DIPLOMATEN
Reading edition
Während der Regentschaft des Diktators Porfirio Diaz gab es in Mexiko weder Banditen, noch Rebellen, noch Eisenbahnüberfälle. Porfirio Diaz hatte das Land von den Banditen auf eine sehr einfache und gut diktatorische Weise befreit. Er hatte allen Zeitungen verboten, über Banditenüberfälle auch nur ein Wort zu berichten, es wäre denn, daß der Bericht von der Regierung selbst eingeschickt sei. Zuweilen hatte Porfirio Diaz ein Interesse daran, daß über Banditen- und Eisenbahnüberfälle berichtet wurde. Er wollte dann einem General, den er für bestimmte politische Zwecke brauchte, um sich in der Herrschaft zu erhalten, guten Verdienst zukommen lassen dadurch, daß er ihn mit seinen Truppen in die Banditenregion schickte. Das brachte für den so begünstigten General kleine Nebeneinnahmen von einigen zehntausend Dollar. Wenn der General sein Geschäft abgeschlossen und das Geld in der Tasche hatte – einkassiert bei allen Geschäftsleuten der Region, die den Kampf gegen die Banditen zu bezahlen hatten auf Grund der Rechnungen jenes Generals –, dann erschienen in aller Welt Berichte, daß der große Staatsmann Porfirio Diaz abermals das Land von Banditen mit eiserner Hand gesäubert habe, und daß fremdes Kapital in Mexiko so sicher sei, als läge es in den Gewölben der Bank von England. Einige Dutzend Banditen waren erschossen worden, darunter viele, die nicht Banditen waren, sondern Landarbeiter, die sich zu rühren begannen, um das grausame Joch der Latifundienbesitzer abzuschütteln. Ein halbes hundert Namen anderer Banditen, die erschossen worden waren, wurden in den Zeitungen veröffentlicht, um dem General das Einkassieren der Rechnungen zu erleichtern. Jene Namen erschienen glaubhaft. Sie hatten nur den Nachteil, daß sie keine Träger hatten, sondern daß sie der Sekretär des Generals von Grabsteinen abgeschrieben oder sie sich einfach ausgedacht hatte. Es wurden damals, mehr als heute, Zahlmeister, Manager und Ingenieure der großen amerikanischen Kompanien in Mexiko in die Berge verschleppt mit der Androhung, daß sie stückweise zu Tode gehackt würden, falls nicht das Lösegeld für sie innerhalb von sechs Tagen zur Stelle sei. Porfirio Diaz zahlte das Lösegeld an die Banditen, damit die amerikanischen Zeitungen nichts erfahren sollten und so das fremde Kapital abgeschreckt werden möchte. Dem befreiten Manne wurde noch ein Sümmchen außerdem in die Hand gedrückt als Schmerzensgeld und Schweigegeld. Aber Porfirio Diaz bezahlte das Lösegeld und das Schweigegeld nicht aus eigener Tasche. Hätte er das getan, so hätte er sich nicht den Ruhm verdienen können, daß er den Staatsschatz außerordentlich ökonomisch verwalte. Darum kassierte er das verauslagte Lösegeld und Schweigegeld von denselben amerikanischen Kompanien ein, zu deren Gunsten – richtiger zugunsten des befreiten Angestellten jener Kompanie – er es bezahlt hatte. Er verkaufte jenen Kompanien für teures schweres Geld besondere Konzessionen und Kommuneland, das er den Indianern wegnahm. Dadurch gewann er zwei neue Freunde, die an seiner Diktatorschaft interessiert waren. Der eine neue Freund war die begünstigte amerikanische Kompanie, der andere neue Freund war ein mexikanischer Großgrundbesitzer, der dadurch, daß den Indianern das Kommuneland weggenommen wurde, einen neuen Trupp von Heloten bekam, die für drei Centavos arbeiteten – „del sol hasta sol“ – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Was Zeitungen nicht berichten, existiert nicht. Besonders nicht für das Ausland. So erhält ein Land immer seinen guten Ruf. Alle Diktatoren arbeiten nach demselben Rezept.
Wie damals, so sind auch heute noch die Zeitungen in Mexiko – ohne Ausnahme – in konservativen Händen, in den Händen der Angehörigen jener Klasse, die die Diktatorschaft des Porfirio Diaz als das „Goldene Zeitalter Mexikos“ preist. Und weil diese Klasse in Mexiko vor dem Ansturm des indianischen und halbindianischen Proletariats zu wanken beginnt, so sind heute die Zeitungen jener Klasse voll von Geschichten über Banditen, Rebellen und Eisenbahnüberfällen; sie feiert jeden schäbigen Meuchelmörder und jeden ehrlosen General, wenn es sich um Individuen handelt, die der gegenwärtigen Regierung Schwierigkeiten bereiten. Heute ist in Mexiko – nach der Aussage jener Zeitungen – täglich die unbeschränkte Pressefreiheit in Gefahr. Unter der Diktatorschaft des Porfirio Diaz wurde jedoch, trotz der strengen Verbote, über Banditen zu berichten, von bedrohter Pressefreiheit nie gesprochen. Denn damals gab es die wahre und allein richtige Pressefreiheit, jene gepriesene Pressefreiheit, die im Interesse der kapitalistischen Klasse wirkt und nur in deren Interesse Pressefreiheit gestattet.
Trotzdem Porfirio Diaz alle Banditen nach seiner einfachen und wirksamen Weise völlig ausgerottet hatte, kamen dennoch zuweilen Dinge vor, die höchst peinlich wirkten und seinen schönen goldbronzierten Aufbau – schöner und geschickter, als ein Potemkin es je vermocht hätte – in Erschütterung zu bringen drohten.
* * *
Es sollte ein neuer Handelsvertrag zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten abgeschlossen werden, oder der alte sollte erweitert werden. Bei allen solchen Verträgen glaubte Porfirio Diaz stets, daß er der schlaue Fuchs sei und der große Staatsmann; aber wenn es zum Ende kam und man den Vertrag mit allen seinen Folgerungen genauer betrachtete, fand sich immer, daß Mexiko gründlich geleimt worden war.
