Erster Teil / Liebe
Reading edition

Erstes Kapitel Ein halbfrommer Mann singt den Gregorianischen Lobgesang. Es wird Besuch empfangen und noch eine Einladung erwogen

In einer schönen alten hessischen Kleinstadt steht ein ebensolcher Dom, an dem ein Mann von bedeutenden Qualitäten als Dechant wirkt. Das heißt, die Qualitäten fangen eben erst recht an, wie ein Sternnebel zu atmen und zu leuchten; eine Zeitlang schien es, als sollten sie sich in Liebhabereien so aufbrauchen und der Rest in die allgemeine Luft verpuffen, und als sollte ein süddeutscher Christ und Katholik nach nicht unernsten Jugendwegen sich so sachte ins weltbürgerliche Wohlgefallen verlieren. Die Welt sah diesem Spiel mit Ruhe zu, aber der Erzbischof hatte seine eigene Meinung darüber, und Gott hatte noch eine eigenere. Aus der Entwicklung dieser und anderer Verhältnisse, von denen sofort die Rede sein soll, entstand dann durch Herbst und Winter ein Schicksal, das sich mit Nutzen erzählen lassen wird.
Als der Erzbischof den damaligen frommen, hoch- und tiefsinnigen Pfarrer Klemenz Ekkard auf das Dechanat gestellt hatte, war es in der Meinung geschehen, einen etwas ausgesetzten Posten mit einem lebendigen und treuen Mann zu versehen, denn ringsum standen und drehten sich auf den Türmen im Wind der Zeit die Hähne des Protestantismus um die steilen, hohen Kreuze des Domes. Als dann der Dechant im zweiten oder dritten Jahr als erste öffentlich sichtbare Amtshandlung die Renovierung des Domes beim Erzbischof anregte und nach dessen Zustimmung bei der Regierung forderte, lag die Notwendigkeit dazu mit vielen Zerfallsmerkmalen deutlich vor, und widersprach die Unternehmung in keiner Weise den Erwartungen, die sein hoher Vorgesetzter sich von ihm machte, obwohl sie auch nichts Unmittelbares mit dem christlichen Kernpunkt zu tun hatte, denn das Licht der Welt ist in einem Stall aufgegangen, und in großen, herrlichen Gotteshäusern hat man schon viel Verderbnis und Todesstarre gesehen. Inzwischen stellte es sich aber heraus, daß die endlich nach jahrelangen Verhandlungen eingeleitete Arbeit dem Dechanten mehr Stoff gab zu schönwissenschaftlichen, als zu geistlich frommen Anregungen. Aus der männlich gottseligen Entschiedenheit leiteten sich sachte gewisse Kunsttrödeleien ab. Der hellsinnige Freund Gottes entwickelte sich zu einem Freund von hübschen Altertümern; er wurde ein Truhen- und Bücherwurm, ein Schürzenjäger nach alten Meßgewändern, ein blonder Maulwurf der zünftigen Kunstgeschichte, der seinen gelehrten Rüssel bald überall ansetzte. Wo die Hacke der Arbeiter aufschlug, da war er sofort mit seinen Fingern dazwischen, um ein zugetünchtes oder vergrabenes Altertum herauszuklauben, und bald ging überhaupt das ganze Baugeschäft mit der begeisterten Mithilfe des Architekten nach seinem kunstgeschichtlichen Interesse. Jeden Morgen sah man den ziemlich großen, ernsten Mann mit sauberer Soutane in das Trümmerfeld kriechen, in das er die Stätte der Andacht nach und nach verwandelt hatte, und mittags kroch er mit schmutziger und mit den Lungen voll Mauerstaub wieder heraus, um sich zuerst einigermaßen wieder zurechtzuschütteln und zu husten und dann wie ein Maurergeselle zum Mittagessen zu gehen.
Die erste Person, mit der ihn dies neue Leben in Widerspruch brachte, war weder Gott, der viel Zeit, noch der Erzbischof, der etwas weniger hatte, sondern seine alte, treue Haushälterin. Das war ein gottesfürchtiges und redliches Weib von einigen fünfzig Jahren, das noch einen Zahn besaß, damit aber tüchtig zubiß, und ein braves, unerschrockenes Herz, dem man zu Unrecht Härtigkeit nachredete, sondern was so aussah, das war Notwehr. Im Haus eines Dechanten am Dom einer nicht eben reichen Kleinstadt laufen die Möglichkeiten, Geld auszugeben, wie Hühnerscharen die Treppen auf und ab, und wenn nicht ein guter Haushund zum Rechten sieht, so kann der Dechant gegen das Ende des Vierteljahres selber auf den Bettel gehen, wenn er nicht seine Opferstöcke angreifen will. Eine gewisse geistliche Verwegenheit im Ausgeben von Geld war aber außerdem ein Zug an ihrem Herrn, den sie verehrte, und um dessentwillen sie ihn mit liebte — er hatte für sie noch andere, mit denen sie weniger zankte —; die liebende Verehrung hörte bei ihr höchstens einmal auf, wo die großmütige Neigung den Gang des Hauswesens in Gefahr brachte und zur vollkommenen Kassenöde führte, was leider immer wieder vorkam. Obwohl er nun schweres Geld in seine Privatliebhaberei steckte und sogar sein Kapital dafür angriff, und obwohl er ihr beschmutzte Schuhe und zerrissene Soutanen genug ins Haus brachte, setzte ihr Widerstand doch nicht auf der irdischen Linie ein, sowenig ihr auch diese Dinge gefielen, sondern in ihren Augen hing sich ihm, seitdem er den heiligen Ort zur Rumpelkammer gemacht hatte, je länger, je sichtbarer ein Gespinst von Gotteslästerlichkeit an. Wenn er gegen ihr Gemurre mehr oder weniger geduldig die Notwendigkeit und den Zusammenhang der Maurerarbeiten ins Treffen zu führen suchte, so hatte er den Schein der Wahrheit für sich, aber auch nur den Schein, und die alte Person hieb keineswegs ins Blaue, wenn sie meinte, daß er darum doch nicht das ganze Münster einzureißen brauche, außer wenn er ein völlig neues bauen wolle, aber soviel sie wisse, sei eine Ausbesserung im Werk, kein Neubau. Wenn er also die Gemeinde einen Sonntag wie den andern im nachgelassenen Maurerstaub zwischen groben Gerüsten und umgestürzten Altären auf dem bloßen Erdboden knien lasse — denn auch die Platten waren allenthalben aufgebrochen —, so müsse man doch sagen, daß eine Kirche für den Gottesdienst da sei, und sie ihrerseits pfeife ihm auf seinen gebildeten Architekten, der ihn nur noch mehr verführe, und auch auf die alten Meßgewänder, die man unter den Platten gefunden habe, Gott möge ihr die Sünde verzeihen. Ihr sei die Andacht verdorben, und wenn sie während des Hochamts weltliche und zanksüchtige Gedanken beschlichen, so trage er daran die Schuld.
Nun war er nicht der Mann, dergleichen Einsprüche auf die leichte Achsel zu nehmen, und die Zweifel einer gläubigen Seele hatten ihm je und je starken Eindruck gemacht. Aber hier handelte es sich nachgerade um eine Leidenschaft. Wo er hinguckte, da sah er geschichtliche Niederschläge und Kunst oder Unkunst, aber keine göttlichen Beziehungen mehr, und kaum noch menschliche, wie dem Pilzsucher mit der Zeit überall Pilze aufstoßen, schließlich kann er kein Stückchen Wald oder magern Rasen sehen, ohne ihn auf Pfifferlinge und Champignons einzuschätzen. Er hätte am liebsten auch den unendlichen Himmel abgekratzt, um zu sehen, ob nicht Fresken darunter zum Vorschein kamen. Sogar die Orgel hatte er abbrechen lassen, weil nach alten Chroniken früher dort die Empore der Landgrafen oder Kurfürsten gewesen sein sollte; wirklich fand er an den Wänden ein paar Malereien und hinter dem Orgelkasten einen vergessenen oder verlorenen Hut aus dem siebzehnten Jahrhundert, den die Motten schon halb aufgefressen hatten. Indessen sang die Gemeinde zu einem kleinen, eingestaubten Harmonium auch noch nicht übermäßig schön, und dazu blickte sie zu unbemalten Nachbildungen aus Pappe auf, die an Stelle der entfernten Heiligen überall aufgestellt und -gehängt waren.
In diesem stillen Haus lebte noch eine dritte Person, ein junges Mädchen namens Linde, das seine Nichte war und der alten Brigitt, lieber noch ihm selber zur Hand ging, aber nicht in seinem antiquarischen Maulwurfstreiben, sondern in seinen mehr menschlichen und seelsorgerlichen Angelegenheiten. Linde empfing seine Besuche, besorgte ihm den laufenden Briefwechsel, soweit er nicht zu vertrauliche Dinge betraf, und die Armen- und Krankenpflege stand beinahe ganz auf ihren zwei schmalen Schultern. Sie trug die Last mit vielem Ernst, mit natürlicher Liebe und einigen übernatürlichen Kräften, da sie mit gleicher frommer Innigkeit zwischen den Geheimnissen der Finsternis und den Holdseligkeiten des Lichtes stand. Die Menschen fürchtete sie nicht, und vor ihrem Schmutz schreckte sie nicht zurück, so rein sie in ihrem Teil lebte. Es gab also viele Leute, die sie suchten, um sie auszunutzen, und wenige, die ihr außer ihrem Elend etwas dafür zurückgaben, und dieses erwiderte sie sofort durch Mitleid. Sie war hübsch, mittelgroß, sehr ziervoll, blauäugig, braunhaarig und zart von Gesundheit. Auch sie fand in ihrem gottesfürchtigen Herzen, daß es der Dechant mit seiner Kunstgräberei etwas zu wild betreibe, aber gegen eine kirchliche Respektsperson, die er ihr war, hätte sie nie gewagt, mit einem Wort oder einem Seufzer zu verraten, wie sie an der zerstörten Kirche litt, und nach ihrem Gefühl versündigte sich die alte Person mit ihren aufsässigen Reden. Sie glaubte nicht, daß ein erwählter Diener Gottes auf die Dauer etwas ganz Verkehrtes tun könne, und sah Gottes Ratschluß darin, daß nach so langer Verborgenheit die schönen alten Meßgewänder, Bilder, Kreuze, Bücher, Pokale und Monstranzen aus ihrem Schutt wieder auferstanden, um vielleicht an dem frommen Werken der Längstvergangenen die Gegenwärtigen zu ebensolchen zu entzünden. Mit solchen Gedanken aber auch mit keinen andern, suchte sie den Oheim zu beruhigen, wenn er sich einmal klagend über den Unverstand und die Bockbeinigkeit der Gemeinde und Behörden gegen sie ausließ, und das war für ihn außer dem verwandtschaftlichen, um nicht zu sagen väterlichen, noch ein weiteres Verständnis, das ihn mit dem stillen, tiefgründigen Mädchen und dessen fruchtbarem Wandel verband. Obwohl er im Lauf der stets breiter ausgreifenden Arbeiten im Dom gelernt hatte, mit den Füchsen zu bellen oder auch einmal allein kräftig anzuschlagen, um seinen Willen durchzusetzen, so lag dies Treiben doch sehr wenig seiner geistigen und im Grund freien Natur, und das Mädchen schätzte er vielleicht am höchsten deshalb, weil es ihm jene Natur rein und ungekränkt zu enthalten schien, sei es als Beruhigung, sei es als Versprechen auf eine spätere Zeit, in welcher auch er dazu zurückkehren würde, und was ihm immer wieder neben aller kindlichen Unfertigkeit an ihr Achtung abgewann, das war, wenn nicht die Größe ihrer seelischen Richtung, so doch die Möglichkeit zur Größe.
Ein großer Charakter ohne Wenn und Aber war jedoch der Hund, der noch zum Haus gehörte, ein dunkelgrauer, lebhafter Boxer von ausgesucht rassigen Körperformen und mit einer Vergangenheit, die allein so viele Kapitel umfaßte wie die aller andern Hunde des Städtchens zusammengenommen, weil die Unternehmung das Element seines Lebens war. Jedoch das Fundament dazu gab eine unbestechliche Treue gegen seine Herrschaft, ein angeborener Hochsinn, der sich durch seine Stellung als Hund einer geistlichen Respektsperson und durch den nahen Umgang mit dieser und der auch nicht sehr ungeistlichen der jungen Nichte noch gesteigert hatte. Eine gewisse innere Erwecktheit war die Furcht seiner besondern Anhänglichkeit an Linde. Als weitere Eigenschaften zeigte er Stolz, Phantasie, Verstand, unermüdliche Aufmerksamkeit, aber nicht die knechtische des Hofhundes, sondern sozusagen eine vergeistigte, die auch auf andere Dinge achtete, als die mit dem Futter- und Besitzneid des Hundes zu schaffen haben, und eine vollkommene Furchtlosigkeit. Dazu kam noch eine immer frohgestimmte Angriffslust, die ihn zum unabhängigen Beherrscher seines Reviers machte; sie hätte ihm viele materielle Vorteile einbringen können, aber er bezweckte nichts mit ihr, als immer wieder seine Überlegenheit festzustellen, und es war noch nie vorgekommen, daß er einen Knochen von der Straße aufgenommen hätte. Seinen ausdrucksvollen, ernsten Kopf zierten unzählige große und kleine Narben und Bißwunden, und infolge eines Feldkampfes mit einem Fuchs hatte er die Sehkraft des linken Auges verloren, das grau und den Leuten etwas unheimlich in seiner Höhle stand, aber dafür blickte das andere um so launiger und unternehmender in die Welt.
In diese Hausgemeinde fuhr eines Nachmittags unvermutet noch ein fremder Geist herein, und zwar trug sich der Einzug folgendermaßen zu. Es war im Herbst. Der Dechant saß zur Abwechslung einmal nicht auf einem Schutthaufen und weissagte mit dem Architekten über alte Pläne des Domes, sondern er stand im Geäst eines Birnbaums in seinem Garten und pflückte Bergamotten. Er hatte einen Sack um die Schultern gebunden, in den er immer mit der gefüllten Hand hinein- und mit der leeren verlangend wieder herausfuhr. Dazu summte er leise und versponnen die Melodie des alten Gregorianischen Lobgesangs vor sich hin, wie es sich für einen frommen deutschen Menschen schickt, wenn er in diesem strengen Kriegslauf einen gesegneten Obstbaum ansieht, der mit seinen Früchten fürstlich am Licht steht. Der gegenwärtige sah nun nicht bloß, sondern er hing als eine andere Frucht Gottes, aber eine unreife, lose schwankend zwischen dem reifen Jahressegen und machte unter allem stillen Einheimsen im Kopf den Überschlag, wieviel davon nach der Stadt zu kriegsbedürftigen Verwandten und Freunden auf den Weg gebracht werden müsse; es kam nicht wenig dabei heraus. Aber wenn er von seinem Ast einen Umblick tat, so sah er in lauter fruchtschwere Apfel- und Birnbäume hinein, die alle in seinem Garten standen, und über hundert und tausend andere, die drunten in den Bürgergärten und im Tal dem Flüßchen nach und gegen den Wald hinauf ihre Habe an der Sonne gar kochten. Ab und zu schoß ihm ein Vogel wie ein Schatten an der Nase vorbei oder sank ihm ein Räupchen an langem Faden sachte auf den Ärmel, und wenn ihm eine Birne zu Boden fiel, so sagte er: »Dummes Tier, was hast du nun davon? Eine Beule, und daß du zuerst gegessen wirst; das ist nur weniger vornehm.« Wenn ein Korb voll war, so blies er in eine Holzpfeife, und dann kamen seine Frauen und holten ihn. Die Viertelstunden schwebten ihm verträumt wie Goldgespinst von den nahen Türmen des Domes herab und woben ihn so ins Nachmittagslicht ein, als sollte er nun ewig Birnen pflücken und den Gregorianischen Lobgesang summen; nachher begann er ihn auch leise zu singen.
