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Der Busch

DIE GEBURT EINES GOTTES

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Bei vielen alten Völkern, und nicht immer nur bei den barbarischen, wurden die Götter nach dem Ebenbilde des Menschen gemacht; man gab den Göttern alle Charaktereigenschaften, alle Laster und Tugenden eines Menschen. Die Fabrikanten der jüdischen und der christlichen Religion, um eine Ausnahme zu machen, machten den Menschen nach dem Ebenbilde Gottes. Das Endergebnis ist in beiden Fällen das gleiche, und der erreichte Zweck entspricht dem, der beabsichtigt war: es sollte gezeigt werden, daß der Mensch ein göttliches oder gottähnliches Wesen sei und er darum das Recht habe, alles das und alle die zu beherrschen, die keine gottähnlichen Wesen seien. Alle Götter, heidnische, jüdische und christliche, sind Schöpfungen von Menschen. Nur in ganz seltenen Fällen läßt sich die Geburt oder die Fabrikation eines Gottes auf den wahren, schlichten und einfachen Vorgang des In-die-Welt-Kommens zurückführen, weil diejenigen, die durch die Religion ihre Vorteile finden, den Ursprung Gottes mit Mystizismus verräuchern. Ein Stern führt Könige aus fernen Landen zum Geburtsplatz, und unmittelbar nach der Geburt klafft der Himmel auseinander, und Trompetenbläser und ein gut eingedrillter Opernchor geben ein Freikonzert für Schafhirten. In vielen christlichen Ländern, besonders in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wird wegen Gotteslästerung bestraft, wer versucht, die wahre Entstehungsgeschichte der jüdischen oder christlichen Religion aufzudecken. Dagegen ist es keine Gotteslästerung, wenn man die Entstehung sogenannter heidnischer Götter erforscht und die Ergebnisse der Forschung bekanntgibt. Und weil man bei der Erforschung heidnischer Religionen nicht behindert, sondern sogar noch oft reichlich unterstützt wird, so kommt man hierbei den wahren Dingen leichter auf den Grund. Wenn ich hier die Geschichte der Geburt eines indianischen Gottes erzähle, so geschieht es mit der wohlbegründeten Überzeugung, daß es auf Erden keine einzige Religion gibt, und nie gab, bei der nicht die Geburt des Gottes oder der Götter, und damit die ganze Entstehung der Religion, auf einen ähnlichen schlichten und natürlichen Vorgang zurückgeführt werden kann.

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Nachdem Hernan Cortes Mexiko erobert hatte, unternahm er eine Expedition nach Honduras. Diese Expedition wurde unternommen, um einen Wasserweg vom Atlantischen nach dem Pazifischen Ozean zu finden; denn zu jener frühen Zeit glaubte man, daß der nordamerikanische und der südamerikanische Kontinent nur zwei große Inseln seien, zwischen denen ein gewaltiger Meeresarm hindurchführe.

Mit dieser Expedition kam Cortes an den Peten-See, einen sehr großen See im heutigen Guatemala. Auf den Inseln dieses Sees sowie an seinen Ufern fand Cortes Indianer, die den Spaniern eine rührende Gastfreundschaft entgegenbrachten.

Infolge des langen Marsches über unwegsame Dschungelbezirke, über Gebirge, über Sümpfe, durch Flüsse und durch wüstenhaftes Gelände war die Armee des Cortes völlig heruntergekommen. Sie schleppte sich nur noch darum weiter, weil sie ein Zurück durch das gleiche Gebiet nicht überlebt haben würde. Hätte Cortes hier nicht diese gastfreundlichen Indianer getroffen, die ihr Bestes taten, der verhungernden und zusammenbrechenden Expeditionsarmee wieder auf die Beine zu helfen, so wäre der ganze Trupp elend in den Dschungeln und Sümpfen zugrunde gegangen. An sich hat jene Expedition sehr wenig Erfolg gehabt, und sie zählt mit zu den größten katastrophalen Fehlschlägen der spanischen Eroberer in Amerika.

Die Indianer des Peten-Sees fütterten die Spanier wieder hoch, versorgten sie reichlich für den Weitermarsch und taten für sie, was wirklich gastfreundliche Menschen nur immer tun können für die, die einer Hilfe benötigen.

