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Der Busch

INDIANER-BEKEHRUNG

Reading edition

Ein indianischer Häuptling kam eines Tages zu dem spanischen Mönch Balverde, der in Mexiko als Missionar tätig war, um den Indianern die wahre Lehre des Heils zu verkünden.

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Der Häuptling kam mit zwei Männern seines Stammes, die zu dem Rate gehörten, also Älteste oder Edle waren.

Pater Balverde empfing den Häuptling höflich und ohne jegliche Überhebung. Es sei hier gesagt, daß die spanischen Mönche und Priester während der ersten drei Jahrhunderte spanischer Herrschaft in Mexiko die einzigen wahren und aufrichtigen Freunde der Indianer waren. Die Mönche und Priester haben in Wahrheit, von Ausnahmen abgesehen, die Indianer gegen die Brutalität der spanischen Ausbeuter und Goldjäger in einer Weise beschützt, die der katholischen Kirche hoch zu ihren Gunsten angerechnet werden muß. Meist freilich waren die Mönche und Missionare gezwungen, sich gegen ihre eigenen Bischöfe aufzulehnen, die, wenn es galt, die Indianer zu berauben, auszubeuten und zu versklaven, sich auf Seite der Krone und der Großgrundbesitzer stellten. Bischöfe waren und sind ja immer der Krone und dem Großkapital näher als die Mönche und Kapläne. Der große Zwiespalt zwischen katholischer Kirche und dem Indianer in Mexiko kam erst, seit Mexiko unabhängig wurde und als große indianische Schichten des mexikanischen Volkes, die intelligentesten indianischen Schichten, zu einem entschiedenen Fortschritt in Bildung und allgemeiner Zivilisation drängten, während die katholische Kirche in ihrer mittelalterlichen Macht über Geist und Erziehung gewaltsam beharrte, nicht ein Stück ihrer Macht und ihres Einflusses preisgeben wollte und sich im Zeitalter hochentwickelter Technik der notwendigen Bildung des Indianers widersetzte.

Aber das, was hier erzählt wird, trug sich zu, als die katholischen Missionare noch unter den Indianern in Mexiko wirkten nicht mit dem Gedanken an eine Stärkung der irdischen und politischen Macht der Kirche, sondern mit dem aufrichtigen und durchaus ehrlichen Wunsche, den Indianer zu erlösen und ihm in brüderlicher Weise in das Paradies zu helfen. Die Mönche arbeiteten unter den Indianern so selbstlos und so interesselos zu jener Zeit, wie wohl selten irgendwo Missionare gewirkt haben. Sie brachten den Indianern nicht nur die Lehre des Heils, sondern sie brachten ihnen viel mehr Dinge, die dem Indianer schon hier auf Erden sehr nützlich waren und vielen von ihnen eine gewisse ökonomische Befreiung verliehen. Sie lehrten ihnen Hunderte von nützlichen Handwerken und Künsten; das Züchten von Seidenraupen, das Sticken feiner Handarbeiten, das Glasieren von Töpferwaren, um einiges zu nennen.

So erscheint es durchaus natürlich, daß Indianer ganz freiwillig zu den Mönchen zuweilen kamen, um von der neuen Religion zu hören.

Und das war es, was jenen Häuptling mit seinen beiden Begleitern zu dem Mönch Balverde führte.

Der Häuptling sagte zu dem Mönch: „Mit unseren Göttern, besonders mit den großen, sind wir ganz zufrieden. Nur mit unseren Nebengöttern haben wir oft viel Sorge. Wenn wir Regen gebrauchen, dann schickt uns der Regengott keinen Tropfen, und wenn wir Trockenheit haben müssen, dann können wir tun, was wir wollen, und der Gott der trocknenden Winde ist nicht daheim für uns. So ist es mit manchen unserer kleinen Götter. Nun haben die Ältesten meines Stammes beraten und beschlossen, daß ich zu dir komme, Verkünder einer neuen Religion, zu hören, ob du uns bessere Götter anbieten kannst. Wenn wir lernen, daß deine Götter besser sind als unsere, dann sind wir willens, deine Götter anzunehmen und die unsrigen zu vergessen. Erzähle uns, mir und meinen beiden Beratern, von deiner Religion. Wir wollen dir gut zuhören und alles, was du uns von deinen Göttern sagst, wollen wir getreulich unserem Volke daheim berichten und dir dann zu gelegener Zeit unseren Entschluß mitteilen.“.

