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Der Busch

BÄNDIGUNG

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In einer kleinen Stadt im Staate Michoacan lebte ein junges Mestizomädchen, von dem man mit gutem Recht sagen durfte, daß eine gütige Natur ihr gegenüber wahrhaft verschwenderisch gewesen sei mit allen den Gaben, die eine jede Frau immer nur glücklich machen kann.

I
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Die Eltern jenes jungen Mädchens waren vor einigen Jahren kurz nacheinander gestorben, und das Mädchen lebte in dem Hause ihrer verstorbenen Eltern mit ihrer Großmutter und mit ihrer Tante. Ihr Vater besaß ein gutgehendes Sattelzeuggeschäft, das ihn durch seine Tüchtigkeit zu einem wohlhabenden Manne gemacht hatte. Luisa Bravo war das einzige Kind ihrer Eltern gewesen. Sie war durch die Erbschaft von ihren Eltern ein reiches Mädchen geworden, und sie hatte alle Aussicht, nach dem Ableben ihrer Großmutter und ihrer Tante, die beide gleichfalls ein kleines Vermögen besaßen, zu gegebener Zeit noch reicher zu werden. Es war darum kein Wunder, daß Donja Luisa, sowohl ihrer auffallenden Schönheit als erst recht ihrer Wohlhabenheit wegen, unter den jungen Männern der Stadt, die sich zu verheiraten gedachten, eine begehrte Partie war.

Die Freier flogen auf sie zu wie Bienen auf Honigbonbons. Aber keiner der Freier, so sehr er auch in Geldnöten sein mochte oder so sehr er auch das schöne, gutgebaute Mädchen als seine Bettgenossin wünschte, hielt lange genug aus, um es mit ihr bis zu einer veröffentlichten Verlobung zu bringen.

Es war ganz gewiß nicht die Schuld der Freier; denn wo so viel Geld, verbunden mit so viel Schönheit, zu erwarten ist, nimmt ein jeder eine große Menge von Unbequemlichkeiten sauersüß mit in Kauf; Unbequemlichkeiten, von denen, bei weniger rosig erscheinenden Fällen, zwei vollauf genügen können, um einen jungen Mann davon abzuschrecken, ein Mädchen auch nur zu einem Tanze aufzufordern.

Donja Luisa hatte alle Unarten, die eine Frau nur haben kann. Und zwei Dutzend mehr.

Sie hatte zuerst einmal von Natur aus ein zügelloses Temperament, das, wenn es ausbrach, durch nichts, aber auch durch gar nichts zu besänftigen war. Da sie das einzige Kind ihrer Eltern war und die Eltern in ewiger Sorge und Furcht lebten, das Kind möchte ihnen fortsterben – obgleich sie gesund und munter war wie ein Verpflegungsoffizier fünfzig Meilen hinter der Front –, so war sie von Säuglingszeit an so verzogen und so verhätschelt worden wie ein Kaiser, der soeben mündig geworden ist, nach seiner Thronbesteigung von den Höflingen und Schranzen verhätschelt und verpäppelt wird.

Jeder Wille wurde ihr getan, und jeder Wunsch wurde ihr erfüllt. Und weil sie von Kindheit an sehr schön war, so wurde sie nicht allein von ihren Eltern bewundert und verhimmelt, sondern von allen Leuten, die mit ihr in Berührung kamen. Das Wort Gehorchen kannte sie nur von andern, ihre Eltern, ihre Großmutter und ihre Tante eingeschlossen. Sie gehorchte nie, und es drang auch nie jemand darauf, daß sie irgendwem zu gehorchen habe.

Ein solcher Fall ist ja nun in Mexiko, wo das Kind bis zu seinem Lebensende einen tiefen Respekt gegen seine Eltern und seine älteren Verwandten hat und über Gehorsam gar nicht gesprochen wird, weil er einfach vorhanden ist, sehr selten. Aber, wie Donja Luisa bewies, gibt es auch hier Ausnahmefälle.

Sie war von ihren Eltern in ein mexikanisches und später in ein amerikanisches Colegio zur Erziehung geschickt worden, wo sie sich zwar zu einem beschränkten Gehorsam zwang, ohne jedoch dadurch ihren Grundcharakter auch nur im geringsten beeinflussen zu lassen. Hier, im Colegio, waren es ihr eitler Stolz und ihr berstender Ehrgeiz, allen übrigen Schülern überlegen und voran zu sein, daß sie sich zum Gehorchen herabließ. Kam sie jedoch während der Ferien nach Hause, so machte sie alles doppelt gut, was sie inzwischen versäumt hatte, und sie war widerspenstiger als zuvor.

Hinzu kam, um ihren Charakter noch ungefügiger und starrer zu gestalten, ein unbändiger Jähzorn, der durch lächerlich geringfügige Anlässe zu einem so verheerenden Ausbruch kam, daß die Indianermädchen, die im Hause dienten, und die Indianerburschen, die in der Werkstatt ihres Vaters arbeiteten, davonliefen und sich stundenlang nicht im Hause sehen ließen. Bei solchen Anfällen ungehemmter Wut geschah es nicht selten, daß sich sogar ihr Vater und ihre Mutter vor ihr versteckten und einschlossen. Daß sie Töpfe, Tassen, Gläser und Pfannen den Bediensteten an den Kopf warf, war noch das geringste; es waren auch Messer und Beile, mit denen sie warf oder mit denen sie auf ein Mädchen losging. Sie würde vielleicht der Möglichkeit sehr nahe gekommen sein, daß man sie für verrückt erklärt und in ein Irrenhaus gesperrt hätte, wenn nicht ihre Eltern eben sehr wohlhabend gewesen wären und zu den angesehensten und einflußreichsten Familien des Städtchens gehört hätten. Die Jähzornsanfälle blieben ja auch meist innerhalb des Hauses und trafen nicht die Öffentlichkeit und deren Sicherheit. Wenn wirklich irgendein Schaden angerichtet wurde, so heilten ihn die Eltern durch Geschenke und durch verdoppelte Freundlichkeit gegenüber den Bediensteten. In Mexiko gehören die Bediensteten ja auch viel mehr zur eigentlichen Familiengemeinschaft als in den meisten anderen Ländern.

Donja Luisa hätte auch schon darum nicht als verrückt erklärt werden können, weil sie sehr intelligent war. Außerdem konnte sie, wenn sie wirklich wollte, von einem Liebreiz sein, der alle Leute bezwang, die in ihrer Nähe waren. Das glich vieles wieder aus und trug dazu bei, daß die Bediensteten, sowie andere Leute, die gelegentlich im Hause zu tun hatten, wie Lieferanten, Händler, Maultiertreiber und Handwerker, nie ernstlich daran dachten, sich dem Hause fernzuhalten oder dauernd in einem Zustand der Beschwerde zu bleiben.

Denn neben den unzähligen Fehlern, die Donja Luisa hatte, besaß sie auch wieder einige Vorzüge, die versöhnten. Darunter den Vorzug, daß sie sehr generös, sehr freigebig sein konnte. Und einem freigebigen Menschen, der niemand verhungern läßt, der hier mit einem Peso und dort mit einem abgelegten Paar Schuhe oder einem noch sehr guten Kleid oder einem aufgefärbten Unterrock oder einer Spieluhr, deren Melodien er endlich müde geworden ist, anderen Menschen gelegentlich Freude macht oder ihnen aus bitterer Not hilft, sieht man viele, beinahe alle Untugenden und Laster nach.

Das Studium in den Colegios fügte aber einen Zug dem Charakter der jungen Dame bei, der ihren Gesamtcharakter weiter verschlechterte. Sie bestand alle Examen in den Colegios mit Auszeichnung. Dadurch aber wurde sie noch stolzer und hochmütiger, als sie vorher schon gewesen war. Sie wußte alles besser als andere Leute. Niemand konnte ihr etwas über ein Buch, über eine Philosophie, über ein politisches System, über eine Kunstanschauung, über ein astronomisches Problem sagen, ohne daß sie es nicht besser gewußt hätte. Sie mußte allem und jedem widersprechen. Sie war immer im Recht. Und wenn es jemand gelang, sie zweifelfrei zu überzeugen, daß sie im Unrecht war oder im Irrtum, so bekam sie einen ihrer gefürchteten Anfälle von Jähzorn. Sie spielte vorzüglich Schach, aber sie durfte nicht verlieren. Dann konnte es nur zu leicht geschehen, daß ihrem Gegenspieler alle Figuren und das Brett hinterher an den Kopf flogen.

Aber es muß wiederholt werden, daß sie Tage hatte, wo sie nicht nur durchaus zu ertragen war, sondern so bezaubernd sein konnte, daß man ihr lachend alles vergab, was sie je getan hatte.

Alles in allem erwogen, wird man aber nun doch wohl verstehen, warum jeder Freier früher oder später vom Kuchen abrückte, auch wenn er noch so ernste Absichten ihr gegenüber hatte, wenn er auch noch so willig war, sie zu erdulden und sich – Geld und Schönheit sind auch in Mexiko sehr starke Anziehungskräfte – mit den zahlreichen Charakterfehlern des jungen Mädchens abzufinden. Jeder Mann, auch wenn ihn das Wasser dicht an den Nasenlöchern kitzeln sollte, vergißt doch nicht im letzten Augenblick vor der endgültigen Entscheidung, daß er eben mit der geheirateten Frau auf Gnade und Ungnade verbunden bleibt, bis „der Tod sie von ihm scheidet“. Und in Mexiko, vor der Revolution, wo die katholische Kirche unumschränkte Macht besaß, gab es keine andere Ehescheidung als die, die vom Richter Sensenmann vorgenommen wurde. Wo es keine Ehescheidung gibt, prüft man viele andere Dinge sorgfältiger als das eine und einfältige Ding, ob sich das Herz zum Herzen findet. Sich gefundene Herzen allein genügen nicht und nirgends auf Erden. So leicht und elegant, wie sich zwei Herzen für die Ewigkeit finden, und so oft, wie zwei Herzen vor Anbeginn der Welt schon füreinander bestimmt waren, so leicht können sich die schönen Herzen auch wieder verlieren, ob Ewigkeit oder nicht Ewigkeit. Wenn das Salz zur Suppe fehlt und ein heiler Stiefel im Regenwetter, dann bedauern die Herzen merkwürdig rasch, daß sie von Ewigkeit her füreinander bestimmt gewesen sind.

