Erster Teil / Liebe (continued 2)
Reading edition
Die Klingse zwar fand den Dechanten zu katholisch und zu fanatisch, und das war die größte Verblüffung, die er seit langer Zeit erlebt hatte. In der sichern Erwartung, ihn an einem schwachen Zipfel packen zu können, besuchte sie schon am ersten Sonntag das Hochamt mit der anschließenden Predigt. Da gerade auf den Tag das Thema vom Pharisäer und Zöllner fiel, so sagte er vieles über den falschen Ehrgeiz, die Nichtigkeit von Bildung und gesellschaftlichem Stand, die Wertlosigkeit des übereingekommenen Mitleids und des öffentlichen Wohltuns, und was sich sonst so über die verschiedenen Kategorien von Heuchelei sagen läßt; dagegen hörte man allerlei Gutes über die Armut, die Niedrigkeit, das stille Werk im Namen Gottes, die bescheidene Liebe von Mensch zu Mensch, das meiste nicht besonders ergreifend und erweckt, aber doch weit ursprünglicher und anschaulicher, als man dergleichen sonst kirchenmäßig betreibt. Es war ihm, während seine Blicke immer wieder prüfend nach möglichsten Verstecken neuer Altertümer ausflogen, nicht weiter bewußt, auf einige Gedankengänge unmittelbar durch die Klingse verfallen zu sein, und vollends merkte er nicht, daß er im Grund gegen sie predigte, daß die gesellschaftliche Eitelkeit und das leere Getue mit Wohltäterei, worüber er sich pflichtgemäß zum hundertstenmal verbreitete, diesmal ihre Gestalt und Züge wies, und daß seiner Predigt soviel Gegenständlichkeit und Beweiskraft innewohnte wie seit Monaten nicht. Er hatte nachher nur das Gefühl, daß sie ihm gut geraten sei, und war befriedigt darüber, daß sich auf lange Strecken in der Kirche keine Maus gerührt hatte.
Der Anstoß zu dieser Regung bestand aber in einer Vorstandssitzung des Roten Kreuzes, die einige Abende zuvor beim Dechanten stattgefunden und an der die Klingse als bedeutende Rote-Kreuz-Dame, wenn auch einer andern Provinz, handelnd teilgenommen hatte, denn immerhin war sie eine erfahrene Wohltäterin und hatte schon viel in »Organisation« gemacht. Zur Verhandlung standen diesmal die untröstliche und andauernde Kassenleere des hiesigen Vereins und das Angebot eines amerikanischen Komitees, das Lazarett aus amerikanischen Mitteln zu übernehmen und mit amerikanischen Ärzten, Instrumenten, Geldern und so fort unter der fortdauernden Oberhoheit des Roten Kreuzes unendlich glanzvoller weiterzubetreiben. Es schien ein sehr glückhaftes Angebot und beinahe eine Rettung in der höchsten Not. Man hätte zwar die Übernahme des Lazaretts durch den Fiskus oder wenigstens eine staatliche Beihilfe beantragen können, aber beide Auswege wären nach der einstimmigen Auffassung einem moralischen Bankrott des hiesigen Roten Kreuzes gleichgekommen, während die überseeische Lösung den Bankrott unerwartet in Ruhm und Reichtum verwandelte, denn nun konnte man sich auf eine mustergültige Einrichtung, ein herrliches Instrumentarium und beinahe unermeßliche Mittel und sozusagen geradezu auf Luxus einrichten.
Auch der Dechant sah in dem Angebot eine gute Wendung und war nicht unzufrieden, eine Beunruhigung auf vorteilhafte Weise loszuwerden, um sich desto ungestörter seiner Kunstgräberei hingeben zu können. Die Vorsteherin des Vereins, ein redliches, aber ein wenig törichtes altes adliges Fräulein, weinte himmelblaue Freudetränen. Ihr bedeuteten ihre Verwundeten ihren ganzen Lebensinhalt, und sie konnte sich nicht vorstellen, was sie nach Beendigung des Krieges mit sich selber anfangen sollte. Sie fand den Krieg ja schrecklich, aber sie genoß doch in aller echten Menschenliebe die große Zunahme an Bedeutung, die er ihr plötzlich eingebracht hatte, und auf der Fürsorge für ihre Verwundeten schwamm sie mit verschämt geblähten Segeln daher als eine freudig bewegte Fregatte des Mitleids. Wie sie nun mädchenfromm und überlang in ihrem altmodischen Kleidchen dasaß und im Reden und Rühmen den schwarzen Rembrandthut mit der schönen Straußenfeder, der ihr so unwahrscheinlich hoch über dem Haarbau schwebte, hin und her schwang, die blaugrauen kleinen Augen beseligt und feucht von einem zum andern richtete und es jedermann ans Herz zu legen strebte, wie sehr man diesem edlen Volk, den Amerikanern, unrecht getan habe, und wieviel Ursache man besitze, ihre Freundschaft zu erwerben, war da außer Linde, die als jüngstes Mitglied des Vorstandes auch im Kränzchen saß, nicht einer, der ihr nicht beschämt recht gegeben und bereits für die endgültige Abstimmung das Jawort gezückt hätte. Auch die Klingse fand kühl, daß man alle Ursache habe, sich zu gratulieren, besonders nach der etwas reichlichen und unbefangenen Wirtschaft, die hier geführt worden sei. Da sollte man einmal sehen, wie es an andern Plätzen zugehe, und wie da gerechnet werde. Natürlich, man wolle es ja überall den Verwundeten so angenehm machen als möglich, aber deshalb dürfe man doch nicht das Ganze aus den Augen verlieren und vor lauter Mitleid die »Organisation« vergessen. Nun, man sei jetzt gerettet, und daß der kommende Überfluß einer innern Neigung entspreche, werde man wahrscheinlich mit besonderer Befriedigung feststellen. Die gnädige Bemerkung wurde mit einem etwas verschämten Gelächter quittiert, und auch die Klingse lächelte nachsichtig, und so war das ganze Geschäft zur Abstimmung reif, als Linde ums Wort bat.
Die Klingse, die alles sah, hatte längst bemerkt, daß Linde ihre besondern Empfindungen über den Fall hütete, aber im Traum nicht erwartet, daß sie versuchen würde, sie zur Geltung zu bringen. Auch dem Dechanten war ein beunruhigter und beinahe trauriger Ausdruck ihres Gesichts aufgefallen, während alle andern wie die Erlösten strahlten und vor lauter Aussicht auf Ruhm und Luxus schon fast immerzu schlucken mußten, und er hatte sich einige Male gefragt, was ihr wohl fehlen könne, aber nicht zu ernsthaft, obwohl sie sein Gewissen war, oder vielmehr eben deshalb. Linde in der Zeit saß da in einer wachsenden Angst und in einem zunehmenden Zorn, Angst um die kranken und wunden Soldaten, um die Reinheit eines Werks — auch sie dachte ans Ganze —, und Zorn über die billigen und käuflichen Seelen, die sie hier umringten, und über die schlaffen Gewissen, die in einem bedrohten Land das Werk der Daheimgebliebenen so lau und kleinmütig betrieben. Dem adligen Fräulein, das zeit seines Lebens noch niemals einem Menschen etwas Übles getan hatte, sonst hätte es längst einen Mann ergattert, war sie geradezu gram, und daher wandte sich ihre Rede auch ganz ausschließlich an dieses, und zwar mit einem solchen düstern Gesichtsausdruck und einer so schmerzlich bebenden Stimme, daß das gute Wesen bis auf die Knochen davor erschrak.
Sie könne die Anschauung des Vorstandes nicht teilen, redete Linde das Fräulein an, zunächst unter großen Anstrengungen, ihre Scham zu überwinden. Es scheine ihr nicht, daß man keinen andern Ausweg hätte, als das Werk abzutreten. Gewiß, man habe vielleicht etwas aus dem vollen gewirtschaftet und immer zuerst an die Soldaten gedacht. Aber sie seien auch die Hauptsache. Sie kämen hilflos und traurig an und dächten nicht, daß hier das oberste Interesse die »Organisation« sei. Man sei schon solange bankrott gewesen, und es sei weitergegangen; es werde auch weitergehen, wenn man nur nicht den Glauben verliere. Man dürfe nicht die Soldaten, die sich auf ihre Brüder und Schwestern im Land verließen, den Messern amerikanischer Ärzte ausliefern. »Was sind unsre armen, frommen Soldaten den Amerikanern? Sie lernen und probieren an ihnen und gehen dann nach Amerika zurück mit der Reklame, daß sie ein Jahr lang in einem deutschen Lazarett gearbeitet haben. Sie sind dann gewiegte Chirurgen, und die Patienten kommen gelaufen. Was geht uns das an? Jetzt ist jeder verwundete deutsche Soldat unser Bruder oder Sohn, und unsre Söhne und Brüder müssen wir selber pflegen. Wir werden die Mittel dazu bekommen wie bisher, auch wenn wir schlecht wirtschaften und zu freigebig sind.«
Das war die kurze Rede, die ein so großes Aufsehen machte und eine ganze kluge Bereitschaft über den Haufen warf. Luxus und Ruhm, ein prachtvolles chirurgisches Instrumentarium, Geld und Hilfsmittel, alles zerstob vor ein paar herzlichen und zornigen Mädchenworten zu nichts, und wie vorhin alle Damen gerührt und begeistert gewesen waren, so waren sie jetzt von ihrem eigenen einfachen und menschlichen Wesen ergriffen, das ihnen aus Lindes Darstellung entgegensah. Jawohl, das war ja ihre wirkliche Art: wohlwollend, gütig, verschwenderisch, ein bißchen fahrlässig, voll Liebe und Mitleid und lebendiger mütterlicher Beziehungen zu den lebendigen verwundeten Soldaten, immer bankrott, immer hoffnungsvoll, viel beredet und viel geliebt, ein herzlicher, treuer, gottgefälliger Klüngel, der sich den Teufel um Prinzessinnen und Fürsten scherte und sich bisher glücklich alle Protektoren vom Hals gehalten hatte, nach dem weisen Rat und unter der diplomatisch geschickten Leitung desselben Dechanten, den heute ein plumpes materielles Angebot mit dem ganzen Kränzchen beinahe über den Haufen geworfen hätte. Er schämte sich bereits, und alle Damen schämten sich, so glücklich sie sonst auch waren, ihrem bisherigen lieben, warmen Werk zurückgeschenkt zu sein. Nur fand in der Geschwindigkeit keine den Bogen, das alles in Worten auszudrücken. Aber es brauchte auch weiter keiner Worte; einig war man immer gewesen. Die Klingse allein war nicht zufrieden.
»Ich kann den Damen nur noch einmal raten, das amerikanische Angebot anzunehmen«, sagte sie wie jemand, der mehr weiß, als er für jetzt verlauten will, und geflissentlich über Linde hinweg. »So üppig ist es Ihnen ja hier doch nicht ergangen, daß Sie mit Vorteil für sich und die armen Verwundeten sogenannten hohen Idealen nachjagen dürften. Mein Gott, wie arbeiten Sie denn! Sie entlasten die Schwestern vom Putzen und Scheuern und stellen dafür bezahlte Frauen an. Wo finden Sie das noch? Nicht einmal im reichen Frankfurt. Sie schicken nach Marburg geschlossene Fäßchen mit Hahnen für den Kaffee an die Militärzüge, weil Ihnen die offenen Eimer unästhetisch sind. Gewiß, es wird einmal ein Stäubchen Ruß hineinfallen; im Feld fällt noch mehr hinein, und man trinkt es auch. Aber die Hahnen sind zu eng, und das Auf- und Zudrehen nimmt Zeit weg; es geht ja faktisch viel langsamer als aus den offenen Eimern. Und was tun Sie, meine Damen? Sie kaufen ganz große teure Messinghahnen und lassen die an die Fäßchen anbringen. Nun ja, jetzt funktioniert die Sache. Es fällt kein Ruß in den Kaffee. Es sieht auch appetitlicher aus. Aber was hat das nun gekostet! Und gerade Sie, meine Damen, mit Ihren Mitteln! Darum sage ich Ihnen noch einmal, nicht immer können die Soldaten die Hauptsache sein. Das Rote Kreuz muß auch leben. Es ist nicht jedermanns Geschmack, ewig bankrott zu sein. Der Geschmack unsrer Oberleitung ist es jedenfalls nicht, das muß ich Ihnen schon bemerken. Ihr Kultus, den Sie mit den Verwundeten treiben, ist ja auch höhern Orts bekannt und gibt viel zu reden. Da ist keine Wäsche weich genug und keine Decke genügend warm. Und die Soldaten müssen dies essen und jenes haben. Meine Damen, im Feld haben sie das alles auch nicht, und sie siegen dennoch. Es besteht höhern Orts die Meinung, daß man auf diese Weise das Material nur verwöhnt. Mütterlichkeit ist schön in der Familie, aber dies hier ist eine Sache der Organisation. Durch Organisation wird Deutschland diesen Krieg gewinnen, wenn man das denn immer wieder sagen muß. Tun Sie, was Sie wollen, aber sagen Sie nachher nicht, daß Sie nicht gewarnt seien. Fragen Sie sich auch, ob es politisch ratsam ist, die amerikanische Öffentlichkeit durch eine Absage zu brüskieren. Das wäre vielleicht warmherzig, aber wenig staatsklug. Aber natürlich ganz wie Sie wollen; ich bin hier nur Gast.«
»Liebe Tante«, erwiderte Linde sofort und tief erregt, »wenn dich ein Verwundeter hören könnte, so würde ihm ein furchtbarer Schreck oder eine Traurigkeit in die Glieder fahren, die er nie mehr verlöre. Ich möchte dir beinahe wünschen, daß du einmal mit einer Wunde zu Bett lägest, um dich zu fragen, ob dir nun etwas Verwöhnung lieb sei oder nicht; und dann würden wir dich nicht mit der Bemerkung abfinden, daß du im Feld auch nicht verwöhnt würdest. So ist das. Ich finde, daß du sehr zu bemitleiden bist. Ihr alle seid zu bemitleiden samt euren Auszeichnungen und Titeln.«
Da sich Linde völlig selbstvergessen einem fremden Bedürfnis hingab, gelang ihr ebenso selbstvergessen ein Sieg über die kaltherzige Frau gerade durch jenes tiefe, geheimnisvolle Mitgefühl, zu dem sie sonst im persönlichen Umgang ihrer Patin gegenüber nicht mehr frei zu werden vermochte. Diese in den Augen der Klingse ganz verrückte und dilettantische Vorstandssitzung entwickelte sich denn auch ganz in der Richtung, die ihr Linde gewünscht hatte, und die in der Tat die natürliche für alle Teile war. Die Amerikaner wurden samt ihrem wundervollen Instrumentarium höflich bedankt und wandten sich an eine andere Stadt, und da nicht überall so helle und kühne Wächterinnen der nationalen Würde und der wahren Nächstenpflicht saßen, so fanden sie auch eine. Das ganze Ereignis gab aber eben die unbewußte Unterlage und den Anstoß zu der Sonntagspredigt her, die wieder der Klingse die Unterlage für einen Vorstoß gegen den Dechanten verschaffte. Und zwar war es gleich beim Mittagessen, daß sie das Gespräch auf das Predigtthema lenkte.
