← Table of contents
Der Dechant von Gottesbüren

Zweiter Teil / Ehrgeiz (continued 3)

Reading edition

»Ja, das rate ich auch jedem«, sagte der Dechant kurz und unangenehm berührt. Und etwas sarkastisch setzte er noch hinzu: »Mit den Asiaten war ja auch noch nie viel los.«

Sie blickte ungewiß auf, um zu sehen, wie er das meinte, aber inzwischen hatte Linde den Brief gelesen, widerstrebend und ohne eigenen Willen und von vornherein auf nichts Kleineres gefaßt als auf das, was er enthielt, zu edel, um mit falscher Großartigkeit eine Demütigung abzuweisen, und zu kühn, um sich vor dem Schmerz zu hüten, der auf sie wartete. Nun gab sie das beschriebene Blatt zurück, langsam, doch innerlich mit derselben Schnelligkeit denkend und Entschlüsse fassend wie die Feindin. »Ich danke dir«, sagte sie, mehr von Vorstellungen erfüllt als erschüttert. »Du hattest recht, keinen Auszug zu geben. Dergleichen muß im großen genommen werden.« Im Grund hatte sie ja auch nichts so auffällig Neues gelesen. Die Tante hob den Blick vom Dechanten weg und richtete ihn mit demselben mißtrauischen Ausdruck auf das Mädchen; sie brauchte ihn nur noch ein bißchen höher zu spannen, sonst paßte er beim einen Ekkart wie beim andern; beide waren sie in dieser Zeit lakonisch und erschienen ihr gewissermaßen orakelhaft. Auch der Dechant sah einen Augenblick fragend her, weil Lindes Ton ihm auffiel; aber daran gewöhnt, nun ohne sie zu leben, wandte er sich in Gedanken wieder seinen eigenen Angelegenheiten zu. Der Tante blieb sodann nichts übrig, als vorerst die beiden Abfertigungen einzustecken und sich darüber zu ärgern, über die kleinere wenig und über die größere mehr, und das alles, obwohl sie sich vorgenommen hatte, Linde in des Dechanten Gegenwart keine Gelegenheit zu Ausfällen mehr zu geben.

Im Laufe desselben Vormittags traf Linde auf den gelesenen Brief ihre Gegenmaßregeln, indem sie ihrerseits einen an Heinz schrieb. Er war kurz und bestand aus folgenden Sätzen.

»Liebster Heinz! Ich bin zur Überzeugung gekommen, daß es besser ist, wenn ich Dir Deine Freiheit zurückgebe. Nicht weil ich mir davon eine Verbesserung für mich verspräche, obwohl ich Anlaß haben könnte, mir eine zu wünschen, aber ich kann nicht sehen, woher sie bei der Unfreiheit kommen soll, die uns alle befallen hat. Verzeih, daß ich Dich zunächst ein wenig beunruhigen muß, aber ich habe lange genug über Dich nachgedacht, um zu wissen, was auch Du nötig hast, nämlich eben Freiheit. Schreibe mir bitte nicht mehr, es würde mir schmerzlich sein. Wir werden einander nicht vergessen, aber wir werden uns auch nicht auf falsche Wege drängen durch eine falsche Treue, die bloß Eitelkeit und Ehrsucht wäre. Liebster Mann, ich werde für Dich beten. Leb wohl. Bitte, gehorche mir, und verursache uns nicht unnötige Schmerzen. Herzlich Marie Linde.«

Sie besorgte mit Bob ihre Einkäufe, warf den Brief im Vorbeigehen bei der Hauptpost ein und kam von diesem Gang fiebernd nach Hause. Den Tag über wehrte sie sich noch; gegen Abend jedoch wurde ihr Zustand stärker als sie, und sie mußte sich vorzeitig zu Bett legen. Im Verlauf der weiteren Entwicklung fehlte es dann Brigitt nicht an Gelegenheit, empfangene Pflege und Wohltat zu erwidern.

Für die erste Nacht zwar wollte Linde keine annehmen und blieb mit großem Ernst dabei. Aber am andern Morgen, als das Thermometer achtunddreißig Grad zeigte, bekam Brigitt Oberwasser und wurde der Arzt gerufen. Die Magd glaubte ihrerseits an eine geheime Vergiftung durch die Tante, und man hätte ihr leichter ein Bein ausgedreht als diesen Aberglauben verredet. Da sie ihn aber zu niemand äußerte, so konnte ihn ihr auch niemand verreden, und sie blieb seine ungestörte Besitzerin, leider nicht auch die der Patientin, denn es stellte sich sofort heraus, daß die Tante ganz selbstverständlich im Verkehr mit dem Arzt die Rolle der Hausfrau übernahm, und für die Magd fielen nur die Neuigkeiten ab, die sie nebenher erhorchte, oder die sie dem Arzt selber abfragte.

Der Arzt war ein semmelblonder, großer, wohlgenährter Mann mit etwas eingedrückter Nase und wasserblauen Augen, mehr geschäftseifrig als medizinisch hochbegabt, obwohl er mit dem Titel eines Kreisphysikus herumging, aber jemand mußte ihn doch tragen. Dieser vielgegrüßte Mann also nahm die zuständige Untersuchung vor und hielt dann der Tante einen Vortrag über den Befund, da sie ihm besonders imponierte. Im ganzen großen wollte er nicht viel Neues entdeckt haben, und das konnte man ihm aufs Wort glauben, denn er sah danach aus. Nach seiner Meinung handelte es sich um die alte gastrische Schwäche, durch zuviel Arbeit und die Kriegsernährung etwas gesteigert, wie ihm denn die Patientin einen heruntergewirtschafteten, vernachlässigten Eindruck machte. Alles in allem: Ruhe, Diät, Wärme, etwas Medizin und Nährpräparate. »Aber das Fieber?« zweifelte die Klingse besserwissend. »Fieber sei doch immer ein schlechtes Zeichen.« — »Ja, das Fieber«, spottete er. »Schön, die Patientin habe eben Fieber, und er und die Frau Professor hätten kein Fieber. Eines Tages könne es umgekehrt sein, und es gehe auch noch nicht gleich zum Tod.« Die Klingse, die an seinem Umgangston wenig Geschmack fand, ließ mit gerunzelter Stirn etwas von Tuberkulose hören, aber er lachte sie aus. Von einer örtlichen Ursache sei gar keine Rede; das sei ein so elastisches und seidenweiches Mägelchen bei aller geheimen Festigkeit, daß ihm die gnädige Frau schon glauben müsse, wenn er ihr und sich nie einen schlechteren estomac zu haben wünsche. Mit diesem Scherz machte er ihr eine Verbeugung und hob sich davon. Er trug einen schönen warmen Pelzmantel. Vor dem Haus stand sein Wägelchen und wartete auf ihn. Es ging ihm nichts ab, und er hatte immer recht, ob die Patienten starben oder leben blieben.

Er behielt auch in Lindes Fall recht, obwohl er bei weitem nicht ahnte, daß man es hier mit einer viel mehr geistigen als körperlichen Erscheinung zu tun hatte. Der Mensch, wie er geboren wird, antwortet auf feindselige Anfechtung mit Trauer, wird er kräftig, mit Gegenfeindschaft, wird er stark, mit Verachtung oder mit Taten, ist er zart, mit Kummer, und dann gibt es noch Menschen, deren Leibliches so vergeistigt ist, daß ihre Trauer und ihr Kummer wie ihr Schreck und ihre Gegenfeindschaft kränkend auf den ganzen durchseelten Organismus wirken, der sich dann genau wie gegen eine stoffliche Infektion ritterlich mit Fieber zur Wehr setzt. Bei ihr war nun noch außerdem das große Geheimnis, daß sie sich mit diesem Fieber nicht nur für sich wehrte, sondern auch für den an der gleichen Krankheit miterkrankten Geliebten, um mit beiden zu einer neuen Gesundheit durchzubrechen. Der Kreisphysikus hätte wirklich das sein müssen, was ihn das Volk nannte: ein Kreispfiffikus, wenn er von dergleichen vornehmen Krankheiten einen Begriff hätte haben sollen.

Achtes Kapitel Brigitt zaubert und wahrsagt, wird aufsässig, erfährt eine Zurechtweisung und unterwirft sich. Linde steht unerwartet wieder auf

D
D

Der neue Zustand brachte für Linde insofern einen Vorzug, als sie sich in ihrem Fieber wie in einer Zauberburg vor dem persönlichen Verkehr mit der Feindin zunächst geschützt fand. Sie spann still versunken ihre leise quälenden Phantasien, tauchte freundlich und müde daraus in ihre klaren Stunden auf, sah die alte Magd kommen und gehen, wirken und weissagen und schätzte am höchsten die Teile des Tages, in denen sie ganz allein war. Dann führte sie einen großmütigen Kampf mit ihrem Weh und ertrug kampflos die Anstürme ihrer ungebrochenen Liebe, weil sie genau wußte, was sie wollte, und in aller Jugend schon so stark und kühn war, zwischen dem Wanken und Brechen ihres irdischen Glückes den Sieg ihres überirdischen Liebeswillens vorauszusehen. Sie sah auch den Preis voraus, um den er aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, aber wenn sie wirklich aus Kleinmut hätte markten wollen, so hätte es ihre Hingenommenheit vom hohen Wert des Gegenstandes nicht zugelassen. Nicht als ob sie ihre Jugend und ihre Lebenshoffnung weniger geliebt hätte als jene persönlich sittliche Vorstellung, die sie sich vom höchsten Sinn ihrer Liebe machte: der Befreiung ihres Geliebten aus der Gewalt der Feindin; sie liebte sie sogar viel heftiger und zärtlicher, und es war ja eben die Voraussetzung ihrer verwegenen Rechnung, sich noch das Ganze zu retten, indem sie das Angefochtene freigab. Sie wäre auch kein Mensch gewesen und vor allem kein Mädchen, wenn sie nicht die unermüdliche und zähe Hoffnung besessen hätte, am Ende und schließlich auch irdisch zu triumphieren. Was die Klingse vom Kreisphysikus so ungläubig vernahm, nämlich daß ihr Fieber sozusagen in der Luft schwebe und mithin gar keine richtig begründete Sache sei, das klang ihr wie ein Evangelium, und außer dem jüngst gelesenen bei der Kinderfeier wußte sie sich kein süßeres.