Plötzlich fuhr aber Bob den Gartenweg herab, sauste zweimal um den Baum, ohne den Dechanten zu finden, begann suchend am Boden zu schnüffeln, entdeckte plötzlich seinen Herrn im Gezweig, wo er sonst nur Vögel sah, und fing, darüber aufgeregt, aus vollem Hals zu jaulen an. Er machte sogar Versuche, die Leiter hinaufzuspringen, weil er sich nichts anderes denken konnte, als daß der Dechant durch einen Unglücksfall dort hinaufgekommen sei und sich entsprechend übel befinde. Als er Linde denselben Gartenweg herkommen hörte, rannte er ihr entgegen, um sie von dem außerordentlichen Mißstand zu unterrichten. Sie schien auch wirklich selber erregt zu sein, wenigstens lief sie schnurstracks zum Baum, um über und über rot hinauf zu melden, daß ein Leutnant da sei, packte dann den halbvollen Korb bei den Ohren und fuhr wie der Wind damit ab, ohne links und rechts zu sehen. Ihr dunkelblonder Scheitel leuchtete golden und klug den Gartenweg hinauf. Über ihre weiße Bluse spielten die freundlichen Sonnenlichter des Herbstes. Indem ihre schlanke Figur um eine Himbeerhecke verschwand, ging dem Dechanten ein Gedanke durch den Kopf, den er schon oft gedacht hatte, wenn er sie irgendwo unvermutet erblickte: »Nein, sie ist gar nicht mehr klein«, murmelte er. »Manchmal möchte man sogar glauben, daß sie ordentlich unters Maß gewachsen sei. Man muß sie einmal an den Türpfosten stellen.« Etwas betrübt wegen der Störung kletterte er mit dem Sack über der Schulter Tritt für Tritt die Leiter hinab, erinnerte sich drunten, daß Linde den Korb weggeschleppt hatte, ohne einen andern dafür herzusetzen, und verfolgte kopfschüttelnd ihren Weg dem Haus zu. Bob gab durch einige ungestüme Bewegungen schnell zu verstehen, wie er sich freue, seinen Herrn wieder in normalen Umständen zu sehen, und flog davon, Linde nach; er machte einen Buckel vor Eifer und feuerte mit den Hinterbeinen breit rückwärts heraus, daß der Kies flog. Aber schon kam er in langgestrecktem Galopp zurück und hinter ihm her Linde mit dem leeren Korb. »Gib nur her«, sagte sie betriebsam. »Daß der Leutnant nicht warten muß. Und bürste dich vorher ein bißchen ab. Vergiß das nicht.« Der Dechant wollte noch etwas über den Krieger fragen, aber Linde schob ihn mit den Worten: »Er ist naseweis und hat ein kurzes Gedächtnis!« beinahe zornig den Gartenweg hinauf, und der Dechant ging leise schmunzelnd vollends dem Haus zu. »Sie ist auch nicht anders als die übrigen Evastöchter, gottlob!« dachte er vergnügt. Aber bevor er den Leutnant näher ansah, trat er in sein Schlafkabinett, um gehorsam einiges Spinngeweb von seiner Soutane zu bürsten.
Als er dann dem fremden Militär gegenüberstand, fand er gar keine besondere Erscheinung in ihm, sondern nur seinen von früher her wohlbekannten Neffen Heinz, den er freilich viele Jahre nicht mehr gesehen hatte; seit seinem letzten Bubenbesuch war das Flüßchen etwa achtmal zugefroren, ungerechnet die beiden warmen Winter, in denen es zu keinem Eis gelangt hatte. Inzwischen war der junge Mann durch verschiedene Lehren gelaufen, auch in Amerika gewesen, hatte schon einen ordentlichen Vertrauensposten versehen und war nach dem Ausbruch des Krieges als Heizer im Kohlenraum eines holländischen Schiffes nach Deutschland zurückgekehrt, um als Reserveoffizier seinen Mann zu stellen. Diese Absicht hatte er bereits so weit verwirklicht, daß seine Brust beide Eiserne Kreuze und noch dazu zwei landesfürstliche Auszeichnungen schmückten, und daß er in seinem Regiment als eine »große Kanone« galt.
»Nun sieh mal an«, rief der Dechant dem gesunden und frischen Offizier erfreut entgegen. »An dich habe ich gerade heute gedacht. Grüß Gott, Heinz. Haben dich denn die Engländer wirklich am Leben gelassen? Daran taten sie unklug, was ihr Interesse angeht, obwohl ich's sehr zu loben weiß. Es scheint auch auf die Linde einen gewissen Eindruck zu machen. Du kannst dir etwas darauf zugute tun, daß das Mädel ohne Kopf im Garten herumschießt; es ist sonst das kapitalfesteste und kaltblütigste Frauenzimmer, was das Mannsvolk angeht. Setz' dich, lieber Junge. Wirst du ein paar Tage bei uns wohnen? Hoffentlich recht viele!«
»Na, wollen mal sehen, wie mir das Klima bekommt«, lachte der Krieger. »Aber wer ist denn die Linde, wenn man in einem so frommen Haus nach dergleichen fragen darf?«
»Nun, eins von euch scheint sich sehr verändert zu haben«, wunderte sich der Dechant. »Aber sie sagte schon, du habest ein kurzes Gedächtnis. Kennst du wirklich das kleine Mädchen nicht wieder, mit dem du vor zehn Jahren hier in den Himbeerbüschen gehaust hast? Gott erbarme sich, wie hat sich die Brigitt über euch erbost! Und wie kam ihr nachher das Haus leer vor!«
»Wahrhaftig, sie erinnerte mich doch an sie«, wunderte sich nun auch der Soldat. »Aber damals war sie strohblond und pumpelrund und hieß Marie.«
»Ja, diese Veränderung ihres äußern Menschen ist auch eins von ihren Geheimnissen«, nickte der Dechant ernsthaft bestätigend. »Was den Namen angeht, so schrieb mir kurz nach eurem Besuch ihre Mutter, daß sie ihn aus eigener Machtvollkommenheit geändert habe. Eines Tages sei sie mit dunklen Augen aus dem Garten gekommen und habe erklärt, die Linde sei ein sehr schöner und heiliger Baum, und sie wolle Linde heißen. Nun sagte man ihr, die Mutter Gottes sei eine noch viel schönere und heiligere Frau; warum sie denn nicht mehr Marie heißen wolle? Worauf die merkwürdige Antwort kommt, Tante Klinger, ihre Patin, sei keine schöne und keine heilige Frau und heiße auch Marie. Und dabei bleibt sie. Auf den Vorhalt, Tante Marie werde sich beleidigt fühlen, schweigt sie hinterhältig. Wirklich waren die beiden auch keine besonderen Freunde; nun, das weißt du wohl selber, du hast der Linde bei manchem Indianerstück gegen sie geholfen, als ihr alle gleichzeitig hier das Haus unsicher machtet. Eine Zeitlang nannte man sie scherzhaft Linde, um sie zu necken, wie das so geht in einer Familie, und dann blieb der Name an ihr hängen. Er ist ein bißchen heidnisch, aber gar nicht roh, da hat sie schon recht, und die Linde war von früh auf der Schirmbaum der Mutter Gottes. Nun, du wirst noch mehr Wunderlichkeiten bei ihr finden, wenn du dir die Zeit dazu nimmst.«
»Besondere Geschäfte hat sie seither körperlich nicht gemacht«, meinte Heinz zweifelnd. »Damals war sie handfester. Nicht, daß sie eben elend aussähe, aber ein bißchen unsolid für irdische junge Männer. Hat sie's denn an der Lunge?«
»Muß es ein Mensch gleich irgendwo haben, wenn er zarter registriert ist?« spottete der Dechant. »Sie hat einen empfindlichen Magen wie alle Ekkarde; das ist alles. Dem einen fehlt's mehr an körperlichen Organen, dem andern an geistigen. Es kommt alles auf die geheimen Reserven an. Ihr seid ja eine ziegenfräßige Gesellschaft, muß ich sagen. Ich dachte, ihr würdet etwas bescheidener aus dem Krieg heimkommen, aber hochfahrender seid ihr geworden. Nun, Gott mit euch, ihr Galgenvögel!«
»Aber ich habe ja nichts gegen das Mädchen einzuwenden!« lachte der junge Mann. »Gut, ich sage nicht unsolid, sondern zierlich. Für uns läuft's auf dasselbe hinaus. Woran sollen wir uns halten? Vielleicht hat uns der Krieg verdorben. In Frankreich gibt's wirklich hübsche Weiber. Die unsern wollen mehr von innen genommen sein; das ist zeitraubend. Ich glaube ja nicht besonders an diese Innerlichkeit; das soll ein Ersatz sein für das mangelnde Temperament. Nun, wenigstens hat sie Grazie; das ist schon etwas. Ist sie denn noch frei?«
»Jedenfalls bist du's«, sagte der Dechant doppelsinnig. »Wenigstens gibst du dich so.« Doch war zu hören, daß er ihm wohlwollte, und der Ermahnte hörte es.
»Ich bin jetzt eigentlich gar nicht zu Frechheiten aufgelegt«, bemerkte er beinahe nachdenklich. »Mir ist eher sentimental zumut, elegisch wegen dem Wiedersehen mit der Heimat und so weiter. Denn von der Heimat hab' ich noch wenig gesichtet seit Amerika; ich kam doch gleich aus dem Schiffsbauch in den Schützengraben. Aber was die Linde angeht, so ist es mir nicht sicher, daß du wirklich weißt, was hinter ihr steckt. — Ach, die Väteruhr. Sie hat immer noch ihr Ewigkeitspendel. Dann die braven deutschen Birkenmöbel. Die blauen Sessel. Mehr Blumen sind da als früher; das ist wohl die Hand des Mädchens? Die dicken Mottenvorhänge hat gewiß auch sie abgeschafft und Mullgardinen dafür aufgehängt. Eine Art von Übertragung des Ewigweiblichen nach außen. Zudem stehen sie besser zu den Birkenmöbeln und sind sogar stilreiner. — Tja, ihr habt eure Atmosphäre. Bei uns stinkt's nach Pulver und Gas; aber einen gewissen Stil kann man auch uns nicht abstreiten. — Hm, also das Mädchen. Wie sie da hereinkommt und mich zuerst sieht, macht sie doch eine Bewegung, als ob sie mir geradeswegs in die Arme laufen will. Die Heimat, denke ich, denn mir ist doch alles Heimat hier, was mir in die Arme läuft, oder wem ich in die Arme laufen kann. Im übrigen bin ich ein heimatloser Gesell, an dem schon die ganze Nation Vaterstelle vertreten muß. Sohn des Volkes. Auch gut. Also sie erkennt mich sofort, ich sie nicht. Das merkt sie denn und bekommt auf den Schlag ein anderes Gesicht, ganz junge Dame und ungeheuer reserviert. Was der Herr Leutnant wünsche. Und dann läßt sie mich mit aller Dummheit stehen, und mir ist doch so hinter ihr her, als hätt' ich etwas Rechts verpaßt. Derweil ist's nur eben grade meine gewesene Spielschwester. Zu komisch, was so aus den Leuten wird, wenn sie auseinander wachsen. — Sag' mal, hat sich jener alte Druck wiedergefunden, das Hohelied Salomonis, das Büchelchen mit den kurzweiligen Bildern, das auf einmal verschwand? Es gehörte ja auch nicht gerade in ein so gottseliges Milieu. Hast du wieder etwas davon gehört oder gesehen?«
»Nein, das hat sich nicht wiedergefunden.«
»Glaubst du noch, daß die Klingse es geklaut hat?«
»Du meinst die Tante Marie. Das ist eine dunkle Sache. — Wir sprechen eben von eurer Klingse«, wandte er sich ernsthaft gegen die wieder eintretende Jungfrau, die mit dem Geschirr für den Nachmittagstee kam. »Der Name enthält beinahe ein Programm, nämlich eins des Unbehagens. Es ist eine bittere Frau; Gott mache sie süßer. Heinz bringt mich darauf, daß ihr damals vielleicht Unrecht geschehen ist.«
Sie streifte die Gegend des Offiziers mit einem halben Blick, um dann das Teegeschirr abzustellen.
»Vielleicht«, sagte sie leicht errötend. »Hat dir der Herr Leutnant Anhaltspunkte gegeben?«
»Anhaltspunkte? Nein, eigentlich nicht. Es ist mehr eine Gefühlssache.«
»Dann mußt du deinem Gefühl nachgehen.«
»Nun, der Handel hat doch seine Tragweite«, meinte er bedenklich. »Habe ich ohne klare Beweise ihr unrecht gegeben und soll nun wieder ohne klare Beweise mir unrecht geben? Solche Dinge werden mit den Jahren schwerer beweglich; vollends Gefühlen nachzugehen, wird man fortgesetzt mißtrauischer.«
»Na, diese liebe Verwandte ist auch wirklich kein besonders begeisternder Mensch«, warf Heinz lachend ein. »Seid froh, daß ihr sie los seid. Ihr tut ja so, als ob ihr euch nach der Möglichkeit sehntet, euch wieder einmal recht ausbündig zu ärgern und euch am Leben stören zu lassen.«
Wenn Heinz mit der Bemerkung bezweckt hatte, Lindes Augen auf sich zu ziehen, so erlebte er jetzt allerdings einen Erfolg, aber nicht in der gewünschten Richtung. Sie wandte sich einigermaßen fragend nach ihm um und dann mit bemerklicher Würde ihrem Oheim zu.