Nun fehlte ja hier kein Salz in der Suppe. Es war sogar genügend Pfeffer und Öl als Zugabe noch vorhanden. Aber ein Mann, der vorher schon weiß, daß ihm die Pfannen und Töpfe um die Ohren fliegen werden, muß doch nun schon ganz und gar vertrottelt sein, wenn er sich freiwillig dazu hergibt, in die Gefahrzone kommandiert zu werden.

Manch einer der jungen Männer, dem die Schönheit des Mädchens gefiel und deren Geld erst recht gefiel, dachte ja bei sich, daß er Mann genug sei, und wenn er es nicht sei, werden würde, um nach der geschlossenen Heirat sich zum Herrn und Meister der jungen Frau aufzuschwingen. Das dachten und hofften aber nur die, die Donja Luisa zum ersten oder zum zweiten Male sahen. Wenn sie aber dreimal im Hause gewesen waren, wenn sie glaubten, dem Mädchen etwas nähergekommen zu sein und ein wenig mehr vertraut mit ihr geworden waren, dann gaben sie jene kühne Hoffnung auf. Und hatten sie die Hoffnung erst einmal aufgegeben, so war es für immer. Sie alle lernten sehr schnell, daß eine Zähmung der Widerspenstigen nur versucht werden konnte mit dem sicheren und unausbleiblichen Tode des Bändigers.

Es gab auch genügend Freier anderer Art im Städtchen, Witwer, die Erfahrung hatten, Witwer, die Duldung und Unterwerfung gelernt hatten, alte und alternde Junggesellen, die für einen ehrlichen und normalen Kampf nicht mehr in Frage kamen, die, was immer es auch kosten möchte, dennoch zufrieden gewesen wären, völlig zufrieden gewesen wären mit den wenigen erfolgreichen Viertelstunden, die sie mit einem so schönen und jungen Mädchen in einem gemeinsamen Bett hätten verbringen dürfen. Und es gab genügend junge und alte Männer, die willig und widerstandslos bereit waren, bedingungslos zu gehorchen und untertan zu sein und sich, ohne zu zucken, hingestellt hätten, um mit ihrem Kopfe Messer, Beile, Stühle und Revolverkugeln lächelnd und aufopferungsfreudig aufzufangen. Das waren jene, denen das Wasser nicht nur an den Nasenlöchern kitzelte, sondern denen es schon zehn Fuß über dem Scheitel stand, also Männer, die nichts mehr zu verlieren hatten als ihre Schulden und ihre Gläubiger. Und es waren auch Männer bereit, das Mädchen zu heiraten, die nichts anderes waren als Faulenzer oder Spieler, und wieder andere Männer, die ihrem ganzen Wesen nach der Gattung Patrote oder Zuhälter angehören, auch wenn sie sich in Wahrheit nie mit einem Mädchen, das geschickt ihr Handtäschchen zu schwingen versteht, einlassen oder eingelassen haben.

Aber keiner von allen diesen Männern hatte auch nur die geringste Aussicht, Donja Luisa zu heiraten. Denn gegen solche Männer war Donja Luisa geschützt. Hier schützte sie ihre Intelligenz. Und sie war nicht von der Art, daß sie Hals über Kopf sich hätte verlieben können; so sehr und so unerwartet verlieben können, daß sie blind geworden wäre und den Mann und seine Absichten nicht mehr hätte durchschauen können.

So weit ihre Heirat in Frage kam, wußte sie schon, was sie wollte. Sie wollte einen richtigen und vollwertigen Mann. Er durfte ruhig seine Jahre haben, wenn er sonst noch genügend Antlitz besaß, ihr das zu verschaffen, was sie nötig zu haben glaubte. Sie war auch gar nicht so wild darauf, sich zu verheiraten unter allen Umständen. Obgleich ein älteres, unverheiratetes Mädchen in Mexiko keine sehr glückliche Figur darstellt, so war sie sich doch genügend bewußt, daß sie aus wirtschaftlichen Gründen jedenfalls keinen Mann brauchte. Und aus anderen Gründen war sie auch noch nicht einmal so sehr davon überzeugt, daß sie ohne Mann etwa nicht leben könnte. Wenn es wirklich unbedingt nötig werden sollte, dann konnte sie – wenn auch nicht in Mexiko, so doch in Paris oder in Madrid oder in Berlin – genügend Gelegenheit finden, ohne die Verpflichtung zu haben, sich nun auch gleich deshalb zu verheiraten. Sie hatte ja nicht ohne Erfolg im amerikanischen College studiert, wo man außer Geographie und Englisch auch noch andere Dinge lernt, die im Leben von Wert und Nutzen sind.

Dies alles waren gute Gründe, warum sie sich nicht ernstlich bemühte, Freiern zu Gefallen zu leben und ihnen ein Gesicht zu zeigen, das bis zu den letzten Akkorden des Hochzeitsmarsches ausreichte. Frauen besitzen ja auf diesem Felde besondere Gaben und Fähigkeiten, die in der Hölle ausgeheckt werden, lange ehe es einen Apfelbaum und ausgebrochene Rippen gab. Aber Donja Luisa nahm es nicht tragisch, wenn wieder ein Freier, der an sich sehr sympathisch erschien, abgesprungen war. Sie machte sich keinen Schnipper daraus und weinte sicher keinem einen gesalzenen Tropfen nach.

Die jungen Männer der Stadt, die als ernst zu nehmende Freier in Betracht kamen, sowohl ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen, als auch ihrer sonstigen persönlichen Vorzüge wegen, strichen Donja Luisa nach einigen Jahren endgültig von der Liste heiratsmöglicher Damen. Donja Luisa wurde zwar zu allen Festlichkeiten, die von den verschiedenen Klubs der Staats-Landsmannschaften wie von den zahlreichen anderen gesellschaftlichen Sociedades und Centros veranstaltet wurden, stets eingeladen; und sie erschien auch immer und benahm sich hier genau so lustig wie andere junge Mädchen. Aber auf jedem Fest wurde jeder Neuankommer, sobald er einmal mit Donja Luisa getanzt hatte und eine Minute frei war, sofort von den eingeweihten jungen Herren in eine Ecke gezogen und dringend vor den bevorstehenden Gefahren gewarnt. Manche dieser frisch hinzugekommenen Herren glaubten natürlich, daß Eifersucht vorläge oder ein geheimer Boykott. Und wenn sie hörten, daß neben der Schönheit auch reichlich Geld vorhanden sei, so ließen sie sich durch jene Warnung nicht einschüchtern und begaben sich auf das Schlachtfeld, aus dem sie innerhalb von zwei Wochen flügellahm und zerschunden zurückkehrten und unaufgefordert den Verteidigungstrupp der Warner verstärkten.

Wie jedes andere Mädchen, so wurde auch Donja Luisa mit den Jahren immer älter. Sie hatte jetzt vierundzwanzig Jahre zu verbuchen, ein Alter, das für ein Mädchen in Mexiko als hoffnungslos betrachtet werden muß, soweit eine Heirat in Frage kommt, bei der sie noch ein Wort mitsprechen möchte. Bei diesem Alter nimmt in Mexiko eine Dame, was sie kriegen kann, und sie fragt nicht länger mehr nach Titel, Würden, Geld und Lendenkraft.

Nicht so Donja Luisa. Ob sie aus der Reihe der Heiratsmöglichkeiten heraus war oder noch mitten drin, das berührte sie nicht. Sie kam immer mehr zu der Überzeugung, daß es vielleicht überhaupt besser sei, sich nicht zu verheiraten, weil sie dann viel weniger Schwierigkeiten haben würde darin, niemand zu gehorchen, niemand zu Gefallen zu sein, niemals Widerspruch zu finden und immer recht zu behalten, ohne sich deswegen herumstreiten und aufregen zu müssen. Sie wurde sich immer mehr bewußt – besonders wenn sie ihre verheirateten Freundinnen und Schulkolleginnen ansah –, daß für eine Frau mit genügend Geld das Leben bequemer und angenehmer ist, wenn sie sich nicht verheiratet.

* * *

Und es begab sich, daß da lebte im selben Staate Michoacan ein Mann, nicht mit Namen Abraham, wohl aber mit dem guten, wenn auch schlichteren Namen Juvencio Cosio.

Don Juvencio eignete eine kleine Hazienda nicht weit von der Stadt, in der Donja Luisa lebte. Die Entfernung war nur eine Stunde Ritt. Don Juvencio war nicht gerade reich, aber er war von genügendem Wohlstand, denn er verstand seine Hazienda gut und vorteilhaft zu bewirtschaften.

Er war damals etwa fünfunddreißig Jahre alt, gleichmäßig und normal gewachsen, nicht gerade schön und nicht gerade häßlich, na und gut, wie Männer, die nicht besonders auffallen und keinen Weltrekord auf irgendeinem Gebiete des Sports geschlagen haben, eben für gewöhnlich auszusehen pflegen.

Ob er jemals vorher von Donja Luisa gehört hatte, ist nie klar geworden. Er sagte hierzu weder ja noch nein, und wenn er, das geschah später recht häufig, direkt gefragt wurde, so sagte er einfach nein. Es sei hier gesagt, daß alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß er Donja Luisa vorher nicht gekannt hat und daß er auf keinen Fall, von niemand, gegen sie verwarnt worden war. Nicht gerade häufig, aber doch zuweilen war auch er auf Festen der Centros erschienen, denn er hatte von seiner Schulzeit her eine gute Anzahl von Freunden in der Stadt. In den letzten Jahren war er freilich dem rasch aufrückenden Nachwuchs junger Männer, die er nicht kannte, etwas fremd geworden; und er wurde gelegentlich schon einmal bei Einladungen, die von den jungen Männern ausgegeben wurden, übersehen. So kann es durchaus möglich sein, daß er wahrscheinlich Donja Luisa nie auf einem jener Feste gesehen oder getroffen hat, und als sicher darf angenommen werden, daß er nie mit ihr getanzt hatte. Da er sich in den letzten Jahren auch immer mehr und mehr mit seiner Hazienda zu schaffen machte, weil er mehr und mehr Freude an ihr bekam, so ritt er immer seltener zur Stadt und nur dann, wenn er den Auftrag nicht durch einen seiner Leute erledigen konnte.