So war sie denn getrost und fest und fuhr innerlich freudig fort, auf dem Fundament ihrer irdischen Zuversicht das fromme Sakramentshäuschen ihrer überirdischen mit immer schwebenderen Blumengittern zur Höhe zu führen. Aber in Stunden der einsamen Zaghaftigkeit, als das Fieber immer eher zum Steigen Neigung zeigte als zum Sinken und die krampfartigen Schmerzen, so hartnäckig sie sie dem Arzt verschwieg, nicht nachlassen wollten, schüttelten ihren zarten Körper harte Weinanfälle und plagte sie unsäglich die Versuchung, ihr wertvolles Heiligtum stehenzulassen und zu ihrem Liebsten zu laufen mit dem natürlichen Schrei: »Nimm mich wieder!« Und dann brauchte sie auch nicht weniger als die volle Einsicht in die Schädlichkeit einer solchen Wendung, in die Einbuße an innerm Wert, die sie sich selber zufügen und den bequemen, spöttischen Vorsprung, den sie der Feindin dadurch verschaffen würde, um sich von einer so bedenklichen Anwandlung zurückzuhalten. Indem sie endlich still wieder den Standpunkt betrat, den ihre Selbstachtung und die Notwendigkeit gleichermaßen von ihr forderten, tat sie's doch unter Vorbehalt aller persönlichen und diesseitigen Hoffnungen, so bereit sie war, für ihren höchsten Liebesgedanken weiterhin zu leiden und nach dem Leibe weniger zu werden.

Es war um die Zeit der weissagungsvollen Zwölf Nächte. Als Brigitt das Mädchen so rasch von der Kraft kommen sah, fuhr ihr ein heilloser Schreck in die Glieder, der sie auf Wege trieb, die einer frommen Katholikin eigentlich nicht erlaubt sind: sie ging unter die Zeichendeuter und Zauberer, um mit der Hilfe der Zwölfnächtegeister ein bißchen hinter die Geheimnisse zu sehen und von den zu jener Zeit waltenden besondern Kräften welche einflußreich und heilend auf die Patientin zu ziehen. Sie legte Karten unter die Sterne aus, versuchte wie Gideon Gott durch Zeichen, aber nicht mit einem Schaffell, sondern mit Kaffeesatz, und zündete Rauchwerk an in der Vorgabe, bessere Luft zu machen, in Wahrheit, um die bösen Geister zu vertreiben und die gütigen anzuziehen.

Die Sterne steigen in jenen Nächten mit einem besondern Glanz schon aus der Abendröte herauf, die sich aus dem Gehalt ereignisvoller Tage als das Gold der Erfüllung beglückt und früh niederschlägt. Daran prophetisch entzündet, leuchten alle himmlischen Lichter in beseelterem Feuer auf. Sie sind umdrängt von Gestalten und Geistern, die, blasse Zeugen der Geburt des Herrn, auf ihre Erlösung warten, und durch die dynamischen der Sterne treten die Systeme des Schicksals drängend hervor und werden in vielen gläubigen und frommen Blicken zur Erscheinung. Brigitt war nun freilich mehr in Liebe eifernd als fromm, und andererseits glich ihr Glaube sehr dem schicksalbewegten Sternenhimmel: er war voller Ahnungen und Wünsche. Mithin arbeitete ihre Weissagung unter optischen Trübungen, und die wenigen Klarheiten, die sie gewann, waren Stichlichter von schmerzender Überschärfe. Die Seele zieht wie die vom Licht getroffene, aber noch nicht entwickelte photographische Platte die chemischen Stoffe der Erkenntnis, auch der übersinnlichen, nur nach der geheimnisvollen Leitung des noch unsichtbaren Bildes an oder stößt sie ab, und nach seinen Gesetzen deckt sie sich mit Schwärzen oder bringt Helligkeiten hervor, alles im Entwicklungsbad der Empfindung, um dann im Fixierbad der Erfahrung bestätigt und haltbar zu werden.

Nun fand sich in Brigitts Karten, so sehnsüchtig und zornig sie sie für Linde auf Liebe und Glück mit der Seele anschrie, stets ein störender Einfluß, und alles lief auf Tränen und auf einen dunklen, traurig bewegten Abgang hinaus. Es war dabei ganz gleich, ob sie auf die Herzdame oder auf den Herzbuben legte; der Herzbube war immer so übel daran wie die Dame, und zwischen sie schob sich stets alles Unglücksgesindel von schwarzen Karten ein, das es überhaupt gab, aber vor allem das Kreuzweib, das der Herzdame mit großer Beharrlichkeit nach dem Leben stand, während es dem Herzbuben auf den Fersen nachzog als ein gefährliches und unheildrohendes dunkles Gestirn. Das war ihr zwar alles nichts Neues; es bestürzte sie nur mit jedem Mal heftiger, daß die Karte mit solcher Hartnäckigkeit, sie konnte mischen und abheben, wie sie wollte, bei ihrer Aussage blieb und sich durch kein Zureden etwas abhandeln ließ.

Lange hatte sie gebraucht — nicht einen Tag, wie sie sich damals auf dem Krankenbett wünschte, sondern Tage und Wochen —, bis sie dahinterkam, auf welche Weise sich jetzt, da der Soldat nicht mehr da war, die Feindschaft des Weibes gegen Linde zur Wirkung brachte, und was für Methoden es dazu anwandte, denn von den geheimen Vorgängen blieben ihr die meisten verborgen, zumal Linde nicht einmal durch einen Blick, geschweige durch ein Wort oder sonst einen Fingerzeig, ihr darin zu Hilfe kam. So blieb sie auf ihre eigene Wachsamkeit angewiesen, doch mußte sie viel Zufallsworte, Mienen, Blicke und abgerissene Gespräche auffangen und wie im Zusammensetzspiel gegeneinanderhalten, bis sie ein ungefähres Bild von den jetzigen Verhältnissen auch nur ahnungsweise und unvollkommen erhielt.

Am wenigsten von allen nahm sich noch der Dechant in acht; der redete und blickte, wie es ihm zumut war, und da es ihm je länger, je schwerer zumut war, so gab er mancherlei harte und unwirsche Worte und düstere Blicke. Sie merkte bald, daß Linde in Ungnade stand, und ingrimmig, daß sich die Klingse in einer ganzen Reihe von Gelegenheiten bei ihm an ihren Platz gebracht hatte. Er diktierte ihr seine Predigten und ließ sie Auszüge machen. Die Korrespondenz besorgte er zwar selber, so nahe sie es ihm wiederholt legte, sie ihr zu übertragen; aber auch Linde entzog er sein Vertrauen: sie hatte dies Amt nach Brigitts Genesung nicht wieder angetreten. Wenn er etwas aus dem Hauswesen wissen oder haben wollte, so wandte er sich an die Tante, und nur sofern er bemängeln oder schelten wollte, rief er, wenn es gesund war, das Mädchen.

Die Haushaltung ging, wie die Tante wollte; Zuwiderhandlungen und Aufsässigkeiten der Magd wurden vom Dechanten, durch den die Klingse nun mit ihr abrechnete, unwidersprechlich kaltgestellt. Tägliche Anweisungen gab die Dame des Hauses über ihre Schultern oder über die Magd weg in die Luft, ohne sie anzusehen, mit gleichgültiger Stimme und hochmütigem Gesichtsausdruck, hinter dem sie ihr Leiden an diesem »kommunen Menschen« verbarg. Brigitt ihrerseits gab sich je länger, je weniger Mühe, ihr dies Leiden durch Zurückhaltung zu erleichtern; immer rücksichtsloser kehrte sie ihren völkischen Triumph gegenüber der gedemütigten vornehmen Feindin hervor, und je weniger sie nachgerade dazu Ursache hatte, denn die Feindin herrschte nun durchaus, desto eifriger wandte sie sich wieder ihrem groben Verfahren zu, die Frau durch persönliche Verdrießlichkeiten, Störungen und Verachtungsbeweise zu kränken. Wenn diese auf eine nachträgliche Denunziation nun vollkommen gerüstet war, so ging ihr das etwas breite Gehaben doch sehr auf die Nerven, und die Magd brachte sie mehr als einmal zum Zittern vor Wut. Aber zu einem Ausfall ließ sie sich nicht hinreißen, erstens weil sie sich den Methoden der Magd nicht gewachsen fühlte, zweitens weil zu solchen Herausforderungen bloß noch Linde die moralische Fähigkeit besaß, und drittens weil sie gegen den Dienstboten mit ihren Mitteln auf eine andere Auszahlung hinarbeitete; sie ging darauf aus, den verdienten alten Menschen vom Dechanten zu trennen, indem sie diesem ganz unauffällig das Gefühl beizubringen suchte, daß eine Magd von solchen Lebensgewohnheiten für eine Übersiedlung in die Welt ungeeignet sei. Die Klagen über ihre gelegentlichen Verfehlungen führte sie maßvoll, und die nicht zu umgehenden Bemerkungen über ihre zunehmenden Alterserscheinungen begleitete sie mit einem bedauernden Achselzucken, aber sie umging sie jedenfalls nicht, und jeder neue Einwand wirkte verdrießlicher auf den Dechanten.

Dieser hatte noch einen besondern Grund, der Magd gram zu sein. Nachdem sie angefangen hatte, wieder ihr Leben zwischen den Gesunden aufzunehmen, bewegte er immer öfter die geheime Hoffnung in seinem Herzen, bei ihrem ersten Kirch- und Beichtgang über jene Geheimnisse, die ihm das Leben verdüsterten, endlich das so zornig ersehnte Licht zu gewinnen. Nun führte sie ihr erster Ausflug auch wirklich in den Dom, aber nicht in den Beichtstuhl, den sie mied wie das offene Feuer, im Gegenteil, sie hielt sich mit großer Vorsicht in jenen Bezirken des weiten Raumes auf, die dem Beichtstuhl möglichst entlegen waren. Wenn sie von diesem Kirchgang auch etwas still und angegriffen zurückkam, so bedeutete er für den Dechanten nichtsdestoweniger eine Enttäuschung. Dabei blieb es. Brigitt fehlte an keinem Sonntag im Frühamt, aber obwohl dort die Beichtmöglichkeit so nahelag wie der Juni dem Sommer, kehrte sie doch stets in ungebeichtetem, völlig winterlichem Zustand ins Haus zurück. Endlich sah er ein, daß diesen Wandel nicht der Zufall lenkte und auch nicht die Vergeßlichkeit, sondern daß ein Bewußtsein dahinterstand. Wo sie dem Dechanten begegnete, da blickte es aus ihren Augen und hing zugleich als Schleier der Behutsamkeit vor ihrer Miene, schien als Wortzähler in ihrem Mund zu stecken und als Watte in ihren Ohren, denn sie hörte auf seine Freundschaft lange nicht mehr so fein wie früher — freilich drückte er sie auch nicht mehr so leicht und glaubhaft aus, aber das setzte er nicht in Rechnung —, und ihre ganze neue Aufführung seit ihrer Krankheit faßte er in einen grollenden Begriff zusammen: Widerspenstigkeit! Die Verschwörung dauerte fort, und wirklich hatte er auch keine Ursache, einen Hausgenossen, der auf diese Weise hartnäckig die Hausgemeinschaft verschmähte, auf die Dauer zu ertragen.

