaß er soviel undilettantischen, tiefernsten Scharfblick, um im Gegensatz zum Arzt sich keinen spielerischen Hoffnungen hinzugeben, sondern wohnte bereits mit voller Einsicht Lindes Auflösung bei. Was sich nebenher oder unmittelbar damit für ihn selber auflöste, das ahnte er zur Zeit mehr, als daß er es mit irgendwelchen Worten auszudrücken vermocht hätte; es wäre ihm nicht einmal gegeben gewesen, es anzudeuten, so aufrührerisch wurde mit seinen bisherigen Anschauungen vom Leben verfahren, und so anarchistisch waren die Witterungen, die ihn unter dem Schatten dieses selbstherrlichen und schweigsamen Sterbens überkamen. Von der Lüge des Lebens erhielt er gerade aus den Finsternissen des Todesgeheimnisses die blendendsten Erkenntnisse. Manchmal sah er sich an der Grenze des immer tendenziösen Seins angelangt und wollte schon mit dem ersten Schritt in die ungeheure, grenzen- und tendenzlose Wahrheit des Nichtseins stürzen, da trat sein tastender, unsichtbarer geführter Fuß wieder auf ein klug gepflastertes und organisiertes gesellschaftliches Übereinkommen, und die Wanderung ins Unbestimmte ging weiter mit ihm. Dabei war in seiner Seele ein geheimes Kommen und Gehen von Erscheinungen, ein Wirken und Weben von Empfindungen aus längst vergangenen Lebensepochen, die nicht seine schlechtesten gewesen waren, ein Aufblühen und Verblassen einstiger Stimmungen und einstiger Träume, und allem Knüpfen und Lösen hielt er stand, ohne etwas vorenthalten oder beiseitebringen zu wollen. Soviel Ehrlichkeit und Würde war lange nicht mehr in ihm enthalten gewesen, aber wenn er glaubte, nun bald den Gipfel zu erreichen oder — der Tod verändert ja alle Richtungen — im Abgrund zu versinken, weil er sich schon soviel einsichtiger und weiser vorkam, als er vorher gewesen war, so befand er sich immer noch in keiner andern Gegend des Weltplanes als in seiner alten wohleingerichteten Lehre, in der er groß und schon ein bißchen grau geworden war. Auch wenn er in seiner versunkenen Stimmung den Prediger Salomo vornahm und den Text zu der Vergänglichkeitsmusik, die in ihm klang, aufschlug, so brachte ihn auch diese Lektüre nicht weiter, als morgenländische Gehirne Tausende von Jahren vor ihm gewesen waren.
Er las beim Schein der Krankenlampe: »Was hat der Mensch mehr von aller Mühe, die er sich macht unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde bleibet ewiglich.« Erstens, dachte er, irrt sich der Prediger in der Voraussetzung, da die Erde eben nicht ewiglich bleiben wird, und mit diesem wirksamen Kontrast fällt seine ganze Erkenntnis in sich zusammen, zumal der Mensch von seiner Mühe wirklich etwas zu haben scheint, nämlich seine Sicherheit, sein zeitliches Wohlergehen, sein Haus, seine Kinder, seine Freuden und die materiellen und geistigen Erfolge seiner Persönlichkeit. Es war ihm nicht möglich, dem morgenländischen Prediger bis zum nihilistischen Ziel seiner Philosophie zu folgen, weil er das durch das Gewissen gesteigerte Tun des christlichen Menschen höher einschätzen mußte, trotz seiner Endlichkeit und deutlichen Beschränktheit, die er mit jenem Orientalen teilte. Dennoch fühlte er mit beunruhigender Bestimmtheit, daß ihn das große »Eitel« an seiner Stelle traf, wo auch er ihm nicht zu entrinnen vermochte, wo er standhalten und zusehen mußte, daß ganze gepflegte Hühnerhöfe seiner sittlichen Begriffe vom Marder der Vergänglichkeit abgewürgt wurden, und es waren sehr wertgehaltene Exemplare darunter.
Aber das war noch nicht alles. Denn indem er weiterlas, ging ihm das unheimliche Licht auf, daß auch das große Eitel des Predigers und aller Menschen, die sich persönlich denkend mit dem Leben befaßten, unheilig und ungeordnet, wie es war, selber zu den Eitelkeiten gehörte. Denn was geschah nun mit der weiteren Erkenntnis? »Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie daselbst wieder aufgehe. Der Wind geht gegen Mittag und kommt herum zur Mitternacht und wieder herum an den Ort, da er anfing. Was ist es, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonne.« Das war schließlich auch nichts anderes als der Versuch eines alterseitlen Mannes, das Leben der andern jugendstarken zu verneinen und recht zu behalten. Nein, dachte er, auch die Weisheit des Alters ist eine Eitelkeit. Die Begründung, daß alles schon dagewesen ist, reicht nicht aus, das Leben zu verneinen. Freilich gibt es ein grandioses, heiliges Aber, das sich gegen das Leben richtet. Wo finde ich es? Vielleicht, grübelte er weiter, war es in den nachfolgenden Wegleitungen zur rechten, aus Weisheit stammenden Glückseligkeit enthalten. Aber wohin er blickte, fand er nichts als zerbrechliche Denkform, Filigranwerk der menschlichen Erfahrung, erlernbare Anweisungen, die der Selbstsüchtige und der Erkaltete ebenso befolgen konnte wie der Erweckte und Ergriffene, um genau zu demselben Ziel zu kommen, von dem der Prediger als letztem Schluß der Weisheit sprach: zur Herstellung der irdischen Glückseligkeit und zur Bewahrung vor Fallen und Schädigungen. Auch diese letzte »Weisheit« erschien ihm eitel, denn sie war ebenso vergänglich und nur um vieles weniger geheimnisvoll als die Mühe des Menschen, die er hat unter der Sonne, das Wehen des Windes und das Ereignen der Zeit.
Bedrückt und verwirrt schloß er endlich das berühmte Buch, um dann bloß wieder dem so kühnen als stillen Weben der Auflösung in der bekannten Gestalt zuzusehen, auf das überirdische Sausen der Stille zu hören, die ihn umgab, und der unermeßlichen Einsamkeit, in welcher er sein und das Leben aller Menschen nun irren und suchen sah. Nachdem er so begriffen hatte, was das hieß, allein sein und auch die letzte Eitelkeit des Gedankens vernichtet wissen, gab es nichts mehr, was er nicht willens war, mit zu opfern und dem allgemeinen Untergang des Irdischen, der sich in ihm ereignete, nachzustoßen, unbekümmert darum, was weiter aus ihm wurde, und mit der großartigen Gebärde des in Bescheidung still Verzweifelnden. Er verzichtete auch auf die Hoffnung, daß ihm seine Bescheidenheit schließlich doch noch einen schlechten Freiplatz im Theater der Allmacht einbringen werde, von dem aus er auf den Zehen stehend der Weltkatastrophe oder der Katastrophe der fünf Sinne als kleiner Zuschauer beiwohnen könne, in seinem Teil immerhin das Ganze mit dem Leben überstehend.