»Kannst du den Herrn nicht veranlassen, wenn er mit dir so gut bekannt ist, sich auch mir vorzustellen?« erkundigte sie sich, vom Kopf bis zu den Füßen eine einzige Verwunderung. »Vorher möchte ich mich nicht auf ein so ernstes Thema mit ihm einlassen.«
»Donnerwetter!« sagte der Soldat verblüfft und erhob sich, um ihr eine halb scherzhafte, halb verlegene Verbeugung zu machen. »Verzeihung, Heinz Ekkart. Die junge Dame hat sich etwas unerwartet entwickelt, darum erkannte ich sie nicht gleich wieder — wenigstens nicht mit den Augen, wenn auch das Gefühl sprach.«
»Dann mag's weitersprechen«, erwiderte sie, noch wenig besänftigt. »Aber was die Tante Marie angeht, so weiß man entweder nichts Besonderes und läßt die peinliche Sache auf sich beruhen, oder man weiß und findet dann für seinen Anteil etwas warmherzigere Ausdrücke. Vor dem Unfrieden der Tante Marie habe ich keine Angst, aber schwerer weiß ich mich mit wirklichem Unrecht abzufinden. Lieber Onkel, ich glaube, wir sind uns allen nun etwas Großmut schuldig und müssen Tante Marie bitten, uns auf ein paar Wochen zu besuchen.«
Dabei blieb sie, und keine Einrede, auch nicht des nun völlig verdutzten Leutnants, brachte sie davon ab. Der Dechant suchte sich noch eine Weile zu entziehen, denn wenn Linde behauptete, keine Angst zu haben vor dem Unfrieden der Tante Marie, so hatte er um so mehr; die zehn Jahre, in denen er seine Schwägerin nicht mehr gesehen hatte, dünkten ihn besonders friedlich und ungestört. Aber über diese Sache gab Linde noch eine besondere Ansicht ab.
»Wenn ich einen wirklich schlimmen Verwandten hätte, einen Verbrecher zum Beispiel, so müßte ich auch meinen Verwandtenanteil an seinem Verbrechen tragen. Hier handelt es sich, wie du selber sagst, um eine Unglückliche; darf man sich von einem Unglück ausschließen?«
»Das Unglück ist nicht direkt mit uns verwandt«, wendete der Dechant ein. »Es ist angeheiratet.«
»Da muß es doch irgendwie verwandt sein, wenn es ein Verwandter von uns geheiratet hat, sonst hätte er es eben nicht geheiratet.«
»Es ist ja gar nicht gesagt«, versuchte sich der Leutnant wieder, »daß ihr etwas daran liegt, euch wiederzusehen. Diese Dummheit hat sie sicher längst vergessen. Vielleicht ist es ihr gerade so wohl bei der Trennung wie euch.«
»Mir ist nicht wohl dabei«, sagte Linde streng und sichtlich verstimmt. »Ich kann mich auch nicht erinnern, daß es damals auf Dummheiten abgesehen gewesen wäre, wenigstens konnte ich es die ganze Zeit nicht so auffassen. — Will sie aber nicht kommen, so haben wir wenigstens das unsrige getan.«
»Verzeihung, aber das sieht doch verflucht nach Selbstkasteiung aus«, platzte der Soldat nun heraus. »Das läßt sich ja alles brieflich erledigen. ›Liebe Tante, Dir ist Unrecht geschehen. Wir haben's heute miteinander ausgeknobelt. Willst Du's in der Zeitung lesen, so setzen wir's hinein. Wie immer Deine und so weiter.‹ Aber im übrigen kann ich euch vor dieser Frau nur warnen; das ist keine Gesellschaft für euch.«
»Aber du bist eine Gesellschaft für uns?« fragte Linde mit aufblitzenden Augen und nun ein wenig lachend. »Du kannst nur einen guten Einfluß ausüben, keinen beunruhigenden und aufstörenden. Nun, auch das muß sich weisen.«
»Wieviel Zeit willst du mir dazu bewilligen?«
»Keinen Tag länger, als bis wir darüber ins klare gekommen sind.«
»Dann will ich mich nur mit meinen Erklärungen vorsehen«, meinte er doppelsinnig. »Angenehme Bekanntschaften, besonders weibliche, soll man nicht durch solche Demonstrationen abkürzen.«
»Ich glaube kaum, daß du dir das Leben durch sie schon sehr verbittert hast; wenigstens siehst du nicht so aus.«
»Nun, du siehst auch nicht aus, als ob du deine Rechnung sehr darauf gesetzt hättest«, wandte er den Spott in einen Lobspruch. »Wenigstens ist mir noch kein Mädchen vorgekommen, das es so gut ohne den Mann zu machen weiß.«
»Du weißt viel«, spottete sie errötend. »Ist erst fünf Minuten im Haus und hat schon alles weg.«
»Nun also, da habt ihr ja wieder Bekanntschaft gemacht«, schloß der Dechant diese Auseinandersetzung. »Was dann die Tante Marie angebt, so will ich dir die Angelegenheit in die Hände legen. Ladest du sie ein, so will ich mich darein schicken. Wenn nicht, dann ist's nicht nötig, und ich kann beruhigt sein. Und jetzt will ich eine ordentliche Begrüßung unter dem jungen Volk sehen. Der Mann kommt aus dem Feld und hat Ansprüche zu machen.«
Das war nicht ganz gegen Lindes Meinung gesprochen. »Wir werden ihm nichts schuldig bleiben, was ihm zusteht«, sagte sie nun freundlich lächelnd und ging ihm mit dargebotener Hand entgegen. »Ich hatte mich viel um dich geängstigt und bin froh, daß du heil dastehst. Du selber, nicht?« fügte sie scherzhaft hinzu, um eine Verlegenheit zu verbergen. »Ich kann mir's vorstellen. Was werdet ihr so über uns Schwätzer und ofenwarmes Stubenvolk denken? Man sollte uns wirklich so lange den Mund zubinden, denn was Gescheites kommt doch nicht heraus. Wie ist's dir jetzt, da du das Ganze so weit hinter dir hast?«
»Gar nicht besonders«, kopfschüttelte er. »Wie soll mir sein? Ich bin doch im Schützengraben jetzt heimischer als in der Heimat. Hier kenne ich mich schwer aus. Wenn ich so sehe, wie hier eine friedliche Menschheit sich weiter dem kleinen Handel und Wandel nachtreibt, so ist's mir direkt, als ob ich in den Traum eines andern Menschen hineinguckte. Ich will ja nichts gegen den Frieden sagen, aber ich verstehe nicht mehr, wie ich früher gelebt habe, ohne vor Langeweile einfach einzugehen. Seht doch unsre Kerls an, was die für Farbe und Wucht bekommen haben. Weltgeschichtliche Haltung haben sie. Das gibt's im Frieden nicht. Jetzt bin ich schon vier Tage schlafen gegangen, ohne wenigstens einen Engländer hinter der Schießscharte weggeblasen zu haben. Das kann man nämlich genau kontrollieren. Wenn man abdrückt, und es fliegen gleich darauf zwei Hände in die Höhe, so weiß man Bescheid. Geradezu komisch ist das manchmal. Wie in der Schießbude. Ich hab' ja sonst mit dem Gewehr nichts zu tun, aber man will doch eine Unterhaltung haben, wenn nicht was Besonderes los ist. Diese Englishmen liebe ich geradezu; sie sind so kolossal zuverlässig. Sich nun vorzustellen, daß eines Tages der Friede ausbricht und die ganzen interessanten Beziehungen plötzlich aufhören sollen — lächerlich. Wirklich lächerlich. Manchmal ist's geradezu eine Panik. Na, vorläufig sind wir ja noch für 'ne Weile sicher. Tja, Mariechen, so ist das Leben. Auf welcher Seite der Hund in den Dreck fliegt, auf der wird er schmutzig. Zu schnurrige Leutchen seid ihr da in eurem Biedermeierzimmer aus Birke und mit den alten Großmuttertassen und -kännchen, dem ernsthaften Familiensofa und den Bildern von längst verstorbenen Verwandten an den Wänden. Na, immerhin will ich dafür sorgen, daß ihr beizeiten auch eins von mir bekommt; es muß sich da nicht übel hängen. Und so rahmt uns, wenn wir tot sind, und verwöhnt uns, derweil wir leben. Seid recht nett zu uns, besonders ihr Mädchen, so nett ihr könnt sogar, nämlich solang ihr uns habt. Wollen sehen, Kusinchen, was du in dieser Richtung leisten kannst.«
Linde hatte diesen kriegerischen Ausführungen mit erst vergrößerten und dann vertieften Augen zugehört, und nach und nach war ihr eine Röte der Anteilnahme oder der Erregung in die Wangen gestiegen. Denn indem sie diesen hübschen jungen Menschen mit den roten Lippen und den blauen, kühnen Westfalenaugen betrachtete, wußte sie nicht, was bei ihm größer war, seine Grausamkeit oder seine Unschuld, sein Selbstbewußtsein oder die einfache Bescheidenheit, mit der er in einer einmal gestellten Aufgabe aufging, und wenn sie noch so dumpf oder fürchterlich war. Indem sie ihn dann inmitten einer Welt von Leid und Jammer interessiert und munter tätig an seinem Schießstand erblickte, seiner Mutter, seiner Kindheit und seiner eigenen Sterblichkeit vergessend, so überkam sie ein so heißes Mitleid mit seiner lebendigen Seele, daß sie ihm nicht anders antworten konnte, als mit ergriffenem Gefühl:
»Du armer, armer Mensch!«
Seine Verblüffung über diesen Eindruck war ziemlich groß. Sonst war er gewöhnt, daß ihn die Mädchen bei solchen Reden bewundernd und in allem Grausen vor seiner hartherzigen Kriegerbrust gerade nach dieser als nach einem verläßlichen Fels verlangend ansahen, und daß er dann nur seine Wahl zu treffen und keine andere Sorge zu haben brauchte, als daß er nicht neben die Rechte griff. Er hätte es auch noch verstanden, wenn Linde eine Lebensbetrachtung wie die geäußerte schroff abgewiesen oder verspottet hätte, ohne darum von seiner Selbstbewunderung etwas aufgeben zu müssen. Aber daß etwas Bedauernswertes an ihm sei, das war ihm bisher weder von jemand gesagt worden, noch vollends von selber eingefallen. Ganz verdutzt von dem Wort machte er: »Nanu? Wieso denn?« und schlug eine verlegene Lache auf, da aber niemand mitlachte, Linde auch offenbar zu weitern Auskünften nicht bereit war, so gab er's achselzuckend auf.
»Ihr seid wohl immer noch die alte seltsame Gesellschaft!« meinte er gutgelaunt. »Also gut, bedaure mich; es soll mir auch recht sein. Warum hast du mich eigentlich noch nicht gefragt, weshalb ich keinen Degen trage, sondern ein gewöhnliches Seitengewehr? Das wollen sonst alle Mädchen wissen. Den Degen braucht man nämlich im Schützengrabenkrieg nicht. Er kommt einem höchstens zwischen die Beine und macht einen stürzen, oder er verrät einen bei den gegnerischen Schützen, die auf Offiziere besonders erpicht sind. Und dann ist das Seitengewehr eine ganz gute Handwaffe, nicht zu verachten. Hat mir schon einigemal gute Dienste geleistet. Sonst« — er sagte es mit einem einfachen und liebenswürdigen Lächeln — »sonst säßen wir hier nicht so hübsch beisammen.«
Dem Dechanten wurden die Augen trübe. »Du stehst etwas tief im Blut, mein Junge!« sagte er ernst. »Ich weiß nicht, ob die Heimat so viel von dir verlangt.«
»Was denn? Krieg ist Krieg. Was soll die Heimat verlangen? Ich vergesse meinen Ersten meiner Lebtage nicht. Es war ein netter junger Englishman. Höchstens neunzehn Jahre. Er sah mich mit ganz großen, erstaunten Augen an, ein bißchen vorwurfsvoll und traurig. Ein paar Tage lief's mir doch nach. Das zweitemal sah ich nicht lange hin; das ist viel besser. Und dann — heute dir, morgen mir. Da hilft schon nichts.«
»Die Liebe würde helfen. Aber wer hört heute darauf? Obwohl keiner im Grund seines Herzens nach etwas anderem verlangt. Kannst du während solcher — Vorgänge oder gleich nachher an Jesus Christus denken?«
»Na, dazu ist er wohl auch nicht da!« meinte der Soldat verdutzt. »Daran denkt wahrscheinlich immer nur der, den's trifft. Und da es nacheinander alle trifft, wenn's nur lang genug dauert, so — tja, das ist noch eine Vorstellung. Thema für eine Predigt, lieber Onkel. Aha, da kommt die Brigitt mit dem Kaffee. Grüß Gott, alte Dame. Obwohl sie kein bißchen älter geworden ist die Jahre durch, das muß wahr sein. Nicht einmal den Rücken beugt sie tiefer. Schade, daß nun so was keinen Jungen dastehen hat. Das kommt von der übergroßen Keuschheit. Man sollte alles mit Maß treiben, meinst du nicht auch, Brigitt?«
»Du übertreibst die Keuschheit jedenfalls nicht«, erwiderte die alte Person halb erbost, halb lachend. »Die Mäuler, die die jungen Herren aus dem Krieg heimbringen, sind schlimm genug, aber sie sind immer noch nicht das Schlimmste an ihnen. Gott bessere sie zeitig, sonst wird's bald zu spät sein.«
»Amen!« sagte Heinz. »Aber du mußt zugeben, daß manchmal auch ganz brave Dinge von uns verrichtet werden. Nicht?«
»Wenn ihr nachher im Frieden halb so große Kerle seid, so will ich euch loben«, meinte sie vorsichtig. »Ich habe gefunden, daß manchmal mehr Mut dazu gehört, seinen Gott zu bekennen, als einen auf Kommando totzuschlagen. Warst du verwundet? Nein? So wird's Zeit dazu, daß du endlich wieder zum Denken kommst. Siehst gut aus. Na, Gott mit dir.«
Mit diesen Worten ließ sie ihn und ging aus der Tür, geradeso gemessen, aufrecht und gesammelt, wie es einer alten Frau in ihrer Stellung und mit ihren Lebensgewohnheiten zukam. Übrigens trug sie ein blaues Waschkleid von hessischem Leinen, das ihren tüchtigen Rücken fest umspannte, aber weit um die Hüften und Beine fiel, und starke schwarze Lederpantoffeln, mit denen sie bei jedem Schritt den Rocksaum hinten etwas in die Höhe stieß. Diese erlaubte sie sich seit etwa zwei Jahren, weil ihre alten Füße hohe Schuhe nicht mehr gut vertrugen; in der Kirche mußten sie's freilich dennoch.
Übrigens war Bob mit dem jungen Mädchen ins Zimmer gekommen, hatte den Soldaten berochen und mit einem Blick auf Linde mitgeteilt, daß man ihn anerkennen könne, und darauf seinen Platz auf dem Fensterbrett aufgesucht, um von dort aus den Zuzug oder Durchgang fremder Hunde auf dem Domplatz zu bewachen. Jetzt rief ihn Brigitt, um mit ihm auszugehen. Er wedelte einen kurzen Abschied und fuhr aus der Tür.