Eines Tages nun dachte er, daß er sich endlich einmal einen neuen schönen Reitsattel kaufen müßte, weil der alte schon recht schäbig geworden war. Don Juvencio ritt zur Stadt. Beim Herumsuchen nach einem Sattel kam er zur Talabarteria der Donja Luisa und fand, daß hier in der Auslage die schönsten und bestgearbeiteten Sättel seien.

Donja Luisa hatte das Geschäft ihres Vaters nicht verkauft, weil sie nicht den Preis dafür erhalten konnte, den das Geschäft wert war. So hatte sie beschlossen, das Geschäft zu behalten und es mit Hilfe des alten Meisters, der mehr als zwanzig Jahre schon mit ihrem Vater gearbeitet hatte, und mit den beiden verheirateten Gehilfen, die gleichfalls schon seit Jahren hier arbeiteten, weiter zu führen. Es ging viel leichter, als sie gedacht hatte. Sie war im Laden tätig und hielt die Bücher in Ordnung, während die Tante und die Großmutter das Haus versorgten. Das Geschäft blühte, und weil die Arbeiten gleich gut geblieben waren und die Kundschaft sich noch vermehrt hatte, waren die Einnahmen aus dem Geschäft besser geworden, als sie zu Lebzeiten des Vaters waren.

Luisa war im Laden, als Don Juvencio sich die Sättel besah, die im Ladeneingang, im Fenster und an den Außenwänden des Hauses zur Schau ausgelegt und aufgehängt waren.

Luisa trat in die Tür und beobachtete für eine Weile Don Juvencio, der mit der Miene des Kenners und Gebrauchers die Sättel sorgfältig auf ihren Wert, ihre Arbeit und ihre Haltbarkeit prüfte. Er sah plötzlich auf, und sein Blick traf unerwartet das auf ihn gerichtete Gesicht der Donja Luisa. Und Donja Luisa – sie hat sich später nie erklären können, warum – lachte den Mann offen an. Aber sie sagte nichts, sie lud ihn nicht ein, in den Laden zu kommen, um sich die Sättel anzusehen, die drinnen auf Lager seien, sie drängte mit keinem Worte auf ihn ein, und sie pries mit keiner Silbe die Ware an, wie es in Mexiko die Regel ist, sobald man vor einem Schaufenster stehenbleibt.

Das freie offene Lachen fing Don Juvencio ein; und er wurde etwas verlegen. Noch vor der Tür stehend, sagte er: „Buenos dias, Senjorita, ich habe die Absicht, mir einen neuen Sattel zu kaufen.“

„So viel Sie wollen, Senjor“, antwortete darauf Donja Luisa, „Pase, Usted, Senjor, und sehen Sie sich auch die Sättel an, die ich drinnen im Laden habe, vielleicht gefällt Ihnen einer von denen noch besser, denn die sehr guten lege ich nicht da aus, wo sie von der Sonne und dem Staub verdorben werden können.“

„Con su permiso“, sagte Don Juvencio, und er folgte Donja Luisa in den Laden.

Er sah sich alle Sättel an. Aber merkwürdigerweise hatte er nun die Fähigkeit verloren, die Sättel nüchtern und vorurteilsfrei zu prüfen. Er klopfte zwar an den Sattelstöcken herum, kratzte am Leder und zupfte die Riemen knallend auseinander, aber seine Gedanken waren nur oberflächlich bei den Sätteln. Er sagte wenig, und das wenige, was er sagte, bezog sich nur auf die Sättel. Dann aber blickte er einmal rasch auf, als ob er etwas fragen wollte. Obgleich Donja Luisa sofort wegsah, hatte er dennoch so viel noch von ihrem Blick aufgefangen, daß er wohl wußte, daß sie ihn während der ganzen Zeit aufmerksam angesehen hatte, ebenso prüfend, wie er vorher die Sättel angesehen hatte.

Und als Donja Luisa fühlte, daß sie von ihm überrascht worden war, während noch ihr Blick für einen kurzen Moment auf seinem Gesicht geruht hatte, wurde diesmal sie verlegen. Ihr Gesicht rötete sich ein wenig. Aber sie gewann sich gleich wieder zurück, lachte ihn an und beantwortete sachlich und geschäftsmäßig den gefragten Preis für den Sattel, den er gerade aufgenommen hatte und hin und her drehte.

Er fragte nach den Preisen einiger anderer Sättel, aber sie fühlte, daß er jetzt nur fragte, um etwas zu sagen.

Dann fragte er nach einigen anderen Dingen, fragte, wo das Leder herkomme, das hier verwendet sei, wie die Geschäfte gingen und noch so einiges ohne Bedeutung.

Dann fragte sie, wo er herkomme und wie seine Geschäfte gingen. Er sagte ihr seinen Namen, erzählte ihr, wie groß seine Hazienda sei, wieviel Vieh er habe, wieviel Pferde und Maultiere, wieviel Mais er im letzten Jahre verkauft habe und wieviel Schweine, und wie die Preise gewesen seien.

Von einem Sattel wurde vorläufig nicht mehr gesprochen.

Als er dann nach einer halben Stunde, oder es war vielleicht eine ganze Stunde – beide hatten die Zeit nicht beachtet – fühlte, daß er nun doch wieder auf den Sattel zurückkommen müßte, um nicht aufdringlich zu erscheinen, sagte er endlich: „Ich denke, daß ich diesen Sattel hier nehme.“ Dabei wies er auf den schönsten und teuersten Sattel hin. „Aber ich werde es mir doch noch ein wenig bedenken und mir noch andere in der Stadt ansehen gehen. Ich möchte wohl, daß Sie mir diesen Sattel hier bis morgen zurückhalten, Senjorita. Morgen werde ich dann kommen und bestimmt sagen, ob ich ihn kaufe oder nicht. Dann, hasta manjana, Senjorita.“

„Hasta manjana, Senjor“, sagte Donja Luisa, und er verließ den Laden. Nun kauft man ja in Mexiko kein Ding überrasch, ganz gleich, ob es sich um einen Esel, ein Pferd, ein Haus, einen Sattel, eine Hose oder ein Taschenmesser handelt. Darum war die Tatsache, daß er sich nicht sofort zum Kaufe entschloß, für sie in keiner Weise auffallend. Aber mit dem guten Instinkt der Frau wußte sie, daß er seine Entscheidung hinsichtlich des Sattels getroffen hatte und daß er den Kauf nur darum aufschob, um morgen wiederkommen zu können. Sie hatte sich hierin nicht getäuscht. Das war wirklich der Grund gewesen, warum er nicht gekauft hatte.

Er sah sich natürlich keinen anderen Sattel in einem nächsten Geschäft an, sondern er schlenderte zu dem Platze, wo sein Pferd an einen Pfosten gebunden war, setzte sich auf und ritt langsam heim.

Auf dem Heimwege dachte er nur an das Mädchen und an ihr Lachen. Und als er auf seiner Hazienda angelangt war, da war er verliebt bis zu völliger Hilflosigkeit.

Er war drei- oder viermal vorher in seinem Leben verliebt gewesen; aber es war nie etwas daraus geworden. Jetzt war er freilich vollkommen davon überzeugt, daß er noch nie in seinem Leben verliebt gewesen sei und daß alle früheren Liebschaften nichts weiter gewesen waren als zufällige Bekanntschaften.

Am nächsten Morgen war er schon um neun Uhr wieder im Laden.

Diesmal war die Tante im Laden. Das enttäuschte ihn. Er wußte sich aber zu helfen. Er sagte: „Perdoneme, Senjora, ich habe mir gestern hier einige Sättel angesehen. Aber die junge Frau, die hier im Laden war, wollte mir noch einige andere Sättel zeigen, die sie zurückgelegt habe.“

„Ja, das war meine Nichte Luisa. Hören Sie, Senjor, ich weiß nun nicht, welche Sättel sie gemeint haben könnte. Luisa ist irgend etwas einkaufen gegangen. Wenn Sie zehn Minuten warten können, dann ist sie zurück, und sie kann Ihnen die Sättel gern zeigen.“

Juvencio brauchte aber keine volle zehn Minuten zu warten, und da kam Luisa heim.

Sie lachten sich beide an wie alte Bekannte.

Als nun Luisa sofort die Tante mit einem Auftrag ins Haus schickte, wußte Juvencio – ein Mann begreift ja schwer und sehr langsam in gewissen Dingen, aber zuweilen hat ja auch er den richtigen Instinkt –, ja, da wußte Juvencio, daß Luisa ihm nicht ganz abgeneigt war, denn sie wollte mit ihm allein sein.

Um das Gespräch wieder in Gang zu bringen und ohne es durch einen Kauf zu rasch abschließen zu müssen, begann er aufs neue, sich alle übrigen Sättel anzusehen. Das Gespräch schweifte jedoch sehr bald, wohl dem Wunsche beider folgend, von den Sätteln ab und wandte sich anderen Dingen zu.

Er wurde ein wenig dreister und fragte geradeswegs, ob sie sich nicht bald verheiraten werde.

„Ich wüßte nicht gegen wen“, sagte Donja Luisa, ihn anlachend, „ich habe keinen Novio, ich habe keinen einzigen Liebhaber.“

„Ha“, sagte er nun, „ein so schönes Mädchen wie Sie sind, Senjorita, und keinen Liebhaber, das glaube ich nicht.“

„Es ist aber doch so, Senjor.“ Sie brachte ihre Fingerspitzen hoch und klopfte sich damit beteuernd und verschwörend gegen die Lippen und sagte: „Bei der Heiligen Allerreinsten Jungfrau nicht, Senjor.“

„Ja, dann muß ich es wohl glauben“, sagte darauf Don Juvencio lachend.

Es verging wieder eine Stunde des Hinundherredens, und als er endlich abermals einsah, daß er gehen müßte, entschied er sich nun, den Sattel zu kaufen. Er zählte das Geld auf den Tisch einzeln auf, nachdem er es aus seinem Ledergurt ausgeschüttet hatte.