In diesen Tagen des innerlichen Wandels bekam der Dechant einen Besuch, der ihm sonst nicht wenig geschmeichelt und ihn in seiner letzten Absicht vielleicht sehr erregt hätte. Ein Beamter der Berliner Museumsverwaltung sprach ganz unangemeldet bei ihm vor, um mit ihm über die Dinge zu reden, die seinen Kirchenbau betrafen, und sich seine kleine Sammlung zeigen zu lassen. Es war ein mittelgroßer, magerer Herr in den vierziger Jahren, mit einer Physiognomie, der etwas Spitzmäusiges anhaftete, mit einer großen Brille aus dunklem Glas auf der Nase, mit englisch geschnittenem Schnurrbärtchen und schneiderhaft mit Bändern eingefaßtem, dunklem englischen Jackett. Er begann sofort zunftgerechte und zweckmäßige Fragen zu stellen, die der Dechant etwas verwundert beantwortete, und forschte sich in kurzer Zeit durch die ganze Geschichte der Renovation und der Ausgrabungen durch. Worum der Dechant lange ahnend und in gewissenhafter Sorge gestrichen war wie der Jüngling um den Gegenstand seiner Wünsche, ehe er den betreffenden Zugriff tat, da packte der Herr ohne falsche Scheu zu, und es fiel weder eine Verneigung vor dem Allerheiligsten noch ein Achtungsbeweis für die geistliche Behörde ab, beides Dinge, die auch wirklich nicht in sein Fach schlugen. Wenn es nun dem Dechanten darauf angekommen wäre, gegen den Erzbischof einen Wunsch oder ein Interesse auf Umwegen über die weltliche Macht durchzudrücken, so hätte er die beste Gelegenheit dazu besessen, aber zunächst dachte er gar nicht daran.
Inzwischen führte er den kunstbewanderten Herrn in seinem kleinen Museum herum, und es zeigte sich, daß der Besucher alles mit treffenden und manchmal entzückten Ausdrücken an den richtigen Ort heimzuweisen wußte. Dies Kreuz gehörte jener Werkstatt, und jener Pokal wies die und die orientalischen oder maurisch-spanischen Einflüsse auf, Beziehungen, die dem Dechanten natürlich genau bekannt waren, und die er längst für seine Person festgestellt hatte — er widersprach dem findigen Mann sogar in einer Sache und behielt recht —, die ihm aber lange nicht so wichtig waren, und bei denen ihm höchstens vor der weltfertigen Gelehrsamkeit des andern wind und weh wurde. Denn darin hatte er vor dem Erzbischof keineswegs geflunkert, daß ihm jedes Kreuz ein Erleben des christlichen Gedankens bedeutete und er in einer alten gotischen Monstranz zuerst und zuletzt das Gottesgefühl erkannte und nachspürte, das sich darin zum Ausdruck gebracht hatte. Ob nun die oder jene Werkstatt, der östliche oder südwestliche Geschmack hier den Griffel geführt und dort das Modellierholz beeinflußt hatte, galt ihm erst in zweiter Linie, und auch da zuvörderst durch die Erkenntnis, daß auch diese anregenden Führerformen religiösen Vorstellungen entsprungen waren. Das war der Zug, den der feine Herr aus Berlin sehr rasch als das dilettantische Leitgefühl seiner kunstgeschichtlichen Tätigkeit erkannt haben würde, wenn nicht der Dechant verdrossen von dem gelehrten Gallimathias, den der Besucher von sich gab, meistens den Mund gehalten hätte, und über die Wurzeln seiner Leidenschaft am meisten. Da tönte es von Linienführung, Stilprinzipien, technischer Überlegenheit oder primitiver Kindlichkeit, und was solcher Zensuren mehr waren, so daß er vor Unmut über das gespreizte moderne Kerlchen, das mehr einem altklugen Jungen glich als einem Mann, der so leichthin über diese durch Alter, Geschichte und Gebrauch geheiligten Gegenstände urteilen durfte, bald nicht mehr wußte, wie gleichgültig und kühl er reden sollte, nur um sich vor peinlichen Empfindungen zu bewahren, die mit der Preisgabe selbst des kleinsten Gefühlsanteils unweigerlich verbunden waren.