Den schwelenden Zustand brachte Lindes Erkrankung zum Ausbruch, und zugleich gab sie der Magd zum erstenmal wieder einen festen Anhalt vom wahren Stand der Dinge, gewissermaßen einen Zipfel vom Gewebe der Feindin, in die Hand. Eines Tages gegen Abend begegnete ihr die Tante im Hausgang drunten und meldete im Vorbeigehen über die Schulter: »Sie möchten einmal zum Herrn Dechanten hinaufkommen.« Da sie gerade Zeit hatte, ging sie gleich, obwohl solche Zitationen neuerlich nicht mehr zu ihren Vergnügungen gehörten. Wirklich hatte ihr die Feindin wieder eine Suppe eingebrockt.

»Brigitt, ich habe nun schon viel Klage über deine neuerliche Ungebärdigkeit hören müssen, und ich habe dir gegenüber keinen Zweifel daran gelassen, daß Frau Professor Klinger jedenfalls jetzt in diesem Haus die Befehlende ist, während du die Gehorchende zu sein hast«, begann er ärgerlich, um sofort von ihr unterbrochen zu werden.

»Es ging früher ohne die Frau Professor. So krank ist Fräulein Linde nicht, daß sie nicht angeben könnte, was geschehen soll, und dann bin ich alt genug, um das selber zu wissen.«

»Es ist auch eine deiner unleidlichen neuen Gewohnheiten, mir ins Wort zu fallen, wenn ich dir etwas zu sagen habe«, tadelte er. »Laß das in Zukunft. Über die Einrichtung der Hausordnung werde ich mit dir nicht streiten —«

»Die Hausordnung war lange eingerichtet«, bemerkte sie.

»Du warst krank«, suchte der Dechant zu erklären »Und da Linde nicht nachkam, wurde es nötig, daß jemand das Ganze in die Hand nahm. Jetzt ist Linde krank —«

»Aber ich bin gesund. Früher war auch Fräulein Linde manchmal krank, und es ging mit mir allein.«

»Das tut es eben nicht mehr«, betonte er, zufrieden, gegen sie frisch ansetzen zu können. »Du wirst älter, und die Verhältnisse haben sich durch den Krieg geändert —«

»Sie haben sich nicht durch den Krieg geändert.«

Diesen Einwurf überhörte er, um schärfer fortzufahren. »Und bei deiner unverständigen Renitenz muß ich noch froh sein, wenn sich sonst jemand um eine vernünftige Ordnung kümmert. Was soll das heißen, wenn du der Frau Professor den Kaffee über das Kleid schüttest und dich nicht einmal entschuldigst? Wenn du morgens den Besen gegen ihre Tür wirfst, damit sie nicht mehr schlafen kann? Wenn sie dir aufträgt, ihr Bänder aus der Stadt zu bringen, und du sie absichtlich nicht bringst? Ihre Briefe liegenläßt, die du mitnehmen sollst, und sie zwingst, sie selber zur Post zu tragen? Entweder sind das Aufsässigkeiten, oder es sind Dummheiten eines alterskindischen Menschen. In beiden Fällen sind es Erscheinungen, die ich nicht an einem Dienstboten zu bemerken wünsche. Das sollst du künftig bedenken.«

»Ich dachte, die Frau Professor sei hier nur auf Besuch!« entgegnete die Magd gereizt.

Der Hieb saß, aber er kam ihr nicht zugut. »Ich habe dir gesagt, daß ich deine Unverschämtheiten nicht länger dulden will«, bemerkte der Dechant mit kalter Miene. »Du bist hier eine Dienstmagd mit kündbarem Verhältnis. Entweder die Umstände behagen dir, und du fügst dich ihnen, oder sie behagen dir nicht, und du verläßt sie. Sonst gibt es darüber zwischen uns beiden nichts zu reden. Dabei fällt es noch ganz dir zur Verantwortung, daß du es soweit kommen ließest. — Für heute wollte ich dir mitteilen, daß Frau Professor Klinger bereit ist, trotz deiner Widerspenstigkeiten deine Tagesarbeit zu erleichtern, indem sie dir die Pflege des Mädchens abnimmt —«

»Die Pflege gebe ich nicht ab«, versetzte Brigitt erregt und schnell. »Ich will nichts von der Frau Professor abgenommen haben. Hat mich Fräulein Linde gepflegt, so werde ich sie wieder pflegen. Das ist alles. Mit meinem Tagewerk werde ich schon allein fertig werden.«

»Aber Brigitt«, versuchte der Dechant erneut zu mahnen, »du vergißt schon wieder, daß über diese Angelegenheiten ich zu entscheiden habe —«

»Verzeihung, Hochwürden, darüber muß ich entscheiden. Wie Fräulein Linde gepflegt werden muß, und was ihr bekommt und was nicht, das weiß ich von lange her, und wenn ich's besorge, so weiß ich, daß es recht besorgt ist.«

»Du wirst nicht so kindisch sein, zu glauben, daß Frau Professor Klinger das nicht auch recht besorgen wird«, wunderte er sich.

»Davon bin ich nicht so überzeugt«, erklärte sie düster.

Er lachte geärgert. »Linde ist in ärztlicher Behandlung. Was hast du da noch zu zweifeln?«

»Weiß der Herr Kreisphysikus, woher diese Krankheit kommt? Nun also. Bis er's weiß, behalte ich meine Meinung. Linde pflege ich selber.«

»Du bist ganz und gar närrisch«, sagte der Dechant sehr verdrießlich. »Du verläßt dich darauf, daß ich dir nicht auf gewöhnlichem Weg kündigen und dich auf die Straße setzen werde. Und das werde ich auch nicht, aber ich werde dich ins Altersasyl einkaufen oder dir eine Rente aussetzen, aber in meinem Haus wirst du unter diesen Umständen nicht mehr sehr lange sein. — Ich habe dir mitgeteilt, daß Frau Professor Klinger die Pflege bei Linde übernehmen wird. Finde dich damit ab, wie du willst. — Du hast nicht den besten Geist, Brigitt. Ich fand dich früher gottesfürchtiger. Sieh zu, daß du mit dir selber wieder ins reine kommst.«

Mit diesen Worten war sie entlassen, und sie wußte von jedem genau, was es zu bedeuten hatte. Die letzten spielten auf die hinausgeschobene Beichte an, die sie Gott nach der schweren Krankheit und der endlichen Genesung schuldig war, und die andern stellten sie vor die Wahl, entweder das Haus zu räumen, den Dechanten einem gleichgültigen neuen Dienstmädchen und Linde der Feindin auszuliefern, oder zu gehorchen, um wenigstens bei den Vorgängen zu sein, wachen und beten und vielleicht in irgendeinem Moment als Retterin oder Rächerin einspringen zu können. Was sie wagen durfte, um beim geistlichen Herrn ihre Rechte durchzusetzen, das hatte sie heute gewagt und mehr als das. Er forderte von ihr Verzicht auf alle Hoffart, und sie verzichtete erschüttert um Lindes willen. Im Lauf der Nacht faßte sie den schweren Entschluß, den Krieg gegen die Feindin aufzustecken, alles zu tun, was sie ihr hieß, zu lassen, was sie ihr verbot, und vorläufig in diesem Haus keine andere Rolle mehr zu spielen als eine stumm gehorchende, auch wenn sie mit offenen Augen sah, wohin der Kurs steuerte. Besondere Freudigkeit konnte sie dabei nicht versprechen, und für den Mund, der ihr fortan verboten war, wollte sie die Ohren desto mehr brauchen, unvergessen die Zunge — nicht zum Lästern, sondern zum Schmecken! — und die Nase zum Riechen, denn an ihrem Verdacht, so kindisch er in der Tat war, hielt sie fest.

So zeitigte denn diese Unterredung das wunderbare Ergebnis, daß beinahe eine ganze Woche lang nichts über Brigitt zu klagen war. Sie tat ihre Pflicht, schwieg, gehorchte, gab zu, ließ sich gefallen, war korrekt wie ein Reserveoffizier und zurückhaltend wie ein Hauslehrer, und nur mit der Abtretung der Krankenpflege harzte es noch etwas; aber die Klingse war damit nicht barsch, und wenn sie ihr wieder eine Verrichtung aus der Hand nahm, so geschah es leichthin und ohne grundsätzliche Verdrießlichkeiten. Bald war sie in aller Stille und Noblesse beinahe ganz aus dem Krankenzimmer gedrängt. Auf die stumm drohende Gebärde ihres Zurückweichens und den tief knurrenden Unterton in ihrem: »Jawohl, gnädige Frau!« achtete diese nicht weiter; wenn nur das Tier gehorchte und sie mit ihrem Herrentum durchdrang. Sie genoß ihren Sieg, ohne ihn zu mißbrauchen; doch war sie streng darauf bedacht, ihn nach allen Seiten unmißverständlich auszubauen und keine Gelegenheit übrigzulassen, bei welcher Brigitt nicht gedemütigt und mit großer Selbstverständlichkeit als Dienstmagd behandelt war.

Nach einer solchen Woche voll büßender Selbstüberwindung war dann Brigitt am kommenden Sonntag in der richtigen Verfassung, um die schuldige Beichte abzulegen. Sie nahte sich in demütiger und sorgenvoller Stimmung dem Beichtstuhl, aber nicht dem des Dechanten, sondern dem seines ersten Gehilfen, der auf der andern Seite der Kirche stand. Dort legte sie eine große und schwere Last ab, ein gewichtiges Bündel von Eitelkeit, Hoffart, Haß, Gewalttat, bösen Gedanken und widerspenstigem Wesen gegen ihren Herrn, blieb nichts schuldig, verbarg keine Regung, die ihr bewußt war, verschwieg auch nicht ihre Gründe, warum sie das alles anstatt ihrem Dienstherrn, der doch der nächste dazu war, dem Hilfsgeistlichen bekannte: aber von Linde war kein Hauch dabei, und der junge Priester konnte ihr Bekenntnis drehen und wenden, wie er wollte, so fiel davon nicht der leiseste Schatten auf die rechtmäßigen Bewohner des Pfarrhauses. Das Verlangen der büßenden Botmäßigkeit und Demut, das der Geistliche darauf an sie stellte, war schon zum voraus erfüllt, und schließlich nahm sie ihre Absolution mit innerlich schweigendem Dank ohne Hosianna entgegen, denn vorläufig war ihr Gram noch nicht kleiner als ihre Schuld, und nachdem sie diese Last los war, fand sie, daß das Gewicht ihrer mütterlichen Sorge um Linde und der andern um den Dechanten wenig an Druck verloren habe. Sie kommunizierte unter sehr ernsten Gedanken, und dann ging sie doch etwas getröstet nach Hause, weil sie wieder an der Hand Gottes war. Mit solcher Bedeutung angetan und mit dieser heiligen und gerechten Macht im Einverständnis sah sie auch dem nächsten Zeitlauf gefestigter entgegen, und konnte sie eher hoffen, aus der harten Demütigung ihre menschliche und katholische Würde zu retten.