Als sie das Geld genommen hatte und sein Geschäft eigentlich nun abgeschlossen war, hielt er sich die Tür zur Rückkehr offen und sagte: „Ich werde wohl noch verschiedene Dinge brauchen, Senjorita, und ich werde in den nächsten Tagen wiederkommen müssen, mit Ihrer Erlaubnis.“

„Das ist Ihr Haus, Cabellero, kommen Sie wieder, so oft Sie wollen, Sie sind immer gern gesehen.“

„Ist das so ernst gemeint, Senjorita?“ fragte er. „Oder sagen Sie das nur zugunsten des Geschäfts?“

„Nein“, lachte Donja Luisa, „ich meine es im wahren Ernst. Und damit Sie sehen, wie sehr ernst ich es meine – wollen Sie uns nicht die Ehre erweisen, ins Haus zu kommen und mit uns zu frühstücken? Wir sind gerade beim Frühstück, und wenn Sie nicht gekommen wären, dann wäre ich nun schon damit fertig.“

Der Mexikaner trinkt frühmorgens, gleich nachdem er aufgestanden und sich gewaschen hat, eine oder zwei Tassen Kaffee und ißt dazu nur einen Bissen oder meist gar nichts. Das nennt er Desayuno. Dann zwischen acht und zehn Uhr morgens setzt er sich zu einem Frühstück nieder, das den doppelten Umfang eines Mittagessens in Schweden hat. Darum ist das Frühstück, das Almuerzo heißt, eine Angelegenheit, die ohne besondere Mühe sich über eine Stunde Zeit hinziehen kann, ehe man damit völlig durch ist.

Als Donja Luisa und Don Juvencio in den Comidor, in das Eßzimmer, kamen, schienen die Tante und die Großmutter soeben mit dem Frühstück fertig geworden zu sein, weil sie so lange nicht hatten warten wollen und übrigens daran gewöhnt waren, daß Luisa aß, wenn es ihr gefiel, und nicht, wenn andere es wünschten oder gar kommandierten.

Aus Höflichkeit blieben aber die beiden älteren Frauen noch so lange sitzen, bis der erste Gang vorüber war. Sie sagten ein paar freundliche Worte zu ihrem Gast, standen dann auf vom Tische und verließen das Zimmer.

Das Frühstück der beiden Leute dehnte sich bis gegen elf Uhr aus.

* * *

Nicht am nächsten Morgen, wohl aber am übernächsten, kam Don Juvencio schon wieder, diesmal um Gurten zu kaufen.

Und von dem Tage an kam er jeden zweiten Tag, um etwas zu kaufen oder etwas umzutauschen, oder um etwas zu bestellen nach besonderer Anordnung. Daß er sich jedesmal, wenn er kam, zum Frühstück niedersetzen mußte, wurde zur Regel. Dann kam es auch schon vor, daß er noch weitere Dinge in der Stadt zu ordnen hatte, die sich bis über den Mittag hinzogen; und so wurde er auch zum Mittagessen eingeladen. Und dann geschah es einmal, daß er erst am Nachmittag zur Stadt kommen konnte. Es begann zu regnen, als er im Hause der Donja Luisa war, und er blieb zum Abendessen. Aber es regnete immer heftiger, und die Nacht war undurchsichtig und der Regen wuchs an, anstatt nachzulassen. Was sollte er in ein Hotel gehen, sagten die Frauen, und dort das Geld unnötig ausgeben, er könne auch hier im Hause schlafen, man habe genügend freie Zimmer, und wenn das Bett, das man ihm anbieten könnte, auch nicht gerade sehr gut sei, so sei es doch auf keinen Fall schlechter, als die Betten in dem Hotel seien. Und so verbrachte er einen langen Abend mit Donja Luisa im Hause und nahm die Gastfreundschaft für die Nacht bereitwillig an.

So vergingen zwei Wochen, und er lud die Frauen für den Sonntag auf seine Hazienda ein. Donja Luisa und die Tante kamen hinausgeritten mit Pferden, die er sehr frühzeitig zur Stadt geschickt hatte, und mit zwei seiner Leute zur Begleitung. Die Großmutter war daheim geblieben, um das Haus nicht allein zu lassen.

Nun geschah alles Weitere genau so, wie es immer geschieht, wenn ein Mädchen und ein Mann glauben, daß sie sich mit einer Heirat abfinden könnten, um dem ewigen Hinundherrennen, das nur ermüdet, ein Ende zu machen.

So kamen die beiden endlich überein, sich die Ehe zu versprechen. Er hatte bei der Großmutter und der Tante, höflich und den Sitten gehorchend, angefragt; und die beiden hatten nichts gegen die Heirat einzuwenden, denn Don Juvencio war ein anständiger Mensch, von ehrenhafter Familie, hatte einen mäßigen Wohlstand, war nüchtern und arbeitsam, und er hatte alle sonstigen Tugenden, um einen guten Ehemann für Luisa zu machen.

Juvencio hatte natürlich auch Luisa selbst gefragt; und weil sie schon zwei Wochen vorher gewußt hatte, welche Antwort sie geben würde, falls er fragen sollte, so erfolgte von ihrer Seite aus die Zusage ohne lange Ziererei und mit Bestimmtheit.

Bis zu dieser Phase einer Heiratsmöglichkeit war Donja Luisa auch mit einigen anderen ihrer Freier gelangt. Mit zweien von denen sogar schon, ehe vier Wochen vergangen waren. Damit soll hier gleich gesagt werden, daß diese Vorverlobung innerhalb der engsten Familie für niemand irgendeine Gewißheit bot, daß diese Heirat, die jetzt in Aussicht stand, auch wirklich vollzogen werden würde. Die Großmutter und die Tante, durch frühere Erfahrungen weise geworden, zweifelten sehr daran, daß es diesmal Ernst werden würde, obgleich Don Juvencio mehr ein vollwertiger Mann war als einer seiner Vorgänger. Don Juvencio war sehr ruhig, sehr verträglich, nicht streitsüchtig und nicht rechthaberisch. Darum waren bis jetzt keinerlei Zwistigkeiten zwischen den beiden vorgekommen.

Dennoch hielt es die Großmutter für wohl geraten, gelegentlich zur Tante zu sagen: „Die sind noch lange nicht verheiratet, und ehe sie nicht beide im selben Bett sind, glaube ich es auch nicht, daß etwas daraus wird. Jedenfalls kümmere dich vorläufig weder um Kleider noch um sonst etwas, und am besten ist es, du sagst zu keiner Seele in der ganzen Stadt auch nur eine Silbe von der Sache.“

Die Tante folgte diesem guten Rate, denn sie war genau so voller berechtigter Zweifel wie die Großmutter.

Die Vorfälle, die eine Heiratsaussicht endgültig zerstörten, hatten sich, in allen früheren Fällen, stets immer erst in ihrer vernichtenden Wirkung gezeigt, nachdem die Vorverlobung stattgefunden hatte; also in jener Periode des Verlöbnisses, die nun folgte. Das war ja auch erklärlich. Die beiden Leute verkehrten vertraulicher miteinander, und dadurch geschah es ganz natürlich, daß sie gelegentlich ihre wahre Natur gegeneinander entschleierten und sich nicht immer die unbequeme Mühe machten, einen Ausbruch ihrer wirklichen Meinungen und Gefühle durch Zurückhaltung und Selbstbeherrschung dauernd zu unterdrücken.

Und es geschah deshalb immer während dieser Periode, daß die Freier zur Besinnung kamen und rechtzeitig absprangen. Es soll aber auch gesagt werden, daß nicht immer nur die Freier absprangen, sondern daß ebenso häufig auch Donja Luisa absprang und den Freier einfach aus dem Hause warf, oder ihn so behandelte, daß er wußte, er könne nicht wiederkommen, ohne daß ihm in rücksichtslosester Weise die Tür gewiesen werden würde. Dieses Streiten und Rechthabenwollen begann schon eine Woche nach dem Gelöbnis.

Don Juvencio stand eines Morgens im Laden, um mit Donja Luisa eine Weile sprechen zu können. Sie kamen auf Sättel zu reden, und Don Juvencio sagte ganz frei heraus: „Das will ich dir nur einmal sagen, Licha, von Sätteln verstehst du gar nichts. Obgleich du eine Talabarteria hast, weiß ich mehr über Sättel und Leder als du. Kannst du mir ruhig glauben.“

Diese Äußerung hatte Donja Luisa hervorgerufen dadurch, daß sie über die Güte und den Wert einer bestimmten Ledersorte durchaus recht haben wollte; während Don Juvencio ihr einfach nicht recht geben konnte, weil es gegen sein besseres Wissen ging. Als Ranchero hatte er genug mit Leder, Sätteln und Geschirren praktisch zu tun, um aus Erfahrung zu lernen, welches Leder sich für bestimmte Zwecke besser eigne und welches sich weniger gut dauerhaft oder brauchbar erweise.

Donja Luisa fuhr wild auf und schrie aufs höchste erbost: „Ich bin seit meiner Windelzeit hier in der Talabarteria zwischen Sätteln, Gurten, Riemen und Geschirren, und du willst mir in das Gesicht hinein sagen, daß ich nichts von Sätteln und Leder verstünde!“

„Ja, das will ich, weil das meine Meinung ist“, sagte Don Juvencio ruhig.

„Glaub nur ja nicht, daß du mich kommandieren kannst, auch wenn wir verheiratet sein sollten, was ich überhaupt noch gar nicht einmal so sicher annehme. Ich lasse mich nicht kommandieren, auch von dir nicht. Und damit du das nur gleich weißt, mach, daß du hier rauskommst, und laß dich hier nicht mehr blicken, oder es fliegt dir etwas an den Kopf, daß du lange genug daran denken und doktern kannst, um zu wissen, daß ich der bin, der kommandiert.“

Er sagte: „Gut, ganz wie du denkst.“ Dann ging er, und sie warf wütend die Tür hinter ihm zu.

Sie lief ins Haus und sagte zu ihrer Tante: „Den habe ich rausgefegt. Der dachte, daß er kommandieren könnte. Ich brauche keinen Mann, und ich will keinen.“

Weder die Tante noch die Großmutter sagten etwas dazu, denn es war ja für sie keine Neuigkeit. Sie seufzten nicht einmal. Im Grunde war es ihnen überhaupt gleichgültig, ob Luisa heiratete oder nicht; denn sie wußten, daß Luisa auf alle Fälle doch tun würde, was ihr beliebte, ob es den beiden Frauen gefiel oder nicht.