»Es zeigt sich doch immer wieder«, sagte der Herr mit der dunklen Brille, indem er sich eifrig schnaubte: »Alles ist Auge. Die Leute hatten damals mehr Auge als wir.«
»Goethe meinte: Alles ist Gefühl!« erwiderte der Dechant beinahe unwirsch. »Man könnte ebensogut sagen, daß die Leute von damals mehr Gefühl hatten.«
»Ganz richtig«, stimmte der Herr zu. »Gefühl des Auges. Augengefühl. Augenkultur. Daß dann mit solchen Kultgeräten der Gottesdienst ebenfalls Intensität und Schwung bekam, ist nur natürlich. Eine Kunst weckt die andere. Die Anschauung einer edlen Monstranz erregt im Musiker die melodiöse Linie; die neue Messe ist da. Der Maler wird zu neuen Bildern und Glasfenstern angeregt, der plastisch begabte Mensch zu Skulpturen. Und alles zusammen erregt dann jenes unbestimmt gehobene Lebensgefühl, das man früher Religion nannte. Heute heißt es Kultur. Bei unsern Nachbarn nennt man's Zivilisation. Aber am Anfang steht das Gerät.«
Der Dechant stand halb ungeduldig, halb schwermütig da, weil er an seine Sterbende dachte. »Im Anfang war das Wort«, sagte er, für den andern unnötig gewichtig, so daß der ihn überrascht anblickte. »Sie können nicht glauben, daß am Anfang der Religion das Gerät stand, wenn Sie dann noch einen einzigen vernünftigen Gedanken in Ihrer Kunstgelehrsamkeit weiterdenken wollen. Das ist derselbe Widersinn, den uns die Naturwissenschaft auftischt, wenn sie sagt: Am Anfang des Lebens ist die Urzelle, der Urkeim. Was wissen wir nun? Andere erklären uns, das Leben sei als Keim von einem andern Stern auf die Erde gekommen. Das nennen sie exakte Forschung, und solche Knabenhaftigkeiten hoffen sie dann an Stelle der alten religiösen Mythen und der christlichen Grundwahrheiten zu setzen. Herr, am Anfang der Kunst und auch des Geräts war das Gottgefühl. Es war am Anfang alles menschlichen Tuns, der Kultur, der Zivilisation, und wessen Sie sonst wollen. Ich wollte Ihnen das nicht sagen, weil Sie's vielleicht doch nicht begreifen. Wenn Sie nun den Dom sehen wollen —«
»Aber natürlich!« erklärte der Kunstbeamte mit gewinnender Miene und ganz ungetrübt, indem er den großen Mann — der Dechant überragte ihn um mehr als den Kopf — interessiert betrachtete. »Sie geben da sehr bedenkenswerte Erklärungen und Zusammenhänge. Sie haben einen Standpunkt. Sehen Sie, auch daran fehlt es dem modernen Kunstbetrieb, am Standpunkt. Auch der Architektur. Sie verstehen sich auszudrücken und Ihre Vorstellung an den Mann zu bringen. Leute wie Sie braucht man heutzutage, weil sie als Anreger und frische Impulsgeber in unsrer schon etwas ausgeleierten Zeit unerläßlich sind. Sie besitzen Urkraft; das ist heute ein rarer Stoff. Sie bemerken, daß wir ganz unvoreingenommen sind. Übrigens sind wir auch selber nicht so absolut von dem Linien- und Nurfarbenwahn besessen. Eine Ahnung davon, daß es noch andre Gesichtspunkte gibt, haben wir immerhin auch noch. Uns fehlt nur die Kraft, wie gesagt. Kommen Sie zu uns. Es dürfte nicht schwer halten, Ihnen einen Lehrstuhl, zum Beispiel an einer katholischen Universität, zu verschaffen. Was Sie dann obendrein mit Ihrer Wissenschaft wirkten, und wie weit Sie damit kämen, wäre Ihre Sache. Allein schon Ihr Einfluß auf die katholische Kirchenkunst müßte sehr beträchtlich sein, denn Sie sind nicht bloß Kraft, sondern auch Intelligenz. Ich kann Ihnen ja nun sagen, daß ich — ganz unverbindlich — sondieren darf, was Sie zu einem derartigen Vorschlag zu sagen hätten. Ich für meinen Teil, der ich nun die Ehre habe, Sie persönlich zu kennen, kann Ihnen dazu nur aufrichtig raten. Überlegen Sie sich die Sache; Sie brauchen nicht sofort zu antworten. Inzwischen gehn wir zum Dom. Wohnt nicht gegenwärtig Ihre Verwandte, Frau Professor Klinger, bei Ihnen? Eine talentvolle und hochgebildete Dame. Sie ist an dem Antrag nicht ganz unbeteiligt, obwohl natürlich die Möglichkeit dazu Ihr Verdienst gegeben hat, ohne das auch in Preußen nichts ist. Aber ein Anstoß muß überall sein. Hoffentlich darf ich nachher die Dame sehen?«
Indem der Dechant den Kunsthistoriker zum Dom begleitete, ging es ihm seltsam. Immerzu sah er einen Menschen in seinem Alter und von seinem Aussehen auf dem Katheder stehen und bedeutende, anfeuernde Vorlesungen halten, während eine große und stets wachsende Zahl von jungen Männern zu ihm aufsah, die Augen voll frommer Erregung und die Mienen gespannt in der Aufmerksamkeit auf ein göttliches, in der Zeitlichkeit sichtbares Thema, das er allgemeinverständlich entwickelte mit klaren und wissenschaftlichen Worten. Oder er sah den Menschen Bücher schreiben, die von Hand zu Hand gingen, deren Geist sich betrachtend und hinweisend am Rand des göttlichen Erscheinungsfeldes bewegte, und deren Materie, von der Geschichte herausgereicht, anzeigte, daß dort drin der Sternnebel der Ewigkeit gestaltenzeugend die unendliche Hochzeit seines seienden Werdens feiere, geformte Meteore der Kunst wunderbar ins gemeine Leben hinausschleudernd, die in der Reibung der sündigen Atmosphäre noch einmal aufglühten und dann in der Geschichte erstarrten. Vor allem aber, er stand draußen und zeugte draußen weltlich, während ungeheuer brausend der Orkan des lebendigen Gottes, in sich selber drinnen heilig erschaffen, lebte und heilig erschaffend mitriß, was sich den Wirbeln seiner Unendlichkeit gläubig und reinen Herzens überließ. Darauf warf er wie eine Weiche die Anschauung um und sich selber hinein, um Gottes teilhaftig, Verfüger über Seine Allmacht und Weisheit, vor dem Abgrund Seiner Liebe für das Draußen zu zeugen, ohne das es Sein Drinnen nicht gab, für das Tiefe, ohne das Er nie hoch war, und das Unwissende, in dessen Nacht allein Sein Sternnebel so unbegreiflich wild und schön aufbrannte. Und nach dem Draußen hin zeugte er nun anstatt mit dem erstorbenen Meteor mit der schleudernden Kraft selber, für die es kein Oben und Unten gab. Das Tiefe machte er durch seinen Glauben zur Höhe, wie vom Firmament aus betrachtet das irdische Meer ein kristallenes Gebirge von tief hingetürmtem Wasser ist; aber das Unwissende erhob er durch die Wucht seiner Liebe zur wahren göttlichen Wissenschaft. Er sah sich stehen mit einem großen Herzen voll gewaltiger Hinneigung und einer Seele voll unbesieglicher Aufstrebung, angetan mit dem Gewand eines Kirchenfürsten und mit dem schwersten Ernst des Lebens.
