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Der Busch

DIE AUFERWECKUNG EINES TOTEN

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„Wir müssen zwölf Mules von der Weide haben“, sagte der Farmer, Mr. Hilbert, zu seinem Foreman Toribio. „Wir wollen morgen mit dem Durchpflügen der Tomatenfelder anfangen. Reiten Sie rauf auf die Prärie und fangen Sie die zwölf Mules ein.“

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Das war sehr früh am Morgen.

Als Toribio auf dem Wege war, traf er den Indianerburschen Elfego. Elfego war achtzehn Jahre alt und wohnte mit seinen Eltern im Dorfe. Er hatte seine Kühe auf die Prärie getrieben und war jetzt auf dem Heimwege. „Wo reitest du denn hin?“ fragte er Toribio.

„Ich soll für den Patron zwölf Mules einfangen und runterbringen, wir brauchen sie zum Pflügen.“

„Das würde mir gerade Freude machen“, sagte Elfego darauf, „dir bei dem Einfangen zu helfen. Ich habe jetzt doch weiter nichts zu tun.“

Er wendete sein Pferd und ritt nun mit Toribio hinauf auf die Weide des Amerikaners. Die Weide lag über dem Tal, auf einer Hochebene, wo auch ein angelegter Teich genügend Wasser hielt, um die Tiere auf der Weide zu tränken. Mr. Hilbert hatte hier gutes Guinea-Gras angebaut, das vorzügliches Futter für seine Viehherden und für seine Mules und Pferde gab, die hier hinaufgetrieben wurden, wenn unten auf den Feldern keine Arbeit für sie war. Die Weide war ringsum von dichtem Ur-Busch umgeben. An der Nordseite war die Weide durch einen steilen Abhang begrenzt, der aus sehr grobem felsigem Gestein bestand. Das Einfangen der Mules würde Toribio schwergefallen sein, wenn er nicht Elfego zur Hilfe gehabt hätte; denn die Mules waren lange nicht in Arbeit gewesen und waren darum ziemlich verwildert. Endlich hatten sie zehn Mules beisammen. Toribio hatte sie gekoppelt, und es fehlten nur noch zwei, die er herauszufangen hatte.

Toribio trieb dem Elfego ein Mule entgegen. Elfego schwang den Lasso weit aus, um es zu fangen. Aber das Mule brach durch eine rasche Wendung unter dem Lasso aus. Nun versuchte Elfego das Mule zu umgehen und es Toribio zuzutreiben, der den andern Halbkreis hielt, auf den das Mule zujagen mußte.

Als Elfego in rasendem Ritt innerhalb seines Halbkreises das Mule beinahe abgedrängt hatte und den Bogen noch um einige Längen zu erweitern suchte, um das Tier überraschend von hinten zu packen, hielt, mitten im rasendsten Lauf, sein Pferd mit einem Ruck an. Denn vor sich hatte das Pferd plötzlich den felsigen Abhang entdeckt, auf den Elfego sein Pferd zu dicht gejagt hatte, weil er infolge des hohen Grases die Entfernung von dem Abhang unterschätzt hatte. Durch den plötzlichen Ruck des Haltens wurde Elfego, dessen Körper sich im Zeitmaß des rasenden Galopps befand, kopfüber aus dem Sattel geschleudert. Er sauste über dem Kopf seines Pferdes über den Rand des Abhangs. Er fiel nicht tief. Vielleicht nur drei Meter. Aber er traf mit dem Kopf zuerst auf und blieb bewußtlos liegen.

Toribio hatte gesehen, wie Elfego hoch über den Hals des Pferdes ging. Aber er glaubte, es sei nur ein gewöhnlicher Fall, wie er häufig beim Reiten vorkommen kann, und er war überzeugt, daß Elfego nur in das Gras gefallen sei, weil auch Toribio der Meinung war, daß dort der Abhang noch nicht beginne; denn er hielt Elfego, der ja die Weide gut kannte, nicht für so unvorsichtig, daß er so dicht an den Abhang reiten würde. Freilich war Elfego im Eifer des Fangens, und er war auch schon darum nicht zu tadeln, weil hier der Abhang eine Bucht in die Weide hineinbog, die durch das hohe Gras nicht zu erkennen war.