* * *

Nun war Don Juvencio wohl wirklich ernstlich verliebt in das Mädchen. Er zog sich nicht zurück, wie es seine Vorgänger nach einigen Unterhaltungen dieser Art gewöhnlich getan hatten. Nach drei oder vier Tagen war er eines Morgens wieder im Laden. Darüber war Donja Luisa nicht wenig erstaunt. Aber er war vielleicht noch mehr erstaunt darüber, als er sich plötzlich ihr gegenüber im Laden wiederfand. Er hatte in der Tat den Hinauswurf vergessen, und er war in den Laden gekommen aus reiner Gewohnheit.

Es mochte wohl sein, daß Donja Luisa gleichfalls ihm gegenüber etwas tiefer empfand, als sie je gegen einen ihrer früheren Freier empfunden hatte. Sie war nicht gerade freundlich zu ihm, aber doch auch nicht abweisend. So erschien es als nichts anderes als eine Form der Höflichkeit, daß sie ihn zum Frühstück einlud.

Einige Tage ging es gut.

Dann aber kam ein Abend, wo sie behauptete, daß eine Kuh auch Milch geben könne, ohne ein Kalb gehabt zu haben. Sie behauptete, diese Tatsache in dem amerikanischen College gelernt zu haben.

Darauf sagte er: „Wenn du das in dem amerikanischen College gelernt hast, Licha, dann sind die Lehrer und Professoren des College alte Esel, und dann ist es nicht weit her mit der Bildung und dem Wissen, das du dort erworben hast.“

„Du willst doch nicht etwa sagen, daß du klüger bist als die Professoren, Bauer, der du bist!“ sagte sie.

„Klüger oder nicht klüger“, gab er zurück, „aber gerade als Bauer weiß ich, daß eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, keine Milch geben kann, ob du sie nun von hinten oder von vorne melkst. Wo keine Milch ist, da kannst du keine rausmelken.“

„So, da willst du also sagen, daß ich nichts gelernt habe, daß ich eine dumme Henne bin, daß ich kein Examen gemacht habe. Und ich will dir auch gleich noch mehr sagen, ob du nun ein Bauer bist oder nicht: Hühner können Eier legen, ohne daß sie einen Hahn dazu brauchen.“

„Richtig“, sagte er, „ganz richtig, und Hähne legen zuweilen auch Eier, wenn die Hennen keine Zeit dazu haben, und Maultiere werfen Maultierfüllen, und es ist auch ganz richtig, daß viele Kinder geboren werden, die keinen Vater haben.“

„So, du willst mir widersprechen, mir, die ich studiert habe, während du die Schweine gefüttert hast!“

„Wenn wir, das ist ich und meinesgleichen, die Schweine nicht füttern, dann verhungern alle deine überklugen amerikanischen Professoren.“

Sie wurde von einer Wut gepackt, wie er bisher nicht geglaubt hatte, daß ein Mensch einer solchen Wut fähig sein könnte.

Sie schrie: „Gibst du zu, daß ich recht habe, oder nicht?“

„Du hast recht. Aber eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, gibt keine Milch. Und wenn es eine solche Kuh gibt, dann ist es ein Wunder. Und Wunder sind Ausnahmen. In der Landwirtschaft aber kann man sich weder auf Wunder noch auf Ausnahmen verlassen.“

„So, du verhöhnst mich und beschimpfst mich noch obendrein?“

„Ich beschimpfe dich nicht, aber Kühe, die kein Kalb gehabt haben, geben keine Milch, und einen brauchbaren Sattelgurt aus Ziegenleder kann man auch nicht machen.“

Die Ruhe, mit der er das sagte, brachte sie in größere Raserei, als das ein aufgeregter Widerspruch von ihm getan haben könnte.

Auf dem Tisch stand ein steinerner Wasserkrug. Mit einem Ruck war sie hoch, ergriff den Krug und pfefferte ihn ihrem Widersacher an den Kopf. Die Kopfhaut platzte, und das Blut lief in einem dicken Strom dem Don Juvencio über das Gesicht.

In einem Film oder in einem guten Roman würde jetzt das Mädchen ihre rasche Tat bedauert haben, sie würde ihr Seidentüchelchen genommen haben, hätte es auf die Wunde gepreßt, dann die Wunde mit zarten Händen ausgewaschen, dann den armen Kopf in ihre Arme gepreßt und ihn mit Küssen bedeckt, und am nächsten Morgen wären beide zur Kirche marschiert, hätten sich verheiratet und hätten von nun an für den Rest ihres Lebens in eitel Glück und Zufriedenheit gelebt. Da es sich aber hier weder um einen Film noch um einen Roman handelte, so lachte Donja Luisa nur höhnisch auf, als sie den blutenden Freier sah, und schrie: „So, nun wirst du wohl endlich genug haben mit deiner Rechthaberei und mit deinem ewigen Besserwissenwollen. Und wenn du wirklich noch im Sinne haben solltest, mich zu heiraten, dann ist das jetzt ausgemacht einmal für allemal: Ich habe recht, und ich kommandiere. Wenn du damit einverstanden bist, gut. Wenn nicht, dann wird nichts daraus, und du kannst meinetwegen zur Hölle gehen mit deinem Rechthaben und mit deinem Herumkommandieren. Such dir ein dummes Indianermädchen zur Frau, mit der kannst du solche Dinge machen. Nicht mit mir. Du kennst mich nun.“

Sie ging in ihr Zimmer, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Er ging zum Doktor.

* * *

Es war in den letzten Wochen in der Stadt schon ein wenig bekannt geworden, daß Donja Luisa einen neuen Freier habe. Es war auch bekannt geworden, wer der neue Freier war. Denn in einer kleinen Stadt, auch in Mexiko, kann ein unverheirateter Mann nicht mehr als dreimal in ein Haus gehen, wo ein heiratsfähiges Mädchen mit ihrer Familie lebt, ohne daß jeder weiß, warum der Mann so häufig in jenes Haus auf Besuch geht.

Als Don Juvencio zwei Tage später mit verbundenem Kopf in der Stadt gesehen wurde, wußte man, daß die beiden sehr nahe vor der Heirat gestanden hatten, daß aber jetzt die Sache aus und vorbei sei.

Don Juvencio hatte auch gleich Freunde um sich herum.

„Aber, Hombre, Vencho, warum hast du denn nichts gesagt? Wir hätten dir doch die Augen aufknöpfen können. Die ist doch bekannt, daß sie ein Teufel ist. Schlimmer als ein Teufel. Die ist die Hölle und das Fegefeuer schon vor der Heirat. Was sie nach der Heirat sein wird, dafür gibt es kein Beispiel. Wie kannst du denn nur auf diese Tigerin so reinfallen! Weißt du denn, wie viele Bewerber sie in derselben Weise heimgeblasen hat wie dich? Ein halbes Dutzend langt nicht. Wer sie kennt, läßt die Finger weit davon. Hier kriegt sie keinen. Hier ist sie durch. Sie konnte nur noch einen erwischen wie dich, der von Welt und Hund nichts weiß, der nicht reinkommt von seinem Windfang da draußen. Danke deinem Schöpfer, daß du den Kopf noch zur rechten Zeit bekommen hast, ehe es zu spät war. Dir wird ja jetzt das Hirn da oben wieder zurechtgerückt worden sein. Wenn du heiraten mußt, heirate, was dir in den Weg gelaufen kommt, ganz gleich woher sie kommt und wie sie kommt; aber laß diese Dynamitpatrone allein. Wir sind uns bis heute noch nicht ganz sicher darüber, ob sie nicht ihren Vater und ihre Mutter erschlagen hat. Die sind beide merkwürdig rasch gestorben, und sie waren gar nicht krank. Und der Doktor, der das Attest ausgeschrieben hat, na, da weiß man ja auch nicht so recht, er war der Familiendoktor, und er muß ja auch leben und will keinen Gestank haben und mit den Gerichten seine Zeit verlieren. Die könnte zehn Millionen haben und noch zwanzigmal eine hübschere Fratze vorgebunden haben, einer, der sie kennt, nimmt sie nicht in einen Sack gebunden und umsonst.“

* * *

Zwei Monate später waren Don Juvencio und Donja Luisa verheiratet. Er hatte wohl zugestanden, daß er nicht darauf bestehen würde, recht zu haben, wenn sie anderer Meinung war, und er hatte wohl auch zugestanden, daß sie in der Ehe die Zügel führen dürfe. Das muß als sicher angenommen werden, weil ja sonst diese Heirat gewiß nicht möglich gewesen wäre.

Die Meinung der Männer in der Stadt war geteilt. Die einen sagten, Don Juvencio müsse ein ungemein mutiger Mann sein, weil er sich zwischen die Tatzen des Tigers gelegt habe. Andere glaubten, er sei in eine gewisse sexuelle Abhängigkeit geraten, die ihn blind gemacht habe, und er würde wahrscheinlich aufwachen, sobald er seine Wünsche nach der Verheiratung gekühlt habe. Wieder andere meinten, daß er sich in einer unüberlegten Fahrlässigkeit ihr gegenüber habe etwas zuschulden kommen lassen, das ihn zwang, sich wider bessere Einsicht zu verheiraten. Abermals andere sagten, er sei wohl doch im Grunde sehr geldgierig, daß er alles übrige darüber vergessen konnte. Wieder andere meinten, er sei vielleicht ein wenig anormal veranlagt und liebe es, unter dem Joch und der brutalen Gewalt einer Frau zu stehen. Und endlich waren da genug, die sagten, daß er wohl mehr auf eine hübsche Außenwand sehe als auf das, was dahinter ist.

Aber was die Männer auch in ihren einzelnen Parteien gedacht haben mögen, alle, ohne Ausnahme, sahen den kommenden Geschehnissen, die sich aus dieser Ehe entwickeln würden, mit einer erregten Spannung entgegen wie der Fortsetzung in einem guten Mörderfilm. Und die Wahrheit ist, daß niemand, selbst nicht jene Freier, die gern das Vermögen der Donja Luisa gehabt hätten, Don Juvencio beneideten oder es nachträglich bedauerten, daß sie nicht doch das Mädchen unter allen Umständen genommen hatten, als Gelegenheit dazu war. Jeder sagte zu sich und zu seinen Bekannten, daß er nicht im Fell des Don Juvencio stecken möchte.