»Ich kann ja solche Seligpreisungen der Dummheit und Inferiorität nur vom politischen Standpunkt aus verstehen«, erklärte sie mit kühlem Lächeln. »Wahrscheinlich willst du auch so aufgefaßt sein. Es wäre ja auch zu altfränkisch, im Ernst die hohe Bedeutung und die Verdienste der Gesellschaft leugnen zu wollen. Obwohl mir auch für politische Zwecke die Predigt immer noch fanatisch genug war. Ein enger Kopf bleibt ein enger Kopf, wenn er noch so gläubig ist, und ein Zöllner behält der Gesellschaft den Wert eines Zöllners, selbst wenn Christus mit ihm verkehrt hat. Wohin kämen wir, wenn auf einmal der Unsinn und die Beschränktheit den Ton angeben wollten! Zum Beispiel im Feld, Heinz, was macht einen Sieg dort aus, die sogenannten Gemütskräfte, Glaube und Liebe, oder die technisch vollkommene Kriegsmaschine, die Fähigkeit der Teilnehmer, a good sport zu sein?«
»Natürlich der gute Sport«, sagte Heinz sofort. »Die größere Schlauheit und Fixigkeit. Das neuste Gas. Das schwerste Kaliber Feldgeschütz. Die Mechanik mit einem Wort. Der Mensch ist nichts. Wolle, was du willst, das ist soviel, wie wenn eine Feder fliegt.«
»Also die Organisation der Materie«, übersetzte die Klingse. »Wir hier im Land wissen gar nichts. Wir müssen diese da reden lassen. Das sind jetzt die wahren Herren unseres Schicksals. Wenn einer schon im Heizraum eines Schiffes sich nach Europa durchschlägt, um seinem Vaterland zu dienen, der hat Anspruch auf Beachtung. Auch wenn er über Dinge des Friedens redet, denn der Krieg ist der Vater aller Dinge. Ein Volk wird niemals groß durch gläubige Zöllner und bekehrte Sünder, sondern durch Leute, die in die Welt passen, wie die jetzige Generation, Techniker, Industrielle, Kaufleute, Amerikaner und Juden. Jawohl, Juden. Das sind sogar die Leute, die am wenigsten Vorurteile haben. Es ist sonderbar, daß man euch das noch klarmachen muß, nachdem unsere herrlichen Unterseeboote und Luftschiffe schon so lange an der Arbeit sind. Von Seele habe ich in diesem Krieg noch nichts gemerkt; du vielleicht, Heinz?«
»Nein, ich auch nicht«, lachte Heinz verlegen; es war ihm schon nicht mehr ganz wohl bei dem Spiel. »Aber vom Leib, und das tüchtig«, fuhr er mit knabenhaftem Eifer fort. »Kinder, wie haben wir schon gehungert und gefroren, und wie waren wir schon müde, verlaust und dreckig! Essen und schlafen und mal wieder ein Bad, und die ganze menschliche Herrlichkeit ist repariert. Das schönste ist aber die Entlausung, das kann ich euch schon sagen. Wenn einen das Läusevieh so ein paar Wochen recht vorgehabt hat, und dann alles auf einen Tag loszuwerden: das ist Wiedergeburt.«
»Seht ihr, so tönt das bei den modernen jungen Leuten«, triumphierte die Klingse kühl und verzog ihre Lippen. »Wir sind auch nicht anders als die andern, die Franzosen und Engländer, und könnten sogar vieles von ihnen lernen. Wenigstens haben die begriffen, daß der Egoismus die Quelle alles Lebens und das Geschäft das Ziel aller geistigen Spekulationen ist. Es wäre besser, wir hätten ein Bündnis mit den Engländern als mit den Bulgaren und Türken; dort blüht bloß die Roheit und der Aberglaube. Schön, ihr habt nationale Eigenart, und die andern besitzen die Welt.«
Dem Soldaten war schließlich wie vor den Kopf geschlagen; denn so laut und feierlich seine schadhafte Wäsche als Mannskraft ausrufen zu hören, ist nicht jedermanns Sache, und keinesfalls hatte er ein Interesse daran, Linde in dem Licht zu erscheinen, in das ihn die weltliche Frau mit Kunst und Weiberlist hineinpraktizierte. Seine Genugtuung über die gehörten Lobsprüche war daher nur klein, und das wenige, das sich seine Eitelkeit davon aneignete, wurde ernstlich von seinem schlechten Gewissen angegriffen. Nach so langer Zeit fühlte er überhaupt zum erstenmal wieder Gewissensregungen, und zwar durch den Besitz eines deutschen Mädchens von Wert und Kühnheit, eines Mädchens, dem nun einmal die Gabe verliehen war, jedem, der sich damit einließ, als eine Art von kühler Morgenluft in die Seele zu ziehen und dort Erwachen und Aufstand zu verursachen. Heinz war freilich vorläufig erst beim Frösteln angekommen, und seine Gemütsstimmung zeigte daher einen etwas weinerlichen und katzenjämmerlichen Anstrich, während er sehr unbehaglich vor sich auf seinen Teller blickte und auf die Entgegnungen wartete, die ihm in den Unterstand fahren mußten.
Der Dechant war weiter nicht erschüttert von den Offenbarungen seiner Schwägerin; er kannte noch größere, wenn er zur Zeit auch keinen zu heftigen Gebrauch von ihnen machte. Sehr gelassen sagte er:
»Wenn's dann nur jedem bei seinem Besitz wohl ist; denn immerhin hat Hinz wie Kunz etwas, worauf er sich wenigstens eine Weile verlassen kann. Leid tun mir aber die Leute, die bei uns gezwungen sind, mit leeren Händen auszugehen, weil sie weder unsre Eigenart noch jene Welt besitzen, die ja die andern haben und ausbeuten. Ich habe deshalb immer darauf gedrungen, daß wir in Gegenwart dieser wirklich Armen und Leeren jedes Auftrumpfen mit unserm Besitz vermeiden müßten einerseits aus Feingefühl, andrerseits aus Gewissenhaftigkeit; denn ein Besitz wie Eigenart ist ein ernstes und unerbittliches Geschenk. Ihr, die ihr nicht damit belastet seid, tut unrecht, uns darüber zu beschreien, und seid zu tadeln; denn ihr solltet ja dank eurer Modernität den größern Überblick haben. Nun, dergleichen Talente liegen nicht in den Zeiten, sondern in den Personen. Ich lege dir aber ans Herz, künftig nicht mehr die Unmündigen zu mißbrauchen, wenn du gern einen persönlichen Beweis führen möchtest, auch wenn sie alle Eiserne Kreuze und Orden tragen, die ihrer Jugend zugänglich sind. Was dann das eigentliche Thema angeht, die Seligpreisung der Armen, so wundere ich mich etwas, daß du im Haus eines katholischen Geistlichen daran Anstoß zu nehmen erklärst. Ich dachte, du wüßtest, zu wem du auf Besuch kamst. Nun, in der Großstadt vergißt sich wohl dies und das, und es ist gut, daß ihr von Zeit zu Zeit darauf kommt, daß wir auch noch da sind.«
Mit diesen lächelnd gesprochenen Worten hob er die Tafel auf. Indem er im Vorbeigehen dem Soldaten leicht und väterlich die Hand auf die Schulter legte, sagte er zum Mädchen: »Daß du dich jetzt auf eine Stunde legst, Linde, und wenn zehn Leutnants gute Unterhaltung in Aussicht stellten. So ein Luftibus darf doch nicht gleich alle Hausregeln über den Haufen werfen.« Ihr freundlich zunickend, ging er scheinbar ganz unangefochten hinaus. Innerlich war er's weniger, denn mit allen weltmännischen Lästerungen hatte ihm die Schwägerin doch einige Bedenken aufgeregt. Daß sie in seiner Predigt Fanatismus fand, beunruhigte ihn noch am meisten, nicht weil er darin einen liberalen Vorwurf erblickte, den er sehr ruhig ertragen hätte, sondern weil es beim genauern Zusehen als ein unverdientes Lob herauskam; denn er wußte doch am besten, auf welchem Weg seine Predigten neuerlich entstanden, und wo seine Gedanken in der Zeit, während er sie hielt, sich manchmal herumtrieben. Er hatte in seinem Gott immer einen klugen Pädagogen gefunden; nun war es diesem sogar gelungen, ihn durch das ungewollte Lob eines ungläubigen Weibes ernstlich zu tadeln und zu mahnen. Mit einem Anflug von echter Besorgnis bemerkte er wieder die zuwartende Langmut Gottes, und für diesen Nachmittag jedenfalls dachte er weniger an die Geschichte des Domes als an die seiner Seele und der mystischen Bindungen, die er andern Seelen und jener höchsten, an die keiner ohne Erschütterung denkt, schuldig war und zum großen Teil schuldig blieb. Nebenher rückte er doch auch seine Domgeschäfte und die Geschichte des frommen Platzes wieder um einen Schritt näher unter den göttlichen Gesichtspunkt, ein zäher Ringer, der er war, und ging so nicht ganz ohne Vorteil für seine Lieblingstätigkeit aus der Affäre hervor. Den verdienten Mittagsschlaf verpaßte er freilich über aller Spekulation, so daß er später beim Tee etwas müde aussah.
Heinz und Linde waren beide dem Vorgang des Dechanten gerne gefolgt, um diesen Tisch, an dem es ihnen so wenig wohl war, zu verlassen. Mit einem überlegenen Lächeln blieb die Frau allein noch eine Weile sitzen, horchte prüfend ihren Worten nach, suchte ohne Wohlwollen und darum umsonst, sich ein wahres Bild von diesen Menschen zu machen, verlor darüber ihr Lächeln, ärgerte sich über die empfangene Abfertigung, dachte mit einer etwas bittern Regung von Eifersucht an den jungen, blühenden Leutnant und mit Abneigung an das Mädchen und fühlte sich alles in allem ziemlich einsam mit der Tragik ihres Lebens und ihrer kalten, unfruchtbaren Natur. Unterweilen kam Brigitt herein, um abzuräumen, hochbefriedigt darüber, den ungeliebten Gast rechtmäßig mit einer häuslichen Pflichterfüllung aus einer Behaglichkeit auftreiben zu können. Sie erhob sofort ein überaus kriegerisches Geklapper mit Tellern und Gabeln, bewegte sich breitspurig ordentlich unter der feinen Nase der Frau hierin und dorthin und nahm ihr, ohne viel zu fragen, die Kaffeetasse weg, obwohl sie noch Kaffee darin und die Hand am Löffelchen hatte. Wirklich erstaunt über soviel völkische Niedertracht, blickte die Klingse auf und sah zur Abwechslung das rabiate Frauenzimmer wirklich einmal näher an.
»Warum nehmen Sie mir das fort?« fragte sie mit hochgezogenen Augenbraunen. »Sie sehen doch, daß ich noch nicht fertig bin. Warten Sie mit dem Abräumen, bis alle Herrschaften den Tisch verlassen haben.«
»Die Herrschaften, was Herrschaften sind, haben ihn verlassen«, erwiderte die Haushälterin patzig und räumte weiter.
»Sie werden ja anmaßend«, wunderte sich die Geärgerte. »Was soll denn das alles heißen?«
Brigitt zog ihr auch das Tischtuch unter den Händen fort, so daß sie jetzt am nackten Tisch saß. »Was es eben heißen soll.«
»So werde ich mir meine Frage selber beantworten«, erklärte die Klingse errötend und erhob sich. »Es heißt, daß Sie der unverschämteste Dienstbolzen sind, der mir zeit meines Lebens vorgekommen ist. Man nennt Ihresgleichen bei uns Pfarrerskathel, und man weiß, daß solche Rechte, wie Sie sich anmaßen, allgemein nicht nur durch häusliche Dienstleistungen erworben werden. Aber es wäre besser für Sie, wenn Sie die guten Beziehungen zu Ihrem Herrn nicht in dieser öffentlichen Weise ausnützten.«
Damit ging auch sie und ließ den alten redlichen Menschen in einer maßlosen Betroffenheit zurück, in einer Verblüffung, die sich dann langsam zu ungefaßtem Ärger und Wut steigerte in dem Tempo, in dem die Magd die Infamie begriff, die ihr gesagt worden war. Daß Brigitt aber zum Begreifen soviel Zeit brauchte, war für diesmal das ganze Glück der Klingse, denn in diesem Fall hatte sie ihre Gegnerin unterschätzt; als aufgeklärte Persönlichkeit besaß sie weder Verständnis für menschliche Ideale noch Respekt vor persönlichem Anstand.
Um noch einmal vom Nachmittagstee zu sprechen, so servierte ihn Brigitt in kochendem Haß und in vollem Bewußtsein der erfahrenen Niedertracht, mit einer tiefen Falte über der redlichen gebogenen Nase und fest geschlossenen Lippen. Dieser Handel war nun ganz ausschließlich ihre Sache wie auch die Abrechnung im Namen der Hausehre und der beschimpften geistlichen Person, der sie diente. Von der landläufigen Verunehrung ihres Standes sowie von den summarischen Verleumdungen des einsamen, vor Gott gestellten Mannes hatte sie ja schon zu ihrem Verdruß gehört, und sie wußte auch, welche Schicht der Gesellschaft und welche politischen Parteien sich in solchen weltläufigen Allgemeinheiten gefallen; aber den Feind im eigenen Haus zu haben, war ihr ein ungeheures Erlebnis, mit dem sie nicht so in der Schnelligkeit fertig zu werden und dessen Tragweite sie auch noch nicht von fern zu überblicken vermochte.