Die Regierung der Vereinigten Staaten sandte einen ihrer besten Handelsdiplomaten; denn Mexiko ist von den Vereinigten Staaten immer als eines der wichtigsten Länder in handelspolitischer Beziehung mit den Vereinigten Staaten angesehen worden. Und Mexiko wird für ewig – in Zukunft bei weitem mehr als in der Vergangenheit – das wichtigste Land für die Vereinigten Staaten bleiben. Wichtiger als ganz Europa.
Porfirio Diaz, um den Diplomaten der nordamerikanischen Regierung gut einzuseifen, um – wie er dachte – ihn nachher um so besser barbieren zu können, und um ihm gleichzeitig zu zeigen, wie reich Mexiko sei und wie reich seine Bevölkerung – die obere Klasse, weniger als ein halb Prozent des Volkes – sei und wie kultiviert und zivilisiert, veranstaltete ein luxuriöses Fest zu Ehren des nordamerikanischen Handelsdiplomaten.
Feste zu geben war etwas, was wohl selten ein Mann so gut verstanden hat wie Porfirio Diaz. Das Fest, das er im Jahre 1910 der Welt gab, die sogenannte Centenariofeier, die Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit Mexikos von Spanien, gehört zweifellos zu den größten öffentlichen Festen, die bis heute auf dem amerikanischen Kontinent, um nicht zu sagen auf Erden, gegeben worden sind. Das strotzte und strahlte nur alles so in Gold, mit dem die Besucher aus fremden Ländern geblendet wurden. Die Millionen an Dollars, die jenes Fest das mexikanische Volk gekostet haben, sind nie gezählt worden. Die Besucher sahen nur jene goldstrotzenden Fassaden. Es war in außerordentlich geschickter Weise Vorsorge getroffen worden, daß kein fremder Besucher eine Möglichkeit hatte, zu sehen, was eigentlich hinter den goldenen Fassaden war. Hinter jenen Fassaden kauerten fünfundneunzig Prozent des mexikanischen Volkes in Lumpen und Fetzen, hatten fünfundneunzig Prozent des Volkes keine Schuhe oder Stiefel, lebten fünfundneunzig Prozent des Volkes nur von Tortillas, Frijoles, Chile, Pulque und Tee aus Baumblättern, lebten mehr als fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht lesen, und mehr als fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht einmal ihren Namen schreiben konnten. Wo in aller zivilisierten und unzivilisierten Welt ist je ein solches Fest gefeiert worden! Und was für ein kleiner mickriger Dorfmusikante war ein Fürst Potemkin gegenüber diesem großen Fanfarenbläser Porfirio Diaz, dem anläßlich jenes Festes von allen Königen und Kaisern die Brust so voll mit Orden und Kreuzen gehängt wurde, daß sechzig vollbeladene Eisenbahnfrachtwagen nicht ausreichten, jene Orden und Ehrenzeichen zu transportieren. So sieht ein goldenes Zeitalter aus.
Man wird zugeben müssen, daß Porfirio Diaz Feste zu geben verstand. Und das Fest, das er einige Jahre vorher jenem nordamerikanischen Diplomaten gab, war eine angemessene Vorfeier jener gloriosen Fassadenbeleuchtung.
Das Fest zu Ehren des Diplomaten wurde gegeben im Schloß zu Chapultepec in Mexiko City. Seit der Revolution ist jenes Schloß ziemlich verödet. Feste werden dort nur sehr selten noch gegeben, weil das mexikanische Volk heute wichtigere Dinge zu tun hat, als glänzende Feste zu feiern. Das Schloß ist in der Hauptsache nur noch ein Museum für fremde Touristen, die das Bett der Kaiserin Charlotte sehen wollen und es abtasten, ob Charlotte auch weich genug darin geschlafen hat. Hier war auch die Sommerresidenz des Kaisers der Azteken, dessen Bad noch zu sehen ist und gut erhalten wurde. Obgleich das Schloß die offizielle Wohnung des Präsidenten der mexikanischen Republik ist, so wohnen doch die revolutionären Präsidenten selten dort. Präsident Calles hat nie im Schloß gewohnt, sondern in einem schlichten Hause in der Nähe.
Aber unter Porfirio Diaz ging es lustig und herrlich im Schloß von Chapultepec zu. Er mußte sich die kleine, aber sehr fette Aristokratie des Landes warm und vergnügt halten, um an der Regierung bleiben zu können, so wie andere Diktatoren sich den Papst warm halten, wenn die Kapitalisten durch Geschäfte, die immer schlechter gehen, anfangen einzusehen, daß eine Diktatur auch ihre Nachteile hat. Zu dem Feste, das zu Ehren jenes Diplomaten gegeben wurde, war nur die Sahne der oberen Gesellschaft Mexikos geladen worden, um den Eindruck auf den Diplomaten zu vertiefen, wie elegant, wie zivilisiert, wie kultiviert und wie reich die Mexikaner seien. Es strotzte von glänzenden Generalsuniformen. Und Porfirio Diaz selbst, über und über mit Goldtressen und Goldverschnürungen beklebt, beleimt und behangen, sah aus wie ein Zirkusaffe, der die Hauptrolle in einer burlesken Operette spielt, deren Geschehnisse sich in irgendeinem fabulösen Balkanlande abwickeln. Die Damen waren mit Juwelen belastet wie das Hauptauslegebrett in dem Schaufenster eines Juwelenhändlers in einer der elegantesten Straßen von Paris zwischen zwei und sechs Uhr nachmittags. Alles in allem gesagt, es war die erlesenste Gesellschaft, die Porfirio Diaz nur aufbringen konnte.
Der nordamerikanische Diplomat war nicht zum ersten Male in seinem Leben von seiner Regierung damit beauftragt worden, Handelsverträge mit fremden Ländern durchzuberaten und abzuschließen. Nur wenige Zeit vorher hatte er einen Handelsvertrag zwischen seinem Lande und England geschickt zu Ende geführt. Bei diesem Vertrag hatte England, ohne daß er oder die amerikanische Regierung das begriffen, den fetteren Bissen erwischt, wie das England bei allen solchen oder ähnlichen Vorfällen immer gelingt. Um den nordamerikanischen Diplomaten für diese gute Arbeit auszuzeichnen und zu ehren und ihn so lange zu hypnotisieren, bis der Handelsvertrag unterzeichnet und von den Parlamenten beider Länder ratifiziert worden war, empfing ihn der König von England in Privataudienz, und da er ihn nicht zum Ritter erheben konnte – ein guter republikanischer Amerikaner läßt sich so etwas nicht gefallen –, verlieh er ihm eine goldene Taschenuhr, reich mit Brillanten gespickt und versehen mit schellenläutender und ehrenvoller Widmung und mit dem eingravierten Namenszug Edward VII., König von England und Kaiser von Indien.