Der Pater Balverde, ohne viel unnötigen Pomp zu machen, erzählte in schlichter Weise die Grundgeschichten des Evangeliums auf, in klaren unverbrämten Sätzen, so wie man die Geschichte einem Kinde erzählen würde. Alles das, was verwirren könnte, ließ er vorläufig aus. Darin tat er recht, und er bewies damit, daß er es wohl verstand, mit den einfachen Menschen, wie seine Besucher waren, gut umzugehen.

Der Häuptling hörte stundenlang zu, ohne den Mönch auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen.

Als der Mönch geendet hatte, sagte der Häuptling: „Mein guter Freund, ich habe vernommen, was du mir und meinen Beratern erzählt hast. Ich könnte dir gleich jetzt darauf antworten. Aber du hast so ehrlich erzählt, daß es meinem Herzen weh tun würde, dir sofort zu antworten, denn ich könnte voreilig reden und damit dir und deinen Göttern Schmerz zufügen. Das ist ganz gewiß nicht mein Wille. Ich werde nun zur Nacht schlafen gehen, hier in diesem Ort, und ich werde im Schlafe wohl überdenken, was du mir gesagt hast. Und morgen früh will ich kommen und dir sagen, was ich denke und was ich in mir beschlossen habe. Dann ist es nicht länger mehr voreilig, sondern wohl bedacht, und es sind dann meine wahren Worte. So kann es dann weder dich noch deine Götter schmerzen, weil es meines ruhigen Denkens klare Frucht ist. Und wenn man wohlüberdacht und ehrlich seine Wahrheit sagt, so kann kein Gott zürnen, denn es ist Gott selbst, der diese Wahrheit in mein Herz legt. Bist du dessen zufrieden, mein Freund?“

„Gewiß, mein Bruder“, sagte der Pater, „ich bin dessen durchaus zufrieden. Gott und die Heilige Jungfrau werden deine Gedanken lenken und dich und die Deinen zu dem alleinigen Heil führen. Gehe mit Gott!“

Am nächsten Morgen, als der Pater die Messe in der Kapelle des Ortes gelesen hatte und sich gerade zum Frühstück hinsetzte, kam der Häuptling mit seinen beiden Beratern, um seine Antwort zu bringen.

Der Mönch wollte sofort mit dem Häuptling sprechen. Aber der Häuptling sagte: „Ich sehe, daß du bereit bist, zu essen. Es ist für dich besser, du ißt ruhig dein Mahl, denn du bist gewiß hungrig. Das würde dich eilfertig machen. Und Religion ist nichts in Eile, nicht meine und gewiß auch nicht die deine. Iß, und wenn du gut gegessen hast, werden wir sprechen.“

Als der Mönch nun gegessen hatte, kam er hinaus; und er, der Häuptling und dessen beide Berater, setzten sich unter einen Baum, der dicht bei der Kapelle stand.

Der Mönch fragte nicht und drängte nicht. Er wartete ruhig, bis der Häuptling zu reden begann.

Sagte der Häuptling: „Ich habe wohl überlegt in meinem Herzen alle Worte, die du mir gesagt hast. – Dein Gott ließ sich auspeitschen. Ist das so?“

„Ja, um die Sünden der Welt auf sich zu laden“, sagte der Pater.

„Er ließ sich bespucken, beschimpfen, mit Schmutz bewerfen, ließ sich verhöhnen als ein närrischer König, ließ sich in Verhöhnung einen Hut aus Dornen aufsetzen. Ist das so?“

„Ja, um die Sünden der Menschen auf sich zu laden“, sagte der Pater wieder.