Toribio richtete jetzt auch sein ganzes Augenmerk auf das umkreiste Mule, das auf ihn zugejagt kam, weil es sich noch immer von Elfego verfolgt dachte. Toribio schwang den Lasso, der Lasso fing, und er ritt nun auf das keuchende Tier zu, das jetzt stillstand, um es zu den übrigen zu bringen und dort zu koppeln, bis alle zum Abtreiben bereit waren.

Ob Elfego inzwischen aufgestanden war oder nicht, konnte Toribio infolge des hohen Grases, das an vielen Stellen den Kopf des Reiters überragte, nicht sehen. Als er sich rückwärts wandte, bemerkte er ein weidendes Mule in der Nähe eines großen schattigen Baumes. Er stieg vom Pferde, nahm den Lasso mit und schlich sich vorsichtig durch das hohe Gras an das weidende Tier, dem er sich unauffällig so weit nähern konnte, daß er es vom Boden aus lassote. Er hatte jetzt alle zwölf Mules beisammen.

Nun pfiff er hinüber zu Elfego. Aber er bekam keine Antwort. Dann rief er, aber auch jetzt hörte er nichts. Endlich stieg er aufs Pferd und ritt hinüber zu der Stelle, wo er Elfego hatte fallen sehen. Das Pferd Elfegos stand ruhig da und weidete.

Toribio kam zu der Bucht und sah dort Elfego unter sich. Er kletterte hinab, hob Elfego auf und setzte ihn aufrecht auf den Stein. Er schüttelte ihn, und nach einer Weile kam Elfego zu sich, verstört und ungewiß, wie aus einem langen Schlafe erwachend.

Toribio untersuchte ihn, aber er fand keine Verwundung. Dann fragte er: „Tut dir etwas weh, Elfego?“

„Nein“, sagte Elfego. „Es tut mir nichts weh. Der Kopf tut mir ein wenig weh. Ich glaube, daß ich eine Beule habe.“

Toribio untersuchte den Kopf, aber er fand keine Beule.

„Kannst du heimreiten?“ fragte Toribio.

„Ja, natürlich kann ich heimreiten.“

Er stand nun auf und kletterte an dem Abhang hinauf, ohne daß er der Unterstützung Toribios bedurfte. Toribio holte die Pferde heran. Elfego stellte den Fuß in den Bügel, schwang sich hoch und wollte sich gerade in den Sattel setzen, als er sagte: „Mir wird schlecht, auch schwindlig im Kopf. Ich werde mich lieber dort noch eine Weile in den Schatten des Baumes setzen und ein wenig ausruhen.“

„Gut“, sagte Toribio. „Ich setze mich mit dir dorthin. Wir haben Zeit. Wenn ich erst am Nachmittag mit den Mules hinunterkomme, macht es auch nichts.“

Sie gingen beide hinüber zu dem Baum.

Hier stand Elfego eine Weile, dann tastete er nach dem Baumstamm, weil er fürchtete, nach vorn zu fallen, hierauf schüttelte er mit dem Kopfe, als ob ihm der Kopf lose auf dem Halse sitze, dann erbrach er sich heftig, hierauf sank er in die Knie, endlich fiel er mit dem Kopfe vornüber, kollerte langsam rollend auf die Seite, streckte sich aus und war tot.

Toribio schüttelte ihn heftig, klopfte ihm auf die Handflächen und auf den Puls sowie auf den Nacken, aber er kam nicht mehr zu sich. Er atmete nicht mehr, und sein Herzschlag war nicht mehr zu hören.

Toribio zog ihm sein Taschentuch aus der Tasche und deckte es über sein Gesicht, dann lüftete er den Sattel an dem Pferde des Verunglückten, zog die Säcke hervor, die als Satteldecken dienten, und deckte den Toten damit zu, um die Geier fernzuhalten.

