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Der Busch

DER ESELSKAUF

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In dem Indianerdorfe, in dem ich lebte, lief alles Getier, Rinder, Ziegen, Schweine, Hühner und unzählige Hunde, frei herum. Irgendeinem Tier einen Stall zu bauen, hielt man für überflüssige Arbeit. Die Tiere fühlen sich hier alle viel wohler ohne Stall. Jeder Indianer kennt zudem sein Vieh ganz genau, auch wenn es keine Brandmarke trägt.

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Unter diesem Getier befanden sich viele Esel; denn jede Indianerfamilie hatte wenigstens zwei Esel. Der Esel ist in Zentralamerika wichtiger als eine gute Kuh. Das sah ich bald selbst ein, und ich beschloß, mir einen Esel anzuschaffen, auf dem ich zu meinem Felde reiten konnte, und der mir half, Holz und Feldfrüchte heimzuschaffen.

Ich bemerkte unter den herumlaufenden Eseln einen, der sicher keinen Besitzer hatte. Er wurde nie geritten, nie beladen, und wenn er sich in der Nähe einer Hütte sehen ließ, trieben ihn die Jungen fort oder hetzten die Hunde auf ihn.

Man konnte es leicht verstehen, warum niemand von den Indianern sein Besitzer sein wollte. Denn er war sehr häßlich. Das rechte Ohr stand waagerecht heraus, und das linke Ohr hing schlaff herunter, weil es, offenbar in des Esels weit zurückliegender Jugend, bei irgendeiner Gelegenheit gebrochen war. An dem einen Hinterbein hatte er eine dicke verhärtete Geschwulst, die von dem Biß einer Giftschlange oder dem Stich eines Skorpions herrühren mochte. Infolge der merkwürdigen Stellung der Ohren sah der Kopf sehr ähnlich dem eines Pariser Kunststudierenden.

Seine Unabhängigkeit und sein Vagabundenleben machten den Esel, der männlichen Geschlechts war, zum Herrscher über alle andern Esel im Dorfe, und er verfügte über die weiblichen Esel wie ein Despot. Natürlich immer zu seinen Gunsten und immer mit Erfolg. Rücksichtslos kämpfte er jeden Nebenbuhler nieder, und bei diesen Kämpfen machte er nicht nur von seinen Hufen, sondern auch von seinen Zähnen brutalen Gebrauch.

Einmal wurde er von zwei Indianerburschen mit Holz beladen, das der Esel der beiden Burschen abgeworfen hatte, weil er glaubte, die Last sei zu schwer für ihn, und er sich deshalb nicht verpflichtet fühlte, sie zu schleppen. Der häßliche Esel jedoch nahm die Last auf, als sei sie nur gerade Spielerei für ihn. Als er bei der Hütte der Burschen abgeladen war, wollte er nicht mehr fort von der Hütte. Seine Sehnsucht war, einen Herrn zu haben und eine Hütte, wo er das Recht hatte, während der Mittagsglut im Schatten zu stehen, ohne daß ihn jemand mit Steinen forttrieb. Die Jungen aber trieben ihn hinweg, nachdem er seine Gelegenheitsarbeit getan hatte, weil sie nicht Besitzer eines so grundhäßlichen Esels sein wollten.

Ich hatte den ganzen Vorgang mit angesehen, und ich wußte auch, daß niemand im Dorfe den Esel haben wollte und niemand sich als seinen Besitzer erklärte. Nun ging ich in die Hütte und fand den Vater der beiden Burschen auf dem Boden hocken, einen Mango mit den Zähnen abschälend.

„He, Boleo“, fragte ich, „wem gehört denn eigentlich der Hängeohresel?“

„Der gehört niemand, Senjor. Niemand im ganzen Dorfe. Auch mir nicht. Der ist hier einmal zugelaufen oder vielleicht auch von einer durchziehenden Karawane zurückgelassen worden. Quien sabe! Was weiß ich. Der gehört niemand. Auch mir nicht.“

„Dann könnte ich doch eigentlich den Esel haben. Ich brauche notwendig einen, und niemand hat einen volljährigen Esel zu verkaufen“, sagte ich nun.

„Natürlich können Sie ihn haben, como no“, antwortete Boleo, „wir sind alle recht froh, wenn der Esel jemanden kriegt. Dann bricht er uns wenigstens nicht mehr in die Felder. Aber er ist sehr häßlich, muy feo. Ich möchte ihn nicht anfassen, so häßlich ist er.“

„Da mache ich mir nichts daraus. Er ist stark und läßt sich gut reiten“, erwiderte ich.