Zweites Kapitel Linde entwickelt sich. Ein Soldat bekommt Zweifel und löst sie praktisch. Die Tante tritt an

In der Folge sah niemand einen Grund, verhindern zu sollen, daß die beiden jungen Leute wieder so gute Freunde wurden, wie sie vorher gewesen waren, auch nicht die alte Brigitt, obwohl nach ihrer Meinung der junge Soldat es mit der Keuschheit nicht genau nahm, aber Linde wußte sie in guter Hut, denn sie ging mit den Engeln schwesterlich um. So wandelte diese denn mit ihrem frühen Jugendgespielen und ihren spätern Schutzgeistern die Gartenwege des Dechanten auf und ab und nachher, als sie etwas kühnlicher wurde, auch die Gassen und Stiege der alten kleinen Heiligenstadt, vergaß bald ihre Engel über dem Soldaten und bald den Soldaten über den seligen Geistern, die ihr zuflüsterten, aber doch immer etwas häufiger und länger die Engel. Die Engel konnte sie auch wirklich nachher, wenn der Soldat weg war, wieder genug haben, aber den Jugendgespielen hatte sie bloß vier oder sechs Tage, je nachdem es ihm bei ihr gefiel. Sie legte es nicht geradeheraus, doch still besorgt und mit gütigem Herzen darauf an, daß es ihm jedenfalls nicht mißzufallen brauchte, zündete jeden Morgen in ihren ernsten Augen ein neues Lichtchen an und manchmal auch schon abends, wenn sie mit der Überzeugung ins Bett stieg, daß er in gar keinem Fall ein schlechter Mensch sei und in diesem und jenem ihr sogar den Eindruck eines lieben und von Gemüt wahrhaft freundlichen Knaben gemacht habe, gottlob, denn das Gegenteil hätte ihr leid getan. Sie trug sogar nach und nach ein wenig frische Farbe auf ihren Wangen und Lippen auf, nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem holden Engelsfinger der erlaubten Lebensfreude und auch nicht zu hastig, aber immerhin so beseelt aus ihrem dankbaren Sinn heraus, daß er es merkte und sie den Tag über manchmal daraufhin ansah.
Es ging von ihrer tiefen Gehaltenheit etwas auf den irdischen jungen Mann über, das ihn ergriff und rührte. Manchmal meinte er, es sei ihre zarte Gesundheit, dann glaubte er, es komme von dem musikalischen Seraphim, der in ihrer Stimme wohnte, dann von dem besondern aus sich seligen Strahl, der oft aus ihren blauen Augen brach, und wiederum schien es ihm, die Wirkung rühre her von Qualitäten und innerlichen Kräften, die ihm zur Zeit und vielleicht für immer verborgen bleiben müßten, denn er war ein Weltkind, aber sie ein Kind Gottes und nicht nur dem Geist nach. Wenn er ihre reinen, langen Hände betrachtete mit den leichten und vornehmen Fingern, die sowenig von sich selber wußten, ihre fromme Stirn, hinter der neben aller Erdenklugheit so unirdische Gedanken wuchsen, und die ganze freundliche Gestalt auf dem feinen Knochengerüst, die ihm, dem gesunden Soldaten, doch eher hinfällig als stark erschien, soviel Federkraft und Leistungsfähigkeit sie auch sonst entwickelte, so überkam ihn ebensooft etwas wie Sorge, daß sie am nächsten Morgen etwa plötzlich nicht mehr da sein könnte, wie Verwunderung darüber, daß sie's dann doch immer wieder war, sich nie auf müden Stimmungen oder Abwesenheiten ertappen ließ und neben allen gemeinsamen Jugenderinnerungen, die er vergessen hatte, noch so mancherlei Einfälle und Reize aufbrachte, die zu seiner Sinnlichkeit sprachen und offenkundig aus Sinnlichkeit kamen, so daß ihm schließlich nichts anderes übrigblieb, als sie auf eine wachsame und etwas verlegene Art zu verehren und ohne vieles Gefrage zu nehmen, was sie ihm bot, und wie sie's bot.
Darüber hinaus mußte er zugeben, daß aus dem Mädel von einst in der Tat ein vollgültiges Fräulein geworden war, mit dem man sich sehen lassen konnte, und das jeden zur Aufmerksamkeit reizte, sobald sie den Mund auftat, manchmal sogar schon vorher, wenn sie lächelte oder nachdenklich den Kopf neigte. Immer sah sie aus wie jemand, der sich etwas denkt oder dies und das schon selber erfahren hat, und wo sie hinkam, da verbreitete sie Vertrauen um sich. Immer häufiger wurden auch die Momente, in denen er sie geradezu reizend fand. Sie, Weib genug, um das zu merken und zwar sofort, freute sich darüber, gab errötend ein weiteres Stück ihres scheuen Jungfernwesens heraus, das er dann sofort ebenfalls bewunderte, und so kam es, daß sie in Wahrheit in kurzer Zeit derart an Lieblichkeit und Weibergut von Gottes Gnaden zunahm, daß es auch die andern Leute merkten und man sie sogar damit necken konnte. Das besorgte der Dechant, der als ein erfahrener Freund aller Schönheit das Auge dafür hatte. Ihm schien sie ein Stück wiedererstandene leibhafte Gotik, und manchmal war es ihm, als müsse er in seinem Münster oder im Schuppen, wohin er seine Figuren und Bilder während der Renovation untergebracht hatte, nachsehen, ob ihm nicht eine aus einem Rahmen oder von einem Sockel verschwunden sei. Denn um falschen Vorstellungen zu begegnen, so fehlte ihr keine von allen Leibesliebenswürdigkeiten, die auch die wundersamsten Gestalten der Gotik an sich hervorbringen, und die das Auge des liebefähigen Mannes je nachdem mit melodiöser Sehnsucht oder mit Formen- und Linienglück erfüllen. Die der beredeten Männer füllte sie nun mit Glück, zumal sie einiges von ihrer gottseligen Strenge aufgab und jetzt mehr geneigt war, die Natur reden zu lassen, als den Geist der reinen Lehre. Die alte Brigitt sah vieles und dachte sich, was zu denken war, aber sie sagte nichts, dagegen lebte sie manches in ihrer alten Seele mit, wie Mütter bei ihren Töchtern zu tun pflegen. War sie nicht Lindes Mutter, so fühlte sie sich doch so, da sie's aber trotzdem nicht war, so ergab sich als Effekt der mütterlichen Veranstaltung bei ihr eine gewisse altmädchenhafte Verweltlichung auf eigene Rechnung. Es war ihr wichtig, daß die schöne und stille Zeit nicht durch »Unflätigkeiten« von ihrer Seite, durch »Schmutzereien« und »Liederlichkeiten« gestört und der Jüngling vielleicht durch sie verstimmt oder gar vertrieben würde. Nicht daß sie ihm um den Bart ging, dazu besaß sie schon nicht das Temperament, sondern wenn sich die Gelegenheit bot, sein Großmannstum ein wenig zu ducken und ihm seine sittliche Minderwertigkeit zu Gemüt zu bringen, da versäumte sie nichts, dagegen setzte sie zeitweise allerlei alte Garderobe außer Gebrauch und erschien in neueren, hübscheren Sachen, und schließlich dachte sie auch, daß man sich an ihren Pantoffeln stoßen müsse, und zog wieder Schnürstiefel an. Da sie aber um den Abend gar zu mühselig daherhumpelte, wurde Linde darauf aufmerksam und verbot ihr die Hoffart. Brigitt gehorchte dankbar, und die Stiefel wurden wieder nur dem lieben Gott geweiht.
Der Garten fiel mit seinen Büschen und Bäumen steil zwischen alten Mauern zum Bach hinab; man beging ihn meistens auf Treppen außer den Querwegen, auf die die hängenden Beete stießen, und den Rasenplätzen, auf die man sich setzen konnte, um zu träumen oder nach Gefallen zu wachen. Die jungen Menschen taten immer beides durcheinander. Die Zwetschen waren reif und sahen amethystblau aus dem grünen Laub hervor. Heinz half Linde schütteln und auflesen. Dann half sie ihm Gravensteineräpfel pflücken und einbringen. Einmal wollten sie auch der alten Brigitt bei ihrer Gemüseernte zur Hand gehen, aber sie war sehr kurz und hieß sie ihre eigenen Wege suchen. Das taten sie denn auch, etwas verlegen über die behördliche Erlaubnis und zufrieden über die Möglichkeiten, die sie ihnen eröffnete. Es stellte sich heraus, daß Heinz in der Fremde manches von dem alten Städtchen vergessen hatte. Was er sich am wenigsten verzeihen konnte, war, daß er das Stück Stadtmauer und den runden Turm nicht mehr gewußt hatte, woran der Garten Anstößer war. Dort standen große, ehrbare Holunderbüsche. Auch den reifen Holunder pflückten sie miteinander; Brigitt kochte Suppe davon, und den Rest machte sie ein. Heinz holte eine Leiter herbei, und sie stiegen nacheinander zum Turmloch hinauf, um zu sehen, ob Eulen drin säßen. Sie fanden ihrer vier, aber Linde erlaubte nicht, daß Heinz sie ängstigte. Inzwischen litten sie ohne das schon genug Angst.
Mit dem Dechanten gingen sie manchmal den Fortgang der Kirchenarbeit besehen. Das hübsche gotische Sakramentshäuschen war eben wieder von den Gerüsten frei geworden und stieg nun mit seinen Säulchen und Blumen so rein und leicht wie der Liebesseufzer einer frommen Jungfrau zur Wölbung des Mittelschiffes hinan. Die Ehrfurcht und das religiöse Grundgefühl, aus denen der ganze ernste Bau gewachsen war, vermochten freilich auch die Steinhobel und Hebeisen der Maurer nicht aus den sonst entkleideten Bogengängen zu vertreiben; sie wallten mit dem Staub und den Sonnenstrahlen feierlich in alter Weise vor den farbigen hohen Fenstern auf und ab und umdämmerten unerfaßlich und mit dem Charakter der Ewigkeit das ewige Licht, das uns die Wiederkehr des göttlichen Menschen und des menschlichen Gottes verspricht. Der Dechant beklagte sich bei Heinz darüber, daß auch Linde im geheimen an seiner Frömmigkeit zweifle, weil er den notwendigen Mut gefunden habe, mit Schaufel und Karre in das geweihte Lokal einzuziehen, aber Linde hatte heute nicht genug strenge Heiligkeit im Leib, um dies Thema zu spinnen, und wich ihm aus. Heinz sprach ganz weltlich von dem Bedürfnis eines alten Gebäudes nach Pflege und immerwährender Fürsorge keinem ganz zur Zufriedenheit und keinem geradehin zum Unbehagen; sie spürten beide, daß er ihnen zu Gefallen auf fremde und ihm gleichgültige Dinge einging, und so ließ auch der Dechant den Gegenstand fallen. Als er aber seinen Neffen in sein kleines Museum führte, wo die aufgefundenen heiligen Geräte und Gegenstände sich wieder ans Tageslicht gewöhnten, hatte der moderne Soldat ganz ordentlich mit der seltsamen Empfindung zu schaffen, die uns immer überkommt, wo wir einen leibhaften Zeugen von mehr theoretisch bekannten alten Historien vor die Augen bekommen.
Eine persönliche Verwirrung hatte Linde mit sich selber abzumachen. Am zweiten oder dritten Tag, als Heinz noch nicht wieder ganz vertraut mit ihr war und auch schon nicht mehr ganz unvertraut, hatte er in der Nähe des Mauerzahns ein kurzes Gespräch mit ihr. Was diese Ruine angeht, so kann man sagen, daß Heinz sich von ihr allgemein und besonders angezogen zu fühlen schien, während Linde sie lieber umging und, in ihrer Nähe angekommen, stets Zeichen von Unruhe und Befangenheit gab, die Heinz eher zu vermehren Lust hatte als zu vermindern. Als sie sogar einmal errötete, sprach er sie mit etwas spöttisch verzogenen Lippen darüber an.
»Wie ist das nun eigentlich?« sagte er andeutend mit einer Kopfbewegung nach der Mauer. »Alles beim alten? Konservativ wie immer? Oder in aller Stille in Ordnung gebracht? Zwar dann hätte ich etwas davon gehört. Wie steht's?«
»Wie soll's stehen?« erwiderte sie mit weggewandtem Blick. »Frage dich selber.«
»Also noch beim alten. Bewahrte Erinnerung. Sag mal, warum weiß er nichts davon? Das ist doch unter Umständen inzwischen eine Gewissensfrage geworden, wenn man bedenkt, wie er daran hing. Hast du's wenigstens gebeichtet?«
»Nein.«
»Nun seht einmal dies verstockte Herzchen an. Nicht einmal gebeichtet hat sie's. Und hast immer nett und gut die Kommunion mitgemacht mit der ungebeichteten Sünde im Gewissen? Du, wie machst du das dem lieben Gott plausibel?«
»Wieso ist das jetzt eine Sünde?« fragte sie unzufrieden. »Als du kamst, war's noch eine Dummheit.«
»Nun, was denn ist's? Also ein gutes Werk! Na, die Bilderchen waren ja wirklich etwas drastisch. Wenn du's ehrlich und fest dafür ansiehst, so mag's angehen, obwohl du neulich nicht danach gesprochen hast und augenblicklich auch nicht danach dreinsiehst. Es ist dir ins Gewissen gewachsen, und du hast dich schon ordentlich tief darein verstrickt.«
»Ich konnte nichts tun, solange ich mich nicht mit dir verständigt hatte. Wir haben doch gemeinsam daran teil.« Diese Worte sagte sie beinahe heftig, aus einer Erregung heraus, aus der Heinz die jahrelange Spannung zu vernehmen glaubte.