Der Dechant genoß nun von Brigitts Unterordnung doch nicht die Genugtuung, die er sich davon versprochen hatte. Es blieb ihm natürlich nicht verborgen, daß sie zu seinem Untergebenen beichten ging, und das gab ihm schließlich mehr zu schaffen als alle andern Verdrießlichkeiten zusammengenommen; das war kein neues Ärgernis, sondern ein stiller, demütiger Bruch mit seiner Vergangenheit, die auch die ihre war. Sie hatte alle Hauptstationen seines Priesterlebens getreulich mit ihm durchgemacht, von der ersten kleinen Hinterwaldpfarre an bis ins Dechanat, immer ihm blind ergeben, auf seinen Ruhm und seinen Vorteil bedacht, in seiner Zufriedenheit und seiner Anerkennung ihren höchsten Lohn erblickend — um sich nun in seiner schwersten Zeit von ihm zu scheiden und ihm ihre geistliche Kundschaft zu entziehen samt ihrem Vertrauen und ihrem Glauben an seine priesterliche Person. So war ihm zumut, als ob ihm seine besten Jahre und seine Jugend den Rücken gewandt hätten, und da ihm seine Mutter diese Magd aus ihrem Besitz ausdrücklich abgetreten hatte, so schien auch sie fragend und zur Anklage bereit auf ihn herzublicken. Zu diesem innern Unbehagen kam noch ein äußeres. Es erbitterte ihn noch einmal ganz besonders auf die alte Person, weil er sich sagte, daß man draußen über ihre Abwendung von ihm reden und Schlüsse ziehen und daß das ganze vermaledeite Geschwätz nun frisch aufleben würde. Da sie aber ihren neuen Wandel mit großem Ernst betrieb, so fehlte es ihm an Anlässen, seine Gereiztheit gegen sie zum Ausdruck zu bringen.

Andrerseits war sie nicht zwanzig Jahre lang seine Magd und Verehrerin gewesen, um am Ende nichts von ihm zu verstehen. Sie sah mit mehr als nur zwei Augen, wie er entartete und verwilderte und auf großen Strecken die Ähnlichkeit mit sich selber verlor. Es fehlte ihm nachgerade überall am richtigen innern Halt und an der Festigkeit des reinen Gewissens. Seine Seele war voll von fressenden Zweifeln. Es gab Zeiten, in denen er sich uralt und erzverloren vorkam; dann hielt er zerrissene und leidende Predigten, über die sich mancher wunderte, und die die Gemeinde in Unruhe erhielten, solange er sprach und noch darüber hinaus. Man fand ihn bitter, scharf und schwer verständlich. Im Beichtstuhl war er von dumpfer Gleichgültigkeit oder von ergreifender Eindringlichkeit; manche verließ ihn weinend, und an solchen Tagen machte er auch den Männern zu schaffen.

Als aber die Klingse sich anschickte, mit einem Buch in der Hand sich für längere Zeiten im Zimmer der Kranken einzurichten, stand diese ganz unerwartet auf und setzte ihren früheren Lebenslauf wieder fort.

Neuntes Kapitel Heinz wird ganz unbegreiflich. Die Herzenskälte richtet neues Unheil an, und Bob findet einen tragischen Untergang

E
E

Eigentlich hätte die Klingse schon vor vierzehn Tagen ihre Koffer packen und mit dem letzten Brief des Soldaten in der Tasche heimfahren können, um von dort aus das Verhältnis in einer angenehmeren Umgebung weiterzupflegen. Aber erstens spannte sie der innere Prozeß des Dechanten, den sie den Ehrgeiz hatte, aus einem »nicht ungefährlichen katholischen Geistlichen« zu einem weltlichen Gelehrten zu »rationalisieren«. Dann war auch ihre Villa eigentlich noch nicht fertig. Aber vor allen Dingen: sie schwebte noch in Ungewißheit über Lindes Verhalten auf jenen Brief des Soldaten. Nicht darauf gefaßt, daß das Mädchen so kühn und schnell das Richtige getan haben werde, fing sie nach acht Tagen bittrer Genugtuung wieder zu gären an. Als sie ihre Einsamkeit nicht länger ertrug, denn auch die Bewachung einer Feindin wird schließlich zum Bedürfnis, focht sie mit dem bekannten Erfolg die Magd in ihren Pflegevorrechten an. Wie aber Linde durch ihre Wiederherstellung ihre Einrichtungen über den Haufen warf, mit sichtbarer Kraft weiterlebte und bei allem eine Entschiedenheit und Elastizität an sich bemerken ließ, die man vorher lange an ihr vermißt hatte, so diagnostizierte der Kreisphysikus nachträglich eine Influenza, aber die Klingse diagnostizierte eine befreiende Handlung oder eine, die Linde dafür ansah, und erwartete mit Spannung und von vornherein mit Mißtrauen den Bericht des Soldaten darüber. Spannung und Mißtrauen schienen ihr gegenüber einer Gegnerin, die ständig auf unkontrollierbare Weise neue Kräfte zog und Größe gewann, wohl angebracht, doch inzwischen erlebte sie wirklich üble Zeiten, weil der Bericht länger ausblieb, als sie gern ertrug.

Die ersten vierzehn Tage faßte sie sich leidlich, weil die Post von der westlichen Front in der letzten Zeit überhaupt unregelmäßig kam. Die dritte Woche verbrachte sie in widerstrebender und äußerst aufreibender Stimmung, zwischen Furcht und Selbstgefühl peinlich eingespannt, mit innerlich gehetzten Tagen und auch äußerlich ruhelosen Nächten, in denen sie kaum das Bett aufsuchte. Brigitt mußte ihr am Abend den Ofen frisch einheizen, was gewöhnlich bis gegen zwei Uhr vorhielt. Solange saß sie brütend und mit unbekannten Faktoren rechnend in ihrem Lehnstuhl, nervös und schreckhaft und manchmal mit einem Modebuch, um sich an seiner oberflächlichen und billigen Sensation etwas abzulenken. Aber von ihrem tiefsten und tragischsten Leiden lenkte sie sich niemals und durch kein Mittel ab; ihre kalte und hochmütige Einsamkeit begleitete sie in jedes Verhältnis und ließ sie aus jedem kalt und einsam herausfallen. Sie saß wirklich, wie sie dem Dechanten erzählt hatte, über Kellern voller Leichen, aber nicht solchen, die sie mit Wissen und Willen dazu gemacht hätte, dazu fehlte es ihr vor allem an Natur, sondern sie hatte das peinliche Geschick, daß in ihren gespenstischen Händen jedes Leben bald erkältet den Geist aufgab. Dann barg sie das Tote in den besagten Kellern, aber wiederum nicht aus mütterlich untröstlicher Trauer, sondern aus literarischem Interesse, um das »furchtbare Bewußtsein« zu haben, nach dem sie dann ihre gesellschaftliche Haltung einrichtete. Inzwischen litt sie nichtsdestoweniger an ihrer lemurischen Unfruchtbarkeit und sehnte sich nach Wärme und Jugend, wie sich nur ein Gespenst sehnen kann.

Linde in ihrem Teil war ihrem fernen Freund in zunehmendem Maß dankbar, daß er ihre Bitte erfüllte und sie nicht durch Erklärungen beunruhigte, die bloß neue Unklarheiten bringen konnten, oder sie mit Abrechnungen peinigte, die auf moralische Pfennigspaltereien hinauslaufen mußten. Irgendwo in ihrer Seelentiefe schwebte ja ein armes Fünkchen von Hoffnung auf und ab und bat, er möchte dennoch schreiben, um ihr rettungslos mitzuteilen, daß sie von ihm mit ihrem Trennungsvorschlag das Unmögliche verlange, das er durchaus nicht zu leisten gesonnen sei, sondern was er wirklich leisten könne, sei höchstens das Gegenteil, wenn es nicht eben in seinem Herzen längst geleistet wäre. Immer wieder in ihren Träumen sah sie ihn auf seinen hoch aufgelaufenen Reichtum zurückgreifen, um sie zu bitten: »Laß mich nicht damit einsam verderben!« In dieser Weise schwebte sie auf sehr hohen und dünnen Sommerfäden der Hoffnung schon etwas erdenfern und doch zugleich mit der kühnen Seele äußerst erdennah über ihr wartendes Land, lebte von Vorstellungen und ein bißchen Essen, und niemand wußte, woher sie nach einer Krankheit, ohne den bekannten unternehmenden Rekonvaleszentenhunger zu entwickeln, die Kräfte nahm, über die man sie freimütig verfügen sah.

Sie besuchte wieder wie ehedem alte Weiblein und kranke Kinder, focht mit jenen geistlich und tröstete diese irdisch, und Bob machte das meiste ernsthaft mit. Was früher etwa von Altklugheit an ihr gewesen war, das schien nun ganz in Erfahrung und warmherzige Seelenklugheit aufgelöst. Einige besonders heilige Weiblein fanden sie freilich weltlich angehaucht und brummelten künftig unzufrieden hinter ihr herum, jedoch alle andern Freunde fielen ihr noch herzlicher bei, und zu den alten gewann sie neue. Auch Bob gewann einige neue Gönner, verständigte sich aber jedesmal durch einen Blick mit Linde, daß er nichts Besonderes davon halte. Linde schenkte viel und bekam geschenkt. Manchmal war es beinahe ein Verhältnis wie zwischen einem zur Abfahrt gerüsteten Auswanderer und seinen Verwandten und lieben Freunden, und später fanden sich auch Leute, die diese Stimmung aussprachen, wenn von Lindes letzten Zeiten die Rede war. Sogar an Bob war eine besondere zärtliche Erregtheit, so daß er ihr nicht von den Fersen wich und ihretwegen mit Hunden Händel anfing, mit denen er bisher ganz gut gestanden hatte. Dies war übrigens auch die einzige Zeit, in der die Tante sich ihr gegenüber ohne wirksame Macht befand. Es fehlte ihr durchaus nicht am Willen, aber einmal schien Linde geradezu entrückt, und dann wußte sie nicht, auf was für einer Grundlage sie fußte, solange Heinz nicht schrieb oder seine Briefe ausblieben.