Dann ging ich heim, holte einen Lasso, fing mir den Esel ein und brachte ihn zu meiner Behausung. Darauf lief ich zur Tienda, kaufte fünf Kilo Mais und gab meinem neuen Arbeitsgefährten ein paar Hände voll Mais zu essen. Er nahm den Mais – wohl den ersten seit langer Zeit – freudig und dankbar entgegen und fühlte sich von jenem Augenblick an bei mir zu Hause.

Am nächsten Tage ritt ich stolz auf meinem Esel auf mein Feld hinaus, und auf dem Heimwege belud ich ihn mit einer schönen Last Kürbisse für meine Ziegen. Der gute Esel wurde mir durch seine willigen Dienste nach wenigen Tagen schon unentbehrlich. Dadurch, daß ich auf das Feld hinausreiten konnte, war ich in der Lage, mehr zu arbeiten, und weil mir das starke Tier solche Lasten von Feldfrüchten heimschleppen konnte, bekamen die Ziegen besseres Futter und gaben mehr Milch.

So ging eine Woche vorüber.

Es war an einem Sonntagnachmittag, als ein Indianer zu meiner Hütte kam, mich begrüßte und um Feuer für seine Zigarette bat. Dann sagte er mir, daß es sehr heiß sei, daß er schwer zu arbeiten habe, daß sein jüngstes Kind an Husten litte und daß seine beiden Kühe recht wenig Milch gäben. Um mir das alles zu erzählen, war er nicht gekommen. Nach einer Weile deutete er zu meinem Esel hinüber, der an Maiskolben kaute, und sagte: „Das wissen Sie doch wohl, Senjor, daß dies da mein Esel ist?“

„Ihr Esel?“ fragte ich erstaunt. „Das ist nicht Ihr Esel. Der Esel gehört niemand.“

„Da sind Sie aber doch im Irrtum, Senjor. Das ist wirklich und wahrhaftig mein Esel, beim heiligen San Antonio. Aber wenn Sie ihn gern haben wollen, will ich Ihnen den Burro verkaufen. Billig, muy barato, fünf Pesos nur, hier in die Hand.“

Das war allerdings billig. Unter zwölf Pesos bekommt man schwerlich einen Esel; häufig kosten sie sogar fünfundzwanzig bis dreißig Pesos. Ich dachte, das beste ist, ich bezahle die fünf Pesos, dann bin ich rechtmäßiger Besitzer des Esels und habe mit niemand etwas zu tun. Ich handelte noch einen Peso herunter, und dann zog der Mann ab mit dem Gelde und mit den Versicherungen, daß ich sein Haus und alles, was er habe, als mein betrachten dürfe.

Es vergingen anderthalb Wochen, und als ich eines Spätnachmittags mit meinem schwerbeladenen Esel müde vom Felde heimwanderte, begegnete ich dem Indianer Rocio auf dem Wege.

Er sagte: „Buenas tardes, Senjor, viel Arbeit, mucho trabajo, verdad?“

„Gewiß“, antwortete ich und wollte weitergehen. Aber Rocio hielt mich an und sagte: „Morgen brauche ich den Esel. Ich habe Holzkohle draußen im Busch und muß sie hereinschaffen.“

„Welchen Esel meinen Sie denn, Rocio?“

„Den da.“ Dabei deutete er auf meinen Esel.

„Den können Sie morgen nicht haben“, gab ich zur Antwort. „Den brauche ich morgen selbst.“

Rocio sah mich ruhig und unverwirrt an und sagte: „Das ist mein Esel. Und ich denke doch nicht von Ihnen, Senjor, daß Sie, ein so vornehmer und kluger Mann, einem armen Indianer, der nicht lesen und schreiben kann, den Esel stehlen wollen.“

„Das ist aber mein Esel, Rocio. Den habe ich von Felipe für vier Pesos gekauft.“

„Von Felipe, Senjor? Da will ich Ihnen nur sagen, der Felipe ist ein gemeiner Schurke, ein Hurensohn, ein Lügner, ein Schwindler, ein Bandit, ein Mörder und ein großer Hausanzünder. Der hat Sie betrogen und belogen. Der hat keinen Funken Scham und gar keine Ehre. Der hat Ihnen den Esel verkauft, und er hat doch ganz genau gewußt, daß dies mein Esel ist, den ich selbst aufgezogen habe. Aber ich will Ihnen etwas sagen, Senjor, ich bin ein ehrlicher und ein anständiger Mann, die Heilige Jungfrau soll mich auf der Stelle mit den Pocken schlagen, wenn es nicht wahr ist. Und ich will Ihnen gern den Esel für sechs Pesos verkaufen. Er ist ja mehr als zwanzig wert; aber weil ich nicht ein solcher niederträchtiger Schurke bin wie der Felipe, so will ich Ihnen den Esel billig verkaufen, für zehn Pesos.“