„Er ließ sich an einen Balken nageln und starb dort schmählich wie ein kranker Hund. Ist das so?“

„Ja, um die Menschen von allen Sünden zu erlösen“, sagte der Pater.

Darauf sagte der Häuptling sehr ruhig: „Das ist es, was mir Gott ins Herz gab in der Nacht: Jemand, der nicht durch seine Person den Menschen genügend Respekt einflößen kann, daß sie nicht wagen, ihn zu bespucken, zu beschimpfen, zu verhöhnen und mit Kot zu bewerfen, kann kein Gott für einen Indianer sein. Eine Person, die sich nicht wehren kann und nicht wehren mag, hat kein rotes Blut und keinen Mut. Eine solche Person kann kein Gott für einen Indianer sein. Eine Person, die sich nicht befreien kann und nicht befreien will von dem Balken, auf den sie genagelt ist, kann keine Menschen erlösen und kann darum kein Gott für einen Indianer sein. Eine Person, die auf einen Balken genagelt, jammert und winselt wie ein altes Weib, kann kein Gott für einen Indianer sein.“

Der Häuptling wollte fortfahren in seiner Rede; aber eine solche tiefe Ruhe, wie der Häuptling gestern während der Rede des Mönches gezeigt hatte, konnte der Mönch nicht bewahren.

Er fiel dem Indianer in die beginnende neue Rede: „Das alles tat mein Gott mit Absicht, um die Menschen zu erlösen; er wollte leiden, um für alle Menschen zu leiden.“

Darauf sagte der Häuptling: „Du sagst, er ist ein allmächtiger Gott, dein Gott, und ein Gott unendlicher Liebe. Ist das so?“

„Ja, das ist wahr.“

„Ist er wahrhaft allmächtig, dein Gott, warum nimmt er nicht alle Sünden und Missetaten von den Menschen, ohne zu leiden, ohne sich verhöhnen zu lassen, ohne jämmerlich winselnd zu sterben? Und wenn er wahrhaft ein Gott unendlicher Liebe ist, warum läßt er die Menschen in ihren Sünden leiden, und warum läßt er sie Sünden überhaupt begehen? Nur um dieses große, so jämmerlich vorübergehende Schauspiel aufführen zu können? Ein Gaukler kann kein Gott für einen Indianer sein.“

„Aber“, unterbrach der Mönch wieder, „das tat Gott, damit die Menschen durch eigenes Verdienst und durch Glauben sich das ewige Leben verdienen sollen.“

Sagte der Indianer ruhig: „Warum der Umweg, mein Freund? Warum verdienen müssen, was ein Gott unendlicher Liebe und unendlicher Allmacht den Menschen umsonst geben kann, wie meine Mutter mir alles und alles umsonst gibt aus Liebe, und nicht darum fragt, ob ich es verdiene, ob ich an sie glaube, ob ich sie anbete. Sie würde mir alles in Liebe geben, ohne zu rechten und ohne zu handeln, selbst dann, wenn ich sie – mein Gott möge mich davor behüten –, selbst dann, wenn ich sie beschimpfen, verspotten oder gar schlagen würde. Meine Mutter ist größer als dein Gott; denn sie hat mehr unendliche Liebe, mehr unendliche Vergebung und weniger Verlangen für Glauben und Gebete als dein Gott.“

Der Pater wich aus und führte das Gespräch hinweg nach einer anderen Lehre, von der er aus Erfahrung wußte, daß sie einen großen Eindruck auf die Indianer, die er bisher getroffen hatte, zu machen pflegte.

Er sagte: „Aber mein Gott ist nicht gestorben, wie du meinst und wie du gewiß gestern überhört hast. Mein Gott ist nach drei Tagen von den Toten auferstanden und in großer Pracht hinauf zum Himmel gefahren.“

„Wie oft?“ fragte der Häuptling kurz und trocken.