Dann setzte er sich auf sein eigenes Pferd. Und als er aufgesessen war, dachte er eine Weile nach, ob er die Mules erst hinuntertreiben oder ob er besser schnell ins Dorf reiten solle, um den Eltern Elfegos zu sagen, was geschehen sei. Er kam nach kurzem Nachdenken zu dem Entschluß, sofort im schnellsten Trab heimzureiten und die Mules später abzutreiben, weil er ja doch mit dem Vater Elfegos wieder heraufreiten würde, um ihm zu zeigen, wo der Junge läge.

Er fand den Vater nicht daheim. Der Vater war in der Departementshauptstadt, wo er mit einem Holzhändler wegen Holzlieferung verhandelte.

Nur die Mutter war daheim. Elfego war ihr einziges Kind. Sie schrie auf in einem schrillen Kreischen.

Die Nachbarn kamen gleich herbei, und einige Männer und Burschen gingen zu Mrs. Hilbert und baten sie um einen leichten Wagen, mit dem man bis dicht an den Berg fahren könne, um den Leichnam heimzuholen. Nachmittags um drei Uhr waren die Leute mit dem Wagen und mit dem Verunglückten im Dorf. Am Eingang des Dorfes hielten sie an. Sie banden rasch ein Gestell zusammen, legten Elfego darauf, deckten eine Decke über ihn und trugen ihn so, in einem feierlichen Aufzuge, alle Träger und Begleiter entblößten Hauptes, der Mutter ins Haus.

Als die Träger vor dem Stacheldrahtzaun, der das kleine Anwesen der Eltern Elfegos einzäunte, erschienen, schrie die Mutter gellend auf, und alle ihre Nachbarinnen und weiblichen Verwandten, die im Hause auf den Verunglückten warteten, fielen in das gellende Schreien mit ein.

Die Mutter hatte sich einen Tisch ausgeliehen und den Tisch mit ihrem eigenen zusammengestellt, ein weißes Laken darübergebreitet, Blumen daraufgestreut, am Kopfende ein großes grellfarbiges Bild der Jungfrau Maria aufgestellt und sechs Kerzen angezündet, die vor dem Bilde standen.

Der Verunglückte wurde auf den Tisch gelegt, und die Mutter warf sich über ihn hin.

Die schlichte Stube in dem dünnwandigen Holzhause war gedrängt voll Menschen. Mrs. Hilbert war auch anwesend und bemühte sich zu helfen oder die weinende Mutter zu beruhigen.

Es war wohl etwa während dieser Zeit, als ich am Hause des Mr. Hilbert vorritt, vom Pferde stieg, ins Haus kam, um Mr. Hilbert um einige Zeitschriften zu ersuchen und eine halbe Stunde mit ihm zu schwatzen. Wir saßen schon eine gute Weile zusammen, da kam Toribio ins Haus und erzählte die Geschichte. Bisher wußte Mr. Hilbert nichts davon, weil er soeben erst von einem seiner fernen Außenfelder hereingeritten gekommen war und seine Frau sich ja im Hause des Verunglückten befand. Er hatte die Mädchen nicht gefragt, wo sie sei.

„Dann lassen Sie uns nur einmal hingehen und zusehen, was da vor sich geht“, sagte Mr. Hilbert.

Wir kamen in das Haus und fanden das ganze Dorf versammelt. Die Leute, die nicht im Hause Platz fanden, standen draußen herum. Alle betrachteten sich den Toten und gingen dann wieder hinaus, um draußen herumzustehen. Die Frauen beschäftigten sich unausgesetzt, meist mit ganz überflüssigen Dingen, aber sie taten es, um der Mutter zu zeigen, daß sie ihr hilfeleistend zur Seite stünden.

Mr. Hilbert und ich, wir traten nun ganz dicht heran an den Leichnam und sahen ihn uns an.

„Wann ist er denn gestorben?“ fragte ich. „Welche Zeit?“

„Früh um neun ungefähr.“

Ich sah nach der Uhr.

„Und jetzt ist es fünf.“

Ich hob die Augendeckel des Toten auf, fühlte an seine Backen, fühlte die Schädeldecke ab, tastete auf die Brust, nahm die Hände auf und bewegte die Finger.