Linde verbrachte diesen Nachmittag traurig und bedrückt, obwohl in Gesellschaft ihres Geliebten, und das war der einzige Trost, wenn auch ein kummervoller, denn dieser Geliebte war zu gewissen Zeiten und Teilen auch der Mann ihrer Feindin. Nicht nur, daß sich das unselige Weib seiner minderwertigen Qualitäten und seiner Torheiten bemächtigt hatte, um ihn von dem gottesfürchtigen Umgang zu sich, der Weltdame, zu ziehen, und noch abgesehen davon, daß sie ihm durch ihren Verstand und ihre gesellschaftliche Überlegenheit imponierte und geistig die geringe Einheit störte, die sich zwischen den jungen Leuten bisher gebildet hatte, machte sie auch, noch weniger sichtbar als fühlbar, ganz äußerlich als Weib einen gewissen Eindruck auf ihn, dem er sich nicht zu entziehen vermochte. Sie betraf ihn stets mit größerer Scham über Blicken nach gewissen Geheimnissen der Tante, die bei dem Schnitt ihrer Kleider und Blusen nicht allzu streng verborgen waren, und als er eines Tages sich über seine Vorliebe für Parfüm erklärte, wußte sie auch, was das zu bedeuten hatte; denn von der Tante ging fortwährend ein feiner, geheim erregender Duft aus. Alles in allem glaubte sie nicht, daß Heinz ihr an die Gegnerin untreu werden könnte; eine solche Niedrigkeit traute sie ihm mit keinem Gedanken zu. Allein der ganze Einfluß, der von der städtischen und äußerlichen Frau auf ihn überging, veränderte ihn wenigstens zeitweise in einer ungünstigen und für Linde schmerzlichen Richtung. Sie sah deutlich, wie er jedesmal nach einem Zusammensein mit der andern auf einer neuen Seite sozusagen anverdorben zu ihr zurückkam wie ein gefallener oder gedrückter Apfel. Er wurde eitler und gefallsüchtiger, kaufte sich Manschetten und weiße gestärkte Halsringe, die dann sehr kavaliermäßig unter seinem ernsten Ärmel- und Kragenaufschlag hervorblinkten, dazu feine Handschuhe und Lackstiefel, und die kriegerisch verbeulte Feldmütze vertauschte er mit einer neuen, ganz korrekten und steif stehenden. Daß ihm die vorige kriegerische Abgeschlissenheit viel besser und männlicher gestanden hatte, wußte er nicht, und er glaubte es auch nicht, als es ihm Linde sagte.
Das schlimmste Leiden floß ihr aus dem Gewissen. Es war nicht mehr allein das jener Frau zugefügte und noch nicht wieder gutgemachte Unrecht um das entwendete Buch, das ihr auf der Seele lag, sondern das Schuldgebiet war weit über die von Heinz gezogene Grenze hinausgewachsen, und zwar schon an dem Abend, an dem die bittere Frau auf Lindes bußfertige Einladung leiblich erschienen und von dem bestürzten Mädchen so niederschmetternd abstoßend und auf den ersten Blick unversöhnlich feindlich empfunden worden war. Linde erlebte diesen Mißerfolg wie eine Katastrophe. Es war ihr jetzt klar, daß sie sich im Grund schon damals gegen die Frau um Heinz gewehrt hatte, wenn auch mit törichten und verwerflichen Mitteln; denn anstatt alle frei zu erhalten, hatte sie alle in eine geheimnisvoll drohende Verwicklung gebracht, den Dechanten, die Frau, den Geliebten und am tiefsten sich selbst. Sie meinte daher nicht mit Unrecht, daß es nötig sei, Schritte zu unternehmen, um ihre sittliche Freiheit zurückzugewinnen und zugleich der Leugnerin aller seelischen und moralischen Impulse die Hoheit des Gewissens und das Wirken der lebendigen Seelenkräfte zu beweisen. Aber dies Mittel erforderte eine so übermenschliche Selbstüberwindung, daß sie sich nicht fähig fühlte, es aus freier Hand anzuwenden, jedenfalls nicht ohne die Hilfe und den innern Beistand eines Freundes. Beides suchte sie im Lauf des Nachmittags, müde von allem Denken und von der Bemühung, ihrem Geliebten nicht durch Traurigkeit schwerzufallen, bei ihm selber ohne besonderen Mut, nur um einen Versuch nicht ungewagt zu lassen.
»Hast du auch schon bemerkt, daß die alte Geschichte mit dem Buch wieder lebendig geworden ist und als Gespenst umgeht?« fragte sie aus einem Schweigen heraus schüchtern ihren Freund. »Ich meine nicht die Entwendung an sich«, fuhr sie hastig fort, als sie mit einem Streifblick sein verständnisloses Gesicht bemerkte. »Gewiß, die Tante ist furchtbar verletzt und will sich rächen. Und es scheint, daß sie sehr an ihrem Ehrgeiz leidet. Aber es ist da noch anderes; ich kann es nicht so sagen. Ich meine, sollten wir nicht einen — ehrlichen Entschluß fassen?«
Heinz sah immer noch gleich verständnislos aus. »Einen Entschluß fassen?« wiederholte er verwundert. »Wir haben über die Sache doch schon gesprochen. Ach, du meinst wohl unseren Vertrag? Aber liebes Kind, das war doch eine Neckerei. Wer wird doch gleich alles so tiefgründig nehmen. Du bist vollkommen freiwillig meine Freundin geworden; das hat mit der dummen Büchergeschichte doch nichts zu tun. Fühle dich nur ja in keiner Weise gebunden, ich bitte dich. Wir sind doch erwachsene Leute.«
»Ich fühle mich dir gegenüber auch frei«, sagte Linde. »Aber du mußt verstehen, daß ich dieser Frau ein Unrecht angetan habe.«
»Lieber Gott, doch nicht wissend!« ermahnte Heinz wohlmeinend. »Damals warst du noch ein Kind! Da könnte ich mir ja auch Gedanken machen!«
»Ich wußte ganz genau«, kopfschüttelte Linde. »Ich hatte ein Gewissen, und wenn ich dort die Wahrheit gesagt hätte, so brauchte ich mich jetzt nicht vor Gespenstern zu fürchten.«
»Nun, bei der großen Beliebtheit, die sie sich damals bei uns erwarb!« erinnerte Heinz mit einem Versuch, sie zu erheitern. »Aber was ist denn so Schlimmes geschehen? Sie hat doch die Sache längst vergessen, sonst wäre sie nicht hier. Na also. Obwohl ihr sie sicher alle falsch beurteilt«, platzte er dann plötzlich heraus. »Sie ist eine sehr gebildete und feinsinnige Frau, nur etwas verbittert. Sie wird zuwenig geliebt, wie es scheint.«
»Gewiß«, stimmte Linde mit ernsten Augen, doch erleichtert zu. »Wir wollen eine offene Aussprache herbeiführen; vielleicht lernen wir uns dabei verstehen, und jedenfalls machen wir allen das Herz frei.«
»Aber gern, natürlich«, sagte Heinz lachend. »Es wird einen rechten Spaß geben. Verfluchte Blase, die wir auch waren! Laß mich nur machen, ich werde diese Sache schon einfädeln.«
»Vielleicht besser nicht«, bat Linde, erschreckt von seiner absoluten Verständnislosigkeit. »Es wird doch nicht gehen. Wir wollen es lieber lassen. Ich bitte dich. Vielleicht später. Jedenfalls nicht, bevor wir wieder darüber geredet haben.«
»Na — was also? In den Kartoffelacker 'rin oder aus dem Kartoffelacker 'raus? Schön. Wenn du nicht willst, so wird eben nicht darüber gesprochen. Ich meine nur —«
»Ich — kann ihren Blick nicht ertragen, nicht einmal in der Vorstellung«, suchte sie zu erklären, verstummte aber bedrückt und machte auch keinen Versuch mehr, ihm ihre Empfindung näherzubringen.
»Tja, da muß ich wiederholen, daß du ihr unrecht tust«, meinte er, selber verschüchtert. »Sie mag ihre Härten haben, aber ein übler Mensch ist sie nicht. Wenn man zwei Jahre so draußen gewesen ist und dann mal wieder ins Land schneit, so hat man für alles Weibliche einen ganz andern Nerv, auch für das Männliche, versteht sich. Und da kann ich nur sagen —«
Er sprach nicht aus, was er nur sagen konnte, und auch Linde ließ ein Gespräch fallen, bei dem sie bloß Verluste und Enttäuschungen erlebte. Gleich darauf klingelte Brigitt zum mehrfach berufenen Nachmittagstee, der ziemlich still und gemessen verlief. Nachher belegte die Tante den Soldaten mit Beschlag, um mit ihm zu musizieren. Er spielte ganz hübsch Klavier, und sie brauchte ihre dünne Stimme mit Geschmack; darauf spielten sie vierhändig, womit schon manche schwere Not begonnen hat. Später ging sie mit ihm spazieren, und er zeigte ihr die schöne Gegend. Zum Nachtessen erschien er mit einem Ring ihres verstorbenen Mannes, den sie ihm geschenkt hatte. Als später unter vier Augen Linde eine Bemerkung darüber machte, meinte er, er wisse nicht, was sie gegen die Frau habe; er könne sich doch von einer reichen Verwandten, die dazu ihre Patin sei, etwas schenken lassen. Ob sie denn an Eifersucht leide? Sie sagte, sie leide nicht, und mußte dafür auch ihre Empfindlichkeit unterdrücken und ihre Trauer verbergen, und er war zufrieden, daß sie es wieder schien.
Fünftes Kapitel Der Abschied des Soldaten und der Kampf um seine letzten Stunden führt zu überraschenden Ergebnissen; fast alle Leute stehen nachher auf einem andern Fleck.

Mit solchen und anderen Geschehnissen ging der Urlaub des Soldaten zu Ende; indem er am Mittwoch zum Kaffeetisch herunterkam, hatte er bereits seinen letzten Tag angebrochen. Linde erwartete ihn mit einem heiteren Gesicht und trüben Augen; sie hatte die Nacht geweint. Heinz schnupperte in die Luft, und sie lächelte.
»Heute gibt's echten Kaffee«, sagte sie. »Ich verantworte ihn. Und überhaupt einen Tag, wie wir ihn früher gewöhnt waren. Willst du hören?«
Er wollte, und sie zählte ihm auf, was sie für das Abschiedsfest vorbereitet hatte. Er war gerührt und schien nachdenklich, hatte eine dumpf beunruhigte Nacht hinter sich und war mit dem Tagesgrauen wach geworden wie im Schützengraben; aber geweckt hatte ihn nicht ein Kanonenschuß, sondern der Gedanke an Linde und den Abschied. Er konnte noch zu ihr sagen: »Wir gehen nachher zum letztenmal zur Warte hinaus!«, da trat die Tante ein, und gleich erschien auch der Dechant. Die Klingse hatte ebenfalls schlecht geschlafen; sie zeigte dunkle Ränder unter den Augen und schien so mit sich und ihren Gedanken beschäftigt, daß sie nicht einmal einen Laut über den echten Kaffee verlor und über die Butter, die heute auf dem Tisch stand. Sie zeigte sich jedem guten Wort zugänglich, gab freundliche Antworten, stellte unverfängliche, teilnehmende Fragen und schien alles in allem so weich, wie sie hier noch niemand gesehen hatte. Dazu trug sie einen blauseidenen, silbergestickten Kimono, den sie noch nie angehabt hatte, und der ihr sehr gut stand. Sogar der Dechant mußte innerlich zugeben, daß sie immer noch ihre Stärken hatte mit dem weißen schlanken Hals, dem säuberlich modellierten Ansatz in den zarten Brüsseler Spitzen, den feinen Armen und dem delikaten rötlichen Haar. Freilich gab er nicht eine Strähne von Lindes blonden Zöpfen dafür her, und dieser Meinung war schließlich Heinz auch, wenn denn schon unterschieden sein mußte; sonst war er mehr dafür, jede in ihrer Art zu nehmen. Obgleich er eben mit seiner jungen Freundin ein zärtliches Rendezvous ausgemacht hatte, verlor er doch immer wieder die Augen an die weltbedeutende Dame im Morgenkleid, und außerordentlich beschäftigte ihn ihr goldenes Armband am Handgelenk, das sie auch noch nicht getragen, sowie das lange grüne Ohrgehänge, das sie zur Feier des Tages vorgenommen hatte. Mit einem Wort, Heinz konnte nun sehen, was es mit einer ausgewachsenen Frau auf sich hatte, und er sah alles, was es zu sehen gab; übermäßige Zurückhaltung war seine Sache ohnehin nicht.
Darüber hinaus lagen ihm noch die Träume dieser Nacht in den Knochen. Er hatte sich selber sterbend »auf blutiger Wahlstatt« — diese Worte tönten ihm unausgesetzt in den Ohren — liegen gesehen und war darum traurig und etwas tiefsinnig. Für eine solche Gemütsverfassung schien ihm Linde eher der geeignete Umgang zu sein als die überlegene und ungläubige Frau, und darum kehrte er von seinen Augenausflügen immer reuig zu seiner stillen Freundin zurück. So ging er auch nach dem Frühstück verabredetermaßen redlich mit ihr spazieren, und Bob durfte mit. Der Dechant hatte noch angezeigt, daß heute nachmittag um fünf die neuaufgestellte Orgel probiert werde, und zwar durch einen bekannten Organisten aus Köln; wer sich dafür interessiere, möge sich einfinden. Es interessierten sich alle, sogar Bob wedelte erfreut mit seinem kurzen Schwanz, und das Ereignis wurde zu einem Programmpunkt des Tages gemacht.
Diesen etwas bedeckten aber gnädigen Vormittag benützten die Liebenden dazu, noch einmal alle Dinge zu nennen und redend lebendig zu machen, die ihnen wert und lieb waren. Jedes sprach gütig und rein die innern Vorzüge des andern an und auch das, was ihm an seinem Äußern die Sinne bewegte und die Gedanken mit Freude erfüllte. Was sie verschweigen mußten, das zitterte desto kühner als Sehnsucht in ihnen. Sie wandelten dahin, glaubend und hoffend als zwei edle Kinder der Erde, an denen keine Falschheit war, und die sich so treu und in der Hand des natürlichen Gottes geborgen fühlten, daß sie nichts sahen, was ihnen nicht erlaubt gewesen wäre, nicht weil sie nun als kleine Frevler mit schlauer Logik die Hände nach verbotenem Gut ausgestreckt hätten, sondern weil sie annoch wirklich nur nach Erlaubtem begierig ausblickten und darin sich vor dem anrückenden Abschiedsweh bargen. Sie machten sich die Erde zum Bild, in dem sie sicher von ihrer Treue umrahmt nebeneinanderstehen, und den Himmel zur Melodie, die sie einander aus jeder Ferne zusingen wollten. Heinz war ganz offen, ganz kinderreich und hörte und sprach mit festlich erregten Organen. Er verstand das meiste und glaubte alles, was sie sprach, und was er sagte, das hatte Hand und Fuß und konnte sich in ziemlich guter Gesellschaft bewegen. Er vergaß, was ihn sonst dumm und ledern machte, die Klingse, die moderne Zeit, sogar den Schützengrabenjargon, und war diesen Morgen wirklich nur Lindes frommer und sanfter Geliebter, ein innerlich wohlgewachsener junger Mann ohne jede Eitelkeit, dem die nahende Trennung von seiner Geliebten schwer zu schaffen gab, und der mit Sorge bemerkte, wie die silbernen und goldenen Fäden schon sich zum Zerreißen anstrafften. Die still gewordene, kühle Flur sagte ihm Lebewohl. Die Türme sagten ihm Lebewohl. Das Tal, die Wälder, der Fluß, der Kalvarienberg drüben mit seinen Leidensstationen, das Geläute des weidenden Viehs, alles sagte ihm gläubig und heimatlich Lebewohl. Nur einmal hörte er die Klingse sagen: »Du mußt wieder dein Leben für uns einsetzen«, und das Wort klang ihm schlecht, er wußte nicht warum. Dann wandelte es sich ihm zur Unruhe, weil er den Tod darin ahnte, und mit dem ganzen Gefühl drängte er sich noch näher an den Menschen, der ihm und dem er in diesen Stunden alles war, Besitz und Zuflucht, Verheißung und Erfüllung. Von soviel Wärme und kindlich-männlicher ernster Hingabe überwältigt, verlor Linde auf eine kurze Zeit die mühsam beherrschte Fassung und lag ihm wortlos weinend an der Brust, aber als sie sich wieder aufrichtete, lächelte sie ihm erneut zu, und das war der Höhepunkt ihres Jungfrauenlebens, auf dem sie das Frauenleben begriff und es auf eine keusche, zagende Weise, aber unwiderstehlich begann. Die höchste gesellige Leistung des liebenden Weibes für den Mann und zugleich seine Bestätigung durch sie ist die Kameradschaft, und vom Kameraden fühlte Linde von diesem Augenblick an viel in sich. Auch Heinz fühlte es, und es steigerte seine Achtung für sie und sein Gefühl von ihren Werten, die sich immer noch aus sich selber summierten. Er merkte wieder einmal, daß sie mit der Ausstrahlung und Befreiung ihrer Kräfte noch lange nicht zu Ende war, und das erfüllte ihn ebenso mit Bewunderung als mit Erstaunen, denn bisher hatte er von deren Vorhandensein im Weib noch nichts bemerkt, auch nicht durch seine Kameraden im Schützengraben gehört. Darunter hin schämte er sich ein wenig, aber es tat ihm wohl, weil ihn das Gefühl letzten Endes reicher machte, und weil er davon gleich wieder in der Form von neuen Liebesbeweisen mitteilen durfte, ohne über deren Herkunft Rechenschaft geben zu müssen. Mit der Seele zweier Liebenden verhält es sich ohnehin wie mit den beiden klingenden Personen der Terz, die singend und anschauend und immer neue Melodien bildend durch das weite schöne Tonreich wandeln und zu keinem Ende kommen.