Auf diese Uhr war der Diplomat natürlich sehr stolz, wie jeder gute republikanische nordamerikanische Mann stolz darauf ist, wenn ihm ein europäischer König oder Großherzog am Rockknopf gedreht hat. Denn es kommt auf die erste Seite aller amerikanischen Zeitungen.
Es war ganz natürlich, daß der Diplomat auf jenem Feste diese Uhr Don Porfirio zeigte. Don Porfirio fühlte sich außerordentlich geschmeichelt, daß die nordamerikanische Regierung ihn für so wichtig hielt, einen so bedeutenden Diplomaten, der vom König von England ausgezeichnet worden war, nach Mexiko zu schicken, um mit ihm, mit Don Porfirio, einen neuen Handelsvertrag zu beraten und zu beschließen. Dadurch fühlte sich Porfirio Diaz hochgeehrt, denn er wurde ebenso wichtig betrachtet wie der König von England. Solches Gleichstellen mit Königen und Kaisern machte Porfirio Diaz für alles gefügig, eine Tatsache, die den Regierungen aller fremden Länder und allen Diplomaten wohlbekannt war und rücksichtslos, zum Unheil des mexikanischen Volkes, von allen Regierungen und Diplomaten ausgenutzt wurde. Denn Porfirio Diaz war ja, wie die Mehrzahl aller Diktatoren, nur ein Emporkömmling, der weder durch seine Herkunft, noch durch seine Familie, noch durch seine Erziehung, noch durch sein Geld, noch durch seine Begabungen ein begründetes Recht hatte, von der Aristokratie des Landes zu den Ihrigen gezählt zu werden. Die Eigenschaft, die am höchsten bei ihm entwickelt war, hieß Eitelkeit.
Als er die Uhr betrachtete, überlegte er bereits, wie er das Geschenk des Königs von England überbieten könne und in welcher Form, so daß alle Länder der Erde davon hören und berichten konnten.
Die Uhr wurde natürlich auch von allen anwesenden Generalen betrachtet und gebührend bewundert.
Nachdem die Begrüßungszeremonien und die Vorstellungsformalitäten vorüber waren, begab man sich zu dem großen Bankett, wo viele gute Reden über die vorzüglichen Beziehungen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten und zwischen Mexiko und allen anderen Ländern gehalten wurden und wo jeder anwesende Diplomat sich seine Pflichtrede dadurch erleichterte, daß er das goldene Zeitalter Mexikos pries, und besonders den pries, der für das goldene Zeitalter Mexikos allein verantwortlich war, und das war kein anderer als Don Porfirio.
Als nun auch das vorüber war, rüstete sich alles für den großen Ball, der im Stil der Gesandtenempfänge in Paris heruntergetanzt wurde. Denn Don Porfirio war ein Verächter alles dessen, was mexikanisch oder gar indianisch war, und ein Bewunderer alles dessen, was französisch roch oder dem Hofleben von Wien ähnlich sein konnte. Diese Bewunderung reichte zuweilen hinan zu vollständiger Idiotie. Beweis: Das Opernhaus in Mexiko.
Während einer Pause des Balls bemerkte der nordamerikanische Diplomat plötzlich, daß seine wertvolle Ehrenuhr nicht mehr da war, wo sie ursprünglich gewesen war. Bei längerem aufgeregtem Suchen fand er sie auch in keiner anderen Tasche seines Frackanzuges. Und als er nachher zusah, entdeckte er, daß die Uhr von der goldenen Kette, an der sie gehangen hatte, sehr elegant abgeknipst worden war, und zwar, wie später die Detektive feststellten, mit Hilfe einer Nagelschere.
Der amerikanische Diplomat hatte Takt genug, zu wissen, daß man so etwas nicht erwähnt, wenn es sich um eine gewöhnliche goldene Uhr handelt, die bei einem derart hochgeschraubten diplomatischen Fest verlorengeht. Man gibt vielleicht dem Zeremonienmeister einen kleinen Wink. Wird die Uhr gefunden, ist es recht; wird sie nicht gefunden, dann kommt sie auf die Rechnung des Auswärtigen Amtes. Solche Vorfälle sind viel häufiger, als der kleine Mann, der nie Zutritt zu Diplomatenbällen hat, glauben würde; denn auch Diplomaten sind, mehr als man glaubt, häufig in Geldschwierigkeiten, die sich oft nur in einer Weise beheben lassen, die sich nicht ganz mit der guten Sitte, die man auf Gesandtschaftsbällen erwartet, decken dürfte. Aber auch Diplomaten sind Menschen. Und wo der ganze Beruf des Menschen darin besteht, einen anderen – meist ein ganzes Volk – geschickt zu übervorteilen, schleicht sich leicht ein Manöver ein, das rein persönlichen Zwecken dient. Es kommen auf diplomatischen Empfängen genügend Perlenhalsbänder, Brillantenarmbänder und goldene Uhren abhanden, daß die hohen Ausgaben für „besondere diskrete“ Budgets der Auswärtigen Ämter gerechtfertigt erscheinen. Nicht jede Frau eines Diplomaten hat Takt und besonders Geld und Laune genug, ihr Perlenhalsband zu verschmerzen. Sie pfeift auf die Karriere ihres Gatten, wenn das Halsband zehntausend Dollar gekostet hat, und sie droht ernsthaft, Skandal zu machen und die Zeitungen zu unterrichten. Was bleibt dem Auswärtigen Amt übrig? Das Halsband wird ersetzt.