Um den Fremden noch mehr zu Gefallen zu sein und ihnen keinen Wunsch zu versagen, willigten die Eingeborenen leichten Herzens ein, sich taufen zu lassen und alle Christen zu werden. Innerhalb von zwei Tagen wurden alle Indianer, die hier zu einem großen Feste zusammengekommen waren, getauft, und in ihrer großen Güte und Friedensliebe gestatteten sie den Weißen, ihre Götter und Tempel zu zerstören, und als sie bemerkten, daß diese Zerstörung den Weißen so viel Freude machte, sahen sie dem aufgeregten Treiben und Wüten der Spanier belustigt zu. Sie betrachteten das als eine Art von Komödie.

Die Indianer jener Region, die ihr Leben schlicht fristeten von den vielfachen Gaben, die ihnen der große See und die umgebenden Wälder boten, besaßen weder Gold, noch Silber, noch Edelsteine, noch hatten sie irgendwelche Kenntnis von Gold- oder Silberminen. Aus diesen Gründen hatte Cortes nicht viel Interesse für sie übrig. Er betrachtete die Zeit, die er bei ihnen zubrachte, im Grunde als verloren. Er beeilte sich, so schnell als möglich die Gegend wieder zu verlassen, und trieb die Mönche, die seine Armee begleiteten, an, sich mit ihrem Geschäft der Heidenbekehrung zu beeilen, weil es hier nichts zu verdienen gäbe.

Um das glorreiche Fest der Massenbekehrung mit dem gehörigen Pomp zu begleiten und gleichzeitig den erforderlichen Eindruck der Macht der Weißen bei den Indianern zurückzulassen, ordnete Cortes an, daß an dem Tage der Massentaufe die Kanonen abgefeuert werden und daß seine Reiter einige militärische Übungen vorführen sollten.

Für die Indianer, die so etwas nie gesehen hatten, war das natürlich eine große Sache. Das Donnern und Feuern der Kanonen, die Turniere der Reiter und das ganze Getue der Mönche machte auch wirklich auf die Neubekehrten den Eindruck, den die Mönche so sehr wünschten. Die Indianer sollten davon überzeugt werden, daß die Leute, die alle diese merkwürdigen Kunststücke ausführen konnten, einen Gott haben mußten, der mehr konnte als ihr alter indianischer Gott, und der deshalb ihren alten Göttern überlegen sein mußte.

Den tiefsten Eindruck auf die Indianer aber machten nicht die donnernden und feuerspuckenden Kanonen, sondern die Reiter und die Pferde. Da es auf dem amerikanischen Kontinent keine Pferde gab, so hatten die Indianer niemals Pferde gesehen. Sie betrachteten den Reiter und das Pferd als ein gemeinsames Wesen. Und es erschien ihnen als das gräßlichste aller Ungetüme, das sich nur vorstellen läßt. Es hatte vier Beine, konnte rascher laufen als der schnellste Läufer, es hatte zwei Köpfe, einen Menschenkopf und einen seltsamen langen Kopf mit großen runden Augen, es hatte einen langen Stachel, die Lanze des Reiters, und ein kurzes Messer, das Schwert, mit dem es nach allen Seiten Hiebe austeilen konnte.

Cortes ließ diese gastfreundlichen Indianer völlig ausgebeutet zurück, ohne ihnen irgendeine andere Bezahlung für ihre gastfreundliche Hilfe zu hinterlassen, als ihnen gezeigt zu haben, wie sie ihre Sünden abwaschen könnten, von deren Vorhandensein sie bisher gar nichts gewußt hatten.

Jedoch am Tage seiner Abreise beschloß er, ihnen etwas zurückzulassen, was sie als genügende Bezahlung anerkennen würden, ohne die Weißen als gar zu große Knicker in Erinnerung zu behalten. Deshalb, um seine Dankbarkeit zu beweisen, bot er den Eingeborenen bei seiner Abreise als Zeichen der guten Freundschaft ein fußlahmes Pferd an, das für seine Weiterreise nur ein Hindernis war.

Die Indianer nahmen diese Gabe in Empfang mit den aufgeregten Gesten und Reden von Leuten, die eine so fürstliche Bezahlung für erwiesene Dienste nie erwartet haben.

Dann verschwanden Cortes und seine Armee ebenso mysteriös, wie sie gekommen waren. Allein nur das lahme Pferd, das die Eingeborenen jetzt im Besitz hatten, bewies ihnen, daß alles das, was sie in den vergangenen Tagen erlebt und gesehen hatten, kein Traum, sondern Wirklichkeit gewesen war.