Mr. Hilbert stand hinter mir. Ich drehte mich zu ihm und sagte: „Der Junge ist nicht tot, der lebt noch. Angeblich soll er seit neun Uhr tot sein. Das sind acht Stunden bereits. Die Finger sind noch genau so gelenkig, wie bei mir und wie bei Ihnen, die Augen sind starr, aber nicht gebrochen. Fühlen Sie die Schädeldecke an. Na? Die ist doch ganz heiß. Wenn der Bursche acht Stunden tot wäre, dann dürfte nichts mehr heiß sein, und die Finger würden bereits erstarren. Wir haben gestern schweren Regen gehabt. Es war heute ein ungemein heißer Tag. Der Bursche müßte schon stinken. Aber er stinkt nicht. Nicht eine Spur.“

„Es scheint in der Tat, als ob Sie recht hätten“, sagte Mr. Hilbert. „Wir wollen ihn einmal bearbeiten.“

Die Mutter, die interesselos in einer Ecke saß und nur gelegentlich einmal gellend aufschrie, sah jetzt auf, als ich den Burschen so eingehend untersuchte und dann mit Mr. Hilbert den Fall besprach.

„Geben Sie mir einen Spiegel“, sagte ich zu einer Frau. Der Spiegel wurde gebracht, und ich hielt ihn gegen den Mund des Verunglückten. Ein ganz leiser Hauch war auf dem Glase sichtbar, als ich den Spiegel betrachtete.

Alle Anwesenden, auch die Mutter, hatten mich während dieses Vorganges fortgesetzt beobachtet. Sie erweckten den Eindruck, als wagten sie nicht zu atmen. Sie erwarteten zweifellos, daß ich jetzt den Burschen bei der Hand nehmen und sagen würde: „Stehe auf und wandle!“, und er würde dann wandeln. Aber das ließ ich doch besser bleiben.

Ich sah nun auf und sagte: „Der Junge lebt noch; ich vermute, er hört jedes Wort, das wir hier sprechen. Er hat nur eine sehr schwere Gehirnerschütterung.“

Die Mutter sprang auf. Sie wollte einen Freudenschrei ausstoßen, aber sie besann sich noch rechtzeitig und preßte ihre Hand gegen den Mund.

„Freilich“, fügte ich nun hinzu, „ob der Junge wieder zu sich kommt, oder ob er bewußtlos bleibt und doch noch stirbt, das läßt sich nicht sagen. Er hängt genau in der Mitte.“

„Sagen Sie, was wir tun sollen“, wisperte die Mutter, „wir wollen alles tun, was Sie für richtig halten.“

Die Mutter wurde geschäftig und vergaß all ihren Schmerz. Von diesem Augenblick an betrachtete sie den Jungen nur noch wie einen Fieberkranken, den man mit aller Sorgfalt pflegen müsse.

Ich ordnete an, daß man Steine heiß mache und gegen die Fußsohlen lege. Dann ließ ich gleichzeitig heiße Umschläge auf den Leib machen. In der Tienda wurde Eis geholt, und ich ließ Eis auf die Schädeldecke legen und gegen den Hinterkopf. Ich sagte mir, der Kopf ist heiß, also muß im Kopf ein starker Blutandrang sein, und den müssen wir zum Leibe und zu den Füßen führen, damit das Blut wieder zirkuliert. Wir klopften den Puls, klopften die Brust an der Stelle des Herzens, und wir klopften die Waden und die Füße. Zuweilen machten wir noch künstliche Atembewegungen. Es wurde Ammoniak besorgt, und ich hielt es unter die Nase des Burschen, und dann flößte ich ihm einige Löffel voll starken Branntweins in den Mund.

Ich sprach etwa zwei Stunden später mit Mr. Hilbert, der inzwischen fortgegangen, aber jetzt wiedergekommen war, und ich machte den Vorschlag, dem Burschen am Puls eine Ader zu öffnen.

Durch diese Aderöffnung würde vielleicht das Blut zu laufen beginnen, und die Blutstockung im Hirn würde geringer werden. Eine Gefahr der Verblutung lag nicht vor, weil wir ja zur Hand waren und den Oberarm rechtzeitig abbinden konnten.