Dieser Traum hielt auch noch stand, während er mit seinem Begleiter den Dom betrat. Als er vor dem Allerheiligsten vorbeigehend mit dem Zeichen des Kreuzes sich tief verneigte, fühlte er eine bedeutsame Überlegenheit gegenüber dem verständigen klugen Mann, der nichts sah und nichts fühlte und darum auch nichts zu verehren hatte. Noch einen Moment gehörte ihm der ganze heilige Dom mit seiner Geschichte und Tradition, aber während sein Blick die strengen Formen und die ernsten Räume durchflog, erinnerte er sich an das sterbende junge Leben, und wurden seine Augen wieder trüb. Eine Stimme raunte ihm zu: »Es ist alles eitel!« und so schien's ihm auch schon der Gedanke an seine große Steigerung in Gott und seine Zukunft als geheiligte und unantastbare geistliche Großmacht, zumal der Kunsthistoriker wieder mit seinem bewanderten Geschwätz zu plätschern begann und in kurzer Zeit außerordentlich viel Nüchternheit um sich verbreitete, so daß ihm der Dom zu einem aufgetürmten Steinhaufen wurde und das ganze geweihte Wesen zu einer Rumpelkammer. Damit schien ihm freilich nichts anderes daraus geworden, als was die angebliche neugeschichtliche Aufklärung schon längst aus dem Leben und dem Weltplan gemacht hatte, und indem der Dechant diese Gleichung stellte, entsank ihm auch die letzte gesteigerte Vorstellung von sich selbst, und wandte er sich bitter seufzend von dem großstädtischen Klügling ab.
Doch ging ihm sehr anschaulich das Gebiet auf, wo er einer ganzen berühmten Klasse von Menschen überlegen war. Er konnte unter den Bettlern immer noch den König spielen, wenn er die Professur annahm, und war auch dies eine Eitelkeit, so war es doch eine bescheidene, auf wirklichen Verdiensten begründete. Nun hatte der feine Herr wieder viel Aussichten bei dem zweifelvollen Geistlichen, aber wieder fiel es diesem auf, diesmal beim Austritt aus dem Dom, welche Kraft und Bedeutung gegenüber dem andern ihm die Ehrfurchtbezeigung vor dem höchsten Zeichen in seinen eigenen Augen verlieh, ohne daß er sie gesucht hätte. Es überdrang ihn aus jener Gegend her und durchwehte ihn ein Strom göttlicher Wirkung, der ihn so lange durchaus verwandelte, als er ihn empfand, und es gereichte ihm zur ahnungsvollen Beunruhigung, zu fühlen, daß er selber einen Einfluß darauf hatte, wie lange diese Durchdringung und die Verwandlung dauern sollten. Draußen wurde noch der stille, kindlich fromme Vorbau besprochen und kunsthistorisch eingeschätzt. Darauf führte der Dechant seinen Gast ins Haus und ließ die Tante benachrichtigen, daß Besuch da sei.
Die Klingse erschien, und der Dechant wurde stumm und steif Zeuge einer weltläufig herzlichen und wortreichen Begrüßung, an der, wie er deutlich fühlte, kein Zug echt und kein Wort wirklich und alles genau so dreist und hohl war, als ob man sich auf einem großstädtischen Parkett befunden hätte. »Diese Leute«, dachte er erzürnt, »bringen ihre Atmosphäre überallhin mit wie das amerikanische Stinktier.« Der Museumsmensch erklärte den Grund seiner Anwesenheit, und die Klingse nahm ihn unter aller geheimen Bitterkeit mit laut geäußerter Genugtuung entgegen, zu der auch der Dechant seinen Anteil als Anerkennung ihrer Verdienste um ihn beitragen sollte. Aber er trug nicht bei. Inzwischen war sie geschickt genug, eine gute, vielleicht letzte Gelegenheit zu benutzen und die seinen des näheren herauszustreichen, und der Kunstwissende half ihr eifrig, weil er ihren Einfluß jedenfalls für die nächste absehbare Zeit noch keineswegs entbehren konnte, sowenig wie ihre Geldmittel für seine Spezialsammlungen, mit denen er einmal seinen Aufstieg zu den höchsten Staffeln zu unterlegen hoffte. Andrerseits hatte sie nach wie vor als leise alternde Frau ein Interesse daran, sich solche karrieremachende Männer zu verbinden, um im Kreis des Geschehens zu bleiben.
Während der Dechant nach Linde sehen ging, erzählte die Klingse dem großstädtischen Freund die Geschichte des unglücklichen jungen Mädchens, das sie so lange in dieser Stadt festhalte, und der Freund hörte sie gerührt an, obwohl sie ihm, das hätte er beschwören können, herzlich gleichgültig war. Gleich darauf machte er denn auch der Klingse Lobsprüche für ihr frisches und jugendliches Aussehen bei allen Nachtwachen und Gefühlserregungen, und verbreitete sich, als der Dechant ernst und innerlich erregt wieder eingetreten war, noch des näheren über ihre elastische Natur und ihre schöne Aufopferung. Er sollte sich auch dazu äußern, aber er schwieg hier wie dort, und sogar mit stichhaltigeren Gründen. Der Klingse war es bei diesem Gespräch auch nicht wohl, und sie brachte rasch die Kunst wieder aufs Tapet, womit ein entzücktes Geplauder anhob über dies Gemälde und jene »pikante« Kleinplastik, Rembrandt, französische moderne Impression, alte englische Frauenbildnisse, die auch »nicht ohne« seien, »schmalbrüstige, spitzgiebelige deutsche Gotik« und lebenslustiges Pariser Rokoko, die neuesten Museumsleistungen, Raumgestaltungen, Umgruppierungen, Wert und nähere Umstände von Neuerwerbungen, so daß dem Dechanten schließlich war, nicht als ob er nun in einem Museum, sondern als ob er in einem Irrenhaus wäre, zumal schließlich die Unterhaltung auf das ergiebige und vielbesuchte Gebiet der Personalchronik überging, nicht von einigen Künstlern und öffentlichen Charakteren, von deren Haltung etwas zu gewinnen gewesen wäre, sondern von den gesellschaftlichen Modesäuglingen des Tages, ihren interessanten Gehversuchen, ihrem okkulten Gestammel, ihren Ammen und Gespielinnen, ihren neuesten Verdauungsstörungen und nächsthin zu erwartenden Revolutionsversuchen.