»Haben wir?« fragte er aufmerksam. »Überlege dir das noch einmal, Mariechen. Haben wir nicht, so fällst du zwar dem Gericht deines Gewissens und so weiter unters Urteil, aber du hast's doch nur mit der höhern Macht zu tun. Haben wir aber, so bist du in der Hand eines Menschen gegeben, und ich bin nicht immer sauber. Siehst du nun, wohin solche Kinderstreiche führen, wenn man sie konserviert? Ach, ihr Leutchen da in der Heimat, wie seid ihr so deutsch und so tiefsinnig und so gewissenhaft. Und so gar nicht amerikanisch! Warum hast du nicht einen guten Sport draus gemacht und ›es‹ ihm ganz einfach eines Tages gesagt, ihm zum Geburtstag die Schwarte stillvergnügt auf den Tisch gelegt? Du konntest ja die Schuld auf mich schieben.«
»Ich sagte dir schon, daß wir das zusammen besitzen.«
»Ach, besitzen. Ich besitze gar nichts, Mariechen, außer wenn ich damit etwas anfangen kann zu meinem Vorteil oder zu meinem Vergnügen. Werde ich also eine Erinnerung besitzen? Rechne einmal. Aber wenn ich heute oder morgen mit diesem Handel Ernst mache, so werde ich dich besitzen, das ist das Lange und Breite. Wie willst du mir nun eine Sünde verreden, wenn ich Lust dazu bekomme, nachdem ich dich selber in einer bis an die kleinen hübschen Ohren sitzen gefunden habe? Ich will mich noch besinnen, ob ich dich herausziehen werde. Es kommt alles darauf an, ob ich dich reizend finden werde oder nicht. Sei also Weib oder Betschwester, was dir besser vorkommt. Danach wird sich alles richten.«
Sie sagte nichts mehr dazu, da sie außerdem einsah, daß mit Worten hier wenig zu richten war. Dagegen schien es dem weltlichen Vetter bald, daß Linde sich dafür entschieden habe, Weib zu sein, und das bereitete ihm unter allen andern die größte Überraschung, ja beinahe eine Art von Bestürzung, denn was sollte er mit einer solchen Beute machen, wenn sie ihm in die Hand fiel? Das war doch kein landläufiges Liebchen, sondern eine Jungfer mit Beziehungen und Qualitäten, und zur Hälfte gehörte sie sogar schon dem Himmel; mit dem trat er aber am allerwenigsten gern in Konkurrenz. Es wurde ihm immer gewisser, daß sie ziemlich genau wußte, was sie tat, und welchen Weg es mit ihr nahm, ebenso, daß sie anderseits der Entwicklung selber rat- und hilflos gegenüberstand, ohne die Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, weil im Grund alles seltsame, gefährliche und liebliche Wesen aus ihrem heimlichsten Blut erblühte. Bedachte er dann diese ihre Zwangsläufigkeit, so fühlte er beinahe Mitleid mit ihr. Etwas Gefährlicheres konnte er gar nicht fühlen, denn es weckte zu gleicher Zeit seine Begehrlichkeit und Abenteuerlust, und sein Blut trieb sich bunt schäumend und voller Mannesträume durch seine Adern, aber es machte ihm auch schwermütige Stunden und einsame Nächte voll Furcht und Grillen, für einen jungen Mann mit einer so handlichen Philosophie recht seltsame Stimmungen und Gemütszustände. Bei jeder andern hätte er sich auf den Kopf zugesagt, daß er verliebt sei, und keine andern Folgerungen daraus gezogen, als daß man nun eben suchen müsse, ihrer habhaft zu werden. Und dann hätte er sie erwischt, oder sie wäre ihm entwischt, und er hätte sich in jedem Fall mit verschärftem Appetit nach der nächsten umgesehen. Daß hier sein lohnender Turnus so peinlich gestört war, wollte ihm am allerwenigsten gefallen, und manchmal dachte er verärgert: Laß doch das ganze preziöse Persönchen zum Teufel gehen oder in den Himmel fahren, und sieh, daß du noch ungeschoren davonkommst, ein honetter junger Mann, der du bist. Aber dann mußte ihm nur einfallen, wie sie sich drehte, oder wie ihre Stimme klang, so war es um den ganzen honetten jungen Mann wieder geschehen und war er entschlossen, sich weiter scheren zu lassen. Was in dieser Schur fiel, das waren seine sündigen blonden Locken, und es wäre eine unnötige Gewalttätigkeit, behaupten zu wollen, daß er diesem leisen Schneefall der Eitelkeit nicht mit der allertiefsten Wehmut beigewohnt habe.
Indessen hatte diese Art von Leben für ihn auch angenehme, ja schöne Stunden. Wenn er mit dem zutraulichen Kind, zu dem sie aus einer wachsamen Jüngerin der Gottseligkeit geworden war, die steilen Gassen und Treppen der alten Stadt auf und ab stieg und in seinem Gemüt wie in einem Brennglas der Hoffart alle Ehrungen einfing, die ihm zuflogen, teils als Begleiter einer so geehrten und frommen Jungfer und andernteils doch auch aus eigenen Verdiensten, nämlich als Besitzer und Träger beider Eiserner Kreuze und von zwei kleinen Fürstenorden dazu, so fand er die hessischen Giebelhäuser, die bunt und quer auf seine moderne Existenz herabsahen, genau so originell und hübsch, wie Linde es wünschte, und er sprach nicht einmal davon, daß es drinnen doch recht niedrige und enge Buden habe. Und tatsächlich schwebte auch soviel silbernes Gespinst nicht nur des Herbstes, sondern auch der Geschichte in der Luft, hing an Giebeln und Türmchen, machte die Brunnen heimlich und die Plätze weise wie alte Bücher, daß es ihm oft war, als habe er sich aus seinem fortgeschrittenen Jahrhundert in irgendeine mittelalterliche Epoche verirrt, und dann war er seiner unentwegten Begleiterin dankbar, daß sie mit ihrer zeitgenössischen Figur ihn wieder mit der berühmten Gegenwart verband, in der er zu Hause war, und die er kannte wie seine Hosentasche, wenigstens glaubte er's. So erlebte er sie jedesmal in einer neuen Beziehung, und die Hauptsache: er erlebte und fühlte sie unausgesetzt, ob er wollte oder nicht. Sie beschäftigte seine Gedanken und Sinne und war auf lange Striche der einzige Mensch, der ihn nicht bloß mit dem Augenblick, sondern mit der ganzen weiten Welt und selbst mit dem hohen geneigten Schöpfer verband. Hatte er seine altkluge Nase nicht oben zwischen den Fenstern und Erkern der engen Bürgerhäuser, so waren sie sicher bei ihren kleinen Mädchenfüßen, die sie immer so flink und wohlgemut unter ihren Rocksäumen hervorbrachte und so eigensinnig fest aufs Pflaster setzte. Redete sie einmal ein Kind an, um es nach Geschwistern oder der Mutter zu fragen, so blieb er wohlgesinnt stehen, bis die heilige Unterhaltung zu Ende war. Und als ihn einmal ein naseweiser Junge am Rock zupfte und ihn andächtig fragte: »Sie, haben Sie denn immerzu gesiegt?«, freute er sich, als ob er beschenkt worden wäre, und er wurde es auch aus heiterm Himmel, denn so losgebunden hatte Linde die ganze Zeit noch nicht gelacht und gescherzt wie diesen Nachmittag. Das Geschenk bestand darin, daß sie zum erstenmal über seinen kriegerischen Charakter sprach, heiter und in verzwickten Neckereien, für die er in der Eile gar nicht genug flüchtigen Geist aufzubringen vermochte, aber die Scheu davor schien doch gebrochen, und jenes schmerzliche Mitleid hatte sich zu einem launigen Bedauern für allen Schmutz, Hunger und sonstigen soldatischen Notstand gemildert, den er im Feld erleiden mußte. Wenn sie ihm auch seine wahre Größe nicht richtig einzuschätzen schien, denn sie ging ihm gar zu selbstherrlich damit um, so war er's doch zufrieden, daß sie nicht mehr als Befremdung zwischen dem Mädchen und ihm stand, sondern ihm nun in ein allgemeines Weiberwohlgefallen aufgelöst als Liebeslaune von ihr zurückstrahlte, wenigstens legte er sich die Sache so aus. Den ernsten, wachsamen Hintergrund, auf dem ihre Laune leuchtete, merkte er nicht; dafür waren seine Augen zu roh, sein Blick zu oberflächlich und sein seelischer Tastsinn noch zu unentwickelt. Etwas Niggerhaftigkeit hängt jedem Amerikaner an, auch dem nachgemachten deutschen.
Der besagte Nachmittag führte aber das Paar an sehr gütigen Fäden aus der Stadt hinaus über die Felder, die schon frisch bestellt wurden, an herbstlichen Wiesen vorbei, auf denen Vieh läutete, zwischen Büschen mit Schlehen und Hagebutten hin, in denen Kinder hingen. Da und dort wurden Kartoffeln ausgemacht. Feldfeuer brannten. Allenthalben sah man gefangene Franzosen und Belgier zwischen dem eingesessenen Bauernvolk arbeiten, und manche radebrechten ein wenig miteinander. Rings auf den Hügeln standen neben den Wäldern die grauen Wachttürme und sahen wie vor alters in die Täler hinab. Aber sie hatten nichts mehr zu bewachen; das Wächteramt war an andere Gewalten übergegangen, und auch die Kriege nahmen heute andre Wege. Aber die Wolken flogen noch ihre alten heiligen Straßen. Auch die Wetter zogen noch aus den gleichen Himmelsgegenden her. Und die Gestirne durchwandelten an ihrem Ort ihre Ewigkeiten wie von Anbeginn. Wälder wuchsen, wurden geschlagen und wuchsen neu. Die Täler waren im Wechsel grün und weiß. Ab und zu brach irgendwo ein Feuer aus, brannte seine Zeit und erlosch wieder. Das war's, was die Türme noch vom Zeitlauf zu sehen bekamen. Vom gegenwärtigen ungeheuren Krieg war ihnen nichts bewußt, und das erschien als das Ergreifende an ihnen, obwohl niemand zu sagen vermochte, warum.
Zu einem von diesen uralten Türmen wanderten die beiden jungen Menschen hinaus. Linde sang leise vor sich hin und dachte, sie wußte nicht, woran. Sie fühlte sich jung und kräftig wie noch nie und bereit, das Leben der Liebe in sich aufzunehmen, und diesem rätselhaften Leben blickte sie mit vertrauenden, beinahe klaren Augen entgegen, doch mehr dem künftigen als dem gegenwärtigen, von dem sie doch noch ein leichter Schleier von Scheu und Ängstlichkeit schied. Im künftigen war alles schon geschehen und erfüllt, was sie am gegenwärtigen noch schreckte und erregte; das Heute war in aller Süßigkeit voll Unruhe und widersprechender Empfindungen, die sie manchmal einschüchtern wollten. Sie trieb im Ungewissen und konnte sich nicht aufhalten, und wenn ihr Tod darauf stand, so war es ihr unmöglich, von den beiden Wegen, die ihr Heinz eröffnet hatte, einen andern zu gehen als den hellen, auf dem er sie sehen und lieben konnte. Daneben hörte sie nicht auf, Mitleid zu empfinden für seine Lebensgier und für seine ganze innere Armut, die er mit so grober Kost und alltäglichem Kram in Bedeutung und Besitz zu verwandeln hoffte, und manchmal schwebte sie eine Geisterluft an, daß sie vielleicht dazu berufen sei, durch irgendein frommes Opfer ihn, wenn es sein mußte gegen seinen Willen, zum wirklich reichen Mann zu machen und ihm eine Bewegung zu verursachen oder vorzubereiten, aus der dann seine wahre beseelte Persönlichkeit hervorbrechen konnte. Inzwischen sie aber so fleißig und mit aller Treue an sein Inneres dachte, versäumte sie nicht, sein mannhaftes Äußere weiterhin anzusehen, das, wie sie deutlich erkennen konnte, nicht nur ihr gefiel. So wurde aus liebendem Mitleid, freundlicher Eifersucht, Wohlgefallen und Furcht vor dem eigenen Blut wie aus vier Morgenröten, wovon eine immer die andre überschäumte oder durchleuchtete, in ihrer Mädchenwelt der erste tiefe und wildkeusche Morgen der Liebe, dem es sowenig an gottesfürchtigen Lerchen wie an naturfrommen Rehen und Hasen fehlte, und in dem sie den endlichen Regen jetzt schon deutlich voraussah, denn der Geliebte war bestimmt, nach dieser Zeit von ihr weg in den Krieg zurückzukehren, und sie wußte, ohne fragen zu müssen, daß er sich auf das Wiedersehen mit seinem guten Gewehr freute und auf den Tag, an dem er durch das Zielfernrohr wieder den ersten Engländer visierte.
Beim Turm angekommen, setzte sich das Paar auf die verfallene Ringmauer und ließ die Blicke zunächst ziemlich still durch die Landschaft gehen. Hin und wieder wies eins das andre wie auf ein Geschenk auf irgendeine besondere Erscheinung, wie sie das Licht gerade hervorhob. Drunten wand sich der Fluß durchs Tal; seine Windungen erinnerten beide an die Inschriftenbänder, die man oft auf alten Bildern flattern sieht, und Linde meinte, hier würde irgendein schöner Spruch vom Frieden darauf stehen. Das Städtchen stand mit seinen Türmen und Dächern und dem hohen Dom gegen den hellen Abendhimmel wie eine Burg Gottes, in der es nur Freunde Christi und stille Priester gibt und gastliche Herbergen für Pilger. Der Dom teilte der ganzen Landschaft eine ernste, milde Stimmung von Ehrfurcht vor dem Unsagbaren mit, das hier als Geschichte und Legende lebendiger als sonstwo und zugleich so einfach wie nirgends zur Seele sprach. Hier hatte der große Heilige der Vorzeit furchtlos das Unternehmen gewagt, das Kreuz seines Herrn aufzupflanzen und den verehrten Baum mit der Axt zu fällen.