„Das erscheint mir sehr gut“, sagte Mr. Hilbert. „Aber ich rate Ihnen, tun Sie es nicht. Wenn auch die Mutter gesagt hat, daß sie Ihnen den Körper ihres Jungen bedingungslos überantwortet – geht es schief, können die Leute Sie anzeigen, daß Sie hier operiert haben, und die Sache kann so gedreht werden, daß behauptet wird, Sie haben den Jungen durch die Aderöffnung getötet. Das kann eine unangenehme Sache werden. Solange wir rein äußerlich hier arbeiten, mit heißen Steinen, Umschlägen und Eisauflagen, das schadet nichts; aber wenn Sie schneiden, dann kann man Ihnen etwas anhängen, was Sie nicht mehr loswerden.“

Das war ein guter Rat. Man ist ein Fremder, und man befindet sich unter einer fremden Rasse, die anders denkt und anders urteilt.

So unterließ ich die Aderöffnung.

Nun war es elf Uhr nachts. Ein Teil der Leute war gegangen, dafür aber waren andere erschienen, die aus entfernter liegenden Dörfern gekommen waren, sei es auf der Durchreise, oder sei es aus Neugierde.

An dem Verunglückten hatte sich nichts geändert. Die Finger und Zehen, wie alle Gelenke, waren weich und beweglich, die Augen waren nicht gebrochen, die Schädeldecke war noch immer heiß, wenn auch nicht mehr so heiß wie am Nachmittag, die Lippen waren bläulich mit einem rötlichen Schimmer; und die Fingernägel waren kalkweiß, aber wenn man sie ganz heftig preßte und dann losließ, nahmen sie einen ganz dünnen, rosigen Hauch an. Ich hielt ein brennendes Zündholz auf den Unterarm. Die Haut rötete sich leicht, zog aber keine Blase. Ich kühlte den Spiegel mit Eis und hielt ihn gegen den leicht geöffneten Mund. Ein kaum sichtbarer Schleier zeigte sich auf dem Spiegel. Die Augenlider waren dicht geschlossen, und wenn man sie hob, schlossen sie sich nach einer Weile langsam wieder. Der Bursche lebte noch immer. Da war kein Zweifel.

Das braune Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, der sich von dem Ausdruck, den das Gesicht am frühen Nachmittag gezeigt hatte, völlig unterschied. Am Nachmittag trug das Gesicht den starren Ausdruck eines Toten. Jetzt dagegen hatte das Gesicht den Ausdruck eines Menschen, der tief schläft wie in einem schwer narkotischen Rausch. Man gewann den Eindruck, daß der Bursche jeden Augenblick die Augen aufschlagen müsse, einen Eindruck, den man am Nachmittag nicht hatte.

Mit den Neuangekommenen war ein Spanier ins Haus getreten. Ich kannte ihn. Er war ein Aufkäufer von Holzkohle.

Sobald er in den Raum getreten war, tat er sich sofort wichtig. Er warf seinen Hut in die Ecke, drängte sich durch die Leute, kam auf den Verunglückten zu, packte ihn brutal an, als ob er damit zeigen wolle, daß er allein wisse, wie man einen solchen Fall zu behandeln habe. Er tat sehr geräuschvoll. Weil bisher alles sehr ruhig hier zugegangen war, alle Handlungen, das Auswechseln der Steine und Umschläge sowie die immer wieder aufgenommenen Atembewegungen und Massierungen, wohl energisch und sicher, aber doch schweigend oder nur flüsternd gehandhabt wurden, wirkte das Gebaren des Spaniers ungemein lästig und aufdringlich.

Er fühlte die Backen des Verunglückten an, hob die Augenlider auf und sagte dann sehr laut und kommandierend: „Der ist nicht tot, wir werden ihn gleich hoch haben. Das ist ja alles verkehrt, was hier gemacht wird. Umgekehrt. Das Eis mal sofort auf die Füße und Eisumschläge auf den Leib. Auf den Kopf und auf den Nacken müssen die heißen Steine.“

Die Mutter des Verunglückten, die bisher alles, wie ich es anordnete, willig getan hatte und meinen Ratschlägen auf das Wort vertraute, blieb mitten im Zimmer stehen. Sie trug gerade einen heißen Stein in einem Stück Sackleinwand in der Hand, um ihn gegen den kaltgewordenen Stein an den Füßen auszuwechseln. Sie wurde völlig verwirrt und sah mich mit aufgerissenen Augen an, was ich dazu sage.