Bob suchte in der Zeit Mäuse, kam ab und zu fragen, ob es nicht bald wieder weitergehe, und als Linde weinte, stand er plötzlich dicht vor Heinz und sah ihn mit dem einen Auge sehr aufmerksam und prüfend an.
Indessen kam doch dieser gütige Vormittag mit allem Frieden zum Ende, als die Mittagsglocken in der Stadt und in den Dörfern zu läuten anhoben. Noch einmal umarmten sie einander herzlich und voll von jenen bräutlichen Gefühlen, die mit den Begriffen Unendlichkeit und Ewigkeit und mit allen göttlichen Geheimnissen unzertrennlich sind, in der Meinung, für sie beide nun ein unzerstörbares Abschiedsmal aufgerichtet zu haben, an dessen großherziger Endgültigkeit bis zum Wiedersehen niemand etwas verändern konnte, kein Mensch und kein Geist, wenn er mit noch so großen Gewalten ausgestattet war, denn das fromme Herz ist unbesieglich, solang es unbesiegt bleiben will. Unterwegs schenkte ein Bauer Linde einen wunderschönen Apfel von einem ganz seltenen Baum, und als er hörte, daß Heinz wieder ins Feld mußte, schenkte er auch ihm einen, obwohl der ganze Baum bloß drei getragen hatte. Beide dachten ganz unwillkürlich: »Der dritte gehört dem Tod!« Aber keins sprach den Gedanken aus.
Der Dechant, der heute einmal nicht in seinem Getrümmer steckte, sondern sich mit ein paar aufgefundenen alten Kirchenschmökern hinter seinen Schreibtisch verschanzt hatte, konnte sich den ganzen Morgen nicht helfen: er mußte sich immer auf das Mittagessen freuen, wenn ihm ein Windchen den guten Duft aus der Küche in die Nase trug, dergleichen er seit zwei Wochen nicht mehr gerochen hatte, nämlich seitdem die Klingse im Haus den Ton angab. Von Heinz war zu den ursprünglichen acht Tagen immer noch einer zugesetzt worden, so daß er schließlich gegen die erste Absicht seinen ganzen Urlaub im Pfarrhaus verbracht hatte. Immerhin war auch dem Dechanten der Grund dazu nicht verborgen geblieben und hatte ihm gelegentlich zu denken gegeben. Auch heute, wenn ihm nicht gerade der Mund wässerte, gingen seine Gedanken hinter den jungen Leuten her, und er erkannte von ungefähr die Notwendigkeit, mit Heinz noch ein allgemeines ernsteres Wort zu reden, ehe er wieder in seinen Schützengraben zurückkehrte, damit er nicht ganz ohne ein geistliches Gastgeschenk schied. Indessen kamen die beiden eilfertig an, als bereits aufgetragen wurde, und das Gespräch mußte mindestens bis nach dem Braten und Wein verschoben werden.
Brigitt strahlte sozusagen auf eine grimmige Art, denn da sie wieder einmal anständig kochen durfte, so zeigte sie nun auch, was es mit einer christlichen hessischen Pfarrküche auf sich hat, im Gegensatz zu einem mageren norddeutschen Hungertisch. Es troff alles von Butter und gewürzigen Wohlgerüchen, und außerdem hatte sie gleich für acht Tage im Vorrat gekocht und gebraten, denn um ihre heutige Bescherung aufzuessen, war mindestens eine Schulklasse oder ein gefüllter Schützengraben nötig. Es gab erstlich Äschen, einen charaktervollen, schneefrischen Flußfisch, dann Reh, wovon Brigitt zwei Schlegel und einen Rücken, also beinahe das ganze Tier, angeschafft hatte, weil es für Linde zum bekömmlichsten Fleisch gehörte, und in Gottes Namen noch gebratene Gans, obwohl es dafür ein bißchen zu früh war, aber was man hatte, das hatte man, und man hatte zweie. In die Küche war heute außer ihr den ganzen Vormittag keine Menschenseele gekommen; so wußte auch niemand, wie sie es fertiggebracht hatte, auf einem Herd und mit nur zwei Händen Äschen zu kochen, Rehschlegel zu schmoren und Gänse zu braten, der Suppe nicht zu vergessen, des Sauerkrauts und der Kartoffeln sowie der Maronen und der Äpfel, mit denen die eine Gans gefüllt war, und der Sauce, die auch gemacht sein wollte. Und daneben hatte das gute begeisterte Tier noch zwei Dauerkuchen gebacken aus wirklichem Weizenmehl, wirklichen Eiern und der besten Butter, die zu haben war, alles echte Ware und alles auf Wochen haltbar. Nun mochte jeder essen, was er konnte, den Rest wollte sie nach dem Ratschluß ihrer Liebe verwalten. Und da doch heute der Tag der Erlaubnis war, hatte sie weiße Semmeln zum Nachmittag bestellt in der Erwartung, daß sie ihren Leuten auch morgen früh bekommen würden; Semmeln frisch zu halten verstand sie aber wie keine. Zum Nachtessen hatte sie noch einmal eine besondere Mine gegraben und sie reichlich mit Schinken und Würsten geladen; ein paar Hühner lagen auch drin. Eigentlich hätte sie einen Anbau an das Pfarrhaus benötigt, aber sie wußte im Keller und auf dem Boden noch viel gewissere Unterkünfte. Und über dem ganzen Krieg kam sie so in Schwung und Begeisterung, daß sie schwor, von heute ab überhaupt wieder ihren Stil zu kochen, und wenn Linde sie auf den Knien bat, der Klingse zu gehorchen. Es sollte nichts mehr gehorcht, sondern gebraten und geschmort werden, wie es die zarten herrschaftlichen Mägen verlangten, und wie es die Pflichten geboten, die sie von Gott gegen diese übernommen hatte.
Die weiche Stimmung der Klingse hielt an und steigerte sich beinahe bis zur Träumerei. Sie begann sogar aus ihrem Leben zu erzählen, von ihrem verstorbenen Mann, wie berühmt er gewesen sei, und was für Honorare er genommen habe. Einmal war die Rede davon, daß vor ihrem Landhaus eigentlich die Bäume etwas die Aussicht hinderten, besonders eine schöne hohe alte Tanne, die vor den Fenstern des Wohnzimmers stand. Oh, die stehe längst nicht mehr da, erzählte sie mit einem leichten Lächeln ihrer dünnen Lippen. Nachdem sie lang genug mit ihrem Mann darum gezankt habe, daß der Gärtner sie schlagen solle, habe sie sie heimlich vergiften lassen, immer eine Wurzel nach der andern, bis dann der Baum scheinbar von selber eingegangen sei. Später war die Rede von einem Nachbarhund, der nächtens manchmal etwas Lärm gemacht hatte, aber sonst ein sehr hübsches, kluges Tier gewesen war. »Ach, ihr meint den Neger?« erinnerte sie sich angeregt. »Der lebt nicht mehr. Erst war er zu meiner großen Freude blind und taub geworden, und dann mußte man ihn natürlich abtun.« Man sagte nicht viel zu diesen Nachrichten, aber Linde ging jedes Wort davon wie ein Messer durch's Herz, so daß sie eine ganze Zeitlang die Freude am schönen Essen und dem guten Wein verlor und nur an ihrer Angst vor diesem Weib würgte. Heinz lachte ein bißchen über die in einem trockenen, humoristischen Ton vorgetragenen Berichte, wurde aber gleich darauf verlegen und sah schuldbewußt und abbittend nach Linde. Der Dechant sagte nur: »Schade um den schönen Baum!« und: »Der arme Kerl! Hoffentlich ist ihm der Tod nicht zu schwer geworden!« »Was weiß ich davon!« achselzuckte sie gutgelaunt. »Ich denke, man hat ihn erschossen. Mir hat er sechs Jahre lang das Leben schwer gemacht.«
Darauf wandte sie sich wieder dem Thema des Tages zu und fing aus dem Gefühl des Abschiedes an, Geschichten zu erzählen, die sich in ihrer Gesellschaft zugetragen hatten; die meisten handelten von Soldaten, die aus dem Urlaub wieder in den Schützengraben zurückgekehrt und gleich am ersten Tag von der tödlichen Kugel ereilt oder von einem Granatsplitter erfaßt worden waren, so daß man beinahe von einem Gesetz reden könne. Einer stehe zwei Jahre im Feld, und es passiere ihm nichts; dann bekomme er einen kurzen Urlaub, und es sei um ihn geschehen. Überhaupt, um aus einem guten Soldaten einen schlechten zu machen, sei ein Urlaub das beste Mittel; nachher könne man mit Menschen auf lange Zeit hinaus nichts mehr anfangen, die früher ganz sichere Leute gewesen seien, besonders wenn sie etwa eine Liebe zurückgelassen hätten. Heinz werde das bestätigen können. Indem sie dabei an ihre Einsamkeit dachte, richtete sie auf Heinz einen schweren, dunkeln, begehrlichen Blick, unter dem er errötete, und der mit seiner ehrgeizigen Selbstheit Linde beinahe aufschreien machte. Heinz bestätigte alles, auch jenes unheimliche Gesetz, obgleich ihm sehr wenig wohl dabei war. In dieser Weise fuhr sie wohlunterhalten und befriedigt fort, das Opfer zu bekränzen, und je mehr es zum Opfer wurde, um so gegenwärtiger entfachte sich in ihr jene eiskalte Leidenschaftlichkeit, vor der Linde zitterte, und von welcher sich der Soldat unwiderstehlich angezogen fühlte wie nach der Sage der kleine Vogel, der in den Blick der Schlange gerät. Und da waren auch alle Mittel des Dechanten, das Gespräch und die Aufmerksamkeit auf andre Dinge zu lenken, umsonst, zumal es ihr immer wieder gelang, in Heinz die Lust am Prahlen zu wecken, wodurch sie ihn zu ihrem Helfershelfer machte. Als der Dechant endlich im Anblick der Leiden, denen Linde beinahe erlag, geradezu eingriff und sagte, man wolle doch von andern Dingen sprechen, es sei noch früh genug, daran zu denken, wenn Heinz wieder draußen im Feuer stehe, antwortete sie mit gerechter Verwunderung:
»Aber warum? Ihr hört doch, daß Heinz selber sehr gern davon spricht. Er ist Soldat mit Leib und Seele, und wenn ihm das Thema gefällt, so werden wir's wohl auch ertragen können, die wir nicht hinaus müssen, um unser Leben für die Daheimgebliebenen einzusetzen. Ist's nicht so, Heinz?«
Der Heroismus verlangte es, daß Heinz zustimmte, aber von dem schönen Mahl hatte niemand den erhofften Genuß. Die Männer tranken in ihrer innerlichen Erregung um so mehr, und sogar Linde, als sie das Mittel der Zuflucht erkannte, das jene anwandten, gab ihr Glas immer öfter und williger zu einem gütig gemeinten stillen Anstoßen nach rechts und nach links her, so daß bei aufgehobener Tafel außer der Klingse alle etwas von Wein und Traurigkeit angetrunken waren und keinen Gegenstand mehr sicher vor den Augen hatten.
Der Dechant und Linde mußten notwendig schlafen gehen, besonders diese, die sonst kraftlos hingesunken wäre, aber den Soldaten nahm die Klingse an sich; sie hatte nicht mehr so viel Zeit, daß sie welche davon verschlafen oder ihn verschlafen lassen wollte, so herzlich gern er's getan hätte, denn er war vom Abschied ganz unterhöhlt und schwer von Müdigkeit und Alkohol, so daß er jeden Moment einzubrechen fürchtete. Aber Mitleid gehörte nicht zu ihren Trieben, und so mußte er im Salon, wohin sie ihn mitnahm, zuerst von seinem Leben und seinen Liebschaften erzählen, ob er wollte oder nicht, besonders von den letzteren, und für eine Zeitlang kam er richtig wieder ins Schleudern und Prahlen. Sie legte ihm nahe, was für ein liebreizender Kerl er und was für eine ganz selbstverständliche Sache es sei, daß einsame Frauen nach hübschen jungen Männern von seinem Schlag aussähen. Ob er schon reifere Frauen geliebt habe? Nein, die kannte er noch nicht. Nun, dann sei es Zeit dazu, daß er sie kennenlerne; die besäßen besondere Mittel, aus einem Jüngling einen Mann zu machen, und wendeten sie nirgends lieber an als bei so idealistisch angelegten Naturen.