Soviel oberflächliches Geschwätz und konventionellen Tratsch und Klatsch hatte er noch in seinem Leben nicht gehört, und er mußte an die Ankündigung denken: »Wahrlich, ihr sollt Rechenschaft ablegen von einem jeden Wort, das aus eurem Munde gehet!« Indem er aber alles summierte, dachte er, daß dann das Jüngste Gericht sehr lange dauern könne und die Seligen noch weithin auf ihre Seligkeit zu warten hätten, indes die Verdammten eine Galgenfrist gewännen, bevor sie endgültig hinunter müßten. An den Gesprächen beteiligte er sich wenig oder gar nicht, sondern saß meistens stumm und über sich wie ein Berg brütend da, mit allen Anzeichen, daß er auf die Entfernung des störenden Gastes wartete. Schließlich brachte er ihn mit einer Kriegslist auf eine Stunde noch vor dem Essen ins Freie. Er sagte ihm, daß ein Trödeljude einen sehr schönen alten Schrank, ein wahres Museumsstück, aufgetrieben und bei sich stehen habe; ob er's nicht ansehen wolle. Der Kunstmaulwurf wollte und fuhr sofort aus dem Haus, begleitet von seiner Freundin. Auf den Gassen hoben sie miteinander ein lautes und bedeutendes Auslegen der alten Motive und Ornamente an den Bürgerhäusern an, der Abwechslung von gotischen mit Ideen der Renaissance, dem echten hessischen Fachwerkbau, wie er war, und wie er sein müsse, und weissagten so gelehrt und gewaltig, daß es ihnen ob ihrer eigenen Schläue grauste und die guten Leute wunderliche Gesichter aus den Fenstern machten. Den Schrank fand man dann originell, aber nicht stilrein, da eine Zierleiste zuviel daran war und der Beschlag aus einer andern Epoche stammte. Mit aller Wichtigtuerei hatte man aber Zeit versäumt, und schließlich fand der behende Herr kaum noch so viel, geschwind im Pfarrhaus einen Bissen hinunterzuschlingen, sich daran den Hals zu verbrennen und dann zum Bahnhof zu laufen, um eben gleichzeitig mit dem Zug dort anzukommen. Über den Hauptantrag hatte man nicht mehr weitergesprochen; der Dechant wollte in einigen Tagen Bescheid schreiben.
Bald darauf trat dieser wieder seine Nachtwache an. Bei Linde hatte sich seit der großen lebensgefährlichen Veränderung nichts weiter gewandelt. Sie lag still, manchmal schlummernd, manchmal traumhaft denkend, nie lange mit offenen Augen, wie wartend da, auf ganze Strecken beinahe erfüllt, wenigstens schien es dem Dechanten so, ohne Worte und auch meist ohne Regung, und auf Fragen oder Mitteilungen gab sie selten ein Zeichen des Verständnisses. Aber in jener Nacht, nach ein Uhr — der Dechant saß eben mit seinem Leben tief versunken über dem Evangelium, das mit der großen Erkenntnis beginnt: »Im Anfang war das Wort!« — regte sich die Kranke, und als der Dechant aufsah, begegnete er ihrem dunklen Fieberblick, in dem doch soviel gesammelte Klarheit lag und neuerlich immer mehr Wissen um die fortgeschrittenen Dinge des Lebens und des Todes; jetzt wand sich darin eine irdische Frage aus den überirdischen Verstrickungen los, die ihm zu verraten schien, wohin immer noch ihre Gedanken sich wendeten, wenn das Bewußtsein auf fliehende Augenblicke nach der Erde zurück aufklärte. »Wann — will Heinz kommen?« begehrte sie zu wissen. »Hat er darüber — geschrieben?«
Der Dechant wußte es nicht. »Er wird gewiß kommen, sobald er kann, Kindchen«, versuchte er zu trösten, indem er ihre weiße Hand streichelte. Daß er ihm telegraphiert hatte, er solle seine Reise beschleunigen, wenn er Linde noch lebend treffen wolle, mußte er verschweigen, aber sie dachte es sich. »Er ist möglicherweise etwas schwieriger verwundet, als wir wissen, vielleicht an einem Fuß.«
Sie sagte nichts dazu und lag wieder eine längere Weile mit geschlossenen Augen, so daß er nicht wußte, ob sie schlief oder nur dachte. »Ist Tante Malva noch da?« fragte sie darauf, ohne den Kopf zu wenden oder die Augen zu öffnen.
Der Dechant bejahte. »Möchtest du sie gern sehen?« fragte er einigermaßen zweifelhaft. Er hätte gern noch etwas Vermittelndes, ihr Fernbleiben Erklärendes hinzugefügt, aber er vermochte es nicht.
Sie schien einen Augenblick darauf zu warten. Dann bewegte sie leise verneinend den Kopf. Und wieder nach einigen Momenten Zögerns tastete sie still nach seiner Hand. »Ich danke dir, daß du bei mir wachst. — Und Brigitt«, setzte sie noch hinzu.
Etwa zehn Minuten oder eine Viertelstunde verharrte sie so mit ihrer heißen hinfälligen Hand in seiner kühlen, erdensicheren, während seine Gedanken sich um Erinnerungen bewegten, die ihm aus dem sozusagen unterirdischen Verhältnis zwischen den beiden Frauen neuerlich immer deutlicher und schärfer bezeichnend entgegenkamen. Er begann sogar mit schwerem Herzen zu ahnen, daß dies Verhältnis ein Verhängnis gewesen sei nämlich für Linde, obwohl er von allen Schuldtatsachen noch keine einzige kannte und nicht von weitem den wahren Umfang und die wirkliche schicksalhafte Abgründigkeit dessen gewärtig war, was er jetzt schon Verhängnis nannte. Inzwischen überraschte sie ihn durch eine Mitteilung. Sie schlug die Augen wieder ganz auf und wandte ihm das schmale Krankengesicht zu.
»Wenn Heinz kommt, so frage ihn nach dem Hohenlied«, sagte sie plötzlich ganz klar. »Er weiß von allem. Wir haben es miteinander weggeschafft. — Und sage ihm, er soll — sie nicht heiraten. Er würde sehr unglücklich sein. Seine Jugendgespielin läßt ihm das sagen.«
Ermüdet von der Anstrengung des Sprechens legte sie sich in ihre Kissen zurück und regte sich diese Nacht nicht wieder. Als bald darauf Brigitt kam, um den Dechanten abzulösen — es ging gegen zwei Uhr —, nahm sie keine Notiz davon, und auf eine leise Frage, ob sie trinken wolle, gab sie keine Antwort. Der Dechant verließ sie wie vom Donner gerührt, obwohl ihre Stimme nicht viel stärker geklungen hatte als das entfernte Zirpen einer Grille, und nachdem er die erste Nachthälfte bei ihr verwacht hatte, verbrachte er auch die zweite schlaflos um sie und über den Geheimnissen, die sich nach wie vor um ihre stille Person bewegten. Warum, fragte er sich ebenso unruhig wie vergebens: warum hatte sie so lange und hartnäckig über das Buch geschwiegen, sie, die sonst so offene und klare Seele? Warum war damals, als es sich um die Einladung der Tante handelte, das Spiel mit verdeckten Karten gewesen? Nun befanden sie sich also doch alle im Unrecht gegenüber dieser bitteren Frau! Wer wußte jetzt, wie dies eine Unrecht weitergewirkt und Verhältnisse verdorben und verzerrt hatte? Ferner, was war dem Kind von den Absichten des Soldaten auf die Tante bekannt? Und woher wußte Linde davon, wenn nicht durch die Tante selber? Indessen, mochte diese Frau nun schuldig oder unschuldig sein, war sie selber ein Opfer ihres Verhängnisses, während sie andre ebenfalls dazu machte, so wollte er ihr jede Billigkeit zugestehen, aber sonst nichts mehr. Sie hatte wieder auf ihrem ganzen Weg Zwietracht und Verderben gesät; er sah es an der Saat, die jetzt überall aufging. Der Friede des Hauses und Lindes Leben waren zerstört, ein junger Mensch verführt und ein alter zerrüttet; was der nächste Zeitlauf noch alles ans Licht bringen würde, sollte er hilflos dagegen erwarten, und dem ganzen Ergebnis wohnte sie, täglich schwerer zu ertragen, als die Siegerin bei. Das war der Tatbestand, den er feststellte, und aus dem er im Verlauf der Nacht und der Morgendämmerung Schlüsse zog.