Es kann nicht angenommen werden, daß Don Juvencio jemals von einem Manne gehört hatte, dessen Name Shakespeare war; noch viel weniger darf angenommen werden, daß Don Juvencio je davon gehört hatte, wie man, nach dem Bericht jenes Mr. Shakespeare, rabiate Tigerinnen in England zähmt. Und hätte Don Juvencio wirklich jenen Bericht gelesen, so war er doch Mexikaner genug, um zu wissen, daß in Mexiko die Zähmung nicht nach englischen Rezepten vorgenommen werden kann, um Wirkung zu haben, sondern nach Erfahrungen, die einen hier der Busch lehrt.

Bei der Hochzeitsfeierlichkeit hatte er ein Gesicht aufgesetzt, aus dem niemand schließen konnte, ob er zufrieden mit sich und der Welt sei oder nicht. Aber allen Gästen fiel es auf, daß er seiner jungen Frau immer recht gab, ihr in allem, was sie sagte, zustimmte; und wenn im Laufe der langen Sitzung wiederholt das Gespräch darauf kam, besonders von den anwesenden Damen, wie die beiden Leute dieses oder jenes in ihrem Hause und in ihrem künftigen Leben halten würden, da sagte er, das wird getan, wie Donja Luisa das anordnet. Als in vorgerückten Stunden nicht nur die Männer, sondern auch die Damen angeregter wurden durch die Getränke, fielen mehr und mehr Anzüglichkeiten über die starke junge Frau und den schwächlichen und nachgiebigen Mann, und daß nun eine neue Zeit auch in Mexiko angebrochen sei, in der endlich die Frau das Kommando übernehme. Zu allen solchen Neckereien, die zuweilen hart so dicht gingen, daß er offen lächerlich gemacht wurde, blieb er gleichgültig wie eine vertrocknete Speckkruste.

Einer seiner alten Freunde, sehr angetrunken, stand auf und rief über den ganzen Tisch hin: „Vencho, wir besser schicken morgen früh die Ambulance hinaus, um deine Knochenreste abzuholen.“

Es folgte ein brüllendes Gelächter.

Das war ein sehr gewagter Scherz. Bei viel schwächeren Scherzen wird in Mexiko, sei es bei einem Begräbnis oder bei einer Kindtaufe oder bei einer Hochzeit, nach solchen oder ähnlichen nackten Bemerkungen sofort gezogen und geschossen. Selbst bei einer Festlichkeit in den vornehmeren Kreisen. Hunderte von Hochzeiten enden mit drei oder vier Toten, darunter häufig der junge Ehemann und nicht selten – wenn auch nur durch fehlgegangene Schüsse – die Braut. Denn bei dem heißen Blute der Mexikaner und bei der Zimperlichkeit, mit der sie das betrachten, was sie Su Honor, ihre Ehre, nennen, weiß man nie, in welcher Weise eine Neckerei aufgenommen werden wird.

Aber hier lief alles friedfertig ab.

Die Hochzeit dauerte bis weit in den folgenden Tag hinein. Sie war im Hause der jungen Frau gehalten worden. Und als die Feier als beendet angesehen wurde, waren alle hundemüde und alle genügend alkoholisiert, daß niemand, das junge Ehepaar eingeschlossen, an irgend etwas anderes dachte als daran, nun einmal recht tüchtig zu schlafen.

Es war ganz natürlich und niemand sah darin irgendeine Sache, die gegen hergebrachte Regeln verstieß, daß Donja Luisa in ihr altes Zimmer ging, um zu schlafen, und Don Juvencio sich in jenem Zimmer ins Bett legte, wo er einige Male schon geschlafen hatte, wenn er zur Nachtzeit nicht zurückreiten konnte zu seiner Hazienda. Es hatte auch in der Tat keiner von den Gästen irgendein Interesse daran, sich darum zu kümmern, was die beiden jungen Leute nun taten und wo und wie sie die folgenden Stunden verbrachten. Denn der Übermüdung wegen und unter dem Eindruck voller Mägen und betäubter Hirne hatte jeder einzelne so viel mit sich selbst zu tun, daß er keinen Gedanken mehr übrighatte, den er auf das Tun und Lassen seiner Mitmenschen verschwenden konnte.

Am nächsten Morgen frühstückten Don Juvencio, Donja Luisa, die Tante und die Großmutter gemeinschaftlich. Es wurde dabei nicht viel geredet. Die beiden älteren Frauen waren in einer gerührten Stimmung, weil Luisa nun das Haus verließ; und das Ehepaar redete gleichgültige Worte über die Art und Weise des Heimritts und was man in der Hazienda wohl zuerst tun müßte, um sie für die neuen Verhältnisse einzurichten.

Dann kamen die Burschen von der Hazienda mit den Reitpferden und mit den Maultieren. Es wurde den Maultieren nur gerade das Allerwichtigste aufgepackt, das Donja Luisa am notwendigsten für die ersten Tage brauchte. Alles übrige würde dann in den nächsten Tagen nachtransportiert werden.

* * *

Auf der Hazienda angekommen, hatte Don Juvencio nicht viel Zeit, sich um seine junge Frau zu kümmern; denn es hatte sich in den vergangenen Tagen reichlich Arbeit angehäuft, die er zu besorgen hatte.

Donja Luisa ordnete mit der alten indianischen Haushälterin und den Mädchen die Zimmer an.

Dann wurde es Abend, und Donja Luisa legte sich in das schöne weiche neue und sehr breite Ehebett. Aber wer nicht kam, sich zu ihr zu legen, das war Don Juvencio, ihr kürzlich erworbener Ehemann.

Ob sie erwartete, daß er kommen würde, um mit ihr zu schlafen, weiß man nicht. Es hat sie nie jemand darum gefragt, was sie sich gedacht hat in jener Nacht und was sie erwartet haben mag. Es ist aber wohl sicher, daß sie geglaubt hat, daß diese Hochzeitsnacht nicht ganz vollständig sei; denn sie war ja eine Frau, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte Romane gelesen, war in höhere Schulen gegangen und hatte Freundinnen, die längst verheiratet waren und Kinder besaßen.

Daß ihre Hochzeitsnacht vorüberging, wie jede Nacht in ihrem unverheirateten Bett vorübergegangen war, machte sie verwirrt. Sie war überzeugt gewesen, daß zwischen Verheiratetsein und Nichtverheiratetsein auf jeden Fall ein Unterschied bestehen müsse, der, je nach den Verhältnissen, die teils in der Psychologie, teils in der Physiologie begründet liegen, angenehm, für die Gesundheit und das allgemeine Wohlergehen nützlich, unangenehm, peinlich, schwierig, unbefriedigt, unerfreulich, langweilig, widerwärtig, ermüdend, erfrischend oder pflichtschuldig sein kann.

Aber Donja Luisa bekam keine Gelegenheit, persönlich zu prüfen, in welcher Form und Weise der Unterschied zwischen Verheiratetsein und Nichtverheiratetsein sich bei ihr geltend machen würde. Denn in der folgenden Nacht blieb sie gleichfalls allein.

„Dios mio“, sagte sie zu sich, „mein Gott im Himmel, er wird doch nicht etwa nicht mehr können, oder sollte er etwa gar so unschuldig sein, daß er nicht weiß, wo es fehlt? Aber er ist doch Mexikaner. Er wäre der erste Mexikaner, der je gelebt hat, der das nicht wüßte. Und das glaube ich nicht. Er hat doch Kühe und Stiere und Hengste und Mähren und was weiß ich. Unterricht genügend. Heilige Maria, Mutter Gottes, allerreinstes Himmelsjüngferlein, ich werde doch nicht etwa aufklären müssen! Himmel, was mache ich nur da? Ich kann ihm doch nicht die Tante herschicken! Wenn er wenigstens ins Bett kommen wollte, dann würde sich das ja alles von allein geben. Aber so –. Und wenn ich mir ihn ansehe, er ist ein angenehmer und kräftiger Muchacho. Der Beste der ganzen verfluchten Bande, die ich kenne. Ich will gar keinen andern haben.“

Das Einschlafen wurde ihr schwer. Sie wälzte sich hin und her in dem weichen, schönen, neuen, breiten Ehebett.

Es war am folgenden Nachmittag.

Don Juvencio war seit dem frühen Morgen auf den Feldern gewesen. Er war ziemlich ermüdet zum Essen heimgekommen. Er saß jetzt in einem Schaukelstuhl im Portico des Hauses. Vor sich hatte er ein Tischchen stehen, auf dem die Zeitung lag, in der er herumgeblättert hatte.

Im selben Portico, etwa zwölf Schritte entfernt von Don Juvencio, lag Donja Luisa in einer Hängematte. Sie hatte ein Kissen unter ihrem Kopfe, und sie las in einem Buche.

Sie war in den paar Tagen, seit sie auf der Hazienda war, durchaus nicht müßig gewesen. Sie hatte ihren Teil zur Arbeit, zur Einrichtung, Umänderung und Führung des Haushalts reichlich beigetragen. In einem mexikanischen Hause ist ja auch eine Frau bei weitem nicht ein solches Arbeitstier wie die Frau in Europa. Selbst in wenig bemittelten Kreisen läßt ihr Mann es nicht zu, daß sie mehr tut, als den Haushalt zu leiten, also die Einkäufe zu besorgen oder anzuordnen, und das Arbeitsprogramm für die Köchin und für die Mädchen zu bestimmen. Da die Mexikaner sehr gesellschaftlich sind, sich ständig gegenseitig besuchen, hat die Frau genügend gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen, die in einem Hause nicht vernachlässigt werden dürfen, wenn der Mann einen Beruf oder eine Stellung hat, wo er darauf angewiesen ist, im Verkehr mit seinen Mitbürgern und Geschäftsfreunden zu bleiben. Es lag also hierin nichts besonders Auffallendes, daß Donja Luisa lässig in der Hängematte ruhte und in einem Buche las. „Du könntest auch lieber etwas Nützlicheres tun“, sagt ein Mexikaner zu seiner Frau wohl nur dann, wenn er einen deutschen Großvater gehabt haben sollte.