Diese Uhr aber ließ sich nicht ersetzen. Daß ein Diplomat das eigenhändige Geschenk des Königs von England so wenig schätzt, daß er das Geschenk verliert, ist beinahe eine Beleidigung des Königs von England. Es kann den Diplomaten Ruf und diplomatische Stellung kosten. Nun darf man von einem amerikanischen Diplomaten ja auch nicht den Takt erwarten, den ein französischer, englischer oder russischer Diplomat besitzt. Der französische Diplomat würde eine geistreiche Ausrede dafür finden, wie und auf welche Weise ihm die Uhr abhanden gekommen ist, eine Ausrede, so fein und elegant, daß sie ihm in seiner diplomatischen Karriere eher förderlich als hinderlich sein würde. Aber wir sind auf diesem Gebiete noch Bauern und Schüler und machen darum Lärm. Der Diplomat wünschte ja auch in seinen Klubs mit jener Uhr zu protzen. Und wenn ihm die Uhr fehlte, so blieben ihm nicht viel andere Dinge, mit denen er protzen konnte, und mit deren Hilfe er Gold auf Hand beweisen konnte, daß er eine Privataudienz mit dem Könige von England gehabt habe. Denn niemand gibt sich die Mühe, alte Zeitungen aufzuheben oder durchzustöbern, um die Wahrheit jener Behauptung festzustellen. Jedenfalls niemand im Klub. Und ein Zeitungsausschnitt kann von jedem Druckerlehrling für zwei Dollar Entschädigung hergestellt werden.
Der amerikanische Diplomat, mit der unbekümmerten Robustheit in Taktfragen, die seinem Volke eigen ist, ging sofort auf Don Porfirio zu und bat ihn um eine kurze Unterredung mit Hilfe seines Sekretärs, der Spanisch sprach.
„Entschuldigen Sie, Don Porfirio“, sagte der Diplomat, „es tut mir aufrichtig leid, daß ich Sie belästigen muß, aber mir ist soeben meine Uhr, die ich vom König von England geschenkt bekommen habe, hier im Saal gestohlen worden.“
Porfirio Diaz verzog keine Miene. Er sagte nicht: „Das ist nicht möglich!“ oder „Sollte das nicht ein Irrtum sein?“ Er kannte ja seine Leute, und keiner wußte es besser als er, daß die Banditen nur in den Zeitungsberichten ausgerottet seien, nicht aber im Lande; denn er hätte ja zuerst einmal alle seine Generale und Gouverneure und Bürgermeister und Steuerverwalter und Staatssekretäre erschießen müssen, wenn er alle Banditen hätte ausrotten wollen. Und hätte er wirklich alle Banditen, die es während seiner Regentschaft gab, erschossen, so wäre wahrscheinlich kein einziger Mexikaner mehr übriggeblieben, den er hätte regieren können. Die regierende Klasse raubte aus unersättlicher Habgier und die nichtregierende Klasse aus bitterem Hunger.
So sagte Porfirio Diaz als Antwort zu jenem Diplomaten nur: „Seien Sie nicht in Sorge, Exzellenz, es liegt hier offenbar nur ein kleiner Scherz vor. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie die Uhr innerhalb von achtundvierzig Stunden wieder in Ihrem Besitz haben werden.“
Das Ehrenwort des Präsidenten. Porfirio Diaz konnte sein Ehrenwort beruhigt geben. Denn wer Meister aller Banditen und Spitzbuben ist, wer alle Banditen und Spitzbuben und deren Schliche und Wege so gut kannte wie Porfirio Diaz, er selbst ein Meisterspitzbube in allen solchen Dingen, wo es sich nicht gerade um gewöhnlichen Taschendiebstahl handelte, der würde die Uhr schon entdecken.
Mit den höflichsten Worten verabschiedete endlich zu gegebener Stunde Porfirio Diaz den nordamerikanischen Diplomaten, ohne daß hierbei auch nur mit einem Wörtchen das kleine Mißgeschick erwähnt wurde.
Aber, wenngleich es nur seine nächsten Vertrauten bemerkten, Don Porfirio raste, wie nur er zu rasen vermochte. Das Rasen eines Diktators, dessen Schwindel vor der Entdeckung steht.
„Der Alte hat wieder einmal die Tollwut“, flüsterten sich die Diener erschreckt zu und zitterten in Furcht vor dem, was geschehen würde, wenn der Ball vorüber sein wird. Die Anfälle von Tollwut des Diktators waren gefürchtet, mehr als Erdbeben. Denn er wurde dann bestialisch wie eine alte verärgerte Wildkatze.
Was er einmal gleich zuerst und durchaus sicher wußte, das war, daß die Uhr ein Mexikaner hatte, nur ein Mexikaner haben konnte. Und mit mexikanischen Spitzbuben wußte er ja umzugehen.
Hatte die Uhr ein Mitglied der Dienerschaft genommen, so war es jetzt bereits zu spät, den zahlreichen Detektiven den Auftrag zu geben, keinem von der Dienerschaft zu gestatten, das Schloß zu verlassen. Denn war die Uhr wirklich von einem der Bediensteten gestohlen worden, so waren die Detektive augenblicklich nicht zu gebrauchen, weil die Uhr inzwischen schon aus dem Schlosse hinausgeschmuggelt war. Freilich, ein Detektiv konnte die Uhr auch haben. So sicher war das nicht, daß die Detektive nicht nehmen würden, was sie auf leichte Weise kriegen konnten. Porfirio Diaz hatte ja genügend Spitzbuben, Taschendiebe, Einbrecher und Wegelagerer in die Polizei eingereiht, weil Spitzbuben häufig bessere Spitzbubenjäger machen als anständige Menschen.
Daß die Diamanten aus der Uhr herausgebrochen werden könnten, daß das Gehäuse der Uhr vielleicht zerhämmert werden möchte, um die Uhr stückweise leichter und unverdächtiger verkaufen zu können, das würde wohl kaum geschehen. Die Uhr würde zuviel an Wert verlieren. Eher war schon anzunehmen, daß die Gravierung ausgeschliffen sein wird, ehe die Uhr irgendwo zum Verkauf angeboten wieder zum Vorschein kommt. Ohne Gravierung aber war die Uhr natürlich wertlos für den Diplomaten. Eine goldene Uhr an sich, ganz gleich mit wie vielen Diamanten bespickt, hätte Don Porfirio sofort beschafft, wenn damit dem Diplomaten hätte gedient werden können. Aber wie die Dinge sich vorfanden, mußte es ganz genau die gleiche Uhr sein, die herangeschafft werden mußte.
Nicht darum verfiel Porfirio Diaz in Raserei, weil er befürchtete, er könnte vielleicht die Uhr nicht wieder herbeischaffen. Sie zu bekommen, betrachtete er als eine Aufgabe, die zu lösen für ihn möglich war. Nein, was ihn in jene schäumende Wut versetzte, war etwas anderes.