Ich zuckte mit den Schultern, trat zurück von dem Verunglückten und ging in den Hintergrund, das Feld dem Spanier überlassend. Hier hatte allein die Mutter zu entscheiden, welchen Anordnungen gefolgt werden sollte.

Ich sah, daß sie sprechen wollte, und ich fühlte, daß sie sagen würde, der Spanier möge seiner Wege gehen. Aber der Spanier ließ ihr keine Zeit, irgend etwas zu denken oder zu sagen. Er riß ihr den Stein beinahe aus der Hand, packte mit harten Griffen das Eis unter dem Nacken und auf dem Kopfe fort, legte es zu den Füßen und stopfte alle heißen Steine, die er bekommen konnte, unter den Nacken und unter den Hinterkopf.

Die Mutter stand jetzt regungslos im Zimmer. Sie kümmerte sich um nichts mehr. Sie tat nichts mehr. Sie erschlaffte völlig. Alle Aufregung, die sie seit zwölf Stunden oder länger gehabt hatte, zeigte sich nun ganz plötzlich in einer Ermüdung, der sie nicht mehr widerstehen konnte. Das rasche brutale Gebaren des Spaniers wirkte auf sie wie ein harter Schlag, der ihren Willen, ihr Hoffen und alle ihre Widerstandskraft lähmte. Sie schleppte sich zu einem Stuhl in der Ecke des Zimmers, wo sie niedersank und ganz in sich zusammenfiel.

Der Spanier arbeitete laut und lärmend, kommandierend und unausgesetzt schwätzend um den Verunglückten herum. Alles war verkehrt, die Beine müßten viel höher liegen als der Kopf, und wenn er nicht glücklicherweise vorbeigekommen wäre, hätte man den armen Burschen gar lebendig eingegraben. Mr. Hilbert und ich, wir hatten während dieser Zeit im Hintergrunde gestanden. Als jetzt einige Leute das Zimmer verließen, kamen wir wieder näher zu dem Tische, auf dem der Verunglückte lag.

In der halben Stunde, in der wir den Körper nicht gesehen hatten, hatte sich nun etwas Merkwürdiges ereignet. Der Ausdruck des Gesichts hatte sich völlig verändert.

Der Mund hatte sich zu einem sonderbaren ironischen Grinsen verzogen, das die volle ungeschminkte Antwort auf die Frage enthielt: „Wißt ihr, was ihr alle mir mal könnt?“

Ich betrachtete den Burschen so eine Weile, dann stieß ich Mr. Hilbert leicht an. Auch er sah es. Der Unterkiefer sank langsam herab, und die kräftigen gesunden Zähne des Burschen traten scharf hervor.

Das war um halb eins in der Nacht. Und ich ging heim.

Am nächsten Morgen gegen acht Uhr ging ich wieder zu dem Hause. Das Haus war leer, alle Türen standen offen. Ich ging in das Nachbarhaus. Ich traf eine alte Indianerin, die da hockte und rauchte.

„Elfego?“ sagte die Frau. „Ja, wissen Sie das nicht? Die sind doch mit ihm auf den Friedhof gegangen. Heute morgen um sechs stank er, und die Finger waren hart, und da sind sie um sieben mit ihm losgegangen. Das wissen Sie doch aber, Senjor, der Spanier hat den armen Jungen ermordet.“

Das ist die Ursache, warum seitdem in jenem Dorfe behauptet wird, ich könne Tote erwecken, obgleich ich noch nie einen Toten erweckt habe.

Aber der Beweis, daß ich Tote erwecken kann, ist zweifelfrei erbracht, nach Meinung jener Leute. Denn selbst der einfachste und schlichteste Indianer wird die Tatsache begreifen: Wenn ich in allen Dingen genau das Gegenteil tue von dem, was einen Menschen tötet, so muß das Resultat immer sein: Eine Auferweckung des Toten.

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