Die idealistische Natur war ihr stockernst, und er hielt sich aufrichtig selber für eine; aber für diesmal hing sie ihm eng mit Linde zusammen, und an diese hielt er sich auch getreu und noch fast ganz so warm, wie er von ihr kam. Inzwischen glitt ihm auch von seiner Prahlerei ein öder Geschmack auf die Zunge; sie wurde ihm mit dem ganzen dargestellten Treiben schal, und schließlich schlief er beinahe ein. Da wünschte sich die Klingse von ihm, daß er ihr Soldatenlieder singe; er solle sich dazu auf dem Klavier begleiten. Er wandte ein, daß man die Leute im Mittagsschlaf stören werde. »Wenn du meinst«, sagte sie und streckte das spitze Kinn vor. Da setzte er sich hin und fing an zu singen von den Vöglein im Walde und der Heimat, in der es ein Wiedersehen gibt, von dem Mädchen, das seine Tränen trocknen soll, weil ja nicht jede Kugel trifft, von den deutschen Soldaten, die alle gut schießen, und vor denen sich das Franzosenblut hüten soll, und was sonst so gegenwärtig auf Märschen und in den Quartieren sang und klang. In der Ecke gegenüber, ihm gut im Gesichtsfeld, saß die Klingse mit übergeschlagenen Beinen und in dünnen grauseidenen Strümpfen. Ihm war, er wußte nicht wie. Die Lieder regten ihn auf, wie sie es noch nie getan hatten. Gefahr und Liebe, Unschuld und Blutvergießen, Verlockung und Tod, alles floß ihm zusammen zu einem rot blühenden Rausch des jungen Blutes, auf dessen Grund sich in großer Bestimmtheit eine lastende, dunkle Traurigkeit ausbreitete, welche die Berufung zu haben schien, sein Heiligstes vor Besudelung zu bewahren. Die Einsicht davon erschreckte ihn ebensoviel, als sie ihn beruhigte. Manchmal war es ihm, als ob er um sein Leben und dann wieder, als ob er bloß für Linde sänge, die jetzt vielleicht droben in ihrem Zimmer weinend auf ihrem Bettchen lag und alles auf sich bezog, wenn sie sich auch wunderte, daß er ihr damit den Schlaf raubte, aber wahrscheinlich dachte sie, daß er es vor Traurigkeit nicht aushalte.
Nach einiger Zeit merkte zwar die Klingse, daß er aus dem aufgeforderten Singen ins Leidenschaftliche gekommen war, aber sie ließ ihn dabei, weil sie wohl fühlte, wie mit jedem neuen Lied auch seine innerliche Ratlosigkeit zunahm. Er sang und spielte sich ihr selber in die Hände; je weniger er die Empfindung hatte, von ihr ergriffen zu sein, desto freier bewegte er sich dahin, wohin sie ihn haben wollte, in ihre dünnen Arme und an ihr bitteres heißes Herz. Vorläufig erfüllte er sich in seinem offenen, vom Abschied erregten Zustand immer höher mit ihrem gepflegten Frauenwesen, ihrem Parfüm, ihrem Seidenglanz, dem Schimmern ihrer Spitzen und dem Blitzen ihrer sündigen Steine. Sie selber saß mitten darin wie eine Spinne in ihrem Netz, ruhig und kühl lächelnd, und wartete auf ihre Stunde, die jetzt noch nicht schlug. Sie brachte es sogar fertig, ihn, als er endlich schwieg, ohne vom Klavier aufzustehen, auf sein Zimmer zu schicken, um noch etwas zu schlafen. »Riegle dich ein, daß dich niemand stiehlt«, sagte sie lächelnd.
»Mich stiehlt niemand«, erwiderte er erhitzt und etwas wirr. »Und einriegeln, das ist nicht für einen Soldaten«, setzte er mit einem Versuch, zu scherzen, noch hinzu.
»Ja, es ist auch nicht«, stimmte sie bei, indem sie ihn mit einem prüfenden Blick betrachtete. »Aber sieh zu, daß du nicht einmal unerwarteten Besuch bekommst!« Ein zweifelhaftes und etwas verlassenes Lächeln begleitete diese Worte, und das war der Eindruck, mit dem Heinz sie für diesmal verließ. Zum Schlafen ließ ihn sein inneres Feuer freilich nicht kommen.
Linde lag genau so, wie Heinz sich dichterisch vorgestellt hatte, nämlich weinend, auf ihrem Bett, bloß daß sie die Lieder nicht als eine Huldigung an sich betrachtete. Sobald er begann, wußte sie, daß er für die Feindin sang, und sie hörte auch im fernern die Wärme, in die er sich hineinmusizierte und vielleicht nicht nur musizierte. Dann griff ihr auch der Inhalt der Lieder, unter solchen Umständen gesungen, doppelt ans Herz, denn jedes sprach von Gefahren und hatte den Tod vor Augen, und alle miteinander waren geradeso tiefsinnig und voll naiven Selbstgefallens wie die erschütternden Menschen, die sie sangen. Sie sah wieder alle Sicherheit wanken, die sie heute aufgerichtet zu haben glaubte, und ahnte zum erstenmal, daß sie, um den Geliebten endgültig dem schlimmen und verderblichen Einfluß zu entreißen, vielleicht ein viel verwegeneres und entscheidenderes Mittel gebrauchen müsse, als es Küsse und Liebesworte waren; wenn sie nicht seine Natur besaß, so besaß sie wenig von ihm. Ein Mädchen ihres Schlages, dem dergleichen klar wird, ist vielleicht nicht so entsetzt, wie manche denken, weil es entschlossener ist, als es wohl den Anschein erweckt, aber auch schwermütiger, als sich irgendein Mensch vorstellen kann, nicht wegen seiner, sondern wegen des andern, den es ständig mit Liebe und Mitleid umgibt, und dessen menschlich-göttliche Gesamtheit es keinen Augenblick aus den Augen verliert. Will es für den Geliebten um seines irdischen Glückes willen gern Seele sein, so wird es auch nicht auf die Dauer zaudern, für ihn Leib zu werden, wenn es hoffen kann, damit sein Unsterbliches zu erobern. Daß diesem kühnen Gedanken seine gesunde sinnliche Ausstrahlung, ihr eigenes passioniertes Wohlgefallen an dem Mann und das Abschiedsleid auf weite Strecken vorgearbeitet hatten, wurde ihr dann wieder nicht klar, und das war der holde Sophismus daran, den ihr Gott wohl in dem Augenblick verzieh, in dem sie ihn beging.
Zum Tee erschienen alle ein bißchen verkatert und mit trockenem, sehr dürstendem Gaumen und die jungen Leute mit trüben Augen, die einander schüchtern und mit tiefer drängendem Blick als sonst, beinahe ein wenig wühlend, suchten, weil beide in der Notwendigkeit waren, um ihre Liebe nun schon aufs äußerste zu kämpfen. Der Organist, der inzwischen angekommen war, saß mit zu Tisch und war nebenbei ein guter, kindlicher Mensch, der allen wohltat. Weil die Klingse ihn als eine Autorität kannte, stellte sie sich mit ihm auf gleich und gleich und suchte es so einzurichten, daß die andern daneben als Leutchen zweiter Wichtigkeit erschienen. Da es dem Organisten an jeder gesellschaftlichen Übung fehlte, war er dagegen machtlos; je mehr wohlgemeinte aber ungeschickte Versuche er unternahm, den Ring von Autorität zu durchbrechen, in den sie ihn schmiedete, desto schlimmer machte er nur die Sache, und desto mehr glänzte sie neben ihm mit ihren musikalischen Kenntnissen. Sie gehörte zu jener Sorte von Gesellschaftsweibern, die sich mit Zielbewußtsein und Beharrlichkeit auf irgendein Bildungsgebiet oder auf zweie werfen, um dort zu lernen, was zu lernen ist, und mit ihren Wissenschaften nachher über die Laien zu herrschen und bei den Wissenden zu thronen. So hatte sich die Klingse in die Musiktheorie gründlich eingearbeitet, und ihr zweites Gebiet war die Literaturgeschichte. Da sie den nötigen Ehrgeiz besaß und nicht dumm war, gelang es ihr immer, den Eindruck einer musikalisch und literarisch tiefgebildeten Frau zu machen, obwohl sie im Grund ganz unmusikalisch war und dem Leben der andern viel zu teilnahmslos gegenüberstand, um Sinn und Herz für Dichtung zu haben. Aber sie besaß für alles die Theorie und war daher sattelfest.
Dem Leutnant imponierte sie sehr, und er wurde von ihr als ebenfalls musikalischer Mensch mehrmals ausgezeichnet, so daß er sich schließlich auch selber ein bißchen wichtig vorkam; denn sie drehte es mit großem Geschick so, daß er bedeutende Dinge gesagt hatte, die ihm nie in den Sinn gekommen waren. So gesellig belebt, und die es nicht waren, wenigstens durch den Tee etwas aufgefrischt, begab man sich zur Orgelprobe ins Münster hinüber. Der Organist ließ es durch alle Register laufen, brausen, säuseln, weinen, erhaben schreiten und liebreich aufschweben, und wenn man meinte, die Erscheinungen hätten sich im Blau verloren, so sanken sie auf sichern Engelsflügeln wieder herab. Nun merkte Heinz wohl, daß das eine andere Art von Musik war, als die er wohlgeartet so vortrug, um Damen zu bestricken; das waren Töne und Klänge, denen Gott zuhörte, und er fühlte sich ziemlich unbedeutend und alltäglich. Mit diesem bescheidenen Gefühl hätte er gern Zuflucht bei Linde gesucht, aber die Klingse ließ ihn nicht aus der Kur, sondern nahm ihn mit auf die Orgelempore, um ihm auch dort mit Bedeutung angetan zu erscheinen. Als der kindliche Meister sich fürs erste ausgetobt und ausgespielt hatte, bat sie sich für ein Weilchen seinen Platz aus, den er ihr etwas verblüfft überließ. Da zeigte es sich, daß sie auch über die Orgel Bescheid wußte. Sie hatte nicht umsonst in jeder Sommerfrische die Dorforgeln geschunden und den Einwohnern Konzerte gegeben. Heinz sperrte nun wirklich Mund und Augen auf, und der Organist brummelte einmal verwundert: »Schau mal an, so ein Besen!« Da sie ein eisernes Gedächtnis besaß, brachte sie auch etwas Richtiges vor sich, wenigstens hörte es sich danach an, aber der kleine Herr aus Köln hatte bald heraus, wo es bei ihr haperte. Sie spielte wie eine wohlunterrichtete, feinsinnige Schreibmaschinendame, saß aber darüber mit einer Gebärde, wie man sie auf gewissen Bildern der heiligen Cäcilia sieht, und daraus war sie auch bewußt übernommen. Dem Leutnant, der von allem natürlich nichts merkte und wußte, ging sie doch wieder sehr auf die Phantasie, und er dachte, daß ein Mann mit einem solchen glänzenden, kühnen und überall zuständigen Stück von Weib gut bedient sein müsse; nur jünger und etwas milder wünschte er sich die seine, aber die Richtung leuchtete ihm höllisch ein.
»Nun, Meisterchen, was sagen Sie mir zu meinem Orgelspiel?« fragte sie den kleinen Herrn, als sie das letzte Stück ordentlich hatte ausbrausen lassen. Heinz lief es noch kalt den Rücken hinunter wegen ihrer Größe. Sie hatte sich auf dem Orgelbock nach dem Organisten herumgedreht und sah, die Hände gemächlich zwischen den Knien, jovial zu ihm hinunter.
»Ganz ordentlich! Ganz brav!« kicherte der berühmte Mann, indem er seine Brillengläser putzte. »Sie haben Gedächtnis, da hilft nun nichts. Und die Register — na ja, sie lassen sich ja gern ziehen. Dafür sind sie auch da, die Register, nicht wahr. Tja. Aber meine Gnädige, das Orgelspiel, das fängt mit dem Pedal an. Sonst ist's eben Harmonium.«
Die Klingse nahm die Hände zwischen den Knien heraus und legte sie neben sich auf den Bock. »Das können Sie von einer Dame nicht verlangen!« sagte sie etwas spitz und schob das Kinn vor. Dann glitt sie vom Bock herab und ließ den kichernden Herrn mit seiner Brille stehen. Der lachte über diese Antwort noch etwas lauter, putzte die Brille zu Ende, setzte sie auf die starke, gebogene Nase, schwang sich wieder auf den Bock und ließ nun zunächst einmal eine ganze Weile die Pedale brummen, daß die Kirchenmauern zitterten. Dann stellte er obendrauf eine Manualstimme, nach einiger Zeit wieder eine, und schließlich eine dritte, fing an zu weben und zu schweben, immer über dem unabänderlichen Pedalgang, und als alles fertig war, so war's ein Orgelsatz, wie ihn Bach nie besser geschrieben hatte, aber er hatte ihn immerhin geschrieben, und er klang auch in einem katholischen Münster von einer katholischen Orgel so herzbewegend, daß Linde beinahe den Atem darüber verlor; aber sie hatte heute überhaupt nicht viel. Es gibt religiöse Erscheinungen unter der Sonne, die weder protestantisch noch katholisch sind, sondern der weiten tiefen Menschheit entspringen, wie ein Strom der lebendig wirkenden Erde, die ihn vom Himmel hat, und dann gibt es noch einige, die als Erzengel Tag und Nacht dienend vor dem alleinigen Gott stehen. Wer will dort kommen und sagen: »Ich bin nämlich protestantisch«? oder: »Ich möchte nur daran erinnern, daß ich gut katholisch — ich meine —«. »Da kannst nun nix machen, Bach bleibt Bach!« murmelte der kleine Herr zwischen den Zähnen und lächelte beglückt. Und der Dechant saß in einer Bank und machte sich Gedanken über eine einige, starke, fromme deutsche Nationalkirche. Aber er kam nicht zu Schlag damit; beizeiten erhob sich vor seinen Augen der warnende Finger Roms. Linde blickte aus großen, ganz trockenen Augen ins Weite und sah merkwürdig reif aus. Die Klingse ging, musikalisch völlig uninteressiert, die Glasmalereien betrachtend von einem Fenster zum andern. Und Heinz stand vorn in der Kirche, wo ihn die Klingse hatte stehenlassen, und wußte auf einmal nicht mehr, wo er hingehörte. Es war ihm nicht entgangen, daß der kleine Herr ihr moralisch ein wenig auf die Achseln geklopft hatte, aber andrerseits mußte er ihr darin recht geben, daß man das von einer Dame auch nicht verlangen konnte. Darüber hinaus ergriff ihn die Einsamkeit, die sich mit ihrer unzufriedenen Gestalt überall hinbewegte, und fand er in ihrer Absonderung etwas so Drohendes, daß er nicht wagte, zu Linde zu gehen, obwohl er sehr deutlich fühlte, wie einsam auch sie war, und wie sie jede Minute und jeden Atemzug nach seiner Nähe verlangte. Vor Ratlosigkeit begann er schließlich ebenfalls, Fenster zu betrachten.