Durch das Stehlen der Uhr bei einer solchen Gelegenheit war von einer seiner glänzenden Fassaden die Goldtünche abgeblättert worden. Der gewöhnliche nackte und wahre Gipsverputz kam zum Vorschein.
Alle Welt war klein geschlagen worden mit der Mär, daß der große mexikanische Staatsmann Porfirio Diaz mit eiserner Hand und mit stählernem Besen das Land von Banditen und Spitzbuben so völlig und so dauernd gesäubert habe, wie das nie vorher ein anderer Mann in irgendeinem anderen Lande mit gleichem Erfolge zuwege gebracht habe. In Mexiko konnte man damals, nach den Berichten, die Porfirio Diaz in der Welt verbreitet hatte, mit einem Sack voll Goldstücke zur Rechten und einem Sack voll Goldstücke zur Linken auf einem Pferde sitzend von einem Ende der Republik zum andern reisen, und wenn man an dem andern Ende ankam, so hatte man zur Rechten sowie zur Linken je einen Sack voll Goldstücke mehr, als man hatte an dem Tage, an dem man auszog. In gewissem Sinne war das richtig. Ein amerikanischer Kapitalist, der mit fünfzigtausend Dollar in Schecks in El Paso nach Mexiko einreiste, konnte sechs Wochen später über Nogales aus Mexiko wieder ausreisen mit hunderttausend Dollar in Schecks, einem Überschuß, den er mit Hilfe des Porfirio Diaz in jener kurzen Zeit aus dem mexikanischen Lande und Volke herausprofitiert hatte. Aber im buchstäblichen Sinne genommen, war es unter Porfirio Diaz bei weitem unsicherer, mit Geld oder anderen Werten beladen ohne militärische Bedeckung durch das Land zu reisen, als heute. Die militärische Bedeckung begann nicht selten auf dem Marsche auszurechnen, daß es weiser sei, sich selbst mit dem Gelde zu bedecken, das von ihnen bedeckt werden sollte. Dann erschien ein Bericht – falls die Angelegenheit nicht von der Regierung auf privatem Wege zu aller Zufriedenheit erledigt werden konnte –, daß der Transport in einen Sumpf geraten oder von einem Erdrutsch verschüttet worden sei.
Aber daß einem so wichtigen nordamerikanischen Diplomaten auf einem diplomatischen Fest innerhalb der Wände eines Saales im Schloß von Chapultepec eine goldene Uhr aus der Tasche gestohlen werden konnte, daß also selbst ein diplomatischer Würdenträger selbst auf einem diplomatischen Fest in Mexiko seines Eigentums nicht sicher war, brachte das ganze schöne Lügengewebe, in das sich der Diktator eingekuschelt hatte, zum Zerreißen. Wenn die Banditen dem Throne des Diktators so nahe waren, wie mußte es dann im Lande aussehen? Kam dieser Vorfall in die amerikanischen Zeitungen, dann lernte die ganze Welt, daß die eiserne Hand des großen Staatsmannes Porfirio Diaz nur aus Pappe war und daß die fremden Großkapitalisten klug tun, Mexiko gegenüber vorsichtig zu sein mit Kapitalsanlagen.
Der Diplomat hatte das Ehrenwort des Diktators mit der Erklärung, daß es sich hier nur um einen kleinen Scherz handle. Und darum sagte der Diplomat kein Wort von dem Vorfall zu den Zeitungsleuten, weil er ja nun erst einmal die Pflicht hatte, abzuwarten, ob und in welcher Weise Porfirio Diaz sein Ehrenwort einlösen werde. Porfirio Diaz wußte, daß nach den Sitten in diplomatischen Kreisen der Amerikaner nichts der Presse seines Landes mitteilen durfte, solange das Ehrenwort des Diktators den Vorfall deckte.
Noch in derselben Nacht befahl Porfirio Diaz den Polizeichef zu sich, um mit ihm zu besprechen, wie man die Uhr wiedererlangen könnte, ohne sich der Zeitungsinserate zu bedienen.
Wie der Fall nun behandelt wurde, zeigt den Unterschied der Männer, die während der Diktatorschaft des Porfirio Diaz wirtschafteten, und der Männer, die nach der Revolution das mexikanische Schiff recht und schlecht durch Stürme und Klippen ruderten.
Der spätere Präsident Calles würde dem Polizeichef sechs Stunden Zeit gegeben haben, die Uhr heranzuschaffen. Oder – und das ist wahrscheinlicher, denn er hat es in vielen Fällen mit Generalen getan – er würde den Polizeichef wie einen Schuljungen heruntergerotzt und vielleicht gar rechts und links gebackpfeift haben, hätte ihn dann aus seinem Amte gefeuert und würde, wenn der Mann noch etwas wert gewesen wäre, ihn in eine ferne Ecke der Republik strafversetzt haben, oder er hätte ihm das Reisegeld für eine Erholungsreise nach Europa gegeben mit der ernsten Warnung, sich nicht mehr in Mexiko sehen zu lassen.
Auch Porfirio Diaz feuerte zuweilen Generale und andere hohe Würdenträger ohne Zeremonie; aber er tat es nur dann, wenn er genau wußte, daß der Mann keinen Anhang hatte, daß er ihm also nicht schaden konnte. Wie alle Diktatoren, so war auch Porfirio Diaz ein furchtsamer Mann. Er bevorzugte es, weit von hinten aus an den Leinen zu ziehen, mit Intrigen zu wirtschaften und andere vorzuschieben, auf die er abladen konnte.
Calles würde nicht einen Augenblick darum besorgt gewesen sein, wenn der Vorfall am nächsten Tage in den Zeitungen gestanden hätte. Er hätte darüber genau so gelacht wie das ganze mexikanische und amerikanische Volk. Er hätte in seiner trockenen Art gesagt: „Warum läßt sich denn der Esel von einem Gringo seine Uhr aus der Tasche stehlen? Er ist doch in Mexiko, wo er auf jeder Eisenbahnstation die Zettel angeklebt sieht: ‚Hütet euch vor Taschendieben!‘ Und wenn der Hammel Mexiko nicht besser kennt, soll er raus bleiben, dann kann ich überhaupt keinen Vertrag mit ihm abschließen.“ Und zu den Zeitungsleuten würde er gesagt haben: „Da seht ihr, was für ein Spitzbubengesindel wir hier in Mexiko haben. Alles aufgezüchtet von dem Gauner Porfirio. Ich werde nun doch mal wieder mit einem himmelkreuzgottverfluchten Donnerwetter dazwischenfahren!“ Dann hätte er alle Distriktspolizeigewaltigen, ein Dutzend Staatsanwälte und zwei Dutzend Richter gefeuert, daß die Funken spritzten.