Als dann aber gänzlich unerwartet von Heinz ein Brief an Linde eintraf und nur an Linde, erregte das Ereignis gleichermaßen bei beiden Frauen Bestürzung, und erbleichten beide vor Schreck, während sie, jede an ihrem Ort, Brigitt durchs Haus schreien hörten: »Lindchen, ein Brief vom Herrn Heinz!« Linde nahm ihn mit leise zitternder Hand entgegen und beinahe geistesabwesend, so daß ihr der alte Mensch mitleidig übers Haar strich. »Ach Gottchen! Ach Gottchen! Nun, siehst du wohl! Da ist er ja wieder! Was hab' ich immer gesagt?« Mit einer Freudenträne im linken und einer Kummerträne im rechten Auge hob sie sich wieder davon, denn die letzten Ereignisse hatte sie doch, was den Herrn Heinz anging, zur Skeptikerin gemacht. Indessen ließ sie beide hängen und paßte nur auf, welche zuerst herunterfiel; die linke sollte Glück bringen. Aber obwohl sie sogar ein bißchen mit Zwinkern nachhalf, fiel die rechte. Da brummte sie erbost: »Aberglauben und Zauberwesen! Wer sich damit einlassen wollte!« Gleich darauf zerbrach sie einen Topf, und nun hatte sie auch ein gutes Zeichen, und zwar ein altangesehenes.

Indessen las die Linde ihren Unglücksbrief. Er war kurz und drangvoll. »Liebes Mädchen, was soll ich sagen! Du willst, daß ich Dich nicht mit einer Antwort quäle, aber hast Du auch an mich gedacht? Ich bin Offizier. Auch ein Mann läuft nicht aus der Schule. Verlange nicht von mir, daß ich jetzt mehr aus mir herauspresse. Um mich kracht und donnert es. Eben muß ich das Blatt abschütteln, weil Erde von einer Granatfontäne draufgefallen ist. So sieht es hier aus. Hab' Geduld mit mir; woher sollen wir Augenmaß nehmen? Hoffentlich hat die Morderei bald ein Ende. Herzlich Heinz.«

Die Antwort war also so schlimm ausgefallen, als Linde irgend fürchten konnte; selbst ewiges Schweigen wäre besser gewesen. Außerdem, daß sein Ton verletzend klang, bemerkte sie mit leise erregendem Schmerz das Fehlen des zueignenden Fürworts am Schluß vor seinem Namen, und da es für die Liebe keinen Zufall gibt, so durfte sie nichts anders, als einen trauervollen Schluß daraus ziehen. Sie tat es in sehr anständiger Haltung. An ihrem Glauben änderte sie nichts. Ihren Liebeswillen hielt sie aufrecht. Den Brief des Freundes ließ sie unbeantwortet. Aus Morgen und Abend begann jedoch eine neue Leidenszeit für sie auch körperlich. Das Fieber fand sich wieder ein, wie es schien geradezu zur Befriedigung des Kreisphysikus, welcher erklärte, daß es sich um einen Influenzarückfall handle, der ihm wie gerufen komme; das kleine wichtige Fräulein müsse ja in dieser Zeit ganz voll Bakterien aus Armeleuts- und Krankenstuben hängen, und es sei ein Wunder, daß sie überhaupt nicht viel öfter krank werde. »Zu früh aufgestanden, mein Kindchen. Da haben wir's wieder! Quarantäne! Vor vier Wochen lass' ich dich nicht wieder 'raus.«

Die Klingse hatte abermals ihre besondern Gedanken über den Fall. Wenn sie erwog, daß Linde gestern einen Brief von Heinz bekommen hatte, der diesen Erfolg bewirkte, so fühlte sie etwas unter ihren Füßen wie Festigung des Bodens. Weiter brachte sie ihr Literatursinn auf die Vermutung, daß Heinz bei seinem weichen Gemüt natürlicherweise mit den Dingen nicht so überlegen fertig zu werden verstehe wie ein älterer und härterer Mensch, und daß es an ihr liege, ihre Zurückhaltung nun aufzugeben und ihm weiterzuhelfen, nachdem er offenkundig den großen Schritt ihr entgegen getan hatte. Sie hielt ihn noch für zu wund und zu erregt, um nun auch gleich die Folgerungen ihr gegenüber zu ziehen, und vielleicht war er auch zu geschmackvoll. In allen diesen vorausgesetzten Regungen sah sie achtenswerte »ideale Momente«; mindestens wollte sie sie jetzt achten, weil sie ihr den Weg zu ihm, den sie schon verschüttet gesehen hatte, wieder frei machten und es ihr ermöglichten, aus ihrer nachgerade unerträglichen Vereinsamung herauszutreten. So setzte sie sich denn noch am ersten Tag von Lindes Neuerkrankung hin und schrieb an Heinz, ohne länger seinen berichtenden Brief zu erwarten.

»Mein lieber Freund! Es drängt mich, Dir mit einem Wort zu schreiben, daß ich manches sehe und vieles empfinde; das übrige vermag ich zu konstruieren. Ich verstehe das, was Dir schwer ist, wenn dergleichen mir auch längst nicht mehr schwer scheint. Mein Freund, wir tun gut daran, die Dinge vom Standpunkt des Mondes aus zu betrachten; ich für mein Teil bin bereits auf dem Sirius angekommen. Wie klein ist diese Welt, und wie bedeutungslos ist das, was man so gemeinhin Schicksal nennt! Du kannst mir glauben, daß sich noch jeder und jede getröstet hat, und der Prozeß geht immer viel schneller, als wir denken. Tragödien ereignen sich nur auf dem Theater, und der Realismus hat auch mit den Theatertragödien schon aufgeräumt. Am schwersten hat es immer der, den das Beharrungsvermögen der Menschen zwingt zu handeln. Mein lieber Junge, was sich in der Welt so ›gut‹ nennt, und wen man ›schuldig‹ spricht, darüber reden wir einmal mündlich. Hoffentlich nun bald! Mir ist beinahe religiös zumut. Wir werden unser Leben künftig nicht mehr durch Gefühle aufhalten, sondern wie es uns ziemt, gut englisch auf business einstellen. Die Karriere, mein Freund, die Befriedigung des Ehrgeizes, das sind die wahren Genugtuungen. Die Wege dazu sind mir bekannt; ich werde dich führen. Das Geheimnis besteht in der Verachtung der Menschen, während man den Anschein erweckt, sie zu schätzen. Wohl Dir, daß es Dir so früh kund wird. Nun sorge Dich um nichts und genieße Deine Jugend. Lebe Dich frei und versäume keine Gelegenheit. Das ist die ganze Weisheit des Glückes. Ich bin wie immer herzlich Deine Malva.«

Nach weitern zehn Tagen Wartens traf endlich seine Antwort ein.

»Liebe Malva! Ich danke Dir für Deinen Brief und die guten Ratschläge. Ich werde sehen, was sich davon in die Wirklichkeit umsetzen läßt. Bei uns hier draußen hat eben manches ein anderes Gesicht, und wenn man so einen Monat wie den andern im Dreck herumbuddelt, so ist es nicht leicht, den Standpunkt des Mondes einzunehmen oder gar die Welt vom Sirius aus zu betrachten. Jeder Tag bringt seine Granaten; das ist unsre Weisheit, und eine andere brauchen wir vorläufig nicht. Gestern hatte ich wieder einmal den Rachen voll Erde. Ums Haar hätte ich mich daran verschluckt. Ich war so verdast von dem Schlag, daß ich nicht einmal darauf verfiel, mir mit dem Finger Luft zu schaffen. Ein Musketier erwies mir noch schnell den Dienst, ehe ich erstickte; ich hatte keine Zeit, mir seine Kralle näher anzusehen. So geht es aber, wenn man den Mund zu weit aufreißt. Daran zu denken, daß ihr euch in der Heimat in der Zeit um uns balgt, das gibt manchmal ein putziges Gefühl. Versteh mich nicht falsch, aber unser höchster Wunsch ist jetzt, daß das alles zuerst einmal vorbei wäre; dann wollen wir weitersehen, soviel von uns übrigbleiben. Wenn ich aber die Menschen verachtete, so wollte ich's ihnen auch zeigen; darin stimme ich mit Dir nicht überein. Nun, was wissen wir noch voneinander! Habt ihr Überblick, so kann's uns nur lieb sein; wir haben längst keinen mehr. Du hast recht, man müßte wieder einmal miteinander reden. Also hoffen wir. Eben kommt mein Bursche und meldet, daß sie unsern Unterstand eingeschossen haben. Zum Glück war niemand drin. Ich muß sehen gehen. Herzliche Grüße. Heinz.«

Dieser Brief war nun dazu angetan, auch der Klingse Fieber zu verursachen, und die Stelle: »— daß ihr euch in der Zeit um uns balgt —« verletzte und verdroß sie unsäglich. Aber kühl erwägend sagte sich ihr Verstand, daß, wenn Linde Ursache für einen neuen Fieberanfall gefunden habe, für sie vernünftigerweise keine bestehen könne. Was sie erlitt, das erschien ihr, überlegen betrachtet, ein ungezogener Vorstoß von übler Laune und Nervosität gegen eine eingebildete Bedrängung, die Schlechtberatenheit eines jungen Menschen, der sein augenblickliches kriegerisches Übergewicht gegen seine moralische Hilflosigkeit geltend zu machen suchte, »irrationell«, wie er von seinen Lehrern kam, und sachlich noch gar nicht eingeschult. Da sie ihn aber auf ihre Art wirklich liebte, so sah sie's ihm nach in der Erwartung, noch Zeit genug zu seiner Erziehung zu bekommen, wenigstens bildete sie sich ein, die Frau dazu zu sein, während niemand weniger für eine solche Aufgabe geeignet war als sie mit ihrem gespenstischen Fatalismus, ihrer Verständnislosigkeit für Leidenschaftsausbrüche und ihrem Mangel an Würde und Wehrhaftigkeit gegenüber wirklichen Ungezogenheiten. Und während sie sich nach den Mitteln und Wegen umzusehen begann, wie seine Karriere in der Welt vorzubereiten und im größeren Stil durchzuführen sei, schrieb sie bereits die ersten Briefe, die nötig waren, um nach jenen Richtungen die wünschenswerten Beziehungen bereitzustellen.