* * *

Seit Donja Luisa auf der Hazienda eingezogen war, hatten die beiden Eheleute sehr wenig miteinander geredet. Von dem albernen und zärtlich gemeinten Geschwätz, das jungverheiratete Leute in den ersten zwei Wochen zu führen pflegen, war hier nichts zu hören. Die Ursache war wohl nur bei ihm zu suchen. Er hatte nicht die Absicht, ein tobendes Ungewitter heraufzubeschwören, solange es vermieden werden konnte. Sie aber hatte im Gefühl, daß sich etwas vorbereite; denn daß er nun drei Nächte schon ihr aus dem Wege gegangen war, als wäre sie hier nur ein gelegentlicher Gast, war denn doch zu merkwürdig, als daß sie sich keine Gedanken darüber hätte machen sollen.

Gestern morgen hatte er, als er zum Frühstück in das Eßzimmer kam, gefragt: „Wo ist der Kaffee?“ Darauf hatte sie gesagt: „Frage Anita, ich bin nicht dein Dienstmädchen.“ Dann war er selbst in die Küche gegangen und hatte den Kaffee selbst hereingebracht, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Sie hatte später freilich in der Küche gewaltig mit Anita aufgedonnert dieses Vorfalls wegen; aber Anita hatte sich damit entschuldigt, daß sie den Kaffee immer erst aufgetragen habe, nachdem die Eier gegessen seien, und wenn der Patron das jetzt anders haben wolle, so müsse er es ihr sagen.

Es war ein heißer tropischer Frühnachmittag. Der Portico lag zwar im Schatten, aber es ruhte dennoch in ihm, wie auf dem grasbewachsenen weiten Vorplatz, der von einer flirrenden Glut bedeckt war, eine lastende unbewegte schwere Wärme, die sich nur ertragen ließ, wenn man stillsaß oder sich in einem Schaukelstuhl oder in der Hängematte wiegte, ohne mehr zu denken, als was unbedingt notwendig war, um sich noch von einem Tier zu unterscheiden.

Auch die Tiere des Hauses, die in der Nähe waren, dröselten schläfrig ihre Zeit dahin, und sie bewegten sich nur, wenn die summenden Fliegen sie allzusehr belästigten.

Über dem Geländer des Portico, auf einer kleinen Schaukel, hockte der Papagei. Er träumte dahin, wachte gelegentlich auf, krächzte oder rasselte einige Worte und brütete dann wieder in sich hinein, wenn ihm niemand eine Antwort gab.

Auf der obersten Stufe der kurzen Treppe, die in den Portico führte, lag schlafend die Katze. Sie hatte gut gegessen, und sie lag nun, beinahe völlig auf dem Rücken, mit dem Kopfe weit zurückgelehnt auf der heißen Stufe, mit jener satten Unbekümmertheit, die nur denjenigen irdischen Geschöpfen eigen wird, die um die Sicherheit ihres Lebens und um die Pünktlichkeit reichlicher Mahlzeiten nie in Sorge zu sein brauchen. Unter einem schattigen Baum in dem grünen Vorplatze des Hauses, im Patio, stand das bevorzugte Reitpferd des Don Juvencio angebunden. Der Sattel lag einige Schritte neben dem Pferde. Als Don Juvencio von den Feldern heimgekehrt war, hatte er das Pferd nicht auf die nahe kleine Weide führen lassen, sondern es war dem Tier hier auf dem Vorplatze sein Sacate vorgeworfen worden, denn Juvencio wollte später noch einmal zu seiner Trapiche, seiner Zuckermühle, hinunterreiten.

Auch das Pferd, ein prachtvolles Tier, dröselte in der Nachmittagshitze seine Zeit dahin. Es ließ den Kopf sinken und sinken, bis die Nase beinahe die übriggebliebenen, breit gestreuten Halme auf dem Erdboden berührte. Und wenn der Kopf endlich so tief gesunken war, daß das Pferd sich gegen die Nase stieß, dann warf es mit einem raschen Ruck den Kopf hoch, riß die Augen weit auf, und wenn es sah, daß sich inzwischen nichts von besonderer Bedeutung in der Welt ereignet hatte, schloß es die Augen wieder langsam, und der Kopf begann abermals Zoll bei Zoll herunterzusinken.

Don Juvencio hatte seinen Schaukelstuhl so stehen, daß er den Hof übersehen konnte. Er hob jetzt seine Arme hoch, reckte sich ein wenig aus, gähnte leicht und ergriff die Zeitung, die vor ihm auf dem Tischchen lag. Er las einige Minuten, und dann legte er die Zeitung wieder hin.

Nun sah er zu dem Papagei, der vor ihm in seiner Schaukel hockte.

„He, Loro“, rief nun Don Juvencio befehlend, „hole mir eine Kanne mit Kaffee und eine Tasse aus der Küche, ich habe Durst.“

Der Papagei, durch die Worte aus seinem Dahindämmern aufgeweckt, kratzte sich mit dem Fuß am Nacken, rutschte ein kleines Stück weiter auf seiner Schaukel, krächzte ein paar Laute und bemühte sich, sein unterbrochenes Dröseln wieder aufzunehmen.

Don Juvencio griff nach hinten, zog seinen Revolver aus dem Gurt, zielte auf den Papagei und schoß. Der Papagei tat einen Krächzer, es flogen Federn in der Luft herum, der Vogel schwankte, wollte sich festkrallen, die Krallen ließen los, und der Papagei fiel auf den Boden des Portico, schlug ein paarmal um sich und war tot.

Juvencio legte den Revolver vor sich auf den Tisch, nachdem er ihn einige Male in der Hand geschwenkt hatte, als ob er sein Gewicht prüfen wolle.

Nun blickte er hinüber zur Katze, die so fest schlief, daß sie nicht einmal im Traume schnurrte.

„Gato“, rief jetzt Don Juvencio, „he, Kater, hole mir Kaffee aus der Küche, ich habe Durst.“

Donja Luisa hatte sich umgewandt zu ihrem Manne, als er den Papagei angerufen hatte. Sie hatte das, was er zu dem Papagei sagte, so angenommen, als ob er mit dem Papagei schäkern wolle, und sie hatte darum nicht weiter darauf geachtet. Als dann der Schuß krachte, drehte sie sich völlig um in ihrer Hängematte und hob den Kopf leicht.

Sie sah den Papagei von seiner Schaukel fallen, und sie wußte, daß Juvencio ihn erschossen hatte.

„Hay no“, sagte sie halblaut, „lächerlich.“

Jetzt, als Don Juvencio die Katze anrief, sagte Donja Luisa laut zu ihm herüber: „Warum rufst du denn nicht Anita, daß sie dir den Kaffee bringt?“

„Wenn ich will, daß mir Anita den Kaffee bringen soll, dann rufe ich Anita, und wenn ich will, daß mir die Katze den Kaffee bringen soll, dann rufe ich die Katze.“

„Meinetwegen“, sagte darauf Donja Luisa, und sie rekelte sich wieder in ihre Hängematte ein.

„He, Gato, hast du nicht gehört, was ich dir befohlen habe?“ wiederholte Don Juvencio seine Anordnung.

Die Katze schlief weiter, in dem sicheren Bewußtsein, daß sie, wie alle Katzen, solange es Menschen gibt, ein verbrieftes Anrecht darauf habe, ihren Lebensunterhalt vorgesetzt zu bekommen, ohne irgendeine Verpflichtung zu haben, sich dafür durch Arbeit erkenntlich zu zeigen; denn selbst wenn sie sich doch so weit herablassen sollte, gelegentlich eine Maus zu erjagen, so tut sie es nicht, um dem Menschen eine Gefälligkeit zu erweisen, sondern sie tut es, weil ja schließlich selbst eine Katze ein Recht darauf hat, hin und wieder einmal ein Vergnügen zu genießen, das im gewöhnlichen Wochenprogramm nicht vorgesehen ist.

Don Juvencio aber dachte anders über die Pflichten einer Katze, die auf seiner Hazienda lebte. Als die Katze sich nicht regte, um dem Befehle nachzukommen und den Kaffee aus der Küche zu holen, hob er wieder den Revolver, zielte und schoß. Die Katze versuchte hochzuspringen, aber sie brach zusammen, rollte sich einmal über und war tot.

„Belario“, rief Don Juvencio jetzt über den Hof.

„Si, Patron, estoy“, rief der Bursche aus einem Winkel des Hofes hervor. „Hier bin ich, was ist zu tun?“

Als der Bursche auf der untersten Stufe der Treppe stand, mit dem Hute in der Hand, sagte Don Juvencio zu ihm: „Binde das Pferd los und führe es hierher, hier dicht an die Stufen.“

„Soll ich es auch gleich satteln?“ fragte der Bursche.

„Ich werde dich dann rufen“, antwortete Don Juvencio.

Der Bursche brachte das Pferd und entfernte sich.

Das Pferd stand eine Weile vor dem Portico. Don Juvencio sah das Tier an, wie eben nur ein Mann ein Pferd anzusehen vermag, der auf gute Reittiere angewiesen ist und sich darum mit einigen dieser Tiere so verbunden fühlen kann wie mit einem guten Freunde.

Das Pferd scharrte ein wenig, und dann, als es fühlte, daß man nichts von ihm wollte, begann es, mit kleinen Schrittchen lässig fortzutorkeln, wieder den Schatten des Baumes aufsuchend.

„Caballo, olla“, rief nun Don Juvencio das Pferd an, das inzwischen die Mitte des Hofes erreicht hatte, „trabe einmal rasch in die Küche und bringe mir eine Kanne mit Kaffee und eine Tasse, ich habe Durst.“

Bei dem Anruf „Caballo“ hatte das Pferd den Kopf gewandt, weil es die Stimme seines Herrn wohl kannte und auf diesen Zuruf zu hören pflegte. Als es aber sah, daß der Herr nicht aufstand und nicht in den Hof trat, wußte es, daß es sein Herr weder streicheln noch satteln wollte. Es machte Geste, auf seinem Wege zu jenem Baum weiter fortzutrotten.

„Ja, du bist wohl verrückt geworden, loco enteramente“, sagte da Donja Luisa von ihrer Hängematte her, mit einer Stimme, die halb erstaunt und halb erbost klang.

„Verrückt? Ich?“ erwiderte Don Juvencio. „Ich weiß nicht, warum ich verrückt sein sollte. Das ist mein Pferd, und das Pferd ist auf meiner Hazienda, und ich darf meinem Pferde auf meiner Hazienda befehlen, was ich will, genau so gut, wie du deinen Mädchen befehlen darfst, was du willst.“

„Meinetwegen“, sagte Donja Luisa, während sie wieder in ihrem Buche weiterzulesen begann.