Es war noch nicht hell, als er, unfähig, länger liegenzubleiben, sich erhob. Der Südwind herrschte noch in der Luft. Die Sterne zitterten und schwankten; der Himmel schien ganz in warme Luftströme aufgelöst, und über den Türmen des Domes stand unsicher die dünne Sichel des angehenden Mondes. In der Luft rauschte es wie von großen feuchten Flügeln; die Vögel, zu denen sie gehörten, sangen wunderbar durch den enteisten Raum für Liebende und Sterbende und für Menschen mit frisch aufgestörten, unbewachten Herzen. Jetzt begann auch die Glocke zur Frühmesse zu läuten. Ihr folgte der Dechant, den es zu gesicherten Gegenständen des Lebens zog. Zur Verwunderung des Vikars erschien er aus dem Dunkel des weiten Raums ernst und suchend im schwachen Lichtschein der Morgenhandlung, und von allen seinen Gläubigen war er der hungrigste und letzte. Der Kruzifixus blickte gewaltig und auffordernd auf ihn herab. Die Kerzen flackerten belebt und erwartend. In den Fenstern webte der erste Tagesschein. Die Bilder darin standen noch schlafend, aber einige Farben träumten morgendlich. Nachdem der Dechant lange einsam in einer Bank gesessen hatte, verließ er tief gesammelt den hohen Bau, ohne ein einziges Mal an die Altertumsschätze zu denken, die unter dem Chor begraben lagen.
Den Kaffee trank er früh und allein auf seinem Zimmer. Der Magd gab er den Auftrag, die Frau Professor zu ihm zu bitten, wenn sie gefrühstückt habe. Inzwischen vertiefte er sich wieder in das abgründige Eingangswort des Evangeliums. Wie so viele vor ihm und wenige mit ihm fühlte er, daß sich in dem kleinen Satz der reifste Gedanke des gottwissenden Menschen darstellte, jener Gedanke, der aus dem Bewußtsein des diesseitigen Lebens zum jenseitigen einmal und nicht wieder ohne Verwandlung durchgebrochen und unvernichtet zurückgekehrt war, beladen mit der Erkenntnis des menschwissenden Gottes, die ihm dort als Gottes tiefste entgegengetreten war. Gleich neben diesem Wort steht für alle Zeiten der verständige Deutungsversuch des Dichters: »Im Anfang war die Tat!« und der Dechant bedachte auch diese eigenwillige Unternehmung. Aber er kam immer wieder auf denselben Schluß zurück, nämlich daß sie nichts erreichte und erreichen konnte als die ausgeleerte Form des kühnsten Gedankens, eine Handlichmachung des ungeheuren Ergebnisses, Fassung des Unfaßbaren und damit dessen Verkleinerung, um es der sinnenmäßigen Übersicht zur Nutzanwendung zu vermitteln. Je länger er die Umwertung betrachtete, und er betrachtete sie schon seit seiner Jugend, desto verdächtiger kam sie ihm vor, und desto deutlicher glaubte er sie zu erkennen als den genialen Versuch des Weltmenschen, den übersinnlichen Begriff in zwei Teile zu spalten, ihm den unendlichen Gott auszutreiben, um desto vernünftiger mit dem Rest auf Erden leben zu können, und, versteht sich, desto ansehnlicher. Denn, so dachte er weiter, es ist schon im Ursachenzusammenhang unmöglich, daß im Anfang die Tat war. Nie ist eine Tat der Anfang, und sie als erstes setzen, heißt den Gottessohn zum Funktionär der Handlung erniedrigen, wie es denn auch gekommen ist. Jetzt sehen sie nichts mehr als die Tat. Der Weg abwärts ist beschritten. Die ursprünglich hohe Tat wird zum Tun, das Tun zum Handeln und zum Handel, und schließlich besteht die Tat in der Tonnenzahl einer Ausfuhr. Sobald sich das weltliche Denken, auch das erleuchtetste, eines göttlichen Gedankens bemächtigt, geschieht es auf weltliche Art und führt es zur Verderbnis des Gedankeninhalts, der unbürgerlich und unfaßbar ist. Darum empfand der Dechant auch stets beim Lesen des Wortes: »Im Anfang war die Tat!« eine Ernüchterung, eine Entheiligung, wie er sie sonst nicht bei Goethe erlebte, der Gemeines zum Ungemeinen zu erheben wußte. Hier schien er ihm, trotz der bekannten Forderung der Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen, als Ausrufer der Tat lediglich am Beginn eines ernüchternden Zeitalters zu stehen.