In dieser Zeit wurde sie für Bob die Beziehung zum Untergang, und zwar hatte das erbarmungslose Ereignis folgenden Verlauf. Bob kam, seitdem seine Freundin wieder zu Bett lag und die Klingse von neuem die Vermittlung zwischen dem Hauswesen und der Geschäftswelt führte, selten mehr zum Ausgang; wenn er Anregung haben und in der Stadt auf dem laufenden bleiben wollte, so mußte er sich schon an die unbeliebte Person halten. Nun hatte die Klingse wenig Lust, sich mit dem lebhaften und sehr unternehmenden Tier zu befassen, aber da der Dechant wünschte, daß Bob seine tägliche Bewegung bekomme, so nahm sie ihn mit. Trotz seiner gelegentlichen Wildheit war er hochsinnig und zartfühlend, und wo er ein wenig Interesse für seine Art und seine Bedürfnisse bemerkte, da zeigte er sehr genauen Appell. Eine Rauferei zum Beispiel zu verhüten, war nicht immer möglich, aber wenn man rasch weiterging und ihn abrief, so schloß er ganz richtig, daß man sich mit dem gegebenen Beweis seines Eifers begnüge, und kam nach, ohne auf der Austragung des Falles zu bestehen, obwohl es sonst nicht seine Art war, einen Streit halbgenäht hängen zu lassen; daß er vorzeitig davon abließ, tat er wirklich nur seinem Herrn oder seiner Herrin zu Gefallen. Mit kleineren Hunden, als er war, ließ er sich nicht ein; seine Feinde begannen erst in den Reihen der größeren Terrier, und dort machte er noch zur Bedingung, daß er oder sein Begleiter zuerst in unflätiger Weise beschrien werden mußte. Bei Wölfen, Dobermännern, Neufundländern und Bernhardinern dagegen ging er selbständig an und desto sicherer, je größer die Feinde waren. Darum war es nötig, daß man etwas die Augen für ihn brauchte, um ihn beizeiten ablenken zu können, denn schließlich war er nicht mehr jung, und durch den Verlust des einen Auges entstand ihm mancher Nachteil, zumal in letzter Zeit auch das andere angegriffen schien. Er suchte immer auffälliger dämmerige Plätze zum Liegen, und manchmal bemerkte man, daß er an Gegenstände anstieß, die eigentlich mit normalem Gesicht nicht wohl zu übersehen waren. Nun schien ihn auch der Schmerz in dem verletzten Auge und das scharfe Tageslicht zuzeiten zu reizen und ihn etwas rauher und weniger ritterlich zu machen, als er sonst war. Alles in allem verlangte er also ungefähr die Aufmerksamkeit und Vorsorge, die man einem lebhaften und phantasiereichen Knaben auf der Straße zuwendet, und bei seinem bedeutenden Reichtum an sonstigen wertvollen Eigenschaften, Treue, Wachsamkeit, Selbstgefühl, Unbestechlichkeit, Dankbarkeit, und der ganzen Entschiedenheit seines Wesens war es keine Frage, ob er jene verdiente oder nicht.

»Nun, so komm also!« sagte die Tante kaltsinnig und etwas verdrießlich zu ihm, der schon nach ihr sehend vor der Tür wartete und hoffend den kurzen Schwanz bewegte. »Ich bitte mir eine anständige Aufführung aus. Nicht aus dem Haus schießen!«

Aber er schoß bereits, und für den fremden Hund, der jetzt gerade nicht dastand, war es ein wahres Glück, denn Bob fühlte sich diesen Morgen besonders begierig und gereizt, weil ihn Brigitt nach dem Willen der Klingse neuerlich wiederholt im Futter zurückgesetzt hatte. Er suchte noch schnell die bekannteren Plätze ab, dann setzte er sich gesammelter und leise gespannt auf die vorkommenden Abenteuer am Dom vorbei nach der Sattlergasse zu in Bewegung. Zuerst begegnete ihm ein kleiner Wachtelhund, der ihm respektvoll aus dem Weg ging. Nachher kam ein großes, graues Windspiel des Weges, das zur Präsidentin des Roten Kreuzes, dem Fräulein von Epstein, gehörte. Aber Windspiele hielt er nicht für Hunde; er hatte schon von Kind auf eine Verachtung für sie gehabt. Auf den Anruf des Fräuleins von Epstein kam er zwar her und ließ sich gnädig den Kopf streicheln, doch an ihrem Gespräch mit der unbeliebten Person nahm er keinen Anteil, und sobald es der Anstand erlaubte, machte er sich davon.

In der Hauptstraße begegnete er dem braunen Jagdhund des Kaufmanns Felge, der dessen Boten auf einem Gang begleiten durfte. Mit diesem setzte es eine kurze grundsätzliche Anremplung um der Ordnung willen; im übrigen waren sie alte Bekannte, die an diesem Platz schon viel Wechsel gesehen hatten. Der Jagdhund war als Eingeborener freilich schon dagewesen, als man Bob mit der Eisenbahn brachte, wenn auch erst die zehn Wochen, die er alles in allem damals zählte, aber da gehörte Bob bereits unter die Erwachsenen, und diesen Vorsprung an Geltung hatte der Jagdhund nie ganz einholen können, zumal Bob überhaupt als Ausnahme betrachtet wurde und darum allen Respekt und alles Übelwollen genoß, das die Mittelmäßigkeit für solche Erscheinungen immer bereit hat. Zu Ehren des Jagdhundes muß gesagt werden, daß er von Übelwollen nur so lange besessen war, als er sich mit Bob zu raufen hatte; sonst war er ein Ehrenmann, der fremde Verdienste zu schätzen wußte.

Nach dem braunen Jagdhund des Herrn Felge kamen die beiden weißen Pudel der Frau Oberförster, einer anspruchsvollen, reichen Frau, in Begleitung des Dienstmädchens. Das Mädchen bemerkte den Boxer schon von weitem und nahm die Pudel vorsichtig an die Leine, da sie zu seinen besten Feinden zählten; er konnte die zierigen, eingebildeten und hochtrabenden Tiere, die immer farbige Bänder am Halsband und Decken mit Monogrammen und weißen Taschentüchern trugen, in den Tod nicht ausstehen, und wo er eines von ihnen erreichbar fand, ging er es sicher nicht vorbei. Nachher hatte er das Maul voll weißer Pudelwolle und etwa einen neuen Biß am Kopf oder an der Brust, denn die Pudel waren trotz ihrer Zierigkeit nicht von schlechter Rasse und schlugen wütend zu. Wenn sie aber an der Leine gingen, fing er nichts mit ihnen an. Zur Durchführung dieses großmütigen Grundsatzes war es dann freilich nötig, daß er weder von den Pudeln beschrien — Knurren vertrug er in solchen Fällen auch nicht — noch von seiner Begleiterin verwarnt wurde, sonst vergaß er auch die Leine und fuhr unhaltbar drein.

Nun beging die Klingse, die sich noch nie die Mühe genommen hatte, ein Tier zu verstehen, die große Torheit, beim Nahen der Pudel Bob ausdrücklich und von vornherein über den möglichen Ungehorsam indigniert zu vermahnen. Bob dachte also, daß sie von den Pudeln eine Gefahr besorge; er leckte sich die Zähne, und seine Miene nahm bereits einen drohenden Ausdruck an. Die Pudel ihrerseits fühlten sich von der scharfen und nervösen Stimme der Klingse erregt und glaubten, daß dort ein Angriff befohlen werde. Bob ging den Pudeln mit langsamen, steifen Schritten und gespanntem Rücken entgegen. Die Pudel schlugen Lärm und rissen unruhig an der Leine. Die Klingse verwarnte und rief aufgebracht Bob beim Namen. Das Dienstmädchen begann zu schreien und suchte, mit den Pudeln wegzukommen. Aber schon fuhr der sehnige, dunkle Körper des Boxers in die weiße Pudelherrlichkeit hinein und diese flockig und leidenschaftlich über ihn her. Was dann geschah, war nicht mehr im einzelnen zu erkennen. Einmal schien sich Bob in einem Pudelohr festgebissen zu haben. Einmal hing ein Pudel an Bobs rechtem Vorderlauf, dicht unterhalb der Brust. Das Dienstmädchen schlug mit der Peitsche dazwischen und konnte nichts Dümmeres tun, denn jede Partei setzte die empfangenen Hiebe der andern aufs Konto und steigerte ihre Angriffswut. Die Klingse versuchte sich mit ein paar Fußtritten, ließ dann aber, jetzt mit Grund indigniert, jede weitere Bemühung, um nach Männern auszusehen, die helfen konnten.

Die erschienen in Gestalt von zwei Arbeitern, die Eisenstangen und Werkzeuge trugen. Sie ließen sich lachend bereit finden, den Krieg auseinander zu bringen. Zuerst probierten auch sie es mit Fußtritten, und da das Dienstmädchen wie auch die Klingse einstimmig angaben, daß Bob den Streit angefangen habe und er außerdem als Raufer bekannt war, machten sie es sich zum besondern Vergnügen, einmal dem Hund eines katholischen Pfarrers zu zeigen, was rechte genagelte Arbeiterschuhe sind. Er bekam also alle Fußtritte allein. Als die Schuhspitzen nicht auszureichen schienen, versuchten sie sich mit den Absätzen. Schließlich war es natürlich, daß Bob, den die Fußtritte und die allgemeine Parteinahme gegen ihn verwirrten, blindhin nach den Feinden biß; dabei erhaschte er einen der Männer flüchtig am Schuh. Der Zahn hatte, wie sich nachher zeigte, nicht einmal das Leder durchschlagen, aber nach der Art aller rohen und stupiden Menschen, die auf eine Niedertracht eine Abfertigung erhalten, schlug seine vergnügte Stimmung schnell in Wut um. Er ergriff eine der Eisenstangen, die er bei sich trug, und begann damit auf Bob loszuschlagen. Der erste Hieb traf ihn auf die Schulter, so daß er erschreckt herumfuhr und sich bei seiner Führerin in Sicherheit zu bringen suchte. Die Absicht war auch ganz deutlich, aber der Arbeiter schrie: »Was, du elendes Vieh, du willst noch mehr beißen? Da hast du fürs Beißen!« und führte einen zweiten Schlag, der ihn auf den Kopf traf; das Blut floß sofort nach. Und weil er doch einmal am Schlagen war, versetzte er dem hilflos taumelnden Tier, das vor Blut nichts mehr zu sehen vermochte und vom Schlag halb betäubt war, einen dritten Hieb ins Kreuz, unter dem es leise stöhnend zusammensank.

Das Mädchen hatte unterdessen längst seine weißen Pudel aus dem Streit zurückgezogen, etwas gezaust und schmutzig, aber übrigens heil, und sich mit ihnen davongemacht; man konnte es eben noch die Nebengasse hinauflaufen sehen, in der Herr Felge wohnte, und die Pudel sprangen munter mit. Auch die Klingse, als sie sah, daß der Krieg beendigt war und Bob »seinen Denkzettel erhalten« hatte, wandte der Szene den Rücken. »Das hat dir schon lange gefehlt«, bemerkte sie noch belehrend zu ihm, der sie mit blutüberströmten Augen blind suchte. »Das nächste Mal wirst du besser gehorchen.« Mit dieser angenehmen Aussicht wandte sie sich wieder auf ihren Weg, im ganzen befriedigt, nur daß ihre schwachen Nerven noch etwas von der gehabten Aufregung zitterten. Den Hund hatte sie so wenig aufmerksam angesehen, daß sie nicht einmal bemerkte, wie er die Hinterbeine kraftlos am Boden schleppte. »Der hat genug!« lachte der zweite Arbeiter, der nicht geschlagen hatte, halb verlegen. »Komm.« Auch darauf achtete sie nicht. Sie ging die Stadt hinunter, die Arbeiter machten sich nach der andern Richtung davon, und nur einige Kinder standen halb neugierig, halb erbarmungsvoll um das verlassene Tier.