„Sie haben doch soeben gesagt, für sechs Pesos.“

„Habe ich gesagt sechs? Wenn ich sechs gesagt habe, dann sollen Sie den Esel auch für sechs Pesos haben. Ich bin kein Betrüger.“

Nun dachte ich aber doch, daß es vielleicht besser sei, erst einmal genau festzustellen, ob Rocio nun auch wirklich der Besitzer sei, damit nicht vielleicht morgen ein anderer Besitzer auftauche. Dazu ließ mir aber Rocio keine Zeit. Er wollte sofort wissen, ob ich den Esel kaufe oder nicht. Wenn nicht, dann würde er ihn hier auf der Stelle sofort abladen und mich auch noch bei der Ortsbehörde wegen Viehdiebstahls anzeigen, und dann käme ich ganz bestimmt in die Carcel, in das Gefängnis.

Während wir uns noch herumstritten, kam ein anderer Indianer vorbei, den ich ebenfalls kannte.

Rocio fiel ihn sofort an und fragte: „Hombre, Mensch, das ist doch mein Burro hier? Ist das nicht mein rechtmäßiger Esel?“

„Freilich ist das dein Esel“, sagte der Mann, „claro, seguro, das kann ich gut beschwören.“

Also da waren Zeugen. Rocio war im Recht. Ich handelte. Und als es anfing, dunkel zu werden, waren wir auf drei Pesos und fünfzig Centavos herunter. Er begleitete mich zu meinem Wohnbereich, wo er das Geld in Empfang nahm und dann mit seinem Zeugen abwanderte, immerwährend beteuernd und lamentierend, daß ich ihn bei dem Kauf schmählich übers Ohr gehauen hätte, der Esel sei zehnmal mehr wert, aber gegen die schlauen Weißen könne sich so ein armer unwissender Indianer ja nicht verteidigen.

Es vergingen wieder mehrere Tage.

Als ich an einem Sonntagnachmittag an dem Hause des Bürgermeisters vorüberkam, saß der Alkalde, der Bürgermeister, ebenfalls ein Indianer, vor der Tür. Er rief mich an und bat mich, einen Augenblick näher zu treten.

Er bot mir einen wackligen Korbstuhl an und erzählte mir einige Sachen aus seiner Familie. Dann, als ich endlich gehen wollte, sagte er: „Wie ist das eigentlich mit dem Esel?“

„Mit welchem Esel?“ fragte ich.

„Mit dem Gemeindeesel, den Sie da in Ihrem Hofe haben, und den Sie reiten und arbeiten lassen.“

„Das ist mein Esel. Den habe ich gekauft“, sagte ich protestierend.

Der Alkalde lachte und antwortete: „Den Esel kann Ihnen niemand verkaufen. Das ist der Gemeindeesel. Wenn Ihnen jemand den Esel verkaufen kann, so bin das nur ich allein und niemand sonst.“

Ich begann zu erstarren.

Aber der Bürgermeister machte sich nichts daraus. Er sagte: „Der Felipe und der Rocio, das sind die größten und die gemeinsten Spitzbuben und Banditen. Das sind doch Mörder und Cabrones. Ich warte jetzt nur, bis die Soldaten von der Municipalidad demnächst wieder hier vorbeikommen. Dann lasse ich die beiden aber gleich verhaften, und da werde ich schon schnell dafür sorgen, daß sie sofort erschossen werden. Solch ein Gesindel habe ich hier im Dorfe.“

„Aber Rocio brachte einen Zeugen, der beschwören konnte, daß der Esel dem Rocio gehörte“, verteidigte ich meinen Besitz.

„Das war der Capillo“, sagte der Bürgermeister. „Der ist der allergefährlichste Bandit. Der hat Stacheldraht gestohlen. Den lasse ich auch erschießen. Gleich zuerst. Ich warte nur auf die Soldaten. Wie können denn diese Mörder und Hausanzünder und Frauenräuber den Gemeindeesel an Sie verkaufen! Ich habe doch gedacht, daß Sie als ein weißer Mann etwas klüger sein könnten. Gemeindeesel dürfen gar nicht verkauft werden. Aber ich will Ihnen etwas sagen, Senjor. Sie haben den Esel gern, das weiß ich. Und wir haben keinen einzigen Centavito in der Gemeindekasse. Und da darf ich Ihnen schon den Esel verkaufen, damit wir etwas Geld in die Gemeindekasse bekommen. Ich will Ihnen den Esel, der ganz gut und ganz sicher zweimal zwanzig Pesos wert ist, für zehn Pesos verkaufen, weil Sie ja schon diesen Halunken so viel Geld gegeben haben.“

Schließlich einigten wir uns auf vier Pesos. Ich bezahlte das Geld, und nun war ich endlich rechtmäßiger Besitzer des Esels. Für das Geld, das ich bereits ausgegeben hatte, würde ich auch einen guten und schönen Esel irgendwo bekommen haben. Von den beiden Halunken war natürlich nichts wiederzukriegen.