Nun wohl, Cortes hatte seinen freundlichen Wirten ein Pferd als Geschenk hinterlassen. Was er ihnen aber nicht hinterlassen hatte, das war eine genügende Kenntnis von der Nahrung und der Pflege eines Pferdes. Tausende und aber Tausende von Indianern aus den benachbarten Regionen waren inzwischen erschienen, um das Pferd zu sehen und zu bewundern. Da das Pferd so intim verknüpft war mit diesen mysteriösen weißen bärtigen Leuten, die Donner und Blitz erzeugen konnten, so fühlten die Indianer die tiefste Ehrfurcht gegenüber diesem Tier. Sie boten ihm die schönsten Blumen und Blüten als Opfergabe an.

Jedoch dieses göttliche Tier schnüffelte nur stolz an diesen Opfergaben herum und wendete dann seinen Kopf verächtlich hinweg.

Darüber waren die unschuldigen Kinder dieses sonnigen Landes recht betrübt. Sie beteten und sangen, tanzten und hielten feierliche Prozessionen ab, um diese göttliche Kreatur wieder zu versöhnen.

Endlich sagte ein alter Medizinmann: „Seht ihr denn nicht, das göttliche Wesen ist verwundet am Fuß. Behandelt es entsprechend.“

Die Indianer häuften nun vor dem Rößlein Riesenberge von gebratenen wilden Truthühnern auf; denn gebratene Truthühner werden bei den Indianern als die Nahrung für Verwundete angesehen.

Trotzdem die Truthühner auf schön geschliffenen Kupferplatten, mit Blumen, Früchten und köstlichen Kräutern, vorgesetzt wurden, das Pferdlein schüttelte nur seine Mähne und trampelte ungeduldig mit den Füßen.

Dieses Trampeln mit den Füßen gab den Indianern eine andere Idee. Es wurde eine schöne Jungfrau erwählt, die man nun dem Pferde anbot. Aber das Roß war viel zu stolz, diese liebliche Gabe auch nur zu beschnüffeln. Das war ja auch ganz verständlich. Das Mädchen war bronzebraun, während das Pferdchen nur an weiße Jungfrauen gewöhnt war.

Obgleich hier ein lahmes Pferdchen die seltene Gelegenheit hatte, das glücklichste Leben zu führen, das einem Pferd auf Erden und im Besitz von Menschen je gegönnt war, obgleich dieses himmlische Geschöpf nur wenige hundert Schritte entfernt war von den schönsten Weiden, bewachsen mit saftigem und immergrünem Grase, trotzdem die Felder der Indianer reich standen mit dem herrlichsten Mais, so mußte dieses unschuldige Tier qualvoll verhungern. Es legte sich eines Tages hin und starb.

Voll von Schrecken und abergläubischer Furcht standen die Indianer um den toten Körper des göttlichen Tieres. Und da sie seine Rache fürchteten, weil sie es so schlecht behandelt hatten, daß es vorzog, zu sterben, wurde ein geschickter Steinhauer unter ihnen beauftragt, eine Skulptur des Pferdes anzufertigen, die im Haupttempel aufgestellt wurde.

Dreiundneunzig Jahre später, im Jahre 1618, kamen zwei Franziskaner-Mönche an jenen See, um Heiden zu bekehren. Seit Cortes die Gegend verlassen hatte, war nie wieder ein weißer Mann in jenem fernen Winkel des Landes aufgetaucht.

Die beiden Mönche traten in den Tempel, und sie waren aufs höchste erstaunt, als sie hier eine riesenhafte steinerne Skulptur eines Pferdes vorfanden, in einer Gegend der Erde, wo Pferde völlig unbekannt waren.

Aber dann glaubten sie ihren Sinnen nicht mehr trauen zu dürfen, als sie sahen, daß die Indianer diese steinerne Skulptur als höchsten Gott anbeteten. Und die Mönche wurden völlig verwirrt, nachdem sie fanden, daß hinter dem steinernen Pferde ein gewaltiges hölzernes Kreuz aufgerichtet war. Es stellte sich heraus, daß jenes steinerne Pferd als der allein wahre Gott des Donners und des Blitzes angebetet wurde.

Es ist erklärlich, daß der Bericht jener Mönche viel Aufregung unter den Leuten, die sich mit der Erforschung des Landes und mit der Geschichte der Indianer befaßten, hervorrief. Die wildesten Gerüchte und Vermutungen tauchten auf, wie die Indianer in diesem fernen Gebiete des Kontinents dazu gekommen seien, ein Pferd in Verbindung mit einem Kreuz als Gott zu verehren. Diese Vermutungen und Spekulationen würden vielleicht die Erforscher der indianischen Geschichte auf die verwirrtesten Abwege geführt haben, wenn man nicht in einem der Briefe, die Cortes an den Kaiser Karl V. schrieb, eine Notiz gefunden hätte, die den Sachverhalt völlig aufklärte.

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