„Caballo“, rief nun Don Juvencio wieder über den Hof. „Wo ist der Kaffee? Bist du noch nicht fort?“

Das Pferd hatte wieder für einen Augenblick den Kopf gewendet und auf den Ruf gehört; und als es wieder seinen Herrn nicht näher kommen sah, wendete es sich ab und nahm seinen Weg zum Baum abermals auf. Don Juvencio nahm den Revolver auf, stützte den Ellbogen auf den Tisch, um einen ruhigeren Arm zu haben, zielte und schoß.

Das Pferd ruckte zusammen, stand dann wohl eine ganze Minute still auf einem Fleck, begann hierauf heftig zu zittern und brach plötzlich zusammen wie gefällt.

„Wahnsinn! So ein Prachttier!“ schrie jetzt Donja Luisa auf. Ihre Erbostheit war zum vollen Ausbruch gekommen. Es war mit untrüglicher Sicherheit vorauszusehen, daß nunmehr das erste schwere Gefecht, das man Don Juvencio von allen Seiten mit allen seinen Schrecken vorausgekündigt hatte, geliefert werden würde und daß jetzt, wäre einer der Freunde des Don Juvencio anwesend gewesen, er raschest zur Stadt geritten wäre, um die Ambulance zu bestellen und ein Bett im Hospital zu mieten.

Donja Luisa warf das Buch, das sie gelesen hatte, mit einer solchen Heftigkeit auf den Boden, daß es in allen seinen Blättern auseinanderflog. Sie begann sich innerlich einzuheizen, um überkochen zu können.

Don Juvencio sagte nichts. Ohne aufzustehen, drehte er sich mit seinem Schaukelstuhl so um, daß er nun mit dem Gesicht zur Hängematte gerichtet saß.

Er legte den Revolver nicht aus der Hand, sondern schwenkte ihn einige Male auf und nieder. Dann prüfte er die Trommel, und hierauf hauchte er auf den polierten Schaft und putzte ihn mit dem Hemdärmel sauber.

Und gerade im selben Augenblick, als Donja Luisa aus der Hängematte springen wollte, um sich in die Tigerin zu verwandeln, sagte Don Juvencio mit sterbensruhiger Stimme, aber laut und hart: „Luisa, hole mir eine Kanne Kaffee aus der Küche und eine Tasse, ich habe Durst.“

Als er das sagte, hielt er die Augen gesenkt. Jetzt aber sah er auf und blickte seine Frau kalt und gerade an. Er nahm den Revolver ein wenig höher und schwenkte ihn einmal auf und nieder.

Donja Luisa fing den Blick auf, als sie aus der Hängematte hatte springen wollen. Sie sprang aber nicht, sondern sie begann ganz langsam aus der Hängematte wie von selbst herauszurutschen.

Juvencio hob den Revolver mit genau der gleichen Ruhe und Selbstverständlichkeit, wie er ihn erhoben hatte, als er auf seine Tiere geschossen hatte.

Donja Luisa wurde totenbleich, riß die Augen weit auf und sagte mit einem Schluck in ihrer Stimme: „Orito, Juvencio, sofort!“

Als kaum eine Viertelminute später Donja Luisa den Kaffee vor ihm auf den Tisch stellte, nahm er das hin und saß da in der Haltung eines Mannes, der jeden Tag in seinem Restaurant seinen Kaffee hingesetzt bekommt von einer Kellnerin, die ihm ebenso gleichgültig ist wie der Preis der Druckerschwärze, mit der die Zeitung gedruckt wird, die er liest. Er sagte kurz: „Gracias, danke!“, trank schluckweise den Kaffee und begann die Zeitung da weiter zu lesen, wo er aufgehört hatte, als er zum erstenmal Durst fühlte und den Papagei in die Küche schickte.

„Belario“, rief er dann über den Hof, „sattle mir den Prieto, ich will zur Trapiche hinunterreiten, sehen was die Muchachos tun.“

Als das Pferd gesattelt vor der Treppe stand, schob Don Juvencio den Revolver in den Gurt, richtete sich auf, ging zu dem Pferde und klopfte es auf den Hals.

Donja Luisa hatte sich, nachdem sie den Kaffee gebracht hatte, nicht mehr in die Hängematte gelegt, sie hatte sich auch nicht einmal auf einen Stuhl gesetzt. Sie stand da wie in einem Zustand der Lähmung. Es schien, daß sie Stunden oder gar Tage brauche, um in sich klar zu werden, was geschehen war. Daß ihr Charakter sich in den wenigen Minuten so vollständig geändert hatte, daß sie das Bewußtsein ihres eigenen Selbst verlor und empfand, daß sie mit ihrem eigenen früheren Menschen keine Verwandtschaft mehr hatte, das ist ihr erst viele Monate später klar geworden. Jetzt jedenfalls stand sie nur da wie eine, die auf Befehle wartet und die auf dem Sprunge steht, die erhaltenen Befehle mit blitzgleicher Schnelligkeit auszuführen.

Ehe sich Don Juvencio aufs Pferd setzte, drehte er sich noch einmal um. Er sah das in Blättern zerfallene Buch auf dem Boden liegen. Und er sagte, mit einem leichten Ton von Freundlichkeit: „Licha, heb das Buch da auf, ich nehme es übermorgen mit zur Stadt, zum Neueinbinden.“

Während er davonritt, bückte sie sich nieder; und auf ihren Knien rutschend, suchte sie die Blätter zusammen.

* * *

Den Kosenamen Licha für Luisa hatte er nicht mehr gebraucht seit jenem Abend, als ihm der Kopf aufgeschlagen wurde. Und dieser kritische Augenblick, der bewies, daß Don Juvencio von praktisch angewandter Psychologie mehr wußte als Donja Luisa je in ihren Colegios gelernt hatte, sie mit Licha anredete und den Befehl zum Aufsammeln der Blätter in einem Tonfall gab, der zwischen den Lauten ein „Bitte!“ einschwingen ließ, war der Anlaß, daß in dem Charakter der jungen Frau noch eine andere entscheidende Wandlung vor sich ging. Und es war diese zweite Wandlung, die Donja Luisa plötzlich, wie mit einem Ruck unerwarteten Aufwachens, eine bestimmte Empfindung gab, die sie nie vorher gefühlt hatte. Sie bekam eine brennende Sehnsucht, daß Juvencio bald zurückkommen möchte, weil sie wünschte in seiner Nähe zu sein.

Beim Abendessen sprachen sie nicht viel.

Als sich Donja Luisa dann niedergelegt hatte, klopfte ein wenig später Don Juvencio an ihre Tür.

„Adelante!“ sagte Donja Luisa aufgeregt.

Don Juvencio kam herein. Er setzte sich auf den Rand des schönen weichen breiten Bettes und streichelte ihr Haar.

Dann stand er wieder auf und fragte: „Licha, wer befiehlt in diesem Hause?“

„Du, Vencho“, sagte Donja Luisa lachend und sich in die Kissen kuschelnd. „Du!“

„Und wenn ich nicht daheim bin, du, Licha!“

Dieser Tag schien für Donja Luisa nicht enden zu wollen mit neuen Erfahrungen. Denn zwei Stunden später war sie zu jener neuen Erfahrung – für sie neu – gelangt, daß, wenn auch oft in einem Hause oder in einer Ehe es nicht ganz zweifelfrei feststeht, wer kommandiert, dann aber doch in einem Bett, in dem ein Mann und eine Frau nebeneinander liegen, die Frage, wer kommandiert und wer zu gehorchen hat, nicht erörtert wird, weil sie nicht besteht, solange die Gesetze der Natur nicht durch höhere Verfügung abgeändert werden. Denn an diesem Ort kann ein zufriedenstellendes Resultat nur dann erreicht werden, wenn der Mann befiehlt und sich die Frau dem Befehle willig und erwartungsvoll unterwirft. Und man darf ganz sicher gehen, wenn in irgendeiner Ehe die Frau kommandiert, so ist es nur darum, weil dem Manne die Fähigkeit fehlt, im Bett mit so starker Stimme zu befehlen, daß der Frau nichts anderes übrigbleibt als zu gehorchen und zuzugeben, daß sie die Untergebene und Unterliegende ist.

Trotz dieser, mit viel Freude und wohltuender Zufriedenheit reich gesättigten neuen Erfahrung, die sich Donja Luisa in jener Nacht erwarb, vermochte sie doch nicht so rasch einzuschlafen, als sie das wünschte. Denn sie wurde von einer Frage gequält, die sie erst beantwortet haben mußte, um Ruhe in ihrem Kopf zu finden. Und weil Frauen selten etwas auf sich beruhen lassen können, das an sich unwichtig für das Leben im allgemeinen ist, so entschloß sich endlich auch Donja Luisa, zu fragen, um in einer bestimmten Sache für dauernd von allem Zweifel erlöst zu sein.

Sie sagte: „Venchito, hättest du mich wirklich erschossen, wenn ich dir den Kaffee nicht gebracht hätte? Hättest du das wirklich mit deiner Licha, die dich so sehr liebt, tun können?“

Don Juvencio, weniger von derartigen Zweifeln belästigt, war schon dreiviertel Stück im Schlaf gewesen, als er mit dieser Frage wieder aufgescheucht wurde.

Aber er vergaß dennoch nicht, daß er auch in Zukunft der Mann hier zu bleiben gedachte. Er sagte ruhig: „Ich hätte dich mit viel größerer Bestimmtheit und Sicherheit erschossen als mein Pferd, por Santa Purisima. Denn deinetwegen wäre ich nur zum Tode verurteilt und erschossen worden; aber ich werde lange und weit und breit suchen müssen, ehe ich ein zweites Pferd finde, wie das, mein bestes Pferd, gewesen ist, das ich erschießen mußte, um dir zu zeigen, wie sehr ich im Ernst war. Buenas noches, hasta manjana! Gute Nacht!“

Jeder Mensch, der ein gutes Pferd schätzen und aufrichtig lieben kann, wie es ein Mexikaner tut, der wird ohne viel Worte verstehen, daß dies das innigste Liebesgeständnis war, das ein Mann einer Frau nur machen kann.

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