Der Organist aß abends noch mit, und er wäre gern vergnügt gewesen, denn die Orgelprobe hatte ihm Freude gemacht, aber die Klingse erlaubte es nicht. Es schien, als ob sie sich nun eine Übung daraus machte, ihn nirgends hochkommen zu lassen und ihm überall zu widersprechen. Er konnte sagen, was er wollte, so wußte sie es besser, oder sie hatte davon noch nie etwas gehört, was für ihn ebenso schlimm war. Wenn er einen Witz machte, so streckte sie das Kinn vor und ließ ihn abfahren, wurde er aber gefühlvoll, so verzog sie ein wenig die dünnen blassen Lippen, und für einen kalten Guß brauchte er dann nicht extra zu sorgen. Mit seiner guten warmen Menschlichkeit zappelte er an der Angel ihres kalten konventionellen Verstandes erbärmlich, und einmal machte er auch den Versuch, auszuschlagen, bekam es aber sofort zu bereuen, denn auf solche Fälle hatte sie ein vernichtendes Mittel immer in der rechten Zusammensetzung auf Lager. Sie hob die scharfe Nase in die Luft und sagte kühl: »Über den Geschmack läßt sich nicht streiten.« Der kleine Herr war alles in allem froh, als es Zeit für seinen Zug wurde, von diesem verfluchten Nachtessen aufstehen zu können, so schöne und für ihn ungewohnte Dinge auch auf dem Tisch standen. Von den jungen Leuten verabschiedete er sich väterlich, von der Klingse mit einem Kopfnicken, das sie kaum erwiderte. Der Dechant begleitete ihn hinaus. »Apropos«, sagte er unter der Tür, »es wäre schon besser, wenn sie die Orgeln in Zukunft in Ruhe ließe; da haben Dilettanten nichts zu suchen.« Mit diesem Trumpf hob er sich davon. Dem Soldaten, der nun einen großen Ausbruch voraussah, blieb beinahe das Herz stehen. Zu seinem Erstaunen und zu Lindes Unbehagen ging aber nur ein spöttisch erheitertes Lächeln über ihr Gesicht.
»So sind diese Künstler nun«, bemerkte sie weise. »Wenn sie guter Laune sein sollen, so muß man sie bewundern. Hat man aber einmal Lust, sich selber zu behaupten, so werden sie weinerlich oder ausfällig. Sie wollen nur immer sich selber erleben. Gib mir noch eine Zigarette, Heinz.«
Heinz beeilte sich, ihr zu dienen. Sie nahm sich eine kleine Damenzigarette und sah um Feuer auf. Heinz wollte ihr ein Streichholz anreiben, aber sie meinte, das könne man sparen, er solle ihr Feuer von seiner Zigarre geben. Er reichte sie ihr bereitwillig; sie fand, daß sie nicht genug Glut habe, und veranlaßte ihn, sie durch ein paar Züge erst klarzurauchen. Endlich wickelte sich das bekannte Liebesspiel ab; Linde wunderte sich in allem Leiden, daß sie zu so gewöhnlichen Mitteln griff, und verachtete sie dafür. Aber Heinz wußte nicht: befand er sich im Vorhof zum Himmel oder in der ersten Klasse des Fegefeuers, während sie Auge in Auge mit ihm, ihre Hand auf seinem Arm, langsam und in aller Umständlichkeit ihre Zigarette an seiner Zigarre in Brand setzte, und in dieser herbeigeführten Annäherung der Gesichter lag so viel Schamlosigkeit und unausgesprochenes Laster, daß er nachgerade dem Zorn ebenso nahe war als einem Ausbruch seiner Begehrlichkeit.
Brigitt kam über der Übung herein und machte ziemlich große Augen dazu; ihr zweiter Blick ging zu Linde, und da sie durch die scharfe Brille der Liebe guckte, so sah sie, ohne Erklärungen zu brauchen, was da im Gange war. Ihre Triumphstimmung erlitt einen schweren Stoß. Da sie nicht immer langsam dachte, so erinnerte sie sich in ihrem alten Hirn blitzschnell an zehn, zwanzig ganz kleine, unbedeutende Vorgänge, die sie nicht weiter beachtet hatte, die jetzt aber plötzlich zusammen ein Bild machten. Das andere dachte sie sich. Lange saß sie nachher brütend auf ihrem Küchenstuhl, mit ihrem Haß und ihrer Eifersucht geplagt und unausgesetzt das vergrämte Gesicht ihres Schützlings vor den Augen. Einmal sagte sie laut vor sich hin: »Ihm ist ja auch nicht zu trauen!« und stand auf, als ob sie nun sofort einschreiten sollte; enttäuscht und ernüchtert machte sie sich zunächst wieder über ihre Küchengeschäfte her, um das Gedankenspiel von vorn zu beginnen.
Nach dem Nachtessen waren die Zustände schon so verworren und innerlich erregt — nur der Dechant gewahrte nichts davon, weil er alles auf Rechnung des Abschieds setzte —, daß die Klingse selber Gesellschaftsspiele aufbrachte, um glimpflich über die nächste Stunde in die Nacht hineinzukommen. Man gab Rätsel auf, verbot bestimmte Worte, konstruierte mit andern und kam dazwischen auf rednerische Lächerlichkeiten und auf Ungeheuerlichkeiten des Zeitungsstils. Die Klingse berichtete von den sprachlichen Fatzkereien gewisser Literaten, von denen man hier weniger wußte, aber es wurde klar, daß sie sie im Grund bewunderte, und dann wandte sich der gesellige Geist auf das Gebiet des Kalauers und des Stegreifrätsels, auf dem sie mit ihrem unerbittlichen Gedächtnis vor den ernsthaften Leuten sehr glänzen konnte, obwohl nicht ein halber eigener Einfall darunter war, sondern der schöpferische Kopf war hier der Soldat, nur daß er leider damit nicht seine stille Geliebte bekränzte, sondern das unheimliche Weib. Zum Beispiel brachte er folgende Drolligkeit zum Vorschein: »Das erste ist eine Stadt in Österreich, das zweite eine englische Bejahung, von einem Tiroler ausgesprochen, das ganze die Tante Malva.« Linde erriet vor dem Dechanten, aber sie sprach nicht aus; der Dechant dachte länger und sagte dann lachend: »Graziös!« Spät war die Rede davon, daß Linde so still sei. »Unsre Linde«, meinte die Klingse mit einem leisen Lächeln, indem sie sich erhob und dem Mädchen die Hand auf die Schulter legte — Linde zuckte sichtlich zusammen —: »Unsre Linde ist ein bißchen spießig. Nun, wir wollen schlafen gehen; Heinz muß morgen früh aus den Federn.«
Damit war auch diese Not zu ihrem Ende gekommen, und man trennte sich mit allseitigen guten Wünschen für die Nacht; die meisten bekam Heinz, weil es seine letzte im Vaterland war. Der Dechant fuhr ihm väterlich mit der Hand über den Scheitel. »Ich will hoffen, daß du nicht mit leerem Kopf und Herzen aus der Heimat in den Schützengraben zurückkehrst«, sagte er ernst und bedeutsam. Linde sagte und tat am wenigsten von allen. Aber die Klingse hielt die Zeit für einen Kuß gekommen, wozu sie ihr Verwandtschaftsverhältnis vollkommen berechtigte. Es war ein sündhaftes Feuer, in rechtmäßiger Fassung dargeboten, und im letzten Moment bog Heinz erschreckt den Kopf beiseite, so daß der Kuß statt auf den Mund auf die Wange traf. Lindes Herz tat einen Kniefall des Dankes vor Gott, seins einen der Schwäche, aber es raffte sich wieder auf, als er in der Verwirrung Lindes Augen suchte und fand. Es war ein Hilferuf; er sah, daß er verstanden wurde, und daß seine Geliebte sehr fest und stolz war und alles hoffte. Da hoffte auch er, aber er fürchtete fast ebensoviel, denn er sah sich noch bei weitem nicht der Gefahr enthoben, wagte auch nicht zu denken, daß er am frommen Ort Zuflucht vor dem Laster haben könnte.
Das Geräusch des Aufbruchs hatte die wachende Brigitt aus ihrer Höhle gezogen; die Augen wären ihr aus dem Kopf gesprungen, wenn es ihr verwehrt worden wäre, noch einmal zu sehen und vor dem Schlafengehen ein Blickmaß zu nehmen. Sie sah den Kuß und den siegesgewissen Gesichtsausdruck der Feindin, und sie konnte sich nicht helfen, aber in den Haaren hatte sie ein Gefühl, als ob ihr der ganze Schopf zu Berg stände, während ihr vor Mitleid mit Linde jeder Knochen im Leib weh tat. Ohne den Haß hätte der alte keusche Mensch freilich niemals diese Witterung für das Laster gehabt. Es war für sie dann beinahe überflüssig, daß die Klingse beim Hinaufsteigen nach den Schlafräumen noch mit ihrem magern Humor sagte: »Ich weiß nicht, bei mir muß das Schloß kaputt sein, ich kann gar nicht die Tür riegeln. Da könnte doch jeder hereinkommen.« Worauf der Dechant gutmütig spottend erwiderte: »Beruhige dich nur, es wird dich niemand in Gefahr bringen, als höchstens morgen der Schlosser; aber er hat auch schon seine sechzig Jahre auf dem Rücken.« Darauf die Klingse etwas zynisch: »Nun, wenn er sie bloß auf dem Rücken hat!« Weiter hörte Brigitt nicht, und eigentlich hatte sie auch nichts Neues gehört, sondern nur Bestätigungen für innere Gewißheiten; ihr war, als hätte sie diese Gespräche schon vor Jahrtausenden belauscht; trotzdem erregten sie sie ungeheuer oder vielleicht eben deshalb, denn beinahe so groß wie ihr Abscheu war die Befriedigung, die sie über dem pünktlichen Eintreffen ihrer schlimmsten Erwartungen genoß. Der Mensch ist ein altes verängstigtes Tier; er glaubt gern und leidenschaftlich an das unbedingt Böse und ist überall schwer vom bedingten Guten zu überzeugen; manchmal macht er wirklich den Eindruck, als ob er am Bösen auch mehr interessiert sei.
Nun begann aber für Brigitt eine Nacht, wie sie noch keine erlebt hatte, und wie sie sie auch nie für möglich gehalten hätte. Es gibt ja keine »bestimmte Erwartung«, die nicht im Hirn des aufgeschreckten Menschen neue Möglichkeiten und noch bestimmtere Erwartungen zeugte. Dazu kam, daß Brigitt bei aller Witterung nicht die geringste Erfahrung besaß, um sich die richtige und endgültig zutreffende bestimmte Erwartung bilden zu können. Sie vermochte sich nicht im entferntesten vorzustellen, wie »so etwas« vor sich ging, und weil sie nichts sah, nahm ihre Vorstellung bald die abenteuerlichsten Wege und brachte sie in eine solche Geistesverfassung, daß sie anfing, gemeingefährlich zu werden. Solange droben die Geräusche der zu Bett Gehenden andauerten, war ihr Zustand immer noch erträglich; sie zitterte vor Haß, sobald sie etwas von der Klingse vernahm, aber sie konnte sich doch sagen, daß »noch nichts passiert« sei. Jedoch als es still zu werden begann, wurde ihr ihre Einsamkeit zur unerträglichen Qual. Obwohl sie aus Liebe zu Linde wie den Tod fürchten mußte, etwas zu hören, schärfte sie doch zehnfach alle Sinne darauf, um die Feindin auf frischer Untat zu überführen, und so rachsüchtig und zum voraus schadenfroh war sie, daß sie in der Viertelstunde wohl zehnmal unten an die Treppe lief, weil im Haus etwas geknackt hatte, eine Uhr sich räusperte oder auch nichts geschehen war. Nachdem sie dann lange genug gelauert hatte, schlich sie mit hämmerndem Herzen und zitternden Knien in die Küche zurück, um sich vor allen Dingen auf dem Küchenstuhl wieder etwas zu fassen und ein bißchen neue Kraft zu sammeln. Viel war's nie, und die Sammlung reichte auch nur gerade dazu hin, um sich wieder eine aufregende Einbildung zu machen. Darüber ging die Mitternacht vorbei, wurde aber ihre viele Arbeit, die sie sich den Tag so fröhlich vorgelegt hatte, nicht weniger, denn sie wagte sich kaum zu regen aus Sorge, irgendeinen »entscheidenden Moment« zu verpassen und so vielleicht am Unglück Lindes mitschuldig zu werden. Daß es dann schon besser war, der ungetreue Stiel fuhr in Gottes Namen in den norddeutschen Besen, als daß sich Linde mit Kummer und Not an ihm herumzerrte, um am Ende doch nichts zu haben, diesen Gedanken faßte sie nicht, sonst hätte sie auf ihrem aufreibenden Posten doch etwas mehr grimmiges Vergnügen genossen in der Erwartung, die beiden saubern Herrschaften miteinander zu erwischen.
Schließlich gegen eins — die Uhr im Eßzimmer, die falsch ging, schlug langsam und dröhnend zwölf, worüber Brigitt schier verrückt wurde — hörte sie, bereits zum zwanzigsten- oder dreißigstenmal, »endlich doch etwas«, und mit der Geflügelschere, die sie gerade in der Hand hielt, lief sie wieder zur Treppe vor. Die Dielen droben hatten geknarrt, wie wenn jemand langsam, doch ohne zu große Vorsicht, in bloßen Füßen oder in Strümpfen über den Korridor gegangen wäre, eine Tür geöffnet hätte, um dort einzutreten und hinter sich, auch nicht besonders leise, zu schließen und sich alsdann vollkommen still zu verhalten, was natürlich an dem ganzen Vorgang das verdächtigste war. Brigitt zog rasch die Pantoffeln aus und schlich atemlos die Treppe hinauf, geduckt und mit ihrer Geflügelschere und den hängenden Haarsträhnen mehr einer Raubmörderin gleichend als einer so braven Person, die sie sonst war. Unter den obersten Stufen kauerte sie sich hin, um zunächst wieder zu horchen. Richtig dauerte es nicht lange, so ging wieder ein Schloß, und als sie den Kopf vorsichtig über die oberste Treppenstufe hinaufschob, sah sie den Dechanten in der Unterhose und in Pantoffeln und mit dem Licht in der Hand ernsthaft und mit dem gewohnten gesammelten Ausdruck seinem Schlafzimmer zuwandeln, und der kleine Raum, von welchem er kam, war ihr auch genau bekannt. Indessen hielt er seitlich aufblickend an, besann sich einen Moment und ging dann auf die etwas offen stehende Tür des Soldaten zu, die er behutsam ins Schloß zog, worauf er durch seine eigene verschwand. Bestürzt und reuevoll fuhr es Brigitt durch den Kopf: »Die Zwetschen!« und sie schämte sich heftig, ihren Herrn in diesem Aufzug belauscht zu haben. Immerhin war sie diesmal keinem Trugbild nachgelaufen, und da nun wirklich auch niemand wissen konnte, ob nicht doch noch sonst etwas geschehen war, was sie mit ihren alten, schlechten Ohren nur überhört hatte — denn auch diesen Vorgang hatte sie doch »beinahe nicht gehört« —, so blieb sie auf ihrem neuen Posten sitzen, mit der Geflügelschere und den grauen Haarsträhnen, dem Herzklopfen und dem Haß samt der großen unvernünftigen Liebe.