Diese rücksichtslose, unbekümmerte, offensiv-geladene, immer mit einem grimmen Witz gepfefferte amerikanische Faustschlagmethode war dem mickrigen Wesen des Porfirio Diaz ebenso fremd, wie einem Presbyterianpfarrer alle die verschiedenen Marken von schottischem Whisky so gut bekannt sind wie die vier Evangelien.
Am nächsten Morgen begann die Umpflügung des mexikanischen Landes nach der gestohlenen Uhr des amerikanischen Diplomaten.
Der Polizeichef erschien in Belen. Belen ist das große Untersuchungsgefängnis in Mexiko City, wo alle männlichen und weiblichen Missetäter gehalten werden, bis ihr Urteil gesprochen wird.
Der Polizeichef ließ alle männlichen und weiblichen Gefangenen antreten, und er hielt folgende Ansprache: „Gestern abend ist eine goldene Uhr gestohlen worden. Die Uhr ist mit Brillanten besetzt. Auf der Innenseite des Deckels ist eine Widmung in englischer Sprache eingraviert. Die Widmung hat einen geschriebenen Namenszug Edward VII. Es ist jetzt sieben Uhr morgens. Wenn die Uhr bis heute abend um sieben Uhr bei dem Direktor des Gefängnisses abgeliefert wird, dann werdet ihr alle heute abend auf freien Fuß gesetzt, und niemand wird verfolgt für die Tat, derentwegen er sich heute hier in Belen befindet. Der Überbringer der Uhr wird nicht um seinen Namen gefragt; er darf frei gehen, wie er gekommen ist; er wird nicht gefragt, auf welche Weise er in den Besitz der Uhr gelangt ist; und er wird weder der Uhr wegen noch wegen irgendeiner andern Sache, die er vor heute morgen um sieben Uhr verübt haben sollte, verfolgt werden oder in Haft behalten. Außerdem erhält er vom Direktor eine Belohnung von zweihundert Pesos in Gold. Ihr alle bekommt jetzt einen Briefbogen und einen Briefumschlag und Bleistifte. Ihr dürft in jene Briefe schreiben, was ihr wollt. Die Briefe werden von der Inspektion nicht gelesen. Und niemand von der Direktion darf die Adressen lesen. Eine Stunde später kommen hier Briefträger, denen ihr die Briefe persönlich übergebt. Die Briefträger werden die Briefe an ihre Adressen befördern unter Amtsgeheimnis. Hier habe ich das Zertifikat, unterzeichnet von Don Porfirio, von mir und dem Direktor des Gefängnisses hier. Das Zertifikat hat Gesetzeskraft bis heute abend um sieben Uhr dreißig.“
Die Ansprache des Polizeichefs und das Zertifikat, das die Ansprache wörtlich niedergeschrieben enthielt, bewiesen, wie gut Don Porfirio seine Spitzbuben und Banditen kannte. War die Uhr wirklich in den Händen der gewöhnlichen Taschendiebe und Hehler, so wurde die Uhr um sieben Uhr oder noch früher abgeliefert.
Wie in anderen Ländern so auch in Mexiko kennen sich alle Spitzbuben und Hehler gegenseitig recht gut. Wenn einer allein auch nicht alle übrigen kennt, so kennt er doch wenigstens etwa zwanzig, kennt deren Schlupfwinkel, kennt die Kantinen und Pulquerias und Quartiere, wo jene zwanzig verkehren, kennt ihre Liebchen und weiß, was jeder von ihnen auf dem Kerbholz hat. Jeder einzelne von diesen zwanzig kennt wieder eine Anzahl andere, die der erste nicht kennt. So ist – und hier verrechneten sich weder Don Porfirio noch der Polizeichef – die Sicherheit gegeben, daß der Inhalt jener Ansprache allen Spitzbuben in Mexiko City sowie auch allen Hehlern in wenigen Stunden bekannt wird. Die Briefe, die von den Gefangenen nun an die Spießgesellen draußen geschrieben werden, ohne Aufsicht und ohne Inspektion, enthalten alles, was der Gefangene dem draußen in Freiheit lebenden Spießgesellen schon lange einmal gründlich sagen wollte. Die Briefe enthalten Zeilen etwa von dieser Art: „Höre einmal, querido Pedro, wenn Du nicht zu dem Schuft von Hehler, dem Gomez, gehst und ihn mit dem Revolver in der Hand fragst, wo die Uhr ist und daß er sie herzubringen hat, dann sage ich hier dem Staatsanwalt, daß Du bei dem Einbruch bei Senjor Balsa mit dabei gewesen bist und das meiste davon eingesackt hast. Ich sehe nicht ein, warum ich das alles allein ausfressen soll, wo ich doch nur den einen lausigen Anzug abbekommen habe, mit dem sie mich auf dem Volador – dem sogenannten Diebsmarkt – erwischt haben.“
Ein anderer Brief heißt so: „Liebste und allerliebste Josefina. Du weißt, wie sehr ich mich nach Dir sehne. Ich habe doch dem Burschen da in der Bucareli-Straße in der Nacht nur darum eins über den Schädel gehämmert, weil ich sein Geld haben wollte und weil ich doch das Geld haben wollte und weil ich doch das Geld haben mußte und weil ich Dir doch von dem Geld das grüne Seidenkleid und die schönen Lackschuhe gekauft habe, damit Du hübsch aussehen solltest, wenn wir in den Mexiko-Saal bei der Maria Redonda zum Tanzen gehen. Ich hab’ eine solche Sehnsucht nach Dir, liebe Josefina, das kannst Du Dir überhaupt gar nicht denken und wenn die Uhr kommt, dann bin ich heute abend schon raus. Geh nun gleich einmal hin zur Jeronima, sie ist eine ganz gewöhnliche Hure die in der Peru-Straße auf die Fangleine geht aber das macht jetzt nichts. Sie lebt mit dem Patrote da mit dem Emilio der weiß bestimmt wo die Uhr ist und da kannst Du dem Emilio auch nur gleich sagen wenn er die Uhr nicht um vier Uhr herangeschafft hat dann sage ich hier daß ich es gesehen habe wie er dem Tecolote, dem Polizisten, zwei in den Bauch gebrannt hat in der Moneda wo der Tecolote noch immer im Hospital liegt und niemand weiß wer ihm die zwei gebrannt hat aber ich sage es wenn er die Uhr nicht bis um vier Uhr hergebracht hat und er kriegt zweihundert Pesos vom Direktor für die Uhr. Wenn Emilio die Uhr nicht weiß dann gehe gleich einmal hin zu der Angelica die auch eine kräftige Hure ist und die wird Dir schon gleich sagen wer die Uhr hat.“