Ein wenig erstaunt antwortete der Pater: „Aber – natürlich nur einmal.“

„Und ist er, ich meine dein Gott, seitdem schon einmal wieder zurückgekommen?“ Auch das fragte der Häuptling ebenso kurz und trocken wie vorher.

„Nein“, sagte der Mönch, „er ist nicht wiedergekommen seitdem, aber er hat verheißen, er wird dereinst wiederkommen, zu richten und zu –“

Diesmal fiel der Häuptling ihm in das Wort: „– und zu verdammen.“

„Ja“, sagte der Mönch, nun ein wenig erregt werdend, „ja, um zu verdammen alle und alle, die nicht an ihn glauben und die an seinen Worten herumkratzen und die Lehre des wahren Heils nicht erkennen wollen, wenn sie ihnen mit offenen Händen dargebracht wird und für nichts zu haben ist.“

Der Häuptling ließ sich von der Erregung des Mönches nicht mit fortreißen. Als der Pater geendet hatte, sagte der Indianer ruhig: „Und das ist es, was Gott mir als letztes Wort ins Herz gelegt hat: Mein Gott stirbt jeden Abend für uns, seine indianischen Kinder, um ihnen Kühle zu bringen, Ruhe und Frieden. Er stirbt in tiefer, goldener Schönheit, nicht verhöhnt, nicht angespeit, nicht mit Kot beworfen. Er stirbt schön wie ein wahrhaft großer Gott. Aber am Morgen steht er wieder auf von den Toten, zuerst von den Schleiern des Todes noch umhüllt, dann aber glitzern seine goldenen Speere über das blaue Firmament, und endlich steht er da groß, golden und mächtig, Licht, Wärme, Schönheit und Fruchtbarkeit spendend, den Blumen Duft und Farben gebend, den Vögeln süße Lieder lehrend, dem Mais Kraft und Gesundheit in die Kolben flößend, den Früchten Süßigkeit und heilende Säfte einhauchend, mit den Wolken spielend jagen im Meer der blauen Lüfte. Und gleich meiner geliebten Mutter ist mein Gott, gebend und gebend und gebend, keine Gebete verlangend, keine Gebete erwartend, keinen Glauben gebietend und niemals verdammend. Und wenn der Abend kommt, stirbt er wieder dahin in rot-goldener Pracht, nicht verhöhnt, nicht winselnd, sondern in einem ruhigen, tiefen Frieden verheißenden Lächeln; mit dem letzten Zucken seiner müde werdenden Augen seine indianischen Kinder segnend. Und am Morgen ist er wieder da am Firmament, der ewig junge, ewig strahlende, ewig schenkende, ewig sich neugebärende, ewig wiederkehrende, große, goldene Gott der Indianer. Und so sagte mir Gott als letztes Wort in mein Herz: Tausche deinen Gott nicht, mein guter Sohn, denn es ist kein größerer Gott als dein Gott, der lachende Gott, der in seinen Strahlen jauchzt und singt, kein schönerer und kein edlerer Gott ist in der weiten Welt, als der im flutenden Golde badende Gott, als der herrliche strahlende Gott des Indianers.“

Und als der Häuptling das gesagt hatte, dankte er dem Pater Balverde für die Freundlichkeit, die er ihm erzeigt hatte. Dann rollte er seine Decke, auf die er gesessen hatte, zusammen, warf sie sich über die Schulter, und er ging, gefolgt von seinen Begleitern, zurück zu seinem Volke.

Der Stamm wohnt in der nördlichen Hälfte der Sierra Madre. Er ist bis zum heutigen Tage ohne die Lehre des wahren Heils geblieben. Bei dem raschen Zerfall der katholischen Kirche in Mexiko ist nunmehr jegliche Hoffnung für uns geschwunden, jenen Stamm und einige zwanzig andere Indianerstämme in Mexiko dereinst im Paradiese als geflügelte Harfenschläger und Posaunenbläser begrüßen zu können. Wir werden es als gute Christen in tiefer Demut und völliger Unterwerfung unter dem Willen anderer geziemend zu ertragen wissen. Halleluja!

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