Dann kam Senjora Sanchez, eine ältere Frau, Halbblut, wieder heim ins Dorf. Sie war mehrere Wochen in Saltillo zum Besuch ihrer verheirateten Tochter gewesen. Im Dorfe besaß sie eine kleine Fonda, in der vorbeiziehende Karawanentreiber und Reisende zu übernachten und zu essen pflegten. Sie war keine zwei Stunden anwesend, da kam sie vor meine Hütte gerast wie eine Wahnsinnige. Am Stacheldrahtzaun stand sie und schrie: „Kommen Sie sofort einmal heraus, Senjor, ich habe ernsthaft mit Ihnen zu sprechen.“

Nach kurzer Überlegung hielt ich es für gut, sofort zu erscheinen.

Ohne „Guten Tag“ zu sagen, schrie sie: „Wo ist mein Esel? Sofort meinen Esel her, oder ich schicke gleich zur Municipalidad, damit die Soldaten kommen und Sie erschossen werden. Sie haben mir meinen Esel gestohlen!“

„Das ist der Gemeindeesel, den hat mir der Alkalde verkauft.“

„Der Spitzbube, der infame, wie kann Ihnen denn der Kindermörder und Holzräuber meinen Esel verkaufen! Sofort will ich meinen Esel.“

Was soll man gegen eine halb wahnsinnige Frau machen? Ich gab ihr den Esel. Sie nahm ihn in Empfang, schrie noch einmal: „Eine solche Unverschämtheit!“, und dann gab sie dem Esel einen Tritt und ließ ihn seiner Wege ins Freie ziehen. Sie hatte keine Verwendung für den Esel, und sie gebrauchte ihn nie.

Ich wollte wenigstens das retten, was ich schon gezahlt hatte, und ich fragte zaghaft, ob sie mir nicht den Esel verkaufen wolle. Denn sie war der rechtmäßige Besitzer. So konnte nur der auftreten, der zweifelsohne im vollen Recht war.

„Einem solchen Viehräuber, wie Sie einer sind, verkaufe ich meinen Esel nicht einmal für tausend Pesos. Spitzbubengesindel, Ihr!“ Und fort war sie.

Ich trabte zum Bürgermeister. Er wußte schon, was los war. Das geht schneller als mit Telephon.

„Das ist, glaube ich, richtig“, sagte der Mann. „Der Esel gehört der Senjora Sanchez. Aber sie war ja nicht hier. Sie war verreist. Und dann war das doch der Gemeindeesel, weil sie ja nicht hier war.“

„So genau kenne ich Ihre Spezialgesetze nicht“, erwiderte ich. „Aber ich möchte doch meine vier Pesos wiederhaben, die in der Gemeindekasse sind.“

„Die stehen Ihnen nun auch rechtmäßig zu“, sagte darauf der Bürgermeister. „Aber die vier Pesos sind nicht mehr drin in der Gemeindekasse. Ich habe sie ausgegeben. Für Gemeindezwecke.“

Gemeindezwecke? Ich hatte nichts davon gesehen, daß eine Straße geebnet oder eine Brücke gebaut oder sonst etwas getan worden war, seit ich das Geld in die Gemeindekasse gezahlt hatte.

Der Bürgermeister aber ersparte mir das Raten und sagte unschuldig: „Ich brauchte ein neues Hemd, sehen Sie, Senjor, und ein Stück Leder für meine Sandalen.“

Dagegen ließ sich nichts sagen. Da er der Bürgermeister war, so waren das in der Tat Gemeindezwecke, für die er das Geld verausgabt hatte. Denn ein Bürgermeister muß doch schließlich ein Hemd und ein Paar Sandalen haben.

Ich hoffe zuversichtlich, daß diese Geschichte hier mich endlich reinwäscht von der Beschuldigung, ich hätte irgendwo südlich des Rio Grande einen Esel gestohlen. Jenes Gerücht geht von der Senjora Sanchez aus, die mir nicht wohlgesinnt ist, weil ich nicht in ihrer Fonda verkehre.

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