Ein anderer Brief: „Querido Lorenzo Du weißt recht gut wer die Uhr hat die dem glattgeleckten Urschfucker abgeknipst worden ist denn weil Du ja auch in der Kegelbahn in Chapultepec Schloß die Kegel aufstellst und Dein Vetter Carlos der im Billardsaal in Chapultepec Schloß bedient hat ganz bestimmt die Uhr und wenn Du mir hier nicht raushilfst ist nichts mit meiner Schwester Anita und ich schlage Dir so Deine fetten Knochen ineinander, daß Du liegen bleibst wo Du bist denn Du weißt recht gut wo die Uhr ist weil Du es ja gesehen hast und ich werde auch meiner Schwester Anita sagen daß Du ein guter Junge bist und nicht hinter den Mädchen hinterher bist was ich gut weiß.“
Alle Gefangenen ohne Ausnahme schrieben ihre Briefe, und alle Briefe wurden, genau dem Versprechen gemäß, ungesehen von der Inspektion, von den Briefträgern noch in derselben Stunde an ihre Adressen befördert.
Zum großen Leidwesen der Gefangenen und wohl noch zu einem größeren Leidwesen des Porfirio Diaz war die Uhr zu gegebener Stunde nicht abgeliefert. Das Mittel, dessen sich Porfirio Diaz in hoffnungslos erscheinenden Fällen so oft mit Erfolg bedient hatte, versagte hier.
Es ist später in Mexiko erzählt worden, daß die Uhr wirklich auf diesem Wege, mit Hilfe der Gefangenen, herbeigeschafft wurde, und daß alle Gefangenen ihre Freiheit erhalten hätten, wie ihnen versprochen worden war. Aber das ist nicht ganz richtig. Dieses Gerücht wurde nur verbreitet, um die Wahrheit zu verschleiern.
Als die Uhr abends um sieben Uhr nicht abgeliefert worden war, wußte Porfirio Diaz sicher, daß die Uhr nicht von den gewöhnlichen Spitzbuben gestohlen worden war und daß sie auch noch nicht in den Händen der Hehler war. Er schloß daraus, und durchaus richtig, daß die Uhr jemand hatte, der zwar das Geld brauchte, aber doch nicht so dringend brauchte, daß er sich mit dem Verkauf der Uhr hätte beeilen müssen. Es war jemand, der den Wert der Uhr richtig einzuschätzen verstand und seine Zeit abwartete, bis er die Uhr so günstig verkaufen konnte, wie das überhaupt nur bei einer Uhr aus zweiter Hand möglich war.
Da die gewöhnlichen Spitzbuben ausgeschaltet waren, kannte nun Porfirio Diaz sofort die nächste Schicht von Spitzbuben, die in Betracht kam. Es war nicht die letzte Reihe, aber diejenige Reihe, die den gewöhnlichen Spitzbuben und Wegelagerern am nächsten stand, in Moral und in ewigen Geldnöten, sowie in Unverfrorenheit im Nehmen, wo sich eine Gelegenheit bot.
Don Porfirio ließ also nun alle Generale, die bei dem diplomatischen Feste zugegen gewesen waren, um es durch goldstrotzende Uniformen zu beleben, am Abend zur Audienz laden. Er hatte eine Liste der Generale, die im Schloß gewesen waren, und er sah zu, daß auch alle zur Audienz kamen.
Es fand sich aber, daß einer der Generale fehlte, ein Divisions-General. Der Divisionär hatte sich entschuldigen lassen. Eine Entschuldigung, die Don Porfirio gelten ließ, weil es sich um einen dringenden Dienst handelte, der nicht aufgeschoben werden konnte.
Porfirio Diaz hielt eine Ansprache an die versammelten Generale: „Caballeros, Sie alle haben wohl gestern im Schloß die Uhr gesehen, die der amerikanische Diplomat mir zeigte. Diese Uhr ist im Schloß abhanden gekommen. Ich vermute, daß einer der wachhabenden Soldaten oder einer der Burschen, die Sie begleiteten, die Uhr gefunden hat. Die Uhr muß bis morgen früh um zehn Uhr in meinem Besitz sein. Ist die Uhr um die angegebene Zeit in meinen Händen, dann erhalten Sie, Caballeros, jeder eine Sondervergütung von eintausend Dollar für Ihre Bemühungen. Ich werde auch sonst noch versuchen, mich Ihnen erkenntlich zu zeigen. Es ist natürlich, daß Sie den Vorfall so unauffällig behandeln, wie das nur in Ihren Kräften steht; denn ich wünsche nicht, daß auch nur ein leises Fleckchen auf unsere ruhmreiche Armee fällt. Mit dem Missetäter wollen Sie nach Ihrem eigenen Ermessen verfahren. Ich danke Ihnen, Caballeros!“
Jeder, der Mexiko kennt, weiß, daß ein mexikanischer Soldat der unteren Grade alle möglichen Untugenden und Laster haben mag, daß er – besonders in seinen Liebesangelegenheiten – unbekümmert seinen Nebenbuhler ermordet. Der mexikanische Soldat stiehlt. Das ist wahr. Er stiehlt aber nur das und nichts mehr, was seine Generale und seine zahlreichen anderen Vorgesetzten ihm zum Stehlen übriglassen. In seiner Moral, in seiner Tapferkeit, in seiner Ehre, in seiner Liebe zu seinem Lande, in seiner Loyalität steht er bei weitem höher als seine Generale. Er wird von den treulosen und ehrlosen Generalen gebraucht, seine Brüder, seine Väter, seine Söhne, seine Mütter, seine Kameraden in andern Regimentern, zu bekämpfen und zu ermorden. Er weiß nie, ob er in Wahrheit auf seiten der Rebellengenerale ist oder auf seiten der treu gebliebenen Truppen. Er kämpft, weil er seinem General die Treue hält, weil er eine Treue in sich trägt, die sein General nicht kennt. Seine Generale verüben eine Militärrevolte unter dem Ruf, das geplagte Land von den Tyrannen und von den Bolsches zu befreien, während sie in der Praxis die Revolte nur verüben, um die Banken und die wohlhabenden Geschäftsleute zu plündern, und das geraubte Gut nach den Vereinigten Staaten in Sicherheit gebracht haben, ehe die treu gebliebenen Truppen ihnen in den fernliegenden Distrikten des weiten Landes auf den Fersen sein können. Unter solchen Generalen ist der Mensch gezwungen, zu dienen und zu gehorchen, der als der tapferste, der treueste und der bedürfnisloseste Soldat aller Armeen der Erde angesehen werden darf.
Porfirio Diaz wußte gut, wie auch die versammelten Generale es wußten, daß die beschuldigten gemeinen Soldaten alle möglichen Untugenden und Laster haben mochten, aber daß sie eins ganz bestimmt nicht waren: Taschendiebe.
Und darum wußte Porfirio Diaz ja auch recht gut, daß er den Sack wohl prügelte, aber den Esel meinte. Es wird ja auch in verlorenen Kriegen immer den gemeinen Soldaten die Schuld an dem Verlust des Krieges gegeben, immer den gemeinen Soldaten, den Proletariern, die nicht länger standhalten wollten, deren Moral gebrochen war, die Verführern und Friedensaposteln ein williges Ohr schenkten, die keine Vaterlandsliebe besaßen. Nie wird die Schuld den unfähigen Generalen zur Last gelegt, nie den aderverkalkten Politikern, nie den rückenmarksschwachen und entnervten Diplomaten, nie den habgierigen Profitjägern. Immer hat der Soldat, der Prolet, die Schuld. Und wenn der Krieg gewonnen wird, dann ist es nur den befähigten Generalen zu verdanken, den weisen Staatsmännern, den geschickten Diplomaten. Die Generale, Staatsmänner und Diplomaten bekommen alle Ehren aufgehäuft in Weltgeschichten und in Schullesebüchern. Der gemeine Soldat bekommt als Belohnung einen Parademarsch, den sich der verhungerte, verlauste und verkrüppelte Munitionsarbeiter hinter einer dicht verrammelten Kette von Polizisten, die ihre Knüttel schwingen, schafsgeduldig ansehen darf, damit die Generale auch genügend Hurraschreier und Winker rotweißblauer Sternen-Fähnchen zur Verfügung haben.
Es wußten auch die Generale hier recht gut, daß Porfirio Diaz nicht einen Augenblick im Ernst meinte, daß einer der wachhabenden Soldaten oder einer der Burschen der Generale die Uhr hätte gestohlen haben können. Freilich wußten alle Generale, was Porfirio Diaz von ihnen in Wahrheit dachte, wie auch Porfirio Diaz recht wohl wußte, was alle seine Generale von ihm dachten. Meister und Spießgesellen, die ihre Füße, Fäuste und Krallen auf dem armen reichen Lande wuchten ließen.
Am nächsten Morgen um zehn Uhr war die Uhr nicht abgeliefert.
Einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick lang, wurde Porfirio Diaz verwirrt, weil es schien, als habe er sich verrechnet.
Dann aber dachte er an den Divisions-General, der sich gestern abend hatte entschuldigen lassen, weil er in wichtiger dienstlicher Angelegenheit außerhalb der Stadt, in Tlalpam, zu sein hatte.
Diesen Divisions-General befahl nun Porfirio Diaz eiligst zu sich.
Als der General vor ihm stand, sah ihn Porfirio Diaz eine Weile an und sagte dann kurz und hart: „Divisionario, geben Sie mir die Uhr des amerikanischen Diplomaten.“
Ohne eine Miene zu verziehen, ohne irgendwie verlegen zu werden, griff der General unter seinen Uniformrock, nestelte ein wenig in einer Tasche unter dem Uniformrock herum und brachte die Uhr hervor.
Er trat zwei Schritte näher auf den Diktator zu und überreichte ihm die Uhr mit den Worten: „A sus apreciables ordenes, Don Porfirio, zu Ihren hochgeschätzten Diensten.“
Porfirio Diaz nahm die Uhr und legte sie vor sich auf den Tisch.
Er fühlte, daß er etwas sagen müßte. Und darum sagte er: „Divisionario, ich verstehe nicht – eh – warum?“
Darauf antwortete der Divisionario nüchtern: „Ich befürchtete, Porfirio, daß du sie nehmen würdest, und da dachte ich, es ist vielleicht besser, ich nehme sie; denn du kannst dir leichter eine kaufen als ich.“
Daß aber doch wieder Porfirio Diaz klüger war als viele derjenigen, die ihn durch und durch verdammen, zugeben wollen, bewies er am besten dadurch, daß er auf die Antwort des Divisionarios schwieg. Es ist ja wohl auch schwerlich anzunehmen, daß sich Porfirio Diaz mit gewöhnlichem Taschendiebstahl abgegeben haben würde. Auf keinen Fall wohl in den letzten fünf Jahren seiner Regentschaft, wo er schon ein wenig klapprig wurde.
Aber eines muß doch gesagt werden.
Porfirio Diaz mußte den Diplomaten freundlich stimmen und ihn in freundlicher Laune erhalten, damit der Vorfall nicht bekannt würde. Denn Porfirio Diaz war mehr besorgt um den guten Ruf seines Hofes als mancher europäische Potentat. Und um den Diplomaten zu besänftigen und vergnügt zu stimmen, war er gezwungen, ihm beim Abschluß des Handelsvertrages Zugeständnisse zu machen, die zwar das mexikanische Volk zu bezahlen hatte, die aber dem Diplomaten die Ehre einbrachten, als einer der geschicktesten Diplomaten der Vereinigten Staaten bezeichnet zu werden.