Diese Ausdauer wurde schließlich belohnt, wenigstens faßte es Brigitt nachher so auf. Denn indem sie so lag und vor Frost mit allen alten Knochen zitterte, auch vor Erregung und Müdigkeit, knickte ganz fein, wie von leichter Hand herabgedrückt, ein Schloß. Brigitt schob den zottigen Kopf vor und sah tatsächlich die Klingse ganz traumhaft, blauseiden und silbern wie ein Mondstrahl, ihr Zimmer verlassen, ohne Licht, aber das aus unsichtbarer Leuchtquelle beglänzte schwebende Nachtgewölk verbreitete einigen zarten Schein durch den Raum, genug für Brigitt, um jeden Zug des verhaßten, hochmütigen kalten Gesichtes unterscheiden zu können. Zuerst fürchtete sie noch, sie möchte vielleicht auch nur den Weg des Dechanten wandeln, aber sie bog, als ob sie Brigitt zu Gefallen leben wollte, nach rechts ab und ging ganz geradeaus auf das Zimmer des Soldaten zu. Brigitt mußte sich im letzten Moment noch abfassen, daß sie nicht laut: »Aha!« rief. Auch dort knickte die Falle ein bißchen. Die Tür ging auf, und die nachtwandelnde Frau trat etwas vorgebeugt und nun mit einem rascheren Schritt ein, ganz in der Haltung eines Menschen, der sich in einer unerträglichen Spannung Gewißheit verschaffen will; die Tür ließ sie hinter sich offen.
Brigitt freilich dachte, daß »es« jetzt vor sich gehen solle. Soweit hatte sie regungslos zugesehen, nur Auge und Ohr. Nun richtete sie sich empor, etwas mühselig, denn vom langen Kauern war sie steif geworden, stieg unsicher die paar Stufen noch vollends hinauf und schwankte mehr, als sie schlich, den Korridor vor, auf die Tür des Soldaten zu. Von dem, was nun folgen mußte, hatte sie weiter keine klare Vorstellung, nur daß sie eben entlarven und retten wollte. Vermutlich wäre sie mit der offenen Tür ins Zimmer gefallen und hätte schrecklich Lärm geschlagen, und das übrige wäre in eine Rauferei oder dergleichen ausgeartet. Aber es kam ganz anders, denn eben, als Brigitt die Nase im Türspalt hatte, bewegte sich etwas darin, und dann prallte die Klingse, vollkommen unvorbereitet, mit ihrer Feindin zusammen.
Auf einen Augenblick standen beide Frauen einander ganz starr vor Verwunderung gegenüber. Der Gesichtsausdruck der Klingse, die eben noch gespannt und sorgenvoll dreingesehen hatte, wandelte sich rasch wieder in Hochmut und jene kühle Verachtung, die das alte Wesen wie nichts auf der Welt zur Wut brachte. Sie räusperte sich beherrscht, aber sie sagte nichts, sondern wartete stumm mit einem deutlichen Zug des Ekels, daß die untergeordnete Kreatur ihr den Weg frei gebe. Brigitt ihrerseits, in ihren schönsten Hoffnungen so furchtbar enttäuscht, denn in der kurzen Zeit konnte unmöglich etwas geschehen sein, schwindelte vor Haß und Leid; beinahe weinte sie, so erbarmungswürdig sah sie sich selber mit ihrer Ratlosigkeit vor der gefährlichen und gewandten Person stehen. Aber indem sie sich dennoch nur mit heißeren Augen in die eisige Physiognomie festsah, warf ihre aufgerührte Seele, nach irgendeinem Donnerkeil Gottes für dies Lästergesicht schreiend und greifend, die Hände um sich. Gleichzeitig schoß ihr ein Gedanke durch den Kopf: »Sie hat dich gehört, darum ist sie wieder herausgekommen!«, und so war denn auch wieder der Auftrag der Moral auf ihrer Seite.
»Hab' ich dich ertappt!« flüsterte sie beinahe bewußtlos vor Erregung. »Wolltest spionieren, Spionin? Wolltest einen hübschen jungen Mann verführen, du niederträchtiges, gottloses Weibsstück? Warte nur, jetzt soll dich der Dechant kennenlernen!«
Schon fühlte sich die Klingse im Haar gepackt und vorwärts gezogen, aber auch jetzt nicht die Frau, mit sich spielen zu lassen, warf sie sich herum, ergriff schnell Brigittens Arm und schlug trotz ihres Ekels ihre schmalen, immer noch sehr scharfen Zähne in ihr Fleisch, daß die alte Person vor Schmerz leise aufschrie. Dadurch halb von ihrer Besessenheit abgebracht, aber andrerseits zur körperlichen Raserei aufgereizt, faßte Brigitt noch um einen Griff schärfer zu, riß die Feindin an ihrem roten Schopf seitwärts gegen die Wand, und ganz besinnungslos vor Schmerz, ohne zu wissen, was sie tat, mehr, um sie von ihrem Arm abzuschrecken, stieß sie mit der Geflügelschere nach ihr und traf sie in die Schulter. Da ließ die Klingse den Arm los, und Brigitt ließ den Schopf los, und dann standen die Feindinnen noch eine Weile um Atem und Haltung ringend voreinander, bis die Frau von Blut überlaufen und schweigend schnell nach ihrem Zimmer ging und Brigitt als Siegerin auf dem Platz ließ. Brigitt sah den alsbald erscheinenden dunklen Fleck auf der blauen Seide nicht ohne Schreck, aber dann erinnerte sie sich an Linde und den unsichern Geliebten, und noch mehr, um durch ihn wieder Anschluß an ihr Leben und ihre Wirklichkeit zu gewinnen, als um ihn zur Rede zu stellen, trat sie durch die noch nicht wieder geschlossene Tür, griff um den Pfosten herum nach dem elektrischen Knopf und schwankte dann, mit Mühe auf den Füßen bleibend, ins erleuchtete Zimmer.
Dort erlebte sie von allen Erschütterungen des Tages die größte. Das Bett des Soldaten stand vollkommen unberührt, und wenn Heinz nun nicht in der Stadt auf Abenteuern war, so war er bei Linde. Es dauerte eine Weile, bis sie diesen Gedanken in seiner vollen Bedeutung begriff. Als sie so weit war, wandte sie sich um und stieg vor Rührung und Glück leise schluchzend noch eine Treppe höher nach ihrer Kammer hinauf. Das Licht im Zimmer des Soldaten vergaß sie auszudrehen; es brannte einsam in den Morgen hinein. In ihrer Kammer droben sandte sie mit weinenden Augen und lachendem Herzen ein Dankgebet zum Himmel hinauf, dessen Lästerlichkeit sie mit ihrer Kirche ausmachen mußte.
Sechstes Kapitel Heinz erlebt eine bittere Nacht und will kein Held mehr sein

Als Heinz wieder in seinen Schützengraben eintraf, war er bestürzt, gerührt, beglückt, von frommen Schauern durchdrungen, und die Kameraden fanden ihn verändert. Bestürzt war er über dem Erlebnis von soviel Schönheit, Leidenschaft und Liebe, gerührt von der Reinheit und Güte eines hingebenden Menschen, beglückt von der Helligkeit seiner Sinne. Die ersten Tage ging er still und in sich gekehrt seinen Pflichten nach, ließ die Kameraden spotten und dachte nur an den Schatz, den er in der Heimat gefunden hatte. Sein Blut war noch voll von ihrem Feuer. In seinem Ohr wohnte ihre Stimme und flüsterte unbeschreiblich köstlich, wie sie's eine Nacht lang getan hatte; sie verstummte auch im schwersten Geschützlärm nicht. Jeden Augenblick fühlte und roch er sie, und den Geschmack ihrer Küsse trug er ständig auf den Lippen. Man sah ihn oft abwesend lächeln und sich an irgendeinem zufälligen Gegenstand festgucken. Er vertrug weniger gleichmütig den Anblick von Gefallenen und Verstümmelten. Sein Gewehr mit dem Zielfernrohr rührte er nicht an. Seine Untergebenen behandelte er freundlich, und wenn sie älter waren, achtungsvoll; früher war er für einen etwas groben Ton bekannt gewesen, und die Mannschaft hatte über unnötige »Stripsereien« geklagt. Gefährliche Patrouillen führte er gewissenhaft und zweckmäßig aus, aber mit möglichster Schonung seiner Leute und sogar des feindlichen Lebens; eine gute Gelegenheit, mehreren Engländern das Licht auszublasen, wies er ab mit der Bemerkung, daß es genug an den Menschen sei, die man im Gefecht blindlings töten müsse; der Krieg sei kein Sport. Bald war es ausgemacht, daß er verliebt sei, und zwar gründlich. Er sollte erzählen, aber wer noch träumt, der erzählt nicht.
Als er dann doch endlich zu berichten anfing, träumte er nicht mehr. Das war in der zweiten Woche nach einem abgeschlagenen und glücklich überstandenen englischen Sturmangriff, der ihm etwas ins Gemüt gegangen war. In den halbzerschossenen Drahtverhauen hingen noch die frischen Leichen. Verwundete suchten sich umsonst aus dem Stacheldraht herauszuwinden; jammernd sahen sie um Hilfe her, aber niemand sprang ihnen bei; man erwartete einen neuen Angriff. Eben begannen die Geschosse ihrer eigenen Landsleute wieder neben, hinter und vor ihnen einzuschlagen. In den Schützengräben wurden neue Handgranaten ausgeteilt, und man brachte frische Munition für die eingebauten Maschinengewehre. Ab und zu, in unregelmäßigen Abständen, schrie hier einer getroffen auf, oder trug man einen Verwundeten durch den Verbindungsgraben nach dem Verbandsplatz ab. Heinz war weich und nahe am Weinen. Die Sehnsucht machte ihn gefühlvoll, und er fühlte sich von Todesahnungen beunruhigt. Damit aber Linde nicht ohne Nachricht bliebe, wenn ihm etwas widerführe, zog er einen Freund ins Vertrauen; in Wirklichkeit war eben sein Geheimnis mitteilungsreif und sehnte sich seine gesunde, unternehmende Natur danach, sich zu erleichtern, um weiterleben zu können.
Zuerst erklärte er nur in knappen, ernsten Worten, daß er ein edles Mädchen liebe, und gab dem Offizier ihren Namen und ihre Adresse. Später, als auch der folgende Sturmangriff gut überstanden und ihm schon etwas leichter war, ihn auch die Toten in den Drähten nicht mehr so dauerten, erzählte er ein bißchen mehr. Mittlerweile gewöhnte er sich wieder an Schußverletzungen und Verstümmelungen, und in dem Maß, wie er die Achtung vor seinen ältern Untergebenen verlor und die Freundlichkeit gegen die jüngern, verfiel er wieder in seinen groben Ton. Beim erstenmal schämte er sich, beim zweitenmal zuckte er die Achseln, und bald war wieder alles wie früher, auch die Stripserei fing wieder an. Bei der nächsten Patrouille verlor er zwei Mann, obwohl er sie hätte erhalten können; dafür »versaute« er auch vier oder fünf Engländern das Leben, wie er sich auszudrücken pflegte. Es ist nötig, hier zu bemerken, daß er ganz und gar kein schlechter Mensch war; er war nur etwas gedankenlos und besaß die Fähigkeit, sich zu rasch an Mißstände zu gewöhnen, weil ihm noch der Lebensstolz fehlte, der sich erst nach einer Reihe von schwereren Erfahrungen einstellt. Darum war er auch in seiner Eitelkeit noch ganz unangefochten, und sie verleitete ihn zu den meisten Roheiten, die er beging, weil er gern für einen Teufelskerl galt. Nach Ablauf der dritten Woche griff er eines Tages wie in Gedanken nach seinem Gewehr, ließ es von seinem Burschen putzen und noch einmal wegstellen; aber am andern Morgen stand er wieder wie früher auf der Lauer hinter seinem Zielfernrohr, und diesen Tag trug er zwei Kopfschüsse in sein Notizbuch ein.
Allmählich begann er mit der eleganten Großstädterin zu prahlen, die ihm nachgestellt hatte, und bald gab es nicht mehr viel Geheimnisse, die seine Freunde nicht auch wußten. In der Folge machte es ihm zu schaffen, daß sich die meisten mehr für die ausgewachsene Frau interessierten als für das scheue Mädchen, und daß sich alle etwas an ihren seidenen Strümpfen und Spitzen entzündeten. Ein junger Oberleutnant sagte ihm gerade heraus, daß er ein Schöps sei, und diese Meinung blieb unwidersprochen, wenn man sie auch nicht als eine besondere Lebensweisheit betrachtete; schließlich legten sie alle der Sache viel weniger Wichtigkeit bei als Heinz selber, und hätten die meisten in seinem Fall auch selbstverständlich seine Wahl getroffen, aber er argwöhnte anders. Die ersten vierzehn Tage schrieb er an Linde täglich; reichte die Zeit nicht zu einem Brief, so schickte er ihr doch eine Karte: »Bin wohl und denke an Dich!« Dann fanden sich Tage, an denen er zwar auch wohl, aber sich nicht gedrungen fühlte, es ihr mitzuteilen, obwohl er immer noch an sie dachte. Eine Zeitlang hielt er den zweitägigen Verkehr aufrecht, darauf schrieb er zweimal in der Woche, schließlich wöchentlich einmal, was mit den Tag und Nacht anhaltenden Stürmen der Engländer glaubhaft zu erklären war. Im weiteren kamen Tage des Wegs, an denen er sich weniger wohl fühlte und immer noch an Linde dachte, aber nicht mehr an sie allein, endlich solche, an denen ihn nichts mehr an Linde erinnerte, dagegen manches an die schlanke, elegante norddeutsche Frau Malva Klinger mit den Spitzen und seidenen Strümpfen und den Errungenschaften der großen Welt, von denen er für diesmal sowenig profitiert hatte.
Die ersten Wochen hindurch beunruhigte er sich darüber, daß bei seiner Rückkehr um vier Uhr morgens in seinem Schlafzimmer das Licht gebrannt hatte, und über die andern seltsamen Umstände, die sich am Morgen seiner Abreise nacheinander zutrugen. Man fand nicht nur die Tante in ihrem Zimmer bewußtlos vor, sondern auch Brigitt wurde beinahe stehenden Fußes von einer Krankheit überfallen; sie machte in der Folge einen ziemlich schweren Anfall von Gelenkrheumatismus durch. Über die Krankheit der Tante erfuhr man lange nichts Näheres. Lindes Mitteilungen darüber lauteten etwas dunkel, besonders über den großen Verbrauch von Verbandstoffen, die fremde Pflegerin und die strenge Verschwiegenheit der Patientin. War ihm damals die Enthebung von der Abschiedszeremonie eine Erleichterung gewesen, so fing ihn später die ganze Sache an zu beunruhigen, weil er sie mit dem brennenden Licht in Zusammenhang brachte. Dann mischte sich etwas unaufrichtiges Mitleid zwischen seine Betrachtungen über die bittere Enttäuschung, die eine »immerhin liebende Frau« durch ihn erlebt hatte, und dem Mitleid folgte eine ziehende oder leise nagende Art von Reue, die ihn in sehr gegensätzliche Unternehmungen hineinbegleitete, zum Beispiel in die Abfassung seiner Feldberichte an Linde. Sie führte dazu, daß er in Briefwechsel mit der Kranken trat und nachher mit der Gesunden darin blieb; den Anstoß dazu gab freilich Linde, die in ihrem echten, heiligen Mitgefühl wünschte, daß Heinz ihr ein paar gute Worte schreibe. Sie war es auch, die zuerst den Gedanken andeutete, daß bei der Tante vielleicht ein Selbstmordversuch vorliege, aus Gründen, die sie ihm nicht weitläufiger auszuführen brauchte, und sie selber machte so bei ihm die Bahn wieder frei in ein Gehege, dem sie ihn für immer hatte entreißen wollen, in ihrer Großmut auch entrissen glaubte, in das zurückzukehren ihm aber nicht so schwer fiel, wie sie voraussetzte; eine weniger herzliche Zurede hätte dafür auch genügt. Die Klingse antwortete sofort auf seinen ersten Brief, und so entwickelte sich schließlich ein Nebenverkehr, der Linde auf die Dauer nicht ganz gleichgültig bleiben konnte, wie Heinz in gewissen klareren Augenblicken sich richtig sagte, aber nun waren die Dinge einmal wieder ins Treiben gekommen, so mochten sie treiben. Schließlich, solange er im Feld blieb, konnte ja nichts passieren, und nachher, redete er sich vor, würde es sich hier wie überall finden, daß eben die stärkere Macht siegte; mit dieser würde er dann marschieren. Eine solche Abfindung mit den Dingen nannte er »moralische Notwendigkeit«, und er fühlte sich ganz ordentlich darin geborgen. Inzwischen verlangte es der männliche Anstand, daß er einer Frau, die für ihn einen Selbstmordversuch begangen hatte, nicht anders als ehrerbietig und zartfühlend gegenübertrat. Das tat er denn in einem Briefwechsel, der seinen Nachrichtenaustausch mit Linde nicht an Häufigkeit, aber doch nach und nach an Gehalt übertraf, und zwar nach Umfang wie nach Gefühlsart.
Schwere und herzliche Sorgen hatte ihm von Anfang die Betrachtung gemacht, seine Geliebte mit der Feindin im gleichen Haus zu wissen, ohne durch seine persönliche Gegenwart sie vor vergifteten oder verletzenden Bemerkungen und vor schlechter Behandlung schützen zu können. Diese Wirkung hätte zwar selbst seine leidenschaftlichste Anwesenheit nie gehabt, aber die Selbstüberschätzung entsprach zunächst noch seinem innigen und ergriffenen Gefühl für die Geliebte. Vorerst äußerte sich dieses in Ratschlägen über das rechte, stolze und unnahbare Betragen gegen die Klingse, indessen lag diese krank und gab dazu keinen Anlaß. Außerdem erwartete Heinz wie jedermann, daß sie bald nach ihrer Wiederherstellung die Koffer packen und ein Haus räumen würde, worin sie soviel peinliche Erfahrungen gemacht hatte. Als jedoch ihre Entschlossenheit sichtbar wurde, den Platz noch länger zu behaupten, besaß Heinz bereits nicht mehr die ursprünglichen Gründe, das Verhältnis seiner Geliebten zu der enttäuschten und beleidigten Frau zu bedenken, sondern andere; jenes schmerzliche Zusammenleben machte ihn nun weniger traurig und besorgt, als verlegen, und es wurde ihm um so peinlicher, je weniger er sich auf sein gutes Gewissen verlassen und die ganze Sache der Gerechtigkeit Gottes anheimstellen konnte. Schließlich, als die daraus fließenden Erwägungen die rechte Temperatur hatten, bekam Linde in einer Woche zwei Briefe; im zweiten machte ihr Heinz den Vorschlag, doch zeitenweise eine Gesellschaft zu verlassen, von der ihr sowenig Freude werde, und die weder ihrer noch seiner Selbstachtung dienlich sei. Sehe es immer noch nicht aus, als ob »Tante Malva« — er nannte sie bereits nicht mehr die Klingse — bald reisen werde, so müsse man eben seinerseits sehen, dem Verhältnis eine Wendung zu geben. Er sei sehr besorgt um ihre, Lindes, Gesundheit und Lebenslust und könne das als ihr bester Freund nicht mehr länger mit ansehen. Es gebe genug Verwandte, die sie mit Freuden aufnehmen würden. Vielleicht würde es überhaupt nichts schaden, wenn sie eine Strecke, etwa ein halbes Jahr, in einer großen Stadt lebe; man müsse heute alles kennen. Über die Gründe der Tante zu ihrem hartnäckigen Verhalten wisse er nichts, aber vielleicht verlören sie sich, wenn ihr die »Reibungsfläche« entzogen werde, und im Frühjahr sei dann das Haus wieder für Linde frei.
In dem letzten Satz verbarg sich eine bescheidene Lüge wie der Hase im Kohlfeld, denn schon durch die naive Schlußerwartung bewies Heinz, daß er über die Gründe zum »hartnäckigen Verhalten« der Klingse eine ganz deutliche Ahnung besaß; sie wollte, so überlegte er, Linde körperlich von dem Kampfplatz vertreiben, auf dem sie menschlich so schmerzhaft unterlegen war, um wenigstens eine »taktische Genugtuung« zu genießen. Dann, meinte er freilich weiter, werde ihr auch am längern Beharren in dem kleinen Städtchen, das sie ja verachtete, nichts mehr liegen, zumal sie die wieder angeknüpften Fäden mit ihm von einem andern Platz aus ebenso bequem oder bequemer weiterspinnen könne. Aber just aus ähnlichen Betrachtungen zog das Mädchen die Gründe, seine Vorschläge abzulehnen, deren Fadenscheinigkeit Linde in ihrem geradsinnigen Vertrauen nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte, wie denn auch von der Möglichkeit, daß Heinz die Beziehungen zu dieser Frau in irgendeinem doppelsinnigen oder gar verräterischen Licht erwägen könnte, nichts in ihrem frommen Mädchenkopf war. Ihre Antwort hatte folgenden Wortlaut:
»Liebster Mann, habe Dank für alle Nachrichten über Dich und Deine Welt. Ihr steht vieles aus, und wir leiden sehr tief mit. Du sagst, daß Ihr für uns sterbt, so bleibt uns nichts übrig, als für Euch zu leben. Indem wir's tun, ist es unser Gebet, daß Ihr einen Trost und eine Zuversicht darin findet. Ach, was sind wir ohne Euch, aber Ihr seht die Heimat in uns, und so sind wir alles durch Euch. Vor allen Dingen sollt Ihr uns nicht jammern hören. Wir lachen nicht viel, aber wir weinen auch nicht viel. Wir kommen Tag und Nacht nicht von einem gewissen Stolz weg, der uns, ich möchte sagen, kühn und traurig macht. Doch gibt es auch Stunden, die uns fröhlich finden; ich weiß nicht, ob wir Euch dann besonders lieben, aber jedenfalls sind wir dann in einer ganz besonderen Weise für Euch da. Verstehst Du das?
Leider seid Ihr fern, aber wenn Ihr da wäret, so wäre auch dies alles anders.
Dein Vorschlag ist lieb, und ich danke Dir für Deine Fürsorge, aber ich kann in diesem Fall nichts damit machen. Ich müßte nur sagen, der Onkel braucht mich, so wäre alles übrige schon abgeschnitten. Oder ich könnte noch einen Schritt weitergehen und sagen, daß ich nicht aus einer Schule laufen will, auch wenn sie mir nicht gefällt; ich weiß ja nicht, ob ich dem Lehrer besonders gefalle. Aber ich will ganz ehrlich sein und Dir den wahren Grund schreiben. Siehst Du, hier hängt alles mit Dir und unserm Glück zusammen. Die Bäume und Büsche erzählen: Als er da war, trugen wir noch Laub. Das ist schon etwas. Die Vögel rufen manchmal ganz plötzlich: Wir haben ihn auch gesehen. Oder Bob kommt, stößt die schwarze Nase an mein Knie und sieht mich ernsthaft an, bis ich ihm einen Blick zuwende; dann bewegt er schnell den kurzen Schwanz, und das heißt: ›Wann kommt der Offizier wieder?‹ Ich habe mir im Pflaster ganz bestimmte Steine gemerkt, über die Du gegangen bist. Die Türme haben wir miteinander betrachtet und untersucht; das eine Eulennest ist noch da, und die Eule sitzt auch noch drin. Nun sage, ob ich von hier weg soll. Eine Wirklichkeit ist immer eine Wirklichkeit. Nachher würde es nicht halb wirklich, sondern ganz unwirklich sein. Also rede mir nicht mehr davon, wenn Du mich liebhast.«
Von der Klingse stand kein Wort im Brief; seitdem sie wiederhergestellt war, erwähnte Linde sie nicht mehr. Darum war sie über den ganz unvermittelten Vorschlag ihres Geliebten eigentlich ein bißchen betroffen gewesen, denn woher sollte er außer durch sie von der stillen Feindschaft wissen? Inzwischen schrieb sie es ihm als Feingefühl zugut.
Der Stern oder Geist seines Schicksals dachte: »Vielleicht fehlt ihm nur ein ganz schweres Geschehnis, so klingt sein etwas ausgeklungenes Herz wieder mit den Sphären! Man müßte es erzittern machen!« Nun fehlte es ihm ja nicht an schweren Erfahrungen; jeder neue Sturmangriff der Engländer war eine, und wenn ihm ein Geschoß einen Kameraden wegriß, so war es auch eine. Aber einem gewöhnlichen Menschen wird alles rasch gewöhnlich; es braucht ein ungewöhnliches Herz, um auch im Gewohntesten immer das Ungewöhnliche zu fühlen. Ein Ungewöhnliches im äußern Geschehen betraf ihn in einer Nacht.
Die Engländer legten in der letzten Zeit ihre Sturmläufe auf die späten Abend- und Mitternachtstunden, nachdem sie bis zur Dämmerung furchtbar mit schweren Geschossen gearbeitet hatten in der Erwartung, die Erde und die armen Seelen bis auf den Grund aufzuwühlen. Das geschah auch, jedoch aus den armen Seelen wühlten sie immer neuen Heldenmut heraus. Wie nun aber auch die deutschen Gewehre stürmten und die Spechte des Todes, die Maschinengewehre, hämmerten, so drangen doch immer eine Anzahl überlebende Feinde durch die zerfetzten Drahtverhaue, wenn auch selber zerfetzt, kampfwütend vor und erschienen im Nachtlicht riesengroß über den Rändern der Schützengräben. Diejenigen Verteidiger, die nicht schon vorwärts herausgesprungen waren, um sich ihnen auf dem freien Feld entgegenzuwerfen, empfingen sie drunten, und nach dem wild lärmenden Vorspiel hob dann stets eine stumme, grausame Todesarbeit von Mann zu Mann an, wobei ab und zu ein zwischen den Zähnen geknirschter Fluch und selten ein Revolverschuß erklang. Gerade dieser Abschnitt der langen Grabenreihe war durch seine ungewöhnlich wilde Verteidigung bekannt. Die Engländer schickten immer neue und immer ausgewähltere Truppen dagegen vor, aber immer seltener sah man etwas davon wieder, und auch wenige Angekommenen überlebten einen solchen Gang außer mit entsetzlichen Wunden in deutschen Lazaretten.
Es war schon tief im Winter, daß man nach einem vulkanischen Tagesbombardement stumm und verbissen den gewohnten geisterhaften Dämmersturmlauf der englischen Infanterie erwartete. In Eile hatte man sich aus den Verwüstungen ausgegraben, einigen Schutt zur Verteidigung vor sich aufgeworfen, sich mit Handgranaten versehen und die blanken Messer griffbereit in die Stiefelschäfte oder unter den Gürtel gesteckt. Gesprochen wurde nicht viel. Im Laufschritt kamen aus der Reservestellung noch Mannschaften mit frischen Maschinengewehren für die zerschossenen oder ganz verschütteten an, die sie hastig aufstellten und einrichteten. Das war schon ein vollkommen gespenstischer Vorgang. Wer an seinem Platz nicht mehr genug Tiefe zum Stehen hatte, der kniete oder lag auf der frisch aufgeworfenen Erde. Heinz stand mit einem Infanteriegewehr neben dem Grabengeschütz seiner Abteilung, das halb umgestürzt zwischen den Trümmern seines Aufbaues lag. Wie jeder Mann hatte auch er sich eine Anzahl Handgranaten bereitgelegt. Wer ihm im jetzigen Zustand unvermutet begegnet wäre, der hätte ihn nicht wiedererkannt. Da er im Lauf des Tages zweimal aus Verschüttungen hatte ausgegraben werden müssen, war er über und über mit Lehm bedeckt. Aus dieser elementaren Farbe blickte sein junges Gesicht bleich und etwas hohl in das letzte fahle Verglimmen des Tages hinter den englischen Grabenlinien, und da er fest die Lippen aufeinanderpreßte, so gewannen seine Züge einen bittern und leidenden Ausdruck, der ihn um Jahre älter und reifer erscheinen ließ, als er wirklich war. In seinem Geist lebte nicht die geringste Bewegung; er wartete schweigend und entschlossen auf die Engländer, und wenn er etwas dachte, so war es nichts als die Beobachtung: »Sie brauchen heute länger als sonst.« Dieselbe Beobachtung machte jeder im Graben, aber keiner sprach sie aus; es herrschte ein vollkommenes Schweigen. Hinter den englischen Schützengräben zog wie den ganzen Tag das feuchte, graue Gewölk herauf, doch ohne zu regnen; jetzt schien es sich zu beschweren und wurde dunkler, weil sich die Dämmerung auch dort an die Körper hing. Plötzlich wie aus dem Boden gewachsen oder aus dem Gewölk vorgetreten waren sie wieder da. Sie schrien nicht Hurra und hielten sich mit keinen Heldenhaftigkeiten auf, sondern liefen um ihr Leben, um möglichst schnell durch die Schieß- und Wurfzone hindurch dem Feind an den Leib zu kommen. Es war ein leiser, gehetzter Vorgang voll Schaurigkeit und Todesahnung. Aber auch das war nur ein Augenblick, denn schon schrien die Gewehre auf, rasselte das Maschinenfeuer aus hundert Läufen ihnen entgegen und krachten die wenigen übriggebliebenen Grabengeschütze. Bereits sah man Feinde wie unselige Schatten vor dem fahlen Himmel zu Dutzenden hinsinken, andere schwankend noch einige Schritte vorstürzen und ebenfalls im Dunkel verschwinden, das auf der Erde lag. Doch unaufhaltsam hastete die schwer gelichtete Linie vorwärts und betrat im nächsten Moment die doppelt mit Sterblichkeit geladene Region der Drahtverhaue und der Handgranaten. War vorhin der Tod unsichtbar in der Luft gewesen, so sprang er jetzt körperlicher von der Erde auf.