»Du, mir ist etwas eingefallen«, sagte Linde, die wie ein geistiger Spiegel immer alle Lagen und Zeiten ihrer Umwelt nachdenklich bewegte. »Eine alte Eiche zu schlagen, das muß doch damals mit den schwachen Werkzeugen eine sehr schwere Arbeit gewesen sein. Man lernt das so leichthin: ›Und dann schlug er die Eiche!‹ Ich meine, weil es äußerlich so schwierig war, so erhöhten sich doch auch die geistigen Schwierigkeiten; die frommen Männer werden nur unterschätzt, wenn man davon aus falscher Scham oder aus Gedankenlosigkeit nicht spricht. Es hat mir den Heiligen noch viel lieber gemacht, seitdem ich mir denken kann, wie mühselig und mit wie unvollkommenen Mitteln er sich für seine große Idee plagen mußte.«
»Tja«, erwiderte Heinz, »sobald man das Dings an der Quelle studiert, so schrumpfen die berühmtesten historischen Ereignisse zu Kindereien zusammen im Vergleich mit den modernen Errungenschaften und Vorgängen. So ein Weltkrieg zum Beispiel! Da stehen einander vielleicht vierzig Millionen Soldaten gegenüber. Wieviel werden's in den griechischen Feldzügen gewesen sein? Fünfzigtausend Männchen etwa. Und was für Lärm haben sie davon gemacht! Und dann unsre heutigen Kriegsmaschinen. Ein Römer, wenn man ihn in eine moderne Schlacht brächte — glatt blödsinnig würde er. Selbst der berühmte Julius Cäsar. Nero würde sich vielleicht halten aus perversem Wohlgefallen, aber außer Schußweite. Bonifazius? Er tat, was er konnte; du mußt nicht zu scharf ins Gericht gehen mit ihm. Man soll überhaupt die mythischen Tatsachen möglichst unbesehen hinnehmen, sonst verlieren sie an Bedeutung, und den Schaden haben wir davon. Etwas Poesie muß man sich zu erhalten suchen; sie verschönt das Leben. Sonst wird der moderne Zeitlauf gar zu kahl und das Volk zu materialistisch.«
Auf diesen unerwarteten Sermon hatte Linde nichts zu sagen, und sie schwieg beinahe erschreckt unter einer erneuerten heftigen Aufwallung ihres Mitleids. Er seinerseits horchte etwas ernüchtert seinen klugen Ausführungen nach, und noch bevor ihm ihr Schweigen auffiel, kamen sie ihm schon irgendwie dutzendmäßig und bubenhaft vor. Doch war er gescheit genug, die Sache nicht durch erweiterte Erklärungen noch schlimmer zu machen, und als er nachher sagte, daß ihm der Begriff der lärmvollen großen Welt noch nie so aufgegangen sei wie hier an diesem stillen Erdenfleck, während er an das Draußen denke, so hatte er sogar eine gefühlte und gute Bemerkung gemacht, die ihr außerdem zeigte, daß er durchaus nicht der stupide Esel war, als der er manchmal zu erscheinen für nötig hielt. Als eine Art von Dank machte sie ihn dann — zum erstenmal und nicht ohne Scheu — von seinen Kameraden im Schützengraben reden und von seinen Obliegenheiten, vom Hergang eines Sturmangriffs und manchen andern Dingen, von denen sie wirklich nur ihm zuliebe Augenzeugenbericht empfing. Sie fürchtete sich von Herzen dabei, obwohl er sehr zurückhielt und bestrebt war, sie zu schonen, und zwar aus einem ritterlichen Verständnis für die natürliche Sorge der liebenden Frau, den geliebten Mann in so traurigen und gefährlichen Lebenslagen zu sehen. Was sie sonst noch sah, das war die liebende Schnelligkeit, mit der sich ein Erdenkörper, in wenig Tagen ihren frommen Mond ganz verfinsternd, zwischen sie und ihren Sternenhimmel schob und Gewalt über sie bekam; während sie unruhvoll der Entfernung von ihrem Heil beiwohnte, tröstete sie sich bald schwach und bald stark an der schweren Süßigkeit, die in allem Schmerz der seelischen Übermannung enthalten war, und die sie nachgerade doch beinahe mehr förderte als leidend ertrug. Heinz konnte nun schon sein Verhalten einrichten, wie er wollte, so diente es immer zur Schürung ihrer ganz sterblichen Leidenschaft. Seine Schönheit entzückte und seine Häßlichkeit verwundete sie, aber sie gehörte zu den seltsamen Menschen, die an ihren Wunden stärker werden. Er, der weit weniger von seiner Seele wußte, ahnte dies und jenes von der ihren, und während er sich zu Zartheit und zu ungewohnten Rücksichten zwang, verstrickte er sich tiefer in ihre verletzbaren Bedürfnisse, ließ sich halb willig und halb widerstrebend von ihrem hohen Feinsinn reizen und verlor auf seiner Seite immer mehr Position, während er auf der ihren alle gewann; er bemerkte mit wahrer Zaghaftigkeit und einer ihm ganz neuen Furcht, wie sie zusehends reif wurde.
Als bereits der Abendrauch aus den Kaminen der Stadt aufzusteigen begann und die Glocken in den Dörfern den Feierabend einläuteten, der mit erfülltem Frieden hinter den Wäldern dämmerte, sagte Linde ein Wort, das Heinz sofort naheging und ihn beinahe bestürzte. »Morgen kommt Besuch. Tante Klinger wird ein paar Wochen bei uns sein.« Sonst nichts, aber die halbe Stimme und der sorgenvoll ins scheidende Licht verlorene Blick sagten ihm alles, was er wissen mußte, und viel mehr, als dem Rest seiner Ruhe dienlich war. Der Name Klinger bedeutete Friedensstörung, Übellaune und Verdruß, das wußte er noch sehr gut, nicht zu reden von dem kahlen Bildungs- und Literaturwesen, dem das unglückliche Weib so sehr ergeben war, daß es auch seine Umgebung unerbittlich in die ausgelaugte Stimmung wie in eine Krankheit tauchte. Im ersten Gefühl nahm er Lindes Hand.
»Das ist ja jetzt nicht mehr zurückzutun«, sagte er dann tröstend. »Man muß es hinnehmen wie ein Regenwetter. Viel Freude wird für uns nicht dabei herausspringen. Sag mal, Linde, würdest du sie noch einmal einladen, wenn du's heute zu tun hättest?«
Sie schüttelte stumm den Kopf, während ihr das stille einsame Herz zu zittern begann und sie mit ihrer Sehnsucht plötzlich riesengroß aus allen bisher gewohnten und erlaubten Maßen herauswuchs. Aber bevor sie sich allein in eine Einsamkeit verlor, um auf einer höheren Ebene vielleicht doch wieder ihrem strengen Gott zu begegnen, fühlte sie sich menschlich von Armen ergriffen und an eine sterbliche Brust heimgenommen, und empfand sie die dunkel bedrängte Wonne des ersten Liebeskusses.
Wie sie dann doch nach Hause gekommen waren, das wußten sie nachher jedenfalls in der Eile nicht zu sagen, und Bob konnte darüber auch weiter nichts mitteilen. Bei Tisch glaubte man, sie hätten sich gezankt, so scheu gingen sie im Licht und in der Gesellschaft andrer Menschen aneinander vorbei, nicht aus Kälte, sondern aus schwer verhaltenem Feuer der Zärtlichkeit zueinander. Einmal hatte sie auf dem Heimweg eine Schafherde umwimmelt, und weil Bob begriff, daß ihn jetzt niemand beachtete oder auf seine Wachsamkeit Anspruch machte, kam er zur Abwechslung an den Schäferhunden vorüber, ohne eine Rauferei anzufangen, wenn auch mit steifen Beinen und gesträubter Bürste. Dann sprach ein Kind Linde an, weil seine Mutter es wieder so schlimm in der Brust habe; sie streichelte ihm liebreich den Kopf, und die Frau mußte sich heute sonstwie behelfen. Linde wußte nachher nicht einmal, welches Kind es gewesen war, obwohl sie jeden Flachskopf in der Stadt kannte und die dunklen auch. Sowenig sie sich auf dem Heimweg um Bob gekümmert hatte, soviel machte sie sich bei Tisch mit ihm zu schaffen, und er nahm alles in charaktervoller Munterkeit hin, was geboten wurde, als Hund mit Familienanschluß längst an die Wandelbarkeit der Gestirne gewöhnt. Indessen ließ sich Heinz willig, doch ohne Aufmerksamkeit, obwohl er welche heuchelte, über die besonderen Reize der frühgotischen Webereien unterrichten, die in der Tat auch nicht klein waren, aber er wußte sich noch stärkere und zeitlich näherliegende.
Als man beinahe mit Essen fertig war, läutete es draußen. Nach einer Weile erschien Brigitt und meldete wie einen Geldverlust die Frau Professor Klinger, durch welche Anzeige sie einiges Aufsehen erregte. Die Angemeldete folgte der Magd auf dem Fuß, schlank, vierzigjährig, in einem eleganten Reisekostüm, über mittelgroß, ordentlich hübsch, doch sehr kühl und gerade, obwohl wieder beinahe etwas Rührendes, Mädchenhaftes an ihr war, und mit einem interessanten aber spähenden und unverbindlichen Gesichtsausdruck, der es bewirkte, daß einfache oder nicht verbildete Naturen unwillkürlich Stellung gegen sie bezogen. Bob fuhr ihr sofort knurrend entgegen, und das galt sonst als schlechtes Zeichen. So bemächtigte sich auch der engeren Familie bei ihrem Anblick eine gewisse Betretenheit, weil man sie nicht von der Bahn abgeholt hatte, und die Worte und das Lächeln, womit sie die entsprechenden Entschuldigungen abwehrte, fuhren den Fehlbaren wie ein Schnupfenfrost in die Glieder.
Die Sache stellte sich so heraus, daß Linde sie auf morgen erwartet und der Dechant in derselben Meinung heute noch einen guten Tag genossen hatte. Nun, der Genuß war kein Wahn gewesen, aber die Voraussetzung; denn als Linde nachher den Brief der Tante herbeiholte, fand es sich, daß sie richtig auf dies Datum und diesen Abend angesagt hatte, und die Tante war nicht ganz im Unrecht, wenn sie leichthin meinte, der Dechant hätte den Brief selber lesen können, zumal er sonst gegen mündliche Überlieferungen so vorsichtig sei. Linde bat verwirrt und mit wenig Hoffnung um Entschuldigung. Die Tante sagte ungerührt und mit einer überlegen lächelnden Miene, als die Dame von Welt, die sie war, man solle nun ein Verhältnis nicht gleich mit Entschuldigungen und Verzeihungen beginnen; ein Fehler sei ein Fehler, man müsse sich eben bemühen, wenn möglich, keinen mehr zu machen. So schob sie mit wenig Worten, ohne sie zu berühren, die Schuldhaftigkeit und die Verantwortung für die etwa kommenden Folgen den andern zurück, und anstatt, daß ein früherer schlechter Eindruck durch einen neuen angenehmen gutgemacht wurde, schien zur Betretenheit der Hausgemeinde jener frisch bestätigt, ja Linde war auf einen Moment geradezu erschüttert von der totenhaften Kälte, die aus dem Wesen dieser Frau wehte, und von dem Egoismus und der Menschenverachtung, die neben aller geistigen Bildung und Geschmacksverfeinerung ihre wenigen guten Züge so mit abstoßenden und schreckenden vermischten, daß sie sie beinahe zerstörten. Heinz freilich fühlte sich angenehm enttäuscht und fand die Frau in Wirklichkeit nicht so unhold, wie sie ihm in Erinnerung stand, aber er behielt diese Beobachtung für sich.
Drittes Kapitel Die Tante beweist ihre Bildung und führt eine neue Hausordnung ein, die nicht allen Leuten bekommt

Von der besagten geistigen Bildung und Geschmacksverfeinerung gab die Tante gleich nach dem Nachtessen eine Probe, als sie mit vorgestrecktem Kinn und schmalen Lippen durchs Haus ging, um sich wieder darin umzusehen, von Bob, der ihr nicht von den Füßen wich, unausgesetzt berochen und beknurrt. Das Haus des Dechanten stand voll hübscher alter Möbel, die er durch viele Jahre mit Liebe und Zähigkeit zusammengebracht hatte, Schränke, Tische, Kommoden und Stühle aus jenen goldenen Zeiten, in denen die Tischlerei noch eine persönliche Kunst gewesen war, und in denen es weder Fabrikanten gegeben hatte, die diese zerstörten, noch Professoren, die mit großem Aufwand von Gelehrsamkeit und Prinzipien für vermögliche Leute auch noch nichts Glückhaftes an ihre Stelle setzten.
»Da hobeln sie jetzt mit tiefsinnigen Theorien ein Kunstgewerbe zurecht, das von sämtlichen nachgerühmten Eigenschaften nur eben die eine hat, daß es modern ist«, führte der Dechant aus, um, von einem Gegenstand angeregt, endlich ein wirkliches Gespräch und womöglich ein Einvernehmen in Gang zu bringen. »Sieh nur diese Sachen, das sind Phantasien, Erfindungen, Träume, Wunscherfüllungen. Etwas Schöneres läßt sich übrigens auch von der sogenannten hohen Kunst nicht sagen, wo sie's wirklich hochgebracht hat. Es hängt alles davon ab, daß den Leuten etwas einfällt, daß sie zu erzählen, zu musizieren, zu malen haben, nicht aus Büchern, und was weiß ich, woher lernen, abstrahieren, und dann etwas aus dem Verstand daherrechnen, das keines Menschen Wünsche erfüllt und weder von Träumen noch von Einfällen weiß. Heut sind sie stolz darauf, daß sie endlich wieder das ›Material‹ entdeckt haben und kein Holz mehr als Metall oder Gips als Holz auffrisieren. Lieber Gott, das sind doch ziemlich alte Fortschritte. Betrachte das, wie diese Schreiner mit einem Birkenholz umzugehen wußten; da zeigt sich ein Material immer von seiner besten Seite. Jetzt brauchen sie hohe Schulen, um wieder so klug zu werden, wie ihre Urgroßväter schon in der Lehre waren.«
»Nimm mir's nicht übel«, sagte die Tante mit ihrem etwas singenden norddeutschen Tonfall und aufrichtiger, als für heute nötig war: »Ich kann mir aus diesen Antiquitäten nun gar nichts machen. Das ist für mich nur ein künstliches und leeres Spiel mit Formen. Ich kann begreifen, daß man dergleichen in Museen stellt, oder daß Leute in der Provinz noch dazwischen wohnen mögen, aber ein moderner Mensch geht mit seiner Zeit. Dieser Schrank zum Beispiel ist ja ganz falsch gebaut. Da ist zuerst ein hoher Kasten mit griechischem Giebelabschluß. Ein Abschluß ist ein Abschluß, und der Schrank wäre also fertig. Aber nun kommt über dem Giebel noch einmal ein Kasten, und zwar mit Säulchen, die einen zweiten, kleineren Giebel tragen. Du rühmst die alten Tischlermeister. Nun, ich muß sagen, man kann sehen, daß diesen Schrank nur ein Tischler gemacht hat. So kindisch kann bloß ein Handwerker mit klassischen Formen der Architektur umspringen. Das ist so willkürlich und irrationell, daß einen modernen, vernünftigen Menschen ein Schwindel darüber erfaßt. Und dann, du sprichst von Echtheit. Der untere Schrank ist ja als Sekretär maskiert, obwohl er ein Kleiderschrank ist; ist das Echtheit? Ich muß gestehen, du argumentierst etwas wunderlich, beinahe wie der Tischler, der diesen komischen Schrank machte. Er wußte das Holz zu behandeln, das ist aber auch alles«.
Der Dechant lächelte. »Wie ist das mit dem Wort vom Fühlen und Begreifen und dem andern von der Schulweisheit?« fragte er spottend. »Sieh mal an, irrationell sind diese Möbel ja wirklich. Dieser Giebel und diese etwas gebauchten Säulchen kommen an keinem einzigen griechischen Tempel zusammen; dafür will ich selber einstehen. Aber der Schreiner wollte ja auch keinen Tempel bauen, sondern einen schönen, fröhlichen und recht praktischen Schrank. Und ich kann dir sagen, in meinen Augen ist ihm alles ausgezeichnet gelungen. Der Schrank stimmt mich zu Fröhlichkeit, wenn ich ihn ansehe, und von Schönheit gibt er mir auch jedesmal einen verständlichen und anschaulichen Begriff. Was aber meine Kleider angeht, die hängen drin wie in einem Paradies. Liebe Marie, laß mich nur ungeschoren mit eurem Rationalismus, mit eurer steifen, unfruchtbaren, selbstgerechten Lebens- und Weltweisheit. Wo bisher Künstler und Dichter aus ›rationellen‹ Epochen glücklich waren, da waren sie's durch ihre irrationellen, nicht verstandesmäßigen, nicht meß- und nachweisbaren Einfälle. Ich habe zufällig kurz vor dem Krieg in einer illustrierten Kunstzeitschrift Abbildungen von eurem neuen Landhaus und seiner Einrichtung gesehen, entworfen von Herrn Professor Soundso. Ich weiß also Bescheid. Es ist alles sehr schön und richtig, es stimmt alles aufs Haar, und es ist nirgends ein Fehler. Die Flächen sind Flächen und hören nimmer auf wie die Liebe. Die Kästen sind wirkliche Kästen und die Leisten richtige Leisten. Sie haben das Prinzip des Rechtecks und das Prinzip des Quadrats auch. Die Prinzipe heiraten sich und scheiden sich, und die Linien laufen ewig und kommen nie an, oder sie werden notgedrungen abgebrochen, weil auch das Landhaus des seligen Professors Klinger nicht der unendliche Himmelsraum ist, obwohl sie gut und gern weitergehen könnten, denn eine geometrische Figur kann man sich bekanntlich in jeder Ausdehnung vorstellen. Dieser Schrank dagegen, ins Unendliche erweitert, ergäbe eine ausgemachte Absurdität, denn er ist auf endliche Verhältnisse für endliche Menschen gedacht. Das ist auch das Geheimnis seiner Vollkommenheit und sein Reiz. Alle Reize sind nämlich sterblich, geliebte Schwägerin, auch die deinen.«
»Nun«, meinte sie und streckte das Kinn vor, »meine Reize sollen eigentlich nicht das Thema eines katholischen Geistlichen sein. Ich begreife aber, daß gerade ein katholischer Geistlicher sich mit solchen Möbeln umgeben muß. Sie müßten für euch vorgeschrieben sein wie die Soutane. Es sind in wesentlichen Zügen katholische Möbel.«
Der Dechant neigte halb zustimmend den Kopf. »Dein Gesichtspunkt wird manchem etwas streng vorkommen, wenigstens was die deutsche Birkenmode angeht. Dies sogenannte Biedermeier war doch auch der Stil des protestantischen, ›aufgeklärten‹ Berlin, dem es für eine Generation die Physiognomie gab. Aber es war zugleich das Berlin des E. Th. A. Hoffmann und das Deutschland der katholisierenden Romantik, also immerhin eine sehr fruchtbare und, wie ich gern zugebe, eine ziemlich dunkelleuchtende Ausgabe von Aufklärung. Vor allen Dingen: eben eine katholisierende, was nicht nur meine Möbel trifft, sondern auch deinen Rationalismus. Folgt daraus: wir sind immer katholisch, aber ihr seid nicht immer rationalistisch.«
»Wenn wir nur immer protestantisch sind, Klemenz, dann ist mir für den Fortschritt der Welt nicht bange, trotz Rom.«
»Nun, mir wäre bange«, lächelte der Dechant. »Vom protestantischen Fortschritt hat man mich noch nicht vollkommen überzeugt. Denk an Goethe. Seinen katholischen Weg zum zweiten Teil des Faust macht doch jeder tiefer denkende protestantische Deutsche einmal im Leben durch.«
»Ich werde ihn jedenfalls nicht durchmachen, mein Lieber.«
»Habe ich denn gesagt, daß ich dich für einen tiefer denkenden protestantischen Deutschen halte?« lachte der Dechant.
Sie hob die Nase in die Luft. »Es ist jetzt auch nicht die Rede, wofür du mich hältst«, erwiderte sie kühl. »Jedenfalls bewahren wir die Welt vor dem Versinken in den leeren Formalismus von der Art, wie du ihn da in deinem Haus herumstehen hast, und wie ihn eure Kirchen zeigen.«
»Ich will dir etwas sagen, Marie: es gibt einen sinnlichen und einen unsinnlichen Formalismus. Den sinnlichen Formalismus seid ihr freilich los samt der sinnlichen Form. Eure Architektur beweist es und nicht nur die. Dafür habt ihr die deutsche Nation in den unsinnlichen Formalismus der Ziffer gestürzt. Da liegt sie nun drin und erlebt wie in einem wüsten Traum, wie alles Leben zum Einmaleins wird. Die Alten da trieben ein Spiel mit Formen, aber ein hoffnungsvolles und freudiges; ihr treibt ein hoffnungsloses mit Zahlen, und eure Freude ist dann auch zum Amüsement geworden. So verhält es sich mit dem Rationalismus von heute. Katholisierend ist er nicht; wäre er wenigstens protestantisierend! Wißt ihr noch etwas von der alten gottheiligen Kreisberechnung der Seelenkraft? Radius mal Radius mal Pi, das ist verdeutscht: das Ich mal das Ich mal Gottvertrauen gleich dem Kreis der unendlichen Wirkung. Nun, der fromme Mensch Hindenburg hat uns diese Rechnung ja wieder vorgemacht; ein Rationalist ist er aber nicht.«
»Wir haben ja jetzt das Biedermeier wieder«, meinte die Klingse. »Sieh nur mich an. Wenn ich meinen Koffer auspacke, so werde ich dir noch ganz anders kommen.«
»Ja, ihr habt's, aber nicht selber gemacht. Importiert aus dem neunzehnten Jahrhundert. Was importiert ihr nicht alles! Es ist gut, daß es mit der Importiererei zunächst ein Ende hat, so besinnt ihr euch wieder auf eure deutsche Fruchtbarkeit und Schöpferkraft. — Was ist übrigens aus dem Landhaus geworden?«
»Was wird geworden sein? Sollte ich allein das große Haus bewohnen? Sobald ich einen guten Käufer fand, schlug ich's natürlich los. Ich bin wieder in die alte kleine Villa gezogen. Eben wird sie frisch hergerichtet; so bin ich sozusagen heimatlos.«
»Und die modernen Unendlichkeitsmöbel?«
»Die Möbel sind selbstverständlich ins Haus komponiert und im Haus geblieben. Was willst du dich über Möbel lustig machen, die du bloß in der Zeitschrift gesehen hast! Was aber das Importieren angeht, so finde ich dich hier doch auch ziemlich fleißig dabei, sogar aus allen Jahrhunderten, wenn ich mich nicht irre. Hast du etwa diese Mahagonisachen selber geschaffen? Und warum läßt du die alten Fetzen und Geräte nicht im Schutt liegen, sondern hebst sie auf und richtest sie wieder her? Import, mein Lieber! Wir sind ein Volk von Kaufleuten. Das ist's.«
»Ja, das Wort geht jetzt durch die Zeitungen«, bemerkte der Geistliche, der seine Verwandte kannte, etwas trocken. »Es ist bequem zu handhaben und nach allen Richtungen zu konjugieren.«
»Was du sagst, steht allerdings nicht in den Zeitungen«, erwiderte die Tante ein wenig spitz und tat dann vor Bob einen nervösen Seitenschritt. »Willst du nicht den häßlichen Hund an dich nehmen; es ist nicht erfreulich, ständig berochen und beknurrt zu werden.«
Der Dechant rief das Tier zu sich. »Er wittert nur nach Wohlwollen«, sagte er. »Wenn er keins findet, so knurrt er.«
»Das heißt, du sprichst dem Tier Seele zu?«
»Nein, ich denke nicht daran«, erwiderte er verwundert. »Kann ich dir Augen zusprechen? Du hast sie, ob ich sie bestätige oder nicht. So verhält es sich mit der Seele eines Tieres. Du bildest dir vielleicht ein, bloß ihr, du und die andern sechs Neunmalklugen in Berlin, hättet Seele. Seid froh, daß man euch nicht daraufhin untersuchen kann.«
»Das sind Fragen des geistigen Hochstandes!« sagte sie und hob die feine Nase. »Gegenüber einem Tier habe ich Herrengefühle. Es erfüllt seinen Zweck, und ich lasse es abschlachten oder verkaufe es. Was darüber hinausgeht, sind Sentimentalitäten.«
»Hoffentlich hast du noch andere Unterlagen für dein Herrengefühl«, bemerkte der Dechant. »Aber nun bewundere ein immerhin seelenloses Tier, das dir diesen geistigen Hochstand abgerochen und beknurrt hat.«
»Da würdest du wohl auch keine Nachtruhe für ein Tier drangeben?« fragte Linde, die bisher schweigend zugehört hatte, mit etwas feindlichen Augen. »Voriges Jahr ist er nämlich überfahren worden. Brigitt brachte ihn in einem Korb blutend und halbtot nach Hause. Er hatte Lungenverletzungen und konnte kaum mehr atmen. Der Tierarzt wollte ihm Gift geben, aber ich ließ es nicht zu. Wir trugen ihn auf mein Zimmer hinauf. Damit er sich nicht verkroch mit seinen Schmerzen, verstellten wir ihm alle Möbel. Nun saß er da traurig Stunden und Stunden und kämpfte um Luft. Seine Lunge ging wie eine Rassel. Liegen konnte er nicht, weil er sofort Erstickungsanfälle bekam. Schließlich begann er vor Schwäche umzufallen. Da baute ich ihn ganz mit Kissen ein und unterstützte ihm auch die Brust. Ab und zu hielt ich ihm ein Tellerchen mit Milch vor, weil er durch den Blutverlust durstig wurde; davon nahm er immer ein bißchen. Wenn ich mich bewegte, so blickte er sofort mit seinen großen, dunklen Augen nach mir hin, weil er fürchtete, daß ich ihn verlassen wolle. So verbrachten wir die erste Nacht. Als der Tierarzt am andern Morgen kam, wunderte er sich, daß der Hund noch lebte, aber er glaubte immer noch nicht, daß er durchkommen werde. Nun, er ist durchgekommen. Seither ist das Tier von mir unzertrennlich, und von dem Unglück an hat es ein ganz anderes Verhalten zu mir.«
Die Tante verzog den Mund etwas. »Das ist mir in der Tat zu hoch«, achselzuckte sie. »Du hättest dem beast eine qualvolle Zeit ersparst, wenn du es sofort hättest töten lassen. Mehr kann ich dabei nicht sehen. Eine inferiore Kreatur dürfte mir keine Unbequemlichkeiten verursachen.«
»Du sagtest, der Hund sei häßlich«, erwiderte Linde mit roten Wangen. »Vielleicht erscheinst auch du ihm — abstoßend. Wenigstens hat er sich noch nie gegenüber einem Gast so verhalten.«
In der Tat saß Bob neben seinem Herrn, das eine Auge unausgesetzt auf die fremde Frau gerichtet, und knurrend, sobald sie sich regte oder zu sprechen begann; ab und zu ging ein erregtes Zittern über seinen Leib, weil er seinen Platz nicht verlassen durfte, und in seinen treuen, mutigen Zügen drückte sich ein unverkennbares Leiden aus, das ihm das Mißtrauen gegen diese parfümierte Person erregte. Die Klingse zuckte wieder die Achseln.
»Jetzt fehlt nur noch, daß ihr den Hund zum Richter über euren menschlichen Wert macht«, sagte sie hochmütig und selber ein bißchen erregt, weil ihr die so rückhaltlos geäußerte Abneigung des Tieres immerhin peinlich war.
»Auch das wäre zu denken, daß wir unter Umständen durch ein Tier gerichtet werden«, versetzte der Dechant ernsthaft. »Wir werden ja auch durch Tiere gerettet. Sicher gibt es viele Beziehungen zwischen dem Tierreich und uns, von denen wir nicht einmal etwas wissen. Alles Unrecht und alle Grausamkeit, die an Tieren verübt worden sind, leben als Handlungen und als Wirklichkeit ebenso weiter wie die Guttaten und die erwiesenen Barmherzigkeiten sowie jene Beweise der Großherzigkeit und des Edelmutes, den andrerseits wieder unsre Freunde aus dem Tierreich uns geliefert haben. Vor Gottes Auge ergibt das eine Summe, die nicht wenig gelten kann. Vielleicht gibt es sogar Gerechte, die die Prüfung durch die Armen und selbst durch die Kinder bestehen, und die am Tier scheitern. Aber wollen wir nicht noch ein wenig in mein Zimmer treten? Bob wird sich solange auf sein Bett im Korridor legen. Hast du gehört, Bob?«
Bob hatte gehört. Durch einen ernsten, kummervollen Blick auf seinen Herrn und dann auf das junge Mädchen teilte er noch mit, wie schwer ihm in diesem Fall das Gehorchen werde, und wie wenig er den Befehl verstehe; darauf begab er sich widerstrebend mit gesträubter Rückenbürste und steifbeinig wie vor einer Rauferei auf den kommandierten Platz, nicht ohne unterwegs noch einmal zu knurren, als die Klingse mit ihrem seidenen Unterrock rauschte.
Der Soldat hatte von der ganzen gebildeten Unterhaltung wenig begriffen. Er hörte, daß es sich um modern oder altväterisch handelte, und da er als junger Mann, der in Amerika gewesen war, zu einer weltmännischen Gesinnung verpflichtet hielt, so leuchtete ihm eigentlich das, was die Tante sagte, besser ein. Als moderne Frau nahm er aber noch einen besondern Augenschein von ihr, der wiederum nicht ungünstig ausfiel, und im großen ganzen fand er, daß der Dechant sie wohl gelten lassen könnte, und daß Linde einen Fehler begehe, sich so feindlich zu ihr zu stellen, nachdem sie sie doch einmal eingeladen hatte, abgesehen von dem Beispiel, das sie sich in vielem an ihr nehmen konnte. Aber auch von diesen Erkenntnissen verlautete er nichts.
Das waren die Begleiterscheinungen, unter denen sich der Einstand der Tante vollzog. Für den Rest des Abends sprach man nur noch von unverfänglichen Dingen, so daß die Klingse nicht mehr nötig hatte, auf Zeitungsartikel und gehörte Kunstvorträge zurückzugreifen. Aber am nächsten Morgen trat sie mit vorgeschobenem Kinn und schmalen Lippen das Hausregiment an. Zuerst, noch droben im Hausgang, ordnete sie an, daß die Möbel in ihrem Zimmer umgestellt würden, weil sie nicht genug zum Frisieren sehe und nachts durch das Rauschen der Bäume gestört werde. Als sie etwas später zum appetitlich hergerichteten und nicht eben ängstlich besetzten Frühstückstisch kam, überblickte sie ihn im Niedersitzen mit unbestechlichen Augen; darauf, während sie die Serviette nahm, sagte sie etwas singend, doch immerhin Ärgernis nehmend:
»Ihr habt ja Eier und Butter. So üppig sind wir's lange nicht mehr gewöhnt. Ich finde, ihr könntet euch bedürfnisloser einrichten; es gibt jetzt soviel Elend. Ihr wißt so schöne Dinge über die Hunde zu sagen; denkt auch ein wenig an das deutsche Volk.«
Die Hausgemeinde fühlte sich von diesen Worten so auf ihrer Unanständigkeit betroffen und bloßgestellt, daß niemand wagte, mit einer klugen oder festen Entgegnung das Hausrecht zu behaupten. Man erkundigte sich bestürzt nach der Not in der Hauptstadt, bemerkte kleinlaut dies und jenes Allgemeine über den Gegenstand und fragte die Tante schüchtern, ob denn sie nicht auch ein wenig gehamstert habe, worauf sie einigermaßen verwundert antwortete: »Aber warum denn? Man kann sich ja für Geld noch genug kaufen!« Vom nächsten Tag an kam nur noch Marmelade auf den Tisch, zwar auch keine schlechte, und die Tante fand sie viel zu süß, aber das war nun nicht mehr zu ändern. Zum ersten Mittagessen sagte sie noch nichts, aber beim Tee nahm sie an den schneeweißen Brötchen Anstoß und erklärte es als ein Vergehen an der Allgemeinheit, jetzt so weiße Brötchen zu essen. Nun war es wirklich unmöglich, dunkleres Kleingebäck zu bekommen, aber um die Stimme des Gewissens zu beschwichtigen, aß man künftig grobes Schwarzbrot zum Tee, obwohl dem Dechanten und besonders Linde so schwere Kost übel bekam; schon der Abgang der Butter und des frischen Eies am Morgen bedeutete für Linde eine rechte Lebensverschlechterung, und die Folgen stellten sich bald als Magenschmerzen ein, aber sie ertrug sie still.
Am zweiten Tag ließ sich die Tante über das Abendessen aus, am dritten über den Mittagstisch. Es sah niemand ein, welches Interesse das verwünschte Weib daran hatte, sich selber die Kost zu verschlechtern. Das Nachtessen war die Hausgemeinde warm gewöhnt; man genoß einige leichte, angenehme Dinge, die den Schlaf nicht erschwerten und am andern Morgen ein erquicktes Erwachen versprachen. Damit räumte die Klingse auf. Man aß jetzt Brot mit Schmierkäse zu Nachgewärmtem oder zum Tee, auch etwas Aufschnitt und hinterher einen Apfel; auch liebte die Klingse Weintrauben und Nüsse. Dem Hund wurde der Speisezettel ebenfalls nachgeprüft und nach Menge und Gehalt streng beschnitten. Man briet nicht mehr mit Butter, obwohl die Bauern sie willig und reichlich ins Haus brachten und die alte Brigitt lästerlich schimpfte, sondern mit Schmalz, und im weiteren zeigte sich, daß die Tante überhaupt gegen die Braterei war; man solle mehr kochen und sieden, um das Fett für das deutsche Volk zu erhalten.
Allmählich führte sie der Reihe nach die verschiedenen Ersatzstoffe ein, die von der Chemie oder auch nicht von der Chemie hergestellt wurden. Sie bestand darauf, daß man das Milchpräparat Milfix oder die Kuh in der Tüte kostete, um einen Begriff davon zu bekommen, wie das Großstadtvolk lebte. Man fand es zur allgemeinen Beschämung nicht eben wohlschmeckend. Sie ordnete an, daß ein Kuchen damit gebacken würde, in dem anstatt Ei Eifix kam, ein Präparat aus Gott wußte was, das sträflich gelb machte und nicht die Spur nach irgend etwas auf der Welt schmeckte. Anstatt Weizenmehl verordnete sie solches von Kartoffeln, anstatt Zucker Sacharin, und von Butter war überhaupt keine Rede, nur daß eben der Backnapf etwas mit Butteröl bestrichen wurde, damit der Kuchen nicht ansetzte; aber er setzte unerbittlich an, wie sich nachher zeigte. Brigitt schmiß das Zeug mit Tränen in den Augen in den Backofen, und wenn die Klingse nicht vorausahnend danach gesehen hätte, so wäre es zu Staub verkohlt, denn die alte Person hatte ein Höllenfeuer daruntergesetzt. Das nächste Mal war der Ofen kalt, und die Klingse mußte selber nachheizen, wenn sie ihren Kuchen bekommen wollte.
Heinz fraß alles ziemlich gehorsam und etwas bewundernd. »Wie gut muß dein Kuchen erst schmecken, wenn es ein wirklicher Kuchen ist!« sagte er gläubig und steckte sich ein neues Stück in den Mund.
»Greif nur zu, Heinz«, nickte sie wohlwollend. »Du mußt nachher wieder dein Leben für uns einsetzen. Man könnte noch viel mehr für die Armee tun.«
Anstatt Öl kam eine Art von dicker, gelber, säuerlicher Brühe ins Haus, die nicht ein Tröpfchen Fettgehalt besaß und jeden Salat verdarb. Puddings wurden aus Ißnur hergestellt und schmeckten nach Tinte. Es gab bald keinen natürlichen Stoff, den sie nicht verwässerte oder mit Zusatzmitteln streckte. Was man früher in guter Qualität kaufte, erstand man jetzt in geringerer. Kurz, das Essen hörte im Haus des Dechanten auf, ein Vergnügen zu sein. Aber zum Vergnügen esse man jetzt auch nicht, sagte die Klingse, sondern nur um sich zu erhalten. Da sie einen ledernen Magen hatte, erhielt sie sich ganz ordentlich, aber der Dechant mußte viel Kräuterschnäpse zu sich nehmen und wurde ein kleiner Trinker über der Askese; doch sah er ein, daß die Nation vorging und der Einzelne zurückstehen mußte, zumal an einem so sichtbaren Platz. Auch Linde begriff, aber da sie sich nicht durch Kräuterschnäpse weiterhelfen konnte, so sah sie bedenklichen Zeiten entgegen. Die brave Brigitt überfiel in ihrer Küche täglich das heulende Elend, und sie schwur jeden Abend, davonzulaufen, um jeden Morgen in tiefer Ergebenheit gegen Linde einen schlechten Ersatzkaffee zu brauen, nach dem das ganze Haus stank, denn Bohnenkaffee war auch nicht mehr gestattet. Sie beschwor das Mädchen, nur zum Schein zu essen und sich von ihr etwas Besonderes machen zu lassen, das sie besser vertragen konnte, aber Linde sagte, im Feld hätten sie auch nichts Besonderes, und lehnte jede Heimlichkeit ab. Sie nahm dieses Übelwetter als gerechte Strafe für das Unrecht, das sie an der Frau begangen hatte, und ihr eigentlicher Kummer war dabei, daß Unschuldige mit ihr getroffen wurden.
Viertes Kapitel Linde tritt mit gutem Erfolg öffentlich auf, aber mit immer geringerem innerlich. Die Tante gewinnt Spielraum mit einem geschenkten Ring

Eins wurde bald klar: die einzige Person, für die die schlanke Weltdame im Haus sich erwärmte, und die sie anerkannte, war der Leutnant. Erstens stachen ihr seine Dekorationen in die Augen; an Kreuze und Orden läßt sich immer befriedigend glauben. Dann fand sie in dem jungen Mann mit scharfem Blick den Angelpunkt, auf dem sie sich bewegen und von dem aus sie die andern beherrschen konnte. Er war einfach organisiert, eitel, oberflächlich und uniform und darum ein gefundenes Fressen für jedes ehrgeizige Weibsbild, das sich seiner bemächtigen wollte. Von ihren Beweggründen ahnte er zwar den einen oder andern, nicht zu seinem Stolz, und wenn Linde ihn mit der neuen Verehrerin neckte, so wurde er verlegen und suchte die Ehre abzulehnen, aber sobald er in den Bannkreis ihrer selbstsichern, gebildeten Unterhaltung oder nur unter ihren egoistischen, schwermütigen Blick geriet, so schlich sich, ob er wollte oder nicht, ein geschmeicheltes Gefühl unter seinem Magen hin über den Vorzug, den sie ihm vor den andern Hausgenossen gab, sie, eine weltbefahrene Frau, die doch etwas gewöhnt war, und Linde erschien ihm neben ihr dann immer etwas hausbacken oder kleinstädtisch, jedenfalls nicht als das glänzende und reich ausgestattete weibliche Wesen, das er gern an seine Seite träumte, seitdem er sich solchen Spekulationen hingab. Die Klingse bemerkte und bestätigte alles, was er sagte, während Linde dazu still war oder mit wenig Worten schwierig widersprach und der Dechant väterlich spöttische Bemerkungen daranhing, die ihn in seiner Würde kränkten, denn er war kein Junge mehr, sondern hatte zwei Jahre Krieg hinter sich, von Amerika nicht zu reden. Dieser Erwägung gab er auch neuerlich Ausdruck, indem er Rechtfertigungen mit den Worten einleitete: »Wenn man zwei Jahre im Feld gestanden hat, so weiß man, was los ist!« Die Klingse übernahm die Redensart von ihm, wenn es darum ging, ihm zu helfen.
Übrigens war sie mit ihren dünnen Lippen und ihrem kalten Blick noch eine sehr gangbare Frau, der Heinz unter andern Umständen nicht durchaus abgeneigt gewesen wäre, zumal sie sich mit großer Sorgfalt modern kleidete und mancherlei hübsche Spitzen und Schmuckstücke an sich sehen ließ, wovon man an Linde wenig bemerkte. Gezeugt war sie in England von einem deutschen Vater, aber geboren dortselbst von einer englischen Mutter, und bis zum Krieg hatte sie sich Mary nennen lassen, was von den Lippen ihrer Verwandten durchweg als Mehrie klang. Jetzt hieß sie Malva. Unterweilen war sie längst nach Deutschland zurückgekommen und die Taufpatin Lindes geworden, ohne daß diese das Verhältnis nachträglich von sich aus bestätigte, vielmehr begann das merkwürdige Kind eine gewisse Reihe von moralischen Unternehmungen damit, daß es jenes, das nie innerlich bestand, auch äußerlich durch die bekannte Namensänderung löste, eine Feindseligkeit, die die Frau einigermaßen erleichtert quittiert hatte, freilich ohne etwas zu verzeihen oder zu vergessen. Noch weit vom Matronenalter entfernt, fand sie sich neuerlich dem Mädchen gegenüber außerdem im Zustand einer gewissen Rivalität, mit der aber Linde wahrscheinlich schon damals begonnen hatte. Die Erkenntnis gereichte der reifen Frau zunächst nicht zur Steigerung ihres Selbstgefühls, und sie hielt es bereits für einen Fehler, der Einladung gefolgt zu sein. Dazu kam, daß die Klingse benannte Frau Professor und Witwe eines berühmten Augenarztes einen außerordentlich mißtrauischen und einsamen Charakter besaß und in dem richtigen Gefühl, sich bei ihrem unglücklichen Temperament auf niemandes Liebe verlassen zu können, höchstens auf die Untertänigkeit der Kreaturen, die sie wohltuenderweise um sich versammelte, wenig Zufriedenheit im Leben genoß. Sie war eine wahrhaft tragisch veranlagte Natur, vor der Linde aus guten Gründen Angst empfand, so große Angst, daß es ihr sogar unmöglich war, das Gefühl von Mitleid, das sie während der Entfernung für jene erfüllt hatte, in ihrer Gegenwart zu erhalten und sinnenmäßig zu betätigen, sosehr sie auch immer wieder von ihrem Gewissen getrieben darum rang. Solange die Klingse da war, empfand Linde nur Panik, Kummer und bodenloses, ganz ursprüngliches Lebensweh. In der Anteilnahme am Leben ihres erwachsenen Jugendgespielen, die jetzt noch außerdem zwischen den beiden Frauen stand, steigerte sich ihr alles wie in einem Vergrößerungsglas oder einem Schallbecher zu verwirrendem Tumult und zu Feststellungen von peinigender Bedeutung, denn die Frau hatte tausend Möglichkeiten, Menschen zu tyrannisieren und zu verderben, aber Linde hatte nur einen einzigen Geliebten auf der weiten Welt, besaß ihn erst seit wenig Tagen und mußte ihn nach einer bereits festgesetzten kurzen Reihe von Stunden wieder lassen, ohne seinen Lieblichkeiten und guten Tiefen ganz auf den Grund gekommen zu sein.
Um von Brigitt zu reden, so verfolgte sie das fremde Frauenwesen mit einem sichern, ingrimmigen Haß. Daran hinderte sie auch ihr sonstiges warmes Christentum nicht, denn erstens störte die Klingse den Frieden der Menschen, die ihr auf der Welt die liebsten waren, und zweitens war sie protestantisch und stammte aus England, und die Sprache, die sie redete, war norddeutsch. Was sie in der Stille tun konnte, um die Frau zu ärgern, das versäumte sie nicht, was sie aber von Dingen unterlassen konnte, die jener Befriedigungen verschafft hätten, darum machte sie einen weisen und erfahrenen Bogen. Sie genoß dafür auch die Ehre, einer der ganz wenigen Menschen zu sein, die das verwöhnte Weib wirklich fürchtete, und die es leiden machten, während die Klingse sonst in der Übung hatte, die Menschen leiden zu machen. Das widerfuhr ihr, weil der Haß dieser meist aus Trieb und Natur handelnden Leute sie in einem tiefen Grund verurteilte, wohin keine verstandesmäßigen Selbstrechtfertigungen drangen, und weil sie gegen deren ganz unmittelbare und natürliche Äußerungen als konventioneller und literarischer Mensch, der sie von ihrem Ehrgeiz verführt im Lauf ihrer gesellschaftlichen Bildung geworden war, gar keine Hilfsmittel besaß. Der Haushälterin gegenüber half sie sich von einem Tag in den andern mit einer kühlen Verachtung; sie schien sie nicht zu sehen, und wo sie sie als Dienstboten packen konnte, da tat sie es. Einer solchen feinen Niedertracht gegenüber war dann wieder Brigitt hilflos, weil sie an die Verachtung wie das Nichtsehen glaubte. Da sie aber doch nicht ihre Pflichten als Hausmagd gröblich verletzten konnte, so sammelte sie still ihre Wut zu einer Art von stehendem Gewitter auf, mit dem sie stumm oder gelegentlich in der Tiefe grollend am Horizont lauerte und auf ihren Tag wartete. Um den betete sie vorläufig aus ganzem Herzen, denn sie hielt das calvinistische Weib ehrlich und aufrichtig im allgemeinen für eine Verbrecherin und im besondern für eine Spionin, mit welchem populären Verdacht sie sich denn auf einem schiffbaren Fahrwasser und in großer Gesellschaft befand.
Dem Dechanten erging es noch verhältnismäßig am besten; entweder er trieb sich i mherum, oder er stand in seinem Museum vor den gefundenen Altertümern, um die Geschichte des Domes, die er im Kopf zu Faden schlug, wieder in einigen innern Beziehungen zu fördern, und die übrige Zeit des Tages verbrachte er auf seinem Arbeitszimmer, wo er unangreifbar war. Den Garten mied er, so lieb er ihn hatte; nur wenn er seinen Besuch sicher in der Stadt wußte, lief er geschwind hinunter und erging sich auf ein Stündchen zwischen seinen Bäumen und Büschen und unter dem offenen Licht eines Gottes, in dessen Geheimnissen er zur Zeit doch bei weitem nicht so tief steckte, wie in denen der Bischöfe und Künstler, die den hiesigen Platz durch die Jahrhunderte herauf- und heruntergebracht hatten, um alles dann ihm als dem wahren Kundigen und Genießer zur endgültigen Reinigung und Zusammenfassung zu hinterlassen. Indessen wurde der Gott freilich unbehaglicher und bitterer.