»Nein«, sagte er laut, indem er feierlich die Hand auf den tiefen Text legte, »so ist es: Am Anfang war die Tat, aber im Anfang war das Wesen, durch das alle Dinge gemacht, also getan sind. Goethe verschiebt den Schauplatz aus dem Innern ins Äußere, um zu seinem Resultat zu kommen. Weltfrömmigkeit ist nicht Gottesfrömmigkeit, aber diese enthält jene in sich, wie das Wesen die Tat enthält. So war im Anfang das Wesen, und das Wesen war bei Gott, und Gott war das Wesen. Wie er's noch ist, denn indem ich ihn ausspreche, ist er, und das ist allerdings die Tat. Verschweige ich ihn, so ist er nicht, und das ist die wahre Untat. Da ich in ihm bin oder nicht bin, so werde ich mit ihm mein Leben aussprechen oder mit ihm tot sein. Indessen geht die Tat ihren Weg und kommt zu ihrem Ende. Aber Gott, der das Wesen ist, und das Wesen, das Gott ist, gehen keinen Weg und kommen auch zu keinem Ende, sondern sie sind in unvergänglicher Wesenhaftigkeit sie selber, stürzen aus sich selber wesenhaft in die Seele des ehrfürchtigen Menschen, der durch seinen Glauben im Wesen begriffen ist, und aus der Seele wesenhaft in Gott zurück, der der Anfang ist. Das ist der unfaßbare und unbeschreibliche Kreislauf des göttlichen Wesens durch die Wesenhaftigkeit der gläubigen Seele, welche hier als die Beschließerin des Wesens und Vollenderin Gottes, ihres Vollenders, auftritt. Die wahre Tat aber ist ihrer beider lebendige Zeugung.«
Es ging ihm übrigens seltsam. Während er diese Vorstellungen und Begriffe empfand und im erregten Geist hervorbrachte, stand in schweigender Bedeutung die hohe Gestalt des Erzbischofs über ihm und sah nicht ungnädig auf ihn her. Er selber war nicht groß und nicht klein, nur bereit und offen, und seine größte Größe bestand in seiner Möglichkeit, die er dunkel als grenzenlos empfand. Aber wieder erinnerte er sich des sterbenden Lebens in seinem Haus und seiner ungelösten Fragen, und der Bruch ging hart und unversöhnlich durch seine Schöpfung. Denn wenn das Leben im Wesen alles bedeutete, wie ging es dann zu, daß ein abgedorrter Buchstabe das Leben vernichtete? Oder hatte nicht eine Leiche aus der großen Welt ein gottseliges Kind mit aller Liebe und Frömmigkeit zur Strecke gebracht? Da stand er wieder an, genau so, als ob er die greisenhafte Weisheit von der Eitelkeit alles Tuns betrachtete (in die auch jene verständig-unmystische Auslegung des mystischen Gott-Wesens zurückführen mußte) und nicht den sprudelnden Quell des ewigen Wesens selber.
Im rechten Augenblick trat daher das störende Gestirn seines Himmels bei ihm ein. Während sie die Tür auftat und er aus einer andern Welt gerissen nach ihr blickte, gab es eine Sekunde, in der er sich ungeheuer alt, verstaubt und reisemüde vorkam gegenüber dieser wohlgepflegten und aufs beste gekleideten Erscheinung, die immer nach einem frischen Parfüm duftete und sich niemals in einem Schmutz zu wälzen schien. »Nun«, meinte sie nach der Begrüßung, seine verwühlte und übernächtige Miene übersehend, denn ihr ging es selber nicht zum besten: »Du willst mir wohl mitteilen, daß du dich entschlossen hast, den Ruf an die Universität anzunehmen?« Dabei ließ sie sich uneingeladen in seinem Polsterstuhl nieder, zwar nicht ganz so geschmeidig wie sonst, doch mit der Selbstverständlichkeit, die sie sich als seine Hauskatze angewöhnt hatte. Er beobachtete diese Anstalt mit einer unruhigen Art von Zorn.
»Das hätte ich dir wohl auch im Vorbeigehen mitteilen können, ohne dich zu einer so ungewohnten Zeit in mein Zimmer zu bitten«, erwiderte er langsam, ihre Erscheinung mit einer neuen Art von Verständnis ins Auge fassend. »Heute haben wir ein Geschäft miteinander, das weiterführen wird. — Erinnere dich bitte an eine bestimmte Reihe von Vorgängen, die sich in meinem Haus ereignet haben. Es handelt sich um Dinge, die drohend und sündenbeladen mit deiner Person zusammenhängen. Du führtest damals aus, daß dir mein Haus etwas wie ein Zufluchtsort vor der Welt sei, in dem du eine neue Innerlichkeit schaffen oder erwerben wolltest. Nun, dein Wandel widerspricht einer solchen Auslegung in wesentlichen Stücken. Du hast wiederum Zerfall und Unheil um dich verbreitet. Tat man damals vielleicht ohne Willen dir unrecht, so hast du das Unrecht nicht zehnfach, sondern hundertfach bewußt vergolten mit Handlungen, die von einem Gast Vergehen darstellen, wenn sie« — seine Stimme wurde rauh und brüchig — »nichts Schlimmeres sind. Du weißt, was hier bei uns in diesen Tagen vor sich geht. Ich überlasse es Gott, zu urteilen, inwieweit die Tragödie mit dir als dunkler Heldin zu schaffen hat. Ich werde nicht richten, um so weniger, als ich mich durch Unwachsamkeit und Gehenlassen in die Schuld mit verwirrt fühle. Aber eines ist eine unerbittliche Notwendigkeit: unsre Wege müssen sich scheiden, und das bald. Packe deine Koffer und klage nicht über Bruch des Gastrechts; du hast's lange gebrochen. Was zerstört ist, ist zerstört; wir können's nicht wieder aufbauen. Aber die letzten Stunden und Handlungen wollen wir rein und unangefochten begehen. Du hast einen feindlichen Geist. Hüte dich künftig vor den Kindern Gottes. Es wird dir nicht leicht werden, Lindes Schicksal zu verantworten.«
Er wandte sich von ihr ab, weil er Mühe hatte, ihren Anblick zu ertragen, und wartete auf ihr Gehen. Aber sie dachte noch nicht daran. Zuerst war ihr ein eisiger Schreck in die Glieder gefahren, denn jetzt das Haus zu verlassen bedeutete für sie, die nicht einmal des Leutnants Adresse wußte, unweigerlich den Verlust der letzten Hoffnungen und den Beginn des Alters; während der Dechant den jungen Mann den Wirkungen aussetzte, die von der Sterbenden auf ihn übergingen, schloß sich dort der Kreis wieder und wurde sie einsamer, als sie je gewesen war. Aber auch in diesem gefährlichen Schreck wußte sie sich zu beherrschen, und nachdem der Dechant mit Anstrengung geendet hatte, zeigte sie nichts hiervon als einen leicht verzerrten Zug um die dünnen Lippen.
»Das — sind ja allerdings sehr interessante Eröffnungen«, sagte sie darauf. »Hoffentlich hast du die Übersicht insoweit behalten, daß du zu bemerken vermagst, wie du mit der Tür ins Haus fällst. Mit deinen Gemeindeangehörigen verfährst du juristischer; du gibst ihnen Gelegenheit, sich zu verantworten, und unternimmst nichts ohne Beweise. Dafür springst du bei mir mit einem herrischen Saltomortale zum Urteil über, und ich habe den Platz zu räumen. Ich werde dir in diesem Charakterfehler nicht zum zweitenmal helfen, sondern die Überlegenheit behaupten und hierbleiben. Ausgenommen den Fall, daß du Beweise gegen mich aufbringst. Nun, den kann ich abwarten. Nachher wirst du froh sein, daß ich dich vor der Wiederholung einer peinlichen — Unedelmütigkeit bewahrt habe.«
Der Dechant hatte sich mit einer Röte im Gesicht etwas hastig nach ihr umgedreht; doch faßte er sich, und ruhig erwiderte er: »Die Beweise sind mit Heinz auf dem Weg hierher. Ich werde sie dir nachschicken.«
Sie besann sich einen Augenblick, indem sie erwägend auf ihre nervös wippende Schuhspitze blickte. »Es ist doch seltsam«, sagte sie dann langsam, »daß du nicht wenigstens von einer Partei Nachrichten besitzest. Wozu habt ihr nun die Beichte? Oder beichtet Linde beim Vikar? Das wäre beinahe pikant. Und die Magd?« Und als er sie nur verständnislos ansah, fuhr sie noch ruhiger fort. »Sieh mal, irgendwo muß es jetzt doch bei dir hapern. Wenn du von der andern Seite nur halbwegs unterrichtet wärest, so würdest du außerordentlich billiger arbeiten. Du stürzest dich sehr hoch in moralische Unkosten, bemerkte ich. Ich habe mit Heinz, um die widerliche Sache offen auszusprechen, nichts zu tun gehabt, was man nicht wissen dürfte. Dagegen stelle ich mit Verwunderung fest, daß man den Leuten einen schönen Tod vorsterben und als halbe Heilige gelten kann, alles mit einer Beichtsünde, einer ganz derben Verschweigung im Gewissen. Da liegt sie nun weiß und fromm mit ihrem Mädchengeheimnis, ist absolviert und womöglich seliggesprochen, und du tappst über die gröbsten Vorgänge im Dunkeln. Nun, so höre. In jener Nacht — du weißt, welche — wollte ich mich in Heinzens Zimmer über gewisse Beobachtungen persönlich überzeugen. Es war ungefähr um ein Uhr. Als ich durch die Tür trat, fand ich das Zimmer leer und das Bett unberührt. Bei mir war er nicht, sonst hätte ich mir den Gang erspart. Wenn er nicht bei Linde war, so steckte er bei dir oder war auf Abenteuer aus. Du sagst, daß der Beweis auf dem Weg sei; ich sehe ihm mit Ruhe entgegen, sowenig angenehm es einem reifen Menschen sein kann, sich mit solchen Widerlichkeiten befassen zu müssen. Indessen, du willst es. Warten wir also ab.«
Sie erkannte beinahe augenblicklich, daß sie sich nicht im Mittel, denn sie besaß kein andres, aber in der Anwendung vergriffen hatte. Einem noch so schweren Anfall von Zorn oder Entrüstung hätte sie ruhig standgehalten, aber als er nun sein gutes, männliches Gesicht voll Widerwillen von ihr wandte und mit trüber Schwere unter dem menschlichen Schmerz, den er dadurch erlitt, stumm ans Fenster trat, zunächst offenkundig unfähig, sich zu einer weiteren Antwort zu bewegen, erbleichte sie. Wenn eine wirkliche Verleumdung nicht verfangen hätte, so wäre sie um neue Lügen vielleicht nicht verlegen gewesen; zu erleben, daß eine echte Wahrheit ihr in der Hand verfaulte — unter solchen Umständen — und zur gemeinen üblen Nachrede wurde, erschütterte sie. Der Vorgang fiel als Urteil ungesäumt in ihr Selbstbewußtsein zurück und ließ sie den Grad fühlen, bis zu dem ihre Leidenschaft ihre moralische Stellung und damit ihren menschlichen Kredit, der darauf beruhte, schon zerstört hatte. Eine bestürzende Empfindung durchfuhr sie auf einen Moment, die ungefähr besagte: »Es ist weit mit dir gekommen, Malva!« Ihr von Jugend auf unfrisches Herz tat einige rasche, nervöse Schläge, während ihr literarisch geladenes Hirn umsonst darüber war, neue Auskunftsmittel zu schaffen. Indessen tat der Dechant einen beschwerten Atemzug und begann wieder zu sprechen.
»Das ist ganz genau so, wie damals Linde sagte. Wer jemand nach dem Ganzen steht, der kann auch noch ein Buch gestohlen haben; es liegt nichts daran. Er kann das erlegte Wild auch noch verleumden; es wiegt kaum mehr. Malva, wir sind hier so von Kummer niedergedrückt und vom Schicksalsgefühl durchdrungen, daß einzelne Bösartigkeiten bei uns keinen Eindruck mehr machen. Ich wollte, daß du das begriffst, damit du dir besser dientest. Was uns angeht, so haben wir nicht nötig, Heinzens Zurückkunft abzuwarten. In dem Brief, worin er sie in Aussicht stellte, schrieb er von gewissen Verlobungs- und Heiratsplänen, an denen — nicht Linde beteiligt ist. Willst du mehr Beweise? Was damals vorgegangen ist, kann, wenn es irgendeinen menschlichen Sinn haben soll, doch nur dazu der Auftakt gewesen sein. Ich füge noch hinzu, daß die arme Kranke, ich weiß nicht auf welchem Weg, und will es nicht wissen, von diesen abgeschmackten Aussichten erfahren hat; es war nicht möglich, daß sie wenigstens in Frieden starb. Nun tun wir das Ganze mit einemmal ab. Und so geh mit Gott!«
Endlich erkannte sie, daß sie diesem Mann gegenüber, der nichts mehr verlangte, wozu sie ihm verhelfen konnte, den Einfluß verloren habe, und erhob sich mit leise zitternden Knien.
»Ich kann mir ja nicht denken, daß wir schon miteinander fertig wären«, sagte sie bitter blickend. »Vielleicht hast du dir in der Erregung noch nicht klargemacht, ob du auch die Mittel besitzest, deinen Willen gegen mich materiell durchzusetzen. Linde habe ich nicht die Nachricht hinterbracht, ich kannte sie bis auf diesen Moment selber nicht. Sie ist sehr interessant. Nun, wir werden sehen.« Mit einem verfallenen und vereinsamten Zug um den Mund schob sie sich hinaus. Es schien, als ob sie nicht mehr Herrin ihrer Gelenke sei. Die Mitteilung von Heinzens Absicht, die sie sonst als Sieg gefeiert hätte, brannte ihr nun wie Galle im Eingeweide, und mit letzter Kraftanstrengung erreichte sie ihr Zimmer.