Als Bob erkannte, daß man ihn allein gelassen hatte, war er zuerst bestrebt, seinen Blick wieder zu befreien. Er fuhr sich einige Male hastig und ungeduldig, weil er nicht mehr Herr aller Glieder war, mit einer Vorderpfote über das heile Auge. Endlich gelang es ihm, es klar zu bekommen, so daß er wenigstens die Richtung erkennen konnte, die er heimwärts nehmen mußte. Mühselig mit seinem schleppenden Hinterkörper setzte er sich die Stadt hinauf in Bewegung. Da das Blut weiterfloß, wurde er bald wieder blind, aber nun halfen ihm die Kinder; sie riefen: »Komm, Bob!« und wiesen ihm so die Richtung weiter. Aus der barmherzigen Erfindung wurde dann ein Sport, und dermaßen kam das stumme, traurige Tier mit großem Geleite und einigem Hallo langsam durch die Stadt vorwärts; aber die ganze Reise dauerte eine halbe Stunde und mehr, während sie sonst in fünf Minuten leicht zurückzulegen war. Auf dem ganzen Weg fand Bob keinen Freund, der sich über ihn erbarmt, und auch kein menschliches Herz, das sich aus Naturfrömmigkeit seiner angenommen hätte. Die Erwachsenen, die ihn blutend seines Weges kriechen sahen, eskortiert von der Kinderrotte, hatten für ihn wenig andere Regung als die einer befriedigten Neuigkeitssucht, und das Wort des Arbeiters: »Der hat genug!« wurde noch einigemal hinter ihm laut, begleitet von keineswegs immer freundlichen Kennzeichnungen seines Wesens und Treibens. Die etwas gespannte oder aber gleichgültige Stimmung der Leute für seinen Herrn schlug sich auch auf ihn nieder, und wenn er einmal für ein paar Minuten erschöpft liegenblieb, war er inmitten aller Leute, die er wie in seiner Todesstunde kommen und gehen hörte, in einer für ihn mehr ehrenden als nützlichen Weise einsam. Es fand sich nicht einmal jemand, der ihm einen Schluck Wasser gebracht hätte, obwohl er an mancher Haustür vorbeikam, durch die er dem Dechanten oder Linde auf einem Hilfsgang gefolgt war, und nicht nur einmal. Man hatte ihn stets mit ausgesprochenen Freundschafts- und sogar Achtungsbeweisen empfangen, aber nie dazu gebracht, einen Bissen Brot oder einen Knochen von jemand anzunehmen, und es war bei solchen Ehrungen immer eine gewisse Verlegenheit an dem feinnervigen Tier zu bemerken gewesen, die es durch angelegte Ohren, leises Knurren und durch mitteilende Blicke auf seinen Herrn oder die Herrin äußerte. Bob war auch immer sehr erleichtert, wenn es wieder hinausging, so gern er stets mit hereinkam, denn die Aufsuchung von fremden Verhältnissen schätzte er über alles, dagegen weniger deren Insassen; dafür hatte er von jeher den richtigen Instinkt besessen.

Die Tante war inzwischen zur Post gegangen und dann zu Herrn Felge, ohne den Hund besonders zu vermissen; sie sah, daß er nicht bei ihr war, und sonst dachte sie sich nichts. Nach vollbrachter Verrichtung kehrte sie auf einem andern Weg nach Hause zurück und war noch vor Bob da. Sie fragte nicht nach ihm, sondern gab Brigitt eine Küchenanweisung und stieg dann zu Linde hinauf, um mit dem Hinweis auf das schöne Wetter — es war gar nicht übermäßig schön — ihr Fenster zu öffnen, das sie von unten geschlossen gesehen hatte. Auch sie zog bloß Schlüsse von sich auf andere Leute, um ihnen damit unbequem zu werden, denn während sie in gesundem Zustand sehr auf Wärme hielt — sie war fortdauernd blutarm —, konnte man ihr, wenn sie unpäßlich war und zu Bett liegen mußte, nicht bald genug frische Luft machen, weil sie es dann bei ihrem leicht hysterischen Zustand immer etwas mit Hitzen zu tun bekam. Unterdessen hatte Brigitt dem Hund seine Schüssel zurechtgemacht und ging, ihn rufend, durch die Zimmer, darauf vors Haus, und dort sah sie den betrüblichen Zug herankommen, voraus das Tier, das mit den letzten Kräften seinen gelähmten Leib nach Hause schleppte, und dann die Kinderrotte, die sich jetzt mehr im Hintergrund verhielt und nur noch sehen wollte, wie Bob empfangen wurde.

Als Brigitt nach dem ersten Schreck erkannte, worum es sich handelte, lief sie eilig herzu, das Tier, viel tiefer erschreckt, als sie selber wußte, beim Namen rufend. Bob hob aufhorchend den blinden Kopf. Über seinen zerstörten Körper lief ein Zittern, und vor Erregung und Schwäche brach er wieder zusammen. Die Magd ließ sich erschüttert bei ihm nieder, um ihm vor allem mit der Schürze das schon eingedickte Blut vom Auge zu wischen. Er blickte sie, als er wieder sehen konnte, hilfesuchend und mit einem so kummervollen Ernst an, daß ihr das Weinen in die Kehle drang. Es war nun durchaus nichts Hündisches mehr an ihm, sondern nur noch die schweigende Bereitschaft der Kreatur, die den Tod wittert. Sie streichelte ihm ergriffen und unfähig, zu sprechen, den schönen, ausdrucksvollen Kopf, und er lag leise klagend, doch nicht winselnd, auf dem Pflaster, ab und zu um Luft kämpfend und keinen Blick von ihrem Gesicht wendend.

Inzwischen besann sich Brigitt, daß etwas mit dem Tier geschehen müsse; da sie sich aber nicht getraute, es anzufassen, schickte sie ein Kind nach dem Dechanten. Das traf ihn bereits auf der Treppe; er hatte den Aufzug ebenfalls bemerkt und sich eilig auf den Weg begeben. Als Bob ihn kommen sah, machte er eine Anstrengung, ihm entgegenzukriechen, blieb aber halb aus Schwäche und halb unter Brigitts mitleidsvollem Widerstand liegen; nur das Spiel seiner Ohren und die Spannung seiner Miene verriet die Bewegung, in die ihn das Wiedersehen mit seinem Herrn versetzte. »Um Gottes willen, was ist hier geschehen?« rief dieser bestürzt, bei der Gruppe ankommend. »Brigitt, so rede doch!« Diese hatte unterdessen von den Kindern so viel erfahren, um über die Hauptsachen Bescheid zu wissen. Sie kämpfte um Worte. Sie wisse es nicht, würgte sie endlich hervor, ohne ihn anzusehen. Die Frau Professor sei mit ihm ausgewesen. Da sie seinen Blick vermied, so sah sie auch nicht den Schatten, der bei ihren Worten über sein Gesicht ging, und wenn sie ihn bemerkt hätte, so hätte sie den schlechten Eindruck in ihrer neuen Demut sich zugeschrieben, nicht der Feindin. Er bezog sich aber auf die Verwandte.

Da man das Tier nicht auf dem offenen Platz liegenlassen konnte, trug es der Dechant mit Brigitt in ihrer Schürze ins Haus. Bob knurrte zuerst, ließ sich dann aber von seinem Herrn zureden. Sie brachten ihn in die Küche; Brigitt holte sein Lederkissen herunter, und darauf betteten sie ihn. Nachher lief sie zum Tierarzt; der Dechant blieb solange beim Hund. Der Arzt war über Land gefahren und nicht vor Mittag zurückzuerwarten. So war vorläufig nichts weiter zu tun, und der Dechant suchte seine Schwägerin auf, um von ihr Näheres über die Vorgänge zu hören.

Es war ihr neu, daß das Tier erst jetzt nach Hause gefunden habe; von seinem Zustand wußte sie überhaupt nichts, und was sie sonst erzählte, verwischte keineswegs die peinliche Empfindung, die dem Dechanten Brigitts Worte bereits gemacht hatten, im Gegenteil, es verstärkte sie noch wesentlich. »Du hättest dich besser um das arme Tier kümmern sollen, anstatt es von fremden Leuten zuschanden schlagen zu lassen«, sagte er, unfähig, seine Erregung ganz zu verbergen.

»Was willst du?« wunderte sie sich. »Du wirst doch nicht von mir verlangen, daß ich mich in die Raufereien deines Hundes mische!«

»Du hast recht; irgendwo hat jedes menschliche Verhältnis seine Grenzen«, bestätigte er erkältet und verließ sie, um auf sein Zimmer zu gehen.

Bob lag in der Küche auf seinem Kissen, den Kopf zwischen den Vorderpfoten und mit unruhig belebten Sinnen allen Vorgängen um ihn aufmerksam folgend, während sein Hinterkörper ohne Bewegung und leblos an ihm hing, auch schon ganz gefühllos, denn seine Exkremente gingen ohne sein Bewußtsein von ihm, bei einem so peinlich hausreinen Tier ein bekümmernder Anblick. Brigitt hatte ihm seine Wunden ausgewaschen und ihn vom Straßenschmutz gereinigt. Ab und zu stieß er einen tiefen Seufzer aus; sonst lag er still und auf irgend etwas wartend da. Nahrung nahm er nicht mehr zu sich; Wasser trank er immer wieder mit Begier. Brigitt kochte weinend das Mittagessen. Linde wagte niemand etwas zu sagen, weder der Dechant noch Brigitt, und die Tante hielt den Vorfall für keine mitteilungswürdige Tatsache, zumal sie der Dechant über deren wahre Tragweite im ungewissen gelassen hatte. Schließlich merkte Linde an gewissen Anzeichen, für die der Kranke eine feine Empfindung hat, daß im Haus etwas nicht in Ordnung sei, und auf ihre Frage bekam sie von der Tante die trockene Nachricht, daß der Hund wieder eine Rauferei gehabt und dabei wohl eine etwas derbe Lektion erhalten habe.

»Wieso?« fragte Linde aufhorchend. »Weißt du das denn nicht sicher? Wer war denn aus mit ihm?«

»Ich war aus mit ihm, meine Liebe«, erklärte sie sehr kühl und kampfbereit. »Was willst du damit sagen?«

»Daß er dann mit dir wenig Glück gehabt hat«, versetzte Linde erregt. »Was ist mit dem Tier?«

»Ich bewunderte immer eure Auffassung, daß sich die ganze Stadt nach eurem Köter richten solle«, sagte sie mißmutig. »Aus diesem Kult wünsche ich herauszubleiben. Ich werde dir die Magd herschicken, damit du die Dinge in der gewünschten Aufmachung erfährst.«

Brigitt kam ungern und wollte dann nicht mit der Sprache heraus, so daß endlich Linde in Ungeduld und wahrer Angst aus dem Bett sprang, ohne auf etwas weiteres zu hören einige Kleider anzog und in aller Leibesschwäche sich an den Wänden und dem Treppengeländer hintastend nach der Küche hinunterstieg, gefolgt von der händeringenden und still vor sich hinweinenden Magd. Als Bob seine liebste Freundin bemerkte, raffte er sich eilig auf und kroch, bevor ihn jemand halten konnte, seinen Hinterleib nach sich schleppend, auf sie zu, und als sie mit den zitternd hervorgebrachten Worten: »Mein armes Tier, was haben sie mit dir gemacht?« bei ihm niedersank, stieß er einen so klagenden und zugleich von ihrer Nähe erschütterten Laut aus, daß Brigitt haltlos aufschluchzend sich gegen die Wand warf und Linde sich bis ins Mark erbleichen fühlte. »Willst du dich — nicht wieder auf dein Bett legen?« bat sie ihn mit wankender Stimme, umsonst bestrebt, ihr Entsetzen über seinen Zustand zu verbergen, und mit ihrer blassen, kranken Hand leise seine Wunden abtastend. Er kroch noch näher zu ihr hin, um seinen Kopf eng an ihren Fuß zu schmiegen, und sie hatte nicht die Kraft, gegen diese Gebärde der Liebe noch etwas zu unternehmen. Dieser Augenblick war es aber, auf den er die ganze Zeit gewartet hatte.

Schließlich besaß aber Linde nicht mehr so viel Kräfte, um einen derartigen Ansturm von Empfindungen und dazu noch den Anblick und die Nähe der dem Tod verfallenen Kreatur lange zu ertragen. Als sie den Zustand seines vorigen Platzes bemerkte und sah, daß der Weg von dort bis hierher über den Zementboden mit den Spuren seiner Schwäche gekennzeichnet war, überfiel sie ein furchtbares Mitleid, dem sie mit einem hilfesuchenden Blick nach Brigitt stumm erlag. Sie sank ohnmächtig neben dem Tier nieder, und Brigitt konnte mit knapper Not verhindern, daß sie den Kopf auf dem harten Boden aufschlug. Dann rief sie laut durchs Haus nach dem Dechanten, der neu erschreckt herbeikam, sich, wie vorhin Linde über den Hund, jetzt über ihre Anwesenheit in der Küche entsetzte und dann das bewußtlose Mädchen beinahe ganz allein, Brigitt hielt sich mehr daran, als daß sie heben half, über die Treppe hinauf in sein Bett zurückbrachte.

Bob blieb solange allein in der Küche. Das Wegsinken der Freundin neben ihm und dann die folgenden Vorgänge, die mit der Entfernung aller Personen endeten, hatte er mit ernster und trauriger Miene beobachtet und auch noch aufmerksam die folgenden Geräusche im Haus droben verfolgt, darunter unsäglich erregt die haltlos und beinahe wild aufweinende Stimme des wieder erwachten Mädchens. Als es dann endlich still wurde und Brigitt allein und seufzend zu ihm zurückkehrte, ließ er sich in sein Schicksal ergeben wieder auf sein Kissen betten, und die nächste Stunde lag er regungslos wie vorher, den Kopf beobachtend und ständig Schlüsse ziehend zwischen den Vorderpfoten, auf seinem Lager, nun auf nichts wartend als auf seinen Tod.

Den brachte ihm endlich, noch bevor das Mittagessen ganz fertig war, der Tierarzt. Er hatte sich gleich mit allen Instrumenten versehen und für den äußersten Fall auch mit Blausäure. Nun, diesen äußersten Fall fand er gegeben, und er betrieb die Zurüstungen still und schonend. Er konnte weder dem Tier noch den Hausgenossen die Pein ersparen, jenem die Kiefer mit einer handfesten Schnur zuzubinden, und da er wußte, mit was für einem Hund er's zu tun hatte, betrieb er diese Vorbereitung sogar besonders umsichtig und gewissenhaft. Bob hatte sich von selber auf die Vorderbeine aufgerichtet. Er schnaufte etwas erregt und sah fragend nach seinem Herrn, ob das in der Ordnung sei. Der Dechant redete ihm wieder zu und strich ihm beruhigend mit der Hand über die phantasievolle, hochgewölbte Stirn. Der Tierarzt, ein schmächtiger, blasser Jude mit blondem Schnurrbart und dünnem Haar, suchte dem Dechanten und der Magd die Furcht vor dem Kommenden zu nehmen. Sie sollten ganz ruhig sein; er werde jetzt nur die Spritze rasch ins Herz einführen; mit dem nächsten Pulsschlag trete die Blausäure ins Gehirn und werde sofort Bewußtlosigkeit bewirken. Was dann noch folge, das vollziehe sich nur mechanisch und ohne daß das Tier etwas davon wisse.

Bob wurde schonend gelegt und dann auf den Rücken gedreht. Der Arzt füllte die Spritze mit Blausäure, suchte die Stelle zwischen den Rippen und stieß dann schnell zu. Das Tier ließ einen mehr verwunderten als schmerzhaften kurzen Laut vernehmen, während der Arzt die Spritze in seinen Körper entleerte. Darauf warteten alle, auch das Tier. Es verging eine halbe Minute, eine Minute, und dann noch eine zweite und dritte, ohne daß die angesagte Bewußtlosigkeit eintrat. Bob blickte aus seinem gesunden Auge unruhig und seinem Schicksal, aber durchaus nicht dem Gift erlegen um sich. Ab und zu machte er eine nervöse Bewegung, um sich den Händen zu entwinden, die ihn niederhielten; nach der dritten Minute wurden diese Anstrengungen heftig und nachhaltig, so daß der Arzt nicht länger mit seinem Erstaunen zurückhielt. Ein derartiger Fall sei ihm im ganzen Verlauf seiner Praxis noch nicht vorgekommen, erklärte er befremdet. Er habe bisher noch nie etwas anderes erlebt, als daß ein Hund nach der ersten Injektion bewußtlos hinzucke und nach einer halben Minute spätestens tot sei. Um den Prozeß zu beschleunigen, gab er eine zweite Spritze. Bob hielt wieder betroffen inne, wartete ein Weilchen und erneuerte seine Anstrengungen, sich zu befreien. Der Verlauf fuhr nun dem Arzt schon sichtbar in die Nerven. Der Dechant litt schweigend mit dem Tier, und Brigitt biß sich wild auf die Lippen, um ihre Fassung zu behalten.

Schließlich gab Bob ermüdet und schwerer schnaufend nach, aber er schien noch bei Bewußtsein. Kopfschüttelnd und verständnislos wiederholte der Arzt zum fünften- oder sechstenmal: »Eine fabelhafte Vitalität! Eine ganz unheimliche Natur!« ohne daß er wagte, den Blick von dem Hund auf die Anwesenden zu richten.

Darüber waren nun bereits zehn Minuten vergangen, und von jeder neuen hofften die Anwesenden, daß es die letzte sei. Aber es wurde noch eine dritte, besonders große Dosis Blausäure nötig, bevor die vorausgesagten Wirkungen nacheinander endlich eintraten, die Bewußtlosigkeit rasch, das ringende Atem der Lungen langsam, um dann einen desto zäheren und heftigeren Verlauf zu nehmen. Dieser hoffnungslose und hastige Kampf um Luft war vielleicht von allen Erscheinungen die, die seinen Freunden am bittersten zu Herzen ging, zumal er dabei noch einmal den ganzen rassigen Bau seines Körpers zur Anschauung brachte. Darauf stieß er schnell hintereinander zwei, drei Schreie aus, begann zu zittern und zu zucken, und endlich fühlten der Dechant und Brigitt mit wahrem Dank gegen Gott seinen Widerstand unter ihren Händen nachlassen, und zwar ganz plötzlich. »Geben Sie ihn jetzt nur frei«, sagte der Arzt leise. »Es ist vorüber.« Er sah noch eine Weile zu, wie das geheimnisvolle letzte Beben durch seine bereits erschlaffenden Glieder ging. Dann löste er ihm die Verschnürung von den Kiefern. Sein Kopf sank schlaff über die erbarmungsvoll stützende Hand Brigitts zu Boden nieder, und die Zunge hing ihm aus dem Maul. In diesem Moment hatten alle einen kalten und scheuen Begriff vom Wesen des Todes, und eine Weile betrachteten sie den schönen leblosen Körper, ohne doch verstehen zu können, was im Grunde damit vorgegangen war.

Durch die Stille drang von droben schneidend der neu aufweinende Ton von Lindes Stimme. Sie hatte läuten gehört und aus allen Geräuschen im Haus drunten den richtigen Schluß gezogen. Bis zu Bobs letzten Schreien hatte sie sich noch gefaßt, weil sich die Tante wieder bei ihr im Zimmer aufhielt. Jetzt brauste der Jammer um das liebenswürdige und edle Tier widerstandslos in ihr auf, aber nicht nur der Jammer, sondern auch das Grauen vor der Person, die ihn mit ihrer Gefühlskälte verschuldet hatte, und die leidenschaftliche Abneigung gegen sie. Als sie ihr mit überlegenen Belehrungen den wilden und schädlichen Ausbruch verweisen wollte, schrie sie gepeinigt und außer sich: »Laß mich allein! Geh! Ich will nichts hören! O Gott! Mußte denn das sein?« Da erhob sich die Tante, den bittern Ernst mit Verdrießlichkeit erkennend, und verließ das Zimmer. Nachher kam Brigitt, um durch die letzten Mitteilungen Linde wenigstens wieder in den Kreis der Geschehnisse zu ziehen und ihr die Ruhe zu bringen, die stets aus vollendeten Tatsachen, besonders solchen, fließt. Diese Ruhe verbreitete sich in ihr mit jener geheimnisvollen, schauernden Bewegung des Nebels im Herbst nach einer vollbrachten Jahreszeit; sie war bang und ahnungsvoll und, wie die Folge zeigte, von recht bedenklichen Einwirkungen auf ihren Zustand begleitet.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings